DOKUMENTATION Dialogforum Sport und Menschenrechte - Rio 2016, soziale Nachhaltigkeit und Menschenrechtsstandards bei Sportgroßevents - FairPlay

 
DOKUMENTATION Dialogforum Sport und Menschenrechte - Rio 2016, soziale Nachhaltigkeit und Menschenrechtsstandards bei Sportgroßevents - FairPlay
Dialogforum Sport und ­Menschenrechte
Rio 2016, soziale Nachhaltigkeit und Menschenrechtsstandards bei Sportgroßevents

DOKUMENTATION
10. März 2016 | Haus des Sports | Wien
DOKUMENTATION Dialogforum Sport und Menschenrechte - Rio 2016, soziale Nachhaltigkeit und Menschenrechtsstandards bei Sportgroßevents - FairPlay
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     Inhaltsverzeichnis
     PROGRAMM3

     ZUSAMMENFASSUNG4

     INHALTLICHER BERICHT                                                                                                            5
     Begrüßung                                                                                                                       5
     Panel I:
     Sportgroßereignisse und Menschenrechte am Beispiel von Rio.
     Die internationale Ebene                                                                                                        7
     Panel II:
     Welchen Beitrag kann Sport für Menschenrechte leisten?
     Die nationale Ebene                                                                                                             10
     Workshops:
     Menschenrechte, Nachhaltigkeit und der Beitrag Österreichs                                                                      14
     Abschlusspanel:
     Zusammenführung und nächste Schritte                                                                                            15

     ANHÄNGE16
     Entwurf einer Erklärung des österreichischen Sports                                                                             16
     Die Grundrechte lt. Charta der Grundrechte der Europäischen Union von 2000                                                      18
     Die Menschenrechte lt. Allgemeiner Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen
     von 1948                                                                              19

     Impressum
     Herausgeber und Medieninhaber: Wiener Institut für internationalen Dialog und Zusammenarbeit (VIDC), Möllwaldplatz 5/3,
     1040 Wien, Tel. 01-713 35 94-0, office@vidc.org | Redaktion: Martin Kainz, Kurt Wachter | Text: Moritz Ablinger | Fotos: David
     Višnjić, fairplay | Layout und Grafik: Sanja Jelic | Wien, September 2016
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PROGRAMM
Begrüßung: Walter Posch, Direktor, Wiener Institut für interna-   Einhaltung von Arbeits- und Menschenrechten sowie Antidis-
tionalen Dialog und Zusammenarbeit (VIDC)                         kriminierung gelten? Was heißt Good Governance im globali-
                                                                  sierten Sport? Was sind Good-Practice-Beispiele in Sport und
10:00–11:00 Panel 1: Sportgroßereignisse und Menschen-            Entwicklung?
rechte am Beispiel von Rio. Welche Rolle kann Österreich              Julia Bustamante Silva, Menschenrechtsaktivistin, Ins-
spielen? Die internationale Ebene.                                    tituto Políticas Alternativas para o Cone Sul (PACS), Rio de
   Hans Peter Doskozil, Bundesminister für Landesverteidi-            Janeiro
   gung und Sport (BMLVS)
                                                                      Andrea Florence, Strategic Alliance Officer, Terre des
   Leo Windtner, Präsident des Österreichischen Fuß-                  Hommes, Genf
   ball-Bundes (ÖFB), Vizepräsident der Bundes-Sportorga-
   nisation (BSO)                                                     Moderation: Kurt Wachter, fairplay Initiative – Wiener
                                                                      Institut für internationalen Dialog und Zusammenarbeit
   Evandro Didonet, Botschafter, Brasilianische Botschaft in
   Österreich                                                         (VIDC)

   Martin Nesirky, Direktor des United Nations Information            Rapporteurin: Olivia Machado, Sozialwissenschaftlerin
   Service Vienna (UNIS)
   Julia Bustamante Silva, Menschenrechtsaktivistin, Ins-         Workshop B: Chancen und Möglichkeiten österreichischer
   tituto Políticas Alternativas para o Cone Sul (PACS), Rio de   Vereine und Verbände, sich lokal und international für Men-
   Janeiro                                                        schenrechts- und Nachhaltigkeitsstandards einzusetzen?
   Moderation: Ulla Ebner, ORF Radio Ö1                           Welche Möglichkeiten gibt es, nationale und regionale Spor-
                                                                  tereignisse nachhaltiger zu gestalten? Welche Bedeutung
11:15–12:45 Panel 2: Welchen Beitrag kann Sport für Men-          haben Nachhaltigkeitsstrategien bei in Österreich veranstal-
schenrechte leisten? Die nationale Ebene.                         teten Großereignissen? Welche Verantwortung haben dabei
                                                                  die Verbände und Vereine? Welche nachhaltigen Angebote
   Sylvia Schenk, Ex-Olympionikin, Transparency Internatio-       gibt es überhaupt? Wo gibt es Unterstützung und Informati-
   nal Deutschland                                                onen? An welche Good Practices kann angeschlossen wer-
                                                                  den?
   Bernd Brünner, Stellvertretender Geschäftsführer der               Georg Tappeiner, Kooperationsmanager, Österreichisches
   Austrian Development Agency (ADA)                                  Ökologie-Institut / pulswerk
   Karin Lukas, Ludwig Boltzmann Institut für Menschen-               Ewald Roth, Leiter Organisation Karate WM 2016 in Linz /
   rechte (BIM)                                                       Sportdirektor Österreichischer Karatebund
   Oliver Stamm, Ex-Olympionike, Right to Play Österreich             Sepp Hackl, Leiter der Abt. Nachhaltige Entwicklung, Um-
   Rainer Rößlhuber, Generalsekretär Sportunion Österreich            weltbundesamt / Nachhaltiger Sport

   Moderation: Claudia Unterweger, ORF Radio fm4                      Moderation: Katharina Häusler, Ludwig Boltzmann Insti-
                                                                      tut für Menschenrechte
13:00–14:00 Mittagspause                                              Rapporteurin: Anna-Maria Wiesner, ­Österreichische Bun-
                                                                      des-Sportorganisation (BSO)
14:00–15:45 Workshops
                                                                  15:45–16:15 Kaffeepause

