B+k Berichte und Kommentare - Evangelisch erneuern
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2/2021
++ Berichte und
Kommentare
• Wer hat das Sagen in der Kirche?
• Angstfrei miteinander reden
• Eine Ökonomie des Lebens
• Die Zachäus-Kampagne
• Enkeltaugliche Politik
• Theologen in der Politik
• Studientag am 25. September
Arbeitskreis
Evangelische
Erneuerung2 Inhalt
3 Editorial
4 Wer hat in unserer Kirche das Sagen? / Lutz Taubert
7 Kirche in der Welt – Kirche für das Heil: Die Arbeitskreise in der Synode /
Hans-Gerhard Koch
10 Angstfrei miteinander reden – Heinrich Bedford-Strohm
12 Forderung nach einer Ökonomie des Lebens in einer Zeit der Pandemie –
eine Botschaft der Weltkirche
14 Die Zachäus-Kampagne / Hans-Gerhard Koch
16 Die NATO geht raus aus Afghanistan / Lutz Taubert
18 Nachhaltig? Nachhaltig! Wie halten es die Parteien mit einer enkel-
tauglichen Politik? / Gerhard Monninger
23 Klimakiller Videokonferenz? / Gerhard Monninger
25 Impfen für alle – oder nur für die Reichen? / Gisela Voltz
27 Personalplanung wird schwieriger – Nicht den Mut verlieren! /
Thomas Prieto Peral
29 Wenn Theologen in die Politik gehen / Hans-Willi Büttner
31 Schon mal was vom AEE gehört? Interview mit zwei Angehörigen der
jüngeren Pfarrergeneration / Gerhard Monninger
33 AEE intern: Studientag: „Corona als Brennglas für Gesellschaft
und Kirche“
Bericht aus dem Leitenden Team
Editorial
Aus den Regionalgruppen
Namen und Adressen
36 Das LetzteEditorial 3
Juli 2021 mie nur gelingen kann, wenn sie welt-
Ich schreibe dieses weit gelingt.
Editorial in Ver- Bald ist Bundestagswahl. Gibt es eine
tretung für Hans- „enkeltaugliche“ Politik? Gerhard Mon-
Willi Büttner, der ninger stellt dazu einige Fakten dar, die
ernsthaft erkrankt auch als Prüfsteine für die jeweiligen
ist und sich im Wahlprogramme taugen.
Moment auf seine Unsere Kirche hat einen aufwändigen
Gesundheit kon- Personalplan beschlossen, der Stellen-
zentrieren muss. Er lässt alle herzlich kürzungen im Umfang des Mitglieder-
grüßen, und wir alle sollten an ihn den- rückgangs vorsieht. Was aber, wenn wir
ken und für ihn beten. auch die reduzierten Stellen mangels
„Wer hat in unserer Kirche das Sagen“ – Nachwuchs nicht besetzen können? Das
das ist ein erster Schwerpunkt unseres haben wir Kirchenrat Prieto Peral, den
Heftes. Wenn es gut geht, kann unsere Planungsreferenten unserer Kirche ge-
Landessynode im November wieder im fragt.
Rasthof Strohhofer an der Autobahn A 3 Am 25.September, am Tag vor der Bundes-
coronakonform, aber leibhaftig tagen. tagswahl, wollen wir unseren Studien-
Es zeigt sich schon, dass das Profil der tag (früher Jahrestagung genannt) im
Arbeitskreise und auch die kommenden eckstein in Nürnberg halten. Wir mei-
Führungspersonen sich ändern. Was ist nen, dass die Covid-19-Pandemie wie ein
„konservativ“, was ist „progressiv“? Lesen Brennglas zeigt, was in Gesellschaft und
Sie die Selbstvorstellungen der drei Ar- Kirche nicht gut läuft und diskutieren
beitskreise und dazu einen Auszug aus das mit Alexander Jungkunz von den
dem Bericht des Landesbischofs! Nürnberger Nachrichten und Professor
Wie wird, wie muss die Welt nach der Ark Nitsche, Regionalbischof i.R..
Pandemie aussehen? Ein bemerkens- Die Mitgliederversammlung wird mög-
wertes Papier aus der Ökumene fordert licherweise spannend, wenn Hans-Willi
auch uns heraus. Auf jeden Fall wird die Büttner eine Nachfolgerin oder einen
Frage spannend, wer die Zeche bezahlt. Nachfolger braucht. Auf jeden Fall braucht’s
Dazu hat die „Zachäus-Kampagne“ der den AEE, gerade weil in mancher Hin-
kirchlichen Weltbünde eine klare Mei- sicht die Karten in Kirche und Gesellschaft
nung. Nur von unseren Landeskirchen neu gemischt werden,
hört man da nichts. Warum wohl? meint Ihr
Gisela Volz von MissionEineWelt fragt,
ob nur die Reichen geimpft werden sol-
len, oder ob die Bewältigung der Pande- Dr. Hans-Gerhard Koch4 Unsere Kirche Arbeitskreise in der Synode: Unbekannt, wichtig Wer hat in unserer Kirche das Sagen? Wer hat die Lufthoheit in unserer Kirche? In diesen Worten formuliert klingt unser Thema militaristisch und nach Stammtisch und ziemlich kämpferisch. Und passt so gar nicht zur Idee eines „magnus consensus“ (große Übereinstimmung), die gerade auch im bayeri- schen Protestantismus gepflegt wird. Und doch wollen wir es wissen: Wer bestimmt die Diskurse in unserer Kirche? Welche Kräfte sind da überhaupt– kirchenpolitisch, theo- logisch – zu benennen? In unserer säkularen, politischen Repu- ment drei Arbeitskreise, die drei durchaus blik ist ziemlich klar – formalrechtlich – unterschiedliche kirchenpolitische oder wer das Sagen hat. Letztlich, oder rich- auch theologische „Lager“ repräsentieren. tiger gesagt, ursächlich unser vom Volk Das sind: der eher konservative Arbeits- gewähltes Parlament. Das ist das Prinzip kreis Gemeinde unterwegs, die mehr der repräsentativen Demokratie. progressive Offene Kirche, und seit eini- Und wer hat in unserer bayerischen gen Wahlperioden gibt es einen Dritten Landeskirche das Sagen? Nach unserem Arbeitskreis, der sich ausdrücklich so „presbyterial-synodalen“ Selbstverständ- nennt, um nicht leichthin als die Mitte nis (dem Pendant zu unserem säkularen zwischen links und rechts abgetan zu Demokratie-Prinzip) ist das die (aller- werden. dings nur mittelbar vom Kirchenvolk ge- Überhaupt wehren sich die Arbeitskreise, wählte) Landessynode, die alle wichtigen die der Idee einer Parlamentsfraktion doch Entscheidungen in kirchlichen Angelegen- durchaus entsprechen, mit spitzen Fin- heiten trifft – von der Gesetzgebung gern dagegen, als eben solche Fraktionen über die Finanz- und Stellenplanung bis bezeichnet zu werden. Die Offene Kirche hin zur Ordnung des kirchlichen Lebens. schreibt ganz bewusst in ihrer Selbst- Sie wählt den Bischof, sie ist sogenann- darstellung: Wir sind keine Fraktion, uns tes kirchenleitendes Organ. eint eine offene, gesellschaftsbezogene Und wie nun funktioniert dieses Kir- Grundorientierung. chenparlament (wie es in der säkularen Desgleichen Gemeinde unterwegs: „Bei Öffentlichkeit gerne bezeichnet wird) uns gibt es keinen Fraktionszwang und im Inneren? Wenn wir diese Analogie keine festgelegten Diskussionsergebnis- ziehen, hätten wir in der Synode, wie im se.“ Und der Dritte Arbeitskreis sagt, man politischen Parlament, Fraktionen, die habe das „Lagerdenken“ überwunden und von (Kirchen-)Parteien gespeist werden betreibe gerade nicht die Polarisierung und verschiedene (kirchen-)politische zwischen „fortschrittlich“ und „beharr- Richtungen widerspiegeln. Tatsächlich lich“. Ist das nicht der indirekte Hinweis, haben wir im bayerischen Kirchenparla- dass es also doch ein Lagerdenken gibt?
