Gesundheit und Medizin - Herausforderungen und Chancen - Analyse und Handlungsempfehlungen 2018

 
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Gesundheit und Medizin - Herausforderungen und Chancen - Analyse und Handlungsempfehlungen 2018
Zukunftsrat der Bayerischen Wirtschaft

Gesundheit und
Medizin –
Herausforderungen
und Chancen
Analyse und
Handlungsempfehlungen
2018

www.vbw-zukunftsrat.de
Gesundheit und Medizin - Herausforderungen und Chancen - Analyse und Handlungsempfehlungen 2018
Gesundheit und
Medizin –
Herausforderungen
und Chancen
Analyse und
Handlungsempfehlungen
2018

Stand Juli 2018
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Vorwort

Alfred Gaffal

Mit dem aktuellen Schwerpunkt Gesundheit und Medizin          Die vbw Studie Gesundheit und Medizin – Herausforderungen und Chan-
hat der Zukunftsrat der Bayerischen Wirtschaft ein Themen­    cen zeigt, welches Potenzial in der Nutzung technologischer Trends liegt
feld gewählt, das nicht nur jeden einzelnen von uns unmit­    und wie diese dazu beitragen können, die künftigen Herausforderungen
telbar betrifft, sondern auch eine hohe Bedeutung für Wirt­   für das Gesundheitswesen zu bewältigen. Auf dieser Grundlage hat der
schaft und Forschung in Bayern hat.                           Zukunftsrat die vorliegenden Handlungsempfehlungen erarbeitet. Sie rich­
                                                              ten sich wie gewohnt an Wirtschaft, Wissenschaft und Politik, appellieren
Das Gesundheitswesen ist ein wichtiger und im Zuge des        aber auch an die Eigenverantwortung jedes Einzelnen.
demografischen Wandels vor allem auch wachsender Wirt­
schaftsfaktor, der in hohem Maß zu Wertschöpfung und          Eine Schlüsselrolle nehmen dabei die Schaffung einer innovations- und
Beschäftigung beiträgt. Sowohl in Deutschland als auch in     forschungsfreundlichen Umgebung sowie die Optimierung der Rahmen­
Bayern wächst die Gesundheitswirtschaft stärker als der       bedingungen für die Gesundheitswirtschaft am Standort Bayern ein. Die
gesamtwirtschaftliche Durchschnitt und auch die Zahl der      zukunftsfähige Ausgestaltung des Gesundheitssystems stellt die Basis
Erwerbstätigen wird sich in den nächsten Jahrzehnten          dafür dar. Zentrales Ziel ist es, die Versorgungsqualität zu erhalten und
deutlich erhöhen. Gleichzeitig ist der Fachkräftemangel im    weiter auszubauen, die Kosten in den Griff zu bekommen sowie zusätzliche
Gesundheitswesen schon heute spürbar. Ein steigender          Wertschöpfung durch innovative Produkte, Geschäftsmodelle und Prozesse
Versorgungsbedarf in der Bevölkerung wird das Problem         zu generieren. Mit den vorliegenden Handlungsempfehlungen möchten
weiter verschärfen. Auch die Frage der künftigen Finan­       wir den Anstoß dazu geben, dass in Bayern die Chancen ergriffen werden, die
zierung des Gesundheitswesens fordert alle beteiligten        technologische Innovationen und Trends in Gesundheit und Medizin bieten.
Akteure heraus. Sinkende Einnahmen stehen steigenden
Ausgaben gegenüber. Die Folge sind Beitragssteigerungen
oder Leistungskürzungen, wenn es nicht gelingt, über
technologische Innovationen die Effizienz zu steigern.        Alfred Gaffal
                                                              Vorsitzender Zukunftsrat der Bayerischen Wirtschaft
Dreh- und Angelpunkt ist dabei eine verbesserte Datennut­     Präsident der vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V.
zung durch die Einführung einer elektronischen Gesund­
heits- oder Patientenakte. Durch sie ergeben sich neue
Möglichkeiten der Prävention und Therapie, Behandlungs­
fehler werden minimiert und die Qualität der Versorgung
kann insgesamt gesteigert werden.
4                                                                                                                                              5

Vorwort

Prof. Dr. Dr. h. c. mult.
Wolfgang A. Herrmann

Nichts bedeutet uns mehr als die Gesundheit. Denn ohne          gen für das Gesundheitswesen liegen in der Sicherstellung einer solidari­
Gesundheit ist alles nichts. Gesundheit ist aber nicht ein      schen Gesundheitsversorgung. Damit überlagert sich zwingend der präven­
individuelles, sondern auch ein gesellschaftliches Gut,         tive Ansatz, der alle Beteiligten unmittelbar angeht: Ernährung, Bewegung
weshalb die Gesundheitsfürsorge ein zentrales staatliches       und Therapietreue sind Faktoren, die im Expertenurteil noch vor dem Le­
Anliegen ist. Die Fortschritte von Naturwissenschaft, Tech­-    bensumfeld und der genetischen Veranlagung rangieren.
nik und Medizin haben vielen Krankheiten, die noch vor
wenigen Jahrzenten als unheilbar galten, ihren Schrecken        Neben allfälligen gesundheitspolitischen Maßnahmen treten neue Tech­­-
genommen. Dafür sind andere Erkrankungen, vornehmlich           no­­
                                                                   logien, verstärkt durch die Schubkräfte der Digitalisierung, in den
solche des höheren Lebensalters, in den Alltag eingezo­         Vordergrund. Stichworte sind eHealth-Anwendungen, Telemedizin, 3D-
gen – Diabetes, Demenz und Krebs stehen an erster Stelle.       Druck­tech­niken, gen- und zelltherapeutische Ansätze der Biotechnologie,
Mit großflächigen Forschungsprogrammen versucht man             Ge­ n om­s equenzierung, Assistenzrobotik (Geriatronik), avantgardistische
ih­nen durch Früherkennung und wirksame Therapien bei­-         Bildgebungsverfahren. Unverzichtbar für treffsichere Diagnose- und The­
zukommen.                                                       rapieansätze auf dem Weg zur „personalisierten Medizin“ von morgen ist
                                                                die umfassende Nutzung von Methoden der Künstlichen Intelligenz, die
Die vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V. hat      ihrerseits auf dem Fortschritt der Computerwissenschaften und der Ver­
 ihren Zukunftsrat beauftragt, gemeinsam mit Experten der       füg­b arkeit von Hochleistungs-Rechenzentren beruhen. Wie unsere Analy­
Prognos AG die zentralen Entwicklungen und Herausfor­de-­­      se zeigt, haben die Akteure des Gesundheitswesens – selbst namhafte
­r ­ungen für ein effizientes Gesundheitssystem heraus­zu­ar­   Forschungskliniken mit assoziierten Universitäten – großen Nachholbedarf
 beiten, um hieraus die vorliegenden Handlungsempfehlun­        in diesen Bereichen. Auch verfügen die Krankenhäuser in Deutschland
 gen abzuleiten, die den beteiligten Akteuren als Leitlinie     bisher in der Mehrzahl nicht über eigene Digitalisierungsstrategien.
 dienen können.
                                                                Das Medizinland Bayern steht in der gesundheitsbezogenen Forschungs­
Eine Analyse dieser hochkomplexen Thematik zeigt, dass          politik ebenfalls vor großen Herausforderungen: Ohne landesweit koordinier­
der Wandel im Gesundheitswesen vor allem auf der Alte­          te, auf Themenschwerpunkte massiv fokussierte Forschungsallianzen – wie
rung der Bevölkerung, dem veränderten Krankheitsspek­           in der Regierungserklärung des Ministerpräsidenten am 18. April 2018 rich­-
trum, einem immer gravierender werdenden Fachkräfte­-           tigerweise angekündigt – wird eine HighTech-Medizin nicht realisierbar sein.
man­g el, dem Phänomen der Urbanisierung und Individuali­
sierung, dem medizinisch-technischen Fortschritt und der
Mitbestimmung der Patienten beruht. Die Herausforderun­         Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Wolfgang A. Herrmann
                                                                Vorsitzender Zukunftsrat der Bayerischen Wirtschaft
                                                                Präsident der Technischen Universität München
6   vbw   Zukunftsrat der Bayerischen Wirtschaft   Gesundheit und Medizin – Herausforderungen und Chancen              7
                                                   Analyse und Handlungsempfehlungen

