WIDERSTAND MAGAZIN NR. 03 - SPIELZEIT 2020 21 - Schauspiel Köln

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WIDERSTAND MAGAZIN NR. 03 - SPIELZEIT 2020 21 - Schauspiel Köln
MAGAZIN NR. 03                                   SPIELZEIT
                                                              2020 21

WIDERSTAND
      MIT BEITRÄGEN VON: REINHART KÖ
                                 LER • RENÉE AKITELEK MBOYA •
MARLENE PARDELLER • HERIBERT PRANTL • OLGA SHPARAGA • FABIAN VIRCHOW
WIDERSTAND MAGAZIN NR. 03 - SPIELZEIT 2020 21 - Schauspiel Köln
Ngugi Michuki, Kiambu County 2018
 Ngugi Michuki war »Mau-Mau«-Kämpfer. Er lebt heute fernab des Landes, für das er damals gekämpft hat,
                                                                     in einem kleinen, einfachen Dorf.

 MEHR ZUR FOTOSERIE »ARE YOU
  CALLING ME A DOG?« VON NURA
QURESHI FINDEN SIE AB S. 08. DIESE
 UND ANDERE FOTOS ZUM THEMA
»WIDERSTAND« SIND AKTUELL TEIL
 DER AUSSTELLUNG »RESIST!« IM
RAUTENSTRAUCH-JOEST-MUSEUM.

WWW.SCHAUSPIEL.KOELN
WIDERSTAND MAGAZIN NR. 03 - SPIELZEIT 2020 21 - Schauspiel Köln
EDITORIAL
                          RESISTENZ
Seit der Antike wird über Legitimität und Notwendigkeit zum politischen
Widerstand gestritten. »Widerstand bildet gleichsam den Motor oder Schritt-
macher der Geschichte«, sagt der Politikwissenschaftler Klaus Roth. Die
gesamte Weltgeschichte lasse sich begreifen als permanenter Widerstands-
kampf, als Kampf gegen ungerechte Herrschaft bzw. als Kampf um Macht,
der stets auf Widerstand stoße und Widerstand provoziere.
Widerstand heißt auch, sich aus der Ohnmacht zu befreien, sich gegen Unter-
drückung und Ausbeutung zu erheben: In den 1950er-Jahren stand ein Teil
der ostafrikanischen Bevölkerung auf gegen die koloniale Herrschaft Groß-
britanniens. Dieser Befreiungs- bzw. Unabhängigkeitskampf von der Herrschaft
der weißen Siedler*innen – überliefert als »Mau-Mau«-Aufstand – hat bis
heute seine Spuren in der kenianischen Gesellschaft hinterlassen. Die Künst-
lerin Nura Qureshi (S. 08) spürt in ihrer Fotoserie diesen Auswirkungen nach.
Zu sehen sind die Bilder im Kontext der Ausstellung RESIST! im Kölner
Rautenstrauch-Joest-Museum, die sich mit 500 Jahre antikolonialem Wider-
stand im Globalen Süden und kolonialer Unterdrückung beschäftigt.
Im Sommer 2020 gehen im Osten Europas hunderttausend Menschen auf die
Straße und begehren gegen den Machthaber Alexander Lukaschenko auf. Das
Regime reagiert darauf mit brutalen Repressalien. Die Philosophin und
Aktivistin Olga Shparaga hofft trotz dieses Drucks und der Angst, die die
Sanktionen bei den Menschen ausgelöst haben, neue Wege im Kampf für die
Demokratie zu finden. (S.22)
Auch in Demokratien wird das Recht auf Widerstand kontrovers debattiert.
Der Journalist Heribert Prantl beschreibt, wie der Artikel 20 Absatz 4 1969
Eingang ins Grundgesetz gefunden hat und welchen Wert er diesem Recht in
der Erhaltung und Entwicklung demokratischer Prozesse beimisst. (S.29)
Vor rund 10 Jahren rief der damals 93 Jahre alte Stéphane Hessel, ehemaliger
französischer Widerstandskämpfer und UN-Diplomat, mit seinem Manifest
EMPÖRT EUCH! zum politischen Widerstand auf. Er sah Menschenrechte,
Solidarität und Sozialstaat gefährdet. Sein Essay ging millionenfach um die
Welt und rief in einigen Ländern soziale Protestbewegungen hervor. Hessel
rief zum aktiven Handeln auf, denn Widerstand wird nur wirksam, wenn
Veränderung gewollt ist.

                             BEATE HEINE
WIDERSTAND MAGAZIN NR. 03 - SPIELZEIT 2020 21 - Schauspiel Köln
NR 3. 2020 21 – WIDERSTAND
                DER KAMPF IST NICHT VORÜBER
04
      EINE BESTANDSAUFNAHME VON RENÉE AKITELEK MBOYA

           »MAU-MAU«. WIDERSTAND UND REPRESSION
06
      EINE HISTORISCHE EINORDNUNG VON REINHART KÖ LER

              RESIST! DIE KUNST DES WIDERSTANDS
08         DIE FOTOSERIE »ARE YOU CALLING ME A DOG?«
               IM RAUTENSTRAUCH-JOEST-MUSEUM

