Genossenschaften für Geschlechter-gleichheit - DAS MAGAZIN FÜR DAS GENOSSENSCHAFTLICHE NETZWERK | 5-2021 - Genossenschaftsverband
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GEN AL DAS MAGAZIN FÜR DAS GENOSSENSCHAFTLICHE NETZWERK | 5-2021 Genossenschaften für Geschlechter- gleichheit
Unter Leistungsfähigkeit verstehen wir, gemeinsam mit unseren Kunden aus Heraus- forderungen Verbesserungen zu machen. Was zunächst wie ein Verlust erscheint, ist manchmal der Anfang von etwas Neuem. Das japanische Handwerk Kintsugi beweist das eindrucksvoll. Es ver- körpert den Glauben, dass erst die kunstvolle Reparatur ein Objekt vollendet. Auch für uns von der DZ BANK bedeuten Umbrüche Chancen. Denn wenn wir Herausforderungen heute partnerschaftlich begegnen, gehen wir mit noch besseren Lösungen in die Zukunft. Erfahren Sie mehr über unsere Haltung unter: dzbank.de/haltung
EDITORIAL
Nachhaltigkeitsziel Nr. 5:
Genossenschaften für
Geschlechtergleichheit
Liebe Leser*innen!
die verheerende Flutkatastrophe, die im Juli Teile Deutschlands traf,
ist aus den Medien bereits verschwunden. In den Hochwasserge-
bieten, bei vielen Menschen vor Ort bestimmt sie jedoch noch im-
mer den Alltag. Zahlreiche genossenschaftliche Initiativen und Spen-
denaktionen wurden ins Leben gerufen, um den Wiederaufbau zu
unterstützen. Auch der Genossenschaftsverband – Verband der
Regionen e.V. und seine Mitgliedsgenossenschaften haben eine
Spendenaktion initiiert. Bis Mitte September konnten hier bereits
rund 1,6 Millionen Euro gesammelt werden, die über die Genossen-
schaftsstiftung an Empfänger*innen in den betroffenen Gebieten
übergeben werden. Für Ihre Unterstützung danken wir an dieser Stel-
le ganz herzlich! Ob Crowdfunding oder Flutwein: Lesen Sie auf den
Seiten 6–9 mehr über die Initiativen vor Ort.
Liebe Leser*innen, auch die vorliegende Ausgabe von GENiAL
widmet sich mit der Überschrift „Geschlechtergleichheit“ einem Ziel
der UN-Nachhaltigkeitsagenda.
In unserem Schwerpunkt (S.18–36) haben unsere Autor*innen
Interviews und Storys zu starken Frauen und starken Männern zu-
sammengetragen. Mit Eva Wunsch-Weber, Vorstandsvorsitzende der
Frankfurter Volksbank, sprachen wir beispielsweise über ihren eige-
nen Karriereweg und Frauen in Führungspositionen (S. 24–25). Auch
die Volksbank Mittelhessen setzt mit der Unterzeichnung der „Charta
der Vielfalt“ ein starkes Zeichen für Diversität. „Wir werden uns täg-
lich aufs Neue dafür engagieren, ein Arbeitsumfeld zu schaffen, das
frei von Vorurteilen und geprägt von Respekt ist“, sagt Dr. Lars Wit-
teck, Vorstandsmitglied bei der Volksbank Mittelhessen (S. 34–35).
Dass in Sachen Geschlechtergleichheit noch viel Luft nach oben ist,
darin sind sich auch die Chefinnen verschiedener Genossenschaften
einig. Wir haben mit einigen von ihnen über ihre Erfahrungen gespro-
Genossenschaftsverband – Verband der Regionen e.V.
chen (S. 29–31).
Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Lesen!
Ihre Lisa König-Topf
Lisa König-Topf Abteilungsleiterin Presse- und
Foto.Genossenschaftsverband
Öffentlichkeitsarbeit, Bereich
Kommunikation & Change,
PS: Über Lob, Anregung und Kritik freuen wir uns jederzeit unter
Genossenschaftsverband –
genial@genossenschaftsverband.de Verband der Regionen e.V.
Foto:
5-2021 | GENIAL | 36 8 16
Im Fokus:
Genossenschaften
für Geschlechter-
gleichheit
In Kürze
Fluthilfe in RLP und NRW
Aus dem Verband
Whistleblower besser schützen –
Im Fokus
18
Schwerpunkt Geschlechtergleichheit
Fotos: Matthias Baltes/Winzergenossenschaft Mayschoß-Altenahr eG, Jan Pfülb/privat, Volksbank RheinAhrEifel eG,
Interview mit Christian M. Düssel,
Volksbank RheinAhrEifel: AWADO-Rechtsanwaltsgesellschaft, Digitalisierung geschlechtergerecht
„Ahrtal findet zu seiner und Dirk Dietrich, gestalten – Interview mit
alten Stärke zurück“ 6 Genossenschaftsverband 10 der Soziologin Dr. Caroline Richter 20
Winzergenossenschaft AWADO-Gruppe: Deutschlands erste Bankdirektorin 22
Mayschoß-Altenahr: Projekt Fusionsmanagement 360 12
„Es sieht hier aus wie nach dem Frauen Mut machen,
Kosovo-Krieg“ 8 Genossenschaft macht Schule 14 Frauen Verantwortung übertragen –
Interview mit Eva Wunsch-Weber,
AWADO vereinfacht das Frankfurter Volksbank 24
Compliance-Management 15
WeiberWirtschaft eG:
Nachhaltigkeit beim Fondssparen – Neue Gründerinnen braucht das Land 26
Interview mit Dr. Henrik Pontzen,
Mitglied des Personalvorstand Marco Schulz:
Union Investment, gerasimov174/adobe.com
Nachhaltigkeitsrats im „Der Erfolg gibt der Diversität recht“ 28
Genossenschaftsverband 16
Geschlechtergleichheit –
noch viel Luft nach oben
Statements von Vorständinnen der
genossenschaftlichen Wirtschaft 29
Die Wohlstandsgenossenschaft:
Finanzfitness für Frauen 32
4 | GENIAL | 5-2021INHALT
Genossenschaften in Regionen
Köln
Volksbank Mittelhessen: Klare Kante 34
Frauennetzwerke –
die Fondsfrauen & Co. 36
Aus den Regionen
Der IT-Partner des Vertrauens –
die Hostsharing eG 38
40
Aus der Reihe GENiAL war in der „diversen“
Stadt Köln, hat die
Journalistenpreis Blaue Boje – Beginenhof eG besucht,
für Pressefreiheit und ist auf dem Christopher Street
Qualitätsjournalismus 47 Day mitmarschiert und hat die
aktuelle „Emma“ gelesen.
Impressum 46
5-2021 | GENIAL | 5Mitarbeiter*innen der Volksbank RheinAhrEifel packen mit an und räumen Schlamm und Geröll aus den überfluteten Bankgebäuden. 6 | GENIAL | 5-2021
IN KÜRZE steht in dieser Ausgabe unter
dem Thema Fluthilfe in RLP und NRW IN KÜRZE
„Ahrtal findet zu seiner
alten Stärke zurück“
Sascha Monschauer, Vorstandsvorsitzender der Volksbank
RheinAhrEifel eG, berichtet über den Wiederaufbau nach der
Hochwasserkatastrophe. Die Volksbank hat ihr Geschäftsgebiet
Helfen
unter anderem im Kreis Ahrweiler, vor allem das Ahrtal wurde
stark zerstört. GENiAl führte das Interview Mitte August.
Herr Monschauer, wird sich das Ahr- Sie mit –
spenden
tal von der Flutkatastrophe erholen
können?
SASCHA MONSCHAUER: Davon bin ich
Sie für die
fest überzeugt. Das Ahrtal wird zu seiner al-
ten Stärke zurückfinden und wieder so attrak-
tiv werden wie vor der Hochwasserkatastro-
Flutopfer
phe. Das wird heute noch nicht abschätzbare
Kapitalmittel erfordern – und das über Jahre.
