KURSBUCH MUSEALOG 2019 | 2020 - Dirk Heisig (Hg.)
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Inhalt
4 MUSEALOG 2019 | 2020 – Vorwort | Dirk Heisig
8 Die Projekte
10 Verkauft und vergessen? Anthropologische Provenienzforschung am Landesmuseum Natur und Mensch Oldenburg | Marianne Kupetz
12 Von Francksen zu Freitag. Kleinplastik des 19. Jahrhunderts im Stadtmuseum Oldenburg | Nicky Heise
14 Krieg, Flut, Pest und Mäusefraß | Dr. Kristina Kuhn
16 Wandschmuck aus Papier und Leder. Die Papier- und Goldledertapetenfunde aus dem Fresenturm und einem Jeverschen Wohnhaus | Julia Jauch
18 Vom Wert der Freiheit. »Was nun? – Wat zou JIJ doen? Entscheidungen 1933 –1940 –1945–2020« | Margarete Zimmermann
20 »Salto Mortale« – Zirkuswelten in der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts | Evelina Schäfer
22 Von Schiffen, Kästen und Buddeln | Anke Holtappels
24 Faszination Tracht. Die Sammlung Jennebach im Museumsdorf Cloppenburg | Julia Keßler & Elisabeth Momma
28 Das Kamerawerk Vredeborch. Ein Ausflug in die Geschichte der Fotokameraproduktion in Nordenham | Florentine Schmalhaus
30 Stadtgeschichte neu entdecken. Frauenrechtlerin Helene Lange im Stadtmuseum | Christian Elz
32 Moor than welcome. Emsländische Siedlungskultur im Dalumer Feld und Versenermoor nach 1945 | Lena Lewald
34 Plakate aus dem Nachlass der Diskothek »Charts« | Maxim Wegner
36 Post aus Emden! | Valentin Weiß
38 Biografien im Emsland | Heiner Kayser
40 Festtagskleidung im biografischen Rückblick. Eine private Kleidersammlung aus den Jahren 1960 bis 1990 | Imke Seidel
42 Die Sammlungen des Ostfriesischen Landesmuseums Emden im Spiegel ihrer zeitgenössischen Dokumentation | Elisabeth Burmeister
44 Vom Hümmling ins Moor | Delia Viola Kottmann
46 Besuchsforschung am Landesmuseum Natur und Mensch Oldenburg. Ein Werkzeug für Management, Marketing und Controlling | Volker J. Thiel
48 Die Teilnehmer*innen
Die Teilnehmer*innen an MUSEALOG 2019 | 2020, Zeichnungen: Elisabeth Burmeister, Lena Lewald und Florentine Schmalhaus 54 Die Museen
58 Die FACHSeminare & EDV-Schulungen
66 Die Dozent*innen
72 MUSEALOG | DIE MUSEUMSAKADEMIE
76 BILDNACHWEIS
77 IMPRESSUMVORWORT
Am 2. Juni 2020 endete nach acht den Arbeitsmarkt misst. Sechs Mona- verdoppelt. Die Erhöhung der Stellen- Professionalisierung der Museumsarbeit agentur für Arbeit: Gute Bildung – gute
Monaten der dreißigste Kurs der Mu- te nach Kursende liegt diese Quote im ausschreibungen schlägt sich auch in in einem steigenden Personalbedarf Chancen. Der Arbeitsmarkt für Akademi-
seumsakademie MUSEALOG. Über 600 Durchschnitt bei über 70% und drei Jahre der Beschäftigungsstatistik der Bun- der Museen zeigt. Als Ergebnis dieser kerinnen und Akademiker in Deutschland,
Wissenschaftler*innen haben seit 1997 später ist sie auf über 85% gestiegen. desagentur für Arbeit nieder. Für den Entwicklungen könnte auch an den Nürnberg 2016). Im Ergebnis führt dies
an der beruflichen Weiterbildungsmaß- Dieser Erfolg von MUSEALOG auf dem Zeitraum von 2013 bis 2018 weist diese Museen zukünftig ein Fachkräftemangel dazu, dass diese trotz ihres hochqualifi-
nahme MUSEALOG teilgenommen. Von Arbeitsmarkt korrespondiert sowohl ein Wachstum der Beschäftigtenzahlen auftreten, bei dem nicht mehr alle ausge- zierten Studienabschlusses nicht immer
Beginn an richtet sich MUSEALOG an mit dem kontinuierlichen Anstieg der von Akademiker*innen im Museum um schriebenen Stellen im Museum adäquat eine studienadäquate Beschäftigung
Dirk Heisig Arbeit suchende Wissenschaftler*innen Zahl der Stellenausschreibungen für 1566 Stellen aus, was einen Zuwachs von besetzt werden können (hierzu: Dirk aufnehmen. Ebenso stellt der erfolgreiche
mit dem Berufsziel Museum. Wäh- Wissenschaftler*innen im Museum als 37,2 % bedeutet. Diese Zahlen machen Heisig, Arbeitsmarkt im Wandel. Droht (Wieder-)Einstieg in den Museumsberuf
rend MUSEALOG sich zu 100 Prozent auch mit der Zunahme sozialversiche- deutlich, dass die professionelle Muse- ein Fachkräftemangel im Museum?, nach Erziehungsphasen, nach Zeiten der
über die Kursgebühren finanziert und rungspflichtiger Beschäftigungsverhält- umsarbeit ein relevanter Arbeitsmarkt für in: Museumsblätter – Mitteilungen des Familienpflege, nach Erkrankung oder
selbst keine Förderung erhält, werden nisse für Akademiker*innen in Museen. Geisteswissenschaftler*innen ist. Museumsverbands Brandenburg, Heft 36, Arbeitslosigkeit für Fachkräfte eine große
die Kursteilnehmer*innen mit einem Potsdam 2020). Herausforderung dar.
Bildungsgutschein der Bundesagentur für Seit 2011 führt die Museumsakademie Die Gründe für das Stellenwachstum
Arbeit und der lokalen Jobcenter geför- MUSEALOG jährliche Arbeitsmarktana- im Museumsbereich sind vielfältig. Deshalb ist der Gewinn hochqualifi- Hier bildet die Museumsakademie
dert, so dass für sie keine Teilnahmege- lysen auf der Basis von Stellenausschrei- Sie liegen zum einen an der als Folge zierter Bewerber*innen und erfahrener MUSEALOG mit der beruflichen Weiter-
bühren anfallen. bungen für Akademiker*innen durch. In der Museumsneugründungen und der Mitarbeiter*innen für die Museumsar- bildungsmaßnahme »Fachreferent*in für
diesem Zeitraum ist die Zahl der Stellen- Überführung ehemals ehrenamtlich beit derzeit eine wichtige Aufgabe. Der Sammlungsmanagement und Qualitäts-
Ziel von MUSEALOG ist die Integration ausschreibungen für Akademiker*innen geführter Museen in die Hauptamtlich- Übergang vom Studium in den Beruf ist standards in Museen« seit vielen Jahren
der Teilnehmer*innen in den Arbeits- im Museum von 592 Stellen im Jahr 2011 keit gestiegenen Zahl von professionellen jedoch auch im Berufsfeld Museum nicht eine erfolgreiche Brücke für hochqualifi-
markt durch passgenaue Qualifizierung. auf 1160 Stellen im Jahr 2018 angestiegen. Museen und dem damit gewachsenen einfach. Oftmals fehlen berufsprakti- zierte und Arbeit suchende Menschen in
Der Nachweis für den arbeitsmarktpo- Innerhalb von nur acht Jahren hat sich da- Bedarf an Mitarbeiter*innen. Zugleich ist sche Kenntnisse und Erfahrungen der den Arbeitsmarkt der Museen.
