JOURNALISMUS IN DER DEMOKRATIE - FAKTEN | THESEN KONTROVERSEN - journalistenschule

 
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JOURNALISMUS IN DER DEMOKRATIE - FAKTEN | THESEN KONTROVERSEN - journalistenschule
JOURNALISMUS
IN DER
DEMOKRATIE
FAKTEN | THESEN
KONTROVERSEN

            Eine Dokumentation der
            Deutschen Journalistenschule
Vertrauen Sie Journalisten?

                      44 %
   der Deutschen vertrauen den etablierten
         Medien in wichtigen Fragen.

                       34 %
der Deutschen vertrauen den Medien teilweise.

                       22 %
    der Deutschen misstrauen den Medien
               grundsätzlich.

         Wir wollen mit allen
          über Journalismus
   in der Demokratie diskutieren!

    Quelle: Langzeitstudie Medienvertrauen Uni Mainz, 2018
EDITORIAL

Liebe Leserin,
lieber Leser,

die wichtigste Währung für Journa-
listinnen und Journalisten ist Ver-
trauen, und das müssen sie sich jeden
Tag aufs Neue verdienen: durch gute
und seriöse Arbeit, aber auch indem
sie erklären, wie sie arbeiten und was
Journalismus für die Demokratie be-
deutet.
                                                DIE WICHTIGSTE
Dieser Aufgabe stellt sich auch die
Deutsche Journalistenschule (DJS) in
                                                 WÄHRUNG FÜR
München, die 1949 gegründet wur-              JOURNALISTINNEN
de, um nach der Nazi-Herrschaft den
Nachwuchs für ein freies Mediensys-           UND JOURNALISTEN
tem auszubilden. Absolventen der DJS            IST VERTRAUEN.
sind für die unterschiedlichsten Zei-
tungen, Magazine, TV-Sender, Rund-
funkanstalten, Onlineportale und          ermöglicht. Ziel ist, die Inhalte einer
Pressestellen tätig. Im Rahmen des        breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu
Projektes #journalistenschule disku-      machen. An Recherche oder Redaktion
tieren sie jedes Jahr mit Jugendlichen    war das Amt nicht beteiligt.
überall in Deutschland darüber, was
guten Journalismus von Fake News          Weil guter Journalismus ohne Freiheit
unterscheidet.                            nicht möglich ist, rückt die Dokumen-
                                          tation Artikel 5 auch symbolisch ins
Daran knüpft diese Dokumentation          Zentrum: mit fünf Thesen, die Grund-
an. Sie sammelt Antworten auf häu-        sätze der journalistischen Arbeit er-
fig gestellte Fragen zu Aufgaben          klären und immer wiederkehrende
und Arbeitsweise von Journalisten,        Vorwürfe aufgreifen. Interessierte
von der Nachrichtenauswahl bis zur        Bürger finden auf den folgenden Sei-
Namensnennung. Sachlich und fak-          ten viele Fakten, aber auch die per-
tentreu, dabei aber auch kritisch und     sönliche Sicht von DJS-Absolventen
unterhaltend zeigt sie auf, wie die       auf ihren Beruf. Diese Transparenz
Pressefreiheit aus Artikel 5 des Grund-   soll dazu beitragen, Vertrauen zu stär-
gesetzes mit Leben gefüllt wird. Die      ken, um eine fruchtbare Diskussion
Dokumentation wurde durch eine            über die Frage zu ermöglichen: Wofür
Finanzierung des Bundespresseamtes        brauchen wir Journalisten?

                                                                                  3
INHALT

6
Gute Journalisten werten.
Weil nicht jede Nachricht gleich wichtig ist.

Wer Nachrichten liest, hört oder sieht, ist gut informiert über das wichtigste
Geschehen auf der Welt oder in seinem Heimatort. Das ist jedenfalls der Anspruch
und die Aufgabe der Medien. Damit dies gelingt, müssen Journalistinnen und
Journalisten auswählen – weil eben nicht jede Information eine Nachricht wert ist.
Doch nach welchen Kriterien erfolgt diese Auswahl? Steuern vielleicht Regierun-
gen die Berichterstattung?

                                                     18

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Gute Journalisten prüfen.
Weil Fake News keine Alternative sind.                Ein Beruf –
                                                      zwölf Meinungen
Für jede seriöse Redaktion gilt: Fakten-
check statt Fake News. Denn veröffentlicht
                                                      Warum wird Qualitäts-
werden darf nur, was Journalistinnen und
Journalisten vorher geprüft und recher-               journalismus gebraucht?
chiert haben. Investigativreporter sind               Zwölf unterschiedliche und
bei ihren Recherchen oft wochenlang                   persönliche Antworten
Missständen und Skandalen auf der Spur.               von Absolventinnen und
Doch wie prüfen Journalisten den                      Absolventen der Deutschen
Wahrheitsgehalt von Informationen?
                                                      Journalistenschule.
Wie laufen investigative Recherchen ab?

4
INHALT

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Gute Journalisten nerven.                   Gute Journalisten schweigen.
Genau die Richtigen.                        Im richtigen Moment.

Journalistinnen und Journalisten            Gute Journalistinnen und Jour-
müssen Nervensägen sein, um die             nalisten nennen ihre Quellen, weil
Mächtigen zu kontrollieren. Sie wahren      Transparenz Vertrauen schafft.
Distanz zur Politik und hören allen         Doch sie schweigen, wenn nur
Seiten zu, weil sie keiner angehören.       Gerüchte kursieren oder Persön-
Denn Unabhängigkeit sichert Qualitäts-      lichkeitsrechte verletzt würden.
journalismus. Doch wie unabhängig           Keine Alternative ist Schweigen
sind Journalisten? Wie begegnen sie         allerdings, wenn Journalisten
Feinden der Demokratie?                     selbst Fehler begehen. Wie trans-
                                            parent berichten die Medien?
                                            Wie ausgeprägt ist ihre eigene

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                                            Fehlerkultur?

Gute Journalisten
lassen sich bezahlen.
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                                            Pressefreiheit und
Um Menschen zu informieren.
                                            Medienvielfalt.
                                            Fakten und Zahlen
Die Digitalisierung hat die klassischen
Medien in eine Krise gestürzt. Im Netz
finden sich Millionen von wahren und        Wie steht es um die Meinungs-
vermeintlich wahren Informationen, ein      und Pressefreiheit in Deutsch-
Großteil davon kostet nichts. Der Journa-   land? Wie können Journalistinnen
lismus steht vor einer enormen Heraus-
                                            und Journalisten in anderen
forderung: Wie lässt sich unter diesen
                                            Ländern arbeiten? Wie vielfältig
Bedingungen Geld verdienen? Muss für
Journalismus im Online-Zeitalter über-      ist die Medienlandschaft in
haupt noch bezahlt werden?                  Deutschland?

                                                                                 5
#

Gute Journalisten werten.
Weil nicht jede Nachricht gleich wichtig ist.
Haben Sie sich schon mal darüber gewundert, dass ein Thema in den Fernsehnach-
richten oder Ihrer Lokalzeitung gar nicht auftauchte und ein anderes dafür umso
ausführlicher behandelt wurde? Womöglich haben Sie sich über diese Auswahl
geärgert. Vermuten Sie vielleicht sogar, dass Politikerinnen und Politiker die
Berichterstattung direkt steuern können? Wir erklären, wie Journalistinnen
und Journalisten Informationen bekommen, wie sie daraus die wichtigsten
Nachrichten auswählen und warum sie sich dabei nicht vom Staat diktieren lassen,
was sie berichten.

