ZeitAlter - Generation Global - Ein generationsübergreifendes Bildungsangebot zum Globalen Lernen - W3 Hamburg

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ZeitAlter - Generation Global - Ein generationsübergreifendes Bildungsangebot zum Globalen Lernen - W3 Hamburg
P R O J E K T D O K U M E N TAT I O N
zeitAlter –
Generation Global
Ein generationsübergreifendes
Bildungsangebot zum Globalen
Lernen
ZeitAlter - Generation Global - Ein generationsübergreifendes Bildungsangebot zum Globalen Lernen - W3 Hamburg
INHALT
                                                           Vorwort Seite 4
                                                           Grußwort Seite 5
                                                           Acht Jahre zeitAlter: Projektidee, Umsetzung
                                                           und Weiterentwicklung Seite 6
                                                           Die Projektjahre 2019  –  2020 Seite 18
                                                           zeitAlter in Zahlen & Themen Seite 24
                                                           Lernziele und Lernerfahrungen Seite 26
                                                           Interview mit dem Fachkreis Seite 33
                                                           Stimmen aus dem Projekt Seite 38
Impressum

    Werkstatt für internationale Kultur und Politik e.V.   Altersdiskriminierung während der
Nernstweg 32 – 34, 22765 Hamburg
info@w3-hamburg.de, www.w3-hamburg.de                      COVID -19-Pandemie Seite 42
V.i.S.d.P.:
Naciye Demirbilek                                          Ein Ende und ein Anfang … Seite 45
Projektleitung:
Nina Horn und Nina Kullrich

März 2021

Für den Inhalt dieser Publikation ist allein die
W3_Werkstatt für internationale Kultur und Politik e.V.
verantwortlich; die hier dargestellten Positionen geben
nicht den Standpunkt von Engagement Global gGmbH
und dem Bundesministerium für wirtschaftliche
Zusammenarbeit und Entwicklung wieder.
ZeitAlter - Generation Global - Ein generationsübergreifendes Bildungsangebot zum Globalen Lernen - W3 Hamburg
Vorwort                                                                                       Ein Grußwort
                                                                                                       von Sabine Illing
                                                                                                          Ein Zeitalter ist ein längerer Abschnitt (…), der sich durch
                                                                                                          verbindende Elemente auszeichnet …
         Mit dem Projekt zeitAlter – Generation Global, das seinen Ursprung in dem halb-                  Wikipedia
         jährigen Projekt grenzenlos global fand, hat die W3_Werkstatt für internationale
         Kultur und Politik e.V. ein einzigartiges Bildungsangebot unter dem Motto                     Was bedeutet das für „unser“ zeitAlter?
        „global denken, lokal handeln“ geschaffen. Die Norddeutsche Stiftung für Um-
         welt und Entwicklung hat die Konzeptentwicklung finanziert und so ermöglicht,                 Das verbindende Element schlingt sich wie ein rotes Band durch und um 8 (acht!)
         dass aus einer Idee ein achtjähriges Projekt wurde. Ende 2011 fand die Ausstel-               gemeinsame Jahre, mit unglaublich vielen unterschiedlichen Themen, Refe-
         lung „Stille Heldinnen“ in Kooperation mit Heplage Deutschland u.a. mit Frau                  rent*innen, Begleiter*innen, Unterstützungen, Zusammensetzungen: Es ist die
         Hannelore Hoger im Altonaer Rathaus als Auftakt für das in 2012 beginnende                    Herausforderung, global zu lernen und lokal zu handeln. Es ist die Anforderung,
         Projekt statt.                                                                                erworbene = erlebte Fähigkeiten und Kompetenzen zu erweitern, mit anderen
                                                                                                       zu teilen und Impulse zu setzen.
         Das sehr umfangreich angelegte Programm – fokussiert für und mit Älteren –
         war ein anspruchsvolles Vorhaben, gewann schnell an Relevanz und konnte mit                   Zeit + Alter bringen uns auch zu der Frage: Wie definieren wir „Alter“? Begrenzt
         viel Engagement seitens der Teilnehmenden, Kooperationspartner*innen (ideell                  sich „lernen“ nur auf jüngere Menschen und ab einem bestimmten Lebensalter –
         wie auch finanziell), Ehrenamtlichen und Projektmitarbeiter*innen Jahr für Jahr               was dann? Nicht mehr lernen? Den Horizont nicht mehr erweitern? Keine Erfah-
         umgesetzt und weiterentwickelt werden. Auch die Themen trafen den Puls                        rungen und Erinnerungen weitergeben? Nicht mehr neugierig, nicht mehr wiss-
         der Zeit: Nachhaltigkeit, Migration, Entwicklung, Wirtschaft und Politik, das alles           begierig, nicht mehr umtriebig sein (dürfen)?
         global gedacht – natürlich unter dem Leitbild der W3_ „für globale Gerechtig-
         keit“. Wie sind wir mit Menschen in der Welt verbunden? Wie funktionieren die                 Genau das Gegenteil ist der Fall! Seit wir im Juni 2012 mit dem Fachforum starte-
         (Welt-)Wirtschaftssysteme? Was haben wir mit dem Klimawandel zu tun? Brau-                    ten, reihten sich die Themen wie Perlen an der Schnur: Flucht und Vertreibung,
         chen wir uneingeschränktes Wachstum und Wohlstand? Wie können wir auf eine                    Migration und Willkommen, Diskriminierung und Rassismus, Altersbilder im Wan-
         gerechtere Weltgemeinschaft hin arbeiten und für mehr Teilhabe sorgen? Oder                   del, freiwilliges Engagement, Lebenswelten und Zusammenhänge, Ungerechtig-
         was sollten wir auch lassen?                                                                  keiten in einer globalisierten Welt, Natur und Nachhaltigkeit, Jung und Alt, ich
                                                                                                       für mich, ich für andere, wir für uns, wir für andere – um nur einige zu nennen.
         Vieles entstand im Prozess aus den vielfältigen Expertisen, aus unterschiedlichs-
         ten Perspektiven, aus der Praxis heraus oder wissenschaftlich hergeleitet. Die                Ich habe in diesen Jahren so viele fantastische Menschen kennengelernt, die und
         Verknüpfung mit aktuellen Themen – Themen der Teilnehmer*innen–, mit gesell-                  deren Ideen und Meinungen ich nicht mehr missen möchte. Zu Beginn glaubte
         schaftspolitischen Entwicklungen und globalen Veränderungen fand ihren Platz.                 ich, schon so Vieles über so viele Themen zu wissen – ich habe mich geirrt, ich
         Ob es praktische (Lebens-)Erfahrungen der Älteren waren, die an die jungen                    habe mich gern eines Besseren belehren lassen. Fazit: Lebenslanges Lernen lohnt!
         Teilnehmer*innenweitergegeben und diskutiert wurden, oder wissenschaftliche                   Und: Niemand ist jemals zu alt um (dazu) zu lernen!
         Vorträge mit Fachvokabular, das irritierte Keine*n. Aktiv waren alle Beteiligten –
         im und auch außerhalb des Projektumfeldes.                                                    Mein persönlicher Dank geht an die „Erfinderinnen“ dieser wunderbaren Fort-
                                                                                                       bildungsreihen, an die Teilnehmer*innen, die Kooperationspartner*innen und
         Wir wünschen viel Inspiration und Freude beim Lesen! Machen Sie mit, denn                     Organisationen, die Projektförder*innen, die W3_ Hamburg und natürlich an die
         jede*r Mensch kann für ein bisschen mehr Gerechtigkeit und Chancengleichheit                  lieben Menschen von zeitAlter, die uns über die Jahre hinweg begleitet haben.
         sorgen. Das hat uns das Projekt gezeigt.
         Vielen Dank an Alle von Beginn an! Es geht weiter …                                           Sabine Illing war seit Beginn als Projektteilnehmerin bei Veranstaltungen dabei
                                                                                                       und in der Werkstatt-Gruppe aktiv, zudem engagierte sie sich als Kooperations-
         Naciye Demirbilek                                                                             partnerin für den Bezirks-Seniorenbeirat Altona im Fachkreis.
         Geschäftsführung

PROJEK TDO K UM EN TAT ION zeitAlter                                                           4   5                                                                                       GRUS S W O RT
ZeitAlter - Generation Global - Ein generationsübergreifendes Bildungsangebot zum Globalen Lernen - W3 Hamburg
1. Acht Jahre zeitAlter:                                                                                                    2012 – 13
                                                                                                                            zeitAlter – global lernen & lokal handeln