Wir stehen da aber fest an der Seite unserer Ihre Bank hat – wie auch der genos-
Kund*innen sowie der Menschen im Ahrtal senschaftliche Verbund – Hilfspakete
wie auch in anderen betroffenen Städten und für die Region geschnürt und Spen- Über hundert Tote, zerstörte Infrastruk-
turen und Landschaften. Viele Men-
Gemeinden unseres Geschäftsgebietes. den in großer Höhe eingeworben …
schen stehen nach der Hochwasserka-
Ja, wir haben Spenden aus ganz Deutschland
tastrophe in Nordrhein-Westfalen und
Sind Ihre Mitarbeiter*innen unver- erhalten – von Privatpersonen und Unterneh-
Rheinland-Pfalz vor dem Nichts. Des-
letzt geblieben? men. So hat auch unsere Bank 650.000 Euro
halb haben neben vielen anderen ge-
Von unseren 700 Mitarbeiter*innen sind für den Wiederaufbau zur Verfügung gestellt.
nossenschaftlichen Initiativen auch der
rund 50 von der Naturkatastrophe betroffen. Zusätzlich haben wir über die Crowdfunding- Genossenschaftsverband – Verband der
Sie haben Glück gehabt, dass sie unversehrt Plattform „Viele schaffen mehr“ Spenden Regionen e.V. und seine Mitgliedsge-
geblieben sind. Schlimm ist jedoch, dass eini- in Höhe von 1,4 Millionen Euro eingesam- nossenschaften eine Spendenaktion ins
ge von ihnen Todesfälle im näheren Umfeld melt. Darüber hinaus wurden bislang rund Leben gerufen. Die gesammelten Spen-
beklagen müssen. Darüber hinaus können zwei Millionen Euro auf das Spendenkon- den werden über die gemeinnützige
fast 30 unserer Mitarbeiter*innen ihre Woh- to unserer Bürgerstiftung eingezahlt. Knapp Genossenschaftsstiftung ausschließlich
nungen und Häuser vorübergehend oder gar zwei Millionen Euro wurden bereits über die an die Empfänger*innnen in den betrof-
nicht mehr bewohnen. Bürgermeister*innen der jeweiligen Städte fenen Flutgebieten vergeben. So sind
und Gemeinden an die Flutopfer ausgezahlt. bis Mitte September rund 1,6 Millionen
Fotos: Volksbank RheinAhrEifel eG, Edith Billigmann, Christian/Adobe
Und wie sieht es mit Ihrer Bank aus? Zusätzlich haben wir 250.000 Euro bereitge- Euro eingegangen.
Bei uns sind fünf Filialen und vier SB-Stellen stellt, um Elektromaterial zu beschaffen, um
von der Flut stark beschädigt worden, am die Wohngebäude wieder mit Strom zu ver-
schlimmsten hat es unseren Verwaltungssitz sorgen. 150.000 Euro gingen an die IHK, um Empfänger: Genossenschaftsstiftung
in Bad Neuenahr sowie unsere Geschäfts- Mitgliedsbetriebe zu unterstützen. Betroffene Kennwort: Fluthilfe NRW, RLP
stelle am Ahrweiler Marktplatz getroffen. Feuerwehren im Kreis Ahrweiler erhielten – Kreditinstitut: DZ Bank Frankfurt
Beide Gebäude sind so beschädigt, dass über eine Aktion der R+V Versicherung bzw. IBAN: DE92 5006 0000 0010 0292 54
sie renoviert und deshalb erstmal geschlos- der R+V Stiftung – 150.000 Euro. Außerdem BIC: GENODE55XXX
sen bleiben müssen. Stark getroffen wurden werden wir noch Schulen und Kindergärten
auch unsere SB-Stellen entlang der Ahr, vor mit rund 260.000 Euro bedenken.
allem in Mayschoß und Altenahr. Hier stel- Für unsere Privat- und Firmenkunden ha-
len wir jetzt erstmal mobile Geldausgabeau- ben wir ein Sonderkreditprogramm in Höhe
tomaten auf, um die finanzielle Versorgung von 50 Millionen Euro aufgelegt. Hinzu kom-
der Bevölkerung zu sichern. Unsere SB-Stelle men schnelle Liquiditätshilfen, um zum Bei-
in Dernau und die Filiale Ahrbrück an der Ahr spiel Versicherungsleistungen vorzufinanzie-
konnten wir schon wieder öffnen. ren. Sabine Bömmer
5-2021 | GENIAL | 7Geschäftsführer Matthias Baltes
„Es sieht hier aus wie nach
dem Kosovo-Krieg“
Ein Großteil der Winzerbetriebe und Rebflächen an der Ahr ist von der Hochwasser-
katastrophe am 14. Juli zerstört worden: Viele Menschen stehen vor den Trümmern ihrer
Existenz. GENiAL sprach in der ersten Augustwoche mit Matthias Baltes, Vorstand und
Geschäftsführer der Winzergenossenschaft Mayschoß-Altenahr, über die Lage vor Ort.
E
s sieht hier aus wie nach dem Ko- Fast alle Einwohner des Ahrtals leben 200 Weinfässer aus den Lesen seit 2018
sovo-Krieg“, sagt Matthias Baltes, vom Wein und vom Tourismus. Viele haben waren in den Gebäuden und Kellern gelagert,
Chef der ältesten Winzergenos- durch das Hochwasser ihre Existenzen ver- außerdem rund 1,6 Millionen Flaschen mit
senschaft in Mayschoß, die vor al- loren. Auch die Winzergenossenschaft, ihre Rotwein, Weißwein und Sekt. Was und wie
lem Rotweine produziert. Das Unternehmen Mitarbeiter*innen und die 460 Winzer-Mit- viel davon übrig geblieben ist? Baltes weiß
hat seinen Sitz mitten im Flutkatastrophen- gliedsbetriebe, davon 250, die bei der Ge- es noch nicht. „Zig Weinpaletten schwim-
gebiet, dem Ahrtal, mit Standorten in May- nossenschaft Trauben anliefern, hat es hart men jetzt wohl durch die Nordsee“, fürchtet
schoß, Altenahr und Walporzheim. Drei Wo- getroffen. „75 Prozent von ihnen hat die Flut er. Große Sorge machen ihm auch die Wein-
chen nach der Flutkatastrophe wirkt der Ge- Häuser und Wirtschaftsgebäude, Maschi- fässer, die irgendwo unter den Schlammla-
schäftsführer immer noch stark mitgenom- nen, Geräte wie auch Rebflächen wegge- winen, einem Gemisch aus Müll, Heizöl und
men. „Alles hier ist kaputt“, sagt er. „Straßen, rissen. Unsere drei Verkaufsstellen sind zer- Abwässern, liegen. „Keine Ahnung, wie viele
Gebäude, Landschaften.“ Und das Schlimms- stört, ebenso das Verwaltungsgebäude und davon noch da sind und unbeschädigt geblie-
te für ihn ist: „Viele Menschen sind gestor- die beiden Restaurants“, listet Baltes auf. ben sind.“ Weinflaschen und Fässer müssen
ben, viele werden immer noch vermisst. Ob „Unsere Mitarbeiter*innen sind unversehrt nun erst gesucht, händisch geborgen, vom
sie von der gigantischen Hochwasser-Druck- geblieben, müssen sich nun aber um ihre Fa- Schlamm befreit und auf ihre Qualität geprüft
welle mitgerissen wurden oder noch irgend- milien und zerstörten Häuser kümmern, wir werden. „Das wird Monate dauern“, schätzt
wo unter den Trümmern liegen: Wir wissen arbeiten mit kleiner Notbesetzung.“ Baltes. Mitgerissen von den Fluten wurden
es nicht.“ neben der kompletten Infrastruktur auch vie-
Neues aus dem Ahrtal
Die durch die Flutwelle im Juli beschädigte Traubenannahmestation der Winzergenossenschaft
konnte rechtzeitig zur Weinlese ab dem 17. September repariert werden. Geschäftsführer Matt-
hias Baltes rechnet unter anderem durch die Wetterkatastrophe, aber auch durch Pilzkrankhei-
ten mit einem Ernteausfall von insgesamt 35 bis 40 Prozent. Die positive Nachricht in diesem
Zusammenhang: Für die Lese standen ausreichend freiwillige Erntehelfer*innen zur Verfügung.
Fotos: Matthias Baltes, Jan Pfülb/pivat
8 | GENIAL | 5-2021IN KÜRZE
Bildqualität: Alle Fotos wurden mit dem Handy aufgenom-
men und nach Wiederherstellung des Mobilfunknetzes später
per Whatsapp an die Redaktion geschickt.
