EINFACH NÄHER DRAN - Röchling Group
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UNSERE
KENNZAHLEN
€ €
U M S AT Z EBITDA E I G E N K A P I TA L M I TA R B E I T E R
in Mio. Euro in Mio. Euro in Prozent zum 31. Dezember
2017 1.841 228 42,2 9.733
2016 1.657 212 44,0 8.800
2015 1.555 209 42,0 8.400
2014 1.364 164 41,9 7.880
2013 1.283 149 40,0 7.463RÖCHLING-GRUPPE Editorial
Der Vorstand der Röchling-Gruppe (v. l.):
Steffen Rowold, Prof. Dr. Hanns-Peter Knaebel, Franz Lübbers und Erwin Doll.
Sehr geehrte Damen und Herren,
wir alle leben in einer vernetzten Welt, mehr als jemals zuvor in der Ge-
schichte der Menschheit. Ein kurzer Klick, und Sie sind informiert über Ereig-
nisse, die sich fast zeitgleich am anderen Ende der Welt abspielen. Genauso
bequem korrespondieren Sie mit Arbeitskollegen, die 5.000 Kilometer
entfernt im Büro, im Werk oder unterwegs sind. Räumliche Distanz trennt
uns nicht mehr.
Aber sind wir deshalb auch tatsächlich näher dran? Verstehen wir die Nach-
richten, die Botschaften oder den Arbeitskollegen besser? Die Aufhebung
räumlicher Distanz ist nicht gleichbedeutend mit mehr Nähe. Auch in
vernetzten Zeiten ist es ein anspruchsvolles Unterfangen, eine echte und
tragfähige Verbindung herzustellen, die Menschen wirklich zu verstehen.2
FÜR UNTERNEHMEN IST
ECHTE NÄHE EIN WESENTLICHER
ERFOLGSFAKTOR
Unsere Imagebroschüre 2017/2018 trägt den Titel „Einfach näher dran“
und beleuchtet, wie Röchling eine Nähe herstellt, die uns von anderen
unterscheidet. Fest steht: Für Unternehmen ist echte Nähe ein wesentlicher
Erfolgsfaktor. Eine enge Verbundenheit zu Kunden, Lieferanten, Partnern
und zu Mitarbeitern bedeutet, deren Anforderungen und Themen, Heraus-
forderungen und Wünsche, Anliegen und Bedürfnisse zu verstehen. Das ist
Voraussetzung dafür, dass wir für unsere Kunden Mehrwert schaffen und
motivierte, selbstbewusste sowie leistungsbereite Mitarbeiter in unseren
Reihen haben. Wir sehen in dieser Nähe die große Chance, noch besser,
noch innovativer, noch effektiver, noch schneller zu werden. All dies gepaart
mit der Verlässlichkeit, die man an Röchling so schätzt.
Vertrauen ist die Grundlage von Nähe: Nur wer vertraut, lässt einen anderen
näher an sich heran. Ein solches Vertrauensverhältnis entsteht nicht von
einem Tag auf den anderen. Es entwickelt sich beständig mit der Zeit. Für
Röchling – als fast 200 Jahre altes Familienunternehmen – ist Beständigkeit
ein wesentlicher Wert. Sie ist Basis dafür, dass unsere Mitarbeiter und un-
sere Partner uns ihr Vertrauen schenken. Mit diesem wertvollen Geschenk
gehen wir sehr sorgsam um, denn verlorenes Vertrauen lässt sich nur schwer
zurückgewinnen.RÖCHLING-GRUPPE Editorial
3
In Zeiten, in denen große Veränderungen mit hoher Geschwindigkeit zu
bewältigen sind, ist Vertrauen eine besondere Qualität. Eine Menge Verän-
derungsbereitschaft erfordern aktuell die Themen digitale Transformation
in allen Bereichen, internationales Wachstum und globaler Wettbewerb.
Wir entwickeln unsere Organisation kontinuierlich so weiter, dass wir in
enger Partnerschaft mit unseren Kunden diese Veränderungen als Chance
nutzen können. Wir gestalten die Zukunft aktiv und reagieren schnell auf
veränderte Anforderungen. Unsere hochqualifizierten Mitarbeiter begegnen
unseren Partnern mit Respekt und Wertschätzung und können mit ihnen
inhaltlich auf Augenhöhe kommunizieren. So schaffen wir einen für alle
Beteiligten gewinnbringenden Austausch.
Zum Nah-dran-Sein gehört für Röchling überdies eine gezielte und verant-
wortungsbewusste Internationalisierung. Wir wollen vor Ort präsent sein,
um dadurch unsere Kunden optimal bedienen und die relevanten Themen
besser verstehen zu können. Auch diesen Aspekt beleuchten wir in der
diesjährigen Imagebroschüre, die außerdem die wichtigsten Unternehmens-
kennzahlen enthält. Auch im Geschäftsjahr 2017 haben uns viele Partner
ihr Vertrauen geschenkt. Die Röchling-Gruppe ist weiter international
gewachsen. Wir haben unseren Umsatz und unsere Ertragskraft abermals
gesteigert, neue Standorte gegründet, Unternehmen akquiriert, unsere
Produktionskapazitäten ausgebaut sowie neue und weiterentwickelte Werk-
stoffe, Produkte und Systeme an den Markt gebracht. Wir haben vieles dafür
getan, um auch zukünftig näher dran zu sein.
Bleiben Sie uns gewogen und genießen Sie eine interessante und anregende
Lektüre.
Prof. Dr. Erwin Doll Franz Lübbers Steffen Rowold
Hanns-Peter Knaebel Stellvertretender
Vorstandsvorsitzender VorstandsvorsitzenderINHALT
06—09
I N T E R V I E W M I T P R O F. D R . H A N N S - P E T E R K N A E B E L
10—21
UNTERNEHMENSBEREICH INDUSTRIAL
22—23
PROFIL DER RÖCHLING-GRUPPE
24—35
UNTERNEHMENSBEREICH AUTOMOTIVE
36—37
S TA N D O R T E D E R R Ö C H L I N G - G R U P P E
38—49
UNTERNEHMENSBEREICH MEDICAL
50—51
Z W E I J A H R H U N D E R T E I N N O VAT I V E W E R K S T O F F E
52—69
U N S E R E M I TA R B E I T E R
70—73
RÖCHLING STIFTUNG
74—75
FÜHRUNGSGREMIEN
76
IMPRESSUMInhalt
UNTERNEHMENSBEREICH
INDUSTRIAL
10—15 16—21
DAS BESTE Q U A L I TÄT G A N Z
AUF LAGER GENAU IM BLICK
UNTERNEHMENSBEREICH
AUTOMOTIVE
24—29 30—35
EINMAL UM SCHNELL, SCHNELLER,
D I E W E LT D I G I TA L
UNTERNEHMENSBEREICH
MEDICAL
38—43 44—49
S O R G FA LT I S T GROSSE NÄHE
OBERSTES GEBOT U N T E R PA R T N E R N6
„UNSERE KUNDENNÄHE
WÄCHST
MIT DER VIELFALT
IN UNSEREN TEAMS“
Interview Nutzen stiften, für den Kunden und alle Partner – das ist eines der
wichtigsten Ziele der Röchling-Gruppe. Um dies zu erreichen, muss man
mit als Unternehmen verstehen, vor welchen Herausforderungen der Kunde
Prof. Dr. Hanns-Peter Knaebel, in seiner Branche steht. Erst dann lassen sich Lösungen entwickeln,
Vorstandsvorsitzender die intelligent, effektiv, einzigartig, prozessverbessernd und gleich-
der Röchling-Gruppe zeitig wirtschaftlich sind. Das alles setzt eine enge Partnerschaft und
Nähe voraus. Prof. Dr. Hanns-Peter Knaebel, Vorstandsvorsitzender der
Röchling-Gruppe, erläutert im Interview, was Kundennähe für Röchling
bedeutet.