                ES KANN JEDERZEIT EXPLODIEREN
22
                EIN GESPRÄCH MIT OLGA SHPARAGA

26                    DER WIND DER WUT
      EIN INTERVIEW MIT MARLENE PARDELLER (#KEINEMEHR)

                         WIDERSTAND
29
               EIN PLÄDOYER VON HERIBERT PRANTL

32    WIDERSTAND - EINE INSZENIERUNG VON RECHTS AU EN
             EIN BEITRAG VON FABIAN VIRCHOW

34        THEATERBRIEFE AUS HONGKONG & DÄNEMARK

 PREMIEREN APR–JUN   40 EXTRAS       44   INFOS & IMPRESSUM   48
WIDERSTAND MAGAZIN NR. 03 - SPIELZEIT 2020 21 - Schauspiel Köln
Patrick, 2016
Mit der Kolonialisierung kam auch die Uniform nach Kenia, die bis heute weit verbreitet ist und unterschiedliche
               Arbeitsbereiche nach außen sichtbar macht. Patrick ist Manager in einem kenianischen Haushalt.
                                                                                                             03
WIDERSTAND MAGAZIN NR. 03 - SPIELZEIT 2020 21 - Schauspiel Köln
DER KAMPF IST
        NICHT VORÜBER
             EINE BESTANDSAUFNAHME VON RENÉE AKITELEK MBOYA
  JAHRELANG WURDE DER DISKURS UM DEN »MAU-MAU«-KRIEG IN DER
    WESTLICHEN WELT STARK DURCH KOLONIALE RESSENTIMENTS
  GEPRÄGT. DIE WIDERSTANDSKÄMPFER*INNEN AUF DEM GEBIET DES
   HEUTIGEN KENIA, DIE SICH ZU BEGINN DER 50ER JAHRE GEGEN DIE
   KOLONIALE UNTERDRÜCKUNG DURCH GRO BRITANNIEN WEHRTEN,
 WURDEN ALS PRIMITIV, GRAUSAM UND KRIMINELL ABGETAN. SOGAR DIE
  REGIERUNG IM UNABHÄNGIGEN KENIA REPRODUZIERTE DIE VORSTEL-
 LUNG VON DEN »MAU-MAU« ALS TERRORIST*INNEN UND REBELL*INNEN,
  UM DEN EHEMALIGEN AUFSTÄNDISCHEN DAS ANRECHT AUF EIGENES
    LAND ZU VERWEIGERN. RENÉE AKITELEK MBOYA SETZT SICH GEGEN DIE
KOLONIALISTISCHE PERSPEKTIVE AUF DIE »MAU-MAU«-BEWEGUNG EIN.
FÜR DIE NAIROBISCHE KÜNSTLERIN SIND DIE »MAU-MAU« ALLDIEJENIGE,
    DIE IM KOLONIALKRIEG AUF DER STRECKE GEBLIEBEN SIND. DIE
   VERLUSTE AUS EBENDIESER ZEIT SPÜRT MAN IN KENIA BIS HEUTE.
Die kolonialistische Fantasie braucht        höchstrangige Offizier der »Mau-Mau«      leicht sogar die Freiheit, diesen Vor-
ein feststehendes Bild von einer schwar-     und seitdem symbolischer Anführer         schlag auszuweiten, und erklären: Die
zen Person oder den Anderen – eine           vieler Bewegungen, erklärte 1953, dass    »Mau-Mau« sind all jene, die im
komplexe Fixierung, die auf Angst und        alle Armen die »Mau-Mau« seien:           Befreiungskrieg auf der Strecke geblie-
Trugschlüssen beruht. Die schauerliche                                                 ben sind – deutlich sichtbar für die
Fantasie, die das Bild der »Mau-Mau«         »Die Armen sind die »Mau-Mau«. Man        Kolonialverwaltung – es sind diejenigen,
prägt, ist stets die Vorstellung von einem   kann die Armut beenden, aber nicht mit    die eine stille, subversive Revolution
stattlichen, finster dreinblickenden         den Bomben und Waffen der Imperia-        gestartet haben, Hand in Hand mit dem
Mann mit Dreadlocks und wilden               listen. Nur das revolutionäre Recht der   Militäraufstand, der gegen die britische
Augen. Respekteinflößend, die Schul-         Kämpfe, die die Armen ausfechten,         Kolonialarmee verübt worden ist.
tern in blutige Ziegenhaut und Sack-         könnte die Armut für die Kenianer
leinen gehüllt, erd- und rußbefleckt und     beenden.«                                 Eine gegenwärtige Interpretation und
durchwirkt von Moos – nach jahrelan-                                                   Betrachtung der »Mau-Mau« verlangt
gem Herumkriechen in den Höhlen der          Kimathi regte an, das Bild der »Mau-      die Anerkennung all jener, die den
Hochlandwälder.                              Mau« durch eines zu ersetzen, das uns     »Mau-Mau«-Eid abgelegt haben – un-
                                             näher ist – unterdrückt, landlos, unge-   gefähr 1,5 Millionen Menschen in Zen-
Feldmarschall Dedan Kimathi, der             bildet, hungrig. Wir nehmen uns viel-     tralkenia, darunter die Agĩkũyũ und
04
WIDERSTAND MAGAZIN NR. 03 - SPIELZEIT 2020 21 - Schauspiel Köln
Meru sowie deren direkte Handelskon-         senen Arbeiter-Bauern-Front gegen           hatte, um sich davon zu überzeugen,
takte und Weidenachbar*innen, die            einen mächtigen Feind ein solides Fun-      dass die Brutalität des Regimes in Bri-
Kamba und die Massai – die den An-           dament verliehen.«                          tisch-Ostafrika gerechtfertigt war – wie
spruch auf ithaka na wiyathi (Land und                                                   dieser scheinbar aufrichtige Beitrag zur
Freiheit) ins Zentrum gerückt haben.         Man wird die wahre Identität der »Mau-      Debatte im Unterhaus in den frühen
Diejenigen, die dem britischen Imperia-      Mau« womöglich niemals aufdecken.           30ern beweist.
lismus die Stirn geboten haben, waren        Doch indem man ihre Geschichten wie-
unzweifelhaft die Krieger der »Mau-          dererzählt, trägt man einem vorsätzlich     Denkt man heute über die »Mau-Mau«
Mau« im Untergrund, aber auch verein-        vertuschten kolonialen Archiv Rech-         nach, dann bedeutet das, anzuerkennen,
zelt weibliche Figuren, die das Land         nung. Zum Vorschein kommt die               dass Millionen Familien auseinander-
unter der heißen Sonne beackert und          Geschichte eines Volkes, das nach uhu-      gerissen und komplette Gemeinden ver-
gehegt haben, die im Schutz der Dunkel-      ru (Freiheit) strebte, das Land und         schleppt worden sind. Menschen wurden
heit über Stacheldrahtgräben hinweg          Arbeitskraft geopfert hat und schwer        inhaftiert – ohne Recht auf ein faires
den Boten Getreide und Lumpen für            dafür bestraft worden ist und dessen        Gerichtsverfahren. Man hat sie in die
Verbände zugeschoben haben. Es waren         Wunsch nach Freiheit von ökonomi-           entlegensten Ecken von Kenia geschickt,
auch Hausangestellte, die ihren weißen       scher Ausbeutung und dem Recht auf          in der Absicht, sie noch stärker zu iso-
Herren Vorräte entwendet haben, Sex-         soziale Gleichheit heute für alle, die in   lieren. Es bedeutet, einen Sprachverlust
arbeiter*innen, die ihre Ausweise dafür      Kenia leben, eine nationale Leitphilo-      anzuerkennen, einen Verlust im Glau-
genutzt haben, um Nachrichten durch          sophie ausdrückt. Heute, nach 40 Jah-       ben, die Zerstörung heiliger Stätten und
die streng bewachten Grenzzonen der          ren, in denen man der Rolle der »Mau-       die Kriminalisierung spiritueller Bräu-
Reservate zu schleusen, und diejenigen,      Mau« die Ehre verweigert hat, die sie       che, einen Verlust von Kultur und die
die sich fernab in den Wäldern um die        verdient hätte, greifen wir nach flüch-     Zerstörung von Werten, die der Mehr-
Familien derer gekümmert haben, die          tigen Fakten. Während der 70er, 80er        heit der Kenianer*innen noch heute
im Wehreinsatz waren. Das offensicht-        und einem Großteil der 1990er Jahre         schwer zu schaffen macht und die in
lichste und quantifizierbarste Beispiel      war das koloniale Narrativ der »Mau-        vielerlei Hinsicht unsere Vorstellung und
dafür fand zwischen 1952 und 1960            Mau« – das von Terrorist*innen und          unser Ideal vom Staat mitgestaltet oder
statt, als die britische Kolonialregierung   Rebell*innen – in den nachfolgenden         eben verunstaltet hat.
ungefähr 8000 Frauen festnahm und            unabhängigen Regierungen allgegen-
dafür eine Notstandsermächtigung und         wärtig und wurde stark gefördert als        Die »Mau-Mau« und die Tatsache, dass
den Ausnahmezustand verhängte, um            eine Strategie, um die historischen         sie bis vor kurzem immer noch versteckt
den »Mau-Mau«-Aufstand in Kenia              Ansprüche der »Mau-Mau« abzustrei-          leben mussten und die meisten nahezu
niederzuschlagen – und das, obwohl die       ten: Land und Freiheit. Dass den »Mau-      ihr ganzes Leben in bitterer Armut ver-
Kolonialverwaltung darauf bestand,           Mau« weiterhin ihr Land verwehrt blei-      bracht haben, weit weg von den Privile-
dass die »Mau-Mau« niemals eine Mas-         ben sollte – und in vielfacher Weise ihre   gien, für die sie gekämpft hatten, und
senbewegung gewesen seien.                   Freiheit – steht anschaulich für den        marginalisiert von der Mehrheit,
                                             Grad, wie flüchtig die Vorstellung und      veranschaulichen, dass der Kampf um
Shiraz Durrani schlägt 2018 vor: »Was        die Durchführung waren, die den             Unabhängigkeit in Kenia keinesfalls
in vielen Geschichtsbüchern nicht vor-       Moment der Unabhängigkeit in Kenia          vorüber ist und dass wir, wie die »Mau-
kommt, ist die umwälzende Rolle, die         begleitet haben, und dafür, dass sich die   Mau«, uns weiterhin verwandeln, ver-
die kenianischen Kleinbauern und Vieh-       Unabhängigkeit in vielerlei Hinsicht        stecken und im Flüsterton über den
hüter gespielt haben: als Mitstreitende      eher als Werkzeug herausstellte, als das    Traum von Freiheit sprechen werden.
beim Kampf der Arbeiter*innen um             Ende an sich bedeutete.
Unabhängigkeit und später, in der Zeit
nach der Unabhängigkeit, als Kräfte,         In einem Auszug aus dem Parlaments-
die dem neokolonialen Landraub ent-          protokoll des britischen Unterhauses,
                                                                                                   RENÉE AKITELEK MBOYA IST
gegengewirkt haben und sich gegen die        datiert auf den 08. Februar 1933, heißt
