88 Resilienz Stabil leben in schwierigen Zeiten - Projekt FAMILIEN ...

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88 Resilienz Stabil leben in schwierigen Zeiten - Projekt FAMILIEN ...
PERSPEKTIVEN                                   88

          MAGAZIN FÜR GLAUBEN,
          LEBEN UND GEMEINDE

          Resilienz
          Stabil leben in schwierigen Zeiten
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2|   RESILIENZ

     Inhalt                                                      Das Abo

     3                    › Ein Abo der PERSPEKTIVEN ist kostenlos
          Editorial
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     12   Resilienz in der Wüste                 Manchmal gibt es ergänzend eine Sonderausgabe.
     14   Die Geborgenheit des Glaubens        › MD aktuell ist ein Newsletter mit Infos zur Arbeit
     16   Ein Indianer kennt seinen Schmerz      der Missionarischen Dienste Württemberg;
     17   Gottes Geist trägt mich durchs Leben   er erscheint etwa 3x jährlich.
     18   Natalies zweite Chance               › Sie können jede Publikation auf Papier gedruckt
     19   Du hast eine Wahl					                 oder digital beziehen.
     20   Stark werden in der Kindheit und Jugend
                                                                             Ihr direkter Weg zum ABO:
     22   Von Zwergen und Riesen                                             Die Abo-Seite im Internet
     23   Wie Spiritualität Kinder und Jugendliche stark macht               http://mdwue.de/aboservice
     26   Kinder brauchen Bezugspersonen
     27   Am Mittwoch um viertel nach zwölf ...                  Alternativ: Dieses Formular ausfüllen, abfotografieren
     29   Religionsunterricht erleben                            und per Mail an margret.illi@elk-wue.de senden:
     30   Jungschar und Kinderkirche –
          mehr als Peergroup und Schule                          Ihre Kontaktdaten
     32   Keine Kindheit ist wie die andere
     33   Freizeiten sind verdichtetes Leben                     Name:
     34   HomeChurch – wo ich immer willkommen bin               Mailadresse:
     35   Wie Liebe die Fremde zur Heimat macht
     36   Familien in schwierigen Zeiten begleiten               Bei einem Papier-Abonnement brauchen wir
     37   Unerschrocken in den Tod                               Ihre Postadresse:
     38   Im Alter stärker werden			                             Straße/Hausnr:
     39   I werd oid (Konstantin Wecker)                         PLZ und Ort:
     40   Einschränkungen hinnehmen und Kräfte entfalten
     43   Im Alter dem Leben eine neue Perspektive abgewinnen    Ihre Wahl
     44   Die „Schtond“ – Heimat für den Glauben
     46   Fröhlich altern                                        Ich will die PERSPEKTIVEN, das Magazin abonnieren:
     47   Biblischer Impuls: Selbstaufgabe durch einen
                                                                          Digital		Papier
          Schicksalsschlag – Fehlanzeige!
     48   Interview: Gott öffnet Türen
                                                                 Ich will MD aktuell, den Newsletter mit Infos zur Arbeit
     50   Ich wäre so gerne Lehrer geworden ...
                                                                 der Missionarischen Dienste Württemberg, abonnieren:
     51   Interview: Zum Aufgeben habe ich keine Zeit
     52   Miteinander essen – Wohltat für Leib und Seele		                Digital		Papier
     45   Bibel aktuell: Resilienz von Gott gegeben
     58   Im Leben betend Schritte wagen
     60   Was bringt’s?
     62   Schwierige Zeiten hinter sich lassen
     64   Widerstandskräfte wachsen durch das Beten mit Psalmen
     65   Glauben trotzt den Stürmen des Lebens
     67   Impressum und Kontakte
     67   Zu guter Letzt
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Liebe Leserinnen und Leser
der PERSPEKTIVEN,
„Sieh zu, dass du Land gewinnst!“ –                           Spielräume zu nutzen (siehe S. 19). Einige Artikel
Ein guter Ratschlag, wenn einer auf unsicherem                beschäftigen sich mit den Grundlagen, woher es
Boden steht. Aber wie gewinnt man festen Boden                kommt, dass manche Menschen wie Stehaufmänn-
unter den Füßen, wenn das Leben sich auf sturmum-             chen sind und andere nicht (vgl. Maike Rönnau-Böse
wogten Stegen abspielt? Nachdem mir der Boden                 S. 8, Bettina Hertel S. 40 und zur Geschichte und Idee
unter den Füßen weggezogen worden, mein Leben                 der Resilienzforschung S. 60). Die meisten Beiträge
ins Wanken gekommen ist, will ich wieder festen               vertiefen einen speziellen Aspekt über Resilienz in
Tritt unter die Füße bekommen. Von „stabil leben“             der Jugend, im Erwachsenenalter, im Alter. Es lohnt
wollen wir dabei gar nicht reden (oder doch?), aber           sich, hier auf Entdeckungsreise zu gehen. Nicht zu-
zumindest von „stabiler leben“.                               letzt sind die zwei Beiträge von Konstantin Wecker
                                                              für unser Magazin mehr als nur lesenswert, etwa
Vor kurzem hätte ich hier noch von individuellen Kri-         ganz launisch sein Song "I werd oid" oder seine be-
sen gesprochen, durch die jeder Einzelne von uns durch        denkenswert bitteren Aussagen über das Sterben in
muss. Die aktuellen schwierigen Zeiten sind jedoch ein        Coronazeiten (S. 39 und S. 53).
globales Phänomen. – Wieder einmal. Vor rund zwei
Jahrzehnten starb mein Großvater. Mit seiner Parkin-          Mich persönlich fordert die Frage heraus, wozu es
son-Erkrankung war er eine gebrochene Persönlich-             denn Glauben, Spiritualität und die Beziehung zu
keit. Er hatte den Krieg nie verkraftet. Dagegen strotzte     Jesus Christus braucht, wenn die meisten Resili-
der andere Großvater vor Kraft. Die Erfahrungen im            enz-Faktoren auch ohne Gott auskommen. – Oder
Nationalsozialismus hatten ihn tyrannisch gemacht.            doch nicht? (Vgl. Wilfried Veeser und Thomas Mayer
Doch er war innerlich unheilbar zerbrochen und zer-           ab S. 64, besonders aber Elias D. Stangl S. 14).
brach menschlich rund um sich herum alles, was nicht
rechtzeitig die Flucht ergriff. – Zeiten, die als Katastro-   Neben vielen großartigen Erzählungen, Tipps und
phen, Kriege, Krisen in die Geschichte eingegangen            Eindrücken aus aller Welt vergessen Sie die großfor-
sind, haben Gesellschaft, Kultur und die Persönlichkeit       matigen, oft sehr emotionalen Fotos nicht, die zum
jedes Einzelnen geprägt und tiefe Furchen darin hin-          Verweilen einladen und selbst schon eine kleine
terlassen. Erst spätere Zeiten werden zeigen, wie Men-        Therapie für die Seele sind, empfiehlt
schen unserer Zeit geprägt wurden von Lockdown und
Öffnung, Gewährung von Freiheiten und deren Wider-                               Ihr
rufung, Covid und Longcovid und Kontaktreduktion.

Aber sind wir wirklich nur das? – Der Psychologe
Viktor Frankl hat sich darüber Gedanken gemacht,
ob wir nicht doch mehr sein können sind als Kinder                               Thomas Wingert, Redaktionsleiter,
unserer Umstände. Er hat Mut gemacht, die inneren                                mit dem ganzen Redaktionsteam
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     RESILIENZ

     Stark werden als
     Erwachsener
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Das Leben ist ein Kraftakt. Auf Kraft und Balance kommt es an.
Doch immer wieder geraten wir dabei aus dem Gleichgewicht.
Auch und gerade in Lebensphasen, in denen wir uns sicher und
gefestigt fühlen. Wir suchen nach Kraftquellen, aus denen wir
schöpfen können.
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         Getragen in Gemeinschaft

