KUNST EINSICHT 17 2/2020Nr - Kunstmuseum Bern
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KUNST 17
Das gemeinsame Magazin von
Kunstmuseum Bern und Zentrum Paul Klee
2/2020
Nr.
EINSICHT
Seite 14
Realität, Vision, Utopie –
Kunst in Zeiten der KriseEvent & Congress Location
Zentrum Paul Klee, Bern
Inspirierender Raum für Dialog, Begegnung und Erlebnis
Ob Workshop, Tagung, Seminar, Konferenz oder Konzert – das Zentrum Paul Klee verleiht
Ihrer Veranstaltung eine unvergleichliche Atmosphäre.
Entdecken Sie die aussergewöhnliche Location mit beeindruckender Architektur, lassen Sie
sich vom kulturellen Rahmenprogramm inspirieren und profitieren Sie von der international
ausgezeichneten Multimediainfrastruktur in den Räumlichkeiten.
www.zpk.org/events
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VeranEditorial
Das Jahr 2020 fordert und prägt uns alle. Zentrum Paul Klee von seiner rebellischen
Unsere Welt sei vom Erstickungstod be- und geniesserischen Seite kennenlernen
droht, sagt der kamerunische Theoretiker können. Bis es soweit ist, tauchen wir in die
Achille Mbembe in seinem Essay, und dies eindrücklichen Fotografien der «unheilbar
nicht nur wegen der Corona-Pandemie. Was Reisenden» Annemarie Schwarzenbach ein
kann Kunst in solchen Krisensituationen und begeben uns mit Paul Klee in die Ferne.
leisten? Sie kann uns mit unseren Emotio- Mit Bernhard Giger, dem abtretenden Leiter
nen konfrontieren, uns neue Blicke auf des Kornhausforum Bern, und Roger von
die Realität eröffnen und unseren Horizont Wattenwyl, dem Präsidenten der Stiftung
erweitern. Gleich zwei Ausstellungen im Albert Anker-Haus Ins haben wir über Ver-
Kunstmuseum Bern setzen sich aus unter- gangenheit, Gegenwart und vor allem die
schiedlichen Perspektiven mit dieser Macht Zukunft gesprochen.
von Kunst auseinander, und die Kuratorin-
nen Kathleen Bühler und Marta Dziewańska
lassen uns im Gespräch an ihren Ideen
Nina Zimmer
teilhaben. Noch etwas gedulden müssen Direktorin Kunstmuseum Bern —
wir uns, bis wir Paul Klee ab Januar im Zentrum Paul Klee
Inhalt
Persönlich Debatte
6 Bernhard Giger 23 Achille Mbembe
Der abtretende Leiter des Kornhausforum Bern und Das allgemeine Recht
Präsident des Vereins bekult über zwölf spannende
Jahre, die Herausforderungen im Kulturbetrieb und
aufs Atmen
seine Zukunftspläne. Der kamerunische Historiker, Politwissenschaftler und
Theoretiker über eine Welt, die vom Erstickungstod
bedroht ist.
Ausstellung
8 Nordkorea Zu Besuch
Let’s Talk about Mountains 28 Ein Pavillon für
Das Alpine Museum der Schweiz zeigt ab 20. Februar
2021 eine filmische Annäherung an das verschlossene
Albert Anker
Land Nordkorea. Sie zwingt hinzusehen, zuzuhören – Roger von Wattenwyl, der Präsident des Stiftungsrates
und Fragen zu stellen. der Stiftung Albert Anker-Haus Ins, über den grossen
Schweizer Maler und das geplante Centre Albert Anker.
Ausstellung
12 Paul Klee
34 Forum
Rebell & Geniesser 38 Kalender
Vom Teufel besessen und den Göttern nah: 39 More to See
Das Zentrum Paul Klee zeigt Paul Klee in all seinen 40 Agenda
Widersprüchen. 50 KolumneEntdecken Eintauchen
Liebe Aare Wundergärten und
Die Aare ist der längste Fluss innerhalb Herbarien
der Schweiz. Sie entspringt in den Berner
Alpen, speist den Brienzer-, den Thuner-
und den Bielersee, umschliesst die Berner
Altstadt in einer Umarmung. Ob kalt oder
warm, smaragdgrün oder braun, wild oder
ruhig und träge — die Aare ist Kult. Viele
lieben sie, einige fürchten sie, alle spre-
chen über sie, besonders in den warmen
Monaten, wenn der Fluss zum Bad oder
zum weit über die Berner Kantonsgrenzen
hinaus bekannten «Aareböötle» lockt.
Liebe Aare thematisiert den Fluss in all
seinen Facetten — vom Berner Oberland
bis zur Rheinmündung. Von geologischen
Eigenheiten, Wassertemperaturen, Flora
und Fauna, Fan-Typen, Wasserfarbe und
Namenserklärung über spezielle Orte
in und an der Aare bis hin zu Songs über
die Aare ist in den lehrreichen und unter-
haltsamen Texten und Infografiken alles
zu finden.
Stephanie Christ, Sabine Glardon,
In der bildenden Kunst sind sie allgegenwärtig: Freude an ästhetischen Formen vereinigten
Maria Künzli
Blumen. In Form von frischgepflückten und Botanisierbüchse und Herbarium in
Liebe Aare. Ein grafisches Fanbuch
Sträussen, detailreichen Studien, üppigen fast jedem bürgerlichen Haushalt zu finden
über den schönsten Fluss der Welt
Gärten, bunten Wiesen, als Hutschmuck waren.
Werd & Weber Verlag AG
oder, wie in Ernst Kreidolfs Blumen-Märchen,
60 Seiten, gebunden, CHF 29
als vermenschlichte Blumenwesen. Aber Wundergärten. Ernst Kreidolf und die
nicht nur das: Der Schweizer Bilderbuch Pflanzen in der Kunst
illustrator malte sie auch in Stillleben und Vortrag von Anna Lehninger
illustrierte Schulbücher wie Roti Rösli im Sonntag, 15. November 2020, 11 Uhr
Garte. Das Begleitprogramm zur Ausstellung Kunstmuseum Bern
Wachsen — Blühen — Welken. Ernst Kreidolf
und die Pflanzen (04.09.2020—10.01.2021) Als Flora regierte. Ernst Kreidolf und
im Kunstmuseum Bern geht dieser Faszi die Pflanzenbegeisterung seiner Zeit
nation für Pflanzen im Rahmen von zwei Vor- Vortrag von Margrit Wyder
trägen auf den Grund. Dienstag, 1. Dezember 2020, 18 Uhr
Kunstmuseum Bern
Die Kunsthistorikerin Anna Lehninger blättert
durch Pflanzenbilder seit der Frühen Neu- Zur Ausstellung ist beim Michael Imhof
zeit und lädt zu einem Spaziergang durch Verlag ein Katalog erschienen. Wachsen —
die Blumengärten der bildenden Kunst. Blühen — Welken. Ernst Kreidolf und
Margrit Wyder, Wissenschaftshistorikerin am die Pflanzen, 128 Seiten, Hardcover, mit 179
Herbarium der Universität Zürich, betrach- Farb- und 4 Schwarz-Weiss-Abbildungen,
tet Ernst Kreidolfs Blumenwerke im Kontext CHF 29
ihrer Entstehungsepoche, als sich Wissen- Ernst Kreidolf, Iris, Bleistift und Aquarell auf Papier
schaft, Patriotismus, Naturerfahrung und 45,2 × 42,3 cm, Kunstmuseum Bern, Verein Ernst Kreidolf
4Shop In der Nähe
Porzellan Kunstherbst
kollektion Bern
«UNSEEN»
Ob für Tee, Kaffee, als Vasen oder zur Deko-
ration — die Porzellangefässe von Yael
Anders lassen sich vielseitig einsetzen und
kombinieren. Die Objekte, von denen jedes
ein Unikat und handbemalt ist, spielen mit
Upcycling
Kontrasten: Ihre klaren, minimalistischen
Formen treffen auf intuitiv entstandene
Vanto Acrylglas- Linien und organische Muster in purem
Porzellan-Weiss, Anthrazit-Tönen und Blatt-
Ohrringe gold.