Unsere Kirche 5 Hat sie das Sagen? Synodalpräsidentin Annekathrin Preidel bei der digitalen Tagung der Landes- synode © epd-Bild/ McKee/ ELKB Für den Kirchenjournalisten Achim Schmidt, ein politischer Akteur, der zur Beendigung Chefredakteur des „Evangelischen Presse- des Ost-West-Konflikts eine Menge zu diensts“, der seit über 30 Jahren die Syn- sagen und beizutragen hatte, die Themen ode beobachtet, über sie berichtet und Gerechtigkeit (bei uns zu Hause wie auch ihre Wirkung kommentiert, steckt in die- weltweit), Frieden, immer stärker dann ser Wortklauberei um Kirchenparlament auch „Bewahrung der Schöpfung“ an- und Fraktionen vor allem dieses: ging. Unsere Kirche, und damit eben auch Ein Beispiel für den seither allmählich sich unsere Synode, war einst, von ihrem vollziehenden Rückzug der Kirche aus der Selbstverständnis her und auch in ihrer Politik war die sogenannte „Friedenssyn- Wirkung und Reichweite in die „Welt“ ode“ 2019 in Lindau. Das selbst gesetz- hinein, politischer, heute ist sie das te Schwerpunktthema Frieden wurde immer weniger. Es ist, als ob man sich überlagert von anderen Themen wie mehr als früher als Kirche mit sich selbst etwa derinnerkirchlich wichtige, außer- beschäftigt. halb der Kirche indes kaum bekannte Gerade um die Wendezeit (um 1990) war „PuK“-Prozess. PuK steht für „Profil und unsere Kirche, und damit vor allem un- Konzentration“ und handelt vor allem sere Synode und deren Arbeitskreise, von der innerkirchlichen Verteilung be-
6 Unsere Kirche grenzter Ressourcen (sprich Mitarbeiter Freilich: Arbeitskreise sind, im Gegen- und finanzielle Mittel) einer Kirche, die satz zur öffentlich tagenden Synode, immer weniger Mitglieder hat, der – zu- „geschützte Orte“. Das ist, so Schmidt, mindest in mittlerer Zukunft - immer „eine Welt hinter verschlossenen Tü- weniger Geld zur Verfügung steht, die ren“, in die selbst Kirchenjournalisten schließlich ihrer politisch-gesellschaft- (es sei denn, sie sind gewählte Synodale) lichen Bedeutung verlustig geht. Was keinen direkten Einblick haben. Alles in braucht man da noch politische Fraktio- allem sind sie damit, was für ein Parado- nen? xon, „unbekannt, aber wichtig“. Hinter Gleichwohl haben die Arbeitskreise wich- verschlossenen Türen wird vorentschie- tige Funktionen in der Synode: Sie „zie- den! Die Synode selbst ist nur noch der hen die Linien“, so drückt es Schmidt aus, Vollzug. das heißt: In den Arbeitskreistreffen (und Und so geben wir auf die Frage: „Wer hat eben nicht im Plenum) wird informiert, eigentlich das Sagen in unserer Kirche?“ diskutiert, Meinung gebildet, hier wer- die Antwort: Erst einmal findet das wich- den Personalentscheidungen und auch tige Ansagen und Vorhersagen in unse- andere synodale Entscheidungen vor- rer und für unsere Kirche in den synoda- bereitet, man hält Probeabstimmungen len Arbeitskreisen statt. Und auch wenn ab, die Arbeitskreise achten auch darauf, die einst deutliche Zuordnung in kir- dass sie sowohl im Präsidium der Syn- chenpolitische Lager verblasst, so gibt´s ode als auch im Landessynodalausschuss halt immer noch die grundsätzliche Ein- ihrer Mitgliederstärke entsprechend teilung: die Progressiven, die Konserva- vertreten sind. Und haben den Blick auf tiven (die beide, geschätzt, sich in etwa die Arbeit der synodalen Ausschüsse. die Waage halten), und dann noch eine So halten sie, wieder Zitat Schmidt, das dritte Kraft. Synodengeschehen „in Balance“. Lutz Taubert
Unsere Kirche 7
„Offene Kirche“ – „Gemeinde unterwegs“ – „Dritter Arbeitskreis“: Die Arbeitskreise
der bayerischen Landessynode im Interview
Kirche in der Welt – Kirche für das Heil
Welche Haltung haben die Arbeitskreise in unserer Landessynode zu wichtigen inner-
kirchlichen und kirchenpolitischen Fragen? Im Interview fühlten wir den Sprecherinnen
und Sprecher auf den Zahn. Für die Offene Kirche antwortete Bernhard Offenberger, für Ge-
meinde unterwegs Beate Schabert-Zeidler, und für den Dritten Arbeitskreis Christina Flauder
und Michael Renner. Die Fragen stellte Hans-Gerhard Koch.
Die Synode tagt schon seit Langem di- abhalten. Außerdem sind neue Beteili-
gital. Wo sehen Sie Vorteile, wo Nach- gungsformen möglich, wenn sich Men-
teile? schen an unterschiedlichen Orten ein-
Arbeitskreis „Gemeinde unterwegs“ (GU): bringen können. Besonders schön ist,
Es ist gut, dass wir trotz der Pandemie dass z. B. Grußworte oder Andachten mit
zweimal digital tagen und wichtige Ent- Beteiligten der Partnerkirchen aus Brasi-
scheidungen treffen konnten. Die Landes- lien oder Papua-Neuguinea eingebun-
synode ist dadurch arbeitsfähig. Natür- den werden können. Selbstverständlich
lich haben persönliche Begegnungen ge- kann eine digitale Sitzung aber nicht
fehlt, die ein noch besseres Zusammen- alles ersetzen, was in Präsenz passiert:
wachsen der Synodalen ermöglichen. Die Gespräche in Pausen oder beim Essen,
die für die Meinungsbildung wichtig sind,
„Dritter Arbeitskreis“ (DA): Vorteil der fehlen. Manche Prozesse werden durch
virtuellen Arbeitsweise von zu Hause aus die Video-Konferenz beschleunigt, was
sind Kostenersparnis, Schonung der Um- teils angenehm, teils aber auch heraus-
welt, unkomplizierte Handhabung und fordernd sein kann.
eine große Stringenz und Effizienz der
Treffen. Nachteile sind die fehlende di- Einige meinen, wir hätten zu viele Gre-
rekte soziale Interaktion und Kommuni- mien und rufen nach „Richtlinienkompe-
kation, die eine Präsenzsynode wesent- tenz“. Andere sehen noch Demokratie-
lich prägen, denn Synode und Kirche defizite in der ELKB. Wie sehen Sie das?
leben von der Begegnung. Eine Mi-
schung aus beidem wäre nicht schlecht. OK: Gerade bei den großen Prozessen in
der ELKB ist es wichtig, dass die Synode
Arbeitskreis „Offene Kirche“ (OK): Durch ihre Gestaltungskompetenz nutzt, ohne
die nun eingeübten digitalen Formate dass dadurch die Handlungsfähigkeit
können wir als Synodale Treffen in Arbeits- blockiert wird. Dabei werden bestimmt
kreisen oder Ausschüssen auch ohne gro- auch neue Formate der synodalen Be-
ßen Aufwand zwischen den Tagungen gleitung erprobt werden müssen.8 Unsere Kirche
GU: Die Richtlinien sind in unserer Kirche vereinen sich die missionarische und die
aus unserer Sicht klar geregelt. Nach politische Komponente des christlichen
dem Grundartikel unserer Kirchenver- Glaubens zu einem einheitlichen Auf-
fassung halten wir uns „in Lehre und trag.
