GESTALTE(N) BEISPIELLOSES NIEDERÖSTERREICH - N 161 09/2018 - NÖ Gestalten
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N°161 09/2018
GESTALTE(N)
Das Magazin für Bauen, Architektur und Gestaltung
BEISPIELLOSES
NIEDERÖSTERREICHInhalt
08 Baujuwele in Niederösterreich 12 Ortsbildkids 14 Kellergassen
27 NÖ Pflege- und Betreuungszentrum 35 Zubau Haus Steiner 41 Sanierung „Friseurhäuschen”
Reaktionen unserer LeserInnen 04
Daheim in Niederösterreich 06
Baujuwele in Niederösterreich 08
Ortsbildkids 12
Kellergassen Kulturlandschaft Weinviertel 14
Weingut Höllerer in Engabrunn 21
NÖ Pflege- und Betreuungszentrum Türnitz 27
52 Verwunschenes Niederösterreich Ankündigung: Stadt-Spaziergang Baden 32
Zubau Haus Steiner in Waidhofen a.d.Ybbs 35Vorwort
PRÄDIKAT
„WELTWEIT BEDEUTEND“
- Baden, Kur-und ehemalige kaiser-
liche Residenzstadt, zählt zu unseren
bedeutendsten kulturhistorischen
Städten im südlichen Niederöster-
reich. Die gemeinsame Nominierung
21 Weingut Höllerer mit zehn anderen, internationalen
Badestädten wie Vichy, Karlsbad
oder dem englischen Bath zu einem
UNESCO-Weltkulturerbe, belegt
Badens Rang als eine der heraus-
ragendsten Kurstädte Europas – eine
Qualitätsbekundung, auf die wir alle stolz sein können. Sollte
Baden tatsächlich zu einem UNESCO-Weltkulturerbe ernannt
werden, wäre das unsere 3. Weltkulturerbestätte in Nieder-
österreich. Neuartig bei dieser Bewerbung der "Great Spas of
Europe" ist, dass es erstmals nicht um ein Bauwerk, eine Stadt
oder eine Landscha geht, sondern um eine Gruppe von Städten.
47 Neue Klippenhäuser, Baumhaus-Lodge Räumlich in ganz Europa verteilt würde dieser gemeinsame
Status und der kulturelle Austausch dieser Kurstädte Europa
wieder ein Stück näher zusammenrücken lassen.
Sanierung „Friseurhäuschen” in Eichgraben 41
Die neuen Klippenhäuser der Baumhaus-Lodge 47 Nicht verwunderlich, dass Baden zum Veranstaltungsort
des diesjährigen Stadt-Spaziergangs von Niederösterreich
Verwunschenes Niederösterreich 52
GESTALTE(N) auserkoren wurde. Spannend wird es für Baden
Vorträge und Bauberatung 58 also auf jeden Fall – und das nicht nur beim Stadt-Spaziergang.
Wahl zur Goldenen Kelle – Herbst 2018 59
Coverphoto: Romana Fürnkranz
Leserservice 60
Impressum, Datenschutzhinweis 60 Ihre Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner
Beratungstellen des Landes NÖ 60
Institutionen und Vereine 61 Zuschriften sind willkommen: LH Johanna Mikl-Leitner, Landhausplatz 1, 3109 St. Pölten
GESTALTE(N) 03Editorial Reaktionen unserer LeserInnen
Bravo! DER ARCHITEKTUR-WETTBEWERB
All den beteiligten Bauherrn und UM DIE GOLDENE KELLE NR.160
Architekten, sowie den Mitarbeitern
und Herausgeber dieses wunderbar
gestalteten Magazins einen großen
Dank! Es ist schön, dass es in unserer
Zeit noch so viel Gefühl für Schönes gibt!
Romana Fürnkranz
Hildegard Lindner, 1230 Wien
Ich freue mich über jede neue Ausgabe!
(1) Lehmhaus in Parisdorf
Liebe Leserinnen und Leser, Habe selbst ein altes Haus und
würde mich freuen, wenn es meine
diesmal haben wir bei der Zusammen- Enkerl später einmal nach eurem Rezept
stellung der architektonischen Vorzeige- renovieren.
projekte einen weiten Bogen gespannt, Ellen Uher, 2761 Mistelbach
Romana Fürnkranz
sodass die Bandbreite der Beispiele von
der voralpenländischen Altersresidenz vom Wertes Team von NÖ-GESTALTE(N)!
Feinsten bis hin zum futuristischen Ferien- Ihre Serie zählt zu jenen Heften, die ich
apartment reicht. Um Ihnen die Abstim- ungern aus der Hand gebe. Durch Ihre (2) Hotel Klinglhuber in Krems
mung zur Wahl der „Goldenen Kelle“ leicht Aufnahmen und Erklärungen habe ich
und auch von überall aus möglich zu erst Bauwerke SEHEN gelernt. Jetzt
machen, können Sie Ihre Stimme jederzeit reizt mich jedes Haus, das Geschichte
über unsere Homepage unter www.noe- zeigt und mir aus seiner Vergangenheit
erzählt. Es ist schön Hinweise im Stil,
Romana Fürnkranz
gestalten.at/goldene-kelle/ abgeben.
an der Bausubstanz und an dessen
Zudem finden Sie aufgrund der vielen Unebenheiten zu erkennen. Die Liebe zu
positiven Rückmeldungen in dieser Aus- alten Häusern ist erst mit dem Herab- (3) Rathaus in Königsbrunn
gabe wieder einen Artikel aus der Rubrik fallen des Putzes und dem Begreifen
„Verwunschenes Niederösterreich“ und des darunter Versteckten gewachsen.
zeitlich abgestimmt mit der kommenden Dafür möchte ich Ihnen danken.
Weinlese einen Fachbeitrag über die Wein- Mag. Christl Ayad, 1230 Wien
viertler Kellergassen.
Das Magazin GESTALTE(N) ist super!
Kurt Hoerbst
Wir hoffen, wieder Ihren Geschmack ge- Aber tut bitte was gegen die Verbauung.
troffen zu haben und würden uns auch Es braucht mehr Grün und mehr Bäume (4) Einfamilienhaus in Niederkreuzstetten
freuen, Sie beim Stadt-Spaziergang in für die Zukunft unserer Kinder!
Baden am 8. September willkommen heißen Gernot Kaltenböck, 2231 Gänserndorf
zu dürfen.
Was mich extrem stört, ist die enorme
Verbauung in unserem Bezirk.
Romana Fürnkranz
Wertvolles Ackerland wird zerstört und
Landesbaudirektor Walter Steinacker
Referatsleiterin Petra Eichlinger
sauerstoffbringende Bäume gefällt.
Es muß ein Umdenken einsetzen!
(5) Stadhaus in Hollabrunn
Redaktion: mail@noe-gestalten.at Christine Amri, 2231 Gänserndorf
04 GESTALTE(N)Projekt 1: Projekte 1, 3 und 5: Projekte 1 und 5:
Das Projekt Lehmhaus verkörpert Es zeigt sich deutlich, dass es nicht Stimmige und freundliche Gestaltung.
Baukultur par excellence. immer ein Neubau sein muss, sondern Hoher Respekt zu dieser Leistung.
Hier ist alles richtig und sympathisch dass gut durchdachte und behutsame Ing. Johann Haas, 3321 Ardagger Stift
gestaltet und umgesetzt. Beginnend Revitalisierung Ergebnisse von ausser-
vom Ortsbild, bis zur Materialauswahl, odentlicher Qualität erzielt werden Projekt 4:
weiters hohe handwerkliche Kultur – können, die allen Erfordernissen von Die zurückhaltende Fassade fügt sich
alles passt. Ästhetik, Funktionalität und Wirtschaft- sehr gut ins „beschauliche Nieder-
DI Peter Holzer, 2521 Trumau lichkeit entsprechen. Besonders möchte kreuzstetten” ein. Sie findet hoffentlich
ich noch bei Projekt 3 die Behinderten- Nachahmer. Es gibt schon genug
Projekt 1: freundlichkeit hervorheben, die bei lila, hellblaue, orange, lachs- und
Dieses Projekt ist ein gutes Beispiel einem Gebäude mit Parteienverkehr zuckerlrosa und türkise „Eyecatcher”
dafür, dass der achtsame Umgang von besonderer Bedeutung ist. unter den dörflichen Fassaden.