Lokales Upcycling: Die einzigartige Ohrring- Das Kunstmuseum Bern und das Zentrum
Kollektion von Veronica Antonucci wird Paul Klee haben den Kunstherbst einge-
aus Acrylglas-Abfällen aus der Industrie läutet. Sechs hochkarätige Ausstellungen,
hergestellt, die in einem Radius von 100 km drei Meisterkonzerte, zweimal Brunch im
um den Produktionsort Biel gesammelt Klee sowie eine Lesung von Franz Hohler
werden. Und sie recycelt nicht nur die In- und ein Literaturgespräch mit Mathias
dustrieabfälle: Auch die Schnittreste aus Énard stehen auf dem Programm der bei-
dem eigenen Atelier werden geschreddert, den Häuser. Und weil Reisen im Moment
erhitzt, gepresst und zu neuem Schmuck nur eingeschränkt möglich ist, bringt die
verarbeitet. Die wunderschönen Farb- Kunst die Ferne nach Bern: Mit Paul Klee
und Formkombinationen bringen Schwung Italien, Frankreich und Nordafrika besu-
in jedes Outfit und sind echte Hingucker. chen, mit Annemarie Schwarzenbach die
CHF 75—100 im Museumsshop Zentrum 100 % handgefertigt in Zürich. CHF 55—120 Weiten der USA, der ehemaligen Sowjet-
Paul Klee. im Museumsshop KMB. union und des Iran entdecken oder mit der
Daros Latinamerica Collection der utopi-
schen und revolutionären Kraft von Kunst
in Lateinamerika auf die Spur kommen.
Wir gratulieren! Aber Bern ist nicht nur Kunststadt, sondern
auch Wasserstadt, Genussstadt, grüne
Aljoscha Ségard Stadt — sie hat ebenso viele Facetten wie
Brunnen, Lauben und Kunstplätze. So
können etwa im Chun Hee, gleich neben
dem Münster, koreanische Spezialitäten
geschlemmt werden und der PROGR ist
Heimat von alternativer Kulturproduktion,
Café-, Bar- und Clubbetrieb in einem.
Für diejenigen, die mit offenen Augen durch
die Bundesstadt spazieren, eröffnet sich
der Blick aufs Meer und idyllische Schwei-
zer Landschaftsszenen in taiwanesischem
Stil, auf einen launischen Stadtbach,
welcher der Gravitation zu trotzen scheint,
wasserspeiende Kunstwerke und Meret
Aljoscha Ségard, der Enkel Paul Klees, feiert ausstellung im Zentrum Paul Klee musste Oppenheims «wachsenden» Brunnen. Hin-
2020 seinen 80. Geburtstag. Aus diesem An- aufgrund des Coronavirus verschoben wer- gehen — Innehalten — Einkehren und diesen
lass ist in der Edition Till Schaap ein Buch den. Sie findet nun im Sommer 2021 statt. Herbst in Bern die weite Welt entdecken.
zum vielseitigen Schaffen, welches der
Schweizer Maler, Grafiker und Objektkünst- Aljoscha Ségard
ler in den letzten Jahrzehnten entwickelt Mit einem Vorwort von Fabienne Eggelhöfer
hat, erschienen. Nebst zahlreichen Werkab und einem Essay von Konrad Tobler
bildungen beinhaltet es einen Essay des Texte D/F/E, Bern: Till Schaap Edition, 2020
Berner Autors und Kulturjournalisten Konrad 304 Seiten, in Naturleinen gebunden,
Tobler sowie ein Vorwort der Kuratorin zahlreiche Werkabbildungen in Farbe, CHF 59.
Porträt von Annemarie Schwarzenbach mit Kamera, 1939
Fabienne Eggelhöfer. Die ursprünglich für Fotograf: unbekannt, © Esther Gambaro, Nachlass Marie-
Sommer 2020 vorgesehene Geburtstags- Foto: Monika Flückiger Luise Bodmer-Preiswerk
5Persönlich
Engagiert, fokussiert,
pointiert
Bernhard Giger
Nach zwölf Jahren zieht sich Bernhard Giger Ende 2020 als Leiter des
Kornhausforum Bern zurück. Im Gespräch erinnert er sich an
spannende Debatten und vielbesuchte Ausstellungen und spricht
über die Schwierigkeiten, mit denen der Kulturbetrieb in der aktuellen
Situation zu kämpfen hat. Und er blickt in die Zukunft der Berner
Kultur, die er mit seinem Engagement als Präsident des Vereins bekult
weiterhin mitprägen wird.
MARIA-TERESA CANO Herr Giger, die Corona-Pandemie durch-
dringt jeden Lebensbereich. Wie führt man in diesen Zeiten eine
Institution wie das Kornhausforum Bern, die von der Zusammen-
kunft der Menschen und deren Austausch lebt?
BERNHARD GIGER Für das zweite Halbjahr haben wir in der Pla-
nung gewisse Korrekturen vorgenommen. Dennoch versuchen
wir, einen einigermassen normalen Betrieb zu führen. Soweit An-
Bernhard Giger, seit 2009 wesenheitslisten und Gesichtsmasken normal sind. Aber jetzt ist
und noch bis Ende Jahr
Leiter des Kornhausforum vor allem eines entscheidend: Dass dieses sanfte Wiedererwachen
Bern, im Stadtsaal. der Kultur nach Corona sich auch festigen kann. Die Kultur muss,
wie auch immer, wieder spielen können, auf den Bühnen, in den
Museen, auf den Plätzen. Die Vorstellung ist entsetzlich, Kultur
nur noch gestreamt konsumieren zu können. Geisterspiele sind
nicht nur im Fussball tödlich.
MTC Sie haben das im Jahr 1998 eröffnete Kornhausforum 2009 über-
nommen und werden sich Ende Jahr altershalber zurückziehen.
Was denken Sie über Ihre Zeit im Kornhaus?
BG Es war eine grossartige Zeit. Ich habe das Kornhausforum nach
der Wiedereröffnung 2009 übernommen, mit weniger öffentli-
chen Mitteln als zuvor und mit neuem Konzept. Man gab uns
nicht besonders viel Kredit. Aber das Kornhausforum ist zur Platt-
form in der Mitte der Region geworden, seine Debatten werden
gehört und seine Ausstellungen beachtet. Besonders die Foto-
grafie-Ausstellungen werden von Tausenden besucht, und es gibt
dafür in Bern unterdessen ein festes Publikum.
6Bernhard Giger
MTC Gibt es eine Ausstellung, die Sie wahnsinnig gern gemacht hätten, MTC Wie erleben Sie in diesem Zusammenhang die Unterstützung
die aber aus irgendeinem Grund nicht zustande gekommen ist? durch Politik und Behörden?
BG Es gibt einen Stapel mit solchen Ausstellungsprojekten. Auch BG Der Gegenwind ist härter geworden. Kulturförderung ist nicht
wenn wir ein relativ dichtes Ausstellungsprogramm hatten, liess mehr so selbstverständlich wie noch vor ein paar Jahren. Und
sich vieles nicht umsetzen. Oft waren es vor allem finanzielle grosse Projekte, Visionen gar, von denen noch kürzlich als Leucht-
Gründe. Das Kornhausforum verfügt über extrem beschränkte türme die Rede war, werden hintenangestellt. Oder habe ich in
Mittel, da stösst man rasch an Grenzen. Aber wir haben probiert, letzter Zeit irgendeine Neuigkeit zum Museumsprojekt an der
mit dem, was da war, das Beste zu machen. Ich glaube, das ist uns Hodlerstrasse verpasst?
nicht schlecht gelungen. Das Kornhausforum machte wohl die MTC Sie werden auch weiterhin den Verein bekult – den Dachverband
kostengünstigsten Ausstellungen der Stadt, und angesichts der der Berner Kulturveranstalter*innen – präsidieren. Was tut dieser
guten Eintrittszahlen auch einige der erfolgreichsten. Verein, was kann er bewirken?