Workshop A: Mega-Sport-Event quo vadis: Wie macht man
globale Sportereignisse nachhaltiger?                             16:15–17:00 Abschlusspanel: Ergebnisse aus den Work-
                                                                  shops, Erklärung Sport und Menschenrechte und nächste
Wie nachhaltig sind Mega-Sport-Events? Was tut (Olympia)          Schritte
und tat (FIFA-WM) sich in Brasilien? Was wünscht sich die Zi-
vilgesellschaft vor Ort von internationaler Seite? Was können
                                                                  Martin Kainz, fairplay Initiative, Wiener Institut für internatio-
unterschiedliche Stakeholder_innen beitragen? Welche Rolle
                                                                  nalen Dialog und Zusammenarbeit (VIDC)
spielen nationale und internationale Verbände, Sportler_innen
                                                                  Stefan Grasgruber-Kerl, Südwind
und die Politik? Welche Standards müssten in Zukunft zur
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     ZUSAMMENFASSUNG
     Die Nachhaltigkeit von Sportgroßveranstaltun-       Ewald Roth als positives Beispiel für eine inter-
     gen und was auf nationaler und internationa-        nationale Sportveranstaltung präsentiert: Die
     ler Ebene für Menschenrechte getan werden           Werte des traditionellen Karatesports wurden
     kann, waren die Themen eines hochkarätigen          mit Menschenrechtsthemen wie Inklusion,
     Dialogforums am 10. März 2016 in Wien, das          Verantwortung und Respekt verknüpft.
     von der Initiative Nosso Jogo veranstaltet wur-
     de. Sportminister Hans Peter Doskozil sprach        Arbeitsgruppe Sport und Menschenrechte
     sich dafür aus, die Vergabe beispielsweise der      Eine vom Sportministerium initiierte Arbeits-
     Fußball-Weltmeisterschaft an menschenrecht-         gruppe „Sport und Menschenrechte“ wurde bei
     liche Fragen zu knüpfen. „Die Vergabe an Staa-      dem Dialogforum vorgestellt. Sportministerium,
     ten, in denen Menschenrechte nicht geachtet         Österreichische Bundes-Sportorganisation
     werden, hat noch nie etwas gebracht“, sagt          (BSO), ÖFB und die Menschenrechtsinitiative
     Doskozil. ÖFB-Präsident Leo Windtner zeigte         Nosso Jogo („Unser Spiel“) wollen bis Ende
     sich optimistisch, dass sich die FIFA unter         des Jahres eine „Österreichische Erklärung
     dem neuen Präsidenten Gianni Infantino bes-         Sport und Menschenrechte“ ausarbeiten. In
     sern könnte. „Jetzt können wir reinen Tisch         Workshops wurden Vorschläge zum Thema
     machen und alte Praktiken hinter uns lassen“,       „Sport und Menschenrechte“ diskutiert. Diese
     meint der Oberösterreicher. Darauf hofft auch       umfassen u. a. transparente und demokratische
     Sylvia Schenk von Transparency International,       Vergabekriterien, die Ausstattung von Sport-
     einer NGO mit Fokus auf Korruptionsbekämp-          ler_innen mit Bekleidung, die unter Einhaltung
     fung. Aber, so die ehemalige Olympionikin:          von sozialen und ökologischen Standards pro-
     „Es wird sich nicht alles von heute auf morgen      duziert wurde, die Bekämpfung jeder Form von
     ändern“.                                            Diskriminierung sowie die nachhaltige Nutzung
                                                         von Sportstätten. Die Ergebnisse aus dem Di-
     Im Fokus standen auch die Olympischen Spie-         alogforum werden von der AG in ihrer weiteren
     le in Rio de Janeiro. „Olympia soll ein Fest für    Arbeit aufgegriffen.
     Sportlerinnen und Sportler sein, aber auch für
     die lokale Bevölkerung. Die Einwohnerinnen          Appell für verbindliche Menschenrechtsstan-
     und Einwohner von Rio zahlen momentan einen         dards
     hohen Preis für die Olympischen Spiele in ihrer     Nosso Jogo setzt sich für verbindliche Men-
     Stadt. Sie sind konfrontiert mit Vertreibungen,     schenrechtsstandards bei Sportgroßereignis-
     gesteigerter Polizeigewalt und verschwendetem       sen ein. Dazu wurde im Frühjahr 2016 eine
     Steuergeld“, beklagte die brasilianische Men-       Petition gestartet, adressiert an IOC-Präsident
     schenrechtsaktivistin Julia Bustamante Silva        Thomas Bach. Sie fordert ein Ende der Zwangs-
     vom Instituto Políticas Alternativas para o Cone    umsiedlungen, der Polizeigewalt und der
     Sul (PACS). Wegen der Fußball-WM 2014 und           Verschwendung von Steuergeld in Rio. Sylvia
     den Olympischen Spielen 2016 in Rio verloren        Schenk von Transparency International unter-
     über 60.000 Menschen ihr Zuhause.                   stützt den Appell nach verpflichtenden Leitlinien
                                                         für Sport und Menschenrechte: „Sportverbände
     Doskozil: „Stärkung von Menschenrechten in          sind nicht nur für die organisatorische Durch-
     den Austragungsländern“                             führung eines Events verantwortlich. Erste
     Beim Dialogforum „Sport und Menschenrech-           Schritte in eine positive Richtung sind erkenn-
     te“ diskutierten über 110 Vertreter_innen des       bar: Das IOC mit der Agenda 2020 und die FIFA
     Sports, Aktivist_innen, Wissenschaftler_innen       mit dem Auftrag an den Menschenrechtsexper-
     und Politiker_innen über Maßnahmen zur              ten John Ruggie haben schon wichtige Weichen
     Förderung von sozialer Entwicklung im Rah-          gestellt.“
     men von Sportgroßereignissen. „Sport kann
     gesellschaftliche Verhältnisse zum Positiven
     ändern“, so die Einschätzung von Sportminister
     Doskozil. „Das internationale Ziel muss sein, die
     Menschenrechte und die Arbeitsrechte in den
     Austragungsländern zu stärken. In Österreich
     versuchen wir, den Sport als Botschafter zu
     nützen, zum Beispiel in der aktuellen Diskus-
     sion rund um Flüchtlinge und Integration.“ Die
     Karate-WM 2016 in Linz wurde vom Organisator
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INHALTLICHER BERICHT
Am 10. März stand im Wiener Haus des Sports              Den Anfang machte um 10 Uhr eine hochkarä-
die Veranstaltung „Dialogforum Sport und Men-            tige Podiumsdiskussion zum Thema „Sportgro-
schenrechte“ unter der Schirmherrschaft von              ßereignisse und Menschenrechte am Beispiel
Minister Hans Peter Doskozil am Programm. Vor-           von Rio. Welche Rolle kann Österreich spielen?
bereitet in der AG Sport und Menschenrechte1,            Die internationale Ebene“ mit Hans Peter Dos-
organisiert vom Wiener Institut für internationa-        kozil sowie dem brasilianischen Botschafter
len Dialog und Zusammenarbeit (VIDC) im Rah-             Evandro Didonet und ÖFB-Präsident Leo Windt-
men der Initiative Nosso Jogo, unterstützt von           ner. Dazu saßen am Podium die brasilianische
der Dreikönigsaktion und Südwind, gefördert              Aktivistin Julia Bustamante, die bei der NGO
von der Österreichischen Entwicklungszusam-              Instituto Políticas Alternativas para o Cone Sul
menarbeit waren 110 Menschen der Einladung               in Rio de Janeiro aktiv ist, und Martin Nesirky,
gefolgt. Vertreterinnen und Vertreter der Politik,       Direktor des United Nations Information Service
des Spitzen- und Breitensports, von NGOs aus             Vienna. Moderiert wurde das Panel von der Jour-
Brasilien und Österreich waren gekommen, um              nalistin Ulla Ebner vom ORF Radio Ö1.
gemeinsam Menschenrechtsstandards bei
Sportgroßveranstaltungen zu diskutieren.                 Zunächst folgte aber die Begrüßung durch
                                                         Walter Posch, Geschäftsführer des VIDC.

Begrüßung
Walter Posch, Direktor VIDC

Herr Bundesminister, Exzellenz, Herr Präsident,
meine sehr verehrten Damen und Herren. Ich
darf Sie zum „Dialogforum Sport und Menschen-
rechte“ als Geschäftsführer von VIDC-fairplay
recht herzlich begrüßen. Ich freue mich, dass es
uns gelungen ist, erstmals heimische und in-
ternationale NGO-Aktivist_innen, Wissenschaft-
ler_innen, Vertreter_innen des österreichischen
Sports und Entscheidungsträger_innen aus der
Politik an einen Tisch zu bringen, um sich über
die Förderung von Menschenrechten auszutau-
schen.
   Diesbezüglich gebührt ein besonderer Dank
allen Mitgliedern der neuen „Arbeitsgruppe               Botschafter, unserer Einladung gefolgt sind,
Sport und Menschenrechte“ im Sportministe-               obwohl wir vor zwei Jahren im Rahmen der Fuß-
rium, das diese Organisation unterstützt. Dank           ball-Weltmeisterschaft in Brasilien auch Sträuße
gilt außerdem der Bundes-Sportorganisation,              ausgefochten haben. Herzlichen Dank für Ihre
dem ÖFB und insbesondere unseren Koopera-                Teilnahme, Sie verleihen der Veranstaltung da-
tionspartner_innen: der Dreikönigsaktion, Süd-           mit ein entsprechendes Gewicht.
wind, sowie natürlich der Austrian Development              Aktuell gibt es drei Bedrohungen für den
Agency, die diese Initiative seit mittlerweile           Sport: das ist zum Ersten Doping. Zum Zweiten
mehreren Jahren unterstützt und vor allem                ist es die systemische Korruption innerhalb
bei internationalen Aktionen an unserer Seite            der Sportverbände und zum Dritten politische
steht. Ich bedanke mich auch, dass Sie sich              Bornierung, um nicht zu sagen Blödheit. Der
an unseren Panels beteiligen. Ich freue mich             Bekämpfung dieser dritten Bedrohung hat sich
vor allem, dass Sie, Herr Minister, und Sie, Herr        VIDC-fairplay seit nunmehr zwanzig Jahren ver-