(ressourcenorientiert und nachhaltig) Walter Blaha, 2521 Trumau Mag. Gabriela Hahn, 2124 Kreuzstetten
auch die Zukunft ist!
Monika Mörzinger-Wunderer, 1230 Wien Projekte 1 und 5:
Vorbildhaft für ganz Österreich. IHRE ZUSENDUNGEN
bitte per mail@noe-gestalten.at, abtrennbare Karte
Projekt 1: Bravo den Architekten und Bauherrn. im Magazin oder Brief an: Niederösterreich GESTALTE(N),
Bewertung: 2 Goldene Kellen! Norbert Wolf, 6241 Radfeld/Tirol Landhausplatz 1/13, 3109 St. Pölten
Selbst wenn man nur die Fotos sieht,
ist zu spüren, dass in diesem Haus Projekt 1:
eine Wohlfühlatmosphäre herrscht. Bewundernswert wie viel Zeit, Geduld
Gerne würde ich in so einem Haus
wohnen.
und Arbeit in dieses Haus investiert
wurde. Das Ergebnis spricht für sich.
NÖ Heckentag 2018
Ing. Erich Hums, 2284 Breitenfurt Gratulation! Regionaler geht´s nicht.
Ingeborg Longauer, 2601 Sollenau
Projekte 1, 2 und 5: Mit garantiert heimischen
1) Wunderbare Harmonie und Projekt 2:
1) Atmosphäre eines alten Hauses Ich finde den Erweiterungsbau „Hotel
Sträuchern und Bäumen
2) Modern, aber sich einfügend Klinglhuber” sehr gelungen! zum Gartenkaiser werden!
5) Den alten Ortskern belebend – Ich habe in den 60er Jahren einige Male
1) sehr gelungen im alten Hotel übernachtet – Ab 1. September bis 17. Oktober 2018
Gerburg Hohenbruck, 1150 Wien nicht mehr wieder zu erkennen. können die Lieblingspflanzen online
Peter Krupholz, auf www.heckentag.at bestellt werden.
Projekte 1 und 5: 3313 Wallsee-Sindelburg Ihr persönliches Gehölzpaket wird
Ich befürworte die Restaurierung alter
zwischen 5. und 16. November direkt
Objekte mit natürlichen Materialien, auch Projekt 3:
wenn es nicht einfach ist. Unser altes Das Rathaus in Königsbrunn ist voll und bequem an Ihre Wunschadresse
Haus habe ich innen mit gelöschtem Kalk gelungen. Der Zubau mit seinen hellen geliefert.
und Leinöl ausgemalt. Das Auftragen war Räumen, ist gut geplant und gestaltet.
etwas schwieriger als mit „moderner” Der Sitzungssaal sieht besonders toll Kontakt:
Wandfarbe, aber dafür umweltfreundlich. aus. Auf Barrierefreiheit wurde ebenso Heckentelefon 02952/4344-830
Seitdem haben wir keinen Schimmel mehr! Rücksicht genommen. E-Mail office@heckentag.at
Manuela Kamper, 2620 Neunkirchen Rosemarie Fröschl, 3314 Strengberg
GESTALTE(N) 05DAHEIM IN NIEDERÖSTERREICH
„Weißenkirchen in der Wachau“ von Johann Schrittwieser
Schicken Sie uns Ihre Stimmungsbilder und Gedanken,
die Ihr Lebensgefühl in Niederösterreich am besten beschreiben!
IHRE ZUSENDUNGEN (Fotos in hoher Auflösung,300dpi) bitte per mail@ noe-gestalten.at
oder an: Niederösterreich GESTALTE(N), Landhausplatz 1/13, 3109 St. Pölten
06 GESTALTE(N)„Der DC Tower in Wien spiegelt den Sonnenuntergang in Korneuburg“ von Christian Skopek
„Die alte Spinnerei in Oberwaltersdorf “ von Günther Strahner
GESTALTE(N) 07W
ie kaum ein anderes Privathaus in Niederösterreich steht der Einbauküche widmete man sich mit großer Sorgfalt: Sie wurde
1975 fertiggestellte pavillonartige Bau, den der bedeutende dekonstruiert, gereinigt und wieder eingefügt.
österreichische Architekt Johannes Spalt für den Möbel-
produzenten Franz Wittmann in Etsdorf am Kamp schuf, für die Das Ergebnis der Renovierung wurde in einem ORF-Beitrag von Sabine
Fortführung der Ideen der Moderne in einer Tradition, die von Daxberger entsprechend gewürdigt. Orientierung für die original-
Josef Hoffmann und Adolf Loos geprägt worden war. So schrieb 1977 getreue Renovierung gab die Dokumentation zum Haus Wittmann:
Architekturkritiker J. van Heuvel: „Loos verstand es mit ziemlich angefangen von alten Aufnahmen über die Baubeschreibung von
einfachen Mitteln, Großräumigkeit in seinen Entwürfen zu schaffen […] Johannes Spalt aus dem Jahr 1969 bis hin zu Artikeln in der Fach-
In Etsdorf fand ich auch wieder etwas davon.“ Um ein offenes Atrium literatur. Um das Wissen über diesen außergewöhnlichen Bau einem
reihen sich japanisch inspiriert – zur Schaffung von Intimität paravent- breiten Publikum zugänglich zu machen, wurde eine eigene Website
artig voneinander getrennt – die unterschiedlichen Bereiche des eingerichtet: hauswittmann.at
Wohnens. Anstelle von Säulen übernehmen Fensterpfosten die tragende
Funktion. Mahagoniholz, Onyxmarmor und Stoffe von Josef Frank Spalt und Wittmann – Freunde im Geiste
prägen die Oberflächen der Innenräume. Der Dialog zur umliegenden Architekturvermittlung war für Johannes Spalt, der 1951 bis 1974
Landscha erfolgt exquisit durch Sichtbezüge. Die asiatische Anmutung der legendären „Arbeitsgruppe 4“ angehörte und 1973 bis 1990 die
eines Teehauses manifestiert sich zudem in der Form des fast Meisterklasse für Innenarchitektur an der – damals Hochschule, heute
schwebend erscheinenden Schirmdaches aus Kupfer mit Lichtkuppel. – Universität für angewandte Kunst leitete, ein wichtiger Ansatz.
Ein Salettl im parkähnlichen Garten spiegelt den Wohnpavillon in Friedrich Achleitner betont in seinem Beitrag zur Monographie des
verkleinerten Dimensionen wider. Architekten dessen Verdienste in der Weitergabe von Wissen zur
Moderne an seine Kollegen sowie in der Ausstellungstätigkeit der
Originalgetreue Renovierung „Arbeitsgruppe 4“ als „Programm zur Bildung eines öffentlichen
Es gibt viel zu erzählen über das Haus Wittmann, wie die lange Liste Architekturbewusstseins“. In diesem Rahmen entstand auch gemein-
an Publikationen belegt. In jüngster Zeit aber wurde ein neues Kapitel sam mit Friedrich Kurrent die Ausstellung „Wittmann Interieur“,
geschrieben: jenes der Instandsetzung einer Architekturikone, die von die 1965 im Wiener Palais Pálffy gezeigt wurde. Die Verbindung
Werner Weißmann gemeinsam mit seiner Frau Catherine Weißmann- nach Etsdorf resümiert Andrea Nussbaum im Band Waldviertel
De Ro mit vorbildlicher Umsicht, baukulturellen Engagement und der „Architekturlandschaft Niederösterreich“: „Johannes Spalt
großem Verständnis von 2016 bis 2017 erfolgte. Die größte Heraus- errichtete Mitte der 1960er Jahre für die Firma Wittmann eine
forderung der werkgerechten Erneuerung stellte dabei die Schwimm- Produktionshalle, fungierte als Berater bei der Reproduktion von
halle dar, die unter hundertprozentigem Erhalt der Proportionen Josef-Hoffmann-Möbeln und realisierte mit Franz Wittmann auch
technisch auf neuesten Stand gebracht wurde. Auch der originalen eigene Möbelentwürfe“. Theresia Hauenfels *
10 GESTALTE(N)Photos: Romana Fürnkranz GESTALTE(N) 11
ORTSBILDKIDS! Erweitere dein
Erweitere deinWissen!