MTC Im Kornhaus wird der Gedanke des Forums gelebt, das Zentrum BG Die über 80 Mitglieder von bekult vertreten das ganze Spektrum
Paul Klee ist ein Mehrspartenhaus: Die Idee von offenen Kultur- des Berner Kulturangebots. Wir sind nicht branchengebunden
häusern, die verschiedene Interessengruppen und Gesellschafts- und mischen uns in die alltäglichen Belange der Kulturstadt Bern
bereiche zusammenbringen, scheint eine gute Möglichkeit, Pub- ein. Damit es endlich nicht nur in den Aussenquartieren, sondern
likum anzusprechen und aktiv einzubinden. Wie kann dieser auch in der Innenstadt Kultursäulen gibt. Damit, leider ohne Er-
Ansatz weiterentwickelt werden? folg, die Bundesmillion weiter fliesst. Damit der Kulturkredit
BG Das liegt ganz an uns, den Kulturschaffenden, den Ver- nicht gekürzt wird. Solche Dinge. Jetzt, in Corona-Zeiten, ist es
anstalterinnen und Veranstaltern, wie wir unsere Besucher*innen sicher gut, dass die Kultur in Bern eine solche Stimme hat. Und
abholen. Gerade jetzt, mit der durch Corona ausgelösten Ver- mich dünkt, die Politik hört uns auch zu.
unsicherung, in der viele nicht mehr recht wissen, wie sie mit MTC Sie waren lange Jahre Journalist und Redaktor beim Bund und der
Kultur umgehen sollen, ist das zentral. Niederschwelligkeit ist da Berner Zeitung, seit über einer Dekade leiten Sie nun das Korn-
sicher wichtig, im Preis und in der Form. Der Kulturbetrieb könn- hausforum. Aber eigentlich kommen Sie ja vom Bild: Sie haben
te günstiger werden. Ganz einfach: mehr freier Eintritt. Er müsste eine Ausbildung als Fotograf und Sie drehten zahlreiche Spiel-
aber auch flexibler werden in seinen Formen der Vermittlung, und und Dokumentarfilme. Wie hat Sie dieser Bezug zum stillen und
vielleicht etwas bescheidener in seinen Ansprüchen. zum bewegten Bild begleitet? Und kehren Sie in Zukunft wieder
MTC Bern hat seit jeher ein sehr vielfältiges kulturelles Leben, kleine zum Bild zurück?
Formate bestehen neben grossen Institutionen, es gibt viel Expe- BG Mit den Fotografie-Ausstellungen im Kornhausforum kehrte ich zu
rimentelles, aber auch Bewährtes. Ein bunter Mix und ein riesiges meinen Anfängen zurück, das war ein Heimkommen. Aber das foto-
Angebot für die kleine Bundesstadt. Wie kann dieses Angebot grafische Bild, ob still oder bewegt, hat mich immer begleitet, zuerst
bewahrt und weiter gefördert werden? als freier Fotograf, dann als Mitarbeiter der Kellerkinos, als Filmer,
BG Ich fürchte sehr um die Vielfalt der Berner Kultur. Gewiss, die als Redaktor auf Zeitungsredaktionen. Und ja, klar, eine Rückkehr
Institutionen mit den Leistungsverträgen, also auch das Korn- zum Bildermachen, Fotografie oder Film, das wünsche ich mir, da
hausforum, die werden irgendwie durchkommen – mit zünftigen gibt es genug Bilder im Kopf und in der Schublade. Für 2021 gibt es
Defiziten vielleicht, aber durchkommen. Doch was der Corona- ein Ausstellungsprojekt in der Galerie Béatrice Brunner.
Stillstand im Kulturbetrieb wirklich verursacht hat und noch an- MTC Gibt es einen Film, den Sie mit auf die einsame Insel nähmen?
richten wird, wissen wir nicht. Und vor einer ungewissen Zukunft BG Also zehn müssten das schon sein, die da mitkämen. Darunter
stehen ja nicht nur kleine Betriebe oder freie Gruppen: Lassen wären sicher Une partie de campagne von Jean Renoir, The Tarnished
sich grosse Festivals wie Gurten oder Buskers überhaupt noch so Angels von Douglas Sirk und L’albero degli zoccoli von Ermanno
durchführen wie bisher? Oder näherliegend: Gibt es im Stadtsaal Olmi. Und vielleicht Les deux anglaises et le continent, ein Liebes-
des Kornhausforums je wieder Partynächte mit 500 jungen Men- film von François Truffaut, den ich zu meinem 30. Geburtstag im
schen, die sich verdammt nahe kommen? Die Vielfalt der Berner Kellerkino gezeigt habe, weil ich damit eine Frau verführen wollte.
Kultur baut auf einem sehr fein gewobenen Netz. Ich bin nicht b Das Interview führte Maria-Teresa Cano, Leiterin Kommunika-
sicher, ob es hält. tion und Öffentlichkeitsarbeit.
«Aber jetzt ist vor allem eines entscheidend: Dass
dieses sanfte Wiedererwachen der Kultur nach Corona
sich auch festigen kann. Die Kultur muss, wie auch
immer, wieder spielen können, auf den Bühnen, in den
Museen, auf den Plätzen. Die Vorstellung ist entsetzlich,
Kultur nur noch gestreamt konsumieren zu können. »
7Nordkorea
Unten: Willkommen im
Skiresort Masikryong. Die
Alpines Museum der Schweiz
Hotelangestellten Park
un-Jung und Kim sun-Young
in der Après-Ski-Zone
Oben: Fototermin einer
ab 20.02.2021
Arbeiterbrigade auf dem Videostills: Alpines Museum
Paektusan, dem höchsten der Schweiz / Katharina
Gipfel Nordkoreas Schelling
8Ausstellung
Nordkorea
Let’s Talk about Mountains
Was fällt Ihnen als erstes ein, wenn Sie den Niesen oder den Gantrisch denken. Aber Es geht um Dialog und Verständigung mit Men-
«Nordkorea» hören? Raketentests? Massen- der Paektusan, der höchste Berg Nordkoreas, schen aus einem Land, das hinter Mauern ver-
aufmärsche? Die Menschenrechts- oder und der Hallasan, der höchste Berg Südkoreas, schwindet. Das Filmteam fragte, Menschen
Ernährungssituation? Das Alpine Museum sind ideologische Landmarken. Sie waren antworteten. Zum Beispiel auf dem Kumgang-
der Schweiz zeigt ab 20. Februar 2021 eine 2018 die symbolischen Referenzpunkte der san, im Gebirge nahe der Demarkationslinie
filmische Annäherung an das verschlossene einmal mehr versuchten Verständigung auf zu Südkorea. Die nordkoreanischen Wander-
Land. Ein Filmteam des Alpinen Museums höchster Staatsebene, als sich die beiden touristen werden nach den Bergen im Süden
reiste 2018 und 2019 während mehrerer Staatschefs aus Nord- und Südkorea, Kim gefragt, auf dem Hallasan, dem einzigen Film-
Wochen nach Nord- und Südkorea und suchte Jong-un und Moon Jae-in, auf dem Paektusan drehort in Südkorea und höchsten Berg auf der
an unterschiedlichen Schauplätzen — im begegneten. Berge sind in Nordkorea wie Ferieninsel Jeju-do, nach den Bergen im Nor-
Stadtpark, auf Berggipfeln, im Schulzimmer überall auf der Welt mehr als topografische den. Die Antworten fielen beidseits berührend
— das direkte Gespräch. Die Ausstellung Erhebungen. Sie sind Bestandteil kultureller offen aus. Die Reise in der Ausstellung führt
Let’s Talk about Mountains. Eine filmische und ideologischer Konstruktionen, die in der auf den Stadthügel Pjöngjangs, in den Ge-
Annäherung an Nordkorea wird das Publi- Kulturgeschichte oft weit zurückgreifen, aber schichts-, Geografie- und Zeichenunterricht in
kum herausfordern. Sie zwingt hinzusehen, auch wandlungsfähig sind. Der Paektusan ist mehrere Schulzimmer, hinauf auf Berggipfel,
zuzuhören — und Fragen zu stellen. ein mächtiger Vulkanberg an der nord- ins vermeintliche Guerilla-Camp am Fusse des
koreanischen Grenze zu China. Er ist im öf- Paektusan, in Kunstateliers, in Landwirt-
Ja, Reisen nach Nordkorea sind möglich. Es fentlichen Raum Nordkoreas omnipräsent, schaftsbetriebe der hügeligen Provinz und ins
gibt sie in Reisebüros als fixfertige Angebote, weil er für die Macht der herrschenden Dynas- grosse Skiresort von Masikryong. Die Kamera
ähnlich wie Kreuzfahrten oder Pauschal- tie steht. Der heilige Berg Koreas, den auch schaut manchmal auch nur zu. Etwa auf dem
arrangements im mediterranen Ferienresort, das alte China verehrte, mutierte in der nord- Gipfel des Paektusan beim geschäftigen Selfie-
und es gibt massgeschneiderte Reisen, die ihr koreanischen Lesung zum «heiligen Berg der Treiben.