   Wie eine Großfamilie leben die acht Christusträger-Schwestern   Das hilft auch in wirtschaftlicher Hinsicht weiter.
   aus Braunsbach-Hergershof zusammen. Sie sind eine evan-         Der Verein der Christusträgerinnen bekommt kei-
   gelische Kommunität und haben sich einem gemeinsamen            ne Kirchensteuereinnahmen, sondern arbeitet wie
   Leben ohne Besitz und Ehepartner verpflichtet. Eine             ein Kleinunternehmen. Die Kosten müssen gedeckt
   Verzichtsleistung, der jedoch ein Gewinn an anderer Stelle      sein und darüber hinaus noch etwas zum Leben
   gegenübersteht.                                                 bleiben. Zum Leben freilich brauchen sie nicht viel:
                                                                   Die Grundversorgung, ein eigenes Zimmer und ein
         Im Corona-Lockdown haben sie es mal wieder ge-            Taschengeld, das ist alles.
         spürt, was ihre Gemeinschaft wert ist. Während
         überall sonst Menschen über Isolation klagen, ein-        „Am Anfang war das schwer“, gibt Schwester Sig-
         sam oder zu zweit in einem Haushalt leben, fühlen         rid (61) zu, die mit Inge zusammen den Hergershof
         sie sich in ihrer großen Runde der acht Schwes-           leitet. Als sie 1983 eintrat, konnte sie sich ein Leben
         tern gut aufgehoben. Eigentlich sind sie ja sogar         fast ohne eigenes Einkommen kaum vorstellen. Die
         zu neunt: Denn Gott ist immer dabei, wenn sie in          sozialen Kontakte nach außen, das Briefeschreiben
         ihrem Haus in Braunsbach-Hergershof zusam-                und Telefonieren, wovon sollte sie das bezahlen?
         menkommen. „Die gemeinsamen Andachten und                 Am nächsten Tag kam von ihrer Mutter ein Päck-
         Gebetszeiten sind sehr wichtig, eine große Kraft-         chen mit vielen Briefmarken. „Es war wie ein Sym-
         quelle“, sagt Schwester Inge.                             bol“, sagt sie heute, „wir bekommen das, was wir
                                                                   brauchen.“
         Inge Majer (56) gehört zum Leitungsteam der Chris-
         tusträger-Schwestern in Hergershof. Acht Frauen           Längst hat auch Inge Majer erkannt, dass die
         leben dort unter dem Dach eines ehemaligen Bau-           Knappheit der persönlichen Besitztümer besondere
         ernhofs in Hohenlohe. Zwischen 37 und 78 Jahren           Qualitäten in sich birgt. Über ein Jahr lang hat sie
         sind sie alt, eine recht gute Mischung, erst kürzlich     auf eine Digitalkamera gespart. Als sie sie hatte, war
         kam mit Schwester Carmen eine neue Novizin dazu.          das etwas ganz Besonderes, eine Wertschätzung,
                                                                   die denen fremd geworden ist, die immer gleich
          Der Begriff stammt aus der Welt der Klöster. Und         alles kriegen, was sie haben wollen.
          ein wenig wie im Kloster ist das Leben der Schwes-
          tern ja auch: Sie verzichten auf persönlichen Besitz,    Die Christusträger-Schwestern teilen beinahe alles,
                            heiraten nicht und ordnen sich den     selbst ihre Freizeit. Einmal im Jahr mieten sie ein
Miteinander unterwegs sein
im Leben wie im Glauben
                            Regeln ihrer Gemeinschaft unter.       Ferienhaus und fahren zu acht in Urlaub. Belgien,
                            Wer ihnen begegnet, merkt das          Bayern, Rügen, der Spreewald. Es sind keine Luxus-
          zunächst kaum: Christusträger-Schwestern tragen          reisen, aber wertvolle Auszeiten, die die Verbun-
          keine Tracht, behalten ihre bürgerlichen Vorna-          denheit stärken. Miteinander unterwegs sein, für
          men und gehen teilweise ihren Berufen außerhalb          die Schwestern gilt das im Leben wie im Glauben.
          der Gemeinschaft nach.

                                                                   Die Autobahnkirche

                                                                   Viele kennen die Christusträger-Schwestern aus Braunsbach-
                                                                   Hergershof, weil sie für die Autobahnkirche auf der A6 am
                                                                   Rastplatz Kochertalbrücke verantwortlich sind. Die kleine
                                                                   Kirche ist Christophorus gewidmet, eben jenem Heiligen,
                                                                   der Christus trug. Christus tragen und sich von ihm
                                                                   tragen lassen: Beides ist Teil des Selbstverständnisses der
                                                                   Christusträger-Schwestern. Neben der Gemeinschaft in
                                                                   Hergershof finden sich weitere Schwestern-Kommunitäten
                                                                   in Künzelsau, Rödermark und Bensheim-Auerbach. Es
                                                                   gibt auch Christusträger-Brüder, die jedoch in einem
                                                                   eigenen Verein organisiert sind.

                                                                   Mehr über die Christusträger-Schwestern in Hergershof
                                                                   unter Tel. 07906 8671 | www.christustraeger-schwestern.de
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Natürlich gibt es dabei auch Konflikte. „Das ist so,      Der bestimmt sonst nämlich auch den Alltag
überall, wo Menschen sind“, sagen Schwester Inge          der acht Christusträgerinnen aus Braunsbach-
und Sigrid. Dann geht man einander auch mal aus           Hergershof: Bei Kirchengemeinderatsklausu-
dem Weg. Und braucht womöglich einen Dritten,             ren, Frauenfreizeiten und Einkehrtagen können
der die Initiative ergreift und den Impuls gibt: „Klärt   Außenstehende einen Eindruck des Lebens in der
doch das mal.“ Die Gemeinschaft als Helfer und Seis-      Kommunität bekommen. Viele, die schon einmal
mograph für größere und kleinere Erschütterungen.         da waren, haben geschrieben in der Zeit des Lock-
                                                          downs, Spendengelder geschickt, ihre Verbunden-
Das gilt auch für den Glauben. „Es gibt Zeiten, in        heit zum Ausdruck gebracht.
denen es schwerer fällt, in denen man zweifelt”,
sagt Schwester Inge. Dann ist es ein gutes Gefühl,        „Das tat sehr gut“, sagen Inge und Sigrid, die sich auf
nicht allein zu sein, gemeinsam vor Gott zu stehen        die Rückkehr der Gäste freuen. Die Zeit der Abge-
und loslassen zu können. Getragen in der Gemein-          schiedenheit haben sie dennoch nicht als trist und
schaft, die mehr ist als ein professionelles Zweck-       hoffnungslos erlebt, im Gegenteil: Die Corona-Pause
bündnis, sondern ein existentielles Ganzes.               war auch eine Phase des zur Ruhe Kommens, des
                                                          stillen Austauschs mit Gott und der demütigen
Die Christusträger-Schwestern sind füreinander            Erkenntnis, „dass nicht wir es sind, die alles im
da. Ohne Wenn und Aber. Vom ersten bis zum letz-          Griff haben“. Man darf sich Gott getrost anvertrauen
ten Tag. Die Alten werden versorgt, wenn sie nicht        und darauf bauen, dass nach einem strengen
mehr arbeiten, und helfen ganz nebenbei mit ihrer         Winter ein neuer Frühling kommt. Das Pflänzchen
Rente auch der Gemeinschaft weiter. In der Corona-        der Hoffnung, das im schönen Garten der Hergers-
Krise war das Ruhestandsgeld zweier Schwestern            hofer Schwestern liebevoll gehegt und gepflegt
ein wichtiger Bestandteil des wirtschaftlichen            wird.
Lebens, nachdem sämtliche Einnahmen aus dem
Gästebetrieb weggebrochen sind.

                                                          Andreas Steidel
                                                          ist Journalist und arbeitet unter anderem beim
                                                          Evangelischen Gemeindeblatt in Württemberg.
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         Was Menschen stark macht

