Hagel, Sturm, Dürre SPEZIAL - Ursachen und Folgen aktueller Wetterrisiken - VEREINIGTE HAGEL

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Hagel, Sturm, Dürre SPEZIAL - Ursachen und Folgen aktueller Wetterrisiken - VEREINIGTE HAGEL
SPEZIAL

Hagel,
Sturm, Dürre
Ursachen und Folgen
aktueller Wetterrisiken

Klimawandel
                             Mit Unterstützung der
Noch ist es fünf vor Zwölf
Risikovorsorge
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Hagel, Sturm, Dürre SPEZIAL - Ursachen und Folgen aktueller Wetterrisiken - VEREINIGTE HAGEL
Editorial

Klimarisiken mutig anpacken

D
        er Klimawandel ist da. Was Wissen­          Was also tun? Den Kopf in den Sand stecken
        schaftler schon lange vorhergesagt ha­      ist ebenso wenig eine Option, wie die Situati­
        ben, war in diesem Jahr mehr als deut­      on verharmlosen. Ja, die Landwirtschaft trägt
lich zu spüren. Die außergewöhnliche Dürre          einen Teil zum Klimawandel bei. Sie ist daran
hatte eine bis zu 30 % schlechtere Getreide­        aber nicht mehr oder weniger schuld als an­
ernte im Norden und Osten zur Folge, aber           dere. Landwirte müssen jetzt den Ausstoß von
auch unterdurchschnittliche Erträge bei Kar­        Klimagasen vermindern und ihren Umgang
toffeln, Zuckerrüben und Mais. Am schlimms­         mit den Wetterrisiken überdenken. Dabei sind
ten hat es jedoch die Futterbaubetriebe getrof­     ­Kreativität, neue Denkansätze aber auch Rück­
fen. Ihnen fehlt nicht nur das eigene Grund­         besinnung auf alte ackerbauliche Tugenden
futter, sie müssen Ersatz auch noch teuer            ­gefragt. Dazu gehören zum Beispiel boden­
zukaufen. Vielen Landwirten wird jetzt klar:          schonende Anbausysteme, nachhaltige Hu­
Sie gehören zu den ersten, die das veränderte         muswirtschaft oder vielfältige Fruchtfolgen.
Klima direkt trifft – mit zum Teil existenzbe­        Eine allein auf höchste Naturalerträge ausge­
drohenden Folgen.                                     legte Produktionsphilosophie ist unter den
                                                      veränderten Bedingungen wie das Spekulie­       Torsten Wobser
Dabei ist das erst der Anfang: Klar ist, die Erd­     ren an der Börse. Aber auch Finanz- und Na­
erwärmung geht weiter. Nach Angaben des               turalrücklagen bzw. Versicherungen sind Teil
Climate Service Center Germany (GERICS) in            eines Gesamtpaketes zur Absicherung von
Hamburg, wird sich zum Beispiel die Jahres­           Wetterrisiken.
mitteltemperatur in Schleswig-Holstein bis
zur Mitte des Jahrhunderts zwischen 1,3 und         19 von 28 EU-Mitgliedstaaten unterstützen ihre
2,0 °C erhöhen. Die Folgen sind bereits heute       Landwirte beim Risikomanagement. Deutsch­
spürbar. Landwirte müssen sich mit Schädlin­        land macht von diesen Instrumenten zurzeit
gen auseinandersetzen, die bisher nur in wär­       keinen Gebrauch. Grundsatz des Bundes war
meren Ländern anzutreffen waren. Bestes Bei­        bisher: Zuerst ist es Aufgabe des Unterneh­
spiel sind Maiszünsler und Maiswurzelboh­          mers, sich ausreichend gegen Markt- aber auch
rer. Auch machen sich Unkräuter auf den             Wetterrisiken abzusichern.
Äckern breit, die in der Vergangenheit keine        Das mag für Hagel, Sturm und Starkregen zu­
Rolle gespielt haben.                               treffen, eine künftig wichtige Dürreversiche­
                                                    rung hingegen ist zurzeit ohne staatliche Un­
Neben den offensichtlichen Auswirkungen             terstützung unrentabel. Statt von Fall zu Fall
wie, Hagel, Sturm, Starkregenereignisse und         mit Ad-hoc-Hilfen in die Bresche zu springen,
Dürre, haben höhere Jahresdurchschnittstem­         wäre die berechenbare Förderung einer Versi­
peraturen auch versteckte, aber nicht weniger       cherungslösung sinnvoller.
dramatische Folgen. Die Anzahl tropischer
Nächte, also solcher mit Temperaturen von
20 °C oder darüber, könnte zum Beispiel deut­
lich zunehmen. Darunter leiden nicht nur die
Menschen, auch die Leistungen von Rindern,
Schweinen und Geflügel sowie die Erträge von
Weizen, Mais, Kartoffeln und anderen Feld­
früchten würden zurückgehen.

                                                                                                                   3
Hagel, Sturm, Dürre SPEZIAL - Ursachen und Folgen aktueller Wetterrisiken - VEREINIGTE HAGEL
Spezial: Hagel, Sturm, Dürre

                                                                                    Foto: Koning
    16     Was leistet eine Mehrgefahrenversicherung?

Klimawandel
    6 „Noch ist es fünf vor zwölf“
                                                21 Waldschäden mit Versicherung
    8 Mit neuen Pflanzen gegen                          ausgleichen
      den Klimawandel
                                                23 Risikovorsorge: Das kann der
10 „Wir sind mittendrin“                                Staat tun

14 Es gibt keine Zeit zu verlieren              Pflanzenbau

Risikovorsorge                                  25 Ackerbau für Extremwetterlagen
                                                        rüsten
16 Mehrgefahrenversicherung:
   Was sie kostet, was sie leistet              29 Schädlinge profitieren

18 Schäden häufen sich                          30 Mehr Rost, weniger Septoria

19 „Ein Restrisiko bleibt immer“                31 Stechapfel breitet sich aus

20 Nicht nach Bauchgefühl                       33 Die Züchtung ist gefordert

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Hagel, Sturm, Dürre SPEZIAL - Ursachen und Folgen aktueller Wetterrisiken - VEREINIGTE HAGEL
Foto: Neumann
                                                              Foto: Wobser

                         6         Interview mit
                                   Sven Plöger                                    Anbau ohne Beregnung?
                                                                                                                                              8
Foto: Klingenhagen

                                                                                                                                                      Foto: Awater-Esper
                       29          Neue Herausforderungen im Pflanzenschutz
                                                                                                                 Ein Restrisiko
                                                                                                                 bleibt
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                     Impressum
                     Redaktion                                               Internet: www.wochenblatt.com,      Verlag
                     Torsten Wobser (verantwortlich)                                   www.topagrar.com          Landwirtschaftsverlag GmbH
                     Armin Asbrand, Hinrich Neumann,                         E-Mail: redaktion@wochenblatt.com   Hülsebrockstraße 2–8
                     Josef Große Enking, Katja Stückemann,                                                       48165 Münster
                     Kevin Schlotmann, Martin Borgmann,                      Layout
                     Stefanie Awater-Esper                                   Nina Mennemann, Susanne Wilbuer
                                                                                                                 Druck
                     Ein Gemeinschaftsprodukt der Zeit-                      Titelbild                           Bonifatius GmbH
                     schriften Wochen­  blatt für Landwirt-                  Bernd/stock.adobe.com               Karl-Schurz-Str. 26
                     schaft und Landleben, top agrar und                                                         33100 Paderborn
                     top agrar südplus.                                      Publisher
                                                                             Wolfgang Gamigliano
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                     Tel. (0 25 01) 801-84 10                                Paul Pankoke

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Hagel, Sturm, Dürre SPEZIAL - Ursachen und Folgen aktueller Wetterrisiken - VEREINIGTE HAGEL
Spezial: Hagel, Sturm, Dürre

  „Noch ist es fünf vor zwölf“
  Es bleiben höchstens 20 Jahre Zeit, etwas gegen den Klimawandel zu
  tun, meint Sven Plöger. Deshalb müssen wir sofort damit beginnen.

