Klartext sprechen Sexuelle Bildung als Aufgabe - DIE FACHZEITSCHRIFT DER HAUPTABTEILUNG SCHULE UND ERZIEHUNG - Bistum Münster
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DEZEMBER 2021 | NR. 195 DIE FACHZEITSCHRIFT DER HAUPTABTEILUNG SCHULE UND ERZIEHUNG Klartext sprechen Sexuelle Bildung als Aufgabe
Impressum und Impuls
IMPRESSUM
HERAUSGEBER
Bischöfliches Generalvikariat Münster
Hauptabteilung Schule und Erziehung
48135 Münster, Fon 0251 495-412
www.bistum-muenster.de/schule
REDAKTION
Dr. Stephan Chmielus (verantwortlich), Georg Garz
KONZEPTION
Dr. Heiko Overmeyer, Abteilung Religionspädagogik
LAYOUT & SATZ
kampanile | medienagentur, Münster
www.kampanile.de
DRUCK
Druckerei Joh. Burlage, Münster | www.burlage.de
REDAKTIONSSEKRETARIAT
Bischöfliches Generalvikariat Münster,
Hauptabteilung Schule und Erziehung
Abteilung Religionspädagogik
Kardinal-von-Galen-Ring 55, 48149 Münster
Fon 0251 495-417, Fax 0251 495-7417
kluck@bistum-muenster.de
TITELBILD UND FOTOS
crocodile (Titel), kallejipp (5), Mr. Nico (6, 12), Patrick
Lohmüller (21), madochab (26), axelbueckert (29), Eva
Blanco Fotografia. (32) / alle photocase.de, itakdalee (36) /
AdobeStock, Christine Kanz (38)
ISSN: 2195-9447
Das verwendete Papier ist aus 100 % Altpapier hergestellt.
2LIEBE KOLLEGINNEN
UND KOLLEGEN!
„Sprechen hilft“ lautete das Motto der ersten selbstbestimmten sexuellen Bildung zu leisten.
Kampagne gegen sexuellen Kindesmissbrauch, Dazu passt die Fotoauswahl dieses Heftes; sie ist
nachdem Missbrauchsfälle am Berliner Canisius- angeregt durch die Liebeslyrik des Hoheliedes
Kolleg bekannt geworden waren. Das Ausmaß Salomos aus dem Ersten Testament.
der Verbrechen, dargelegt in der sogenannten
MHG-Studie, erschüttert die katholische Kirche Dass sexuelle Bildung als Stärkung von Identität
bis heute und diskreditiert ihren Anspruch als die beste Prävention gegen sexualisierte Gewalt
gesellschaftlich relevante Moralinstanz zutiefst. darstellt, erläutert der erste Beitrag unter der Ru-
Vor allem im Bereich der Sexuallehre ist ihre brik BEISPIEL. Klartext sprechen kann heißen Un-
Glaubwürdigkeit massiv in Frage gestellt. Im sicherheit zu teilen und Befangenheit zur Sprache
Rahmen des Synodalen Weges sollen Ursachen zu bringen, wie aus Präventionsschulungen mit
aufgearbeitet werden. Auch dieser Prozess er- Lehrerinnen und Lehrern berichtet wird. Dazu pas-
fordert das offene und freie Gespräch. sen Hinweise aus der sexualpädagogischen Praxis.
Die Fragen junger Menschen bringen vor allem
Indem er die voraussetzungsvolle und nur deren Bedürfnis zum Ausdruck normal zu sein und
scheinbar selbstverständliche Verwendung der dazu zu gehören. Eine Atmosphäre, in der sie sich
Begriffe Natur und Geschlecht problematisiert, öffnen können, entsteht vermutlich nicht zufällig
macht der Beitrag von Magnus Striet auf Be- in Projekten mit außerschulischen Partnern. Denn
dingungen aufmerksam, unter denen normative diese können auf die üblichen unterrichtlichen
Vorstellungen von Christinnen und Christen Routinen von Abfrage und Bewertung verzichten.
nachvollziehbar in den gesellschaftlichen Diskurs Dennoch bleibt nicht nur der Religionsunterricht
eingebracht werden können. Wie schwierig ein herausgefordert, beim Thema Sexualität Klartext
entsprechendes Umdenken und eine Verände- zu sprechen.
rung kirchlicher Rede über Sexualität ist, spiegeln
die Einschätzungen von Markus Wonka über die Unter der Rubrik LESENSWERT finden Sie eine
Diskussionen im Forum „Leben in gelingenden Besprechung der letzten Veröffentlichung des
Beziehungen – Liebe leben in Sexualität und Part- verstorbenen Moraltheologen Eberhard Schocken-
nerschaft“ des Synodalen Weges. Erfreulich ist der hoff. Es trägt den Titel „Die Kunst zu lieben“. Die
Anlass für das Schreibgespräch zwischen Gabriele Lektüre sei denen ans Herz gelegt, die Menschen
Otten und Bischof Dr. Felix Genn. Dem Religions- von heute einen Zugang zur „Grundmelodie“
unterricht wird zugetraut, einen Beitrag zu einer kirchlicher Sexualethik eröffnen wollen.
Dr. William Middendorf
Leiter der Hauptabteilung Dr. Stephan Chmielus
Schule und Erziehung Verantwortlicher Redakteur
3Inhalt und Editorial
INHALT
6 SCHWERPUNKT
6 Naturrecht und 36 Sexualerziehung ist mehr
Geschlechterverhältnisse als Aufklärungsunterricht
Ein fundamentaltheologischer Beitrag Das sexualpädagogische Projekt
Dr. Magnus Striet an der Friedensschule
Dirk Oldenbürger
12 Sexualmoral und katholische Kirche
Einschätzungen aus dem Forum IV 38 Youthwork NRW
des Synodalen Weges Ein Angebot sexualpädagogischer
Dr. Markus Wonka Projekttage
Christine Kanz
17 Sexualethische Fragen
im Religionsunterricht
Ein Schreibgespräch mit Bischof
Dr. Felix Genn und Gabriele Otten 41 SERVICE
41 Bemerkenswert
Personalveränderungen
21 BEISPIEL Neu: Download-Medien in der Mediothek
21 Stärken und Schützen 42 Sehenswert
Warum sexuelle Bildung und Prävention Neu in der Mediothek
sexueller Gewalt zusammengehören
Ann-Kathrin Kahle 51 Lesenswert
Die Kunst zu lieben
26 „Wirksam nur unter Zuhilfenahme Unzensiert
persönlicher Erfahrung …“ Papierklavier
Beobachtungen rund um Schulungen zur Erzählen als Widerstand
Prävention sexualisierter Gewalt
Michael Sandkamp
29 Schüler und Schülerinnen in ihrer
sexuellen Entwicklung unterstützen
Erfahrungen einer Sexualpädagogin
Pauline Schange
32 Das Thema Sexualität im katholischen
Religionsunterricht
Impulse und Desiderate einer Fortbildung
Dr. Heiko Overmeyer
4Die Sinnlichkeit ist an vielen Stellen bedroht durch Überfluss,
und zwar nicht nur die sexuelle Sinnlichkeit, sondern auch die
Kunst der anderen Sinne:
des Auges durch die Überflut der Bilder, des Ohres durch
den Überfluss der Geräusche, des Geschmacks durch den
Überfluss des Essens und Trinkens. (…)
Ohne eine Kultur der Sinne keine Sinnlichkeit!
Ohne Sinnlichkeit kein Sinn!