   Was brauchen Menschen, um sich gesund zu entwickeln und      Entwicklungsaufgaben und weniger kritische All-
   mit Belastungen und Herausforderungen gut umgehen zu         tagssituationen zu bewältigen. Die Einzelkompeten-
   können? Aus der Perspektive der Resilienzforschung lassen    zen entwickeln sich in verschiedensten Situationen,
   sich darauf verschiedene Antworten finden. Eine Annäherung   werden unter Belastung aktiviert und manifestieren
   an einen spannenden Begriff, der längst auch ein Modewort    sich dann als Resilienz. Fingerle (2011) verwendet
   geworden ist.                                                in diesem Zusammenhang den Begriff des „Bewäl-
                                                                tigungskapitals“: „Über Bewältigungskapital zu
         Stärken, Fähigkeiten und Ressourcen stehen bei         verfügen bedeutet, Ressourcen zu identifizieren,
         dem Konzept der Resilienz im Vordergrund. Es           zu nutzen und über sie zu reflektieren, um eigene
         wird danach gefragt, was Menschen stärkt und wie       Ziele zu erreichen, das eigene Potential von Pro-
         sie darin unterstützt werden können, ihre Kompe-       blemen und Krisen weiter zu entwickeln und am
         tenzen zu entwickeln und zu entfalten. Dabei geht      gesellschaftlichen Leben teilzunehmen“ (ebd., S.213).
         es nicht darum, die Schwierigkeiten und Proble-
         me aus dem Blick zu verlieren, sondern anders mit      Unstrittig sind aber drei Merkmale, die als charak-
         ihnen umzugehen. Die Resilienzforschung kann           teristisch für das Konstrukt Resilienz angenommen
         inzwischen auf eine 50-jährige Geschichte zurück-      werden (Wustmann, 2011, S. 28f):
         blicken. Die Anfänge lagen in den 1970er-Jahren
         und können als Gegenbewegung zur Entwick-              1. Resilienz ist ein dynamischer Anpassungs- und
         lungspsychopathologie gewertet werden. Während            Entwicklungsprozess, d.h. Resilienz entwickelt
         letztere hauptsächlich Risikoeinflüsse auf die            sich aus einem Interaktionsprozess zwischen
         menschliche Entwicklung untersucht, steht im              Individuum und Umwelt und ist abhängig von
         Mittelpunkt der Resilienzforschung die positive           den bewältigten Ereignissen und den Erfahrun-
         Entwicklung von Individuen trotz schwieriger              gen, die wir im Laufe unseres Lebens machen.
         Bedingungen. Der Fokus liegt somit mehr auf den        2. Resilienz ist eine variable Größe, d.h. es handelt
         Schutzfaktoren und Ressourcen von Menschen –              sich bei Resilienz nicht um eine stabile Fähigkeit.
         unter gleichzeitiger Berücksichtigung der Risiken.        Im Hinblick auf eine Resilienz im Erwachsenenalter
                                                                   bedeutet dies, dass sich Resilienz im Laufe des
           Das Konzept der Resilienz, also die „psychische         Lebens eines Menschen verändert und Entwick-
           Widerstandsfähigkeit gegenüber biologischen,            lungen in jedem Lebensabschnitt möglich sind.
           psychologischen und psychosozialen Entwick-          3. Resilienz ist situationsspezifisch und multi-
           lungsrisiken“ (Wustmann, 2011, S.18) schreibt           dimensional. Resilienz ist kein allgemeingültiges
           dem Individuum eine aktive Rolle zu, die es ihm         und universelles Phänomen, sondern zeigt sich
           ermöglicht, durch soziale Unterstützung Belas-          eher in verschiedenen Bereichen unterschiedlich.
           tungen und Entwicklungsaufgaben erfolgreich zu          D.h. die Fähigkeit, mit belastenden Lebenssitua-
           bewältigen. Die weltweit durchgeführten – inzwi-        tionen umzugehen, kann sich auch in verschie-
           schen 19 – Langzeitstudien konnten eine Reihe           denen Lebensbereichen unterscheiden.
           von Schutz- und Resilienzfaktoren nachweisen, die
                          eine gelingende Entwicklung unter     Die vielfach positiven Ergebnisse dürfen aber
Eine Krise zu bewältigen  Risikobedingungen     unterstützen    gleichzeitig nicht über eine kritische Entwicklung
bedeutet nicht, dass sie
einem nichts anhaben kann und   möglich machen    (vgl. dazu    hinwegtäuschen: Resilienz ist zu einem Mode-
                          Rönnau-Böse & Fröhlich-Gildhoff,      wort geworden, das Konzept wird allzu häufig als
           2020). Inzwischen wird das Konzept der Resilienz     Allheilmittel für unterschiedlichste Situationen
           auf viele verschiedene Bereiche angewendet und       verwendet und nicht selten für wirtschaftliche und
           findet sich in jeder Fachdisziplin. Dies führt zu    politische Zwecke missbraucht (Ungar et al., 2013;
           einer Vielzahl an Definitionen und Anwendungs-       Karidi, Schneider & Gutwald, 2018). So schießen
           möglichkeiten.                                       immer mehr Resilienztrainings aus dem Boden, die
                                                                bei genauerem Hinsehen nur ihr Label verändert
         In einer weitergefassten Definition wird Resili-       haben: Was vorher Stressbewältigungsprogramm
         enz als eine Kompetenz verstanden, die sich aus        war, wird jetzt unter einem neuen Namen verkauft
         verschiedenen Einzelfähigkeiten zusammensetzt          und vor allem dem Laien suggeriert, dass jeder
         (vgl. z.B. Rönnau-Böse & Fröhlich-Gildhoff, 2020).     für sein Schicksal selbst verantwortlich ist – das
         Diese Kompetenzen sind nicht nur relevant für          individuelle Verhalten soll sich ändern, die
         Krisensituationen, sondern auch notwendig, um          Verhältnisse nicht.

                                                                                                          Fortsetzung ›
88 Resilienz Stabil leben in schwierigen Zeiten - Projekt FAMILIEN ...
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NICHTS KANN DEN MENSCHEN
MEHR STÄRKEN ALS DAS VERTRAUEN,
DAS MAN IHM ENTGEGENBRINGT.  
– PAUL CLAUDEL
88 Resilienz Stabil leben in schwierigen Zeiten - Projekt FAMILIEN ...
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          Schutz- und Resilienzfaktoren

           Die seit Beginn der Resilienzforschung durchge-             für eine resiliente Entwicklung. Diese Selbstwirksam-
           führten Langzeitstudien konnten einen Kern von              keitserwartung wird insbesondere dadurch gefördert,
           Schutzfaktoren identifizieren, die eine unangepass-         wenn andere Menschen mir etwas zutrauen und mir
           te Entwicklung verhindern oder abmildern sowie              meine Kompetenzen spiegeln. Sich selber bewusst-
           die Wahrscheinlichkeit einer positiven Entwicklung          machen, welche Situationen im Leben gut bewältigt
           erhöhen. Dabei kann zwischen personalen und sozi-           wurden und welche der eigenen Fähigkeiten dazu
           alen Ressourcen unterschieden werden. Eine hohe             beigetragen haben, hilft diese Stärken auf die jetzige
           Bedeutung kommt dabei einer unterstützenden und             Situation zu übertragen. Weitere Resilienzfaktoren
                                    zugewandten Beziehung zu.          sind z.B. Problemlösefähigkeiten, damit verbunden
Positive Beziehungen eröffnen
spätere Entwicklungsmöglichkeiten Die Befunde der zahlreichen          ist eine Planungskompetenz, strategisches Denken
                                    Studien zu diesem sozialen         und Reflexionsfähigkeiten oder auch sich selber
           Schutzfaktor machen deutlich, dass eine warme,              regulieren zu können.
           emotionale Beziehung zu mindestens einer Be-
           zugsperson nicht nur im Kindesalter eine große              Eine Krise zu bewältigen bedeutet allerdings nicht,
           Rolle spielt, sondern ebenso für das Erwachsenenal-         dass sie einem nichts anhaben kann. Ein Resilienzpro-
           ter bedeutsam ist. Wustmann (2011, S.352) bezeich-          zess beinhaltet immer auch Trauer, Angst, Schmerz
           net diese Personen als „Schlüsselpersonen …[die]            oder auch Wut. Der Unterschied ist dann aber, ob man
           als ‚Türöffner‘ für neue Perspektiven und Möglich-          in diesen Gefühlen gefangen bleibt oder es schafft,
           keiten fungieren, Kraft und Zuversicht ausstrahlen          diese zu überwinden. Hier geht es aber auch nicht
           oder Wärme und Geborgenheit geben“. Positive Be-            darum, dass dies besonders schnell gehen muss:
           ziehungen haben nicht nur unmittelbare Auswir-              Krisen und Belastungen zu überwinden bedeutet
           kungen, sondern tragen maßgeblich zur resilienten           auch, sich den damit verbundenen Gefühlen zu stellen
           Entwicklung über die Lebensspanne bei bzw. eröff-           und sie zu durchleben. Das ist anstrengend und be-
           nen spätere Entwicklungsmöglichkeiten. Der Erfah-           nötigt viel Kraft. Die Bewältigung der verschiedenen
           rung einer stabilen Beziehung kommt deshalb eine            Belastungen mag gelingen aufgrund verschiedener
           besondere Position im Lebensverlauf zu. Aber auch           Schutzfaktoren, der Weg dahin wird dadurch aber
           unterstützende soziale Netzwerke, wie z.B. die              nicht zwangsläufig einfacher für die Betroffenen.
           Gemeinde, ein Verein, ein Freundeskreis o.ä. sind
           hilfreich in Krisensituationen. Die schützende Wir-         Resilienz entwickelt sich aus einem Zusammenspiel
           kung von kulturellen Traditionen und Religionen             von Risiko- und Schutzfaktoren. Beide Aspekte sind
           liegt in der Bereitstellung von Ritualen und Struktu-       notwendig, sonst laufen wir Gefahr, alles wieder
           ren zum Umgang mit verschiedenen Situationen, wie           nur aus einer Perspektive zu betrachten und das
           z.B. Sterberituale, Gebete oder Meditationen. Letztere      Konzept der Resilienz auf reine Ressourcenorien-
           unterstützen die Fähigkeit, sich selbst regulieren zu       tierung zu verkürzen.
           können; die Verbundenheit mit Gott oder anderen
           spirituellen Figuren kann ein Gefühl der Sicherheit         Literatur:
                                                                       ____
           erzeugen (vgl. Crawford, Wright & Masten, 2006).            Crawford, E., Wright, M.O.D. & Masten, A.S. (2006). Resilience and
                                                                       spirituality in youth. In P.L. Benson, E.C. Roehlkepartain, P.E. Kind &
                                                                       L. Wagener (Eds.), The handbook of spiritual development in child-
          Personale Schutzfaktoren, auch Resilienzfaktoren             hood
                                                                       ____ and adolescence (pp.355-370). Thousand Oaks, CA: Sage.
          genannt, sind Fähigkeiten, die sich durch Erfahrun-          Fingerle, M. (2011). Resilienz deuten – Schlussfolgerungen für die
                                                                       Prävention. In M. Zander (Hrsg.), Handbuch Resilienzförderung
          gen in der Interaktion mit der Umwelt und durch er-          (S.208-218).
                                                                       ____          Wiesbaden: VS.
          folgreiche Bewältigung von Entwicklungsaufgaben              Karidi, M., Schneider, M. & Gutwald, R. (2018). Resilienz.
                                                                       Interdisziplinäre Perspektiven zu Wandel und Transformation.
          entwickeln. Beispielhaft soll hier die sogenannte            Wiesbaden:    Springer.
                                                                       ____
          Selbstwirksamkeitserwartung genannt werden. Da-              Rönnau-Böse, M. & Fröhlich-Gildhoff, K. (2020). Resilienz und
          runter wird die Fähigkeit verstanden, sich Situationen       Resilienzförderung über die Lebensspanne. 2. erw. u. akt. Auflage.
                                                                       Stuttgart:
                                                                       ____       Kohlhammer
          nicht hilflos ausgeliefert zu fühlen, sondern eigene Stär-   Ungar, M., Bottrell, D., Tian, G-X & Wang, X. (2013). Resilienz: Stärken
          ken und Ressourcen zu kennen und adäquat einzuset-           und Ressourcen im Jugendalter. In C. Steinebach, & K. Gharagabi
                                                                       (Hrsg.), Resilienzförderung im Jugendalter (S.1-20). Berlin: Springer
          zen. Die Bewertung eines Ereignisses als Resultat eige-      ____
                                                                       Wustmann, C. (2011). Resilienz. Widerstandsfähigkeit von Kindern
          ner Handlungen erweist sich hier als besonders relevant      in Tageseinrichtungen fördern. Weinheim: Beltz

