LAG - MAGAZIN FRAUEN IN ERINNERUNGSKULTUREN 24. FEBRUAR 2021 - LERNEN AUS DER GESCHICHTE
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Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
Zur Diskussion
Vielfältige Geschichten ergeben erst die große Geschichte – Frauen in den Weltkriegen......4
Frauen in Ravensbrück – geschlechterhistorische Perspektiven............................................11
Detailliert, vielfältig und unmittelbar: Vergessene, frühe Zeugnisse weiblicher
Überlebender...........................................................................................................................15
Rotarmistin, Kriegsgefangene, Widerständlerin – und Aktivistin: die Ärztin Antonina
Konjakina-Trofimowa (1914-2004).......................................................................................20
Frauen als Kriegsopfer? Was ist mit ihrem Mut oder ihren Verbrechen?.............................25
Empfehlung Fachbuch
Erinnerung. Medien. Geschlecht............................................................................................28
Frauen in Konzentrationslagern. Konzeption eines Führungstages unter
geschlechtsspezifischem Aspekt in der Gedenkstätte Bergen-Belsen....................................31
Gedächtnis und Geschlecht. Deutungsmuster in Darstellungen des nationalsozialistischen
Genozids..................................................................................................................................34
Empfehlung Web
Blogparade #femaleheritage...................................................................................................38
Magazin vom 24.02.2021 2Einleitung
Liebe Leser*innen, und dem französischen Nationalen Amt der
wir begrüßen Sie zum ersten LaG-Maga- Kriegsveteranen und Kriegsopfer ausge-
zin im neuen Jahr, das erst im Februar er- schrieben wird.
scheint. Das Fehlen der Januarausgabe Wir bedanken uns bei den Autor*innen für
erklärt sich aus einer Lücke in den Förde- die uns zur Verfügung gestellten Texte.
rungen, die wir für die einzelnen Nummern In eigener Sache
akquirieren müssen.
Für die Mitarbeit bei „Lernen aus der
Das Magazin nimmt sich der anhaltenden Geschichte“ suchen wir derzeit eine*n
Unterrepräsentation der Erinnerung an studentische*n Mitarbeiter*in. Zur Aus-
Frauen im Ersten und Zweiten Weltkrieg schreibung geht es hier.
an. Die Fachaufsätze zeigen dabei, dass die-
se Lücke nicht allein dem Forschungsstand
geschuldet ist. Das nächste LaG-Magazin erscheint am 31.
März 2021. Es entsteht in Zusammenarbeit
Mehr als im Forschungsbereich zu den bei-
mit der Landeszentrale für politische Bil-
den Weltkriege macht Constanze Jaiser eine
dung Baden-Württemberg und thematisiert
anhaltende Skepsis in der pädagogischen
die „Gedenkstättenlandschaft“ in dem süd-
Vermittlung über die Geschichte aus, sich
westlichen Bundesland.
mit Geschlecht zu befassen. Die Autorin legt
mögliche Aspekte einer Erinnerungskultur
an Frauen im Krieg dar. Wir wünschen Ihnen eine gute Lektüre.
Insa Eschebach schreibt über den für Ra-
vensbrück in mehrfacher Hinsicht zentralen
Ihre LaG-Redaktion
Charakter der Kategorie Geschlecht.
Zeugnisse von Überlebenden der NS-Ver-
nichtungspolitik existierten bereits früh.
Am Beispiel von Anna Haas zeigt Andrea
Rudorff ihre Bedeutung auf.
Am Beispiel der Biografie von Antonina
Konjakina-Trofimowa gehen Ruth Preusse
und Katja Seybold auf die Online-Ausstel-
lung "An Unrecht erinnern" ein.
Vasco Kretschmann stellt einen deutsch-
französischen Comic-Wettbewerb für Ju-
gendliche zu Frauen im Krieg vor, der vom
Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge
Magazin vom 24.02.2021 3Zur Diskussion
Vielfältige Geschichten allerdings zu kurz. Vielmehr wäre es ziel-
ergeben erst die führender, die jeweiligen Handlungsspiel-
große Geschichte – räume im „privaten“ und im „öffentlichen“
Frauen in den Weltkriegen Raum zum Gegenstand der Untersuchung
zu machen. Freilich entgeht man auch mit
Von Constanze Jaiser
einer solchen Einteilung nicht zwangsläufig
Erinnerungskultur zu verknüpfen mit den einer beklagenswerten Bewertung in wich-
Ereignissen während der beiden Weltkriege tige (=männliche) und weniger wichtige
scheint noch immer häufig nur die Erinne- (=weibliche) Aspekte in der Geschichtsver-
rung an männliche Protagonisten und an mittlung zum Thema.
weibliche Opfer hervorzubringen.
Was also tun? Entscheidend scheint mir
Natürlich ist insbesondere in der Frauen- zunächst die Einsicht, dass dichotome Ana-
und Geschlechterforschung in den vergan- lysemodelle den Blick auf geschichtliche
genen Jahrzehnten Vieles untersucht und Realitäten geradezu verstellen. Denn die
ins Blickfeld gerückt worden. Längst ver- Beschäftigung mit Frauen im Krieg ist in
bindet man mit Frauen und Weltkrieg nicht Wirklichkeit eine Auseinandersetzung mit
mehr nur die sogenannten „Trümmerfrau- Genderfragen, die keineswegs auf ein biolo-
en“, das „Mutterverdienstkreuz“ oder die gisches Geschlecht bezogen sind. Vielmehr
caritativ tätige Frau an der Heimatfront. waren und sind das Beziehungsgeflecht
Dennoch, zumindest in der pädagogischen zwischen Frauen und Männern und das
Vermittlung (und nicht nur dort!) geht eine Aushandeln von geschlechtsspezifischen
Hinwendung auf Frauen noch immer mit Handlungsräumen die Prämissen einer
der Skepsis einher, ob man denn dann auch fruchtbaren Auseinandersetzung mit dem
das „Eigentliche“ und „Wichtige“ vermitteln Themenfeld.
würde, oder ob man damit nicht lediglich
Das notwendige Aufgeben einer dichotomen
einen zusätzlichen, mehr oder weniger in-
Sichtweise erstreckt sich im Weiteren auch
teressanten Aspekt in den Unterrichtsstoff
auf die Verflechtung von Kriegsfront und
hineinbringe.1
Heimatfront; sie lässt sich in wirtschaftli-
Allein von Frauen und Männern zu spre- che und soziale Aspekte auffächern, spiegelt
chen, greift dabei aus meiner Sicht sich aber auch – betrachtet man zum Bei-
1 Dieser Beitrag basiert auf einem Workshop im Rahmen der Ta- spiel Plakate oder autobiographische Äu-
gung „Geschichte und Geschichtsbilder“ 2015, den ich für den ßerungen – in Propaganda und Atmosphä-
Volksbund in Hessen gestaltet habe. Darüber berichtet wurde re wider. Unter Extrembedingungen, wie
erstmals in Polis 57, Analysen – Meinungen – Debatten, hrsg. v. Diktatur und Krieg, weicht die in der Regel
Monika Hölscher, Viola Krause, Thomas Lutz (Geschichte und Ge- weiblich und männlich konnotierte Grenz-
schichtsbilder. Der Erste und Zweite Weltkrieg im internationalen ziehung zwischen „privaten“ und „öffent-
Vergleich), Wiesbaden 2016. lichen“ Räumen auf. Und der Verlauf des
Magazin vom 24.02.2021 4Zur Diskussion
jeweiligen kriegerischen Konfliktes hat, wie weitere Tätigkeitsfelder immer mehr in den
die Geschichte zeigt, erhebliche Auswirkun- Vordergrund, die mit der demographischen
gen auf Selbstbilder, Rollenverständnis und und wirtschaftlichen Situation der Kriegs-
Handlungsspielräume. länder zu tun hatte. So wurden Frauen mehr
Im Folgenden möchte ich kursorisch auf ei- und mehr in typischen Männerberufen ak-
nige Beispiele eingehen, die belegen sollen, zeptiert, ja massiv angeworben. Ein typi-
wie vielfältig die Erinnerung an Frauen im sches Sujet auf Tausenden von Bildpostkar-
Krieg aussehen könnte. Welche Rollen und ten, wie sie im Wien-Museum gesammelt
Aufgaben füllten Frauen aus? Inwieweit wurden, waren Frauen als Briefträgerinnen,
deckten diese sich mit Geschlechterordnun- Straßenkehrerinnen, Schaffnerinnen, Ge-
gen der jeweiligen Zeit, oder eben nicht? müsebäuerinnen in den städtischen Park-
anlagen oder als „Tramwayschienen-Reini-
Aspekte einer Erinnerungskultur
gerin“.
