2019 Brief von der Weid - stiftung zur weid - Werk- und Wohnhaus zur Weid

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2019 Brief von der Weid - stiftung zur weid - Werk- und Wohnhaus zur Weid
stiftung
                                                          zur weid
                                                           werk- und wohnhaus

August          2019
21. Jahrgang, zur Weid 10, 8932 Mettmenstetten   Brief von der Weid
2019 Brief von der Weid - stiftung zur weid - Werk- und Wohnhaus zur Weid
2             Titelbild: Marco F. (links) und Roland D.
              Foto: Peter Lauth                                                                                                                                 Foto: Matthias Studer

              WICHTIGE DATEN

              Der Weid-Laden ist geöffnet:                 Metzgete                         Kerzenziehen für die ganze Familie         Informationsnachmittage
              Montag bis Freitag  8.00 – 12.00 Uhr       Freitag, 1. November, 19.00 Uhr   Samstag und Sonntag, 9. und 10. November   für Betroffene, Angehörige, Fallführende und
                                 13.30 – 18.30 Uhr       im Glashaus                       im Glashaus                                Sozialdienste
              Samstag             8.30 – 12.30 Uhr       Reservation: 044 768 50 80 oder   Organisation:                              14-täglich, jeweils am Dienstagnachmittag
                                                          mail@zur-weid.ch                  Verein Tagesfamilien Bez. Affoltern        Bitte richten Sie Ihre Anfragen und Anmel-
              Weid-Kafi                                                                                                                dungen ans Sekretariat:
              Die Öffnungszeiten finden Sie unter:                                          Kleintheaterabend                          Tel. 044 768 50 80 mail@zur-weid.ch
              www.zur-weid.ch                                                               «Pasta del Amore»                          Fax 044 768 50 99
                                                                                            Freitag, 15. November, 20.15 Uhr
                                                                                            im Weid-Saal                               Betriebsführungen
August 2019

                                                                                            Organisation: Verein Freundeskreis         Auf Wunsch machen wir sehr gerne Betriebs-
                                                                                                                                       führungen für kleine und grosse Gruppen.
                                                                                                                                       Unsere Webseite: www.zur-weid.ch
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Vorwort                                                                                                                3

Liebe Freundinnen
und Freunde der Stiftung zur Weid

Insgeheim habe ich es während meiner 25 Jahren in der     Diese Erfahrungen zum Schluss meiner Berufstätigkeit
Weid immer gewusst: Ich bin privilegiert, denn mein       möchte ich nicht missen. Sie bestätigen mir einmal
Arbeitsweg betrug nur wenige Meter. Meine Familie         mehr, wie ausserordentlich es ist, keinen Arbeitsweg zu
und ich wohnten gerne im Haus auf dem Stiftungsge-        haben. Gleichzeitig stelle ich fest, dass Pendeln durchaus
lände. Die naturnahe Umgebung mit den vielen Bäu-         seine positiven Seiten hat.
men, dem nahen Bach, den Weihern, dem Vogelgezwit-
scher am frühen Morgen und die Vielzahl von kleineren     An dieser Stelle möchte ich allen Menschen ganz herz-
und grösseren Tieren brachten Erholung. Und trotz der     lich danken, die ich im Zusammenhang mit der Weid
wenigen Meter zum Arbeitsort auch Distanz.                kennen und schätzen lernen durfte, für die anregenden
                                                          Begegnungen, die interessanten Gespräche, für Aner-
Seit Ende Juni weiss ich nun, wie sich das Pendlerleben   kennung und Kritik und vor allem für die jahrelange
anfühlt. Damit das Haus für meinen Nachfolger frisch-     gute Zusammenarbeit und Treue.
gemacht werden kann, pendle ich die letzten zwei Mo-
nate vor der Pensionierung und teile damit das Los von
Hunderttausenden. Nun kann ich endlich auch mitreden
bei Gesprächen über rücksichtslose Autofahrer, ewige
Baustellen, ungehobelte Bahnpassagiere, die in voller
Lautstärke telefonieren oder hemmungslos ihren Food
auspacken und schmatzend verspeisen.

Aber auch Positives erlebe ich beim Pendeln mit der
Bahn. Ich treffe Menschen am Bahnhof oder im Zug und
komme mit ihnen ins Gespräch. Diese Begegnungen           Hansruedi Sommer
sind etwas, auf das der Nicht-Pendler verzichten muss.    Geschäftsleiter
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4   Die Weid: Ein Sprungbrett
    Übers eigene Leben reden ist nicht je-        via Temporärbüro zu einer Ausbildung als       Blick streng, fast kalt. Noch spüre ich
    dermanns Sache. Marco F. (41) und             Kanal-TV-Operateur. So weit, so gut – bis      nicht, ob sich Robert D. wohlfühlt. «Ich
    Robert D. (52) wagten es. Ungewohnt           zum schweren Autounfall 2002. «Damals          lernte in Aarau Mechaniker.» Er legt eine
    sei es schon, sagen beide, und dann           war ich 24 Jahre alt», sagt Marco F. «Sturz-   kurze Pause ein. «Ja, ich lebte wohl zu
    schweigen sie. Beide. Bis der Jüngere         betrunken knallte ich mit einem geklau-        lange im Internat. Also zog ich flippig
    den Anfang macht.                             ten Ford Escort Cabriolet in einen Baum.»      durch die Welt.» Er grinst. «Dabei lernte
                                                  Dann lag der junge Mann einige Zeit im         ich einige Heime kennen. Ich wurde um-
    Marco F.: «Mutter stellte uns die Koffer      Koma, war halbseitig gelähmt. «Es              egschobe. Da waren rüdig viele Men-
    vor die Tür»                                  brauchte eisernen Willen, dem Alkohol          schen involviert.»
    Er sei in Winterthur aufgewachsen, sagt       abzuschwören. Und ich schaffte es. Zu-         Im St. Benedikt-Heim in Hermetschwil-
    Marco F. Zusammen mit seiner drei Jahre       dem musste ich wieder lernen, meine            Staffeln müsse jeder mit 16, 17 Jahren
    älteren Schwester. Als der Bub zwölf Jah-     Finger und meine Beine zu bewegen.             ausziehen, sagt Robert D. «Ich aber wur-
    re alt war, erschoss sich der Vater mit ei-   Musste laufen lernen.»                         de aus dem Heim geschmissen.» Die
    nem Karabiner. Und die Mutter stellte die                                                    Mutter liess ihn deswegen nicht fallen.
    Koffer der Kinder vor die Tür. «Sie wollte    Robert D.: «Ich wurde umegschobe»              «Ich stützte mich voll auf sie. Die Lehre
    uns nicht.» Die Geschwister wuchsen bei       In den Lebensgeschichten von Robert D.         konnte ich nur wegen ihr beenden. Sie
    den Grosseltern auf. «Wir hatten es gut»,     spielen Autos keine Rolle. Der 52-Jährige      half mir, wo sie konnte. Ein Riesenglück.»
    sagt Marco F. «Ab und zu rief die Mutter      wuchs in Spanien sowie in der Schweiz          Das Glück währte nicht lange. «Ich lan-
    an – wenn sie besoffen war.»                  auf. «Ich bin eigentlich alleine. Eine         dete in der Arbeitserziehungsanstalt Tes-
    Nach beendeter Schulzeit begann er eine       Schwester habe ich zwar, den Bruder            senberg.» Wir schweigen. «Über das
    Lehre als Hochbauzeichner. Danach ver-        gibts nicht mehr, vom Vater weiss ich          ‹Warum› möchte ich nicht reden. Sagen
    diente sich der Zürcher den Lebensunter-      nichts, und die Mutter ist gestorben.»         kann ich: Ich sass fünf Jahre. Von 1986
    halt mit Tagelöhner-Jobs. Später kam er       Durch die blauen Brillengläser wirkt sein      bis 1991.»