                                                                       Prof. Dr. Maike Rönnau-Böse
                                                                       ist Professorin und Studiengangsleitung für Pädagogik der
                                                                       Kindheit an der Evangelischen Hochschule Freiburg. Ihre
                                                                       Arbeitsschwerpunkte als Co-Leitung des Zentrums für
                                                                       Kinder- und Jugendforschung liegen im Bereich der Resilienz
                                                                       und Gesundheitsförderung.
                                                                       | roennau-boese@eh-freiburg.de
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Hauskreise und Kleingruppen                                  Mit einer Pizza fing alles an

Hauskreise und Kleingruppen können Menschen zu               Nach meinem Schulabschluss, als alle Mitschüler in die
Resilienz verhelfen, wenn in den Gruppen verlässliche        weite Welt verteilt waren, stand ich etwas verloren bei
und vertrauensvolle Beziehungen aufgebaut werden.            einer Gemeindeveranstaltung herum. Da war eine Grup-
Vertrauen in der Gruppe entwickelt sich, wenn Ver-           pe von Menschen, die ich vom Sehen her kannte. Sie
schwiegenheit nach außen vereinbart wird.                    luden mich für die nächste Woche zum Pizzaessen ein.
Gruppenmitglieder können dann ihre Gefühle frei              Ich wusste noch nicht, dass sie einen Hauskreis bildeten.
äußern und die anderen Gruppenmitglieder sollten             Aber ich spürte, sie wollten, dass ich dazu gehöre. Zuerst
empathisch zuhören, ohne Lösungsvorschläge zu                ging ich wegen der Pizza hin, aber so nach und nach
unterbreiten. Wenn alle bereit sind, an ihren persön-        habe ich gemerkt, da steckt mehr dahinter. Das ist eine
lichen Problemen Anteil zu geben, entwickelt sich            besondere Gemeinschaft. Wir sind Freunde, wir gehören
Vertrauen untereinander. Entwickeln Hauskreise diese         zusammen, so unterschiedlich wir auch sein mögen.
„geschützte Atmosphäre“, dann ist es für die Mitglieder      Diese Pizza hat mein Leben geprägt. Nein, natürlich hat
eine Hilfe zur psychischen Stabilität. Der Glaube an         mich der Hauskreis geprägt. Aber dort habe ich fest-
Gott ist eine weitere Säule von Resilienz. Diese entfaltet   gestellt: Ich bin meinem Hauskreis so wichtig, dass ich
sich in den Gruppen, indem die Mitglieder sich im            dazu gehören darf. Das hat mein Selbstwertgefühl und
Glauben gegenseitig ermutigen und bei Zweifeln und           mein Selbstvertrauen erheblich gesteigert. Das ist lange
Problemen einander zur Seite stehen. Diese Unterstüt-        her. Den Hauskreis gibt es nicht mehr, aber viele Freund-
zung kann auch praktische Hilfe sein.                        schaften sind geblieben. Und mein Selbstvertrauen auch.

                    Markus Munzinger                                             Daniela Reiner
                    ist Diakon und leitender Referent für                        ist Datenbank-Consultant und
                    Kleingruppen- und Hauskreisarbeit.                           ehrenamtliche Vorsitzende des
                                                                                 Landesarbeitskreises für
                                                                                 Kleingruppen- und Hauskreisarbeit.
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       Resilienz in der Wüste
Wir sind unterwegs zu einem Flüchtlings-Camp im Sudan.          Als wir uns dem Unterstand von Abrar nähern,
Einige Journalisten sind bei uns. Sie wollen Menschen           sehen wir sie zusammengesunken unter der Plane
interviewen, die vor dem Krieg im Darfur geflohen sind.         sitzen. Die Nachbarn schütteln den Kopf und sagen,
Das Camp liegt bei der Stadt Nyala im Süd-Darfur. Verschie-     dass Abrar bisher nicht viel gesprochen hätte.
dene Organisationen arbeiten in diesem Camp. Wasser,
Hirse, Medizin, Kochgeschirr ... Alles brauchen die Menschen, Wir bleiben in respektvoller Entfernung stehen. Der
die es lebend hierher schaffen. Und heute wollen wir solche   Übersetzer William geht bis zum Unterstand und
Menschen interviewen.                                         klatscht in die Hände. Als Abrar müde aufblickt,
                                                              beginnt er zu sprechen. Er gestikuliert, weist zu
       Frau Abrar ist vor zwei Tagen im Camp angekom-         uns hinüber. Als Abrar uns da in der Sonne stehen
       men. Sie hat ein Massaker überlebt. Das Dorf,          sieht, scheint plötzlich Bewegung in sie zu fahren.
       in dem sie und ihr Mann mit den Kindern lebte,         Sie springt auf, wischt sich mit einem Zipfel
       wurde überfallen. Bewaffnete trieben alle Leute        ihres Tuches Staub und Schweiß vom Gesicht.
       zusammen. Die meisten Männer und                                 Mit heller Stimme gibt sie Anwei-
       ältere Jungen wurden gleich auf dem                EINE          sungen an umherstehende Kinder.
       Dorfplatz gefoltert und getötet. Ihr          AFRIKANISCHE       Diese rennen los. Sie schickt weitere
       Mann und ihre Söhne starben vor ihren         DEFINITION VON     weg, klatscht ermunternd in die Hände.
       Augen. Von den Kindern, die das Massaker        RESILIENZ        Kurz darauf kommen die Kinder
       überlebten,    wurden     die    meisten                         beladen mit Holzbänken, Sitzkissen,
       mitgenommen, wohl als Kindersoldaten. Und bevor        Wasserkanistern, Plastikbechern; sogar eine Art
       die Rebellen abzogen, warfen sie etliche Leichen in    Fächer aus einer Astgabel und einem Stück
       den Brunnen und sprengten diesen dann. Nach drei       schwarzer Plastiktüte bringt ein Junge daher.
       Tagen Marsch durch die Wüste kamen Abrar und           Und ganz schnell verwandelt sich der elende
       einige Überlebende im Camp an.                         Not-Unterstand in einen kleinen Empfangssaal,
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                                                          PRAXISTIPP: SO WIRD RESILIENZ LEBENDIG

                                                          Den Lebens-Akku auffüllen
                                                          Um im Alltag kraftvoll und gesund zu agieren, be-
                                                          nötigen wir ausreichend Lebens-Energie. Auch wir
                                                          modernen Menschen können nicht mehr Energie
                                                          verbrauchen, als wir zur Verfügung haben. Unsere
                                                          mobilen Endgeräte versorgen wir stets sehr schnell
                                                          an der nächsten Steckdose, meist schon bevor die
                                                          Energieanzeige auf Rot steht.