an Frauen im Ersten Weltkrieg
„Während den Männern eingetrichtert wur-
Beginnen wir mit Beispielen aus dem Ersten
de, sie müssten Frauen und Kinder ‚in der
Weltkrieg. Frauen erschienen bereits früh
Heimat’ mit ihrem Leben schützen, quasi
auf Bildpostkarten als Symbol der „Waffen-
die bedrohte heile Welt daheim verteidigen,
brüderschaft“ und „Vaterlandstreue“.2
bekamen die Frauen vermittelt, dass sie ih-
Eine ihrer konkreten Aufgaben bestand – ren Beitrag zu leisten hatten. Das Kriegsleis-
unter dem Begriff „Labedienst“ – darin, tungsgesetz, bereits 1912 eingeführt, ver-
Dienst an den Nächsten zu verrichten, sei pflichtete alle Untertanen des Kaisers zur
es das millionenfache Herstellen und Ver- Dienstleistung im Kriegsfall. Verbrämt war
senden von diversen „Liebesgaben“ für die das noch mit der reaktionären Botschaft,
Soldaten, sei es bei der Unterstützung von der Krieg werde ‚tiefer, echter Weiblichkeit’
kriegsbedingt arbeitslos gewordenen Frau- erst zum Durchbruch verhelfen.“4
en, der Sammlung von Geld und Materiali-
Doch auch der steigende Bedarf von Ar-
en oder der Armen-, Mütter- und Kinderfür-
beitskräften in der Rüstungsindustrie öff-
sorge.3
nete Zugänge für Frauen. Waren Frauen vor
Im Verlauf des Krieges traten jedoch dem Krieg allenfalls in der firmeneigenen
2 Vgl. hierzu Christa Hämmerle: „Heimat/Front- Kantine beschäftigt, so stellten sie zum Bei-
Geschlechtergeschichte/n des Ersten Weltkriegs in Österreich- spiel im saarländischen Eisenwerk St. Ing-
Ungarn“, Böhlau Verlag, 2014. bert/Differdingen im Ersten Weltkrieg 1917
3 Grundlagenpapier österreichischer Wissenschaftler*innen
aus Anlass des Gedenkens des Ausbruchs des Ersten Welt- 4 Petra Stuiber, Alltag und der Kampf der Frauen an der Hei-
krieges vor 100 Jahren, http://www.bmeia.gv.at/fileadmin/ matfront, in: Der Standard, 29.11.2013, http://derstandard.
user_upload/Zentrale/Kultur/Schwerpunkte/Grundlagenpa- at/1385169370487/-von-einem-Weib-heimflennen- (letzter Zu-
pier_1914_-_2014.pdf (letzter Zugriff: 19.12.2020). griff: 19.12.2020), darin auch eine Beispielpostkarte.
Magazin vom 24.02.2021 5Zur Diskussion
22 Prozent der Belegschaft.5 ist die Rede von 30.000 bis 50.000 „weib-
In der Ausgabe vom 30. Dezember 1915 des lichen Hilfskräfte der Armee im Felde“, die
englischen Kriegsmagazins „The War Bud- durch ihren Einsatz die Soldaten für den
get“ erschien ein bebilderter Artikel über Fronteinsatz freistellen sollten.6
Frauen in der Kriegsindustrie. Unter dem Bekannt sind auch Frauen, die, freilich als
Titel Mann verkleidet, im Krieg als Soldatinnen
„The Girl behind the Gun“ sieht man Frau- kämpften. Viktoria Savs zum Beispiel war
en, die Sprengkapseln an Geschossen an- als Hans Savs im Krieg. Sie war 16 Jah-
bringen resp. ein ganzes Fließband, an dem re alt. Man ließ sie in Männerkleidern und
Frauen in Reih und Glied stehen, um die fer- unter dem Siegel der Verschwiegenheit zu.
tigen Kartuschen zu montieren und zu kon- Erst als sie, inzwischen mit Medaillen deko-
trollieren. riert, eine schwere Verletzung erlitt, flog der
Schwindel auf.7
Als Rote-Kreuz-Schwestern waren Frau-
en sowohl an der Heimat- als auch an der Dorothy Lawrence, eine englische Reporte-
Kriegsfront im Einsatz. Wurde die Figur rin, schlich sich im Ersten Weltkrieg an die
des Soldaten als Idealbild von Männlich- Front, um zu kämpfen und als Journalis-
keit propagiert, so war besonders die Figur tin über ihr Abenteuer zu berichten. In die
der Kriegskrankenschwester sein weibliches Schlacht zog die selbsternannte Reporterin
Äquivalent. per Fahrrad und verkleidet als Mann.8
Auf einer Aufnahme aus dem Jahr 1915 Schließlich sind auch Frauen zu nennen, die
sticht aus einer Gruppe von sechzehn Frau- nicht im oder für den Krieg tätig waren, son-
en interessanterweise lediglich eine deut- dern als politische Aktivistinnen gegen den
lich erkennbar als Kriegskrankenschwester Krieg kämpften. So hatten die bürgerlichen
hervor; alle anderen stecken in Ganzkörper- Frauenrechtlerinnen Anita Augspurg und
Schutzanzügen, in denen sie im Epidemie- Lida Gustava Heymann mit einigen gleich
spital in Troppau Dienst tun, und sind nicht gesinnten bürgerlichen Frauenrechtlerin-
mehr auf Anhieb als Frauen zu erkennen. nen aus Holland und England einen Inter-
Die von ihnen verrichtete Arbeit lediglich nationalen Frauenkongress für Frieden in
als weiblichen Hilfsdienst zu sehen, würde Den Haag geplant. Über 1.100 Frauen aus
ihren lebensgefährlichen Kriegseinsatz völ-
6 Grundlagenpapier http://www.bmeia.gv.at/fileadmin/
lig falsch einordnen.
user_upload/Zentrale/Kultur/Schwerpunkte/Grundlagenpa-
Darüber hinaus waren weibliche Kräfte auch
pier_1914_-_2014.pdf (letzter Zugriff: 19.12.2020).
in der Armee gefragt und damit direkt in die
7 Vgl. http://www.dreizinnen.info/historisches/soldatin-viktoria-
Kriegsführung einbezogen. Für Österreich
savs.asp (letzter Zugriff: 19.12.2020).
5 Vgl. http://alte-schmelz.org/chronik/ (letzter Zugriff: 8 http://www.spiegel.de/einestages/erster-weltkrieg-soldatin-
19.12.2020). dorothy-lawrence-a-951366.html (letzter Zugriff: 19.12.2020).
Magazin vom 24.02.2021 6Zur Diskussion
zwölf Nationen, Europa und den USA tra- Ausnahme waren, so gestalteten sie doch
fen sich im April 1915 in Den Haag, zum die nationalsozialistische Gewaltherrschaft
Teil reisten sie unter widrigsten Umständen maßgeblich mit, wie ein Blick auf die traditi-
durch Kriegsgebiete an. onell weiblich konnotierten Aufgaben zeigt.