                                                                                                 Marco F.: «In sieben Jahren sieben Autos»
                                                                                                 Und wie gings weiter im Leben des Marco
                                                                                                 F.? Der lächelt. Sagt: «Kaum war ich 19
                                                                                                 Jahre alt, machte ich die Prüfung und hat-
                                                                                                 te in sieben Jahren sieben Autos.» Jetzt
                                                                                                 strahlt er. «Mein Traumauto war ein Au-
                                                                                                 di-Porsche RS2. Mit Tacho bis 300 km/h.
                                                                                                 Angetrieben von einem 2200 Kubikzenti-
                                                                                                 meter Reihen-Fünfzylinder-Motor. Der
                                                                                                 entwickelte 315 PS. Höchstgeschwindig-
                                                                                                 keit: 266 Stundenkilometer», sagt Marco
                                                                                                 F. Seine Augen leuchten. «Ein tolles Auto.
                                                                                                 Ein Traum. Ich war ja Tagelöhner, arbei-
                                                                                                 tete temporär, hatte mit Kollegen zusam-
                                                                                                 men ein Häuschen. Dann verunfallte ich.
                                                                                                 Es war der 1. Januar 2002. Ein Dienstag.
                                                                                                 Weil ich Medikamente einnehmen muss-

                                                                                                 Marco F.: «Ich rede mit den Säuli. Sie geben keine
                                                                                                 Antworten, aber sie verstehen mich.»
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te, hatte ich das Billett wieder abgeben       meinen Körper stärken und verletzte               gab ich ein Hotel an. Über Umwege lan-
müssen. Auto fuhr ich trotzdem. Machte         mich mehrfach, brach Glieder. Aber ich            dete ich auf der Gasse, schlief unter Brü-
tausende Kilometer mit dem Büssli.» Und        wurde stärker, meine Knochen ebenfalls.           cken sowie in Hauseingängen. Ich bettel-
dann das: «Ich war nicht angeschnallt,         Ich jobbte dort, wo man mich brauchte.»           te und mischelte mir mein Leben zusam-
deshalb hielt mich die Polizei an. Ich zeig-   Zum Thema Beziehung und Liebe möchte              men.» Das ging so lange, bis ihm die
te den Fahrzeugausweis. Dann fragte            Robert D. nichts sagen. Seine damalige            Beiständin vorgeschlagen habe, einmal
mich die Polizistin nach dem Fahraus-          Frau ist tot. «Ich hätte gerne Kinder ge-         die Weid anzuschauen. «Ich machte eine
weis.» Marco F. lacht. «Ich sagte: Den         habt und trauerte dem unerfüllten                 Probewoche und trat Mitte September
haben Sie.» Und wieder ging der Autofan        Wunsch lange nach.» Er schweigt, sagt             2018 endgültig ein. Ich fand die Weid
zu Fuss.                                       dann: «Aber es braucht so viel, will man          cool, verbrachte eine lustige Woche in
Die Probleme seines Enkels, etwa die           Kinder grossziehen. Umso schwieriger              den Containern. Es passte mir.»
Hausdurchsuchungen, bekam der Gross-           wirds, wenn du mit dir selbst noch Prob-          Nach kurzem Schweigen schüttelt Marco
vater natürlich mit. «Er glaubte an mich,      leme hast. Ehrlich gesagt, Kinder auf die         F. den Kopf: «Die Weid ist halt nicht so
wurde nie aggressiv, schlug nie.» Die          Welt zu stellen, wäre in meiner Situation         gut, wie ich meinte. Ich verdiene wenig.
Grossmutter starb 20 Jahre vor ihm – an        unvernünftig gewesen.» Statt mit Kinder-          Das ist schwer zu ertragen.» Spass mache
einer Hirnblutung. Danach wurde ihr            problemen musste sich der Möchte-                 ihm die Arbeit mit den Säuli. «Die wuch-
Mann zum Hausmann. Er starb vor drei           gern-Vater mit Schussverletzungen her-            sen mir ans Herz. Als ich im offenen Straf-
Jahren. Das schmerzte Marco F. sehr.           umschlagen, mit Abszessen und vielen              vollzug war, arbeitete ich ebenfalls mit
                                               Operationen.                                      Sauen. Es sind schöne Tiere. Gar nicht so
Robert D.: «Tiere erleichterten mir die                                                          schmutzig, wie andere sagen. Ich rede
Haft»                                          Marco F.: «Häsch mer en Stutz für d'Not-          mit ihnen. Sie geben keine Antworten,
«Es waren die Tiere, die mir die Haftstra-     schliifi»                                         aber sie verstehen mich. Sie machen, was
fe am Fusse des Chasserals erträglich          Nach der festen Stelle bei der Ka-                ich sage.» Und noch was Positives mag
machten», sagt der Mann mit den blau-          nal-TV-Firma und dem schweren Autoun-
en Brillengläsern. «Eigentlich wollte ich      fall arbeitete Marco F. an den verschie-
raus, so schnell wie möglich. Aber meine       densten Orten. «Ich putzte Restaurants,
Arbeit für die Pferde, die Kühe, Schafe        lebte an der Zürcher Langstrasse, arbeite-
und Schweine half mir, die Strafe durch-       te am Kebab-Stand, finanzierte mir mein
zuhalten.»                                     Essen.» Und er kokste. Das gab verschie-
Im Tessenberg lernte Robert D., wie er         dene Probleme mit Arbeitskollegen. Der
sagt, grobe Leute kennen. «Sie weckten         Süchtige wurde angezeigt, verübte Ein-
mein Interesse für Drogen. Das war natür-      brüche, fing zwei, drei Fäuste ein und
lich nicht optimal. Die meisten Menschen       musste 2006 ins Gefängnis nach Realta
um mich herum starben. Egal, was ich           GR. «Nach drei Monaten wurde ich frei-
machte, in meiner Nähe starb jemand.»          gelassen und machte weiter, wo ich auf-
Dann berichtet Robert D. von seiner Zeit       gehört hatte. Steckte in einem Auto ein
in einer Kampfsportschule in der Nähe          Schlüssel, klaute ich es und fuhr einige
von Moutier BE. «Das körperlich harte          Kilometer.»
Training tat mir gut. Die Schule hatte ei-     Nach der Zeit in Realta habe Marco F. den
nen tadellosen Ruf.» Und der Mann              Behörden seine Zurechnungsfähigkeit
nahm das Training sehr ernst. «Ich wollte      beweisen müssen. «Als Austrittsadresse

                                                                  Robert D.: «In der Gärtnerei
                                                                    geht die Arbeit nie aus.»
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    Marco F. dem vergangenen Jahr abge-          begleiter, ist mehr als ein Beamter.» Der-   Wohnhaus zur Weid kommen.» Der
    winnen: «Es zeigte mir: Ich kann noch        zeit lebe der 90-Jährige im Pflegeheim,      Mann lacht. «Ich war mit Vollscheibe un-
    was leisten.»                                leide an Demenz. «Ich hoffe, es geht ihm     terwegs und entschied mich für eine Pro-
    Und deshalb sucht Marco F. nun eine          besser. Er hat es nicht so gut. Ich fühle    bewoche. Und die gefiel mir.»
    Wohnung. Ob in Zürich oder Luzern,           mich, als wäre ich sein Pflegesohn.»         Robert D. arbeitet in der Gärtnerei. Dort
    weiss er nicht. «Ich würde gerne wieder      Für Robert D. ist es schlimm, «wenn man      habe er immer was zu tun. «Die Arbeit
    an die Limmat ziehen. Aber die einsti-       jemanden kennt, der nicht mehr so ist        geht uns nie aus. Pflanzen haben Durst,
    gen Kollegen suche ich nicht. Und sollte     wie früher. Für mich stimmt es, wenn ich     brauchen Zuwendung. Ich bin froh, wenn
    es klappen mit der Wohnung, könnte           ihm helfen kann. Er schaute ja immer gut     ich draussen schaffen kann. Das tut mir
    ich mir vorstellen, hier als Externer zu     zu mir.» Dann schildert er, wie der Bei-     besser.»
    arbeiten.»                                   stand ihn behandelt habe. «Diesen acht-      Und diese Besserung hat Auswirkungen.
                                                 samen Umgang kannte ich nicht. Ich war       «Am Morgen kann ich mittlerweile gut
    Robert D.: Nach Mutters Tod als Verwahr-     ja heroinsüchtig, hatte heftige Probleme,    aufstehen», sagt Robert D. «Ich kenne
    loster bezeichnet                            sagte tausend Mal ‹ich höre auf›.» Und       meine Zeiten.» Und dann sagt er: «Die
    Als die Mutter stirbt, droht Robert D. den   dann habe er es geschafft. «Eine harte       Weid liegt auf meinem Weg, aber mein
    Anschluss ans Leben zu verlieren. Anläss-    Zeit wars. Sie hätte tödlich enden können    Ziel ist sie nicht. Sie ist für mich ein Sprung-
    lich einer Gerichtsverhandlung lernte er     für mich. Damals kostete ein Gramm He-       brett. Ich versuche, gelassen zu sein, ent-
    seinen zukünftigen Beistand kennen.          roin 500 Franken. Wollte oder musste         spannt. Aber es klappt nicht immer.»
    «Ein Glücksfall», sagt Robert D. «Obwohl     jemand fixen, führte einen das unweiger-     Auf zu viele Menschen lasse er sich nicht
    Max Wasser schon recht alt war, vermit-      lich auf die schiefe, kriminelle Bahn.»      ein, sagt der 52-Jährige. Die Begründung
    telte er mir die nötige Hoffnung. Das gab    Vor zwei, drei Jahren landete Robert D. in   leuchtet ein. Er sagt: «Ich möchte keinen
    mir die Kraft, die ich brauchte. Der Mann    der Klinik St. Urban. «Dort, im Berghof,     Stress haben mit den Leuten. Und ihren
    schaute sehr gut zu mir – trotz aller Vor-   hatte jemand aus dem Betreuungsteam          Stress, den möchte ich nicht mittragen.»
    kommnisse. Er ist immer noch mein Weg-       die Idee, ich könnte hierher ins Werk- und   Zum Schluss interessiere ich mich für die
                                                                                              Ziele von Robert D. «Ich nehme eins nach
                                                                                              dem andern. Wichtig ist mir, meine Stabi-
                                                                                              lität zu finden und dann hier wegzukom-
                                                                                              men. Die Weid ist nicht das Endziel.»
                                                                                              Trotzdem gerät er ins Schwärmen: «Was
                                                                                              mein Pflegevater für mich sein konnte, ist
                                                                                              nun jemand hier. Jemand, mit dem ich
                                                                                              reden kann, jemand, der mir Mut macht,
                                                                                              mich motivieren kann.»
                                                                                              Die beiden Männer schauen sich an. Ro-
                                                                                              bert D. sagt: «Was die Betreuer und Be-
                                                                                              treuerinnen hier im WWW machen, das
                                                                                              könnte ich nicht. Da brauchst du Ner-
                                                                                              ven.» Dann lachen beide.