1. Die AG Sport und Menschenrechte wurde im Herbst 2015 unter der Leitung des Sportministeriums (BMLVS) mit
Beteiligung der Österreichischen Bundes-Sportorganisation (BSO) und des Österreichischen Fußball-Bundes (ÖFB)
initiiert.
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     schrieben: Sei es der Kampf gegen individuellen     selbstverständlich sein sollten, wie Fairness,
     Rassismus und Nationalismus, sei es aber            Diversität und Inklusion. Es geht auch um men-
     auch der Kampf gegen strukturelle, politische       schenwürdige Rahmenbedingungen bei Sport-
     Gewalt. Wir wissen natürlich, dass diese Watch-     veranstaltungen. Man muss, um das plakativ zu
     dog-Funktion, die wir haben, nicht immer ange-      formulieren, also auch darüber nachdenken, ob
     nehm ist und dass wir uns auch Feindschaften        Sportgroßveranstaltungen an Staaten vergeben
     machen. Aber wir freuen uns, dass es uns            werden sollten, in denen die Diskriminierung
     trotzdem gelungen ist, Bewusstsein zu schaf-        von Frauen in der Verfassung festgeschrieben
     fen und dass auch größere Organisationen, wie       ist.
     beispielsweise die UEFA, von uns lernen. Ich           Heute werden die vielen Facetten der Themen
     denke da an die „Respect“-Kampagne eben der         soziale Nachhaltigkeit und Menschenrechts-
     UEFA, die auf unserem Mist gewachsen ist. Ich       standards zur Sprache kommen und es wird um
     denke aber auch an die Broschüre zum Thema          eine gemeinsame Verantwortung gehen. Ver-
     Homophobie, die wir gemeinsam mit dem ÖFB           antwortung seitens der Verbände, aber auch der
     herausgegeben haben. Es hat sich sehr viel          Vereine, der Athlet_innen, der Medien, der Politik.
     getan und das zeigt auch, dass Veränderung          Sprechen wir miteinander, hören wir einander
     immer möglich ist – auch wenn es nicht immer        zu und lernen wir voneinander. Auch wenn das
     leicht ist. Das ist auch der Grund, warum wir       manchmal wehtut und Kritik geäußert wird: klu-
     auch in Zukunft ein wachsames Auge auf Sport-       ge Staaten fördern ihre Kritiker_innen, nicht so
     großveranstaltungen werfen werden und auf           kluge sperren sie ein. In diesem Sinn: Viel Erfolg
     Ihre Unterstützung hoffen. Es geht uns nämlich      im Sinne des Sports und der Menschenrechte.
     nicht um jene Prinzipien, die im Sport eigentlich
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Panel I:
Sportgroßereignisse und Menschenrechte am Beispiel von Rio.
Die internationale Ebene

Ulla Ebner, ORF Radio Ö1: Auch von meiner            Gesellschaft zurechtzufinden. Auch das ist eine    Von links nach rechts:
                                                                                                        Angela Kemper (DKA,
Seite aus einen schönen guten Morgen. Mein           Menschenrechtsfrage.                               Übersetzung) und Julia
Name ist Ulla Ebner, ich bin Radio-Journalistin         Aber es geht natürlich auch um andere Men-      ­Bustamante, Martin
bei Ö1. 2014 war ich während der WM selbst in        schenrechtsfragen, um jene, die im Zusam-           ­Nesirky, Leo Windtner, Ulla
Brasilien und habe mich dort mit den Protesten       menhang mit der Vergabe von Sportgroßevents          Ebner, Hans Peter Doskozil,
und der internationalen Kritik an den Menschen-      aufkommen. Ich bin der Meinung, wir müssen           Evandro Didonet
rechtsverletzungen beschäftigt. All das wird         diese Vergabe auch an menschenrechtliche Pa-
Thema dieses ersten Podiums sein.                    rameter knüpfen. Es gibt immer jene Leute, die
  Ich möchte mit Ihnen beginnen, Herr Bun-           sagen, die Vergabe an ein Land mit zweifelhaf-
desminister. Sportgroßveranstaltungen wie            ten menschenrechtlichen Standards stellt diese
Fußball-Weltmeisterschaften und Olympische           erst zur Diskussion, aber ich bin mir da nicht
Spiele standen zuletzt immer wieder in der           sicher. Was haben Vergaben in solche Staaten
öffentlichen Kritik. Menschenrechtsverletzun-        je gebracht? Ich glaube: Nichts Substanzielles.
gen sind in den Austragungsländern oft an der        Man sieht das ja auch in Brasilien recht gut,
Tagesordnung. Wie kann man das ändern und            wo es jetzt zu massiven Zwangsumsiedlungen
welche Akzente können Sie überhaupt setzen?          kommt. Da stellt sich natürlich die Frage: Hat
                                                     man mit Olympia in Rio de Janeiro den Men-
Hans Peter Doskozil, Bundesminister für              schenrechten geholfen?
                                                                                                        Ulla Ebner, ORF Radio Ö1
Landesverteidigung und Sport: Meine sehr
geehrten Damen und Herren, ich möchte mich           Ebner: Die FIFA steht ja immer wieder im Mittel-
zuerst für die Einladung bedanken. Es geht um        punkt der Kritik. Auf der einen Seite wegen Kor-
ein sehr wichtiges Thema, bei dem sich gleich        ruption, aber auch die Vergabe von Weltmeister-
auch die Frage stellt, wie wir uns ihm nähern        schaften nach Katar und Russland wurde von
wollen. Es geht bei Nachhaltigkeit im Sport          Menschenrechtsorganisationen heftig kritisiert.
nämlich nicht nur um Förderprojekte, um die          Aktiv gegensteuern, so wirkt es zumindest, tut
Unterstützung von Sportevents und der Errich-        der Weltverband aber nicht. Wann ändert sich
tung von Sportstätten. Wir müssen den Sport          das und welche Rolle kann der ÖFB bei einem
auch als Botschaft begreifen. Sport, und das         Kurswechsel spielen?
ist gerade jetzt sehr wichtig, ist ein Vehikel der
                                                                                                        Hans Peter Doskozil,
Integration. Wir können mithilfe von ganz ver-       Leo Windtner, ÖFB-Präsident: Zunächst ein-         ­Bundesminister für
schiedenen Sportarten und einer breiten Palette      mal möchte auch ich mich für die Einladung          ­Landesverteidigung und
von Vereinen Menschen helfen, sich in unserer        bedanken, es geht um eine sehr zentrale und          Sport
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                                    aktuelle Angelegenheit unseres Sports. Aktuell      Ebner: Was entgegnen Sie einer solch heftigen
                                    auch deshalb, weil ich vor 13 Tagen [Anm.: am       Kritik, Herr Botschafter? Verstehen Sie diese
                                    26. Februar 2016] in die Höhe gesprungen bin,       Einschätzung?
                                    weil Gianni Infantino zum FIFA-Präsidenten ge-
                                    wählt wurde. Das ist, erstens, ein Zeichen, dass    Evandro Didonet, brasilianischer Botschaf-
                                    es einen Aufbruch in der FIFA gibt und wir jetzt    ter in Wien: Vielen Dank für die Einladung. Ich
                                    neue Wege beschreiten können. Wir können            möchte dem Gesagten etwas widersprechen.
                                    den Wandel zu einer modernen Organisation           Ich finde es unfair, wenn man Brasilien als Bei-
     Evandro Didonet,
                                    schaffen. Zum Zweiten war die Wahl Infantinos       spiel für die Menschenrechtsverletzungen im
     ­brasilianischer Botschafter   aber auch deshalb so wichtig, weil bei einer        Rahmen von Sportgroßveranstaltungen nennt.
      in Wien                       Wahl des Scheich Salman sich natürlich gewis-       Es gibt einen dramatischen sozialen Fortschritt.
                                    se Fragen gestellt hätten, vor allem im Bereich     Die Demokratie ist in Brasilien sehr stark: Die
                                    der Menschenrechte. Das wäre ein fatales Sig-       Presse ist frei, die Justiz sehr unabhängig. Ge-
                                    nal gewesen.                                        rade an den Demonstrationen gegen die Präsi-
                                       Jetzt aber können wir diese Diskussion füh-      dentin Dilma Rousseff und die Verfahren gegen
                                    ren und uns mit den Kritiken der letzten Jahre      ihren Vorgänger, Lula, sieht man das ja sehr gut.
                                    auseinandersetzen. Ja, es gibt eine Tendenz hin     Die Zivilgesellschaft wird immer stärker.
                                    zur Vergabe in totalitäre Staaten. Man muss sich       Sicher gibt es Probleme bei den Menschen-
                                    aber auch fragen, warum das so ist. Warum will      rechten, das will ich nicht bestreiten. Aber die
                                    in Europa, zum Beispiel in Hamburg, die Bevöl-      Regierung weiß das und sie behandelt dies prio-
                                    kerung nicht mehr, dass dort Olympische Spiele      ritär. Die Sozialleistungen für arme Familien sind
     Julia Bustamante,              stattfinden? Darüber müssen wir nachdenken.         dafür nur ein Beispiel. Es gibt affirmative action,
     ­Aktivistin aus Rio de                                                             um die Diskriminierung von Schwarzen zu be-
      ­Janeiro                      Ebner: Julia Bustamante, Sie kommen aus Rio         kämpfen. Die Leistungen brasilianischer Athle-
                                    de Janeiro. Vor zwei Jahren hat dort die Welt-      tinnen und Athleten bei den Paralympics sind
                                    meisterschaft im Fußball stattgefunden, im          toll und zeigen Sensibilität auch im Umgang mit
                                    Sommer stehen die Olympischen Spiele am Pro-        Menschen mit Behinderung. Wenn man über
                                    gramm. Wie erleben Sie die Stadt im Moment?         Menschenrechte in Brasilien redet, muss man
                                                                                        die positiven Beispiele betonen.
                                    Julia Bustamante, Aktivistin aus Rio de Jan-
                                    eiro: Ich bin sehr dankbar für die Einladung und    Ebner: Kommen wir von Brasilien zur internati-
                                    das ich heute hier die Möglichkeit habe, über       onalen Ebene und zur gesamten Welt. Die UNO,
                                    das zu sprechen, was gerade in Rio passiert.        Herr Nesirky, hat sich in letzter Zeit intensiver
                                    Denn was gerade in meiner Heimatstadt pas-          mit Sport auseinandergesetzt. Er soll ein Vehikel
                                    siert, dauert schon seit den Vorbereitungen für     für Menschenrechte und Frieden sein. Inwiefern
                                    die WM im Jahr 2014 an, verstärkt sich aber ge-     kann der Sport dabei eine Rolle spielen?
                                    rade. Die Ausgaben für Olympia, wie schon da-
                                    vor für die WM, haben Kürzungen im Bildungs-        Martin Nesirky, Direktor des United Nations
                                    und Gesundheitsbereich zur Folge. Das zeigt die     Information Service Vienna: An erster Stelle
                                    Prioritäten der Regierung. Aber das ist nur ein     möchte ich mich für die Einladung bedanken.
                                    Aspekt der momentan herrschenden Politik.           Sie haben natürlich vollkommen recht, die UNO
                                       Die schon angesprochenen Zwangsumsied-           hat sich in den letzten Jahren verstärkt um den
                                    lungen erreichen momentan neue Dimensio-            Sport bemüht. Das beste Beispiel hierfür ist
                                    nen. 70.000 davon hat es in den letzten Jahren      sicher die Arbeit des UN-Büros mit dem Namen
                                    gegeben. Es ist schwer, sich ein genaues Bild       „Sport for Development and Peace“, das 2001
                                    davon zu machen, weil es kaum offizielle Anga-      gegründet wurde. Man versucht dort aufzu-
                                    ben und Informationen gibt. Momentan ist vor        zeigen, dass der Sport einzigartig ist und eine
                                    allem die Villa Autódromo von den Bauvorhaben       unglaubliche Möglichkeit ist, Menschenrechte
                                    der Mächtigen betroffen. 1.500 Menschen woh-        zu stärken. Auf Sport-Großveranstaltungen
                                    nen dort, es soll dort aber der Olympische Park     liegen die Augen der ganzen Welt. Dort kom-
                                    entstehen. Die Umsiedlungen passieren dort          men Tausende Athlet_innen und Millionen von
                                    zum Teil ohne öffentlichen Bescheid und unter       Zuseher_innen aus der ganzen Welt zusammen
                                    Einsatz von Gewalt. Zum Teil werden Wasser und      und überwinden dabei Grenzen und feiern ge-
                                    Strom abgeschalten, die Leute haben Angst. Es       meinsam.
                                    ist ein Kriegsszenario. Was mit der Vila Autódro-      Es ist Ban Ki-moon als Generalsekretär auch
                                    mo passiert, ist ein Symbol für alles, was schie-   sehr wichtig, dass im Zuge von Sportveranstal-
                                    fläuft. Die Olympischen Spiele finden nicht für     tungen Menschenrechte nicht verletzt werden,
                                    uns und die Bevölkerung Rios, sondern für das       deswegen hat er in Sotschi auch sehr klare Wor-
                                    Glück einiger weniger statt.                        te dementsprechend verloren.
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Ebner: Wir haben jetzt leider nur mehr kurz Zeit    dership Programme“ unter UN-Sonderberater
für eine zweite Runde, ich bitte Sie also um sehr   Wilfried Lemke betonen. Das ist ein Programm
prägnante Antworten. Ich beginne wieder mit         der Vereinten Nationen, wird aber tatkräftig vom
Ihnen, Herr Minister. Sie sind noch nicht sehr      IOC unterstützt. Junge Sportler lernen da sehr
lange im Amt. Was ist im Sportressort beson-        bald, was es heißt, Verantwortung zu überneh-
ders von Bedeutung?                                 men und über den Tellerrand zu blicken.