Was Journalisten                          Dienstag, 11. September 2001:
für wichtig halten                        In Frankfurt am Main öffnet die Inter-
                                          nationale Automobil-Ausstellung (IAA)
An manchen Tagen ist allen Redaktio-      für die Presse – gewöhnlich berichten
nen sofort klar, welches die wichtigste   die Medien ausführlich über die News
Nachricht ist. Wann dies der Fall ist     der Branche. Doch am Nachmittag
und wie schwierig die Auswahl sein        kommen Nachrichten aus New York,
kann, verdeutlichen diese drei ganz       nach denen sich niemand mehr für
unterschiedlichen Nachrichtentage:        die IAA interessiert: Flugzeuge rasen

6
in das World Trade Center. Die An-        unterschiedlich eingeschätzt wird.
schläge vom 11. September bewegen         Bewusstes Verschweigen ist das aber
weltweit die Menschen – und sie in-       nicht.
formieren sich darüber vor allem in
den Medien.                               Wie Journalisten ihre
                                          Informationen bekommen
Was neu und relevant ist und Men-
schen bewegt, ist eine wichtige Nach-     Im Idealfall sind Journalisten vor Ort,
richt.                                    sie sind gewissermaßen die Augenzeu-
                                          gen für ihre Leser, Hörer und Zuschau-
Sonntag, 13. Juli 2014:                   er. Sie sitzen also zum Beispiel im
Für Fußballfans gibt es keinen Zweifel    Maracanã-Stadion in Rio de Janeiro,
an der wichtigsten Nachricht dieses       wenn Deutschland das WM-Finale ge-
Tages: Deutschland wird in Brasilien      gen Argentinien gewinnt. Sie sind in
mit einem 1:0-Sieg über Argentinien       New York und berichten vom Grauen
zum vierten Mal Weltmeister. Aber         der Terroranschläge am 11. September.
auch wer sich für dieses Finale gar       Doch nicht nur bei solchen Welt-
nicht interessiert, dürfte kaum über-     ereignissen sind Journalisten dabei.
rascht sein, dass für die meisten         Sie sitzen im Gemeinderat oder im
Redaktionen in Deutschland – die          Bundestag, in Gerichts- oder Konzert-
ganz sicher nicht nur aus Fußballfans     sälen, berichten von Aktionärsver-
bestehen – dieser WM-Sieg eine Top-       sammlungen oder Parteitagen, von
News ist.                                 Pressekonferenzen oder „Fridays for
                                          Future“-Demonstrationen.
Persönliches Interesse entscheidet
nicht darüber, ob eine Nachricht                      SERIÖSER
wichtig ist.
                                            JOURNALISMUS SORGT
Samstag, 3. Dezember 2016                      DAFÜR, DASS ALLE
In Freiburg wurde ein später wegen
Mordes verurteilter Flüchtling als Ver-       VERÖFFENTLICHTEN
dächtiger im Fall einer getöteten Stu-
dentin festgenommen. Ein regionaler
                                                  NACHRICHTEN
Kriminalfall oder eine bundesweit            SORGFÄLTIG GEPRÜFT
wichtige Nachricht? Darüber wird in
den Redaktionen kontrovers diskutiert.                   SIND.
Dass zum Beispiel die 20.00-Uhr-Tages-
schau an diesem Samstag nicht berich-     Viele   Informationen     bekommen
tet, wird vielfach kritisiert.            Journalisten aber auch am Schreib-
                                          tisch. Wenn wie im Fall der getöteten
Nachrichtenauswahl ist angreifbar,        Studentin in Freiburg ein Verdäch-
weil die Bedeutung von Ereignissen        tiger festgenommen wird, teilt die

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POLITIKER                        die Kunden der Agenturen sind
                                           die Medien, also das Mindener
       KÖNNEN NICHT                        Tageblatt genauso wie die Süd-
          PER ANRUF                        deutsche Zeitung, der Spiegel oder
                                           ARD und ZDF. In deren Redaktions-
        DIE BERICHT-                       systemen laufen jeden Tag im Minu-
        ERSTATTUNG                         tentakt Agenturmeldungen aus aller
                                           Welt ein, die oft schon kurz danach
           STEUERN.                        veröffentlicht werden.

Polizei das meist zuerst in einer          Die Agenturen stellen mit einem gro-
schriftlichen Pressemitteilung mit.        ßen Netzwerk an Korrespondenten si-
Solche und zehntausende weitere            cher, dass auch die Leser der kleinsten
Mitteilungen landen jeden Tag in den       Regionalzeitung das Neueste aus aller
E-Mail-Postfächern der Redaktionen         Welt erfahren. Sie sichern eine Grund-
– verschickt von Regierungen und           versorgung mit Nachrichten.
Parteien, Unternehmen und Gewerk-
schaften, Vereinen und Verbänden,          Die großen Weltagenturen sind Agence
Polizeidienststellen und Gerichten.        France-Presse (AFP), Associated Press
Die sozialen Medien sind ebenfalls         (AP), und Reuters (rtr). Die national
längst Quellen für Journalisten, weil      führende Nachrichtenagentur ist die
Prominente, Politiker und auch Be-         Deutsche Presse-Agentur (dpa). In Zei-
hörden Neuigkeiten twittern und
posten. Aber auch die von jedem Ein-
zelnen verbreitete Info kann Anstoß
für eine Berichterstattung sein.

Doch gerade, wenn Informationen als
Mail, YouTube-Video oder Tweet vor-
liegen und kein Reporter vor Ort ist,
heißt es für Journalisten zunächst:
prüfen, ob es sich nicht um Fake
News handelt. Seriöser Journalismus
sorgt dafür, dass alle veröffentlichten
Nachrichten sorgfältig geprüft sind
(mehr zur Recherche und zur Sorg-
faltspflicht von Journalisten ab S. 12).

Eine besondere Rolle im Informa-
tionsfluss kommt den Nachrichten-
agenturen zu. Deren Artikel können
die Leser nicht direkt kaufen: Denn

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JOURNALISTEN
     MÜSSEN AUSWÄHLEN UND
           PRIORITÄTEN SETZEN.

tungen und auch auf Onlineportalen
sind Artikel von Agenturen meist mit
deren Kürzeln gekennzeichnet.

Wie Journalisten auswählen

Journalisten müssen auswählen und       Bundeskanzlerin Angela Merkel auf
Prioritäten setzen. Das liegt allein    einer Pressekonferenz ihren berühmt
schon daran, dass in 15 Minuten         gewordenen Satz über die Flücht-
Sendezeit oder auch auf 40 Zeitungs-    lingspolitik: „Wir schaffen das.“ Wer
seiten nur ein Bruchteil der Themen     Jahre später im Netz danach sucht,
Platz findet. Auf eine Einmischung      findet Videos der damaligen Presse-
von Politikern reagieren Journalisten   konferenz, aber auch schnell hun-
dabei allergisch. Denn in der Demo-     derte, ganz unterschiedliche Artikel
kratie sollen die Mächtigen keines-     und Kommentare. Wie über Merkels
falls per Anruf in den Redaktionen      Einschätzung damals und heute be-
bestimmen, was und wie die Medien       richtet wurde und wird, hatte die
berichten.                              Kanzlerin ab dem Moment nicht mehr
                                        in der Hand, als sie den Satz vor lau-
Wie sollte das auch funktionieren?      fenden Kameras sagte.
In Deutschland erscheinen mehr als
300 Tageszeitungen, es berichten ARD    Dazu kommt: Journalismus ist Team-
und ZDF, RTL und Arte, Spiegel und      arbeit. Wer zum Beispiel auf einer
die Nachrichten-App Upday. Niemand      Pressekonferenz sitzt, schickt seinen
kann in einer so vielfältigen Medien-   Text in die Redaktion, wo ihn min-
landschaft steuern, wie berichtet       destens noch ein Redakteur liest. Die-
wird. Es ist nicht mal vorherzusehen.   ses Vier-Augen-Prinzip gilt bei allen
Ein Beispiel: Im August 2015 sagte      seriösen Medien. Wie die gedruckte

                                                                             9
WAS EIN JOURNALIST VON TRUMP UND SEINER
        POLITIK ODER AUCH VON DER ZINSPOLITIK
         DER EUROPÄISCHEN ZENTRALBANK ODER
     DEM SPIELERTRANSFER DES FC BAYERN MÜNCHEN
            HÄLT, GEHÖRT IN EINEN KOMMENTAR
                UND NICHT IN EINE NACHRICHT.

