Besser informiert über Depressionen, manisch-depressives Kranksein - Die mit dem Regenbogen

 
Besser informiert über Depressionen, manisch-depressives Kranksein - Die mit dem Regenbogen
Ratgeber für Patientinnen und Patienten

Besser informiert über
Depressionen, manisch-
depressives Kranksein

Die mit dem Regenbogen
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Depressionen, manisch-depressives Kranksein
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Meine Seele zerfliesst in mir

Und Elend hat mich erfasst

Lautlos schreie ich zu dir

Abgründe sind mein Gast

Alle Freude von mir wich

Das Leben tut so weh

Des Schlafes Balsam fliehet mich

Müd bin ich, eh ich aufsteh

Ich bin nicht ich, ich bin nur Schmerz

Ich bin so schuldig und so leer

Ich habe Angst, es bricht mein Herz

Und weiterleben ist so schwer

Ich bin nur Trauer, will nur Tod

Ich bin ja allen Last

Gott, gib mir bitte Antwort

Warum du mich verlassen hast

Autorin: Barbara Hochstrasser
Besser informiert über Depressionen, manisch-depressives Kranksein - Die mit dem Regenbogen
Ein Ratgeber von Mepha
Besser informiert über Depressionen, manisch-depressives Kranksein - Die mit dem Regenbogen
«Depressionen, manisch-depressives Kranksein»                 5

Depression: Wenn schwere
Nebelschwaden aufziehen                                       9

   n   Depression ja oder nein?                              10
   n   Die Zeichen einer Depression:
       Die Krankheit der «-losigkeiten»                      12
   n   Leide ich an einer Depression?                        16
   n   Wie stellt der Arzt die Diagnose?                     18
   n   Kommen Depressionen häufig vor?                       19
   n   Wieso werden wir depressiv?                           20
   n   Verlauf einer Depression                              22

Was tun, wenn die Seele
traurig wird?                                                25

   n   Wie begegne ich einem depressiven Menschen?           26
   n   Was kann ich selbst tun?                              28
   n   Depression und Familie                                30
   n   Wie beeinflusst die Depression meine Partnerschaft?   33
   n   Was bedeutet die Depression für den Freundeskreis?    34
   n   Wie reagiert mein Arbeitgeber?                        35
   n   Die Behandlung der Depression                         36
   n   Die nicht-medikamentöse Behandlung                    37
   n   Die medikamentöse Behandlung                          39
   n   Ablauf der Behandlung der Depression                  40
   n   Die Gefahr des Suizides (Selbsttötung)                43
   n   Mythen und Fakten rund um den Suizid                  45
   n   Was kann ich bei akuten Suizidgedanken tun?           46
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6                                             Ein Ratgeber von Mepha

Himmelhoch jauchzend,
zu Tode betrübt
(manisch-depressives Kranksein)                                  49

    n   Zeichen der Manie                                        50
    n   Die Betroffenen                                          51
    n   Wer erkrankt wie häufig?                                 52
    n   Mögliche Ursachen                                        53
    n   Der Verlauf                                              55
    n   Das soziale Umfeld                                       56

Anhang                                                           59
    n   Aktivitäten, die helfen können,
        Ihren Alltag zu bewältigen                               60

Hinweise                                                         63
    n   Selbsthilfe- und Angehörigengruppen                      64
    n   Links zum Thema                                          67
Besser informiert über Depressionen, manisch-depressives Kranksein - Die mit dem Regenbogen
«Depressionen, manisch-depressives Kranksein»   7
Besser informiert über Depressionen, manisch-depressives Kranksein - Die mit dem Regenbogen
9

Depression: Wenn schwere
Nebelschwaden aufziehen

 Oft schleichend, zuerst unbemerkt, wie herbstliches
 Eindunkeln machen sich Zeichen einer Depression
 bemerkbar. Stimmungs-, antriebs- und freudlos wird
 der Alltag. Ängste und Schuldgefühle machen sich breit
 und beeinträchtigen die Lebensqualität.

 Diese Zeichen frühzeitig zu erkennen, sie exakt zu deuten
 und individuelle Hilfe zu bieten, ist von grosser Bedeutung.
 Wir zeigen einen Weg dazu.
10            «Depressionen, manisch-depressives Kranksein» Ein Ratgeber von Mepha

Depression ja oder nein?

     Depressionen beeinträchtigen das Denken, Fühlen und Ver-
     halten, den inneren Antrieb sowie das körperliche Wohl-
     befinden des Menschen. Biologisch betrachtet besteht ein
     Mangel an Nervenüberträgerstoffen im Gehirn.

     Die Entwicklung einer Depression kann langsam und un-
     merklich oder aber ganz plötzlich geschehen. Manchmal
     geht ihr eine schwere persönliche Belastung voraus,
     manchmal ist kein ersichtlicher Grund dafür auszumachen.
     Es gibt leichte bis schwere Ausprägungsgrade, die Dauer
     einer depressiven Episode reicht von wenigen Wochen bis
     zu mehreren Monaten.
«Depression: Wenn schwere Nebelschwaden aufziehen»           11

   Von der Depression abzugrenzen ist die Traurigkeit.
   Nach Enttäuschungen, Misserfolgen oder Verlusten sind wir
   traurig – ein ganz normales Gefühl. Traurigkeit ist zeitlich
   begrenzt und wir können die Trauer verarbeiten. Die Bewäl-
   tigung unserer Alltagsaufgaben wird – wenn überhaupt –
   nur in einem kleinen Ausmass beeinträchtigt. Der Depres-
   sive hingegen kann seinen Alltag kaum oder gar nicht mehr
   bewältigen, er ist unfähig Freude zu empfinden, kann sich
   nicht mehr entscheiden. Er ist in seinen Gedanken und
   seiner Stimmung nicht ablenkbar.

   Depression ist kein persönliches Versagen oder eine persön-
   liche Schwäche, sondern vielmehr eine Krankheit, die den
   ganzen Menschen betrifft.
12              «Depressionen, manisch-depressives Kranksein» Ein Ratgeber von Mepha

Die Zeichen einer Depression:
Die Krankheit der «-losigkeiten»

     n   Stimmung: Ein andauerndes Gefühl von Freudlosigkeit,
         tiefer Traurigkeit, Niedergeschlagenheit und Hoffnungs-
         losigkeit, keine Gefühle mehr empfinden können (immer
         weinen müssen oder nicht mehr weinen können), innere
         Leere, Entschlussunfähigkeit.
             Die depressive Stimmung ist oftmals am Morgen
         am ausgeprägtesten (Morgentief). Sie wird als sehr
         quälend erlebt: Nur wer selbst eine Depression erlebt hat,
         kann dies nachfühlen.
     n   Antrieb: Antriebslosigkeit. Den Alltag nur mit Mühe
         bewältigen können, Verlust der inneren antreibenden
         Kraft, verminderte Energie, eingeschränkte Arbeits-
         fähigkeit.
     n   Interesse: Der Verlust von Freude und Interesse an
         beinahe allen Dingen.
     n   Selbstvertrauen /Selbstwert: Der depressive Mensch
         fühlt sich wertlos und ist davon überzeugt, dass andere
         Patienten Hilfe nötiger hätten, dass sein Jammern die
         Umgebung sicher langweile.
     n   Konzentrations-, Wahrnehmungs- und Merkfähig-
         keitsstörungen: Die Wahrnehmung der Betroffenen
         beschränkt sich auf negative Inhalte oder sie neigen
         dazu, die Dinge negativ zu bewerten. Merkfähigkeits-
         und Gedächtnisstörungen treten auf, weil alle Lust fehlt,
         sich mit Inhalten jeglicher Art auseinanderzusetzen
         («Ich schaffe das alles nicht mehr, ich kann nicht einmal
         mehr die einfachsten Sachen erledigen»).
«Depression: Wenn schwere Nebelschwaden aufziehen»             13