                                                                                                                   Text: Martin Schuppli
                                                                                                                      Fotos: Peter Lauth
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Vielen Dank, Hansruedi Sommer                                                                                                     7
Auf den 1. Januar 2014 wurde das            hatten als andere. Wenig erstaunlich,     Schliesslich war Hansruedi die fachliche
Werk- und Wohnhaus zur Weid (WWW)           dass das WWW der erste Lehrbetrieb im     Weiterentwicklung des WWW stets
zu einer selbständigen Stiftung. Unter      Säuliamt war, der einem Asylsuchenden     wichtig: an dieser Stelle beispielhaft zu
dem damaligen Stadtrat Martin Waser         ermöglichte, eine Integrationslehre zu    erwähnen sind die Fokussierung nicht
wurde die Ausgliederung des WWW             absolvieren.                              nur auf Menschen mit Suchtproblemen,
aus der Verwaltung der Stadt Zürich ge-     Auch Kinder waren und sind Hansruedi      sondern auch mit psychischen Schwie-
plant und projektiert. Die Verselbstän-     wichtig: So wurde der Spielplatz um das   rigkeiten sowie der Einbezug von Haus-
digung brachte dem WWW verschiede-          WWW immer mehr erweitert. Heute           tieren in das Betreuungsangebot.
ne Freiheiten und es musste sich nicht      dürfte der Kinderspielplatz im WWW        Mit anderen Worten: Das WWW ist gut
mehr an die städtischen «Fesseln» hal-      der schönste im ganzen Säuliamt sein!     geführt und aufgestellt. Ich und der ge-
ten, beispielsweise bei Bauprojekten        Und das angrenzende Weid-Kafi, so-        samte Stiftungsrat danken Hansruedi
oder beim Gebäudeunterhalt. So beka-        wohl für die eigenen KlientInnen als      daher sehr für seine wertvolle Arbeit als
men die Stiftung und damit auch ihr         auch für BesucherInnen, ermöglicht        Geschäftsführer des WWW in den ver-
Geschäftsführer Hansruedi Sommer            den Eltern, gemütlich einen Kaffee zu     gangenen 25 Jahren. Wir wünschen
mehr Spielraum und die Entscheidungs-       trinken, während die Kinder spielen.      ihm für seinen neuen Lebensabschnitt
wege wurden kürzer.                         Der Unterhalt der Gebäude und die na-     alles Gute und viel Vergnügen bei sei-
Bereits im Jahr 2013 wählte die Stadt       turnahe Pflege der Umgebung lagen         nen neuen Aktivitäten.
Zürich als Stifterin den Stiftungsrat und   Hansruedi ebenfalls sehr am Herzen.
es fanden in der Folge erste Sitzungen      Seit ich das WWW kenne, wird immer                                Ursula Uttinger
statt – als Geschäftsführer immer dabei     wieder etwas renoviert, erneuert, neus-              Präsidentin des Stiftungsrats
auch Hansruedi Sommer. Auf den ers-         ten Bedürfnissen angepasst! Die jüngs-
ten Blick war erkennbar, dass das           ten Werke sind die Renovation des ur-
WWW stark von Hansruedi geprägt ist.        sprünglichen Wohnhauses und das
Er kannte alle und alles sowie die dazu-    Anlegen des Staudengartens.
gehörige Geschichte – unabhängig ob
BewohnerInnen, KlientInnen oder An-
gestellte und KundInnen. Hansruedi
war bis zuletzt – im positiven Sinne –
ein Patron alter Schule. Das Wohl aller
lag ihm immer am Herzen. Er schaute
für das WWW, wie wenn es ihm gehö-
ren würde. Er sah und interessierte sich
immer für das Gesamte. So war es ihm
zum Beispiel ein Anliegen, dass die
Wohnung oberhalb des Verwaltungs-
gebäudes sinnvoll und sozial genutzt
werden konnte: Die Wohnung wurde
daher der Gemeinde als Unterkunft für
Asylsuchende angeboten. Auch die
Lehrstellen wurden bewusst an Auszu-
bildende vergeben, die es schwieriger
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«Ich kann mit einem guten Gefühl gehen»
In den vergangenen 25 Jahren hat sich das Werk- und Wohnhaus zur Weid von einem «Männerheim» mit ausschliesslich
männlichen Bewohnern und dem Ruf einer Verwahrungsanstalt zu einer offenen Institution entwickelt, die biologi-
schen Landbau betreibt und ein beliebter regionaler Ausflugsort und Treffpunkt für Jung und Alt ist. Hansruedi Som-
mer, seit 1994 Geschäftsleiter, geht Ende August 2019 in Pension. Im Interview blickt er auf die bewegte Zeit zurück.