         Projektidee, Umsetzung                                                                                             Im Vorfeld hatte in 2011 eine Projektkonzeptionsphase in Form eines kleinen
                                                                                                                            Projekts stattgefunden, in der Bedarfsanalyse, Recherche und Konzeptarbeit be-

         und Weiterentwicklung                                                                                              trieben, Kontakte geknüpft und Kooperationsgespräche geführt wurden und das
                                                                                                                            Grundgerüst für das Projekt aufgesetzt wurde. In der ersten Projektphase stand im
                                                                                                                            Fokus, Globales Lernen und Senior*innenbildung miteinander zu verbinden und
                                                                                                                            herauszufinden, was die Zielgruppe interessierte. Dieser integrative Ansatz war bis
                                                                                                                            dahin sehr selten, sodass es eine gemeinsame Forschungsreise wurde. Die inhalt-
         Das insgesamt achtjährige Projekt zeitAlter war ein Bildungsprojekt der                                            lichen Schwerpunkte reichten von der Vielfalt des Alters und der Altersbilder welt-
         W3_Werkstatt für internationale Kultur und Politik e.V. und hatte zum Ziel,                                        weit über Migration und Flucht, Diskriminierung, nachhaltige Entwicklung bis hin
         Bildungsangebote zu globalen Zusammenhängen und Thematiken zunächst vor                                            zum Engagement für eine zukunftsfähige Welt. Begleitend wurde ein Fachkreis ins
         allem für ältere Menschen zu schaffen. Die Ermutigung zum gesellschaftlichen                                       Leben gerufen, in dem die beteiligten Organisationen ihr Wissen und ihre Erfah-
         Engagement war ebenfalls zentraler Bestandteil des Projekts. Für ältere Men-                                       rung in der Erwachsenenbildung, Senior*innenbildung, entwicklungspolitischen Bil-
         schen gibt es bundesweit nach wie vor hierzu kaum Angebote, sie werden als                                         dungsarbeit sowie im Bereich Globales Lernen beratend einbrachten. Dieser Fach-
         Zielgruppe weitgehend außer Acht gelassen. Dabei haben viele von ihnen großes                                      kreis bestand in unterschiedlicher Besetzung bis zum Abschluss des Projekts und
         Interesse daran, globale Zusammenhänge zu verstehen, sich handlungsfähig in                                        stellte ein sehr wertvolles Begleitungs- und Beratungsgremium dar.
         einer zunehmend globalisierten Welt zu fühlen und sich für eine gerechtere und
         enkel*innen-taugliche Welt zu engagieren. Zudem haben viele nach der Erwerbs-                                      Formate und Ausgestaltung
         phase wieder mehr Zeit sich zu engagieren. Das Projekt wollte diese Umbruch-
         phase nutzen, um durch sein Bildungsangebot eine Neuorientierung anzuregen                                         Den Auftakt bildete das zweitägige Fachforum „Lebensnah & weltweit. Lebens-
         und Teilnehmer*innen zu motivieren, sich gesellschaftspolitisch zu engagieren.                                     erfahrung gestaltet Globales Lernen“ im Juni 2012, das zum Ziel hatte, einen
                                                                                                                            kreativen Raum zum Erfahrungsaustausch rund um das Thema Globales Lernen im
         In der weiteren Entwicklung des Projekts wurde ab 2017 die angesprochene Ziel-                                     höheren Lebensalter zu bieten, Kernthemen zu identifizieren, die die Zielgruppe
         gruppe auf jüngere Menschen ausgeweitet, um den Austausch und das Lernen                                           interessierte, und weitere Impulse für die Ausarbeitung von neuen Ansätzen für
         mit- und voneinander zwischen Generationen zu fördern. Die Erfahrung zeigte,                                       diesen speziellen Bereich der Bildungsarbeit zu gewinnen. Teilnehmer*innen wur-
         dass auch hierfür kaum Räume und Angebote vorhanden sind und gleichzeitig                                          den ermutigt, eigene Anliegen und Themen einzubringen.
         der generationsübergreifende Austausch eine unglaubliche Bereicherung für alle
         Beteiligten darstellte.                                                                                                 nde
                                                                                                                                                                      Über 50 Personen arbeiteten mittels der Open Space Methode
                                                                                                                                  alt
                                                                                                                         e
                                                                                                                   Offenprächsru
                                                                                                                   Ge s
                                                                                                                          i e l f                                     intensiv zu der leitenden Frage: Welche Anliegen hat die Ziel-
         Um einen Einblick in die verschiedenen Projektphasen, konzeptionellen Über-                                DiesVAlters-13                           00       gruppe Ältere im Bereich Globales Lernen und in den Schwer-
                                                                                                                    de .13, 11 ltona
                                                                                                                                             00
         legungen, Hintergründe, Entwicklungen und Schwerpunkte zu bekommen,                                                                                          punktthemen Migration und Entwicklung? Open Space ist eine
                                                                                                                          .4
                                                                                                                      Do 4im Mercado
                                                                                                                                     A                     chos
                                                                                                                                                                  s
                                                                                                                                                    rges
         werden diese hier zusammengefasst beschrieben und mit Veranstaltungs-                                                   Bühn
                                                                                                                                        e im
                                                                                                                                             Unte
                                                                                                                                                                      partizipative, selbstorganisierende Struktur für Großgruppen,
         beispielen ergänzt.                                                                                                                                          in der Teilnehmer*innen eigene Themen ins Plenum geben und
                                                                                                                                                                      dann Arbeitsgruppen zur Umsetzung verschiedener Projekt-
                                                                                                                                                                      ideen gründen. Daraus entstanden im weiteren Verlauf unter
                                                                                                                                                                      aktiver Vorbereitung und Beteiligung von Teilnehmer*innen
                                                                                                                                                                      zwei Veranstaltungen: Eine, bei der einige im geschützten Rah-
                                                                                                                                                                      men Eindrücke von Flucht anhand eigener Geschichten aus dem
                                                                                                                                                                      2. Weltkrieg teilten, sowie die Offene Gesprächsrunde „Die
                                                                                                               Veranstaltungsplakat                                   Vielfalt des Alters“ im öffentlichen Raum im Mercado Altona,
                                                                                                               „Die Vielfalt des Alters“                              bei der es um vielfältige Perspektiven auf das Alter ging.

Z E I TS TR A HL                                                   2. Jahreshälfte 2011 Konzeptionsphase
                                                                                                               2012
                                                                                                                 
                                                                                                                                 1.1. Start 1. Projektphase                                     18.6. Auftakt Fachforum
                                                                                                                                „Globales Lernen für Ältere“

PROJEK TDO K UM EN TAT ION zeitAlter                                                                       6   7                                                                                                             ACHT J AHRE Z E I TALT E R
ZeitAlter - Generation Global - Ein generationsübergreifendes Bildungsangebot zum Globalen Lernen - W3 Hamburg
In diesem Zusammenhang nahm die zeitAlter-Werkstatt (damals noch Projekt-                  gearbeitet, um die Beteiligten in ihren Lebenswelten und -Expertisen abzuholen.
         werkstatt) ihren Anfang, zunächst als Vor- und Nachbereitungstreffen im Rahmen             Vor allem brauchte es viel Raum für Austausch und Reflexion. Ein weiterer für
         der gemeinsam organisierten Veranstaltungen. Dort wurden die beiden Veran-                 die Teilnehmer*innen zentraler Punkt war die angenehme, vertrauensvolle, ein-
         staltungen zusammen geplant, konzipiert, Aufgaben verteilt und im Anschluss                ladende und wertschätzende Atmosphäre. Außerdem sorgten wir für kostenlose
         an die erfolgte Durchführung noch nachbesprochen und evaluiert. Daraus ent-                Verpflegung. Die informellen Gespräche bei Kaffee, Obst und Keksen in den
         stand der Wunsch, sich weiterhin in kleinerer Runde zu treffen. Somit boten die            Pausen oder beim gemeinsamen Mittagessen waren wichtiger Bestandteil der
         Treffen der Projektwerkstatt eine vertiefende und praxisorientierte Ergänzung              Gruppenbildungsprozesse.
         zur Fortbildungsreihe für diejenigen, die sich engagieren oder eigene Ideen
         umsetzen wollten und hierfür Unterstützung, Austausch und Mitstreiter*innen                 Des Weiteren wurden thematische Stadtrundgänge angeboten, die den Teil-
         suchten. Hier wurden die Fortbildungsinhalte sowie weitere Themen, die von                  nehmer*innen die kulturelle Vielfalt einer Großstadt erfahrbar machten. Das
         Teilnehmer*innen selbst eingebracht wurden, vertieft diskutiert und besprochen.             Aufsuchen von Orten und inhaltliche Arbeiten dort ermöglichte die Verknüp-
         Auch wurde sich Fragen, Herausforderungen und Möglichkeiten in Bezug auf                    fung der Orte mit ihren Geschichten, historischen Kontexten und deren heutige
         gesellschaftliches Engagement gewidmet.                                                     Relevanz und Kontinuitäten. Diese Exkursionen wurden als sehr informativ
                                                                                                     und lebensweltbezogen und zugleich als gemeinsames Erlebnis wertgeschätzt
                                                                                                     und waren sehr beliebt. Beispiele hierfür sind der Stadtrundgang in St. Georg
             Das war für mich genau das Richtige. Denn nach der
                                                                                                    „Kulturelle Vielfalt & Migration im Lebensalltag“ sowie die Exkursion zum Tansa-
             Beendigung meines Berufslebens hatte ich weiterhin ein                                  nia Park auf dem Gelände der ehemaligen Lettow-Vorbeck-Kaserne „Koloniale
             großes Bedürfnis, mit anderen Menschen zusammen zu                                      Spuren. Städtepartnerschaft Hamburg – Dar es Salaam“.