   n   Angst- und Schuldgefühle sind häufig. Oftmals ist die
       Unterscheidung zwischen Depression und Angstkrank-
       heit schwierig. Im Rahmen der Verbindung von Angst,
       Verzweiflung und Traurigkeit können auch überwertige
       Ideen (Wahnideen) entstehen: Der Depressive glaubt
       zum Beispiel, versagt zu haben, er sei an allem Schuld
       oder er werde verarmen. Häufig fühlen sich die Betroffe-
       nen selbst schuld an ihrem Zustand. Andere bezeichnen
       bestimmte Ereignisse in ihrem Leben als Ursache ihrer
       Depression, wobei meist Ereignisse genannt werden,
       mit denen sich die depressiven Menschen selbst entwer-
       ten oder verurteilen. Dieses Verhalten führt zu einer wei-
       teren Verschlechterung der depressiven Symptomatik.
   n   Negatives Denken: Immer wiederkehrende negative
       Gedanken («Ich bin eine Zumutung für meine Familie,
       ich habe keine Zukunft» etc.) drängen sich auf (Grübeln).
       Die eigene, einseitige Wahrnehmung und Bewertung
       der Dinge wird zur Realität, man sieht vieles schwarz –
       viel schwärzer als es in Wirklichkeit ist. Gedanken oder
       Absichten betreffend Selbsttötung (Suizid) treten auf.
   n   Psychomotorische Symptome: Bewegung und Haltung
       sind gehemmt, verlangsamt, die Mimik fehlt, die Gestik
       wirkt lustlos, schmerzbetont. Andere Depressive wiederum
       leiden unter einer stark quälenden inneren Angetrieben-
       heit mit einem ziellosen Bewegungs- und Beschäfti-
       gungsdrang.
   n   Körperliches Befinden: Eine gesteigerte Selbstbeobach-
       tung führt oft zu übertrieben anmutenden Befürchtun-
       gen, krank zu sein. Dies kann zu einer weiteren Isolation
       der Betroffenen beitragen. Stehen körperliche Symptome
       ganz im Vordergrund, spricht man von einer maskierten
       Depression (wenn die Seele schweigt, schreit der Körper).
       Zu den Symptomen gehören Schlafstörungen, Appetit-
       losigkeit, sexuelle Lustlosigkeit, Verdauungsstörungen,
       Druck auf der Brust, Kopfschmerzen, Schwindel etc.
   n   Veränderung der Beziehung zu Ehepartner, Freunden
       und Angehörigen: Depressive Menschen ziehen sich
       zurück, es fehlt ihnen die Freude, Kontakte zu pflegen.
       Die Partnerbeziehung ist durch die anhaltend gedrückte
       Stimmung, Angst, Schuld, Desinteresse sowie die sexuelle
       Lustlosigkeit belastet.
14             «Depressionen, manisch-depressives Kranksein» Ein Ratgeber von Mepha

     Bei Kindern und Jugendlichen kann sich eine Depression als
     Verhaltens- und Lernstörung bemerkbar machen, bei älteren
     Menschen können Gedächtnisprobleme im Vordergrund
     stehen. Nicht selten führen diese Gedächtnisprobleme dann
     zu einer Verwechslung mit einer Demenz.

     Die Depression im Alter weist einige Besonderheiten auf:
     Das Erkennen einer Depression im Alter ist oft schwierig,
     häufig werden die Zeichen einer Depression fälschlicher-
     weise als natürliche Folge des Alterungsprozesses gesehen.
     Zudem gibt es ausgeprägte Schwankungen im Beschwerde-
     bild. Der Umstand, dass verschiedene Symptome einer
     Depression auch bei alterstypischen Hirnerkrankungen,
     wie Alzheimer, Parkinson oder Arterienverkalkung der Hirn-
     gefässe auftreten können, erschwert zusätzlich das Erken-
     nen einer Depression bei betagten Menschen.

     Ältere Patienten leiden oft unter mehreren Krankheiten
     gleichzeitig und müssen viele Medikamente einnehmen.
     Diese beiden Umstände können die Entstehung einer De-
     pression mitbegünstigen. Gleichzeitig sind alte Menschen
     öfter belastenden Lebensereignissen ausgesetzt als jüngere
     Patienten, sei es durch den Tod nahestehender Personen
     oder durch körperliche Erkrankungen. Auch diese Verlust-
     erlebnisse zählen zu den Auslösern einer depressiven Epi-
     sode im Alter. Heute bekannte Risikofaktoren für Depressio-
     nen bei alten Menschen sind wiederholte Depressionen in
     der Vorgeschichte, eine depressive Persönlichkeitsstruktur,
     soziale Isolierung und Einsamkeit, mangelnder sozialer
     Rückhalt und Konflikte mit Freunden und Angehörigen.
16               «Depressionen, manisch-depressives Kranksein» Ein Ratgeber von Mepha

Leide ich an einer Depression?

     Mit dem von Prof. Dr. J. Margraf an der psychiaterischen
     Universitätsklinik in Basel entwickelten Kurzfragebogen
     zur Schnellerkennung einer depressiven Verstimmung
     kann rasch, einfach und zuverlässig festgestellt werden,
     ob eine bei Ihnen vorliegende Beeinträchtigung des Befin-
     dens ein krankhaftes Ausmass haben könnte.

Anleitung zum Ausfüllen:
     Lesen Sie die Fragen sorgfältig durch. Es handelt sich um
     eine Liste von Problemen und Beschwerden, die jeder von
     uns kennt. Entscheiden Sie, wie sehr Sie in den letzten sie-
     ben Tagen durch diese Beschwerden gestört oder bedrängt
     worden sind. Überlegen Sie bitte nicht erst, welche Antwor-
     ten den besten Eindruck machen, sondern antworten Sie
     so, wie es für Sie persönlich zutrifft. Machen Sie hinter jede
     Frage ein Kreuz (X) in das Kästchen, welches Ihre Situation
     am besten beschreibt. Beantworten Sie bitte jede Frage!

     Gewichtung

     1. Energielosigkeit oder Verlangsamung
        in den Bewegungen oder im Denken

     2. Schwermut

     3. Gefühl, sich für nichts zu interessieren

     4. Gefühl der Hoffnungslosigkeit angesichts der Zukunft

     5. Gefühl, dass alles sehr anstrengend ist

     6. Gefühl, wertlos zu sein

     Hier bitte nicht ausfüllen!
«Depression: Wenn schwere Nebelschwaden aufziehen»                         17

Anleitung zur Auswertung:
     Sie zählen die Anzahl Kreuze pro Spalte zusammen und
     multiplizieren sie mit der für die jeweilige Spalte angegebe-
     nen Gewichtung. Zählen Sie anschliessend die Punkte zu-
     sammen und vergleichen Sie Ihre Punktzahl mit der unten
     stehenden Auswertungstabelle:

     0 – 3 Punkte:           Sie können davon ausgehen, dass Sie
                             nicht an einer Depression leiden.
     4 – 6 Punkte:           Es liegt möglicherweise eine leichte
                             Depression vor.
     über 7 Punkte:          Es ist sinnvoll, für eine genaue Abklä-
                             rung Ihren Hausarzt aufzusuchen.
                             Ihr Hausarzt kann Sie über eine eventuell
                             notwendige Behandlung am besten in-
                             formieren.

 Überhaupt            Wenig                 Mittel            Stark
 nicht                Es störte mich        Es war sehr       Ich konnte es
                      nicht sehr            unangenehm,       kaum aushalten.
                                            aber ich konnte
                                            es aushalten.
 0                    1                     2                 3

 0                                         +                +

                                            =  Gesamt
18            «Depressionen, manisch-depressives Kranksein» Ein Ratgeber von Mepha

Wie stellt der Arzt die Diagnose?

     Die Diagnose beruht auf folgenden Abklärungen:
     n spontan geschilderte Beschwerden, bisheriger Verlauf,
     n gezielt erfragte Krankengeschichte,
     n Tests,
     n Berücksichtigung ursächlicher Faktoren (Auslöser,
       Konflikte, weitere Erkrankungen, familiäre Häufung).
«Depression: Wenn schwere Nebelschwaden aufziehen»           19

Kommen Depressionen häufig vor?