                                    Landwirte spüren die Auswirkungen von Extrem-        Plöger: Zunächst einmal zum Verständnis: Wet-
                                    wetter zuerst. Im vergangenen Jahr ­hatten sie mit   ter ist sozusagen das Tagesgeschäft, Klima da-
                                    einem sehr nassen Herbst und in diesem mit           gegen die Statistik des Wetters. In dieser Statis-
                                    einem außergewöhnlich trockenen Sommer zu            tik betrachten wir einen Zeitraum von 30 Jah-
                                    kämpfen. Wird das künftig eher die Regel als die     ren. Was wir da feststellen können, ist ein
                                    Ausnahme?                                            deutlicher Trend zur Erwärmung, und zwar
                                                                                         global wie auch lokal.
                                    Plöger: Wetter ist immer variabel, deshalb bin       Ein Beispiel macht das deutlich: Seit 22 Jahren
                                    ich in diesem Zusammenhang mit dem Begriff           hat es in den Monaten April bis Juni keine ne-
                                    „regelmäßig“ vorsichtig. Es wird auch wieder         gativen Temperaturabweichungen mehr vom
                                    weniger extremes Wetter geben. Aber ja, unser        30-jährigen Durchschnittswert (1961 – 1990)
                                    Wettergeschehen wird sich ändern. Wir müs-           gegeben.
                                    sen definitiv davon ausgehen, dass sich heiße
                                    und trockene Jahre wie 2018, aber auch solche        Wie ordnen Sie das aktuelle Jahr ein?
                     Foto: Wobser

                                    mit viel Niederschlag wie 2017, häufen.
                                                                                         Plöger: 2018 war sicherlich außergewöhnlich
                                    Was ist meteorologisch betrachtet die Ursache für    und eine Überbestätigung des Trends. Geht es
  Wetterexperte                     diese Entwicklung?                                   um Wetter und Klima, dürfen wir nicht den
  Sven Plöger                                                                            Fehler machen und nur auf unser unmittelba-
                                    Plöger: Aus meiner Sicht liegt der Schlüssel für     res Umfeld bzw. nur die Temperaturentwick-
                                    die Erklärung im arktischen Eis. Am Äquator          lung schauen. Vielmehr geht es um die Ener-
                                    ist es heiß, am Pol kalt. Jetzt erleben wir, dass    giebilanz des gesamten Erdsystems.
                                    es am Pol deutlich wärmer wird. Das arktische
                                    Eis zieht sich zurück und sehr viel Sonnenener-      Können Sie das erklären?
      „Wir müssen                   gie, die sonst gleich wieder reflektiert wurde,
                                    heizt die hohen nördlichen Breiten weiter auf –      Plöger: Nehmen wir unsere Ozeane. Die Erde
 davon ausgehen,                    der Temperaturunterschied zwischen Äquator           ist zu gut 70 % mit Wasser bedeckt. Es gab Zei-
dass sich trockene                  und Pol nimmt ab.                                    ten, da hat die Erwärmung der Atmosphäre
                                                                                         „Pause gemacht“. Schnell kam die Frage auf:
  Jahre wie 2018                    Was bedeutet das für unsere Breiten?                 Gibt es womöglich keinen Klimawandel? Tat-
   oder nasse wie                                                                        sache ist aber, in dieser Zeit haben sich die Oze-
                                    Plöger: Die Energieunterschiede zwischen Nord        ane stark aufgeheizt und den Temperaturan-
   2017 häufen.“                    und Süd sind der Antrieb für das Wetter. Wer-        stieg in der Atmosphäre abgepuffert. Geben die
                                    den sie kleiner, fehlt der Antrieb und Hoch- wie     Ozeane ihre Wärme wieder an unsere Lufthül-
                                    auch Tiefdruckgebiete ziehen langsamer. Die-         le ab, „springen“ die Temperaturen dort quasi
                                    ses „Standwetter“, wie ich es nenne, tritt jetzt     nach oben, so wie wir es gerade erleben.
                                    häufiger auf und es bringt Extremwetterlagen.
                                    Dieses Jahr war mit den regenreichen, langsam        Worauf steuern wir zu, ist das 2-°C-Ziel noch
                                    ziehenden Tiefdruckgebieten im Frühjahr bzw.         realistisch?
                                    den sehr ortsfesten Hochdruckgebieten und
                                    großer Hitze im Sommer ein perfektes Beispiel        Plöger: Grundsätzlich ist das 2-°C-Ziel sinnvoll,
                                    dafür. Vielen Menschen fällt es schwer, zu ver-      weil überhaupt ein Ziel da sein muss, an das
                                    stehen: Hitze und Hochwasser sind zwei Seiten        man Maßnahmen knüpfen kann. Nun wissen
                                    einer Medaille.                                      wir aber alle, es gibt einen wesentlichen Unter-
                                                                                         schied zwischen Reden und Handeln. 1992 gab
                                    Ist das, was Sie beschreiben, schon Klimawandel      es in Rio de Janeiro zur ersten großen weltwei-
                                    oder noch Wetter?                                    ten Umweltkonferenz eine große Aufbruch-

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Hagel, Sturm, Dürre SPEZIAL - Ursachen und Folgen aktueller Wetterrisiken - VEREINIGTE HAGEL
Die Zeit läuft: Der   bleme mit der Wärmeabfuhr. Auch Ge-
                                                                                              Sommer 2018 hat       bäude sind zum Teil so aufgestellt,
Foto: wiw/stock.adobe.com

                                                                                              gezeigt, welche       dass die Lüftung nicht oder schlecht
                                                                                              Auswirkungen eine     funktioniert.
                                                                                              fortschreitende       Dort brauchen wir viel mehr Flächen-
                                                                                              Temperaturerhöhung    begrünung und Wasserflächen, um zu
                                                                                              der Atmosphäre        einer vernünftigen Luftzirkulation und
                                                                                              haben kann.           Abkühlung durch Verdunstung zu
                                                                                                                    kommen.
                                                                                                                    Oder schauen wir auf den Meeresspie-
                            stimmung. Doch trotzdem hat sich der        Plöger: Eine aufgeheizte Atmosphäre         gel, wenn der nur um wenige Zentime-
                            CO2-Ausstoß seitdem um 60 % erhöht.         kann sehr labil geschichtet sein, spezi-    ter ansteigt, wird das Auswirkungen an
                            Gleichwohl halte ich es für wichtig, zu     ell, wenn sich ein Hoch langsam ab-         den norddeutschen Küstengebieten ha-
                            sagen: Wir haben fünf vor zwölf und         schwächt und wir eine sogenannte fla-       ben. Denn beispielsweise Sturmfluten
                            nicht schon fünf nach zwölf. Denn           che Luftdruckverteilung um 1010 Hek-        verstärken den eigentlich geringen
                            wenn wir jetzt schon den Untergang          topascal oder darunter erleben. Das         Wert um ein Vielfaches. Dann stellt
                            vorhersagen, gibt es keine Motivation       begünstigt das Entstehen von Gewit-         sich durchaus die Frage: Sind die Dei-
                            mehr, etwas dagegen zu tun. Damit we-       tern. Wir werden also auf der einen Sei-    che noch hoch genug?
                            cken wir bei den Menschen kein Inter-       te große Hitze erleben, auf der anderen
                            esse zu kämpfen.                            Seite aber auch schwere Gewitter, die       Wie wirkt sich diese Veränderung auf die
                                                                        lokal unglaubliche Regenmengen brin-        Pflanzenwelt aus?
                            Wie viel Zeit haben wir denn noch, um       gen können – zum Teil sogar mit Über-
                            etwas zu ändern?                            flutungsgefahr mitten in großflächigen      Plöger: Wenn wir uns den phänologi-
                                                                        Dürreperioden. Diese Hitzegewitter          schen Kalender ansehen, wird deut-
                            Plöger: Um das 2-°C-Ziel weltweit ein-      sind extrem kleinräumig, weil sie oft       lich, die Vegetation startet in den ver-
                            zuhalten, dürfen wir nicht mehr als         kaum weiterziehen und all ihr Regen         gangenen Jahren etwa zwei Wochen
                            720 Mrd. t CO2 emittieren. Da wir ge-       so an derselben Stelle niedergeht.          früher als nach dem langjährigen Mittel
                            genwärtig etwa 36 Mrd. t jährlich pro-                                                  von 1961–1990. Damit nimmt aber
                            duzieren, bleiben rechnerisch 20 Jahre      Ist dieser Effekt statistisch nachweisbar   auch die Spätfrostgefahr zu. Gleichzei-
                            Zeit. Das ist für mich die Idee. Wir ha-    oder nur gefühlt?                           tig sind bisher heimische Pflanzen
                            ben 20 Jahre, um Dinge, die nicht rich-                                                 nicht an längere Hitzeperioden ange-
                            tig laufen, zu korrigieren.                 Plöger: Normal würde man sagen, die         passt oder bisher unbekannte Schäd-
                            Ich weiß nicht, ob wir das Ziel errei-      Variabilität des Wetters nimmt zu.          linge können sich ausbreiten.
                            chen, ich weiß aber, dass wir jetzt an-     Wenn man sich jedoch die Statistik an-
                            fangen müssen, um wenigstens die            sieht, zeigt sich diese Zunahme nicht.      Was ist Ihre Empfehlung, wie sollen wir
                            Chance dazu zu haben.                       Warum ist das so? Ganz einfach: Die         mit dem Klimawandel umgehen?
                                                                        Zunahme der Variabilität geht durch
                            Sie haben selbst darauf hingewiesen,        das Mitteln der Niederschläge über die      Plöger: Zunächst muss allen klar sein,
                            dass der CO2-Ausstoß seit dem ersten        Gesamtfläche eines Landes verloren.         dass jeder seinen Teil zum Klimawan-
                            Klimaabkommen weiter angestiegen ist.       Wenn ich beispielsweise Nordrhein-­         del beiträgt. Die nächste Überlegung
                            Woher nehmen Sie die Zuversicht, dass       Westfalen nehme und habe sieben Ge-         wäre dann: Was können wir ändern?
                            sich das ändert?                            witter mit Starkregen, verschwinden         Landwirte müssten beispielsweise
                                                                        die im Mittel. Schaue ich mir einzelne      über Düngung, Emissionen und An-
                            Plöger: Zum einen können Menschen           Orte an, kann ich diesen Effekt hinge-      bausysteme nachdenken. Andererseits
                            Dinge enorm schnell vorantreiben, wenn      gen deutlich sehen.                         müssen Verbraucher sich bewusst ma-
                            es wirklich notwendig ist oder ihnen ei-                                                chen, welche Macht sie als Kunden ha-
                            nen Vorteil verspricht. Zum anderen         Wird sich der Klimawandel im Norden,        ben, Veränderungen herbeizuführen.
                            braucht es einen Auslöser, damit sich et-   Süden, Osten und Westen des Landes un-      Von der Politik erwarte ich eindeutige
                            was ändert. Der Sommer 2018 könnte          terschiedlich auswirken?                    Ansagen. Sie muss weniger darüber la-
                            ein solcher Auslöser sein. Denn immer,                                                  mentieren, was nicht geht, sondern
                            wenn wir etwas unmittelbar spüren,          Plöger: Die Klimamodelle zeigen zwar        Dinge tun, die uns weiterbringen. Für
                            wird klar: Oh, das betrifft uns ja auch.    regionale Unterschiede, ich würde aber      mich steht da die Energiewende ebenso
                                                                        eher fragen, wie wirkt sich der Tempe-      im Mittelpunkt, wie ein Lebensumfeld,
                            Abgesehen von der Dürre, die das ganze      raturanstieg auf Städte, Küstenregio-       in dem die Art zu leben, automatisch
                            Land betroffen hat, treten gehäuft Unwet-   nen oder Mittelgebirge und Alpen aus?       weniger Emissionen verursacht. Allein
                            ter mit sehr kleiner Ausdehnung auf. Wie    Wegen der versiegelten Flächen ent-         auf den Idealismus Einzelner zu bauen,
                            ist das zu erklären?                        stehen etwa in den Städten große Pro-       wird nicht genügen.       Torsten Wobser