Leben an das evangelisch-lutherische OK: Der AK Offene Kirche setzt sich da-
Bekenntnis“ und stehen „unter dem für ein, dass wir auch bei den Konzentra-
Auftrag, Gottes Heil in Jesus Christus in tionsprozessen nicht nur auf uns selbst
der Welt zu bezeugen“. Dem haben un- fixiert bleiben, sondern als Kirche wei-
sere Gremien zu dienen. Dort wird De- terhin eine klare Stimme in die Gesell-
mokratie streitbar und geschwisterlich schaft hinein erheben.
gelebt.
GU: Die ELKB muss deutlich Flagge zei-
DA: Die Entscheidungsfindung wird gen für das Evangelium von Jesus Chris-
durch den Einbezug vieler Gremien si- tus. Mit Verkündigung und Seelsorge
cher aufwändiger an Zeit und Ressour- soll sie – gerade auch während der
cen. Aber es fließen in Entscheidungen Pandemie – bei den Menschen sein.
viel mehr Anregungen, Impulse, Beden- Die kirchliche Arbeit, die die Menschen
ken, Erfahrungen u.a. ein, die das Ergeb- in den Kirchengemeinden und über die
nis dann tragfähiger, transparenter und landesweiten Dienste persönlich erreicht,
leichter annehmbar für alle machen. muss gestärkt werden. Die Kirche hat
Große Demokratiedefizite sehen wir eine zentrale geistliche Botschaft für alle
nicht. Menschen. Diese ist zu betonen. Dass
der gelebte Glaube in der Nachfolge Jesu
Manche in unserer Kirche sagen, sie sei auch Folgen für das politische Handeln
zu politisch, andere meinen, sie müsste hat, steht außer Frage. Hier respektieren
deutlicher Flagge zeigen. Wie sieht Ihr wir eine große Vielfalt von persönlichen
Arbeitskreis das? Ansichten und Entscheidungen inner-
DA: Das ist ein Problem, seit es Kirche halb des demokratischen Spektrums.
gibt. Kümmert sie sich nur um das ewi-
ge Heil oder auch um eine „heile“ Ge- Wenn Sie an 2030 denken: Was macht
sellschaft?! Wir glauben, dass beides Ihnen Sorgen?
zusammengehört! Als Christ habe ich GU: Neben den globalen Krisenthemen,
eine biblische Verantwortung für eine die alle beschäftigen: dass theologische
lebenswerte Welt (Frieden, Gesundheit, Orientierungsdefizite die Selbstsäkulari-
soziale Gerechtigkeit, Bewahrung der sierung und Banalisierung der Kirchen
Schöpfung …), übernehme so auch po- weiter fördern könnten. Wir können den
litische Verantwortung und zeige hier Menschen nicht mehr deutlich machen,
Flagge, kümmere mich aber genauso wozu es Kirche eigentlich „braucht“.
auch um die Weitergabe des Heilsange- Man lebt auch wunderbar ohne Kirche,
bots Gottes an die Mitmenschen. Hier selbst in einer Corona-Krise. Diese „in-Unsere Kirche 9
nere Erosion“ ist folgenreicher als jedes kommen und eine hohe Bereitschaft
Haushaltsdefizit und jeder Stellenabbau. besteht, um Lösungen und neue Wege
Bisher ist für uns noch zu wenig Bereit- zu ringen. Dass wir uns gemeinsam von
schaft zu erkennen, sich diesen Fragen unserem Gott getragen wissen und im
radikal zu stellen. Glauben viele Ressourcen haben, auch
durch schwierige Zeiten, Krisen und
OK: Kirchlich: der Rückgang an Mitglie- Konflikte hindurchzukommen.
dern und Mitarbeitenden und die Fra-
ge, wie wir die Veränderungsprozesse GU: Im Blick auf die Kirche: dass sie nicht
gut gestalten. Darüber hinaus: unter unsere Kirche, sondern Gottes Kirche
anderem die sozialen und politischen ist! Er lässt seine Kirche nicht im Stich.
Verwerfungen bei uns und weltweit, die Die frohe Botschaft wirkt weiter: für
durch Corona verstärkt werden. uns, manchmal mit uns, oft wohl auch
trotz uns. Jesus Christus ist und bleibt
DA: In den nächsten zehn Jahren, bis der Herr der Kirche – in welcher äuße-
2030, treffen zwei Entwicklungen auf- ren Form auch immer sie bestehen wird.
einander: Zum einen wird sich die Mit-
gliederzahl der Kirche aufgrund des Evangelische Erneuerung – was sagt
demografischen Wandels, der hohen Ihnen das?
Zahl der Austritte und einer gewissen OK: Neben dem Arbeitskreis denke ich
„Taufmüdigkeit“ weiter nach unten ent- an die Erneuerung durch das Evangeli-
wickeln, zum anderen gibt es immer um, zum Beispiel an das Bild vom Sau-
weniger „kirchliches Personal“. Da könn- erteig. Dass wir uns selbst immer wieder
te man jetzt jammern oder aber diese von der radikalen Botschaft Jesu erneu-
Entwicklung als Chance sehen, „sich neu ern lassen und in Jesu Geist auch die Ge-
aufzustellen“. Die Prozesse „Profil und sellschaft „durchsäuern“, darauf hoffe
Konzentration“ und „Miteinander der und darum bitte ich.
Berufsgruppen“ gehen genau in diese
Richtung. DA: Seit Luther hat sich die evangeli-
sche Kirche immer wieder erneuert –
Was macht Ihnen Hoffnung? positiv wie negativ. „Erneuerung“ ist ja
DA: Dass sich trotz allen menschlichen zunächst ein wertneutraler Begriff! Für
Planens letztlich immer auch der Geist uns hat Luther das in seinem „ecclesia
Gottes in der Entwicklung seiner Kirche semper reformanda“ schon früh erkannt.
zeigt, trotz aller Irrungen und Wirrun- Wenn wir als Christen, als Kirche uns in
gen. Bei aller Sorge darf man das Beten der Verantwortung vor der Welt sehen,
und Vertrauen auf Gott nicht vergessen! können wir nicht außerhalb der Welt
agieren. Wir müssen uns den Fragen der
OK: In der Synode: dass viele engagierte Zeit stellen und aus unserem Glauben
und kreative Menschen dort zusammen- heraus dafür Antworten finden. Hierfür10 Christlich streiten
bieten wir im Dritten Arbeitskreis eine semper reformanda!“. Denn die Kraft
Plattform des konstruktiven Austausches des Wortes Gottes wird nicht aufhören,
und einer verantworteten Meinungsfin- sie zurückzurufen zu Gott, der von sich
dung an. sagt: „Siehe, ich mache alles neu!“ Von
daher: „Evangelische Erneuerung“ — in
GU: Unsere evangelische Kirche wird diesem Sinne: gerne mehr davon!
sich immer wieder erneuern — „ecclesia
Landesbischof Bedford-Strohm zur Diskurskultur in Kirche und Gesellschaft
Angstfrei miteinander reden
Eine kontroverse Debatte unter Pfarrern dazu, dass die EKD sich an der Seenotrettung
beteiligt, war in unserer letzten B+K-Ausgabe Thema mehrerer Beiträge. Auch unser
Landesbischof Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm hatte diesen Streit zum Anlass genom-
men, um in seinem Bischofsbericht auf der Frühjahrssynode 2021 „ein grundsätzliches
Wort zur Diskurskultur in unserer Kirche zu sagen“. Wir dokumentieren in Auszügen:
„Wir können dankbar dafür Seenotrettung. Selbstver-
sein, dass sich ganz unter- ständlich kann man auch
schiedliche Menschen in in der Kirche unterschiedli-
unserer Kirche zu Hause cher Meinung darüber sein,
fühlen. Attribute wie kon- ob es zu den diakonischen
servativ oder progressiv Aufgaben der Kirche gehört,
werden viel zu oft als Eti- sich selbst in der Seenot-
ketten verwendet. Aber rettung zu engagieren.