   Depressionen zählen zu den häufigsten Krankheiten
   überhaupt. Im Durchschnitt leiden drei bis fünf Prozent
   der Weltbevölkerung an Depressionen (insgesamt etwa
   120 – 200 Mio. Menschen). Die Wahrscheinlichkeit,
   im Laufe eines Lebens an einer Depression zu erkranken,
   liegt zwischen 20 und 30%.
20              «Depressionen, manisch-depressives Kranksein» Ein Ratgeber von Mepha

Wieso werden wir depressiv?

     Meistens sind es mehrere Gründe, die zu einer Depression
     führen. Sie liegen im seelischen, im körperlichen sowie im
     sozialen Bereich.

     Bei manchen Menschen besteht eine angeborene oder
     persönliche Verletzlichkeit, welche die Entwicklung einer
     Depression begünstigt. Diese persönliche Veranlagung
     kann vererbt sein oder beruht auf lang andauernden un-
     günstigen Einflüssen in Familie und Erziehung.

     Daneben spielen ganz bestimmte Auslöser in Form von
     überfordernden Lebensereignissen oder überfordernden
     Lebensumständen eine entscheidende Rolle bei der Entste-
     hung einer Depression. Zu den überfordernden Lebens-
     ereignissen zählen:

     n   Verlusterlebnisse (Tod einer nahestehenden Person,
         Trennung oder Scheidung),
     n   Misserfolge (berufliche Karriere, Prüfung),
     n   Schicksalsschläge,
     n   andauernde Überforderungen (z.B. Krankheiten
         wie Herzinfarkt, Hirnschlag etc., tiefgreifende Probleme
         in der Beziehung, Schwierigkeiten am Arbeitsplatz),
     n   Sinnkrisen.

     Verschiedene körperliche Erkrankungen können eine De-
     pression hervorrufen. Auch Veränderungen im Hormon-
     haushalt (Schilddrüsenfunktionsstörung, Wochenbett,
     Alter etc.) oder Medikamente und Suchterkrankungen sind
     als Auslöser von Depressionen zu nennen.
«Depression: Wenn schwere Nebelschwaden aufziehen»         21

   In vielen Fällen geht der Depression ein Verlusterlebnis
   oder ein anderes Ereignis voraus. Dann bezeichnet man
   die Depression als reaktive Depression. Lassen sich keine
   klaren Auslöser nennen, spricht man von einer endogenen
   Depression.

   Die Weltgesundheitsorganisation macht die folgenden
   Punkte für die Häufung von Depressionen verantwortlich:

   n   Zerfall der Familienstrukturen
   n   Vereinsamung in der Masse
   n   Erreichen eines höheren Lebensalters
   n   die genauere Diagnostik
   n   Medikamentenmissbrauch
   n   Suchtverhalten
   n   Verlust weltanschaulicher und religiöser Normen

   Wichtig: Eine Depression ist kein Ausdruck persönlicher
   Schwäche oder eigener Fehler. Die Symptome, die der
   depressive Mensch spürt, sind Ausdruck einer Krankheit
   und sagen nichts über seine Grundpersönlichkeit aus.
22             «Depressionen, manisch-depressives Kranksein» Ein Ratgeber von Mepha

Verlauf einer Depression

     Es sind sowohl eine allmähliche Entwicklung als auch
     ein akuter Ausbruch einer Depression möglich. Die depres-
     sive Störung kann einmalig auftreten, häufiger sind jedoch
     mehr malige Phasen nach kürzeren oder längeren depres-
     sionsfreien Zeiträumen. Chronische Depressionen, bei denen
     langfristig keine Besserung eintritt, sind selten. Möglich
     ist auch ein Wechsel zwischen depressiven und manischen
     Phasen, die sogenannte manisch-depressive Krankheit (sie
     wird in dieser Broschüre weiter hinten genauer beschrieben).
     Selten kann eine Depression nach einigen Wochen wieder
     von alleine zurückgehen. Häufiger hält sie Monate bis Jahre
     an, und dauert im Durchschnitt ohne Behandlung vier bis
     sechs Monate. Körperliche Krankheiten können den Ver-
     lauf von Depressionen mitbeeinflussen. So spielt gerade im
     Alter die abnehmende Funktion des Gehirns, zum Beispiel
     infolge einer ungenügenden Versorgung mit Sauerstoff,
     eine erschwerende Rolle.

     Eine gute Behandlung kann die Beschwerden bei einer
     depressiven Episode deutlich lindern und ihre Dauer stark
     verkürzen.
25

Was tun, wenn die Seele traurig wird?

 Depressionen sind in jedem Fall ernst zu nehmen.
 Zuwendung, Unterstützung und Geduld sind ebenso wichtig
 wie das Beachten der eigenen körperlichen und psychi-
 schen Grenzen. Geschick und Einfühlungsvermögen helfen
 und sind die Basis in der Partnerschaft, im Kontakt mit
 der Familie, Freunden und dem Arbeitgeber.

 Depressionen lassen sich gut behandeln. Eine rechtzeitig
 begonnene und sorgfältig durchgeführte Therapie zeigt
 Lösungen auf.
26              «Depressionen, manisch-depressives Kranksein» Ein Ratgeber von Mepha

Wie begegne ich einem depressiven
Menschen?

     Depressive Menschen haben häufig den Eindruck, völlig
     alleine und isoliert zu sein. Es lohnt sich, wenn bei der Be-
     handlung das mitmenschliche Umfeld der Patientinnen
     und Patienten, also Lebenspartner, Familie, enge Freunde,
     miteinbezogen werden können, denn Angehörige möchten
     in der Regel helfen, wissen aber nicht wie. Das Vorgehen
     ist mit dem Betroffenen offen und für ihn verständlich zu
     besprechen. Mögliche Überforderungen müssen beachtet
     werden.

     n   Depression ist eine ernste Krankheit
         und keine Frage des Willens
         Depressionen können behandelt werden und sind heil-
         bar. Doch Druckversuche, Appelle an den Willen wie
         «Reiss Dich zusammen! Lass Dich nicht gehen! Tu es
         mir zuliebe! Denke positiv!» oder gar Vorwürfe schaden
         einem depressiven Menschen. Alleine der Krankheit
         muss die Schuld am Geschehen gegeben werden, nicht
         dem Betroffenen – vergleichbar mit einer Blutdrucksen-
         kung, die ja auch keine Willensfrage ist. Gut gemeinte
         Ratschläge, «Moralpredigten» und Aufmunterungsver-
         suche drängen den Depressiven nur immer tiefer in die
         von ihm empfundene Auswegslosigkeit hinein.

     n   Zuwendung, Unterstützung, Geduld
         Zeigen Sie, dass Sie helfen wollen, haben Sie Geduld und
         Zeit zum Zuhören, seien Sie verständnisvoll und aufmerk-
         sam. Vermeiden Sie aber Mitleid und zu langes Anhören
         von Klagen. Verzichten Sie wenn möglich auf Ratschläge,
         insbesondere solche, die rasche Lösungen versprechen.
         Ablenkungsversuche können die Situation verschlimmern,
         der depressive Mensch fühlt sich nicht ernst genommen
         und ist enttäuscht.

     n   Entscheidungen vermeiden oder treffen
         Entscheidungen fallen Depressiven schwer, manchmal
         können sie auch gar nichts mehr entscheiden. Da sie vieles
         verzerrt sehen, sind sie oft zu sachlichen Entschlüssen
         nicht fähig. Es gilt deshalb zu vermeiden, dass folgen-
         schwere Entscheidungen wie zum Beispiel Künden der
         Arbeitsstelle, Trennen der Partnerschaft, Verkauf des
         Hauses etc. getroffen werden.
«Was tun, wenn die Seele traurig wird?»                          27

       Vorerst sollen nur in jenen Bereichen des Alltags, die sich
       als lebensnotwendig erweisen, Entschlüsse gefasst und
       konsequent umgesetzt werden: Dies betrifft z.B. die Er-
       nährung, Arztbesuche, Tabletteneinnahme, Bewegung
       oder Körperpflege.