Wissen!
TRAGENDE Tonnengewölbe Kreuzgewölbe Kreuzrippengewölbe Klostergewölbe
ELEMENTE
DER BAUKUNST Spiegelgewölbe Muldengewölbe Netzgewölbe Sterngewölbe
TEIL2: GEWÖLBE UND KUPPELN Gewölbeform war das Tonnengewölbe, bei dem die beiden Wände oder
Pfeilerreihen gleich lang und parallel sind. Die nächsten Entwicklungs-
̈nter Prinesdom.
schritte waren die Spitztonne, die sich als deutlich tragfähiger erwies,
Wenn wir in einem Zimmer sitzen und nach oben schauen, sehen sowie das Kreuzgewölbe (das aus zwei sich im rechten Winkel durch-
wir meist eine gerade Decke, die uns unangenehm „auf den Kopf dringenden Tonnengewölben besteht) und das gotische Kreuzrippenge-
fällt“. Die Weite über unseren Köpfen, das „Firmament“, das sich wölbe, das durch selbsttragende Rippen gehalten wird und das
Photos: Archiv, Lexikon f. Bauwesen, Tavor, Weingut Catzheim, Martin Geisler, Franks Travelbox, Frank Heuer, Gu
über dem Horizont wie eine flache Schale zu wölben scheint, wird Tonnengewölbe allmählich verdrängte. Erst in der Renaissance kehrte
seit Jahrhunderten in den Kuppeln und Gewölben der Kirchen- man zur nun erheblich weiter gespannten Tonnenwölbung zurück, um
bauten versinnbildlicht. Die Kuppel, die in tiefem Blau erstrahlt prachtvolle Raumwirkungen zu erzielen.
und mit goldenen Sternen verziert ist, schließt ein Bauwerk nach Eine vor allem im 19. Jahrhundert verbreitete Variante des Tonnenge-
oben ab und hält es als Symbol des Himmels doch „geöffnet“. wölbes ist das sogenannte Kappengewölbe, auch „Preussische Kappen-
Kuppeln und Gewölbe bekrönten aber nicht nur repräsentative decke“ bzw. „Platzldecke“ genannt. Darunter versteht man eine
historische Bauwerke, sondern wurden auch in alten Wohn- Deckenkonstruktion, die aus aneinandergereihten flachen Segment-
häusern, Kellern und Tierställen eingebaut. tonnengewölben mit dazwischenliegenden Stahlträgern besteht. Diese
Decken wurden als Geschoßdecken in Wohnhäusern und Industriege-
Das Gewölbe bäuden verwendet, bis sie ab den 1930er Jahren allmählich von (flachen)
Die gebauchten Raumabschlüsse, die im Unterschied zu Decken, die Stahlbetondecken abgelöst wurden.
flach auf den Wänden aufliegen, den Raum mit einer Wölbfläche selbst-
tragend überspannen, zählen zu den ältesten Konstruktionen in der Bau- Die Kuppel
geschichte. Gewölbe sind bogenförmig (zylindrisch oder spitzbogig) Gewölbe mit nur einem Scheitelpunkt werden als Kuppeln bezeichnet.
gekrümmte gemauerte Massivdecken, deren keilförmigen Steine sich Ihre gebräuchlichste Form ist die einer Halbkugel, die auf einem Mauer-
gegeneinander so abstützen, dass sie untereinander nur auf Druck kranz aufliegt. Spätere Kuppeln sind in unterschiedlichen Kurvenlinien
beansprucht sind. An den Mauern wirken neben den Lasten von oben gebaucht und aus Gründen der besseren Tragfähigkeit meist zweischalig
jedoch auch erhebliche seitliche Kräe. Die tragenden Mauern des gebaut. Die ältesten aus Keilsteinen gemauerten Kuppeln stammen aus
Raumes müssen also nicht nur dem Gewicht standhalten, sondern auch antiker Zeit. Seinen frühen Höhepunkt erreichte der Kuppelbau in der
Kräen, die sie nach außen drücken, dem sogenannten Gewölbeschub. Hagia Sophia in Istanbul, sowie im 114–128 n. Chr. errichteten Pantheon
in Rom. Am obersten Punkt der Kuppel des Pantheons (Durchmesser
Rund, spitz, kreuzförmig 43 m) befindet sich als einzige Belichtung des Raums eine kreisrunde
Die Gewölbeform der Rundtonne erfreute sich in der römischen Archi- Öffnung (Durchmesser 9 m). In einem Raum wie diesem wandert der
tektur vor allem beim Bau von ermen großer Beliebtheit. Die erste Blick unermüdlich aus Neugier zur Decke. *
12 GESTALTE(N)ORTSBILDKIDS!
GEWINNSPIEL 161
Wenn du alles aufmerksam durch-
gelesen hast und dich noch darüber
hinaus ein bisschen informierst,
kannst du sicherlich die Fragen
unseres Gewinnspiels beantworten.
FRAGE 1: Was ist der Unterschied
zwischen einer Kuppel und
einem Gewölbe?
Tonnengewölbe, Weingut Cantzheim Netzgewölbe, Kloster Maulbronn FRAGE 2: Was symbolisiert eine
blaue Kuppel mit Sternen?
FRAGE 3: Nenne einen der be-
kanntesten Kuppelbauten der Antike
Als Gewinn
verlosen wir
das Buch
BAUEN
Forschen, Bauen, Staunen
von A bis Z
Einsendeschluss
ist der 15. Oktober 2018
Kreuzgewölbe, Stift Zwettl Spiegelgewölbe, Marmorsaal Stift Melk UND SO NIMMST DU TEIL
Sende einfach eine Postkarte
mit den richtigen Antworten
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GESTALTE(N) „Ortsbildkids!“
Landhausplatz 1/13
3109 St. Pölten
V
oder sende eine E-Mail an:
mail@noe-gestalten.at. v
160
GEWINNER/IN
Lisa Haselböck
aus 2120 Obersdorf
Die Redaktion gratuliert herzlich!
Kuppel, Karl-Borromäus-Kirche GESTALTE(N) 13
Kuppel, Pantheon in Rom am Wiener ZentralfriedhofKellergasse Alte Geringen in Ketzelsdorf, Gemeinde Poysdorf 14 GESTALTE(N)
KELLERGASSEN
KULTURLANDSCHAFT
WEINVIERTEL
GESTALTE(N) 15Kellergasse Alte Geringen in Ketzelsdorf
Der Weinbau im niederösterreichischen Weinviertel besitzt eine jahrhundertealte Tradition.
Er hat die wirtschaftliche Entwicklung der Region einst geprägt und tut es noch heute.
B
ereits mit den Römern kam der Weinbau Bauern eigener Besitz und selbstständiges Siedlungen. Etwa 1.100 Kellergassen mit ihren
nach Österreich. Seit dem Mittelalter Wirtschaen in bis dahin unbekanntem rund 37.000 Objekten zählt dieser in beson-
waren es dann die großen Klöster und Maß zugestanden und ermöglicht wurde. ders großer Zahl auf dem Gebiet des Wein-
Stie und die adeligen Grundherren, die den Dieser hat einen noch heute prägenden, viertels, Österreichs größtem Weinbaugebiet,
Weinanbau, die Kelterung und den Handel baulich manifesten Abdruck im regionalen verwirklichte Siedlungsbautypus. Zwar kom-
entwickelten und kultivierten. Die wirtscha- Landschasbild hinterlassen. men Kellergassen auch in den angrenzenden
liche Bedeutung des Weines für den Landesaus- Regionen im niederösterreichischen Zentral-
bau war enorm: So erlebte im 16. Jahrhundert Kulturlandschaft raum, entlang der ermenlinie, im nörd-
der Weinbau einen historischen Höhepunkt, Zeugnis dieser historischen Entwicklung sind lichen Burgenland, in den südlichen Teilen
als die Weinbauflächen im Gebiet des heutigen die für die Kulturlandscha des Weinviertels Böhmens und Mährens, sowie in einigen
Niederösterreich etwa doppelt so groß waren bedeutenden Kellergassen. Deren Lage an Weinbauregionen der Slowakei, Ungarns und
wie heute. Die Reformbestrebungen Maria den Dorfrändern oder inmitten der Rieden Sloweniens vor. Nirgends jedoch sind sie in
eresias und Josef II. brachten in der zweiten generiert bauliche Zäsuren im harmonischen einer vergleichbaren, den Landschasraum
Häle des 18. Jahrhunderts einen Wandel hin Miteinander der bewirtschaeten Flächen gestaltenden Dichte allgegenwärtig: Auf die
zur Verbäuerlichung des Weinbaus, indem den und der in den Niederungen liegenden etwa 550 heute bestehenden Ortschaen des
16 GESTALTE(N)Kellergasse Loahmgstettn in Ameis
Kellergasse in Aspersdorf Kellergasse Tiefer Graben in Herrnbaumgarten
GESTALTE(N) 17Den frühesten bekannten Bildbeleg für die Existenz
von Kellergassen liefert eine Darstellung der Melker Pfarre Rohrendorf
von Franz Mayer aus dem Jahr 1767. Das Gemälde zeigt einige Keller
in der Oberen Wienerstraße in Rohrendorf bei Krems.