Der Wiederaufbau beginnt und der Flutwein wird geborgen.
le Rebflächen entlang der Ahr. Die Winzerbe- Steillagen des Ahrtals. Da ist die Flutwelle Ist die Genossenschaft eigentlich von ir-
triebe der Genossenschaften bewirtschaften nicht hingekommen.“ Baltes oberste Priorität gendeiner offiziellen Stelle vor dem Hoch-
150 Hektar Rebfläche, 15 Prozent sind Was- ist es nun, die Ernte, die ab September be- wasser gewarnt worden? „Uns hat nie-
ser und Schlamm zum Opfer gefallen. „Eine ginnt, zu retten: „Sonst sind die Verluste noch mand aktiv informiert“, sagt Baltes. Die Ge-
volle Ernte können wir dieses Jahr verges- größer.“ Er ist sich sicher: „Das schaffen wir!“, nossenschaft hatte schon Erfahrungen mit
sen“, sagt Baltes, dessen Genossenschaft und lobt die Solidarität und die Tatkraft der dem Hochwasser im Jahr 2016. Er habe des-
im Schnitt 1,2 Millionen Liter Wein, vor allem Bürger*innen im Ahrtal. „Alle Winzer*innen halb schon Tage zuvor den Deutschen Wet-
Rotwein wie Spätburgunder, aber auch zu 25 des Ahrtals packen ebenfalls mit an, stellen terdienst verfolgt, der Starkregen mit Über-
Prozent Weißwein produziert. uns ihre Arbeitskraft, Maschinen und Gerä- schwemmungen vorhergesagt habe, und für
Bei allem Unglück hat die Winzergenos- te zur Verfügung.“ Auch von außen erreichen seine Winzergenossenschaft Vorsorge ge-
senschaft noch ein wenig Glück gehabt: „60 immer mehr Helfer*innen das Katastrophen- troffen. „Wir haben uns auf einen Wasserpe-
Prozent unserer Rebflächen liegen in den gebiet. Alle Kraft setzt Baltes deshalb dar- gel von knapp vier Metern vorbereitet“, sagt
an, die elektronische Traubenpresse in May- er. „Doch mit dieser riesigen Druckwelle von
schoß wieder in Gang zu setzen, die durch neun Metern, die sich nachts innerhalb ei-
das Wasser funktionsuntüchtig geworden ner Stunde aufgebaut hatte, haben wir nicht
ist. „Das müssen wir unbedingt bis zur Lese gerechnet.“
schaffen“, sagt er. Sabine Bömmer
Spendenaktion für das Ahrtal
Wie viele andere Winzerbetriebe beteiligt sich auch die Winzergenossenschaft Mayschoß-Altenahr an der
Spendenaktion mit Flutwein. So können gemischte „Hochwasser Schlammweinpakete“ mit sechs Flaschen
Wein bei der Genossenschaft per E-Mail an info@wgmayschoss.de bestellt werden. Der Versand dauert vier
bis sechs Wochen. Zahlungen gehen bitte per Vorkasse an: Volksbank RheinAhrEifel BIC GENODED1BNA,
IBAN DE19 5776 1591 0550 0821 01, WG Mayschoß-Altenahr, Stichwort: Hochwasserpaket
5-2021 | GENIAL | 9Herr Düssel, was genau steckt hinter der EU-
Richtlinie 2019/1937?
Für eine starke CHRISTIAN M. DÜSSEL: Wir sehen immer wieder Fäl-
le von Fehlverhalten und Rechtsverstößen in Unterneh-
Compliance-Kultur –
men. Sie verursachen häufig enorme materielle und im-
materielle Schäden. Wirecard ist sicher der aktuellste Fall.
Whistleblower besser
Aber auch der Verbund ist vor solchen Vorkommnissen
nicht sicher. Ein Großteil der Fälle kann vermieden wer-
den, wenn ein wirksames Hinweisgebersystem besteht.
schützen Dies setzt jedoch voraus, dass Hinweisgeber*innen ano-
nym und wirksam entsprechende Hinweise melden kön-
nen. Die EU-Richtlinie setzt hier an und schafft in allen
Mitgliedstaaten einheitlich hohe Schutzstandards für in-
und externe Hinweisgeber*innen. Sie muss bis 17. De-
Die neue EU-Whistleblower-Richtlinie fordert für alle
zember 2021 in nationales Recht umgewandelt werden.
Unternehmen ab 50 Mitarbeiter*innen sichere Melde-
kanäle für in- und externe Hinweisgeber*innen. Der Wer ist künftig wozu genau verpflichtet?
Alle Unternehmen und Behörden mit mehr als 50 Be-
Genossenschaftsverband nutzt das Hinweisgeber- schäftigten müssen künftig sichere interne Meldekanä-
system 360 der AWADO Rechtsanwaltsgesellschaft le für in- und externe Hinweisgeber*innen bereitstellen
(RAG). Darüber sprachen wir mit Christian M. Düssel, – also auch Genossenschaften. Für alle ist dies mit einem
enormen Aufwand verbunden. Denn sie müssen nicht
Geschäftsführer der AWADO RAG, und Dirk Dietrich, nur die Möglichkeit der Meldung von Missständen sicher-
Leiter der Stabsabteilung „Integriertes Risikomanage- stellen, sondern auch deren Dokumentation und mögli-
che Folgemaßnahmen durch unabhängige und kompe-
ment“ des Genossenschaftsverbandes. tente Expert*innen. Und: Die Hinweisgeber*innen müs-
sen absolut darauf vertrauen können, dass ihre Identität
geschützt ist.
10 | GENIAL | 5-2021AUS DEM
VERBAND
www.hinweisgebersystem360.de
Christian M. Düssel Dirk Dietrich
Gibt es so etwas nicht schon in den Steckt dahinter mehr als eine techni- Kartellrecht oder zivilrechtliche Fragen geht,
Genossenschaften? sche Lösung? ist die Einschaltung von Expert*innen für uns
Viele Banken haben bereits Hinweisgeberka- Auf jeden Fall. Dem System liegt die Techno- gewinnbringend. Die AWADO RAG hat hier
näle, weil dies im Geldwäschegesetz (GWG) logie eines Marktführers zugrunde. Aber wir eine breite Expertise und auch die erforderli-
oder Kreditwesengesetz (KWG) vorgeschrie- machen deutlich mehr: Wir richten den Kanal chen Ressourcen sowie entsprechend stan-
ben wird. Die Qualität dieser Kanäle variiert ein, betreuen ihn und stellen das Reporting, dardisierte Prozesse und Reportings. Somit
jedoch sehr stark und nicht jeder Kanal erfüllt die saubere, fristgerechte und rechtliche Be- sind wir in der Bearbeitung deutlich schneller
die Anforderungen der Richtlinie. Ein Brief- arbeitung der Hinweise sowie die Anonymi- und effektiver, wenn die Hinweise gleich bei
kasten an der Tür des Compliance-Beauf- tät der Hinweisgeber*innen sicher. Dadurch der AWADO RAG eingehen.
tragten oder eine Mailadresse reichen nicht sparen Unternehmen immense Ressourcen
– schon aus Gründen der Anonymität und Er- sowie Zeit- und Personalaufwand ein. Vie- Wo sehen Sie weitere Vorteile?
reichbarkeit für Externe. Zudem richtet sich le Unternehmen haben übrigens weder das Ich bin hier bei den Aussagen von Herrn Düs-
der Blick bei bestehenden Kanälen bisher Know-how noch die zeitlichen und personel- sel. Denn wir wollen, dass das Hinweisge-
nur auf banktypische Themen. Die Richtlinie len Kapazitäten, um die neuen Vorgaben um- bersystem von unseren Mitarbeiter*innen,
geht jedoch weit hierüber hinaus und fördert zusetzen. Mitgliedern, Vertragspartner*innen und al-
jeden Hinweis, egal von wem und egal zu len, mit denen wir in geschäftlichem Kontakt
welchem Verstoß – ob Mobbing, Diskriminie- Herr Dietrich, warum nutzt der Ge- stehen, akzeptiert, genutzt und positiv wahr-
rung, Datenschutz oder Kartellrecht. nossenschaftsverband das Hinweis- genommen wird. Für uns ist dies kein Fei-
Entscheidend ist aber noch ein ganz an- gebersystem 360 der AWADO RAG? genblatt, sondern ein wesentlicher Baustein
derer Punkt: Ich bin der festen Überzeu- Können Sie dies nicht intern lösen? für die aktive Gestaltung einer Risiko- und
gung, dass jedes Unternehmen heute eine DIRK DIETRICH: Diese Frage haben wir Compliance-Kultur.