Zeitung am nächsten Tag oder die           Bundespräsident Christian Wulff,
Nachrichtensendung am Abend aus-           nachdem er im Dezember 2011 auf
sehen sollen, darüber wird zudem in        der Mailbox von Bild-Chefredakteur
Redaktionskonferenzen intensiv bera-       Kai Diekmann wegen der Recherchen
ten und auch gestritten. Was ist das       des Blatts eine drohend klingende
Top-Thema? Wie wird darüber berich-        Nachricht hinterlassen hatte. Der An-
tet? Welche Themen sollen sonst noch       ruf wurde öffentlich – und schadete
ins Blatt oder in die Sendung? Auch        dem Bundespräsidenten massiv.
das macht es für Politiker unmöglich,
die Berichterstattung direkt zu beein-     Die Wulff-Affäre gilt heute aber auch
flussen.                                   als Beispiel für den Hang mancher
                                           Medien, aus jedem Vorwurf und dem
Vielmehr ist es so, dass schon der Ein-    kleinsten Fehltritt einen Skandal zu
druck der Einflussnahme ein schlech-       machen. Zeit-Chefredakteur Giovanni
tes Licht auf einen Politiker wirft. Das   di Lorenzo mahnte auch mit Blick auf
erfuhr beispielsweise der damalige         die Berichterstattung in diesem Fall:

10
FUNDAMENT                        Warum Journalisten Nachrichten
                                          und Kommentare trennen
    DES JOURNALISMUS                      müssen
          BLEIBEN DIE
                                          Gibt es über Donald Trump nicht auch
    NACHRICHTEN, WEIL                     Positives zu berichten? Manchmal fra-
                                          gen das auch Menschen, die nicht viel
    SICH DIE MENSCHEN                     vom US-Präsidenten halten – dabei
  EINE EIGENE MEINUNG                     dürfte sich diese Frage so gar nicht
                                          stellen: Nachrichten sollen in erster
       BILDEN SOLLEN.                     Linie informieren. Journalisten müs-
                                          sen dafür auswählen und einordnen,
                                          aber ihre eigene Meinung hat in Nach-
„Die ständige Skandalisierung auch aus    richten in der Regel nichts zu suchen.
nichtigem Anlass entpolitisiert auf
Dauer Gesellschaften.“ Sie verwische      Im Grundsatz gilt: Was ein Journalist
zunehmend den „Unterschied zwi-           von Trump und seiner Politik oder
schen Wichtigem und Unwichtigem“.         auch von der Zinspolitik der Euro-
                                          pä-ischen Zentralbank oder dem Spie-
Wulff trat im Februar 2012 zurück,        lertransfer des FC Bayern München
nachdem die Staatsanwaltschaft die        hält, gehört in einen Kommentar und
Aufhebung seiner Immunität bean-          nicht in eine Nachricht.
tragt hatte. Begonnen hatte die Affäre
mit Berichten über einen Privatkredit     In seriösen Medien wird deshalb ge-
bei seinem Hauskauf, schnell kamen        trennt zwischen Meinungsbeiträgen
immer weitere Vorwürfe gegen den          und der Berichterstattung über das,
früheren niedersächsischen Minister-      was in der deutschen Kleinstadt oder
präsidenten hinzu – bis hin zu absur-     in Washington geschieht. Das heißt
den Kleinigkeiten wie der Frage, wer      nicht, dass es nur schwarz und weiß
das Bobby-Car seines Sohnes bezahlt       gibt, Medien also nur sachlich-neutra-
hatte. Am Ende blieb in einem Ge-         le Nachrichtentexte oder meinungs-
richtsverfahren lediglich der Vorwurf     starke Kommentare veröffentlichen.
der Vorteilsnahme, weil ein Filmpro-      Journalisten schreiben oder drehen
duzent Hotel- und Bewirtungskosten        auch Reportagen und Portraits, unter-
für Wulff bezahlt haben sollte. Im        halten ihr Publikum mit Glossen und
Februar 2014 sprach das Landgericht       Kolumnen. Sie verfassen Filmkritiken
Hannover den früheren Bundespräsi-        und Wirtschaftsanalysen, produzie-
denten auch davon frei. Das Vorgehen      ren Multimedia-Storys und führen
der Medien kritisierte Wulff später als   Interviews. Doch Fundament des Jour-
„Jagdfieber“, doch seinen Anruf beim      nalismus bleiben die Nachrichten,
früheren Bild-Chef Diekmann wertete       weil sich die Menschen eine eigene
auch er selbst als Fehler.                Meinung bilden sollen.

                                                                              11
Gute Journalisten prüfen.
Weil Fake News keine Alternative sind.
Ob Sie Ihre Lokalzeitung aufschlagen oder die Nachrichtensendung einschalten, auf
eines müssen Sie sich verlassen können: Was Sie lesen oder hören, stimmt. Deshalb
recherchieren gute Journalistinnen und Journalisten sorgfältig, bevor sie etwas ver-
öffentlichen. Recherche ist die Lebensversicherung für Qualitätsjournalismus, weil
nur damit wahrheitsgetreue Berichterstattung möglich ist. Erfahren Sie, warum
seriöse Medien keine Fake News verbreiten, wie Investigativreporter die Mächtigen
kontrollieren und warum Recherche Zeit braucht.

Warum Recherche mehr als                   vermeintlichen Informationen kann
Internet-Suche ist                         einen auch erschlagen: Beim Stich-
                                           wort „Trump“ zum Beispiel spuckt die
Nur zu googlen, ist noch keine Re-         Suchmaschine in weniger als einer
cherche. Das Internet hat es zwar          Sekunde mehr als eine Milliarde
auch für Journalisten erleichtert, an      Ergebnisse aus. Und was davon ist
Informationen zu gelangen. Ob ein          nun relevant und korrekt? Genau da
Gesetzestext, ein Parteiprogramm oder      beginnt Recherche.
eine Geschäftsbilanz, im Netz findet
sich vieles schneller als zu Zeiten,       Das französische „rechercher“ bedeu-
in denen alles nur auf Papier vorlag.      tet übersetzt „suchen“. Doch mit Su-
Doch die Menge an tatsächlichen und        che allein ist es nicht getan, Recherche

12
„Recherche ist unverzichtbares Instrument journalis-
      tischer Sorgfalt“, heißt es in Ziffer 2 des Pressekodex
      des Deutschen Presserats. In dem Kodex hat der 1956
      als Selbstkontrollinstanz der Printmedien gegründete
      Presserat Richtlinien für die journalistische Arbeit
      festgeschrieben. Dessen 16 Ziffern beinhalten ethische
      Standards wie die Achtung der Menschenwürde, die
      Unschuldsvermutung oder eben die Sorgfaltspflicht.
      Dieser Pflicht können Journalisten nur nachkommen,
      indem sie recherchieren.

bedeutet für Journalisten vor allem:       chen stundenlang Panik herrschte.
Überprüfung. Stimmt diese Infor-           Kurz vor 18.00 Uhr fielen Schüsse
mation? Ist diese Quelle vertrauens-       am Olympia-Einkaufszentrum (OEZ),
würdig? Ein solcher Faktencheck            erst um 1.26 Uhr gab die Polizei über
ist keine Kür, sondern Alltag. Jeden       Twitter „vorsichtige Entwarnung“.
Tag in jeder seriösen Redaktion in         Erst da wurde langsam klar, dass das
Deutschland.                               Attentat eines 18-jährigen Einzeltä-
                                           ters die bayerische Landeshauptstadt
                                           erschüttert hatte. Er erschoss neun
Wieso sorgfältige Recherche Zeit           Menschen und anschließend sich
braucht                                    selbst. Nach weiteren Ermittlungen
                                           stufte das Landeskriminalamt die Tat
Oft bleibt im Alltag nicht viel Zeit, um   im Oktober 2019 als politisch moti-
sorgfältig zu prüfen. Doch diese Zeit      viert ein. Die „rechtsradikale und ras-
müssen sich Journalisten nehmen, ge-       sistische Gesinnung“ des Täters dürfe
rade weil Gerüchte meist schneller als     nicht vernachlässigt werden.
die Wahrheit sind. Bei Katastrophen,
Anschlägen oder Amokläufen kursie-         Die Süddeutsche Zeitung zählte kurz
ren oft schon hunderte Gerüchte und        nach der Tat in einer „Timeline der
Spekulationen, während nur wenige          Panik“ 67 Tatorte während der Abend-
gesicherte Informationen vorliegen.        und Nachtstunden – und damit 66 Mal
So wie am 22. Juli 2016, als in Mün-       falschen Alarm. Knapp 3000 Tweets