Hansruedi Sommer, wissen Sie noch,           anfing, war gerade das Hauptgebäude         teilt. Das war nicht nur ineffizient, son-
wie Sie sich für die Geschäftsleitung des    umfassend saniert und die Schreinerei       dern führte auch zu Gerüchten, wir wür-
Werk- und Wohnhaus zur Weid beworben         und Gärtnerei neu gebaut worden. Die        den Briefe lesen oder unterschlagen. Ich
haben?                                       Stadt hatte knapp 15 Millionen Franken      kam mit dem Mettmenstetter Posthalter
Ich erinnere mich gut daran, das war         investiert. Die Weid sollte zudem künftig   Wenger überein, dass er dem Briefträger
Ende 1993. Die Stadt Zürich hatte die        für Frauen geöffnet werden, um die          mehr Zeit für die Weid einräumte, damit
Stelle ausgeschrieben, meine Frau hat        Auslastung zu erhöhen und vom Image         die­ser die persönlichen Briefkästen der Kli-
das Inserat gesehen und gemeint, das         wegzukommen, ein «Heim für alte Män-        entinnen und Klienten bedienen konnte.
wäre etwas für mich. Zwischen Weih-          ner» zu sein.                               Lebhaft in Erinnerung ist mir auch, wie
nachten und Neujahr habe ich die Be-                                                     anfänglich die Bewohner mit der Bitte an
werbung geschrieben. Ich war an insge-       Was waren Ihre ersten Handlungen als        mich herantraten, ob sie am nächsten
samt vier Vorstellungsrunden. Emilie         neuer Geschäftsleiter?                      Tag frei haben können. Offenbar bewil-
Lieberherr, die bekannte Frauenrechtle-      Zunächst habe ich Klarheit und Struktur     ligte mein Vorgänger persönlich die Ur-
rin und SP-Stadträtin, hat mich schliess-    geschaffen. Etliche Abläufe waren kaum      laube der Bewohner. Ich habe diese Auf-
lich gewählt.                                geregelt, die Zuständigkeiten über-         gabe rasch den Betriebsleitern übertra-
                                             schnitten sich. In den Neunzigerjahren      gen. Schliesslich kann ich nicht beurteilen,
Als Sie im Herbst 1994 anfingen, lautete     kam in den Verwaltungen gerade das          ob der betreffende Bewohner gerade
die offizielle Bezeichnung der Institution   Qualitätsmanagement auf. Ich war er-        entbehrlich ist. Diese Episode hat für
noch «Männerheim».                           freut darüber, denn es gab eine Legiti-     mich auch klargemacht, in welche Rich-
Ja, aber die Stadt Zürich hatte die Neu-     mation, genau hinzusehen und Prozesse       tung sich die Betreute Arbeit entwickeln
ausrichtung und die Umbenennung in           zu überprüfen. In diesem Rahmen wurde       muss: Sie muss so gestaltet sein, dass die
«Werk- und Wohnhaus zur Weid» be-            etwa die Verteilung der Post neu organi-    Klientinnen und Klienten wirklich ge-
reits beschlossen. Meine Aufgabe als         siert. Bis dahin wurde die gesamte Post     braucht werden – und sie müssen wis-
neuer Geschäftsleiter war es, das Kon-       vom Sekretariat in Empfang genommen         sen, was ihre Aufgabe ist und dass der
zept «Rossau 2000» umzusetzen. Als ich       und im Speisesaal an die Bewohner ver-      Betrieb auf sie angewiesen ist.
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     Die Teilhabe und die Selbstbestimmung        Wie hat sich die Aufnahme von Frauen          die in einem Substitutionsprogramm wa-
     der Klientinnen und Klienten zu för-         generell auf die Bewohner ausgewirkt?         ren. Ende der 90er-Jahre, als der Letten
     dern, war mir ein wichtiges Anliegen.        Frauen hatten die Wirkung, die wir uns er-    geschlossen wurde, hatten wir insgesamt
     Eine Möglichkeit dazu ist, dass im Alltag    hofft hatten. Nämlich, dass die Stimmung      13 Personen im Methadon-Programm.
     Wahlmöglichkeiten geschaffen wer-            friedlicher und ausgeglichener wurde. Die
     den. Das Essen bietet sich hierfür be-       Männer zeigten sich generell höflicher im     Geht man heute über das Stiftungsge-
     sonders an. Ein reichhaltiges Salatbüf-      Beisein einer Frau. Insgesamt hat die Auf-    lände, begegnet man auch sehr jungen
     fet etwa gibt Wahlfreiheit und Ab-           nahme viel zur Normalisierung beigetra-       Leuten.
     wechslung – und fördert erst noch eine       gen. Etliche Mitarbeitende befürchteten       Von Anfang verfolgte ich das Ziel, die
     ausgewogene Ernährung. Seit wir es           vorgängig, dass nun der moralische Verfall    Bewohnerschaft zu verjüngen. Deshalb
     eingeführt haben, wird deutlich mehr         einsetze. Eine der ursprünglichen Ideen der   haben wir im Jahr 2000 auch den Sport-
     Salat gegessen. Der Wochenmenüplan,          Geschlechtertrennung war ja, dass sich die    platz gebaut. Es ist heute tatsächlich so,
     der am Anschlagbrett hängt, animiert         Frauen und Männer nicht vermehren.            dass Leute um die Zwanzig Betreutes
     ebenfalls dazu, sich mit dem Essen aus-      Doch Sodom und Gomorra erlebten wir           Wohnen und Arbeiten in Anspruch neh-
     einanderzusetzen und Entscheidungen          nie. Gerade in der Anfangszeit haben wir      men. Meistens haben sie eine Sonder-
     zu treffen.                                  viel Aufklärungsarbeit geleistet, auch be-    schule besucht und keinen Lehrabschluss
                                                  züglich Aids, und einen Präservativ-Auto-     gemacht. Nach der Volksschule oder
     Wie gelang es, die erste Frau in eine In-    maten aufgestellt. Mir war es immer wich-     nach Programmen für Jugendliche ohne
     stitution zu bringen, die ausschliesslich    tig, dass Frauen einen besonderen Schutz      Lehrstelle fallen sie zwischen Stuhl und
     Männer beherbergt?                           geniessen. Sie sollten immer selbst bestim-   Bank. Häufig springt zunächst die Fami-
     Die erste Bewohnerin der Weid war            men können, wer ihr Zimmer betritt. Über      lie ein und erst wenn es nicht mehr geht,
     Frau Erica G. Ihre Beiständin hatte den      die Jahre haben sich etliche lang anhalten-   kommen sie zu uns.
     Mut, bei uns anzufragen. Frau G. war         de und stabile Beziehungen zwischen Be-
     56-jährig und schwere Alkoholikerin.         wohnerinnen und Bewohnern entwickelt.         Kommen die jungen Leute also in die
     12 Jahre lang lebte sie in der Psychiatrie                                                 Weid, weil es schwierig ist, eine Arbeit
     Littenheid. In der Weid bezog sie das        Die Belegung setzt sich heute aus drei        oder eine Lehrstelle für sie zu finden?
     grosse, frisch renovierte Erkerzimmer        Vierteln Männer und einem Viertel Frau-       Schon früher waren die Anforderungen
     im Erdgeschoss des Hauptgebäudes,            en zusammen.                                  an eine Lehrstelle hoch. Aber auch
     wo wir einen Frauen-Bereich eingerich-       Das spiegelt ziemlich genau wider, was        schwächere Schüler konnten während
     tet hatten.                                  anteilmässig zu erwarten ist. Frauen sind     der Kindheit und Jugend Erfahrungen in
                                                  eher fähig, im Alltag zurechtzukommen         der Arbeitswelt sammeln, die ihnen spä-
     Wie kam Frau G. in der Weid zurecht?         und für sich zu sorgen. Wenn Männer ihr       ter im Leben halfen. Etwa durch Ferien-
     Sie hatte lange als Serviererin gearbei-     soziales Netz verlieren durch Scheidung,      jobs oder durch die Mitarbeit im Familien-
     tet, war also nicht auf den Mund gefal-      Arbeitslosigkeit und Alkoholsucht, dann       betrieb. Beides gibt es heute kaum noch.
     len und konnte den Männern Paroli            verlieren sie rasch jeden Halt. Es braucht    Ich glaube, heute werden die Jugendli-
     bieten. Bald hatte sie einen Freund, der     also weniger Frauen- als Männerplätze.        chen tendenziell geschont. Schonung
     einzige Bewohner mit einer Vespa. Mit                                                      bedeutet ja auch, dass man den Leuten
     ihm machte sie Touren durch die Regi-        Wie hat sich die Klientel sonst noch über     nicht viel zutraut. Beistände oder Sozial-
     on und später bewohnten sie zusam-           die Zeit verändert?                           arbeiter sagen oft bereits prophylaktisch:
     men sogar eine 2-Zimmerwohnung in            Gegen Ende der offenen Drogenszene            «Meine Klientin oder mein Klient kann
     der Weid.                                    nahmen wir zunehmend auch Leute auf,          nicht acht Stunden arbeiten.» Ich habe
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das Gefühl, häufig wird bloss die eigene       setzt und den Wandel der Institution auch      oder aufarbeiten zu lassen – eigentlich seit
Erschöpfung im Beruf auf die Klientinnen       gegen aussen signalisiert, etwa mit der        ich begonnen habe. Anlässlich des 90-jäh-
und Klienten projiziert.                       Bachöffnung, dem offen einsehbaren             rigen Geburtstags der Weid bot sich dann
                                               Stall, dem Bau des Sportplatzes. Der           die Möglichkeit. 90 Jahre sind ja eigentlich
Und in der Weid lernen die Leute zu ar-        Weid-Laden, die Grillplätze, die Spielplät-    kein besonderes Jubiläum, aber ich wuss-
beiten?                                        ze und zuletzt das Weid-Kafi, das 2014         te nicht, ob ich in zehn Jahren noch hier
Die reale Welt mit Bauernbetrieb, Küche        eröffnet hat, waren weitere Schritte. Das      sein würde. Und mit dem Bergier-Bericht,
und Schreinerei ist ein idealer Ort dafür.     Weid-Kafi ist nebenbei das beste Frei-         der damals gerade die Rolle der Schweiz
Wer Tiere füttert, muss Zuverlässigkeit        zeitangebot für die Bewohnerinnen und          im Zweiten Weltkrieg aufarbeitete, war
und Pünktlichkeit beweisen. Die Alt-           Bewohner, das die Weid je geschaffen hat.      die Zeit günstig. Der Historiker Thomas
ersdurchmischung – in der Weid woh-                                                           Huonker hat sich den unzähligen Akten
nen Menschen zwischen 21 und 72 Jah-           Welche Effekte hat der Besuch von Aus-         im Keller angenommen und zusammen
ren – ist ebenfalls von Vorteil. Die älteren   flüglerinnen und Ausflüglern auf die Kli-      mit dem Journalisten Martin Schuppli und
Klientinnen und Klienten arbeiten mit          entinnen und Klienten?                         dem Fotografen Fabian Biasio die Ge-
einer Selbstverständlichkeit, die den jun-     Es ist vorab ein Zeichen, dass die Weid        schichte der Weid zugänglich gemacht.
gen Vorbild und Ansporn sein kann.             ein lebenswerter, schöner Ort ist. Die Kli-    Das Buch war mir in zweierlei Hinsicht
                                               entinnen und Klienten sehen: Es gibt           wichtig: Einerseits war es ein Abschluss
Welche Rolle spielt die naturnahe Lage         Leute, die eigens in ihrer Freizeit hierher-   des Wandels vom Männerheim zum
für die Stabilisierung?                        kommen, weil es ihnen gefällt. Das ver-        Werk- und Wohnhaus zur Weid. Und an-
Die Weid wurde vor über hundert Jahren         ändert automatisch die eigene Wahr-            dererseits hilft die historische Auseinan-
weitab der Stadt Zürich angelegt, um           nehmung. Heute sagt niemand mehr, es           dersetzung, selbstkritisch zu bleiben und
nicht der Norm entsprechende Men-              sei nicht schön hier.                          auch heutige Abläufe zu hinterfragen.
schen, die als «lasterhaft», «arbeits-                                                        Und natürlich sollte das Buch auch der
scheu» und «trunksüchtig» bezeichnet           Zum 90-Jahre-Jubiläum im Jahr 2002             Bevölkerung in Mettmenstetten und Um-
wurden, auszugrenzen und möglichst             wurde die Geschichte der Weid aufgear-         gebung die Institution näherbringen, die
fernzuhalten. Die Lage wurde also nicht        beitet und als Buch veröffentlicht unter       so lange Teil der Region ist.
nach therapeutischen Kriterien gewählt         dem Titel «Wandlungen einer Institution.
– dennoch wirkt sie heute in diese Rich-       Vom Männerheim zum Werk- und Wohn-
tung. Ich bin überzeugt, dass die naturna-     haus». Wie kam es zu diesem Buch?
he Lage den Menschen hilft, zur Ruhe zu        Ich hegte schon seit Jahren die Idee, die
gelangen. Oft kommen die Klientinnen           Geschichte der Institution aufzuarbeiten
und Klienten aus einem städtischen Um-
feld, in dem sie vielen Reizen und Versu-
chungen ausgesetzt sind. Darüber hinaus
ermöglicht die Lage natürlich die Arbei-
ten auf dem Feld, im Stall und im Wald.