Wie hat sich Röchling als Kunststoffspezialist
in den vergangenen Jahren kundennah aufgestellt?
Da sind verschiedene Aspekte zu nennen. Wenn man Nähe hört, denkt
man natürlich an räumliche Nachbarschaft, und wenn man dem Kunden
überall nah sein möchte, dann ist man schnell beim Thema Interna
tionalisierung. Das internationale Geschäft hat bei Röchling eine lange
Tradition. Unsere Wurzeln liegen im Saarland, an der Grenze zwischen
Deutschland und Frankreich, wo Röchling vor fast 200 Jahren gegründet
wurde. Schon im 19. Jahrhundert gab es Filialen und NiederlassungenRÖCHLING-GRUPPE Interview
7
„Bei unserer unternehmerischen Tätigkeit haben wir stets im Blick, auf allen wichtigen Märkten
dieser Welt vertreten zu sein“ – Prof. Dr. Hanns-Peter Knaebel beantwortet im Interview Fragen
zur kunden- und partnernahen Ausrichtung der Röchling-Gruppe.
in Frankreich, England, Schottland und Italien. Als Kunststoffspezialist
hat Röchling in den vergangenen Jahren verstärkt die Chancen der
Globalisierung genutzt und seine Internationalisierung systematisch
vorangetrieben. Mittlerweile erzielen wir 60,6 Prozent unseres
Umsatzes außerhalb Deutschlands, 29,6 Prozent außerhalb Europas.
Neben der Internationalisierung – welche Aspekte
gehören noch zu einer kundennahen Aufstellung?
Röchling hat für alle relevanten Branchen Experten in den eigenen
Reihen, die sich mit den Kunden fachlich auf Augenhöhe austauschen.
Unsere Mitarbeiter wissen so ziemlich alles über den Werkstoff8
Kunststoff und die verschiedenen Anwendungsmöglichkeiten. Sie sind
am Puls der Zeit, zum Beispiel auch durch engen Austausch mit Uni
versitäten und anderen Forschungseinrichtungen, und sie pflegen
einen direkten und intensiven Kontakt mit den Auftraggebern. Dadurch
entsteht Kundennähe. Unsere Mitarbeiter hören genau zu, sie haben
ein Ohr für unsere Kunden und ein Gespür für deren Anliegen. Wichtig
ist hier auch die Vielfalt unserer Teams. Unterschiedliche Nationalitäten,
Kulturen und Mentalitäten sind eine Stärke von Röchling. Das fördert
die Kreativität in der Lösungsfindung und schafft Nähe zu unseren inter-
nationalen Kunden.
Von welchen Überlegungen lässt sich Röchling bei der Internatio-
nalisierung leiten, welches sind die wichtigsten Grundsätze?
Bei unserer unternehmerischen Tätigkeit haben wir stets im Blick, auf
allen wichtigen Märkten dieser Welt vertreten zu sein. Die Fachleute
in unseren drei Unternehmensbereichen Industrial, Automotive und
Medical verfolgen die Entwicklungen auf den weltweiten Märkten
genau und wissen, wo neue Potenziale liegen. Bevor wir unsere globale
Aufstellung verstärken, indem wir in einen neuen Standort, eine Werks-
erweiterung oder eine Unternehmensakquisition investieren, prüfen
wir sämtliche Rahmenbedingungen detailliert. Wir haben uns hier in
den vergangenen Jahren sehr erfolgreich engagiert, von Brasilien bis
nach China. Und es geht nicht nur um die Produktion. Ganz wichtig ist
auch, internationale Entwicklungskapazitäten aufzubauen. Aber ganz
gleich, in welchem Land wir vertreten sind: Wir binden überall mit Know-
how und Kenntnisreichtum bestehende Kunden an uns und gewinnen
stetig neue hinzu.
Wie wichtig sind Akquisitionen in diesem Zusammenhang?
Wir wachsen organisch, aber auch durch Zukäufe von Unternehmen, die
uns technologisch weiterbringen oder neue Marktsegmente erschließen.
Hier gibt es allerdings bestimmte harte Faktoren, die stimmen müssen.RÖCHLING-GRUPPE Interview
9
Europa
15 Länder
55 Standorte
7.031 Mitarbeiter
Asien
6 Länder
18 Standorte
Amerika
1.213 Mitarbeiter 4 Länder
15 Standorte
1.489 Mitarbeiter
Röchling ist in der ganzen Welt zuhause.
Der Übernahmekandidat muss zum Beispiel die Leistungs- und Produkt-
palette der Röchling-Gruppe sinnvoll ergänzen, in unseren Fokus und
unsere Strategie passen sowie wirtschaftlich gesund sein. Gebäude und
Anlagen sollten dem Stand der Technik entsprechen, und der Standort
muss auch stimmen. Hinzu kommen weiche Faktoren, und die sind
genauso wichtig. Die Frage ist ja: Wie gelingt die kulturelle Integration?
Wie nimmt man die Mitarbeiter mit? Wir haben hier sehr gute Erfahrun-
gen mit inhabergeführten Unternehmen gemacht, die in Nischen tätig
sind und über eine schlanke Struktur verfügen. Sie haben meistens eine
sehr ähnliche Mentalität und Kultur wie wir. Wenn man eine solche Pas-
sung, einen Fit hat, erleichtert das die Integration enorm. Für den Erfolg
unserer Gruppe ist das ein bedeutender Faktor.10
Schnell das richtige Material zur Hand: Dotmar ist die Nummer eins unter
den Händlern und Zerspanern technischer Kunststoffe in Australien und Neuseeland.
Die Halbzeuge von Röchling tragen maßgeblich zu diesem Erfolg bei.UNTERNEHMENSBEREICH INDUSTRIAL Porträt
11
DAS BESTE
AUF LAGER
UNTERNEHMENSBEREICH INDUSTRIAL:
Weit weg, nah dran –
Röchling und sein Partner Dotmar in Australien12
Haren
Sydney
Einmal um die halbe Welt – so weit ist Haren, ein Standort des Unter
nehmensbereiches Industrial, vom australischen Sydney entfernt. Dort,
in Down Under, ist der Röchling-Kunde Dotmar Engineering Plastics
zuhause. Größer kann geografische Ferne kaum sein. Die Geschäfts
beziehung dagegen zeichnet sich durch besondere Nähe aus.
Dotmar feierte im Jahr 2017 sein 50-jähriges Bestehen. In den vergange-
nen Jahrzehnten ist eine enge Verbindung zwischen den Unternehmen
entstanden. Unter den Zerspanern und Händlern technischer Kunststoffe
in Australien und Neuseeland hat sich Dotmar zur Nummer eins ent-
wickelt, und die Halbzeuge von Röchling sind für einen Großteil dieses
Erfolges verantwortlich. Das Unternehmen beschäftigt circa 110 Mitar-
beiter an acht Standorten.
„In enger Zusammenarbeit mit uns erarbeitet Röchling neue Lösungen
für unsere Kunden. Wir bieten ihnen technische Unterstützung auf
einem viel höheren Niveau als unsere Wettbewerber, mit einer Reihe
innovativer Entwicklungen, und das ist der Schlüssel für den gemeinUNTERNEHMENSBEREICH INDUSTRIAL Porträt
13
Die Qualität muss stimmen: Andrew Windsor (l.), Profit Center Manager von Dotmar
in Melbourne, und Röchling National Sales Manager Darryl Johanning nehmen
ein Kunststoffprodukt genauer in Augenschein und sind zufrieden.
samen Erfolg“, sagt Kevin Stainer, Executive General Manager der
Dotmar EPP Pty Ltd. Die Endkunden aus verschiedenen Industrien
werden bei allen technischen Fragen rund um die Anwendung thermo-
plastischer Kunststoffe beraten und erhalten ein passgenaues Produkt
sowie den entsprechenden Service – alles aus einer Hand. Dabei setze
man auf langjähriges eigenes Know-how und starke Partnerschaften mit
weltweit führenden Herstellern technischer Kunststoffe, erläutert Stainer.