                                                                                13
„INFORMATION                       Die Regeln könnten auch für Jour-
                                           nalisten gelten – doch halten sie
         IST SCHNELL,                      sich immer selbst daran? Sie soll-
                                           ten es, manchmal lassen aber auch
           WAHRHEIT
                                           sie sich von der „großen Gereiztheit“
       BRAUCHT ZEIT.”                      anstecken, wie der Medienwis-
                                           senschaftler Bernhard Pörksen die
             Peter Glaser
                                           Stimmung in der vernetzten Gesell-
                                           schaft beschreibt. Er urteilt über die
tauchten in der Nacht mit dem Be-          Berichterstattung bei Attentaten und
griff „Amok“ auf, fast 60.000 mit der      Terroranschlägen ernüchtert: „Hier
Bezeichnung „Terror“.                      zeigen sich in brutaler Regelmäßig-
                                           keit folgende Muster: Sofort-Berichte,
Wie gehen Medien in solchen Situa-         Sofort-Reaktionen, Falschmeldungen
tionen vor? Die einzige Möglichkeit:       in Serie, allgemeine Desorientierung,
Informationen prüfen, nachfragen,          pauschale Verdächtigungen; dies alles
auf seriöse und verlässliche Quellen       in den sozialen Netzwerken, aber
bauen. Um herauszufinden, ob an ei-        durchaus auch in den etablierten
ner im Netz kursierenden Informati-        Medien und den klassischen Redak-
on etwas dran ist, reicht es allerdings    tionen, die im Wettlauf um Geschwin-
nicht, weiter im Internet zu surfen.       digkeitspokale unbedingt mitmischen
Journalisten müssen dann möglichst         wollen.“
selbst vor Ort sein oder viel telefo-
nieren, um der Wahrheit näher zu           Ratsam wäre es deshalb auch für Jour-
kommen. Denn eines muss Tabu sein:         nalisten, sich besonders in solchen
Ungeprüfte Gerüchte verbreiten.            hektischen und unübersichtlichen
                                           Momenten an einen Satz des Netz-
Die Süddeutsche Zeitung formulierte        philosophen Peter Glaser zu erinnern:
sieben Regeln #gegendiepanik und für       „Information ist schnell, Wahrheit
mehr Social-Media-Gelassenheit, dar-       braucht Zeit.“
in heißt es unter anderem:
                                           Warum gute Journalisten keine
„Bevor ich etwas veröffentliche oder       Fake News verbreiten
an meine Freunde schicke, atme ich
dreimal tief durch – und suche min-        Ja, Journalisten machen Fehler. Sie
destens zwei verlässliche Quellen für      schreiben Namen falsch, machen aus
die Informationen.“                        Milliarden versehentlich Millionen
                                           und irren sich bei Jahreszahlen. Jeden
„Ich verbreite keine Gerüchte! Ich halte   Tag passieren solche Fehler – genau-
mich nur an bestätigte Informationen       so wie der Maurer mal eine Fuge nicht
und versuche mich von Spekulatio-          sauber verputzt. Manchmal gibt es
nen fernzuhalten.“                         auch größere und peinlichere Pannen.

14
So wie zum Beispiel im Juni 2018, als     lichen Fehler – jedoch nicht um Fake
in verschiedenen Medien plötzlich         News als bewusst verbreitete Falsch-
eine vermeintliche Top-Nachricht          meldungen.
auftauchte: „Seehofer kündigt Bünd-
nis mit CDU auf.“ Hätte der damali-             FAKE NEWS IST
ge CSU-Vorsitzende die Fraktionsge-           LÄNGST AUCH EIN
meinschaft mit der CDU im Bundestag
tatsächlich beendet, wäre dies eine             KAMPFBEGRIFF,
historische Zäsur gewesen. Doch es
                                                   UM MEDIEN
war eine „Ente“, eine Falschmeldung.
Dahinter steckte die Satirezeitschrift        ZU BESCHIMPFEN.
Titanic. Ein Redakteur hatte die Nach-
richt unter dem Twitter-Account „HR       Was Fake News bewirken können,
Tagesgeschehen“ verbreitet, hinter        erfuhr zum Beispiel leidvoll ein
dem irrtümlich der Hessische Rund-        syrischer Flüchtling, der im September
funk vermutet wurde.                      2015 ein Selfie mit Bundeskanzlerin
                                          Merkel knipste. Ein Pressefoto, auf
Es gab also eine Quelle, wie jede Nach-   dem die Szene festgehalten ist, ging
richt sie braucht. Nur war es blöder-     um die Welt. Schon bald wurde der
weise eine Falle, was bei der – wahr-     junge Flüchtling immer wieder diffa-
scheinlich zu schnellen – Recherche       miert, indem man ihn etwa mit Atten-
nicht sofort auffiel. Allerdings wur-     taten in Verbindung brachte. Nichts
den nur wenige Minuten nach den           davon stimmte, aber die verleumde-
Falschmeldungen auch schon Korrek-        rischen böswilligen Fake News – ver-
turen veröffentlicht. Genau deshalb       sehen mit seinem Bild – wanderten
handelte es sich zwar um einen ärger-     durchs Netz.

                                                                              15
Fake News ist längst auch ein Kampf-   Versuch, Journalistinnen und Jour-
begriff, um Medien zu beschimpfen.     nalisten lächerlich zu machen, passt
Besonders oft gebraucht ihn US-        zum Kurs der Partei, kritische Be-
Präsident Trump, wenn er etwa ge-      richterstatter zu beleidigen und zu
gen die Berichte der renommierten      diffamieren, wo es nur geht.“ Die
US-Zeitungen New York Times und        „Missachtung von Journalisten und
Washington Post oder den Nachrich-     permanente Verstöße gegen die Presse-
tensender CNN wettert.                 freiheit“ gehörten zur „DNA dieser
                                       Partei“.

                                       Warum nur Recherche die Kontrolle
                                       der Mächtigen ermöglicht

                                       Recherche ist Alltag für alle Journa-
                                       listen, aber ganz besonders für Inves-
                                       tigativreporter. Wochen- oder auch
                                       monatelange Arbeit steckt hinter den
                                       großen Enthüllungsgeschichten, die
                                       Sinnbild dafür sind, dass Journalisten
                                       die Mächtigen kontrollieren sollen.

                                       Manchmal verändern die Recherchen
                                       von Journalisten sogar die Geschichte
                                       eines Landes: Zu den Meilensteinen in
                                       der Entwicklung der Pressefreiheit in
                                       Deutschland zählt zum Beispiel die
                                       „Spiegel-Affäre“. Nach einem Bericht
Offen gegen etablierte Medien stellt   über ein Nato-Manöver mit dem Titel
sich auch immer wieder die AfD. So     „Bedingt abwehrbereit“ ließ die Bun-
schloss die AfD Baden-Württemberg      desanwaltschaft im Oktober 1962 die
bereits 2016 die Presse von einem      Redaktionsräume des Nachrichten-
Landesparteitag aus. Ende 2019 star-   magazins durchsuchen. Redakteure
teten Bundestags- und Landtagsab-      wurden wegen des Verdachts auf
geordnete der Partei sogar ein „Aus-   Landesverrat festgenommen, auch
steigerprogramm“ für „Mitarbeiter      Herausgeber Rudolf Augstein saß in
der Mainstream-Medien“. Aufgerufen     Untersuchungshaft.
wurde dabei auch, die „schlimmsten
Lügen und Manipulationen der Hal-      Eine zentrale Rolle spielte dabei der
tungsredaktionen“ zu dokumentie-       damalige Verteidigungsminister und
ren. Der Vorsitzende des Deutschen     CSU-Chef Franz-Josef Strauß, der
Journalistenverbands, Frank Überall,   schließlich im November 1962 im
erklärte zu dieser Kampagne: „Der      Zuge der Affäre als Minister zurück-