                                                   Inhalt

                                                   Vorwort                                                             2

                                                   Die Mitglieder des Zukunftsrats                                    10

                                                   Einleitung                                                         12

                                                   A.    Zusammenfassung der Studienergebnisse

                                                   01    Gesundheitswesen in Deutschland                              16

                                                   02    Zentrale Entwicklungen und Herausforderungen                 20
                                                   			   im Gesundheitswesen
                                                   			   – Zentrale Trends
                                                   			   – Zentrale Herausforderungen für das Gesundheitswesen

                                                   03    Chancen und Potenziale neuer Technologien                    30
                                                   			   – Technologische Trends im Überblick
                                                   			   – Elektronische Patientendaten

                                                   04    Gesundheit als Wirtschaftsfaktor in Deutschland und Bayern   36

                                                   05    Forschung und Entwicklung in Deutschland und Bayern          40

                                                   06    Chancen für Unternehmen, Hemmnisse                           44
                                                   			   – Potenziale
                                                   			   – Hürden
8                 vbw   Zukunftsrat der Bayerischen Wirtschaft                     Gesundheit und Medizin – Herausforderungen und Chancen                            9
                                                                                   Analyse und Handlungsempfehlungen

B     Handlungsempfehlungen

01    Grundsätzliche Ausrichtung des Gesundheitssystems                       52   04   Der Beitrag neuer Technologien                                              82

			  –    Rückbesinnung auf die Absicherung von elementaren Lebensrisiken          		 –   Technologien stärker nutzen
			  –    Regulierung mit Augenmaß                                                 		 –   Erforschung der Effekte neuer Technologien,
			  –    Transparenz                                                              			    insbesondere der individualisierten Medizin
			  –    Flächendeckende Versorgung                                               		 –   Digitalisierung im Gesundheitswesen vorantreiben
			  –    Eigenverantwortung stärken                                               		 –   Rahmenbedingungen im Hinblick auf weitere zentrale
			  –    Gesundheit als Teil des Themenkomplexes Nachhaltigkeit betrachten        			    Technologien verbessern
			  –    Prävention                                                               		 –   Ethische Fragen offen ansprechen
			  –    Finanzierung der GKV und der gesetzlichen Pflegeversicherung             		 –   Akzeptanz schaffen
				      zukunftsfest ausgestalten
			  –    Mehr Wettbewerb wagen
                                                                                   05   Rahmenbedingungen für die Gesundheitswirtschaft
                                                                                   		   am Standort verbessern                                                      98
02    Höhere Effizienz im System ermöglichen                                  66
                                                                                   		 –   Arzneimittelproduktion am Standort stärken
			   –   Elektronische Karte und Akte                                             		 –   Schnellere Überführung von Forschungsergebnissen
			   –   Prozessoptimierung                                                       			    in Anwendungen (Translation)
			   –   Anreize für den Einsatz effizienzsteigernder Technologien setzen         		 –   Forschungsfreundliche Rahmenbedingungen
			   –   Erfolgsmessung, Outcome-Elemente                                         		 –   Qualitätsgesicherte, leistungsfähige Plattformen für medizinische Daten
			   –   Entlassungsmanagement, Hilfsmitteleinsatz                                		 –   Fachkräftesicherung
			   –   Rehabilitation                                                           		 –   Investitionsbudgets punktuell erhöhen
                                                                                   		 –   Digitalisierung im Gesundheitsbereich gezielt fördern
                                                                                   		 –   Start-ups und junge Unternehmen
03    Innovationsfreundliche gesundheitspolitische                                 		 –   Synergien stärken und nutzen
			   Rahmenbedingungen                                                       74   		 –   Chancen der Regionen in Bayern nutzen
                                                                                   		 –   Umwelt und Gesundheit
			   –   Zulassungsverfahren und Preisfestsetzung                                 		 –   Bayerische Gesundheitswirtschaft international besser vernetzen
			   –   Erstattungsbedingungen                                                   		 –   Einsatz neuer technologischer Lösungen im Bereich
			   –   Health Technology Assessment                                             			    der Entwicklungshilfe
			   –   Besserer Informationsfluss im Gesundheitssystem                          		 –   Empfehlungen an Unternehmen
                                                                                   		 –   Weitere Rahmenbedingungen für erfolgreiches Wirtschaften am Standort
10    vbw   Zukunftsrat der Bayerischen Wirtschaft                                Gesundheit und Medizin – Herausforderungen und Chancen                             11
                                                                                  Analyse und Handlungsempfehlungen

Die Mitglieder                                                                                       Prof. Udo Lindemann
                                                                                                     Ordinarius i. R. für
                                                                                                                                           StM
                                                                                                                                           Franz Josef Pschierer

des Zukunftsrats                                                                                     Produktentwicklung,
                                                                                                     Technische Universität
                                                                                                                                           Staatsminister für
                                                                                                                                           Wirtschaft, Energie
                                                                                                     München                               und Technologie

        Alfred Gaffal                                Prof. Wolfgang                                  Dr. Norbert Lütke-Entrup               Prof. Birgit
        Präsident der                                A. Herrmann                                     Head of Technology and                 Spanner-Ulmer
        vbw – Vereinigung der                        Präsident der                                   Innovation Management                 D irektorin Produktion
        Bayerischen Wirtschaft                       Technischen Universität                         Corporate Technology                   und Technik
        e. V.                                        München                                         Siemens AG                             Bayerischer Rundfunk

        Prof. Manfred Broy                           StM Georg Eisenreich                             Prof. Sabine Maasen                  Prof. Dieter Spath
        Gründungspräsident                           Staatsminister für                              Friedrich Schiedel-                  Präsident acatech,
        des Zentrum                                  Digitales, Medien und                            Stiftungslehrstuhl für               Deutsche Akademie der
        Digitalisierung.Bayern                       Europa                                           Wissenschafts-                       Technikwissenschaften
                                                                                                      ­s oziologie TU München

         Prof. Ansgar Büschges                        Prof. Thomas Hamacher                           Prof. Reimund                        Prof. Günther Wess
        L ehrstuhl für                              L ehrstuhl für                                  Neugebauer                           P räsident und CEO
         Neurobiologie /                              Erneuerbare und                                P räsident                            Helmholtz Zentrum
         Tierphysiologie                              Nachhaltige                                     Fraunhofer-Gesellschaft               München,
         Universität zu Köln                          Energiesysteme                                                                        Vizepräsident der
                                                      TU München                                                                            Helmholtz-Gemeinschaft

        Prof. Hans-Jörg Bullinger                     Prof. Gerd Hirzinger                           Prof. Wolfgang Peukert                 Prof. Michael F. Zäh
        M itglied des Senats der                    E hem. Direktor                                Lehrstuhl für Feststoff- und          L ehrstuhl für
         Fraunhofer-Gesellschaft,                     (jetzt Berater) des DLR                        Grenzflächenverfahrens­                Werkzeugmaschinen und
        Aufsichtsratsvorsitzender                     Robotik und Mecha­t ronik                      technik, Friedrich-                    Fertigungstechnik
        TÜV SÜD                                       Zentrums RMC                                   Alexander-Universität                  im iwb der TU München
                                                                                                     Erlangen-Nürnberg
12             vbw   Zukunftsrat der Bayerischen Wirtschaft                   Gesundheit und Medizin – Herausforderungen und Chancen                        13
                                                                              Analyse und Handlungsempfehlungen

Einleitung
Das Gesundheitswesen ist ein komplexes System, an dem viele verschie­         Zentrales Ziel muss es sein, über neue technologische Lösungen die Versor­-
dene Akteure beteiligt sind: Wissenschaft, Politik, Versicherungswesen,       gungsqualität nicht nur zu erhalten, sondern auszubauen, ohne die Aus­g a­
Heil- und Pflegeberufe, private Wirtschaft und Patienten. Es ist zugleich     ben zu erhöhen. Gleichzeitig muss das Gesundheitssystem im Ganzen zu­
Sozialversicherung und Innovationssystem von großem wirtschaftlichen          kunftsfest ausgestaltet werden. Dazu zählen eine geringere Abhängig­keit
Gewicht.                                                                      von demografischen Entwicklungen sowie eine möglichst effiziente Aus­ge­-
                                                                              staltung, aber auch eine stärkere Betonung der Eigen­verant­w ortung.
Eine nachhaltige und effektive Gesundheitsversorgung ist von höchster
Bedeutung. Der Fortschritt in Forschung und Entwicklung macht eine im­        Die einzelnen Akteure sind an den Leistungsbeziehungen einerseits und
mer präzisere und individuellere Diagnose und Heilung vieler Krankheiten      der Umsetzung technologischer Entwicklungen in Produkte, Prozesse und
möglich. Gleichzeitig muss sich das Gesundheitssystem auf sich ändern­        Geschäftsmodelle andererseits mit teilweise sehr unterschiedlichen Pers­
de gesellschaftliche Rahmenbedingungen einstellen, beispielsweise mehr        pektiven beteiligt. Überdies unterliegen Ansprüche und Angebote – nicht
ältere Menschen, die zugleich länger aktiv sind, oder ein immer später auf­   zuletzt vorangetrieben durch technologische Fortschritte etwa im Bereich
tretender Kinderwunsch und ein Trend zur „Selbstoptimierung“ auch im          Digitalisierung – einem ständigen Wandel. Das gilt auch für Einstellungen
gesundheitlichen Bereich. Die Ausgaben pro Kopf im Gesundheitswesen           zu ethischen Aspekten und die grundsätzliche Frage nach dem Umfang
wachsen jedoch weltweit schneller als das Bruttosozialprodukt.                der Versorgung, die jeder Bürger erhalten muss.