   n   Suizidgedanken ernst nehmen
       Gedanken hinsichtlich Selbsttötung (Suizidgedanken)
       gehören häufig mit zu einer Depression. Offenes An-
       sprechen löst keinen Suizid aus, vielmehr führt es beim
       Betroffenen zu einer Entlastung. Je konkreter die Vorstel-
       lungen und/oder Vorbereitungshandlungen in Erschei-
       nung treten und je stärker der Rückzug, die Isolation und
       die Zeichen zunehmender Verzweiflung und Auswegslo-
       sigkeit sind, desto grösser ist auch das Risiko der Selbst-
       tötung. Treten Suizidgedanken in Erscheinung, ist unbe-
       dingt fachliche Hilfe zu holen.

   n   Urlaub oder fremde Umgebung sind keine Lösung
       Ablenkungsversuche durch Urlaub oder eine fremde
       Umgebung sind eher eine Belastung und keine Lösung.
       Ziel ist es, dass die Betroffenen ihren Alltag wieder bewäl-
       tigen können. Der gebesserte Zustand ist Voraussetzung
       für neue Perspektiven (Kuren/Ferien). Ansonsten kommt
       es zu verstärkter Vereinsamung mit «Grübeln» und mög-
       licherweise auch Suizidgedanken.

   n   Eigene körperliche und psychische Grenzen beachten
       Nicht ein übereifriger Einsatz, sondern das Einteilen
       der Kräfte – ein langer Atem – sind gefragt. Vorausset-
       zung dafür ist ein vorsichtiger Umgang mit den eigenen
       Reserven: soziale Kontakte aufrecht erhalten, Zeit zum
       Auftanken beachten, eigene Überforderungen erkennen
       sowie fremde Hilfe annehmen (Selbsthilfegruppen,
       Hausarzt, Psychotherapeuten).
28             «Depressionen, manisch-depressives Kranksein» Ein Ratgeber von Mepha

Was kann ich selbst tun?

     Trotz Verzweiflung und Antriebsarmut sollen sich auch
     depressive Menschen selbst gewisse Leitplanken im Um-
     gang mit der Krankheit geben.

     Es ist wichtig, dass Sie Ihren Tagesablauf strukturieren,
     was nichts anderes heisst, als den Tag vorauszuplanen
     und einen klaren Stundenplan zu erstellen. Dabei gilt es,
     an vertrauten Alltagsaktivitäten (Aufstehen, Körperhygiene,
     Spaziergang, Einkaufen, Zeitung lesen, Haushalt) bewusst
     festzuhalten und diese zeitlich genau zu fixieren. Die mit
     dem festgelegten Tagesablauf verbundenen Ziele sollen
     überschaubar, konkret, angenehm und zu bewältigen sein.
     Selbst noch so kleine Fortschritte bei der Bewältigung des
     Tagesablaufs verhelfen dazu, auch in der depressiven Phase
     Erfolgserlebnisse zu verspüren. Das Gefühl der Hilflosigkeit
     und des Ausgeliefertseins nimmt ab. In der depressiven
     Phase sollten Sie keine wichtigen Entscheidungen, wie z.B.
     solche hinsichtlich Ihrer Partnerschaft treffen.

     Die Leistungsfähigkeit ist während einer Depression einge-
     schränkt. Dies führt zu Rückschritten in verschiedenen
     Bereichen. Sie gehören mit dazu und sind nicht auf Ihr per-
     sönliches Versagen, sondern auf die Krankheit Depression
     zurückzuführen. Das Auftauchen aus der Depression erfolgt
     schrittweise.

     Körperliche Betätigung und gesunde Ernährung sind
     wichtig. Auch noch so kleine körperliche Aktivitäten,
     wie wir sie in gesundem Zustand tagtäglich unbemerkt aus-
     führen, sind für das Wohlbefinden depressiv erkrankter
     Menschen von Bedeutung, da sie trüben Gedanken entge-
     genwirken. Es gilt, die Aktivitäten dem aktuellen Zustand
     anzupassen und überschaubar zu planen: Spaziergänge soll-
     ten nicht zu lange dauern, Velofahrten den aktuellen Kräf-
     ten angepasst werden. Das tägliche Duschen kann eine
     Herausforderung sein und sollte nicht als selbstverständlich
     betrachtet werden.
«Was tun, wenn die Seele traurig wird?»                     29

   Auch wenn es Ihnen an Appetit mangelt, nichts mehr
   richtig zu schmecken scheint und Sie überhaupt keine Lust
   auf irgendwelche Nahrungsmittel verspüren, sollten Sie auf
   eine regelmässige, gesunde und ausgewogene Ernährung
   achten. Versuchen Sie, sich zur Einnahme von kleinen Mahl-
   zeiten, verteilt über den Tag, zu motivieren. Auf Alkohol
   sollten Sie verzichten. Dies zum einen wegen der Wechsel-
   wirkung mit den Medikamenten, welche die Psyche beein-
   flussen, zum anderen, weil die depressive Stimmungslage
   nach einer anfänglichen Erleichterung eher noch vertieft
   wird. Sorgen können nicht ertränkt werden. Trinken verne-
   belt vielmehr den Blick auf wirksame Hilfen, die beispiels-
   weise aus dem persönlichen Umfeld erfolgen.

   Versuchen Sie, das für Sie wichtige Umfeld (Angehörige/
   Freunde/Nachbarn etc.) über Ihre Erkrankung zu infor-
   mieren. Beziehen Sie nächste Bezugspersonen in Ihre Tages-
   planung mit ein. Schaffen Sie durch Ihr Umfeld ein Klima,
   das Sie davon abhält, sich zurückzuziehen. Freunde und
   Nachbarn helfen gerne, sind aber meist auf Ihren ersten
   Schritt angewiesen.

   Nehmen Sie regelmässig Ihre Medikamente ein. Sprechen
   Sie bei Zweifeln an der Notwendigkeit dieser Medikamente
   möglichst früh mit Ihrem Hausarzt. Bauen Sie Sicherheiten
   ein, damit Sie Ihre Arzt- und anderen Therapietermine
   nicht vergessen.
30             «Depressionen, manisch-depressives Kranksein» Ein Ratgeber von Mepha

Depression und Familie

     Bei einer Depression können verschiedene Fragen rund um
     das Thema «Familie» auftauchen: Worunter leidet die Fami-
     lie am meisten? Welche Möglichkeiten hat die Familie zur
     Problemlösung bereits ergriffen? Was für (verschiedene)
     Erklärungsmodelle zur Depression gibt es in der Familie?
     Wie haben sich die Beziehungen innerhalb der Familie durch
     die Krankheit verändert (Verständigungsprobleme): Nehmen
     die Angehörigen ihre eigenen Bedürfnisse noch wahr oder
     halten sie sich zurück, weil sie befürchten, den depressi-
     ven Angehörigen noch mehr zu belasten? Gemeinsame Ge-
     spräche, auch mit einer medizinischen Betreuungsperson,
     können eine klärende und hilfreiche Wirkung haben.
     Fordern Sie aktiv solche Gespräche ein!

     Wie wird in der Familie mit der Angst umgegangen, dass der
     Depressive sich das Leben nehmen könnte? Familiengesprä-
     che über dieses schwierige Thema können Entlastung brin-
     gen. Beziehungen wirken suizidverhütend, wobei ein Suizid
     nie mit letzter Sicherheit ausgeschlossen werden kann.

     Das Ansprechen von Suizidalität löst keinen Selbsttötungs-
     versuch aus. Eine geteilte Verantwortung kann aber erleich-
     tern und hilft dabei, diese schwere Bürde weiter tragen zu
     können. Auch über die Frage einer allfälligen Klinikein-
     weisung soll innerhalb der Familie mit Hilfe des Hausarztes
     gesprochen werden. Eine Einweisung kann notwendig
     werden, wenn aufgrund des aktuellen Zustandes die Ver-
     antwortung nicht mehr alleine getragen werden kann oder
     wenn für einige Zeit, zum Beispiel wegen Suizidgedanken,
     der Schutz einer Klinik benötigt wird. Eine Klinikeinwei-
     sung löst zwar das Problem nicht, die Angehörigen erhalten
     jedoch eine «Verschnaufpause». Anschliessend können sie
     von den Betreuungspersonen in der Klinik wieder in das
     Behandlungskonzept miteinbezogen werden.
«Was tun, wenn die Seele traurig wird?»                       33

Wie beeinflusst die Depression
meine Partnerschaft?