eigenes Programm verfolgen. Let’s Talk about Revolution», in Südkorea ist er immer noch Let’s Talk about Mountains kommentiert
Mountains gehörte zur zweiten Kategorie. der «heilige Berg Koreas», der für Süd- nicht, sondern zeigt. Zu den Filmbildern er-
Doch auch da gilt immer: Ein freies, selb- koreaner*innen nur von der chinesischen scheint ein reich illustriertes Magazin, das die
ständiges Reisen in Nordkorea ist nicht mög- Seite zugänglich ist. Berge sind mit ihrem Themen der Filmräume aufgreift, vertieft und
lich. Reisen sind immer begleitet von hervor- ideologischen Gewicht selbstverständlich interpretiert. Namhafte Nordkorea-Expert*in-
ragend ausgebildeten Guides, die auch als auch Stoff in den Schulen, was Schweizer*in- nen konnten als Autor*innen gewonnen wer-
Übersetzer wirken. Das Programm wird im nen leicht nachvollziehen können. Rütli, den. Ein breites Vermittlungs- und Ver-
Voraus festgelegt. Reisen in Nordkorea brau- Gotthard und Réduit lassen grüssen. Berge anstaltungsangebot mit weiteren Berner
chen eine staatliche Bewilligung. Reisen mit sind zudem Schauplätze von Freizeitver- Kulturinstitutionen ist in Vorbereitung, unter
Dreharbeiten in Nordkorea brauchen mehrere gnügen, von Tourismusinvestitionen und von anderem mit dem Kunstmuseum Bern und
staatliche Bewilligungen, aber sie sind mit prekärer Berglandwirtschaft. Und Berge sind seiner Korea-Ausstellung Grenzgänge mit
etwas Hartnäckigkeit, Charme und Willen zur seit Jahrhunderten Gegenstand von Kunst Kunstwerken aus der Sammlung Uli Sigg.
Zusammenarbeit möglich. Let’s Talk about und Kultur, von Ästhetik, Schönheit und stili- b Beat Hächler, Direktor des Alpinen Museums
Mountains entstand als Angebot des Alpinen sierter Harmonie, buddhistische Religion in- der Schweiz und Kurator der Ausstellung
Museums der Schweiz an die Botschaft Nord- begriffen. Die Künste – Malerei, Musik, Film,
koreas in Bern. Nordkorea hat 25 Millionen Literatur – kommen ohne Berge nicht aus. Das
Einwohner*innen. Wir wollten mit einigen ist in Nordkorea nicht anders. Let’s Talk about Alpines Museum der Schweiz
wenigen an von uns gewünschten Schau- Mountains versucht dies zu zeigen. Let’s Talk about Mountains.
plätzen über Berge sprechen. Das mag etwas Das Material, aus dem die Ausstellung Eine filmische Annäherung an Nordkorea
harmlos klingen, wenn wir an Gespräche über derzeit entsteht, ist überraschend unaufgeregt. ab 20. Februar 2021
9Kindermuseum Creaviva
Kunst in
unsicheren Zeiten
Am 14. Mai 2020, drei Tage nach unserer Wiederauferstehung, In Zeiten von
wollten wir von unseren Gästen wissen, welche Rolle Kunst vor dem Krisen ist Kunst für mich wichtig, weil …
Hintergrund der aktuellen Pandemie für sie gespielt hat. Hier eine
kleine Auswahl von Antworten, die uns erreicht haben:
… Kunst das Leben atmen lässt – und wer atmet, bleibt begeistert!
b Andreas, 50
… sie mich froh macht und mir zeigt, wie bunt und gross die
Welt ist. b Félix, 5
… sie das Leben bereichert, schöner macht, Gedanken herausfordert,
die Sinne schärft, provoziert, ethische Fragen aufwirft, beruhigend
wirkt, Entwicklungen nachverfolgt und Identifikation schafft.
Das Creaviva ist
b Bea, 59
für mich unverzichtbar, weil …
… sie mir hilft, die Gedanken fliegen zu lassen. b Rolf, 69
… meine Enkelin im Creaviva mit 5 Jahren entdeckt hat, dass sie,
wie Paul Klee, mit verschiedensten Materialien etwas gestalten
kann, zaubern kann. Immer wieder wünscht sie sich ins Creaviva zu … sie mich darin unterstützt, zu realisieren, was Gesundheit und
gehen. Der nächste Enkel wird sich hoffentlich genauso abenteuer- Leben überhaupt bedeuten, und wie privilegiert ich bin. b Martin, 74
lustig in die Kunst wagen. b Jeannette, 68
… sie ein immerwährender Ort ist, der lebt, egal auf welchen Rutsch-
… es daran erinnert, die kindliche Lust, Freude und Verspieltheit bahnen des Lebens oder Leidens. Kunst zeigt uns den Weg im Alltag,
beim Gestalten zu behalten. b Sarah, 42 in unserm Sein, wo immer wir unterwegs sind, auch im Träumen!
b Paul, 34
… ich in der Schweiz keine andere Institution kenne, die mir und
meinen Enkeln Kunst so unverkrampft und inspiriert nahezubringen … sie eine Begegnung ermöglicht, die lautlos und direkt in meinem
vermag. b Max, 54 Herzen Gefühle hervorbringt, die aus meinem tiefsten Innersten
kommen. b Georg, 78
… es ein Ort ist, der mich einlädt zum Experimentieren, in Farben
und Formen zu schwelgen, und ich mir dadurch nahe bin und mich
lebendig und erfinderisch erleben darf. b Jan, 33
… für Gross und Klein ein Raum geschaffen wird, um sich in der
Kreativität zu entfalten – ein grenzenloses «Hier und Jetzt» mit
Staunen. b Simone, 44
… ich es liebe, Freude in den Augen meiner Kinder zu sehen, wenn Wären die Türen des Kindermuseums zu
sie Neues entdecken, schaffen können und sie aufgeregt und stolz geblieben, hätte ich …
auf ihr Ergebnis sind. b Ivana, 38
… dem Zauberer um die Ecke seinen Zauberstab stibitzt und
… es einfach gut tut, dort zu sein! Diese Vielfalt an Farben, Formen das Creaviva wieder hergezaubert. Subito. Ohne Wenn und Aber!
und Ideen. b Christel, 66 b Eva, 59
10Ausstellung
Paul Klee, Côte de
Provence 1, 1927, 229,
Aquarell auf Papier auf
Karton, 15,1 × 23,5 cm,
Zentrum Paul Klee, Bern
Mapping Klee
«Ohne Phantasie wird nichts»
Zentrum Paul Klee
05.09.2020 – 24.01.2021
Ausstellung statt All-inclusive: Mit Mapping hatte, gaben ihm stets neue Impulse für sein Serie von 17 Zeichnungen nimmt Klee uns bei-
Klee in ungeahnte Welten eintauchen und kreatives Schaffen. Und doch wirkt Klees spielsweise mit auf einen schaurigen Spazier-
das grenzenlose Reich der Fantasie bereisen. Spätwerk – trotz Reisestopps – nicht ärmer gang durch einen Infernen Park. eingangs be-
Beglückend, inspirierend, Horizont erwei- oder uninspirierter als seine früheren Arbei- treten wir den Schauplatz, überwinden eine
ternd und garantiert CO2-neutral. ten. Im Gegenteil: In seinen letzten Lebens- scheinbare Überbrückung, passieren die Mord-
jahren steigerte Klee seine Produktion ins Stelle, ehe wir uns zur verfrühten Rast nieder-
Paul Klee reiste gern: nach Italien, an die fran- Unermessliche – mit über 1300 registrierten lassen. Die Titel und reduzierten Zeichnungen
zösische Mittelmeerküste, bis nach Tunesien Werken allein im Jahr 1939. «[…] ich komme evozieren Bilder im Geiste des Betrachtenden
und Ägypten. Seine Aufgaben als Lehrperson diesen Kindern nicht mehr ganz nach. Sie ent- und lassen doch genügend Raum für die eigene
am Bauhaus empfand er zuweilen als Be- springen», schrieb Klee im Dezember 1939 an Ausgestaltung der Leerstellen.
