Die Evolution der Mobilität - Zukunftsinstitut

 
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Die Evolution
der Mobilität
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Die Evolution
der Mobilität

Eine Studie des Zukunftsinstituts im Auftrag des ADAC
Die Evolution der Mobilität - Zukunftsinstitut
Impressum

Herausgeber
ADAC e.V.
Hansastraße 19
80686 München
Telefon: 089 7676-0
E-Mail: adac@adac.de

Redaktion
Zukunftsinstitut GmbH
Kaiserstraße 53
60329 Frankfurt am Main
Telefon: 069 2648489-0
E-Mail: info@zukunftsinstitut.de

Projektleitung
Christian Rauch

Lektorat
Franz Mayer

Grafik-Design
Christoph Almasy

Cover-Bild
Shutterstock, Tomas Picka

© ADAC e.V., 2017
Die Evolution der Mobilität - Zukunftsinstitut
Inhalt

Vorwort .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  . 5

Einleitung .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  . 6
Aufbruch in ein neues, multimobiles Zeitalter

Motive und Bedürfnisse  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  . 8
Die Treiber der Mobilität von morgen

Mobile Lifestyles 2040 .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  . 16
Eine Typologie der Mobilitätsgesellschaft von morgen

Prinzipien  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  . 24
Funktionsweisen der Mobilität von morgen

Räume .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  . 36
Lokale Strukturen der Mobilität von morgen

Implikationen .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  . 44
Handlungsfelder für eine zukunftsweisende Mobilitätspolitik

Literatur .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  . 48
Die Evolution der Mobilität - Zukunftsinstitut
Die Evolution der Mobilität - Zukunftsinstitut
Vorwort

Die Welt wie wir sie kennen, ist in Bewegung. Die Herausforderungen der
Zukunft sind vor allem die Herausforderungen einer individuellen, intelli-
genten und vernetzten Mobilität. Mobilität treibt uns an, sie bewegt uns. Die
Menschen wollen Mobilität, sie möchten mobil sein. Persönliche Mobilität
entspringt dem Wunsch, selbst zu entscheiden, wann, wie und wohin wir
uns ­bewegen. Mobilitätsmuster werden vielschichtiger und komplexer. Das
Bedürfnis nach Sicherheit, Gesundheit, intakter Umwelt und allgemeiner
Lebensqualität steigt. Die Digitalisierung wird zur zentralen Grundlage der
Prinzipien der Mobilität von morgen, die vor allem eines zu leisten hat: Sie
muss bedürfnis­orientiert sein, das Leben einfacher und sicherer machen.

Für den ADAC lauten vor diesem Hintergrund die entscheidenden Fragen: Wie
können wir als Institution einen Beitrag leisten, die Mobilität der Menschen
auch künftig sicherzustellen? Wie können wir die Menschen bestmöglich auf
dem Weg in ihre mobile Zukunft begleiten? Welche neuen Wege sollten Wirt-
schaft, Politik und Gesellschaft heute einschlagen? Welche Entscheidungen
sollten wir heute treffen, um die Anforderungen der mobilen Welt von morgen
erfolgreich zu meistern?

Mit der vorliegenden Studie „Die Evolution der Mobilität“ möchten wir eine
Diskussion darüber anstoßen, welche Grundmuster die Mobilität von morgen
bestimmen könnten. Wir haben das renommierte Zukunftsinstitut beauftragt,
ausgehend von den Bedürfnissen der Menschen zu untersuchen, welche lang-
fristigen Trends und Entwicklungen unsere Mobilität bis ins Jahr 2040 domi-
nieren könnten. Welche Rolle das Automobil der Zukunft einnimmt, wie inter-
und multimodale Reiseketten der Zukunft aussehen könnten, wie die Städte
der Zukunft ihre Verkehrsprobleme lösen und wie individuelle Mobilität auch
abseits der Ballungsräume künftig sichergestellt werden kann.

Die Ergebnisse der Studie haben uns zum Teil überrascht, zum Teil überzeugt,
wieder andere Erkenntnisse regen zum Nachdenken oder auch zum Wider-
spruch an. Klar scheint eines: Uns steht keine disruptive Mobilitätswende
bevor, sondern eine evolutionäre Entwicklung und Veränderung, die umso
tiefgreifender und grundlegender sein wird.

Ich lade Sie herzlich ein, mit dem ADAC in einen Dialog über die Zukunft der
Mobilität zu treten!

Dr. August Markl
Präsident des ADAC
Die Evolution der Mobilität - Zukunftsinstitut
Die Evolution der Mobilität

Aufbruch in ein neues,
multimobiles Zeitalter
                              Die Art und Weise der Lebensführung wird         Optionenvielfalt, die Möglichkeit, Neues zu
                              individueller. Deshalb prägt kaum etwas          entdecken und zu erfahren. Weil Mobilität
                              unser Leben so sehr wie die Mobilität. Sie       Beweglichkeit bedeutet, Veränderungs- und
                              ist unentbehrlich. Mobil sein ist die Vor-       Wandlungsfähigkeit garantiert. Die indivi-
                              aussetzung für soziale Teilhabe und gesell-      duelle Mobilität entspringt dem Wunsch,
                              schaftlichen Fortschritt, für wirtschaftliches   selbst zu entscheiden, wann, wie und wohin
                              Wachstum, Selbstverwirklichung und               man sich bewegt. Das hat dafür gesorgt,
                              individuellen Erfolg. Mobilität entscheidet      dass Mobilität weltweit zum Ausdruck von
                              darüber, ob Menschen ihre beruflichen und        Freiheit, Unabhängigkeit, Individualität und
                              privaten Ziele erreichen, ihre Wünsche und       Selbstbestimmung geworden ist. Das wird
                              Anforderungen miteinander vereinbaren,           auch im Jahr 2040 noch so sein.
                              ihre Lebensqualität steigern können. Das
                              heißt, Menschen wollen, sie müssen aber
                              auch mobil sein.                                 Steigender Bedarf, neuer Mix

                                                                               Mobilität sorgt für einen gelingenden
                              Individualisierung als                           Alltag ebenso wie für die Errungenschaften
                              wichtigster Treiber                              des globalen Marktes. Sie ist nicht nur ein
                                                                               Grundbedürfnis, sondern eine zentrale
                              Einer der größten Treiber von Verände-           Anforderung moderner Gesellschaften. Das
                              rungen in Wirtschaft und Gesellschaft            Ergebnis: Die Welt im 21. Jahrhundert ist
                              ist der Megatrend Individualisierung. Er         nicht nur durch einen weiter wachsenden
                              bestimmt insbesondere wie kaum eine              Mobilitätsbedarf gekennzeichnet, sondern
                              andere Entwicklung den Wandel der                vor allem durch eine zunehmende Vielfalt
                              Mobilität und die Nachfrage nach neuen           an Mobilitätsformen.
                              Mobilitätsangeboten. Das Streben nach
                              Individualität führt zu einer Ausdiffe-          Das macht diesen Bereich zu einem der
                              renzierung von Weltanschauungen, einer           größten Wachstumsmärkte. Alles in allem
                              Vielfalt an Lebensentwürfen, Biografien und      investieren private Haushalte in der EU
                              Konsumgewohnheiten. Jeder kann heute             jährlich über eine Billion Euro in ihre Mobi-
                              sein Leben viel stärker nach persönlichen        lität, in Deutschland sind es pro Kopf rund
                              Wünschen und eigenen Vorstellungen ge-           2.600 Euro im Jahr, jeder siebte Euro fließt
                              stalten. Das erzeugt eine Freiheit der Wahl,     hier in Leistungen, die das Unterwegssein
                              einen zunehmenden, vor allem aber einen          ermöglichen (European Commission 2016).
                              veränderten Mobilitätsbedarf. Denn zu-           Knapp 1,2 Billionen Personenkilometer legen
                              gleich steigt dadurch auch die Komplexität       die Deutschen Jahr für Jahr zurück – per
                              in den Lebensbedingungen der Menschen:           Pkw, Bus und Bahn, mit Flugzeugen oder
                              Allgemeine Flexibilitätsanforderungen            Schiffen. Insgesamt verzeichnet der Perso-
                              nehmen ebenso zu wie der Wunsch nach             nenverkehr in der Bundesrepublik seit dem
                              Unabhängigkeit. Alltägliche Versorgungs-         Jahr 2000 einen Anstieg um über 11 Prozent.
                              wege und die Familienkoordination bleiben        Nach Prognosen der Europäischen Kommis-
                              genauso bedeutsam wie die Pflege vielfäl-        sion wird der Mobilitätsbedarf hierzulande
                              tiger sozialer Kontakte. Nicht zuletzt sorgen    in den nächsten Jahrzehnten weiterhin
                              der Wandel der Arbeitswelt, zunehmende           kontinuierlich ansteigen, bis 2040 auf mehr
                              Freizeitaktivitäten, Reisen und Tourismus        als 1,3 Billionen Personenkilometer. Gut drei
                              für steigende Mobilitätsansprüche.               Viertel davon werden auch in Zukunft auf
                                                                               das Auto zurückgehen. Damit bleibt das
                              Erst das Zusammenspiel der Megatrends In-        Auto auf absehbare Zeit das Verkehrsmittel
                              dividualisierung und Mobilität sorgt für die     Nummer eins. Zu sehr ist das Mobilitätsver-
                              Realisierung neuer Chancen, eine größere         halten auch in Zukunft mit dem Bedürfnis