   Beziehungsprobleme lösen oft Depressionen aus, gleich-
   zeitig wird die Umgebung des depressiven Menschen
   (Lebenspartner, Freunde, Angehörige und Arbeitskollegen)
   durch sein Leiden und sein damit verbundenes Verhalten
   stark belastet. Diese Belastung der Umgebung wird häufig
   zu wenig wahrgenommen. Es müssen also sowohl der Pa-
   tient wie auch sein Partner oder seine Partnerin «geschützt»
   werden.

   Die Verständigung zwischen dem Depressiven und dem
   Lebenspartner verläuft oft sehr typisch: Von Seiten des
   Depressiven kommen häufiges Klagen, Selbstabwertungen,
   negative Äusserungen und Warten auf eine Problemlösung
   durch andere. Dem steht ein kritisches Verhalten mit häufig
   negativen Bemerkungen und Vorwürfen sowie oft negativer
   und zwiespältiger Unterstützung durch den Partner entge-
   gen. Erleichtern lässt sich die Situation, indem gegenseitige
   Bedürfnisse und Erwartungen klar und deutlich geäussert
   und besprochen werden können.

   Das zu Beginn vorhandene Mitleid und Verständnis für
   den depressiven Partner führt bei den Angehörigen mit der
   Zeit zu Erschöpfung und vermehrtem Rückzug. Der Depres-
   sive wird dadurch noch mehr isoliert, was die Krankheit
   weiter verstärkt.

   Eine befriedigende Partnerschaft beeinflusst in der Regel
   die Intensität und den Verlauf der Depression positiv.
   Das heisst, sie ist bei diesen Patienten weniger einschnei-
   dend und verläuft insgesamt günstiger, mit schnellerer
   Heilung und geringerem Rückfallrisiko. Dies ist nicht er-
   staunlich, da beim Partner als erstes die so dringend benö-
   tigte Zuwendung und Hilfe gesucht werden. Die Depression
   des Lebenspartners ist eine schwierige Belastungssituation.
   Wie intensiv man sich in solch einer Situation zur Seite ste-
   hen kann, hängt stark von der Qualität der Partnerschaft ab.
34            «Depressionen, manisch-depressives Kranksein» Ein Ratgeber von Mepha

Was bedeutet die Depression
für den Freundeskreis?

     Eine gute Unterstützung durch Freunde, Bekannte und
     Verwandte kann die Symptome der Depression mildern
     und den Verlauf der Krankheit günstig beeinflussen.
     Voraussetzung dafür ist, dass diese Menschen sich lang-
     fristig einsetzen und sich auch sehr gut abgrenzen können.
     Es gilt, sowohl die Bedürfnisse des Depressiven als auch
     die der Freunde und Bekannten zu beachten. Selbsthilfe-
     gruppen oder die Unterstützung durch entsprechende
     Fachleute können bei dieser Aufgabe eine ganz wichtige
     Rolle übernehmen.
«Was tun, wenn die Seele traurig wird?»                        35

Wie reagiert mein Arbeitgeber?

   Da insbesondere vorübergehend Arbeitsunfähigkeit eintre-
   ten kann, ist die Angst gross, dass der Betroffene während
   oder nach einer Depression seinen Arbeitsplatz verlieren
   könnte. Die Reaktionen der Arbeitgeber fallen ganz ver-
   schieden aus: Von einem der Situation angepassten Verhal-
   ten mit dem Schaffen guter Wiedereinstiegsbedingungen
   über ein geändertes, vielleicht stressreduziertes Pflichten-
   heft bis hin zur Entlassung ist alles möglich. Generelle Rat-
   schläge sind kaum möglich, da in jedem einzelnen Fall das
   jeweilige Verhältnis zur Firma, zum Vorgesetzten, zur wei-
   teren Umgebung am Arbeitsplatz abgewogen werden muss,
   bevor eine gute Lösung gefunden werden kann.

   Der Therapeut wird sich in Gesprächen mit dem Arbeit-
   geber über den einzuschlagenden Weg ins Bild setzen.
   Allenfalls wird es nötig sein, sich sozialversicherungsrecht-
   lich beraten zu lassen. Eventuell muss auch juristischer
   Beistand hinzugezogen werden.
36             «Depressionen, manisch-depressives Kranksein» Ein Ratgeber von Mepha

Die Behandlung der Depression

     Depressionen sind Krankheiten, die gut behandelt werden
     können. Bewährt hat sich die Kombination von unterstüt-
     zenden Gesprächen (Psychotherapie), Massnahmen im
     sozialen Umfeld wie z.B. am Arbeitsplatz (Soziotherapie)
     und einer medikamentösen Therapie (Pharmakotherapie).

     Bei leichtem Schweregrad können stützende Gespräche
     mit dem Betroffenen, allenfalls seinen Angehörigen,
     die Festlegung einer Tagesstruktur und z.B. die Anpassung
     der Arbeitsfähigkeit zur Behandlung ausreichen – eine medi-
     kamentöse Therapie kann hinzukommen.

     Bei mittelschweren Depressionen werden zusätzlich zu
     den Antidepressiva weitere Medikamente z.B. gegen Schlaf-
     störungen oder quälende Angstzustände eingesetzt.

     Bei schweren Depressionen schliesslich werden oftmals
     mehrere Antidepressiva kombiniert; der Zuzug eines Fach-
     arztes für Psychiatrie und Psychotherapie ist sinnvoll.
     Ein Spitalaufenthalt kann nötig werden.
«Was tun, wenn die Seele traurig wird?»                    37

Die nicht-medikamentöse Behandlung

   Grundlage jeder Behandlung einer Depression ist eine auf
   Vertrauen basierende und tragfähige Beziehung zwischen
   Patient und Therapeut. Im Rahmen einer psychotherapeu-
   tischen Unterstützung erfährt der Patient Verständnis und
   Sicherheit. Die Behandelnden können in der schweren
   Zeit der Depression als Partner der Betroffenen verstanden
   werden, die mit ihnen zusammen auf ein sinnvolles Ziel
   hinarbeiten.

   Häufig sind für depressive Menschen auch Therapien hilf-
   reich, die Musik, Tanz, Gesang, aber auch Malen, Basteln
   usw. mit beinhalten (Ergo-, Bewegungs- und Kunstthera-
   pie). Daneben kommen für die oft vorhandenen körperli-
   chen Beschwerden Entspannungsübungen, Massagen und
   Gymnastik zur Anwendung.
38             «Depressionen, manisch-depressives Kranksein» Ein Ratgeber von Mepha

     Da ein geregelter Tagesablauf sehr wichtig ist, wird mit
     dem Patienten geklärt, wie er dies umsetzen kann. Auch die
     Frage der Arbeitsfähigkeit und die notwendige Vernetzung
     mit einer unterstützenden Umgebung wird angesprochen.
     In der Regel werden nächste Angehörige, Freunde und
     eventuell auch der Arbeitgeber in die Behandlung und Be-
     treuung miteinbezogen. Die Länge und Häufigkeit der Ge-
     spräche richtet sich nach den Möglichkeiten des Patienten
     beziehungsweise dem Schweregrad seiner Erkrankung.

     An erster Stelle werden depressive Patienten von ihren
     Hausärzten, eventuell in Zusammenarbeit mit einem Fach-
     arzt, betreut. Führen die ambulanten Behandlungsmass-
     nahmen, ergänzt durch Selbsthilfegruppen und psycho-
     soziale Betreuung, nicht zum Ziel, bestehen Hinweise auf
     eine akute Selbstgefährdung oder ist die Erkrankung sehr
     schwer, wird die stationäre Betreuung in einer psychiatri-
     schen Klinik notwendig.
«Was tun, wenn die Seele traurig wird?»                          39

Die medikamentöse Behandlung

   Stimmungsaufhellende Medikamente, sogenannte Anti-
   depressiva, ermöglichen eine erfolgreiche Behandlung
   von Depressionen. Dies gilt insbesondere, wenn es sich
   um mittel- bis schwergradig depressive Episoden handelt.
   Die Antidepressiva greifen in den biologischen Übermitt-
   lungsprozess von Informationen zwischen Nervenzellen
   im Gehirn ein, indem sie auf die im Körper natürlicher-
   weise vorhandenen Neurotransmitter (Botenstoffe des Ge-
   hirns) einwirken. Durch die Behandlung mit Antidepressiva
   wird das Gleichgewicht dieser Botenstoffe wieder herge-
   stellt und dadurch eine Besserung der depressiven Symp-
   tome erreicht.