Ausbeutung ihrer Arbeitskraft und der        es: »Im Fall von Ostafrika herrscht kein              AUTORIN, KURATORIN UND
Erträge wehrten. Die Phase der ersten        Zweifel darüber, dass die Einführung                  FILMSCHAFFENDE. IN IHRER
                                                                                                   ARBEIT BESCHÄFTIGT SIE
Invasion Kenias durch die kolonialen         europäischer Regelungen separat zur
                                                                                                   SICH VORRANGIG MIT DER
Ausbeuter erlebte einen massiven             europäischen Besiedlung den Urein-
                                                                                                   ERINNERUNG UND DER VER-
Widerstand durch die Kleinbauern.            wohnern von großem Nutzen war. Es ist
                                                                                                   WENDUNG VON AUTOBIOGRAFI-
Dieser Kampfgeist blieb bis zur Unab-        fast unmöglich, ein weiteres Beispiel
                                                                                                   SCHEM IN ZEITGENÖSSISCHEN
hängigkeit präsent – und darüber hin-        dafür zu finden, in dem weiße Siedler
                                                                                                   ERZÄHLUNGEN, UM EINSEI-
aus. Der Kolonialismus hielt es für          sich in einem Ursprungsland nieder-
                                                                                                   TIGEN DARSTELLUNGEN DER
nötig, die Militanz der Kleinbauern als      lassen und kaum Störungen durch die
                                                                                                   GESCHICHTE ENTGEGENZU-
einen Teil von Stammeskultur und Pri-        Ureinwohner erleben.«                                 TRETEN. SIE LEBT ZWISCHEN
mitivität zu kaschieren. Trotzdem bleibt                                                           DAKAR UND NAIROBI.
es eine Tatsache, dass die Arbeiter allein   In mehrfacher Hinsicht stehen die
den Kolonialismus nicht aus Kenia ver-       »Mau-Mau« heute und damals für die
drängen hätten können. Die Unterstüt-        unverfrorenen Lügen, mit denen die
zung der Kleinbauern hat einer geschlos-     britische Kolonialverwaltung gehandelt
WIDERSTAND MAGAZIN NR. 03 - SPIELZEIT 2020 21 - Schauspiel Köln
»MAU-
     MAU.«
       WIDERSTAND UND
         REPRESSION
DER »MAU-MAU«-KONFLIKT IN KENIA IST EINER DER
   ERBITTERTSTEN KOLONIALEN KRIEGE IN DER
 JÜNGSTEN GESCHICHTE. BIS IN DIE 1960ER-JAHRE
 SETZTEN SICH ENTEIGNETE BÄUER*INNEN GEGEN
 DIE BRITISCHE KOLONIALMACHT ZUR WEHR. LAUT
KENIANISCHER REGIERUNG UND MENSCHENRECHTS-
  ORGANISATIONEN VERLOREN MEHR ALS 90.000
 MENSCHEN IHR LEBEN. DIE AKTUELLE FOTOSERIE
   VON NURA QURESHI IN DIESEM HEFT ZUM ANLASS
      NEHMEND, BATEN WIR DEN SOZIOLOGEN
     REINHART KÖ LER UM EINE GESCHICHTLICHE
DARSTELLUNG DIESES LANGJÄHRIGEN KONFLIKTES.
06
WIDERSTAND MAGAZIN NR. 03 - SPIELZEIT 2020 21 - Schauspiel Köln
EINE HISTORISCHE EINORDNUNG VON REINHART KÖ LER
Zu den schärfsten Eingriffen in das        mal nach dem Verlust Indiens – noch        der Befreiungskrieg in Algerien, in dem
Leben der vom modernen Kolonialis-         stärker in Wert zu setzen.                 sukzessive französische Regierungen
mus seit Beginn der transatlantischen                                                 die mit dem Mutterland in besonderem
Ausbreitung Westeuropas vor etwa 500       Während die Älteren und Arrivierteren      Maß verbundene Siedlungskolonie mit
Jahren Betroffenen zählte das Freiräu-     unter den Kikuyu zumeist an den            ganz ähnlichen Methoden gegen die
men ihres Landes, um es der europäi-       Bestrebungen festhielten, die eigene       Befreiungsbewegung zu verteidigen
schen Besiedelung zur Verfügung zu         Position unter der Kolonialherrschaft      suchten. In allen diesen Fällen spra-
stellen. Neben Nord- und teils auch        möglichst zu verbessern, also allenfalls   chen die systematische Verletzung von
Südamerika, Australien und Neusee-         einen begrenzten Konflikt zu suchen,       Menschenrechten, die gezielte Anwen-
land betraf dies auf dem afrikanischen     sahen viele der Jüngeren solche Mög-       dung von Folter und das Lagersystem
Kontinent vor allem große Teile des        lichkeiten nicht mehr. Sie entschlossen    den zivilisatorischen Ansprüchen der
Südens, Algeriens sowie Kenias. Hier       sich, auch mit Gewalt gegen Siedler*in-    Kolonialmächte Hohn.
zog das zentrale Hochland aufgrund         nen vorzugehen. Nicht umsonst hieß
seines Klimas und seiner agrarischen       ihre Organisation »The Kenya Land          Großbritannien erkannte dieses Un-
Ressourcen Siedler*innen an. Auch die      and Freedom Army« – als zentraler          recht 2012/13 endlich an und gewährte
Afrika-Romantik, wie sie sich etwa mit     Konfliktpunkt erschien das von den         einigen überlebenden ehemals Inhaf-
Tania Blixens berühmtem Roman              Siedler*innen okkupierte Land. In der      tierten bescheidene Entschädigungs-
JENSEITS VON AFRIKA verbindet,             britischen Propaganda wurden die           zahlungen. Aber auch im unabhängigen
knüpft hier an.                            Aktionen dieser Widerstandsbewegung        Kenia blieb das Andenken an »Mau-
                                           als barbarische Gräueltaten dargestellt,   Mau« umstritten. Die Romane von
Das zentrale Hochland Kenias war           die Bewegung selbst mit der Bezeich-       Ngũgĩ wa Thiong’o beschreiben ein-
keineswegs ein leeres Land, sondern        nung »Mau-Mau« belegt.                     dringlich diese Erinnerung, die gerade
Siedlungsgebiet u. a. der Kikuyu. Vor                                                 angesichts von Korruption, Klientelis-
allem für diese ethnische Gruppe be-       Die Repression des Kolonialregimes         mus und der Raffgier politischer Eliten
deutete die europäische Siedlung den       war brutal. Prominente Anführer wur-       im unabhängigen Kenia, nicht zuletzt
Verlust von Land und Freizügigkeit.        den exekutiert. In dem Gebiet, wo sich     unter der Präsidentschaft Kenyattas,
Zunehmend wurden sie in die Lohn-          die Widerstandsbewegung artikuliert        umso schmerzhafter geworden ist und
abhängigkeit gedrängt. Zugleich waren      hatte, wurden die Bewohner*innen von       häufig verdrängt wurde.
Kikuyu lange Zeit bestrebt, unter den      Dörfern zwangsweise in Ansiedlungen
Bedingungen der Kolonialherrschaft         gebracht, wo sie strenger behördlicher
ihr Leben neu zu organisieren. Sie grün-   Aufsicht unterworfen waren und nur
deten kulturelle Vereinigungen, eine       drastisch eingeschränkte Möglichkeiten              REINHART KÖ LER IST SOZIOLOGE
Führungspersönlichkeit wie Jomo Ke-        hatten, etwa durch Landwirtschaft
                                                                                               MIT DEM REGIONALSCHWER-
nyatta – 1963 erster Präsident des un-     ihren Unterhalt zu sichern. Tausende
                                                                                               PUNKT SÜDLICHES AFRIKA.
abhängigen Kenia – feierte ihre Ethni-     von Verdächtigen wurden für viele
                                                                                               ER HAT INSBESONDERE ÜBER
zität in FACING MOUNT KENYA,               Jahre in Lagern inhaftiert. Auch Jomo               GESELLSCHAFTSTHEORIE,
zugleich seiner Doktorarbeit, bei dem      Kenyatta – aller Wahrscheinlichkeit                 ETHNIZITÄT SOWIE ZULETZT
berühmten, durchaus kolonial orien-        nach nicht am militärischen Wider-                  ÜBER DEN VERSÖHNUNGS-
tierten Ethnologen Bronisław Malin-        stand beteiligt – verbrachte über zehn              PROZESS ZWISCHEN NAMIBIA
owski. Insgesamt aber wurden die           Jahre in Haft.                                      UND DEUTSCHLAND NACH DEM
Lebensmöglichkeiten, die sich Kikuyu                                                           VÖLKERMORD (1904 - 1908) GE-
boten, immer weiter eingeschränkt.         Das Vorgehen der britischen Kolonial-               ARBEITET: PUBLIKATIONEN U.A.
Insbesondere wurden ihnen Möglich-         behörden folgte etablierten Mustern.                NAMIBIA AND GERMANY. NEGOTIATING
keiten beschnitten, ihre Produkte zu       Die bald als Counterinsurgency                      THE PAST (2015) SOWIE VÖLKER-
vermarkten. Die Situation verschärfte      bekannte Strategie war kurz vorher                  MORD – UND WAS DANN? DIE POLITIK
sich während des Zweiten Weltkrieges,      ebenfalls unter britischer Herrschaft               DEUTSCH-NAMIBISCHER VERGANGEN-
als auch in Kenia Soldaten rekrutiert      gegen die kommunistische Aufstands-                 HEITSBEARBEITUNG (2017).
wurden, die sich bei ihrer Rückkehr        bewegung in British Malaya verfeinert
mit einer Lage konfrontiert sahen, die     worden. Sie kam vielfach zur Anwen-
kaum mehr Perspektiven bot. Weitere        dung – neben Kenia auch während des
Ressentiments wurden durch die An-         Vietnamkriegs oder durch das Sied-
strengungen der Kolonialmacht provo-       ler*innen-Regime im heutigen Simbab-
ziert, die afrikanischen Kolonien – zu-    we. Ebenfalls in die 1950er-Jahre fiel
WIDERSTAND MAGAZIN NR. 03 - SPIELZEIT 2020 21 - Schauspiel Köln
RESIST!
                DIE KUNST DES WIDERSTANDS – DIE FOTOSERIE
                        »ARE YOU CALLING ME A DOG?«
                     IM RAUTENSTRAUCH-JOEST-MUSEUM