6
Die Evolution der Mobilität - Zukunftsinstitut
Einleitung

STEIGENDER MOBILITÄTSBEDARF
Personenverkehr in Deutschland (Milliarden Personenkilometer)

           Pkw und Motorräder            Öffentlicher Straßenverkehr      Luftverkehr      Schienenverkehr   Binnenschifffahrt

1.500

1.200

  900

  600

  300

     0
                2000                                  2020                              2030                     2040

Quelle: European Commission; Prognose: EU Reference Scenario 2016

nach individueller Fortbewegung verknüpft.                 der Persönlichkeit und des sozialen Status,
Und individuelle Mobilität ist für die                     verliert seine einstigen Vorteile gegenüber
Menschen eine so elementare Wohlstands­                    anderen Verkehrsmitteln, insbesondere
erfahrung, dass sie darauf nicht verzichten                seine eigentliche Funktion: Angenehm und
wollen. Auch im Jahr 2040 wird daher das                   schnell von A nach B zu kommen gelingt
Auto noch der Garant für räumliche und                     mit ihm angesichts überfüllter Straßen und
zeitliche Flexibilität sein.                               staugeplagter Städte nicht mehr überall.

                                                           Das Auto wird es vielerorts daher schwer
Smart Mobility: Der langsame Ab-                           haben und sich im Jahr 2040 nur noch dann
schied vom Auto, wie wir es kannten                        behaupten können, wenn es mit ihm gelingt,
                                                           individuelle Fortbewegung und öffentlichen
Dass das Auto dennoch seine alles domi-                    Verkehr zu verknüpfen: Nur wenn es sich
nierende Stellung verliert, die es bis zum                 also in den Mobilitätsmix von morgen klug
Beginn des 21. Jahrhunderts hatte, hängt                   und reibungsfrei einfügt und künftig zu
mit seiner veränderten Funktionalität                      einer wirklich bedarfsgerechten Mobilität
zusammen. Mitnichten bleibt daher alles                    beiträgt. Der Pkw bleibt ein wichtiges
wie gehabt. Denn was die Statistik nicht                   Fortbewegungsmittel. Aber im Selbstver-
verrät: Der Konsum von Mobilität, wie wir                  ständnis der Menschen wird er eben nicht
ihn jahrzehntelang praktiziert haben, erlebt               mehr zwingend die erste Wahl sein, sondern
gegenwärtig eine historische Zäsur. Was vor                als Teil neuer, integrierter Mobilitäts- und
uns liegt, ist der Beginn eines neuen, multi-              Verkehrssysteme eine – weitgehend gleich-
mobilen Zeitalters. Wir stehen vor ähnlichen               berechtigte – Option unter anderen.
Umwälzungen wie nach der Erfindung des
Autos vor 125 Jahren. Hinter der vordergrün-               Die Krise des Automobils ist zugleich
digen Kontinuität verbirgt sich ein evolutio-              seine große Chance: Autos werden 2040
närer Wandel des Systems der Mobilität, der                in allererster Linie Mittel zum Zweck sein
nicht unterschätzt werden darf.                            – allerdings nicht nur der Fortbewegung,
                                                           sondern zum Beispiel auch als elementarer
Das eigene Auto, das lange Zeit vor allem                  Bestandteil eines intelligenten, nachhaltigen
für die Deutschen ein Symbol für Freiheit                  Energiemanagements. Aus Status-Mobilität
und Unabhängigkeit war, ein Ausdruck                       wird Smart Mobility.

                                                                                                                              7
Die Evolution der Mobilität - Zukunftsinstitut
M OTI V E U N D B EDÜR F NI S S E

       Die Treiber
    der Mobilität von
        morgen

                      1

8
Motive und Bedürfnisse

Der Megatrend Individualisierung ist der wich-
tigste Treiber eines weiter wachsenden Mobili-
tätsbedarfs und eines vor allem auf individueller
Fortbewegung basierenden Verkehrsaufkommens.
Doch darüber hinaus gibt es vielfältige Motive,
warum Menschen mobil sind – sein wollen und
sein müssen. Manche verlieren an Bedeutung – Mo-
bilität als klassische Luxuserfahrung und als Sta-
tusrepräsentation beispielsweise –, andere bleiben
bestehen und bekommen eine neue Bedeutung.

Die Mobilitätsmuster werden vielschichtiger und
komplexer. Die Bedürfnisprofile der Menschen
hinsichtlich ihrer Mobilitätswünsche und -anfor-
derungen verschieben sich. Neue Player und inno-
vative Plattformen orientieren sich ausschließlich
an den veränderten Bedürfnissen und Motiven der
Menschen, indem sie nutzer- und bedarfsorien-
tierte Mobilitätsangebote schaffen, die das Leben
einfacher machen. Zugleich steigen jedoch die
Ansprüche und Erwartungshaltungen.

Die Frage ist: Welche Bedürfnisse und Anforde-
rungen sind in der Mobilität von morgen beson-
ders wichtig?

                                                                         9
Die Evolution der Mobilität

                               1. Flexibilität, Unabhängigkeit und                             Job und Freizeit weicht einem hochgradig
                               Work-Life-Blending                                              flexiblen, mobileren Lebensstil, der vor allem
                                                                                               auf eines abzielt: Stärkere individuelle Selbst-
                               Unsere Lebenswelt erfordert mehr Flexi-                         bestimmung, Unabhängigkeit sowie die kluge
                               bilität und Mobilität, Entscheidungs- und                       Verbindung von Privat- und Berufsleben bei-
                               Anpassungsfähigkeit, permanente Aufmerk-                        spielsweise durch Home-Office-Modelle und
                               samkeit und Erreichbarkeit als je zuvor.                        Mobile-Office-Lösungen. Gerade Letzteres
                               Immer mehr Menschen wollen und müssen                           wird zur großen Aufgabe der kommenden
                               mobiler leben, arbeiten und konsumieren.                        Jahre, statt weiterhin krampfhaft den Spagat
                               Gerade die Lebensstile von Familien, jungen                     zwischen zwei scheinbar trennbaren Welten
                               Großstädtern und international vernetzten                       zu versuchen. Die Idee der Work-Life-Balance
                               High Potentials erfordern schon heute ein                       weicht daher zunehmend einem neuen Ver-
                               effektives Zeit- und Mobilitätsmanagement.                      ständnis von Vereinbarkeit: Arbeitgeber und
                                                                                               Arbeitnehmer müssen Lösungen finden, die
                                                                                               steigende Belastungen durch geschäftliche
                                                                                               und berufliche Anforderungen kompensieren
                                                                                               und zu einem besseren Work-Life-Blending

In Zukunft wird zeit- und                                                                      führen.

ortsunabhängiges Arbeiten zur                                                                  2040 wird das Arbeiten dank digitaler Ver-
                                                                                               netzung, Cloud-Lösungen und innovativer
Normalität.                                                                                    Workplace-Tools ganz überwiegend zeit- und
                                                                                               ortsunabhängig möglich sein. Ob unterwegs,
                                                                                               von zu Hause, beim Kunden, im Café oder am
                                                                                               Strand – mobiles Arbeiten wird zur neuen
                                                                                               Norm. Durch Home-Office-Modelle und Mo-
                               Die Flexibilisierung des privaten wie des                       bile-Work-Technologien löst sich die einstige
                               beruflichen Lebens sorgt dafür, dass für die                    Grenze zwischen Berufs- und Privatleben
                               meisten Menschen die Zahl der Orte steigt,                      vollständig auf, mit vielen Auswirkungen von
                               die sie tagtäglich ansteuern, und mit ihr die                   den Arbeitszeiten bis hin zur IT-Sicherheit. So
                               möglichen Wege.                                                 sehr flexibles Arbeiten von Angestellten ge-
                                                                                               wünscht und gefordert wird, so sehr müssen
                               Der bisherige uniforme Nine-to-five-Arbeits-                    neue Wege für eine funktionierende, kluge
                               rhythmus mit seiner Fixierung auf Ge-                           Verbindung von privaten und beruflichen
                               schäftszeiten und der starren Trennung von                      Anforderungen gefunden werden.