Doskozil: Uns ist es sehr wichtig, dass das Zu-     Ebner: Im August, also in etwas mehr als fünf
sammenspiel zwischen Wirtschaft und Spitzen-        Monaten, werden in Rio de Janeiro die Olympi-      Leo Windtner,
sport ausgewogen ist. Die Wirtschaft hat natür-     schen Spiele eröffnet. Wie sehen die Vorberei-     ÖFB-Präsident
lich Interesse daran, vom Sport zu profitieren      tungen aus? Gibt es noch Probleme?
und ihn zu sponsern. Das ist ja an sich nichts
Verkehrtes. Dadurch ergeben sich verschiedene       Didonet: Die Vorbereitungen für Rio 2016 laufen
Möglichkeiten. Zum einen profitiert der Sport       nach Plan. Es gibt, soweit ich weiß, auch keine
finanziell davon, aber auch die Spitzensportler     Berichte über größere Demonstrationen. Das
selbst können vom Engagement der Wirtschaft         muss man ja auch im Rückblick über die WM
Nutzen ziehen, gerade was Karrieremöglichkei-       im Jahr 2014 sagen. Die Organisation war fa-
ten nach der aktiven Zeit betrifft.                 belhaft, es gab kein Chaos und auch keine De-
   Wir müssen aber auch immer aufpassen,            monstrationen. Alles ist gut gelaufen, das muss
dass der Sport nicht zu sehr kommerzialisiert       man jetzt auch mal in den Medien und in Europa
wird. Zwischen dieser Gefahr und der notwen-        anerkennen.                                        Martin Nesirky, Direktor
digen Rolle der Wirtschaft im Sport ist es ein                                                         des United Nations Infor-
schmaler Grat, auf dem es zu balancieren gilt.      Ebner: Diesmal die Gegenfrage an Sie, Frau         mation Service Vienna
                                                    Bustamante: Gehen Sie mit dieser Einschätzung
Ebner: Jetzt haben wir vom Spannungsverhält-        d’accord?
nis zwischen Sport und Wirtschaft gehört. Wie
sieht es um das Verhältnis zwischen Sport und       Bustamante: Umso näher Olympia kommt,
Politik aus, Herr Präsident?                        umso stärker werden die Menschenrechtsver-
                                                    letzungen. Vor allem die staatliche Gewalt gegen
Windtner: Der Sport wird die Politik immer          Arme und Demonstranten nimmt zu. Das ist im
brauchen, aber er darf sich nicht gebrauchen        Moment auch unsere zentrale Forderung: ein
lassen. Man darf nicht die Sportler vorschicken,    Ende der Gewalt.
um politische Probleme zu lösen. Das muss die          Wie sich die Situation dann im Sommer dar-
Politik schon selbst erledigen. Vor allem aktive    stellt, kann ich nicht sagen. Es kann noch viel
Sportler darf man nicht benutzen.                   passieren. In meinen Augen braucht es die Soli-
  Aber natürlich müssen sich der Sport und die      darität mit den Betroffenen und eine Solidarität
Sportverbände ihrer politischen Rolle bewusst       zwischen den Völkern. Nur so können wir ver-
sein. Der neue FIFA-Präsident, Gianni Infantino,    hindern, dass sich die Fehler der Vergangenheit
hat ein so genanntes Legendenteam für Men-          wiederholen.
schenrechte vorgeschlagen. Da sollen verdiente
Fußballer wie Pelé und Zinedine Zidane daran
teilhaben und Menschenrechtsverletzungen im
Zusammenhang mit Fußball thematisieren. Mit
solchen Namen hätte das dann auch ein Ge-
wicht. Generell sehe ich bei der FIFA viel Gutes
und eine Sensibilität für diese Probleme. Das
wird zwar eine Zeit dauern, aber ein Ozeanriese
braucht eben seine Zeit zum Manövrieren.

Ebner: Man redet sehr oft von den negativen
Entwicklungen und den dunklen Seiten des
Sports. Wie nehmen das die Vereinten Nationen
wahr?