Das Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum beleuchtet in             von historischen Dokumenten und zahlreichen Objekten aus
seiner aktuellen Ausstellung RESIST! 500 Jahre antikolo-        der Sammlung des Kölner Museums, stumme Zeugen von
nialen Widerstand im Globalen Süden und erzählt von             Momenten des Widerstands. In einem Kaleidoskop von
kolonialer Unterdrückung und ihrer Auswirkung bis heute.        Bildern, Stimmen, Dingen und Geschichten, erzählt die
Die Ausstellung ist eine Hommage an die Menschen, die auf       Ausstellung in fünf Kapiteln von Aufstand und Protest, Ver-
unterschiedlichste Art und Weise Widerstand geleistet haben     weigerung und Subversion, Selbstbestimmung und eigener
und deren Geschichten bis heute kaum erzählt oder gehört        Geschichtsschreibung, Traumata und Transformation bis hin
werden. Auch die Künstlerin Nura Qureshi, deren Fotografien     zu Resilienz.
Sie in diesem Heft und auch in der Ausstellung RESIST!
sehen können, hat sich einer antikolonialen Unabhängig-         Innerhalb des Labyrinths eröffnen vier autonom kuratierte
keitsbewegung gewidmet, die in Deutschland noch weitest-        Räume weitere Perspektiven: Die nigerianische Künstlerin
gehend unbesprochen blieb.                                      Peju Layiwola beschäftigt sich mit den geraubten Kulturgütern
                                                                aus dem Königreich Benin (Nigeria) und hat dazu mehrere
Bei einem mehrjährigen Aufenthalt in Kenia hat sich die         nigerianische Künstler*innen eingeladen, die sich teils jahr-
Berliner Fotografin für die Film- und digitale Landschafts-     zehntelang in Nigeria und der Diaspora mit dem Raub von
und Porträtfotografie entschieden, um die Geschichte der        Benin-Bronzen in 1897 auseinandersetzen. Die namibischen
»Mau-Mau«-Rebellion gegen den britischen Kolonialismus          Aktivistinnen Esther Utjiua Muinjangue und Ida Hoffmann
in Kenia neu vorzustellen. »ARE YOU CALLING ME A                erzählen vom Genozid an den Herero und Nama in Namibia.
DOG?« ist der Name der Fotoserie, in der sie Szenen aus dem     Die ungarische Kuratorin Tímea Junghaus hat Sinti- und
längsten antikolonialen Kampf in Britisch-Ostafrika nach-       Roma-Künstler*innen eingeladen, die ihren Kampf um Selbst-
bildet. Sie verzichtet auf grafische Darstellungen physischer   bestimmung thematisieren. Schließlich klagt der Kölner post-
Gewalt und konzentriert sich stattdessen auf »Mau-Mau«-         migrantische Verein In-Haus e.V. koloniale Kontinuitäten an.
Ri­tuale der Initiation und Kapitulation, sowie auf britische   Rokia Bamba, Soundkünstlerin und DJ entwickelt ein Sound-
Symbole und Infrastrukturen der Unterdrückung, um die           und Stimmenarchiv des Widerstands, und die urbanen
Brutalität und Entmenschlichung des Kolonialismus aufzu-        Tanzkünstlerinnen Bahar Gökten und Daniela Rodriguez
decken. Die Reihe orientiert sich an verfügbaren historischen   Romero geben Einblicke in verkörperten Widerstand.
Quellen wie der Militärgeschichte und der Oral History.