 Foto: DavidMartynHunt CC BY

Arbeiten im Home-Office: Die Grenze zwischen Berufs- und Privatleben löst sich zunehmend auf

10
Motive und Bedürfnisse

Autos als Third Places
Die große Chance autonomer Fahrzeuge
liegt darin, dass sie künftig verstärkt
soziale Funktionen als Third Places er-
füllen können: Verkehrsmittel werden
zu Refugien zwischen Arbeitsplatz und
Zuhause, in denen man sich gerne aufhält,
wohlfühlt, seine Zeit aber auch sinnvoll
verbringen kann, während man unterwegs
ist. Wenn Autos in Zukunft von künstlicher
Intelligenz gelenkt werden, müssen die
menschlichen Fahrer sich nicht mehr auf
das Verkehrsgeschehen konzentrieren,
vielmehr können sie sich entspannen, lesen,
Videos schauen oder Arbeit erledigen.
Damit ändert sich die Funktion des Autos
im Alltag radikal. Selbstfahrende Autos
werden dann erstmals wirklich zur Verlän-
gerung des Büros und des Wohnzimmers
samt multimedialer, digitaler Vernetzung,
die die Erweiterung der Lebenswelt ins
Virtuelle unterstützen.
                                                         Foto: DHL

                                                        Paketlieferung in den Kofferraum: Das Auto wird zur Packstation
2. Nahversorgung: Mobiler Lebens-
wandel – situativer Konsum

Mit voranschreitender Urbanisierung bei       Servicewelten am Point of Sale kombiniert,
gleichzeitiger Zersiedelung wächst das        um dem Kunden eine auf ihn zugeschnit-
Verkehrsaufkommen – gerade aufgrund           tene persönliche „Experience“ zu bieten. Die
alltäglicher Wege zur individuellen Versor-   Individualität des Shopping-Erlebnisses
gung mit Waren. Städte und Ballungsräume      wie auch die forcierte Revitalisierung von
stehen vor besonders großen Heraus-           Innenstädten als Handelslandschaft sorgt
forderungen. Hier verdichtet sich das         auch in Zukunft für ein anhaltend hohes
Verkehrsaufkommen auf engstem Raum,           Mobilitätsaufkommen.
was häufig zum Stillstand führt. Personen
und Güter kommen nicht schnell genug          Unsere Gesellschaft ist nicht nur hoch-
ans Ziel. So wird auch die Neugestaltung      gradig mobil, sie ist oft auch sprunghaft
der Nahversorgung im urbanen Raum zu          und ungeduldig geworden. Der immer
einem dynamischen Innovationsfeld. Denn       mobilere Lebenswandel führt zu einem
auch das starke Wachstum des E-Com-           mobileren, situativen Konsum. Getätigt
merce führt nicht etwa zu weniger Versor-     wird er zunehmend an neuen, wachsenden
gungswegen. Im Gegenteil: Er erzeugt ein      Verkaufsorten, praktisch „im Vorbeigehen“.
massiv steigendes Sendungsaufkommen           Es sind vor allem die Orte des Transits, die
und damit neue Anforderungen an die           zum Shopping einladen. Tankstellen haben
Handelslogistik und an Paketdienst-           längst ihre Geschäftsstrategie umgestellt
leister, die mehrfach, dezentraler und in     – hin zum Retail-Shop für die Nahver-
kleineren Mengen ausliefern müssen. Der       sorgung rund um die Uhr. In dem Maße,
Online-Handel mündet auch keineswegs in       wie die klassischen Knotenpunkte in der
der vollständigen Verdrängung stationärer     Verkehrsinfrastruktur zu Third Places
Geschäfte. Der stationäre Handel investiert   werden, drängt dort der Handel immer
vielmehr hohe Summen in den Ausbau des        stärker in den Vordergrund: Mobility Hubs
Online-Standbeins, um im Wettbewerb mit       wie Bahnhöfe, Flughäfen oder Hotels
den reinen Onlinern zu bestehen. Die klas-    realisieren mit Shopping- und Gastrono-
sischen Vorzüge des stationären Handels       mieflächen inzwischen einen Großteil
– hohe Beratungsqualität und anfassbare       ihrer Erlöse. Das fördert die Verbindung
Produkte – werden immer häufiger mit          von Unterwegssein und alltäglicher
der Inszenierungen von Produkt- und           Versorgung.

                                                                                                                               11
Die Evolution der Mobilität

                               3. Soziale Kontakte und                         Zudem treffen Familienmitglieder immer
                               ­Familienkoordination                           häufiger individuelle Lebens- und Konsum­
                                                                               entscheidungen, was die Alltagskomple-
                               Die Pflege sozialer Beziehungen, mensch-        xität weiter erhöht. Hinzu kommt: Mit der
                               liche Begegnungen oder die ganz praktische      Herausbildung breiter Speckgürtel rund
                               Bewältigung des Familienalltags machen          um Großstädte und der Zersiedlung des
                               auch im digitalen Zeitalter physische,          urbanen Raums verlängern sich individuelle
                               räumliche Mobilität unverzichtbar. Gemein-      Wegstrecken. Mobilität ist daher nicht nur
                               same Aktivitäten in der Freizeit verlangen      der Garant für Lebensqualität, Selbstbestim-
                               genauso nach Mobilität wie der Wunsch           mung und hohen Freizeitwert, sondern ein
                               nach kulturellen Erlebnissen und Kontakten      alltagspraktisches Erfordernis.
                               zu Verwandten, Freunden, Bekannten und
                               Kollegen. Menschen wollen und müssen sich       Indem das Sozial-, Freizeit- und Famili-
                               daher auch künftig persönlich austauschen.      enleben sich immer öfter an vielen Orten
                               Sie sind kulturell so geprägt, dass sie not-    parallel abspielt, findet es nicht selten unter
                               wendigerweise mobil sind, denn Mobilität        einem erheblichen Maß an Zeitnot statt. In
                               entspringt immer auch dem Drang nach            jedem Fall erhöht sich mit dem Synchroni-
                               gesellschaftlicher Teilhabe. Man möchte         sations- auch der Mobilitätsaufwand. Durch
                               oder muss dazugehören, sei es als Mitglied      die multiplen Mobilitätsanforderungen im
                               von Familien, Freundeskreisen oder sozialen     Alltagsleben verstärkt sich der Wunsch nach
                               Gruppierungen. Zugleich erhöht gerade die       Komplexitäts- und Stressreduktion massiv.
                               Allgegenwärtigkeit digitaler Kommunikati-
                               onsformen das Bedürfnis nach realen Orten
                               und Optionen zur persönlichen Interaktion       4. Berufliche Anforderungen:
                               mit Menschen, ob mit der Familie und            ­Mobiles Arbeiten 2040
                               Freunden oder für neue Bekanntschaften.
                                                                               Gesellschaftliche Trends und disruptive
                               Gleichzeitig vervielfältigen sich Lebens-       Prozesse in der Wirtschaft sorgen für einen
                               formen und Familienstrukturen. Das erhöht       fundamentalen Wandel der Arbeitswelt. Der
                               zwangsläufig den Mobilitätsaufwand. Zeich-      Übergang von der klassischen Industrie- hin
                               neten sich etwa Familienverbünde, aber          zu einer Service- und Netzwerkökonomie ist
                               auch Wohn- und Arbeitsorte früher durch         geprägt von einer neuen Kultur des Arbei-
                               zeitliche und räumliche Nähe aus, driften sie   tens und zunehmend digitalen Wertschöp-
                               in Zukunft stärker auseinander. Das verleiht    fung. Die Arbeitsorganisation findet im Jahr
                               der Mobilität eine besondere Bedeutung          2040 unter völlig neuen Bedingungen statt:
                               zur Aufrechterhaltung von Beziehungen.          Flexible, team- und projektorientierte Ar-
                                                                               beitsformen sind der Normalfall. Kollektive
                                                                               Arbeitszeitregelungen werden zwar nicht
                                                                               vollständig verschwinden, sodass auch in
                                                                               Zukunft Arbeitswege an mehr oder weniger
                                                                               feste Tageszeiten gebunden sein werden.
                                                                               Doch mobiles, vernetztes Arbeiten wird inte-
                                                                               graler Bestandteil des Alltags sein – mit allen
                                                                               Konsequenzen für die Unternehmensorgani-
                                                                               sation und -kultur, die Businessmodelle und
                                                                               Produkte, die Kommunikation etc.