lastung. Der regenerativen Kraft seiner Ferien seinen Sohn Felix über seine sprudelnden Der therapeutische Nutzen von Fantasie-
in Südfrankreich, auf Porquerolles und Korsi- Bildeinfälle. reisen als imaginatives Verfahren zur Thera-
ka im Sommer 1927, bedurfte er so sehr, dass Woher kamen diese Scharen von «Kin- pie und zur Entspannung wurde erst Jahr-
er erst mit mehrwöchiger Verspätung zum dern»? Klees ungeheure Gabe der Imagination zehnte später erkannt. Und doch scheint dies
neuen Semester ans Bauhaus zurückkehrte. hauchte ihnen Leben ein. Körperliche Hin- in Klees Bildern bereits angelegt. Und nur zu
Ab 1933 waren es nicht mehr berufliche fälligkeit und geschlossene Grenzen konnten gerne beanspruchen wir, gerade in diesen
Verpflichtungen, die ihn am freien Reisen daran nichts ändern. Bereits früh hatte Klee Zeiten, die heilvolle Wirkung der Bilder und
hinderten. Nach der Machtergreifung der das Potenzial der Fantasie erkannt. Im Jahr begeben uns mit Klee auf eine Reise in die
Nationalsozialisten in Deutschland kehrte 1905 schrieb er an seine Verlobte Lily Stumpf: Fantasie – träumen von fernen Orten, tanken
Klee Ende des Jahres in seine Heimatstadt «In mageren Minuten sehe ich zu deutlich und Kraft und finden Inspiration und Ausgleich.
Bern zurück. Neben den veränderten politi- klar, es fehlt der Glaube, und die Welt bleibt b Kai-Inga Dost, Ausstellungsassistentin Zen-
schen Verhältnissen in Europa waren auch ungeschaffen. Ohne Phantasie wird nichts.» trum Paul Klee
eine finanziell angespanntere Lage und ab Was ihm damals zuweilen noch schwer zu
1935 Klees ernste Erkrankung schwer- fallen schien, kultivierte und perfektionierte
wiegende Hindernisse für grössere Unter- er bis zu seinem Tod: das Erschaffen neuer
nehmungen. Seine Reisemöglichkeiten be- Welten durch die Macht der Vorstellungskraft.
schränkten sich fortan auf die Schweiz – vor Seine Bildwelten sind bevölkert von
allem auf Kuraufenthalte. geheimnisvollen Wesen, absonderlichen Pflan- Zentrum Paul Klee
Die Erfahrungen und Beobachtungen, zen, und sie entführen uns an mystische Orte Mapping Klee
die Klee auf seinen früheren Reisen gemacht – auch in der Ausstellung Mapping Klee. In einer 05.09.2020 —24.01.2021
11Ausstellung
Paul Klee, nach der
Zeichnung 19/75, 1919, 113,
aquarellierte Lithographie,
22,2 × 16 cm, Zentrum
Paul Klee, Bern, Schenkung
Livia Klee
Paul Klee
Rebell & Geniesser
Zentrum Paul Klee
15.01.– 30.05.2021
12Rebell & Geniesser
Lernbegieriger Schüler mit Bestnoten und schlechtestes
Abitur seiner Klasse, jugendlicher Vagabund und
moderner Hausmann, seriöser Bauhausmeister und
Unterrichtsverweigerer, zurückgezogener Künstler
und Mitglied des Aktionsausschusses revolutionärer
Künstler im Zuge der Novemberrevolution, vom
Teufel besessen und den Göttern nah. Das Zentrum
Paul Klee zeigt Paul Klee in all seinen Widersprüchen.
Grotesken und Karikaturen bevölkern manche er regelmässig dem Unterricht bei Heinrich Reisen verzichtet er nicht gänzlich – er be-
Seiten von Klees Schulheften und -büchern Knirr und später Franz von Stuck fern und be- gleitet Flugzeugtransporte und «reist» so nach
und illustrieren seinen Drang zur Flucht vor gründet trocken seinen «Unfleiss» gegenüber Köln, Brüssel und an die Nordsee.
schulischen – und später alltäglichen, beruf- den Eltern damit, dass es diesmal «ganz der Mit ironischen Kommentaren und später
lichen sowie politischen – Verpflichtungen gleiche Fall wie früher [ist], wenn ich die seiner Kunst kritisiert Klee nicht nur das vor-
mittels Bleistift in eine fantastische Gegenwelt. Schule schwänzte, nämlich, weil es momen- herrschende Schulsystem, Bereiche der Kul-
In der Schulzeit publiziert Klee gemeinsam mit tan Wichtigeres zu tun gibt für mich.» Wich- tur- und Mentalitätsgeschichte der Schweiz,
seinen Mitschülern Hans Bloesch und René tiger sind Klee Reisen, musikalische Soirées, wirtschaftliche und politische Autoritäten
Thiessing die «stark gewürzte Commerszei- Theater- und Opernvorstellungen, Masken- während des Ersten und Zweiten Weltkrieges
tung» mit dem Titel Die Wanze. Er verleiht bälle, üppige Abendessen in Restaurants in Deutschland, sondern auch die für viele
seiner Ablehnung gegenüber dem «Zuchthaus sowie der Genuss seines Lieblingsgetränks: unsichtbaren alltäglichen Widersprüche des
Waisenhausstrasse» – Klees Berner Schulhaus «guter roter Wein». Den in München lehren- modernen Lebens. In seinem künstlerischen
und heutigem Atelierhaus PROGR – Aus- den «akademischen Büffeln» kehrt Klee bald Schaffen konfrontiert Klee sich und die Be-
druck, indem er in seinen satirischen Zeich- den Rücken und zieht sich zur Selbstaus- trachtenden immer wieder mit der Absurdität
nungen Teile der Lehrerschaft und ihre ver- bildung und -findung nach Bern in sein Eltern- des menschlichen Daseins. Die oppositionel-
altete Pädagogik attackiert. Ebenfalls mit haus zurück. le und geniesserische Seite Klees verträgt
Bloesch bereitet er 1908 das unveröffentlichte Auch zu Beginn des Ersten Weltkrieges sich schlecht mit autoritärem Gehabe. In
Buch Der Musterbürger vor. In sieben Illustra- schliesst er sich nicht der unter vielen be- allen Systemen, in denen er sich bewegt – ob
tionen verspottet Klee den spiessbürgerlichen freundeten Intellektuellen und Künstler*in- während der Schul-, Ausbildungs-, Militär-,
Menschen samt der schweizerischen Büro- nen in München ausbrechenden Kriegs- Eltern- oder später der Bauhauszeit –, findet
kratie, die um 1900 einen ersten Höhepunkt euphorie an. Anders als etwa Franz Marc er stets ein Schlupfloch, einen realen oder
erreicht. Er stellt den Protagonisten, einen meldet er sich nicht freiwillig zum Militär- imaginären Raum, und «ist einfach Mensch».
Beamten («Er kostete nie gestohlnes Obst, dienst, sondern flüchtet vor der «schreckens- Selbst wenn Klee die laute Revolution und das
war nie in Nachbars Garten») überspitzt, vollen Welt» in die abstrakte Kunst. Als Klee konkrete Politisieren lieber anderen über-
nunmehr als Karikatur seiner selbst, dar und 1916 schliesslich als Landsturmmann zur lässt, so zeugen sein Handeln und seine
legt so die Abgründe des vorbildlichen Men- deutschen Armee berufen wird, findet er Bilderwelten von einem Bewusstsein für die
schen offen. Wege, dem «verhassten Soldatenspiel» zu- «Traditionen der mächtigen Realitäten» und
Selbst Klees Entschluss, nach dem Abitur mindest teilweise zu entkommen und mietet seinem lebenslangen Versuch, «in der Stille
in München Kunst zu studieren, ist primär etwa ein privates Zimmer ausserhalb der Ka- das Unmögliche zu vollbringen» – mit Pinsel,
Akt der Rebellion und Emanzipation von sei- serne. Den so geschaffenen Freiraum nutzt er, Geige und Kochlöffel. b Livia Wermuth, kunst-
nem Elternhaus: Er stellt sich damit gegen um heimlich zu malen, zu musizieren und zu wissenschaftliche Volontärin Zentrum Paul
den Wunsch seines Vaters, der für das Doppel- kochen. In einer Zeit, in der die malerischen Klee
talent – als Geiger und Zeichner – eine Mittel und Materialien schwer zu beschaffen
Musikerkarriere vorsieht. In seinem Tagebuch sind, bedient er sich anderer Bildträger und
schreibt Klee über seine Vorliebe für Ver- verwendet etwa Reste von Leinen, die in den Zentrum Paul Klee
botenes, dass ihn weniger die bildende Kunst Gersthofener Werkstätten, wo er stationiert Paul Klee. Rebell & Geniesser
an sich, «als die Aussicht, möglichst bald weit ist, zur Bespannung der Flugzeugflügel ver- 15.01.— 30.05.2021
weg zu sein» nach München lockt. Dort bleibt wendet werden. Selbst auf sein geliebtes Eröffnung: Donnerstag, 14. Januar 2021
13Fokus
Realität
Vision
Utopie
Die Macht
von Kunst in
Zeiten
der Krise
Zwei Sammlungen und unzählige Geschichten:
Die Kuratorinnen Kathleen Bühler und Marta
Dziewańska sprechen über ihre Ausstellungen,
die vor und während der Corona-Pandemie
entstanden sind. Im Fokus stehen Emotionen,
Revolution und die Art und Weise, wie Kunst
werke in verschiedenen Realitäten immer wieder
neu aktiviert werden können.