                                                          Doch wie sieht es mit Ihrem persönlichen Lebens-
                                                          Akku aus? Denken Sie daran, diesen stets rechtzei-
sogar mit einem Teppich als Unterlage. Und                tig mit Energie zu versorgen! Dabei hilft Ihnen eine
aus der traurigen Frau, die alles verloren hat,           Bestandsaufnahme: Wie gefüllt ist mein Lebens-Akku
ist in wenigen Minuten eine umsichtige                    im Moment?
Gastgeberin geworden, die uns mit einem klei-
nen Empfang ehrt. Wir bekommen frisches                   Zeichnen Sie sich ein Sinnbild für Ihren Lebens-
Wasser, später Tee, dann noch Hirsebrot und               Akku! Das kann ein Fass, eine Batterie oder etwas
Bohnen. Sie fragt, wie unsere Reise war, wie              Ähnliches sein. Anschließend spüren Sie in sich
es uns geht, sie fragt nach unseren Familien              hinein: Wie voll ist Ihr Speicher? Wieviel Energie steht
und trägt uns auf, Grüße auszurichten.                    Ihnen momentan zur Verfügung? Dann notieren Sie
Erst nach einer guten Stunde können die                   sich auf der linken Seite alle Gedanken, Dinge, Perso-
Journalisten erste Fragen stellen. Und erst viele         nen und Situationen, die Ihnen Energie rauben. Rechts
Stunden später brechen wir zum Rückweg auf.               notieren Sie alles, was Ihnen Energie gibt.
Abrar und eine große Schar Camp-Kinder be-
gleiten uns bis zum Auto und winken uns nach.             Auf welcher Seite haben Sie mehr notiert? Sind Sie
Wir fahren in die Stadt zurück mit dem etwas              überrascht? Stimmt Ihre Energiebilanz? Fühlen Sie
fremden Gefühl, auf einem Fest gewesen zu                 sich im Gleichgewicht? Was werden Sie gleich mor-
sein – als Ehrengäste.                                    gen unternehmen, um Ihre Lebensenergie langfristig
                                                          und nachhaltig zu stärken? Seien Sie es sich wert,
Auf der Rückfahrt fragen wir William, wie eine            denn das Tun, nicht das Wissen, macht den Unter-
so trauernde und traumatisierte Frau wie Abrar            schied! Sorgen Sie jeden Tag bewusst für eine positive
so schnell zur Gastgeberin werden konnte.                 Energiebilanz.
William denkt lange nach. Dann sagt er: „In
unserem Volk lernen wir das schon als Kinder:                                Waltraud Koller
Nichts, was uns passiert, wie schlimm auch immer,                            ist Resilienzbegleiterin mit eigener Praxis
                                                                             in Reutlingen. Sie weiß aus Erfahrung,
ist wichtiger als das Wohlergehen eines Gastes.                              wie wichtig es ist, dass Menschen,
Denn Gäste bringen Kraft, Ehre und Gemeinschaft                              die sich für Kirche, Familie und Schule
in unser Leben.“ Und dann fügt er hinzu: „Und                                engagieren, auf sich aufpassen.
daraus – daraus entsteht Würde und Respekt – und
die gibt neue Kraft, auch im größten Schmerz.“ –
Eine großartige, afrikanische Definition von
Resilienz.

                 Matthias Hiller
                 ist Seelsorger an Flughafen und Messe.
                 Von 1995 bis 2013 war er für den
                 EJW-Weltdienst in verschiedenen
                 Ländern Afrikas unterwegs. Im Sudan
                 hat er vor allem in der Flüchtlings-
                 und Katastrophenhilfe gearbeitet.
                 | www.ejw-weltdienst.de
14 |   RESILIENZ

          Die Geborgenheit des Glaubens

   Das Wort Resilienz ist in der Pädagogik positiv besetzt,     Ein dritter Aspekt ist spezifisch für Resilienz: Die
   weil es mit psychischer Widerstandskraft zu tun hat. Viele   gelingende Auseinandersetzung mit widrigen Um-
   glaubende Menschen wissen zudem, dass der Glaube die         ständen hat positive Folgen. Diese Folgeerscheinun-
   persönliche Entwicklung unterstützen kann. Gibt es darin     gen werden positiv wahrgenommen; sie werden im
   etwas, das uns stark macht?                                  Begriff Gedeihen gebündelt. Zum Gedeihen gehören
                                                                Offenheit gegenüber Lernprozessen, Lebenszufrie-
          Mit dieser Frage habe ich mich wissenschaftlich       denheit und die Entfaltung der Persönlichkeit. Die-
          einige Jahre auseinandergesetzt. In einer Stu-        se geschieht in einer steten Interaktion zwischen
          die habe ich aufgezeigt, inwiefern aktiv gelebter     der Person und ihrem Umfeld und findet lebenslang
          Glaube zu Resilienz beiträgt. Resilienz setzt vor-    statt. Nach Frankl „‘ist‘ der Mensch Person und ‚wird‘
          aus: Es gibt mindestens eine Widrigkeit (Krise        Persönlichkeit“; diese wird von der Liebe geprägt,
          oder Schicksalsschlag). Schwierigkeiten müssen        dem „tiefste(n) Ja zum Leben“ (Böschemeyer 84).
          sodann bewältigt werden und die Entwicklung
          des Einzelnen verläuft mittel- oder langfristig po-   Und welche Rolle spielt der Glaube?
          sitiv. In diversen Publikationen zur personalen
          Resilienz ist man sich einig, dass Beziehungen bzw.   Glauben vollzieht sich im Zusammenwirken von
          soziale Vernetzung die wichtigste Rolle spielen:      konfessioneller Zugehörigkeit und selbst geleb-
          Eine Vertrauensperson oder ein emotional stabi-       ter und verantworteter Spiritualität. Letztere ge-
          ler Kontakt ist ein entscheidendes, aber nicht das    schieht in großer Vielfalt und Weite. Vier Dimensi-
          alleinige Kriterium für Resilienz.                    onen sind elementar:

          Inwiefern betreffen Krisen und Resilienz jeden?       Erfahrung: Für die Entwicklung von religiösem
                                                                Glauben ist die Erfahrung einer vertrauensvollen
         Jeder Mensch ist im Laufe seines Lebens immer wie-     Beziehung zu einer Person zentral. Menschliche
         der zu Veränderungen herausgefordert. Sie sind         Begegnung und auch der Weg zu Gott setzen Ver-
         von außen verursacht oder rühren her aus einem         trauen voraus (vgl. Krenzer 74ff).
         Wandel der Einstellung oder des Entwicklungsver-
                          laufs. Stets werden dem Menschen      Wissen und Fühlen: Hier geht es um Glaubenswis-
Entscheidungen bergen     Entscheidungen abverlangt. Auch       sen. Glaubensinhalte werden gelernt und als Le-
immer gewisse Risiken und
können zu Krisen führen   Veränderungen zu ignorieren ist       benswissen erschlossen. Es entsteht eine Haltung
                          eine Entscheidung. Entscheidun-       des Vertrauens, denn auch Wissen erschließt sich
         gen bergen immer gewisse Risiken und können zu         nicht rein rational. Es bleibt auf die Lebenserfah-
         Krisen führen. Diese entstehen durch Veränderun-       rung der Menschen bezogen und steht damit im
         gen oder aufgrund von Entscheidungssituationen.        Zusammenhang. Einige qualitativ-empirische Stu-
         Störungen und Probleme im Lebensverlauf gehören        dien zum christlichen Glauben beschreiben reli-
         unabdingbar zum Leben.                                 giöse Emotionen, etwa das Wachsen eines Gefühls
                                                                der Geborgenheit oder des Getragenseins von der
          Was ist das Besondere an Resilienz?                   Güte Gottes, gepaart mit einem Gefühl der Freiheit.
                                                                Religiöses Wissen und religiöses Gefühl bilden eine
          Das Konzept der Resilienz zielt auf Handlungs-        untrennbare Einheit, in der sich das einzigartige
          oder Entwicklungsergebnisse und nimmt Bezug auf       Verhältnis zwischen Gott und Mensch vollzieht.
          meistens zwei Aspekte:
                                                                Handeln: Weder reine Innerlichkeit noch allein die
          1. Eine Schwierigkeit wird bewältigt. Das kostet      äußerlich nachvollziehbare Handlung machen die
          Kraft und Energie und kann zur vorübergehenden        christliche Frömmigkeit aus. Alles, was spirituell
          Beeinträchtigung der Leistungsfähigkeit und Le-       erfahren wird, drängt (vgl. 2 Kor 5,14a) den Men-
          benszufriedenheit führen.                             schen zu Bekenntnis und Tat. Insofern ist der Glau-
                                                                be eine Verbindung von Theorie und Praxis.
          2. Der Prozess der Bewältigung führt nicht zu einer
          körperlichen Krankheit oder psychischen Störung,      Potenzial: Glaube, der einer vertrauensvollen Er-
          vielmehr wird der ursprüngliche stabile Zustand       fahrung entspringt und gelebt wird, hat Potenzial.
          wiedererlangt.                                        Die Heilspraxis Gottes kann auf die Überwindung
RESILIENZ   | 15