Nesirky: Ich glaube auch, dass es einige positi-
ve Entwicklungen gibt. Die Schritte der FIFA sind
ja schon angedeutet worden. Das Internationale
Olympische Komitee, das IOC, leistet aber auch
einen besonderen Beitrag zu einer besseren
Zukunft. Ich möchte da speziell das „Youth Lea-
1010

                                                                                                                   Von links nach rechts:
                                                                                                                   ­Rainer Rößlhuber, Karin
                                                                                                                    ­Lukas, Oliver Stamm,
                                                                                                                     Claudia Unterweger, Bernd
                                                                                                                     Brünner, Sylvia Schenk

       Panel II:
       Welchen Beitrag kann Sport für Menschenrechte leisten?
       Die nationale Ebene

                                    Nach einer kurzen Pause ging es mit einem          Sylvia Schenk, Ex-Olympionikin, Transparency
                                    zweiten Panel weiter. Thema war dann „Welchen      International Deutschland: Vielen herzlichen
                                    Beitrag kann Sport für Menschenrechte leis-        Dank für die Einladung. Ich möchte zuerst auch
                                    ten? Die nationale Ebene“, moderiert wurde         noch etwas zur vorherigen Diskussion sagen.
                                    das Podium von FM4-Moderatorin Claudia Un-         Denn das Thema der Menschenrechtsverlet-
                                    terweger. Am Podium saß Sylvia Schenk, die die     zungen in Austragungsländern ist nicht aus-
                                    Arbeitsgruppe Sport der NGO „Transparency In-      schließlich bei Sportverbänden ein Problem, da
                                    ternational Deutschland“ leitet. Schenk war dazu   muss man schon differenzieren. Als 2007 die
                                    1972 selbst Olympionikin. Das gilt auch für Oli-   Männer-WM nach Brasilien vergeben wurde, da
                                    ver Stamm, der für Österreich 2000 in Sydney       hat es auch aus der deutschen Wirtschaft viele
       Claudia Unterweger, Radio
       FM4
                                    bei den Olympischen Spielen antrat. Heute ist      Stimmen gegeben, die das begrüßt haben. Auch
                                    er Botschafter von Right to Play Österreich. Um    in den Medien wurde das damals kaum disku-
                                    die Perspektive der unzähligen Sportvereine in     tiert. Klar hat da die FIFA vor allem in letzter Zeit
                                    Österreich zu schildern, saß Rainer Rößlhuber,     oft eine unrühmliche Figur gemacht, aber so zu
                                    Generalsekretär der Sportunion, am Podium. Für     tun, als wäre das nur ihr Problem, würde zu kurz
                                    die internationale Ebene auf diesem Panel sorg-    greifen. Und wir bewegen uns da gesamtgesell-
                                    ten Karin Lukas vom Ludwig Boltzmann Institut      schaftlich in die richtige Richtung. Dass das IOC
                                    für Menschenrechte und Bernd Brünner von           den Host-City-Vertrag transparent machen will,
                                    der Austrian Development Agency, ein zentraler     dass die FIFA über menschenrechtliche Verga-
                                    Fördergeber von VIDC und fairplay.                 bekriterien diskutiert, all das war vor einigen
                                                                                       Jahren ja noch undenkbar. Die Unternehmen
                                    Claudia Unterweger, Radio FM4: Frau Schenk,        selbst waren auch bis 2011 den Menschen-
       Sylvia Schenk, Ex-Olympio-   ich möchte mit Ihnen beginnen. Am ersten Podi-     rechten nur sehr oberflächlich verpflichtet. Das
       nikin, Transparency Inter-   um wurde viel über Menschenrechtsverletzun-        hat nicht nur mit dem Sport zu tun, das ist ein
       national Deutschland         gen im Rahmen von Sportgroßveranstaltungen         gesamtgesellschaftliches Thema.
                                    geredet. Sie waren selbst als Olympionikin bei
                                    den Olympischen Spielen 1972 in München            Unterweger: Herr Stamm, auch Sie waren Olym-
                                    aktiv und leiten jetzt die „Arbeitsgruppe Sport“   pionike. Sie sind gemeinsam mit Nik Berger
                                    von Transparency International. Wie schätzen       2000 in Sydney im Beach-Volleyball für Öster-
                                    Sie die großen Sportdachverbände der Welt ein?     reich angetreten. Was sind Ihre Erinnerungen
                                                                                       an das Turnier? Haben Menschenrechtsverlet-
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                                                                                                                                         11
zungen da eine Rolle gespielt und wie haben Sie       Podium an, ist ein Vehikel für gewisse Themen,
das als Aktiver wahrgenommen?                         die ganz eindeutig mit Menschenrechten ver-
                                                      knüpft sind. Wenn man sich zum Beispiel die
Oliver Stamm, Ex-Olympionike, Right to Play           17 UN Development Goals ansieht: Da geht es
Österreich: Es freut mich sehr, heute hier sein zu    um Umweltthemen, um Geschlechtergleichheit,
dürfen, deshalb möchte ich mich für die Einladung     um Frieden. All das kann man ja über den Sport
bedanken. Die Olympischen Spiele in Sydney            kommunizieren. Das ist auch unsere Aufgabe.
2000 waren, würde ich sagen, die letzte Sport-        Es geht eben darum, und dafür ist diese Veran-
großveranstaltung, wo es keine großen Proteste        staltung ein schöner Rahmen, die Probleme in
gab. Zwar hat es im Vorfeld wegen dem Umgang          Brasilien auch in Österreich zu thematisieren.        Bernd Brünner, Stellver-
mit den Aborigines Kritik gegeben, aber das ist mit                                                         tretender Geschäftsführer
den Diskussionen heutzutage nicht vergleichbar.       Unterweger: Frau Lukas, Sie beobachten Men-           der Austrian Development
                                                                                                            Agency
Es gab keine Menschenrechtsverletzungen wie in        schenrechte und Verstöße dagegen auf der
China und Russland. Das nur vorweg.                   ganzen Welt. Welche Rolle spielen Sportverbän-
   Ich glaube nicht, dass sich aktive Sportle-        de dabei, im positiven wie im negativen Sinne?
rinnen und Sportler zu Menschenrechtsver-
letzungen äußern sollten. Dafür sind sie nicht        Karin Lukas, Ludwig-Boltzmann-Institut für Men-
ausgebildet und auch nicht zuständig. Ein             schenrechte: Zunächst einmal, und da möchte ich
Sportler hat nur eine gewisse, meist recht kurze      mich auch auf meine Vorrednerin beziehen, halte
Zeit, um sportlich erfolgreich zu sein. Oft gibt      ich Differenzierungen gerade bei so heiklen The-
es beispielsweise die Möglichkeit an Olympia          men für sehr wichtig. Die FIFA, das IOC oder gewis-
teilzunehmen nicht. Dass sich dann Sportle-           se Unternehmen, die in Sportgroßveranstaltungen
rinnen und Sportler dem Risiko aussetzen, mit         investieren, müssen die Menschenrechte ja nicht
politischen Äußerungen Unmut auf sich zu zie-         schützen, sondern sie achten. Das ist ein feiner      Karin Lukas, Ludwig-Boltz-
hen und ihre Nominierung zu gefährden, würde          Unterschied, der aber auch für uns wichtig ist. Es    mann-Institut für Men-
ihnen viel zu viel abverlangen.                       liegt am Staat, die Einhaltung der Menschenrechte     schenrechte
                                                      zu gewährleisten und sie zu schützen. Das hat
Unterweger: Herr Rößlhuber, wir haben jetzt viel      gewichtige Folgen, wie und an wem Kritik geäußert
über Verbände und die großen Organisationen           werden sollte. Ich glaube, man muss da immer
des Sports geredet. Welche Rolle spielen Men-         sowohl die Organisationen als auch die Staaten in
schenrechte bei den Vereinen und beim Brei-           die Pflicht nehmen.
tensport in Österreich?                                  Nur als Beispiel: Es gab 2012, vor den Olym-
                                                      pischen Spielen in London, massive Kritik an
Rainer Rößlhuber, Sportunion Österreich:              Adidas, weil es Medienberichte über verheeren-
Zunächst möchte ich mich natürlich auch sehr          de Zustände in Asien gab, wo Adidas-Produkte
für die Einladung bedanken. Das Thema Men-            erzeugt wurden. Da hat es einen öffentlichen
schenrechte, das merkt man ja gerade jetzt, ist       Druck gegeben, auf den Adidas reagiert hat.
in Österreich jeden Tag wichtig. Homophobie,          Seitdem haben sie einige positive Maßnahmen
Sexismus, Prävention gegen Missbrauch. All das        in der Sportartikelproduktion in China und In-
sind Themen, mit denen wir als Sportvereine           dien gesetzt. Da geht es um Sicherheit in den
uns jeden Tag konfrontiert sehen. Aber man            Produktionsstätten, aber auch Überstundenre-
muss auch sehen, dass es eben ehrenamtliche           gelungen. Es gab da in der Sportartikelindustrie
Funktionäre sind, die die Vereine tragen. Wir         insgesamt große Fortschritte. Leider ist man auf
bewegen uns da in einem Spannungsfeld. Wir            Baustellen davon noch weit entfernt, aber die-
müssen etwas für die Menschenrechte tun,              ses Beispiel zeigt ja, wie es gehen kann.
aber gleichzeitig können wir auch den Ehren-             Im Rahmen von Nosso Jogo werden wir als
amtlichen nicht immer mehr umhängen. Wir              Boltzmann Institut überprüfen, wie österreichi-
brauchen da auch Unterstützung und Konzepte,          sche Unternehmen in Rio agieren und wofür sie
die sich dieser Probleme bewusst sind.                verantwortlich sind. Wir werden uns ganz genau
                                                      anschauen, wie es da beispielsweise auf den
Unterweger: Sie wollen mit Ihrer Arbeit, Herr         Baustellen zugeht.
Brünner, Entwicklungszusammenarbeit und
Sport zu einer gemeinsamen Angelegenheit              Unterweger: Die Frage wurde ja auch schon
machen. Wie lassen sich diese beiden Dinge            am ersten Panel gestellt, aber aus Ihrer Sicht,
zusammendenken?                                       Frau Schenk: Gibt es Fortschritte in Hinsicht auf
                                                      Sportgroßveranstaltungen?
Bernd Brünner, Stellvertretender Geschäfts-
führer der Austrian Development Agency:               Schenk: Zunächst wollte ich noch was zur Rolle
Vielen Dank für die Einladung. Sport, und damit       der Sportlerinnen und Sportler sagen: Ich glaube
knüpfe ich ja an einige Vorredner und das erste       ja, und da muss ich Herrn Stamm ein bisschen
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                                 widersprechen, dass man Sportlerinnen und               Integration passiert dadurch ja nicht, da gibt es
                                 Sportlern selbst überlassen muss, ob sie sich           keinen Automatismus. Es braucht aktive Maß-
                                 politisch äußern wollen. Ich denke da nur an            nahmen, damit der Sport integrativ wirkt. Es ist
                                 die Outfits des deutschen Teams im Regen-               ja oft die Rede vom Nationalteam und dass dort
                                 bogen-Look, das ist doch wunderbar. Oder an             gezeigt wird, wie gut die Integration funktioniert.
                                 lackierte Fingernägel in den Regenbogenfarben,          Das mag ja stimmen, aber es geht eben auch
                                 wie bei der Leichtathletik-WM in Moskau 2013.           um jene, die nicht so talentiert sind wie die Ala-
                                 Sportlerinnen und Sportler erreichen mit sol-           bas dieser Welt. Auch die muss man erreichen.
                                 chen einfachen Botschaften einfach viel mehr
       Oliver Stamm, Ex-Olym-    Leute, als die schönsten Reden von irgendwel-           Unterweger: Was braucht es, um Menschen-
       pionike, Right to Play    chen Funktionären es tun. Deswegen sollte man           rechte nachhaltig zu stärken, Frau Lukas? Wel-
       Österreich                es den Athletinnen und Athleten wirklich selbst         che Rolle können wir alle spielen, was müssen
                                 überlassen. Man kann niemandem vorschrei-               aber auch die Unternehmen oder die Sportver-
                                 ben, sich politisch zu äußern, aber man sollte es       bände selbst machen?
                                 auch niemandem verbieten.
                                   Grundsätzlich glaube ich auch, dass es einen          Lukas: Ich glaube, zum einen braucht es Druck
                                 gewissen Fortschritt in menschenrechtlichen             auf die Unternehmen, damit sie um die Wich-
                                 Fragen gab. Ich habe es ja zuerst schon angedeu-        tigkeit der Menschenrechte wissen und dass
                                 tet, aber heute dienen Sportgroßveranstaltungen         sie sich in dieser Hinsicht verpflichten. Zum
                                 nicht mehr als Marketing für das Austragungs-           anderen braucht es aber auch ein Risikoma-
                                 land. Früher waren sie das, aber heute werden im        nagement der Unternehmen selbst. Lohnt es
                                 Zuge der Vergabe ja Menschenrechte immer the-           sich, in gewissen Regionen zu investieren oder
                                 matisiert. Eine WM wie 1978 im diktatorischen           zu bauen, wenn dort mit Menschenrechtsver-
       Rainer Rößlhuber, Gene-   Argentinien wäre heute nicht mehr denkbar.              letzungen zu rechnen ist? Schließlich gibt es da
       ralsekretär Sportunion
       Österreich
                                                                                         auch einen Marktdruck, untragbare Zustände
                                 Unterweger: Herr Stamm, Sie sind Botschafter            sind sehr schlecht für das Marketing.
                                 von Right to Play Österreich. Was ist das für eine         Wir können jedenfalls nicht abwarten und
                                 Organisation und welche Arbeit leistet sie in           auf staatliche Maßnahmen oder Reformen und
                                 Hinsicht auf Menschenrechte im Sport?                   Verpflichtungen der Sportverbände warten. Es
                                                                                         braucht öffentlichen Druck der Zivilgesellschaft
                                 Stamm: Right to Play wurde im Rahmen der                auf die Unternehmen, damit Menschenrechte
                                 Olympischen Winterspiele 1994 in Lillehammer            und ihre Einhaltung ein für allemal im Bewusst-
                                 gegründet, federführend war damals der norwe-           sein verankert werden.
                                 gische Eisschnellläufer Johann Olav Koss. Da hat
                                 man versucht, das gesellschaftlich-soziale Po-          Diskussion
                                 tential, das der Sport hat, zu organisieren und zu        In der anschließenden Diskussion mit dem
                                 nutzen. Sport ist ein effizientes und kostengüns-       Publikum ging es um fair produzierte Sport-
                                 tiges Mittel, disprivilegierte Gruppen zu stärken       kleidung und die Missstände in Brasilien. Auch
                                 – das reicht von Frauen bis hin zu Flüchtlingen.        darüber, wie es um die Zusammenarbeit zwi-
                                 Fußball zum Beispiel kann man ja auf der ganzen         schen Sportvereinen und Flüchtlingsinitiativen
                                 Welt spielen. Es braucht nicht mehr als vier Steine     aussieht, wurde gesprochen.
                                 für die Tore und einen Ball. Wenn es keine Eltern         Dazu führte Sylvia Schenk die Fortschritte,
                                 gibt, die Werte vermitteln, kann das der Sport          die die FIFA mit den beschlossenen Reformen
                                 übernehmen. Gerade in Kriegsgebieten, wo den            andeutet, aus und äußerte sich optimistisch ob
                                 Kids oft die Vaterfigur fehlt, ist das enorm wichtig.   der Zukunft des Weltsportverbandes. Vor allem
                                 Aber man sieht ja auch gerade in Österreich, dass       die gestärkte Rolle der Frauen und die Zerschla-
                                 der Sport eine integrative Rolle übernehmen             gung des „Old Boys Network“ stimmte Schenk
                                 kann. Auch Flüchtlinge hier sind dankbar, wenn          hoffnungsfroh.
                                 sie Sport machen können – und es hilft ihnen              Diskutiert wurde auch die Situation in Brasili-
                                 auch, sich einzuleben.                                  en. Peter Mennel, Generalsekretär des Österrei-
                                                                                         chischen Olympischen Komitees, rief zu mehr
                                 Unterweger: Herr Rößlhuber, wie gehen Sie in            Genauigkeit und einem differenzierteren Blick
                                 den Vereinen mit dem Thema Integration um?              im Diskurs auf. So bezweifelte er die Zahl der
                                                                                         70.000 Zwangsumsiedlungen im Zusammen-
                                 Rößlhuber: Klar kriegt man gesellschaftliche            hang mit den Olympischen Spielen, da es sich
                                 Stimmungen auch im Verein mit. Der Verein ist           dabei nur um eine Schätzung handle. Auch wä-
                                 die Gesellschaft im Kleinen, wo man auch Vor-           ren viele jener Leute, die aus der Villa Autódro-
                                 urteile abbauen kann. Zum einen ist der Sport           mo ausgezogen wären, froh darüber gewesen.
                                 ja per se verbindlich, weil gewisse Hindernisse,        „Die Recherche vor Ort ergab ein anderes Bild
                                 wie beispielsweise die Sprache, wegfallen. Aber         als hier gezeichnet wurde“, sagte Mennel.
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                                                                                                                                       13