Kellergasse Radyweg in Poysdorf
Weinviertels entfallen durchschnittlich je zwei Keller und Presshäuser entstanden sehr kleine der Mitte des 18. Jahrhunderts. Als Bestandteil
Kellergassen mit jeweils über 60 Kellern. oder auch bis zu mehrere hundert Objekte um- des Selbstversorgerkonzepts jeder bäuerlichen
Dieses außergewöhnliche Kulturerbe geht fassende, große Einheiten. Der klar definierten Einheit der Region, spielten und spielen die
hier deshalb jeden etwas an! Nutzung wegen, der homogenen bäuerlichen Weinkeller in den Kellergassen im Leben der
Nutzerscha sowie der wenigen verfügbaren Menschen eine tragende Rolle. Auf Grund ihres
Architektur der Kellergasse Baumaterialien entsprechend wurden Keller Verbreitungsgrades, der Wiedererkennbarkeit
Die Kellergassen sind auch physisch aufs und Presshäuser in immer ähnlichen Bau- und Einzigartigkeit als bauliche und siedlungs-
Engste mit der sie umgebenden Landscha formen und Dimensionen errichtet. bauliche Elemente der historischen Kulturland-
verbunden: Aus Gründen der Arbeitseffizienz scha und ihres auch heute noch mehrheitlich
nahe der Weingärten angelegt, wurden die Lebendiges Kulturgut authentischen Erhaltungszustandes sind die
Weinkeller in vielen Fällen als lange, gewölbte Durch das Eingraben der Keller in den Unter- Kellergassen für die Region in hohem Maß
Kellerröhren gleichbleibender Breite in den grund und die einfache Bauform der kleinen identitätsstiend. Auf Grund ihres Kleinklimas
anstehenden, tragfähigen Lössuntergrund Nutzbauten fügen sich die Kellergassen als (geschützte Lagen)und des reichhaltigen Pflanzen-
gegraben. Der gewonnene Lehm wurde als bauliche Ensembles besonders sinnfällig in bestandes (historische Obstsorten) im direkten,
Baumaterial bei der Errichtung der Keller- die auch heute noch durch Weinbau und von der modernen Landwirtscha vielfach
eingänge oder der den Kellern vorgelagerten Landwirtscha bestimmte naturräumliche verschonten Umfeld der Keller, stellen die
Presshäuser wiederverwendet. Je nach Anzahl Umgebung ein. Sie sind kulturell bedeutende Kellergassen heute für Menschen und Tiere
der im baulichen Zusammenhang angelegten Zeugnisse des Lebens und Wirtschaens seit besondere Erholungs- und Genussräume dar.
18 GESTALTE(N)Photos: Robert Herbst, Gerold Esser, Christian Kalch, Karte: © Stift Melk
̈ rnbach
Kellergasse Galgendberg in Wildendu
Kellergasse Weyerburg Kellergasse in Aspersdorf
European Year of Cultural Heritage 2018 Im Rahmen eines Symposiums werden die eInfaChheIT WILL geKOnnT SeIn
Im Europäischen Kulturerbejahr 2018 wird die das Phänomen der Kellergassen als Elemente Kellerbesitzer, die ihre Objekte in ihrer Ursprünglich-
Weinviertler Kellergasse in Niederösterreich der Kulturlandscha bestimmenden Aspekte keit und Schönheit für die Zukun erhalten wollen,
aus wissenschalicher Sicht und aus dem können sich freuen. Im lange vergriffenen und
zum ema: Eine Partnerscha des Bundes- jetzt neu aufgelegten Buch „Zukun Kellergassen –
denkmalamtes mit regionalen Trägern sowie Blickwinkel eines gesamtheitlichen Ansatzes Baugestaltung“ von Prof. Arch. Helmut Leierer
Abteilungen der Landesregierung zielt auf zusammenfassend behandelt werden. * finden Sie zahlreiche Empfehlungen und Planskizzen,
die Erforschung, den Schutz, die Erhaltung und Gerold Eßer die zeigen, wie es richtig geht.
die Vermittlung dieses weltweit einzigartigen
Kulturerbes. Im Rahmen eines Jahrespro- INFO: www.vinoversum.at/kulturerbejahr
grammes werden verschiedene Aspekte dieses TERMINE:
vielfältigen emas am Beispiel einzelner Keller- 6.-7. September 2018 WOrKShOp
gassen behandelt. Ein wesentlicher Bestandteil „Instandsetzung: Lehmbau und Lehmputz“
des Vorhabens ist die exemplarische wissenscha- Kellergasse Alte Geringen, Poysdorf-Ketzelsdorf
liche Aufarbeitung der Bau- und Nutzungsge- 30. September 2018 Tag DeS DenKmaLS
Kellergasse Radyweg in Poysdorf
schichte von Kellergassen am Beispiel besonders
26.- 28. Okober 2018 SympOSIum Das Buch „Zukun Kellergassen“
gut erhaltener Ensembles. Ihre Vermessung „Kellergassen Kulturlandscha Weinviertel“ ist um € 29,90 in Buchhandlungen sowie direkt
und Dokumentation wird dabei als Basis dienen Poysdorf, Reichensteinhof beim Verlag AGRAR PLUS erhältlich.
für die bauhistorische Erforschung. T: +43 2952 35223, E: weinviertel@agrarplus.at
GESTALTE(N) 1920 GESTALTE(N)
TRADITIONSVERBUNDEN
UMBAU WEINGUT HÖLLERER IN ENGABRUNN
Architektur 1
GESTALTE(N) 2122 GESTALTE(N)
I
m Weingut Höllerer wird seit über 200 sich aus der Möglichkeit der Anbindung
Jahren Wein gekeltert. Der Familienbetrieb an die bestehenden Wohnräume im zweige-
bewirtschaet im südlichen Kamptal 23 schossigen Haupthaus an der Straße und der
Hektar Weingärten in unterschiedlichen günstigen Belichtung von zwei Seiten. Die
Lagen und setzt durch Handlese, Ganz- Dachlandscha des Hofes, in dem wie bei
traubenpressung und mehrmaliges, auf den Weingütern so häufig Wohnen und Wirt-
richtigen Reifezeitpunkt abgestimmtes Ernten, schaen eng ineinandergreifen, ist durch
auf Authentizität und hohe Qualität. Giebeldächer geprägt. Der Entwurf grei diese
Alois Höllerer jun. hat den Weinbaubetrieb Charakteristik mit zwei Giebeldächern auf,
2010 von seinem Vater übernommen und diese wurden jedoch gegenüber dem Bestand
führt ihn gemeinsam mit seiner Frau mit ausgedreht, um die Blickachsen des neuen
Leidenscha und einem klaren Bekenntnis Hauptwohnraums optimal auf den Hof aus-
zu Purismus und Klarheit weiter. richten zu können. „Infolge der Ausdrehung
steigen die beiden äußersten Trauanten in
Implantat statt Zubau entgegengesetzter Richtung an“, so die Archi-
Der Generationswechsel im Weingut gab für tekten, „und erzeugen dadurch sowohl im
die junge, inzwischen vierköpfige Winzer- Innen- als auch im Außenraum eine positive
familie den Anstoß, innerhalb des gewachse- Spannung.“ In Übereinstimmung mit der
nen Hofgefüges zeitgemäßen Wohnraum zu Kleinteiligkeit der umgebenden Ziegeldächer
schaffen. Ein befreundetes Architekturbüro wurde für die Dacheindeckung ein Rauten-
aus Innsbruck, Christoph Milborn und system gewählt.