Beide Ausstellungen im Kunstmuseum Bern, Crazy, Cruel and
Full of Love (J Seite 21) wie auch Tools for Utopia (J Seite 17),
sind Sammlungsausstellungen. Eine schöpft aus der Sammlung
von Gegenwartskunst des Kunstmuseum Bern, die andere aus
der Daros Latinamerica Collection. Obwohl auf verschiedenen
Kontinenten, zu unterschiedlichen Zeiten und vor anderen
politischen und sozialen Hintergründen entstanden, lassen sich
Parallelen zwischen den ausgestellten Werken ziehen. Sie alle
dokumentieren Krisen, verarbeiten extreme Situationen und
Emotionen und haben auch vor dem heutigen Hintergrund der
Corona-Pandemie nichts an Aktualität eingebüsst.
14Realität Vision Utopie
KATHLEEN BÜHLER Unsere Sammlung Gegenwartskunst ist für wie oft Kunstwerke erst Jahre nach ihrer Entstehung wirklich
mich eine Sammlung von Geschichten und Erfahrungen. Ich verstanden werden. Sie sind präzise Zeitdokumente, aber
möchte diese Werke nutzen, um auf empathische, aber auch auch Ausdruck von dazugehörigen Träumen von einer anderen,
sarkastische oder ironische Art und Weise darüber zu reflek- besseren Welt.
tieren, was wir momentan erleben. Künstler*innen haben in Die zeitgenössischen Werke hingegen reagieren extrem
ihren Werken schon immer ausserordentliche Gemütszustände aktiv auf ihr Hier und Jetzt. Es geht weniger um utopische
thematisiert, und mit der Ausstellung Crazy, Cruel and Full of Zukunftsvisionen als vielmehr um konkrete Wege, die Gegen-
Love schlage ich vor, sie unter dem Blickpunkt der globalen wart zu kommentieren, an ihr teilzunehmen und sie zu «reparie-
Covid-19-Pandemie und so als Antworten auf eine ganz aktuelle ren» — was letztendlich natürlich auch sehr viel mit der Zu-
Erfahrung zu lesen. Die Werkauswahl ist sehr kontrastreich kunft zu tun hat. Die chilenische Fotografin Paz Errázuriz zum
und soll die Unsicherheit und Haltlosigkeit widerspiegeln, der Beispiel macht mit ihren Schwarz-Weiss-Fotografien diejenigen
wir ausgesetzt sind. Ich habe mir erlaubt, die Werkinhalte Menschen sichtbar, die das System zensiert, kriminalisiert
spielerisch auf einer anderen Ebene zu befragen. Die Auswahl und unterdrückt. Sie konnte diese Bilder in ihrer Entstehungs-
umfasst deshalb unterschiedlichste Werke, die sich mit star- zeit nicht publizieren, worum es ihr aber auch nicht in erster
ken und ambivalenten Emotionen befassen, und die losgelöst Linie ging. Es ging vielmehr darum, für ihre Protagonist*innen
von ihrem Zeit- und Werkkontext gezeigt werden. Der Aus ein Umfeld des Vertrauens zu schaffen. Durch ihre Arbeiten
stellungstitel fasst dieses Wechselbad der Gefühle treffend — inhaltlich wie auch bezogen auf ihr Vorgehen — bot sie den
zusammen: Unsere Situation ist verrückt, sie ist grausam, aber bestehenden hierarchischen und gewalttätigen politischen
sie ist auch voller Liebe. Systemen die Stirn. Die Ausstellung folgt den Künstler*innen,
wenn sie sich mit den verletzlichen Körpern und den Minder-
MARTA DZIEWAŃSKA Ich denke, die ambivalenten Emotionen, heiten in der Gesellschaft auseinandersetzen. Eine Art be-
die du ansprichst, umschreiben die aktuelle Situation sehr gut. scheidene, sehr lokale und doch hoffnungsvolle, und meiner
Wir wissen nicht, was kommt, und verstehen nicht wirklich, Meinung nach mächtige Utopie. Das Gleiche versuchte ich
was passiert. Was konntest du von den ausgewählten Werken auch im Katalog umzusetzen. Er ist im Stil einer Zeitung gestal-
lernen? tet, in der wir den aktuellen Zeitgeist zu erfassen versuchen.
Historische Manifeste werden den Aussagen zeitgenössischer
KB Viele der Werke erzeugen aufgrund ihrer Motive oder ihrer Künstler*innen über die momentane Situation in Guatemala,
Machart widersprüchliche Reaktionen. Es ist nicht immer klar, Costa Rica, Chile, Kolumbien oder Brasilien gegenübergestellt.
was sie eigentlich darstellen. David Hominal zum Beispiel malt Im Fokus stehen die persönlichen Eindrücke und Emotionen:
seine romantischen Landschaften so übertrieben, dass er die lokalen Krisen, die individuellen Lebensgeschichten und
sie dadurch als Klischee entlarvt. Gleichzeitig durchbricht er Entscheidungen hinter der globalen Krise.
das Klischee und kreiert so eine beunruhigende Mehrdeutig-
keit. Manche Werke haben sprechende Motive, wie zum Beispiel KB Ich denke, das ist eine der Haupteigenschaften von Kunst:
Urs Lüthis doppeltes Selbstporträt. Das Werk verwebt zwei Sie kann einem alternative Perspektiven eröffnen und uns
unterschiedliche Zustände und kann als Kommentar zu frühe- dabei helfen, Wandlungspotenzial zu erkennen. Und das in den
ren Selbstporträts gelesen werden. Es ist die Ausstellung als unterschiedlichsten Situationen und losgelöst von ihrem Ent-
Ganzes, die mir hilft, die vielen Emotionen und diese aktuelle stehungskontext. Ihre Inhalte sind auf vielfältige Weise aktivier-
Gleichzeitigkeit von Lebenslust und Gefährdung zu verstehen. bar: Das Gemälde BLAU von Miriam Cahn zum Beispiel zeigt
Und sie ist ein Versuch, die Besucher*innen mit ihren eigenen einen Mann, eine Frau und ein Kind, die im Mittelmeer ertrinken,
Empfindungen zu konfrontieren, ohne dabei kathartisch und ist der Kommentar der Künstlerin auf die Flüchtlingskrise
wirken zu wollen. Wenn ich hier den Bogen zu Tools for Utopia im Mittelmeerraum. In einer wunderschönen Sinfonie in Blau
schlage, sehe ich eine starke Ähnlichkeit, obwohl diese Werke visualisiert Cahn die körperliche Todeserfahrung. Natürlich
in einem ganz anderen politischen Umfeld entstanden sind. ist dies immer noch der Inhalt des Werks, aber die Idee des
unkontrollierten Treibens im Sinne eines Nicht-Wissens wohin
MD Tools for Utopia setzt sich aus einem historischen und einem etwas führt, erhält durch die Pandemie eine zusätzliche Be-
zeitgenössischen Teil zusammen. Der historische Teil der deutungsebene.