„Zu ihnen gehört allen voran Röchling. Und Röchling bedeutet Qualität –
was die Produkte und Systeme betrifft, aber auch was die Mitarbeiter
angeht.“
Neue Märkte und Anwendungen
Die über viele Jahre gemeinsam gewachsene Erfahrung und Partner-
schaft sei die Grundlage für einen intensiven Austausch von Ideen,
die dann in innovative Entwicklungen münden, urteilt Stainer. Beide
Unternehmen verfolgen die Strategie, die Bedürfnisse der Endanwender
in den spezifischen Industrien im Detail zu verstehen. Was benötigt
ein Bergbauunternehmen, auf was kommt es im chemischen Apparate-14
und Behälterbau an, vor welchen Herausforderungen steht
die Transportindustrie? Dotmar ist es in Australien und Neuseeland
gelungen, kontinuierlich neue Märkte und Anwendungen anzugehen,
in denen herkömmliche Materialien wie Holz, Stahl oder Aluminium
durch technische Kunststoffe ersetzt werden.
„Röchling hat uns dabei mit Know-how und innovativen Produkt-
entwicklungen maßgeblich unterstützt“, berichtet Stainer. „Wir arbeiten
Hand in Hand und sind deshalb auch besonders nah an den Kunden
dran“, sagt Darryl Johanning und unterstreicht damit die enge Zusam
menarbeit. Johanning ist seit 2012 als National Sales Manager für
Röchling in Australien und Neuseeland tätig. Den Markt für Behälterbau
hat Dotmar in Jahrzehnten in enger Kooperation mit Röchling auf
gebaut. Auch im Bereich der Auskleidungstechnik, der im rohstoffreichen
Australien eine große Rolle spielt, ist Dotmar die Nummer eins. Die
Röchling-Marken, wie Polystone® für den Behälterbau und Matrox®
für die Auskleidungstechnik, sind auf dem ganzen Kontinent daher
bestens bekannt.
Lagerhaltung als Herausforderung
Die ersten Kontakte zwischen den beiden Unternehmen gab es bereits
Anfang der 1970er-Jahre mit dem Werkstoff Lignostone®. Damals wie
heute bestand für Dotmar eine Herausforderung in der langfristigen
Planung: Alleine der Seetransport der Röchling-Produkte von Deutsch-
land nach Australien dauert acht Wochen. „Dotmar musste genau
wissen, was drei Monate später am Lager sein sollte“, erinnert sich
Willy Bölscher, der damals noch als junger Mitarbeiter im Export und
später als Geschäftsbereichsleiter Thermoplaste in enger Zusammen
arbeit mit Dotmar den australischen Markt aufbaute und mittlerweile
im Ruhestand ist.
Auch heute ist die Lagerhaltung eine der größten Herausforderungen.
Für den Distributeur gilt es, massiv in die Produktbestände vor Ort zu
investieren. „Nur dann sind wir gegenüber dem lokalen Wettbewerb
und den asiatischen Produktionsstätten konkurrenzfähig“, sagt Stainer.
Dotmar hat sich in den vergangenen Jahrzehnten ein sehr gutes Image
im Markt aufgebaut. Eines blieb aber immer gleich: das enge VerUNTERNEHMENSBEREICH INDUSTRIAL Porträt
15
Ein guter Name in der Kunststoffwelt: Dotmar ist seit gut 50 Jahren
auf dem australischen Kontinent aktiv.
trauensverhältnis und die Nähe zwischen den beteiligten Personen.
Auf Röchling-Seite war Willy Bölscher der Mann der ersten Stunde,
auf Dotmar-Seite der junge australische Ingenieur Bruce Armstrong.
Er kam 1986 das erste Mal nach Haren und reiste mit jeder Menge
Eindrücken und neuen Ideen wieder zurück nach Australien. „Er hat
in Deutschland gesehen, was man mit Polystone® in der Industrie alles
machen kann, und war davon begeistert“, sagt Bölscher.
Offene und transparente Partnerschaft
Über Umwege wurde Armstrong 1994 einer der Eigentümer von Dotmar –
und konnte nun seine Ideen umsetzen. Das Unternehmen entwickelte
sich rasant. Heute gehört es zur australischen MM Plastics Group. Als
Garant für den gemeinsamen Erfolg nennt Bölscher den Transport von
Ideen und Anwendungen und vor allem den guten persönlichen Kontakt,
nicht nur auf der Management-Ebene. Das sieht Darryl Johanning genau-
so: „Wir pflegen eine offene und transparente Partnerschaft und haben
auf diese Weise ein sehr erfolgreiches gemeinsames Geschäft in diesem
Teil der Welt aufgebaut.“16
Andre Hackmann ist Qualitätssicherungsbeauftragter für die Bearbeitung von Duroplasten in Haren.
Das 3D-Koordinatenmessgerät, das er bedient, arbeitet mit einem taktilen Messfühler und ermöglicht es,
Teile auf hundertstel Millimeter genau zu vermessen.UNTERNEHMENSBEREICH INDUSTRIAL Interview
17
QUALITÄT
GANZ GENAU
IM BLICK
UNTERNEHMENSBEREICH INDUSTRIAL:
Wie Röchling intern für optimale Abläufe sorgt18
UNTERWEGS
IN SACHEN
QUALITÄT
An den internationalen Standorten der Röchling-Gruppe soll überall
derselbe hohe Qualitätsstandard gelten, auf den sich die Kunden
hundertprozentig verlassen können. Johannes Mohs, Leiter des Qualitäts
managements im Unternehmensbereich Industrial der Röchling-Gruppe,
ist in dieser Mission ständig unterwegs. „Er reist so viel wie Genscher“,
sagen die Kollegen. Der deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher
galt als rastloser Reisender. Im Interview berichtet Mohs von den
Anforderungen der Kunden, vor allem aber darüber, wie Röchling
intern für optimale Abläufe sorgt.
Wie lässt sich die Qualität eines Herstellers von technischen Kunst
stoffen überhaupt messen? Auf was kommt es den Kunden an?
Technische Werte stehen eindeutig im Vordergrund. Allerdings wird
das Thema Verlässlichkeit, zum Beispiel bei der Termineinhaltung,UNTERNEHMENSBEREICH INDUSTRIAL Interview
19
Johannes Mohs leitet das Qualitätsmanagement im Unternehmensbereich Industrial.
Er ist viel unterwegs und dafür verantwortlich, dass an den unterschiedlichen Standorten
derselbe hohe Qualitätsstandard erfüllt wird.
immer wichtiger. Hinzu kommen Kompetenz und Auftreten. Der Kunde
muss spüren, dass er es mit einem Partner zu tun hat, der ihn bei der
Bewältigung seiner Aufgaben aktiv unterstützen kann.
Muss man als Unternehmen heutzutage zertifiziert sein?
Ohne die ISO 9001, die im Bereich Qualität einschlägig ist, geht es nicht.
Sie liefert die Grundlagen für eine systematische Arbeitsweise. Darüber
hinaus kommt es aber darauf an, immer wieder die spezifischen Kunden-
anforderungen zu ermitteln, um nah an den Bedürfnissen und Erwar-
tungen der Kunden dran zu sein. Neben der Qualität spielen außerdem
verstärkt die Themen Umwelt, Sicherheit, Compliance und Nachhaltigkeit
eine Rolle. Zudem müssen wir unter Beweis stellen, dass wir sämtliche
Prozesse beherrschen, also zum Beispiel Beschaffung, Herstellung,
Verpackung und Kontrolle.20
Qualitätssiegel: Ein integriertes Managementsystem ist Grundlage dafür,
dass die Anforderungen zum Beispiel in den Bereichen Qualität,
Umweltschutz und Arbeitssicherheit erfüllt werden.