                                                                               Unternehmen sind immer seltener geschlos-
                                                                               sene, hierarchische Systeme, sondern offene
                                                                               Netzwerke und Plattformen, die durch
                                                                               Kooperation und Kollaboration extrem
                                                                               agil, kunden- und bedarfsorientiert agieren
                                                                               und neue, vielfältige Business-Ökosysteme
                                                                               erschaffen. Solche Netzwerke erfordern
                                                                               höhere Selbstverantwortungs- und Auto-
                                                                               nomiegrade der Mitarbeiter. Dadurch steigt
                                                                               die Komplexität von Arbeitsumfeldern – mit
 Foto: flinc GmbH

Freizeitaktivitäten erzeugen einen anhaltend hohen Mobilitätsbedarf            weitreichenden Folgen.

12
Motive und Bedürfnisse

 Foto: Unsplash Clem Onojeghuo

Wegzeit wird zur Arbeitszeit: Komfortabel zu reisen und zugleich produktiv sein zu können wird immer wichtiger

In Deutschland gehört laut Erhebungen                          erreichen. Verkehrsmittel, aber auch Bahn-
des Bundesinstituts für Bevölkerungs-                          höfe, Flughäfen, Hotels, Co-working Spaces
forschung (BiB) für rund 14 Prozent und                        werden zum festen Bestandteil unserer
damit für Millionen Erwerbstätige eine sehr                    Arbeits- und Lebenswelt. Sie bilden die
hohe berufliche Mobilität schon heute zum                      „Hardware“ des Mobile Office in der Netz-
Alltag. Ihr Anteil wird in den kommenden                       werkökonomie von morgen. Smart-Travel
Jahrzehnten weiter steigen. Dass Pendler                       bedeutet dann nicht nur zuverlässig, sicher
generell mehr Stress empfinden und                             und bequem zu reisen, sondern zugleich
gesundheitliche Nachteile in Kauf nehmen                       sinnvoll arbeiten zu können – und nicht
müssen, ist in vielen Untersuchungen nach-                     zuletzt sich gesund fortzubewegen.
gewiesen worden. Zuletzt hat eine Studie
des BiB die negativen Folgen innerhalb der                     Die steigende Digitalisierung und Virtuali-
Gruppe belegt: Wer mehr als eine Stunde für                    sierung von Geschäftsprozessen verstärkt
die Fahrt zur Arbeit braucht, hat deutlich                     den Trend. Doch entgegen dem Drohbild
mehr physische und psychische Nachteile                        einer von künstlicher Intelligenz bestimmten
als Personen, die aufgrund ihres Jobs an                       Arbeitswelt werden Computer, Software und
mindestens 60 Tagen auswärts übernachten                       Algorithmen menschliche Mitarbeiter nicht
(Rüger/Schulze 2016).                                          überflüssig machen. Weil Wissen, Talent und
                                                               Kreativität die zentralen Erfolgsfaktoren
Flexibel, unabhängig von Ort und Zeit ar-                      sind, kommt es künftig auf ein kluges Zusam-
beiten zu können wird immer wichtiger. Der                     menspiel von Menschen und Maschinen an.
Wunsch, komfortabel zu reisen und zugleich
produktiv sein zu können, steigt und damit                     Die Arbeitswelt von morgen wird aber nicht
die Nachfrage nach einer Infrastruktur fürs                    durch eine 360-Grad-Virtualisierung geprägt
mobile Arbeiten, die Wegzeiten zu wirklicher                   sein. Der Mensch wird in der Wertschöpfung
Arbeitszeit werden lässt. Wenn es darum                        auch 2040 noch eine wichtige Rolle spielen.
geht, Reisezeiten effektiv fürs Arbeiten                       Auch in der digitalen Ökonomie werden so-
nutzen zu können, sind digitale Vernetzung,                    ziale Prozesse und menschliche Fähigkeiten
ruhige Arbeits- und Meeting-Möglichkeiten                      enorme Bedeutung haben, die auf persönli-
aber erst der Anfang. Künftig wird es darum                    chem Austausch, auf Teamstrukturen und
gehen, kluge, ganzheitliche Konzepte für                       interdisziplinärer Zusammenarbeit basieren.
mobiles Arbeiten zu entwickeln. Arbeitgeber                    Das führt in einer zunehmend dezentral
wie auch Mobilitätsdienstleister müssen                        organisierten Arbeitswelt auch zu einem
produktive, kreative und sichere Arbeitsum-                    hohen berufsbedingten, aber individuel-
felder schaffen – mit allem, was dazugehört,                   leren Pendlerverkehr und einem weiterhin
um gute Leistungen auch unterwegs zu                           steigenden Bedarf an Business-Mobilität.

                                                                                                                                    13
Die Evolution der Mobilität

                              5. Freizeitaktivitäten:                        fungieren: Sie werden Freizeitaktivitäten
                              Zwischen Mobilitätsmanagement                  und Mobilitätsservices individuell auf spe-
                              und Entschleunigung                            zifische Anforderungen zuschneiden – von
                                                                             der Fahrzeit und den Kosten bis hin zu den
                              Die Multi-Mobilität prägt nicht nur das        gewünschten Transportmitteln.
                              Berufsleben, sie überträgt sich auch in die
                              Freizeit: Ob Shopping, Wochenendtrip,          Das Freizeitverhalten gibt mehr als andere
                              Familienbesuche oder sportliche Aktivitäten    Lebensbereiche Auskunft über die wahren
                              – Mobilität wird zur integralen Vorausset-     Bedürfnisstrukturen und Befindlichkeiten
                              zung des Freizeitlebens der allermeisten       unserer Gesellschaft. Wurde die Zeit
                              Menschen.                                      jenseits der Arbeit früher vorrangig dazu
                                                                             genutzt, sich auszuruhen und passiv zu
                              Unternehmungen, Ausflüge, Sport, auch          erholen, dient sie in immer stärkerem Maße
                              bestimmte Formen von Mobilität selbst          der körperlichen Bewegung und aktiven
                              – etwa Motorradfahren – bleiben in den         Erlebnissuche als Ausgleich zu beruflichen
                              kommenden Jahrzehnten ein wichtiger            Tätigkeiten und zum Joballtag. Freizeit-
                              Teil der Freizeitaktivitäten. Das schließt     gestaltung findet neue Ausdrucksformen
                              auch die Freude am sportlichen Fahren          und verbindet sich beispielsweise immer
                              ein, die künftig jedoch zunehmend von          öfter mit dem Sport. Bewegung wird zu
                              öffentlichen Straßen in „Freizeitbiotope“      einem elementaren Baustein der aktiven
                              verlagert werden wird. Der unmittelbar         Freizeitgestaltung, der Gesunderhaltung, der
                              aus bestimmten Freizeitaktivitäten und         Lebensenergie.