    Julia Bustamante entgegnete darauf, dass es     großveranstaltungen bringe Menschenrechte              Am Dialogforum nahmen
                                                                                                           über 100 Teilnehmer_innen
schlicht sehr wenige offizielle Zahlen in diesem    ins Austragungsland, widersprach Brosz. Für ihn        aus den Bereichen Sport,
Zusammenhang gibt und die Informationspo-           macht es schlicht keinen Sinn, in einem Land           Menschenrechte, Wissen-
litik der Regierung ganz und gar nicht optimal      wie Katar eine Fußball-WM spielen zu lassen.           schaft und Politik teil.
verläuft. Die Statistiken, mit denen Bustamante     „Das Wetter, die Menschenrechte, die Größe
und ihr Institut arbeiten, sind aber solche, die    – all das spricht dagegen. Eine solche Ent-
von der Stadtregierung Rios veröffentlicht wer-     scheidung kann nur durch Inkompetenz oder
den. Was freiwillige Umsiedlungen aus der Villa     Korruption erklärt werden. Das hat nichts mit
Autódromo betrifft, sagte Bustamante: „Es ist       Menschenrechten zu tun“, so Brosz.
grundsätzlich natürlich schon vorstellbar, dass        Zum Abschluss der Diskussionen sowohl auf
jemand freiwillig von dort wegzieht. Aber die       dem Podium als auch im Publikum rief Ursula
Leute müssen in einem sehr schnellen Tempo          Werther-Pietsch vom Bundesministerium für
ihre Wohnungen verlassen und sich um neue           Äußeres zu einer stärkeren Zusammenarbeit
umsehen – einfach ist das auf gar keinen Fall.“     zwischen dem Sport- und dem Außenministe-
    Dieter Brosz warf zudem einige Fragen in den    rium auf. „Menschenrechte spielen bei uns bei
Raum, die er im Zuge des ersten Panels nicht        der Entwicklungszusammenarbeit eine immer
stellen konnte. Zum einen stellt sich für ihn die   wichtigere Rolle. Der Sport findet dabei aber
Frage, wie Sportminister Doskozil mit den kom-      keine Berücksichtigung. Das sollte sich schleu-
menden Sportgroßveranstaltungen in Rio und          nigst ändern“, sagte Werther-Pietsch.
vor allem mit der Fußball-Weltmeisterschaft in
Russland 2018 umgehen wird. Wird er, sollte
sich das österreichische Nationalteam qualifi-
zieren, anreisen? Wird er die Menschenrechts-
verletzungen in Russland thematisieren?
    Auch an Herrn Windtner verlor Brosz einige
Worte. So widersprach er zunächst seiner sehr
positiven Einschätzung des neuen FIFA-Präsi-
denten Gianni Infantino. „Es kann ja sein, dass
dieser unter den fünf Kandidaten der beste
war“, sagte Brosz. „Dies macht ihn aber noch
                                                    Peter Mennel, General-   Dieter Brosz, Sportsprecher   Ursula Werther-Pietsch,
lange nicht zu einem Vorzeigepräsidenten.           sekretär des Österrei-   des Grünen-Parlaments­        Bundesministerium für
Das hätte der ÖFB auch sagen können.“ Auch          chischen ­Olympischen    clubs                         Äußeres
Windtners Einschätzung, die Vergabe von Sport-      Komitees
1414
       Workshops:
       Menschenrechte, Nachhaltigkeit und der Beitrag Österreichs