Werden Sie auch von Ihren Kunden auditiert?
Das ist gang und gäbe. Viele Kunden kommen zu uns ins Haus und
führen teils mehrtägige Audits nach eigenen Vorgaben durch. Sie wollen
vor allem sehen, wie wir unsere Prozesse im Griff haben und uns als
Lieferant qualifizieren. Denn für unsere Kunden ist es extrem wichtig,
dass sie sich auf die termingerechte Lieferung einwandfreier Produkte
verlassen können. Andernfalls gerät ihr eigener Produktionsprozess
aus den Fugen, und das ist für einen Lieferanten ein absolutes
K.-o.-Kriterium.
Wie messen Sie Röchling-intern die Qualitätsstandards?
Für uns gibt es fünf wesentliche Punkte: Wie viele Reklamationen und
Ersatzleistungen haben wir, wie termintreu liefern wir, wie hoch ist
die Kundenzufriedenheit, wie laufen unsere Kundenaudits und wie sieht
es in Sachen Dokumentation und Rückverfolgbarkeit aus. Ganz besonders
wichtig ist uns das Vertrauen, das die Kunden uns schenken, indem
sie ihre Produkte von unterschiedlichen Röchling-Standorten beziehen.
Das tun sie nur, wenn sie sich darauf verlassen können, dass wir von
überall das gleiche Qualitätsprodukt liefern.
Wie sorgen Sie hier für eine enge Kommunikation,
auch über die weltweiten Standortgrenzen hinweg?
Wir haben an nahezu jedem Standort einen Qualitätsmanagement
beauftragten. Für das Thema müssen aber grundsätzlich alle MitarbeiterUNTERNEHMENSBEREICH INDUSTRIAL Interview
21
Helena Meyer, Auszubildende zur Verfahrens CNC-Fräser Heinz Tieben (l.) und Frank Dickmann,
mechanikerin Kunststoff und Kautschuk, überprüft Leiter Qualitätsmanagement in Haren,
mit einem Digitalmikroskop die Qualität nutzen den Messschieber, um die Kontur-
eines Materialspans einer gepressten Platte. genauigkeit zu bestimmen.
sensibilisiert sein – vom Top-Manager über den Projektleiter bis hin zum
Mitarbeiter an der Produktionsanlage. Wir haben ein Qualitätsmanage-
menthandbuch erstellt, das unsere sämtlichen Prozesse abbildet – jeder
muss sich an diese Regeln halten. Mein Team ist in engem Austausch
mit den Standorten, und wir besuchen diese teilweise mehrmals im Jahr.
Darüber hinaus führen wir unangemeldete interne Audits durch. Neue
Richtlinien und Verfahrensanweisungen kommunizieren wir regelmäßig
und systematisch. Und für spezifische Projekte werden die Mitarbeiter
zusätzlich geschult.
Was müssen Mitarbeiter können, die im Qualitätsmanagement
tätig sind?
Fachwissen und ein gutes Verständnis der Prozesse sind die Grund
lage. Auch eine Zulassung als Auditor ist hilfreich. Man muss Verträge,
Normen, Gesetze und Richtlinien lesen, verstehen und umsetzen können.
Teilweise ist das ja eine sehr trockene Materie. Gleichzeitig müssen die
Mitarbeiter kommunikativ sein, sicher auftreten, Englisch beherrschen
und eine hohe Reisebereitschaft mitbringen. Geeignete junge Mitar-
beiter führen wir bereits in der Ausbildung an Qualitätsthemen heran.
Wir haben junge Kollegen, die ganz selbstständig arbeiten und schon
richtige Profis sind. Das ist eine klasse Truppe.22
RÖCHLING-GRUPPE
2017
1.841 228 9.733
Mio. € Mio. €
Umsatz EBITDA Mitarbeiter
€
Drei unternehmerische Leitmotive haben das Unternehmen
auf dem Weg ins internationale Spitzenfeld der Kunststoff
unternehmen geprägt:
Kompetenz, Qualität und Innovation.RÖCHLING-GRUPPE Profil
23
737 991 114
Mio. € Umsatz Mio. € Umsatz Mio. € Umsatz
Unternehmensbereich Unternehmensbereich Unternehmensbereich
Industrial Automotive Medical
3.511 5.463 718
Mitarbeiter Mitarbeiter Mitarbeiter
40 43 4
Standorte Standorte Standorte
Der Unternehmensbereich Der Unternehmensbereich Der Unternehmensbereich
Industrial bedient nahezu alle Automotive steht für Komponen- Medical bietet seinen Kunden
Sektoren der Industrie mit anwen- ten und Systemlösungen auf den eine breite Palette von kunden
dungsbezogen optimalen Werk- Gebieten Aerodynamik, Antrieb individuellen Produkten – aber
stoffen. Dafür verfügt Röchling und Neue Mobilität. In der Ent- auch Standards – aus Kunststoff
über das wohl umfangreichste wicklung nah am Kunden und glo- für die Bereiche Pharmazie,
Produktportfolio thermo- und duro- bal präsent, liegt unser Fokus auf Diagnostik, Surgery und Life
plastischer Kunststoffe weltweit. den aktuellen Herausforderungen Science. Die hochwertigen
Hergestellt werden Halbzeuge wie der Automobilindustrie: Vermin- Produkte werden in innovativen
Platten, Rund-, Hohl- und Flach- derung von Emissionen, Gewicht Verabreichungs- und Primärver-
stäbe, Formgussteile sowie Profile und Treibstoffverbrauch. packungssystemen, chirurgischen
und spanabhebend bearbeitete Instrumenten und Diagnose-
und konfektionierte Präzisions Einwegartikeln verwendet.
komponenten.24
In Deutschland: Über Bereichsgrenzen hinweg werden im Technical Center Worms
kundenorientierte Lösungen entwickelt.UNTERNEHMENSBEREICH AUTOMOTIVE Bericht
25
EINMAL UM
DIE WELT
UNTERNEHMENSBEREICH AUTOMOTIVE:
Wie Röchling seine weltweiten Auftraggeber
in Richtung Zukunft begleitet26
Röchling Automotive will dort sein, wo der Kunde ist – räumlich,
thematisch, gedanklich. So begleitet das Unternehmen seine weltweiten
Auftraggeber in Richtung Zukunft. Es unterstützt sie, indem es global
denkt, lokal entwickelt und flexibel produziert. Sichtbar wird dies in
den folgenden Kurzberichten aus dem Silicon Valley, aus einem Tal in
Südtirol, vom Rheinufer und von der neuen chinesischen Seidenstraße.
Röchling im Silicon Valley präsent
Wer heutzutage etwas auf sich hält, ist im Silicon Valley vertreten,
der wichtigsten Zukunftsmaschinerie und dem Eldorado für Start-ups.
Das gilt auch für die Automobilindustrie und ihre Zulieferer. In der
Heimat von Google und Apple begreifen viele Vordenker das Auto schon
heute als Smartphone auf vier Rädern. Auch Röchling Automotive will
an Themen wie dem selbstfahrenden Auto nah dran sein und hat deshalb
im Jahr 2017 in San José ein Büro eröffnet. „Unsere Kunden begrüßen
unsere lokale Präsenz und freuen sich auf unsere Ideen“, sagt Jermel
Jones, Leiter des Kundenteams Westküste in San José.UNTERNEHMENSBEREICH AUTOMOTIVE Bericht
27
In Italien: Rafael Farfán, Luca Marini, Francesca Brunori und Claudio Nava (v. l.)
aus der Vorentwicklung und dem Produktmanagement in Leifers beraten sich
zu einem SCR-Tank-Test.