                                                                             Damit wächst inzwischen aber auch der
                                                                             Wunsch nach Entschleunigung und acht-
                                                                             samer Mobilität in der Freizeit, ihre Sinnhaf-
                                                                             tigkeit und Wirkung rücken stärker in den
Trendwende in der Freizeit­                                                  Fokus. Das sorgt für eine Trendwende hin
                                                                             zu mehr Qualität und Zeit für Genuss in der
mobilität: mehr Qualität, Genuss                                             Freizeitmobilität.

und Zeitautonomie.
                                                                             6. Reisen:
                                                                             Entdecken, Erholung und Genuss

                                                                             Die Deutschen gehören zu den Tourismus-
                              -sportarten resultierende Verkehr, wenn        weltmeistern. Kaum einer verreist so viel.
                              man etwa zum Laufen in den nahegelegenen       Heute wächst eine neue Generation von
                              Wald, zum Mountainbiken mit dem Auto           Kosmopoliten heran, die global denkt und
                              ins Umland von Städten fährt oder zum          lokal handelt. Ein Grund für ihre offene,
                              Skifahren in die Berge und zum Wassersport     pluralistische Haltung ist ihre zunehmende
                              ans Meer, wird weiter zunehmen. Dieser         Mobilität. Menschen, die reisen, hinter-
                              wachsende freizeitbedingte Mobilitätsbe-       fragen eher die eigene Sozialisation und
                              darf muss in der Gestaltung der Verkehrs-      Weltsicht. Für die meisten 18- bis 30-Jährigen
                              wege und -infrastruktur auch künftig           sind regelmäßige Reisen völlige Normalität.
                              mitbedacht werden.                             Weil das so ist, ändern sich aber auch die
                                                                             Reisebedürfnisse. Es geht um Erlebnisse, Er-
                              Wie das Arbeitsleben unterliegt auch die       fahrungen und Emotionen. Tourismus wird
                              Freizeit vielfach einer engen Taktung und      zur kreativsten Möglichkeit von Mobilität.
                              Logistik, die ein effektives Mobilitätsma-
                              nagement erfordert. Integrierte Mobilitäts-    Erleben ist das neue Erholen
                              angebote eröffnen gerade in der Freizeit       Der heutige Tourist tummelt sich in abge-
                              die Möglichkeit zur einfachen, verkehrs-       schotteten Tourismuswelten. Durch die
                              mittelneutralen Wege- und Reiseplanung         Globalisierung werden sich diese Welten
                              vom Start bis zum Ziel. Mittelfristig werden   immer ähnlicher. Das gilt vor allem für die
                              intelligente Planungstools kontextbezogene     Freizeitgesellschaft. Sie gleicht sich auch
                              Services bereitstellen und als „digitale       in weit voneinander entfernten Regionen
                              Assistenten“ bei der Entscheidungsfindung      an. Aus diesem Grund wollen immer mehr

14
Motive und Bedürfnisse

Reisende keine „Touristen“ mehr sein. Die
Tourismusbranche steht vor einem dis-
ruptiven Wandel. Tourismus hat einst den
Begriff des „Fremdenverkehrs“ abgelöst.
In Zukunft geht es um „Hospitality“ und
„Communities“. Gerade in einer digitalen
Welt ist es die menschliche Begegnung, sind
es emotionale Erlebnisse, die wieder wichtig
werden und den Unterschied machen. Es
geht darum, die Lebensqualität der Gäste zu
verbessern und damit ein tief verwurzeltes
menschliches Bedürfnis zu befriedigen –
Erholung, Inspiration, Freunde treffen und
mit ihnen eine schöne Zeit verbringen. Das
Leben der Menschen ist längst zu einem
Alltagstourismus geworden. „Touristifica-
tion“ nennt das Byung-Chul Han, Professor
für Philosophie und Kulturwissenschaft an
der Universität der Künste in Berlin. Und wo
der Alltag touristisch – also vom ständigen
Verschieben von Ort und Zeit – geprägt ist,
                                                              Foto: outstandinginthefield.com

sehnt man sich nach Reisen an Orte, an                      Erholung, Inspiration, Freunde treffen: Gemeinsame Erlebnisse als Mobilitätsmotiv
denen man ankommt.

Slow Culture: Nicht alles wird schneller          Beim Reisen etabliert sich jenseits von
Doch während der Mobilitätsaufwand steigt,        Pauschalurlaub, Massentourismus und
wird die Zukunft nicht zwingend schneller.        Jetset-Mythos allmählich Slow Travel als
Jahrzehntelang war das Streben nach               erfolgreiche neue Form von Erlebnisreisen.
Fortschritt vom Glauben an Beschleunigung
bestimmt. Wer im Wettbewerb halbwegs be-          Sicherheit wird zum strategischen Thema
stehen will, muss schnell, wer siegen will, der   Sicherheit beim Reisen ist seit jeher ein zen-
Schnellste sein. Wer die eigene Entwicklung       trales Bedürfnis der allermeisten Menschen.
voranbringen möchte, sollte die Zeit so effi-     Sie bekommt aber in Zukunft neue Bedeu-
zient wie möglich nutzen. Entscheidungen          tung. Denn während der Verkehr auf den
im Management, Innovationsprozesse,               Straßen immer sicherer wird, ist die Welt des
Immobilienprojekte, kreative Geistesblitze        Tourismus in den vergangenen zehn Jahren
und vor allem beim Reisen – wenn etwas            immer unsicherer geworden.
zu lange dauerte, war es schlecht. Doch die
typische Steigerungslogik der alten Indust-       Humanitäre Katastrophen, globale Krisen
riegesellschaft wird zunehmend hinterfragt.       und politische Instabilität bis hin zu
„Immer mehr, immer höher, immer weiter,           Kriegen haben dafür gesorgt, dass Länder
immer schneller“ – allmählich wird klar, dass     und Regionen, die lange Zeit zu sicheren
dieses Prinzip nicht mehr unbedingt zum           Destinationen zählten, von der Landkarte
Ziel führt.                                       des Tourismus gestrichen werden mussten.
                                                  Internationaler Terrorismus ist ein schwer
Einiges spricht dafür, dass das Zeitalter, in     kalkulierbares Risiko geworden, von dem
dem allein das Tempo den Pulsschlag der           auch europäische Länder und Metropolen
Ökonomie bestimmte, zu Ende geht. Im              nicht verschont bleiben.
Jahr 2040 werden wir in einer neuen Ära
der Achtsamkeit angekommen sein, in der           Fragen der Sicherheit werden daher zu
Schnelligkeit längst nicht mehr überall das       einem strategischen Thema: Die tatsäch-
Maß der Dinge ist. Gerade in der Freizeit         liche Sicherheit, aber auch subjektiv
und beim Reisen macht sich Entschleuni-           wahrgenommene wird immer mehr das
gung bemerkbar. Nicht das Höchsttempo             Reise- und Mobilitätsverhalten bestimmen.
bestimmt die mobile Gesellschaft von              Wohin und wie Menschen künftig (noch)
morgen, sondern die Art der Fortbewegung          sicher verreisen können, wird zur zent-
und wie wir tatsächlich „am besten“ ans Ziel      ralen Aufgabe von Reiseveranstaltern und
kommen.                                           Mobilitätsdienstleistern.

                                                                                                                                       15
M OB I L E L I F E S TYLES 2040

      Eine Typologie
      der Mobilitäts­
     gesellschaft von
         morgen

                     2

16
Mobile Lifestyles 2040

Der Megatrend Individualisierung sorgt für eine
neue Vielfalt an Lebensstilen und biografischen
Mustern. Prägender als sozio­demografische Merk-
male wie Alter, Geschlecht, Wohnort und verfüg-
bares Einkommen werden die Lebensstile der
Menschen und die Lebensphasen, in denen sie sich
befinden. Sie bestimmen die vielfältigen Lebens-
wirklichkeiten, die wiederum entscheidend für das
Mobilitätsverhalten sind.

Daher kommt man beim Blick auf die Mobilität
von morgen nicht umhin, die individuellen Lebens-
stile und -situationen, persönlichen Einstellungen,
Bedürfnisse, Alltagsanforderungen usw. von Men-
schen in die Betrachtung einzubeziehen.

Statt von „Biografien“ ist von „Multigrafien“ auszu-
gehen: Lebensverläufe, die sich mit hoher Komple-
xität und sich abwechselnden Phasen und Brüchen
vollziehen. Im Zeitalter der Multigrafie steigen die
Mobilitätsanforderungen der Menschen. Sie lassen
sich nicht mehr nur über einzelne, wenn auch spe-
zialisierte Produkte befriedigen, sondern erfordern
vielfältige Mobilitätsservices.

                                                                          17
Die Evolution der Mobilität

                              Lebenswelten prägen die Mobilität                der Gesellschaft im Jahr 2040 ab. Sie sind
                              von morgen                                       vielmehr Idealtypen einer Mobilitätsgesell-
                                                                               schaft, die von Avantgarden (Innovatoren
                              Entlang der Lebensstile und Lebensphasen         und Early Adopter) bis in den Main-
                              entstehen neue Mobilitätsmuster, die auf         stream hineinreichen und sich zum Teil
                              prototypische Art und Weise unsere mobile        überschneiden.
                              Gesellschaft im Jahr 2040 prägen werden.
                              So lässt sich eine ganze Reihe verschiedener     Ihre Bedeutung liegt nicht in ihrer quan-
                              Mobilitätstypen mit unterschiedlichen Be-        titativen Verbreitung allein, die sich aus
                              dürfnissen und Ansprüchen identifizieren,        heutiger Sicht kaum beziffern lässt. Viel-
                              die folglich auch verschiedene Ausprä-           mehr ist die Wirkung entscheidend, die sie
                              gungen des Mobilitätsverhaltens zeigen:          entfaltet. Ihr Impact resultiert aus dem
                                                                               Vorbild- und Ausstrahlungseffekt, den sie im
                              Mobile Innovators, Forever Youngsters,           Sinne der Nachahmung für die Marktdurch-
                              Silver Mover, Mobile Families, High-fre-         dringung haben. Es handelt sich also nicht
                              quency Commuter, Globale Jetsetter, Low-         um Minderheiten-Phänomene, sondern um
                              Cost-Driver, Urbane Gutbürger und Public         mehrheitsfähige Mobilitätsstile, die eine
                              Traveler.                                        Sogwirkung entfalten.