                                                                                                                                                              7
Hagel, Sturm, Dürre SPEZIAL - Ursachen und Folgen aktueller Wetterrisiken - VEREINIGTE HAGEL
Spezial: Hagel, Sturm, Dürre

Mit neuen Pflanzen gegen den Klimawandel
Der Dürre-Sommer 2018 zeigte, wie gegenwärtig der Klimawandel ist.
Landwirte aus verschiedenen Regionen Nordostdeutschlands stellen
sich mit unterschiedlichen Maßnahmen darauf ein.

                                                                                                                                   Fotos: Neumann
Mit einer Beregnungsanlage hat die Seydaland Vereinigte Agrarbetriebe in diesem Jahr Mais am Leben erhalten.

W
        ir haben Juni 2018, die Sonne      tet Jens Fromm den Maisbestand, der in      sonst Ende Juni bzw. Anfang Juli gedro-
        brennt erbarmungslos vom           der Mittagshitze seine Blätter eingerollt   schen wird, war in diesem Jahr bereits
        Himmel über Jessen im Osten        hat. „Wir beregnen den Mais hier, aber      in der zweiten Juniwoche vom Feld, der
von Sachsen-Anhalt. Skeptisch betrach-     nicht, um mehr Ertrag zu bekommen,          Ertrag lag bei der Hälfte der sonst übli-
                                           sondern einfach, um ihn am Leben zu         chen Menge.
                                           erhalten“, erklärt der Geschäftsführer
                                           der Seydaland Vereinigte Agrarbetriebe.     Trockenresistenzen gefragt
                                           Der Großbetrieb hat mehrere Betriebs-
                                           standbeine mit Ackerbau, Gemüsepro-         Wegen der leichten Böden ist der Be-
                                           duktion, Rinder- und Schweinehaltung,       trieb auf die Veredelung angewiesen.
                                           drei Biogasanlagen und Solarstrompro-       Dazu gehören 1200 Sauen, deren Ferkel
                                           duktion. In der ohnehin schon sehr tro-     der Betrieb zur Hälfte selbst mästet. Au-
                                           ckenen Region mit leichten Böden von        ßerdem hält er 2400 Milchkühe, die ge-
                                           20 bis 25 Bodenpunkten hat es im Jahr       nauso wie die drei Biogasanlagen Mais
                                           2018 extrem wenig geregnet. „Von Janu-      in der Ration erhalten. „Wir suchen
                                           ar bis Ende Juni hatten wir 160 l Nieder-   aber nach Pflanzen, die möglichst we-
                                           schlag“, berichtet er. Die Gerste, die      nig Wasser benötigen“, sagt Fromm.
                                                                                       Daher hat der Betrieb angefangen, Su-
                                                                                       dangras als Hirsehybrid anzubauen.
                                          Die Seydaland Vereinigte Agrar­              Die Pflanze, die aussieht wie Mais, nur
                                          betriebe besitzt mehrere Standbeine,         ohne Kolben, wird in der Biogasanlage
                                          u.a. Biogas und Photovoltaik.                vergoren. Sie hat nicht den Energiege-

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Hagel, Sturm, Dürre SPEZIAL - Ursachen und Folgen aktueller Wetterrisiken - VEREINIGTE HAGEL
halt wie Mais, wächst aber sicher und
wurzelt tiefer. „Sie kommt länger mit
Trockenphasen klar und ist für unseren
Standort genau richtig“, resümiert der
Geschäftsführer.
Eine andere trockenresistentere Pflan-
zen für die Biogasanlage sollen die Dau-
erkulturen Riesenweizengras und Sil-                                                                       Die Biogasanlage
phie sein. Beide hat der Agrarbetrieb                                                                      von Dieter Behrens-
Seydaland in diesem Jahr erstmals aus-                                                                     Focken kann Futter
gesät. Allerdings wurde der trockene                                                                       verwerten, das seine
Boden mit der Saat verweht, weshalb sie                                                                    Kühe nicht mehr
nicht richtig aufliefen. „Wir wissen aber                                                                  fressen.
von anderen Betrieben, dass die Stau-
den nur die ersten zwei Jahre überste-
hen müssen. Wir werden es daher noch
einmal probieren“, stellt er in Aussicht.

Gras leidet unter Trockenheit
Auch im benachbarten Niedersachsen
waren im Jahr 2018 die Auswirkungen
der Trockenheit deutlich zu spüren –
vor allem an der Küste. „Normalerweise         Bei der trockenen
steht das Ackergras jetzt so hoch“, sagt       Witterung wächst
Landwirt Dieter Behrens-Focken und          Gärrest auf dem Gras
hält seine Hand etwa 40 cm über den                   nach oben.
Boden. Im Juli erreichte das Welsche
Weidelgras in dem Betrieb in Mederns
(Landkreis Friesland) jedoch nicht ein-     tonhaltigen Kleiböden charakterisiert.     trocknet“, schildert er die Situation.
mal die Hälfte. Ähnlich sah es bei Rie-     Behrens-Focken baut im jährlichen          Ihm fehlt in diesem Jahr knapp ein Drit-
senweizengras aus, das Behrens-Focken       Wechsel Getreide-GPS und Ackergras         tel der GPS-Menge, die er für die Bio-
als Dauerkultur vor sieben Jahren für die   an. Er hat aber auch mit 50 ha einen re-   gasproduktion benötigt.
Biogasanlage ausgesät hatte. „Eigentlich    lativ hohen Dauergrünlandanteil.           Jetzt versucht der Landwirt, zumindest
ist die Kultur trockenresistent und steht   „Ganz große Sorgen bereiten uns die so-    die Milchproduktion aufrechtzuerhal-
hier auf einem eher feuchten Schlag,        genannten Futterbaubetriebe“, berich-      ten. Dagegen erwartet er Einbußen bei
aber dieses Jahr kümmert sie vor sich       tet der Niedersächsische Landvolkver-      der Biogasproduktion. „Unser Subst-
hin“, schildert er. Typisches Merkmal       band. Auf den Wiesen und Weiden            ratmix besteht zum Glück aus 60 %
der Trockenheit sind auch Reste der Gär-    wuchs seit Anfang Juni kein Gras nach,     Gülle sowie 40 % Gras und Getrei-
restdüngung, die als trockene Streifen      der zweite Schnitt fiel enttäuschend       de-GPS. Der Gülle-Input ist uns si-
auf dem Gras liegen und gar nicht in den    aus. Die Einbußen betrugen an einigen      cher“, sagt er.
Boden gedrungen sind.                       Standorten mindestens 50 bis 60 % ge-      Zudem zeigte sich auf einigen Dauer-
                                            genüber Normaljahren. Jede dritte          grünlandflächen im Juli Rostbefall als
Erst Nässe, dann Dürre                      landwirtschaftliche Fläche in Nieder-      Folge des Trockenstresses. „Das kön-
                                            sachsen wird als Grünland genutzt.         nen wir den Kühen nicht mehr füttern,
Die Folgen der Trockenheit hat der          Milchviehhalter, aber auch die Halter      sondern nur noch in der Biogasanlage
Landwirt, der zusammen mit seinem           von Schafen, Ziegen oder Pferden,          vergären“, sagt er.
Bruder in einer GbR etwa 65 Kühe hält       mussten laut Landvolk bereits im Som-      Sein Fazit nach der Dürre: „Da im Som-
und eine Biogasanlage mit etwa 250 kW       mer auf die knappen Vorräte an Win-        mer 2018 trotz standortangepasster
betreibt, schon ab Mai festgestellt. „In    terfutter zurückgreifen. Engpässe gibt     Fruchtfolge alle Bestände einschließ-
diesem Jahr kamen beim ersten und           es bei Behrens-Focken im Getreide:         lich Grünland beim Ertrag deutlich
zweiten Grasschnitt ungefähr so viel zu-    Aufgrund des Dauerregens im Herbst         hinter den Erwartungen zurückgeblie-
sammen wie ein guter erster Schnitt in      2017 waren 12 von 42 ha Wintergetrei-      ben sind, ziehe ich für mich bisher le-
normalen Jahren“, musste er feststellen.    de nicht aufgelaufen. „Dafür haben wir     diglich die Lehre daraus, in Zukunft
Der Betrieb liegt etwa 8 km von der         im Frühjahr wegen der nassen Böden         noch größeren Wert auf Futterreserven
Nordseeküste entfernt. Die Marschre-        erst sehr spät Sommertriticale säen        zu legen, obwohl das natürlich zusätz-
gion ist überwiegend von schweren,          können. Die ist dann aber schlicht ver-    lich Kapital bindet.“    Hinrich Neumann