starke Compliance-Kultur benötigt. Die- uns natürlich auch gestellt. Aber letztlich ist Deshalb ist es für uns wichtig, dass sys-
Fotos: AWADO RAG, Genossenschaftsverband – Verband der Regionen e.V.
se erreicht man nur, wenn man die Richtli- die Antwort klar. Zuallererst: Wir hätten auch temseitig und prozessual im Hinblick auf Ver-
nie nicht als Regulierungsdruck, sondern als ohne die rechtliche Verpflichtung durch die traulichkeit ein höchstmöglicher Standard ge-
Chance begreift und sich mit einem wirksa- Richtlinie ein Hinweisgebersystem einge- wahrt wird. Der Schutz des Hinweisgebers
men Hinweisgebersystem gegenüber den führt. Unser Ziel ist es, ein wirksames Risi- oder der Hinweisgeberin spielt hierbei eine
eigenen Mitarbeiter*innen, Kund*innen und komanagement für den Genossenschafts- herausragende Rolle. Bei rein intern bereit-
Vertragspartner*innen klar zu einer trans- verband sicherzustellen. Dies umfasst auch gestellten Meldewegen bleibt immer das be-
parenten und starken Compliancekultur be- das Management von Compliance-Risiken. wusste oder unterbewusste Misstrauen der
kennt. Unser Managed Legal Service „Hin- In diesem Zusammenhang spielen das Mel- potenziellen Hinweisgeber*innen, dass die
weisgebersystem 360“ schafft das. den potenziellen Fehlverhaltens und damit so eminent wichtige Anonymität nicht ge-
ein wirksames Hinweisgebersystem eine wahrt bleibt. Oder dass der Hinweis nicht
wichtige Rolle. Aber zu Ihrer Frage: Natür- gehört, nicht mit der nötigen Intensität be-
lich können wir einzelne Hinweise auch sel- handelt oder gar unter den Tisch fallen gelas-
„Jedes Unternehmen benötigt heute ber bearbeiten, solange sie unsere Kernthe- sen wird. So ist es ja bei Wirecard gesche-
eine starke Compliance-Kultur.“ men wie zum Beispiel das Berufsrecht oder hen. Hier wollen wir als Verband ganz klar mit
Christian M. Düssel GWG betreffen. Spätestens aber, wenn es gutem Beispiel vorangehen.
um andere Themen wie das Arbeits- oder
5-2021 | GENIAL | 11Projektwilligkeit und -fähigkeit führen
zum Fusionserfolg
Seit April berichtet GENiAL über das Projekt Fusionsmanagement 360, in dem die AWADO
Gruppe Unterstützungsleistungen für Transformationsprozesse bündelt. GENiAL sprach mit
Alexander May, Manager in der AWADO Services, über das Projektmanagement als
„Transmissionsriemen“ einer Fusion.
Her May, welche Bedeutung hat Welche Anforderungen gibt es gene-
das Projektmanagement bei einer rell an das Projektmanagement?
Fusion? Das sind drei Dinge:
ALEXANDER MAY: Eine Fusion gehört für • Das Projektmanagement muss es durch
die beteiligten Banken mit zu den komple- methodische Exzellenz schaffen, dass sich
xesten Projekten ihrer Unternehmensge- die Projektbeteiligten auf die Inhalte fokus-
schichte – vielleicht noch vor der Umstellung sieren können. Hier ist wenig Platz für Expe-
von bank21 auf agree21. Die Banken müssen rimente.
die unterschiedlichsten Aktivitäten umset- satorische Fusion sowie die technische Fu- • Die Projektleitung muss umfassende Erfah-
zen. Das gilt selbst im „einfachen Fall“, wenn sion. Darunter subsummieren sich weitere rung im Management großer Projekte mit-
eine sehr große Bank mit einer deutlich klei- Themen wie steuerliche oder aufsichtsrecht- bringen. Wer nur rein theoretisches Wissen
Foto: AWADO Services
neren Bank fusioniert und die Prozesse der liche Fragen. Das stellt vor allem Institute, die hat, lässt in der Anwendung bei Projekten
großen Bank im Grunde häufig „nur“ über- noch keine oder nur aus ferner Vergangen- dieser Größe häufig Federn.
nommen werden müssen. heit Fusionserfahrung besitzen, vor Heraus- • Das Projektmanagement muss eine ent-
Dabei lassen sich drei zentrale Bereiche forderungen – neben dem Umfang kommt sprechende Professionalität haben. Projekt-
skizzieren: die juristische Fusion, die organi- noch das Neue dieses Prozesses hinzu. pläne in Excel sind hier definitiv fehl am Platz.
12 | GENIAL | 5-2021AUS DEM VERBAND
Was ist der Mehrwert durch den
Ansatz Fusionsmanagement 360 und
insbesondere des Projektmanage-
ments?
Das Projektmanagement verkörpert die 360
Grad, also die Betrachtung einer Fusion aus
allen Perspektiven. Dabei hat das Projekt-
management sinnbildlich die Rolle eines Or-
chesterdirigenten inne: Es antizipiert Ände-
rungen im Rhythmus des Projekts, steuert
zeitgerecht Aktivitäten und den Einsatz von
Beteiligten, organisiert Übergangsphasen
und ändert, wenn nötig, Instrumente oder
Methoden. Das Projektmanagement behält
– mit wechselndem Fokus – beständig alles
im Blick.
Der gemeinsame Auftritt der AWADO
Gruppe, der GenoAkademie und der Geno-
PersonalConsult mit ihren Spezialist*innen
hat den großen Vorteil, dass jeder den an-
deren und seine Spielweise kennt. So funk-
Was sind typische Fehler im Pro- tioniert das Zusammenspiel für eine erfolg-
jektmanagement einer Fusion? reiche Fusion ohne zusätzliche Proben oder
Klassische Fehler sind, zu viel zu schnell Diskussionen.
mit zu wenig Ressourcen bewerkstelli- Alexander May Aber auch „Gastspieler“ – wie der jewei-
gen wollen. Gerade bei einer Fusion mit lige Prüfungsverband, die Atruvia oder an-
den aufsichtsrechtlichen Vorgaben, die ei- dere Dienstleister der Bank – werden durch
nem Zeitplan mit verschiedenen Meilenstei- das Projektmanagement so dirigiert, dass
nen folgen sollte, ist eine umfassende Pla- sie ohne Dissonanzen zusammenarbei-
nung mit einer realistischen Einschätzung Dies wird insbesondere bei dem häu- ten können. Ein gutes Projektmanagement
der notwendigen Zeiten und potenzieller Puf- fig ersten Schritt des Projektmanagements muss auf allen Ebenen wirken: von den
fer zwingend notwendig. Insbesondere un- deutlich: einer funktionalen Projektorganisati- Entscheider*innen über die Manager*innen
erfahrene Banken, die sich entscheiden, eine on. Ihr primäres Ziel ist es, im Projektverlauf bis hin zur operativen Ebene.