litischen Sinn und den nachhaltigen mit die Zahl der Stellenausschreibungen der wachsende Qualitätsanspruch an die Bewerber*innen. Die Agentur für Arbeit
Erfolg von MUSEALOG ist die regelmäßig für wissenschaftliche Volontär*innen, Museumsarbeit mit einer immer weiteren stellt fest, dass insbesondere Kultur- und So haben sich auch die an diesem Kursbuch
erhobene Integrationsquote, die die wissenschaftliche Mitarbeiter*innen Ausdifferenzierung der beruflichen Gesellschaftswissenschaftler*innen Prob- beteiligten 19 Kulturwissenschaftler*innen
Eingliederung der Teilnehmer*innen in und Leitungskräfte im Museum nahezu Arbeitsfelder verbunden, so dass sich die leme beim Berufseinstieg haben (Bundes- in den vergangenen acht Monaten
erfolgreich zu »Fachreferent*innen für
Vorwort 5Stellenausschreibungen von Museen Sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse von Akademiker*innen im Museum
Jahr wiss. Volontariate wiss. Mitarbeiter*innen Leitungen Gesamt Jahr Museumsberufe ohne Museums- und Ausstellungs- Kunstsachverständige Führungskräfte Gesamt
2011 223 285 84 592 Spezialisierung technik Museum
2012 281 299 77 657 2013 1.466 1.858 72 815 4.211
2013 262 307 70 639 2014 1.586 2.003 78 830 4.497
2014 277 351 79 707 2015 1.697 2.150 95 853 4.795
2015 284 420 78 782 2016 1.837 2.214 108 876 5.035
2016 322 533 106 961 2017 1.967 2.309 125 881 5.282
2017 365 575 108 1048 2018 2.381 2.377 127 892 5.777
2018 376 689 95 1166 Quelle: Bundesagentur für Arbeit, Beschäftigte nach Berufen (KldB 2010), Nürnberg, 09/2019
Quelle: Arbeitsmarkt- und Bildungsbedarfsanalysen MUSEALOG 2011 bis 2018
Sammlungsmanagement und Qualitäts- Tagesstätten stellten die Kinderbetreu- keiten zu einzelnen Sammlungen und Vermittlung der Inhalte in den Web-Semi- umsobjekten als auch im Erfahrungsaus- treffen mit den Teilnehmer*innen des
standards in Museen« weitergebildet. ung ein und MUSEALOG beendete den Ausstellungen rückten in den Mittelpunkt naren. Auch wenn die Digitalisierung des tausch mit den Museumskolleg*innen Kurses ohne Distanzregeln.
Sie starteten den Kurs am 30. Sep- Präsenzunterricht. Von einem Tag auf der Museumspraxis. Gemeinsame Be- Unterrichts uns die Chance eröffnet hat, und Museumsbesucher*innen wurde von
tember 2019 und kamen, gefördert von den anderen organisierten MUSEALOG- sprechungen und persönliche Unterstüt- MUSEALOG 2019 | 2020 trotz der Pande- allen schmerzlich vermisst. Ich wünsche den Absolvent*innen alles
ihren jeweiligen Arbeitsagenturen und Teilnehmer*innen die Betreuung ihrer zung fanden nun per Telefon, E-Mail oder mie ohne Unterbrechung weiter durchzu- Gute für Ihre Zukunft und hoffe, dass
Jobcentern, aus elf Bundesländern in den Kinder neu und MUSEALOG stellte den Videokonferenz statt. All dies bildet den führen, wurden gleichzeitig die Grenzen Mein Dank gilt unseren Teilnehmer*innen, MUSEALOG sie bei der Erreichung ihrer
Nordwesten Deutschlands, um sich hier Unterricht kurzfristig auf Homeoffice und Hintergrund der Projektdarstellungen in einer virtualisierten Lehre deutlich. Die Dozent*innen und Betreuer*innen, die beruflichen Ziele ein wesentliches Stück
in den gemeinsamen Fachseminaren und Web-Seminare um. diesem Kursbuch. unter den Bedingungen des Coronavi- sich alle ganz schnell auf das Experiment weiterbringen konnte. Ich bin gespannt,
EDV-Schulungen in Oldenburg theoretisch rus notwendige Distanzierung ging mit mit der für uns neuen Unterrichtsform welche beruflichen Wege sie nach
und an den 10 beteiligten Museen prak- Die Umgestaltung des praktischen Un- Die technische Umstellung der Gruppen- einem Verlust sozialer Nähe einher, der eingelassen haben. Dank ihres hohen Ein- MUSEALOG einschlagen werden.
tisch weiterzubilden. terrichts in den Museen auf Homeoffice seminare auf Internet-basierte Web-Se- durch Videokonferenzen, Web-Seminare, satzes und Engagements konnten wir
bzw. Homeschooling veränderte zugleich minare gelang sehr schnell dank der Lap- E-Mail und Telefon nicht kompensiert trotz des dreimonatigen Verzichts auf
Fünf Monate nach Kursstart kam es Mitte auch die praktischen Aufgabenstellungen tops, die den Teilnehmer*innen bereits werden konnte. So wurde uns der hohe weitere gemeinsame Veranstaltungen
März 2020 im Zuge der Coronavirus-Pan- in den Projekten. Die direkte Arbeit mit seit Kursstart leihweise zur Verfügung Wert des gemeinsamen Lernens mit- MUSEALOG 2019 | 2020 zu einem erfolg-
demie zu einem Shutdown weiter Teile den Museumsobjekten wurde abgelöst standen. Die viel größere Herausforde- und voneinander in den Fachseminaren reichen Abschluss führen. Jetzt freuen wir
des öffentlichen Lebens in Deutschland. von wissenschaftlicher Recherche und rung für alle Beteiligten waren hingegen und EDV-Schulungen deutlich, und das uns auf ein hoffentlich baldiges Nach-
Museen schlossen ihre Ausstellungen, Forschungsarbeit; konzeptionelle Tätig- die neue Kommunikationsform und die praktische Lernen sowohl mit den Muse-
Vorwort 7Die Teilnehmer*innen an MUSEALOG 2019 | 2020 stellen im Folgenden die Projekte vor, die sie an den Museen entwickelt und durchgeführt haben. DIE PROJEKTE
Verkauft und vergessen?
Anthropologische Provenienzforschung zu den
kolonialzeitlichen Menschenschädeln am Landesmuseum
Natur und Mensch Oldenburg
Am Landesmuseum Natur und Mensch Da weltweit Museen etwa seit den 1970er nachvollziehen und zum anderen die An-
Oldenburg befinden sich umfangrei- Jahren Anfragen von Nachfahren der kaufs- bzw. Auffinderegionen rekonstru-
che Objektbestände aus Archäologie, Herkunftsgesellschaften zum Bestand ieren zu können. Dabei wurden von mir
Ethnologie und Naturkunde, die teilwei- von menschlichen Überresten mit der 19 Schädel aus der Museumssammlung
se auf die Großherzogliche Sammlung Forderung um Rückgabe (Repatriie- identifiziert sowie nach standardisierten,
Paul Friedrich Augusts aus dem frühen rung) ihrer Ahnen erhalten, steht die anthropologischen Methoden untersucht
19. Jahrhundert zurückgehen. Durch das Aufarbeitung dieser sensiblen Bestände und umfassend dokumentiert. Letzte-
damalige spartenübergreifende Sammeln zunehmend im Fokus vieler Institutionen. res soll dem Projekt und vor allem dem
und Erwerben von »Naturalia und Curio- Im Projekt »Provenienzforschung zur Museum eine datenbasierte Hilfestellung
sitäten« findet man dort eine Fülle von anthropologischen Schädelsammlung für das pro-aktive Zugehen auf die Her-
sogenannten »sensiblen Objekten«. Zu im Landesmuseum Natur und Mensch kunftsgesellschaften liefern.
diesen Objekten zählen auch die mehr als Oldenburg«, welches insgesamt auf zwei
30 in den Archivunterlagen verzeichneten Jahre angelegt ist, war es meine Aufgabe, Die (noch nicht vollständig abgeschlosse-
Menschenschädel außereuropäischer durch morphologische und metrische nen) Untersuchungen deuten bereits jetzt
Herkunft, welche insbesondere in der Zeit Analysen Aufschlüsse über das Todesal- darauf hin, dass nicht bei allen Individuen Gipsabguss eines Schädels aus der Sammlung des Landesmuseums Natur und Mensch Oldenburg
des Kolonialismus im 19. und frühen ter, das biologische Geschlecht, intravital vermerkte Herkunftsangaben mit
20. Jahrhundert aus verschiedenen über- erlittene Erkrankungen und vor allem die anthropologischen Ergebnissen überein-
seeischen Gebieten wie Afrika, Australien biogeografische Provenienz der Schädel stimmen und somit noch Forschungs-
und Ozeanien unter oftmals ungeklärten zu erhalten. Anhand dieser Daten sollen bedarf besteht, welcher zukünftig zu
Umständen nach Deutschland und im die in den schriftlichen Überlieferungen weiteren Drittmittelanträgen führen soll.