Röchling Automotive hat an der amerikanischen Westküste einen starken
und stetig wachsenden Kundenstamm, für den man vor Ort einen echten
Mehrwert schafft. Das ist das eine. Das andere ist der enge Kontakt
zu neuen, aufstrebenden Kunden, Trends und Technologien, vor allem
aus dem Bereich der neuen Mobilität. Röchling Automotive will so die
nächste Generation von Mobilitätslösungen mitprägen, zum Beispiel
durch die Entwicklung von Komponenten und Systemen für Elektro- und
Hybridfahrzeuge. Zum Produktbereich New Mobility gehören schon jetzt
Batteriegehäuse aus Stratura® Hybrid, einem Material, das eine hohe
Biegesteifigkeit, eine hohe Energieaufnahme und große Leichtigkeit
aufweist. Zudem wird mit Hochdruck an unterschiedlichen Ladesystemen
geforscht.
Röchling Automotive sammelt durch den lokalen Austausch mit seinen
Kunden und durch Beobachtung lokaler Trendmärkte weltweit jede
Menge Wissen und Ideen. Beides fließt in den europäischen Entwick-
lungszentren in Leifers in Südtirol und in Worms am Rhein zusammen.
Die Fachleute dort erforschen und entwickeln für alle internationalen
Standorte innovative Systeme und Produkte. Es entsteht eine Art Kreis-28
In China: Jackon Huang (r.) bespricht technische Lösungen
mit einem Produktionskollegen im Röchling-Werk in Kunshan.
lauf, eine nicht versiegende Kommunikation, entsprechend dem Röchling
Automotive-Motto „Driving Efficiency Home“. Röchling bringt die
Effizienz zum Kunden – ganz gleich, wo dieser zuhause ist.
„An beiden Standorten haben wir im Jahr 2017 jeweils ein Technical
Center eröffnet, um den individuellen Anforderungen der Kunden und
der Märkte optimal gerecht zu werden“, berichtet Vincent Mauroit,
General Manager Innovation & Business Development. Diese Technical
Centers fördern eine enge Zusammenarbeit über Bereichsgrenzen hin-
weg. „Wir können noch effizienter und kundenorientierter entwickeln“,
so Mauroit.
Röchling folgt seinen Kunden
Davon profitieren auch die Röchling-Kunden in Asien. China als auto-
mobile Supermacht ist seit vielen Jahren ein wesentlicher Markt von
Röchling Automotive. Das kurz vor der offiziellen Eröffnung stehende
Werk in Chongqing ist Teil der Internationalisierungsstrategie: Überall
dort, wo sich neue Märkte mit einem guten Umfeld bieten, ist Röchling
Automotive präsent und folgt dabei seinen Kunden. Nur 20 Kilometer
sind es vom neuen Werk in Chongqing zum größten Produktionsstandort
von Changan Ford.UNTERNEHMENSBEREICH AUTOMOTIVE Bericht
29
In den USA: Jermel Jones leitet das Kundenteam Westküste in San José
und ist überzeugt: „Unsere Kunden freuen sich auf unsere Ideen.“
Chongqing mit seinen 31 Millionen Einwohnern ist das wirtschaftliche
Zentrum im Südwesten Chinas und einer der größten Standorte der
Automobilindustrie. Die Metropole gilt als ein wesentliches Kernstück
der „One Belt, One Road“-Initiative der chinesischen Regierung. Dieses
Projekt, das auch den Namen „Neue Seidenstraße“ trägt, sieht den Bau
von Häfen, Eisenbahnlinien und Straßen vor, die die großen Wirtschafts-
zentren Chinas mit Europa verbinden. „Dort haben wir enormes Poten
zial, um weiter zu wachsen“, sagt Denis Viaro, General Manager Röchling
Automotive Asia.
In Chongqing ist Röchling nah am Kunden dran, aber auch an den neues-
ten Trends. Das Thema Nachhaltigkeit gewinnt im Reich der Mitte immer
mehr an Bedeutung – bei den Elektroautos fährt das Land international
längst voran. Mit Hochdruck werden Aktivitäten in Sachen Industrie 4.0
angestoßen. „In China sehen wir besser als irgendwo sonst, dass die
Zukunft der Automobilindustrie in innovativen Kunststofflösungen liegt,
in die Elektronik-Know-how integriert ist“, sagt Jackon Huang, Werkleiter
Chongqing. Röchling Automotive ist mit dabei.30
So entsteht ein Wassertank – der erste Schritt: Röchling nutzt moderne digitale Tools
wie beispielsweise interaktive PDFs, um Konstruktionsdaten inklusive aktueller Teileinformationen
aus dem Produktlebenszyklus-System intern zu verschicken. Das erleichtert den Mitarbeitern
den direkten Austausch von Ideen. Auch Kunden lassen sich miteinbeziehen.UNTERNEHMENSBEREICH AUTOMOTIVE Feature
31
SCHNELL,
SCHNELLER,
DIGITAL
UNTERNEHMENSBEREICH AUTOMOTIVE:
Wie neue Technologien Arbeitsmethoden und Produktion
verändern32
IDEEN MITHILFE
DIGITALER TOOLS
TEILEN
Das Rad dreht sich schneller. Die zunehmende Geschwindigkeit ist ein
wesentliches Merkmal des digitalen Zeitalters. Zulieferer sind gefordert,
rasant neue smarte Systeme, Produkte und Materialien sowie reibungs-
los funktionierende automatisierte Prozesse und Schnittstellen zu den
Automobilherstellern zu kreieren und im Einsatz zu haben. Röchling
Automotive optimiert konsequent und kontinuierlich alle Elemente
entlang der Wertschöpfungskette – von der Ideenentwicklung über die
Entstehung und Herstellung eines Produktes bis hin zu dessen Lebens
ende als Ersatzteil. Dabei digitalisiert sich das Unternehmen zusehends.
Hauptakteure im digitalen Transformationsprozess sind die Mitarbeiter,
die wertvollste Ressource, die ein Unternehmen hat.
Die von Röchling initiierten digitalen Initiativen führen die Mitarbeiter
von Berlin über Tel Aviv ins Silicon Valley. In diesen Ideenschmieden ler-
nen sie das digitale Know-how und den Mut der Start-up-Unternehmen
kennen und nehmen beides als Inspiration und Herausforderung mit
nach Hause. „Röchling selbst ist natürlich kein Start-up-Unternehmen,
aber wir untersuchen unsere Produkte und Prozesse ebenso gründlichUNTERNEHMENSBEREICH AUTOMOTIVE Feature
33
Zweiter Schritt auf dem Weg zum Wassertank: Mit einfachsten Bauelementen werden
in einem Minimum Viable Product (MVP) die grundlegenden Funktionen veranschaulicht.
und hinterfragen sie genauso tiefgründig, wie das ein Start-up-Unterneh-
men tut“, sagt Vincent Mauroit, General Manager Innovation & Business
Development bei Röchling Automotive.
Konstrukteure rücken nah zusammen
An innovativen Ideen mangelt es Röchling Automotive ebenfalls nicht.
Da aber auch die beste Idee nichts nützt, wenn sie niemand kennt, wenn
sie nicht aufgegriffen oder wenn sie am Ende schlecht umgesetzt wird,
gibt Röchling allen Mitarbeitern weltweit die Chance, ihre Ideen mithilfe
moderner digitaler Tools mit Kollegen zu teilen. Gab es früher Konstruk-
tionszeichnungen, werden heute interaktive PDFs verschickt. Mit einem
einzigen Klick auf das Einzelteil einer Baugruppe werden sofort alle
Teileinformationen angezeigt, die in einem zentralen Datenbanksystem
hinterlegt sind. Und es geht auch umgekehrt: Durch den Klick in eine
Materialstückliste wird das zugehörige Bauteil in der Konstruktions
darstellung farblich markiert. Mithilfe der intuitiv bedienbaren Software
rücken die Konstrukteure frühzeitig und nah zusammen: Sie können
sich bereits über ein sogenanntes Minimum Viable Product (MVP)34
Aus den freigegebenen Daten kann schnell ein erster Demonstrator gebaut werden.