             kommen, um über aktuelle gesellschaftspolitische Themen                                Lächelnde Senior*innen oder ein Papagei auf Flyern?
             zu diskutieren. Mir war es ein starkes Anliegen, aktiv an
             der sich rasant entwickelnden globalisierten Welt teilzu-                               Ein großes Thema neben der Benennung der Zielgruppe, die uns viel beschäftigt
                                                                                                     hat (siehe Kapitel 3 Lernziele und Lernerfahrungen, S.26), war die Frage, wie
             nehmen und nicht alles in einem privaten Kämmerlein                                     wir ältere, an globalen Themen interessierte Menschen ansprechen wollen, ohne
             abzuhandeln.                                                                            uns Stereotypen zu bedienen. Wir kamen schnell zu dem Konsens, dass wir keine
                                                                                                     lächelnden älteren Menschen auf unseren Flyern abbilden wollten. Die zentrale
             Hilga Maria P., Teilnehmerin
                                                                                                     Herausforderung bestand darin, etwas Bildhaftes zu finden, das die Aufmerk-
                                                                                                     samkeit vor allem von über Fünfzigjährigen auf sich zog. Da diese Altersgruppe
         Ein weiteres zentrales Angebot stellte die Fortbildungsreihe „Lebenswelt Global“            mindestens so heterogen ist wie jede andere auch, fanden wir keine Symbole,
         dar, in der es um Nord-Süd Zusammenhänge und Verwicklungen, Migration und                   die hierfür besonders geeignet schienen. Also entschieden wir uns, die Flyer
         Nachhaltige Entwicklung, Rassismus und Diskriminierung, aber auch um Aktives                möglichst ansprechend – unabhängig des Alters – zu gestalten und die Zielgruppe
         Altern, Altersbilder weltweit sowie Engagementmöglichkeiten ging. Zunächst                  im Beschreibungstext zu benennen. Auch experimentierten wir mit Störern wie
         war dies als aufeinander aufbauende Veranstaltungsreihe konzipiert und auf                 „für Ältere“, wozu wir sehr konträre Rückmeldungen bekamen. Das Entscheiden-
         eine „feste“ Gruppe ausgerichtet worden. Allerdings mussten wir schnell fest-               de war weniger die Aufmachung der Flyer, sondern vielmehr die Zugänge zum
         stellen, dass der Wunsch nach Flexibilität einen hohen Stellenwert bei vielen               Flyer: wo lagen diese aus? War das Projekt als Bildungsangebot für Ältere bereits
         Teilnehmer*innen hatte. Viele wollten ihre zurück gewonnene Freiheit nach                   bekannt? Hierfür war selbstverständlich die unschätzbare „Mund-zu-Mund-
         einer häufig langen Zeit der Verpflichtungen während der Erwerbsphase und /                 Propaganda“ besonders relevant.
         oder Care Arbeit möglichst uneingeschränkt genießen. So ermöglichten wir die
         Teilnahme an einzelnen Veranstaltungen, was die Herausforderung mit sich                   Eintrittspreis oder Spendenbeitrag?
         brachte, einen roten Faden und aufeinander aufbauende Segmente mit der
         Möglichkeit zu verbinden, die Veranstaltungen auch als eigenständige, in sich              Des Weiteren war die Frage der Kosten oder Spenden für die Bildungsangebote
         abgeschlossene Einheiten zu besuchen. Die Fortbildungen waren ganztägige                   ein Punkt, mit dem wir uns vielfach auseinandergesetzt haben. Einerseits ist in
         Angebote, die in der Regel eine Kombination waren aus einleitendem Input                   den Förderbedingungen häufig ein Anteil an baren Eigenmitteln vorausgesetzt.
         oder Vortrag sowie Phasen der Gruppenarbeit und des Transfers in den persön-               Und auch die Wertschätzung des Angebots kann mit entrichteten finanziellen
         lichen Lebensalltag. Teilweise wurde auch mit autobiografischen Zugängen                   Beiträgen ausgedrückt werden. Andererseits war uns damals bereits bewusst,

                                                                                                2013                                        2014
Juni Entstehung der Werkstatt                      17.10. Start 1. Fortbildungsreihe                   4.4. Offene Gesprächsrunde                       1.1. Start 2. Projektphase
                                                   „Lebenswelt Global“                                 im Mercado Altona

PROJEK TDO K UM EN TAT ION zeitAlter                                                        8   9                                                                                    ACHT J AHRE Z E I TALT E R
ZeitAlter - Generation Global - Ein generationsübergreifendes Bildungsangebot zum Globalen Lernen - W3 Hamburg
dass viele Ältere, vor allem alleinstehende, ältere Frauen, wenig finanzielle Mittel                                                                 Diese Tagesseminare hatten so sprechende Titel wie:
                           zur Verfügung haben, also das Thema der sogenannten Altersarmut auch für uns
                           relevant war. So wollten wir auf jeden Fall vermeiden, dass Personen aus Kosten-
                                                                                                                                                                               „Erinnerungen an die Zukunft – gehören Wirtschaft und
                           gründen nicht an den Angeboten teilnehmen können. Daher entschieden wir                                                                              Wachstum untrennbar zusammen?“ und „Lebensraum
                           uns für einen freiwilligen Beitrag auf Spendenbasis und gaben einen Spenden-                                                                         Ozean – Fritz, gibt’s noch frische Fische?“. Sie wurden
                           vorschlag als Orientierung bei den Fortbildungen und Workshops an.
                                                                                                                                                                                gelockert und ergänzt durch Übungen, Rollenspiele, Klein-
                                                                                                                                                                                gruppendiskussionen… Ein angenehmes, lustvolles Lernen.
                                                                                                                                                                                Wolfgang S., Teilnehmer
                           2014 – 16
                           zeitAlter – global lernen & lokal handeln
                                                                                                                                                                            Von Fortbildungen zu Workshops mit lokalen Gästen
                           Inhaltliche Schwerpunktsetzung
                                                                                                                                                                            Zunächst nannten wir unsere Angebote Fortbildungsreihen, um den Bildungscharak-
               Da das Projekt viel Zuspruch und Zulauf erfuhr und deutlich wurde, wie hoch die                                                                              ter hervorzuheben. Im Verlauf hatten wir das Gefühl, dass die Bezeichnung „Fortbil-
               Nachfrage an solchen gesellschaftspolitischen Bildungsangeboten für ältere Per-                                                                              dung“ hohe Erwartungen in Bezug auf die Verwertbarkeit des Gelernten in Form des
               sonen ist, konzipierten wir eine diesmal dreijährige Projektphase. Dies bedeutete                                                                            sogenannten Outputs weckte. Daraufhin wählten wir für diese Angebote die Bezeich-
               dementsprechend mehr Konzeptarbeit und Vorausplanung, da wir bereits vor                                                                                     nung „Workshops“, um den Beteiligungs- und Prozesscharakter stärker zu betonen.
               Beginn festlegen mussten, welche Themen wir mit welchen Formaten in welchem                                                                                  Was wir beibehielten, waren die thematischen Veranstaltungsreihen, wo die Work-
               Umfang die nächsten drei Jahre behandeln wollten. Vor Projektbeginn befragten                                                                                shops aneinander anknüpften und gleichzeitig auch einzeln besucht werden konnten.
               wir Teilnehmende, welche Themen für sie zukünftig im Rahmen unserer Projekt-
               angebote interessant sein könnten. In einem längeren Arbeitsprozess hatten sich                                                                              Häufig waren zum Abschluss der Workshops lokale Initiativen zu Gast, um Engage-
               dabei einige Aspekte des nachhaltigen Wirtschaftens herauskristallisiert. Die Fra-                                                                           mentmöglichkeiten vor Ort aufzuzeigen. Aktive berichteten von ihrer Arbeit, ihren
               gen richteten sich auch nach dem Zusammenspiel: Wie könnte man Wirtschaften                                                                                  Visionen und damit verbundenen Herausforderungen. Auch stellten sie vor, inwie-
               und Nachhaltigkeit vereinbaren? Wie können wir so leben, dass unsere Welt                                                                                    weit andere ebenfalls aktiv werden können.
               zukunftsfähig bleibt bzw. wird? So rückten wir u.a. den Umgang mit den Res-
               sourcen Wasser und Boden in den Mittelpunkt, arbeiteten zu globaler Textilpro-
               duktion, Landwirtschaft und Nahrungsmittelproduktion und -Verschwendung.
                                                                                                                                                                                Zum Abschluss stellten sich regionale Projekte vor: z.B. eine
                                      Auch Abfall, Klimawandel, Energieverbrauch oder unser Leben
                                      mit Kunststoffen standen auf dem Plan. Immer wieder ging                                                                                 „ökologische“ Goldschmiedin, eine Schneiderin, die upcy-
 Glo bal e Bild
 für Älte re
                  ung
                                      es um Konsumverhalten und die Vorstellungen, was das                                                                                      celt … Dies waren ganz und gar anschauliche Einblicke in
   Nachhaltiges Wirtschaften!?       „Gute Leben für Alle“ ausmacht. Wichtig war auch: Welche
       Die Ressource Wasser im Fokus
                                      nachhaltigen alternativen Modelle und Handlungsstrategien
                        Workshopreihe im Goldbekhaus
                                                                                                                                                                                die Chancen und auch Problematiken ökoregionalen Arbei-
                                      gibt es bereits und wie können wir an diese anknüpfen?                                                                                    tens. Unvergessen auch die „De Melkburen“, die eine
                                      Schnell wurde deutlich: Sozial-ökologische Nachhaltigkeit ist                                                                             genossenschaftliche Ökomilchproduktion begründet haben.
                                      ein vielfältiges Gerechtigkeitskonzept. Es berücksichtigt zu-
                                      künftige Generationen, es wirkt Armut entgegen, es ist                                                                                    Ich habe den Geschmack noch im Mund – wunderbar!
                                      umweltschonend und gendergerecht. An welchen kleinsten                                                                                    Wolfgang S., Teilnehmer
                                      Aspekten wir auch ansetzten: Letzten Endes ist die ganze
                                      Welt mit dem Wirtschaftskonzept verwoben, aber auch jede*r                                                                            Wir starteten das Experiment, eine kleine Workshopreihe an einem anderen Ort
                                      Einzelne mit dem persönlichen Verhalten daran beteiligt.                                                                              stattfinden zu lassen und organisierten im Goldbekhaus in Kooperation eine Reihe
                                      Immer wieder hofften Teilnehmende, dass wir Wege finden
                                       Information | Anmeldung
                                                                                                                                                                            zum Thema Nachhaltiges Wirtschaften mit dem Fokus Wasser als Ressource. Wir
                                      „die Welt zu retten“. Stattdessen wurden immer neue Zusam-                                                                            machten die Erfsahrung, dass sich spezifische Angebote nicht ohne Weiteres an
                                       Projekt zeitAlter
                                       W3 - Werkstatt für internationale Kultur und Politik e.V.
                                       Nernstweg 32 - 34 | 22765 Hamburg
                                       040 39 80 53 83 | zeitAlter@werkstatt3.de
                                       www.werkstatt3.de/zeitAlter