dahinter stehen Überzeu- Dass sich dem von der EKD
gungen, die wir für leben- initiierten Bündnis United
dige Diskussionen in der 4Rescue inzwischen die
Kirche wie in der Gesellschaft brauchen. von mir jedenfalls nie erwartete Zahl von
Für mich sind oft genau die Menschen in fast 660 Institutionen und Organisationen
unseren öffentlichen Diskursen die ein- aus dem In- und Ausland angeschlossen
drucksvollsten Persönlichkeiten, die die hat, zeigt, dass viele diese Frage mit ei-
Leidenschaft ihrer Überzeugungen mit nem klaren Ja beantworten. Aber man
einer großen Offenheit gegenüber dem kann und muss natürlich darüber disku-
Denken der anderen verbinden. tieren, ob es einen Pull-Effekt gibt, ob es
Das gilt auch für ein so umstrittenes bessere Wege gibt, Menschenleben zu
Thema wie die Rolle der Kirche bei der retten und was man tun kann, um solcheChristlich streiten 11 lebensgefährlichen Situationen von vorn- liebe verbunden ist, muss allerdings klar herein zu verhindern. Über all das kann bleiben. Die Untrennbarkeit von Gottes- und muss man diskutieren. Es gehört liebe und Nächstenliebe gehört zur ab- allerdings auch dazu, dass Kritiker sich soluten DNA unseres christlichen Glau- dem Austausch von Argumenten stellen bens und der ganzen jüdisch-christlichen und nicht diffuse Mythen verbreiten, Tradition. Es ist kein Zufall, dass das Dop- nach denen solch offener Austausch pelgebot der Liebe der einzige andere nicht möglich sei. Ort im Neuen Testament ist, an dem die Die Grundlage der Diskussionen, die wir Formel am Ende der Goldenen Regel führen, ist allerdings keine beliebige. noch vorkommt: Das ist ,das ganze Ge- Worüber Einigkeit unter Christen herr- setz und die Propheten‘ (Mt 22,37-40). schen muss, ist, dass es zu den Aufgaben Deswegen stellen sich alle politischen jedes Menschen, erst recht jedes Chris- Ideologien, die menschliche Kälte zum ten gehört, Menschen, deren Leben in Programm machen, die bestimmte Gefahr ist, zu retten. In den vielen Dia- Menschengruppen pauschal abwerten, logen, die ich mit den Kritikern unseres die Menschenfeindlichkeit propagieren, Engagements in der Seenotrettung füh- selbst außerhalb des christlichen Grund- re, ist das in der Regel auch Grundkon- konsenses. Für rechtsextremes Gedanken- sens. Die gemeinsame Frage dabei ist: gut ist kein Platz in der Kirche. Es wider- Wie können wir am besten dazu beitra- spricht allem, wofür das Christentum gen, dass das Leben von Menschen, die steht. Genauso wie jede Utopie von alle miteinander von Gott zu seinem Bil- links, die ihrerseits zu menschenfeindli- de geschaffen sind und deren Leben in chem Handeln pervertiert. Menschen- jedem einzelnen Fall unendlich kostbar würde fragt nicht, ob sie von rechts oder ist, gerettet werden kann? Und, grund- links verletzt wird. sätzlicher gefasst: Wie können wir dazu Ich wünsche mir, dass wir mehr Orte beitragen, dass Menschen in Würde leben finden, an denen der Diskurs über un- können? Das ist der Kernauftrag der Dia- terschiedliche Meinungen gepflegt wird konie und es ist der Daseinszweck unse- und an denen Menschen angstfrei ihre rer Hilfsorganisationen wie Brot für die Meinung zum Ausdruck bringen können. Welt. Wo sonst sollte das angstfrei möglich Wir brauchen einen lebendigen Diskurs sein, wenn nicht in unserer Kirche? Ich in unserer Kirche über die Frage, wie das selbst bin immer dazu bereit, mich Dis- christliche Gebot der Nächstenliebe und kussionen zu stellen, in denen mir viel- die damit eng verbundene im Grundge- leicht sogar der Wind ins Gesicht weht – setz ins Zentrum gestellte Orientierung da habe ich bisher immer gute Erfahrun- an der Menschenwürde am besten ge- gen gemacht und selbst lernen können.“ lebt werden kann. Dass das Gebot der Nächstenliebe untrennbar mit der Gottes-
12 Ökumene13
Welche Erkenntnis die Weltkirchen aus der globalen Pandemie ziehen:
Weltinnenpolitik für unser aller Heimat
Unter dem Titel „Forderung nach einer Ökonomie des Lebens in einer Zeit der Pan-
demie“ haben mehrere Weltkirchenverbünde gemeinsam eine ökumenische Botschaft
formuliert: der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK), die Weltgemeinschaft Reformier-
ter Kirchen (WGRK), der Lutherische Weltbund (LWB) und der Council for World Mission
(CWM). Die Botschaft verknüpft die Pandemie mit der ökologischen und sozialen Krise.
Wir geben daraus wichtige Passagen wieder (das vollständige Dokument unter https://
www.oikoumene.org/de)
„Inmitten gefährlicher Ideologien, die dern, ist es möglich, dass neue Modelle
die Wirklichkeit verzerren und die und Werte für unsere Wirtschaftssysteme
Schutzlosesten entmachten, sprechen wir gedeihen können, die nicht auf Wettbe-
wahrheitsgemäß aus einer theologisch- werb beruhen, sondern auf der Fürsorge
ethischen Perspektive, die Folgendem füreinander und für die Erde fußen…
verpflichtet ist:
Eigennützigem Interesse entgegenwirken
Unsere Überheblichkeit erkennen Selbst mitten in der von COVID-19 ange-
COVID-19 bietet der Menschheit eine fachten Krise gibt es starke eigennützige
neue Bescheidenheit, die eine neue Ver- Interessen, die von ihr profitieren...
pflichtung mit sich bringt, auf eine Wei- Wir befinden uns alle im gleichen Sturm,
se zu leben, die nicht zulasten der Erde aber wir sitzen nicht alle im selben Boot.
oder anderer Menschen geht, noch uns Diesen Kräften muss in dieser Krise ent-
vom Leid gespeiste Systeme aufzwingt, gegengewirkt und die Schulden müssen
die von schutzlosen Menschen und Ge- offengelegt werden, deren Nutznießer
meinschaften Opfer verlangt. Wir erken- sie sind. … Wir müssen etwas Besseres
nen wieder aufs Neue die Sünde von wiederaufbauen, um eine Ökonomie des
Wirtschaftssystemen, die von einem auf Lebens zu gewährleisten, die auf Gerech-
Überlegenheit beruhenden Anthropo- tigkeit und Würde für alle gegründet ist.
zentrismus beherrscht werden.
Das ist ein prophetischer Zeitpunkt
Unsere Gemeinschaften fördern Als Kirchen können wir hier einen Weg
Liebe, Fürsorglichkeit und Verbunden- hin zu einer neuen Schöpfung erkennen.
heit sind die Schlüsselemente der Resili- Dieser Kampf könnte die Früchte zur
enz gegenüber COVID-19. Familiäre und Erlösung der Erde von schamloser Aus-
soziale Solidarität müssen ein Gegenge- beutung tragen. Es ist eine endzeitliche
wicht zum körperlichen Abstandhalten Hoffnung, die nicht auf dem Ende aller
bilden. Indem wir die Gemeinschaft för- Tage beruht, sondern auf dem Nieder-Ökumene 13
gang der sündigen Systeme. Alles soll einführung von Kapitalertrags- und Erb-
verwandelt werden (1 Korinther 15,51), schaftssteuern, Maßnahmen gegen Steu-
wenn die Wahrheit ausgesprochen und erflucht und Steuervermeidung sowie
die alte Götzenverehrung von Imperium Reparationszahlungen für Sklaverei und
und Wirtschaft niedergeworfen wird und andere soziale und ökologische Schul-
sich die Fürsorge des Schöpfers in einer den, einschließlich Schuldenerlass.