       Teilnehmer_innen von            Nach einer einstündigen Mittagspause folgten       Gleichzeitig wurden in Workshop B „Chancen
       Workshop A sowie Georg          ab 14 Uhr zwei Workshops. Workshop A stand         und Möglichkeiten österreichischer Vereine
       Tappeiner (Österr. Ökologie-­
       Institut) und Katharina
                                       unter dem Motto „Mega-Sport-Event quo va-          und Verbände, sich lokal und international
       Häusler (Boltzmann Ins-         dis: Wie macht man globale Sportereignisse         für Menschenrechts- und Nachhaltigkeits-
       titut für Menschenrechte)       nachhaltiger?“. Dort diskutierten gut 30 Teil-     standards einzusetzen“ besprochen. Dort
       von Workshop B.                 nehmer_innen knapp zwei Stunden mit Julia          berichtete unter anderen Ewald Roth, der die
                                       Bustamante und Andrea Florence von der NGO         Karate-WM 2016 in Linz organisiert. Es ging
                                       Terre des Hommes. Dabei ging es viel um die        um die Schwierigkeiten, aber auch die Vorzüge
                                       Situation in Brasilien. Welche Rolle spielte die   eines solchen „Green Events“, was man daraus
                                       WM für die Entwicklung und die Menschen-           lernen könnte, wie derartige Veranstaltungen
                                       rechte des Landes, welche Rolle werden dabei       in Zukunft die Regel werden könnten. Auch
                                       die Olympischen Spiele einnehmen? Neben            Georg Tappeiner vom Österreichischen Ökolo-
                                       dieser Analyse wurde aber auch diskutiert, wie     gie-Institut und Sepp Hackl aus dem Umwelt-
                                       sich die Rolle bessern könnte. Dabei gab es        bundesamt sprachen über ihre Erfahrungen
                                       unterschiedliche Einschätzungen: Denn wäh-         in der Arbeit mit österreichischen Vereinen.
                                       rend die lokalen Aktivist_innen die negativen      Sie machten darauf aufmerksam, dass die
                                       Entwicklungen in den Vordergrund stellten und      Rahmenbedingung für die österreichischen
                                       meinten, dass vor allem für die arme Bevöl-        Vereine das Ehrenamt bleibt und es deswegen
                                       kerung gar nichts getan wurde, hatten anwe-        nicht um die Einforderung von verpflichtender
                                       sende Journalisten, die Brasilien im Zuge der      Mehrarbeit dieser Leute gehen kann. Vielmehr
                                       WM und darüber hinaus besucht hatten, eine         solle die Unterstützung im Vordergrund stehen
                                       andere Einschätzung.                               und darüber nachgedacht werden, wie man
                                          Dennoch bestand Einigkeit darin, dass man       niederschwellig und kostengünstig nachhal-
                                       die lokale Zivilgesellschaft dabei unterstüt-      tige Arbeit in den Vereinen stärken kann. Wie
                                       zen müsse, mit ihren Wünschen gehört zu            kann man also Förderungen in dieser Hinsicht
                                       werden. Außerdem wurde diskutiert, ob es           sinnvoll einsetzen, welche Mindeststandards
                                       Good-Practice-Beispiele für die Austragung         kann man einfordern? Viel Aufmerksamkeit
                                       internationaler Großveranstaltungen gibt. Was      erhielt dabei die Webplattform www.nachhalti-
                                       könnten aber auch nationale und internatio-        ger-sport.at, auf der Vereinsarbeit einem ano-
                                       nale Sportverbände tun, damit die Nachhal-         nymen Nachhaltigkeits-Selbsttest unterzogen
                                       tigkeits-Debatte nicht unter den Tisch fällt?      werden kann. Vor einem ähnlichen Hintergrund
                                       Kontrovers wurde dabei der Wunsch nach Si-         wurde diskutiert, ob es Wettbewerbe für Green
                                       cherheit und Präsenz der Exekutive seitens der     Events geben soll und wie diese aussehen
                                       Athletinnen und Athleten und die Forderung         könnten.
                                       nach weniger Repressionsmaßnahmen gegen               Gefordert wurde eine kontinuierliche Vernet-
                                       die ansässige Bevölkerung diskutiert.              zung zwischen Vereinen und Verbänden, um
                                                                                          gemeinsame Erfahrungen nutzbar zu machen.
15
                                                                                                                                         15
Abschlusspanel:
Zusammenführung und nächste Schritte