An ihm tauschen sich Walter Kral, Christoph Ganthaler und Vincent Mauroit (v. l.)
über neue Ideen aus, um den Lösungsansatz weiter zu konkretisieren.
austauschen, also über ein minimal funktionsfähiges Produkt, und ge-
meinsam weiterführende Lösungen entwickeln. Dank der digitalen Tools
haben die Mitarbeiter zu jeder Zeit und an jedem Ort einen sicheren
Zugriff auf alle wesentlichen Daten.
Wie wichtig es bei solchen Kreativitätsprozessen ist, Missverständnisse
und Fehlinterpretationen auszuschließen, kann sich auch der Laie vorstel-
len. Hilfe bietet hier der digitale Stempel, der die Freigabe der Konstruk-
tionselemente steuert. Der Prozess ist reibungsfrei und macht auch noch
Spaß. Unabhängig von der genutzten CAD-Software sorgen Konvertie-
rungsserver an allen Entwicklungsstandorten von Röchling Automotive
für Einheitlichkeit und Geschwindigkeit. Das Unternehmen treibt so die
Digitalisierung im Engineering aktiv voran.
Verstärkter Einsatz von Sensoren und Software
Neue Technologien verändern nicht nur die Arbeitsmethoden eines Auto-
mobilzulieferers, sondern auch die Fahrzeuge als solche. Im Zusammen-
hang mit dem selbstfahrenden Auto sind Sensoren und Software wich
tige Stichworte – sie sind absolut unverzichtbar. Als Systemlieferant setztUNTERNEHMENSBEREICH AUTOMOTIVE Feature
35
Dritter Schritt: Schon wenige Wochen später kann Röchling
den Kunden einen ersten Prototypen vorstellen.
auch Röchling Automotive verstärkt auf deren Einsatz. Fahrzeugsensoren
erkennen zum Beispiel, ob die Qualität einer Flüssigkeit gut und ein Tank
noch ausreichend gefüllt ist. Ventile an den Behältern reagieren dann auf
hohe Temperaturen und öffnen gegebenenfalls einen anderen Weg für
Fluide. Software-Updates „over the air“ sorgen dafür, dass die Systeme
immer auf dem neuesten Stand sind.
Auf dem Weg zur Smart Factory
Eine Herausforderung ist die Digitalisierung der Produktion, die als
Industrie 4.0 bezeichnet wird. Sie soll vor allem dazu beitragen,
dass Röchling Automotive schnell auf einen sich verändernden Bedarf
reagieren kann – also noch näher am Kunden dran ist. Alle Maschinen
in den Röchling Automotive-Werken weltweit haben IP-Adressen, um
miteinander zu kommunizieren, und sämtliche Planungen erfolgen
bereits automatisch. Röchling Automotive betreibt sogar schon Pilot
werke, die nach Durchleuchtung durch externe Experten als Maβstab
bestimmt wurden. Bis Mitte 2019 werden alle Anlagen intelligent,
vernetzt und digitalisiert sein. Dann ist die Smart Factory bei Röchling
Automotive Wirklichkeit.36
Kanada
Orangeville, ON
Belgien
Gijzegem
Frankreich
Décines
USA
Maxéville
Akron, OH
Paris
Cleveland, OH
Dallas, NC
Duncan, SC
Gastonia, NC Mexiko
Brasilien
Kimberly, WI Silao
Itupeva
Mount Pleasant, PA
Ontario, CA
Rochester, NY
San José, CA
Troy, MI
WELTWEITE PRÄSENZ:
88 STANDORTE
IN 25 LÄNDERNRÖCHLING-GRUPPE Standorte
37
Lettland
Liepāja
Schweden
Göteborg Finnland
Virserum Rusko
Dänemark Russland
Allingåbro Sankt Petersburg
Groß-
britannien
Birmingham
Gloucester
High Peak
Hitchin Slowakei
Nové Mesto nad Váhom
Rumänien Südkorea
Ts c h e c h i e n Piteşti Asan
Spanien
Kraslice
Araia Japan
Ostrava
Bocairent Hiroshima
Planá nad Lužnicí
Teruel China Osaka
Changchun Yokohama
Österreich
Deutschland Chengdu
Oepping
Mannheim, Chongqing
Firmensitz Kunshan
Arnstadt Italien Indien Thailand
Shenyang
Bad Grönenbach- Abbiategrasso Mumbai Chon Buri
Suzhou
Thal Gozzano Vadodara
Brensbach Leifers
Gernsbach Trento Singapur
Haren Venegono Inferiore Singapur
Ingolstadt Volpiano
Köln
Lahnstein
Laupheim
Lützen
Mainburg
München
Nentershausen
Neuhaus am
Rennweg
Peine
Roding
Ruppertsweiler
Rüsselsheim
Stuttgart
Troisdorf
Wackersdorf
Weidenberg
Wolfsburg
Worms38
Klein, aber sehr anspruchsvoll: Marco Vey (r.) und Joachim Lehmann begutachten eine Ampulle,
die Röchling für Aseptic Technologies herstellen wird. In diese sogenannten Vials werden vor allem
onkologische Medikamente abgefüllt.UNTERNEHMENSBEREICH MEDICAL Report
39
SORGFALT
IST
OBERSTES
GEBOT
UNTERNEHMENSBEREICH MEDICAL:
Röchling produziert Ampullen in Reinraumklasse ISO 5
und im Zweikomponenten-Spritzgussverfahren40
AKRIBISCHE
VORBEREITUNG AUF
DIE NEUE AUFGABE
Der Unternehmensname ist Programm: Aseptic Technologies liefert
für die Pharmaindustrie Anlagen, die eine aseptische Medikamenten-
abfüllung sicherstellen. Die zur Abfüllung benötigten Kunststoff-
ampullen, sogenannte Vials, werden künftig von Röchling Medical
produziert und geliefert.
Aseptic Technologies wurde im Jahr 2002 gegründet und hat seinen
Hauptsitz in Belgien. Das Unternehmen hat nun erstmals einen Auftrag
an Röchling Medical vergeben. Doch auch wenn der Kontakt noch frisch
ist – eine Phase des intensiven gegenseitigen Kennen- und Verstehen-
lernens in den vergangenen Monaten hat bereits zu einer engen und ver-
trauensvollen Zusammenarbeit geführt. „Mitarbeiter des Kunden waren
mehrfach bei uns in Brensbach, haben sich unsere Produktion, unsere
Prozesse, unsere Systeme angeschaut und die Mitarbeiter kennenge-
lernt, die künftig maßgeblich in dieses Projekt involviert sein werden“,
berichtet Marco Vey, stellvertretender Projektleiter von Röchling Medical
Europe. Was der Kunde zu sehen bekam, hat ihn überzeugt.
In Brensbach werden für Aseptic Technologies künftig Vials produziert,
die aus vier Teilen bestehen: einem Wirkstoffbehälter, einem Stopper,
der diesen Behälter verschließt, sowie zwei Kunststoffringen, die den
Behälter oben und unten einfassen, sogenannte Top- und Bottom-Ringe.UNTERNEHMENSBEREICH MEDICAL Report
41
Auf den Anlagen von Aseptic Technologies werden die Stopper mit einer speziellen Nadel
durchstochen. Ein Laser verschließt die Punktionsstelle anschließend sofort wieder.