Für den Kontakt mit der Bevölkerung ist
die Lage aber ein Nachteil.
Die isolierte Lage ruft danach, die Leute
hierher zu holen. Wir haben viel darange-
12
     Anfang 2014 schliesslich wurde das            ein. Das Weid-Kafi beispielsweise ver-      habe, zum Beispiel alle die Bäume und
     Werk- und Wohnhaus zur Weid in eine           dankt seine Existenz wesentlich den An-     Pflanzen, die wir gesetzt haben und
     Stiftung überführt. Damit hat man sich        regungen meiner Familie. Meine Frau         die jetzt in voller Pracht stehen. Ich
     von der Stadt Zürich losgelöst. Warum?        fuhr mit dem Velo zur Arbeit und traf       kann aber mit einem guten Gefühl ge-
     Die Unterstützung der Stadt Zürich war        dabei immer wieder Klientinnen und Kli-     hen, da ich die Institution finanziell,
     immer da, daran lag es nicht. Aber die        enten, die in eisiger Kälte oder im Regen   personell, konzeptionell und baulich in
     Unterstützung musste immer wieder er-         auf einer Bank sassen und Bier tranken.     einem guten Zustand übergeben kann.
     kämpft werden, der Gestaltungsraum            Sie fand diesen Zustand unwürdig und        Es freut mich zudem, dass mein Nach-
     war eingeschränkt. In den Jahren davor        fragte nach einer Alternative.              folger Marco Mutzner ebenfalls das
     hatte die Stadt Zürich bereits diverse In-    Wir haben immer sehr gerne in dem           Geschäftsleiter-Haus auf dem Stif-
     stitutionen, vorab Kinderheime, in Stif-      Haus gewohnt und die Umgebung mit-          tungsgelände bewohnen wird. Ich
     tungen umgewandelt – und half auch            gestaltet. Ohne diese Wohnlage sähe         kenne die Familie seit Jahren und
     bei der Ausgliederung der Weid tatkräf-       das Areal heute wahrscheinlich nicht        weiss, dass sie ähnliche Sachen schät-
     tig mit, etwa indem sie fähige Leute in       so schön aus. Denn mit der Weid ge-         zen wie ich.
     die Projektgruppe berief. Insgesamt ar-       stalteten wir auch unsere direkte Um-
     beiteten wir über zwei Jahre intensiv an      gebung.                                                     Interview: Georg Stalder
     der Ausgliederung – und es hat sich ge-                                                                          Fotos: Peter Lauth
     lohnt. Die Stiftung ist finanziell gut auf-   Ende August 2019 gehen Sie in Pension.
     gestellt und vor allem viel flexibler als     Was sind Ihre Pläne?
     vorher.                                       Ich werde mit meiner Frau nach Zofin-
                                                   gen ziehen, wo ich aufgewachsen bin
     Sie wohnten von Beginn an mit ihrer           und wo mittlerweile eine unserer drei
     Frau im Geschäftsleiter-Haus auf dem          Töchter mit ihrer Familie wohnt. Ich
     Weid-Areal, Ihre drei Töchter wuchsen         freue mich auf den neuen Abschnitt
     hier auf. Wie beeinflusste das Ihre Arbeit?   und darauf, an einem neuen Ort etwas
     Meine Familie bekam immer unmittelbar         aufzubauen. In Mettmenstetten hat es
     mit, was in der Weid gerade geschah,          uns sehr gut gefallen, aber für den Ab-
     und machte sich viele Gedanken dazu.
     Meine Frau Lisa war meine Sparringpart-
                                                   schied ist der Wegzug sicherlich hilf-
                                                   reich. So kann ich künftige Begegnun-           Eine ruhige Kugel
     nerin und Ideengeberin. Sie hat meine
     Arbeit mit Distanz begleitet und auch
                                                   gen und Besuche in der Weid, die es
                                                   sicher geben wird, bewusst steuern.             schieben in Zofingen
     kritisch hinterfragt. Dass sie nicht in der   Viele Leute im Dorf kennen mich in Ver-
     Weid mitgearbeitet hat, sondern in der        bindung mit der Weid – und ich möchte           Die Redewendung «Eine ruhige Kugel schie-
     Primarschule in Wettswil als Heilpädago-      nicht durch meine Anwesenheit oder              ben» kennen alle. Sie bedeutet faulenzen
     gin arbeitete, gab ihr eine gewisse Neu-      durch eine Bemerkung, die mir ausge-            oder sehr gemächlich arbeiten. Am diesjäh-
     tralität. Die Bewohnerinnen und Bewoh-        legt wird, in die Arbeit meines Nachfol-        rigen Weid-Ausflug lernten die Teilnehmen-
     ner nutzten Begegnungen mit ihr, um           gers eingreifen.                                den die Herkunft der Wendung kennen. Am
     ihre Sorgen loszuwerden oder für eine                                                         26. Juni ging es nach Zofingen zu einer Füh-
     Chopfleerete. Auch meine drei Töchter         Was werden Sie vermissen?                       rung durch die Stadt.
     hatten eigene Blickwinkel auf meine Ar-       Sicherlich etliche Dinge, die ich in den        An einem stattlichen Haus in der Zofinger
     beit und brachten sich immer kritisch         letzten 25 Jahren hier liebgewonnen             Altstadt hängt ein grosses Schild, das ein
Stefan
                                                                                                                                           Baumeler,
                                                                                                                                           Leiter des Agrar-
                                                                                                                                           betriebs, schaut
                                                                                                                                           zu den jungen
                                                                                                                                           Bäumen.

      Bäume und Beeren
      gedeihen –

                                                                                                                                           13
      ungebetenem
      Gast zum Trotz
      Die neuen Bäume und Beeren in der            für die Seidenproduktion, da sich Seiden-   Die hohen Temperaturen der letzten
      Stiftung zur Weid sind gepflanzt. Auch       raupen ausschliesslich von den Blättern     Wochen kommen den jungen Pflanzen
      zur Freude der Blattläuse, die die Kir-      der Maulbeere ernähren. Im 18. und 19.      zugute, berichtet der Gemüsegärtner
      sche für sich entdeckt haben.                Jahrhundert machte man dann auch in         Markus Peter, der zu den Gewächsen
                                                   der Schweiz breite Anbauversuche, um        schaut. Etwas zu schaffen macht hinge-
      27 junge Bäume haben die Mitarbeiten-        die Seidenindustrie als Wirtschaftszweig    gen ein Schädling. «Wir haben mit Blatt-
      den des Agrarbetriebs im März und im         zu etablieren. Doch nicht nur hartnäckige   läusen zu kämpfen. Vor allem die
      Mai in die Erde gesetzt. Auf der Wiese       Raupenseuchen, sondern auch die Erfin-      Kirsche ist befallen.»
      vor dem Kuhstall stehen sie Spalier: Vier-   dung der Kunstseide und billigen Kunst-
      zehn Weisse Maulbeer- und vier Nuss-         stoffe wie Nylon und Perlon machten die     Je jünger die Pflanzen, desto gefährli-
      bäume sowie neun Vogelkirschen. Alle         seidenen Träume bald zunichte.              cher ist das Ungeziefer. «Die Läuse sau-
      drei Baumsorten sind bekannt für ihr                                                     gen am liebsten an den jüngsten und
      hochwertiges Holz, das für die Herstel-      Beerenanlage:                               feinsten Blättern», führt Markus Peter
      lung von Möbeln verwendet werden             Der Fokus liegt auf der Aufzucht            aus. Im Extremfall können die neuen
      kann. Darüber hinaus sollen die Bäume        Mit Jungpflanzen ausgerüstet wurde im       Austriebe sogar absterben und die
      einen Beitrag zur Kompensation von           Frühling auch die Beerenanlage: Tafel-      Pflanze nachhaltig schädigen. Gegen
      CO2 leisten, weshalb die Pflanzung           kirschen, Johannisbeeren, Brombeeren,       die Blattläuse wird im Notfall ein biolo-
      finanziell von der Stiftung Myclimate        Himbeeren, Stachelbeeren, Mini-Kiwis        gisches Mittel eingesetzt: ein Gemisch
      unter­stützt wird.                           und Maibeeren wachsen hier heran. Der       aus Schmierseife und Pyrethrum (ein
                                                   Fokus liegt vorerst auf der fachgerechten   Extrakt aus den Blüten verschiedener
      Besonders die Maulbeerbäume sind in          Erziehung. Richtig reichhaltig dürfte die   Tanacetum-Arten mit insektizider Wir-
      der Schweiz zu einem seltenen Anblick        Ernte dann in zwei oder drei Jahren aus-    kung) wird auf die befallenen Pflanzen-
      geworden. Noch im 19. Jahrhundert war        fallen. Die Heidelbeeren – sie blieben      teile gespritzt.
      der Baum eine wichtige Kulturpflanze. Im     bestehen – bescheren bereits viele dun-
      alten China hatte er grosse Bedeutung        kelblaue Beeren.                                                     Georg Stalder