Zuge dessen auch ans Landesmuseum enthaltenen Hinweise auf Herkunft,
gelangt sind. Händler oder Geber der Schädel überprüft
und, wenn nötig, korrigiert werden, um
zum einen die individuellen Handelswege
Marianne Kupetz
Auszug aus dem Inventarbuch des Museums, Kladde »Scelette und Anthropologisches Messwerkzeug für die morphometrische
Menschenschädel« von 1894 Dokumentation der Schädel
Die Projekte 11Von Francksen zu Freitag
Kleinplastik des 19. Jahrhunderts im Stadtmuseum Oldenburg
Der Stifter des Oldenburger Stadtmu- Museumsinszenierung. Im Nachlass bert Freitag (1913–2002) erweitert. Zur
seums, Theodor Francksen (1875–1914), erhaltene Fotografien zeigen, dass der Sammlerpersönlichkeit Freitag, zuletzt in
war ein Kunstsammler und Mäzen mit Sammler seine Kleinfiguren zeittypisch Bremen lebend, ließ sich nur sehr wenig
Blick auf die Historie der Stadt, ihrer auf dem Schreibtisch oder Kamin im herausfinden. Neben einer Vielzahl hier
Umgebung und weit darüber hinaus: Er Arbeitszimmer aufstellte und mittlere ungenannter Objekte überließ er dem
sammelte antike Vasen, Terrakotten, Formate autonom, zentriert und auf Haus mehrere Bildwerke, wovon seither
Kleinfiguren, Asiatika, japanische Farb- einer Säule exponiert im Galerietrakt etwa 15 Salon- und Schreibtischbronzen
holzschnitte des 18. und 19. Jahrhunderts, zwischen den beiden Villen präsentierte. von Künstlern wie Barye, Daumiller, Gaul,
europäische Grafiken des 16. bis 20. Jahr- Mittels der von ihm gesammelten Kunst- Kaesbach, Klinger, Liebermann, Seifert,
hunderts und Oldenburgensien wie Ge- und Museumsliteratur, Kunstperiodika, von Stuck, Thiele, Tuaillon und Zügel in
mälde und Kunstgewerb- und -handwerk- Reiseführer, Kunstpostkarten, fotografi- der Dauerausstellung zu betrachten sind.
liches aus dem 17. bis zum beginnenden schen Sondereditionen und auf mehreren Diese Arbeiten profitieren von ihrer Auf-
20. Jahrhundert. Diese Objekte stellen ausgedehnten Italienreisen mit Stationen stellung in Francksens Jugendstil-Arbeits-
die Ursprungssammlung dar; sie sind in Frankreich und der Schweiz studierte zimmer und in der die Villen verbinden-
seit 1910 Teil wiederholt umgearbeiteter Francksen auch die Kunstgeschichte der den Galerie mit hohen Seitenlichtfenstern
Inszenierungen in den Epochenräumen Bildhauerei von der Antike bis in seine und Oberlichtern.
der Dauerausstellung der benachbarten Zeit hinein.
Francksen- und Jürgens’schen-Villen und Ziel meines MUSEALOG-Projektes war
bilden den Lebensstil und Geschmack des Die tradierte Salon- und Schreibtisch- die Inventarisierung und museologische
Museumsgründers als Sammler der Zeit bronze des 19. Jahrhunderts nahm für den Katalogisierung der Kleinplastiken an-
um 1900 ab. Sammler keinen größeren Stellenwert hand Teilen des Nachlasses zu Francksen,
ein, obwohl sie sich bestens, ganz dem anderer historischer Dokumente und der
Francksen trug, verglichen mit seinen gängigen Zeitgeschmack entsprechend, Fachliteratur. Auf diesen Ergebnissen
Hauptsammelgebieten, nicht ausgefallen in das Ensemble der historistischen Ge- basierend entstand ein Aufsatz, in dem
viel Kleinplastik aus dem 19. Jahrhundert samtinszenierung einer repräsentativen die Sammlerpersönlichkeiten Francksen
»Nicht das Schönste auf der Welt soll dir am meisten gefallen; sondern,
zusammen. Nur wenige zeitgenössi- großbürgerlichen Wohn- und Wirkungs- und Freitag, die Kleinplastiken und die
was dir wohlgefällt, sei dir das Schönste von allen.« Diesen Sinnspruch des
Dichters Friedrich Rückert hielt Francksen in einem Notizbuch für sich fest. sche Antikenkopien in Gips und Carrarit, stätte hätte integrieren lassen. aktuelle Aufstellungssituation der Bild-
Porzellanfiguren und Bronzefigurinen, hauerwerke im Stadtmuseum Oldenburg
darunter zwei Arbeiten von Peterich, 2004/05 wurde die Sammlung durch thematisiert werden.
wurden Bestandteil seiner historistischen eine passgenaue Schenkung von Her-
Nicky Heise
Die Projekte 13Krieg, Flut, Pest und
Mäusefraß
Wie lassen sich abstrakte dynastische setzesverordnungen. Denn die damalige für den Viehhandel waren Gesundheits-
Entwicklungen längst vergangener Obrigkeit reagierte mit ebenso präzisen pässe mit genauester Beschreibung
Zeiten lokal verorten? Gelingt es, abseits Vorschriften wie rigiden Maßnahmen, der Tiere von nun an obligatorisch. Wie
von epochalen Ereignissen wie den etwa auf regelmäßig wiederkehrende mag so ein Rinder-Pass ausgesehen
Nordischen Kriegen einen Zugang zur Pestausbrüche zwischen den Menschen. haben? Die Suche nach anschaulichen
Alltagsrealität zu finden? Wie entsteht Ebenso rigoros suchte sie Untertanen und wie exemplarischen Zeugnissen setzte
ein Gespür für die Sorgen und Nöte der Steuerkasse vor Seuchen zu schützen, die ich im Landesarchiv Oldenburg fort: Hier
zeitgenössischen Bevölkerung: zwischen unter dem Rindvieh grassierten. sichtete ich Archivalien, dokumentierte
Jade und Weser, in der Wesermarsch? sie fotografisch, fertigte Transkripte an
Diese Aufgaben stellte mir die Konzepti- Im Archiv entdeckte ich mein Lieblings- und leitete Leihgaben in die Wege. Dazu
on der Sonderausstellung »Die Dänenzeit stück, ein handgeschriebenes Büchlein gehören auch wunderschöne handkolo-
in Butjadingen 1667–1776« am Museum aus dem späten 18. Jahrhundert. Darin rierte Karten zu Deichbaumaßnahmen
Nordenham. Im Grobkonzept kristallisier- verzeichnet ein schriftkundiger Landwirt aus dem frühen 18. Jahrhundert.
ten sich rasch einige Kernthemen heraus Rezepte für Arzneien gegen die Viehseu-
wie die Weihnachts- und Neujahrsflut che – daneben ein auf den ersten Blick Ähnlich ging ich im Museum vor: sichtete
(1717 und 1720/21), die verheerende recht unscheinbarer, vergilbter, mehrmals Spezialliteratur, erstellte Objektlisten,
Folgen für die gesamte Region nach sich gefalteter und stark brüchiger Notizzettel inszenierte das Nebeneinander poten-
zogen. Aber wie werden diese Ereignisse etwa in Größe des heutigen DIN A 4-For- tieller Ausstellungsstücke in fotografi-
plastisch, wie »dokumentiert« man sie mats. Ein unbekannter Schreiber notiert scher Zusammenschau und formulierte
für eine Ausstellung? darauf die einschneidendsten Ereignisse Ausstellungstexte für den allgemeinen
der vergangenen tausend Jahre: Neben Überblick und zu den erarbeiteten Ein-
Meine Recherchen nach geeigneten Quel- Einträgen zu Kometensichtungen und zelthemen. Diese Bausteine fügen sich
len, Dokumenten wie Ausstellungsobjek- ruhmreichen Herrschern wird besonders zu Tafelhängungen, die die Ausstellung
ten erschlossen das Inventar des eigenen über zwei Begebenheiten kontinuierlich strukturieren.