In Brensbach werden die Vials unmittelbar nach dem Spritzgießen unter
Reinraumbedingungen verschlossen und nach der Montage an Aseptic
Technologies geliefert. Von dort gelangen die Ampullen zu den Pharma
herstellern, die sie zunächst mithilfe von Gammastrahlung sterilisieren
und dann befüllen. Hier hat Aseptic Technologies ein besonderes An-
lagenkonzept entwickelt. Mit einer speziellen Nadel wird der Stopper
durchstochen, um das flüssige Arzneimittel anschließend in die Ampulle
injizieren zu können. Die Punktionsstelle im Stopper wird mit einem
Laser sofort wieder versiegelt. Der Inhalt der Ampullen wird in Kliniken
oder Arztpraxen mit einer Spritze, die man durch den Stopper sticht,
entnommen und dem Patienten injiziert.
Neues Verfahren, neue Reinraumklasse
Die Produktion von Ampullen unter Reinraumbedingungen ist für
Röchling Medical Europe grundsätzlich nichts Neues. Beim Herstell-
prozess für Aseptic Technologies betreten die Kunststoffspezialisten
allerdings Neuland. Die Vials werden nicht spritzgeblasen, sondern im
Zweikomponenten-Montage-Spritzgussverfahren und in einem Reinraum
der Klasse ISO 5 hergestellt. „Der Herstellprozess und diese Reinraum
kategorie sind für uns neu. Wir bereiten uns derzeit akribisch vor
und werden die neuen Herausforderungen professionell meistern“,
sagt Projektleiter Vey.42
Zweikomponenten-Montage-Spritzguss bedeutet, dass zwei Teile aus
unterschiedlichen Werkstoffen in nur einem Werkzeug hergestellt
werden, in diesem Fall der Wirkstoffbehälter aus einem transparenten
Cycloolefin-Copolymer (COC) und der Stopper aus thermoplastischem
Elastomer (TPE). Zwei Roboter entnehmen die fertigen Teile aus den
Werkzeugkavitäten und fügen sie anschließend zusammen. Dieser
Prozess findet komplett unter Reinraum-ISO-5-Bedingungen statt – eine
Kontamination der Ampullen wird so verhindert. Kratzer, Flecken und
erhöhte Spannungen müssen im transparenten Copolymer unbedingt
ausgeschlossen werden. Daher sind die äußerst kratzempfindlichen
COC-Teile quasi mit Samthandschuhen durch den gesamten Produk-
tionsprozess zu führen und nur im Randbereich durch die Roboter zu
fassen. „Um Oberflächenirritationen zu vermeiden, müssen auch unsere
Werkzeugkavitäten eine besonders hohe Oberflächengüte aufweisen“,
erläutert Projektleiter Vey. Jede einzelne Ampulle werde außerdem um
360 Grad gedreht und dabei mit einem Kamerasystem einer Auflicht-
und Durchlichtkontrolle unterzogen, berichtet der 39-Jährige.
Hochfest und bruchsicher
Ampullen aus technischen Kunststoffen haben gegenüber Glasampullen
einen entscheidenden Vorteil: Der hochfeste und bruchsichere Werkstoff
verhindert, dass eine Ampulle kaputtgeht, wenn sie bei der Anwendung
versehentlich herunterfällt. Gleichzeitig hat der Kunststoff sehr gute
Barriereeigenschaften, ähnlich wie Glas. Das bedeutet, dass Flüssigkeiten
oder Gase nicht durch ihn hindurchwandern können. Darüber hinaus
können Pharma- und Gesundheitsindustrie die Ampullen aufgrund ihrer
besonderen Konstruktion und ihrer Materialeigenschaften in flüssigem
Stickstoff lagern, ohne dadurch die Integrität des Behälterverschlusses
zu gefährden. Hergestellt werden die Ampullen für Aseptic Technologies
in drei Größen. Die „normalen“ Vials fassen einen oder zwei Milliliter,
eine besondere Variante ist für weniger als einen Milliliter geeignet.
Sie hat einen v-förmigen Boden, der es ermöglicht, auch die kleinste
Restmenge mit der Spritze zu entnehmen. Da die Arzneien, die vor allem
in der onkologischen Behandlung eingesetzt werden, sehr teuer sind,
ist diese Restentleerung ein wichtiger Gesichtspunkt.UNTERNEHMENSBEREICH MEDICAL Report
43
Die in Brensbach hergestellten Ampullen bestehen aus vier Teilen: einem Wirkstoffbehälter,
einem Stopper und zwei Ringen. Im gesamten Bearbeitungsprozess wird der äußerst
kratzempfindliche Kunststoffbehälter quasi mit Samthandschuhen durch den Reinraum geführt.
Während des Produktionsprozesses darf sich niemand im Reinraum
aufhalten, sämtliche Schritte sind komplett automatisiert. Müssen
Werkzeuge getauscht oder andere Tätigkeiten an den Anlagen aus
geführt werden, gelten für den Zutritt zum Reinraum und das Verlassen
allerstrengste Hygienevorschriften. „Wir produzieren erstmals in einem
Reinraum der Klasse IS0 5. Wir haben unsere Mitarbeiter entsprechend
geschult, fordern eine hohe Disziplin ein, sorgen dafür, dass alle unsere
Prozesse die sehr hohen Anforderungen erfüllen und kontrollieren das
Ganze mit entsprechenden Monitoringsystemen“, sagt Joachim Lehmann,
Business Unit Director Medical Europe. Auch der Verpackungsprozess
inklusive des sterilen Einschweißens der Ampullen ist exakt geregelt.
Bei Röchling Medical arbeitet ein großes Team an der Einrichtung perfek-
ter Prozesse. Beteiligt sind Mitarbeiter unter anderem aus den Bereichen
Einkauf, Qualität, Werkzeugbau, Produktion und Technische Dienste
zur Werkplanung. Mit dem Kunden findet regelmäßig alle 14 Tage
eine Telefonkonferenz zur Abstimmung des Projektstands statt, hinzu
kommen Treffen am Standort in Brensbach oder auch in Belgien. Für
Aseptic Technologies ist ein reibungsloser Anlauf des Projektes wichtig,
um die Pharmaunternehmen gewohnt zuverlässig beliefern zu können.
Gemeinsam mit Röchling Medical ist man auf dem besten Weg.44
Dimitri Dering, Anwendungstechniker in der Produktion in Brensbach, an einer Spritzgussmaschine,
mit der die Oralspritze für das System Sympfiny hergestellt wird. Röchling hat einen Werkzeugprototyp
entwickelt, der immer weiter optimiert wird.UNTERNEHMENSBEREICH MEDICAL Bericht
45
GROSSE NÄHE
UNTER
PARTNERN
UNTERNEHMENSBEREICH MEDICAL:
Röchling und HS Design entwickeln
bahnbrechendes Medikamentenabgabesystem46
KOMPLEXES SYSTEM
MIT ZWÖLF
KOMPONENTEN
Kunststoffprodukte für die Medizin- und Pharmabranche entwickeln und
herstellen – das ist die Kernkompetenz der Röchling-Unternehmen im
Bereich Medical. Das Spektrum reicht von Präzisionskunststoffteilen bis
zu hochwertigen Verpackungen. Damit der Kunde genau das bekommt,
was er sucht, ist eine enge Kommunikation zwischen den Bereichen
gefragt – über Standortgrenzen hinweg.
Genau so verhielt es sich im Fall von „Sympfiny“. Röchling Medical in
Rochester, NY/USA, erhielt Mitte 2016 eine Anfrage des amerikanischen
Unternehmens HS Design mit Sitz in Gladstone, NJ/USA. Bei ihm handelt
es sich um ein nutzenorientiertes Produktentwicklungsunternehmen,
das innovative Designlösungen für den medizinischen und pharmazeuti-
schen Bereich anbietet. HS Design war auf der Suche nach einem Partner,
um gemeinsam mit diesem an der Ausschreibung eines weltweit führen-
den Pharmaunternehmens teilzunehmen. Röchling Medical am Standort
Rochester stellte umgehend den Kontakt zu seinen europäischen
Schwesterfirmen her, die über das gesuchte Know-how verfügen.UNTERNEHMENSBEREICH MEDICAL Bericht
47
Das klappt doch: Für Kinder, die keine bittere Medizin schlucken, sind multipartikulare
Medikamente entwickelt worden. Diese neutralisieren den Geschmack des Wirkstoffs.