Sie forderten u.a. allgemeine Abrüstung, Beispielsweise war die Rolle der Fürsorge-
dem Recht die Herrschaft über die Gewalt rinnen alles andere als ein „unpolitisches
zu verschaffen, die Gleichberechtigung der Helfen“, sondern ihre Arbeit nahm eine
Frau und einen internationalen Strafge- Schlüsselfunktion für die nationalsozialisti-
richtshof. Außerdem gründeten sie die „In- sche Diskriminierungs- und Ausmerzpolitik
ternationale Frauenliga für Frieden und ein.10 Überhaupt erfüllte die Sozialarbeit in
Freiheit“ und sandten im Anschluss Delega- der NS-Zeit wichtige Funktionen, sei es bei
tionen mit ihren Forderungen zu den einzel- der Erhebung von Lebensumständen und
nen europäischen Regierungen.9 Vier Jahre politischer Einstellung und der davon ab-
später, auf dem 2. Internationalen Frauen- hängigen Gewährung von Unterstützungen
friedenskongress in Zürich, benannten sie wie Ehestandsdarlehen oder Kinderbeihil-
das Internationale Frauenkomitee für dau- fen, sei es bei der Anwendung eugenischer
ernden Frieden in „Internationale Frauenli- Prinzipien und rassistischer Ideologie.11
ga für Frieden und Freiheit“ (IFFF) um. Auch überwiegend von Frauen ausgeüb-
Handlungsräume von Frauen im te Bürotätigkeiten feiten keineswegs da-
Zweiten Weltkrieg vor, unmittelbar in die Vernichtungsma-
schinerie einbezogen zu sein und hierin
Bezogen auf die NS-Zeit und den Zweiten
eine aktive Rolle zu übernehmen. Am Bei-
Weltkrieg ist das Thema Frauen als Täterin-
spiel des weiblichen Büropersonal, wie es
nen und Mittäterinnen inzwischen gut do-
in den Heil- und Pflegeanstalten an den
kumentiert. Die Handlungsspielräume von
NS-„Euthanasie“-Morden beteiligt war,
Frauen waren dabei häufig eingeschränkt
zeigt sich wie die Frauen vor Ort nicht
resp. konnten sie die Karriereleiter nicht in
nur einen sicheren Arbeitsplatz, sondern
derselben Weise erklimmen wie Männer.
10 Esther Lehnert, Die Beteiligung von Fürsorgerinnen an der Bil-
Auch wenn die oberen Hierarchieränge für
dung und Umsetzung der Kategorie „minderwertig“ im National-
Frauen und Mädchen in der Regel eher die
sozialismus, Frankfurt am Main 2003.
9 Imogen Rhia Herrad, Frauenkongress. Ein Radiofeature des SWR 11 Vgl. z. B. Stefan Schnurr, Sozialpädagogen im Nationalsozia-
(2015), http://www.swr.de/-/id=15214204/property=download/ lismus, Weinheim und München 1997. In dem Zusammenhang
nid=660374/18pfvv1/swr2-wissen-20150428.pdf (letzter Zugriff: verweise ich auch auf meine Vorlesung „Soziale Arbeit im Natio-
14.05.2016). Vgl. auch das Unterrichtsmaterial von Ute Kätzel, nalsozialismus“, die ich im Oktober für Studierende an der Fach-
Es waren nur wenige, doch der Staat fühlte sich bedroht. Frauen- hochschule Neubrandenburg (angesichts der Covid19-Pandemie
friedensbewegung von 1899 bis 1933, in: Praxis Geschichte, Heft im virtuellen Raum) abhielt; sie ist mit diesem Link auf YouTube
3/97, S. 9–13, (letzter Zugriff: 19.12.2020). zugänglich: https://youtu.be/EiX8T0fXdE4.
Magazin vom 24.02.2021 7Zur Diskussion
offenbar auch gute Bedingungen vorfanden, den SS-Ehefrauen) wäre das Morden, aber
den richtigen Mann für eine Eheschließung auch das Streben nach Karriere und Aner-
zu finden.12 kennung für Männer ganz anders ausgefal-
Zumindest auf den zweiten Blick pädago- len.
gisch vielversprechend ist auch die Einbe- Aus der Perspektive der Verfolgten gilt es
ziehung von Frauen als Repräsentantin- natürlich ebenso, die verschiedenen mögli-
nen des NS-Staats, so zum Beispiel Magda chen Erfahrungsräume von Frauen sehen zu
Goebbels, die nicht nur als Vorzeigemutter, lernen. Dabei wäre es wünschenswert, wenn
sondern auch als enge Vertraute Hitlers und der Diskurs internationaler geführt werden
als eigenständig der nationalsozialistischen würde. Gerade sexuelle Gewalt und sexu-
Ideologie folgenden Täterin aktiv war.13 alisierte Gewalt ist ein zentrales Struktur-
Durch den Film „Der Untergang“, der in vie- merkmal von Kriegsverbrechen, und diese
len Schulen zum gängigen Unterrichtsma- traf nicht nur Jüdinnen, Romnja und Sintize
terial gehört, kann sehr leicht an Vorwissen oder politisch Widerständige, sondern spiel-
angeknüpft werden, um dies dann multiper- te in großem Stil auch eine Rolle in asiatisch-
spektivisch zu vertiefen. pazifischen Ländern.14 Die Herausforderung
Durch die Berücksichtigung der weiblichen bei diesem Thema freilich ist in der pädago-
Erfahrungswelt und Handlungsspielräume gischen Praxis nicht nur, Jugendliche nicht
kann es gelingen, die Alltagswirklichkeit zu überwältigen und ausreichend Raum für
von Krieg näher zu bringen; der Zugang Diskussion und Verarbeitung zu lassen, son-
ermöglicht eher eine Vorstellung als der dern auch wieder die Gefahr der Reproduk-
„ferne“ Krieg. Darüber hinaus kann nur so tion üblicher Viktimisierungsdiskurse.15
das Beziehungsgeflecht wahrgenommen 14 Vgl. Rheinischen JournalistInnenbüro in Köln, Die Dritte Welt
werden, das immer eine Rolle spielt, zuge- im Zweiten Weltkrieg, 2. Auflage vom November 2012, zum Be-
spitzt bis hin zu etwas, dass die Historikerin stellen oder als frei zugängliches PDF (unter „Didaktisches/Un-
Lerke Gravenhorst einst als „Verbrechens- terrichtmaterialien) auf der Webseite der Herausgeber, http://
verbund Ehe“ bezeichnet hat. Ohne „die www.3www2.de.
Frau an seiner Seite“ (so ein Buchtitel zu 15 Vgl. z.B. Helga Amesberger, Katrin Auer, Brigitte Halbmayr,
12 Die Untersuchung der Personalakten sowie Vernehmungspro- Sexualisierte Gewalt. Weibliche Erfahrungen in Konzentrations-
tokollen führte zu dieser, auch mich überraschenden Erkenntnis, lagern Wien 2004; Regina Mühlhäuser, Eroberungen. Sexuelle
vgl. meinen Beitrag „Das Büropersonal in der Euthanasie-Mord- Gewalttaten und intime Beziehungen deutscher Soldaten in der
anstalt Bernburg. Möglichkeiten der Umsetzung des Themas Sowjetunion 1941–1945, Hamburg 2010; zum Thema „Sexualität
‚Frauen als Täterinnen im NS’ in der Bildungsarbeit“, in: Doku- im Gewaltverhältnis KZ“ vgl. auch meine Forschung zu „Reprä-
mentation der Tagung „Frauen als Täterinnen“ in der Gedenkstät- sentationen von Sexualität und Gewalt in Zeugnissen jüdischer
te Bernburg, Halle 2007, S. 26–55. und nichtjüdischer Überlebender“, in: Gisela Bock (Hrsg.), Geno-
13 Vgl. z. B. Anja Klabunde, Magda Goebbels – Annäherung an ein zid und Geschlecht im System der nationalsozialistischen Lager,
Leben, München 1999. Frankfurt a. M. 2005, S. 123–148.