Rasiermesser mit goldener Klinge und drei Ku-      die Kugel in die andere Backe schieben.
geln zeigt. Es sind die Symbole des mittelalter-   Dass dies ruhig zu geschehen hatte,
lichen Barbiers. Früher gab es an dieser Adres-    versteht sich von selbst. Bei Hektik
se also einen «Barbershop», wie man heute          drohte die Gefahr des Verschluckens
sagen würde. Die Bedeutung des Messers             oder schlimmer noch des Erstickens.
dürfte klar sein, aber was hat es mit den Ku-      Dies und vieles andere mehr haben die
geln auf sich?                                     Teilnehmenden an der Führung erfah-
Auch sie gehörten damals zum Arbeitsmateri-        ren. Trotz grosser Hitze rissen Aufmerk-
al des Barbiers. Wenn den Menschen im fort-        samkeit und Interesse nie ab. Und erfri-
geschrittenen Alter die Zähne ausfielen, er-       schen konnte man sich alle paar Meter
schwerte das die Arbeit des Barbiers erheblich.    mit frischem Quellwasser, an einem der
Also schob er seinen Kunden Kugeln in den          22 Brunnen in der Zofinger Altstadt.
Mund, um die Wange zu spannen. Wenn die
eine Seite fertig rasiert war, musste der Kunde                  Text: Hansruedi Sommer
14 Martin Seeholzer: der neue Mann für die Kühe
     Seit Anfang Jahr verantwortet Martin          besonders angetan. Mit 19 Jahren ver-         trat er dessen Nachfolge an. Gerade
     Seeholzer die Rindviehhaltung in der          brachte er seinen ersten Sommer in der        setzt Martin Seeholzer das Konzept der
     Weid. Der Meisterlandwirt hat eine            Höhe, seitdem zieht es ihn regelmässig        Vollweide um.
     Leidenschaft, die ihn immer wieder in         hinauf. «Der Ballast des Alltags ist auf
     die Höhe zieht.                               der Alp komplett verschwunden. Die            Vollweide bedeutet: Die Kühe sollen
                                                   Kernaufgabe ist einfach: Tier. Am Mor-        nach Möglichkeit ihr gesamtes Futter
     Wer mit Tieren arbeitet, muss in ihrem        gen sind die Kühe das Erste, worum man        draussen auf der Weide finden, die Füt-
     Rhythmus leben. Für Martin Seeholzer          sich kümmert, am Abend das Letzte –           terung im Stall ist dann nicht mehr nötig.
     bedeutet dies: um vier Uhr früh aufste-       und danach ist man müde und geht zu-          Im Moment ist die Zufütterung noch nö-
     hen. Der 54-Jährige aus Rifferswil hat die    frieden schlafen. Die Alp gibt so unend-      tig, aber wenn auf den Winter hin die
     Oberaufsicht über die 40 Original-Braun-      lich viel, da kann kein noch so guter         Fruchtfolge auf den Feldern umgestellt
     vieh-Kühe der Stiftung zur Weid. Jeweils      Lohn mithalten.»                              wird, sollte bereits im nächsten Sommer
     eine halbe Stunde nach seiner Tagwacht                                                      so viel Grasfläche zur Verfügung stehen,
     führt er die Kühe von der Weide in den        So ist denn auch sein beruflicher Werde-      dass jede Kuh unter freiem Himmel satt
     Stall – und nicht umgekehrt. Im Sommer        gang wesentlich von den saftigen Berg-        wird.
     verbringen die Tiere nämlich die ganze        wiesen bestimmt. Im Jahr 1993 über-                                      Georg Stalder
     Nacht unter freiem Himmel, das Modell         nahm Martin Seeholzer den Pachtbe-
     heisst «Nachtweide». Im Stall werden          trieb in Kappel am Albis, den bereits
     die Kühe unter Mithilfe von zwei Bewoh-       seine Eltern führten. 2007, als der Hof
     nern gemolken, bevor Martin Seeholzers        einer Überbauung weichen musste,
     wohlverdiente Frühstückspause ansteht.        wechselte er ins Büro. Sechs Jahre leitete
     «In der Regel nehme ich das Frühstück         er den Agrarhandel der Landi in Zug,
     gleich mit den Bewohnerinnen und Be-          wofür er sich kaufmännisch weiterbilde-
     wohnern im Speisesaal ein», erzählt er in     te. Die körperliche Arbeit – und die Alp
     seiner sprudelnden Art, die ihn jugend-       – reizten ihn aber zu sehr, und so verliess
     lich wirken lässt.                            er den Bürosessel und verbrachte mit sei-
                                                   ner Tochter vier Sommer hintereinander
     Bevor die Kühe am Abend erneut gemol-         auf einer Alp im Prättigau. Zusammen
     ken werden, fällt tagsüber noch einiges       mit seiner Ehefrau hat Martin Seeholzer
     an: Futter bereitstellen, Kälber tränken,     zwei Söhne und eine Tochter.
     Liegeboxen einstreuen. Und die Kontrol-
     le der Rinder auf den auswärtigen Wei-        Auf dem Weg zur Vollweide
     den. Täglich wird kontrolliert, ob alles in   Im Winter fand er über den Maschinen-
     Ordnung ist. Ob der Viehhüter anschlägt       ring, eine Jobbörse für Landwirte und
     und das Gras noch langt. «Die Kontroll-       Handwerker, jeweils temporäre Arbeit –
     gänge in der Natur draussen schätze ich       einmal auch in der Stiftung zur Weid.
     sehr», erzählt Martin Seeholzer. Es sei       Aus einem temporären Einsatz wurde
     ein wenig wie auf der Alp.                    eine Festanstellung, ab November 2015
                                                   war Martin Seeholzer der Mann für alle
     Der Ruf der Alp                               Fälle. Nach der Pensionierung von Alfred
     Die Alp hat es dem Meisterlandwirt ganz       Steiner, dem Leiter der Rindviehhaltung,
Von Menschen und Kühen                                                                                                               15
Kühe auseinanderzuhalten ist für ihn          Meistens arbeitet er mit ein oder zwei      den Kopf einer grossen, grauen Kuh.
kein Problem. Simon Unternährer be-           Bewohnern zusammen. «Wir kommen             «Sie ist sehr zahm.» Amélie war noch ein
richtet über sein letztes Lehrjahr als        gut miteinander zugange», meint Simon       Rind, als Simon Unternährer im vergan-
Landwirt im Agrarbetrieb der Stiftung         Unternährer. «Der Umgang erfordert          genen Sommer in der Weid begann –
zur Weid.                                     aber Diplomatie.» Im Jahr in der Weid       und ist inzwischen zu einer stattlichen
                                              habe er viel gelernt im Umgang mit          Kuh herangewachsen. Sie in der Herde
Erst 19 Jahre alt ist er – und doch ist Si-   Menschen. Und auch erlebt, wie wert-        auszumachen, ist für den Bauernsohn
mon Unternährer in den letzten drei Jah-      voll der Agrarbetrieb für die Bewohner-     keine grosse Sache. «Kühe kann man
ren mehr herumgekommen als viele Leu-         innen und Bewohner ist. «Besonders die      gut am Kopf auseinanderhalten, vor al-
te in einem ganzen Leben. Ein Jahr ver-       Tiere geben den Klientinnen und Klien-      lem an der Form der Hörner – und auch
brachte er in Beromünster (LU), dann          ten viel. Zum Beispiel mit dem Stier Ben-   am Euter.»
eines in Oberwil bei Büren (BE). Nun          no haben viele eine gute Verbindung.
wohnt er in Rifferswil (ZH) und arbeitet      Benno ist zahm und lässt sich gerne         Simon Unternährer hat seine Lehre in
in der Stiftung zur Weid.                     streicheln.»                                der Zwischenzeit erfolgreich abgeschlos-
                                                                                          sen. Nun möchte er die Berufsmatur
Simon Unternährer ist angehender              Auch Simon Unternährer ist ein grosser      absolvieren und Agronomie studieren.
Landwirt EFZ – zum Zeitpunkt des Ge-          Tierfreund. Er ist auf einem Bauernhof in   «Die Anforderungen an einen Bauern
sprächs befindet er sich mitten in der        St. Niklausen LU aufgewachsen, wo sei-      werden immer höher», sagt er. «Eine
Lehrabschlussprüfung. In dieser Lehre         ne Eltern Kühe der Rasse Original Braun-    gute Ausbildung ist da von Vorteil.»
ist es üblich, jedes Jahr auf einem ande-     vieh mit Hörnern halten – die gleichen      Gerne möchte er dereinst den Hof seiner
ren Betrieb anzupacken, was wegen der         Tiere also wie die Stiftung zur Weid.       Eltern übernehmen.
langen Arbeitstage meist einen Umzug          «Das ist Amélie, meine Lieblingskuh»,
mit sich bringt. Ein abwechslungsreiches      sagt Simon Unternährer und streichelt                                Georg Stalder
Leben also, das gut passt zum aufge-
schlossenen und neugierigen jungen
Mann, der an seinem Beruf gerade die
Vielfältigkeit schätzt.