16
DER SCHUTZ VON                      Spiegel versichern, dass dafür kein
                                         Geld floss. Sie schweigen allerdings
       INFORMANTEN                       darüber, wer ihnen das Enthüllungs-
                                         video gab. Völlig zu Recht, denn der
  ERMÖGLICHT ES ERST,
                                         Schutz von Informanten ermöglicht es
          SKANDALE                       schließlich erst, solche Skandale auf-
                                         zudecken.
      AUFZUDECKEN.
                                         Wer würde sich einem Journalisten
trat. Das Vorgehen gegen das Nach-       mit für ihn heiklen oder auch gefähr-
richtenmagazin nahmen nicht nur          lichen Informationen anvertrauen,
die Medien als Angriff auf die Presse-   wenn er seinen Namen am nächsten
freiheit wahr. Auch die Öffentlichkeit   Tag in der Zeitung lesen müsste?
protestierte. „Spiegel tot – die Frei-   Auch das Bundesverfassungsgericht
heit tot“ war bei Demonstrationen        hat immer wieder im Sinne der Pres-
auf Plakaten zu lesen.                   sefreiheit den Schutz von Informan-
                                         ten gestärkt (mehr zur Transparenz
Welche weitreichenden Folgen die Re-     im Umgang mit Quellen ab S. 26).
cherchen von Medien haben können,
zeigte sich im Jahr 2019 auch bei der    Mit der Annahme der Bild- und Ton-
Ibiza-Affäre in Österreich.              aufnahmen des gut sechsstündigen
                                         Gesprächs fing die Arbeit aber erst
Die Süddeutsche Zeitung und Der          an. Es galt schließlich, den Wahrheits-
Spiegel berichteten im Mai über ein      gehalt akribisch zu prüfen.
heimlich auf Ibiza gedrehtes Video,
das zeigt, wie der damalige österrei-    So untersuchten Wissenschaftler, ob
chische Vizekanzler und FPÖ-Chef         die Aufnahmen manipuliert waren.
Heinz-Christian Strache vor der Par-     Die Journalisten mussten schließlich
lamentswahl 2017 einer vermeint-         entscheiden, was die Öffentlichkeit
lichen russischen Oligarchen-Nichte      von dem Video sehen sollte. Bloßes
im Gegenzug für Wahlkampfhilfe           Hinterzimmer-Geschwätz oder rein
Staatsaufträge in Aussicht stellte.      private Meinungen wären kein akzep-
                                         tabler Grund für Berichterstattung
Aber wie waren Süddeutsche Zeitung       – es durfte nur um Aussagen gehen,
und Spiegel an das Video gekommen?       an deren Veröffentlichung ein öffent-
Die Aufnahmen wurden den Medien          liches Interesse bestand. Dass dies
schlicht zugespielt, wie es bei vielen   bei den ausgewählten Passagen der
anderen großen Enthüllungsgeschich-      Fall war, zeigten die Folgen dieses
ten auch passiert. Übergeben wurde       Recherchecoups: Die rechtskonserva-
das Material in diesem Fall den SZ-Re-   tive Regierungskoalition in Österreich
portern filmreif in einem verlasse-      zerbrach, Ende September 2019 kam
nen Hotel. Süddeutsche Zeitung und       es zu vorgezogenen Neuwahlen.

                                                                              17
Ein Beruf – zwölf Meinungen
Werden Journalisten noch gebraucht? Und wenn ja, wofür? Es gibt viele Gründe,
warum eine freie Presse für Demokratien unerlässlich ist, warum der Journalismus
in einer unübersichtlichen Welt vielleicht wichtiger denn je ist. Ihre ganz persön-
lichen Antworten auf diese Fragen geben hier zwölf Absolventinnen und Absolven-
ten der Deutschen Journalistenschule:

                                           „Journalist*innen werden
      „Journalisten                        gebraucht, weil sie uns
 werden gebraucht,                         dabei helfen, Informatio-
    weil sie uns die                       nen zu sichten, zu prüfen
 Welt nahebringen                          und zu bewerten und
 und immer wieder                          diese dann so aufbereiten
  auch Facetten der                        und erzählen, dass man
        Wahrheit.“                         mit dem Ergebnis auch
                       Katja Gloger,
                                           etwas anfangen kann.“
                      stern-Autorin
                                           Richard Gutjahr,
                                           Journalist und Blogger

     „Journalisten werden gebraucht, weil sie in Zeiten
        von Fake News ein wichtiges Korrektiv sind
         und dort für Klarheit sorgen, wo es immer
                      unübersichtlicher wird.“
               Oliver Sallet, USA-Korrespondent Deutsche Welle

18
„Journalisten werden gebraucht, weil ein Facebook-Post nicht
ausreicht, um zu erklären, warum eine geschlagene Frau mit
gebrochener Nase zurückkehrt zu ihrem Peiniger, warum auch
E-Autos den Planeten nicht retten werden und warum Frieden
zwischen Israelis und Palästinensern so schwer ist. Dafür braucht
es Journalistinnen, die unermüdlich graben und nachforschen,
die seriöse Quellen von Fake News unterscheiden und das so
aufschreiben, dass Junge und Ältere, Frauen wie Männer Lust
haben, bis zur letzten Zeile zu lesen.“

Ursula Ott, Chefredakteurin Chrismon

„Journalisten werden
gebraucht ... Na ja,
dringender brauchen
                                       „Journalisten
                                       werden gebraucht,
die Leute faire Löhne,                 weil sie sich
kluge Politikerinnen und               alle Seiten
das Recht, öffentlich zu               anhören, statt
                                       sich nur einer
funky Mucke zu tanzen.
                                       anzuschließen.“
Bekommen sie das aber
verwehrt, fragen Jour-                 Cornelius Pollmer,
                                       Dresden-Korrespondent
nalisten immer wieder                  Süddeutsche Zeitung

nach: Warum? “
Dmitrij Kapitelman,
freier Journalist und Autor

                                                                19
„Journalisten werden gebraucht, weil eine Gesellschaft darauf
angewiesen ist, auf eine gemeinsame Realität, eine gemein-
same Wahrnehmung der Welt, zurückzugreifen – damit wir
auf dieser Grundlage politische Entscheidungen treffen können.
An dem meisten, was auf dieser Welt passiert, können wir nicht
unmittelbar teilnehmen. Das müssen wir uns erzählen lassen
– durch eine Instanz, die versucht ihre Wiedergabe der Realität
möglichst zu objektivieren und sich dabei auch kontrollieren
lässt.“

Valerie Schönian,
Autorin Zeit im Osten
und Piper Verlag
                                   „Journalisten werden
                                   gebraucht, weil wir
      „Journalisten                heute mehr Infor-
             werden                mationen haben als
          gebraucht,
                                   je zuvor und trotzdem
     weil selbst ein
        Fußballspiel               viele Fragen offen
         komplexer                 bleiben. Journalisten
     als ein 1:0 ist.“             helfen den Bürgern,
                                   diese Fragen zu
                Filippo Cataldo,
                 Sportjournalist   beantworten.“
                                   Rico Grimm, Chefredakteur
                                   Krautreporter

20
Journalisten werden
  Journalisten werden ge-
braucht ... so wie Metzger,
                              gebraucht, weil sie in der
     Ärztinnen, Ingenieure    Demokratie die Chance,
     und Pflegerinnen ge-
   braucht werden: als gut    das Privileg und die Pflicht
 ausgebildete und sauber      haben, sich anstelle der
    arbeitende Fachleute,
    die ihren Beruf lieben,   anderen BürgerInnen auf
 ihr Handwerk verstehen,
       ihre professionellen
                              die Suche nach der Wahr-
 Maßstäbe achten und ihr      heit und manchmal auch
 Können in den Dienst der
    Allgemeinheit stellen.“   den Wahrheiten zu
            Michael Watzke,
                              machen.
       Bayern-Korrespondent
                              Mareike Nieberding,
          Deutschlandradio
                              Süddeutsche Zeitung Magazin

„Journalisten werden gebraucht, weil sie ihren
Job als Verteidigung der Demokratie begreifen,
die in Zeiten des Rechtsrucks ins Wanken zu
geraten scheint. Sie können Information von
Lüge unterscheiden, und Meinung von Hetze.
Das ist im Moment bitter nötig.“

Alice Hasters,
Journalistin und Autorin

                                                            21
Gute Journalisten nerven.
Genau die Richtigen.
Es ist gut möglich, dass Journalisten ausgerechnet Ihren Lieblingspolitiker im Inter-
view hart angehen oder kritisch über Ihren Fußballclub berichten. Sie sollten sich
darüber nicht ärgern, denn genau das gehört zu seriösem Journalismus. Gute Journa-
listinnen und Journalisten berichten fair, aber auch kritisch – über alle Politikerinnen
und Politiker, jedes Unternehmen und jeden Fußballclub. Alles andere wäre Hof-
berichterstattung, aber kein unabhängiger Journalismus. Lesen Sie, was die Grund-
lagen dieser Unabhängigkeit sind, warum Journalisten auch vertrauliche Gespräche
führen und welche Grenzen es für neutrale Berichterstattung geben kann.