Clemens Plank von Imgang Architekten,
wurde mit der Aufgabe betraut, die neue Konstruktiver Holzbau
Wohnung möglichst organisch in den Bestand Über Konstruktion und Materialität musste
zu implementieren. Die Lage des neuen Bau- nicht lange diskutiert werden, der Holzbau
teils im Dachbereich eines Horaktes ergab lag schon aufgrund der bestehenden Dach-
GESTALTE(N) 231
b
a
konstruktion gewissermaßen auf der Hand. Fensterachsen des Erdgeschoßes. So werden
Dazu kamen der atmosphärische Mehrwert Bestand und Neubau durch die Holzlatten-
des natürlichen Baustoffes sowie das pragma- fassade organisch zu einer Einheit verbunden. 10
4
tische Argument einer kürzeren Bauzeit. Auf-
grund der komplexen Anschluss-Geometrien Verschränkung von Alt und Neu 9
wurde der konstruktive Holzbau jedoch nicht Im Innenbereich prägen die homogenen 1 2
vorgefertigt angeliefert, sondern auf her- Dachuntersichten aus weiß lasierten Fichten-
3
kömmliche Weise vor Ort errichtet. Die Dreischicht-Platten den Raumeindruck. Die 6
Wandelemente sind in Ständerbauweise er- Zonierung des neuen Wohnraums unter den 10
richtet und mit Zellulose ausgedämmt, ebenso Dächern erfolgt nicht durch herkömmliche
die Sparrenebene des Daches. Sämtliche sicht- Wände, sondern durch zwei freistehende
a
b
baren konstruktiven Elemente muten mit ihrer Quader aus Dreischichtplatten, die die Garde- 5
weißen Lasurschicht nicht vordergründig robe und die Küche in sich aufnehmen. Durch 7
„holzig“ an, sondern wirken zart, fast abstrakt. die beiden eingezogenen Terrassen an der OBERGESCHOSS
Der Werkstoff Holz entfaltet innen und außen Nord- und Südseite des Hofes und die ge-
ganz unterschiedliche Qualitäten: Den durch- schickt geführten Blickachsen sind Innen- und 8
lässigen Raumabschluss zur südlichen Hofseite Außenräume eng miteinander verschränkt, 6
8
bildet eine vorgesetzte Holzlattenfassade aus sodass die Wohnbereiche im Bestand und
Mini-Brettschichtholzträgern aus vorvergrau- jene im neuen Dachgeschoß ihre spürbare
ter Lärche, die sowohl den Sonnenschutz als Eigenidentität behalten und trotzdem als zu-
auch eine gewisse Privatheit gewährleistet. sammengehörig wahrgenommen werden. Die
EIGENTÜMER
Zudem bildet diese mit dem Geländer der neue Zeitschicht des Weinguts, die sich weder Alois & Nicole Höllerer
Südterrasse im Obergeschoß eine nahtlose versteckt noch in den Vordergrund spielt, PLANUNG
Einheit und korrespondiert – in typologischer schreibt das Bestehende selbstverständlich und Architekten: DI Christoph Milborn
und DI Dr. Clemens Plank
Anspielung auf einen Arkadengang – mit den eigenständig weiter. * Imgang Architekten ZT GmbH
24 GESTALTE(N) Photos: Romana Fürnkranz2 3
4
1 Die Wohnung im Altbau konnte durch
den Dachausbau wesentlich vergrößert werden
2 Die Holzlamellen verhindern ungewünschte
Einblicke von der Hofseite
3 Die vorgelagerte Terrasse ergänzt
die räumliche Qualität der Innenräume
4 Alle sichtbaren tragenden Elemente
wurden weiß lasiert, um einen homogenen
Raumeindruck zu erzeugen
5 Aufgrund der kurzen Bauzeit entschied
man sich für einen konstruktiven Holzbau
6 Im Freien und doch witterungsgeschützt
GESTALTE(N) 25
5 626 GESTALTE(N)
DIE QUALITÄT DES LEBENS
NÖ PFLEGE- UND BETREUUNGSZENTRUM IN TÜRNITZ
Architektur 2
GESTALTE(N) 2728 GESTALTE(N)
D
as Leben in einer qualitätsvollen, Aktuell leben 72 BewohnerInnen in sechs
sicheren und naturnahen Umgebung Wohngruppen im Neubau. Sie werden
zu verbringen ist heute ein hohes Gut von einem multiprofessionellen Team und
und Herzenswunsch vieler Menschen. Mit Experten in der psychosozialen Betreuung be-
der Eröffnung des Neu- und Zubaus beim gleitet. Darüber hinaus steht das Haus Kindern
NÖ Pflege-und Betreuungszentrum Türnitz einer Kindergartengruppe und Kindern
Ende 2016 gelingt es, vielen Menschen diesen der gegenüberliegenden Volksschule in der
Wunsch zu erfüllen. Nachmittagsbetreuung und zum Mittagessen
GESTALTE(N) 291
zur Verfügung. Gemeinsam essen sie in der Heute zeigt auch der Blick vom Inneren
öffentlich zugänglichen Cafeteria zu Mittag. des Neubaus wunderschöne Bilder der
Türnitzer Landscha. Großzügig und
Struktur und Langlebigkeit abwechslungsreich rahmen die Fenster
„Wir haben sehr viel Energie in die optimale täglich neue „Gemälde“. Eine Wohltat für
Planung der Nutzung und der Materialien alle Menschen, die durch die innovative
investiert“ berichtet Architekt DI Johannes Gestaltung Aussicht genießen und damit
Putzer. Heute wohnen die Menschen im Lebensqualität gewinnen.
Neubau in einem, wie sie es empfinden,
“4 Sterne Hotel“ und gehen übers Freie Gemeinsam stark
zur „Arbeit“ in den sanierten Altbau, der Und so ist es nun auch: Das Pflege- und Be-
als baulicher Identitätsträger und wichtiges treuungszentrum ist für Bewohner, Besucher,
Element des Türnitzer Ortsbilds erhalten Kindergarten- und Schulkinder und alle
werden konnte. Mitarbeiter des Hauses ein Ort mit vielen
Die äußere Optik des Neubaus wird ge- Qualitäten. Gemeinscha und Miteinander
stalterisch durch Kupferblech und, die für der Generationen wird täglich erlebt und
die Voralpenregion typischen, Lärchen-Holz- war von Anfang an für alle Beteiligten
schindeln geprägt – langlebige und robuste spürbar. „Eine so gute Zusammenarbeit
Materialien die noch dazu „in Würde altern“. zwischen allen Beteiligten erlebt man selten“
Die auffallend großen Fensterrahmen wirken erzählt Architekt Putzer begeistert über
in Kombination mit den fröhlich leuchtenden die Zeit der Planung und Umsetzung, die
Streifenmarkisetten einladend und offen. von einer breiten Basis getragen wird. Die
partnerschaftliche Zusammenarbeit mit 2
Rahmen der Natur der Gemeinde und dem Team des Pflege-
Bereits zur Jahrhundertwende tri man und Betreuungszentrums machte eines
BAUHERR
eine sehr gute Entscheidung, als man den Ge- möglich: ein geglücktes Projekt mit hoher Amt der NÖ Landesregierung
bäudestandort für das damalige Pflegeheim Lebensqualität für alle, die darin wohnen Abt. Landeskliniken u. Landes-
und arbeiten. Und auf das kann man sehr betreuungszentren
auf einer Hügelkuppe mit ausgezeichnetem
PLANUNG
Fernblick nahe dem Ortszentrum wählt. stolz sein. * Architekt DI Johannes Putzer
30 GESTALTE(N) Photos: Thomas Apolt, Romana Fürnkranz3
4 5
1 Sonnige, überdachte Terrassen laden
zum Aufenthalt im Freien ein
2 Helles Stiegenhaus mit Ausblick ins Freie
3 In jedem Geschoß bieten zentral
angeordnete Kommunikationsräume mit
angeschlossenen Pflegefunktionseinheiten
kurze Wege und eine gute Sichtverbindung
zu den Gang- und Aufenthaltsbereichen
4 Koch- und Essbereich in einer Wohngruppe
5 Das Kaffeehaus steht auch Besuchern
von außen offen
6 Kapelle im Altbautrakt
GESTALTE(N) 31
6Nur noch wenige Tage bis zum ...