Schöpfung widerspiegelt, die nicht end-
los ausgebeutet wird, sondern zutiefst Auf mittlere und längere Frist gesehen:
gesegnet ist. Wir appellieren an die Regierungen, öf-
fentliche Güter und
ökologische Gemein-
güter den neolibera-
len Prozessen der Pri-
vatisierung und Kom-
Ökumenischer Rat Weltgemeinschaft Lutherischer Council for merzialisierung zu ent-
der Kirchen Reformierter Kirchen Weltbund World Mission ziehen und zu schüt-
zen, ein Existenzmini-
Ein dringender Aufruf zum Handeln mum für alle zu gewährleisten und so
Wir halten an dem Versprechen für eine lebensbewahrende Bereiche wie Ge-
neue Schöpfung fest und fordern: sundheit, Bildung, Wasser und sanitäre
Am dringlichsten in der unmittelbaren Einrichtungen, Agrarökologie und erneu-
Zukunft: Wir rufen die internationalen erbare Energien sowohl in den COVID-
Banken und Finanzinstitutionen erneut 19-Wiederaufbauplänen als auch in der
auf, Ländern mit niedrigen und mittleren langfristigen Planung zu bevorrechten.
Einkünften die Auslandsschulden zu er- Unsere Gesellschaften müssen das, was
lassen… sich durch die Krise als unabkömmlich er-
Wir appellieren an die Regierungen, die wiesen hat, stärker fördern und verstärkt
notwendigen Mittel für das öffentliche darin investieren: auf der Gemeinschaft
Gesundheitswesen und den sozialen Schutz basierende Gesundheits-, Pflege- und Re-
von mehreren Hundert Millionen Men- silienzsysteme sowie Schutz und Unter-
schen bereitzustellen, deren Existenz- halt von Ökosystemen, in die unsere Wirt-
grundlagen sich wegen des Lockdowns schaft letztendlich eingebettet ist. …
drastisch verschlechtert haben. …
Wir wiederholen unsere Forderung nach Zuletzt appellieren wir an unsere eigenen
Umsetzung der Vorschläge der Zachäus- Gemeinschaften, sich auf die Weiterver-
Steuer: die Einführung einer progressi- folgung einer Neuen Internationalen Fi-
ven Vermögenssteuer, einer Finanztrans- nanz- und Wirtschaftsarchitektur (NIFEA)
aktionssteuer und einer CO2-Steuer auf zu besinnen, in unserer Arbeit und in un-
nationaler und globaler Ebene, die Wieder- serer Lebensführung eine Ökonomie des14 Ökumene
Lebens nachzubilden und sich im Glau- und die wirtschaftlichen, sozialen und öko-
ben verankerten und sozialen Bewegun- logischen Ziele zusammenführen. Das ruft
gen anzuschließen, um die Fürsprache für nach einer in die Netzwerke der Glaubens-
die oben genannten Notfallmaßnahmen gemeinschaften, der Zivilgesellschaft und
und Systemänderungen zu verstärken. der sozialen Bewegungen eingebundenen
Zusammenarbeit und Solidarität inner-
Gemeinsame Verpflichtung: Wir sorgen zu- halb der Länder und über deren Grenzen
sammen für unsere gemeinsame Heimat hinaus sowie nach neuen Formen einer
Die COVID-19-Pandemie hat uns vor Au- Weltinnenpolitik (global governance), die
gen geführt, dass wir zusammen in einer auf Gerechtigkeit, Fürsorge und Nachhal-
gemeinsamen wirtschaftlichen, sozialen tigkeit beruhen.
und ökologischen Heimat leben. Unsere Durch ein solches Handeln und in diesem
Erwiderung auf diese globale Gesund- Geiste können Wege gefunden werden,
heitskrise und den gigantischen, länger- wenn wir so mutig sind, unsere Systeme,
fristigen wirtschaftlichen und ökologischen Mächte und Herzen nicht in der alten Ord-
Notfall muss unsere darin begründete nung, sondern in der neuen Schöpfung
gegenseitige Abhängigkeit anerkennen zu verankern.“
Kennen Sie die „Zachäus-Kampagne“?
… machen Sie sich nichts draus: Unsere Kirchenleitungen kennen sie auch nicht /
Von Hans-Gerhard Koch
Was ist mit „Zachäus-Kampagne“ ge- der Kirchen das Bewusstsein fördern und
meint? Sie ist Teil einer „Initiative für Einfluss auf politische Entscheidungen
eine neue Finanz- und Wirtschaftsarchi- nehmen.
tektur“ (NFEA), die die kirchlichen Welt- Die Pandemie, von manchen als der
bünde Ökumenischer Rat der Kirchen, „große Gleichmacher“ bezeichnet, ver-
Lutherischer Weltbund, Reformierter stärkt in Wirklichkeit noch die obszöne
Weltbund und Weltmissionsrat 2019 an- Ungleichverteilung von Einkommen, Ver-
gestoßen haben. Viele Organisationen, mögen und Einfluss-Chancen weltweit,
denen die Gerechtigkeit am Herzen liegt, aber auch in Deutschland.
haben sich angeschlossen. Schon 2017 gehörten zehn Prozent der
Die Initiative will die Ungleichheit und Deutschen 56 Prozent des Vermögens,
den Klimawandel zugleich bekämpfen. Es die untere Hälfte der Bevölkerung hatte
geht um zwei Stoßrichtungen: innerhalb gerade mal 1,3 Prozent auf der hohenGerechtigkeit 15
Kante. Dazu kommt der Klimawandel, der Vermögenssteuern bei uns und welt-
jetzt zwar allmählich von der Politik ernst weit einführen, damit die Reichen nicht
genommen wird. Aber die schmerzhaf- noch immer reicher werden und – gerade in
ten Schritte, die nötig sind, dass wenig- Corona-Zeiten – Geld für die Armen da ist.
stens Deutschland „klimaneutral“ wird, Die legale Steuervermeidung großer
möchten fast alle Parteien bis zur Bun- Konzerne beenden.
destagswahl verschweigen. Spürbare Umweltsteuern erheben, um
das 1,5%-Ziel des Pariser Klimaab-
kommens noch zu erreichen.
Endlich die Finanztransaktions-
steuer auf den Handel an Aktien,
Anleihen und Finanzderivaten ein-
führen.
Für die ökologischen und sozi-
alen Schulden der Industrielän-
der wenigstens ansatzweise eine
Kompensation leisten.
Warum „Zachäus“-Kampagne? Von den Kirchen fordert die Zachäus-
Zachäus (Lukas 19,1-10) war zu Lebzei- Initiative, diese Fragen zum Thema zu
ten Jesu Steuereintreiber und somit Teil machen und Druck auf die Politik aus-
des damaligen kolonialen Militär- und zuüben. Sie selber sollten bei gerechter
Finanzsystems. Die Geschichte erzählt, Besteuerung, gemeinsamer Nutzung von
wie ein reicher Oberzöllner seine Macht- Ressourcen und Wiedergutmachung his-
position dazu genutzt hat, sich ein Ver- torischer Ungerechtigkeit vorangehen.
mögen anzueignen. Dieser Mann, der Haben Sie von unseren Kirchenleitungen
vom Willkür- und Gewaltsystem des rö- schon irgendetwas davon gehört?
mischen Imperiums profitiert, bekehrt Klar, Brot für die Welt und Mission Eine
sich. Zur Wiedergutmachung verspricht Welt propagieren die „Zachäus-Kampa-
er, die Hälfte seines Besitzes den Armen gne“. Aber das sind die „üblichen Ver-
zu geben, und das, was unrechtmäßig dächtigen“.
erpresst wurde, will er vierfach zurück- Was mir fehlt, ist – gerade vor der Bun-
erstatten. Es geht also in der Geschichte destagswahl – eine klare Botschaft der
darum, woher der Reichtum kommt und deutschen Kirchen, mit der sie sich hin-
wie man gerecht handeln und trotzdem ter die Forderungen der „Zachäus-Kam-
reich bleiben kann. Das ist weit mehr als pagne“ stellen.
eine Frage persönlicher Frömmigkeit.