                                                                              Entscheidend für das Gelingen ist ein kontinuierlicher Austausch zwi­
Drei grundsätzliche Reaktionen sind denkbar:                                  schen allen Akteuren des Gesundheitssystems. Das schließt die Verfüg­
                                                                              barkeit verlässlicher, evidenzbasierter Informationen ein, den gelingenden
− Kostensteigerungen hinnehmen, was auch aufseiten des Staates                Wissenstransfer von der Forschung in die Praxis, die Transparenz in Bezug
  mit einer Ausweitung der Gesundheitsausgaben verbunden sein wird            auf Risiken und Kosten, aber auch die Kommunikation des Nutzens von In­
                                                                              novationen insbesondere für die Patienten. Ihnen sollten deutlich mehr
− Sparen, Leistungsumfang reduzieren und Eigenverantwortung                   Chancen zur Mitwirkung eingeräumt werden. Das erhöht das Bewusstsein
  der Bürger für ihre Gesundheit stärken                                      für Eigen­verantwortung und gesundheitserhaltendes Verhalten sowie die
                                                                              Akzeptanz von technologischen Innovationen im Gesundheitswesen.
− Produktivität und Effizienz steigern, insbesondere über den
  Einsatz neuer Technologien und die Stärkung der diesbezüglichen
  Anreizsysteme, auch im Hinblick auf die Prävention
Gesundheit und Medizin – Herausforderungen und Chancen                       15
                        Analyse und Handlungsempfehlungen

                        Kapitel                                                              Seite

Zusammenfassung         01
                        02

                              Gesundheitswesen in Deutschland
                              Zentrale Entwicklungen und Herausforderungen
                              im Gesundheitswesen
                                                                                             16

                                                                                             20

der Studienergebnisse   03
                        04

                              Chancen und Potenziale neuer Technologien
                              Gesundheit als Wirtschaftsfaktor
                              in Deutschland und Bayern
                                                                                             30

                                                                                             36
                        05    Forschung und Entwicklung
                        		    in Deutschland und Bayern                                      40
                        06    Chancen für Unternehmen, Hemmnisse                             44

                        Im globalen Vergleich verfügt Deutschland über ein gut funktionierendes
                        Gesundheitswesen. Die Herausforderungen sind gleichwohl enorm. Der
                        demografische Wandel verändert die Alterspyramide, die Nachfrage nach
                        Gesundheits- und Pflegeleistungen steigt und der Finanzierungsdruck er­
                        höht sich. Ein drohender Fachkräftemangel und ein sich abzeichnendes
                        regionales Gefälle bei der Versorgungsqualität tun dazu ihr Übriges.

                        Lösungsmöglichkeiten bietet vor allem der technische Fortschritt, der be­
                        sonders von der zunehmenden Digitalisierung getrieben wird. Administra­
                        tive Abläufe können optimiert werden, Diagnose- und Therapiemöglich­
                        keiten verbessern sich, Assistenzsysteme erleichtern Diagnostik, Therapie
                        und Pflege, und auch präventive Maßnahmen können mittels digitaler Lö­
                        sungen gezielter eingesetzt werden.

                        Mit diesen Entwicklungen sind enorme Chancen für heimische Unterneh­
                        men verbunden, denn die Nachfrage nach innovativen Produkten und Pro­
                        zessen steigt kontinuierlich. Bereits heute ist das Gesundheitswesen ein
                        wichtiger und wachsender Wirtschaftsfaktor, der in hohem Maß zu Wert­
                        schöpfung und Beschäftigung beiträgt. Dabei profitieren vor allem die in­
                        ternational ausgerichteten Unternehmen der Gesundheitswirtschaft von
                        der Dynamik der globalen Absatzmärkte. Inwiefern der medizinisch-tech­
                        nische Fortschritt die volkswirtschaftlichen Kosten der Gesundheitsver­
                        sorgung letztendlich erhöht oder senkt, hängt davon ab, ob die Effizienz
                        durch den Einsatz der oben genannten Lösungsmöglichkeiten erhöht wird.
                        Die Qualität dürfte hingegen sicher steigen.
16             vbw   Zukunftsrat der Bayerischen Wirtschaft                                 Gesundheit und Medizin – Herausforderungen und Chancen                                                      17
                                                                                            Analyse und Handlungsempfehlungen

                               Teil                           Kapitel                       A 01 – 1
                                                                                            Zentrale Akteure und Institutionen
                                                                                            zur Organisation des deutschen Gesundheitswesens

                             A 01
                                                                                                Aufsicht                            Bundesministerium                                        Aufsicht
                                                                                                                                    für Gesundheit

                                                                                                                                                Aufsicht

                                                                                                                                    Gemeinsamer Bundesausschuss
                                                                                                           3 Mitglieder             (G-BA) Zentrales Entscheidungs­           5 Mitglieder
                                                                                                                                    gremium der gemeinsamen
                                                                                                                                    Selbstverwaltung zur Steuerung
                                                                                                                                    der medizinischen Versorgung,
                                                                                                                                    Umsetzung der gesetzlichen

Gesundheitswesen
                                                                                                                                    Vorgaben durch Richtlinien

in Deutschland                                                                               Kassen(zahn)ärztliche
                                                                                             Bundesvereinigung (K(Z)BV)
                                                                                                                                              2 Mitglieder
                                                                                                                                                                        Spitzenverband
                                                                                                                                                                        Bund der Krankenkassen
                                                                                             Sicherstellung der vertrags(zahn)­                                         Vertragsabschlüsse mit
                                                                                                                                    Deutsche

                                                                              Bundesebene
                                                                                             ärztlichen Versorgung, Abschluss                                           K(Z)BV und DKG
                                                                                             der Bundesmantelverträge mit dem       Krankenhausgesellschaft (DKG)
                                                                                             Spitzenverband Bund der Kranken­       Vertragsabschluss mit dem
Durch die Organisation über eine Sozialversicherung unterscheidet sich                                                              Spitzenverband Bund der
                                                                                             kassen, Beteiligung an der
das deutsche Gesundheitssystem von staatlich finanzierten Systemen, die                      Bewertung des Nutzens von              Krankenkassen, z. B. zum
die Kosten der Gesundheitsversorgung maßgeblich über Steuermittel auf­                       Arzneimitteln und Leistungen           Vergütungssystem

bringen, sowie von marktwirtschaftlich orientierten Systemen, die die Ab­
sicherung von Krankheitsrisiken ausschließlich über privatwirtschaftlich
organisierte Versicherungsunternehmen abdecken. Ziel einer Sozialver­

                                                                              Landesbene
sicherung ist es, elementare Lebensrisiken zumindest teilweise abzusichern.                  Kassen(zahn)ärztliche                  Landeskrankenhaus-                  Landesverbände
Sie beruht auf den drei Prinzipien Eigenverantwortung, Subsidiarität und                     Vereinigungen (K(Z)V)                  gesellschaften (LKG)                der Krankenkassen
                                                                                             Sicherstellung der Vertrags(zahn)      Vertragsabschlüsse mit K(Z)V und    Vertragsabschlüsse mit K(Z)V
Solidarität. Charakteristisch für Sozialversicherungen ist das Prinzip der                   ärztlichen Versorgung, Vertrags-       den Landesverbänden der             und LKG auf Landesebene
Selbstverwaltung. Träger und Leistungserbringer des Gesundheitswesens                        abschlüsse mit den Landes-             Krankenkassen auf Landesebene
sowie Arbeitgeber und Versicherte organisieren sich selbst, um das Ge­                       verbänden der Krankenkassen,
                                                                                             Verteilung der ärztlichen Vergütung,
sundheitssystem zu steuern und zu gestalten. Der Staat skizziert dabei die                   Abrechnung mit den Kassen
Rahmenbedingungen und führt die Aufsicht. Das deutsche Gesundheits­
system kann deshalb als ein Mittelweg zwischen staatlich finanzierten
und organisierten Systemen sowie rein privatwirtschaftlichen Systemen                                                               Landesgesundheitsministerien
gesehen werden.                                                                                                                     Krankenhausplanung, Investitionen
                                                                                                                                    Krankenhäuser (Gebäude,
                                                                                                                                    Großgeräte), öffentlicher
                                                                                                           Aufsicht                 Gesundheitsdienst (Prävention)                Aufsicht