der Krise des Menschen zielen. Zur Vielfalt des Le-
bens mit schwierigen und guten Phasen gehören
                                                                        ZUM GEDEIHEN GEHÖREN
Krisen – auch Glaubenskrisen. Sie können dazu                           OFFENHEIT GEGENÜBER
führen, dass sich zu einem anderen Zeitpunkt der
Glaube in der Krise als hilfreich erweist. Glaube hat                   LERNPROZESSEN,
bergeversetzende, neuschaffende Kraft, weil sich
zu ihm die Macht Gottes gesellt. Er kann persönlich
                                                                        LEBENSZUFRIEDENHEIT
bedeutsame und heilvolle Veränderungen bewir-                           UND DIE ENTFALTUNG
ken (Lk 7,50; 8,48; 17,19). Bei allen Höhen und Tie-
fen ist der Glaube relevant für das Leben.                              DER PERSÖNLICHKEIT
Resümee

»Vertrauen ist das Fundament, auf dem alle unsere
Entwicklungs-, Bildungs- und Sozialisierungspro-
zesse aufgebaut werden« und das jedes Individuum
»braucht, um sich der Welt und anderen Menschen
offen … zuwenden und auch schwierige Situationen
meistern zu können« (Hüther 51). Vertrauen ist
also nicht nur Grundhaltung des Glaubens, sondern
auch Voraussetzung für Prozesse des Gedeihens.
Es ist entscheidend sowohl für Sinngebung des Da-
seins, Bewältigung der Angst vor dem Tod und an-
deren Krisen als auch für Gewinnung und Stärkung
eines Selbstwertgefühls. Haltung und Handlung
im Glauben stehen stets »mit Sinnorientierung in
einem positiven Zusammenhang und fördern …
Lebenszufriedenheit und positive Gestimmtheit«
(Grom 203). Glaube trägt entscheidend bei zur Ent-
wicklung von Resilienz. Eine offene Haltung der
Person ermöglicht Entwicklung und führt dazu,
dass Gott das Seine dazu gibt. »Damit ihr durch den
Glauben das Leben habt« (Joh 20,31).

Ein Leben im Glauben führt im Sinne der bibli-
schen Botschaft zu einer Fülle an Leben. Wenn
Menschen aufeinander bezogen bleiben, werden
sie auch Wichtiges im Leben teilen: Begabungen
werden eingesetzt, sodass Verantwortlichkeit
zum Ausdruck kommt; Liebe wird gelebt, sodass
bei der liebenden Person ebenso wie bei der ge-
liebten Freude wachsen.

Literatur:
____
Frankl,
____ Viktor E., Der leidende Mensch, Bern 1984
Böschemeyer,
____           Uwe, Warum es sich zu leben lohnt, Salzburg 2010
Krenzer,
____     Ferdinand, Morgen wird man wieder glauben, Limburg 2000
Hüther, Gerald, Resilienz, in: Günter Opp, Was Kinder stärkt,
München 2007

                         Dr. Elias D. Stangl
                         hat sich in seiner Doktorarbeit mit dem
                         Thema „Resilienz durch Glauben?“
                         beschäftigt. Er ist Fortbildungsbeauftragter
                         bei der Katholischen Jugendfürsorge der
                         Diözese Augsburg e.V.
16 |   RESILIENZ

          Ein Indianer kennt seinen Schmerz

   Wer seine Gefühle zulässt, fühlt sich besser. Der Schmerz,        Wie gut tut es, wenn ich mit den biblischen
   der geäußert werden darf, entlastet die Seele. Die Bibel kann     Geschichten entdecken darf, dass ich mit meinen
   helfen, ehrlicher zu sich und der Welt zu sein.                   Gefühlen von Gott gemacht, gesehen und gewollt
                                                                     bin. Und dass ich sie bei Gott auch ausleben darf, weil
            „Was löst das in Ihnen aus?“ – So lautet eine der häu-   er mich aushält: laut und leise, wimmernd und herz-
            figsten Fragen, die während eines Kurses bei Stufen      lich lachend, zermürbt und voller Enthusiasmus. –
            des Lebens gestellt wird. Die Frage nach den Gefühlen
            in bestimmten Alltagssituationen. Und genau diese –      Im Kurs „Beten – Atemholen der Seele“ tauchen wir
            Alltagssituationen oder auch bekannte Alltagsgefühle –   ein in die Geschichte von der „Heilung des besesse-
Alltagssituationen und
                            begegnen uns in vielen biblischen        nen Knaben“ aus Mk 9. Vater und Sohn sind ganz
Alltagsgefühle begegnen Geschichten. Wir können uns darin            eng durch die Krankheit verbunden. Aneinanderge-
uns eigentlich in jeder     selbst entdecken. Wir kommen darin       bunden. Ihre Lebensgeschichten miteinander ver-
biblischen Geschichte
                            vor, manchmal eher versteckt, aber       woben. Kenne ich das? Welche Gefühle löst dieses
            manchmal schauen wir uns durch sie direkt in die Au-     Bild in mir aus? Ich weiß um die Beziehung zu mei-
            gen, wie in einen Spiegel, der uns vorgehalten wird.     nem Vater, auch um die problematischen Punkte.

          Diese Frage nach den Gefühlen in mir ist zentral für       Ich kenne diese biblische Geschichte, unzählige
          mein Leben. Gefühle wahrnehmen zu können, sie              Male gehört. Und dann spricht mich dieses Boden-
          zu benennen, sie zu achten und mit ihnen adäquat           bild im Kurs an. Vom Erkennen und Verstehen
          umzugehen macht mich stark für meinen Alltag,              komme ich ins Fühlen. Diese Gefühle in mir fangen
          für mein Leben – macht mich sozusagen resilient.           an zu brodeln – wie im Kochtopf das Wasser anfängt
                                                                     zu simmern – und die ersten Wasserblasen kommen
          Nicht jeder lernt das Wahrnehmen der eigenen Ge-           in Form von Tränen aus mir heraus. Ich bin berührt.
          fühle von Kindesbeinen an. Immer noch sind wir             Und da ist Jesus mit im Bild. Er hat die Verbunden-
          beim Erziehen unserer Kinder gut dabei, Heulsusen          heit gelöst und Sohn und Vater in die Freiheit ge-
          auszubremsen, „Indianer, die den Schmerz runter-           führt. Er ist es in diesem Moment in mir, der die
          schlucken“, zu loben und Kinder zu dämpfen, die vor        Gebundenheit zu meinem Vater an dieser wunden
          Freude laut jubeln: ja nicht zu viel Gefühl zeigen!        Stelle löst. Etwas in mir wird freier. Festgezurrte
                                                                     Aussagen über mich lockern sich. Ich kann aufrech-
          Wie gut tut es da, wenn Raum geschaffen wird, in           ter stehen. Beide Beine fester auf den Boden stellen.
          dem Gefühle sein dürfen, angesprochen werden               Dem Leben entgegenschauen mit Kraft.
          und miteinander ausgehalten werden.

                                                                     Damaris Friedrich
                                                                     leitet das Werk „Stufen des Lebens“ (SdL). Sie sie
                                                                     findet es faszinierend, wie sich biblische Geschichten
                                                                     mit der eigenen Lebensgeschichte verbinden lassen.
                                                                     | www.stufendeslebens.de
RESILIENZ        | 17