Foto: kallejipp / photocase.de
Text: Fulbert Steffensky: Die 10 Gebote. Anweisungen für
das Land der Freiheit, Stuttgart 2013, S. 73
5NATURRECHT UND
GESCHLECHTERVERHÄLTNISSE
EIN FUNDAMENTALTHEOLOGISCHER BEITRAG
Von einer solchen Ökologie hat Joseph Ratzinger
von Dr. Magnus Striet
als Benedikt XVI. schon in seiner Rede vor dem
Deutschen Bundestag am 22. September 2011
Man könnte glauben, Joseph Ratzinger, der eme- gesprochen.
ritierte Papst Benedikt XVI., sei auf seine alten
Tage noch zu einem Anhänger der grünen politi- Der Begriff der Vergewaltigung ist in moder-
schen Bewegung geworden. Es klingt jedenfalls nen Rechtssystemen klar definiert. Dabei beziehe
nicht abwehrend, wenn jüngst von ihm zu lesen ich mich ausschließlich auf Systeme, die Frei-
war, dass die „Ökologische Bewegung die Grenze heitsrechte abzusichern versuchen. Und diese
der Machbarkeit entdeckt und erkannt“ habe Rechte sind als Selbstbestimmungsrechte inner-
und „die ‚Natur‘ uns ein Maß“ vorgebe, „das wir halb der geltenden Rechtsordnung bestimmt.
nicht ungestraft ignorieren“ könnten.1 Deshalb werden Vergewaltigungen und das heißt
sexuelle Handlungen an einer Person, die gegen
In der Tat bestreiten heute nur noch Prota- deren Willen geschehen, als Straftatbestand
gonisten alternativer Fakten, dass es kein die gewertet. Angesichts der erheblichen traumati-
Existenzgrundlage des Menschen bedrohendes sierenden Folgen solcher Gewaltakte kann dies
Artensterben und einen menschengemachten nur begrüßt werden. Das lindert das Leid der
Klimawandel gibt. Für theologische Zusammen- Betroffenen zwar nur begrenzt, aber mehr kann
hänge interessant ist aber die nachfolgende eine Rechtsordnung nicht leisten. Irritierend ist,
Äußerung Ratzingers. „Leider“, sei die „‚Ökologie dass der ehemalige Papst den Begriff „Vergewal-
des Menschen‘ nicht immer konkret geworden“. tigung“ verwendet, obwohl er über intime Bezie-
Auch der Mensch habe eine „‚Natur‘, die ihm hungen redet, die auf Gegenseitigkeit beruhen.
vorgegeben“ sei und „deren Vergewaltigung und Es werde eine dem Menschen vorgegebene Na-
Verneinung zur Selbstzerstörung“ führe. Dann turbestimmung „vergewaltigt“, wenn durch eine
folgt dieser Satz: „Gerade darum geht es auch im entsprechende Gesetzgebung die bürgerliche
Fall der Schöpfung des Menschen als Mann und Ehe als Rechtsform des Zusammenlebens von
Frau, die im Postulat der ‚homosexuellen Ehe‘ ig- Frau und Mann in liberalen Gesellschaften nun
noriert wird.“2 Diese Bemerkungen stammen aus auch für homosexuelle Paare geöffnet werde. Ob
dem Jahr 2021. Allerdings ist die Rede von einer die Verwendung des Begriffs „Vergewaltigung“
„Ökologie des Menschen“ alles andere als neu. in dieser Diskussionslage besonders sensibel ist,
7Schwerpunkt
Der Naturbegriff, wie er
theologisch gerne verwendet
wird, ist kein beschreibender,
sondern ein normativer Begriff.
wäre eigens zu diskutieren. Homosexuelle Paare sondern Kultur auszuprägen. Deshalb gibt es für
dürften sehr irritiert sein, falls sie solche Äuße- den Menschen auch nicht nur Evolution und bio-
rungen aus dem kirchlichen Raum überhaupt logische Natur, sondern er verhält sich dazu. Mit
noch wahrnehmen. Denn ein ehemaliger Papst dem ersten Erwachen des Bewusstseins hat der
weiß um die sexualisierte Gewalt, die unzähligen Mensch begonnen, Natur zu kultivieren. Und er
Minderjährigen, aber – was zunehmend bekannt hat auch sich selbst kultiviert. So ist zwar die Re-
wird – auch erwachsenen Frauen und Männern produktion von Leben ein biologischer Vorgang,
durch Kleriker angetan worden ist. aber: Diese Reproduktion kann gestaltet werden.
Der Begriff der verantworteten Elternschaft zeigt
Die Verwendung von Begriffen ist aufschluss- dies an. Oder aber auch, dass in modernen Ge-
reich und verräterisch zugleich. Deshalb muss sellschaften das sexuelle Leben von Menschen
man schon fast dankbar sein für solche Äußerun- nicht mehr begrenzt wird auf die bürgerliche
gen. Denn sie legen offen, wie auf der Leitungs- oder auch religiös eingebettete Ehe. Diese Ent-
ebene der römisch-katholischen Kirche – und in wicklungen sind nüchtern im geschichtlichen
Milieus dieser Kirche – bis heute gedacht wird. Prozess der Kultivierung von Paarbeziehungen
zu betrachten, seitdem der Mensch existiert.
Natur und ihre kulturelle Gestaltung Deshalb wird man auch nicht unvermittelt theo-
Die Verwendung des Ökologiebegriffs signalisiert logisch von einer Schöpfung von Mann und Frau
jedenfalls überdeutlich, dass eine starke biologis- sprechen können. Dass Gott die Menschen als
tische Schlagseite zu beobachten ist, wenn es um Mann und Frau geschaffen oder er die Ehe gestif-
Fragen der Geschlechterordnung geht. Die Ver- tet habe, ist schlicht und einfach eine Interpreta-
wendung des Naturbegriffs schwankt jedenfalls tion von Menschen. Und eine solche, theologisch
stark. Ist damit eine biologische Natur gemeint? ambitionierte Interpretation zeigt sehr deutlich
Oder aber eine Wesensnatur des Menschen? alle Indizien eines historischen Wandels. Dass
Immer wieder ist gleichzeitig zu hören, dass es in heterosexuellen, vor Gott sakramental ge-
es Kreise gebe, die einen radikalen Konstrukti- schlossenen Ehen um Liebesbeziehungen geht,
vismus propagierten, wenn es um Fragen des war keineswegs immer so. Erst im 20. Jahr-
Geschlechts ginge. Allerdings ist dies schlicht Un- hundert – im Umfeld und in Folge des Zweiten
sinn. Zunächst einmal ist festzustellen, dass der Vatikanischen Konzils – wurde diese Ausrichtung
Mensch sich von anderen Lebewesen dadurch stark gemacht. Zuvor wurde die Ehe vor allem als
unterscheidet, dass er in einem reflexiven Selbst- Vertragsverhältnis betrachtet.
verhältnis zu sich steht. Nicht einfach zu existie-
ren, sondern sich darin bestimmen zu können, Diese Beobachtungen machen deutlich, dass
wie man existieren will, erfordert und erlaubt es der Naturbegriff, wie er theologisch gerne ver-
dem Menschen zugleich, sich nicht einfach von wendet wird, kein beschreibender, sondern ein
dem bestimmen zu lassen, was ihm begegnet, normativer Begriff ist. Wenn über die Natur des
8Menschen gesprochen wird, schwingt die Ansage grunde. Als das „nicht gestellte Thier“ (Friedrich
mit, wie der Mensch leben soll. Und dies gilt Nietzsche) kann der Mensch nicht anders, als
selbstverständlich auch für den Begriff „Öko- sich einen Begriff vom Ganzen zu machen. Hier
logie des Menschen“, der normativ vorgeben liegt der Ursprung von Religion, aber auch der
will, wie der Mensch leben soll. Allerdings muss einer gegenüber Letztfragen agnostisch oder gar
man deutlich sagen, dass hier ein klassischer dezidiert atheistisch bleibenden Selbstbeschrei-
Fehlschluss vorliegt. Indem der Ökologiebegriff bung. Völlig unabhängig von der Frage, wie sich
verwendet wird, wird assoziiert, dass es eine der Mensch zu der Frage „Was ist der Mensch?“
binäre biologische Natur des Menschen gibt, die verhält, muss er sich zu den Fragen verhalten
aus sich selbst heraus eine normative Geltung „Wie will ich leben?“ und „Wie soll das soziale
beanspruchen kann, und das anders zu leben Zusammenleben gestaltet sein?“. Diese Fragen
dem Menschen nicht entspricht. Weil es das werden dem Menschen aufgenötigt, weil er nicht
biologische Geschlecht von Mann und Frau gebe so existiert wie andere biologische Lebewesen,
und Gott dies so geschaffen habe, könne und sondern in einer reflexiven Distanz zu sich steht,
dürfe es auch nur die Ehe von Mann und Frau die ihm Freiheits- und damit auch Gestaltungs-
geben. Das ist schon auf der rein biologischen räume eröffnet. Eine dem Menschen vorgegebe-
Ebene nicht zu halten, bestimmt aber nicht auf ne Natur, eine Wesensbestimmung, die nicht er
der Ebene ethischer Qualifikation. Dies wird selbst sich gegeben hätte, gibt es deshalb für den
sehr schnell deutlich, wenn man die Perspektive Menschen nicht. Was für ihn seine Wesensbe-
wechselt und danach fragt, wie Paarbeziehungen stimmung ist, ist das, was er sich selbst als eine
in einer modernen, durch das philosophische solche gegeben hat. Um verstehen zu können,
Freiheitsdenken orientierten Gesellschaft ethisch wie es zu dieser im historischen Vergleich neuen
reflektiert werden. Weise menschlichen Selbstverstehens kommen
konnte, muss indessen ein weiterer Punkt noch
Paarbeziehungen im Licht philosophischen ausdrücklicher werden, der im Vorangegangenen
Freiheitsdenkens bereits vorausgesetzt war.