Ausstellung umfasst Werke, die von 1950 bis in die 1970er-
Jahre entstanden sind. In dieser Zeit waren die meisten latein- MD Künstler*innen blicken über den Tellerrand. Sie schlagen mutige,
amerikanischen Länder Diktaturen. Die Künstler*innen ver- unmögliche und oftmals verrückte Sichtweisen vor, und gerade
suchten nicht nur das, was passierte, zu beschreiben, sondern jetzt brauchen wir unbedingt mutige Visionen.
die Gesellschaft und die Politik neu zu denken und sich eine
andere Welt zu erträumen. Anstatt die Werke anhand ästheti- KB Ich würde sagen, verrückte und grausame Visionen voller Liebe.
scher Parameter zu ordnen, habe ich versucht, sie als Aussagen
über und Szenarien für die Zukunft zu verstehen. Die Künst-
ler*innen waren nicht so sehr daran interessiert, Gemälde zu
schaffen, die in Institutionen hingen, oder unbewegliche Skulp- b Kathleen Bühler, Kuratorin der Ausstellung Crazy, Cruel and
turen, die in abstrakten Situationen gezeigt werden. Ihre Full of Love. Werke aus der Sammlung Gegenwartskunst
Kunstwerke behandelten sie als Werkzeuge zur Emanzipation. 12.09.2020 — 14.02.2021, im Kunstmuseum Bern
Ein wunderschönes Konzept, von dem wir heute lernen können, b Marta Dziewańska, Kuratorin der Ausstellung Tools for Utopia.
Kunst als politisches Werkzeug ernst zu nehmen. Ich bin Ausgewählte Werke der Daros Latinamerica Collection
überzeugt, dass Künstler*innen wie hochempfindliche Seismo- 30.10.2020 —21.03.2021, im Kunstmuseum Bern
grafen funktionieren — führen wir uns nur einmal vor Augen, b Text: Martina Witschi, Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit
15Ausstellung
Tools for
Utopia
Ausgewählte
Werke der
Daros
Kunstmuseum Bern Latinamerica
30.10.2020 — 21.03.2021 Collection
Die Ausstellung setzt sich mit den Spannungs
feldern zwischen Wirklichkeit und Traum,
Individuum und Gesellschaft, Vergangenheit und
Zukunft und ganz besonders zwischen Realität
und Utopie auseinander. Sie stellt historische
Werke zeitgenössischen gegenüber und zeigt
auf, wie lateinamerikanische Künstler*innen ihre
Arbeiten in unterschiedlichen historischen, so-
zialen und politischen Kontexten als Werkzeuge
zur Emanzipation genutzt haben.
17Tools for Utopia
In seinem programmatischen Text «El marco: un problema de la Mit der Gegenüberstellung von historischen und zeitgenössischen
plástica actual» (Der Rahmen: Ein Problem der Gegenwartskunst), Werken untersucht die Ausstellung, wie Kunst, die «den Willen zu
welcher 1944 publiziert wurde, führte der uruguayische Künstler handeln» erzeugt und zu einer «aktiven Inbesitznahme der Gegen-
Rhod Rothfuss seine Gedanken zum Bilderrahmen aus: Ein Gemälde, wart» (Interventionistisches Manifest) einlädt, von den Künstler*innen
erklärte er, sollte «in sich selbst beginnen und enden», und «die der nachfolgenden Generationen weitergeführt, weiter kompliziert
Kante der Leinwand spielt eine aktive Rolle im Kunstwerk». Der und hinterfragt wird. Wie haben die lateinamerikanischen Kunst
Blick auf die Kante und, als Konsequenz davon, über den Bilder bewegungen aus der Mitte des 20. Jahrhunderts die kulturelle,
rahmen hinaus wurde für lateinamerikanische Künstler*innen zum soziale und politische Vorstellungskraft beeinflusst? Wofür stehen
Erkennungsmerkmal: Anders als ihre europäischen und eher an diese Ideen und Hoffnungen heute? Was bleibt von ihrem ästheti-
formalistischen Problemen interessierten Vorgänger (Max Bill, Josef schen Erbe und dessen umfangreichen politischen Ambitionen?
Albers) interpretierten sie Konkrete Kunst als eine bildhafte Spra- Solche Fragen scheinen im aktuellen Kontext sozialer und politischer
che des Engagements und behandelten ihre zentrale Maxime — Spannungen — in Lateinamerika, aber auch weltweit — besonders
die Erfindung — als ihr mächtigstes revolutionäres Instrument. Die relevant, und Tools for Utopia versucht aufzuzeigen, wie dieses Erbe
«Auslöschung» des rechteckigen Rahmens — so einfach sie auch uns heute inspirieren und anregen kann.
scheinen mag — ermöglichte dynamischere Kompositionen, die mit
ihrer Umgebung in ganz neue Dialoge treten konnten. Der nach- b Marta Dziewańska, Kuratorin der Ausstellung
denkliche Betrachter wurde so zum teilnehmenden Subjekt, das b Übersetzung aus dem Englischen: Martina Witschi,
durch das Kunstwerk «auf wirkliche Gegebenheiten schliesst, und Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit
nicht auf Fiktionen» (Interventionistisches Manifest, 1946).
Kunstmuseum Bern
Den Ausgangspunkt der Ausstellung Tools for Utopia bilden Werke Tools for Utopia. Ausgewählte Werke der Daros Latinamerica Collection
von Künstler*innen aus Brasilien, Venezuela, Uruguay und Argen 30.10.2020 —21.03.2021
tinien, die zwischen den frühen 1950er-Jahren und späten 1970er- Eröffnungstag: Donnerstag, 29. Oktober 2020, 10—20 Uhr.
Jahren entstanden sind. Die Schönheit der Werke ist unbestritten, Am Eröffnungstag ist der Eintritt in die Ausstellung kostenlos.
sie wurden jedoch nicht aus rein ästhetischen Gründen ausgewählt.
Das Hauptauswahlkriterium war vielmehr ihre politische Dimension.
In einer Zeit entstanden, in der viele lateinamerikanische Länder
durch interne und internationale Konflikte gespalten und von bruta-
len, korrupten und unberechenbaren Diktatoren beherrscht wurden,
eröffneten diese Werke — ob konkret, neo-konkret oder konzeptio-
nell — Möglichkeiten, die Funktion von Kunst in politischen Systemen
weiterzudenken, deren Hauptmerkmale institutionalisierte Gewalt,
Repression und Zensur sind. Die Abkehr von der Leinwand, das
Durchbrechen des Rahmens und Experimente mit neuen Materialien
reflektierten die Unsicherheit der Zeit und waren Ausdruck einer
Suche nach Alternativen. So betrachtet stellen diese künstlerischen
Experimente Mittel der bewussten Grenzüberschreitung dar, denn
mit ihnen können soziale und politische Utopien geschaffen werden.
Den unscharfen und mehrdeutigen Begriff «Utopie» zu verwenden
mag gewagt scheinen. Anstatt für eine Fantasie der unmittelbaren
Darstellung plädiert die Ausstellung jedoch für eine Rückkehr zur
modernen Vorstellung von Utopie, wie sie von Ernst Bloch in seinem
Werk Das Prinzip Hoffnung (1954) entwickelt wurde. Für Bloch
ist die Utopie gleichbedeutend mit dem kritischen Potenzial, solch
«Die Schönheit der
gegensätzliche Kategorien wie «vorher» und «nachher», «innen»
und «aussen», «Optimismus» und «Pessimismus», die die Welt (und
unsere Vorstellungskraft) unterteilen, zu überwinden. Die Utopie
Werke ist unbestritten,
vermischt derartige Dichotomien, aktiviert unsere Fähigkeit zu träu-
men und wird so zu einer Waffe und Form des Widerstands. Die Er-
sie wurden jedoch nicht
neuerung der utopischen Hoffnung entspringt einem Unbehagen
am erlebten Hier und Jetzt, und die in Tools for Utopia gezeigten
Künstler*innen setzen ebendiese Hoffnung als zukunftsorientiertes
aus rein ästhetischen
politisches Werkzeug ein, um der Gegenwart mit Widerstand zu be-
gegnen und alternative Visionen zu entwickeln.
Gründen ausgewählt.
Die Ausstellung ist demnach rund um die Auffassung von Kunstwer-
ken als «Werkzeuge» aufgebaut. Sie bezieht sich auf die Geschichte
Das Hauptauswahlkrite-
von Arbeiten, die in unterschiedlichen sozialen und politischen
Kontexten die reine Darstellung zu überwinden versuchen, die Räume
rium war vielmehr ihre
ausserhalb des Kunstwerks beleuchten und so eine aktive Rolle in
der Umgestaltung der Gesellschaft eingenommen haben. politische Dimension.»