Warum Journalisten frei und                  Medien nicht – ein Wesensmerkmal
unabhängig berichten können                  jeder Demokratie. Jede Diktatur wird
                                             dagegen immer alles daran setzen, die
Nur wenige können sich für ihre              Presse zu kontrollieren.
Arbeit direkt auf die Verfassung be-
rufen: Journalisten haben dieses             In der NS-Zeit gab es keine Pressefrei-
Privileg, weil Artikel 5 des Grundgeset-     heit, stattdessen Zeitungen wie das
zes die Meinungs- und Pressefreiheit         NSDAP-Parteiorgan Völkischer Beob-
festschreibt. Der wahrscheinlich be-         achter, das antisemitische Hetzblatt
kannteste und wichtigste Satz: „Eine         Der Stürmer oder einen Propagan-
Zensur findet nicht statt.“ Bezogen ist      da-Rundfunk. Nach Ende des Zweiten
dies auf den Staat, der nicht eingreifen     Weltkriegs gehörte die Entstehung
darf in die freie Presse. Die Pressefrei-    einer freien Presse zu den zentralen
heit hat zwar Grenzen, durch Geset-          Voraussetzungen für den Aufbau der
ze oder natürlich auch durch andere          Demokratie in der Bundesrepublik
Grundrechte wie die Menschenwürde.           Deutschland. Mit Qualität muss die-
Doch staatlich gelenkt werden die            se Freiheit übrigens nicht zwingend

22
einhergehen, Heribert Prantl schrieb        Warum der öffentlich-rechtliche
dazu treffend zum 70. Geburtstag des        Rundfunk kein Staatsfunk ist
Grundgesetzes in der Süddeutschen
Zeitung: „Meinungs- und Pressefrei-         Vielfalt sichern in Deutschland auch
heit unterscheiden nicht nach Quali-        die Angebote von ARD und ZDF. Wer
tät; das darf nicht sein, weil sonst der-   sie als Staatsfunk bezeichnet, irrt.
jenige, der über die Qualität urteilt,      Denn öffentlich-rechtlich heißt nicht
nach seinem Gusto den Schutz der            staatlich. Im Gegenteil: Die 1950 nach
Pressefreiheit gewähren und entzie-         britischem Vorbild gegründete ARD
hen könnte.“                                versteht sich selbst als „Gegenmo-
                                            dell zum zentralistischen NS-Staats-
    STAATLICH GELENKT                       rundfunk“. 1963 ging das ZDF auf
    WERDEN DIE MEDIEN                       Sendung. Das Deutschlandradio be-
                                            richtet seit 1994 bundesweit, zuvor
    NICHT – EIN WESENS-                     sendete bereits seit 1962 aus Köln der
                                            Deutschlandfunk. Finanziert wird der
       MERKMAL JEDER
                                            öffentlich-rechtliche Rundfunk vor
         DEMOKRATIE.                        allem durch den Rundfunkbeitrag, er
                                            wird von den Bürgern gezahlt und soll
Demokratien brauchen auch eine              die Unabhängigkeit der Berichterstat-
möglichst breite Medienlandschaft.          tung sicherstellen.
Die Bürger müssen die Möglichkeit
haben, sich in ganz unterschied-            Das Bundesverfassungsgericht hat
lichen Zeitungen, Fernseh- und Hör-         den öffentlich-rechtlichen Rundfunk
funksendern oder Onlineportalen zu          und sein Finanzierungssystem in den
informieren. Ein vielfältiges und sehr      vergangenen Jahrzehnten stets vertei-
unterschiedliches Angebot, in dem           digt. Zuletzt erklärte es im Juli 2018
Platz ist für Bild und FAZ, Spiegel         die Beitragspflicht für grundsätzlich
und Focus, ARD und RTL und neue             verfassungsgemäß.
Angebote wie Deutschland3000 oder
jung & naiv, kann gar nicht staatlich       Im Streit um die Staatsferne der
gesteuert werden.                           Öffentlich-Rechtlichen sorgt neben
                                            dem Rundfunkbeitrag die Struktur
Funktionieren die Geschäftsmodelle          der Aufsichtsgremien immer wie-
nicht mehr, hat das gesellschaftliche       der für Debatten. Diese Gremien be-
Folgen: Denn wenn Zeitungen sterben         stehen aus Vertretern verschiedener
oder die Pressekonzentration durch          gesellschaftlicher Gruppen, also aus
Fusionen und Zentralredaktionen             Gewerkschaftlern, Arbeitgebervertre-
steigt, verringert sich die notwendige      tern, Wissenschaftlern, Verbandsver-
Medienvielfalt (mehr zu Geschäftsmo-        tretern oder auch Politikern. Dass die
dellen und Gefahren für die Medien-         Staatsferne gewahrt sein muss, machte
vielfalt ab S. 32 ).                        ebenfalls das Bundesverfassungsgericht

                                                                                23
vertrauliche Gespräche müssen des-
                                          halb möglich sein. Gute Journalis-
                                          ten fragen sich aber selbstkritisch,
                                          wieviel Nähe noch gut ist. Der 2019
                                          verstorbene Ex-stern-Chefredakteur
                                          Michael Jürgs mahnte 2018 in einem
                                          viel beachteten Essay im Handels-
                                          blatt seine Kollegen: „Die Nähe zu
                                          Politikern meiden, weil die Mächtigen
                                          nur dann zu kontrollieren sind, wenn
                                          man sie im Blick behält, statt sich mit
                                          ihnen, vor allem in der Arena Berlin, bei
                                          gegebenen Anlässen vertraut blicken
                                          zu lassen.“

deutlich: Im Jahr 2014 entschieden        Sinnbild für unabhängigen Journalis-
die Karlsruher Richter, dass der Anteil   mus auch im Politraumschiff Berlin
staatlicher und staatsnaher Mitglieder    ist die Bundespressekonferenz, ein
im Fernseh- und Verwaltungsrat des        bereits 1949 gegründeter Verein. Ihm
ZDF auf ein Drittel zu begrenzen sei.     gehören rund 900 Parlamentskorre-
                                          spondenten an, die über die Bundes-
Warum Journalisten Nähe                   politik berichten. Das Besondere: Die
brauchen – und meiden müssen              Journalisten laden zu Pressekonferen-
                                          zen ein, Politiker und Persönlichkei-
Ja, man kennt sich: Journalisten tref-    ten aus anderen Bereichen sind nur
fen Politiker, Wirtschaftsbosse, Sport-   zu Gast. Eine international einmalige
ler oder Schauspieler, über die sie       Regelung, die einen unschätzbaren
berichten, meist nicht nur einmal.        Vorteil hat: Kein Politiker kann Fra-
Manchmal gibt es auch Hintergrund-        gen verbieten oder den Kreis der Teil-
gespräche, die vertraulich bleiben sol-   nehmer bestimmen, schließlich ist er
len. „Unter drei“, heißt das vor allem    nicht Gastgeber in diesen Pressekon-
in Politik- und Journalistenkreisen       ferenzen.
wohlvertraute Codewort. Das bedeu-
tet: Was hier gesagt wird, bleibt unter   Wenn Journalisten kritisch nach-
uns.                                      fragen, ist das übrigens auch kein
                                          persönlicher Angriff auf irgend-
Stecken die Berichterstatter also doch    jemanden. Unwirsch reagieren darauf
mit den Mächtigen unter einer Decke?      dennoch vor allem Politiker immer
Nein, weil gute Journalisten Nähe         wieder, übrigens jedweder Couleur.
suchen und Distanz wahren können.         Wenn sich auch Leser oder Zuschau-
Sie müssen nah dran sein, um kennt-       er über kritische Fragen ärgern, ver-
nisreich berichten zu können. Auch        gessen sie oft: Ein Journalist, der in