Das Medikamentenabgabesystem Sympfiny ermöglicht eine sichere und zuverlässige
Verabreichung der Arznei.
Die Idee des Pharmaherstellers: Kinder, die keine bittere Arznei schlu-
cken, sollen diese künftig in Form von multipartikularen Medikamenten
erhalten. Dabei handelt es sich um winzige Kügelchen, etwa in der Größe
von Salzkristallen. Diese Mikrokügelchen sind mehrschichtig, wobei die
äußerste Schicht den Geschmack des eigentlichen Wirkstoffs neutrali-
siert, ohne dessen Wirkung zu beeinträchtigen.
Entwicklungspartner gesucht
Die Herausforderung: Wie lassen sich die multipartikularen Medikamente
verpacken und zuhause einfach, zuverlässig und in exakter Dosierung
über den Mund an Kinder verabreichen? HS Design hatte eine Reihe
von Ideen und Designs, benötigte aber einen Entwicklungspartner, mit
dem die Ideen weiterentwickelt und in ein funktionelles industrielles
Design überführt werden konnten. Dieser Partner musste in der Lage
sein, Prototypen- und Pilotteile zu erstellen und im Erfolgsfall das System
auch in Großserie zu produzieren und zu vermarkten.48
Die Lösung: Das System Sympfiny besteht aus einer Dose inklusive
Deckel, in der sich das Medikament befindet. An die Dose lässt sich eine
Oralspritze passgenau ankoppeln, wodurch zwei Ventile automatisch
geöffnet und beim Abkoppeln wieder verschlossen werden. Mit dieser
Spritze wird das Medikament aus der Dose entnommen und präzise
dosiert in den Mund übergeben. Durch diese einfache Handhabung
lassen sich die multipartikularen Medikamente genauso leicht, exakt
und sicher verabreichen wie flüssige Medikamente.
Optimale Funktionalitäten
Was einfach klingt, ist in der Entwicklung und der Umsetzung ein hartes
Stück Arbeit. Die technischen Herausforderungen begannen mit der
neuartigen Substanz, mit der es bis dato wenig Erfahrung gab. Intensiv
musste auch an der optimalen Funktionalität der Spritze zur Verabrei-
chung des Medikaments und vor allem an der Verbindung zwischen
Spritze und Dose gefeilt werden. Wie komplex das Projekt ist, zeigt sich
nicht zuletzt daran, dass mehr als 80 Unternehmen an der Ausschreibung
teilnahmen, am Ende aber nur zwei Firmen mit ihren Vorschlägen für
die weitere Entwicklung ausgewählt wurden.
„Das Projekt ist eine gemeinsame Teamarbeit der drei Standorte von
Röchling Medical. Gefragt sind enger Austausch und große Nähe aller
Beteiligten“, sagt Valérie Duval, Vertriebsleiterin bei Röchling Medical.
Vor Projektbeginn galt es, Regeln zu definieren, Aufgaben zu verteilen
und Verantwortlichkeiten festzulegen – Röchling-intern genauso
wie in der Zusammenarbeit mit dem Entwicklungspartner HS Design.
Valérie Duval spricht von einer Win-win-Situation, bei der Röchling
sein Wissen und seine Expertise in Sachen Herstellung und Prozess-
Know-how einbringe. Produziert wird an den Röchling-Standorten
in Deutschland: Die Dose wird in Neuhaus am Rennweg hergestellt,
Oralspritze und Verschluss werden in Brensbach im Spritzgussverfahren
gefertigt und komplett montiert.UNTERNEHMENSBEREICH MEDICAL Bericht
49
Valérie Duval ist Vertriebsleiterin bei Röchling Medical. „In der Pharmaindustrie
muss man Geduld mitbringen und Vertrauen aufbauen“, sagt die 52-Jährige.
Röchling gelang es, innerhalb von nur acht Monaten ein System, das aus
insgesamt zwölf Komponenten besteht, zu entwickeln und Vorserienteile
zu fertigen. „Dabei kam uns auch zugute, dass wir unsere Werkzeuge
selbst herstellen können“, erläutert Duval, der das Thema Kunststoff von
Kindheit an vertraut ist: Ihr Großvater, ein Apfelbauer in der Normandie,
investierte in den 1960er-Jahren in ein Unternehmen, das Kunststoffteller
für Kinder produzierte – damals eine extrem innovative Angelegenheit.
Seit 29 Jahren ist Duval in der Kunststoffbranche tätig und hat sich auf
Primärverpackungen und Medikamenten-Verabreichungssysteme für
die pharmazeutische Industrie spezialisiert. Als Nächstes starten die
klinischen Versuche mit Sympfiny. Eines weiß die 52-Jährige aus Erfah-
rung genau: „In der Pharmaindustrie ist es ein langes Rennen. Da muss
man Geduld mitbringen und Vertrauen aufbauen.“50
KOHLE – STAHL – KUNSTSTOFF
ZWEI
JAHRHUNDERTE
INNOVATIVE
WERKSTOFFE
Von Völklingen in die Welt: Aus der im Jahr 1822 von Friedrich Ludwig
Röchling gegründeten Kohlehandlung in Völklingen hat sich in knapp zwei
Jahrhunderten eine weltweit tätige Kunststoffgruppe entwickelt. Das Motto
der Röchlings: mit innovativen Werkstoffen neue Märkte und Regionen
erobern.
Innovationsträger Stahl
Der Kohlehandel wird dabei Grundlage für die Beschäftigung mit dem
aufsteigenden Innovationsträger der industriellen Revolution, dem Stahl.
Die vier Neffen des Firmengründers, bekannt als die Gebrüder Röchling,
starten 1849 zunächst mit der Koksproduktion und der industriellen Eisen
verarbeitung. Der Eintritt in die Stahlära datiert auf den Erwerb der Völk
linger Eisenwerke 1881. Gut ein Jahrhundert später werden die Völklinger
Eisenwerke erstes industrielles Weltkulturerbe der UNESCO.Bereits 1920, knapp 100 Jahre nach Firmengründung, erkennt Röchling das Potenzial eines neuen Werkstoffs: Als Pionier steigt man in die Kunst stoffverarbeitung ein. Ziel ist es, die Abhängigkeit vom Stahl zu reduzieren. 1955 erwirbt Röchling die Rheinmetall Berlin AG, Ausrüster der neu ge gründeten Bundeswehr, diversifiziert in weitere neue Geschäftsfelder und verabschiedet sich 1978 schließlich vollkommen von der Montanindustrie. Beim Kunststoff setzt Röchling vor allem auf internes Wachstum und auf gezielte Akquisitionen in neuen Branchen, wie etwa den Automobilkunst stoffen. Die Präsenz auf internationalen Märkten, vor allem in Asien und den USA, wird vorangetrieben. Konzentration auf Werkstoffkompetenz Zum neuen Jahrtausend konzentriert sich Röchling wieder auf seine Werk stoffkompetenz. Die Gruppe trennt sich von sämtlichen Beteiligungen ohne Kunststoffbezug. Bei ihrer verstärkten Internationalisierung und Diversifi zierung in neue Branchen rückt sie ihr einzigartiges Werkstoff- und Verar beitungs-Know-how, das sie sich im Lauf der Jahrhunderte erarbeitet hat, in den Mittelpunkt. Kunststoffprodukte von Röchling sind im 21. Jahrhundert Innovationsträger in allen Industrien – so wie es zwei Jahrhunderte zuvor Anwendungen aus Röchling-Stahl waren. Die Röchling-Gruppe ist heute der weltweit führende Verarbeiter technischer Hochleistungskunststoffe für Industrie, Automobil und Medizin.
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