Magazin vom 24.02.2021 8Zur Diskussion
Fällt die Entscheidung auf den nach wie vor 5,7 Millionen. Ein Drittel davon waren Frau-
gewinnbringenden biographischen Ansatz, en, die in überwiegender Zahl aus Osteuro-
um Geschichte zu vermitteln, so wäre es pa kamen (87 %, bei den Männern waren
beim Thema Frauen und Mädchen als Op- es 62 %).17 Die von den Nationalsozialisten
fer nationalsozialistischer Verfolgung auch vorgenommene rassistische und politisch-
gut, über die, wenn auch noch so geringen ideologische Einteilung der einzelnen Aus-
Handlungsspielräume der Verfolgten und ländergruppen korrespondierte mit dem
Geschundenen zu erzählen; die Person ge- wachsenden Frauenanteil. Bei den zivilen
rade nicht einfach als „Jüdin“, „Zigeunerin“, Kräften aus der damaligen Sowjetunion lag
„Asoziale“ zu klassifizieren (und damit die der Frauenanteil bei über 50 Prozent, beim
Stigmatisierung der Nazis gewissermaßen Bündnispartner Ungarn bei lediglich 3 % –
unfreiwillig mit zu reproduzieren). Vielmehr ein Phänomen, das, nach Cordula Tollmien,
könnte es in der Erinnerung darum gehen, mit dem rassistischen Menschenbild der
sie soweit wie möglich in einem Beziehungs- Nationalsozialisten und den behaupteten
geflecht darzustellen (Familie, Freunde, Hierarchien in der Wertigkeit korrespon-
Helfende, Verfolger, Profiteure, etc.). [vgl. dierte.
z.B. hier die Online-Ausstellung www.dubi- Ein spezielles, bis heute nur wenig beachte-
standers.de,16] tes Thema ist das der „Kinder von Zwangs-
Pädagogisch ist neben einem biographischen arbeiterinnen“. Im Internet existiert eine
Ansatz auch eine regionalgeschichtliche An- Datenbank mit über 400 Einträgen wo Ent-
bindung sinnvoll. Welche Orte kennen Sie bindungs- oder Säuglingslager bestanden,
in ihrer Gegend, in denen auch Frauen und bzw. mit Spuren zu Säuglingsgräbern oder
Mädchen eine Rolle spielten? Meist genügt Zeitzeuginnenberichte, die eine weitere Er-
heutzutage eine erste Recherche im Inter- forschung erfordern.18
net, um Hinweise und sogar Materialien zu Die Beispiele von Handlungsräumen von
erhalten. Frauen während des Ersten und des Zweiten
Zum Beispiel lassen sich beim Thema Weltkriegs mögen genügen, um deutlich zu
„Frauen und Zwangsarbeit“ ¬noch viele un- machen, wie vielfältig die Rollen von Frauen
terbelichtete Aspekte ortsbezogen vermit- und damit auch die Verflechtungsgeschichte
teln und erforschen. Nach Ulrich Herberts 17 Vgl. Ulrich Herbert, Fremdarbeiter. Politik und Praxis des „Aus-
Studien zum Thema „Fremdarbeiter“ und länder-Einsatzes“ in der Kriegswirtschaft des Dritten Reiches,
„Ausländer-Einsatz“ in der Kriegswirtschaft, Dietz-Verlag Berlin-Bonn 1985, S. 271.
lag die Zahl der registrierten ausländischen 18 Vgl. http://www.krieggegenkinder.de; weitere Informationen
Zivilarbeiter*innen im August 1944 bei zu Zwangsarbeiterinnen und ihren Kindern finden sich auf der
16 Hrsg. Von der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Eu- Webseite der Historikerin Cordula Tollmien unter http://www.
ropas, Redaktion: Nadja Grintzewitsch, Constanze Jaiser, Julia cordula-tollmien.de/zwangsarbeiterinnen.html (letzter Zugriff:
Radtke, vgl. www.dubistanders.de. 19.12.2020).
Magazin vom 24.02.2021 9Zur Diskussion
von Kriegs- und Heimatfront waren.
Mit Fotos, Dokumenten, Zeug*innen-
aussagen oder eigenen Entdeckungen in
Über die Autorin
Stadt- und Firmenarchiven lässt sich die Er-
Dr. Constanze Jaiser arbeitet als Leiterin
innerungskultur da sicherlich noch um inte- des Projekts zeitlupe. Stadt. Geschichte &
ressante Aspekte bereichern. Biographische Erinnerung bei der Regionalen Arbeitsstelle für
Bildung, Integration und Demokratie (RAA)
und regionalgeschichtliche Ansätze sind aus Mecklenburg-Vorpommern.
meiner Sicht nach wie vor gut geeignet, um
in ein Thema zu führen. Bedeutsam scheint
mir daneben aber auch, methodisch-didak-
tische Wege zu gehen, bei denen einerseits
„Geschichte spannend erzählt wird“, ande-
rerseits ausreichend Möglichkeiten gegeben
werden, verschiedene Perspektiven kennen-
zulernen und eine eigene Werteklärung zu
erreichen.
Die Neigung zu Heroisierung (= männlich)
und Viktimisierung (= weiblich), die in der
Erinnerung an Kriege auch auf internatio-
naler Ebene zu beobachten ist, gilt es immer
wieder neu zu unterwandern. Solchen (ste-
reo)typisierenden geschlechtsspezifischen
Geschichtsbildern sollte mit Gegen-Bildern
begegnet werden, um eine Reflexion anzure-
gen über Fragen nach dem Wie und Warum
dieser Art von Erinnerungen.
Magazin vom 24.02.2021 10Zur Diskussion
Frauen in Ravensbrück – Zentrum der Frauenforschung. (vgl. Sachse
geschlechterhistorische 1997:31 sowie Lanwerd & Stoehr 2007: 47)
Perspektiven In der Tat hat die Ravensbrück-Forschung
Anfang der 1990er Jahre einen Höhenflug
Von Insa Eschebach
begonnen und vieles ist seither geschehen.
Annika Bremell, Überlebende des Frauen- Diese Entwicklung ist wesentlich von der
Konzentrationslagers Ravensbrück, berich- historischen Frauen- und Geschlechterfor-
tet 2006 rückblickend Folgendes: Im April schung befördert worden. Sie wurde aber
1945, als sie zum letzten Mal Appell stehen auch begünstigt von der nationalen wie in-
musste, öffnete sich plötzlich das Lagertor ternationalen Historiographie, die Konzen-
und „wunderschöne junge Männer“ kamen trationslager jahrzehntelang als randstän-
herein, gekleidet in Uniformen des Schwe- diges Phänomen betrachtet hatte, sich aber
dischen Roten Kreuzes. Es handelte sich um seit den 1990er Jahren zunehmend auch der
die Busfahrer, die die Frauen nach Skandi- nationalsozialistischen Lagerwelt zuwendet.
navien evakuieren würden. Annika Bremell,
Gleichwohl bleibt es im Grunde erstaunlich,
wie viele ihrer Mithäftlinge mehrfach kahl-
dass sich bei der Frage nach dem Geschlecht
geschoren, beschrieb, wie in diesem Augen-
der Blick stets erneut auf Ravensbrück rich-
blick ihre Hand spontan „nach oben ging“,
tet. Als ob das Frauen-Konzentrationsla-
um zu kontrollieren, ob ihre Haare säßen.
ger an sich schon auf die Existenz von Ge-
Und als sie diese Geste selbst bemerkte,
schlechterverhältnissen verweise, während
habe sie gedacht, sie sei eben doch immer
Lager für Männer für das Menschlich-Allge-
noch eine Frau, der es wichtig sei, wie sie für
meine zu stehen scheinen. Diese Asymme-
diese Männer aussehe.