                              Diese Mobilitätstypen sind lebensphasenab-       Wenn von „prägenden“ Mobilitätstypen
                              hängig, das heißt, sie können abhängig von       gesprochen wird, ist damit nicht gemeint,
                              biografischen Situationen der Menschen va-       dass sie zahlenmäßig Mehrheiten darstellen,
                              riieren. Sie sind daher nicht statisch festge-   sondern dass sie einen besonders wirkungs-
                              legt, etwa auf ein bestimmtes, vermeintlich      vollen Einfluss haben: Sie besitzen Zugkraft
                              fixes Milieu.                                    und haben Leitbildwirkung, sind prototypi-
                                                                               sche Ausprägungen entscheidender lebens-
                              Die Mobilitätsstile bilden kein vollstän-        stilabhängiger Mobilitätsmuster, die den
                              diges, bevölkerungsrepräsentatives Bild          Weg in die Zukunft der Mobilität weisen.

VON DER BIOGRAFIE ZUR MULTIGRAFIE
Aus klassischen dreiphasigen Lebensläufen wird eine flexible Lebensführung

                           Jobs

                                  Post-Adoleszenz
 Kindheit                                                                       Zweiter Aufbruch

                   Jugend                                    Rush Hour
                                                                                                        Un-Ruhestand

Familien

Alter                                             31                                   60

Quelle: Zukunftsinstitut

18
Mobile Lifestyles 2040

1. Mobile Innovators:
Besser unterwegs sein

Einer der prägendsten Mobilitätstypen
im Jahr 2040 wird die Gruppe der Mobile
Innovators sein. Als mobile Avantgarde
übernehmen sie eine Vorreiterrolle auf
den Mobilitätsmärkten. Sie setzen auf
smarte und nachhaltige Mobilitätskon-
zepte, um ihr Bedürfnis nach innovativen
Nachhaltigkeitslösungen zu befriedigen,
die zugleich intelligent auf einen hohen
Mobilitätsbedarf und Flexibilisierungsan-
forderungen reagieren. Als pragmatische
Idealisten haben sie hohe Ansprüche
im Hinblick auf Design, digitale Vernet-
                                                        Foto: Butchers & Bicycles

zung und Umweltverträglichkeit. Hohes                  Grün, gesund und günstig: Mobile Innovators werden zur
ökologisches Bewusstsein wird zum                      einflussreichsten Mobilitätsavantgarde

Markenzeichen ihres Mobilitätsstils: Die
supersaubere Nachhaltigkeitsbilanz ihres
mobilen Lebensstils bekommen sie durch       2. Forever Youngsters:
ein ausgeklügeltes Monitoringsystem          Die jungen Alten
monatlich ausgewiesen. Mobile Innovators
sind ein Zeichen dafür, dass bestimmte       Der demografische Wandel wird zum Treiber
Formen der Mobilität auch 2040 noch          innovativer Mobilität. Indem die „jungen
hohe Prestigewirkung haben können –          Alten“ sich immer jünger fühlen, wird die
allerdings einen deutlich anderen Wert als   Gruppe der 60- bis unter 75-Jährigen zum
Distinktionsmerkmal besitzen, verglichen     wichtigen Motor für neue Mobilitätsange-
mit früheren Zeiten.                         bote. Mit über 15,1 Millionen Menschen im
                                             Jahr 2040 wird diese Gruppe fast ein Fünftel
Was ihren Lebensstil auszeichnet, ist die    der Bevölkerung in der Bundesrepublik
Einstellung des „Sowohl-als-auch“: Am        ausmachen. Für ihren Mobilitätsbedarf wird
liebsten leben sie im Grünen, ohne auf       ein öffentlich zugängliches Mobilitätsan-
die Vorteile der Stadt zu verzichten. Sie    gebot mit einem Mix aus konventionellen
sind in allen Altersgruppen vertreten und    und alternativen Lösungen wichtiger. Die
eher einkommensstark. Ökologisches           Grenzen zwischen öffentlicher und privater
Bewusstsein und Innovationsfreude sind       Mobilität werden dabei fließender.
für sie kein Gegensatz. Ihr Mobilitätsmix
verschiebt sich deutlich zu intelligenten    Die Forever Youngsters stehen mitten im
Verkehrsmitteln in Form eines indivi-        Leben und sind voller Tatendrang und Neu-
dualisierten ÖPNV, einer verstärkten         gierde. Sie stürzen sich in neue Aktivitäten,
Nutzung von Fahrrädern und Carsharing.       testen ihre Grenzen und verwirklichen ihre
Ein steigender Bevölkerungsanteil wird       Träume. Als Rentner lehnen sie die klassische
diesem Mobilitätstyp zuzuordnen sein. Für    Ruhestandsmentalität ab, sind erlebnis­
Produkte mit einer sauberen Ökobilanz        orientiert und genießen neu gewonnene
sind die Mobile Innovators bereit mehr zu    Freiheiten. Ihre Unabhängigkeit nutzen sie
zahlen. Mobile Innovators wollen ganz-       zu immer neuen Aufbrüchen, was für eine
heitliche ökologische Mobilitätskonzepte,    steigende Mobilitätsnachfrage sorgt. Sie
die auf das eigene Wohlbefinden und das      reisen viel, erkunden neue Länder und Regi-
der Gesellschaft ausgerichtet sind. Sie      onen und besuchen ihre nahen Angehörigen
präferieren autonome, elektrische bzw.       regelmäßig. Sie achten dabei ständig auf ihre
emissionsfreie Autos, sind offen für Sha-    Gesundheit. Nur wer fit ist, kann ständig
ring-Angebote und fragen nachhaltige und     mobil sein. Daher sind sie immer auf der
ressourcenverträgliche Mobilitätsdienst-     Suche nach dem fittesten Mobilitätsmittel.
leistungen nach.                             Joggen, Radfahren und Wandern sowie Ak-
                                             tivurlaub stehen hoch im Kurs. Die Forever
                                             Youngsters legen großen Wert auf Individua-
                                             lität, Gesundheit und Entschleunigung.

                                                                                                                              19
Die Evolution der Mobilität

                               3. Silver Mover:                               4. Mobile Families:
                               Mobiler Unruhezustand                          Gestresste Lebensmitte