Hauses. Ausgehend von der Museums- Buch geführt, die das Überleben in der
datenbank FirstRumos und zahlreichen agrarischen Region existentiell bedrohen: Neben meiner Projektarbeit habe ich zu-
Findbüchern führten sie in das Archiv Viehseuchen und Mäusefraß. sammen mit meiner Kollegin Florentine
des Rüstringer Heimatbundes und in die Schmalhaus museumspädagogische Pro-
Magazine. Als erstaunlich tagesaktuelle Bei Seuchen unter Menschen und Tieren gramme mit Schulklassen durchgeführt,
Quelle für substantielle Einschnitte ent- verordnete die Regierung Quarantäne- zwei Sonderausstellungen abgebaut und
puppte sich ein Original der dänischen Ge- maßnahmen für den weit reichenden Objekttexte vorbereitet.
Schiffsverkehr auf Jade und Weser. Selbst
Dr. Kristina Kuhn
Die Projekte 15Wandschmuck aus
Papier und Leder
Die Papier- und Goldledertapetenfunde aus dem
Fresenturm und einem jeverschen Wohnhaus
Der Drang, die Wände zu verzieren, Hälfte des 19. Jahrhunderts bis Mitte des Objektes in der Ahnengalerie des Schlos-
ist fast so alt wie die Menschheit. Ob 20. Jahrhunderts ermöglicht. ses, in Vitrinen ausgestellt. Bei meinem
Wandmalereien oder Wandbekleidungen abendlichen Vortrag: »Wandlust - ein
aus bemaltem Leder, Samt oder Seide Im Rahmen meines MUSEALOG-Pro- Spaziergang durch die Tapetenfunde
- Tapeten und ihre Vorfahren begleiten jektes habe ich die Tapetenfunde des des Schlosses Jever« brachte ich inter-
die Menschen durch alle Zeiten und Schlosses mit feinen Pinseln gereinigt essierten Zuhörern die Geschichte der
Regionen. Auf dem Weg von den ersten und sie von Insektenbefall befreit. Die Tapetenfunde näher. In der Museumspä-
Höhlenzeichnungen bis zur Wohnraum- Papiertapeten des Schlosses konnten dagogik konnte ich bei der Ausarbeitung
gestaltung hat die Tapete eine ganz überwiegend dem Biedermeier und dem eines Museumsbegleitheftes zum Thema
eigene Kultur entwickelt. Style Empire zugeordnet werden und Wand für Familien mitwirken. Mit der
stammen vermutlich aus dem Elsass. Bei Homepageüberarbeitung des Schloss-
Wenn Tapeten aus der Mode waren, den Goldledertapetenfragmenten handelt museums und weiteren Projekten wurde
überklebte man sie achtlos, kratzte sie es sich um Randstücke aus der nieder- ich zusätzlich betraut.
von den Wänden oder warf sie einfach ländischen Werkstatt des Carolus Jacobs
weg. Im »Fresenturm« des Schlosses in Mechelen (1693 – 1728), welche zu den Ziel meiner Arbeiten war es, die histo-
Jever wurden bei Restaurierungsarbeiten Tapeten der Beletage des Schlosses gehö- rische und mannigfaltige Tapetenkunst
unter Dielen Reste von wertvollen Papier- ren sowie um einen bislang unbekannten in der Wohnkultur Jevers interessierten
und Goldledertapeten gefunden. Auch Fragmentfund, der noch nicht zugeordnet Besuchern und Berufsgruppen nahezu-
in einem Jeverschen Wohnhaus an der werden konnnte. bringen und Anregungen zu geben, über
Schlachte, dem früheren Hafen der Stadt, die schmuckvolle Gestaltung der Wände
fand man eine alte Tapetentür, welche Als Abschluss dieses Projektes wurden nachzudenken.
eine »Zeitreise« durch den Tapetenge- die Tapetenfragmente mit Kurztexten
schmack der Bewohner aus der zweiten und der Beschreibung des jeweiligen Julia Jauch
Die Projekte 17Vom Wert der Freiheit
»Was nun? – Wat zou JIJ doen? Entscheidungen 1933–1940–1945–2020«
Die grenzüberschreitende Ausstellung die Bedeutung und den Wert von Freiheit. die Finanzen als auch die Zeitplanung im
»Was nun? – Wat zou JIJ doen? Entschei- Wichtige Meilensteine der Ausstellung Auge zu behalten und darüber Nachweis
dungen 1933–1940–1945–2020« richtet sind die Jahre 1933 (Machtübertragung), zu führen.
75 Jahre nach dem Kriegsende ein beson- 1940 (Überfall auf die Niederlande und
deres Augenmerk auf die Geschichten anschließende Besatzung), 1945 (Kriegs- Interviews mit Zeitzeugen, Expert*innen
von Menschen und die Entscheidungen, ende) und 2020 (Herausforderungen an und einer Schüler*innengruppe wurden
die sie getroffen hatten. Die Sonderaus- die Demokratie). geführt und mithilfe der Ehrenamtlichen
stellung am Emslandmuseum Lingen beider Museen in Video- und Audio-
wurde in Kooperation mit dem Museum In meinem Aufgabenbereich lagen sowohl stationen integriert. Die umfangreiche
Collectie Brands in Nieuw-Dordrecht (NL) die inhaltliche Konzeption als auch die Sammlung des Emslandmuseums Lingen
konzipiert und ist bis zum Jahresende Auswahl der Exponate und die Erstellung konnte ich durch Kontaktaufnahme zu
2020 in den Niederlanden und ab Anfang der Objekt- und Begleittafeln. Während Archiven und Privatpersonen für die Dau-
2021 in Lingen zu sehen. Das zentrale der Konzeptphase habe ich mehrere Vor- er der Sonderausstellung durch einzigarti-
Thema lautet »Entscheidungen«, und es schläge sowohl von Hand als auch digital ge Exponate zur Geschichte des Wider-
geht darum, welche Handlungsspielräu- erstellt und der Museumsleitung sowie standes während der NS-Zeit erweitern.
me Menschen in den Jahren der national- unseren Partner*innen zur Entscheidung
sozialistischen Herrschaft zwischen 1933 vorgelegt. Da die Ausstellung durchgän- Neben der Sonderausstellung habe
bis 1945 hatten. Die Ausstellung bricht gig zweisprachig, deutsch und nieder- ich ein Outreach-Projekt initialisiert,
die starre Dichotomie von Kollaboration ländisch, konzipiert wurde, mussten durchgeführt und evaluiert, dessen Ziel
und Widerstand auf und zeigt anhand die Inhalte stark komprimiert werden. die Einbindung der Besucher*innen in
einzelner Schicksale die Vielfalt auf: von Der biografische Zugang erforderte viel die Neugestaltung der Dauerausstellung
begeisterter Annahme über Arrangement Fingerspitzengefühl, um unterschiedliche nach der Umbauphase des Museums 2021
und punktueller Unzufriedenheit bis zum Akteur*innen authentisch zum Sprechen war.