Für ihre visuelle Sprache stützt sie sich auch auf Orte und
Menschen des heutigen Kenia: Besuche von Orten des »Mau-           RESIST! IST EINE PLATTFORM FÜR KRITISCHE AUSEINANDER-
Mau«-Widerstands, Interviews mit ehemaligen Widerstands-
                                                                   SETZUNG MIT DER KOLONIALEN VERGANGENHEIT UND IHREN
kämpfer*innen, Gespräche mit kenianischen Hausangestell-
                                                                   KONTINUITÄTEN UND SCHAFFT AUCH DURCH PARTIZIPATIVE
ten. Historische Stätten der »Mau-Mau«-Rebellion und
                                                                   FORMATE WIE REPAIR- UND SCHREIBWERKSTÄTTEN, ERZÄHL-
überlebende Widerstandskämpfer*innen werden ebenso wie
                                                                   CAFÉS SOWIE EINE WACHSENDE »LIBRARY OF RESISTANCE«
Nairobis häusliche Räume und Arbeiter*innen zu Protago-
                                                                   RÄUME FÜR SPRECHEN LASSEN, FÜR ZUHÖREN, VERNETZUNG,
nist*innen in der Frage von Macht und Freiheit für vergan-         ZUSAMMENSEIN UND SOLIDARITÄT. DIE AUSSTELLUNG IST VOM
gene und zukünftige Generationen von Kenianer*innen.               01. APRIL BIS ZUM 05. SEPTEMBER 2021 IM RAUTENSTRAUCH-
                                                                   JOEST-MUSEUM ZU SEHEN.
Nura Qureshi ist eine von über 40 zeitgenössischen Künst-
ler*innen aus dem Globalen Süden und der Diaspora, die im
Rautenstrauch-Joest-Museum in einer labyrinthisch-futuris-
tischen Architektur von Rohren, Balken und Stahlelementen
Arbeiten präsentieren. Ihre Überlieferungen werden ergänzt
08
Landburn 2019
Beim sogenannten Lari Massaker 1953 brannten die Widerstandskämpfer*innen Hütten und Felder der Home Guards
 (Spione) nieder, wobei mehr als 120 Menschen starben. Die Kolonialregierung ließ eine blutige Vergeltungsaktion mit
                                                                         mehr als 400 getöteten »Mau-Mau« folgen.
                                                                                                                 09
10
7 Oranges, Nairobi 2018
          Als importierte Frucht ist die Orange nur den reicheren Familien bzw. Landbesitzer*innen vorbehalten. Viele
Arbeiter*innen, die bei diesen Familien angestellt waren, waren nicht unbedingt für die »Mau-Mau«, weil sie sich nicht
  gegen ihre Arbeitgeber*innen auflehnen und verhindern wollten, dass ihnen etwas zustößt. Oft mussten sie sich aber
                entscheiden – entweder für die Teilnahme am Aufstand oder ihren möglichen Tod durch »Mau-Mau«.
                                                                                                                   11
12
Janet & Penina, 2016, Samson, 2016
In Kenia ist es üblich Hausangestellte zu haben: Baby Sitter*innen, Fahrer*innen, Putzkräfte oder Gärtner*innen. Die
                                                                   Kolonialisierung prägt auch das heutige Kenia tief.
                                                                                                                   13
14
Prisoner Markings, Nairobi 2018
 Das britische Militär markierte Gefangene entsprechend ihrer Beteiligung an den Aktivitäten der »Mau-Mau«: Weiß
bedeutete »Nicht involviert«, grau »Begrenzt involviert« (z. B. Lieferung von Essen oder Waffen) oder schwarz »Stark
                                      involviert« (Kämpfer*in). Der Grad der Beteiligung bestimmte die Bestrafung.
                                                                                                                 15
Surrender, 2017
     Widerstandskämpfer*innen, die sich ergeben wollten, identifizierten sich,
                      indem sie grüne Zweige vor ihren Gesichtern trugen.
16
In Memory of the Members, Nyeri 2016
Diese Inschrift erinnert an die Mitglieder des Kikuyu-Stammes, die für die Freiheit zwischen 1951 – 1957 gekämpft
                                    haben. Sie ist im ehemaligen Gerichtshof und heutigen Nyeri Museum zu sehen.
                                                                                                              17
18
The Cave, Nairobi 2018
Die historischen »Mau-Mau«-Höhlen sind in verschiedenen Wäldern Kenias zu finden und dienten als
                                                                       Lager- und Versteckzone.
                                                                                             19
Between Banana Leaves, 2018
         Die »Mau-Mau« hielten ihre Treffen geheim ab, da sie nie sicher vor Spion*innen (Home Guards) waren. Eine
 Taschenlampe im Bananenbaum war nur eines von vielen versteckten Zeichen, die sie nutzten, um deutlich zu machen,
                                                                              dass die »Mau-Mau« anzutreffen waren.
20
Muddy Pit, 2018
Nach Aussagen von Überlebenden hat das britische Militär Gefangene und Verdächtige von »Mau-Mau« gefoltert, indem
                 sie sie zwangen, ihr eigenes Grab zu schaufeln, es mit Wasser zu füllen und lange Zeit darin zu liegen.

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ES KANN
     JEDERZEIT
       EXPLO-
      DIEREN
  IM SOMMER 2020 RICHTETEN SICH ALLE AUGEN
    EUROPAS AUF EIN LAND AN DER ÖSTLICHEN
    PERIPHERIE. IN BELARUS BRACHTEN WAHL-
  FÄLSCHUNGEN HUNDERTTAUSEND MENSCHEN IM
  GANZEN LAND AUF DIE STRA E UND DAS REGIME
  DER »LETZTEN DIKTATUR EUROPAS« BEGANN ZU
 WANKEN. AN DER SPITZE DER BEWEGUNG: EIN TRIO
 JUNGER FRAUEN, DAS DEN PLATZ DER VERHAFTE-
  TEN OPPOSITIONELLEN ÜBERNAHM. DESSEN TEIL
22
IST AUCH DIE MIT DEM DIESJÄHRIGEN MENSCHEN-
   RECHTSPREIS DER GERHART UND RENATE BAUM-
     STIFTUNG AUSGEZEICHNETE MARIA KOLESNIKOWA.
 DIE DEMONSTRATIONEN FÜLLTEN SICH MIT FRAUEN
 IN WEI EN KLEIDERN UND BLUMEN IN DEN HÄNDEN.
    DIE REVOLUTION IN BELARUS HATTE EIN WEIBLI-
 CHES GESICHT. DOCH DAS REGIME VON ALEXANDER
   LUKASCHENKO ANTWORTETE AUF DIE PROTESTE
   MIT BEISPIELLOSER GEWALT, 30.000 MENSCHEN
 WURDEN FESTGENOMMEN. WIE IST DER AUFSTIEG
 DER FRAUEN IN BELARUS ZU ERKLÄREN? UND GIBT
       ES EINE ZUKUNFT FÜR DIESE BEWEGUNG?