In den Rechtsordnungen liberaler Kulturen sind
mehrere Einsichten wirksam. Zunächst sind Es kam im ausgehenden 18. Jahrhundert zu
solche Kulturen nicht einfach religionsfeindlich. grundlegenden Veränderungen des Denkens,
Allerdings gibt es in ihnen keinen gemeinsam weil neu darüber nachgedacht wurde, unter
geteilten Gottesstandpunkt mehr. Ob überhaupt welchen Voraussetzungen Moralität überhaupt
ein freier Gott existiert, der einen Willen bezogen möglich ist. Moralität, so die entscheidende Ein-
auf den Menschen äußert, ist längst unklar ge- sicht, ist nur dann möglich, wenn ich aus eigener
worden. Während Theologen wie Joseph Ratzin- Einsicht eine bestimmte Ethik für unbedingt
ger meinen, die Existenz Gottes sei unumstößlich verpflichtend erachte. Das Recht auf freie Selbst-
gewiss, reagieren säkulare Kulturen auf die Un- bestimmung wird zum entscheidenden Punkt.
gewissheit Gottes. Was gelten soll, muss diskursiv Wenn überhaupt der belastete Naturbegriff noch
ausgehandelt werden. Gleichzeitig greift die Ein- Verwendung finden soll, so hieße dies übersetzt:
sicht, dass es historisch betrachtet einen perma- Sich selbst bestimmen zu dürfen, macht die Na-
nenten kulturellen Wandel gibt, der auch die Ge- tur des Menschen aus. Es ist die sich selbst zuge-
schlechterordnungen betrifft. In der Zeit als das sprochene Natur des Menschen, sich bestimmen
Christentum entstand, waren diese noch strikt zu wollen, die sich so artikuliert. Es macht die
patriarchalisch, und von empfundenen sexuellen Natur des Menschen aus, sich selbst als frei vor-
Präferenzen, die sich auf das gesamte personale zufinden. Und sich als frei vorzufinden bedeutet
Beziehungsempfinden auswirken, wusste man zugleich, sich nach selbst gewählten Maßstäben
noch nichts. Das ändert sich erst mit dem aus- bestimmen zu wollen und dies auch zu müssen.
gehenden 19. Jahrhundert. Menschen existieren Denn andernfalls wäre Freiheit nicht mehr Frei-
nicht einfach. Sondern sie prägen Kultur aus. In heit. Und gleichzeitig weiß sich die menschliche
der Kultur einer Zeit wird sichtbar, welche Vor- Freiheit als eine, die sich in ein Verhältnis setzen
stellungen des sozialen Zusammenlebens, aber muss zu dem, was vergangene Generationen
auch welche Selbstausdeutungen des Menschen bereits als Vorstellungen des sozialen Zusam-
wirksam sind. Und diesen Selbstausdeutungen menlebens ausgeprägt haben und was bis heute
liegt immer auch ein Ausgriff auf das Ganze zu- sozial wirksam ist.
9Schwerpunkt
Welche Begehrensstruktur oder auch
sexuelle Präferenz jemand in sich vor-
findet, wird in liberalen Kulturen zu einer
nachrangigen Frage. Entscheidend ist,
wie diese in Freiheit ausgelebt wird.
Es gibt keinen absoluten Nullpunkt für den bestimmung auch die entscheidende Norm, was
Menschen, bei dem er ansetzen könnte. Mit dem gelebt werden darf. Dies gilt dann auch für im histo-
Auszug aus dem Paradies, um es in der Sprache rischen Prozess gewordene religiöse Konventionen.
des biblischen Mythos zu sagen, begann eine Welt Selbstverständlich wird niemand bestreiten wollen,
der Freiheit. Zuvor gab es nur Gott und die Tiere. dass die heterosexuelle Ehe in diesen Traditionen
Nachdem der Mensch sich jedoch aufrichtete, eine eine privilegierte Rolle eingenommen hatte. Aber
Welt der Freiheit und damit der Kultur entstand, warum sollten nicht andere, jenseits der Hetero-
war auch klar, dass alle nachfolgenden Generatio- normativitätskonvention gelebte Geschlechterbe-
nen sich auf diese Kultur würden beziehen müssen. ziehungen ebenfalls anerkannt werden? Und dies
Denn bevor Menschen in begrenzter Weise zu nicht nur im staatlichen Bereich, wo das in liberalen
Subjekten ihrer eigenen Biografie werden, werden Gesellschaften zunehmend der Fall ist, sondern
sie subjektiviert. Das meint nicht weniger, als dass auch auf dem christlich-religiösen Feld?
sie zu Menschen gemacht werden. Alle Menschen
sind Kinder ihrer Zeit, weil sie zunächst hilflos auf Biblische Impulse und universelles Menschen-
ihr soziales Umfeld angewiesen sind und deshalb rechtsethos
auch zwangsläufig durch dieses geprägt werden. Den christlichen Glauben gibt es nicht, weil es
In einer patriarchalen Kultur ist es nicht selbst- ihn nie gab. Was heute als christlicher Glaube
verständlich, dass Frauen auf die Idee kommen, gilt, ist zum einen unübersehbar plural bis diver-
Selbstbestimmungsrechte einzufordern. Während gent, und hat sich in jedem Fall aus komplexen
in einer Kultur, in der Frauen sich selbstbewusst um historischen Prozessen herausgeschält. Es gibt
ihre Mitgestaltungsrechte auf der gesellschaftlichen einen nachhaltigen Streit um das, was christlich
und politischen Bühne kümmern, Institutionen mit ist, aber es gibt nicht den christlichen Glauben.
historisch gewordenen, faktisch aber überkomme- Das war schon in der Antike so, und daran hat
nen Geschlechterstereotypen fast schon notwendig sich bis heute nichts geändert. Aber dieses histo-
unter Rechtfertigungsdruck geraten. Die katholische risch beobachtende Argument führt keineswegs
Kirche gehört zu diesen Institutionen und dies hat ins Nirvana des Nicht-Wissens. Über den histo-
weitreichende Folgen für „katholische“ Konfliktfel- rischen Jesus wissen wir wenig. Was wir wissen,
der wie die Sexualmoral. wissen wir über die ersten bereits theologisch
deutenden Quellen. Aber es gibt eine, sich durch
Welche Begehrensstruktur oder auch sexuelle den Textcorpus des Neuen Testaments ziehende
Präferenz jemand in sich vorfindet, wird in liberalen Auskunft, die an Klarheit nichts vermissen lässt.