Fusion ohne externe Unterstützung durchzu- effektiv und effizient Entscheidungen zu tref-
führen, laufen hier Gefahr, die Anforderun- fen. Diese Projektorganisation bietet dann Was ist das wichtigste Element des
gen zu unterschätzen. auch die benötigte Struktur, um die Aktivitä- Projektmanagements?
ten der juristischen, organisatorischen und A und O einer Fusion ist neben einer voraus-
Wie sieht Ihr Ansatz im Projektma- technischen Fusion abzuarbeiten. schauenden Planung eine effektive und effizi-
nagement aus? ente Kommunikation mit den Stakeholdern,
Unser Projektmanagementansatz steht auf Um welche Phasen handelt es sich also allen am Projekt Beteiligten. Eine regel-
den zwei Pfeilern Projektwilligkeit und Pro- dabei? basierte und schlanke Projektkommunikati-
jektfähigkeit. Fehlt eine dieser beiden Voraus- Wir unterteilen die Aktivitäten grundsätzlich on unterstützt die Projektorganisation dabei
setzungen, ist das Projekt bereits zum Schei- in sechs Phasen: 1. Sondierung, 2. Vorberei- nachhaltig und dient den Projektleiter*innnen
tern verurteilt. tung, 3. Konzeption Zielbild, 4. Ausarbeitung als ständiger „Pulsmesser“ des Projekts. So
Während die Projektwilligkeit bei den Konzeption, 5. Umsetzung und 6. Post-Mer- hat die Projektleitung einen guten Überblick
handelnden Personen meistens gegeben ist ger, also die Integrationsphase nach einer Fu- aller Aktivitäten und kann Probleme oder
(unterlegt mit den entsprechenden Ressour- sion. Der strategische Fokus nimmt mit jeder Schwächen frühzeitig identifizieren. Auf die-
cen), ist die Projektfähigkeit immer wieder Phase ab, während die operative Arbeit zu- se Weise werden alle direkt und indirekt am
ein Problem. nimmt. In der Praxis sind die Phasen jedoch Projekt Beteiligten regelmäßig abgeholt –
nicht „hart“ voneinander getrennt, denn vie- das Commitment für die Fusion steigt.
le Aktivitäten überlappen sich. Dr. Volker Hetterich
5-2021 | GENIAL | 13#GENOFORSCHOOL
Genossenschaft
macht Schule
Was es bisher ausschließlich in Deutschland gab, hat
nun auch in Österreich seinen Anfang genommen: Un-
ter dem Motto „Genossenschaft macht Schule“ haben
Schüler*innen der HBLA (Höhere Bundeslehranstalt) für
Forstwirtschaft, der „Försterschule“ aus Bruck/Mur in der
Steiermark, und der HLBLA (Höhere landwirtschaftliche
Bundeslehranstalt) St. Florian in Oberösterreich jeweils
eine Schülergenossenschaft gegründet, um kooperatives
Wirtschaften in der Praxis zu erlernen.
I
n der Schülergenossenschaft der HBLA Försterschule in Bruck/Mur kümmern
sich die jungen Genoss*innen um Einkauf und Vertrieb von Funktionskleidung
für den Schulbetrieb mit dem eigens kreierten Logo ihrer Genossenschaft. Die
Schüler*innen der HLBLA St. Florian widmen sich der Tierhaltung und werden
künftig nicht nur die Schuljause betreuen, sondern zudem mit einem mobilen Hühner-
stall die Versorgung mit Eiern sicherstellen.
Beide Schülergenossenschaften gehen auf ein vom Österreichischen Raiffeisenver-
band (ÖRV) initiiertes Pilotprojekt zurück, das gemeinsam mit den zuständigen Ministe-
rien für Bildung und für Landwirtschaft sowie dem Österreichischen Genossenschafts-
verband Schulze-Delitzsch (ÖGV) und dem Wohnbauverband (GBV) entwickelt wurde.
Als Unterstützer und für den Praxisbezug mit an Bord sind jeweils Partnergenossen-
schaften aus der Region sowie für die Gründungsbegleitung und die jährliche Revision
der Schülergenossenschaft der jeweilige Landesrevisionsverband. Auch der Genossen-
schaftsverband – Verband der Regionen war unterstützend tätig. Dominik Kitzinger, Be-
reichsleiter Prüfung und Betreuung Genossenschaften Süd/West, freut sich, dass er sei-
ne Erfahrung bei der Gründung und Betreuung von mittlerweile annähernd 200 Schü-
lergenossenschaften in Deutschland einbringen konnte.
Derzeit gibt es an österreichischen Schulen bereits 850 Übungsfirmen und 350 so-
genannte Junior Companies. Mit den Schülergenossenschaften kommt nun eine neue
Form dazu, die der österreichische Bundesbildungsminister Heinz Faßmann sogar als
„Königsdisziplin der Schülerfirmen“ bezeichnet, weil in ihnen viele wichtige Aspekte im
Fotos: HLBLA St. Florian, Försterschule Bruck/Mur
Mittelpunkt stehen, „wie etwa nachhaltiges Wirtschaften in der Region, Finanzbildung,
die vier Ks der 21st Century Skills – Kritisches Denken, Kreativität, Kooperation und
Bild oben: Mobiler Hühner-
stall der HLBLA St. Florian
Kommunikation – und effektives Projektmanagement“, so der Minister, der Genossen-
schaften insgesamt als „Rechtsform der Zukunft“ sieht.
Bild unten: Vorstand und Für die Pilotphase wurden insgesamt vier Schulen in Österreich ausgewählt – neben
Aufsichtsrat der Schülerge- der Försterschule Bruck und der HLBLA St. Florian sind das die Praxis-HAK in Völker-
nossenschaft Försterschule markt und das Josephinum in Wieselburg, wo die Gründungsversammlungen noch an-
stehen und jeweils im Herbst 2021 geplant sind. Brigitte Ott
14 | GENIAL | 5-2021AUS DEM VERBAND
AWADO vereinfacht das Compliance-
Management
Die stetig steigenden Anforderungen beim Thema Finanzmarkt-
regulierung machen vor Genossenschaftsbanken nicht halt. Sie
wirken sich unter anderem auch auf Aufgaben im Bereich Com-
pliance aus und sind in den vergangenen Jahren immer viel-
fältiger, umfangreicher und komplizierter geworden. Ein neues
Angebot der AWADO GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft
Steuerberatungsgesellschaft (WPG StBG) schafft nun Abhilfe.
B
isher ist das Thema Compliance an • Alle anderen Aktivitäten werden eventu-
verschiedenen Stellen in der Bank ell in Projektunterlagen, Mails oder Papier-
verortet. Die meisten haben kein form abgelegt und
einheitliches Compliance-Manage- • der Jahresbericht wird dann mühsam ma-
ment-System. „Die Daten liegen in der Bank nuell erstellt, was insgesamt sehr kosten- Peter Uherr ist zertifizierter Experte für
oft an vielen verschiedenen Stellen. Die Ver- und zeitintensiv, aber auch fehleranfällig, Compliance bei der AWADO WPG StBG.
knüpfung der einzelnenThemen ist meist nicht ist.
gegeben und eventuell notwendige Aktuali- Zusammen mit der FORUM Gesellschaft „MaRisk-Compliance“ bereits in diesen Ta-
sierungen erfolgen nicht im entsprechenden für Informationssicherheit mbH entwickelt gen nach der abgeschlossenen Pilotphase
Umfang“, erklärt Peter Uherr, Gesamtbank- die AWADO GmbH WPG StBG ein modu- mit ersten Banken. Danach folgen die Module
Compliance-Manager bei der AWADO GmbH lares Compliance-Management-System, Tax-Compliance, WpHG-Compliance, Geldwä-
WPG StBG. Als Beispiele nennt er: das unterschiedliche Compliance-Themen sche- und Betrugsprävention (zentrale Stelle)
• Die Risikoanalyse wird zum Beispiel in und -Funktionen zusammenführt. „Dies er- und ein Gesamtbank-Modul über alle Com-
Word oder Excel erstellt, meist einmal im möglicht Synergien, vermeidet Doppelarbei- pliance-Bestandteile (unter anderem eine Ge-
Jahr, evtl. notwendige unterjährige Aktua- ten, fördert Transparenz und steigert letzten samtbank-Risikoanalyse). „Selbstverständlich
lisierungen erfolgen selten. Endes den Nutzen für den Kunden“, erläu- begleiten wir die Banken auf Wunsch bei der
• Ein rechtliches Monitoring wird oft ver- tert unser Compliance-Experte. Er ergänzt: Umsetzung – beratend, aber auch aktiv un-
sucht über Notes darzustellen oder extern „Banken können es modular erwerben und terstützend, zum Beispiel bei der Erstellung
eingekauft. bankindividuell an die jeweiligen Bedürfnisse von bankindividuellen Risikoanalysen, dem
• Der Jahresüberwachungsplan wird manu- anpassen.“ Aufbau von rechtlichen Monitorings oder von
ell in einem weiteren Medium aufwendig Jahresüberwachungsplänen sowie bei der
Foto: AWADO WPG StBG
zusammengestellt. Die dafür notwendige „MaRisk-Compliance“ ist startklar Durchführung von Kontrollhandlungen“, erklärt
Herleitung ist oft nicht nachvollziehbar. Uherr. Wichtig sei vor allem, dass den Kunden
• Kontrollhandlungen werden wiederum Die einzelnen Module werden jetzt nach und ein System zur Verfügung stehe, dass sie ei-
in einem weiteren Medium isoliert doku- nach für die Banken angeboten. Ab 2023 ste- genständig nutzen können, bei dem alle Da-
mentiert, die Ergebnisse werden aber oft hen dann alle Module für Compliance-The- ten im direkten Zugriff sind und dass sie in ih-
nicht in die Risikoanalyse integriert. men zur Verfügung. Das Erste startet mit rer täglichen Arbeit unterstützt.