Widerstand. Die Geschichten vermitteln zu bringen. Da das Projekt von mehreren
Perspektiven für die Zukunft und zeigten Seiten kofinanziert wurde, galt es, sowohl
Margarete Zimmermann
Die Projekte 19SALTO MORTALE
Zirkuswelten in der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts
Zirkus ist ein Begriff, den Menschen erstmals seit dem Mauerfall in einem Rahmeninventur und der Rahmung von
jeglichen Alters kennen und etwas westlichen Bundesland gezeigt und ist Grafiken, war ich vor Ort aktiv an der
damit zu verbinden wissen. Er ist eine damit eine Besonderheit. Dabei war es Koordination, dem Ausstellungsaufbau
prägnante Bezeichnung für eine Welt, Teil des Ausstellungskonzeptes, keine und der thematischen Hängung beteiligt,
in der scheinbar nichts unmöglich ist. Unterscheidung der Künster*innen nach ebenso am Schreiben und Herstellen von
Gravitationsgesetze werden aufgehoben, Ost- und West-Zugehörigkeit vorzuneh- Ausstellungstexten. Zudem habe ich
körperliche Limitationen aufgelöst und men. Denn es waren keine Unterschiede den Projektbereich der aktiven Statio-
menschliche Kräfte wachsen in naturtrot- zu sehen, die die jeweilige Herkunft nen übernommen, inhaltlich passende
zenden Ausmaßen. Seit Jahrhunderten erkennen ließen. Stattdessen wurde eine Bücher für die kleine Bibliothek sowie
sind Künstler von dieser Welt und ihrer thematische Sortierung vorgenommen, die Requisite für die Selfie-Ecke recher-
nahezu endlosen Vielfalt fasziniert. einer Zirkusaufführung gleich, die ver- chiert und zusammengestellt. Im Fokus
schiedene inhaltliche und gestalterische stand hierbei die Vielfalt in Bezug auf die
Auch das Ostfriesische Landesmuseum Positionen nebeneinander präsentierte Besuchergruppen. Kinder wie Erwachsene
Emden wandte sich dem fesselnden The- und verdeutlichte. Komplettiert wurde die sollten sich, angeregt durch die Aus-
ma des Zirkus zu, in einer Sonderausstel- Ausstellung durch zwei aktive Stationen, stellung, weitergehend mit dem Thema
lung mit Kunstwerken des Privatsamm- eine kleine Bibliothek mit Zirkusliteratur beschäftigen können. Schließlich folgte
lers Wolfgang Finkbein. »Salto Mortale« und eine Selfie-Ecke mit diversen Requi- mit der Beendigung der Ausstellung der
zeigte über 150 Arbeiten von mehr als siten zum Kostümieren. Abbau, an dem ich ebenfalls mitarbei-
90 Künster*innen und damit eine große tete. Dies umfasste das Ausrahmen, die
Vielfalt an atmosphärischen, absur- Gleich zu Beginn meiner Tätigkeit am Prüfung der Objekte auf Zustand und
den, aber auch gesellschaftskritischen Ostfriesischen Landesmuseum Emden Vollständigkeit sowie das Sortieren und
Themen. Diese Privatsammlung, die auch konnte ich vollumfänglich und intensiv sachgemäße Verpacken.
zahlreiche Arbeiten von Künster*innen in die Ausstellungsarbeit einsteigen.
aus der ehemaligen DDR enthält, wurde Neben den Vorbereitungen wie der
Evelina Schäfer
Gerhard Marcks, Jongleur, 1956, Sammlung Finkbein © VG Bild-Kunst, Bonn 2020
Die Projekte 21Von Schiffen,
Kästen und Buddeln
Im zurzeit geschlossenen Groot Hus, bzw. heute noch zu finden sind. Das hieß Auch Buddelschiffe sind in ihrem Ur-
dem größten der drei Museumshäuser in folglich Kuffe, Tjalken und Schmacken sprung typische Seemannsarbeiten, die
Carolinensiel, soll nach den momentan anstatt von Galeonen, Briggs und Fre- der Seemann an Bord anfertigte und ent-
stattfindenden Sanierungsarbeiten im gatten in der Austellung zu präsentieren. weder im nächsten Hafen gegen eine vol-
Zuge der Neukonzeption ein Schaumaga- Viele dieser Modelle befanden sich im le Buddel eintauschte oder sie mit nach
zin eingerichtet werden. Als Objekte sind Groot Hus, welches für die bevorstehen- Hause nahm. Ich legte bei der Auswahl
dafür Schiffs- und Kastenmodelle vor- de Sanierung zu dieser Zeit ausgeräumt den Schwerpunkt auf die Entwicklung des
gesehen. Eines meiner MUSEALOG-Pro- wurde. Aufgrund des Zeitdrucks und um Buddelschiffs: von der oftmals groben
jekte bestand darin, eine Auswahl dieser unnötiges Hin- und Hertransportieren zu Seemannsarbeit über die touristische
Modelle in einem kleinen Schaumagazin vermeiden, hatten die Auswahl und der Massenherstellung bis zum extravagan-
im Kapitänshaus zu präsentieren, quasi Transport der dortigen Objekte Priorität. ten Buddelschiff, bei dem nicht nur die
als »Appetithappen« auf die Ausstellung Flasche, sondern auch das Schiff selber
im Groot Hus, die 2022 eröffnet werden Die Kastenmodelle, auch Halbkastendio- aus Glas besteht.
soll. Da im Ausstellungsraum bereits eine ramen genannt, sind typische Seemanns-
kunstvoll geschnitzte Hängevitrine, eine arbeiten. In ihrer Freizeit, zuhause oder Nachdem ich alle ausgewählten Objekte
sogenannte Buddelei, vorhanden war, an Bord beschäftigten sich viele See- überprüft und an den Ausstellungsort
sollte zusätzlich eine kleine Sammlung männer häufig damit, diese dekorativen transportiert hatte, erfolgte der Aufbau,
von Buddelschiffen darin gezeigt werden. Objekte herzustellen. Sie dienten ihren welcher mithilfe meiner Kolleg*innen
Familien als Andenken, wenn sie wieder schnell vonstattenging. Trotz der coro-
Um die Menge der diversen Schiffsmo- zur See fuhren oder sie brachten sie als navirusbedingten Museumsschließung
delle einzuschränken, wählte ich nach Geschenk von der Fahrt mit nach Hause. konnte das Kapitänshaus und damit das
Absprache mit der Leitung nur regionale Aufgrund ihrer Individualität variieren die Schaumagazin durch einen virtuellen
Typen aus, also Modelle von Schiffen, die Kästen in ihrer Größe, was die Auswahl Rundgang der Öffentlichkeit zugänglich
auch tatsächlich in Carolinensiel und an- und besonders die spätere Hängung gemacht werden.
deren Häfen der Region zu finden waren spannend machte.
Anke Holtappels
Die Projekte 23Faszination Tracht
Die Sammlung Jennebach im Museumsdorf Cloppenburg
Am Anfang unseres Projekts standen um stücken, Schmuck und unterschiedlichen gültigen Verkauf der Sammlung durch die
die 40 große Archivkisten, die anlässlich Kopfbedeckungen der Landbevölkerung Witwe Jennebach an das Museumsdorf
eines Depotumbaus umgelagert wer- im heutigen Niedersachsen und nördli- blieb die Sammlung dort eingelagert.