trie hatte Simone de Beauvoir im Blick, als
Matthias Heyl, pädagogischer Leiter der Ge- sie – wie später auch beispielsweise Pierre
denkstätte Ravensbrück, erzählt diese Ge- Bourdieu, George L. Mosse, Judith Butler
schichte gelegentlich bei Führungen, wenn – 1949 argumentierte: Die männliche Ge-
die Gruppen den ehemaligen Appellplatz, schlechtsidentität gehe mit der Vorstellung
das Lagertor in Sichtweite, erreicht haben. des Allgemeinen oder auch Universalen
Es geschieht, dass ihm beim Erzählen nun einher, während das Weibliche, wenn über-
seinerseits seine Hand illustrierend „nach haupt, dann stets explizit charakterisiert
oben“ geht. Gelingt ihm diese feminine Ges- werden müsse (de Beauvoir 1972: 12): „Wie
te gut, berichtet er (Heyl 2015), kann es sein, kommt es,“ schreibt sie, „dass zwischen den
dass er bei manchen Jungen auf eine gewis- Geschlechtern […] Wechselseitigkeit nicht
se Abwehr trifft. Spontane Kommentare wie hergestellt worden ist, dass der eine der bei-
„voll schwul“ seien aus dem Off zu hören. den Begriffe sich als der allein wesentliche
Seit der deutschen Vereinigung steht das behauptet hat und mit Bezug auf seinen Ge-
Konzentrationslager Ravensbrück im genbegriff jede Relativität ablehnt, indem
Magazin vom 24.02.2021 11Zur Diskussion
er diesen schlechthin als ‚das Andere’ defi- dem Zweiten Weltkrieg Geborenen. Schon
niert?“ die Überlebenden versuchten mit ihrer Ver-
bandspolitik nach 1945, mit dem auf ein
Noch in der Kennzeichnung der Konzent-
reines Frauenlager verkürzten Ravensbrück
rationslager zeigt sich der Bedarf expliziter
„eines der wenigen Terrains zu behaupten,
Charakterisierung: Als „FKL“, so die histori-
in dem sie ohne männliche Dominanz tätig
sche Abkürzung, unterschied sich das „Frau-
sein konnten“. Susan Hogervorst weist dar-
en-Konzentrationslager“ von den „KL“, den
auf hin, dass die Frauen „ihr“ Ravensbrück
Konzentrationslagern, die keines weiteren
hatten, während sich die Männer unter den
geschlechtsspezifischen Ergänzungsbuch-
Namen anderer Lager organisierten (Ho-
stabens bedurften, weil sie für Männer
gervorst 2008: 214). Auch die Gedenkstätte
waren. Während mit der männlichen Ge-
Ravensbrück heute wird immer wieder als
schlechtsidentität das Allgemeine par ex-
„Ort der Frauen“ wahrgenommen und ist in
cellence angesprochen ist, sind Frauen im
dieser Bedeutung zentraler Referenzpunkt
Wesentlichen mittels ihres Geschlechts de-
geschlechterhistorischer und feministischer
finiert. So bleibt auch Ravensbrück ein Son-
Initiativen.
derfall im System nationalsozialistischer
Konzentrationslager wie auch im bundes- Für das Frauen-Konzentrationslager Ra-
deutschen Netz der KZ-Gedenkstätten: Ein vensbrück als ein Schauplatz des Ausschlus-
Zusatz, ein Außerdem, ein Die-gibt-es-ja- ses, extremer sozialer Kontrolle und Gewalt
auch-noch. ist die Kategorie Geschlecht in mehrfacher
Hinsicht von zentraler Bedeutung:
Die – andauernde – Asymmetrie der Ge-
schlechter ist vermutlich ein Grund dafür, Erstens hinsichtlich der Geschlechterpolitik
warum die Thematisierung der Geschich- des „Dritten Reiches“, die sich sowohl in den
te des Frauen-Konzentrationslagers stets Organisationsstrukturen des SS-Personals
erneut mit Forderungen nach vermehrter und der geschlechtsspezifischen Konzepti-
politischer, religiöser und/oder sozialer on und Betreibung des Lagers manifestiert,
Teilhabe von Frauen verknüpft wird. Sozi- als auch in der Konstruktion sozial, poli-
ale Bewegungen konstituieren und legiti- tisch und rassistisch definierter Feindbilder.
mieren sich selbst, indem sie sich eine ei- Misogynie, Homophobie und Konstruktio-
gene Geschichte geben. Dementsprechend nen devianter Weiblichkeit sind in der Ge-
wird auch Ravensbrück immer wieder aus schichte dieses Lagers ohne Ende aufzufin-
identitätspolitischen Interessen heraus in den. Um nur ein Beispiel zu nennen: Für die
Anspruch genommen: Die Geschichte der strafrechtliche Verfolgung von Frauen im
„Frauen von Ravensbrück“ wird häufig als Nationalsozialismus und damit auch für die
Vorgeschichte des eigenen politischen, so- NS-Geschlechterpolitik waren mindestens
zialen oder auch religiösen Handelns wahr- vier Maßnahmen symptomatisch: Die No-
genommen. Dies gilt nicht nur für die nach vellierung des Abtreibungsparagrafen, das
Magazin vom 24.02.2021 12Zur Diskussion
„Blutschutzgesetz“, die „Wehrkraftschutz- von Ausstellungen und Gedenkräumen,
verordnung“ vom November 1939 sowie die der Dramaturgie öffentlicher Gedenkfeiern
„Verordnung zum Schutz von Ehe, Familie und der Ravensbrück-Filme, sei es das Feld
und Mutterschaft“ vom März 1943 (Roth der Memoirenliteratur, der politischen Re-
2009: 109–140). Die entsprechenden Straf- den und der nationalen wie internationalen
prozessakten der in Ravensbrück inhaftier- Verbandsgeschichte.
ten Frauen dokumentieren Bilder vermeint- Last but not least spielt die Kategorie Ge-
lich minderwertiger – und deshalb häufig schlecht eine zentrale Rolle in der Bildungs-
auch sexualisierter - Weiblichkeit im „Drit- arbeit der Gedenkstätte, die von Haus aus
ten Reich“ in Fülle. mit einer schwierigen Erwartungshaltung
Geschlechterhistorische Untersuchungsan- konfrontiert ist: Der Erwartung nämlich,
sätze sind aber auch zentral für Studien zur der Gedenkstättenbesuch Jugendlicher
„Häftlingsgesellschaft“ (Maja Suderland) im könne diesen zu einer „Marienerschei-
weitesten Sinn: Seien es Themenfelder wie nung“ verhelfen (Heyl 2005), so als stünde
die der Häftlingsgruppen, der Verfolgungs- an „moralisch hoch aufgeladenen Geden-
kontexte und der Biografien oder Unter- korten“ wie Ravensbrück, gewissermaßen
suchungen über die Lagergeschichte, über am „Tiefpunkt der Zivilisation die Orien-
Zwangsarbeit, kulturelle und soziale Praxen, tierung für das richtige und angemessene
Repressionsmaßnahmen bis hin zu Hinrich- Verhalten zur Verfügung“, wie Astrid Mes-
tungspraktiken, die ohne die Kategorie Ge- serschmidt schreibt (Messerschmidt 2016:
schlecht nicht adäquat zu fassen sind. 32). „Kritische Erinnerungsbildung“, fährt
Hinzu kommt – drittens – die Nachge- sie fort, kann „keine ungebrochenen Bezie-
schichte: „Seit der kulturalistischen Wen- hungen zwischen den NS-Verbrechen und
de“, so Carola Sachse, dominiere in den der Gegenwart herstellen, jedoch auf Ver-
geschlechterhistorischen Arbeiten zum Na- wandtschaften zu heutigem Denken und zu
tionalsozialismus „die Auseinandersetzung heutigen gesellschaftlichen Praktiken auf-
mit Geschlechterbildern und Formen der merksam machen.“ Dass ideologische Mus-
Sexualisierung, die in den vergangenheits- ter, rassistische Zugehörigkeitsphantasmen
politischen Bearbeitungen des National- und tradierte Geschlechterbilder fortwirken
sozialismus, seinen geschichtspolitischen können, ist bekannt. Wie die eingangs er-
Repräsentationen und den Inszenierungen zählte Geschichte von Annika Bremell und
von Erinnerung und Gedenken identifiziert Matthias Heyl deutlich macht, ist Ravens-
werden konnten.“ (Sachse 2012: 7). In der brück ohne Gendersensibilität nicht denk-
Tat ist auch dieser Untersuchungsansatz bar.
für die Nachgeschichte von Ravensbrück
ausgesprochen ergiebig, sei es auf dem
Feld der Denkmalskunst, der Konzeption
Magazin vom 24.02.2021 13Zur Diskussion
Literatur Fragestellungen, Perspektiven, neue Forschun-
gen, Innsbruck, Wien, Bozen 2007, S. 22-68.
Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht.
Sitte und Sexus der Frau, übersetzt von Eva Re- Astrid Messerschmidt, Postkoloniale Selbstbil-
chel-Mertens, Reinbek bei Hamburg 1972. der in der postnationalsozialistischen Gesell-
schaft, in: FKW// Zeitschrift für Geschlech-
Matthias Heyl, Erziehung nach Auschwitz, In-
terforschung und visuelle Kultur, 59/2016, S.
terview zum Gedenktag für die Opfer des Nati-
024-037.
onalsozialismus, 19. Januar 2005.
Thomas Roth, „Gestrauchelte Frauen“ und „un-
Matthias Heyl, Gender als Kategorie in der
verbesserliche Weibspersonen“: Zum Stellen-
gedenkstättenpädagogischen Praxis der Ge-
wert der Kategorie Geschlecht in der nationalso-
denkstätte Ravensbrück – ein Werkstatttext,
zialistischen Strafrechtspflege, in: Elke Frietsch/
in: Annette Dietrich und Ljiljana Heise (Hg.),
Christina Herkommer (Hrsg.), Nationalsozialis-
Männlichkeitskonstruktionen im Nationalsozi-
mus und Geschlecht. Zur Politisierung und Äs-
alismus. Formen, Funktionen und Wirkungs-
thetisierung von Körper, „Rasse“ und Sexuali-
macht von Geschlechterkonstruktionen im
tät im „Dritten Reich“ und nach 1945, Bielefeld
Nationalsozialismus und ihre Reflexion in der
2009, S. 109–140.
pädagogischen Praxis. Frankfurt am Main 2015,
S. 275-284. Carola Sachse, Frauenforschung zum National-
sozialismus. Debatten, Topoi und Ergebnisse
Insa Eschebach, Zur Einleitung: Kontexte und
seit 1976, in: Mittelweg 36, H. 2/1997, S. 24-36.
Entwicklungen der Ravensbrück-Forschung, in:
Dies. (Hg.), Das Frauen-Konzentrationslager Carola Sachse, Wissenschaft und Geschlecht in
Ravensbrück. Neue Beiträge zur Geschichte und der NS-Medizin. Überlegungen zur Verbindung
Nachgeschichte. Berlin 2014, S. 7-27. wissenschafts- und geschlechterhistorischer
Untersuchungsansätze, in: Insa Eschebach und
Susan Hogervorst, Erinnerungskulturen und
Astrid Ley (Hg.), Geschlecht und „Rasse“ in der
Geschichtsschreibung. Das Beispiel Ravens-
NS-Medizin. Berlin 2012, S. 7-16.
brück, in: Opfer als Akteure. Interventionen
ehemaliger NS-Verfolgter in der Nachkriegszeit,
hrsg. v. Katharina Stengel (Jahrbuch des Fritz
Bauer Instituts, Bd. 12, Frankfurt a.M. 2008), S.
197–215.
Susanne Lanwerd, Irene Stoehr, Frauen – und Über die Autorin
Geschlechterforschung zum Nationalsozialis- Dr. Insa Eschebach ist Lehrbeauftragte am
mus seit den 1970er Jahren. Forschungsstand, Institut für Religionswissenschaft der FU Berlin
und freie Publizistin. Von 2005 bis 2020 war sie
Veränderungen, Perspektiven, in: Johanna Geh- Leiterin der Gedenkstätte Ravensbrück/Stiftung
macher, Gabriella Hauch (Hg.), Frauen- und Ge- Brandenburgische Gedenkstätten.
schlechtergeschichte des Nationalsozialismus.
Magazin vom 24.02.2021 14Zur Diskussion
Detailliert, vielfältig und Als das Frauenlager in Birkenau im Herbst
unmittelbar: Vergessene, 1944 sukzessive verkleinert wurde, teilte die
frühe Zeugnisse weiblicher SS Anna Haas einem Transport von 1.000
Überlebender Frauen zu, der in das Außenlager Kurzbach
im östlichen Niederschlesien gebracht wur-
Von Andrea Rudorff
de, das unter der Verwaltung des Konzen-
Am 27. März 1945, sechs Wochen vor dem trationslagers Groß-Rosen stand. In einer
Ende des Zweiten Weltkriegs, gab die 19-jäh- Scheune untergebracht, mussten die Frauen
rige Jüdin Anna Haas im „Haus der Flücht- dort bei Regen, Wind und Frost Panzergrä-
linge“ in Bukarest zu Protokoll, was ihr in ben ausheben, die die östliche Reichsgrenze
den letzten zwölf Monaten passiert war. vor dem Einmarsch der Roten Armee schüt-
Etwa ein Jahr zuvor hatte sie in ihrer Hei- zen sollte. Als die Front bereits sehr nahe
matstadt Cluj in Siebenbürgen das Abitur war, trieb die SS die Frauen im Januar 1945
abgelegt. Kurz darauf begann die Ghettoi- zu Fuß zunächst ins Stammlager Groß-Ro-
sierung der jüdischen Bevölkerung aus den sen. Wegen Trunkenheit der Begleitmann-
ungarisch besetzten Gebieten Rumäniens. schaften gelang ihr dort die Flucht. Fernab
Anna Haas wurde mit ihrer Familie und 18 der Heimat und ohne Ortskenntnis kehrte
000 jüdischen Einwohner*innen von Cluj sie zunächst an den Ort ihrer Gefangen-
in die städtische Ziegelei gepfercht, wo sie schaft, in die Nähe des Außenlagers Kurz-
unter freiem Himmel, auf der bloßen Erde, bach zurück. Einen Tag lang versteckte sie
nächtigen mussten. Drei Wochen später sich in einem „polnischen Wirtshaus“, dann
wurden sie von dort nach Auschwitz-Birke- marschierte die Rote Armee ein. Nach ei-
nau abtransportiert. Bei der Ankunft an der ner Odyssee über Częstochowa, Kraków,
Rampe von Birkenau stuften SS und Lager- Tarnów, Przemyśl, Lemberg und Kolomy-
ärzte Anna als „arbeitsfähig“ ein. Sie wurde ja gelang es ihr sich bis Bukarest durchzu-
Häftling im Lager und entging auf diese Wei- schlagen.
se dem grausamen Tod in der Gaskammer.