   Es stehen heute über 20 verschiedene Antidepressiva zur
   Verfügung, die alle gut wirksam sind, sich aber in den mög-
   lichen Nebenwirkungen unterscheiden. Je nach vorherr-
   schenden Symptomen und je nach Schweregrad wird vom
   Arzt ein bestimmtes Antidepressivum ausgewählt. Antide-
   pressiva wirken nur bei regelmässiger Einnahme. Sie sind
   weder Beruhigungsmittel noch Schlafmittel und führen
   auch nicht zu Gewöhnung und Abhängigkeit. Im Durch-
   schnitt brauchen Antidepressiva ein bis zwei Wochen,
   bevor sie eine Linderung der depressiven Beschwerden be-
   wirken können. Das gestörte Gleichgewicht der Botenstoffe
   kann also nur schrittweise wieder hergestellt werden.
   In diesem Sinne können Antidepressiva mit Medikamen-
   ten gegen zu hohen Blutdruck verglichen werden.

   Welches Antidepressivum nun bei welchen Patienten
   am besten wirkt, ist im vornherein nicht klar. Wichtig ist,
   dass die Antidepressiva in ausreichend hoher Dosierung
   und genügend lang eingenommen werden, da sie sonst
   keine Wirkung entfalten können. Wenn der Patient nach
   vier bis sechs Wochen trotzdem keine spürbare Linderung
   erfährt, wird der Arzt ein anderes Antidepressivum ver-
   schreiben. Nach heutiger Meinung sollte die Antidepres-
   siva-Therapie in der Dosierung, mit der eine optimale
   Wirkung erzielt wurde, mindestens während eines halben
   Jahres weitergeführt werden.
40              «Depressionen, manisch-depressives Kranksein» Ein Ratgeber von Mepha

Ablauf der Behandlung
der Depression

     Die Depressionsbehandlung lässt sich typischerweise
     in drei Phasen einteilen:

     n   die Akuttherapie (4 – 6 Wochen)
     n   die Erhaltungstherapie (4 – 6 Monate)
         (Vorbeugen eines Rückfalls)
     n   die prophylaktische Therapie (über Jahre)
         (Verhindern der Wiedererkrankung).

     Die Wochen der Akuttherapie sind oftmals belastend,
     weil das Medikament seine Wirkung nur schrittweise ent-
     falten kann, die unerwünschten Begleiterscheinungen
     hingegen bereits nach Einnahme der ersten Dosis vorhan-
     den sein können. Eine enge, vertrauensvolle und intensive
     Zusammenarbeit mit dem Arzt ist deshalb in dieser Phase
     ganz entscheidend. Meistens verschwinden nämlich die
     unangenehmen Begleiterscheinungen, wie etwa Tagesschläf-
     rigkeit, eine störende Mundtrockenheit oder Darmträgheit,
     innerhalb der ersten Behandlungswoche. Der Arzt kann
     durch die Dosierung und Auswahl des Medikaments die The-
     rapie auf den jeweiligen Patienten abstimmen.

     Es braucht also Geduld, bis eine lindernde Wirkung der Medi-
     kamente eintreten kann. Die Nebenerscheinungen sollten
     dem Arzt unbedingt gemeldet werden, damit er eine Ein-
     schätzung der Situation vornehmen kann. Eine Änderung
     oder ein Weglassen der Medikamente sollte nicht ohne Rück-
     sprache mit dem Arzt erfolgen.

     Ein Stimmungstagebuch während dieses Zeitraums kann
     helfen, sich erster, wenn auch kleiner Fortschritte besser
     gewahr zu werden. Mit Hilfe der Aufzeichnungen lässt sich
     herausfinden, welche Tätigkeiten sich positiv auf die eigene
     Stimmung auswirken.
«Was tun, wenn die Seele traurig wird?»                      41

   In der Phase der Erhaltungstherapie, ab der dritten
   oder vierten Behandlungswoche, kann das Medikament
   seine volle Wirkung entfalten. Die Steuerungsvorgänge
   der Botenstoffe stabilisieren sich. Häufig wird der Schlaf
   etwas besser, der Patient spürt mehr Energie. Die Tage,
   an denen es besser geht, häufen sich. Dinge, die vor Kurzem
   noch unüberwindbar schienen, können nun langsam wie-
   der angepackt werden. Das Vertrauen in die eigenen Kräfte
   wächst schrittweise. Damit die Wirkung der medikamen-
   tösen Behandlung weiter anhält, ist die genaue Einnahme
   der Medikamente nun besonders wichtig. Eine Planung,
   wie wieder vermehrt kleine und vor allem überwindbare
   Aktivitäten in den Alltag eingebaut werden sollen, ist hilf-
   reich. In einer Liste im Anhang schlagen wir verschiedene
   Aktivitäten vor. Daraus sollen solche, die jeweils am besten
   passen, ausgewählt werden.
42             «Depressionen, manisch-depressives Kranksein» Ein Ratgeber von Mepha

     Nach ungefähr drei Monaten Therapie sind die meisten
     Depressionen abgeklungen. Der Zustand entspricht wieder
     dem Niveau vor Ausbruch der Erkrankung. Nach dem heu-
     tigen Stand des Wissens sollten die Medikamente in der
     gleichen Dosierung, mit der die Verbesserung erreicht wurde,
     noch für ein halbes Jahr weiter eingenommen werden.
     Damit werden gute Bedingungen geschaffen, um einen mög-
     lichen Rückfall zu verhindern. Fachleute bezeichnen diese
     Phase der Behandlung als prophylaktische Therapie.

     Die Zeichen eines möglichen Rückfalls oder entsprechende
     «Frühwarnsymptome» werden zusammen mit dem Arzt
     ausführlich diskutiert – sie sind für den jeweiligen Patienten
     typisch und somit von Mensch zu Mensch verschieden.
     In diesem Behandlungszeitraum werden auch die Ursachen,
     die zum Ausbruch der Depression beitrugen, genauer ange-
     schaut und psychotherapeutisch aufgearbeitet. Es ist näm-
     lich von entscheidender Bedeutung, dass im Alltag des Pa-
     tienten Veränderungen vorgenommen werden und sich
     dieser nicht ausschliesslich auf die Schutzwirkung der Medi-
     kamente verlässt. Ein Überdenken des Tagesrhythmus’,
     eine Planung der Alltagsaufgaben sowie das Angehen von
     Konflikten und Vorbereiten von Konfliktlösungen sind
     entscheidend, um Rückfälle zu verhindern.
«Was tun, wenn die Seele traurig wird?»                        43

Die Gefahr des Suizides (Selbsttötung)

   «Es ist das Beste für meine Familie, wenn es mich nicht
   mehr gibt», «Ich bin doch nur eine Last und es wird nicht
   besser», «Dann kann mein Mann eine neue Frau nehmen
   und für die Kinder ist gesorgt». – Suizidgedanken sind bei
   depressiven Menschen häufig. Die Neigung zur Selbsttö-
   tung (Suizidalität) gehört meist mit zur Depression. Die für
   eine Depression typischen Gefühls- und Denkstörungen
   führen zu zerstörerischen Vorstellungen, die mit der Gefahr
   der Selbsttötung verbunden sein können. 80% der schwer
   depressiven Menschen werden von Suizidideen geplagt,
   4% unternehmen einen Suizidversuch. Der Umgang mit
   Suizid gefährdeten Menschen erfordert viel Energie. Dabei
   muss auf jeden Fall fachliche Hilfe in Anspruch genommen
   werden.