24
RECHTSEXTREMISTEN                     Schwieriger ist die Berichterstattung
                                        über Populisten. AfD-Politiker vor
  DÜRFEN KEINE BÜHNE                    allem provozierten mit ihren Äuße-
                                        rungen in den vergangenen Jahren
   DAFÜR BEKOMMEN,
                                        immer wieder – Journalisten müssen
    IHR GEDANKENGUT                     dann entscheiden: Betont sachlich be-
                                        richten? Empörung teilen? Oder igno-
   WIDERSPRUCHSLOS                      rieren?
      ZU VERBREITEN.
                                        Wie sollten sie zum Beispiel im Juni
einem Interview eine Gegenposition      2018 auf die Äußerung des Vorsit-
einnimmt, offenbart damit nicht sei-    zenden der AfD-Bundestagsfraktion,
ne eigene Meinung, sondern erledigt     Alexander Gauland, reagieren, „Hitler
schlicht seine Aufgabe.                 und die Nazis“ seien „nur ein Vogel-
                                        schiss in über 1000 Jahren erfolgrei-
Warum Neutralität auch Grenzen          cher deutscher Geschichte“?
haben kann
                                        Die Antwort in vielen Medien: Berich-
„Es gibt keinen menschengemachten       ten und einordnen, empörte Reaktio-
Klimawandel.“ Das kann jeder sagen,     nen aufgreifen und in Kommentaren
Minderheiten behaupten es entgegen      klar Stellung beziehen.
aller wissenschaftlichen Belege auch.
Und wie sollen Journalisten damit       Dazu passt, was der Medienwissen-
umgehen? Sie sollen ja möglichst        schaftler Bernd Gäbler 2018 in einer
neutral bleiben, alle Seiten zu Wort    Studie für die Otto-Brenner-Stiftung
kommen lassen. Also auch jede Min-      so skizzierte: „Es gilt das alte und
derheitenmeinung und jede längst        bewährte journalistische Konzept:
widerlegte Behauptung berücksich-       Erst darlegen, dann auslegen. Beides
tigen? So einfach dürfen Journalis-     gehört zum Journalismus: die coole,
ten es sich nicht machen – denn sie     distanzierte Beschreibung und der feu-
würden ein Zerrbild der Wirklichkeit    rige, meinungsstarke Kommentar.“
schaffen, wenn sie den Eindruck er-
wecken würden, es sei umstritten, ob    Zum Journalismus gehöre das Prinzip,
es einen menschengemachten Klima-       nicht „parteiisch oder einseitig zu wer-
wandel gebe. Auch in der politischen    den“. Gleichzeitig gehöre es aber zum
Berichterstattung gibt es Grenzen der   Journalismus, „sich um seine eigenen
Neutralität. Denn natürlich vertei-     Existenzbedingungen zu sorgen, also
digen Journalisten auch Demokratie      Demokratie und Pressefreiheit aktiv
und Menschenwürde. Rechtsextremis-      zu verteidigen.“ Darum gebe es rote
ten zum Beispiel dürfen keine Bühne     Linien. „Die Demokratie ist nur so
dafür bekommen, ihr Gedankengut         stark wie sie von aktiven Demokraten
widerspruchslos zu verbreiten.          getragen wird“, mahnte Gäbler.

                                                                              25
Gute Journalisten schweigen.
Im richtigen Moment.
Sie müssen nicht blind alles glauben, was geschrieben und gesendet wird. Gute Jour-
nalistinnen und Journalisten erklären Ihnen, woher sie ihre Informationen haben.
Denn Transparenz ist mehr denn je ein Zeichen für Qualitätsjournalismus. Trotz-
dem müssen Journalisten manchmal schweigen: Um Informanten zu schützen, Per-
sönlichkeitsrechte nicht zu verletzen oder um keine Gerüchte zu verbreiten. Keinen
Grund gibt es dafür, über eigene Fehler oder Lügengeschichten in den Medien zu
schweigen. Erfahren Sie mehr darüber, wie Journalisten glaubwürdig berichten.

Warum Fake News                            Drei ganz unterschiedliche Beispiele
keine Quellen haben                        für die Bedeutung von Quellen:

Journalisten wissen nicht alles. Sie       Behauptet das fußballverrückte Schul-
müssen für ihre Texte recherchieren,       kind, dass Lionel Messi und Cristiano
mit Politikern, Wissenschaftlern oder      Ronaldo bald in der Bundesliga spie-
Menschen auf der Straße sprechen –         len werden, wird es mit der simplen
und sie sagen grundsätzlich, mit wem       Frage nach der Quelle dafür schnell in
sie gesprochen und woher sie ihre          die Realität zurückgeholt. Es gibt kei-
Informationen haben. Die Standard-         ne Meldung, in der die Fußballstars
frage bei jeder Meldung muss deshalb       oder ihre Vereine dies erklären.
sein: Was ist die Quelle dafür? Damit
kann auch jeder Leser prüfen, ob es        Tausende Menschen ziehen bei einer
sich um glaubhafte Informationen,          Demonstration durch die Stadt. Aber
reine Spekulationen oder um Fake           wie viele sind es genau? Kein Journa-
News handelt.                              list kann sie allein zählen, also fragt

26
JOURNALISTEN                      Informationen verlangt. Doch gute
                                         Journalisten müssen sich Zeit neh-
             SAGEN                       men, recherchieren und offen damit
                                         umgehen, dass sie nicht auf alles eine
     GRUNDSÄTZLICH,
                                         Antwort haben (mehr zur Recherche
         MIT WEM SIE                     und zur Berichterstattung bei Ka-
                                         ta-strophen oder Anschlägen ab S. 12).
     GESPROCHEN UND
      WOHER SIE IHRE                     Wieso Journalisten manchmal
                                         schweigen
      INFORMATIONEN
             HABEN.                      Transparenz hat Grenzen. Denn
                                         müssten Journalisten immer alle Na-
                                         men nennen, wären viele Skandale,
er nach: bei der Polizei und bei den     Affären oder Mauscheleien niemals
Veranstaltern. Meist liegen die Zahlen   durch Medien aufgedeckt worden.
der Veranstalter höher als diejenigen    Ohne ihren wichtigsten Informanten,
der Polizei, weshalb Journalisten bei-   der unter dem Namen „Deep Throat“
de Teilnehmerschätzungen mit den         in die Mediengeschichte einging, hät-
jeweiligen Quellen nennen.               ten zum Beispiel die Washington Post-
                                         Reporter Bob Woodward und Carl
Bei Anschlägen oder Amokläufen kur-      Bernstein nicht über die Watergate-Af-
sieren immer tausende Gerüchte und       färe berichten können, die zum Rück-
auch bewusste Falschmeldungen in         tritt des damaligen US-Präsidenten
den sozialen Medien. Meistens lassen     Richard Nixon führte. Erst 2005,
sie sich schon daran erkennen, dass      mehr als 30 Jahre später, wurde
sie ohne seriöse und nachprüfbare        bekannt, dass sich hinter dem Pseudo-
Quellen auskommen. Weil in solchen       nym ein FBI-Agent verbarg.
Situationen auch für Journalisten an-
fangs Vieles unklar oder nicht nach-
prüfbar ist, müssen sie mit ihrem
                                          MANCHMAL SCHWEIGEN
Nichtwissen transparent umgehen.                JOURNALISTEN,
Viele Berichte stehen in solchen Mo-
menten unter der ehrlichen und letzt-      UM PERSÖNLICHKEITS-
lich einzig möglichen Überschrift:         RECHTE ZU SCHÜTZEN.
Was wir wissen – und was nicht.

Doch manchmal berichten Medien           Auch heute können Journalisten ohne
trotzdem zu schnell, lassen sich an-     solche Whistleblower nicht auskom-
stecken von der Hektik in solchen Mo-    men. Investigative Recherchen wie
menten, geben dem Druck nach, weil       etwa in der Ibiza-Affäre in Österreich
ihr Publikum – vermeintlich – nach       wären unmöglich, wenn Reporter

                                                                             27
über ihre Quellen in solchen Fällen
                          nicht schweigen könnten (mehr zur
                          Ibiza-Affäre und zur Bedeutung von
                          Recherche ab S. 12).

                          Das Gesetz schützt Journalisten in sol-
                          chen Fällen. In der Strafprozessord-
Die Zugehörigkeit         nung ist festgeschrieben, dass sie sich
                          auf das Zeugnisverweigerungsrecht
zu „ethnischen, reli-     berufen können. Auch das Bundes-
                          verfassungsgericht stärkte die Rechte
giösen oder anderen       der Medien in diesem Punkt schon
                          mehrfach. So stellte es 2015 fest: „Die-
Minderheiten“ soll        ser Schutz ist unentbehrlich, weil die
                          Presse auf private Mitteilungen nicht
                          verzichten kann, diese Informations-
in der Regel nicht        quelle aber nur dann fließt, wenn sich
                          der Informant grundsätzlich auf die
erwähnt werden, erst      Wahrung des Redaktionsgeheimnis-
                          ses verlassen kann.“
recht nicht aus reiner
                          Manchmal schweigen Journalisten
Neugier. Doch es kann     auch, um Persönlichkeitsrechte zu
                          schützen. So ist es in Deutschland
ein „begründetes          bewährte und anerkannte Praxis, in
                          Strafverfahren in der Regel nicht den
öffentliches Interesse“   Familiennamen eines Angeklagten
                          zu nennen. Unumstritten war zudem
                          lange, nicht über die Nationalität von
dafür geben – wie         Verdächtigen zu schreiben, um keine
                          Vorurteile gegenüber Minderheiten
im Fall der Kölner        zu schüren. Doch darüber wird in-
                          zwischen kontrovers diskutiert – ein
Silvesternacht.           Anlass dafür war die Kölner Silvester-
                          nacht von 2015 auf 2016:
Presserat
                          Rund um den Kölner Hauptbahnhof
                          und den Dom wurden damals Frauen
                          sexuell belästigt, überwiegend von
                          nordafrikanischen Männern. Das gan-
                          ze Ausmaß wurde erst nach und nach
                          bekannt.