                                      menhänge deutlich, auch der zwischen unserem nicht
                                       Veranstaltungsort
                                       Goldbekhaus e.V. | Seminarraum 1
                                                                                                                                                                            anderen Orten verankern lassen bzw. dass unser Projekt-Angebot auch stark mit
                                       Moorfuhrtweg 9 | 22301 Hamburg

                                      nachhaltigen Wirtschaftssystem und Migration und Flucht.
                                       www.goldbekhaus.de

                                                                                                                                                                            der W3_ als Veranstaltungsort in Verbindung steht.
Workshopreihe 2015 / 16

20.2 Start filmZeit mit „Blauäugig“                                                                11.4. Start zeitAlter vor Ort mit thematischer Hafenrundfahrt   22.7. Exkursion zum Kattendorfer Hof                  17.9. Start Workshopreihe zu Nachhaltigem Wirtschaften

PROJEK TDO K UM EN TAT ION zeitAlter                                                                                                                          10   11                                                                                   ACHT J AHRE Z E I TALT E R
ZeitAlter - Generation Global - Ein generationsübergreifendes Bildungsangebot zum Globalen Lernen - W3 Hamburg
Eine besondere Veranstaltung war „Tasty                              Ein besonderes Pilotprojekt war ein Austausch mit jungen Menschen aus dem
                                                        Waste“, die zum Ziel hatte, auch neues Publi-                        vorbereitenden Jahr für Migrant*innen der Gewerbeschule BS07, der Teil eines
                                                        kum anzusprechen und Nachhaltigskeitsthe-                            dreitägigen Projekts zum Thema „Integration als Dialog“ war, worüber ein kurzer
                                                        men am Beispiel des Lebensmittelüberflusses                          Dokumentarfilm entstanden ist: „Nicht über, sondern mit uns“, zu sehen unter
                                                        näher zu bringen. Der Filmemacher Valentin                           https://vimeo.com/179863145. Aus dieser Begegnung zwischen jungen und älteren
                                                        Thurn („Taste the waste“ u.a.) referierte über                       Menschen unterschiedlicher Herkunft und Lebenswelten entwickelten wir letzt-
                                                        den heutigen Umgang mit Lebensmitteln,                               endlich das Konzept der generationsübergreifenden Begegnungsangebote. Es
                                                        die globalen Probleme sowie über alternative                         wurde schnell deutlich, welcher Mehrwert in diesen generationsübergreifenden
                                                        Strategien. Als ein erfolgreiches Alternativ-                        Räumen steckt, wo es vor allem um Austausch und Begegnung zu einem be-
                                                        konzept zur Lebensmittel-Wegwerf-Menta-                              stimmten Thema geht.
                                                        lität zauberten Engagierte von foodsharing
                                                        Hamburg aus geretteten Lebensmitteln ein                             2015 hatte das weltweite Fluchtgeschehen Deutschland trotz aller Abschot-
Der von foodsharing „gerettete“ Lebensmittelberg        schmackhaftes Dinner, was als krönender Ab-                          tungsbestrebungen in einer neuen Dimension erreicht. Vor diesem Hintergrund
für „Tasty Waste“                                       schluss des Tages gemeinsam genossen wurde.                          organisierten wir außerplanmäßig die Fachveranstaltung „Willkommenskultur
                                                                                                                             und Bollwerkmentalität – Arbeits- und Fluchtwanderungen 2015“ im Hamburg
                  Von A wie Aufribbelfrauen bis Z wie zeitAlter vor Ort                                                      Museum, die ausnahmsweise vor allem Fachpublikum ansprach und einen Beitrag
                                                                                                                             zur Weiterentwicklung der Debatte um Flucht und Geflüchtete leisten sollte.
                  Zudem organisierten wir kürzere Veranstaltungsformate wie z.B. filmZeit – Film-
                  vorführungen mit anschließendem Gespräch. Es fanden auch experimentellere                                  Auch die zeitAlter-Werkstatt entwickelte sich weiter und wurde zu einem regel-
                                   Angebote wie generationsübergreifende Kleidertauschbörsen                                 mäßigen Angebot verstetigt. Durch die Kontinuität der Treffen und des Austau-
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                                   als gelebte Nachhaltigkeitsstrategie statt. Auch hier erlebten                            sches war ein prozessorientiertes und intensives Arbeiten an den eingebrachten
                                   wir, wie wenig Räume es für Begegnungen zwischen Generatio-                               gesellschaftspolitischen Themen möglich. Die Themenvielfalt aus dem entwick-
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                       nen gibt, denn meistens sind bei Kleidertauschbörsen vor allem                            lungspolitischen Spektrum war enorm, von den Produktionsbedingungen billiger
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                                  junge Menschen anzutreffen. Im Rahmen dieser Kleidertausch-                                                   Textilien über die Stabilität des neoliberalen Herrschafts-
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                                   börsen entstanden außerdem Interviews für die zeitAlter-Bro-                                                  systems und Migration & Flucht bis hin zum Umgang mit
   
                 schüre „Von Aufribbelfrauen und Nyltesthemden“. Diese bieten                                                  diskriminierenden Verhaltensweisen im eigenen Umfeld und
   
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                                   einen spannenden Einblick in den sich wandelnden Umgang mit                                                   dem sich wandelnden Frauenbild in verschiedenen Gesell-
                                   Kleidung zu den Bedingungen der Nachkriegszeit bis zu denen                                                   schafts- und Wirtschaftsphasen.
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                                   der Massenproduktion. Unser Eindruck war, dass die kürzeren
                                   Informations- und Filmveranstaltungen nicht so stark nachge-                                                  Hinzu kamen im Sommer die abwechslungsreichen Exkursio-
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                                   fragt wurden und unser Erfolg stärker in den Tages-Workshops                                                  nen. Das Fahren an Orte der gelebten Alternativen wurde
                                   und den Werkstatt-Treffen lag, bei denen viel Raum für Aus-                                                   häufig als sehr inspirierend und motivierend empfunden. Ein-
Broschüre mit Interviews zum       tausch vorhanden war. Daher wurde dieses Format in der weite-                                                 mal ging es zum Kattendorfer Hof als Beispiel für Solidarische
Umgang mit Kleidung, 2015          ren Projektentwicklung nicht weitergeführt.                                                                   Landwirtschaft. Ein andermal führte uns eine Teilnehmerin
                                                                                                                                                 zur Hanseatischen Materialverwaltung, einem gemeinnützigen
                   Als ein weiteres Format wurde zeitAlter vor Ort als ein Angebot „nach außen“ an                Besuch bei der Hanseatischen   upcycling-Fundus in riesigen Lagerhallen im Oberhafen, bei
                   Initiativen, Einrichtungen und Organisationen ins Leben gerufen. Ziel war es, neue             Materialverwaltung             der sie sich engagiert.
                   Personen zu erreichen, die bisher (noch) nicht den Weg in die W3 fanden. Wir erarbei-
                   teten niedrigschwellige Angebote für Institutionen und Gruppen der sogenannten
                  „Senior*innenarbeit“. Hierbei wurden unterschiedlichste Formate eingesetzt: Diskus-
                                                                                                                                  Einen lebendigen Bezug und anschauliche Anregungen
                   sionsrunden, Exkursionen, Stadtrundgänge, Workshops, Filmvorführungen. Allerdings
                   wurde dieses Angebot nicht so stark wie erwartet angefragt, und in den folgenden                               zu dem Leben in unserer Stadt fanden wir zusätzlich in
                   Projektphasen nicht weitergeführt. Der Versuch hat uns gezeigt, dass die Idee der                              unschätzbaren Besuchen von verschiedenen alternativen
                   inklusiveren und offeneren Zugänge auch eine grundsätzlich andere Projektausrich-
                   tung, viel Zeit und Beziehungsarbeit und nicht nur eine „Anpassung“ gebraucht
                                                                                                                                  Institutionen, Stadtrundgängen etc.
                   hätte – dies war im Rahmen der uns verfügbaren Ressourcen leider nicht zu leisten.                             Hilga Maria P., Teilnehmerin