                                                                                                                              9
Hagel, Sturm, Dürre SPEZIAL - Ursachen und Folgen aktueller Wetterrisiken - VEREINIGTE HAGEL
Fotos: B. Lütke Hockenbeck, Stückemann
Schon Mitte des Jahrhunderts werden wir im Sommer mehr Hitzetage und tropische Nächte erleben als heute. Was spielende Kinder
freut, kann insbesondere für ältere und kranke Menschen zu einer großen Belastung werden.

                          „Wir sind mittendrin“
                          Dass es den menschengemachten Klimawandel gibt,
                          ist für Dr. Juliane Otto vom Climate Service Center
                          Germany längst keine Frage mehr. Sie denkt weiter.

                          D
                                 ie Beobachtungen sind eindeutig. Wie-         gen hat das vor Ort und wie können wir ihnen
                                 derholt gemacht und bestätigt von zahl-       begegnen?“
                                 reichen Wissenschaftlern in Deutsch-          Auch für Deutschland gibt es Berechnungen: Ei-
                          land und der ganzen Welt: Unser Klima ändert         nen Überblick bietet der vom GERICS entwickel-
                          sich. Es wird immer wärmer und das in einem          te und im Internet frei zugängliche Bundeslän-
                          Tempo, das weit über jede bisher dagewesene          der-Check (siehe Übersicht). Danach wird sich
                          natürliche Klimaänderung hinausgeht. Die Fol-        zum Beispiel die Jahresmitteltemperatur im
                          gen bekommen wir auch in Deutschland zu spü-         Schleswig-Holstein von ursprünglich 8,5         °C
                          ren: Starkregenereignisse und Überschwem-            (Mittel der Jahre 1971 bis 2000) bis zur Mitte des
                          mungen, erfrorene Obstblüten, ein viel zu heißer     Jahrhunderts um etwa 1,3 °C („Klimaschutz“-Sze-
                          und viel zu trockener Sommer. Und das ist erst       nario) bis etwa 2,0 °C („Weiter-wie-bisher“-Sze-
              „Der        der Vorgeschmack.                                    nario) erhöhen. Schneller und intensiver Klima-
                                                                               schutz brächte danach also im Schnitt eine Ver-
     Klimawandel
                          Der Klimawandel hat Folgen                           minderung der Erwärmung um etwa 0,7 °C.
         geht uns                                                              Im Süden Deutschlands sehen die Zahlen et-
                          „Es steht fest, dass sich unsere Erde weiter er-     was anders aus: Für Bayern (ursprünglich
         alle an.“        wärmen wird. Daran können wir bereits heute          7,9 °C) rechnet GERICS mit einer Erwärmung
                          nichts mehr ändern. Allerdings liegt es in un-       um etwa 1,1 bzw. etwa 2,0  °C. Klimaschutz
                          serer Hand, wie stark sich diese Entwicklung         würde die Erwärmung also um rund 0,9 °C ver-
                          fortsetzt“, sagt Dr. Juliane Otto, die als Geogra-   mindern.
                          fin beim Climate Service Center Germany (GE-
                          RICS) in Hamburg arbeitet. „Die Frage ist heu-       Plus 0,7 °C – Ist doch egal, oder?
                          te nicht mehr: Gibt es den Klimawandel? Son-
                          dern die Fragen sind: Wie stark wird sich die        0,7  °C mehr im Norden Deutschlands, 0,9 °C
                          Erde in welcher Region erwärmen? Welche Fol-         plus im Süden. Das merkt doch keiner. Oder?

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Spezial: Hagel, Sturm, Dürre

                                                   dern, Schweinen und Geflügel sowie die Erträ-
  Wetter oder Klima?                               ge von Weizen, Mais, Kartoffeln und anderen
                                                   Feldfrüchten.
  Wenn Sie gerade jetzt einen Schirm brau-         Die zukünftige Verteilung und Veränderung
  chen, weil es regnet oder ihre Haare zerzaust    von Niederschlägen abzuschätzen ist schwie-
  sind, weil es draußen stürmt, dann erleben       rig. Sie fällt regional sehr unterschiedlich aus.
  Sie Wetter. Das Wetter beschreibt einen Ist-     einige Modelle simulieren über das Jahr eine
  zustand zu einem bestimmten Zeitpunkt an         Abnahme des Niederschlags, andere eine Zu-
  einem bestimmten Ort.                            nahme. Die Tendenzen sagen: gebietsweise
  Das Klima dagegen ist ein statistischer Wert.    mehr Jahresniederschlag, mehr Starkregen, die
  Es beschreibt den typischen jährlichen Ab-       Sommer trockener, die Winter nasser. Schnee
  lauf der Witterung in einer Region über einen    wird seltener werden. Bei der regionalen Ver-
  Zeitraum von 30 Jahren.                          teilung der Niederschläge wird es zu großen
                                                   Unterschieden kommen: Gebiete, die unter
                                                   Trockenheit leiden, und durch Starkregen            „Wir müssen
                                                   überschwemmte Landstriche werden nur we-
Lohnen dafür die Anstrengungen zum Klima-          nige Kilometer auseinander liegen.                  den Klima­
schutz?                                                                                                wandel in
„Damit wir die Auswirkungen beurteilen kön-        Prognosen (auch) für Landwirte
nen, schauen wir genauer hin“, erklärt Otto.                                                           unser Leben
Infolge der Erhöhung der Durchschnittstempe-       Bisher sind es in erster Linie Kommunen und         integrieren
ratur steigt zum Beispiel auch die Zahl der        Unternehmen, die sich an GERICS wenden. In
Sommertage (Höchsttemperatur über 25  °C),         jüngster Zeit mehren sich aber auch die Anfra-      und schnellst­
der Hitzetage (Höchsttemperatur über 30  °C)       gen aus der Landwirtschaft. Die meisten GE-         möglich
und der tropischen Nächte (Tiefsttemperatur        RICS-Partner möchten wissen, was zukünftig
über 20   °C). „Auch hier sagen die Durch-         auf sie zukommt. Manche kämpfen vor Ort             handeln.“
schnittszahlen nur sehr wenig. Zum Beispiel        schon mit Problemen. Andere wollen vorberei-
werden in Bayern bis Mitte des Jahrhunderts        tet sein.
selbst beim „Weiter-wie-bisher“ im Schnitt         Zurzeit sammelt zum Beispiel eine Gruppe aus
zwei tropische Nächte mehr erwartet als im Re-     Norddeutschland Informationen dazu, wie der
ferenzzeitraum. Das hört sich nach wenig an.       Klimawandel die Anbaubedingungen in ihrem
Schaut man sich aber die Spanne an und über-       Bundesland verändern wird. Durchschnitts-
legt, was tropische Nächte für die Gesundheit      werte und einfache Aussagen wie „es wird im
von Mensch und Tier bedeuten, sieht das ganz       Schnitt wärmer“ helfen Landwirten nicht wei-
anders aus“, sagt sie. Das Klimaschutz-Szena-      ter. Zum Beispiel können höhere Temperaturen
rio befürchtet bis Mitte des Jahrhunderts bis zu   und ein früher Vegetationsbeginn positiv sein.
zwei tropische Nächte pro Jahr in Bayern, beim     Steigt aber gleichzeitig das Risiko von Spät-
„Weiter-wie-bisher“ können es bis zu 22 sein.      oder Wechselfrost, kann das Anpassungsreak-
Zum Vergleich: Im Referenzzeitraum 1971 bis        tionen erfordern.
2000 gab es keine tropischen Nächte in Bayern.     Auf der anderen Seite kommen zum Beispiel
Bis Ende des Jahrhunderts können es beim           auch Pflanzenzüchter auf GERICS zu: Sie kön-
„Weiter-wie-bisher“-Szenario bis zu 53 tropi-
sche Nächte pro Jahr werden und damit sieben-
mal mehr als unter den Bedingungen des „Kli-
maschutz“-Szenarios. Zu beachten ist dabei           GERICS
eins: Die vorgestellten Zahlen sind Durch-
schnittswerte über einen Zeitraum von 30 Jah-        Das Climate Service Center Germany, kurz
ren. Das heißt, dass zwar in manchen Jahren          GERICS, ist eine selbstständige wissen-
weniger Nächte tropisch sein können, in ande-        schaftliche Organisationseinheit des Helm-
ren Jahren dafür aber viel mehr.                     holtz-Zentrum Geesthacht mit Sitz in Ham-
„Tropische Nächte und Hitzetage belasten             burg. Es wurde 2009 als Projekt des
schon gesunde Menschen. Die Schlafqualität,          Bundesministeriums für Bildung und For-
die Arbeitsleistung und die Konzentrationsfä-        schung gegründet. Die Grundfinanzierung
higkeit sinken. Für alte oder kranke Menschen        erfolgt durch den Bund. Hinzu kommen
kann Hitze aber verheerende Folgen haben“,           Einnahmen, die durch Aufträge für Kommu-
sagt Otto. Leiden werden unter so extremen Be-       nen oder Unternehmen generiert werden.
dingungen aber auch die Leistungen von Rin-                                                            Dr. Juliane Otto