                                                                                            Quelle: vbw 2018 auf Basis Bundesgesundheitsministerium
18              vbw   Zukunftsrat der Bayerischen Wirtschaft                    Gesundheit und Medizin – Herausforderungen und Chancen                            19
                                                                                    Analyse und Handlungsempfehlungen

    Neben der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), in der in Deutschland         Die GKV sichert rund 90 Prozent der Bevölkerung gegen finanzielle Risiken
    rund 72,6 Millionen Menschen versichert sind, existiert auch eine private       ab, die mit den Kosten einer Erkrankung einhergehen. Die Finanzierung
    Krankenversicherung (PKV) mit 8,8 Millionen Versicherten. Aufgrund dieses       erfolgt aus den Beitragszahlungen der Versicherten und aus einem Bun­
A   zahlenmäßigen Unterschieds ist das Gesundheitswesen daher maßgeb­               deszuschuss, der seit 2017 auf jährlich 14,5 Milliarden Euro festgeschrie­             A
    lich durch die Strukturen der GKV geprägt.                                      ben ist. Er wird aus Steuermitteln finanziert und soll versicherungsfremde
                                                                                    Leistungen, wie z. B. die beitragsfreie Mitversicherung von Kindern und
    Insgesamt wird das deutsche Gesundheitswesen von zahlreichen Akteuren           Ehe­p artnern, decken.
    und Institutionen gestaltet. Aufgrund der föderalen Struktur der Bundes­
    republik sind die Zuständigkeiten und Aufgaben im Gesundheitswesen              Der Beitragssatz, der auf Arbeitsentgelte, Renten aus der gesetzlichen Ren­-
    zwischen dem Bund und den Ländern aufgeteilt.                                   tenversicherung und Versorgungsleistungen für die GKV erhoben wird,
                                                                                    beträgt seit 2015 14,6 Prozent (ermäßigt 14,0 Prozent). Der Arbeitgeberan­
    Auf Bundesebene bildet der Gemeinsame Bundesauschuss (G-BA) das                 teil ist auf 7,3 Prozent fixiert. Die restlichen 7,3 Prozent sind durch den Ar­
    zentrale Entscheidungsgremium der gemeinsamen Selbstverwaltung. Er              beitnehmer zu tragen. Zusätzlich können Zusatzbeiträge anfallen, wenn
    erlässt Richtlinien für die medizinische und pflegerische Versorgung, be­       die Kassen ihre Ausgaben nicht decken können, die bisher alleine vom Ar­
    wertet den Nutzen und die Wirtschaftlichkeit von Behandlungsmethoden            beitnehmer zu tragen sind. Ab 2019 werden auch die Zusatzbeiträge zur
    und beschließt Maßnahmen zur Qualitätssicherung im ambulanten und               gesetzlichen Krankenversicherung nach Plänen der Bundesregierung wie­
    stationären Bereich. Er ist besetzt mit Vertretern der Kassen(zahn)ärzt­        der zu gleichen Teilen von Arbeitgeber und Arbeitnehmer finanziert. Wenn
    lichen Bundesvereinigung, der Deutschen Krankenhausgesellschaft und             dabei von einer Wiederherstellung der Parität gesprochen wird, wird aller­
    dem Spitzenverband Bund der Krankenkassen. Dabei gestaltet Letzterer            dings verkannt, dass die Arbeitgeber schon heute einen wesentlich höhe­
    maßgeblich die Gesundheitsversorgung für die gesetzlich Krankenversi­           ren Anteil der Gesundheitskosten tragen als die Versicherten, da die Entgelt­
    cherten. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft vertritt die Interessen der       fortzahlung im Krankheitsfall einseitig von den Arbeitgebern getragen wird.
    Krankenhäuser und bearbeitet Grundsatzfragen der stationären Versorgung.
    Die Kassen(zahn)ärztliche Bundesvereinigung ist die Interessenvertreterin       Insgesamt beliefen sich die Einnahmen der GKV im Jahr 2016 auf rund 224
    der an der vertragsärztlichen Versorgung teilnehmenden Ärzte und stellt         Milliarden Euro. Die Beitragseinnahmen der PKV lagen im gleichen Zeit­
    die ambulante örtliche Versorgung der gesetzlich Versicherten sicher.           raum bei gut 37 Milliarden Euro.

    Auf Landesebene sind die Akteure in die konkrete Ausgestaltung der am­
    bulanten und stationären Versorgung eingebunden, deren Rahmenbedin­
    gungen auf Bundesebene geschaffen werden. So sind die Gesundheits­
    ministerien der Länder u. a. für die Krankenhausplanung und damit für die
    Bereitstellung ausreichender Kapazitäten für die akutstationäre Versor­
    gung zuständig. Die ambulante Versorgung wird durch die niedergelasse­
    nen Ärzte gewährleistet, die Versorgung mit Arzneimitteln übernehmen
    öffentliche Apotheken. Die jeweiligen Kassenärztlichen Vereinigungen
    bringen die regionalen Versorgungsbedürfnisse in Einklang mit den
    bundes­  w eit gültigen Bedarfsplanungs-Richtlinien und sind verpflichtet,
    gegenüber den Krankenkassen eine ordnungsgemäße Erbringung der am­
    bulanten Leistungen durch ihre Mitglieder zu gewährleisten. Für die sta­tio­­
    näre Versorgung werden auf Länderebene sogenannte Krankenhauspläne
    erstellt, um ausreichende Kapazitäten für die Versorgung zu schaffen.
20             vbw   Zukunftsrat der Bayerischen Wirtschaft                Gesundheit und Medizin – Herausforderungen und Chancen                                                       21
                                                                           Analyse und Handlungsempfehlungen

                               Teil                           Kapitel      A 02 – 1
                                                                           Ausgewählte Interdependenzen

                             A 02
                                                                            Beitragssätze in der GKV + PKV                                       Fachkräftebedarf / Deckung

                                                                            Einnahmen               Gesundheits-                                                       Angebot
                                                                                                                                                 Personalbedarf
                                                                            der GKV                 ausgaben                                                           an Fachkräften

Zentrale Entwicklungen                                                                              Effizienz
                                                                                                                            Bedarf in der medizinischen
                                                                                                                            und pflegerischen Versorgung

und Herausforderungen
im Gesundheitswesen                                                         Anzahl chronisch
                                                                            erkrankter
                                                                            Menschen

Das deutsche Gesundheitssystem steht vor enormen Herausforderungen.
Neben demografischen und gesellschaftlichen Trends sowie Veränderun­
gen des Krankheitsspektrums, die die Sicherstellung der Finanzierung des
Gesundheitswesens stark gefährden, sind vor allem auch der medizinisch-     Anzahl
                                                                                                    Anteil Menschen
                                                                                                                                                                       Familiäre
                                                                                                    im erwerbsfähigen
technische Fortschritt und strukturelle Fragestellungen von Relevanz.       älterer Menschen
                                                                                                    Alter
                                                                                                                                                                       Ressourcen

Hier geht es um den Erhalt des Zugangs zur gesundheitlichen Versorgung,
insbesondere in den peripheren Räumen, aber auch darum, die Effizienz
im Gesundheitswesen zu erhöhen. Eine besondere Schwierigkeit liegt
dabei in der Parallelität dieser Entwicklungen, die das Gesundheitswesen
von verschiedenen Seiten aus in seinen bestehenden Strukturen und Ab­       Lebenserwartung         Geburtenraten                                           Urbanisierung
läufen infrage stellen.