18Ausstellung
Crazy,
Cruel and
Full of Love
Werke
aus der
Sammlung
Kunstmuseum Bern Gegen
12.09.2020 —14.02.2021 wartskunst
Was erzählen uns zeitgenössische Kunstwerke
zum Wechselbad der Gefühle, das wir im Lock-
down erlebten? In unserer Zusammenstellung
von Werken aus der Sammlung Gegenwartskunst
— der Ausstellungstitel ist einem Werk der Genfer
Künstlerin Vidya Gastaldon entlehnt — wagen
wir einen Streifzug durch die jüngste Kunst
geschichte. Immer auf der Suche nach dem, was
die jeweiligen Künstler*innen uns über extreme
Zustände erzählen können.
21Die Begriffe «verrückt», «grausam» und auch «voller Liebe» beschrei-
ben gut das Wechselbad der Gefühle, welchem viele Menschen
während des Lockdowns ausgesetzt waren. Zur gesundheitlichen
Gefährdung, zu Krankheit und Todesfällen kamen neue existenzielle
Verunsicherungen dazu. Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit, Einkommens-
einbussen schafften neue ökonomische Realitäten, und Social
Distancing wurde zum Schlagwort der Stunde. Gleichzeitig konnte
man aber auch stärkere Solidarität, Nachbarschaftshilfe und —
aufgrund von Homeoffice und Homeschooling gezwungenermas-
sen — mehr familiären Austausch erleben. Menschen mussten
auf engerem Raum zusammen auskommen, und den Möglichkeiten,
sich mit Vergnügen und Unterhaltung ablenken zu können, waren
Grenzen gesetzt. Viele Menschen wurden vermehrt auf sich selbst
zurückgeworfen. Diese existenzielle Konfrontation mit einer neuen
Realität hatte positive und negative Auswirkungen. Sie konnte zu
starken Ängsten führen, aber auch zu mehr mitmenschlicher Acht-
samkeit, Gelassenheit und subjektiver Innenschau.
Betrachtet man die Werke einer Kunstsammlung nicht nur als Aus-
druck eines zeitspezifischen und individuellen Kunstbegriffes,
sondern auch als visuelle und dreidimensional gestaltete symboli-
sche «Erfahrungsberichte», dann lassen sich auch in jüngerer
Zeit Beispiele von extremen Gefühlslagen, spannungsvollen Kons-
tellationen und starken Krisenerlebnissen finden. Die vorgefundenen
Seite 16, oben: Seite 20, oben:
Beispiele führen uns von Verliebtheit und überbordender Lebens-
Antonio Dias, To the Police, 1968, Bronze, Vidya Gastaldon, Crazy, Cruel and Full of
lust bis zu einer vertieften Konfrontation mit Vergänglichkeit. 3-teilig: 7,5 × 12,5 × 12,5 cm; 9 × 14,5 × 14,5 cm; Love, 2011, Mischtechnik: Acryl und Öl auf
8 × 11 × 11 cm, Courtesy: Daros Latinamerica Leinwand, 100 × 180,5 cm, Kunstmuseum
Collection, Zürich, Foto: Peter Schälchli, Bern
Ausgestellte Werke von: Zürich, © 2020, ProLitteris, Zürich
Marina Abramović, Luc Andrié, Christian Boltanski, Michael Buthe, Seite 20, unten:
Seite 16, unten: Miriam Cahn, BLAU, 2017, Öl auf Leinwand,
Miriam Cahn, Martin Disler, Quynh Dong, Vidya Gastaldon, Daiga Julio Le Parc, Continuel-lumière cylindre, 280 × 225 cm, Kunstmuseum Bern,
Grantina, David Hominal, Urs Lüthi, Markus Raetz, Jean-Frédéric 1962, Light-kinetic object: Wood, Sammlung Stiftung GegenwART
stainless steel, metal, motors, light sources,
Schnyder, Francisco Sierra Seite 22:
280 × 280 × 50 cm, Courtesy: Daros
Latinamerica Collection, Zürich, Foto: David Hominal, Two Birds in the Space,
b Kathleen Bühler, Kuratorin der Ausstellung Adrian Fritschi, © 2020, ProLitteris, Zürich 2008, Öl auf Leinwand, 100,7 × 101 × 2,5 cm,
Kunstmuseum Bern
Seite 19:
Ana Mendieta, aus der Serie Untitled
(Glass on Body Imprints), 1972, Iowa
Kunstmuseum Bern (Estate print, 1997), Folge von sechs Farb-
Crazy, Cruel and Full of Love. fotos, je 50,7 × 40,5 cm, Courtesy: Daros
Latinamerica Collection, Zürich, Foto:
Werke aus der Sammlung Gegenwartskunst Peter Schälchli, Zürich, © 2020, ProLitteris,
12.09.2020—14.02.2021 Zürich
22Debatte
Achille Mbembe
Das allgemeine Recht
aufs Atmen
Die Welt ist vom Erstickungstod bedroht. Will die
Menschheit nach Covid-19 weiterleben, muss sie
sich um eine Neugestaltung der bewohnbaren Erde
bemühen.
Manche sprechen heute schon von der Zeit nach Covid-19. Dagegen ist reproduziert» – durch etwas, das ich, wenn nicht als «Aufbrechen und
nichts einzuwenden. Doch vor allem in den Weltregionen, in denen die Aufreissen», als «Entleerung der Gefässe», «Tiefenbohrung» oder
Gesundheitssysteme jahrelang gezielt vernachlässigt wurden, steht für «Ausschlachtung von organischen Substanzen» 3, schlagwortartig als
die meisten von uns das Schlimmste noch bevor. Da Krankenhaus- «Depletion» im Sinne von Auszehrung bezeichnen würde.4
betten, Beatmungsgeräte, Massentests, Masken und Desinfektions- Zu Recht lag dabei die Aufmerksamkeit auf der molekularen, che-
mittel auf Alkoholbasis fehlen und ausser den bereits bestehenden noch mischen, ja sogar radioaktiven Dimension dieses Vorgangs: «Ist Giftig-
keine weitergehenden Quarantänevorkehrungen ergriffen worden sind, keit, das heisst die starke Zunahme von chemischen Substanzen und
werden unglücklicherweise viele Menschen auf der Strecke bleiben. gefährlichen Abfällen, nicht eine Strukturdimension der Gegenwart?
Wenn jemand vor einigen Wochen versucht hat, angesichts der Diese Substanzen und Abfälle greifen nicht nur Natur und Umwelt an
sich abzeichnenden Aufregung und Ratlosigkeit die heutige Zeit zu be- (Luft, Böden, Gewässer, Nahrungsketten), sondern auch die Körper,
schreiben, war von einer Zeit ohne Garantien und Verheissungen in die Blei, Phosphor, Quecksilber, Beryllium und Kühlmitteln ausgesetzt
einer mehr und mehr von ihrem eigenen Untergang besessenen Welt werden».5 Natürlich wurde in diesem Rahmen auch auf die «lebendi-
die Rede – aber auch von einer Zeit, in der «Verletzbarkeit ungleich gen, physischer Erschöpfung und einer ganzen Reihe von in manchen
verteilt ist» und «neue, verheerende Kompromisse mit ebenso futuris- Fällen unsichtbaren biologischen Gefahren ausgesetzten Körper» ver-
tischen wie archaischen Gewaltformen eingegangen wurden» 1, ja wiesen. Namentlich nicht erwähnt habe ich dagegen die (fast 600.000
mehr noch: von einer Zeit des Brutalismus. 2 bei allen Säugetierarten auftretenden) Viren – ausser auf metaphori-
Über seinen Ursprung in der gleichnamigen Architekturbewegung sche Weise in dem Kapitel, das den «Grenzkörpern» gewidmet ist.
Mitte des 20. Jahrhunderts hinaus würde ich den Brutalismus der Doch davon abgesehen, ging es hier durchaus ein weiteres Mal um eine
Gegenwart als einen Vorgang definieren, «durch den Macht als geo- Politik des Lebendigen als Ganzem.6 Und diese nennt das Coronavirus
morphe Kraft sich heute bildet, äussert, rekonfiguriert, auswirkt und ganz sicherlich beim Namen.
23Sie können auch lesen