5-2021 | GENIAL | 15„Wir beeinflussen bereits heute
entscheidend die Lebensqualität der
Generationen von morgen“
Dr. Henrik Pontzen, Leiter ESG (Environmental Social Governance) bei Union Investment, ist
Mitglied im Nachhaltigkeitsrat des Genossenschaftsverbandes. GENiAL hat nachgefragt, was
die genossenschaftlichen Fondsexpert*innen unter Nachhaltigkeit verstehen, was das alles mit
Investmentfonds und Sparen zu tun hat und wie er sich im nachhaltigen Netzwerk des
Verbandes einbringen möchte.
Was verstehen Sie unter Nachhaltig- Was können Sie als Assetmanager dite zu verzichten, wie unsere Befragungen
keit? beim Thema Nachhaltigkeit tun, und zeigen. Das ist aber gar nicht nötig, im Ge-
DR. HENRIK PONTZEN: Bei Union Invest- was tun Sie bereits? genteil. Die Berücksichtigung von Nachhal-
ment beschäftigen wir uns seit gut 30 Jahren Wir berücksichtigen bereits beim über- tigkeitskriterien kann dazu beitragen, Risi-
mit nachhaltigen Kapitalanlagen. Nachhal- wiegenden Teil des von uns verwalteten ken bei Investments frühzeitig zu erkennen.
tigkeit umfasst für uns sowohl ökologische Vermögens ESG-Kriterien, nicht nur bei Handeln Unternehmen ohne Rücksicht auf
(englisch: environmental) und soziale (social) den Nachhaltigkeitsfonds. Wir engagie- Gesellschaft und Umwelt, drohen ihnen er-
Aspekte als auch eine verantwortungsvolle ren uns zudem als aktiver Aktionär. Unse- hebliche Reputationsschäden und finanzielle
Unternehmensführung (governance), wofür re Fondsmanager*innen führen rund 4.000 Verluste. Werden Investments in Wertpapie-
die englische Abkürzung „ESG“ steht. Viele Unternehmensgespräche im Jahr, bei de- re solcher Unternehmen vermieden, lassen
Menschen verbinden Nachhaltigkeit bei der nen auch die Nachhaltigkeit eine große Rolle sich Risiken reduzieren und das Portfolio wird
Geldanlage bisher in erster Linie mit Ökolo- spielt. Im Dialog mit den Unternehmen for- stabiler. Umgekehrt sollte es sich auszahlen,
gie. Doch nur wer alle drei Säulen der Nach- dern wir Veränderungsprozesse ein. Natür- wenn sie auf nachhaltige Unternehmen set-
haltigkeit berücksichtigt, investiert nachhaltig. lich arbeiten wir auch intensiv daran, unse- zen. Allerdings nicht nur auf solche, die be-
re eigene Nachhaltigkeitsleistung zu verbes- reits sehr nachhaltig und daher oft teuer sind,
sern. Unser unternehmensweites Nachhal- sondern auch auf Unternehmen, die auf dem
tigkeitsprogramm wird jährlich geprüft und Weg sind, nachhaltiger zu werden. Gelingt
kontinuierlich weiterentwickelt. diesen eine solche Transformation, fördert
das den nachhaltigen Umbau der Wirtschaft
Was nutzt dies alles Ihren und kommt gleichzeitig den Sparer*innen zu-
Kund*innen, was hat Sparen mit gute.
Nachhaltigkeit zu tun?
Sparen und Nachhaltigkeit sind ei- Nachhaltigkeit wird auch bei der
nander ähnlich. Denn wer spart, Geldanlage zunehmend ein Thema,
handelt vorausschauend – und weil Anleger*innen künftig dazu im
wer vorausschauend handelt, Beratungsgespräch befragt werden
handelt auch nachhaltig. Zuguns- müssen. Was sind hier die größten
ten der Nachhaltigkeit wären vie- Herausforderungen?
le Sparer*innen sogar bereit, Wir haben Berater*innen aus Genossen-
bei der Geldanlage auf Ren- schaftsbanken und weiteren Geldinstitu-
ten zum Thema Nachhaltigkeit befragt.
Sie gehen davon aus, dass die nachhalti-
ge Geldanlage stark an Bedeutung gewin-
nen wird. Als Herausforderung haben sie
„Nachhaltige Geldanlage wird
stark an Bedeutung gewinnen.“
16 | GENIAL | 5-2021AUS DEM VERBAND
Dr. Henrik Pontzen von Union Investment
„Dank der Initiative des
jedoch gleichzeitig die hohe Komplexität
Genossenschaftsverbandes Durch den gesellschaftlichen Wertewandel
des Themas und das Fehlen einer ein- ist eine Plattform geschaf- sowie neue Technologien gewinnt Nachhal-
heitlichen Definition von Nachhaltigkeit tigkeit immer weiter an Bedeutung. Dabei
genannt. Außerdem war vielen noch nicht
fen worden, die bei der sollten sich Sparer*innen allerdings bewusst
bewusst, dass sie zukünftig verpflichtet Nachhaltigkeit einen Blick sein, dass es keine Antwort auf die Herausfor-
sein werden, Privatkund*innnen zu ihren derungen der Zukunft sein kann, ausschließ-
Nachhaltigkeitspräferenzen zu befragen. über den Tellerrand lich in besonders nachhaltige Branchen zu in-
Der Informationsbedarf ist hier entspre- ermöglicht.“ vestieren. Vielmehr gilt es, den Wandel wich-
chend hoch und nimmt noch weiter zu, je tiger Wirtschaftssektoren wie der Automo-
mehr regulatorische Vorgaben zum Tragen bil- oder der Stahlindustrie zu begleiten und
kommen. Wir haben in Zusammenarbeit kern statt, die beim Thema Nachhaltigkeit mit innovative Technologien gezielt zu fördern.
mit unseren Partnerbanken bereits modu- ganz unterschiedlichen Herausforderungen Über die Geldanlage hinaus sollten wir uns als
lar aufgebaute Schulungen rund um das konfrontiert werden. Als Vertreter von Uni- Konsument*innen natürlich alle die Frage stel-
Thema Nachhaltigkeit durchgeführt. Darü- on Investment mit eigenem Nachhaltigkeits- len, welchen individuellen Beitrag wir für eine
ber hinaus erhalten die Berater*innen von team und Nachhaltigkeits-Research kann ich lebenswerte Zukunft leisten können. Denn
uns umfangreiche Materialien, damit sie unsere neuesten Erkenntnisse mit in die Dis- wir beeinflussen bereits heute entscheidend
ihren Kund*innen die nachhaltige Geldan- kussion einbringen. Im Gegenzug erfahre die Lebensqualität der Generationen von mor-
lage und entsprechende Produkte näher- ich, was die Kolleg*innen in der Verbandsfa- gen.
bringen können. milie beim Thema Nachhaltigkeit aktuell be-
Fotos: Union Investment, Jan Will/adobe.com
wegt und auf welche Lösungen sie setzen. Wie nachhaltig leben Sie selbst
Wie können Sie mit Ihrer Expertise Vor allem im Hinblick auf die Entwicklung privat?
den Nachhaltigkeitsrat des Genos- neuer Ansätze und Konzepte ist eine solche Beruflich fahre ich meist mit dem Zug und
senschaftsverbandes unterstützen? Vernetzung im Nachhaltigkeitsrat sehr hilf- privat mit dem Rad, ohne jedoch ganz auf
Dank der Initiative des Genossenschaftsver- reich, um die verschiedenen Bedürfnisse be- ein Auto zu verzichten. Lebensmittel kaufe
bandes ist eine Plattform geschaffen wor- rücksichtigen zu können. ich überwiegend auf dem Wochenmarkt und
den, die bei der Nachhaltigkeit einen Blick baue neuerdings auch Gemüse in einem Ge-
über den Tellerrand ermöglicht. Im Nachhal- Was können und müssen wir tun, um wächshaus im eigenen Garten an. Und bei
tigkeitsrat findet mit wissenschaftlicher Be- die Welt für heutige und zukünftige der Geldanlage setze ich natürlich vor allem
teiligung ein intensiver Austausch von Prakti- Generationen zu gestalten? auf nachhaltige Investments.