                               Die Silver Mover bilden die älteste Mobili-    Familienfreundlichkeit wird zum ent-
                               tätsgruppe. Die über 75-Jährigen machen        scheidenden Mobilitätsmuster für beide
                               in Deutschland 2040 mit über 13 Mio.           Geschlechter. In dem Maße, in dem sich die
                               Menschen gut 16 Prozent der Gesamtbe-          Familie immer stärker zu einem multi-lo-
                               völkerung aus. Mit hoher Kaufkraft, aber       kalen Netzwerk entwickelt, sind flexible Mo-
                               eingeschränktem Mobilitätsgrad und             bilitätskonzepte gefragt. Bei den Mobile Fa-
                               Bewegungsradius, verglichen mit jüngeren       milies sind beide Elternteile berufstätig. Zeit
                               Lebensphasen, haben sie hohe Ansprüche         und Geld sind in der „Rushhour des Lebens“
                               hinsichtlich Bequemlichkeit, Sicherheit        knappe Ressourcen. Ihre Mobilitätsbedürf-
                               und Unterstützung. Nachgefragt wird vor        nisse ergeben sich aus der Notwendigkeit,
                               allem Mobilität im Nahbereich. Arbeiten        Familie und Beruf optimal zu vereinbaren,
                               bis ins hohe Alter wird für die Silver Mover   Partnerschaft zu leben und die Kinder zu er-
                               zum Normalfall. Ihre Freizeit ist geprägt      ziehen. Sie achten auf ihre Mobilitätskosten,
                               von Bildungsaktivitäten, familiären            stellen aber gleichzeitig hohe Ansprüche
                               Aufgaben und gemeinnützigem Engage-            an die Qualität entsprechender Dienstleis-
                               ment. Autonomes Fahren ist für sie längst      tungen. Freizeit-, Berufs- und Familienleben
                               selbstverständlich geworden, auch weil         werden eng getaktet, unterliegen einem
                               sie als erste Gruppe erfahren haben, dass      straffen Zeitmanagement und einer perma-
                               automatische Assistenzsysteme zu mehr          nenten Synchronisation. Ihr Lifestyle ist
                               Sicherheit und Einfachheit im Straßenver-      urban orientiert, aber eben nicht nur auf die
                               kehr beitragen. Sie sorgen für Entlastung      Innenstädte ausgerichtet. Vielmehr spielt
                               und Komfort dort, wo die Nutzung öffentli-     sich ein Großteil des Lebens vieler von ihnen
                               cher Verkehrsmittel durchs Umsteigen und       auch im Umland von Städten bis in die länd-
                               durch Menschenmengen eher als Belastung        lichen Regionen hinein ab. Die Erwartungen
                               empfunden wird.                                und Ansprüche an Support-Funktionen und
                                                                              Mobilitätsdienstleistungen steigen. Fahr-
                                                                              zeuge müssen kluge, integrierte Lösungen
                                                                              für den multimobilen Lifestyle bieten, die
                                                                              dank smarter Vernetzung unterschiedliche
                                                                              Alltagsanforderungen von Familien erleich-
                                                                              tern – von Einkaufslieferung in den Koffer-
                                                                              raum über die Terminkoordination bis hin
                                                                              zur Hausaufgabenbetreuung.

                                                                              Gerade die Lebensstile
                                                                              junger Familien
                                                                              erfordern künftig ein
                                                                              intelligentes Zeit- und
                                                                              Mobilitätsmanagement.

 Foto: ADAC

Freizeit- und Familienleben: Steigender Mobilitätsaufwand

20
Mobile Lifestyles 2040

 Foto: iStockphoto

Effizient unterwegs sein: Steigende Nachfrage nach Businesslösungen, die Mobilität stress- und reibungsfreier, vor allem aber produktiver machen

5. High-frequency Commuter:                                     wird es notwendig sein, einen eigenen Pkw
Zeitgeplagte Alltagspendler                                     zu besitzen. Konsequent umgesetzt, liegt
                                                                darin auch die Lösung für das „Problem der
Eine hochgradig flexible und mobile Arbeits-                    letzten Meile“. Gerade in urbanen Gebieten,
welt wird zur neuen Norm. Im digitalen                          in Metropolregionen und im Umland von
Wissenszeitalter ist Arbeit immer weniger                       Städten mit einem durch individuelle
an feste Orte geknüpft. High-Frequency                          Massenmobilität erweiterten ÖPNV wird
Commuter sind mobile Job-Nomaden, für                           das Auto für High-Frequency Commuter
die tägliches Pendeln ins Büro, zum Kunden,                     nur noch eine komplementäre Rolle
Geschäftspartner oder Projekt alltägliche                       einnehmen, die an den letzten Defiziten des
Notwendigkeit ist. Mobilität wird zur                           öffentlichen Verkehrs ansetzt.
Bedingung, um arbeiten zu können. Effizient
unterwegs zu sein bedeutet für sie vor allem,
mittlere und größere Distanzen – national                       6. Globale Jetsetter:
wie international – schnell, unkompliziert                      Multi-mobile Business-Class
und komfortabel zu überwinden und
zugleich produktiv sein zu können. Ent-                         Für die globalen Jetsetter ist das perma-
sprechend hoch ist ihre Nachfrage nach                          nente Unterwegssein der Normalfall. Sie
Service- und Businesslösungen, die Mobilität                    pendeln regelmäßig zwischen den Metro-
insgesamt nicht nur stress- und reibungs-                       polen der Welt, ihr Leben findet oft gleich-
freier, sondern produktiver machen.                             zeitig an mehreren Orten statt. Sie sind
Vernetzte Arbeitsräume, die zugleich sichere,                   kosmopolitische Weltbürger und kreative
vertrauliche Tätigkeitsumfelder garantieren,                    Wissensarbeiter. Treiber des Typus ist vor
werden zunehmend nachgefragt. Aus Warte-                        allem die hochgradig mobile Business Class.
und Fahrzeiten wird Arbeitszeit.                                Die Multi-Mobilität prägt nicht nur ihr
                                                                Berufs-, sondern auch ihr Freizeitleben. Ihr
Insbesondere die steigende Erwerbs-                             Bedarf nach intelligenten Mobilitätsdienst-
tätigkeit von Frauen führt dazu, dass                           leistungen, die Reise- und Vor-Ort-Flexibi-
High-Frequency Commuting zunimmt.                               lität garantieren, ist enorm. Wichtigstes Ziel
Mobilitätsdruck und Zeitmangel treiben                          ist die Synchronisierung und „Simplexity“
die Nachfrage nach effizienten Mobili-                          des Alltags. Verkehrsmittel müssen die
tätsdiensten an. Je mehr neue Formen                            Funktionen eines Third Place ebenso er-
„geteilter Mobilität“ durch Sharing-Modelle                     füllen wie den Wunsch nach Privatheit und
professionalisiert werden, desto weniger                        Vertrautheit.

                                                                                                                                                       21
Die Evolution der Mobilität

                              7. Low-Cost-Driver:                                       Fahrgemeinschaften, der Umstieg auf das
                              Mobilität intelligent und günstig                         Fahrrad oder der Fußweg sind die bevor-
                                                                                        zugten Fortbewegungsarten, die zur Opti-
                              Mit der allmählichen Durchsetzung des                     mierung des Mobilitätsbudgets beitragen.
                              postfossilen Zeitalters werden die Mobi-                  Dennoch erwarten sie eine hohe Service-
                              litätskosten im Jahr 2040 deutlich unter                  qualität und innovatives Produktdesign
                              den heutigen liegen. Nach Prognosen der                   von Fahrzeugen und Mobilitätsangeboten.
                              Europäischen Kommission wird der Ener-                    Das reicht bis in die Mittelschicht hinein.
                              giebedarf im Personenverkehr im Jahr 2040                 Mobilität tritt hier mit anderen Bedürfnissen
                              rund ein Viertel unter dem Niveau von 2015                in Konkurrenz: Wohnen, Kinderbetreuung,
                              liegen (European Commission 2016). Anders                 Konsum, Gesundheit, Altersvorsorge, Bildung
                              als bei fossilen Brennstoffen, sinken die                 und Kultur, Freizeit, Mediennutzung etc.
                              Kosten für erneuerbare Energien deutlich.
                              Postfossile E-Mobilität ist aber nicht der
                              einzige Grund dafür, dass die Mobilitäts-                 8. Urbane Gutbürger:
                              kosten weiter sinken: Sharing-Modelle, die                Grün und schnell die Städte erobern
                              Autos zu „eigenen öffentlichen Verkehrsmit-
                              teln“ machen und so für eine transformative               Die Gutbürger sind in den großen Städten
                              Erweiterung des öffentlichen Verkehrs hin                 der neue Mainstream und stoßen Verän-
                              zu individuellen Massenverkehrsmitteln                    derungen an. Sie verstehen sich als urbane
                              sorgen, automatisiertes Pooling von Fahr-                 Avantgarde und verbinden den Communi-
                              gemeinschaften auch bei Berufspendlern,                   ty-Gedanken mit einer zukunftsweisenden
                              die Ausweitung der Fahrrad-Nutzung wie                    Umweltorientierung. Immer mehr Städte
                              auch die digitale Optimierung des Verkehrs                steigen vom Autoverkehr auf ÖPNV und
                              insgesamt – all das sorgt für die Realisierung            Fahrrad um. Eine neue Bewegung der
                              enormer Effizienzpotenziale, die die Mobi-                „Umsteiger“ sorgt für den radikalen Umbau
                              litätskosten so sehr senken werden, dass                  der Straßen und Verkehrssysteme. Als Rad-
                              sie 2040 deutlich unter den heutigen liegen,              fahrer bekommen sie „grüne Welle“ und sind
                              wenngleich sie weiterhin einen hohen Anteil               schneller unterwegs als Autos. Ob als klas-
                              an den Lebenshaltungskosten insgesamt                     sisches Fahrrad oder E-Bike: Die urbanen
                              ausmachen werden.                                         Gutbürger ziehen das Zweirad dem Auto vor.
                                                                                        Das gelingt ihnen vor allem deshalb, weil
                              Intelligente Vernetzung macht Mobilität                   immer mehr Städte zur Steigerung der Le-
                              günstig. Vielfältige integrierte Mobilitäts-              bensqualität auf Verkehrskonzepte setzen,
                              formen werden so auch für einkommens-                     in denen der Radverkehr einen Großteil des
                              schwache Gruppen erschwinglich: für                       Autoverkehrs ablöst. Im Ergebnis vielfäl-
                              Schüler, Auszubildende und Studenten, die                 tiger Bürgerinitiativen und kommunaler
                              noch nicht beruflich situiert sind, aber auch             Partizipationsverfahren kommt es zu einer
                              sozial bedürftige Bevölkerungsschichten: all              Neuverteilung des urbanen Verkehrsraums
                              jene, die auf die Reduzierung ihrer Mobi-                 und öffentlicher Flächen zugunsten von ver-
                              litätskosten angewiesen sind. Carsharing,                 kehrsberuhigten und zunehmend autofreien
                                                                                        Zonen mit mehr Aufenthaltsqualität.
                                                             Automatisiertes Pooling
                                                             von Fahrgemeinschaften:
                                                             Intelligente Vernetzung    9. Public Traveler:
                                                             macht Mobilität günstig
                                                                                        Aus Mangel an Alternativen