Übersetzt in politische Forderungen von
heute, hieße das zum Beispiel:16 Afghanistan Die NATO geht raus aus Afghanistan: „Nichts ist gut…!“ „Alles wird gut…?“ Nach 20 Jahren ziehen die USA, mit ihnen allem – der richtige, ja der alternativlose die NATO und damit auch Deutschland, und lebensnotwendige Weg, um die Ent- ihre Truppen aus Afghanistan ab. War der wicklung zu mehr Sicherheit und einem ge- militärische Einsatz gerechtfertigt, was ordneten Staatswesen in diesem gebeu- hat er bewirkt? Für die Menschen dort, telten, kaputten Land wenigstens einzu- aber auch für uns? Ein Verteidigungsmi- leiten. Erfolge sind nicht von der Hand zu nister sagte einst, am Hindukusch werde weisen: Es gibt wieder eine Armee und auch die Sicherheit Deutschlands vertei- eine Polizei, es gibt ein Parlament mit digt. Und eine Bischöfin meinte, ohne einem Anteil von 28 Prozent Frauen. Es Friedensperspektive sei „nichts gut in wurden Grundschulen und Hochschulen Afghanistan“. eingerichtet – Schulen, die nun auch Mäd- Wird´s aber nun, da die fremden Truppen chen besuchen, Straßen und Brücken, das Land verlassen und in ihrem Gefolge Kraftwerke und Stromleitungen gebaut, auch viele internationale Helfer, endlich Krankenhäuser. Allein Deutschland hat gut? Oder – im Gegenteil – womöglich für den Bau von 2000 Schulen und die alles noch viel schlimmer? Dem zer- Ausbildung von 5000 Lehrern gesorgt. brechlichen Gemeinwesen drohen im Zu Pro gehört auch, dass der militärische Konflikt mit den mehr und mehr erstar- Afghanistaneinsatz im Prinzip UNO-man- kenden militant-islamistischen Taliban datiert war und das erklärte und letztlich Chaos und Bürgerkrieg. Unter denen, humanitäre Ziel hatte, den Frieden zu för- die sich über dieses in sich so zerrissene dern und beim staatlichen Aufbau zu hel- und vom Terror kaputt gemachte Land fen. – Das alles freilich, und damit leiten bekümmern, macht sich Ratlosigkeit, ja wir schon über zum Kontra, ist gefährdet, Hoffnungslosigkeit breit, wie es am Hin- wenn demnächst die Taliban die Kontrol- dukusch weitergeht. Und wie – im Rück- le über immer mehr Bezirke übernehmen blick – eigentlich das, was da geschah, sollten. O-Ton aus deren Politbüro: Man zu beurteilen ist. Die jüngste Geschichte wolle „ein echtes islamisches System“ Afghanistans wird weltweit sehr unter- einrichten – im Einklang mit religiösen schiedlich wahrgenommen, erzählt, in- Regeln und kulturellen Traditionen. terpretiert. Von den einen so, von den Kontra: Der Krieg gegen den Terror war anderen ganz anders. und ist militärisch nicht zu gewinnen. Die Die zwei wesentlichen Positionen lassen prinzipiell militaristische Strategie, das sich im Pro und Kontra so benennen: Land zu befrieden, schafft gerade nicht Pro: Der Einsatz der Bundeswehr im Rah- Sicherheit. Jeder Militärschlag, oft mit men von NATO und UNO war – alles in zivilen Opfern verbunden, schürte den
Corona 17 Hass und trieb den prävention und eine Taliban neue Kämp- starke UNO und OSZE fer zu. Die alltägliche anstatt in überkomme- Sicherheitslage in Af- ne militärische Sicher- ghanistan ist heute heitspolitik investieren. schlechter als vor 20 Aber klar ist auch: Sol- oder zehn Jahren, Kor- che friedensethischen ruption und Drogen- Überlegungen sind visi- wirtschaft sind nicht onär, weit in die Zu- eingedämmt. Was also kunft weisend; vor Ort ist falsch gelaufen? Mädchen in Afghanistan Detlev Beutler © pixelio und in der Gegenwart, Was hat dazu die Frie- also im heutigen Af- densbewegung zu sagen? Wir fragen nach ghanistan, kamen und kommen sie nicht bei Siegfried Laugsch, Rummelsberger zum Tragen. Winfried Nachtwei, bis vor Diakon, langjähriger Berater von Kriegs- Kurzem grüner Parlamentarier und Af- dienstverweigerern, der vielfältig in der ghanistan-Experte, hält das kirchliche Friedensarbeit engagiert ist, unter ande- Friedenspapier prinzipiell für einen gro- rem derzeit im „InitiativKreisFrieden“. ßen Wurf. Aber: „Die Idee der Konflikt- Laugsch stellt keineswegs in Abrede, dass freiheit richtet sich an eine ideale Situa- es auch einige Erfolge im Land gab. Aber: tion. Die Realität aber in Afghanistan sind „Es gibt prinzipiell keine militärische Lö- zum Beispiel: Selbstmörder!“ sung.“ Der Grundansatz einer Gewalt- Nachtwei war in den letzten Jahren häufig lösung sei falsch. „Rüstung, Militär und in Afghanistan und hat eine bittere Er- Krieg sind nicht mit unserem christli- fahrung gemacht: Für viele Gewaltakteure chen Friedensverständnis vereinbar. Und dort wie auch weltweit – organisierte Kri- könnten nie einen gerechten Frieden er- minalität, terroristische Gruppierungen, zielen.“ Bezogen auf Afghanistan hätte Milizen, extremistische Gewalttäter etc. – das geheißen, dass man dort von Anfang ist Gewaltanwendung in ihrem Sinne oft an eine „radikale Begrenzung zur Gewalt- ausgesprochen „erfolgreich“. Für gläubige anwendung“ durchsetzen hätte sollen, Selbstmordattentäter ist das Zersprengen und dies nicht mit militärischer Gewalt, von Menschen ein „Erfolgsrezept“ ohne- sondern allenfalls mit polizeilichen Struk- gleichen. Aber um diese realen Gewalt- turen im Rahmen der UN. welten gehe es bei „Sicherheit neu den- Laugsch verweist auf das Szenario „Si- ken“ kaum, so Nachtwei. cherheit neu denken – von der militäri- Bittere Erkenntnis, offene Frage: Der Satz schen zur zivilen Sicherheitspolitik“ der „Es gibt keine militärische Lösung“ ist die Evangelischen Landeskirche in Baden. tragende These einer Friedensethik. Gilt Dieses Szenario lädt dazu ein, eine ge- der Satz aber auch für die Rettung der waltfreie Zukunft zu denken, in der wir Afghanen vor dem Islamischen Staat im pro Jahr 70 Mrd. Euro in zivile Krisen- Jahr 2021? Lutz Taubert
18 Nachhaltigkeit
Nachhaltig? Nachhaltig!
Wie halten es die Parteien mit einer enkeltauglichen Politik?