                                                                                                                          11
Spezial: Hagel, Sturm, Dürre

nen nur dann zielgerichtet arbeiten,                 Probleme auftauchen, schätzen ab, was         es also wie so oft: Es gibt nicht nur
wenn sie wissen, mit welchen Bedin-                  die Zukunft bringen wird und suchen           Schwarz und Weiß.
gungen ihre Pflanzen zukünftig zu-                   gemeinsam mit den Praxispartnern
rechtkommen müssen.                                  nach Lösungen. „In Neubaugebieten             Viele Klimamodelle zusammen
Auch in anderen Regionen macht sich                  planen Kommunen zum Beispiel Frei-
die Agrarbranche bereits Gedanken: In                luftschneisen oder helle Flächen, die         „Bei unserer Arbeit greifen wir auf eine
Rheinland-Pfalz zum Beispiel gibt es                 die Sonneneinstrahlung besser reflek-         Vielzahl von regionalen Klimamodel-
Diskussionen über das nachhaltige Be-                tieren“, sagt sie. Häufig sind die Maß-       len zurück, die Wissenschaftler ganz
regnen. Was tun, wenn das Wasser zu-                 nahmen gar nicht so besonders. Manch-         verschiedener Institute entwickelt ha-
künftig in heißen, trockenen Sommern                 mal sogar fast banal. „In einem Fall kam      ben“, erklärt Dr. Otto. Denn eins ist
häufiger knapp wird?                                 es bei Starkregen zu Überflutungen in         wichtig: Klimaprojektionen sind keine
                                                     der Stadt, weil abgeschwemmter Boden          sichere Sache. Sie basieren auf Szena-
Nicht nur Schwarz oder Weiß                          von den Feldern die Leitungen verstopft       rien, die aufzeigen, was vermutlich un-
                                                     hat. Da half eine einfache Reinigung“,        ter Annahme gewisser Gegebenheiten
Kommunen und Unternehmen haben                       erzählt die Geografin.                        passieren wird. Dennoch sind sie die
andere Probleme. „Wir arbeiten zum                   In anderen Fällen ist die Zusammenar-         einzige Methode, mit der sich ein Aus-
Beispiel mit einer Kommune zusam-                    beit gar nicht so einfach. Viele verschie-    blick – „Was wäre wenn?“ – machen
men, die an der Elbe liegt und schon                 denen Menschen sind an den ­Prozessen         lässt. „Je mehr Klimasimulationen wir
jetzt mit vermehrten Überschwemmun-                  beteiligt. Sie haben oft unterschiedliche     haben und miteinander vergleichen
gen leben muss. An einer anderen Stel-               Ansichten und Bedürfnisse. Wird es            können, desto robuster werden die
le können es Überlegungen zum Stadt-                 zum Beispiel in Mittelgebirgslagen wie        Aussagen über die zukünftige Entwick-
klima sein. Die Frage ist dann oft: Wie              dem Sauer- oder Siegerland wärmer, ist        lung des Klimas“, sagt Otto.
lassen sich Städte im Sommer kühler                  das für den Tourismus insbesondere im         Sicher sind die Ergebnisse der Klima-
halten?“, sagt Otto. Gemeinsam mit den               Winter schlecht: kein Schnee, keine Ski-      modelle also keineswegs. Das können
Verantwortlichen der Kommune schau-                  fahrer. Profitieren könnte hier jedoch        sie auch gar nicht sein: Denn kein
en die Mitarbeiter vom GERICS genau                  die Landwirtschaft: Die Erträge steigen       Mensch weiß heute, wie sich zum Bei-
hin: Sie decken auf, wo heute welche                 vielleicht sogar. Beim Klimawandel ist        spiel der Energieverbrauch, die Bevöl-

 Im Norden Deutschlands wird es wärmer – im Süden erst recht
 Übersicht 1 zeigt, wie sich die Durch-              Referenzzeitraum (1971–2000) verän-          um rund 1  °C nicht aufhalten. Machen
 schnittstemperatur im Norden bzw.                   dern wird. Auch bei sofortigem, striktem     wir weiter wie bisher, steigt die Tempera-
 Süden Deutschlands im Vergleich zum                 Klimaschutz lässt sich eine Erwärmung        tur bis Ende des Jahrhunderts im Schnitt

 1 Sofortiger, konsequenter Klimaschutz könnte (noch) helfen
    Jahres-    Beobachtung im                     „Klimaschutz-     „Weiter-wie-bisher-           „Klimaschutz-     „Weiter-wie-bisher-
     mittel-   Referenzzeitraum                     Szenario“           Szenario“                   Szenario“           Szenario“
 temperatur
       (°C)
               Schleswig-Holstein

               Bayern                                                                                              zusätzlich:
         14                                                                                                                      zusätzlich:
               30-jähriges Flächenmittel in den                                                                     +2,2 °C       +2,7 °C
               jeweiligen Zeiträumen
                                                                    zusätzlich:
               max. Wert
         12                                                          +0,7 °C    zusätzlich:
                                                                                 +0,9 °C
               min. Wert

         10
                        unvermeidbar:
                           +1,3 °C
                                     unvermeidbar:
          8                             +1,1 °C

          6
                1971–2000                                   2036–2065                                       2070–2099

12
Foto: Asbrand
Überschwemmungen wie diese sind bald keine Seltenheit mehr. Schon heute kommt es infolge des Klimawandels häufiger zu
lokalem Starkregen. In Zukunft wird das eher die Regel als die Ausnahme. Darauf sollten wir uns heute schon einstellen.

kerungszahl, die Ausdehnung von Wäl-                 gibt es eine Aussicht für morgen, die        stoppen“, betont sie. „Neben dem sehr
dern oder die Ernährungsgewohnhei-                   Erwärmung zu begrenzen. Wir haben            wichtigen Klimaschutz müssen wir
ten der Menschen zukünftig entwickeln                das Jahr 2018. Also werden die meisten       uns deshalb damit beschäftigen, wie
werden. Klimamodelle geben deshalb                   von uns die Erwärmung erleben und            wir mit dieser Veränderung umgehen
nur wahrscheinliche Tendenzen an.                    mit dieser Erwärmung leben müssen“,          können. Trotzdem möchten wir nichts
Dennoch: „Bis Mitte des Jahrhunderts                 ist sich Otto sicher. Dass der Klimawan-     dramatisieren. Im Gegenteil: Wir möch-
wird sich die Erde auf jeden Fall weiter             del bereits in vollem Gange ist, ist für     ten dem Klimawandel den Schrecken
erwärmen. Wie es danach weitergeht,                  die Wissenschaftlerin Tatsache. „Be-         nehmen. Nur wenn wir ihn in unser
das haben wir jetzt in der Hand. Nur                 reits heute können wir die Veränderung       Leben integrieren, können wir han-
mit ausreichendem Klimaschutz heute                  unseres Klimas nicht mehr vollständig        deln.“                 Katja Stückemann

 um 3,5 bzw. 3,8 °C. Gleichzeitig wird es            zu 22 und bis Ende des Jahrhunderts         nannten Bundesländer-Check, mit dem
 besonders im Süden häufig richtig heiß              sogar auf bis zu 53 pro Jahr – mit großen   ­GERICS Auskunft über den Klimawan-
 (Übersicht 2): Bis Mitte des Jahrhun-               Auswirkungen auf Schlafqualität, Kon-        del in den Bundesländern gibt.
 derts steigt die Zahl der tropischen Näch-          zentrationsfähigkeit und Gesundheit.
 te (Temperaturminimum >20 °C) auf bis               Die Daten stammen aus dem soge-             ➥➥www.climate-service-center.de

 2 Mehr tropische Nächte: Gut für Gartenpartys, schlecht für den Schlaf
              Beobachtungen im                    „Klimaschutz-     „Weiter-wie-bisher-          „Klimaschutz-      „Weiter-wie-bisher-
  Tropische
               Referenzzeitraum                     Szenario“           Szenario“                  Szenario“            Szenario“
    Nächte
       50      Schleswig-Holstein

               Bayern

       40      30-jähriges Flächenmittel in den
               jeweiligen Zeiträumen

               max. Wert
       30
               min. Wert

       20

       10

        0
                1971–2000                                   2036–2065                                      2070–2099

                                                                                                                                          13
Spezial: Hagel, Sturm, Dürre

Es gibt keine Zeit zu verlieren
Ohne sofortigen, rigorosen Klimaschutz wird sich die Erde bis Ende
des Jahrhunderts um bis zu 4,8 °C erwärmen. Missernten, Hunger,
Krisen und Migration nehmen zu. Schlimme Folgen – auch für uns.