   Gespräche über die Suizidneigung zwischen dem Betroffe-
   nen, den Angehörigen und dem Arzt erleichtern und helfen,
   die schwierige Verantwortung gemeinsam zu tragen.
   Es kann auch die Frage einer Klinikeinweisung besprochen
   werden. Oftmals ist es die Angst der Betroffenen, die Kon-
   trolle über sich zu verlieren, die sie dazu bewegt, den Schutz
   einer Klinik zu suchen. Es kann aber auch sein, dass ein
   Hausarzt zum Schutz des depressiven Patienten eine Ein-
   weisung gegen seinen Willen durchsetzen muss. Nach Bes-
   serung der depressiven Symptomatik in der Klinik ist aber
   auch bei Menschen, die gegen ihren Willen zur Behandlung
   eingewiesen wurden, meist Erleichterung und Verständnis
   für diesen Schritt spürbar.
«Was tun, wenn die Seele traurig wird?»                        45

Mythen und Fakten rund
um den Suizid

   Es bestehen grosse Hemmungen, Suizidgedanken direkt an-
   zusprechen. Dies ist aber die einzige Möglichkeit, um Klarheit
   über den aktuellen Gefühlszustand des Patienten zu bekom-
   men. Rund um das Thema Suizid bestehen viele «Volksweis-
   heiten»; die Fakten stellen sich oft ganz anders dar:

   n   «Leute, die von Suizid sprechen, bringen sich nicht
       um». Suizidäusserungen sind in jedem Fall als Ausdruck
       einer seelischen Krisensituation zu verstehen und ernst
       zu nehmen. Acht von zehn Suizidenten haben vor ihrem
       Tod klar von ihren Absichten gesprochen.

   n   «Menschen, die Suizid begehen wollen, tun dies früher
       oder später sowieso». Nachfolgeuntersuchungen zeigen,
       dass von den Patienten, die Suizidversuche hinter sich
       haben, nur sehr wenige im späteren Verlauf ihres Lebens
       tatsächlich Suizid begehen.

   n   «Jeder Mensch hat das Recht, seinem Leben ein Ende
       zu setzen». Die grosse Mehrheit der Menschen, welche
       Suizidhandlungen begehen, tun dies in einem psychischen
       Zustand, der es ihnen nicht erlaubt, ohne krankheitsbe-
       dingte verzerrte Sichtweise über ihr Leben zu entscheiden
       und die Zukunft ihres Lebens genügend sachlich einzu-
       schätzen.

   n   «Das Gespräch über Suizidabsichten könnte einen
       Suizid auslösen». Kein Patient wird Suizid begehen,
       weil man ihn auf Suizidgedanken angesprochen hat.
       Ein offenes Gespräch bringt Entlastung und neue Hoff-
       nung. Es ist Voraussetzung für eine tragfähige Beziehung
       zu den Angehörigen, den Therapeuten etc.
46             «Depressionen, manisch-depressives Kranksein» Ein Ratgeber von Mepha

Was kann ich bei akuten
Suizidgedanken tun?

     Wichtig ist, die Suizidgedanken ernst zu nehmen und Hilfe
     zu organisieren. Die Menschen im Umfeld der Betroffe-
     nen sollten sich darauf konzentrieren dem/der Betroffenen
     aufmerksam zuzuhören sowie einfühlsam und ernsthaft
     nachzufragen. Gutgemeinte Ratschläge und Aufmunterungs-
     versuche drängen die Suizidgefährdeten nur tiefer in ihre
     Auswegslosigkeit. Eigene Gefühle sollen geäussert, fehlge-
     schlagene Suizidversuche offen und ehrlich angesprochen
     und nicht als Unfall oder Versehen abgetan werden. Zur eige-
     nen Psychohygiene sollte mit vertrauten Personen über
     den Suizidversuch gesprochen werden. Er sollte keinesfalls
     als «Schande» betrachtet und verheimlicht werden.
49

Himmelhoch jauchzend,
zu Tode betrübt
(manisch-depressives Kranksein)

 Eine besondere Form depressiver Erkrankungen ist die
 manische Depression. Sie ist geprägt von stark wechselnden
 Gemütsverfassungen und beeinträchtigt den Lebensrhyth-
 mus eines Menschen erheblich. Das Risiko von körperlichen
 Schäden und Einbussen im familiären und beruflichen Alltag
 ist gross.

 Das soziale Umfeld wird neben einer systematischen
 Therapie zum bedeutendsten Aspekt. Wertvoll ist es,
 wenn die Angehörigen zusammen mit dem Betroffenen
 zu Experten seiner Erkrankung werden.
50             «Depressionen, manisch-depressives Kranksein» Ein Ratgeber von Mepha

Zeichen der Manie

     Typische Zeichen einer Manie sind:
     n Eine gehobene, euphorische, gereizt/aggressive
       Stimmung.
     n Ein deutlich gesteigerter Antrieb und Drang
       zu Aktivitäten.
     n Ein gesteigertes Selbstwertgefühl (Allmachts phan tasien,
       Selbstüberschätzung, Grössenwahn).
     n Gesprächigkeit, Rededrang, bis hin zu «Nicht-mehr-mit-
       Reden-aufhören-können».
     n Eine leichte Ablenkbarkeit mit Konzentrationsstörungen
       (zu viele Gedanken auf einmal im Kopf).
     n Das Verhalten ist enthemmt (z.B. im sexuellen Bereich),
       distanzlos, leichtsinnig mit unüberlegten Handlungen,
       wie z.B. verschwenderischem Geldausgeben.
     n Die Wahrnehmung ist intensiviert, und zwar in allen
       Sinnesbereichen: Hören, Sehen, Fühlen und Riechen.
     n Das Schlafbedürfnis ist deutlich reduziert.
     n Die Krankheitseinsicht ist beeinträchtigt. Der Betroffene
       fühlt sich gesund und lehnt eine Behandlung deshalb
       oft ab.
«Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt»                        51

Die Betroffenen

   Die Diagnose einer manisch-depressiven Erkrankung stellt
   für die Betroffenen einen massiven Einschnitt in ihr Leben
   dar. Die Krankheit wird in der Regel lange nicht als solche
   erkannt. Wenn nach durchschnittlich zehn Jahren Krank-
   heitsverlauf erstmals ein Arzt im Zusammenhang mit Pro-
   blemen des Gemütszustands aufgesucht wird, steht meist
   eine depressive Problematik im Vordergrund.

   Vorangehende Phasen, in denen das Ausmass der Symptome
   deutlich geringer ausfällt als bei einer Manie (sogenannte
   hypomanische Phasen), fallen weniger auf. Der Betroffene
   erfreut sich während dieser Zeit gemäss eigenem Urteil bes-
   ter Gesundheit und Leistungsfähigkeit, ist kreativ und voller
   Selbstvertrauen. Dies wird als vermeintliches Anzeichen
   einer positiven Entwicklung des Betroffenen betrachtet
   («Er hat bei sich einen Knoten gelöst», «Er hat die richtige
   Einstellung zum Leben gefunden» etc.). Verständlicher weise
   fehlt zu diesem frühen Zeitpunkt eine Krankheitseinsicht,
   der Kranke fühlt und betrachtet sich als völlig gesund.
   Für eine rechtzeitige und erfolgreiche Behandlung und Be-
   treuung ist die Einsicht des Patienten aber besonders wichtig.

   Im weiteren Verlauf der manisch-depressiven Krankheit
   wird die Lebensentwicklung stark beeinträchtigt. Die Be-
   troffenen nehmen mit zunehmender Dauer der Erkrankung
   immer weniger am familiären und gesellschaftlichen Leben
   teil. Zu einem weiteren sozialen Rückzug führen die häufi-
   gen Begleiterkrankungen Sucht und Angst. Die beruflichen
   Möglichkeiten sind durch Anzahl und Verlauf der Krank-
   heitsphasen unterschiedlich stark beeinträchtigt. Oft nimmt
   aber die Leistungsfähigkeit im Verlaufe der Erkrankung deut-
   lich ab, so dass nur noch ein Drittel der Betroffenen einer
   geregelten Arbeit nachgehen kann. Ein definierter Tages-
   rhythmus mit einem fest eingeplanten Wechsel zwischen
   Anforderung und Erholung sowie eine gut strukturierte
   Arbeit sind wichtig für die Stabilisierung der Situation und
   des Gemütszustands der Betroffenen.
52            «Depressionen, manisch-depressives Kranksein» Ein Ratgeber von Mepha

Wer erkrankt wie häufig?