Nachhaltigkeit ist der Kategorische Im-
perativ des 21. Jahrhunderts – wer auch Neun ökologische Gre
immer diesen Spruch geprägt hat, er hat
recht. Nachhaltigkeit ist die Bedingung
für das Überleben der Menschheit auf
Unversehrheit
der Biosphäre Klimakri
diesem Globus. Freilich wird der Begriff
inzwischen so inflationär gebraucht, dass
Funktion von
nicht mehr klar ist, was er bedeutet. Er Ökosystemen
ist zu einem modischen Politslogan ver- regional bereits
kommen. Man kann nachhaltige Schuhe überschritten
kaufen – halten die dann länger? Man
kann sich nachhaltig ernähren – wird
man davon dann schneller satt? Abholzung
An Definitionen mangelt es nicht. Die und andere
UN-Konferenz für Umwelt und Entwick-
Landnutzungs-
änderungen
lung 1992 in Rio de Janeiro formulierte
ein Handlungsprogramm, in dem sich alles
um Nachhaltigkeit drehte. Mit dem Nach-
haltigkeitskonzept soll den Bedürfnissen
der heute lebenden Menschen Rechnung
getragen werden, ohne die Möglichkei- Süßwasser-
ten zukünftiger Generationen einzu- verbrauch
schränken. Man kann es noch einfacher
sagen: Nachhaltige Entwicklung bedeu-
tet: Handle hier nicht auf Kosten von Oze
anderswo und heute nicht auf Kosten Biogeochemische
von morgen. „Enkeltauglich“ soll unsere Kreisläufe
Lebens- und Wirtschaftsweise sein. En-
keltauglichkeit will verdeutlichen, dass
alle Politik sich letztlich daran zu messen Weltbevölkerung geht. Die Rede ist von
hat, dass auch die Enkelkinder eine le- den sog. planetaren Grenzen. So werden
benswerte Zukunft vorfinden. Und da ökologische Grenzen der Erde bezeich-
schaut es immer noch zappenduster net, deren Überschreitung die Stabilität
aus. Alle reden vom Klima, aber das ist des Ökosystems und die Lebensgrundla-
ja nur ein Bereich von acht weiteren, bei gen der Menschheit gefährdet. Entwic-
denen es um die Zukunftsfähigkeit der kelt wurden sie u. a. von Hans-JoachimNachhaltigkeit 19
Klimawandel
leicht überschritten
Der Klimawandel ist in vollem Gange.
Die Folgen sind allgemein bekannt.
enzen der Erde
Chemische Umweltverschmutzung
nicht quantifiziert
Emissionen von toxischen und langlebi-
ise gen Stoffen wie Kunststoffe, Medikamen-
Einbringung neuartiger te, Schwermetallverbindungen und radio-
Substanzen und Organismen aktive Stoffen können unumkehrbare
Auswirkungen auf Ökosysteme haben.
Gegenwärtig sind Wissenschaftler nicht
in der Lage, eine einzige chemische Ver-
schmutzungsgrenze zu quantifizieren.
Ozonabbau
Ozonloch nicht mehr überschritten
Durch das Verbot von FCKW und Halo-
nen im Montrealer Protokoll (1989) er-
holt sich die Ozonschicht zunehmend.
Ein gelungenes Beispiel internationaler
Partikel- Umweltpolitik.
verschmutzung
der Atmosphäre Aerosole (Feinstäube)
nicht quantifiziert
Feinstäube spielen eine wichtige Rolle in
Sichere planetare der Wolkenbildung und der atmosphä-
eanversauerung Belastungsgrenzen
rischen Zirkulation und beeinflussen so
Unsicherheitsbereich
(steigende Risiken)
etwa den tropischen Monsun. Sie ha-
ben auch eine direkte Wirkung auf das
Klima, indem sie die Sonnenstrahlung
Schellnhuber (Potsdam-Institut für Kli- reflektieren oder in der Atmosphäre ab-
mafolgenforschung). sorbieren. Luftverschmutzung und vor
allem auch Rauch von Brandrodungen
Die folgende Erklärung der planetaren tragen zu erhöhter Aerosolkonzentration
Grenzen orientiert sich an dem Beitrag bei. Gegenwärtig sind Wissenschaftler
von Wolfgang Schürger im Umweltma- nicht in der Lage, eine Grenze zu quanti-
gazin der ELKB Nr. 81 / 2019. fizieren.20 Nachhaltigkeit
Ozeanversauerung Süßwassernutzung
noch nicht überschritten nicht überschritten
Etwa ein Viertel der CO2-Emissionen wird Menschliche Eingriffe in Gewässer verän-
derzeit von den Ozeanen aufgenom- dern Flussläufe und können zu einer Ver-
men. Hier bildet es Kohlensäure, verän- änderung von Niederschlägen und Ver-
dert die Ozeanchemie und verringert den dunstung führen. Diese Verschiebungen
pH-Wert des Oberflächenwassers. Die im hydrologischen System können ab-
erhöhte Säure verringert die Menge an rupt und irreversibel sein. Wasser wird
Carbonat-Ionen, die viele marine Arten zunehmend knapp – bis 2050 werden
für die Schalen- und Skelettbildung be- etwa eine halbe Milliarde Menschen an
nötigen. Der Rückgang dieser Schalen- Wassermangel leiden.
tiere hat Auswirkungen auf die gesamte
Nahrungskette. Im Vergleich zu vorindus- Landnutzung
triellen Zeiten ist die Versauerung des leicht überschritten
Oberflächenwassers um 30 Prozent ge- Der Mensch nutzt das Land seit jeher:
stiegen. Wälder, Wiesen, Feuchtgebiete werden
in landwirtschaftliche Flächen, Straßen
Stoffkreisläufe (Phosphor, Stickstoff) und Städte umgewandelt. Während jede
Belastungsgrenze Landnutzung zunächst lokal ist, haben
irreversibel überschritten die gesammelten Veränderungen Kon-
Stickstoff und Phosphor sind wesentli- sequenzen für globale Prozesse des Erd-
che Elemente für das Pflanzenwachstum. systems. Die planetare Grenze spiegelt
Menschliche Aktivitäten setzen mehr at- dabei nicht nur die absolute Landmenge,
mosphärischen Stickstoff in Form von sondern auch ihre Funktion, Qualität
Düngemitteln frei als alle natürlichen Pro- und räumliche Verteilung wider. Wälder
zesse der Erde zusammen. Ein Großteil stehen im Fokus der Grenze für den Land-
des neuen reaktiven Stickstoffs wird in systemwechsel.
das Erdsystem abgegeben, anstatt von
Ackerpflanzen aufgenommen zu werden. Integrität der Biosphäre
Er überdüngt Flüsse und Küstengebiete und Belastungsgrenze
sammelt sich in der Biosphäre an. Die irreversibel überschritten
Stickstoffbelastung im Erdsystem ist noch Eine hohe Biodiversität und genetische
gravierender als die Probleme durch Treib- Vielfalt erhöhen die Fähigkeit von Ökosys-
hausgase. Auch ein Großteil des freige- temen, sich an Umweltveränderungen
setzten Phosphors endet in aquatischen anzupassen. Die vom Menschen verur-
Systemen. Diese leiden mittelfristig an sachten Veränderungen der Ökosysteme
Sauerstoffmangel, wenn die durch die in den vergangenen 50 Jahren waren
hohe Nährstoffversorgung entstandene schneller und tiefgreifender als zu jeder
Algenblüte von Bakterien abgebaut wird. Zeit in der Geschichte der Menschheit.Nachhaltigkeit 21
Dadurch haben sich die Risiken von ab- Bei der CDU/CSU muss
rupten und irreversiblen Veränderun- man auf das Pro-
gen erhöht. gramm von 2017 zu-
Die Ziele einer Nachhaltigen Entwick- rückgreifen. Die „Be-
lung der Vereinten Nationen aus dem wahrung der Schöpfung ist seit jeher ein
Jahr 2015 orientieren sich grundlegend Kernanliegen von CDU und CSU“, heißt
an dem Konzept der planetaren Grenzen es dort. Das Pariser Klimaschutzabkom-
und versuchen, Wege zu definieren, wie men ist bindend. „Ein großer Teil der fos-
die Weltgemeinschaft sich in einem si- silen Energien wie Kohle, Öl und Gas soll
cheren Umweltrahmen bewegen kann. durch umweltfreundliche Energien ersetzt
werden.“ „Dirigistische staatliche Eingriffe“
Was die Parteien dazu sagen werden abgelehnt, die Union spricht sich
Ar
In Deutschland wird am 26. September für „marktwirtschaftliche Instrumente“
ten
ste
ein neues Parlament gewählt. Welchen aus. Und sie will gegen die Verschmut-
rb
en
Stellenwert hat das Konzept der plane- zung und Überfischung der Meere und
taren Grenzen in den Programmen der die Bedrohung der Artenvielfalt vorge-
Parteien? hen. Besonders ambitioniert klingt das
Fast alle Parteien haben zur Bundestags- nicht. Vermutlich wird im neuen Programm
wahl ein Wahlprogramm bzw. Entwürfe der Klimaschutz einen höheren Stellen-
dazu vorgelegt. Das von der CDU/CSU wert bekommen.
lag bei Redaktionsschluss noch nicht vor.