Kulturen zu einer nachrangigen Frage. Entschei- Dieser Jesus wollte eine möglichst umfassende
dend ist, wie diese in Freiheit ausgelebt wird. Ist Gleichstellung in den sozialen Verhältnissen, und
der andere Mensch Objekt meiner Bedürfnisstruk- vor allem forderte er im Namen des Gottes, der
tur oder aber will ich ihn als Person und als diese aus der Sklaverei Ägyptens herausführte, eine
Person achten? Macht eine Beziehung glücklich? besondere Sorgfaltspflicht für die Menschen
Alles andere ist nachrangig. Entscheidend ist, ob ein, die am Rande der Gesellschaft standen und
Menschen sich in Freiheit füreinander entscheiden. auch noch aus religiösen Gründen stigmatisiert
Wenn es die „Natur“ des Menschen ausmacht, frei wurden. Der Jude Jesus kannte keine Berüh-
zu sein, so liegt in der Möglichkeit freier Selbst- rungsängste. Und der konvertierte Paulus ertrug
10keine Gedächtnismähler Jesu, in dem die sozialen fahrung wegstiehlt; und gleichzeitig reichert man
Unterschiede verschwiegen wurden. Entweder den Gottesglauben mit einem Menschenrechts-
sind alle im Glauben an den Auferweckten gleich ethos an, das auf immer größere Universalität
oder aber dieser Glaube verliert seine Basis. ausgerichtet ist. In den katholischen Milieus der
Gegenwart, in denen dieser Aufklärungsprozess
Bezogen auf die bis heute den Katholizis- wirksam ist, ist die Regenbogenflagge deshalb
mus bestimmenden Konflikte auf dem Feld der selbstverständlich.
Sexualmoral, von Geschlechterverhältnissen und
der Akzeptanz von Lebensgemeinschaften, die
sich nicht am Heteronormativitätsschema orien- 1
https://www.die-tagespost.de/kultur/feuilleton/von-der-
tieren, bedeutet das zweierlei. unverfuegbarkeit-und-wuerde-des-menschen-art-221688
(10.11.2021).
Zunächst einmal darf kein Gott akzeptiert wer- 2
ebd.
den, der die Freiheit des Menschen und damit
das von ihm beanspruchte Recht auf freie Selbst-
bestimmung nicht achtet. Entweder ist Freiheit
das Höchste oder aber sie ist es nicht. Wenn sie
es aber ist, so darf auch Gott nicht davon entlas-
tet werden, diese zu achten. Und da ohnehin im-
mer nur über den möglichen Gott nachgedacht
wird, muss der erhoffte Gott einer sein, der ein
gelingendes Beziehungsleben unbedingt achtet.
Ja mehr noch, der sich daran erfreut. Und des-
halb muss sich dieser Gott auch an einer Kultur
erfreuen, die das Gelingen von Beziehungen un-
abhängig von sexuellen Präferenzen wertschätzt.
Dass sexuelle Handlungen an Minderjährigen
immer sexuelle Gewalt darstellen, da es sich hier
nicht um Gleichgestellte handelt, sollte keiner
Erwähnung bedürfen. Theologisch gibt es kein
Argument, das gegen die Liberalisierung der Ge-
schlechterverhältnisse gewendet werden könnte.
Weder der historische Jesus noch die biblischen
Autoren hatten ein Wissen um unterschiedliche
sexuelle Präferenzen. Es ging ihnen um die Kul-
tivierung der Verbindungen zwischen Mann und
Frau in patriarchalen Kulturen.
Die in den sozialen Verhältnissen wirksamen
Normen und Werte sollen gelingendes und ein
möglichst glückliches Leben ermöglichen, und
nicht verhindern. Aus theologischen Gründen
sind die Rechte derer einzuklagen, denen diese
Rechte nicht selbstverständlich zugestanden wer-
den. Wer sich deshalb auf den Juden aus Naza-
reth und biblische Traditionen des Gottglaubens
meint berufen zu können, um theologisch gegen
eine Liberalisierung der Geschlechterverhältnisse
und Lebensformen zu agitieren, dürfte gewaltig
unter Begründungsdruck geraten. Biblisches Dr. Magnus Striet
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Denken ist nichts anderes, als dass das Projekt
Professor für Fundamentaltheologie
Aufklärung auf Dauer gestellt wird. Deshalb korri- und philosophische Anthropologie
giert man Gottesbilder, weil Gott sich aus der Er- magnus.striet@theol.uni-freiburg.de
11Schwerpunkt 12
SEXUALMORAL UND
KATHOLISCHE KIRCHE
EINSCHÄTZUNGEN AUS DEM FORUM IV
DES SYNODALEN WEGES
von Dr. Markus Wonka
denen Stillstand hat sicherlich auch zu jenem
Vertrauensverlust beigetragen, den wir derzeit
Mit dem Synodalen Weg hat sich die katho- beklagen.
lische Kirche in Deutschland auf den Weg
gemacht, um über verschiedene „heiße Eisen“ Erwartungen an das Synodalforum
offen und frei zu sprechen. Auch die Fragen der Der Synodale Weg soll jetzt die Wende bringen.
Sexualmoral wurden als Themenbereich identi- Hohe Erwartungen sind geweckt und nicht we-
fiziert, als die Deutschen Bischöfe vor dem nige fürchten das Enttäuschungspotential, das
Hintergrund der Missbrauchskrise auf ihrer damit einhergeht. Denn viele der Themen, die be-
Vollversammlung in Lingen im März 2019 den sprochen werden, sind Angelegenheit der Welt-
Synodalen Weg auf den Weg gebracht haben. kirche und können ortskirchlich nicht entschieden
Seither wird über vieles in der katholischen werden. Die zentralen Aspekte der Sexualmoral
Kirche öffentlich-institutionell diskutiert, was gehören dazu. Wird es reichen, am Ende „nur“
zuvor Thema unter den Gläubigen und oftmals darüber gesprochen zu haben?
Anlass für vielfältige Kontroversen war. Auf
lehramtlicher Ebene aber schienen die Themen, Die Dramatik reicht vielleicht noch tiefer. Mit
die in den einzelnen Foren bearbeitet werden, Blick auf die Sexualmoral der katholischen Kirche
nicht verhandelbar zu sein. Das Unverständ- scheinen die Befürchtungen vor einer möglichen
nis vieler Katholikinnen und Katholiken über Enttäuschung sogar eine sehr binnenkirchliche
diesen zunehmend als unerträglich empfun- Perspektive darzustellen. Denn hört man sich
13Schwerpunkt
Es ist Konsens, dass sich die kirchlich geltende
Sexualmoral, humanwissenschaftliche und
moraltheologische Erkenntnisse sowie das
Moralempfinden einer Mehrheit der Gläubigen
deutlich auseinanderentwickelt haben.
unter Jugendlichen und jungen Menschen um, überrascht. Dennoch führte die Dokumentation
wie sie über die aktuellen Reformanstrengungen dieses Befunds zur Frage, ob eine Norm, die kaum
der katholischen Kirche denken, trifft man oft auf beachtet und befolgt wird, überhaupt benötigt
Unkenntnis oder Desinteresse. Die innerkirch- wird. Oder anders formuliert: Wie könnte eine
lich „heißen Eisen“ der Sexualmoral, die wir mit theologisch begründete Sexualethik aussehen,
Leidenschaft diskutieren, erzeugen keine nen- die tatsächlich Lebensrelevanz entfalten kann,
nenswerte außerkirchliche Resonanz (mehr). Hat vielleicht sogar über den binnenkirchlichen Raum
Kirche in diesem Bereich jegliche ethische und hinaus? Mit dieser Frage befindet man sich mit-
normative Relevanz eingebüßt? ten im Kern der Diskussionen im Forum „Leben
in gelingenden Beziehungen – Liebe leben in
Verschiedene Beobachtungen scheinen diese Sexualität und Partnerschaft“.