Gottes Geist trägt mich durchs Leben

Als Erstgeborener von vier Jungs in meiner Familie           Dadurch begegnen sie auch diesem himmlischen Vater
lernte ich schon früh, Verantwortung zu übernehmen           und ihr Herz wird berührt und erfüllt. Heute, viele Jahre
und für andere da zu sein. Schon beim ersten Mal in          später und um viele Erfahrungen reicher, auch mit den
der Jugendarbeit erlebte ich, wie Annahme und Wert-          herausfordernden und anstrengenden im Leben, darf ich
schätzung mein Herz erreichte und stärkte. Werte, die        genau das erleben: Gott trägt mich mit seiner Liebe und
ich sonst in meinem Alltag im Fußballverein und in der       Gnade, im und durch dieses Leben.
Schule nicht so wahrnahm, geschweige denn in der Fir-
ma, in der ich lernte und in fünf Jahren kein einziges       Ein starkes Erlebnis hatten meine Familie und ich an
Wort des Lobes hörte.                                        Heiligabend 2019. Unterwegs auf der A8 hat sich unser
                                                             Auto auf regennasser Fahrbahn zweimal überschlagen.
Auf meiner Reise des Glaubens spürte ich die Verände-        Wie durch ein Wunder hatten wir nur leichte Blessuren.
rung in meinem Leben. Einen ersten Höhepunkt erlebte         Wir sind dankbar für das Geschenk unseres Lebens.
ich, als ich durch Gottes Geist erkennen durfte, dass Gott
mein himmlischer Vater ist. Er ist voller Liebe und Gnade                        Aleko Vangelis
für mich und nimmt mich genauso an, wie ich bin! Das                             ist Consultant bei Steinbach & Partner
Loch, dass ich als junger Mensch verspürte und das mir                           in Deutschland. Zuvor war er einige Jahre
mein irdischer Vater nicht füllen konnte, wurde dadurch                          Leitender Referent von SoulDevotion, einer
gefüllt. Seitdem kann ich nicht nur gestärkt durchs                              Jüngerschaftsbewegung, die Menschen
Leben gehen, sondern ich kann den Menschen auch mit                              aus verschiedenen Gemeinden, Organisa-
dieser Liebe, Annahme und Wertschätzung begegnen.                                tionen und Kirchen verbindet.
18 |   RESILIENZ

            Natalies zweite Chance

     Seit einem schweren Motorradunfall ist Natalie Henkel (36)       Auch ihre Familie war immer für sie da. Vater, Mut-
     querschnittgelähmt. Eine Schockdiagnose, doch sie hat sich ins   ter, der große Bruder. Zu ihnen zieht sie zurück, ins
     Leben zurückgekämpft. Die Familie und der Glaube haben ihr       Haus nach Dettingen an der Erms. Auf dem Weg zu-
     Kraft gegeben.                                                   rück in die Selbstständigkeit braucht sie Hilfe. Sie hat
                                                                      Schmerzen, kann manchmal nicht fassen, wie immo-
            An den 4. Juni 2015 hat Natalie Henkel nur noch           bil sie ist. Doch sie gibt nie auf. Schritt für Schritt
            vage Erinnerung. Eine Kurve bei Blaubeuren, Roll-         geht es voran. Bald auch im ganz wörtlichen Sinne:
            splitt, ein schwerer Sturz, Blackout. Koma und Quer-      Mit einem Rollator und Schienen kann sie selbst ein
            schnittlähmung, kurz nach ihrem 30. Geburtstag.           paar Meter gehen. Sie macht den Führerschein für
            Das Leben einer sportlichen jungen Frau war von           ein Spezialfahrzeug mit Rolli-Verladesystem. Auto-
            heute auf morgen zum Stillstand gekommen.                 fahren ohne fremde Hilfe, was für ein Luxus.

            Das Erstaunliche ist, dass Natalie Henkel sich schon      Natalie Henkel will nichts schönreden. Nicht jeder
            früh mit dem Tod beschäftigt hatte. Zum Zeitpunkt         Tag ist gleich, nicht jede Stunde voller Hoffnung.
            des Unfalls besaß sie eine Patientenverfügung, die        Und doch kann sie dem Leben wieder sehr viel ab-
            besagte: keine künstliche Beatmung! Also schalte-         gewinnen. Auf eine ganz neue Weise lernt sie die
            ten die Ärzte am nächsten Tag die Maschine ab.            alltäglichen Dinge schätzen. Wo früher alles immer
                                                                      schnell gehen musste, lässt sie sich nun Zeit: fürs
            Es war das erste Wunder, dass ihre eigene Atmung          Essen, Natur genießen, Sonne tanken, mit anderen
            sofort wieder zurückkam. „Ich habe eine zweite            Menschen zusammen sein.
Auf eine ganz neue     Chance bekommen“, sagt sie heute, auch
Weise die alltäglichen wenn sie mit den Rahmenbedingungen             „Ich bin sehr dankbar“, sagt sie. Im Winter hielt sie
Dinge schätzen lernen
                       dieser zweiten Chance zunächst nicht gut       einmal am Straßenrand an und ließ sich vom glit-
            umgehen konnte: Das Leben ging weiter, aber auf           zernden Schnee auf den Tannenzweigen verzau-
            ziemlich reduzierte Weise.                                bern. „Ich hatte Tränen in den Augen“, erzählt sie,
                                                                      „ein himmlischer Moment.“
            Sie hat oft mit Gott gesprochen in jenen Tagen.
            Geschrien, geschimpft, ist mit ihm laut geworden.         Natalie Henkel ist zurück im Leben. Es ist ein Kampf,
            „Das hat mir Kraft gegeben, das Gefühl, nicht allein      noch immer. Die täglichen Mühen und Schmerzen.
            zu sein, auch in den einsamen Stunden zu spüren,          Aber jeder noch so kleine Fortschritt zählt. Und
            dass jemand da ist“, erinnert sie sich. Geglaubt hat      jeder noch so kleine Moment. Sie hat den Unfall
            sie schon immer, doch nun bekommt alles eine ganz         überlebt, Gottseidank, auch wenn es nie wieder so
            existenzielle Bedeutung.                                  sein wird wie vorher.
                                                                                                             Andreas Steidel
RESILIENZ   | 19

     Du hast eine Wahl

Das Leben verläuft selten in geordneten Bahnen. Immer wieder   Man mag sich fragen, ob eine solche Lebenskraft
gibt es Höhen und Tiefen, ebene und krumme Wege. Dabei ist     und innere Orientierung nur besonderen Personen
es erstaunlich, wie manche Menschen selbst in aussichtloser    vorbehalten ist. Ich glaube nicht. In meiner Zeit
Lage nicht verzweifeln. Ein Beispiel aus dem Konzentrations-   als Krankenhausseelsorgerin bin ich immer wie-
lager und dem Alltag Schwerstkranker.                          der Menschen begegnet, die diese Wahl für sich
                                                               getroffen haben, mehr zu sein
     Was bleibt uns, wenn uns Schweres geschieht,              als ein schwerkranker Mensch. Ich       bin mehr als das,
                                                                                                    was ich erleiden muss
     Unabänderliches in unser Leben tritt? Sind wir un-        So erstaunlich es klingen mag:
     serem Schicksal einfach ausgeliefert? Auch wenn           Ich habe bei ihnen Freiheit gefunden, über die Ge-
     wir es nicht ändern können, haben wir eine Wahl,          genwart ihres Leidens hinauszusehen, sei es, dass
     uns zu ihm zu verhalten. Dass dies selbst unter un-       der Blick sich dankbar zurückrichtete auf stärkende
     menschlichsten Bedingungen möglich ist, hat der           Erfahrungen in der Vergangenheit oder vorausging
     jüdische Neurologe und Psychiater Viktor Frankl in        zu freudigen Ausblicken in die Zukunft. Was ich bei
     seinem Buch „… trotzdem Ja zum Leben sagen“ ein-          diesen Menschen erlebt habe, geht über das vielge-
     drücklich beschrieben. In extremer trostloser Situ-       priesene positive Denken hinaus. Dieser innere Weg
     ation in mehreren Konzentrationslagern findet er          des Erkennens, ich bin mehr als das, was ich erleiden
     Kraft, indem er über das Vorfindliche hinausblickt        muss, mehr als das, was mir angetan wird, gehört für
     in eine Zukunft. Er stellt sich vor, dass er in einem     mich zur Würde und Größe des Menschseins.
     hellen, warmen Vortragssaal steht und vor einem
     interessierten Publikum einen Vortrag hält über           Eine solche Widerstandskraft finde ich im „Den-
     die Psychologie des Konzentrationslagers. So ist es       noch“ der biblischen Psalmen: „Dennoch bleibe ich
     ihm immer wieder möglich, zu seinem eigenen Leid          stets an dir, denn du hältst mich bei meiner rechten
     einen Abstand zu gewinnen, sich nicht von ihm ver-        Hand“ (Psalm 73,23). Ich muss mein Leben nicht auf
     schlingen zu lassen und auch nicht abzustumpfen.          meinen eigenen Schultern tragen. Ich muss mich
     Im Gegenüber zu seinen Mitgefangenen will er die          nicht selbst halten. Dies zu wissen, weniger im Kopf
     Menschlichkeit nicht aufgeben.                            als viel mehr im Herzen, das setzt in mir Kräfte frei
                                                               und lässt mich über meine engen Grenzen hinaus-
                                                               sehen und auch hinausgehen.