                                                  Möglichkeiten zur Emissionsminderung
     Spätestens ein Tempe-
  raturplus um rund 4  °C lässt                   Weltweit stammen – je nach Quelle – zwischen 10
 sich nicht mehr ausgleichen.                     und 25 % der Treibhausgas (THG)-Emissionen aus
 Die Ernährungssicherheit ist                     der Landwirtschaft. 2016 verursachte die Landwirt-
 stark gefährdet. Hunger, Kri-                    schaft in Deutschland 7,2 % der THG-Emissionen.
 sen und Migration nehmen zu.                     Die beiden bedeutendsten Treibhausgase, die mit der
   Die Folgen treffen auch uns.                   Landwirtschaft freigesetzt werden, sind Methan

                                     4,8 °C       (CH4) und Lachgas (N2O).
                                                  Im Jahr 2016 hat die Bundesregierung im sogenann-
                                                  ten „Klimaschutzplan 2050“ beschlossen, dass neben
                                                  den anderen Sektoren (Energiewirtschaft, Industrie,
                                                  Gebäude, Verkehr) auch die Landwirtschaft ihren
                                                  Beitrag zum Klimaschutz leisten soll: Bis 2030 sollen
     In Äquatornähe sind die                      die THG-Emissionen im Vergleich zu 1990 um 31 bis
  Folgen stärker als in den ge-                   34 % sinken.
 mäßigten Breiten: Bereits bei
 einer Erwärung um 3  °C sind
 hier die Grenzen der Anpas-
    sungsfähigkeit erreicht.           3 °C

     Ein Anstieg der Jah-
  resdurchschnittstemperatur
 um bis zu 2 °C bis Mitte des
 Jahrhunderts lässt sich in
 Deutschland nicht mehr auf-
 halten. Schon bei diesem Grad
                                       2 °C
 der Erwärmung werden die Er-
 träge wichtiger Früchte wie
 Weizen, Mais und Kartoffeln
                                                        Möglichkeiten zur Klimaanpassung
 aller Wahrscheinlichkeit nach
     sinken.                                            Welche Maßnahmen nötig, sinnvoll und mög-
                                                        lich sind, ist abhängig von den Gegebenheiten
                                                        vor Ort. Für die Landwirtschaft spielen etwa
                                                        die Topografie und die Bodenqualität eine Rol-
                                                        le. Sind Überschwemmungen zu erwarten?
                                                        Welche Früchte werden angebaut? Wie groß
                                                        und verfügbar sind die Wasserreserven?
                                                        Doch Achtung: Schreitet der Klimawandel zu
                                                        weit voran, lassen sich manche Folgen gar
                         Quelle: BMZ (geändert)         nicht, andere nur begrenzt ausgleichen.

14
... auf der Angebotsseite
• v erbesserte Ernährung und Nahrungsergänzung in der Viehhaltung (Ver-
   minderung der Entstehung von Methan bei der Verdauung)
• Vergärung von Mist und Gülle in Biogasanlagen (knapp 20 % der land-
   wirtschaftlichen Methanemission entstehen beim Lagern und Ausbrin-
   gen von Gülle und Mist)
• Verbesserung bei Ackerbau, Nährstoff- und Düngemanagement
• Erhalt bzw. Wiederherstellung der Kohlenstoffspeicherfunktion der Böden
• Ersatz fossiler Brennstoffe durch Biomasse
• Verknüpfung von Bioenergie- und Lebensmittelproduktion

... auf der Nachfrageseite
• g eringerer Verbrauch und weniger Verschwendung von Lebensmitteln
   innerhalb der Lieferkette, bei der Verarbeitung, im Handel und beim Ver-
   braucher
• Umstellung der Ernährung (Senkung des Verbrauchs von emissionsin-
   tensiven Lebensmitteln = mehr pflanzliche,weniger tierische Produkte)

... bei der Viehhaltung
• E insatz besser geeigneter Viehzüchtungen und -arten (zum Beispiel
   hitzetolerantere Tiere)
• effektivere Futternutzung
• Überwachung und Kontrolle der Ausbreitung von Schädlingen, Krank-
   heiten und Unkräutern

... beim Anbau
•   Züchtung von hitze- und dürretoleranten Sorten
•   Anpassung der Anbau- und Aussaatzeiten
•   Anpassung der Fruchtfolge
•   wassersparende Bodenbearbeitung
•   auf die Region abgestimmte Bewässerung

... durch die Politik
• Wetterversicherungen
• Mechanismen für Risikoteilung und -transfer
• Zahlungen an Landwirte für Ökosystemdienstleistungen
• kostengerechte Bepreisung von Ressourcen: Einpreisung von Klima-
   folgekosten
• veränderte Handelsregeln

                                                                          15
Spezial: Hagel, Sturm, Dürre

Mehrgefahrenversicherung:
Was sie kostet, was sie leistet
Hagel, Sturm, Starkregen, Frost, Trockenheit – gegen diese Risiken
können Sie sich versichern. Wir beantworten die wichtigsten Fragen
zum Versicherungsschutz und wie ein Schaden abgewickelt wird.

Was bedeutet der Begriff „Mehrgefahren-    standes geschädigt sind. Für einen                         etwa im Februar/März verursachen
versicherung“? Ist auch das Risiko         Sturmschaden muss mindestens Wind-                         beim Raps Auswinterungsschäden.
Trockenheit versicherbar?                  stärke 8 vorliegen. Am stärksten gefähr-                   Im Schadenfall können Sie eine Pau-
                                           det ist hoch wachsender Mais; er knickt                    schale (etwa 15 bis 45 % der Versiche-
Edeler: Jeder Landwirt kennt die klassi-   bei Sturm um oder die Pflanzen werden                      rungssumme) wählen.
sche Hagelversicherung. Weniger be-        aus der Erde gerissen.
kannt ist die Mehrgefahrenversiche-        Starkregen liegt vor, wenn mehr als                        Muss der Landwirt alle Feldfrüchte etwa
rung, die neben Hagel auch die Risiken     50 l/m2 innerhalb von 24 Stunden nie-                      gegen Hagel versichern? Wer legt die
Sturm, Starkregen und Frost abdeckt.       dergehen. Gefährdet sind insbesondere                      Versicherungssummen fest?
Gerade Sturm und Starkregen treten         Kartoffeln im frühen Stadium, wenn
vermehrt im nordwestdeutschen Raum         die Dämme frei gespült oder zuge-                          Edeler: Sie können frei entscheiden: Sie
auf. Sie verursachen hohe Schäden,         schlämmt werden. Aber auch kurz vor                        können jede Kultur separat zum Bei-
insbesondere beim Mais und Kartof-         der Ernte kann starker Regen große                         spiel nur gegen Hagel oder auch umfas-
feln. Wetterexperten gehen davon aus,      Schäden verursachen, wenn die Däm-                         send über eine Mehrgefahrenversiche-
dass Stürme und Starkregen in Nord-        me frei gespülen werden; dann werden                       rung absichern. Beispiel: Sie versi-
europa weiter zunehmen, weil die Luft      die Kartoffeln durch Lichteinwirkung                       chern nur ihren Winterraps gegen
klimabedingt wärmer wird und sich          grün und sind nicht mehr zu vermark-                       Hagel, ihren Mais nur gegen Sturm und
die darin enthaltene Energie entlädt.      ten. Beim Gemüseanbau sind insbeson-                       die Erdbeeren gegen Hagel und Frost.
Über eine Indexversicherung besteht        dere die Möhren durch Starkregen ge-                       Einschränkung: Sie müssen sämtliche
auch die Möglichkeit, Trockenschäden       fährdet, die „Möhrenköpfe“ sind ein                        Flächen einer Fruchtart versichern,
an landwirtschaftlichen Kulturen ab-       bekanntes Schadbild. In Hanglage kann                      zum Beispiel alle Maisflächen; dazu ge-
zusichern. Doch eine solche Versiche-      Stark­regen schließlich auch erhebliche                    hören auch die Schläge auf weit ent-
rung ist bislang sehr teuer (etwa 3 bis    Bodenerosion verursachen.                                  fernt liegenden Pachtflächen.
10 % Beitrag der Versicherungssumme        Durch Frost bedroht sind insbesondere                      Jeder Landwirt legt selbst oder nach
je nach Boden und Lage der Flächen).       der Winterraps, Erdbeeren und alle                         Rücksprache mit dem Berater die Versi-
In diesem Fall bekommen Sie nicht den      Obstkulturen. Kahl- und Wechselfröste                      cherungssummen für die Feldfrüchte
tatsächlich auf dem Feld entstandenen                                                                 im Anbauverzeichnis fest. Zumeist wird
Schaden ersetzt. Vielmehr wird ge-                                                                    der erwartete Ertrag mit dem Marktpreis
zahlt, wenn zum Beispiel länger als                                                                   multipliziert. Für Weizen, Gerste, Rog-
30 Tage kein Regen fällt und Ertragsaus-                                                              gen und Raps liegen die Versicherungs-
fälle zu erwarten sind. Regnet es am                                                                  summen im Schnitt bei 1000 bis 1600 €/
29. Tag, erhalten Sie nichts, auch wenn                                                               ha. Für Sonderkulturen, etwa Erdbee-
die Pflanzen geschädigt sind.                                                                         ren, Spargel und anderes Gemüse, wer-
                                                                                                      den zum Teil wesentlich höhere Versi-
Wie sind Hagel, Starkregen, Sturm und                                                                 cherungssummen abgeschlossen.
Frost nach den Bedingungen der Versiche-                                                              Ein Landwirt sollte grundsätzlich so
rungen definiert?                                                                                     denken: Wie viel Entschädigung benö-
                                                                                                      tige ich von der Versicherung, um im
                                                                                      Foto: Asbrand