2015                                                                                                                                                   2016
                        14.4. Broschüre zu Kleidung              6.10. Start Workshopreihe zu Nachhaltigem        24.11. Fachgespräch zu Arbeits-                  2.3. Start Workshopreihe zu        22.4. Workshop
                                                                 Wirtschaften im Goldbekhaus                      und Fluchtwanderungen                            Ressourcen und ihrem Verbleib      „Tasty Waste“

PROJEK TDO K UM EN TAT ION zeitAlter                                                                         12   13                                                                                      ACHT J AHRE Z E I TALT E R
ZeitAlter - Generation Global - Ein generationsübergreifendes Bildungsangebot zum Globalen Lernen - W3 Hamburg
2017– 18                                                                                                                                         Über diese Angebote sollte der Dialog
                                                                                                                                                          zwischen Menschen mit unterschiedlichem
         zeitAlter – Generation Global                                                                                                                    Lebensalter und Lebensweg genutzt wer-
                                                                                                                                                          den, um Themen aus unterschiedlichen
         Generationsübergreifender Ansatz                                                                                                                 Perspektiven auch vor dem Hintergrund
                                                                                                                                                          historischer Erfahrungen und Einschät-
         Aufgrund der positiven Projekterfahrungen und Rückmeldungen der Teilnehmer*-                                                                     zungen zu beleuchten und zu erweitern.
         innen mit der Mischung von Jüngeren und Älteren in Bildungsveranstaltungen                                                                       Diese Art der inhaltlichen Beschäftigung
         wurde das Projekt in der dritten Phase durch einen generationsübergreifenden                                                                     mit Themen ist eine ganz eigene, die zum
         Ansatz erweitert. Dieses Unterfangen stellte eine deutliche Erweiterung und Neu-                                                                 großen Teil als enorm bereichernd erlebt
         ausrichtung dar, denn bisher hatten wir einen beachtlichen Adressverteiler auf-                Karte einer*s Teilnehmer*in zum Thema Solidarität wurde und wird. Insgesamt wurden vier
         gebaut – bestehend aus älteren Personen. Für diese Zielgruppe war das Projekt                                                                    Begegnungen durchgeführt. Ein Beispiel
         mittlerweile auch bekannt. Dies nun ebenfalls auf Jüngere auszuweiten, stellte                             hierfür ist „Lokale und Globale Solidarität: Hehre Utopie – oder gelebte Vision?“
         uns vor ganz neue Herausforderungen. Wie sollten wir zugleich Jüngere und                                  in Kooperation mit der Probebühne im Gängeviertel, wo über einen kreativen
         Ältere ansprechen? Mithilfe unterschiedlicher Flyer mit entsprechend angepasster                           und körperlichen Zugang mit theaterpädagogischen Mitteln in einer sehr diver-
         Ansprache der Zielgruppe? Davon sind wir schnell wieder abgekommen, weil es                                sen Gruppe der Frage nachgegangen wurde, ob und wie Solidarität angesichts
         einen enormen Aufwand bedeutet hätte und uns unpassend erschien, verschie-                                 globaler und gesellschaftlicher Unterschiede und Spaltungen sowie verschiede-
         dene Flyer für dieselben Angebote zu verteilen. Dann also alle mit einem Flyer                             ner Machtpositionen von Einzelnen funktionieren kann. Es wurden unter ande-
         ansprechen. Aber wie? Auch hier war entscheidend, den Verteilungskreis und den                             rem Aspekte wie Privilegien, Widersprüche, Ausgrenzung, Wünsche und Ängste
         Verbreitungsradius zu erweitern, Freiwilligenorganisationen gezielt zu kontaktie-                          thematisiert. Sowohl auf individueller Ebene als auch durch den Austausch als
         ren und auf ansprechende Inhalte zu setzen. Gleichzeitig wurde auch hier wieder                            Gruppe kam es zu einer intensiven Reflexion über diese Aspekte.
         im Beschreibungstext erläutert, wen wir mit diesem Angebot erreichen wollen.
                                                                                                                    Auch die Fachtage wurden als weiteres Format jährlich durchgeführt, um einem
        „Migration und nachhaltige Entwicklung“ als Schwerpunkt                                                     breiteren Publikum die Projektinhalte zugänglich zu machen, verstärkt Organisa-
                                                                                                                    tionen und Initiativen anzusprechen sowie Austausch und Vernetzung zwischen
         Seit der verstärkten Migrationsbewegungen nach Europa in 2015 war Migration                                diesen, Engagierten und Interessierten zu fördern. Hierfür organisierten wir den
         in aller Munde, allerdings wurde selten über die komplexeren Ursachen und                                  Fachtag „Handlungsfähigkeit in einer globalisierten Welt“ in den Räumen und in
         Zusammenhänge gesprochen. So war ein Grund für die Wahl des Themenschwer-                                  Kooperation mit der GLS Bank mit inspirierenden Vorträgen von der Publizistin
         punktes, dass auch in der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit, die eine kriti-                          und Aktivistin Kübra Gümü ay und Dr. Ilse Schimpf-Herken vom Paulo Freire Insti-
         sche Auseinandersetzung mit globalen Themen fördern und zu eigenem Enga-                                   tut Berlin. Die Anstöße aus den Vorträgen wurden begeistert aufgenommen und
         gement ermutigen will, Migrations- und Fluchtbewegungen oft nicht eng mit                                  insbesondere die Kombination von zwei Referentinnen, die beide sehr unter-
         nachhaltiger Entwicklung verknüpft werden. Aktuelle Migrationsbewegungen                                   schiedliche Lebenserfahrungen und -Alter sowie Handlungsansätze mitbrachten,
         werden stattdessen nach wie vor in der deutschen Öffentlichkeit oft als getrennt                           erwies sich als sehr gelungen für den generationsübergreifenden Ansatz und das
         von wirtschaftlichen Bedingungen im Globalen Süden und Norden thematisiert                                                                       altersmäßig gemischte Publikum. Am Nach-
         – und nicht als ihr Ergebnis. Das Projekt setzte hier an, indem es Migrationsbe-                                                                 mittag wurde die zentrale Frage nach der
         wegungen mit Blick auf Fluchtursachen als Folge einer Weltwirtschaftsordnung                                                                     Handlungsfähigkeit in einer globalisierten
         begreift, die nach-haltiger Entwicklung diametral entgegensteht und massive                                                                      Welt vertieft, um den Transfer zum eige-
         soziale Ungerechtigkeit insbesondere in anderen Teilen der Welt verursacht.                                                                      nen Engagement herzustellen.
         Auch hatten wir zum Ziel, Interessierte aus diesen beiden Themenbereichen
         zusammenzubringen und inhaltliche Verbindungen aufzuzeigen.                                                                                            Das Dialogforum „Nachhaltigkeit radikali-
                                                                                                                                                                sieren“ fand ebenfalls in den Räumen und
         Neu im Angebot: Begegnungen und Fachtage                                                                                                               in Kooperation mit der GLS Bank statt.
                                                                                                                                                                Erstmals wurde unser Projektfilm gezeigt,
         Als ein neues Format wurden die Begegnungsangebote konzipiert, die besonde-                                                                            der Stimmen von Teilnehmer*innen zum
         ren Fokus auf den generationsübergreifenden und biografischen Austausch zu                     Den Tag illustrierten Eva Platen und Stefan Mosebach    Projekt einfängt. Anschließend stellten Teil-
         entwicklungspolitischen Themen und das Lernen von- und miteinander legten.                     in einem Graphic Recording                              nehmer*innen das Angebot der Werkstatt

2017                                                                                                                                                                                     2018
           1.1. Start 3. Projektphase mit generations-       10.5. Fachtag zu Handlungsfähigkeit        5.7. Teilnahme der Werkstatt-Gruppe                    2. – 3.12. Begegnung zu                 27.4. Thementag MAIZ
           übergreifendem Ansatz                                                                        am Gipfel für globale Solidarität                      Solidarität