den mussten. In den Kisten befanden chen Nordrhein-Westfalen. Zusammen-
sich komplette Trachtenensembles von getragen wurden die Stücke seit Ende des Ein kleiner Teil der Sammlung Jennebach
Männern und Frauen aus Niedersachsen Zweiten Weltkrieges vom Handelsreisen- mit dem Schmuck wurde bereits nach
und dem Schaumburger Trachtengebiet. den Textilkaufmann Hermann Jennebach dem Ankauf 1973 inventarisiert. Mitte
Die genaue Provenienz war nicht bekannt (1909–1969). der 1980er-Jahre wurden weitere große
und die Stücke wiesen auf den ersten Teile der Sammlung inventarisiert und im
Blick keine Inventarnummern auf. Woher Im Zuge unserer Forschungen zur Rahmen einer Sonderausstellung 1986
die Kisten kamen und wie lange sie dort Sammlungsgenese haben wir intensive präsentiert. Seit den 2000ern wurden
standen, war ungewiss. Die Objekte darin Recherchen zur Geschichte der Sammlung Teile der Sammlung in mehreren MUSEA-
befanden sich in einem teilweise sehr Jennebach betrieben, Akten und andere LOG Projekten weiterbearbeitet, u.a. von
schlechten Zustand, da sie über einen Archivalien gesichtet und ein Zeitzeugen- Kristin Otto 2016 mit einer fotografischen
längeren Zeitraum nicht sachgerecht gespräch mit der wissenschaftlichen Erst- Erfassung aller Stücke sowie durch Vera
gelagert wurden. bearbeiterin Gerda Schmitz (geb. 1926) Kudlinski 2018 für die neue Daueraus-
geführt. Sie dokumentierte zusammen stellung »Herausgeputzt«. Eine voll-
Recht schnell konnten wir die Stücke der mit Dr. Martha Bringemeier (1900–1991) ständige Inventarisierung aller Teile hat
Sammlung Jennebach zuweisen, einer für die Volkskundliche Kommission bislang jedoch nicht stattfinden können,
sehr großen privaten Sammlung von Westfalen die Sammlung bereits vor weshalb die Identifizierung vieler Objekte
Trachten des nordwestdeutschen Raums, ihrer Übernahme durch das Museumdorf, wirkliche Detektivarbeit war. Mit Hilfe der
die im Sommer 1973 von Dr. Helmut und kuratierte auch eine Ausstellung der Karteikarten von Gerda Schmitz und mit
Ottenjann für das Museumsdorf Cloppen- Trachten im Herrenhaus Arkenstede auf ihren Informationen aus dem Interview,
burg erworben worden war. Die weit über dem Museumsgelände im Jahr 1969, kurz konnten wir die Stücke in den Kisten
2000 Einzelteile umfassende Sammlung bevor Hermann Jennebach verstarb. Nach eindeutig identifizieren. Darüber hinaus
besteht im Wesentlichen aus Kleidungs- Ende der Ausstellung und bis zum end- waren in vielen Kleidungsstücken Zettel
24 25eingenäht, auf denen handschriftlich die Trachtenensembles musste gleichzeitig um die Sammlung langfristig vollständig
Provenienz verzeichnet war. Hermann auch schon über die notwendige Restau- erfassen zu können, und diese Erfassung
Jennebach notierte sich mit viel Liebe fürs rierung entschieden werden. so zu strukturieren, dass sie von uns oder
Detail die Namen, Daten und die Herkunft von anderen Mitarbeiter*innen konti-
der ursprünglichen Besitzer*innen, Unser ursprünglich geplantes Projekt, nuierlich fortgeführt werden kann. Das
seine Frau befestigte diese Zettel in den die Kisten komplett zu sichten und die Projekt gliederte sich somit in folgende
einzelnen Kleidungsstücken, um somit darin enthalten Stücke zu dokumentieren Bereiche: Erschließung, Abgleich und Be-
einen wichtigen Teil der Geschichte dieser und zu inventarisieren, wandelte sich im wertung der bisherigen Inventarisierungs-
Stücke zu bewahren. Auch den Weg der Laufe der immer intensiveren Auseinan- ansätze, Forschung zur Sammlungsge-
Kleidungsstücke von der Ausstellung dersetzung und der Zuordnung zu diesem schichte, Erfassung der bislang nicht ins
1969 in die Kisten im Depot konnten wir in großen Teil bereits inventarisierten neue Depot überführten Objekte, Planung
rekonstruieren. Sammlungsbestand, der im neuen Depot und Anlage einer Erfassungsstruktur
seinen Standort gefunden hat, zuse- für die Sammlung nebst ausführlicher
Für unsere Arbeit konnten wir uns in der hends. Die Inventarisierung der Objekte Schreibanweisung mit Musterbeispielen
Landwirtschaftshalle des Museumsdor- konnte zu unserem Bedauern nicht abge- für die verschiedenen Objektgruppen
fes einen provisorischen Arbeitsplatz schlossen werden, da die Auswirkungen der Sammlung sowie die Strukturierung
einrichten und somit zeitnah mit der der Covid-19-Pandemie zu einem abrup- aller verfügbaren Daten und Archivalien
Durchsicht und Aufnahme der Kisten ten Ende der Bearbeitung führten. Statt- für nachfolgende Bearbeiter*innen und
beginnen. Während der fotografischen dessen mussten wir uns darauf konzen- Forscher*innen.
und schriftlichen Dokumentation der trieren, eine solide Struktur aufzubauen,
Julia Keßler
Elisabeth Momma
26 27Obwohl das Prinzip der Camera obscura
bereits in der Antike von Aristoteles
Bereichen Kunst, Journalismus, Unterhal-
tung und Bildung.
Diese interessanten Zusammenhänge
habe ich zum Anlass genommen, um
Das Kamerawerk
Vredeborch
erkannt und später von Leonardo da Vinci mich eingehender mit der Thematik Ka-
genutzt wurde, etablierte sich die Foto- Angefangen von massiven analogen merabau in Nordenham zu beschäftigen.
grafie als neues Medium erst im 19. Jahr- Box-Kameras über Sofortbildkameras bis Dafür habe ich ein Konzept zur Präsenta-
hundert. Sinngemäß bedeutet Fotografie hin zu Digitalkameras im Miniaturformat tion der Geschichte der Firma Vredeborch
»mit Licht zeichnen«. Physikalisch basiert – die Entwicklungen im Bereich der Foto- als Erweiterung der Dauerausstellung des
sie auf den Grundlagen der Lichtbrechung grafie sind noch längst nicht abgeschlos- Museums entworfen. Die Recherche über Florentine Schmalhaus
unter Verwendung von optischen Linsen. sen. Besonders umfangreiche technische die Firma und die dazugehörige Firmen-
Die neue Erfindung entwickelte sich
Innovationen in Europa folgten in den
wirtschaftlich starken Jahrzehnten nach
und Produktionsgeschichte stand am
Anfang meines Projekts. Danach habe
Ein Ausflug in die Geschichte der
rasant und stetig ergaben sich neue dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Es ich Informationen zu den einzelnen Fotokameraproduktion in Nordenham
Möglichkeiten der Verwendung. Die Wei- ist erkennbar, dass die Geschichte von Objekten, Kameras und verschiedenen
terentwicklung der technischen Voraus- Fotografie, Kamerabau und fotografischer technischen Geräten gesammelt und
setzung, um Umgebungen und mensch- Technik lang, komplex und sehr facetten- diese für die Texttafeln an den Objekten
liche Lebensrealitäten abzubilden, den reich ist. Auch am Werdegang der Firma und der Vitrine aufbereitet. Bearbeitete
Moment festzuhalten und historische »Vredeborch GmbH Kamerawerk und Me- Fotografien wurden von mir beigefügt.
Ereignisse zu dokumentieren, hatte tallwarenfabrik« aus Nordenham ist der Diverse historische Kameramodelle und
zusätzlich entscheidende Auswirkungen Zusammenhang zwischen Innovationen, weitere technische Produkte der Firma
auf das kulturelle und individuelle Leben fotografisch-technischen Entwicklungen Vredeborch werden nun in einer Vitrine
der Menschen. Gesellschaftlich bewirkte und historischen Begebenheiten deutlich präsentiert und ergänzen die Dauerstel-
die Entwicklung der Fotografie schnell nachzuvollziehen. lung des Museums Nordenham.
zahlreiche Veränderungen, etwa in den
Die Projekte 29Stadtgeschichte neu
entdecken
Frauenrechtlerin HELENE LANGE im Stadtmuseum
Der geplante Neubau des Stadtmuseums Lange stammt aus der Verbindung zweier Während der Dokumentations und
Oldenburg ist Anlass, die Daueraus- alter Oldenburger Familien (Lange und Katalogisierungsarbeiten stieß ich auf
stellung zur Stadtgeschichte völlig neu tom Dieck), die beide viele angesehene ein ehemaliges Helene-Lange-Zimmer,
aufzustellen. Während der gemeinsamen Personen hervorbrachten. Ihr Bestreben welches ihr zu Ehren am Museum
Konzipierungsphase wurden die The- war es, Bildungsungerechtigkeiten zu eingerichtet worden war, mittlerweile
men aufgearbeitet und in verschiedene beseitigen, für Mädchen ein besseres aber nicht mehr existiert. Es ist nur ein
neue Sinnzusammenhänge gestellt. Die Schulsystem und für Frauen die politi- einziges Foto überliefert, auf dem ihre
dazugehörige Objektrecherche wurde sche Gleichberechtigung zu erkämpfen. Büste, die Ehrenmedaille und etliches
auch dazu genutzt, zu inventarisieren, Sie arbeitete als Lehrerin und Politikerin, Bildwerk zu sehen ist. Die Rekonstruktion
dokumentieren und katalogisieren. hielt Reden und publizierte zahlreiche der Bildwand lässt u.a. eine Darstellung
einschlägige Fachliteratur. So wurde sie ihrer Familienportraits vermuten, zeigt
Parallel zu den Themen der allgemeinen zu einer Wegbereiterin für das Frauen- aber auch andere sozial arbeitende Ol-
Stadtgeschichte habe ich außerdem zu wahlrecht und die Mädchenschulbildung. denburgerinnen, wie z.B. Frieda Lübsen.