                    EIN GESPRÄCH MIT OLGA SHPARAGA

Dominika Široká: Frau Shparaga, Sie         dieser Schritt für Sie bedeutet?             schaft sprechen. Die #MeToo-Bewegung
sind Philosophin, bezeichnen sich aber                                                   hat die Frauen in Belarus inspiriert und
auch als Aktivistin. Erinnern Sie sich      Frauen haben sich bei den Aufständen         es sind neue feministische und queere
daran, wie Sie sich politisiert haben?      stark eingebracht. Doch im Koordinie-        Initiativen entstanden – zu denen sich
                                            rungsrat saßen wieder nur die Männer.        übrigens auch Maria Kolesnikowa aus
Olga Shparaga: In Belarus ist es sehr       So wollte ich es nicht lassen! In Belarus    dem Trio bekennt – die sich an Werten
schwer, keine Aktivist*in zu sein, wenn     hat sich in den letzten zehn Jahren vie-     wie Toleranz, offenen Grenzen und Post-
man als Wissenschaftler*in frei forschen    les verändert. Es gibt eine neue Genera-     nationalismus orientieren. Diese Grup-
möchte. Es gibt keinen Raum für un-         tion von Aktivist*innen, Künstler*innen      pen sind zwar nicht groß, aber sie sind
abhängige wissenschaftliche Arbeit. An      und Wissenschaftler*innen. Wir haben         in vielen Städten jenseits von Minsk –
den staatlichen Universitäten ist es bei-   ökologische Fragen angesprochen, uns         etwa in Brest oder Witebsk – vertreten.
spielsweise nicht erlaubt, über Hannah      gegen Diskriminierung und für Men-           Das war für mich eine Überraschung.
Arendt zu sprechen, Totalitarismus zu       schenrechte ausgesprochen und für
thematisieren oder sich gesellschafts-      Gender Equality gekämpft. Ich habe           Inwiefern?
kritisch zu äußern. Als ich im Laufe der    mich entschieden, diese neuen Gruppen
Jahre mehrmals Stellen an Universitä-       im Koordinierungsrat zu vertreten,           Nichtstaatliche soziologische Forschung
ten verloren habe, verstand ich es als      damit ihre Stimmen weiterhin Gehör           war in Belarus nicht erlaubt. Wir wuss-
meine Lebensaufgabe, zusammen mit           finden.                                      ten schlichtweg nicht, was in der Gesell-
anderen Kolleg*innen diese Freiräume                                                     schaft vor sich geht. Die Ereignisse rund
über unterschiedliche Initiativen zu        Wie ist es für Sie, sich als Feministin zu   um die Wahlen zeigten plötzlich: Die
schaffen.                                   positionieren in einem Land, in dem          Gesellschaft hat sich in der Breite ver-
                                            Präsident Lukaschenko behauptet, die         ändert. Die Leute haben für Frauen, für
Nach den Wahlen sind Sie Teil des op-       Verfassung wurde nicht für Frauen            Tichanowskaja abgestimmt. Die Bela-
positionellen Koordinierungsrats von        geschrieben?                                 russ*innen wollen anders leben, ohne
Swetlana Tichanowskaja geworden, der                                                     das autoritäre Regime. Doch Luka-
den Präsidenten Lukaschenko zur Über-       Auch in diesem Bereich können wir von        schenko und sein Umfeld sind in den
gabe der Regierung auffordert. Was hat      einer großen Veränderung in der Gesell-      1990er-Jahren stecken geblieben. Sie
                                                                                                                               23
wollen das Leben von früher, haben kein      auf die Lukaschenko keinerlei Antwort        erklärte sich Lukaschenko zum Gewin-
Verständnis für Menschenrechte und           hat.                                         ner und antwortete mit beispielloser
können sich nicht vorstellen, dass sich      Doch es gibt weiterhin einen kleineren       Gewalt gegen die ersten Protestierenden.
Bürger*innen ohne Gewalt, autonom            Kreis aus Militärs und Funktionären,         Was war das für eine Zeit für Sie?
und horizontal organisieren können.          die ihn unterstützen. Aber dieser Kreis
                                             wird immer kleiner. Viele wollen für die     Zuerst waren alle von der Gewalt scho-
Kann man den Konflikt in Belarus also        Brutalität, für die der Staat steht, keine   ckiert – ich natürlich auch. Nach dem
als Generationenkonflikt interpretieren?     Verantwortung mehr tragen.                   Schock kam aber eine Welle der Eupho-
                                                                                          rie und die Leute sind auf die Straße
Ja, die junge Generation tickt anders.       Kommen wir zu den eigentlichen Ereig-        gegangen. Tag und Nacht gab es zahl-
Doch die Ereignisse in Belarus, die          nissen des Wahlsommers 2020. Wie             reiche Meetings in verschiedenen Stadt-
Revolution – ich nenne sie gerne »die        haben Sie diese Zeit erlebt?                 teilen. Am 12. August ist die erste Frau-
Revolution in progress« – hat gezeigt,                                                    enkette entstanden, vier Tage später der
dass sich die Stimmen gegen Lukaschen-       Für mich begann alles schon im Juni,         große Wochenend-Marsch, Ende August
ko generationenübergreifend und in           als die Kunstsammlung der Belgas-            fand dann der Frauenmarsch statt. Bis
allen gesellschaftlichen Gruppen ver-        prombank konfisziert wurde und Men-          ich am 04. Oktober selbst bei einem
mehrten. Auch ältere Menschen mar-           schen auf die Straße gingen (die Samm-       Sonntagsmarsch verhaftet wurde, habe
schierten mit, um für die Zukunft ihrer      lung verwaltete Viktor Babariko, oppo-       ich keinen einzigen Marsch verpasst und
Kinder zu kämpfen. Die aktivste Grup-        sitioneller Politiker und Herausforderer     die ganze Zeit zusammen mit anderen
pe ist jedoch die mittlere Generation        Lukaschenkos, der im gleichen Monat          Expert*innen die Ereignisse reflektiert.
zwischen dreißig und vierzig. Viele von      verhaftet wurde, Anm. der Red.). Das
ihnen haben Kinder und arbeiten für          Gemälde EVA von Chaim Soutine, Teil          Und zu welchen Schlüssen sind Sie ge-
NGOs, kleine Unternehmen oder im             der konfiszierten Sammlung, wurde zum        kommen?
IT-Sektor. Diese Gruppe will ihr Leben       Symbol der Proteste. Sofort habe ich auf
in einem Land verbringen, das sich wei-      Facebook geschrieben: Dieses Bild steht      Die Frauen haben bei den Protesten eine
terentwickelt und demokratisiert. Sie        für die Aktivierung der Frauen! Souti-       zentrale Rolle gespielt. Am Anfang
möchte für sich und ihre Kinder eine         nes Eva verkörpert nicht die modernis-       stand die Geschichte mit EVA, dann
Perspektive.                                 tische Perspektive. Die Frau auf dem         kam das Trio, die Ketten der Solidari-
                                             Bild ist nicht nackt, sondern bekleidet      sierung, der Frauenmarsch ... Die Grup-
Wer steht denn heute noch hinter Lu-         und hat einen ernsten Gesichtsausdruck.      pen haben sich gegenseitig aktiviert und
kaschenko?                                   Sie ist kein Objekt, sondern selbst          empowert.
                                             Betrachterin – ein Subjekt. Sie ist eine     Es wurde behauptet, die Politisierung
Früher haben vor allem die älteren Leu-      moderne Frau.                                der Frauen kam nur zustande, weil
te für ihn gestimmt. Heute ist auch                                                       Lukaschenko die männlichen Oppositio-
diese Gruppe gespalten. Dafür gibt es        Einen Monat später ist das Trio der          nellen verhaften ließ. Teilweise stimmt
mehrere Gründe: Lukaschenko hat sein         oppositionellen Frauen entstanden –          das. Swetlana Tichanowskaja hat bei-
Regime auf dem Modell eines starken          Swetlana Tichanowskaja, Maria Koles-         spielsweise ihren verhafteten Mann
Sozialstaats aufgebaut. Dennoch zeigte       nikowa und Veronika Zepkalo – die mit        ersetzt, der selbst gegen Lukaschenko
er während der Corona-Pandemie eine          Tichanowskaja an der Spitze gegen            antreten wollte. Doch sie hätte auch ein-
derartige Verachtung gegenüber dem           Lukaschenko antraten. What a twist!          fach im Schatten bleiben können.
menschlichen Leben, dass viele von ihm                                                    Frauen brauchen bestimmte Vorausset-
enttäuscht waren. Lukaschenko hat die        Absolut! Diese drei Frauen sagten: Uns       zungen, die es ihnen ermöglichen, sich
Verstorbenen beleidigt, indem er sie be-     gelang in einer Viertelstunde das, was       zu emanzipieren. In Belarus war es ei-
schuldigte, selbst die Verantwortung für     den Oppositionellen davor all die Jahre      nerseits die Tatsache, dass die Männer
ihre Erkrankung zu tragen. Wie kann          nicht gelang – uns zu solidarisieren. Wir    im Gefängnis saßen, andererseits aber
es sein, dass ein sozialer Staat sich wei-   haben keine politischen Ambitionen.          auch der Fakt, dass diese Frauen gut
gert, die Verantwortung für die Sterben-     Wir sind Bürgerinnen, die im Interesse       ausgebildet waren, sich gegenseitig in
den in einer Pandemie zu übernehmen?         der Gesellschaft sprechen und offen für      Teams unterstützten und die gleiche
Hinzu kommt die schlechte wirtschaft-        alle Initiativen. Ich war begeistert.        Sorge teilten. Sie waren bereit, sich ein-
liche Situation im Land, die sich mit                                                     zubringen.
jedem Jahr weiter verschlimmert und          Nach den Wahlen am 09. August 2020