Dort hatte die Hilfsorganisation Joint Dis-
Schon bald arbeitete sie als Läuferin für das
tribution Committee im „Haus der Flücht-
Krankenrevier, später wurde sie Schreiberin
linge“ in der Calea Moșilor-Straße 128 einen
im Block für Infektionskrankheiten. Dort
Anlaufpunkt für Holocaust-Überlebende
sah sie täglich, wie kranke Häftlinge für den
eingerichtet, die in der Stadt eintrafen. In
Tod in der Gaskammer ausgewählt wurden:
der Regel hofften sie, eine Weiterreise nach
„Die einzige Aufgabe des Spitals war es, die
Palästina organisieren zu können. Sie er-
Kranken hereinzulocken und je mehr Men-
hielten Unterstützung und wurden gleich-
schen zu verbrennen. Es kam vor, dass man
zeitig gebeten, ihre Verfolgungsgeschich-
auf einmal hundertzwanzig bis hundertfünf-
te zu erzählen, die schriftlich festgehalten
zig Frauen wegführte. Natürlich wären sie
wurde. Am Ende der Schilderung notierten
zu heilen gewesen.“
Magazin vom 24.02.2021 15Zur Diskussion
die Protokollant*innen die Namen von An- Viele von ihnen hatten, wie Anna Haas, die
gehörigen und Bekannten, mit denen die letzte Kriegsphase in KZ-Außenlagern über-
Berichtenden gemeinsam deportiert worden lebt. Der Anteil von jungen Frauen in dieser
waren und von deren Schicksal sie zu die- Gruppe war hoch: ein Grund lag darin, dass
sem Zeitpunkt meist nichts wussten, aber mit den Deportationen jüdischer Bevölke-
Schlimmes ahnten. Beim Durchstöbern rung aus Ungarn und den ungarisch besetz-
der Aussagen fällt auf, wie viele Überleben- ten Gebieten Rumäniens und der Tsche-
de schon zu diesem frühen Zeitpunkt, im choslowakei seit Mai 1944 besonders viele
Frühjahr und Sommer 1945, Befürchtungen Frauen nach Auschwitz-Birkenau kamen, da
äußerten, mit ihren Berichten über die Ver- ein Großteil der ungarischen jüdischen Män-
brechen zu langweilen und Altbekanntes zu ner – nämlich diejenigen, die die ungarische
wiederholen. Armee zur Zwangsarbeit einsetzte – von den
Deportationen ausgenommen war. Diese
Anna Haas` vierseitiger Bericht wurde un-
Frauen wurden nun verstärkt zu Arbeitsein-
ter der Protokollnummer 35 abgelegt. Nüch-
satzzwecken an die deutsche Rüstungsin-
tern schildert sie darin von dem Erlebten,
dustrie verteilt. Dies führte zwischenzeitlich
nennt Namen von Tätern und Mitgefange-
zu Irritationen bei der SS, im Rüstungsmi-
nen. Eine Leerstelle bleibt das Schicksal ih-
nisterium und in den Unternehmen, die sich
rer Eltern und ihrer siebenjähriger Schwes-
mehr junge Männer als Zwangsarbeitskräfte
ter Maria, die vermutlich bereits während
erhofft hatten. Schon bald jedoch gehörte
der Eingangsselektion an der Rampe als
der Einsatz von weiblichen KZ-Häftlingen
„arbeitsunfähig“ eingestuft und in der Gas-
in der deutschen Industrie oder bei Schanz-
kammer ermordet wurden.
arbeiten zur Normalität in Deutschen Reich.
Anna Haas muss vom fabrikmäßigen Mord Im Januar 1945 waren 200.000 Frauen im
berichten, zu einem Zeitpunkt, als es noch KZ-System gefangen: Ein Großteil von ih-
keinen Namen dafür gibt. Sie muss, wie viele nen lebte in Außenlagern.
andere, neue, eigene Begriffe für das Unsag-
Forschungen haben ergeben, dass die
bare finden. So beginnt sie die Beschreibung
Sterblichkeit von weiblichen Häftlingen
vom Lager Auschwitz-Birkenau mit den
in den Außenlagern der Rüstungsindust-
Worten: „Auschwitz macht im ersten Au-
rie weitaus niedriger lag als die von Män-
genblick den Eindruck eines Narrenhauses.
nern. Die größte Gefahr für die jungen
Es ist die Erfindung eines kranken phanta-
Frauen und Mädchen entstand im Mo-
sievollen Gehirns, gründlich und präzis aus-
ment der Lagerräumungen. Im Januar
gearbeitet und durchgeführt.“
1945 begannen die Todesmärsche aus den
Tausende von jungen Jüdinnen legten be- Lagern in den östlichen Teilen des Deut-
reits vor Kriegsende oder unmittelbar schen Reichs, in denen sich Außenlager von
danach Zeugnis von ihrer Verfolgung ab. Stutthof und Groß-Rosen befanden. Diesen
Magazin vom 24.02.2021 16Zur Diskussion
Gewaltmärschen bei starkem Frost fielen sammelte. Auch in DP-Lagern entstanden
viele Frauen zum Opfer. Sie verhungerten, umfangreiche Projekte zur Dokumentation
erfroren oder wurden von den Begleitmann- der Erfahrungen von Überlebenden, darun-
schaften erschossen, weil sie nicht schnell ter die einzigartigen Tonbandprotokolle, die
genug liefen. Gleichzeitig erleichterte der der Psychologieprofessor David P. Boder im
Umstand, dass auch die deutsche Bevölke- August 1946 aufnahm.
rung aus diesen Regionen floh, den Frauen In den letzten Jahrzehnten stieg sowohl in
und Mädchen die Möglichkeiten zu einer Deutschland als auch an den heute polni-
Flucht. Leerstehende Häuser und Scheu- schen Standorten ehemaliger KZ-Außenla-
nen boten Unterschlupf und in manchen ger das Interesse an der Geschichte dieser
Küchen, Kammern und Kellern fanden sich Lager, die in fast jeder Stadt und in vielen
gefüllte Lebensmittelmagazine. Niemand Gemeinden errichtet worden waren. Initi-
war da, um sie zu bewachen und geflohene ativen setzten sich zum Ziel, Spuren zu su-
KZ-Häftlinge den Behörden zu melden. An- chen und etwas über die Häftlinge und ihre
gesichts der großen Gefahr, auf dem Todes- Leidenszeit in Erfahrung zu bringen. Sie
marsch umzukommen, entschlossen sich suchen nach Berichten von Überlebenden,
etliche Frauen und Mädchen, das Risiko ei- da erst die Verbindung mit konkreten Bio-
ner Flucht einzugehen. Sie schlugen sich auf graphien die Geschichte anschaulich und
oftmals abenteuerliche Weise in die befrei- vermittelbar macht. Die Bekanntheit und
ten Gebiete durch. Dort fanden sie Unter- Zugänglichkeit gerade der frühen Quellen
stützung bei jüdischen Hilfsorganisationen. ist jedoch bisher so eingeschränkt, dass
In der Regel wurden dort die Erfahrungen Geschichtsaktivist*innen oftmals nicht ein-
der Überlebenden schriftlich festgehalten. mal ahnen, wie viele frühe Berichte über das
So bildeten sich in vielen Städten Polens jü- entsprechende Lager in Archiven schlum-
dische Kommissionen, die rund 7.200 Be- mern. Zwar schreitet die Digitalisierung
richte protokollierten. Die ungarische De- vieler Bestände voran und immer mehr
portiertenfürsorge in Budapest sammelte werden im Internet zugänglich. Der Bericht
seit Frühsommer 1945 bis zum April 1946 von Anna Haas jedoch liegt zusammen mit
rund 4000 Berichte. Auch in vielen anderen 800 weiteren Berichten aus dem Bukares-
europäischen Staaten bildeten sich ähnliche ter „Haus der Flüchtlinge“, die alle aus dem
Initiativen. Um beispielsweise die Erfah- Zeitraum Frühjahr bis Herbst 1945 stam-
rungen der 20 000 Konzentrationslager- men, in einem kleinen Archiv des Pinkas La-
Überlebenden zu dokumentieren, die nach von Instituts im Norden von Tel Aviv. Auf-
dem Krieg zur Erholung nach Schweden grund ihrer schweren Zugänglichkeit sind
gebracht worden waren, gründete Zygmunt sie wissenschaftlich kaum ausgewertet.
Łakociński in Lund das Polish Research
Viele Überlebenden äußerten in ihren
Institute, das mehrere hundert Berichte
letzten Lebensjahren die Befürchtung, dass
Magazin vom 24.02.2021 17Zur Diskussion
ihre Erfahrungen und ihre Perspektive auf Frühe Berichtesammlungen
das Geschehene in Vergessenheit geraten (Auswahl)
könnte. Gedenkstätten und Erinnerungs- Protokolle aus dem Haus der Flüchtlinge in
initiativen arbeiten daran, dass dies nicht Bukarest, Archiv des Lavon-Instituts for La-
geschieht. Es bedarf gemeinsamer Anstren- bour Research, Tel Aviv, Bestand L VII-123
gungen von Archiven, Historiker*innen (digitalisiert im Archiv des United States
und Geschichtsaktivist*innen über Länder- Holocaust Memorial Museum, RG-68151M).
grenzen hinweg, um vergessene Bestände
Protokolle der Jüdischen Kommissionen
mit frühen Erlebnisprotokollen durch die
in Polen, Żydowski Instytut Historyczny,
Erstellung von Findbüchern, Orts- und La-
Warszawa, Bestand 301 (digitalisiert, nicht
gerregistern sowie Digitalisaten und Über-
online abrufbar, publiziertes Findbuch:
setzungen zugänglicher zu machen. Die
Marek Jóźwik (Hrsg.), Holocaust Survivors
Stimmen der Überlebenden sollten an den
Testimonies Catalogue, 7 Bände, Warszawa
Orten ihrer Leidenserfahrungen gehört wer-
1998-2011 sowie PDF-Findbuch auf der Sei-
den.
te des Żydowski Instytut Historyczny und
im Katalog des United States Holocaust Me-
morial Museum).