                                                                            Demografischer          Erhöhte                Medizinisch-tech-
                                                                                                                                                 Klimawandel           Individualisierung
                                                                            Wandel                  Zuwanderung            nischer Fortschritt

                                                                           Quelle: Prognos 2018 / eigene Darstellung vbw
22                         vbw    Zukunftsrat der Bayerischen Wirtschaft                                                  Gesundheit und Medizin – Herausforderungen und Chancen                         23
                                                                                                                              Analyse und Handlungsempfehlungen

    Zentrale Trends                                                                                                           Bis zum Jahr 2035 wird das Durchschnittsalter in Deutschland und in Bay­
                                                                                                                              ern steigen und die Altersstruktur sich massiv „nach oben“ verschieben. In
    Demografische Entwicklung                                                                                                 absoluten Zahlen bedeutet dies für Deutschland eine Zunahme der älteren
A                                                                                                                             Bevölkerung (65 Jahre und älter) um 5,9 Millionen Menschen, in Bayern               A
    Verbesserte Lebensbedingungen und der medizinische Fortschritt führen                                                     nimmt die Zahl der Älteren um rund eine Millionen Menschen zu. In weniger
    dazu, dass die Menschen in Deutschland immer länger leben. Heute gebo­                                                    als zwei Jahrzehnten befindet sich dann in Deutschland fast jeder Dritte
    rene Mädchen haben eine Lebenserwartung von über 83 Jahren, bei den                                                       in einem Alter, in dem die Gesundheitsausgaben in der Regel erheblich
    Jungen sind es über 78 Jahre. Allerdings ist die Zahl der Geburten niedrig.                                               ansteigen. Nach der Medikalisierungsthese steigen somit der Bedarf an
    Durchschnittlich sterben pro Jahr rund 190.000 Menschen mehr, als gebo­                                                   medizinischen und pflegerischen Leistungen und damit auch die Behand­
    ren werden. Nur die hohe Zuwanderung verhindert bisher, dass die Bevöl­                                                   lungskosten. Im Gegensatz dazu geht die Kompressionstheorie davon aus,
    kerung in Deutschland schrumpft.                                                                                          dass die hinzugewonnenen Lebensjahre in Gesundheit verbracht werden
                                                                                                                              und sich zusätzliche Ausgaben hauptsächlich auf die Jahre vor dem Tod
                                                                                                                              komprimieren. Da die Leistungsausgaben der gesetzlichen Krankenver­
                                                                                                                              sicherung in den hohen Altersgruppen in den letzten Jahren jedoch über­
                                                                                                                              proportional angestiegen sind, spricht dies eher für die Medikali­sierungs­-
    A 02 – 2                                                                                                                  these.
    Entwicklung der Leistungsausgaben in der GKV
    Ausgaben je Versichertentag in Euro, nach Alter und Geschlecht
                                                                                                                              Wandels des Krankheitsspektrums
                Männer                                                  Frauen
                                                                                                                              Die Deutschen werden nicht nur immer älter, auch das Krankheitsspek­trum
    25 €                                                                                                                      verändert sich. Infektionskrankheiten und Kindersterblichkeit wurden er­
                                                                                                                              folgreich bekämpft, aber auch ein sichererer Straßenverkehr und geringe­
                                                                                                                              re Umweltbelastungen tragen zu einer höheren Lebenserwartung bei.
    20 €                                                                                                                      Dafür werden sogenannte nicht übertragbare Krankheiten, die meist chro­
                                                                                                                              nisch verlaufen, immer häufiger. Hier sind Bluthochdruck und Muskel-
                                                                                                                              Skelett-Erkrankungen, aber auch psychische Erkrankungen zu nennen.
    15 €                                                                                                                      Letztere werden zu einem immer größeren Problem: Sie verursachten
                                                                                                                              schon 2016 rund 18 Prozent aller Krankheitstage und stehen somit nach
                                                                                                                              den Muskel-Skelett-Krankheiten an zweiter Stelle.
    10 €
                                                                                                                              Chronische und psychische Erkrankungen stellen das Gesundheitssystem
                                                                                                                              vor enorme finanzielle und organisatorische Herausforderungen. Meist
     5€
                                                                                                                              wird eine langfristige Therapie benötigt, die höhere Ansprüche an die Zu­
                                                                                                                              sammenarbeit aller Akteure im Gesundheits- und Pflegebereich stellt.
     Ausgaben

                                                                                                                              Zusammen mit einer steigenden Anzahl Hochbetagter gehen Prognosen
                0    10   20   30    40   50   60   70   80   90        0   10   20   30   40     50   60   70   80   90      davon aus, dass in Bayern bis 2030 rund 50 Prozent mehr Pflegebedürftige
                                                              Alter                                                   Alter   als im Jahr 2009 versorgt werden müssen.

      Legende
                                                                                                Quelle: Prognos 2018,
                		 2010         		 2012        		 2014        		 2016                           nach Bundesversicherungsamt
24             vbw   Zukunftsrat der Bayerischen Wirtschaft                                      Gesundheit und Medizin – Herausforderungen und Chancen                         25
                                                                                                     Analyse und Handlungsempfehlungen

    Fachkräftemangel                                 Medizinisch-technischer Fortschritt             telkosten und Applikationen berücksichtigt, eine Bewertung hinsichtlich
                                                                                                     des gesellschaftlichen Nutzens fehlt hingegen. Im Vergleich zu anderen
    Vor diesem Hintergrund wird sich der Fach­       Der medizinisch-technische Fortschritt ver­-    Ländern berücksichtigt das deutsche Verfahren gesamtsystemrelevante
A   kräftemangel im Gesundheitswesen weiter          spricht neue Behandlungsmethoden und            Kostenveränderungen (z. B. Wiederherstellung der Erwerbsfähigkeit, Pflege­          A
    verschärfen. Der Personaleinsatz entwickelt      Therapien, die eine Verbesserung der Ge­        kosten usw.) nicht und auch die Beschränkung auf Jahrestherapiekosten
    sich dynamisch und ist als Ausdruck der          sundheit und der Lebensqualität von Pati­       greift beispielsweise bei Arzneimitteln, deren Nutzen sich erst einige Jahre
    gestiegenen Versorgungsbedarfe der Be­           enten ermöglichen. Gleichzeitig ist er aller­   nach Beginn der Therapie etabliert, zu kurz, was unter anderem für eine
    völkerung zu sehen. So ist die Zahl der          dings mit erheblichen Kostensteigerungen        adäquate Kosten-Nutzen-Bewertung von potenziell pflegeverhindernden
    Beschäftigten in bayerischen Krankenhäu­         verbunden. Neue Medikamente und indivi­         bzw. -verzögernden Arzneimitteln ein Problem darstellt.
    sern seit 2012 von 171.000 auf 186.000 ge­       dualisierte Therapien (Stichwort personali­
    stiegen, in bayerischen Pflegeeinrichtun­        sierte Medizin) können zwar viel präziser       Darüber hinaus dauert der Weg bis zur Beantragung eines Zulassungsver­
    gen seit 2011 von 133.000 auf fast 150.000.      auf den einzelnen Patienten abgestimmt          fahrens in Deutschland sehr lange, denn die im Vorfeld zu erbringende kli­
                                                     werden, sind jedoch deutlich teurer. Um         nische Prüfung ist komplex und erfolgt in mehreren Phasen. Zwar sorgt
    Berechnungen für die nächsten Jahrzehnte         das Gesundheitssystem weiterhin bezahl­         dieses Verfahren für größtmögliche Sicherheit, gleichzeitig ist es jedoch
    zeigen, dass sich bei zunehmender Dyna­          bar zu halten, müssen Kosten und Nutzen         sehr zeitintensiv und stellt daher einen Wettbewerbsnachteil für in
    mik des demografischen Wandels allein in         innovativer Wirkstoffe und Verfahren im­        Deutschland forschende Unternehmen dar. In den USA können Zulas­
    der Altenpflege die Lücke zwischen dem           mer wieder aufs Neue gegeneinander ab­          sungsverfahren aufgrund der praktizierten sogenannten „real world evi­
    bundesweiten Angebot und Bedarf auf              gewogen werden.                                 dence“ (RWE) deutlich schneller beantragt werden. RWE umfasst dabei
    über 730.000 zusätzlich benötigte Pflege­                                                        Analysen auf Basis von Gesundheitsdaten, die unter realen Alltagsbedin­
    kräfte in Pflegeheimen erhöhen wird. Für         Heute werden neue Arzneimittel und Medi­        gungen erhoben wurden („real world data“).
    das Jahr 2030 wird für Deutschland eine          zintechnik einer aufwendigen Prüfung inklu­-
    Personallücke von rund 165.000 Ärzten            sive einer Nutzenbewertung unterzogen,          Mit komplexen regulatorischen Vorschriften ist jedoch nicht nur der Be­
    und fast 800.000 nicht ärztlichen Fachkräf­      bevor sie in der Gesundheitsversorgung          reich der Medikamentenentwicklung konfrontiert. Im April 2017 wurde
    ten errechnet.                                   von Millionen Menschen auf Kosten der           eine neue EU-Verordnung zu Medizinprodukten mit dem Ziel eingeführt,
                                                     GKV eingesetzt werden dürfen. Mit dem           den Patientenschutz zu verbessern. Diese Medical Device Regulation
                                                     Inkrafttreten des Arzneimittelmarkt­neuord­-    (MDR) tritt ab 2020 nach einer Übergangszeit von drei Jahren EU-weit in
                                                     nungs­­gesetzes (AMNOG) im Jahr 2011            Kraft und betrifft nahezu alle Medizinprodukte. Reguliert werden u. a. die
                                                     muss für neue Medikamente oder Therapien        Klassifizierung von Produkten, die technische Dokumentation, Etikettie­
                                                     der medizinische Zusatznutzen gegenüber         rungen, klinische Bewertungen, die Marktüberwachung sowie das Quali­
                                                     einer zweckmäßigen Vergleichstherapie           tätsmanagementsystem. Diese Maßnahmen sind mit einem erheblichen
                                                     nachgewiesen werden. Besteht ein solcher        Mehraufwand bei den Medizintechnik-Firmen verbunden, der sich voraus­
                                                     Zusatznutzen, wird mit dem GKV-Spitzen­         sichtlich sowohl auf Kostenseite der Unternehmen als auch aufseiten der
                                                     verband ein Preis ausgehandelt. Kann kein       Zulassungsdauer der Produkte deutlich negativ auswirken wird.
                                                     Zusatznutzen nachgewiesen werden, er­
                                                     folgt die Zuordnung zu einer Festbetrags­       Aufgrund der hohen Komplexität des Systems und der starken Regulierung
                                                     gruppe. Allerdings werden als kostenrele­       sind Verfahren gefragt, die helfen, den Nutzen der Innovationen schneller
                                                     vante Vergleichsparameter im Allgemeinen        und sicherer nachzuweisen, um deren Kosten rechtfertigen zu können,
                                                     nur die Jahrestherapiekosten für Arzneimit­     oder Wege, die es ermöglichen, den Fortschritt zu finanzieren.
26              vbw   Zukunftsrat der Bayerischen Wirtschaft                                    Gesundheit und Medizin – Herausforderungen und Chancen                       27
                                                                                                Analyse und Handlungsempfehlungen