         ICH FÜHLE NOCH IMMER DIE SOZIALE ENERGIE,
         DIE SICH DURCH DIE PROTESTE ENTFESSELTE.
         WIR DÜRFEN DER REGIERUNG NICHT ERLAUBEN,
               DIESE ENERGIE ZU UNTERBINDEN.
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Sie behaupten gar, der Erfolg der oppo-      war für mich auch ein sehr wichtiger         Die Leute wollen weiter protestieren,
sitionellen Frauen bestehe darin, dass       Moment.                                      allein für die vielen Menschen, die in
sie sich zu Identifikationsfiguren der                                                    den Gefängnissen sitzen. Doch die re-
Gesellschaft erhoben hätten. Können          Welche Rolle haben Social Media für          pressive Staats-Maschinerie hat neue
sie das erklären?                            die Proteste gespielt?                       Instrumente erfunden, um die Gesell-
                                                                                          schaft zu unterdrücken. Natürlich ha-
Die Gesellschaft in Belarus war vor den      Eine sehr wichtige! Es ist sicherlich kein   ben die Menschen Angst und sind ver-
Wahlen atomisiert. Die Menschen stan-        Zufall, dass Lukaschenko in den letzten      unsichert. Aber ich denke, das ist bloß
den unter dem Druck des Regimes. Die         Reden wiederholt hat, wir sollen zum         eine Phase, in der nicht klar ist, wie es
Frauen fungierten da plötzlich wie eine      Fernsehen zurückkehren und auf Mobil-        weitergeht. Die Krise wurde durch die
Art Spiegel, in dem sich die Belaruss*in-    telefone verzichten. Er sehnt sich nach      Repressalien ja nicht gelöst. Unsere Ge-
nen mit all ihren Unsicherheiten er-         der Zeit, in der er durch das öffentliche    sellschaft ist wie ein Topf, in dem Was-
kannten. Auch Swetlana Tichanowska-          Fernsehen ein Informationsmonopol in         ser kocht. Das Regime hat den Topf
ja war sich letztlich unsicher, ob sie die   den eigenen Händen hatte und behaup-         zwar zugedeckt, aber das Wasser kocht
notwendige Anerkennung bekommen              tet, Handys seien für die Proteste ver-      weiter.
würde. Hinzu kommt ein weiterer As-          antwortlich. Teilweise hat er Recht. Die     Eine wichtige Rolle spielen jetzt die öko-
pekt: Das Thema Gewalt ist ganz zen-         Leute haben sich tatsächlich über Ka-        nomischen Sanktionen aus dem Aus-
tral für die aktuelle Situation. Hätte       näle wie Telegram oder Facebook ver-         land und es herrscht Druck von allen
Lukaschenko all diese Gewalt nicht           netzt. Neue, unabhängige soziologische       Seiten – aus dem Westen, aber auch aus
entfaltet, wäre es nicht zu diesen mas-      Forschungen haben bewiesen, dass ei-         Russland –, dass es so nicht weitergeht.
siven Protesten gekommen. Es war die         nige Menschen ganz allein, ohne jede         Es kann jeden Moment explodieren. Ich
Gewalt, die die Leute erst recht empört      Begleitung zu den Märschen gekommen          persönlich fühle noch immer diese so-
hat. Plötzlich habe ich bei den Protesten    sind. Daraus kann man schließen, dass        ziale Energie, die sich durch die Protes-
Plakate mit Sprüchen gesehen, die ich        diese Menschen vorher keine Verbin-          te entfesselte. Wir dürfen der Regierung
aus feministischen Kontexten kenne –         dungen zu der Bewegung hatten. Durch         nicht erlauben, diese Energie zu unter-
aus dem Kampf gegen häusliche Ge-            die Proteste sind also Netzwerke ent-        binden, und müssen neue Wege finden,
walt. Ein Mann trug ein Transparent          standen. Das ist neu und das eigentliche     trotz der schwierigen Bedingungen, mit
mit der Überschrift: »Wer schlägt, wird      Ergebnis dieser Revolution. Die Gesell-      dieser Energie etwas zu bewegen.
einsitzen«. Auch in Interviews sprachen      schaft ist jetzt miteinander verbunden.
die Teilnehmenden in feministischen          Lukaschenko hat früher viel dafür ge-        Das Interview führte die Dramaturgin
Termini. »Lukaschenko hat Belarus ver-       tan, dass Menschen vor allem Zeit mit        Dominika Široká.
gewaltigt« war einer dieser Sätze. Die       ihren Familien verbringen. Arbeit und
Gesellschaft sah sich als Opfer und          Familie, das war's. Jetzt haben die Leu-
beschloss, etwas zu verändern und aus        te neue Erfahrungen gesammelt: auf die
den Missbrauchsverhältnissen auszu-          Straße zu gehen und einander zu unter-                 OLGA SHPARAGA IST 1974 IN BELA-
brechen. Der Staat ist gewalttätig und       stützen.                                               RUS GEBOREN. SIE STUDIERTE
das können wir nicht mehr ertragen.                                                                 PHILOSOPHIE IN MINSK UND BO-
                                             Wie geht es jetzt mit der »Revolution in               CHUM UND UNTERRICHTETE AN
Ist das auch der Grund, warum die Pro-       progress« weiter?                                      DEN UNIVERSITÄTEN IN MINSK
teste gewaltfrei blieben, im Vergleich                                                              UND VILNIUS. SIE IST EINE DER
etwa zu den Maidan-Protesten in der          Die Zeit der großen Proteste ist vorbei.               FÜHRENDEN ÖFFENTLICHEN
Ukraine 2013 und 2014?                       Wir befinden uns in einer neuen Phase,                 INTELLEKTUELLEN IN BELA-
                                             in der wir mit repressiven Praktiken zu                RUS, MITGLIED DER FEMINISTI-
Ja, die Belaruss*innen haben auf Ge-         kämpfen haben. Im September dachten                    SCHEN GRUPPE IM OPPOSITIO-
walt verzichtet. Wir wollen nicht wie        wir noch, eine Gesellschaft, die so aktiv              NELLEN KOORDINIERUNGSRAT
Lukaschenko handeln. Wir sind fried-         ist, in der überall Initiativen in den                 UND IM BÜRO VON SWETLANA
lich und wünschen uns andere Verhält-        Nachbarschaften entstehen, kann nie-                   TICHANOWSKAJA IN VILNIUS
nisse im Land. Keine Machtvertikale,         mand unter Kontrolle bekommen. Heu-                    AKTIV. FÜR IHRE TEILNAHME
sondern ein horizontales, freundliches       te stehen Fahrzeuge der Militärs in den                AN DEN »NICHTGENEHMIGTEN
und solidarisches Miteinander. Und tat-      Innenhöfen und es ist verdammt schwer,                 DEMONSTRATIONEN« WURDE
sächlich haben die Leute während der         auf die Straße zu gelangen – die Kont-                 SIE ZU 15 TAGEN HAFT VERUR-
Proteste einander geholfen. Zahlreiche       rolle ist permanent. An den Universitä-                TEILT. ENDE JUNI ERSCHEINT
Volunteers haben sich für andere ein-        ten gibt es neue Positionen: Rektoren                  IHR BUCH DIE REVOLUTION HAT EIN
gesetzt. Sie dürfen nicht vergessen, das     für Sicherheit. In der Öffentlichkeit                  WEIBLICHES GESICHT. DER FALL
Ganze fand mitten in einer Pandemie          unterscheidet man zwischen denjenigen,                 BELARUS BEIM SUHRKAMP
statt. Das Thema Sorge hat eine wich-        die an den Protesten teilgenommen                      VERLAG. SIE LEBT IN BERLIN.
tige Rolle gespielt. Menschen haben zum      haben, und den sogenannten »Staats-
Beispiel über Crowdfunding Geld für          leuten«. Wir haben im Moment 288
Masken und medizinische Ausrüstung           politische Gefangene, doch der Staat
für Ärzt*innen gesammelt. Die Gesell-        hat 2.300 neue Strafverfahren eröffnet.
schaft hat plötzlich entdeckt, dass sie      Daraus werden in Zukunft viele weite-
sich um sich selbst sorgen kann. Das         re politische Gefangene resultieren.
DER WIND
           DER WUT
                       EIN INTERVIEW MIT
                 MARLENE PARDELLER (#KEINEMEHR)
ALLE ZWEI BIS DREI TAGE STIRBT IN DEUTSCHLAND EINE FRAU* UNTER
  GEWALTSAMEN UMSTÄNDEN. IN ARGENTINIEN ALLE 30 STUNDEN, IN
    BRASILIEN SORGTE KÜRZLICH DER MORD AN EINER 19-JÄHRIGEN
 E-SPORTLERIN FÜR AUFSEHEN. DER TÄTER WAR SELBST GAMER UND
   HANDELTE OFFENBAR AUS HASS AN FRAUEN*. AUCH IN FERNANDA
MELCHORS ROMAN SAISON DER WIRBELSTÜRME, DER AM SCHAUSPIEL KÖLN ZUR
   URAUFFÜHRUNG KOMMT, IST DIE GEWALT AN JUNGEN FRAUEN* IN
MEXIKO EIN ZENTRALES THEMA. DORT ERREICHTE 2020 DIE ZAHL DER
 JÄHRLICHEN FRAUENMORDE EINEN NEUEN HÖCHSTSTAND. DOCH WIE
      SIEHT DIE SITUATION IN DEUTSCHLAND AUS? DIE INITIATIVE
 #KEINEMEHR UNTERSUCHT FEMIZIDE – ALSO DEN MORD AN FRAUEN*,
   WEIL SIE FRAUEN* SIND – IN DEUTSCHLAND. EIN GESPRÄCH ÜBER
  FEHLENDE STATISTIKEN, UNTERFINANZIERTE FRAUENHÄUSER UND
          DEN WIDERSTAND DEMONSTRIERENDER FRAUEN*.
Lea Goebel: Die Initiative #KeineMehr      feministischen Organisationen, von der       funden. Außer die polizeiliche Kriminal-
fordert ein breiteres Bewusstsein und      offenen Thematisierung der Morde und         statistik, die nach jahrelangem Druck der
Sichtbarkeit von Femiziden. Was war der    dem Ausmaß der Gewalt. In Deutschland        Frauenhäuser seit den 70er-Jahren etab-
Impuls zur Gründung und welche Ziele       gibt es eine starke Faszination für das,     liert wurde. Die Frauenhäuser wissen aus
verfolgen Sie darüber hinaus?              was in Lateinamerika gerade passiert, da     ihrer Arbeitserfahrung, dass viel passiert,
                                           die feministischen Kämpfe dort sehr          was sie nicht mit Zahlen belegen können.
Marlene Pardeller: Ich habe mich 2016      präsent sind und eine große Öffentlichkeit   Die polizeiliche Kriminalstatistik umfasst
für eine Filmrecherche in Mexiko vor-      erfahren. Die Frauen* haben keinen Bock      derzeit Tötungen in Partnerschaften oder
bereitet und im Zuge dessen meine Kol-     mehr. Und ihre Wut kommt mittlerweile        ehemaligen Partnerschaften. Jeden zwei-
legin Alex Wischnewski für ein Vorge-      bis hierher. Alex Wischnewski und ich        ten bis dritten Tag wird hier eine Frau*
spräch getroffen, die das Land gut kann-   haben uns dann die Frage gestellt: »Wie      ermordet. Wir brauchen mehr Untersu-
te. Vor Ort war ich beeindruckt von den    sieht das eigentlich in Deutschland aus?«,   chungen, Statistiken, Hintergründe. Das
Demonstrationen, von den Zielen der        haben allerdings kaum Zahlen dazu ge-        ist unsere Motivation.
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Vor allem, weil die bisherigen Daten sich    und daraus »feminicidio« gemacht, weil        von ihrem 16-jährigen Freund ermordet.
nur auf die Morde beziehen, die vom          »femicide« zu nahe am Begriff »homo-          Sie war schwanger und wollte nicht
Partner oder vom Ex-Partner verübt           cide« liegt. Sie wollte auf ein strukturel-   abtreiben, der Täter vergrub die Leiche
werden und nicht auf Femizide außer-         les Problem aufmerksam machen, weg            mithilfe seiner Familie im Garten. Dieser
halb von Partnerschaften. Müssten die        von der Einzeltäterschaft. Feminizid          Fall war für Argentinien ein einschnei-
nicht berücksichtigt werden?                 ordnet den Tod der Frau* also gesell-         dender Punkt nach jahrelangen Femizi-
                                             schaftspolitisch ein, sprich Tötungsde-       den, der eine enorme Wut hervorgerufen
Ja, denn das bedeutet nicht, dass in         likte an Frauen* als Folge von Geschlech-     hat, die bis heute anhält und auch in
Deutschland keine Tötungen von Frau-         terdiskriminierung.                           Italien, Spanien, Frankreich und Polen
en* außerhalb von Partnerschaften statt-                                                   zu spüren ist. In Deutschland ist das
finden. Die Zahl aller Ermordeten liegt      Worin liegen die Gründe für den Hass          anders. Das liegt unter anderem an der
zwar vor, ist allerdings nach Geschlecht     und die Gewalt an Frauen*, die dann in        ganz spezifischen Rolle Deutschlands
aufgeteilt. Binär, nach männlich und         Femiziden münden?                             nach dem Zweiten Weltkrieg. Ein Land,
weiblich. Was es nicht gibt, ist eine                                                      dessen Großteil der Bevölkerung die NS-
Zusammenfassung der Ermordeten               Ich glaube, diesen einen Grund gibt es        Politik aktiv gewollt und befördert hat,
unter dem spezifischen Begriff des Femi-     nicht. Es ist nicht monokausal, sondern       musste 1945 eine reale historische Nie-
zids und dabei handelt es sich nicht ein-    es gibt vielerlei Gründe und Momente.         derlage erleben. Und das bedeutete für