Die Ergebnisse der Workshops und Forderungen
wurden aufgezeichnet und dann im Rahmen
des Abschlusspanels, moderiert von Martin
Kainz von VIDC-fairplay, vorgestellt. Zunächst
aber stellte Stefan Grasgruber-Kerl von Südwind
einen Entwurf einer Erklärung des österreichi-
schen Sports zum Thema „Sport und Menschen-
rechte“ aus der gleichnamigen Arbeitsgruppe im
Sportministerium vor [siehe Anhang].
   Der Entwurf gliedert sich in vier Teile. Der erste
ist dabei die Präambel, in der grundsätzliche           Auch die Zusammenarbeit von zivilgesellschaft-       Das Abschlusspanel, von
                                                                                                             links nach rechts: Stefan
Prinzipien festgehalten werden. So heißt es dort:       lichen Gruppen, die Menschenrechtsverlet-            Grasgruber-Kerl, Martin
„Sport vermag es, Menschen einander unabhän-            zungen im Rahmen von Sportveranstaltungen            Kainz, Anna-Maria Wieser,
gig ihrer ethnischen Zugehörigkeit, Herkunft,           kritisieren, wurde thematisiert. Vor allem eine      Olívia Machado.
Religion oder Weltanschauung, Alter, Geschlecht,        internationale Kooperation, beispielsweise zwi-
sexuellen Orientierung oder unterschiedlichen           schen NGOs in Brasilien und Russland wurde
Voraussetzungen näherzubringen und Diskrimi-            angedacht.
nierung und Grenzen zu überwinden“.                        In Workshop B hingegen stand, wie schon
   Der zweite Teil beschäftigt sich dann damit, wie     das Thema verriet, die nationale Ebene im Vor-
diese Gedanken in Österreich umgesetzt und ge-          dergrund. Es ging, wie Rapporteurin Anna-Maria
fördert werden können. Als Paradebeispiel nann-         Wieser von der Österreichischen Bundes-Spor-
te auch Grasgruber-Kerl dabei die Karate-WM in          torganisation zusammenfasste, auch um das
Linz. Darüber hinaus geht es im Entwurf, drittens,      Anknüpfen an bereits etablierte Formen der
auch darum, wie Menschenrechtsstandards                 Nachhaltigkeit. So sei die im Oktober stattfinden-
international gefördert werden können. Gefordert        de Karate-WM in Linz ein Paradebeispiel für ein
wird dort vor allem, dass sich der österreichi-         „Green Event“. Die Veranstaltung sei ökonomisch,
sche Sport, im Rahmen seiner Möglichkeiten,             sozial und ökologisch nachhaltig. Beispielsweise
für Menschenrechte starkmacht und vor allem             würden die Bewerbe für Menschen mit Beein-
bei Sportgroßveranstaltungen ein wachsames              trächtigung am gleichen Ort und abwechselnd
Auge auf potentielle Verletzungen wirft. Schließ-       mit den Wettkämpfen der Menschen ohne Beein-
lich stellt sich im vierten Teil die Arbeitsgruppe      trächtigung stattfinden. „Man muss das Rad nicht
selbst vor und schildert ihren Werdegang sowie          neu erfinden“, sagte Wieser zusammenfassend.
mögliche Perspektiven.                                  Eine ähnliche Feststellung erlaubt auch die
   Den zweiten Teil des Abschlusspanels bilde-          Homepage www.nachhaltiger-sport.at. Dort kann
ten dann, wie angedeutet, die Präsentationen            mittels anonymer Umfrage überprüft werden, wie
aus den Workshops. Die Sozialwissenschafterin           nachhaltig die eigene Vereinsarbeit bereits pas-
Olívia Machado, die als Rapporteurin die Diskus-        siert und sich zudem erkundigen, was günstige
sionen des Workshops A mitschrieb, präsentier-          Möglichkeiten wären, sie zu verbessern. Es ginge
te folgende Ergebnisse: Eine Etablierung von            auch grundsätzlich nicht um Zusatzverpflich-
verpflichtenden Menschenrechtsstandards                 tungen der Vereine und ihrer ehrenamtlichen
für die Vergabe von Sportgroßveranstaltun-              Mitarbeiter_innen, wie dies bereits beim zweiten
gen. Dazu zählt unter anderem die Bekämpfung            Panel angesprochen wurde. Vielmehr müsse
von strukturellem Rassismus im Sport und in             man ihnen Angebote aufzeigen und sie nieder-
den Staatsapparaten, aber auch das menschen-            schwellig motivieren, sich für eine nachhaltige
würdige Leben der Bewohner_innen der Austra-            Vereinsarbeit zu engagieren.
gungsländer oder -städte. Ebenso wurden die                Abschließend stellte Georg Tappeiner dem
Entmilitarisierung der Polizei und die Wichtigkeit      Plenum den Vorschlag aus dem Workshop vor,
der Demonstrationsfreiheit betont.                      eine Folgeveranstaltung nach Olympia in Rio
   Darüber hinaus wurden im Workshop A die              und der Karate-WM in Linz zu veranstalten.
Möglichkeiten der Proteste gegen Missstände             Abermals könnten dann verschiedene Perspek-
im Rahmen von Sportveranstaltungen disku-               tiven zusammengetragen und Dinge gebündelt
tiert. So sei es wichtig, den Betroffenen eine          werden.
Stimme zu geben und eine so genannte Öffent-               Ein Vorschlag, der sowohl vom Publikum als
lichkeitsarbeit von unten zu ermöglichen, damit         auch von den Veranstalter_innen dankbar aufge-
nicht nur die Veranstalter_innen gehört werden.         nommen wurde.
1616
       ANHÄNGE
       Entwurf einer Erklärung des österreichischen Sports,
       10.03.2016, Dialogforum

                       Präambel                                                        gesellschaftlichen Zusammenhalt tritt der ös-
                                                                                       terreichische Sport für die Einhaltung von Men-
                       Sport vermag es, Menschen einander unab-                        schenrechten bei internationalen Bewerben in
                       hängig von ihrer ethnischen Zugehörigkeit,                      Österreich, bei Bewerben auf Bundesebene, auf
                       Herkunft, Religion oder Weltanschauung, Alter,                  Regional-Ebene sowie im täglichen Vereinsle-
                       Geschlecht, sexuellen Orientierung oder unter-                  ben ein. Ausgehend von der Charta der Grund-
                       schiedlichen körperlichen Voraussetzungen                       rechte der Europäischen Union (GRCh)3 setzt
                       näherzubringen und Diskriminierung und Gren-                    sich der Sport in Österreich im Rahmen seiner
                       zen zu überwinden. Die sportlichen Prinzipien                   Möglichkeiten dafür ein, dass:
                       proklamieren Nicht-Diskriminierung, Gleichheit,                 • Vergabekriterien, die transparent und demo-
                       Inklusion, Respekt und gegenseitiges Verständ-                    kratisch sind, für einen nachhaltigen Sport
                       nis. All dies sind grundlegende Prinzipien der                    stehen (siehe www.nachhaltiger-sport.at)
                       Menschenrechte.                                                   und Menschen-, Arbeits-, Kinderrechte sowie
                          Für die Integrität und Legitimität des Sports ist              Umweltschutzbedingungen und Antidiskrimi-
                       es zentral, dass entsprechend dieser Prinzipien                   nierung berücksichtigt werden;
                       Sportereignisse auch in Zukunft in einem positi-
                       ven Licht erscheinen und Menschenrechtsver-                     • die nachhaltige Nutzung von Sportstätten
                       letzungen im Vorfeld, während und nach diesen                     gewährleistet ist;
                       Ereignissen verhindert werden.
                          Gerade aufgrund ihrer enormen gesell-                        • die Einbindung von Events in Jugend-,
                       schaftlichen und wirtschaftlichen Bedeutung,                      ­Kinder-, und Bildungsprogramme besteht;
                       ihrer integrierenden Potenziale und Werte hat
                       die Sportbewegung die Möglichkeit, bei der                      • für die Vergabe von Bauaufträgen und Be-
                       Realisierung einer inklusiven Kultur der Men-                     schaffung sowie Einkleidung und Sportartikel
                       schenrechte voranzugehen und diese in allen                       rund um das Sportereignis sowohl arbeits-
                       Bereichen und auf allen Ebenen des Sports im                      rechtliche als auch ökologische Kriterien
                       alltäglichen Vereinsleben zu fördern.                             beachtet werden;
                          Die österreichische Sportbewegung ist sich
                       ihrer Verantwortung bewusst und tritt aktiv für                 • jede Form von Diskriminierung, insbesondere
                       die Förderung der Menschenrechte ein.                             aufgrund von Geschlecht, sexueller Orientie-
                                                                                         rung, Hautfarbe sowie ethnischer oder nati-
                       Umsetzung von                                                     onaler Zugehörigkeit keinen Platz findet und
                       Menschenrechtsstandards und                                       präventiv dagegen vorgegangen wird.
                       Nachhaltigkeitsstrategien bei
                       Sportereignissen in Österreich und auf                          Nachhaltigkeit und bindende
                       Verbands- und Vereinsebene                                      Menschenrechtsstandards bei
                                                                                       Sportgroßereignissen außerhalb
                       Angelehnt an das Weißbuch Sport sowie die                       Österreichs
                       Prinzipien der Good Governance der Europä-                      Aufbauend auf die nationalen Maßnahmen
                       ischen Union2, an die Initiative „Nachhaltiger                  setzt sich der österreichische Sport auch auf
                       Sport“ sowie auf nationaler Ebene erarbeitete                   internationaler Ebene im Rahmen der gegebe-
                       Strategien gegen Diskriminierung und für                        nen Möglichkeiten für die Förderung der Men-

                       2. http://ec.europa.eu/sport/policy/organisation_of_sport/good_governance_en.htm

                       3. Der Sport hat das Potenzial, die Grundrechte in ihrer Gesamtheit zu fördern, insbesondere aber die im Anhang her-
                       vorgehobenen Art. 1 Würde des Menschen, Art. 3 Recht auf Unversehrtheit, Art. 8 Schutz personenbezogener Daten,
                       Art. 10. Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit, Art. 12 Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit, Art. 14 Recht auf
                       Bildung, Art. 15 Berufsfreiheit und Recht zu arbeiten, Art. 21 Nichtdiskriminierung, Art. 22 Vielfalt der Kulturen, Religio-
                       nen und Sprachen, Art. 23 Gleichheit von Männern und Frauen, Art. 24 Rechte des Kindes, Art. 25 Rechte älterer Mens-
                       chen, Art. 26 Integration von Menschen mit Behinderung, Art. 37 Umweltschutz.
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