Edeler: Hagel sind Eiskörner. Sie verur-                                                              Schadensfall weiter sicher wirtschaf-
sachen Schäden an den Pflanzen durch                                                                  ten zu können?
Anschläge, Knickungen, Brüche oder
Schlitzungen. Die Hagelversicherung        Bernd Edeler, Bezirksdirektor der                          Ab welchem Zeitpunkt sind die Feldfrüchte
zahlt, wenn mindestens 8 % des Be-         Vereinigten Hagel in Münster                               versichert?

16
Edeler: Bei einigen Kulturen beginnt die
Deckung ab der Aussaat und endet spä-
testens mit der Ernte. Der Versiche-
rungsschutz gegen Hagel, Sturm und
Starkregen ist wirksam ab dem Tag
nach dem Vertragsabschluss.
Einschränkung: Bei Zuckerrüben und
Kartoffeln sind Frostschäden frühes-
tens ab 1. Mai versichert. In der Regel
ist der Ernteverlust versichert. Das
heißt, der Schätzer ermittelt, wie viel
Prozent der mengenmäßigen Ernte auf
dem jeweiligen Schlag verloren ist. Je
nach Kultur können auch die Inhalts-
stoffe und Qualitätsschäden einge-
schlossen oder durch Zusatzvereinba-
rungen mitversichert sein. So sind bei-
spielsweise der Zucker­   ertragsverlust
bei Zuckerrüben oder der Stärkeverlust

                                                                                                                                      Foto: Greshake
bei Stärkekartoffeln eingeschlossen.

Können Milchbauern oder Pferdehalter ihr
Grünland versichern? 2018 müssen viele
Landwirte Futterverluste von 50 % und       Kartoffeln stehen nach Starkregen immer öfter unter Wasser. Unser Foto zeigt eine
mehr verkraften.                            Fläche am Niederrhein, die Anfang Juli 2009 überflutet wurde.

Edeler: Nein, eine Ertragsausfallversi-
cherung für Grünland wird in Deutsch-       den wird in Prozent der festgelegten        durch Futterreserven ausgleichen kann,
land bislang nicht angeboten, weil ge-      Versicherungssumme berechnet.               könnte eher auf den Schutz verzichten.
genwärtig kein Bedarf bestand. Grün-        Je nach Kultur, Schadbild und Zeit-
land ist bislang nur in Luxemburg und       punkt des Schadens werden die Felder        Welche Gesellschaften bieten eine Hagel-
in den Niederlanden versicherbar. Ob        einmal oder mehrmals bis kurz vor der       und Mehrgefahrenversicherung in
die Vereinigte Hagelversicherung eine       Ernte begutachtet. Liegt die Schaden-       Deutschland an? Wie können Landwirte
solche Versicherung in Zukunft auf dem      quote unter 8 %, gehen Sie leer aus. Ist    Prämie sparen?
deutschen Markt anbietet, hängt auch        der Schaden höher und wurde er end-
von den politischen Rahmenbedingun-         gültig festgestellt, überweist die Versi-   Edeler: Neben der Vereinigten Hagel
gen ab. Jedenfalls müsste der Beitrag für   cherung das Geld ohne Abzüge. Nach          bieten die Allianz (früher Münchener/
die Landwirte bezahlbar bleiben.            etwa zwei bis drei Wochen sollte das        Magdeburger), die Bayerische Versi-
                                            Geld auf Ihrem Konto sein.                  cherungskammer, Mecklenburger und
Wozu ist der Landwirt im Schadensfall                                                   die VGH in Hannover die Hagel- und
verpflichtet?                               Welche Landwirte sollten eine Mehrge-       Mehrgefahrenversicherung an. Dazu
                                            fahrenversicherung abschließen, wer         kommen einige kleine Versicherungs-
Edeler: Einen Schaden müssen Sie zeit-      kann auf den Schutz verzichten?             vereine auf Gegenseitigkeit. Es besteht
nah, am besten sofort, der Versiche-                                                    also durchaus Wettbewerb. Jeder Land-
rung per Telefon, Fax oder Internet         Edeler: Jeder Landwirt entscheidet, ob er   wirt kann und sollte Angebote von ver-
melden. Wichtig: Hören Sie nicht auf        den Schutz benötigt und in welchem          schiedenen Anbietern vor Abschluss
den Zuruf eines Nachbarn, begutach-         Umfang er seine Früchte versichern          eines Vertrages einholen.
ten Sie selbst die Fläche, ob tatsäch-      möchte. Dabei kommt es stets auf die        Die Gesellschaften bieten in der Regel
lich ein Schaden vorliegt. Die Versi-       betrieblichen Gegebenheiten an. Spezi-      Verträge mit ein- bis fünfjähriger Lauf-
cherung schickt dann einen Sachver-         alisierte Ackerbaubetriebe, die viel Flä-   zeit an, wobei es Rabatte gibt (bei drei-
ständigen. Er sollte in Ihrem Beisein       che gepachtet haben und hohes Risiko        jähriger Laufzeit etwa 10 %). Prämie spa-
den Schaden auf dem Acker feststel-         fahren, können am wenigsten auf den         ren können Landwirte, indem sie einen
len. Der Experte bestimmt die Anzahl        Schutz verzichten. Ähnlich sieht dies       Selbstbehalt beim Versicherungsschutz
an Pflanzen auf Beschädigungen und          aus für Landwirte, die viel Mais für ihre   von zum Beispiel 1 bis 5 % der Versiche-
Verluste (Knickungen, Brüche, Ähren-        Tierbestände oder eine Biogasanlage be-     rungssumme vereinbaren. In diesem
verluste, Kolbenverluste) und ermit-        nötigen. Wer dagegen ein Kapitalpolster     Fall zahlt der Landwirt die kleinen Schä-
telt so den Schädigungsgrad. Der Scha-      hat und Verluste selbst auffangen oder      den aus eigener Tasche.      Armin Asbrand

                                                                                                                                17
Spezial: Hagel, Sturm, Dürre

Schäden häufen sich
Friedrich Reese aus Bennigsen bei Hannover hat immer häufiger
Schäden durch Sturm, Regen, Frost oder Hitze. Mit einer Mehrgefah­
renversicherung deckt er einen Teil seines Unternehmensrisikos ab.

F
       riedrich Reese blickt skeptisch
       auf das Rübenfeld. Überall gibt es
       Nester mit vertrockneten Blät-
tern, die platt auf der Erde liegen. „Hier
oben auf der Kuppe wirkt sich die Dür-
re in diesem Jahr besonders stark aus“,
sagt der Landwirt aus dem niedersäch-
sischen Bennigsen bei Hannover. Er
rechnet mit 15 bis 20 % weniger Ertrag,                                                                                     Friedrich Reese
weil das Wasser fehlt.                                                                                                      hatte im Jahr 2018
                                             Foto: Neumann