BADEN
32 GESTALTE(N)Wussten Sie,
wo Badens Ursprungsquelle liegt,
in welcher Kapelle sich dieser „Sternenhimmel“ befindet,
von welchem Gebäude in diesem Zitat die Rede ist?
„Ich besah das Haus das wir bewohnen sollen und muss dir
offen herzig gestehen, dass ich es unbewohnbar finde“
oder, dass Beethoven in Ermangelung von Papier einst
die Fensterläden seiner Badener Wohnung
für schnelle Notizen nutzte?
Nein?! – dann sollten Sie den Stadt-Spaziergang
in Baden am 8. September auf keinen Fall verpassen!
Eröffnung um 11:00 am Theaterplatz, Eintritt frei!
Und dass die Erkundungstour durch die ehemalige
Kaiserstadt nicht zu beschwerlich wird, gibt es …
– Weinverkostung in der gotischen St. Magdalenenkapelle
– im Heiligenkreuzer Hof
Fotos: Romana Fürnkranz, Rudi Roubinek, Stadt Baden, GESTALTE(N)
– Kaiserschmarrn-Essen im Garten des Kaiserhauses
Mit dabei auf Tour
Rudi Roubinek –
bekannt als Oberhofmeister Seyffenstein
aus der ORF-Sendung „Wir sind Kaiser“
Das gesamte Programm finden Sie
auf www.noe-gestalten.at GESTALTE(N)
Niederösterreich GESTALTE(N) in Kooperation mit der Stadt Baden
GESTALTE(N) 33HISTORISCHES NEU ERSCHLOSSEN ZUBAU HAUS STEINER IN WAIDHOFEN A. D.YBBS 34 GESTALTE(N)
Architektur 3
GESTALTE(N) 3536 GESTALTE(N)
I
n der Weyrer Straße 5 steht wie auf einer Im Original verwinkelt
begrünten kleinen Insel ein historisches So sollte man es wohl auch sehen, wenn man
Stadthaus. Die Bausubstanz verrät die Jahr- dieses besondere Haus auf sich wirken
hunderte. Nun wurde es um einen modernen lässt. Die darin vorhandene originale Treppe
Anbau erweitert. Drinnen versteckt sich ein ist eng und verwinkelt, nicht nur der älteren
ästhetischer Standpunkt. Generation düre sie einige Schwierigkeiten
bereiten. Der Zubau bringt ein großzügiges
An sich ist es immer so eine Sache, wenn man neues Treppenhaus – und je ein Vorzimmer
an altehrwürdige historische Bausubstanz in zwei Geschossen. Dort bieten bequeme
einen neuen Anbau setzt. Doch die Ge- Sitzgelegenheiten die Möglichkeit, den Auf-
schichte zeigt, dass man das auch früher schon stieg durch eine Rast zu unterbrechen.
genauso gemacht hat: was da war, wurde um-
gebaut, erweitert, verändert oder entfernt. Dieser neue Zugang aber bringt die zeitge-
Gerade alte Häuser verraten immens viel über mäße Erschließung des Gebäudes, wie sie vor-
ihre Bau- und Nutzungsgeschichte, in der her jahrhundertelang einfach nicht da war:
es immer wieder zu Änderungen gekommen eine Punktlösung, die in das Raumensemble
ist, je nach den Nutzungsvorstellungen und des Hauses ansonsten nicht eingrei. Mit
Ansprüchen der Bewohner. hellem Weiß und gemasertem Holzboden
GESTALTE(N) 371
zitiert der Anbau die Materialsprache des Geplant wurde die aufwendige Revitalisierung
Hauses selbst. Sichtbetonelemente verraten von der Waidhofener Architektengruppe w30.
die modernistische Auffassung. Es ist ein Sie hat es sich zum Ziel gesetzt, auf solide
bisschen wie in einem Ausstellungsbereich: Werte aufzubauen und neue Perspektiven zu
hier der moderne Zugang, dort das Alte, das öffnen: „Fortschrittliche Architektur ist mehr
man aufsucht. Und das wird präsentiert. als visionär und energieeffizient – sie ist
vor allem menschlich, scha Räume mit
Inszenierung der alten Substanz Charakter für individuelle Bedürfnisse“, heißt
Bei der umfassenden Renovierung des es in einer Selbstdarstellung. „Wir folgen dem
Hauses wurde besonderer Wert daraufgelegt, Motto der Bauhaus-Architekten und meinen:
die alte Gebäudesubstanz möglichst effektvoll Gute Architektur bringt Form und Funktion
in Szene zu setzen: Ungleichmäßige Fenster- in Einklang, folgt klaren Linien, erarbeitet
ausschnitte verweisen auf das historische intelligente Lösungen.“
Ambiente, mit dem sich der Bewohner
umgibt. An den Gewölbedecken liegen Zwei Fliegen mit einer Treppe
Bruchsteinoberflächen frei, ebenso hinter Mit dem durchdachten Konzept eines
der modernen Toilette. Auf den Fußböden angebauten Treppenhauses wurde nun zwei-
wechseln sich zimmerweise rustikale Holz- erlei erreicht: die Erschließung des original
dielen mit Ziegelsteinen ab. Man steht erhaltenen historischen Gebäudes unter
im Esszimmer unter einer historischen Berücksichtigung zeitgemäßer Ansprüche
Gewölbedecke, in einem anderen Raum und zugleich die deutliche Veränderung 2
prangt eine gotische Balkendecke mit kunst- des Außenbildes, denn was dort von der
vollen Schnitzereien und Datierung aus dem ursprünglichen Fassade noch zu sehen ist,
EIGENTÜMER
17. Jahrhundert. ragt hinter einem kubisch angelegten Beton- Dr. Josef Steiner
objekt hervor – ein klares Bekenntnis zur PLANUNG
Moderne und eine deutliche Priorisierung w30 ARCHITEKTUR
klarer Linien. * Photos: Romana Fürnkranz, Dominik Stixenberger
38 GESTALTE(N)3 4
4
5 6
1 Grund für den Zubau war eine für den
täglichen Gebrauch nicht adäquate alte Treppe
2 Der Zubau beinhaltet im Wesentlichen
nur ein Stiegenhaus
3 In der schmalen Nische wurde ein Essbereich
integriert
4 Der Sanitärbereich im Dach wurde als
weiße Box im Raum konzipiert
5 Der denkmalgeschützte Dachstuhl dure nicht
verändert werden, sodass man den
Bundtram mit einer Stufe übersteigen muss
6 Im ältesten Bereich des ehemaligen
Schmiedehauses befindet sich heute das
Wartezimmer der Ärzteordination
GESTALTE(N) 39AUS DEM SCHLAF GEKÜSST
SANIERUNG DES „FRISEURHÄUSCHENS” IN EICHGRABEN
40 GESTALTE(N)Architektur 4
GESTALTE(N) 4142 GESTALTE(N)
Vor der Sanierung
„F
riseure haben wenig Geld“, meint der Von der Eisgrube zum Friseur
Besitzer. „Deshalb wurde an dem Haus Errichtet wurde es 1896, aber auch dafür lohnt
nichts gemacht.“ Zum Glück, denn es sich, etwas auszuholen. Eichgraben bekam
dadurch wurden schlimme Bausünden ver- 1890 eine Haltestelle auf der Postlinie. Natür-
mieden. Das Ergebnis: ein Haus wie von 1907, lich brauchte es dann auch ein Gasthaus, und
aber alles tipptopp. das hieß, wie auch sonst, „Zur Post“. Das
Wirtsgebäude benötigte auch eine Eisgrube,
Das Schöndorferhaus kennt in Eichgraben und damit beginnt 1896 die Geschichte dieses
jeder. Es beherbergte von 1907 bis weit in Hauses. 1907 wurde das Gasthaus ausgebaut
die siebziger Jahre den örtlichen Friseur. und die Eisgrube zum Wohn- und Geschäs-
Generationen von Menschen gingen durch haus umgebaut. Der Friseur Schöndorfer
die Tür ins Erdgeschoß, um sich die Haare nahm seine Arbeit auf. Die Jahre zogen ins
schneiden zu lassen. Land, an dem Haus wurde praktisch nichts
GESTALTE(N) 43
61 2
verändert. Seine Jugendstilfassade wurde nicht Restaurierung der Veranda erfolgte sehr be- Ein Haus wie damals
hinter Eternitplatten versteckt, das Dach blieb, hutsam, und im Hausinneren wurde alles, was Die Originalfarbe der Fassade ist nicht mehr
wie es war. Auch die Wasserleitung kam nicht da war, hervorgeholt, gereinigt, imprägniert erhalten. Deshalb entschied man sich für ein
sehr weit hinein in das kleine Häuschen mit und dann wieder an seinen Platz gefügt. leichtes Lindgrün, abgesetzt mit gebrochenem
76 m2 Nutzfläche auf einer Etage. Lediglich die Raumaueilung wurde überar- Weiß. Holzelemente auf der Außenseite
beitet, um zu einem vernünigen Wohnraum prangen in kräigem Dunkelgrün. Damit gibt
Zeitblase entdeckt zu kommen. Auch das Bad samt dem engli- das Schöndorferhaus einen Eindruck davon,
Die einzige größere Veränderung war der schen Fenster mit dekorativen Glasfeldern wie kleine Wohnhäuser im österreichischen
Ziegelauau von 1907, der aus der steinge- sind neu. Jugendstil gewirkt haben: frisch und elegant,
1 mauerten Eisgrube ein richtiges Haus werden aufgeräumt und gastfreundlich. Wenn man
ließ. Sonst passierte nichts. Irgendwann ver- Abseits vom Trend dieses Haus sieht, merkt man: Eine moderne
schwand der Friseursalon, um 2008 wurde es Aber es gibt keine Dämmung, keine ermo- Erweiterung hätte ihm nicht gutgetan.