«Im Agrarbetrieb der Stiftung zur Weid
ist kaum ein Tag wie der andere», er-
zählt Simon Unternährer, der hier sein
drittes und letztes Lehrjahr verbringt. Im
Herbst packte er bei der Obsternte und
auf dem Feld an, im Winter widmete er
sich den Kühen und schaute morgens
und abends nach den Säuen. Im Mo-
ment heisst es: pflügen, eggen und Bal-
len führen. Gestern war Heu-Ernte.
«Durch das drohende Gewitter wurde es
gegen Abend etwas hektisch», erzählt
der Lernende.
16 Die Arbeit in der Waagschale
     Die Stiftung zur Weid packt für die Bos-     sich hervorragend für die Klientinnen       tenden der Stiftung leisten qualitativ gu-
     sard AG in Zug Schrauben ab – neuer-         und Klienten und ist äusserst beliebt.»     te Arbeit. Die Kommunikation mit den
     dings auch ganz kleine.                      Gezählt werden die Schrauben nicht von      Verantwortlichen ist unkompliziert und
                                                  Hand. Ihre Anzahl wird durch wägen be-      die Abläufe einfach.»
     Seit über zwanzig Jahren läuft die Zu-       stimmt. «Wir haben dafür eigens hoch-       Zweimal pro Woche fährt ein Lastwagen
     sammenarbeit mit der Bossard AG in           präzise Waagen angeschafft, mit der         den kurzen Weg von Zug nach Rossau,
     Zug. Fünf bis sechs Bewohnerinnen und        auch die kleinsten Schrauben exakt ab-      liefert neue Schrauben und nimmt die
     Bewohner packen momentan die Pro-            gemessen werden können», berichtet          abgezählten mit. «Hin und wieder ma-
     dukte des Schraubenherstellers ab. Der       Ruedi Hausheer.                             chen wir Stichproben», verrät Roman
     Auftrag wurde ausgebaut und umfasst          Die hochwertigen Schrauben der Bos-         Fässler. Im Normalfall würden die Men-
     neu auch ganz kleine Schrauben und           sard AG werden unter anderem in der         gen stimmen. «Sonst liefe die Zusam-
     Sets mit gemischtem Inhalt. «Die Arbeit      Baubranche und in der Automobilindus-       menarbeit nicht schon derart lange.»
     ist ein Glücksfall für die Stiftung zur      trie eingesetzt. Roman Fässler von der
     Weid», freut sich Ruedi Hausheer, der        Bossard AG lobt die Zusammenarbeit                                    Georg Stalder
     Leiter der Schreinerei. «Die Arbeit eignet   mit der Stiftung zur Weid. «Die Mitarbei-

     Lehrabschlüsse in der Weid
                                                                                                  Herzlichen Glückwunsch,
                                                                                                  Andrea Papst, und vielen Dank für
                                                                                                  die wertvolle Abschlussarbeit
     Zwei Lernende in der Stiftung zur Weid       Mohammad Hosseini (vgl. letzte Seite)
     haben im Sommer ihre Lehre erfolg-           schliesst seine Integrationsvorlehre im         Nach dem einjährigen Praktikum im So-
     reich abgeschlossen. Simon Unternäh-         August ab. Er wird nahtlos die 3-jährige        zialdienst der Stiftung zur Weid hat
     rer, der auf S. 15 porträtiert wird, darf    Lehre zum Fachmann Betriebsunterhalt            Andrea Papst ihre Ausbildung zur Sozi-
     sich nun Landwirt EFZ nennen. Natta-         EFZ in der Stiftung zur Weid antreten.          alarbeiterin FH erfolgreich abgeschlos-
     wut Meesomsib hat die Abschlussprü-          Neu begrüssen wir Taher Hesko. Er wird          sen. In ihrer Abschlussarbeit widmete
     fung zum Küchenangestellten EBA ge-          in der Küche eine Integrationsvorlehre          sie sich den Bedürfnissen von jungen
     meistert. Er wird direkt im Anschluss die    beginnen.                                       Erwachsenen mit psychischen Krank-
     3-jährige Lehre zum Koch EFZ an-                                                            heiten. Sie erarbeitete ein Konzept, wie
     schliessen. Herzliche Gratulation den                                                        die Stiftung zur Weid diese jungen
     beiden!                                                                                      Menschen noch besser unterstützen
                                                                                                  und fördern kann. Dieses Konzept ist
     Neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter        Betreuung                                       eine wichtige Grundlage für die weitere
     Folgende Mitarbeiterinnen und Mitar-         Herr Stephan Wyss                               Entwicklung des Angebots der Stiftung
     beiter dürfen wir neu in der Weid be-        Betreuer, Zug, 15. Juli                         zur Weid.
     grüssen:                                                                                     Wir danken Andrea Papst herzlich für
                                                  Gastronomie                                     ihren tatkräftigen Einsatz in der Stif-
     Dienste                                      Herr Taher Hesko                                tung zur Weid sowie für die zahlreichen
     Frau Beatrice Angst                          Integrationsvorlehre Gastronomie,               wertvollen Anregungen, die sie einge-
     Sachbearbeiterin, Schlieren, 6. Mai          Hedingen, 19. August                            bracht hat.
Susan Wasem und
                                                                                          Walter Ponte

Offenheit und Wohlwollen                                                                                                              17
Susan Wasem blickt auf ihre ersten           Klienten sehr individuell und auf die ein-   tionen keine optimale Lösung, weil sich
zehn Monate als Teamleiterin des Sozi-       zelnen Bedürfnisse und Befindlichkeiten      schlicht Busse an Busse reiht», sagt Wal-
aldiensts zurück – und spricht mit Wal-      zugeschnitten gestaltet werden kann.»        ter Ponte. An die Stelle der Sanktionen
ter Ponte, dem Bereichsleiter Wohnen,        Dies erfordert Fingerspitzengefühl, eine     sollen individuelle Vereinbarungen tre-
über zeitgemässe Betreuungskonzepte.         funktionierende Zusammenarbeit und           ten, die die Klientinnen und Klienten
                                             eine offene, transparente Kommunikati-       unterstützen statt bestrafen.
Offenheit und Wohlwollen. Diese zwei         on aller Beteiligten. «Das macht die Ar-     Bis im Frühling 2020 wird die Stiftung
Worte kommen Susan Wasem als Erstes          beit spannend und lebendig», sagt Sus-       zur Weid nun diverse Abläufe überprü-
in den Sinn, wenn sie an ihren Arbeits-      an Wasem. Walter Ponte, Leiter des Be-       fen und anpassen. Walter Ponte ist es
beginn vor zehn Monaten in der Weid          reichs Wohnen, nickt. «Und die               dabei wichtig, den Fokus auf die Um-
zurückdenkt. «Ich wurde mit einer gros-      Individualität wird in Zukunft noch zu-      setzbarkeit zu legen. «Die Selbstbestim-
sen Offenheit und grossem Wohlwollen         nehmen.» Denn die Richtlinien des Kan-       mung soll nicht nur auf dem Papier statt-
empfangen, nicht nur von den Mitarbei-       tons Zürichs, an denen sich die Stiftung     finden, sondern im Alltag der Klientin-
tenden, sondern auch von den Klientin-       zur Weid orientiert, legen ihren Fokus       nen und Klienten zum Tragen kommen.»
nen und Klienten.»                           auf die Selbstbestimmung der Klientin-
Im September 2018 hat Susan Wasem            nen und Klienten. Ihre Möglichkeiten zur     Pionierarbeit
die Teamleitung Sozialdienst und Be-         Mitgestaltung und Mitwirkung sollen in       Ein Punkt, den die Stiftung zur Weid
treuung übernommen. Eine positive            Zukunft noch stärker ausgebaut wer-          über diese Zeitspanne hinaus beschäfti-
Stimmung im Team ist ein grosses Anlie-      den.                                         gen wird, ist eine Veränderung der Kli-
gen der diplomierten Pflegefachfrau und                                                   entel. Vermehrt jüngere Leute nehmen
ehemaligen Teamleiterin des Fachbe-          Mehr Autonomie                               das Angebot des betreuten Wohnens
reichs Psychiatrie der Spitex Kanton Zug.    Wie das konkret aussehen könnte, er-         und Arbeitens in Anspruch. Zu den bis-
«Ich sehe meine Rolle in der Unterstüt-      klärt Walter Ponte anhand des jährlich       herigen Diagnosen treten neue dazu,
zung der Mitarbeitenden, damit sie sich      stattfindenden Zielvereinbarungsge-          etwa die Online-Sucht, bei der Betroffe-
im Alltag ganz ihrer komplexen Aufgabe       sprächs. «Bisher war es Usus, dass die       ne übermässig viel Zeit vor dem Bild-
widmen können. Ein gutes Klima im            Beiständin oder der Beistand am Ge-          schirm verbringen (vgl. Artikel im Brief
Team überträgt sich automatisch auf die      spräch teilnahm. In Zukunft sollen die       von der Weid 1/2019).
Klientinnen und Klienten.»                   Klientinnen und Klienten selbst bestim-      In Zusammenarbeit mit der Hochschule
                                             men, wer dabei sein soll.» Auf Anregung      Luzern hat die Stiftung zur Weid ein
Fingerspitzengefühl                          des Kantons wird auch die Schaffung          Konzept zur Online-Sucht erstellt und
Die Stiftung zur Weid vereint Wohnen,        eines Bewohnerinnen- und Bewohner-           sucht den Austausch mit Fachpersonen
Arbeit und Freizeit unter einem Dach.        rats wieder ein Thema. Ein solches Gre-      und Institutionen «Wir nähern uns dem
Bereiche, die in anderen Lebenssituatio-     mium wurde bereits im Juli 2015 probe-       Thema aber erst an», gibt Walter Ponte
nen – und Betreuungssituationen – ge-        weise ins Leben gerufen, scheiterte aber     zu bedenken. «Die Diagnose ist Neuland
trennt sind. «Üblicherweise haben Sozi-      nach zwei Jahren an mangelnder Beteili-      – für alle.» Genau darin liegt für Walter
alarbeiterinnen und Sozialarbeiter kaum      gung.                                        Ponte aber auch eine Chance. «Mit ei-
Kontakt mit der Arbeitswelt ihrer Klien-     Ebenfalls überarbeitet werden die Sank-      nem fortschrittlichen Betreuungskon-
tinnen und Klienten», führt Susan Wa-        tionen, die bei Missachtung der Haus-        zept können wir Pionierarbeit leisten.»
sem aus. «In der Stiftung zur Weid ist die   ordnung – etwa beim Konsum von Alko-         
Verflechtung enger. Das ermöglicht,          hol im Zimmer – erteilt werden. «Für                                   Georg Stalder
dass die Arbeit mit den Klientinnen und      viele Klientinnen und Klienten sind Sank-
Lesetipp von
     Andreas von Känel