Diagnose zu bestätigen. Dem Autonomiebe-
wusstsein der heutigen Menschen entspricht im Zwischen Vertiefung und Weiterentwicklung
Bereich der Sexualethik ein normativer Ansatz, Blickt man auf die inhaltlichen Kontroversen im
der als Verhandlungsmoral bezeichnet wird: Forum, so ist beachtlich, dass die geschilderte
Im Bereich der Sexualität ist alles praktizierbar Diagnose von allen Seiten uneingeschränkt geteilt
und erlaubt, solange die beteiligten Partner den wird. Es ist Konsens, dass sich die kirchlich gel-
Praktiken zustimmen. Dies ist der – zumindest öf- tende Sexualmoral, humanwissenschaftliche und
fentlich dargestellte – regulatorische Mainstream moraltheologische Erkenntnisse sowie das Moral-
unserer Zeit. Ob eine Verhandlungsmoral immer empfinden einer Mehrheit der Gläubigen deutlich
dazu geeignet ist, den jeweils schwächeren auseinanderentwickelt haben. Doch könnte die
Partner ausreichend zu schützen, ist dabei eine daraus resultierende Konsequenz, wie mit dieser
andere Frage. Die ubiquitäre Verfügbarkeit und Diagnose umzugehen ist, unterschiedlicher nicht
von einer Mehrzahl der Jugendlichen konsumier- sein. Die verschiedenen bereits veröffentlichten
ten pornografischen Clips leisten diesbezüglich ihr Dokumente belegen das eindrücklich.
Übriges.
Auf der einen Seite gibt es die Überzeugung,
Die Kluft zwischen lehramtlich formulierter Se- dass die nach wie vor lehramtlich gültige Sexual-
xualmoral und der Lebenspraxis vieler Menschen moral mit Blick auf eine humane Gestaltung
ist spätestens seit den weltweiten Befragungen einer partnerschaftlichen Sexualpraxis und einer
im Vorfeld der Weltbischofssynoden 2015 und christlichen Lebensführung keiner Revision be-
2016 zum Thema Familie schwarz auf weiß be- darf. Demnach entspricht es dem Wesen der
kannt. Auch in seinem Apostolischen Schreiben Liebe, dass die noch Mitte der 1990er Jahre im
„Amoris Laetitia“ bekennt Papst Franziskus, Weltkatechismus ausformulierte lehramtliche
dass Katholikinnen und Katholiken die kirchliche Position zurecht besteht, wonach jeder sexuelle
Sexualmoral als nicht immer hilfreich betrachten. Akt grundsätzlich für die Zeugung von Nachkom-
Offensichtlich richten sich nicht wenige Gläubige menschaft offen zu sein hat. Unter vorwiegend
in ihren Intimbeziehungen nicht nach den lehr- naturrechtlichen und anthropologischen Be-
amtlich geltenden Normen. So recht hat das gründungszusammenhängen ist ein Unterbinden
vor wenigen Jahren in Deutschland niemanden dieser Offenheit nicht erlaubt. Die Offenheit
14sexueller Begegnung für die Zeugung von Kindern mehr Frau) kann Sex haben, ohne schwanger zu
bringt es mit sich, dass jeder sexuelle Akt in der werden. Auch Liebe und Sexualität stehen nicht
Ehe stattzufinden hat. Die geltende Lehre bedarf mehr zwingend in einem notwendigen inneren
also keiner Weiterentwicklung, sondern einer Ver- Zusammenhang.
tiefung. Sie bedarf in unserer Zeit neuer Formen
und intensivierter Anstrengungen im Bereich der Für eine christlich begründete Beziehungsethik
Vermittlung. Demnach handelt es sich um kein Begreift man diese Veränderungen nicht als Zeit-
Relevanz-, sondern ein Vermittlungsproblem. geist, an den sich die Kirche anbiedert, sondern
Dagegen steht die Überzeugung derjenigen, als geistgewirktes Zeichen der Zeit, ergibt sich die
die eine Weiterentwicklung der Lehre für drin- Herausforderung an Theologie und Kirche, diese
gend geboten halten. Sie gehen davon aus, dass aufzugreifen und zu deuten. Der vom Forum
der enge Sinn- und Verweiszusammenhang von Sexualmoral derzeit zur Beratung in der Synodal-
Liebe, Sexualität und Fruchtbarkeit in seinen hu- versammlung vorgelegte Textentwurf1 versucht,
manen Aspekten für die Gläubigen mehrheitlich sexualethische Richtlinien entlang einer Bezie-
nachvollziehbar gewesen sein mag, als tatsächlich hungsethik zu entwerfen, die einerseits diesen
noch jeder sexuelle Akt zu einer Schwangerschaft Veränderungen Rechnung trägt, andererseits dem
führen konnte. Vermutlich hat diese Normie- christlichen Liebesanspruch gerecht wird, ohne
rung sogar mitunter dazu beigetragen, vor allem erneut in eine reine Verbotsmoral abzugleiten.
Frauen durch die institutionelle Verankerung
der Sexualität in der Ehe vor männlicher Willkür Über das gesamte Meinungsspektrum hinweg
zu schützen. Sie hatte jedoch auch eine fatale herrscht im Forum große Einigkeit, dass eine Be-
Folge: Die Deklarierung von Verhaltensweisen ziehungsethik auf der Grundlage des christlichen
als (schwer) sündhaft, die dieser Norm nicht ge- Menschenbilds Werten wie Treue, Dauerhaftig-
recht werden – auch innerhalb der Ehe – führte keit, Verlässlichkeit, Verbindlichkeit, Ausschließ-
zu einer Verlagerung der Suche nach Orientie- lichkeit sowie Verantwortungsübernahme der
rung in sexuellen Fragen hinein in die Beichte. Partner füreinander und für die gemeinsame
Dass dadurch ausgerechnet das Sakrament der Elternschaft gerecht zu werden hat. Schon allein
Versöhnung zum Instrument wurde, mit dem zöli- dieser Wertekanon widerspricht jeglichen Formen
batär lebende Kleriker Einblick und Eingriff in das sexuell beliebigen Verhaltens. Partnerschaftliches
Intimleben von Paaren erhielten, hat in nicht un- und sexuelles Verhalten, das von der Austausch-
erheblichem Maße zum Zustand der derzeitigen barkeit der Partnerin oder des Partners ausgeht,
Beichtsituation beigetragen. Manche Berichte von werden diesen Werten ebenso wenig gerecht wie
älteren Paaren haben im Forum Anlass gegeben polyamouröse Lebensformen.
zu fragen, ob die katholische Kirche sich nicht vor-
erst in sexualnormativer Hinsicht ein Schweigen Der entscheidende und in aller Offenheit dis-
auferlegen sollte angesichts derartiger grenzüber- kutierte Konflikt betrifft die ethische Relevanz
schreitender pastoraler Begegnungen. der verschiedenen Dimensionen der Sexualität.
Während die lehramtliche Position die eindeutige
Gleichwohl wird im Forum auch unter den Hinordnung der Sexualität auf die Zeugung von
Vertretern einer Weiterentwicklung einer kirch- Nachkommenschaft festlegt, betont der aktuelle
lichen Sexualmoral offen und kontrovers darum Textentwurf eine Polyvalenz der Sexualität.