PROJEK TDO K UM EN TAT ION zeitAlter                                                               14   15                                                                                              ACHT J AHRE Z E I TALT E R
ZeitAlter - Generation Global - Ein generationsübergreifendes Bildungsangebot zum Globalen Lernen - W3 Hamburg
vor und berichteten von ihren Lernerfahrungen. Es folgte ein Impulsvortrag von                                          Ein ganz besonderes Erlebnis war für mich, gemeinsam
         Dr. Mandy Singer-Brodowski (Institut Futur, FU Berlin) mit dem Titel „Geschichte,
         Gegenwart und Zukünfte der Transformation in Richtung Nachhaltigkeit“,
                                                                                                                                 zum alternativen Gipfel (parallel zum G20 Gipfeltreffen)
         in dem sie den großen Bogen spannte von geschichtlichen Startpunkten, unter-                                            zu gehen und dort Vandana Shiva zu hören, die mich
         schiedlichen Ansätzen und Entwicklungen über kritische Perspektiven bis hin                                             SEHR beeindruckt hat. Alleine hätte ich mich da vielleicht
         zu zukunftsweisenden Bewegungen und Konzepten sowie unterstützenden Res-
         sourcen für ein Engagement für radikale Nachhaltigkeit. Im Anschluss wurde                                              nicht hin getraut!
         intensiv gearbeitet zu Fragen rund um das eigene Engagement, die Chancen von                                            Elisabeth H., Teilnehmerin
         generationsübergreifenden Ansätzen und Vernetzungsmöglichkeiten gearbeitet.
                                                                                                                            Der Projektfilm
         Die thematischen Workshops mit einer ganztägigen Ausrichtung und ausreichend
         Raum für Austausch und Reflexion fanden großen Anklang. Ein herausragendes                                         Im Rahmen der Auswertungsaktivitäten entstand die Idee, einen Film zu produ-
         Beispiel stellt der Thementag „¡Maíz! Oder wer regiert die Welt?“ über Konse-                                      zieren, um das Projekt vorzustellen und mit einem geeigneten Medium verbreiten
         quenzen der Globalisierung und Industrialisierung der Landwirtschaft dar. Er                                       zu können. Da es uns insbesondere um die Wirkung für die Personen ging, die
         fand im Rahmen der Romero Tage Hamburg statt, was eine gelungene Koopera-                                          unsere Angebote besuchen, baten wir Teilnehmer*innen aus der zeitAlter-Werk-
         tion darstellte, um neue Teilnehmer*innen zu erreichen und das Projekt über                                        statt um ein Interview, da diese Gruppe den festen Kern an Teilnehmer*innen
         den bisherigen Kreis hinaus zu vernetzen. Er beinhaltete verschiedene Workshops                                    bildet und die Personen das Projekt teilweise schon seit der Gründungsphase
         z.B. zu Menschenrechtsverletzungen durch Pestizide, Biodiversität und Wieder-                                      begleiten. So entstand unter der Regie von Hauke Lorenz ein 4-minütiger Projekt-
         stand gegen die Agrarindustrie in Mexiko. Auch wurde eine Performance zum                                          film mit Stimmen aus der Werkstatt-Gruppe. Nachbereitend gab es auf Anre-
         Thema vom Kollektiv Tonalli aufgeführt und es folgte eine abschließende Podiums-                                   gung einer Teilnehmerin ein Auswertungsgespräch, was das Projekt für die ein-
         diskussion.                                                                                                        zelnen Personen bedeutet und warum sie zur zeitAlter-Werkstatt kommen. Auch
                                                                                                                            diese Anregung war sehr wertvoll und spiegelt die hohe Beteiligung und Iden-
         zeitAlter-Werkstatt: Vom Azubi zur Gesellin                                                                        tifikation der Teilnehmer*innen wider. Insgesamt stellte die Frage nach der
                                                                                                                            Bereitschaft zum Interview für viele eine große Herausforderung und eine Art
         Das Angebot der Werkstatt mit ihren regelmäßigen Treffen entwickelte sich zu                                       Mutprobe dar: Zum einen bezüglich Datenschutzthemen, zum anderen auch
         einem Kernstück des Projekts, dessen Ziel ein offener Erfahrungsaustausch und                                      aufgrund des Sich-Zeigens mit und Einstehens für die Themen, die ihnen wichtig
         gegenseitige Beratung über entwicklungspolitisches Engagement unter älteren                                        sind. Daher war diese Filmproduktion ein intensiver Lernprozess für alle Beteilig-
         Engagierten ist. War die Werkstatt am Anfang als Ergänzung zu anderen Ver-                                         ten. Es ist ein sehenswerter Projektfilm entstanden, zu sehen unter
         anstaltungen gedacht und „lief nur so nebenher“, so stand sie im Laufe der Zeit                                    https://www.youtube.com/watch?v=iB3sZ4_Xquk.
         immer mehr selbst im Fokus. Heute gestalten die Teilnehmer*innen die Treffen
         aktiv mit – oder um es mit den Worten einer Teilnehmerin auszudrücken: „… die
                                                                                                                                 Wir haben uns Themen wie Rechtsextremismus, Rassis-
         Lernphase ist abgeschlossen und eine andere Phase beginnt, sozusagen eine
         Entwicklung vom Azubi zum Gesellen“.                                                                                    mus, Flüchtlingsproblematik, Digitalisierung, Aufrüstung,
                                                                                                                                 Alter, Auswirkungen der globalisierten Welt auf unser
         Die Teilnehmer*innen tauschten sich rund einmal im Monat über ihre Aktivitä-
         ten und Netzwerke aus, bildeten sich gemeinsam zu Themen und Informationen
                                                                                                                                 alltägliches Leben zugewandt. Besonders eindrucksvoll
         fort und stärkten sich so gegenseitig in ihrem Wissen und Engagement. Das                                               war für mich, dass fast jede/r von uns in unseren Lebens-
         Offenhalten der Themen hatte den Vorteil, aktuelle Ereignisse aufgreifen und                                            bereichen direkt oder indirekt von diesen Themen betrof-
         vertiefen zu können. Teilnehmer*innen brachten eigene Anliegen ein, woraus
         beispielsweise zwei eigenständig organisierte und durchgeführte Veranstaltun-                                           fen war und wir aufgerufen waren, dazu eine Position
         gen entstanden sind zu aktuellen politischen Entwicklungen in Burkina Faso                                              und Haltung zu entwickeln. Oft stand die Frage im Fokus,
         und Westafrika. Zudem organisierten sich Teilnehmende, um gemeinsam an
                                                                                                                                 was kann ich / können wir tun, um in unserem begrenz-
         Protestaktionen und Informationsveranstaltungen im Rahmen des G20-Gipfels
         in Hamburg teilzunehmen.                                                                                                ten Rahmen zu einer Veränderung und Verbesserung von
                                                                                                                                 misslichen gesellschaftlichen Entwicklungen beizutragen.
                                                                                                                                 Hilga Maria P., Teilnehmerin

                                                                     2019
22.11. Dialogforum zu Nachhaltigkeit und Premiere des Projektfilms               1.1. Start 4. Projektphase        8.5. Veranstaltung zu Migrationspolitik                 24.9. Offenes Werkstatt-Treffen

PROJEK TDO K UM EN TAT ION zeitAlter                                                                          16   17                                                                                    ACHT J AHRE Z E I TALT E R
ZeitAlter - Generation Global - Ein generationsübergreifendes Bildungsangebot zum Globalen Lernen - W3 Hamburg
2. Die Projektjahre 2019 – 2020                                                                                 dass viele Menschen die Hoffnung auf eine nachhaltige und lebenswerte Zukunft
                                                                                                                verlieren. Diesem Umstand haben wir seit 2019 mehr Aufmerksamkeit gewidmet,
                                                                                                                um die Menschen, die sich für eine nachhaltigere und gerechtere Zukunft und
                                                                                                                Gesellschaft einsetzen (wollen), in ihrem Engagement und in ihrer Selbstwirksam-
                                                                                                                keit zu stärken.