Privatisierung und Konsolidierung                 Weitere Entwicklungen                         Zentrale Herausforderungen für das Gesundheitswesen

Auch der Krankenhausmarkt ist erheblich           Darüber hinaus gibt es noch weitere Ent­      Die beschriebenen Entwicklungen fordern das Gesundheitswesen auf ver­
in Bewegung geraten. Die Zahl der Kranken­        wicklungen, die auf das Gesundheitssys­       schiedenen Ebenen heraus. Wesentlich sind dabei die zukünftige Finan­
häuser in Deutschland ist von 2.220 im Jahr       tem Einfluss nehmen. So nimmt die Nach­       zierung, die Steigerung von Effizienz und Effektivität in der Gesundheits­
2002 auf 1.950 im Jahr 2016 zurückgegan­          frage nach „Gesundheit“ mit steigendem        versorgung sowie die Sicherstellung des Zugangs zur medizinischen
gen. Gleichzeitig hat sich die Anzahl der         Einkommen, vor allem auch auf dem Markt       Versorgung.
Betten in privaten Kliniken im gleichen Zeit­     jenseits der Gesundheitsversorgung, zu.
raum von neun Prozent auf fast 20 Prozent         Sport und gesunde Ernährung, Freizeit und
verdoppelt. Besonders öffentliche Kranken­        Wellness nehmen einen immer höheren           Finanzierung
hausträger haben in den letzten Jahren ihre       Stellenwert ein. Auch die Rolle des Patien­
Bettenanzahl verkleinert, Kliniken an priva­      ten verändert sich. Er fordert Mitbestim­     Die gesetzlichen Krankenversicherungen sehen sich im Zuge des demo­
te Träger verkauft oder ganze Standorte           mung ein, informiert sich selbst über medi­   grafischen Wandels und des medizinisch-technischen Fortschritts mit sin­
geschlossen. Die Ursachen liegen zum              zinische Fragen und will über Optionen und    kenden Einnahmen und steigenden Ausgaben konfrontiert. Die Struktur
einen im medizinisch-technischen Fort­            weitere Möglichkeiten informiert werden,      der Beitragszahler in der GKV verschiebt sich. Immer mehr Rentner stehen
schritt, der dafür sorgt, dass Patienten          was Gesundheitseinrichtungen und deren        einer kleiner werdenden Zahl von Erwerbstätigen gegenüber, was dazu
nach einem Eingriff schneller entlassen           Beschäftige in der Praxis vor große Heraus­   führt, dass das Beitragsvolumen sinkt. Gleichzeitig besteht ein Zusam­
werden können oder gleich ambulant be­            forderungen hinsichtlich Zeit und Abstim­     menhang zwischen dem Alter der Versicherten und der Höhe der GKV-Aus­
handelt werden, zum anderen an ökonomi­           mungsprozesse stellt. Auch die Zuwande­       gaben. Die Ausgaben sind in den ersten Lebensjahren hoch, dann über
schen Gründen. So sind die Krankenhäuser          rung hat Folgen für das Gesundheitswesen.     einen längeren Zeitraum relativ niedrig und steigen ab einem Alter von
durch die Einführung der pauschalierten           Hier sind beispielsweise andere Gesund­       ca. 50 Jahren rapide an.
Vergütung im Jahr 2003 gezwungen, ihre            heitsbedarfe und interkulturelle Herausfor­
Wirtschaftlichkeit zu erhöhen.                    derungen zu nennen. Gleichzeitig verjüngt     Kommt es weder zu Leistungskürzungen noch zu einer Ausweitung des
                                                  die Zuwanderung das Land und erhöht so­       Bundeszuschusses oder einer höheren Effizienz, sind zur Finanzierung der
Mit der Konsolidierung zu größeren Unter­         mit das Erwerbspersonenpotenzial. Zuletzt     Leistungen Beitragssatzsteigerungen nötig. Schreibt man den Effekt des
nehmen sind für Gesundheitsanbieter zahl­         ist noch der Klimawandel zu anzuführen.       demografischen Wandels mit den heute zugrunde liegenden Ausgaben­
reiche Vorteile verbunden. Sie können             Insbesondere extreme Hitzewellen stellen      profilen und den real beobachteten Kostensteigerungen pro Kopf fort,
Skalenvorteile erwirtschaften, indem sie          eine Gefahr für Kinder, Kranke und ältere     kann eine Erhöhung des GKV-Beitragssatzes bis zum Jahr 2035 auf 18,3
Verwaltung und Administration zentralisie­        Menschen dar, steigende Temperaturen          Prozent prognostiziert werden. Berechnungen für das Jahr 2045 zeigen
ren, und erlangen eine stärkere Verhand­          be­günstigen die Verbreitung von Infekti­     einen Beitragssatz von 19,2 Prozent. Bei einer dynamischeren Kostenent­
lungsmacht. Zudem erlauben größere                onskrankheiten wie FSME (Frühsommer-          wicklung im Gesundheitswesen, die etwa auf einen medizinisch-techni­
Einheiten eine Spezialisierung einzelner          Me­nin­goenzephalitis) und führen zu einer    schen Fortschritt, dem keine Einspareffekte gegenüberstehen, oder auch
Standorte und die erzielten Skalenerträge         verlängerten Pollensaison (Allergien).        auf Lohnsteigerungen bei den Gesundheitsberufen zurückzuführen ist, ist
setzen Kapital für gezielte Investitionen                                                       von einem GKV-Beitragssatz von 20,6 Prozent im Jahr 2035 auszugehen.
frei. Für Patienten bedeutet diese Entwick­       Ferner führen gesellschaftliche Trends wie    Bis 2045 würde unter diesen Annahmen der Beitragssatz sogar bei 23,3
lung jedoch weniger Auswahl und längere           die Individualisierung dazu, dass familiäre   Prozent liegen.
Wege. Bei einer zu hohen Konzentration            und informelle Netzwerke, die heute häufig
der Krankenhausträger sinken die Anreize          die pflegerische Versorgung sicherstellen
für die Häuser, eine hohe Qualität aufrecht­      und damit das Gesundheitssystem entlas­
zuerhalten, da den Patienten die Wahlmög­         ten, weiter ausdünnen. Ein stärkeres Stadt-
lichkeit fehlt.                                   Land-Gefälle erschwert zudem die flächen­
                                                  deckende medizinische Versorgung auf
                                                  dem Land.
28                    vbw   Zukunftsrat der Bayerischen Wirtschaft                                              Gesundheit und Medizin – Herausforderungen und Chancen                          29
                                                                                                                    Analyse und Handlungsempfehlungen