gerungen, wie der theologisch begründete Sinn- Dies bedeutet, dass sich im sexuellen Erleben
und Verweiszusammenhang von Liebe, Sexualität verschiedene Dimensionen des Menschseins
und Fruchtbarkeit in einer ethischen Normierung gleichwertig Ausdruck verschaffen. Dazu gehört
gefasst werden kann. Humanwissenschaftliche Er- die Fruchtbarkeit genauso wie das Lusterleben,
kenntnisse sollen dabei ebenso Berücksichtigung der partnerschaftliche Beziehungsaspekt und die
finden wie die Veränderungen im sexualmorali- Erfahrungen der eigenen persönlichen und se-
schen Empfinden der Menschen. Diesen Wandel xuellen Identität. Alle diese Dimensionen werden
beobachten wir in den westlichen Industrienatio- gleichermaßen als Teil von Gottes guter Schöp-
nen seit den 1960er Jahren. Denn spätestens mit fung betrachtet. Je nach individueller Lebens-
der Erfindung der Pille löste sich dieser genannte situation, partnerschaftlicher Beziehungsphase
wechselseitige Verweiszusammenhang von Liebe, und sexueller Identität erfahren sie eine je andere
Sexualität und Fruchtbarkeit auf. Mann (viel- Gewichtung und Ausprägung. Erst im Laufe einer
15Schwerpunkt
gesamten biografischen und partnerschaftli- Blickt man auf die Diskussion im Forum Sexual-
chen Entwicklung kommen alle Dimensionen zur moral hinsichtlich der Partnerschaftsformen, die
vollen Entfaltung. Ein junges Paar vor der Ehe vorrangig im Blick sind, ist festzustellen, dass un-
erlebt und genießt einzelne Dimensionen in ihrer ter Antidiskriminierungsaspekten der Umgang mit
Ausprägung anders als ein Paar in der Phase der gleichgeschlechtlich liebenden Paaren besonders
Familiengründung oder ein Paar nach Ende der im Blick ist. Dies ist einigermaßen überraschend,
Familienphase. nachdem bis vor wenigen Jahren geschieden-wie-
derverheiratete Paarkonstellationen im Zentrum
Legt man einer Sexualmoral einen derartigen der Diskussion standen. Auch hier scheinen sich
beziehungsethischen Ansatz zugrunde, spielt die gesellschaftliche Veränderungen abzubilden, die
Frage nach unterschiedlichen partnerschaftlichen im Forum und in der Synodalversammlung im Dis-
Phasen, sexuellen Orientierungen und auch part- kurs sind. Wie wir am Ende als katholische Kirche
nerschaftlichen Modellen wie eine Eheschließung die vielen Mehrdeutigkeiten und Unvereinbarkei-
nicht mehr die primäre Rolle. Im Vordergrund der ten – auch und vor allem im Bereich sexualethi-
ethischen Bewertung steht vielmehr der Grad der scher Fragestellungen – bewältigen, müssen die
Realisierung dieser beziehungsethischen Werte und weiteren Beratungen zeigen.
sexualmoralischen Dimensionen. Auch homosexuell
liebende Paare werden unter diesen Rücksichten
betrachtet. 1
https://www.synodalerweg.de/fileadmin/Synodalerweg/
Dokumente_Reden_Beitraege/6.1_SV-II-Synodalforum-IV-
Der ethische Anspruch ergibt sich aus dem Fakt, Grundtext-Lesung1.pdf (04.11.2021).
dass jede einzelne Dimension der Sexualität in sich
ambivalent ist und der persönlichen und partner-
schaftlichen Gestaltung bedarf. So kann die Lust
eine gemeinsame freudvolle Erfahrung darstellen,
sie kann das Gegenüber aber auch für die eigene
Lust verzwecken und sie oder ihn dadurch ver-
fehlen. Selbst der Aspekt der Fruchtbarkeit ist nicht
automatisch Ausdruck einer liebenden Weitergabe
von Leben, sondern er kann zum Beispiel auch
dem Versuch der Rettung einer Paarbeziehung ent-
springen.
Dieser werteorientierte Ansatz, wie er derzeit
der Synodalversammlung vorgelegt wurde, liefert
mit Blick auf die Diskussion besonders mit Jugend-
lichen und jungen Menschen vielfältige Impulse.
Mit Blick auf Argumente, die unter Autonomie-
aspekten einer Verhandlungsmoral zuträglich
sind, kann ein werteorientierter beziehungsethi-
scher Ansatz sein humanes und humanisierendes
Potential verdeutlichen und dadurch Orientierung
anbieten. Wie dieser Neuansatz in der Sexualethik
am Ende in der Synodalversammlung aufgenom-
men werden wird, bleibt abzuwarten. Denn trotz
aller Forderungen nach einem Neuansatz bedeutet
Weiterentwicklung auch die Beachtung des Aspekts Dr. Markus Wonka
der Kontinuität – vor allem in einer Theologie, in Bischöflich Münstersches Offizialat
Leiter der Abteilung Seelsorge und
der das Traditionsargument für sich Beachtung Seelsorge-Personal
beanspruchen darf. Dazu zählt auch, inwiefern der Berater im Forum IV des Synodalen
Weges „Leben in gelingenden Be-
besonderen Bedeutung der Ehe als herausgeho-
ziehungen – Liebe leben in Sexualität
bener sakramentaler Lebensform des Glaubens und Partnerschaft“
ausreichend Rechnung getragen werden kann. markus.wonka@bmo-vechta.de
16SEXUALETHISCHE FRAGEN
IM RELIGIONSUNTERRICHT
EIN SCHREIBGESPRÄCH MIT
BISCHOF DR. FELIX GENN UND GABRIELE OTTEN
Der aktuelle Kernlehrplan (KLP) Katholische Re- unserer Schülerinnen und Schüler die praktische
ligionslehre für das Gymnasium G9 (2019) greift Dimension des Glaubens zu thematisieren. Und
das Thema der sexuellen Bildung wieder explizit zur Lebenswelt gehören Fragen der Liebe, der
auf. Nachfragen zeigen, dass die Thematik in Sexualität und der Gestaltung von Beziehungen.
vielen Kollegien für Verunsicherung sorgt. Aus
diesem Anlass hat die Redaktion von KIRCHE KIRCHE UND SCHULE
UND SCHULE die Fachleiterin und Fachberaterin Warum ist aus Sicht der Lehrplankommission
Gabriele Otten, die zugleich Mitglied der Lehr- das Thema Sexualität und damit der Bereich der
plankommission war, und unseren Bischof Dr. katholischen Sexualethik ein wichtiger Bereich für
Felix Genn um ein Gespräch gebeten. Unsere den katholischen Religionsunterricht?
ersten Fragen richteten sich an Gabriele Otten
als Mitglied der Lehrplankommission. Auf ihre GABRIELE OTTEN
Ausführungen und Fragen hin ergab sich ein Ge- Die verantwortungsvolle Gestaltung der eigenen
dankenaustausch mit Bischof Dr. Felix Genn. Sexualität und der Beziehung zu anderen ist
eine wichtige Aufgabe, die Jugendliche zu lernen
KIRCHE UND SCHULE und zu bewältigen haben. Und dazu sollten wir
Was sind die Gründe dafür, das Thema Sexualität mit unserem Fach einen Beitrag leisten. Die Be-
und damit die katholische Sexualethik wieder fähigung zur Übernahme von Verantwortung für
im Lehrplan zu verankern und was erhofft man sich, für andere und vor Gott und die Begleitung
sich – gegebenenfalls auch aus anderen Unter- in diesem Prozess waren und sind unsere Anlie-
richtsfächern heraus und aus der Perspektive der gen. Wichtig ist es bei diesen Themen, nicht mit
„Lehrplanmacher“ – von diesem Themenbereich dem moralischen Zeigefinger daherzukommen,
im Religionsunterricht? sondern den Fokus auf das Gelingen des eigenen
Lebens und seiner vielfältigen Beziehungen zu
GABRIELE OTTEN legen.
Sehr früh wurde bei der Lehrplanarbeit (Gym-
nasium Sek. I) die Bitte des Referats beziehungs- Viele Kolleginnen und Kollegen waren nicht
weise der Lehrplankommission Biologie an uns sehr begeistert, als das Thema wieder aufgenom-
herangetragen, das Thema „Sexualethik“ in den men wurde – auch vor dem Hintergrund, dass
Lehrplänen Evangelische Religionslehre und Ka- die kirchliche Sexualmoral von vielen eher als
tholische Religionslehre aufzunehmen, auch um lebensfeindlich denn als lebensfreundlich wahrge-
den KLP Biologie zu „entschlacken“. nommen wird. Fragen nach der Enge kirchlicher
Positionen und der Glaubwürdigkeit der Kirche
Das allein sollte kein Grund sein, das Thema im Bereich der Sexualmoral wurden gestellt.