der aus Oldenburg stammenden Frauen- Die wichtigsten bürgerlichen Frauen- Aufgrund der Objektabmessungen konnte
rechtlerin und Reformerin Helene Lange vereine in Deutschland wurden von ihr ich, nach einer perspektivischen Transfor-
gearbeitet und tiefergehend geforscht. gegründet, geleitet oder beraten. Auf mation des Bildes und nach Ermittlung
Der Sammlungsbestand des Stadtmuse- dem Höhepunkt ihrer politischen Karriere des Skalierungsfaktors, die Ausmaße des
ums umfasst viele Portraits der Ehrenbür- eröffnete sie die Hamburger Bürgerschaft Raumes berechnen und so ein dreidi-
gerin der Stadt und ihrer weitverzweigten nach dem Ersten Weltkrieg 1919 als Al- mensionales Modell der Inszenierung
Familie sowie eine Kalksteinbüste, einige terspräsidentin. erstellen. Aus einem 150 x 122 mm großen
Gemälde (u.a. von Bernhard Winter) und Foto diese Menge Daten zu extrahieren,
eine Gedenkmünze anlässlich ihres Todes. gelang nur mit digitalen Methoden und
zeigt, was Digitalisierung an Museen zu
leisten vermag.
Christian Elz
Die Projekte 31Moor than welcome
Emsländische Siedlungskultur im Dalumer Feld
und Versenermoor nach 1945
Im Archiv des Emsland Moormuseums schlesien, Ost- und Westpreußen. Lokale 21 Typenbauten, ein Sonderentwurf
liegt ein Bestand von 65 Stellenakten der Unternehmer errichteten 1948–69 nach sowie Umbauten im Bestand entstanden.
Niedersächsischen Landesgesellschaft Entwürfen des Architekten Hermann Eine Typisierung der Stellen wird in den
(NLG) für den Zeitraum von 1946 bis in Ruge (geb. 1902, Sterbedatum unbe- standardisierten Entwurfspausen offen-
die 1980er Jahre. Die NLG begann nach kannt) der Niedersächsischen Heimstätte sichtlich. Die Backsteingebäude trugen
dem Zweiten Weltkrieg in Nachfolge der Höfe mit einer Größe von rund drei bis rotgedeckte Satteldächer, teilweise mit
Hannoverschen Siedelungsgesellschaft 20 ha. So entstanden am Reißbrett Krüppelwalm am Wirtschaftsgiebel. Ende
gemäß des Emslandplanes von 1950 die entworfene Dörfer mit den notwendigen der 1950er Jahre wurden die Vollerwerbs-
Kultivierung der Moorböden und den Bau Versorgungseinrichtungen. stellen moderner, die Fenster kleiner und
von Siedlerstellen. Der Bestand wurde breitgelagerter. Die Bauten entstanden
von mir inventarisiert und die Siedlungs- Traditionell fand sich im Emsland das eingeschossig mit riesiger Dachfläche,
kultur nach 1945, die Herkunft und der Niederdeutsche Hallenhaus in Zweistän- später vereinzelt als zweigeschossige
soziale Status der Siedler, die Zusam- derbauweise. Ab Mitte des 19. Jahr- Wohngebäude. Durchgängig ist der fast
menarbeit beteiligter Einrichtungen so- hunderts entstanden Gulfhäuser nach vollständige Verzicht auf architektoni-
wie die architektonischen Entwicklungen ostfriesischem Vorbild. Die Architektur schen Schmuck. Eine Modifizierung der
ausgewertet. der Siedlerstellen basierte auf diesem Grundrisse für bessere Benutzbarkeit ist
ostfriesischen Bauernhaus mit Vorder- verifizierbar.
Die Siedlerstellen für den Voll- oder Ne- haus als Wohntrakt und verbreitertem
benerwerb erhielten Ehepaare, Familien Wirtschaftstrakt mit tief heruntergezo- Der erfolgte Abgleich der Siedlerstellen
und zweitgeborene Söhne als Rentengü- gener Traufe. Hier befanden sich Lager- mit dem heutigen Bestand ermöglicht die
ter zu besonders günstigen Krediten. Es flächen und Ställe sowie, historisch in Aufarbeitung der Architekturgeschich-
waren Aussiedler, Neusiedler, Anlieger- der äußersten Ecke, der Abort. Auch die te einer Teilregion des Emslandes. Es
siedler, Heuerleute, Traktatgeschädigte Upkammer, aufgrund des Hochkellers verbleibt unklar, ob in anderen Gebieten
und Vertriebene aus Pommern, Ober- darunter höher gelegen, wurde realisiert. weitere Typen errichtet wurden.
Lena Lewald
Die Projekte 33Plakate aus
dem Nachlass
der Diskothek
»Charts«
Während MUSEALOG 2019 | 2020 habe zwischen 1978 und 1995 in der Nähe von Maxim Wegner
ich am Schlossmuseum Jever an der Oldenburg befand. Das Ziel ist dabei un-
Vorbereitung der Ausstellung »Break on ter anderem, das Erbe und die Erinnerung
through the other side – Diskoplakate der an den im Jahr 2003 verstorbenen Disko-
1970er, 1980er und 1990er Jahre« mitge- thekeninhaber Wolfgang Schönenberg
arbeitet und dafür Plakate aus dem Nach- aufrecht zu erhalten.
lass der Diskothek »Charts« archiviert und
inventarisiert. Die Plakate der Diskothek »Charts«
wurden im Jahr 2019 vom Museum
Die Ausstellung ist eine Ergänzung erworben und sind ein zeitgeschichtliches
zum Themenschwerpunkt Jugend- und Dokument aus 17 Jahren Diskoleben. Sie
Musikkultur der vergangenen Jahrzehn- zeichnen eine chronologische Entwick-
te, der seit 2007 im Schlossmuseum lung der Popkultur nach. Unterschiedliche
besteht – ursprünglich in Form einer sehr Stilrichtungen wie Jazz-Fusion, Rock,
erfolgreichen Sonderausstellung über die Experimental Rock, Country, Synthie-Pop
»Tanzschuppen, Musikclubs und Disko- sowie die in den 1990er Jahren aufblühen-
theken« im Weser-Ems-Gebiet, die nach de Rock-Stilrichtung Grunge haben in der
fünf Jahren in neuer Konzeption in die Sammlung ihren Niederschlag gefunden.
Dauerausstellung integriert wurde. Weitere Objekte wie beispielsweise
Fotografien von Zeitzeugen, populäre
In der derzeit geplanten Sonderausstel- Schallplatten und CDs aus diesem Zeitab-
lung soll die Diskothek »Charts« in den schnitt sowie Zeitzeugenberichten sollen
Mittelpunkt gestellt werden, die sich die Ausstellung ergänzen.
Die Projekte 35Post aus Emden!
Das von mir am Ostfriesischen Landes- land erhob. Das stieß auf Widerstände
museum Emden bearbeitete Projekt hat- der anderen Häuplinge, die in den nächs-
te die Erfassung und Erschließung einer ten Jahrhunderten ihre Autonomie er-
Sammlung von Briefen, Postkarten und folgreich zu verteidigen wussten. Jedoch
anderen postalischen Belegen ab dem 17. hat jede Medaille zwei Seiten, wie der
Jahrhundert zum Thema, die dem Haus hiesige Streitfall illustriert: Der von Bolo
vom Verein Emder Briefmarkensammler eingesetzte Dorfprediger Eiben beklagt
überlassen worden ist. Daher haben alle sich, dass die Gemeinde ihn unter Straf-
Belege einen Bezug zu Emden. Gerade androhung der Kirche verwiesen habe.
hier lassen sich an Hand der häufig wech- Das geschah zu Recht, denn im Haager
selnden Briefmarken im 19. Jahrhundert und Emder Vergleich von 1662 hatten die
die wandelnden politischen Verhältnisse Gemeinden das Recht der freien Prediger-
verfolgen – bis 1866 war Emden Teil des wahl erworben. Dieses Mitspracherecht
Königreichs Hannover, dann Preußens geht auf den Osterhusischen Akkord von
und ab der Reichsgründung 1871 kamen 1611 zurück, der eigentlich im Sinne der
wieder neue Marken. So setzt sich die Häuptlinge gräfliche Einflüsse beschränk-
Sammlung bis zum Ende des 20. Jh. fort. te, aber eben auch die Belange der Bürger
Briefmarken an sich standen allerdings und Bauern berücksichtigte. Letztlich
nicht im Mittelpunkt des Projekts, son- musste Eiben seine Stellung aufgeben.