    A 02 – 3                                                                                                        Effizienz und Effektivität sowie
    GKV-Einnahmen vs. Ausgaben                                                                                      Zugang zur medizinischen Versorgung
    je Einwohner nach Alter im Jahr 2016
A                                                                                                                   Durch technischen Fortschritt und Digitalisierung besteht ein großes Po­             A
                                                                                                                    tenzial, die Effizienz und Effektivität im Gesundheitswesen zu erhöhen und
    Euro
                                                                                                                    damit die bestehende Über-, Unter- und Fehlversorgung abzubauen. Be­
    8.000                                                                                                           sondere Schwachpunkte liegen an den Schnittstellen zwischen den Leis­
                                                                                                                    tungssektoren und in der mangelnden Integration der ambulanten und der
    7.000                                                                                                           stationären Versorgung. Patienten müssen ihre medizinische Versorgung
                                                                                                                    selbst koordinieren, wenn sie einen Facharzt benötigen oder für eine Be­
    6.000                                                                                                           handlung ins Krankenhaus müssen. Ihre medizinischen Werte erhalten Pa­
                                                                                                                    tienten, wenn überhaupt, oft nur in ausgedruckter Form. Untersuchungen
    5.000                                                                                                           müssen deshalb oft mehrfach durchgeführt werden, was eine zusätzliche
                                                                                                                    Belastung für den Patienten sowie einen Mehraufwand für den behandeln­
    4.000
                                                                                                                    den Arzt und sein Personal sowie die Krankenkassen bedeutet. Auch die
                                                                                                                    Verordnung von Arzneimitteln kann zwischen den Ärzten oft nicht richtig
    3.000
                                                                                                                    abgestimmt werden. Gerade für mehrfach erkrankte Patienten besteht so
                                                                                                                    die Gefahr von riskanten Medikamentenkombinationen. Technische und
    2.000
                                                                                                                    digitale Innovationen wie eine elektronische Patientenakte können hierbei
    1.000                                                                                                           Abhilfe schaffen. Weiteres Potenzial zur Erhöhung der Effizienz der Ge­
                                                                                                                    sundheitsversorgung liegt in der Prävention und Gesundheitsförderung,
         0                                                                                                          denn ein Großteil der Krankheitslast in Deutschland ist auf den individuellen
             0       10         20       30     40      50       60       70        80       90      100            Lebensstil zurückzuführen. Diese sind zwar zunächst mit einem höheren
                                                                                                                    Kostenaufwand verbunden, allerdings können zukünftige Gesundheitsaus­
             Alter                                                                                                  gaben damit gesenkt bzw. hinausgeschoben werden. So kann im Bereich
                                                                                                                    der betrieblichen Gesundheitsförderung mittlerweile nachgewiesen wer­
                                                                                                                    den, dass weniger Fehltage und geringere Krankheitskosten die Kosten für
    Legende                                             Quelle: Prognos 2018, eigene Berechnungen auf Basis der
                                                        Daten des Statistischen Bundesamts, Deutschen Renten-       Präventionsprogramme gegenfinanzieren. Der Einsatz neuer Geräte und
         		 Leistungsausgaben je Einwohner              versicherung, Bundesversicherungsamts, Bundesgesundheits-   Softwarelösungen wird zudem Präventionsprogramme zukünftig wirksamer
         		 Beitragseinnahmen je Einwohner              ministeriums, Soziooekonomischen Panels.                    machen bzw. diese in größerem Umfang als bisher ermöglichen.
30             vbw   Zukunftsrat der Bayerischen Wirtschaft                   Gesundheit und Medizin – Herausforderungen und Chancen                                                 31
                                                                              Analyse und Handlungsempfehlungen

                               Teil                           Kapitel         Technologische Trends im Überblick

                                                                              Insgesamt sind die technologischen Trends vielfältig und umfassen neue
                                                                              Kommunikationsmöglichkeiten ebenso wie Biotech und Nanotechnologie

                             A 03
                                                                              sowie innovative Entwicklungen aus den Bereichen Pharma und Medizin­-
                                                                              technik.

                                                                              A 03 – 1
                                                                              Ausgewählte Technologiefelder

                                                                                                                      eHealth
Chancen und Potenziale                                                                                                              mHealth

                                                                                                     Gesundheits-
neuer Technologien                                                                                      telematik
                                                                                                                                        AAL
                                                                                                      Telemedizin

Innovative Produkte, Prozesse und Geschäftsmodelle können einen we­
sentlichen Beitrag zur Bewältigung der oben beschriebenen Herausforde­
                                                                                                                                                         Medizin-
rungen leisten. Besonders die Nutzung fortschrittlicher digitaler Metho­                        Gentechnik                IKT
                                                                                                                                                         technik
den ist für die Gesundheitsversorgung zentral und dringend notwendig. So       Personalisierte
ist aktuell beispielsweise der Datenaustausch zwischen den Leistungs­                Medizin
erbringern im Gesundheitswesen sehr aufwendig und führt zu Mehrfach­                                                                   Pharma
                                                                                                                                                                        3D-Drucker
behandlungen oder auch Fehlbehandlungen. Auch die medizinische Ver­
                                                                                     Biopharma-
sorgung von Patienten, die nicht mobil sind oder abgelegen leben, gestaltet              zeutika                         Nano-                                           Roboter
sich schwierig. Insbesondere durch digitale Techniken kann die Gesund­                                                technologie
heitsversorgung spürbar effizienter und effektiver werden.                                                                                                            Implantate

                                                                                                      Biotech                                             Biomarker

                                                                                                                                                     Industrie 4.0

                                                                                                                                         Arzneimittel­
                                                                                                                                         sicherheit
                                                                                                       Lab-on-a-chip

                                                                                                                    Molekulare   Nanosensoren
                                                                                                                    Bildgebung

                                                                              Quelle: Prognos 2018
32                  vbw     Zukunftsrat der Bayerischen Wirtschaft                                       Gesundheit und Medizin – Herausforderungen und Chancen                        33
                                                                                                             Analyse und Handlungsempfehlungen

    Innovationen aus dem Bereich der Informations- und Kommunikations­                                       In allen diesen Bereichen bestehen zudem Potenziale für Big-Data- und
    technik werden im Gesundheitswesen unter dem Begriff der digitalen Ge­                                   KI-Anwendungen, die die Gesundheitswirtschaft insgesamt revolutionie­
    sundheitswirtschaft zusammengefasst und umfassen fünf ineinander                                         ren können.
A   verschränkte Anwendungsfelder. Dabei bildet eHealth den Oberbegriff für                                                                                                                     A
    ein breites Spektrum von IKT-gestützten elektronischen Anwendungen im                                    In der Pflege können diese Systeme dazu beitragen, den Verbleib von Pati­
    Gesundheitswesen:                                                                                        enten in der eigenen Wohnung so lange wie möglich zu realisieren und
                                                                                                             damit die Pflege effizienter und trotzdem im Sinne der Patienten zu gestal­
    Gesundheitstelematik                                        mHealth                                      ten. Die immer stärkere Nutzung digitaler Technologien wird Arbeitswei­
    Orts- und einrichtungsunabhängige medizi­-                  Nutzung mobiler Endgeräte in der Gesund­     sen, Prozesse und Produkte im Gesundheitswesen grundlegend verän­
    nische IKT-Anwendungen                                      heitsversorgung und Prävention               dern und Treiber für weitere Neuerungen sein.