Sexualethik in den Kernlehrplänen aufzugreifen. Religionsunterrichtende geraten dabei schnell in
Bei der Überarbeitung beziehungsweise Neu- Loyalitätskonflikte mit der Amtskirche und haben
fassung des Kernlehrplans für die Sekundarstufe Authentizitätsprobleme.
I des Gymnasiums haben wir uns bemüht, die
Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler zu KIRCHE UND SCHULE
berücksichtigen, theologische Inhalte lebens- Welches sind die Perspektiven, unter denen aus
weltbezogen zu konkretisieren, – das heißt an reli- Ihrer Sicht diese Thematik im Lehrplan verankert
giösen und ethischen Fragen aus der Lebenswelt ist?
17Schwerpunkt
GABRIELE OTTEN sondern als ein wichtiger Lebensbereich junger
Stark gemacht werden der Gedanke der eigenen Menschen im Religionsunterricht besprochen
Verantwortung und die Bedeutung des Gewis- werden kann und laut Lehrplan auch besprochen
sens sowie der Unterscheidungsfähigkeit, was werden soll. Nur indem die Wirklichkeit angeschaut
zum Gelingen des Lebens beiträgt und was nicht. und besprochen wird, ist eine kritische Unterschei-
Bei deren Förderung soll auch „der Lehre der dung und eine Hilfe zur Entscheidung möglich. Hilfe
Kirche eine Chance gegeben werden“, wie es die zur Entscheidung zu geben wäre aus meiner Sicht
Schulabteilung des Bischöflichen Generalvikariats ein wichtiges Ziel für den Religionsunterricht.
bei Gesprächen Referendarinnen und Referenda-
ren mit auf den Weg gibt. Es gibt viele Bereiche, Deshalb ist es wichtig, den Ausgangspunkt richtig
die es lohnt zu thematisieren – die Prägung des zu setzen. In der Vorstellung vieler Menschen, auch
Menschen durch seine Sexualität, Leiblichkeit als von Jugendlichen, hat die Kirche zum Bereich der
Teil des christlichen Menschenbildes, Sexualität sexuellen Bildung außer Verboten nichts zu sagen.
als Sprache der Partnerschaft und Liebe, die Be- Das ist aber eine verkürzte Sicht. Deshalb denke ich,
deutung von Treue und Verlässlichkeit, … dass es in erster Linie nicht darauf ankommt, einzel-
ne Verhaltensweisen kasuistisch aufzuschlüsseln,
Bevor ich eine Frage an Sie, Herr Bischof, rich- sondern eine „Grundmelodie“ zu benennen und
te, möchte ich zunächst eine Erfahrung schildern den Jugendlichen mitzugeben. Sexualität ist in den
und bin gespannt auf Ihre Einschätzungen dazu: Augen der Kirche eine Gabe und ein Wert. „Alles,
Ich habe im letzten Jahr in einer Jahrgangs- was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist
stufe 10 die Erfahrung gemacht, dass viele der verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird“
Fragestellungen rund um das Thema Sexualität heißt es in 1 Tim 4,4.
für Schülerinnen und Schüler keine Fragen der
Moral, sondern eher der Konvention sind. Und Weil es sich um einen sehr intimen Bereich
ich habe selten so deutlich erlebt, dass eine Lern- handelt, der jeden einzelnen Menschen bis in das
gruppe mehr oder weniger geschlossen angab, Innerste hinein prägt, braucht er auch Schutz. Die
von kirchlicher Seite keine hilfreichen Positionen kirchlichen Normen im Blick auf die Sexualität sind
oder Impulse zu erwarten. Im Unterricht habe Grenzziehungen, um zu ermöglichen, dass die Wür-
ich dann Auszüge aus dem Vortrag von Eber- de jeder einzelnen Person gewahrt bleibt.
hard Schockenhoff eingesetzt, den er 2019 auf
der FrühjahrsVollversammlung der Deutschen Dabei ist mir ein weiterer Aspekt besonders
Bischofskonferenz vor den deutschen Bischöfen wichtig, nämlich dass Sexualität und Liebe zusam-
gehalten hat und der für viel Wirbel gesorgt hat, menhängen. Sexualität sollte Ausdruck von Treue,
weil er auch Empfehlungen zur Reform der kirch- tiefer Hingabe an und Liebe zu einem anderen
lichen Sexualmoral beinhaltete.2 Die Schülerin- Menschen sein. Weil sie mit großer Lust verbunden
nen und Schüler fanden den Vortrag interessant, ist, besteht die Gefahr, dass sie ausschließlich der
kritisierten aber, dass die deutschen Bischöfe Befriedigung seiner selbst und nicht der gemein-
„auf solche Selbstverständlichkeiten“ hingewie- samen Freude mit dem anderen dient. Daraus erge-
sen werden müssten. ben sich dann im Einzelnen Fragestellungen, die für
junge Menschen durchaus heikel sind, ihnen aber
Das heißt: Theoretisch ist das Thema gut be- zur Unterscheidung helfen können. Ich möchte die
gründbar und lohnend, in der Praxis stellt es die Un- Religionslehrerinnen und Religionslehrer bitten, die
terrichtenden vor erhebliche Herausforderungen. Lehre der Kirche ins Spiel zu bringen und in aller
Vor diesem Hintergrund würde mich interessieren: Offenheit mit den Schülerinnen und Schülern über
Was erwarten Sie als Bischof und damit Repräsen- deren Positionen und Gedanken, aber auch über
tant der Kirche konkret von jungen Menschen bei die Grundbotschaft der kirchlichen Sexuallehre zu
der „verantwortungsvollen Gestaltung der eigenen diskutieren.
Sexualität“? Was würden Sie ihnen mit auf den Weg
geben? GABRIELE OTTEN
Für Unterrichtende ist das Thema auch aus einem
BISCHOF DR. FELIX GENN anderen Grund sehr „sperrig“: Kolleginnen und
Ich stimme Ihren Ausführungen zu, Frau Otten. Ich Kollegen nehmen dabei – und das kann ich gut
bin froh, dass dieses Thema nicht umgangen wird, verstehen – eine Diskrepanz zwischen kirchlichen
18Aussagen über Sexualität (und Homosexualität) als Dimensionen der Sexualität in den Blick nimmt
und dem wahr, was im Rahmen des allgemeinen – und damit die unterschiedlichen Dimensionen
Bildungs- und Erziehungsauftrags der Schule unter- Freude, liebevolle Begegnung, aber eben auch den
stützt und angebahnt werden soll, nämlich eine Zeugungszweck; Liebe ist mehr als ein Konsumgut.
Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt. Die Form, die die Enzyklika dazu groß macht, ist die
Was sagen Sie Religionsunterrichtenden, die bei des ehrlichen Dialogs. Das ist die Herausforderung.
solch heiklen Themen Loyalitäts- und Authentizi-
tätsprobleme haben? GABRIELE OTTEN
Ich stimme Ihnen zu, Herr Bischof Dr. Genn, dass
BISCHOF DR. FELIX GENN die Vorstellung, dass „die Kirche in diesem Bereich
Ich bin sehr dankbar für das, was unsere Religions- außer Verbote nichts zu sagen“ hat, eine verkürzte
lehrerinnen und Religionslehrer leisten. Besonders Sicht ist, der es im Religionsunterricht entgegenzu-
bei dieser Thematik bringt es sie zuweilen in eine treten gilt, indem die „Grundmelodie“ angespro-
arge Spannung zwischen der Lebenswelt der Schü- chen wird, die kirchlicher Sexualethik zugrunde
lerinnen und Schüler und dem, was sie als Vertrete- liegt. Ich kann mir vorstellen, dass viele Religions-
rinnen und Vertreter der kirchlichen Lehre vermit- lehrerinnen und Religionslehrer einer ähnlichen
teln. Deshalb ist es wichtig, dass sie wissen: Ich, der Auffassung sind.