     Etwa jeder hundertste Mensch erkrankt in seinem Leben
     an einer manisch-depressiven Krankheit. Männer und
     Frauen erkranken etwa gleich häufig, 75% der Betroffenen
     erleben ihre erste Krankheitsepisode vor dem 25. Lebens-
     jahr. Neben einem familiär gehäuften Vorkommen fallen
     die parallel auftretenden Sucht- und Angsterkankungen
     sowie das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom, Migräne etc.
     auf. Die begleitenden Probleme, die oftmals ganz im Vor-
     dergrund stehen, verhindern in vielen Fällen die Diagnose-
     stellung und damit auch eine fachgerechte Behandlung
     des manisch-depressiven Krankseins.

     Manische Phasen können sowohl im Zusammenhang mit
     belastenden persönlichen Ereignissen als auch ohne erkenn-
     baren Grund auftreten. Die Dauer der Phasen reicht von
     einigen Wochen bis zu mehreren Monaten, wobei ein Ab-
     wechseln der manischen und depressiven Phasen möglich
     ist. Eine fachärztliche Behandlung und medikamentöse
     Langzeittherapie sind bei der manisch-depressiven Erkran-
     kung unbedingt notwendig.
«Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt»                     53

Mögliche Ursachen

   Verschiedene Faktoren spielen beim Entstehen der manisch-
   depressiven Krankheit eine Rolle. Eine familiäre Häufung
   und ein frühes Erkrankungsalter legen eine erbliche Veran-
   lagung nahe. Diese Veranlagung macht es wahrscheinlicher,
   dass ein belastendes Lebensereignis eine manisch-depressive
   Erkrankung auslösen könnte.

   Neben dieser vererbten Veranlagung ist ein gestörtes Zu-
   sammenspiel der Botenstoffe im Gehirn (Neurotransmitter)
   von Bedeutung. Wichtig sind auch psychologische Fak-
   toren – lässt sich doch häufig vor der ersten Erkrankungs-
   phase ein schwer belastendes Lebensereignis beschreiben.
«Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt»                     55

Der Verlauf

   Typisch ist der Wechsel zwischen depressiven/manischen
   Krankheitsphasen und krankheitsfreien Zeiträumen.
   Bei den meisten Patienten folgen auf die erste Krankheits-
   phase im Verlaufe ihres Lebens acht bis zehn weitere Episo-
   den. Mit zunehmendem Alter werden die Krankheitsphasen
   häufiger und verlaufen auch schwerer.

   Die Krankheit setzt in jungen Jahren ein, viele Betroffene
   müssen mit massiven Einschränkungen (körperliche Ge-
   sundheit, Einbussen im familiären und beruflichen Leben,
   Lebenserwartung) zurecht kommen. Eine frühzeitige Diag-
   nosestellung und der Einsatz von Medikamenten, welche
   die Häufigkeit der Krankheitsphasen verringern (sogenannte
   Phasenprophylaktika), sind für eine gute Betreuung und
   Behandlung sowie den weiteren Verlauf der Krankheit
   zentral.
56             «Depressionen, manisch-depressives Kranksein» Ein Ratgeber von Mepha

Das soziale Umfeld

     «Es ist wichtig, dass die Angehörigen zusammen mit
     dem Betroffenen zu Experten seiner Erkrankung werden!»

     Aggressives Verhalten, körperliche Gewalt, wirtschaftlicher
     und sozialer Schaden, den die Patienten mit ihrem krank-
     heitsbedingten Verhalten auslösen können, stellen das
     soziale Umfeld, insbesondere auch die betroffenen Familien,
     vor schwere Probleme. Auch die Begleiterkrankungen
     Alkohol- und Drogenmissbrauch sowie die möglicherweise
     auftretenden Angsterkrankungen führen oft zu grossen
     Schwierigkeiten. Wegen der fehlenden Krankheitseinsicht
     manisch-depressiver Patienten, vor allem während einer
     manischen Phase, können in vielen Fällen Lösungen nur
     noch mit Hilfe von Zwangsmassnahmen erreicht werden.

     Ganz zu Beginn einer erneuten manischen Krankheitsphase
     sind die Patienten noch für Ratschläge zugänglich. Bemer-
     ken Freunde oder Angehörige, dass sich eine neue Krank-
     heitsphase anbahnt, ist es deshalb wichtig, dass sie zu die-
     sem frühen Zeitpunkt die entsprechenden Massnahmen
     für eine therapeutische Unterstützung in die Wege leiten.
«Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt»                        57

   Sinnvollerweise einigt man sich bereits während des krank-
   heitsfreien Intervalls darüber, welche Schritte bei einer sich
   erneut anbahnenden manischen oder depressiven Phase
   zu unternehmen sind. Ein geeignetes Instrument dafür ist
   die sogenannte Behandlungsvereinbarung. Sie wird zu-
   sammen mit dem Betroffenen, seinen Betreuern innerhalb
   und ausserhalb der Klinik und von einer von ihm bestimm-
   ten Vertrauensperson ausgearbeitet. Die Vereinbarung dient
   dem Zweck, gemeinsam genaue Handlungsanweisungen
   festzusetzen, die im Fall einer Verschlechterung des Zustands
   befolgt werden sollen. Auch die äusserst wichtige Frage der
   Medikamenteneinnahme wird in der Vereinbarung festge-
   halten.

   Die geschilderten Belastungen des sozialen Umfelds führen
   dazu, dass manisch-depressiv Erkrankte überdurchschnitt-
   lich häufig ledig oder geschieden sind. In drei von vier
   Fällen wird von ihnen ein Familienmitglied als nächste
   Bezugsperson angegeben. Die sich daraus ergebende Mit-
   verantwortung bedeutet für die Familien eine grosse
   Beanspruchung.

   Ganz wichtig im Umgang mit manisch-depressiv Erkrank-
   ten ist das Eintreten auf ihre häufig vorhandenen Gedanken
   darüber, sich das Leben zu nehmen. Das offene Ansprechen
   solcher Gedanken oder Impulse ist hilfreich. Zusammen mit
   dem bereits erwähnten, rechtzeitigen Reagieren auf eine
   sich erneut anbahnende depressive oder manische Phase ist
   es eine geeignete Massnahme, die Gefahr eines drohenden
   Suizids abzuwenden.
59

Anhang
60                                     Ein Ratgeber von Mepha

Aktivitäten, die helfen können,
Ihren Alltag zu bewältigen

1. Zu Hause
     Körperhygiene
       Duschen
       Fussbad
       duftende Bäder
       Maniküre
       Pediküre
       Masken

     Haushalt
       Aufräumen
       Vorhänge waschen
       Fenster putzen
       Zimmer neu einrichten
       Möbel umstellen, restaurieren

     Bürotätigkeiten
       Einzahlungen tätigen
       Steuerbelege ordnen
       Adressbuch anlegen

     Gartenarbeit
       Jäten
       Umtopfen

     Kochen
       neue Rezepte ausprobieren
       Kuchen backen

     Diverses
       Briefkasten leeren
       alte Kleider aussortieren
«Anhang»                              61

2. Freizeit
      Lieblingssendung am Fernsehen
      Gesellschaftsspiele
      Computerspiele
      Fotoalben anlegen
      Musik hören
      Telefon an Freunde

3. Auswärts
      Alltagseinkauf
      Kaffeebesuch
      auswärts essen gehen
      Besuch von Nachbarn
      Kino
      Konzert
      Museum
      Fussball-/Eishockeymatch
      Coiffeur
      Kirchenbesuch
      Arztbesuch

4. Körperliche Aktivitäten
      kleine Spaziergänge
      Wanderungen
      Nordic Walking
      Hundespaziergang
      Velofahren
      Schwimmen
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