Die 140 ha des Betriebs liegen im Höhen-                                                                                    erhebliche Trocken-
zug des Deisters. Reese baut Rüben für                                                                                      schäden u. a. bei
die nahe gelegene Zuckerfabrik Nord-                                                                                        Rüben auf höher
stemmen der Nordzucker an sowie Mais                                                                                        gelegenen Flächen.
für zwei Biogasanlagen in der Nähe. Der
Hackfruchtanteil liegt bei 50 %. Auf dem
Rest der Flächen wächst Weizen. Acker-                       Knicken Mais- oder Getreidepflanzen        sicherung im Betrieb, aber sie ist für
bau ist der wichtigste Betriebszweig.                        beispielsweise nach der Milchreife         mich wie eine Feuer- oder Vollkas-
                                                             um, ist die Entschädigung geringer.        ko-Versicherung, die zwar teuer ist,
Auswinterungen im Jahr 2012                                  Entschädigt wird dabei immer der           aber im Ernstfall das Einkommen sta-
                                                             mengenmäßige Ertragsverlust, also in       bilisiert.“
Bis zum Jahr 2012 hatte Reese eine Ha-                       diesem Beispiel die Ertragsdifferenz       Nach den Erfahrungen aus dem Jahr
gelversicherung. „Doch dann gab es in                        zwischen „Milchreife“ und „Silorei-        2018 hat er schon über eine Erweite-
dem sehr kalten Winter Auswinterun-                          fe“. Auch gelten erst Niederschlags-       rung des Schutzes gegen Trockenheit
gen auf rund 80 % der Getreideflä-                           mengen von 50 mm innerhalb von             nachgedacht. Aber zurzeit sind ihm die
chen“, schildert er. Das hat ihn zum                         24 Stunden als Starkregen, ab dem der      Kosten dafür zu hoch. Denn der Prä-
Umdenken bewegt: Das Risiko von                              Versicherungsschutz greift. Getreide-      miensatz für Trockenheit schwankt je
Ausfällen war ihm nach der Erfahrung                         flächen im Lager werden pauschal mit       Gemeinde, Kultur und Produktvariante
2012 einfach zu groß.                                        15 % bewertet. Teilflächen, die nicht      zwischen 1,6 und 6 % der Versiche-
Zur Absicherung schloss er eine Mehr-                        beerntet werden können, entschädigt        rungssumme. Der Prämiensatz wird je-
gefahrenversicherung bei der Vereinig-                       die Vereinigte Hagel mit 100 %. „Es ist    des Jahr neu berechnet. Die Prämie für
ten Hagel ab. Schon bald sollte sich zei-                    ganz wichtig, sich mit den Versiche-       Trockenheit ist deshalb im Vergleich zu
gen, dass die Entscheidung richtig war:                      rungsbedingungen auseinanderzuset-         allen anderen Gefahren so hoch, weil
Bei Regenfällen über 80 mm in wenigen                        zen“, rät er Berufskollegen.               es sich bei Trockenheit im Regelfall um
Stunden verschlämmten ihm Rüben                                                                         ein großflächiges Schadenereignis han-
nach der Aussaat, Getreide ging bei hef-                     Wie eine Vollkaskoversicherung             delt und auch im Gegensatz zu allen
tigen Schauern ins Lager und im ver-                                                                    anderen Gefahren die Versicherungs-
gangenen Jahr knickten selbst stabile                        Die Beitragshöhe hat er zum Teil selbst    steuer 19 % beträgt.
Maispflanzen reihenweise um, als im                          in der Hand. Wie bei einer Hausratsver-    Daher wartet er jetzt erst einmal ab.
Spätsommer mehrere Stürme wie                                sicherung muss er die Versicherungs-       „Aber früher hieß es auch, gegen Sturm
„Christian“ über das Land fegten.                            summe angeben, aus der sich die Bei-       bräuchte man keinen Schutz, es gäbe ja
Die meisten Schäden sind mit der Ver-                        tragshöhe bemisst. Reese hat den Hek-      keine Windhosen oder Wirbelstürme“,
sicherung abgedeckt und wurden auch                          tar Getreide und Mais mit je 2000 €        erinnert er sich. Die Lage hat sich je-
entschädigt. Allerdings musste er fest-                      versichert, Rüben mit 2700 €.              doch grundlegend geändert. Und Ext-
stellen, dass nicht pauschal jeder Fall                      Insgesamt zahlt er heute im Jahr etwa      remwetterlagen werden zunehmen, ist
unter den Versicherungsschutz fällt.                         4500 € an Prämien. „Es die teuerste Ver-   er überzeugt.            Hinrich Neumann

18
„Ein Restrisiko bleibt immer“
Jan-Derk Koning aus Nauen in Brandenburg hat seine Starkregen­
versicherung 2017 wirtschaftlich gerettet. 2018 folgte die Dürre. Über
seinen Versicherungsschutz entscheidet die Beitragshöhe.

A
       ls Jan-Derk Koning 1997 aus dem       2017 ein. Mehrmals hatte es in Nauen
       Norden der Niederlande ins Ha-        mehr als 50 l innerhalb von 24 Stun-
       velland nach Brandenburg auf-         den geregnet. Damit war die Bedin-
gebrochen ist, hat er eines aus der von      gung für ein Greifen der Starkregen-
Sturm und Niederschlägen geprägten           versicherung mehrmals eingetroffen.
Region mitgenommen: Die Ernte muss           Konings Ackerflächen glichen einem
zu einem gewissen Teil gegen Wetterex-       Seengebiet. Über die gesamte Acker-
treme abgesichert sein. Ungewöhnlich         fläche gemittelt erreichte er nur einen
für das eher von Trockenheit betroffene      Ertrag von 40 % seines Durchschnitt-
Brandenburg hat der Landwirt daher           sertrages. Die Versicherung ermittelte
seit Jahren eine Versicherung gegen Ha-      entsprechend eine Schadensquote von
gel, Sturm und Starkregen.                   60 %. Je nach Fläche und Kultur lag

                                                                                         Foto: Awater-Esper
                                             dabei der Schaden von Totalausfall bis
Beitragshöhe muss passen                     zu 20 % Ausfall.
                                             Den Aufwand, den er für die Versiche-
Für Koning, der in der Rechtsform ei-        rung betreiben muss, hält Koning für
ner GbR einen Milchviehbetrieb mit           vertretbar. Jedes Jahr meldet er nach der
1000 Rindern, 500 ha Grünland und            Bestellung die Kulturart einen Wertan-                           Herbst 2018: Der Boden in Brandenburg
470 ha Acker in Nauen, rund eine Stun-       satz pro Schlag bei der Versicherung. In                         ist staubtrocken. Das wird auch die Ernte
de westlich von Berlin, bewirtschaftet,      der Folge bekommt er die Schadenfor-                             2019 beeinflussen, sagt Jan-Derk Koning.
ist das seine Art von Risikoabsiche-         mulare schon zugesandt, sodass er die-
rung. „Eine Versicherung zu bestimm-         se sofort ausfüllen kann, sobald ein
ten Themen ist wichtig, aber am Ende         Schaden eintritt.                                                Nach der Nässe folgte für den Betrieb
kann man sich nicht für alles versi-                                                                          Koning 2018 nun die Dürre. „Wir stel-
chern“, sagt der 44-Jährige.                 Eigene Risikovorsorge                                            len einfach fest, dass wir jetzt eine Si-
Ausschlaggebend für den Abschluss der                                                                         tuation mit Extremen haben und gehen
Versicherungen gegen Hagel, Sturm und        Seine Beitragshöhe läuft über eine Ver-                          davon aus, dass wir auch mehr Wetter­
Starkregen ist für Koning die Beitragshö-    tragslaufzeit von drei Jahren. Natürlich                         extreme bekommen“, resümiert Ko-
he. Er hat seine gesamte Ackerfläche von     sind seine Beiträge nach der Abwick-                             ning. Als ackerbauliche Konsequenz
470 ha mit 7 €/ha für die drei Schadens­     lung des Schadens 2017 gestiegen und                             will er daran arbeiten, den Wasserhaus-
ereignisse abgesichert. Der Beitrag liege    zwar von 7 auf nun rund 10 €/ha. Das                             halt mit allen ihm möglichen Mitteln
so niedrig, dass er auch nach 30 Jahren      sei ärgerlich, aber für ihn kein Grund                           besser in den Griff zu bekommen. Dazu
nicht eine so hohe Summe erreiche, als       auszusteigen, erzählt Koning. Die Versi-                         gehört für ihn, so oft wie möglich auf
wenn es in einem Jahr einen Totalausfall     cherung gibt ihm die Möglichkeit, selbst                         den Pflug zu verzichten. Trockentole-
gebe, rechnet er vor. Für die Getreidekul-   Risikovorsorge zu betreiben. Das ist Ko-                         rante Sorten und die Steuerung der
turen, von denen er Winterroggen, Gers-      ning lieber, als wenn er auf Staatshilfen                        Aussaatmenge seien weitere Stell-
te und Triticale im Anbau hat sowie für      hoffen müsste. Die Beihilfen des Landes                          schrauben. Bei der Fruchtfolge sieht er
den Mais hat er durchschnittliche Er-        Brandenburg wegen der Nässe hätte er                             in seinem Betrieb weniger Flexibilität.
tragswerte bei der Versicherung angege-      2017 ohnehin nicht nutzen können. Den                            Er braucht die Futterpflanzen für seine
ben. Es sei wichtig, schon dabei realis-     Nachweis von 30 % Einkommensrück-                                Rinder.
tisch und ehrlich zu bleiben, dann gebe      gang im Vergleich zum Vorjahr hätte er                           Die Frage nach einer Versicherung gegen
es im Schadensfall keine Probleme mit        trotz der Verluste nicht geschafft. Denn                         Trockenheit und Dürre geht Koning am-
den Schadensprüfern, erzählt Koning          2016 hatte die Milchkrise mit Preisen                            bivalent an. „Es kommt darauf an, was
von seinen Erfahrungen.                      von 22 Cent/Liter seinem Einkommen                               es kostet“, sagt er. Doch als Landwirt sei
Der Ernstfall trat für Koning bei seiner     so zugesetzt, dass nochmal 30 % darun-                           ihm auch klar, es bleibe ihm immer ein
21. Ernte in Brandenburg im Sommer           ter schwierig wurden.                                            Restrisiko.            Stefanie Awater-Esper

                                                                                                                                                      19
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