5-2021 | GENIAL | 17Genossenschaften
für Geschlechter-
gleichheit
Der „Im Fokus“-Themenplan von GENiAL 2021 entlang der
UN-Nachhaltigkeitsagenda und was
dies für Genossenschaften bedeutet:
Ausgabe 1: Wirtschaft, Innovation und Infrastruktur (UN-Ziel 9)
Ausgabe 2: Gesundheit und Wohlergehen (UN-Ziel 3)
Ausgabe 3: Hochwertige Bildung (UN-Ziel 4)
Ausgabe 4: Nachhaltige Städte und Gemeinden (UN-Ziel 11)
Aktuell: Geschlechtergleichheit (UN-Ziel 5)
Ausgabe 6: Bezahlbare und saubere Energie (UN-Ziel 7)
Foto: gerasimov174/adobe.com; Quellen: Bundesregierung, Statistisches Bundesamt
18 | GENIAL | 5-2021SCHWERPUNKT GESCHLECHTERGLEICHHEIT
1919: Deutschland führt das Frauen-Wahlrecht ein.
1957: Gesetz über die Gleichberechtigung von
Mann und Frau auf dem Gebiet des
bürgerlichen Rechts wird verabschiedet.
1958: Frauen dürfen von
nun an ein eigenes Konto
eröffnen und über ihr eigenes
Geld entscheiden.
1977: Reform des
Ehe- und Familienrechts im
Juni 1994: Der Paragraf 175 des deutschen BGB. Bisher durften Frauen
Strafgesetzbuches wird abgeschafft. Er stellte bis nur arbeiten, solange sie
dahin sexuelle Handlungen zwischen Personen die Familie und Ehe nicht
männlichen Geschlechts unter Strafe. vernachlässigten.
12. August 2021: Das 2. Führungspositionengesetz tritt in Kraft.
Es enthält verbindliche Vorgaben für die Wirtschaft und den öffentlichen
Dienst bei der Besetzung von Frauen in Führungspositionen.
„Tatsächliche Gleichstellung von Frauen und
Männern haben wir in Deutschland noch nicht
erreicht. Es bleibt noch viel zu tun.“
Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel (16. August 2021)
Die Bundesregierung schließt sich deshalb
dem 5. Ziel Geschlechtergleichheit der
UN-Nachhaltigkeitsagenda an, das vor
allem die Benachteiligung von Frauen
und Mädchen in Wirtschaft,
Gesellschaft und Politik
aufheben will. Auch
GENiAL konzentriert
sich in dieser
Ausgabe auf das
Thema und berichtet
über starke Män-
Frauenanteile: Bundestag
31 Prozent, auf kommunaler ner und Frauen in
Ebene in Führungspositionen ebenso starken
30 Prozent, in den Verwaltungs- Genossenschaften.
spitzen von Städten und
Gemeinden 11 Prozent, bei
Universitätsprofessuren
24,7 Prozent
5-2021 | GENIAL | 19Digitalisierung geschlechtergerecht
Dr. Caroline Richter ist Soziologin am Institut
Arbeit und Qualifikation der Universität
Duisburg-Essen.
Welche Rolle spielt dabei die Künstli-
che Intelligenz?
Die Künstliche Intelligenz (KI) ist ja nicht von
sich aus neutraler oder objektiver. Sie wird
von Menschen, vorwiegend Männern, ge-
staltet, die von sich und ihrer Lebens- und
Arbeitswelt ausgehen. Softwaresysteme für
Personalauswahlverfahren verbreiten sich in-
zwischen auch in Europa. Lebensläufe wer-
den von algorithmischen Systemen gescannt
und bewertet.
Durch Videospiele und Analysen von Ton-
und Videoaufnahmen in Bewerbungsgesprä-
chen werden Soft-Skills-Profile erstellt und
damit die Eignung der Kandidat*innen für
einen Job berechnet. Oft basieren die Sys-
teme auf Tausenden Vergleichsdatensätzen
GENiAL sprach mit der aus Lebensläufen oder Spielergebnissen er-
folgreicher Mitarbeiter*innen. Werden die
Soziologin Dr. Caroline
Lebensläufe einer vorwiegend männlichen
Richter, die der Sach- Belegschaft oder Führungsetage zugrunde
Das Gutachten zum 3. Gleichstel- verständigenkommission gelegt, schneiden Bewerberinnen prinzipiell
lungsbericht der Bundesregierung schlechter ab. Amazon verzichtete deshalb
stellt fest: Die digitale Welt ist immer
zum 3. Gleichstellungs- 2016 auf eine solche Software zur Führungs-
noch männlich, also nicht geschlech- bericht der Bundesregierung kräfteauswahl. Auch viele andere Digitalisie-
tergerecht. Können Sie Beispiele angehört. rungsansätze haben große Diskriminierungs-
nennen? potenziale, natürlich auch in allen anderen
DR. CAROLINE RICHTER: In der digitalen Lebenswelten.
Lebens- und Arbeitswelt ist es grundsätz-
lich nicht anders als in der analogen. Auch dien geschlechterneutral oder geschlechter- Woran liegt es, dass Frauen in der di-
hier gibt es Diskriminierungen, Ungleichhei- gerecht, wie geschlechterbezogene Gewalt gitalen Welt so wenig präsent sind?
ten oder Ausgrenzungen. In der Sachver- und „Hate Speech“ zeigen. Gibt es Zugangsbarrieren?
ständigenkommission haben wir diskutiert, Bei algorithmischen Zugangssystemen Ja, viele. Einige sind davon unmittelbar ge-
was eigentlich das „Neue“ für Geschlech- aus den USA kann es passieren, dass einer schlechtsbezogen, andere überschneiden
terperspektiven durch Digitalisierung ist. Frau mit Doktortitel der elektronische Zugang sich mit anderen Diskriminierungskategorien
Unser Fazit: Die Erscheinungsformen sind zu einer Frauenumkleidekabine in einem Fit- und das über den gesamten Lebensverlauf
anders, und es entstehen neue Gelegenhei- nessstudio verwehrt wird. Es ordnet den hinweg. Neben Zugangs- führen aber auch
ten, Ungleichheiten sichtbar zu machen. Wir Doktortitel nur Männern zu. „Frau Dr.“ wäre Nutzungs- und Gestaltungsbarrieren dazu,
sprechen deshalb gerne von „altem Wein in also in die männliche Umkleidekabine hinein- dass Frauen potenziell weniger beteiligt, un-
schnelleren Schläuchen“. gekommen. Und Sprachassistenzsysteme sichtbarer und machtloser sind.