                                                                                        Die Public Traveler variieren ihren Mobi-
                                                                                        litätsmix nicht aus ökologischen, sondern
                                                                                        aus pragmatischen Gründen. Sie rangieren
                                                                                        im unteren mittleren Einkommensbereich,
                                                                                        wohnen auf dem Land oder in Vororten und
                                                                                        nutzen vor allem den öffentlichen Nahver-
                                                                                        kehr, der sich dort vor allem auf autonome
                                                                                        Kleinbusse, Sharing-Pkw und das Bilden von
                                                                                        Fahrgemeinschaften stützt. An Mobilität
                                                                                        haben sie geringe Ansprüche: sie muss vor
                                                                                        allem günstig und unkompliziert sein.
                                          Foto: flinc GmbH

22
Mobile Lifestyles 2040

    Immobilität vs. Entschleunigung:
 Ausstieg aus der Mobilitätsgesellschaft?

Im Jahr 2040 werden wir ein vielfältiges Spek-      Hohe Flexibilität und permanentes Unter-
trum an Mobilitätsstilen haben, mit jeweils         wegssein, die Verdichtung des Alltags und der
unterschiedlichen Ansprüchen, Gewohnheiten          Arbeitswoche werden von nicht wenigen Men-
und Notwendigkeiten. Allen gemeinsam ist,           schen auch als Belastung empfunden. Deshalb
dass Mobilität mehr denn je ein menschliches        sucht gerade die hypermobile Gesellschaft
Grundbedürfnis sein wird.                           nach Möglichkeiten der Entschleunigung.

Zugleich wird es Menschen geben, die deutlich       Denn vor allem im Privatleben erlöst man
weniger mobil sind als der Bevölkerungsdurch-       sich von Zeitknappheit und Alltagsstress nicht
schnitt. Dazu zählt beispielsweise die größer       durch noch mehr Effizienz und Speed. Die
werdende Gruppe der Pflegebedürftigen in            Steigerung der Lebensqualität wird mittlerwei-
Deutschland, die von heute rund 3 Millionen         le vielfach mit der Devise verbunden: „Besser
auf knapp 4 Millionen im Jahr 2040 steigen          statt schneller“. Bei allen Vorteilen und neuen
wird. Auch der demografische Wandel ist eine        Freiheiten, die Modernisierung und Plurali-
unbestrittene Tatsache. Allerdings werden im        sierung von Lebensmöglichkeiten mit sich
Jahr 2040 nach aktuellen amtlichen Progno-          bringen, sie führen auch zu einem enormen
sen nur knapp 1,5 Millionen Menschen im             Zuwachs an gefühlter und tatsächlicher Kom-
Alter von über 90 Jahren leben. Das sind zwar       plexität. Das ist die Kehrseite der Multiop-
rund doppelt so viele wie heute, aber immer         tions-Gesellschaft: der Stress steigt.
noch weniger als 2 Prozent der Gesamtbevöl-
kerung. Auch wenn in diesem Alter die Ein-          Die zentrale Lebensknappheit ist nicht mehr
schränkungen der Mobilität zwar naturgemäß          der Mangel an Waren, sondern der Mangel an
zunehmen, führt das in dieser Gruppe jedoch         Zeit. Zeitwohlstand wird zur Luxuserfahrung,
keineswegs zu einer allgemeinen Immobilität.        wertvoller als teure Produkte. Was zählt, sind
                                                    Zeitautonomie, individuelles Wohlergehen
Gleichwohl müssen künftig die Rahmen-               und Lebensqualität. Daher werden die Werte
bedingungen und Strukturen zweifellos so            in einer als extrem schnelllebig empfundenen
beschaffen sein, dass auch Menschen mit             Welt immer öfter hinterfragt.
eingeschränkter Mobilität – sei es aufgrund
des Alters oder infolge von Behinderungen           Wir werden daher ein steigendes Bewusst-
– umfassend am gesellschaftlichen Leben             sein für die Sinnhaftigkeit und den Nutzen
teilhaben und sich möglichst selbstbestimmt         umfassender Mobilität erleben. Die Notwen-
fortbewegen können.                                 digkeit permanenten Unterwegsseins wird
                                                    häufiger hinterfragt und Menschen werden
Berechtigt ist allerdings die Frage, wie es sich    auf temporäre Situationen mobiler Entschleu-
beim Rest der Bevölkerung in puncto Mobili-         nigung setzen. Dennoch: Nicht mobil zu sein,
tätsreduktion verhält. Denn wenngleich Mobi-        sich Mobilität weitgehend zu entziehen oder
lität vielfach als Freiheit begriffen wird, stößt   gar zu verweigern, ist kaum eine dauerhafte
die Steigerung des Mobilitätsgrads an Grenzen.      Option.

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PRI NZI PI EN

     Funktionsweisen
     der Mobilität von
         morgen

                3

24
Prinzipien

Kennzeichnend für die Mobilität der Zukunft sind sieben Grund-
prinzipien. Sie beschreiben die zentralen Funktionsweisen, nach
denen Mobilität funktioniert, organisiert und gestaltet wird.

1. Postfossile, klimaneutrale Mobilität

Der Megatrend Neo-Ökologie sorgt dafür, dass der Mobilitäts-
konsum künftig verstärkt unter Umwelt- und Ressourcengesichts-
punkten stattfindet. Mehr denn je wird es in den nächsten Jahren
darum gehen, die zunehmende Mobilität auf eine ökologisch
tragfähige Basis zu stellen.

Neue Player und Plattform-Betreiber orientieren sich nicht nur
stärker an den Bedürfnissen und Motiven der Menschen. Sie zielen
vor allem auf eine effizientere Nutzung von Ressourcen und Infra-
strukturen zur Fortbewegung und eine ökologische Mobilität auf
Basis erneuerbarer Energien.

Die Automobilindustrie arbeitet daran, ebenso wie die Politik, die
immer ernsthafter die Weichen stellt. Dekarbonisierung wird zum
grundlegenden Wirtschaftsprinzip und zum wichtigsten Treiber des
Wandels in der Mobilität. Die politischen Rahmenbedingungen sind
gesetzt: Bis spätestens 2050 müssen die Treibhausgas-Emissionen im
Verkehr um mindestens 60 Prozent gegenüber dem Stand von 1990
reduziert werden. Fossile Kraftstoffe als Energieträger im Straßen-
verkehr werden es angesichts immer strengerer Reglementierungen
künftig sehr schwer haben. In ersten Ländern arbeitet man bereits
am Abschied vom Verbrennungsmotor: Norwegen plant ab 2025
keine neuen Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren mehr zuzulassen.
Langfristig werden sie auch in Deutschland zum Auslaufmodell.

Während wir hierzulande bislang erst am Beginn des postfossilen
Mobilitätszeitalters stehen, wird Deutschland im Jahr 2040 mitten
im Übergang dahin sein: Von Elektro- bis hin zu Wasserstoffmotoren
werden dann rund 50 Prozent aller Pkw im Bestand mit alternativen
Antrieben unterwegs sein (vgl. auch Shell Deutschland/Prognos
2014).

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