Wie sind die Parteien programmatisch Die FDP setzt
aufgestellt? beim Klima- und
Umweltschutz
Bei der AfD taucht wenig überra-
das Thema Klima schend auf die Kräfte des Marktes und
erst ziemlich am auf technische Innovationen. Sie be-
Ende auf. Ein Ver- kennt sich zum Pariser Abkommen und
zicht auf die Nut- zur Klimaneutralität bis zum Jahr 2050.
zung von Kohle, Öl und Gas wird dort ab- Diese Ziele sollen durch einen umfas-
gelehnt. Der Anstieg der Konzentration senden Emissionshandel erreicht wer-
von CO2, dem „Spurengas“, in der Atmo- den. Der „schlanke“ Staat braucht nur den
sphäre hat in den letzten Jahrzehnten Rahmen dafür vorgeben.
„zu einem Ergrünen der Erde beigetra-
gen“. Es sei bis heute nicht nachgewie- Allein bei Bündnis
sen, dass der Mensch für den Wandel 90 / Die Grünen
des Klimas maßgeblich verantwortlich taucht der Begriff
ist. Das Pariser Klimaabkommen ist des- der planetaren
halb zu kündigen. Grenzen explizit22 Nachhaltigkeit
auf: „Wir machen die planetaren Grenzen profitieren. Dafür wollen wir die großen
zum Leitprinzip unserer Politik und ver- Konzerne entmachten und die Produkti-
ändern entsprechend die Wirtschafts- on an sozialen und ökologischen Zielen
weise. In einer künftigen Regierung stel- ausrichten.“
len wir das Pariser Klimaabkommen in den
Mittelpunkt und richten das Handeln Die SPD:
aller Ministerien danach aus.“ Die Ein- „Den Klima-
nahmen aus dem CO2-Preis werden di- wandel zu
rekt an die Bürger*innen zurückgegeben. stoppen, ist
Es folgen eine Fülle konkreter Maßnah- eine Menschheitsaufgabe. Unsere Politik
men, darunter: Glyphosat untersagen und richtet sich nach dem Klimaabkommen
Kurzstreckenflüge bis 2030 überflüssig von Paris.“ „Unser Ziel: Leben, Arbeiten
machen. und Wirtschaften hat spätestens 2045
Die Linke: keine negativen Auswirkungen mehr auf
Es sind die Kon- unser Klima. Die Energieversorgung
zerne, die mit Deutschlands basiert dann vollständig
ihren klimaschädlichen Geschäftsmodel- auf erneuerbaren Energien. Unsere
len Profite machen: Die Linke steht für Industrie produziert CO2-neutral und
einen sozialökologischen Systemwech- exportiert Technologien, die die klima-
sel, dafür, dass Mensch und Natur nicht neutrale Welt von morgen braucht. So
ausgebeutet werden. Der Klimawandel sichern wir die Arbeitsplätze für die Zu-
wird nicht von den Menschen gemacht, kunft und erreichen gleichzeitig unsere
sondern von den Reichen. Den Preis da- ökologischen Ziele. Klimaschutz ist die
gegen zahlen die Armen. „Wir wollen soziale Aufgabe der nächsten Jahrzehn-
eine sozialökologische Wende, von der te.“
alle Menschen durch bezahlbare Ener- Am 26. September hat der Wähler das
gie, erschwingliche Mobilität, gesunde Wort.
Nahrungsmittel und mehr Lebensqualität Gerhard MonningerKlima 23
Klimakiller Videokonferenz?
Ganz so dramatisch ist es nicht
Noch vor eineinhalb Jahren hat der durch- 2019 verschlangen somit alle Bitcoin-
schnittliche Computer-User bei dem Wort Transaktionen weltweit insgesamt 60
Zoom allenfalls an die Veränderung der Mrd. kWh1. Zum Vergleich: Der Strom-
Brennweite am Kameraobjektiv gedacht. verbrauch in der Schweiz liegt bei etwa
Inzwischen haben die meisten von uns 45 Mrd. kWh pro Jahr.
schon häufig an sog. Zoom-Meetings teil- Das Streamen von Videos, so schätzt
genommen – was heißt häufig, diese man, wird im Jahr 2022 bis zu 82 Prozent
Online-Konferenzen haben sich, wie das des gesamten Internetverkehrs ausma-
Coronavirus selber, fast exponentiell chen 2. Streamen sei klimaschädlicher
vermehrt. Das Leitende Team des AEE als Fliegen, wurde daraus schon ge-
und die Redaktion dieser Zeitschrift be- schlossen3.
dienen sich ihrer regelmäßig. Und das ist Gewaltige Stromfresser sind die Rechen-
bei Weitem nicht alles, was inzwischen zentren, die bei all dem im Hintergrund
durch den virtuellen Raum des World stehen. Sie können durchaus einmal den
Wide Web schießt. 19 Millionen Be- Stromverbrauch einer Kleinstadt errei-
rufstätige arbeiten ganz oder teilweise chen4. Denn im Gegensatz zum heimi-
im Homeoffice, und ein großer Teil der schen Computer sind die Server rund
11 Millionen Schülerinnen und Schüler um die Uhr im Betrieb. Nicht nur die
in Deutschland wird per Homeschooling Rechenleistung verbraucht viel Strom.
unterrichtet. Und wo eine Ausgangs- Fast genauso viel Energie (40 Prozent)
sperre gilt und die Kinos geschlossen wird für komplexe Kühlsysteme benö-
sind, streamt man sich den Wunsch-Film tigt – also Klimaanlagen, Rückkühlung,
halt. Ventilatoren und mehr.
Die Frage liegt nahe: Was kostet das Homeoffice ist, was den Energiever-
alles an Energie? Welche Belastung für brauch und die dadurch verursachten
das Klima ist damit verbunden? Wird die Treibhausgas(THG)-Emissionen betrifft,
Digitalisierung unseres Lebens am Ende demgegenüber um Klassen besser. Der
zu einem Klimakiller? häusliche Computer verbraucht nicht
Wer dieser Frage genauer nachgeht, mehr als das entsprechende Gerät in der
muss nicht nur den Stromverbrauch des Firma; das Gleiche gilt für den mit dem
häuslichen Endgerätes anschauen, son- Rechenzentrum verbundenen Energie-
dern auch den der Rechenzentren und bedarf. Übrig bleibt die Datenübertra-
der Datenübertragung. Und da kommt gung, die aber dadurch mehr als kom-
allerhand zusammen. Fangen wir mit den pensiert wird, dass die Fahrt zwischen
schlimmsten Sündern an: Eine Bitcoin- Wohnung und Arbeitsplatz wegfällt.
Transaktion verbraucht rund 820 kWh. Konzentrieren wir uns auf die belieb-Sie können auch lesen