                                                                                                                Das Projekt fokussierte sich dann in 2020 entsprechend verstärkt auf Themenberei-
                                                                                                                che, die untrennbar und ursächlich mit Migration zusammenhängen und wo tat-
         Inhaltlicher Schwerpunkt und gesellschafts-                                                            sächliche Transformationsmöglichkeiten hin zu mehr globaler Gerechtigkeit beste-
                                                                                                                hen: z.B. alternative und solidarische Wirtschaftsformen, Demokratieprozesse im
         politischer Kontext
                                                                                                                globalen Süden, lokale Städteplanung und globale Klimagerechtigkeit – denn wie
                                                                                                                unser Themenschwerpunkt „Migration und nachhaltige Entwicklung“ impliziert,
         Der inhaltliche Schwerpunkt dieser Projektphase lautete (seit 2017) „Migration                         sind diese „Krisen“ auf komplexe Weise miteinander verschränkt und lassen sich
         und nachhaltige Entwicklung“. Er entstand vor dem Hintergrund der gesellschafts-                       nur im Zusammenhang verstehen und nachhaltig sowie ganzheitlich verändern.
         politischen Entwicklungen, die auf den „langen Sommer der Migration“ 2015
         folgten. Diese sind geprägt von einer sog. „Willkommenskultur“, restriktiven                           Bildungsangebote: Unser Verständnis von „Nachhaltigkeit“
         Grenzregimen und einem zunehmenden Rechtsruck. Seit der „Erklärung EU-
         Türkei“ kommen seit 2016 zwar weniger Geflüchtete in Deutschland an, doch                              Teilnehmer*innen unseres Projektes zu zukunftsfähigem Denken und Handeln
         Migrationsbewegungen finden weiter statt und die Ursachen, Probleme und                                zu befähigen war das übergreifende Ziel unserer Angebote. Der Begriff „Nachhal-
         Machtasymmetrien zwischen globalem Norden und Süden bestehen diesbezüg-                                tigkeit“ fungiert dabei für uns durchweg als Leitbild: es geht folglich nicht alleine
         lich weiter fort.                                                                                      darum, Menschen zu motivieren, das eigene Konsumverhalten zu hinterfragen
                                                                                                                und zu verändern, sondern tatsächliche gesamtgesellschaftliche Transformations-
         Im Frühjahr 2020 wurde das Lager Moria auf Lesbos Schauplatz und Symbol für                            prozesse anzustoßen. In diesem Sinne ist es sehr wichtig, den Begriff „Nachhaltig-
         die anhaltenden Menschenrechtsverletzungen des europäischen Grenzregimes.                              keit“ in all seiner Komplexität und lebensweltlichen Widersprüchlichkeit zu ver-
         Der Ausbruch der Covid-19-Pandemie wirkte hier wie ein zusätzliches Brennglas                          stehen. Es geht immer um einen ganzheitlichen Wertewandel, d.h. eine Suche
         auf Fragen nach existentiellen Menschenrechten wie Bewegungsfreiheit oder                              nach Lösungen beinhaltet immer auch eine Auseinandersetzung und mit Kritik an
         Gesundheitsversorgung. Mit dem Slogan „Leave no one behind“ fordern Seenot-                            den Ursachen für oben skizzierte Probleme. Forschendes, aktionsorientiertes,
         retter*innen seit Beginn der Pandemie die Aufnahme Geflüchteter aus den über-                          partizipatives, selbstbestimmtes und transformatives Globales Lernen im genera-
         füllten Lagern im Mittelmeerraum. „Leave no one behind“ ist auch das Leitprinzip                       tionsübergreifenden Dialog zwischen Menschen, die sich als Bewohner*innen
         der UN-Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung und meint nicht nur die pre-                            Einer Welt verstehen, bildet zusammengefasst den Kern des Projekts.
         käre Lage Geflüchteter, sondern formuliert als umfassendes Ziel für die Vereinten
         Nationen, Armut, Ungleichheit und Ausgrenzung in der Welt zu beenden.                                  Die komplexen Themenbereiche der nachhaltigen Entwicklung werden versteh-
                                                                                                                und erfahrbar, indem die lokale Ebene, die eigene Biographie und Alltagswelt
         Auch die Polarisierung der Bevölkerung und das Erstarken rechter Gruppierun-                           zum Ausgangspunkt genommen wird. Konsum im eigenen Stadtviertel wird zu-
         gen in Deutschland und weltweit hat sich weiter verschärft. Traurige Höhepunk-                         sammengebracht mit Produktion weltweit, lokale Stadtentwicklung mit planeta-
         te rechter Gewalt in Deutschland in beiden Projektjahren waren der Anschlag                            ren Grenzen: zentral ist immer die Frage, welches individuelle Umdenken und
         auf eine Synagoge und Besucher*innen eines Kebab-Imbiss in Halle am 9. Okto-                           welche gesamtgesellschaftliche Transformation nötig ist, damit künftige Genera-
         ber 2019 sowie der Anschlag auf die Gäste zweier Shisha-Bars in Hanau am 19.                           tionen nicht (mehr) auf Kosten anderer Menschen (vor allem im Globalen Süden)
         Februar 2020.                                                                                          leben und ein Leben in Frieden und mit einem tragfähigen Ökosystem für alle
                                                                                                                zur Zukunft wird.
         Bereits im Jahr 2019 nahmen wir zunehmend Gefühle von Hilflosigkeit, Pessimis-
         mus und Resignation bei den Menschen wahr, die zu unseren Veranstaltungs-                              Veranstaltungen 2019
         angeboten kamen. Die gängigen politischen Antworten und Strategien auf die
         akuten und vorhergesagten Herausforderungen aufgrund des Klimawandels, wel-                            Konkret ging es 2019 in unseren Workshops z.B. in „Aktuelle Herausforderungen
         che massive Migrationsbewegungen und Kämpfe um bewohnbare Gebiete und                                  für ein Europa der Vielfalt“um die aktuellen Migrationspolitiken in Europa und
         Trinkwasser mit sich bringen werden, sind so enttäuschend und unzureichend,                            weltweit sowie um deren postkoloniale Bezüge. Themen wie „Fremdheit“ sowie

19.10. Poetry Slam Workshop zu SDGs                 10.11. Anti Bias Workshop zu Verschiedenheit        22.–24.11. Begegnung zu Solidarischem Handeln            7.– 8.12. Begegnung zu Nachhaltigem Aktivismus

PROJEK TDO K UM EN TAT ION zeitAlter                                                               18   19                                                                              DI E P RO J E K T J AHRE 2 0 19 – 2 0 2 0
Angebote. Erreicht haben wir unsere Zielgruppen durch ein angepasstes Pro-
                                                                                                                                        gramm dennoch. Vor allem die Neu-Planungen und die Kontaktpflege während des
                                                                                                                                        Lockdowns im Frühjahr bzw. seit November 2020 nahmen dabei viel Zeit und Res-
                                                                                                                                        sourcen in Anspruch (zu unseren Erfahrungen im Projekt mit Altersdiskriminierung
                                                                                                                                        während der COVID-19-Pandemie siehe Kapitel 6, S. 42).

                                                                                                                                                                                 Über den Zeitraum März bis Juli 2020 konn-
                                                                                                                                                                                 ten zunächst gar keine Veranstaltungen statt-
                                                                                                                                                                                 finden, von August bis Oktober 2020 nur mit
                                                                                                                                                                                 sehr eingeschränkter Personenzahl oder in
                                                                                                                                                                                 digitaler Form. Insgesamt haben wir im Som-
                                                                                                                                                                                 mer einen Workshop als Stadtrundgang,
Kartenabfrage zu Vorurteilen im   World Café Tische zu unterschiedlichen Themen                                                                                                  einen Präsenz-Workshop und eine mehrtägige
Anti Bias Workshop                bzgl. Nachhaltigem Aktivismus                                                                                                                  Begegnung angeboten, im Herbst / Winter
                                                                                                                                                                                 dann nur noch digitale Workshops. Inhaltlich
           „Armut und Reichtum“ wurden über Theatermethoden auf Nord-Süd-Zusammen-                                                                                               planten wir Angebote, die Mut machten, in-
           hänge und eigene Lebensrealitäten bezogen. Die Nachhaltigen Entwicklungsziele                                       HafenCity-Spaziergang – Klima und Konzerne        dem sie aufzeigten, wie Veränderung und
           (SDG) wurden bei „Schreiben, Reimen, Slammen über nachhaltige Entwicklung“                                                                                            Transformation möglich sind, erneut mit Inspi-
           mittels Poetry Slam und Kreativem Schreiben bearbeitet. Auch der vorurteilsbe-                                                  rationen aus dem globalen Süden, die lokal umgesetzt einen Weg zu mehr globaler
           wusste Umgang mit Altersbildern und Diskriminierung weltweit wurde zum Thema                                                    Gerechtigkeit eröffnen können: Wir beschäftigten uns bei dem „HafenCity-Spazier-
           gemacht – Methoden zur Sensibilisierung und Selbstreflexion standen bei „Ver-                                                   gang – Klima und Konzerne“ mit ökologischer, sozialer und ökonomischer Nach-
           schiedenheit und Zugehörigkeit – Vorurteilsbewusster Umgang mit Altersbildern“                                                  haltigkeit am Beispiel zukunftsfähiger Stadt- und Quartiersentwicklung. Hier stan-
           im Mittelpunkt.                                                                                                                 den insbesondere die Zusammenhänge von Konzernmacht, Demokratieverlust und
                                                                                                                                           Klimagerechtigkeit im Fokus.
                                                 Im Rahmen der mehrtägigen generations-
                                                 übergreifenden Begegnungen beschäftigten                                                                       Außerdem setzten wir uns in dem Workshop „Frohes Schaffen,
                                                 wir uns 2019 in „Verbunden Handeln in Zei-                                                                     gutes Leben – Die transformative Kraft der Commons“ mit
                                                 ten des Wandels“ mit dem systemischen An-                                                                      Formen nachhaltigen Wirtschaftens auseinander und ließen uns
                                                 satz der Tiefenökologie, einer ganzheitlichen                                                                  auch hier inspirieren von Beispielen aus dem globalen Süden.
                                                 und praxisorientierten Umweltphilosophie                                                                       Das Thema Postwachstumsgesellschaft wurde in dem Begeg-
                                                 mit Ansätzen aus dem globalen Süden. Hier                                                                      nungsseminar „Wachstum und (k)ein Ende? – Alternative Utopien
                                                 standen Methoden im Mittelpunkt, um die                                                                        und solidarische Praxis“ aus vielfachen Perspektiven beleuchtet:
Abschlussrunde von „Nachhaltiger Aktivismus“     Verbundenheit z.B. mit der Natur mental und                                                                    die sozialen, ökologischen und ökonomischen Folgen eines
                                                 körperlich erfahrbar zu machen. Außerdem                                                                       grenzenlosen Wachstums wurden aufgezeigt, Zusammenhänge
            widmeten wir uns in „Nachhaltiger Aktivismus – Politisch aktiv sein und bleiben“                                                                    mit dem globalen Kapitalismus und der daraus resultierenden
            Herausforderungen, vor denen viele Engagierte immer wieder stehen: die feine                                                                        imperialen Lebensweise erarbeitet. Unterschiedliche Lösungsan-
            Balance zu finden zwischen individueller Selbstverwirklichung und kollektiver                                                                       sätze wurden diskutiert und Beispiele u.a. aus Südamerika und
            Befreiung, zwischen Erfüllung und Burnout.                                                                         Das Eisberg-Modell zum Thema     Südasien vorgestellt, um Postwachstumsimpulse in den eigenen
                                                                                                                               Commons                          Alltag zu integrieren. Wir beschäftigten uns in der digitalen Ver-
            Veranstaltungen 2020                                                                                                           anstaltung „Talkin‘ about a Revolution – Globale Proteste, lokale Kämpfe” zudem
                                                                                                                                           mit globalen Protesten für mehr Demokratie und Möglichkeiten transnationaler
            Mit dem Ausbruch der COVID-19-Pandemie im Frühjahr 2020 veränderte sich schlag-                                                zivilgesellschaftlicher Zusammenarbeit für mehr soziale Gerechtigkeit. Auch boten
            artig der Ort und die Art und Weise, wie und wo wir Menschen mit unserem Bil-                                                  wir Möglichkeiten der Stärkung des eigenen Engagements durch eine kritische
            dungsangebot ansprechen konnten, und wir mussten unser Programm entspre-                                                       Reflexion des Selbstoptimierungsimperativs in westlichen Industriegesellschaften
            chend umplanen. Für die „Risikogruppe“ der Senior*innen galten zudem spezielle                                                 sowie auf globaler Ebene in dem dreiteiligen digitalen Workshop „Selbstoptimie-
            Schutz- und Hygienevorschriften, dies betraf auch kultur- und bildungspolitische                                               rung – nein danke? Von den (Un)Möglichkeiten (un)produktiv zu sein“ an.