                                                               Gertraude Kühnle-Hahn
                                                               ist Leiterin des Seminars für Seelsorge-Fortbildung
                                                               im Evangelischen Bildungszentrum im Haus Birkach.
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       RESILIENZ

       Stark werden in der
       Kindheit und Jugend
RESILIENZ   | 21

Zunächst sind es meistens Eltern, die ihren Kindern zeigen,
wie sie Hindernisse im Leben überwinden, Grenzen sprengen
und aus Niederlagen gestärkt hervorgehen können.
Später treten schulische und außerschulische Wegbegleiter
mit weiteren Impulsen dazu. Religiöse Erziehung kann diesen
Prozess des Erwachsenwerdens begleiten und entscheidend
fördern, so dass aus Kindern souveräne Erwachsene werden.
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       Von Zwergen und Riesen

Für die Pionierin der Resilienzforschung, Emmy Werner,           Biblische Geschichten stärken Kinder in dem
stand es zweifelsfrei fest: Eine religiöse Überzeugung ist ein   Glauben, dass sich die Dinge letztlich zum Guten
Schutzfaktor im Leben von „Risikokindern“, wie sie Kinder mit    wenden werden. Dieses Grundvertrauen ist zentral
ungünstigen Startbedingungen nannte. Aber wie genau kann         für die Bildung von Resilienz. Wo ein Kind sich mit
der Glaube Kinder stark machen?                                  den Personen biblischer Geschichten identifiziert,
                                                                 geschieht noch etwas weiteres. Das Kind erschließt
       Da steht er. Für sein Alter genau richtig. Aber im        für sich die Möglichkeit, ebenso in Beziehung zu
       Vergleich zum Riesen auf der anderen Seite: win-          einem starken und fürsorglichen Gott treten zu
       zig. Das grölende Lachen aus dem feindlichen Lager        können wie David, Mose oder Mirjam. Im besten
       lässt keinen Zweifel daran, dass ihn niemand dort         Fall werden die Geschichten so erzählt, dass das
       ernst nimmt. Für David ist das kein Grund, den Mut        Kind spürt: Dieser Gott ist auch mir zugewandt
       zu verlieren oder gar zu resignieren. Ungerührt           und wird mich in einer Notlage nicht allein lassen.
       zückt er seine Steinschleuder, legt einen Stein ein,      Tatsächlich zeigt die Forschung, dass stärkende
       wirbelt ihn durch die Luft, lässt los. Das Lachen ver-    Bindungserfahrungen auch in der Gottesbeziehung
       stummt sofort. Der Zwerg hat den Riesen erlegt.           gemacht werden, vorausgesetzt ihr liegt ein positives
                                                                 Gottesbild zugrunde.
       Ein einfacher Baustein religiöser Erziehung ist das
       Erzählen von biblischen Geschichten. Die Bibel ist    Gottesbeziehung und Gottesbild entstehen nicht
       voller „Resilienz-Geschichten“. Geschichten, die      im luftleeren Raum. Sie entstehen beim Hören
       davon erzählen, wie der Held und die Heldin eine      von Geschichten, beim Erleben und Gestalten von
       scheinbar ausweglose Situation meis-                              Ritualen, im Spüren von Geborgenheit,
       tern, tiefe Krisen überwinden und über GRUNDVERTRAUEN IST im Beobachten und selbst Ausprobieren
       sich hinauswachsen. Mose, Mirjam,            ZENTRAL FÜR DIE      von Gebeten, im Mithineingenommen-
       Joseph, Esther, Bartimäus. Die Liste BILDUNG VON RESILIENZ Werden in die Gottesbeziehung ande-
       ließe sich lange fortführen. Natürlich,                           rer und in den vielen Augenblicken
       „Resilienz-Geschichten“ gibt es auch im säkularen     dazwischen. Wo ein Kind in seiner Familie davon
       Kontext. Aber mehr noch als säkulare Geschichten      etwas erfährt, da wächst auch die Zuversicht, als
       haben biblische Geschichten das Potential, den Blick  Zwerg einen Riesen erlegen zu können.
       über die Alltagsrealität und -not hinaus zu weiten.
       Sie erzählen von einer größeren Wirklichkeit
       und von einem Gott mit größeren Möglichkeiten
       zur Überwindung von Krisen.

                                                                 Mirjam Wolfsberger
                                                                 ist Pfarrerin an der Jakobus-Gemeinde in Tübingen.
                                                                 Während ihres Master-Studiums im Fach „Religion
                                                                 und Psychotherapie“ hat sie sich ausführlich mit dem
                                                                 Thema Resilienz befasst.
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     Wie Spiritualität Kinder und Jugendliche stark macht

Spiritualität ist einer der großen Faktoren im Leben junger              Folgende Elemente sind Teile von
Menschen, der sie in einzigartiger Weise stärken oder                    stärkender Spiritualität:
auch Schaden nehmen lassen kann. Daher ist es wichtig,                   • Glaube an eine liebevolle höhere Macht
sowohl die stärkenden Seiten von Spiritualität zu kennen als             • Achtung und Respekt gegenüber allen
auch deren Schattenseiten.                                                 Wesen – und somit auch sich selbst gegenüber
                                                                         • Akzeptanz, dass andere Weltsichten
     Dabei besteht keineswegs Einigkeit darüber, was                       ebenfalls wertvoll sind
     Spiritualität eigentlich ist.                                       • Förderung von Gemeinschaft
                                                                         • Prinzipielle Offenheit gegenüber allen, statt z.B.
     Die meisten Definitionen beinhalten jedoch die                        nur einer speziellen Elite, einer speziellen Rasse
     folgenden Punkte:                                                     oder nur einem Geschlecht offen zu stehen
     • Das Erleben von Transzendenz und/oder die                         • Eigenverantwortlichkeit wird ebenso betont
       Überzeugung, dass neben der Alltagsrealität noch                    wie das Vertrauen auf die höhere Macht
       eine höhere Realität existiert (z.B. Gott). Diese ist             • Ausrichtung, die beinhaltet, dieses Leben zu
       für unser Leben zentral und es gilt, sich an ihr                    genießen sowie dessen Herausforderungen gut
       auszurichten.                                                       zu bewältigen.
     • Praktiken, die das Ziel haben, mit dieser höheren
       Realität in Kontakt zu leben und dieser einen                     Die folgenden Elemente wirken dagegen
       Platz im eigenen Leben zu geben.                                  schädlich bzw. schwächend:
     • Das Bestreben, das eigene Potential voll zu entfalten.            • Annahme einer überwiegend bösen oder
                                                                           strafenden höheren Macht
     Alle gängigen Spiritualitätsdefinitionen beinhalten                 • Annahme der Überlegenheit der eigenen
     zudem das Suchen und/oder Finden von Sinn. Und                        Gruppe sowie Hass, Abwehr, Herabwürdigung
     dies ist bereits der erste große Resilienzfaktor: das                 oder Ausgrenzung einzelner bzw. von Gruppen
     Leben an sich, alles Geschehen um sich herum so-                    • Alleiniger Wahrheitsanspruch
     wie das eigene Handeln als sinnvoll zu erleben. Wo                  • Verantwortungsabgabe an andere oder
     immer Sie jungen Menschen helfen, Sinn zu erleben                     die höhere Macht
     und sinn-voll zu handeln, stärken Sie diese.                        • Geringachtung des Lebens und komplette
                                                                           Ausrichtung auf ein Jenseits
     Stärkende und schädliche Spiritualität                              • Zwang, sich einem spirituellen Weltbild zu
                                                                           unterwerfen oder Nötigung zu spirituellen
     Kinder und Jugendliche mit einer stärkenden Spi-                      Handlungen, die den eigenen Werten
     ritualität haben u.a. ein besseres Selbstwertgefühl,                  widersprechen.
     sind körperlich und psychisch gesünder, erleben
     bessere Beziehungen, haben mehr Verantwor-                          Kinder und Jugendliche mit einer solchen Spiritu-
     tungsgefühl, zeigen mehr ehrenamtliches Engage-                     alität zeigen nicht nur deutlich weniger der oben
     ment, sind weniger anfällig für Drogen und kom-                     benannten Eigenschaften, sie sind auch gewalt-
     men seltener mit dem Gesetz in Konflikt.                            bereiter sowie anfälliger für Extremismus und
                                                                         Fanatismus.

                                                                                                                           Fortsetzung ›

                                                         Martin Baierl

                        Praxishandbuch Ritualeendhilfe
                        für die Kinder- und Jug                          Buchempfehlung
                                                        r erleben
                        Spiritualität als Resilienzfakto
                                                                         Spiritualität ist einer der großen Resilienzfaktoren für erfolg-
                                                                         reiche Krisenbewältigung und positive Lebensgestaltung.
          Autor Titel

                                                                         Rituale sind dabei universelle Werkzeuge, um Spiritualität als
                                                                         Ressource nutzen zu können.

                                                                         Martin Baierl:
                                                                         Praxishandbuch Rituale für die Kinder- und Jugendarbeit
                                                                         174 Seiten | Erschienen im Oktober 2020
                                                                         bei Vandenhoeck und Ruprecht
                                                                         Preis: 20 € | ISBN-13: 9783525690123
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