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     Silvia Götschi: Itlimoos                   und ist äusserst
     Tobias Bauer, Inhaber einer Informatik-    spannend. Bis zur
     firma, wird im Itlimoosweiher in Wol-      letzten Seite lässt er ei-
     lerau tot aufgefunden. Seine Firma ist     nen nicht mehr los.
     überaus erfolgreich im Bereich der
     Computer-Sicherheit. Im Geheimen hat       Silvia Götschi: Itlimoos. 2019.
     Bauer auch eine neue Software entwi-       ca. 16 Franken.
     ckelt, die verblüffend lebensechte Rei-
     sen in virtuelle Welten ermöglicht. Hat    Tipp:
     es jemand auf diese Erfindung abgese-      Vor dem Weid-Kafi befindet sich ein
     hen? Die Schwyzer Polizistin Valérie       offener Bücherschrank – er lädt zum
     Lehmann nimmt die Ermittlungen auf.        Ausleihen, Tauschen oder auch ein-
     Der Kriminalroman spielt nur 20 Kilo-      fach zum Mitnehmen einer spannen-
     meter von Mettmenstetten entfernt          den Lektüre ein.

     Mehr Platz unter der Matratze
     Vier Zimmer im kürzlich renovierten         hundertjährigen Gebäude sind eher            «Wir mussten Rücksicht nehmen auf die
     Hauptgebäude erhielten im Frühjahr ein      klein und stossen an die Grenze der kan-     räumlichen Begebenheiten und das üb-
     neues Bett – kein normales, sondern ein     tonal vorgeschriebenen Mindestwohn-          rige Mobiliar.» Besonders gefreut hat die
     Hochbett. Die neuen Schlafgelegenhei-       fläche.                                      junge Frau die Anteilnahme der Bewoh-
     ten bieten extra viel Stauraum unter der    Gezimmert hat die Hochbetten Leonie          nerinnen und Bewohner. «Sie haben
     Liegefläche – und können so einen           Sommer in der betriebseigenen Schrei-        den Einbau der Betten mit grossem Inte-
     Schrank oder eine Kommode einsparen.        nerei. «Alle vier Betten sind Massanferti-   resse verfolgt.»
     Die vier betreffenden Zimmer im über        gungen», erzählt die Antikschreinerin.                                Georg Stalder
Forstingenieurin Adrienne Frei gibt einen Einblick in die hiesige Insektenwelt   Steinhaufen: feindsichere Unterschlüpfe für Wiesel

Ein Tummelplatz der Natur                                                                                                                                      19
In den Büschen und Sträuchern der Stif-           Mai 2019, führte die Forstingenieurin                   wird, gibt es kaum einen Zentimeter, der
tung zur Weid wimmelt es nur so von               und Entomologin (Insektenkundlerin)                     keine Funktion erfüllt. «Die einheimi-
Insekten. Adrienne Frei, Expertin für             Adrienne Frei eine grosse Schar Interes-                schen Pflanzenarten sind dabei unglaub-
die Sechsbeiner, führte Interessierte             sierte, darunter auch einige Bewohner-                  lich wichtig», erklärt Adrienne Frei. «Denn
über das Gelände.                                 innen und Bewohner der Stiftung, über                   auf diese Arten haben sich die Insekten im
                                                  das Gelände und gab einen Einblick in                   Laufe der Evolution perfekt angepasst.»
Das Areal der Stiftung zur Weid ist für           die Welt der Krabbel- und Flugtiere.                    Organisiert wurde die kostenlose, rund
Insektenfreundinnen und -freunde eine             Der Lebensraum der Sechsbeiner ist mit-                 zweistündige Führung vom Verein
Fundgrube. Die Wiesen und Stauden,                unter winzig klein: ein Pilz an einem                   Freundeskreis des Werk- und Wohnhau-
der Wald, der Weiher und der Bach bie-            Baum, ein wenig Sand an einem Mäuer-                    ses zur Weid, der im Anschluss auch ein
ten Tausenden von unterschiedlichen               chen, ein verrotteter Wurzelstock. Wenn                 Cervelat-Bräteln offerierte.
Insekten eine Bleibe. Am Samstag, 18.             die Natur nicht künstlich eingepfercht                                              Georg Stalder

Wichtige Kleinstrukturen für Wiesel
Da Wiesel heutzutage immer weniger                Wiesel – damit sind das Hermelin und                    deren Gängen umher, im Winter auch
feindsichere Unterschlüpfe und Auf-               das Mauswiesel gemeint – sind die                       oft unter der Schneedecke. Und wenn
zuchtstätten sowie Deckung bietende               kleinsten einheimischen Raubtiere. Das                  sie sich an der Erdoberfläche aufhalten,
Strukturen in der Landschaft vorfinden,           Mauswiesel ist sogar das kleinste Raub-                 nutzen sie jegliche Deckungsmöglich-
ist es für diese zierlichen Mäusejäger            tier der Welt. Beide haben sich auf die                 keit. Obschon sie nachts wie tagsüber
schwierig, zu überleben. Deshalb wur-             Jagd nach verschiedenen Wühlmaus­                       aktiv sind, bekommt man sie deshalb
den in der Weid mit Ast- und Steinhau-            arten (Schermaus und Feldmaus) spezia-                  auch in Regionen mit gesunden Wiesel-
fen Kleinstrukturen geschaffen, die den           lisiert. Beiden Wieseln gemeinsam ist,                  beständen höchst selten zu Gesicht.
Wieseln, aber auch Kleinsäugern, Igeln            dass sie ein sehr verborgenes Leben füh-                Aber mit ein wenig Glück können Sie in
und Eidechsen Schutz und Deckung bie-             ren. Auf der Jagd nach Mäusen bewe-                     der Weid tatsächlich einem Wiesel be-
ten. Die Wiesel sind selten geworden.             gen sie sich vorwiegend unterirdisch in                 gegnen.        Text: Hansruedi Sommer

Wühlen nach Herzenslust
Schweine sind sehr neugierige Tiere – man         wurde ein sogenanntes «Wühlareal» ein-
sieht das unter anderem daran, dass sie           gerichtet. Eine Art Sandkasten, gefüllt mit
ihre Nasen überall hineinstecken. «Die Na-        Sägemehl. In ihm können die Schweine
se ist das sensibelste Organ des Schweins»,       nach Herzenslust wühlen und graben.
weiss Ivan Allaz, verantwortlich für die          Damit die Tiere nicht umsonst ihre Schnau-
New-Hampshire-Schweine in der Weid.               zen versenken, werfen die Mitarbeitenden
«In der freien Natur graben die Tiere mit         im Agrarbetrieb regelmässig eine Handvoll
ihrer Schnauze den Boden um auf der Su-           Maiskörner in das Wühlareal. Bereits beim
che nach Nahrung.»                                Klappern der Mais-Dose springen die Tiere
Seit Anfang Mai können die Schweine in            aufgeregt herbei. Die Freude an der neuen
der Weid ihren natürlichen Suchtrieb aus-         Anlage ist ihnen an der Nasenspitze anzu-
leben. Im grosszügigen Auslaufgehege              sehen.                    Georg Stalder
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