2020
               16.3. 1. Lockdown aufgrund der COVID-19-Pandemie                   31.3. 1. Werkstatt-Telefonkonferenz          11.8. HafenCity Spaziergang zu Klima und Konzerne           21.8. Workshop zu Commons  

PROJEK TDO K UM EN TAT ION zeitAlter                                                                                      20   21                                                                                  DI E P RO J E K T J AHRE 2 0 19 – 2 0 2 0
Die zeitAlter-Werkstatt                                                                                            Seminarinhalte so gut funktionierte. Zudem fanden wir ein inklusives Instrument
                                                                                                                            für den Austausch auch für nicht-digitalisierte Menschen in Form eines „Ketten-
         Die Werkstatt als Format fungierte weiterhin als partizipativer, interaktiver und                                  briefes“, mit dem die Teilnehmer*innen sich über Wochen postalisch austausch-
        „eigener Raum“ für Ältere, in dem sie sich regelmäßig gemeinsam Wissen und                                          ten. Ein weiteres Angebot im Sommer waren die Werkstatt-Treffen „unter freiem
         Handlungsperspektiven erarbeiteten zu verschiedenen Themenfeldern der nach-                                        Himmel“ – mit Abstand im Park. Die von uns angebotenen Alternativen haben
         haltigen Entwicklung/SDGs, wie z.B. Klimagerechtigkeit, Frieden, Armut, soziale                                    wir immer unter Berücksichtigung der jeweils geltenden Schutzmaßnahmen
         Ungleichheit, Energiepolitik oder nachhaltiges Wirtschaften. Sie tauschten sich                                    sowie in Absprache mit den Teilnehmer*innen entwickelt.
         aus über ihr gesellschaftspolitisches Engagement, reflektierten ihr (Alltags)Han-
         deln und gewohnte Denkweisen, sie brachten ihre Fragen, Wünsche und Bedürf-                                        Die Teilnehmenden-Bindung und gelungene Motivation zu aktivem Engagement
         nisse ein und gestalteten das Projekt aktiv mit. Die Teilnehmer*innen schätzten                                    für das Thema Nachhaltigkeit und entwicklungspolitischer Bildung durch die
         insbesondere die solidarische Gemeinschaft und Selbstverantwortung, den                                            Werkstatt hat sich besonders bewährt, so dass das Format auch nach Projektende
         Respekt und das echte Interesse aneinander, so dass auf die Frage nach der Be-                                     fortgesetzt wird. Im Sinne des emanzipativen Lernens soll die Werkstatt mit und
         deutung der Werkstatt-Treffen vielfach Formulierungen wie „mein politischer                                        durch die Teilnehmer*innen weiterentwickelt, die bisher erworbenen Kompeten-
         Senior*innentreff!“, „etwas für den Kopf“ tun oder auch „Denkanstöße bekom-                                        zen und Erfahrungen im Bereich Nachhaltiger Entwicklung weiteren Personen
         men statt in Ruhe alt werden!“ geäußert wurden.                                                                    zugänglich gemacht, das Gelernte und Erlebte im Bereich Selbstorganisierung
                                                                                                                            und Selbstwirksamkeit weitergegeben werden.
         Im Rahmen des 40-jährigen W3_Jubiläums 2019 organisierte die Werkstatt-Gruppe
         ein „Offenes Werkstatt Treffen“ für neue Interessierte; sie planten und moderier-                                  Netzwerkarbeit und Fachkreis
         ten eigenständig unterschiedliche Thementische. Zusätzlich zu den regulären
         Werkstatt-Treffen fanden zwei Exkursionen statt: Ein Stadtteilrundgang in Altona                                   In dieser Projektphase präsentierten wir zeitAlter bei zahlreichen Vernetzungs-
         diente der Erkundung einiger Stationen der App „Fair durch Altona“ (die von                                        treffe, wodurch wir neue Zielgruppen gewinnen konnten und neue Veranstal-
         einer ehemaligen W3_Freiwilligen des FSJ Kultur entwickelt worden war) mit                                         tungskooperationen entstanden sind. Zudem konnten wir das Projekt bei öffent-
         Infos und Wissens-Fragen zum Thema Nachhaltiger Konsum. Desweiteren gab es                                         lichen Veranstaltungsplattformen vorstellen, wie bspw. der Freiwilligenbörse
         einen Audio-Rundgang entlang des Vering-Ufers mit Informationen zum Stadt-                                         vom Seniorenbüro Hamburg sowie bei den Seniorentagen des Bezirks-Senioren-
         teil Wilhelmsburg und anschließendem Besuch des Projektes Minitopia – Spiel-                                       beirats Altona. Das Projekt war überdies vertreten bei Veranstaltungen wie der
         platz urbaner Selbstversorgung.                                                                                    Klimawoche Zukunftsdialog, dem „Zugabe-Preis“ der Körber Stiftung sowie der
                                                                                                                           „Rückenwind“-Vernetzungsveranstaltung der Homann Stiftung.
                                                           Aufgrund der COVID-19-Pande-
                                                           mie 2020 boten wir dann Werk-                                    Im Sinne von „guter Praxis“ konnten wir so zum einen den Projektansatz und
                                                           statt-Treffen als Telefon- oder                                  den spezifischen Mehrwert des generationsübergreifenden Lernens zu globalen
                                                           Videokonferenzen an: Für die                                     Zusammenhängen für andere Organisationen, Multiplikator*innen und andere
                                                           meisten war diese Art der Kom-                                   Interessierte sichtbar(er) machen, zum anderen aber auch die Aktivitäten der
                                                           munikation mit der Gruppe am                                     Zielgruppen und die von ihnen bearbeiteten Themen und Anliegen in die Öffent-
                                                           Anfang „herausfordernd“, aber                                    lichkeit tragen.
                                                           der Bedarf an alternativen Mög-
                                                           lichkeiten des Austauschs, an                                    In 2020 konnte zeitAlter auf keinen öffentlichen (Groß)Veranstaltungen oder
                                                           Input und Kontakt war zu diesen                                  Netzwerktreffen präsent sein, da diese aufgrund der jeweils geltenden Verord-
                                                           Zeiten besonders hoch. Wir ent-                                  nungen zur Eindämmung der Ausbreitung des Coronavirus SARS-CoV-2 nicht
                                                           schieden uns zunächst für die                                    stattfanden, lediglich digitale Austauschforen und -formen waren möglich. Auch
                                                           Telefonkonferenz, weil dies die                                  unser Fachtag musste 2020 leider entfallen. Ein besonders schöner Austausch und
Werkstatt-Treffen „unter freiem Himmel“                    inklusivste Form der Beteiligung                                 Abschluss war für uns das letzte Fachkreis-Treffen in 2020, bei dem wir gemein-
                                                           bot: nicht alle verfügten über die                               sam im W3_ Saal mit einigen unserer langjährigen Kooperationspartner*innen in
            technischen Voraussetzungen für eine Videokonferenz. Doch viele Teilnehmer*-                                    kleiner Runde auf das Projekt zurückgeblickt haben (siehe Kapitel 4 Interview
            innen eigneten sich über die Zeit entsprechende Fähigkeiten an, so dass diese bald                              mit dem Fachkreis, S. 33).
            von ihren eigenen Erfahrungen mit Videoworkshops berichteten und darüber,
            wie angenehm überrascht sie waren, dass die Vermittlung und Diskussion der

4.– 6.9. Begegnung zu                  15.9. Werkstatt-Treffen                27.10. Digitaler Workshop zu        10.11. Dreiteiliger digitaler Workshop                  26.11. Abschluss-Fachkreistreffen
Postwachstum                           „unter freiem Himmel“                  globalen Protestbewegungen          zu Selbstoptimierung

PROJEK TDO K UM EN TAT ION zeitAlter                                                                         22   23                                                                             DI E P RO J E K T J AHRE 2 0 19 – 2 0 2 0
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