Und ja, es gibt zahlreiche Beispiele für wie Siri oder Alexa haben weibliche Namen Der Digitalbranche fehlt die Beteiligung
eine nicht geschlechtergerechte digitale und Stimmen und wussten anfänglich in ih- von Frauen wie auch die Diversität. Das muss
Welt: Mädchen finden nach wie vor schwe- ren direkt programmierten Antworten zwar, sich dringend ändern. Nicht Frauen müssen
rer den Zugang zu MINT-Fächern, der Drop- wie die Sextarife für heterosexuelle Männer fit für die Digitalbranche gemacht werden,
out von Frauen aus der Informations- und sind und wo es Kondome gibt. Sie wussten sondern die herrschende Arbeits-, Organi-
Kommunikationstechnik-Branche ist ange- aber nicht, wo es die Pille gibt, was ein Tam- sations- und Ausbildungskultur muss ge-
sichts der ohnehin geringen Repräsentanz pon ist oder wo Frau Hilfe bei ehelicher Ge- schlechtergerecht gestaltet werden. Das gilt
immens hoch. Auch das mobile Arbeiten ist walt findet. auch für andere Branchen wie zum Beispiel
nicht automatisch ein Selbstläufer für ge- die Plattformökonomie, die Arbeitskräfte für
Foto: Privat
schlechtergerechte Vereinbarkeit oder Er- Essenslieferung oder Reinigungsarbeiten on-
werbsarbeit, ebenso wenig sind soziale Me- line vermittelt. Frauen haben hier höhere Risi-
20 | GENIAL | 5-2021SCHWERPUNKT GESCHLECHTERGLEICHHEIT
gestalten
Das Gutachten sowie weitere Empfehlungen der Sachverständigenkommission sind zu finden unter:
www.dritter-gleichstellungsbericht.de/de/topic/61.veroeffentlichungen.html
„Der Digitalbranche fehlt die Beteiligung von
Frauen wie auch die Diversität. Das muss sich
dringend ändern.“
ken. Sie haben zwar in ihrer Arbeit mehr Fle-
xibilität und Regionalität, andererseits ist der
rechtliche Status der hier arbeitenden Men-
schen zu klären. Außerdem müssen die hier möglichkeiten staatlicher Institutionen, Un- Ansätze müssen deshalb weiter ausgebaut
erworbenen Erfahrungen und Kompetenzen ternehmen und anderer Organisationen wie werden.
sichtbar sein, damit die Übergänge im Le- auch aus den Wertvorstellungen der beteilig- Sehr wichtig ist auch das Thema Bildung
bensverlauf erleichtert werden. ten Akteur*innen eingewoben. Bei der Ent- und Weiterbildung. Die Weiterbildungsbetei-
wicklung von Technik und speziell der von Al- ligung steigt insgesamt, aber die Geschlech-
Was empfiehlt die Sachverständigen- gorithmen orientieren sich Entwickler*innen terungleichheiten bleiben. Digitale Angebo-
kommission, um mehr Geschlechter- und Entscheider*innen noch zu oft an sich te könnten für Menschen mit Sorgeverant-
gerechtigkeit zu erreichen? selbst und ihrer eigenen Erfahrungswelt. Die wortung oder Beeinträchtigungen leichter
Wir haben 101 konkrete Handlungsempfeh- Bedürfnisse der Nutzer*innen werden da- zugänglich sein. Nur brauchen sie dann auch
lungen erarbeitet, für die wir die Digitalbran- bei nicht genügend berücksichtigt. Und weil digitale Kompetenzen, um diese Materialien
che, die digitale Wirtschaft, die digitalisierte Frauen in der KT kaum repräsentiert sind, nutzen zu können. Diese Kompetenzen müs-
Wirtschaft und die digitalisierte Gesellschaft fehlen ihre Perspektiven. Dabei wäre es sen schon im Kindergarten und in der Grund-
analysiert haben. wichtig, für lebensnahe Tests von Konzepten schule vermittelt werden. Geschlechterge-
Technik und ihre Entwicklung sind nicht und Prototypen Beteiligte und Kontexte so rechtigkeit im digitalen Bereich braucht also
neutral. Sie sind immer in einen sozialen divers wie nur möglich auszuwählen. In der eine Lebensverlaufsperspektive.
und kulturellen Kontext aus politischen Rah- Arbeitswelt müssen Hierarchien und Macht- Sabine Bömmer
menbedingungen, Interessen und Einfluss- gefüge berücksichtigt werden. Partizipative
Wir verbinden.
Füreinander.
Aus Fiducia & GAD wird Atruvia.
Damit wir die Zukunft besser machen, bilden wir eine
starke Gemeinschaft. Denn wir glauben daran, dass
man gemeinsam weiter kommt als alleine. Zusammen
übersetzen wir Ideen, Technologien und Daten in ein
fache, sichere Angebote und zukunftsfähiges Banking.
Füreinander – in einer digitalisierten Gesellschaft, die
atruvia.de ein menschlicheres Miteinander schafft.Deutschlands
erste
Bankdirektorin
Emmeline Stegmann war nicht nur die erste genossenschaftli-
che, sondern Deutschlands erste Bankdirektorin überhaupt.
W
ar Hermann Schulze-De- genossenschaftliche, sondern generell die
litzsch, der Gründer des erste Bankdirektorin Deutschlands. Steg-
deutschen Genossen- mann wurde am 23. Juli 1865 in Schönlan-
schaftswesens und Verfas- ke in der preußischen Provinz Posen (heute
ser des Genossenschaftsgesetzes, ein Fe- Polen) geboren. Ein Jahr zuvor hatten neun
minist? Dann hat ihm Emmeline Stegmann Personen, darunter auch Stegmanns Vater, in
im Jahre 1907 ihren Aufstieg zur Chefin des der etwa 4.000 Einwohner großen Stadt eine
Spar- und Vorschussverein zu Schönlanke örtliche Genossenschaftsbank gegründet.
eGmbH, der späteren Volksbank Schönlanke, Mit 21 Jahren absolvierte Emmeline Steg-
zu verdanken. mann dort eine Lehre und arbeitete dann
Denn Schulze-Delitzsch unterschied in mit ihrem Vater zusammen, der als Kassierer
seinem Gesetz von 1867 nicht zwischen dem Bankvorstand angehörte.
weiblichen und männlichen Genossen-
schaftsmitgliedern. Damit leistete er be- Außergewöhnliche Karriere
wusst oder unbewusst einen wichtigen Bei-
trag zur Gleichstellung von Mann und Frau. Als die junge Frau zur Direktorin gewählt
Doch es sollte noch einige Gerichtsverfahren wurde, hatte die Genossenschaft etwa 900
und Jahre dauern, bis der Jurist und Publi- Mitglieder, einen Umsatz von 65 Millionen
zist Ludolf Parisius, ein enger Mitstreiter von Mark und ein Eigenkapital von rund 500.000
Schulze-Delitzsch in der Verbandszeitschrift Mark. 1908 konnte Emmeline Stegmann mit
„Blätter für das Genossenschaftswesen“ ihren Mitarbeitern das neu erbaute Bankhaus
öffentlich feststellte: „Wir würden uns […] beziehen. Aus diesem Anlass stiftete sie
nicht graulen, eine Volksbank unter weibli- ein Medaillon, auf dem ein von Bienen um- Emmeline Stegmann: Deutschlands erste
chem Zepter zu erblicken.“ Und weiter: „Eine schwärmter Bienenkorb – als Symbol für das Bankdirektorin
Volksbank-Direktrice ist heute schon gesetz- Sparen – dargestellt war. Dieses hatte die In-
lich möglich“. schrift: „Nur ernste Arbeit sichert den Erfolg“.
28 Jahre später (1895) berichtetete die Die Karriere von Stegmann war so außer-
Verbandszeitschrift, dass nur eine Kreditge- gewöhnlich für die Zeit, dass verschiedene
nossenschaft ein weibliches Vorstandsmit- große Familien- und Frauenzeitschriften aus-
glied habe: ein westpreußischer Vorschuss- führlich über sie berichteten. Dadurch wurde
verein, in dem „seit einer Reihe von Jahren Emmeline Stegmann in ganz Deutschland
infolge von Wahl und Wiederwahl als ein- bekannt.
getragenes Vorstandsmitglied ein Fräulein Über 25 Jahre führte die Vorständin ihre
zu allgemeiner Zufriedenheit die Stelle des Bank erfolgreich – unter anderem durch den Hochanerkannt und vielfach
ausgezeichnet:
Buchhalters“ ausübte. Ersten Weltkrieg, die Inflationszeit und die
Emmeline Stegmann
Es vergingen weitere zwölf Jahre, bis am Weltwirtschaftskrise. Innerhalb des Deut- an ihrem 70. Geburtstag
19. Juni 1907 Emmeline Stegmann einstim- schen Genossenschaftsverbandes war sie
mig zum ersten Vorstandsmitglied der Spar- eine anerkannte Persönlichkeit, die auf den
und Vorschussverein zu Schönlanke eGmbH, Verbandstagen oft das Wort ergriff. Auch in
der späteren Volksbank Schönlanke, gewählt ihrem Heimatort wurde sie geschätzt und zur
wurde. Damit wurde sie nicht nur die erste ersten weiblichen Geschworenen gewählt.
Fotos: Kreisarchiv-Nordfriesland, Fotoalbum N-F 21. Die Bildrechte konnten nicht ermittelt werden, Rechteinhaber mögen sich gegebenenfalls melden.
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