    Telemedizin                                                 Ambient Assisted Living (AAL)                Im Biotech-Bereich spielt die sogenannte rote Biotechnologie eine ent­
    Audiovisuelle Kommunikationstechnologien                    Nutzung technischer Assistenzsysteme im      scheidende Rolle. Als entscheidender Durchbruch gilt die Entwicklung der
    (z. B. für Diagnostik, Konsultation und medi­               häuslichen Umfeld, z. B. zur Unterstützung   CRISPR/Cas9-Methode im Jahr 2012, die es in Kombination mit modernen
    zinische Notfalldienste)                                    von körperlich eingeschränkten Personen      Analyse- und Datenauswertungsmethoden ermöglicht, DNA-Bausteine im
                                                                                                             Erbgut zu verändern. Auch im Bereich biotechnologischer Medikamente
                                                                                                             zur Behandlung von Autoimmunerkrankungen, im Einsatz von Biomarkern
                                                                                                             in der Krebstherapie oder im Tissue Engineering, das die Erzeugung künst­
    A 03 – 2                                                                                                 licher Organe zum Ziel hat, liegen enorme Chancen. Dabei zielt Biotech
    Digitale Gesundheitswirtschaft im Überblick                                                              darauf ab, Arzneimittel und Behandlungsformen für bestimmte Gruppen
                                                                                                             von Patienten (stratifizierte Medizin) oder einzelne Personen (individuali­
                                                                                                             sierte bzw. personalisierte Medizin) zu entwickeln.
         IKT / Digitale Gesundheitswirtschaft
         Entwicklung, Konzeption, Umsetzung, technische Infrastruktur                                        Darüber hinaus werden zukünftige Innovationen auch aus dem Bereich der
                                                                                                             medizinischen Nanotechnologie erwartet. Winzige Partikel werden u. a. in
                                                                                                             Medikamenten und Implantaten sowie zur Diagnose und Therapie ein­
                  eHealth                                                                                    gesetzt. Dabei kann bei Medikamenten die Wirksamkeit erhöht oder die
                  Technik, Software, Geräte, Dienstleistungen                                                Dosierung optimiert werden, im Bereich der Diagnostik können verschie­
                                                                                                             dene labordiagnostische Verfahren auf einem kleinen Chip untergebracht
                                                                                                             werden. Nanostrukturierte Oberflächen führen dazu, dass sich biologi­
                            Gesundheitstelematik                                                             sches und künstliches Material besser verbinden und Bakterien besser
                            Orts- und einrichtungsunabhängige IKT-Anwendungen                                bekämpft werden können.

                                                                                                             Auch im Pharma-Bereich sind die Anwendungsfelder vielfältig. Dazu gehö­
                                    Telemedizin                                                              ren die Entwicklung neuer Wirkstoffe und Medikamente sowie die Auswer­
                                    Medizinfokussierte                      mHealth                          tung und Nutzung gesundheitsbezogener Daten und der Einsatz digitaler
                                    Kommunikationsanwendungen               Nutzung mobiler Endgeräte        Technologien bei Fertigungsprozessen und der Arzneimittelzulassung.
                                                                            in der Gesundheitsversorgung

                                        AAL
                                        Technische Assistenzsysteme im häuslichen Umfeld

    Quelle: Prognos 2018, nach BMWi 2016
34              vbw    Zukunftsrat der Bayerischen Wirtschaft                                     Gesundheit und Medizin – Herausforderungen und Chancen                         35
                                                                                                      Analyse und Handlungsempfehlungen

    In der stratifizierten und personalisierten        Eine weitere Schlüsseltechnologie mit          Elektronische Patientendaten
    Medizin liegt enormes Potenzial. Bislang           enormem Potenzial ist die Medizintechnik.
    wurde angenommen, dass identische                  Ein besonders wichtiges Feld ist die Robo­     Insgesamt ist das größte Potenzial im Bereich der Digitalisierung zu sehen,
A   Krankheiten bei den betroffenen Patienten          tik. Assistenzroboter oder Personenlifter      die erhebliche Effizienzgewinne und qualitative Verbesserungen ermög­               A
    auf dieselben Ursachen zurückzuführen              unterstützen Pflegekräfte und Ärzte schon      licht. Die Verfügbarkeit und Nutzung von Daten ist dabei der entscheidende
    sind und daher auch mit einer einheitlichen        heute, langfristig ist auch denkbar, dass      Dreh- und Angelpunkt.
    Therapie behandelt werden können. Fak­             Roboter künftig nicht nur technische Hilfe­
    tisch kann aber dieselbe Erkrankung bei            stellung leisten, sondern auch bei sozialen    Erste Voraussetzung dafür ist eine elektronische Gesundheits- oder Patien­-
    verschiedenen Patienten unterschiedliche           Aufgaben ergänzend zum Einsatz kommen.         tenakte, die es ermöglicht, für jeden Menschen ein individuelles Gesund­
    Ursachen haben und auch Medikamente                Im Operationssaal kommen robotische As­        heitsprofil anzulegen. Dadurch ergeben sich neue Möglichkeiten der Prä­
    können bei verschiedenen Patienten unter­          sistenzsysteme z. B. bei minimalinvasiven      vention und Therapie. Gleichzeitig können Prozesse optimiert, Zeitpläne
    schiedlich wirken. So wird bei der stratifi­       Eingriffen zum Einsatz, bei denen äußerst      überwacht und Termine kontrolliert werden. Denkbar ist eine sektor- und
    zierten Medizin zunächst eine Gruppe von           kleine Schnitte in höchster Präzision aus­     fallübergreifende Datenbank, in die die Akteure des Gesundheitswesens
    Patienten identifiziert, die hinsichtlich ihrer    geführt werden müssen. Ein weiterer            medizinische Daten patientenbezogen einpflegen können. Durch den ver­
    Erkrankung, ihres Erkrankungsrisikos oder          Schwerpunkt liegt im Bereich der bildge­       besserten Informationsfluss zwischen allen beteiligten Akteuren können
    in Bezug auf ihr Ansprechen auf ein be­            ben­den Verfahren. Durch die fortschreiten­    Behandlungsfehler minimiert und die Qualität der Versorgung insgesamt
    stimmtes Medikament gleich ist. Dieser             de Digitalisierung ist es mittlerweile mög­    gesteigert werden. Die Einführung einer kassenübergreifenden elektroni­
    Gruppe wird nun im Rahmen der stratifi­            lich, exakte 3D-Modelle in Echtzeit zu         schen Patientenakte wird gegenwärtig in Bayern im Rahmen eines Modell­
    zierten Medizin eine Behandlung angebo­            errechnen und mit realen Bildern zu über­      projekts erprobt. In der elektronischen Patientenakte „Meine Gesundheits­
    ten, die möglichst ideal auf die Charakteris­      lagern. Das eröffnet Chirurgen für die Pla­    akte Digital“ werden u. a. Notfalldaten, Mutterpass, Informationen aus
    tika dieser Patientengruppe abgestimmt             nung und Durchführung von Operationen          Fitnessarmbändern und Krankenhäusern gespeichert. Der Koalitionsvertrag
    ist. Die personalisierte Medizin führt diesen      völlig neue Möglichkeiten. In diesem Zu­       der neuen Bundesregierung sieht die Einführung einer digitalen Patien­
    Schritt weiter und entwickelt für den ein­         sammenhang spielt auch die Nutzung von         tenakte auf Bundesebene bis 2021 vor. Mit dem Inkrafttreten des eHealth-
    zelnen Patienten maßgeschneiderte, pass­           Big Data und Künstlicher Intelligenz eine      Gesetzes am 1. Januar 2016 wurden die Rahmenbedingungen dafür be­
    genaue Arzneimittel und Behandlungsme­             wesentliche Rolle. Sie verspricht eine Opti­   reits geschaffen. Ziel des Gesetzes ist es, Ärzten, Krankenhäusern und
    thoden. Durch die Berücksichtigung der             mierung der klinischen Forschung, bei­         Apotheken die Möglichkeit zu geben, in sicherer, strukturierter und medien­-
    jeweiligen Genotypen, Lebens­s tile und me­-       spielsweise bei neuen Therapieansätzen         bruchfreier Weise medizinische Informationen ihrer Patienten an weiter­
    dizinischen Vorgeschichten können The­-            (z. B. Genomsequenzierung, Stoffwechsel­       behandelnde Kollegen elektronisch zu übermitteln.
    rapien entwickelt werden, die mit hoher            prozesse in der Krebstherapie) oder mittels
    Wahrscheinlichkeit wirksam und möglichst           Unterstützung durch digitale Assistenz­
    nebenwirkungsfrei sind.                            systeme bei Diagnose und Entscheidungs­
                                                       findung (z. B. Analyse / Interpretation der
                                                       Daten aus bildgebenden Verfahren). Zu­
                                                       nehmende Bedeutung gewinnen auch so­
                                                       genannte theranostische oder intelligente
                                                       Implantate. Diese erfassen Vitalparameter
                                                       und leiten auf deren Grundlage therapeuti­
                                                       sche Maßnahmen ein oder übertragen die
                                                       Werte nach außen an ein Empfangs­gerät.
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