von den damaligen Besitzern verkau. Die fenster, keine Erdwärme oder Wärmerück-
Zwillingsbrüder Niemetz wurden auf das gewinnung. Mit Ausnahme der Dämmung der Trotzdem hat auch die Moderne hier reichlich
Gebäude aufmerksam und erwarben es 2011. obersten Geschoßdecke, die sinnvoll ist Platz, denn die Brüder Niemetz sind be-
Natürlich war es ein Sanierungsfall. Klar war und nicht ins Bild eingrei, wurden alle geisterte Sammler moderner Kunst. Die hängt
aber auch: Alles sollte im Grunde so bleiben, thermischen Optimierungen ausgelassen. Der hier jetzt an den Wänden, und als Esstisch
wie es war. Grund ist so einfach wie plausibel: Aufgrund fungiert der Arbeitstisch eines Bildhauers, in
des Kleinformats dieses Hauses wäre durch den sich vierzig Arbeitsjahre eingeschrieben
Die große Chance, die dieses Haus bot, lag solche Maßnahmen nur ein kleiner Effekt haben. Ein „Haus voller Zeit“, wenn man
nämlich nicht in seiner Größe oder dem, was zu erzielen. Außerdem würden die Eingriffe so will, und mit einer Atmosphäre, die zu
man so gern als Potential bezeichnet. Sondern in die historische Substanz den Gewinn bewahren das Kunststück jeder überlegten,
in seiner völligen Intaktheit im Original- deutlich überwiegen. Die seltene Chance, ein behutsamen Restaurierung sein sollte. *
zustand von 1907. Auf der Fassade gibt es ein altes Haus im Urzustand zu bewahren, wäre
Ornamentrelief mit Kastanien – ein Hinweis damit vertan.
auf die Kastanien des Umfelds. Es gibt eine Das kann man heute auch schon als mutig
EIGENTÜMER
schöne Veranda und uralte Dielenböden aus ansehen, denn die neue Ethik der thermi- Andreas Niemetz
Lärchenholz. Das Satteldach war noch mit den schen Optimierung steht o an oberster SANIERUNG
alten Ziegeln eingedeckt – hier war ein Aus- Stelle. Manchmal kommt es aber auf etwas Josef Szabo GmbH
tausch nötig, aber mit der gleichen Ware. Die Anderes an. Photos: Romana Fürnkranz
44 GESTALTE(N)3
4
1 Ausstattungsgegenstände wie alte
Türdrücker oder Leuchten wurden auf
diversen Flohmärkten gekau
2 Die Holzveranda blieb auch nach
der Sanierung unbeheizt
3 Wohn- und Schlafraum im Obergeschoss
4 Ehemaliger Friseurraum im Erdgeschoss
5 Der alte Holzarbeitstisch stammt von
einem Bildhauer der viele Gebrauchsspuren
darauf hinterlassen hat
6 Die neue Badezimmertrennwand wurde
mit alten Gläsern verglast
GESTALTE(N) 45
5 646 GESTALTE(N)
NAH AM WASSER GEBAUT
DIE NEUEN KLIPPENHÄUSER
DER BAUMHAUS-LODGE
Architektur 5
GESTALTE(N) 4748 GESTALTE(N)
AUG‘ IN AUG‘ MIT DER NATUR
Ü
ber die Baumhaus-Lodge in Schrems Ruhe am See
hat Niederösterreich GESTALTE(N) Das Bauvorhaben wird in einem aufge-
schon vor einiger Zeit berichtet: Es lassenen Granitsteinbruch realisiert, wo sich
handelt sich dabei um ein einzigartiges in der ehemaligen Abbaustätte mittlerweile
Refugium aus ambitioniert gestalteten und ein Teich gebildet hat. Die „Baumhäuser“ aus
anspruchsvoll eingerichteten kleinen Ferien- dem ersten Bauabschnitt haben einen soliden
apartments, die man mieten kann, wenn man Grundbau. Jetzt geht es um die Klippen-
eine Auszeit braucht. Denn hier ist man allein häuser, die über dem Ufer direkt am Boden
mit sich – und der Natur. verankert werden. Da sie über den Teich
ragen, entsteht beim Blick aus dem Fenster
Die Ausgangssituation ist klar: Wer immer die Illusion, über dem Wasser abgehoben zu
unter Stress steht, stets erreichbar und mobil sein. Wasser, Wald und Wiese: Hier kann man
ist, der wünscht sich einfach nur, einmal richtig durchatmen, auch seelisch.
richtig abschalten zu können. Franz Steiner
hat dieses Bedürfnis schon vor Jahren erkannt Der Teich ist von weiten Naturflächen um-
und ein „architektonisches Walddorf “errich- geben, doch die Stadt lädt mit verschiedenen
tet. Zu den ersten Einheiten haben sich jetzt Besichtigungsmöglichkeiten, Museen, einem
zwei Klippenhäuser dazu gesellt. kostenlosen Moorbad und noch einigem
GESTALTE(N) 491 2
mehr zu vielen Ausflügen ein. Ein Ort zum gerichtet, der sich vor allem in den einladen-
Krafinden, zur Regeneration. Dazu passt das den Ledersesseln zeigt. Man hat Naturstein
unweit gelegene Unterwasserreich mit Fisch- aus Schrems verarbeitet, von denen aus
otterfütterung und lehrreichen Erkundungen. man die umliegende Natur betrachten kann.