dern – neben der Inventarisierung – die
Transkription und Erforschung ausge- Die Dokumentationsarbeiten begannen
wählter Briefe. mit der Erstellung eines Inventarnum-
mernsystems, aus dem die Anordnung
Der abgebildete Brief von 1667 streift der Belege in den Alben hervorging. Die
einen Vorfall, der erst im Kontext der ost- Entfernung der Ordner aus Kunststoff
friesischen Regionalgeschichte verständ- war zwingend, da ausgasendes Lösungs-
lich wird. Adressat ist Häuptling Bolo IV. mittel das Papier angriff. Dann versah ich
Ripperda. Anders als in anderen Teilen die Objekte mit Inventarnummern und
Deutschlands unterstand Ostfriesland digitalisierte sie. Im Ergebnis entstanden
vorerst keiner zentralen Herrschaft, es ca. 1700 Datensätze in einer Excel-Tabelle
gab einzelne regional regierende Adelige und über 3200 Bilder, die dann in die Mu-
(Häuptlinge). Im Jahr 1464 versuchte Kai- seumsdatenbank zu importieren waren.
ser Friedrich III. dies zu ändern, indem er Dabei zeigte sich der Nutzen von Funktio-
einen von ihnen zum Grafen von Ostfries- nen für die Massenverarbeitung.
Valentin Weiß
Die Projekte 37Biografien im
Emsland Heiner Kayser
Gleich zu Beginn der Weiterbildung museum Lingen aus. Die Recherche im Interviews mit einem Zeitzeugen, einem
fuhren wir, der Direktor des Emslandmu- Archiv brachte wertvolle Dokumente aus Archivar sowie einem Jugendlichen aus
seums Lingen Dr. Andreas Eiynck, meine den 1930er Jahren hervor, welche ergänzt Lingen geplant und durchgeführt. Bei
MUSEALOG-Kollegin Margarete Zimmer- durch bereits veröffentlichte Biografie- einem Besuch in dem Diözesanmuseum
mann und ich, von Lingen nach Niew- Forschungen zu einem differenzierten und Domschatz des Bistums Osna-
Dordrecht in den Niederlanden zu dem wissenschaftlichen Bild führten. Dabei brück konnte ich den Museumsleiter Dr.
Museum Collektie Brands. Dort trafen wir ging es zum Beispiel um die lokale Dis- Hermann Queckenstedt über die Position
uns mit dem dortigen Museumspersonal kussion, ob dem Lingener Ehrenbürger und das Wirken des Osnabrücker Bischofs
und Historikern, um die gemeinsame Bernd Rosemeyer ein eigenes Museum befragen.
Planung für die Ausstellung: »Was nun? in der Innenstadt von Lingen gewidmet
– Wat zou JIJ doen? Entscheidungen 1933– werden soll, oder, ob dem ehemaligen Neben der Ausstellungsvorbereitung hat-
1940–1945–2020« zu besprechen. Bei der Erzbischof von Osnabrück, Wilhelm te ich ebenfalls Gelegenheit, ausgewählte
Ausstellung handelt es sich um eine Part- Berning, ein getrübtes Bild über sein Amt Objekte der Museumssammlung unter
nerausstellung, in der die Sichtweisen von während der Diktatur der Nationalsozia- die Lupe zu nehmen. Ein Beispiel ist ein
beiden Seiten der Grenze über verschiede- listen zu Unrecht anhängt. Enghalskrug mit Lingener Silbermontie-
ne Einzelschicksale während des Dritten rung aus der Manufaktur in Delft. Des
Reiches gegenübergestellt werden. Bei weiteren Treffen mit den Kollegen Weiteren konnte ich bei der Bearbeitung
aus den Niederlanden wurden Doku- des umfangreichen Fotoarchives, insbe-
Die Ausstellungsvorbereitung, das hieß mente vorgestellt und ausgetauscht. sondere von Landschaftsaufnahmen, das
konkret die Biografie-Forschung über Die Auswahl individueller Geschichten Emsland und dessen ökologische, wie
Bischof Wilhelm Berning und den Renn- während der Kriegs-, bzw. Besatzungs- auch wirtschaftliche Bedeutung kennen-
fahrer Bernd Rosemeyer, machte den zeit der Niederlande trat in den Fokus lernen.
Schwerpunkt des Projektes im Emsland- des Ausstellungskonzeptes. Es wurden
Die ProjekteFesttagskleidung im
biografischen Rückblick
Eine private Kleidersammlung aus den Jahren 1960 bis 1990
Das Jahresmotto 2020 im Museumsdorf Stellwänden in der Münchhausenscheune für den Büroalltag in der Bank oder das
Cloppenburg lautet »›Was geht?!‹ Von vor und entwickelten ein Konzept, nach »Sonntagskleid«.
Feiern und Festen im Nordwesten«, da dem wir die Bilder aufhängten.
in diesem Jahr zahlreiche Jubiläen im Für die Erstaufnahme führte ich Inter-
Museumsdorf gefeiert werden. Deshalb Als eigenständiges Projekt bearbeitete views mit der Vorbesitzerin der Samm-
wurden meine MUSEALOG-Kolleginnen ich im Rahmen von MUSEALOG die Erst- lung zu jedem einzelnen Kleidungsstück
Julia Keßler, Elisabeth Momma und ich aufnahme eines großen Konvolutes an über dessen Kauf und Geschichte durch.
vom Kurator und Sammlungsleiter Kleidungsstücken. Dieses schenkte eine Anhand der Interviews dokumentierte
Dr. Eike Lossin direkt in die Konzeption Cloppenburger Bürgerin dem Museum im ich jedes Objekt oder zusammengehörige
der neuen Sonderausstellung eingebun- Mai 2018. Damit erhielt das Museumsdorf Ensemble im Depot-Eingangsprotokoll
den. Wir beschäftigten uns unter ande- eine umfangreiche Kleidersammlung und erstellte Arbeitsfotos. Die Ergebnisse
rem mit der passenden Objektrecherche von über 200 Einzelteilen, Ensembles habe ich dann in eine Excel-Tabelle über-
und Objektfotografie für die Ausstellung. und Kombinationen, vor allem aus dem tragen und die Interviews transkribiert.
Zeitraum vom Beginn der 1960er Jahre
Zusammen mit meinen MUSEALOG- bis zum Ende der 1990er Jahre. Neben Da zu einer entsprechenden Feier oder
Kolleginnen und der Volontärin Maren Alltagskleidung befinden sich unter den Festlichkeit das richtige Outfit gehört,
Böhm kümmerten wir uns außerdem um Objekten viele schicke Kleider und andere wählte ich aus der Sammlung ein schwar-
den Aufbau der Ausstellung »›Land der festliche Outfits, die die Vorbesitzerin zes Abendkleid mit schwarzen Samt- und
Alleen‹ – Die schönsten und wertvollsten bei zahlreichen privaten und beruflichen blauen Glitzer-Applikationen für die
Alleen in Niedersachsen«. Diese wurde Gelegenheiten sowie feierlichen Anlässen Sonderausstellung »Was geht?!« aus.
vom Niedersächsischen Heimatbund als trug, so zum Beispiel bei Bällen, Hoch- Dieses Kleid wurde von der Vorbesitzerin
Wanderausstellung entwickelt. Wir or- zeitsfeiern, Galerieeröffnungen, Konzert- 1989 auf einem Ball getragen. Weitere
ganisierten den Transport der Bilder vom besuchen oder Hauspartys. Daneben gibt Ergebnisse zu dem Thema »Besondere
Museum Nordenham nach Cloppenburg, es in der Sammlung aber auch Outfits Kleidungstücke für Feiern und Feste« prä-
bereiteten den Ausstellungsraum mit den sentierte ich in der Veranstaltungsreihe
»Sonntagsspaziergang«.
Imke Seidel
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