Bischof, freue mich, dass sie trotzdem diesen Dienst
tun und bin dafür außerordentlich dankbar. Ich Sicherlich ist es auch so, dass viele Sichtweisen
verstehe, dass es im Zusammenhang einiger kirch- und Fragestellungen (nicht nur) für junge Men-
licher Moralvorstellungen im Einzelnen zu Loyali- schen heikel und lebensfremd sind beziehungs-
tätsproblemen kommen kann. Hier ist es wichtig, weise erscheinen, aber eine Auseinandersetzung
dass die Religionslehrerinnen und Religionslehrer mit anderen Perspektiven, die es zu würdigen gilt,
sich mit aktueller moraltheologischer Literatur aus- einen Beitrag zur Entwicklung der eigenen Identität
einandersetzen. Auf die kirchliche Lehre sollten sie und Verantwortung, auch im Bereich der eigenen
das ignatianische Motiv, „die Meinung des anderen Sexualität, leisten kann.
zu retten“, anwenden. Sie sollten versuchen, darin
eine Spur zu sehen, den Willen Gottes in der Nach- Trotzdem bleibt die Herausforderung für
folge Christi zu erkennen. Auch hier geht es mir um Religionsunterrichtende, dass die „Amtskirche“
das Ringen darum, der Schöpfungsgabe Sexualität durchaus einen großen Anteil daran hat, warum
mit Respekt, Ehrfurcht und dankbarer Hingabe zu das grundsätzlich positive Grundanliegen nur mit
begegnen. Dies als Grundaspekte der kirchlichen großen Schwierigkeiten vermittelbar ist. Sie verwei-
Sexuallehre in die Diskussion mit Schülerinnen und sen auf das Schreiben „Amoris laetitia“, das mit viel
Schülern einzubringen halte ich für wichtig. Zustimmung und auch Erleichterung aufgenommen
Ich erlaube mir in diesem Zusammenhang einen wurde. Aber die Bereitschaft von Schülerinnen und
Hinweis: Die Fragen werden in der Moraltheologie Schülern, sich in Grundzügen mit einem solchen
zum Teil einhellig, zum Teil aber auch kontrovers Schreiben auseinanderzusetzen, sinkt, wenn in
diskutiert. Meines Erachtens findet die Theologie Rom Verbote ausgesprochen werden, indem zum
des Leibes in Deutschland nur wenig Aufnahme, Beispiel – wie im März dieses Jahres – bekräftigt
wäre aber sehr hilfreich, um eine personalistische wird, dass die Kirche nicht die Vollmacht habe, Ver-
Sicht auf diese Thematik zu lenken. Im Übrigen bindungen von Personen gleichen Geschlechts zu
verweise ich auch auf die Aussagen der Würzburger segnen. Die Thematisierung sexualethischer Fragen
Synode und vor allem auf das Apostolische Schrei- wird im Religionsunterricht durch solche Verlaut-
ben von Papst Franziskus „Amoris laetitia“, wo barungen schwieriger. Schülerinnen und Schüler
meines Erachtens zum ersten Mal die gesamte ero- sind dann immer weniger bereit, differenziert auf
tische Dimension der Sexualität von einem Reprä- verschiedene (andere) Themen der Sexualethik zu
sentanten des kirchlichen Lehramts breit entfaltet schauen: Ihre Vorurteile werden immer größer und
wird. Diese Enzyklika beschreibt aus meiner Sicht die ohnehin fast nicht vorhandenen Erwartungen
einen Weg, um dem von mir gerade angeführten lohnender und tragfähiger kirchlicher Orientie-
Motiv „die Meinung des anderen retten“ gerecht rungen und Impulse sinken noch weiter. Mir ist
zu werden: Sie fordert eine Sexualerziehung, die klar, dass es auch andere Positionen in der Kirche
nicht nur „Verhütung“ und „safer sex“ zum Inhalt und Theologie gibt und immer wieder auf die Be-
hat, sondern die Leiblichkeit und Geschlechtlichkeit deutung des Gewissens verwiesen wird – aber es
19Schwerpunkt
bauen sich schon Hürden auf. Und auch eine breite Menschen, auch von Religionslehrerinnen und
Einarbeitung in diese Fragen und die Tatsache, dass Religionslehrern auch angesichts der Lebenssitua-
es kontroverse Diskussionen gibt, entlasten Reli- tion der Menschen artikuliert werden. Das kann ein
gionsunterrichtende hier nicht. Zumal ja die Glaub- guter Beitrag zur Weiterentwicklung der kirchlichen
würdigkeitskrise, in der sich die Kirche befindet, die Lehre sein. Der Erfolg ist dabei nicht abzusehen,
Schwierigkeiten noch verstärkt. aber ich setze auf eine gute Frucht aus der Kraft des
Heiligen Geistes.
Viele setzen große Hoffnungen auf die Ergeb-
nisse des Synodalen Weges. Auch im Bereich der
Sexualethik wird ein Reformbedarf thematisiert, 1
Der neue Kernlehrplan ist zu finden unter https://www.
der sich aus der Umstrittenheit der kirchlichen Se- schulentwicklung.nrw.de/lehrplaene/lehrplan/204/g9_kr_
xuallehre und ihrer Diskrepanz zur Lebenswelt der klp_3403_2019_06_23.pdf (25.11.2021).
Gläubigen ergibt. Ich beziehe mich auf die Vorlage 2
Vgl. https://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_down-
loads/presse_2019/2019-038d-FVV-Lingen-Studientag-Vor-
zur Zweiten Synodalversammlung vom 30. Septem-
trag-Prof.-Schockenhoff.pdf (25.11.2021).
ber bis 2. Oktober 2021.3 3
https://www.synodalerweg.de/fileadmin/Synodalerweg/
Dokumente_Reden_Beitraege/6.1_SV-II-Synodalforum-IV-
Gut gefällt mir beispielsweise die Betonung, dass Grundtext-Lesung1.pdf (25.11.2021).
die verantwortungsvolle Gestaltung von Sexualität
Ausdruck menschlicher Freiheit und wichtiger Teil
der personalen Identität ist, dass zur Würde auch
das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung gehört,
dass dem Grundauftrag der Kirche auch die Ach-
tung der sexuellen Identität entspricht.
„Aufgewertet“ werden in dieser Vorlage gleich-
geschlechtliche Beziehungen. Wichtig finde ich
unter anderem das Votum, dass homosexuelle
Paare und Menschen, die nach dem Scheitern einer
Ehe eine neue Partnerschaft eingehen, unter den
Segen Gottes gestellt werden können. In beiden
Situationen finden sich auch Religionsunterrichten-
de wieder. Daher meine Frage: Wie schätzen Sie die
„Erfolgsaussichten“ der in diesem Papier formulier-
ten Voten ein?
BISCHOF DR. FELIX GENN
Ich kann die Erfolgsaussichten der Vorlage des Syn-
odalforums IV nicht einschätzen, weil ich weiß, wie
kontrovers dieser Text aufgenommen und diskutiert
wird, und zwar nicht nur von Bischöfen, sondern
auch von gläubigen Laien. Daher ist es notwendig, Bischof Dr. Felix Genn
hier zu einem Text zu kommen, der gewissermaßen
einwandfrei ist. Im Übrigen geht diese Vorlage da-
von aus, dass wir das nur im Verbund mit der uni-
versalen Kirche besprechen und zur Entscheidung
Gabriele Otten
führen können. Deshalb setzt dieses Papier voraus, Fachleiterin für Katholische Religions-
dass wir als deutsche Kirche – sowohl Bischöfe als lehre am Zentrum für schulpraktische
auch die übrigen Vertreterinnen und Vertreter der Lehrerausbildung Rheine
Fachberaterin für Katholische Reli-
Synodalversammlung zu einem Text finden, der gionslehre für die Bezirksregierung
es wert ist, weitergeleitet zu werden, damit er auf Münster
der Ebene der Weltkirche breit diskutiert wird.
Dabei spielen wir eine wichtige Rolle, weil wir die Reaktionen und Anfragen zu diesem Artikel können Sie an
Argumente anführen, die seit Jahren von vielen kus@bistum-muenster.de senden.
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