Das Areal selbst ist reich und attraktiv. Über Ansonsten wurde weiter auf Holz und Metall
den mit Fischen besetzten Teich ragen gesetzt. Jedes Haus bietet einen Wohn-Schlaf-
schroffe Felswände bis zu sieben Meter empor, raum mit Liegelandscha, Bad und Toilette,
im Wald wachsen Buchen, Eichen, Kiefern außerdem eine große Terrasse mit Sitzgele-
und Fichten. Im Süden schließen sich Acker- genheit und Tisch. Die beiden Wasserhäuser
flächen und ein Birkenwald an. Von hier aus werden über ein Außenplateau erschlossen
können viele Wanderungen unternommen und wirken wie hinterlassene Objekte, die ihre
werden. Funktion nicht gleich preisgeben und zusam-
men mit dem Teich zu einer Art Installation
Dem Ort gerecht werden verschmelzen. Da sie auf dünnen Stahlstreben
Bei der Gestaltung und Planung wurden ruhen, „schweben“ sie über dem Klippenrand.
die markanten Wesenszüge dieses Ortes Innen sind die Strukturen sehr klar und
aufgegriffen und architektonisch erweitert. Die funktionell. Es gibt nur, was man für ein paar
Architektur dieses Bauprojekts unterstreicht Tage benötigt. Jetzt nur noch das Handy aus-
den Charakter des Standorts, der von ver- schalten, und die Ruhe ist da.
gangener industrieller Nutzung und Struktur- Ökologisch interessant ist auch die völlige
wandel erzählt. Eine heile Welt wird hier nicht Wiederverwertbarkeit der ganzen Anlage. Ein
gespielt, wohl aber die heilende Landscha Schwerpunkt liegt auf dem Werkstoff Holz,
erfahrbar gemacht. der eine ästhetische Verbindung zur Umge-
bung scha und mit seinem Dämmverhalten 3
Entspannen mit Stil eine ganzjährige Nutzung dieser Häuser er-
Etwa sieben Meter über dem Wasser ragen die möglicht. An diesem Punkt könnte die Anlage
BAUHERR
Klippenhäuser über den alten Steinbruch- „fertig“ sein – wenn es da nicht noch etwas Mag. Franz Steiner
teich. Ihre kantige Form lehnt sich an die abseits eine weitere gewidmete Fläche gäbe … PLANUNG
Struktur der Felsen an. Die beiden Gebäude und wer weiß, vielleicht geht die Geschichte Architekt DI Andreas Wenning (baumraum)
mit je 26 m² Nutzfläche sind im Retrostil ein- noch weiter? * Photos: Romana Fürnkranz
50 GESTALTE(N)3
4 5
1 Aufgrund der Ausstattung mit
Pelletsöfen sind die Klippenhäuser
ganzjährig benutzbar
2 Die Metallplatten wurden
in verschiedenen Richtungen
montiert, sodass das Sonnenlicht
unterschiedlich reflektiert wird
3 Vom Bett aus kann man tagsüber
die Natur beobachten
4 Das Fensterbrett wurde zu einer
Sitzbank erweitert
5 Der Innenraum bietet
ausreichend Platz für 2 Personen
6 Duschen mit Blick
in die Baumkronen
GESTALTE(N) 51
6VERWUNSCHENES NIEDERÖSTERREICH
EIN DORF IM DORF UND
EIN AUSSERGEWÖHNLICHES
MUSEUM
52 GESTALTE(N)GESTALTE(N) 53
54 GESTALTE(N)
D
en etwa 60 km nordöstlich von Wien Das Hauptgebäude und zugleich das jüngste Rasten und einkehren
gelegenen Weinviertler Ort Drasen- Gebäude auf dem Gelände ist das so genannte Überwältigt von den Details, betreten wir den
hofen verbinden viele vor allem mit Traktorium. Wie es schon der Name vermuten großzügigen Garten, der mit einem impo-
regelmäßigen Staumeldungen im Radio. Wir lässt, beherbergt es historische Traktoren, santen Baumbestand und als Besonderheit
aber laden Sie ein, uns abseits von LKW- davon eine vollständige Erstserie von Steyr. mit einem viele Millionen Jahre alten fossilen
Schlangen auf eine Zeitreise durch eine Darüber hinaus sind auch andere namhae Baumstumpf aufwartet. Nun geht es an einem
illustre Vergangenheit zu begleiten. Der österreichische Landmaschinenhersteller wie offenen Stadl vorbei, wo man auf Wunsch
Ausgangspunkt für unseren historischen Warchalovski, Hoerr-Schranz und Lindner unter fachkundiger Anweisung selbst histori-
Spaziergang durch das aus mittlerweile sechs vertreten. Als besonderes Gustostückl für sche Stationärmotoren ankurbeln darf. Im
Gebäuden bestehende Ensemble zwischen Kenner gibt’s auch einen Lands Bulldog- Freigelände gibt es außerdem eine Sammlung
Kellerberg mit seiner malerischen Hintaus- Ackerschlepper aus den 1920er-Jahren. von typischen landwirtschalichen Geräten
gasse und der Ortstraße beginnt bei der Ergänzt wird die Traktorensammlung mit für die Feldarbeit und den Weinbau, die
Hausnummer „Drasenhofen 66“. Hier steht Motorrädern, Rollern und Fahrrädern. Ein um 1900 im Einsatz waren und liebevoll
eine im regionaltypischen Stil eines Streck- weiterer Bestandteil des Museums ist eine restauriert und konserviert wurden. In der
hofes errichtete Halle, durch welche Gäste große Anzahl von Blech- und Emailtafeln, ebenfalls hier befindlichen Dorfschmiede
und Besucher in das anschließende Museums- Reklamebeleuchtungen, Zapfsäulen sowie wird einmal im Monat landtechnisches
dörfl auf 3.200 m² Fläche gelangen. Uniformen von Gendarmerie und Zollwache. Schmieden vorgeführt. >
GESTALTE(N) 55Den Abschluss des Geländes bildet die Hint- Die Familie Trautson hatte in Drasenhofen schlitz im Inneren gemauert wurden, ge-
ausgasse. Ein Gebäude dort ist der Keller- Ackerflächen und so war es naheliegend, dass währleisten eine ständige Querlüung im
bergstadl, in dem eine sehenswerte Moped- vor Ort ein Speicher gebaut wurde. Stadl um die Feuchtigkeit nach außen abzu-
und Fahrradsammlung untergebracht ist. Zwischen 1930 und 1960 wurde das Gebäude führen. Diese geniale Technik – außen ein-
Von dort aus starten auch geführte Rund- dann als Raiffeisenlagerhaus genutzt und facher, innen doppelter Schlitz – bewirkt, dass
fahrten mit historischen Traktoranhängern befand sich anschließend in wechselndem kein Vogel, der das Getreide verunreinigen
oder zum Selbstfahren mit Oldtimertrak- Privatbesitz. Heute dient es ausschließlich könnte, in das Gebäudeinnere eindringen
toren. Die Palette reicht dabei von kurzen musealen Zwecken zum ema Landtechnik. kann. Auch der Flugschnee im Winter wird
Spritztouren, bis zu Tagesfahrten über die Wobei die ältesten Maschinen noch aus der weitgehend ferngehalten.
sanen Hügel des umliegenden Weinviertels Habsburg Monarchie stammen. Gemauert ist der Stadl aus dem ortsan-
mit seinen schönen Ausblicken und Land- sässigen fossilen Kalkstein und beidseitig
schaen. Raffinierte Bauweise verputzt. Die Dachstuhlkonstruktion aus ge-
Der Herrenstadl ist ca. 20 m lang, 14 m breit hackten Eichenhölzern stammt vermutlich
Architekturdenkmal Herrenstadl und im Bereich der Einfahrt 19 m hoch. aus den fürstlichen Wäldern vor Ort.
Auf einer topografischen Erhöhung, dem Die unterirdischen Räume wurden z.B. als Eingedeckt war der Stadl mit keramischen
so genannten Kellerberg, enstand geschützt Lebensmittellager für Feldfrüchte genutzt. Wiener Taschenziegel mit Fugenverstrich
vor der Grundwassergefahr um 1698 der Durch die mächtige Höhe war es möglich die wobei Firste, Grate und Ochsenaugen im
dominante Herrenstadl. Das imposante Ge- Getreidegarben bis zur Mittelpfette zu lagern. Mörtelbett verlegt waren.
bäude wurde von der fürstlichen Herrscha Um das Getreide vor dem Schimmeln zu be-
Trautson Poysbrunn-Falkenstein errichtet wahren, wurde ein ausgeklügeltes Lüungs- Wie alles entstand
und vom jetzigen Eigentümer der Liegen- system eingebaut. Schlitze in der Fassade, die Bei einem Glaserl Grünen Veltliner erzählt
scha in seiner Originalität wiederhergestellt. dann im Mauerwerk verzogen als Doppel- Hannes Morocutti launig von den Anfängen
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