fach um eine ermordete Frau*. Wenn           Einer, den wir in der Arbeit von #Kei-        die meisten, die die NS-Politik mitgetra-
eine Frau* auf der Straße läuft, ihr die     neMehr herausgefunden haben, ist das          gen haben, dass sie nicht trauen durften
Handtasche gestohlen und sie im Zuge         starke Festhalten an der Zweigeschlecht-      oder konnten. Die Zeit, darüber zu spre-
dessen ermordet wird, muss das erst mal      lichkeit. Einer Gesellschaft der Vielfalt     chen, gab es nicht, weil es wichtig war,
kein Femizid sein. Es könnte einer sein.     zum Trotz. Und dieses Festhalten daran        alles von sich wegzuschieben, um weiter-
Aber eigentlich geht es darum, dass ihr      passiert auf mehreren Ebenen: in den          zumachen. Mit diesem Schweigen und
das Geld weggenommen wird und das            Medien, in der Schule, in der Erziehung,      dem fehlenden Zugang zu Emotionen
hätte genauso gut einem Mann passieren       in politischen Kontexten. Das Bewusst-        der Nachkriegsgenerationen haben wir
können. Ein Femizid zeichnet sich da-        sein dafür, dass das Einfordern von zwei      es heute noch zu tun.
durch aus, dass eine Person vernichtet       Geschlechtern mit Gewalt verbunden
wird, weil sie als Frau* gelesen wird oder   ist, ist in den letzten Jahren enorm          Welche Erfahrungen haben Sie während
weil sie als Person gelesen wird, die sich   gestiegen. Gesellschaftlich ist eine Be-      Ihres Drehs zum Dokumentarfilm
nicht dem normierten Geschlechtercode        wegung sichtbar. Es gibt viel mehr Stim-      UNTER DER HAUT LIEGEN DIE
entsprechend verhält. Eine Person, die       men, die laut werden und sagen: »Wir          KNOCHEN in Mexiko gemacht?
im Auge des Betrachters eine Grenze          wollen nicht mehr.«
überschreitet. Dazu bräuchte es dringend                                                   Eigentlich wollte ich 2012 einen Film
Zahlen, um zu verstehen, was die Motive      Erfahren Transfrauen und Migrantinnen         über feministische Gruppen in Italien
hinter Femiziden sind, wie stark die         eine andere Form von Frauenhass?              machen. Mir war zunächst nicht bekannt,
Misogynie in der Gesellschaft verwurzelt                                                   dass die Zahlen der ermordeten Frauen*
ist und wie man dem vorbeugen kann.          Die Misogynie in unserer Gesellschaft ist     in Italien ähnlich hoch sind wie in Mexi-
                                             enorm und wir spüren diese oft komplett       ko. Das hat mich nachhaltig beschäftigt
#KeineMehr verwendet auch den Begriff        unterschiedlich. Je nachdem, ob wir mit       und irritiert – dass man diese zwei Rea-
»Feminizid«. Worin liegt der Unterschied     dem Geschlecht, was uns bei der Geburt        litäten miteinander vergleichen konnte.
zum »Femizid«?                               zugewiesen wurde, im Einklang stehen          Deshalb bin ich nach Mexiko gefahren
                                             oder ob das nicht passt. Zudem werden         und habe mit Aktivistinnen aus unter-
Diana E. H. Russell und Jill Radford         die Abhängigkeiten sichtbar. Zum Bei-         schiedlichen gesellschaftlichen Schichten
haben in den 70er-Jahren den englischen      spiel von Frauen*, die nach Deutschland       gesprochen. Ich habe dort ein ganz
Begriff »femicide« geprägt. 1976 gab es      migriert sind und sich in einem deutschen     persönliches Interesse der Frauen* ge-
in Brüssel ein internationales Tribunal,     Staat wiederfinden, in dem das Verständ-      spürt, weil sie entweder einen Mordfall
um über Frauengewalt zu sprechen, an         nis vorherrscht: Wenn ihr in Deutschland      zu beklagen hatten oder eine Person, die
dem Frauengruppen aus der ganzen Welt        bleiben wollt, dann ist euer Aufenthalts-     verschwunden war. Femizide waren kein
teilgenommen haben. Da ist dieser Be-        recht in den ersten fünf Jahren an euren      abstraktes theoretisches Konstrukt, son-
griff erstmals verwendet worden. Dann        Ehemann gekoppelt. Wenn solche Frau-          dern eine Not, die aus dem Alltag heraus
ist er allerdings wieder in Vergessenheit    en* in Gewaltbeziehungen stecken, dann        entstanden ist. Das waren die beeindru-
geraten. Wir haben über Vergewaltigung       schaffen sie es oft nicht, sich zu lösen.     ckendsten Demos, die ich gesehen habe
und sexualisierte Gewalt, aber nicht mehr    Der deutsche Staat unterstützt ein pat-       und die klügsten Leute, die ich getroffen
über Frauenmorde gesprochen. Wieder-         riarchales Besitzdenken.                      habe, weil sie mit enormer Klarheit die
aufgenommen wurde der Begriff im                                                           patriarchale Gewalt benennen konnten:
lateinamerikanischen Kontext der Neun-       Sie haben eben von dem Wind der Wut           Polizei, Ehemann, Arbeitgeber, der Typ
zigerjahre, als in Ciudad Juárez eine        gesprochen, der nach Deutschland weht.        da auf der Straße und die internationale
gewaltvolle Mordreihe an Fabrikarbeite-      Wie kommt es, dass wir Bilder protestie-      Wirtschaftskooperation zwischen den
rinnen stattgefunden hat, die zum Teil       render, wütender, starker Frauen*, die        USA und Mexiko. Als ich dann zurück
gar nicht mehr oder zerstückelt an öffent-   zu Tausenden auf die Straße gehen,            nach Italien gekommen bin, war das
lichen Plätzen aufgefunden wurden. Die       vornehmlich aus Lateinamerika kennen          Schweigen so massiv spürbar, gerade im
mexikanische Soziologin Marcela Lagar-       und nicht aus Deutschland?                    Kontrast.
de hat den Begriff »femicide« daraufhin
wiederaufgenommen, aber angeglichen          2015 wurde die 14-jährige Chiara Páez         Sind Sie dort auch mit den sogenannten
                                                                                                                                 27
FEMIZIDE WAREN KEIN ABSTRAKTES THEORETISCHES
           KONSTRUKT, SONDERN EINE NOT, DIE AUS DEM ALLTAG
                       HERAUS ENTSTANDEN IST.
»nota roja« (dt.: rote Artikel), kleinen     auch inhaltlich keinen gesellschaftlichen    Mittel, die nicht notwendig sein müsste.
Zeitschriften, die Fotos von Leichen und     Zusammenhang mit dem strukturellen
Tatorten offensiv abdrucken, in Berüh-       Problem her. Neben der Verharmlosung         Oft geht der Unterbringung in einem
rung gekommen?                               und Privatisierung des Femizids gibt es      Frauenhaus ein langer innerer Kampf
                                             noch ein größeres Problem: die Rassifi-      der Frauen voraus. Die Rechtsanwältin
Ich habe das beobachtet und daraufhin        zierung des Tatbestandes. Wenn der           Christina Clemm sagt, nach einer An-
mit dem Kameramann Sergio Silva Azúa         Begriff des »Ehrenmords« eingesetzt          klage dauert es zwischen zwei und vier
aus Mexiko City über den größeren            wird zum Beispiel. Zum ersten Mal fällt      Jahren, bis es zur Urteilssprechung
Zusammenhang dahinter gesprochen.            hier überhaupt mal das Wort »Mord«.          kommt. Das macht diese Entscheidung
Dieser hat es mir so erklärt: Dadurch,       Und dieser wird zurückgeführt auf eine       nicht leichter, oder?
dass Mexiko so lange unter kolonialer        vermeintliche Herkunft des Täters. Was
Gewaltherrschaft stand, hat dort über        oft nicht stimmt, weil die Täter sehr häu-   Sich aus Gewaltsituationen zu lösen, ist
Jahrhunderte eine massive Gewöhnung          fig Deutsche sind. Das ist ein patriarcha-   sowieso schon sehr schwierig. Und wenn
an Gewalt stattgefunden, die bis heute       les Problem, das man nicht rückkoppeln       du es dann schaffst, hast du es mit einem
nie wirklich aufgearbeitet worden ist. In    kann an eine bestimmte Kultur.               misogynen Polizeiapparat zu tun, weil
einem Ausmaß, wie ich sie mir nicht vor-                                                  die Ausbildung fehlt und mit einem Jus-
stellen kann. Zum anderen hat sich die       Und auch nicht auf ein soziales Milieu.      tizapparat, bei dem es ähnlich aussieht
Drogenroute in den 1990er-Jahren                                                          und mit Frauenhäusern, die all das auf-
verändert und wurde über Mexiko um-          Absolut. Es handelt sich um eine Gewalt,     fangen müssen. Das ist keine dauerhaf-
geleitet. Plötzlich waren die Auswirkun-     die klassenübergreifend ist und die keine    te Lösung, das ist eine Zwischenlösung,
gen der Drogenkriege zu spüren. In den       nationalen und kulturellen Grenzen           eine Unterstützung. Aber es muss eine
frühen 2000ern waren Leichen Teil des        kennt.                                       andere gesellschaftliche Einbindung ge-
Alltags. Wenn du zur Schule gefahren                                                      ben, damit die Selbstständigkeit der
bist, hingen Menschen an den Brücken.        Blicken wir mal auf das Corona-Jahr, in      Frauen* unterstützt, leistbare Wohnun-
Durch dieses Exponieren der Leichenim        dem die häusliche Gewalt gestiegen ist       gen zur Verfügung gestellt, Arbeitsplätze
öffentlichen Raum, meinte Sergio Silva       und die Bedeutung der Frauenhäuser           ermöglicht und Gerichtsprozesse be-
Azúa, hat eine Abstumpfung stattgefun-       auch. Wie schätzen Sie die Situation ein?    schleunigt werden. Das ist nicht die Auf-
den, die es leichter macht, diese extremen                                                gabe der Frauen*. Das muss als gesamt-
Bilder abzudrucken.                          Meiner Erfahrung nach hat Corona im          gesellschaftliche Aufgabe begriffen
                                             Hinblick auf häusliche Gewalt wie auch       werden und einige Entscheidungsträ-
Bleiben wir mal bei der Berichterstat-       auf viele andere gesellschaftliche Berei-    ger*innen sträuben sich noch, diese Ver-
tung. Wenn man über Frauenmorde liest,       che Probleme erst mal verstärkt. Die         antwortung zu übernehmen.
fallen oft Begriffe wie »Eifersuchtsdra-     Schieflagen sind deutlicher zum Vor-
ma« oder »Familientragödie«. Ist die         schein gekommen. Es kann sein, dass die      Das Interview führte die Dramaturgin
Berichterstattung über Femizide in           häusliche Gewalt gestiegen ist, aber die     Lea Goebel.
Deutschland ausreichend?                     Zahlen sind seit vielen Jahren schon
                                             hoch. Die Frauenhäuser berichten uns,
Diese Begriffe sind motiviert und nicht      dass es schwieriger für Frauen* gewor-
neutral. Die Begriffe wie »Eifersuchts-      den ist, sich Hilfe zu holen, weil sie in
drama«, »Beziehungstat« und »Familien-       ihren privaten Räumen mit den Tätern                   MARLENE PARDELLER WURDE 1982
tragödie« reißen eine Tat aus einem ge-      eingeschlossen sind. Frauenhausplätze                  IN SÜDTIROL GEBOREN UND
samtgesellschaftlichen Zusammenhang          sind seit Jahren ausgebucht und absolut                LEBT IN BERLIN. SIE IST FILM-
und privatisieren sie. Gerade bei »Fami-     unterfinanziert. In Berlin wurden zuletzt              SCHAFFENDE, LEKTORIN UND
lie« oder »Eifersucht« befinden wir uns      leerstehende Hotels genutzt, um Frauen*                SCHREIBCOACHIN. SEIT FÜNF
in einem privaten Raum, in dem nur zwei      unterzubringen. Es gibt außerdem zu                    JAHREN ARBEITET SIE IN UND
Leute beteiligt sind und der Rest der        wenig Mitarbeiterinnen. Für diese war                  ZU DEN AKTUELLEN FEMI-
Gesellschaft nichts damit zu tun hat.        das Jahr eine unglaubliche Herausfor-                  NISTISCHEN BEWEGUNGEN
Mit den Begriffen wie »Tragödie« oder        derung. Und dann wird das Digitale                     IN ITALIEN UND MEXIKO. 2017
»Drama« sind wir eigentlich im Theater.      Deutsche Frauenarchiv auch noch aus                    GRÜNDETE SIE ZUSAMMEN
Das produziert eine Distanzierung, aber      dem gleichen Geldtopf finanziert wie die               MIT ALEX WISCHNEWSKI DIE
auch Effekthascherei. Es wird uns das        Frauenhäuser. Da werden zwei Dinge                     INITIATIVE #KEINEMEHR.
Schicksalhafte, das Unabänderliche da-       gegeneinander ausgespielt, die so wichtig
ran vorgeführt. Häufig stellen die Artikel   sind. Das ist eine Verknappung der

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