28
DER SCHUTZ VON INFORMANTEN ERMÖGLICHT
             ES ERST, SKANDALE AUFZUDECKEN.

Am Neujahrstag gab die Kölner Poli-      halb später mit dem Wächterpreis der
zei am Vormittag sogar noch eine         Tagespresse ausgezeichnet.
Pressemitteilung unter dem Titel
„Ausgelassene Stimmung – Feiern          Die Kölner Silvesternacht sorgte
weitgehend friedlich“ heraus, bereits    dennoch mit dafür, die Regeln für
wenige Stunden später berichtete der     die Kriminalitätsberichterstattung zu
Kölner Stadt-Anzeiger über „sexuelle     überprüfen. Im März 2017 änderte
Belästigungen in der Silvesternacht“.    der Presserat seine Richtlinien. Die
Bundesweit gerieten die Vorkomm-         Zugehörigkeit zu „ethnischen, reli-
nisse jedoch erst Tage später in die     giösen oder anderen Minderheiten“
Schlagzeilen. Deshalb standen auch       soll in der Regel nicht erwähnt wer-
die Medien in der Kritik, der Vorwurf:   den, erst recht nicht aus reiner Neu-
Sie hätten geschwiegen, weil Auslän-     gier. Doch es kann ein „begründetes
der unter Verdacht stünden.              öffentliches Interesse“ dafür geben –
                                         wie im Fall der Kölner Silvesternacht.
Manche Redaktionen räumten da-
nach ein, zu spät berichtet zu haben.    Warum Journalisten über eigene
Der Verdacht, die Medien hätten be-      Fehler reden müssen
wusst etwas verschwiegen, läuft aber
ins Leere, denn es waren die lokalen     „Sagen, was ist“, war das Motto des
Zeitungen, die die sexuellen Über-       Spiegel-Gründers Rudolf Augstein.
griffe zuerst ans Tageslicht brachten.   Im Dezember 2018 setzte es das Ham-
Für ihre wochenlangen Recherchen         burger Magazin auf seine Titelseite,
rund um die Silvesternacht wurden        um eine Lügengeschichte aus dem
der Kölner Stadtanzeiger, der Express    eigenen Haus öffentlich zu machen.
und die Kölnische Rundschau des-         „In eigener Sache: Wie einer unserer

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Reporter seine Geschichten fälsch-             „EIN TEXT OHNE
te und warum er damit durchkam“,
schrieb das Nachrichtenmagazin. Der        QUELLENANGABE IST
mehrfach preisgekrönte Reporter
                                           KEIN JOURNALISMUS.
Claas Relotius hatte Texte erfunden,
der Redaktion und der in der Me-              ES REICHT NICHT,
dienbranche legendären Dokumen-
tationsabteilung des Magazins waren
                                           WENN DER REPORTER
die Fälschungen nicht aufgefallen.             WEIß, DASS DIE
Aufgedeckt wurden sie stattdes-
sen vom Spiegel-Mitarbeiter Juan           GESCHICHTE STIMMT,
Moreno, der bei einer Recherche mit           DER LESER MUSS
Relotius Verdacht geschöpft hatte
und diesem auf eigene Faust nachge-        ES NACHVOLLZIEHEN
gangen war.
                                                   KÖNNEN.“
Als der Spiegel Ende Mai 2019 den              SPIEGEL-AUFKLÄRUNGS-
Abschlussbericht einer unabhängigen             KOMMISSION ZUM FALL
Aufklärungskommission veröffent-                      RELOTIUS
lichte, schrieb Chefredakteur Steffen
Klusmann: „Wir haben dem Qualitäts-     in vielen Punkten für alle Medien als
journalismus in Deutschland mit dem     Leitlinien gelten können. Sie forderte
Fall Relotius einen gewaltigen Image-   unter anderem „Mut zum Nichtwis-
schaden zugefügt, das ist uns be-       sen“. Die Sätze „Ich weiß es nicht“
wusst.“ Die Kommission arbeitete Ver-   oder „Wir wissen es noch nicht“ soll-
säumnisse beim Magazin auf, sprach      ten nach ihrer Ansicht zu den Stan-
aber zugleich Empfehlungen aus, die     dardsätzen einer Redaktion gehören.
                                        An anderer Stelle heißt es in dem
                                        Abschlussbericht unter dem Stich-
                                        wort Transparenz: „Ein Text ohne
                                        Quellenangabe ist kein Journalismus.
                                        Es reicht nicht, wenn der Reporter
                                        weiß, dass die Geschichte stimmt, der
                                        Leser muss es nachvollziehen können.
                                        Er muss wissen können, nicht glau-
                                        ben müssen.“

                                        Wie Medien mit Transparenz
                                        Vertrauen schaffen können

                                        Leser müssen Medien nicht blind ver-
                                        trauen, vielmehr haben Journalisten

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eine Bringschuld. Das fängt mit kla-     einer Behörde berichtet, sollte sich
ren Quellenangaben bei Nachrichten-      möglichst nicht auf einen einzelnen
texten an und reicht bis zur Darstel-    Mitarbeiter als Quelle verlassen – oder
lung des Recherchewegs. Immer öfter      zumindest dessen Glaubwürdigkeit
schildern Journalisten deshalb gerade    und die seiner Informationen sehr ge-
bei großen Enthüllungsgeschichten in     nau prüfen.
Making-of-Berichten, wie sie an Infor-
mationen gekommen sind.                  Erscheint die Story nicht wasserdicht,
                                         kann die Entscheidung nur lauten:
       JOURNALISTEN                      Wir veröffentlichen sie nicht.
  MÜSSEN SICH DARAN                      Ein anderer Grundsatz ist das Vier-Au-
     MESSEN LASSEN,                      gen-Prinzip, das heißt: Nichts wird
                                         veröffentlicht, was nicht mindestens
     OB SIE NICHT NUR                    ein zweiter Journalist gelesen hat.
        MIT QUELLEN,                     Wer einen Text gegenliest – Journa-
                                         listen sagen: redigiert –, prüft diesen
   SONDERN AUCH MIT                      nicht nur auf Rechtschreibfehler,
                                         sondern sollte im Zweifel auch fra-
    EIGENEN FEHLERN
                                         gen: Wo ist die Quelle dafür? Manche
     OFFEN UMGEHEN.                      Redaktionen leisten sich Dokumenta-
                                         tionsabteilungen, in denen die Fakten
Transparenz bedeutet auch, alle Sei-     eines Textes vor Veröffentlichung ge-
ten zu hören. Werden einem Politiker     prüft werden. Unfehlbar ist das Sys-
schwere Versäumnisse vorgeworfen,        tem aber nicht, wie der Fall Relotius
muss er Gelegenheit bekommen, sich       zeigt, da die Fälschungen des Repor-
dazu zu äußern. Seine Reaktion auf       ters trotz der Sicherungssysteme des
die gegen ihn erhobenen Vorwürfe         Spiegel jahrelang nicht auffielen.
wird veröffentlicht – und wenn er
schweigen will, wird das ebenfalls er-   Doch als die Lügen schließlich auf-
wähnt. An solchen Grundsätzen kön-       flogen, berichtete das Magazin offen
nen Leser die Berichte von Journalis-    und ausführlich darüber – sowie auch
ten messen, sie sollten es sogar.        über die anschließende Ursachsen-
                                         suche und die Konsequenzen für die
In den Redaktionen gelten zudem Re-      eigene Redaktion. Zudem sorgte der
geln und Prinzipien, die vor Fehlern     Fall für ein gewaltiges und sehr oft
schützen und Transparenz sichern         selbstkritisches Medienecho. Auch
sollen: Das Zwei-Quellen-Prinzip zum     das war ein Zeichen für notwendige
Beispiel, das gerade bei besonders       Transparenz: Denn Journalisten müs-
heiklen Informationen oder schwe-        sen sich daran messen lassen, ob sie
ren Vorwürfen greift. Wer über Be-       nicht nur mit Quellen, sondern auch
stechungs- oder Untreuevorwürfe in       mit eigenen Fehlern offen umgehen.

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