Protokolle der Deportiertenfürsorge in Bu-
dapest (DEGOB), Magyar Zsidó Múzeum és
Levéltár (www.degob.org bzw. www.degob.
hu und teilweise im Online-Archiv von Yad
Vashem, Bestand O.15).
Protokolle des Polish Research Institute in
der Lund University Library, teilweise on-
line unter www.alvin-portal.org.
Tonbandaufnahmen von David P. Boder,
„Voices of the Holocaust“, temporär über
folgende Plattform abrufbar: https://iit.avi-
aryplatform.com/collections/231.
Volltexte von derzeit 135 deutschsprachigen
frühen Berichten der Lagerliteratur, Uni-
versitätsbibliothek Gießen: https://digisam.
ub.uni-giessen.de/ubg-ihd-fhl.
Magazin vom 24.02.2021 18Zur Diskussion
Literatur (Auswahl)
Frank Beer/Markus Roth (Hrsg.), Von der
letzten Zerstörung. Die Zeitschrift „Fun let-
stn churn“ der Jüdischen Historischen Kom- Über die Autorin
mission München 1946-1948, Berlin 2020. Dr. Andrea Rudorff ist wissenschaftliche
Mitarbeiterin des Fritz Bauer Instituts im
Regina Fritz/Éva Kovács/Béla Rásky Projekt »Polnische Strafverfahren gegen
(Hrsg.), Als der Holocaust noch keinen Na- Angehörige der Lagerbesatzung von Auschwitz-
Birkenau«. Zuvor arbeitete sie im Projekt »Die
men hatte: zur frühen Aufarbeitung des NS- Geschichte des Konzentrationslagers Katzbach,
Massenmords an den Juden, Wien 2016. Frankfurt am Main« und war Bearbeiterin des
Bands 16 der Edition »Die Verfolgung und
Laura Jockusch, Collect and record! Jewish Ermordung der europäischen Juden durch das
nationalsozialistische Deutschland 1933-1945«
Holocaust documentation in early postwar des Instituts für Zeitgeschichte München/Berlin.
Europe, Oxford 2012.
Andrea Rudorff/Claus Füllberg-Stolberg,
Geschlechtsspezifische Mortalitätsraten in
Konzentrationslagern. Ursachen, Interpre-
tationen, Wahrnehmung, in: Janine Doer-
ry/Thomas Kubetzky/Katja Seybold (Hrsg.),
Das soziale Gedächtnis und die Gemein-
schaften der Überlebenden. Bergen-Belsen
in vergleichender Perspektive, Göttingen
2014, S. 35-48.
Andrea Rudorff, Frauen in den Außenlagern
des Konzentrationslagers Groß-Rosen, Ber-
lin 2014.
Magazin vom 24.02.2021 19Zur Diskussion
Rotarmistin, Kriegsgefangene, Dreifach beschwiegen
Widerständlerin – und Die Erfahrungen von Antonina Konjakina-
Aktivistin: die Ärztin Trofimowa, die mit schwerwiegenden ge-
Antonina Konjakina-Trofimowa
sundheitlichen Problemen aus Deutsch-
(1914-2004)
land zurückkehrt war, wurden aus weiteren
Eine Biografie aus der neuen Online- Gründen beschwiegen: Obwohl Stalin schon
Ausstellung „An Unrecht erinnern. unmittelbar nach dem Überfall auf die So-
Auf den Spuren sowjetischer wjetunion am 22. Juni 1941 Frauen für den
Kriegsgefangener“ Dienst in der Roten Armee angeworben und
später auch zwangsweise mobilisiert hat-
Von Ruth Preusse und Katja Seybold
te (und damit die einzige Kriegspartei mit
Im Oktober 1941 geriet die Zahnärztin Anto- Frauen in der kämpfenden Truppe schuf),
nina Konjakina als Teil einer Sanitätskolon- wurden diese im offiziellen Erinnern von
ne der Roten Armee in deutsche Kriegsge- Anfang an marginalisiert. Die Heldenvereh-
fangenschaft. Sie überlebte die kommenden rung mit Paraden, großen Denkmälern und
Jahre trotz der systematischen und rassis- Zeremonien war eindeutig männlich kon-
tisch motivierten Unterversorgung durch notiert. Nur einzelne Frauen schafften es,
die Wehrmacht. Nach Ende des Zweiten durch spektakuläre Einsätze, Angriffe oder
Weltkriegs musste sie jedoch feststellen, Rettungsaktionen im Kampf als „Held der
dass es in der sowjetischen Nachkriegsge- Sowjetunion“ (sic!) ausgezeichnet zu wer-
sellschaft keinen Raum für Lebensgeschich- den. Die Mehrheit der Rotarmistinnen wur-
ten wie die ihre gab und geben sollte. de nach dem Krieg aus der Armee entlassen
Stalin wollte die Sieger*innen und und ihr Einsatz fortan nicht mehr erwähnt.
Held*innen feiern und die Bevölkerung so Darüber hinaus hatte die Medizinerin Din-
über die Millionen Toten hinwegtrösten. ge getan und erlebt, die für uns heute zwar
Wer in Kriegsgefangenschaft geraten war, eindeutig mutig und dem eigenen Land
galt schlimmstenfalls als Verräter*in, bes- gegenüber solidarisch erscheinen, damals
tenfalls als feige. Für die offizielle Erinne- aber bei den sowjetischen Behörden vor
rungskultur waren diese Männer und Frau- allem Misstrauen erzeugten: Sie war Teil
en in jedem Fall ungeeignet. Weder die etwa einer Widerstandsgruppe im Kriegsgefan-
3,3 Millionen Menschen, die in deutscher genen-Mannschafts-Stammlager (Stalag)
Gefangenschaft aufgrund gezielter Morde XI C (311) Bergen-Belsen gewesen. Überle-
und Verelendung den Tod fanden, noch die benden, die sich „im Ausland aufgehalten
Überlebenden dieser Torturen wurden ge- hatten“, wurde von offiziellen Stellen bei
würdigt, jahrzehntelang. ihrer Rückkehr regelmäßig unterstellt, mit
den Deutschen kollaboriert zu haben. Muss-
te das nicht besonders für solche gelten,
Magazin vom 24.02.2021 20Zur Diskussion
die behaupteten, ein ganzes Netzwerk von der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der
Widerständler*innen aufgebaut zu haben? Wannsee-Konferenz und MEMORIAL In-
ternational Moskau will einen Beitrag dazu
Doch Antonina Konjakina-Trofimowa wollte
leisten, dieses Thema sichtbarer zu machen.
sich mit dieser Art der Kriegserzählung und
In Kooperation mit einer ganzen Reihe wei-
-erinnerung nicht abfinden. Als Frührentne-
terer Gedenkstätten und Initiativen, darun-
rin engagierte sie sich ab 1961 bis zu ihrem
ter auch der Gedenkstätte Bergen-Belsen,
Tod als Zeitzeugin im Sowjetischen Komi-
wurde eine auf ein jugendliches Publikum
tee für Kriegsveteranen (SKKV). Sie kämpf-
zugeschnittene deutsch-russische Online-
te dafür, auch die Geschichte der Frauen
Ausstellung entwickelt. Unter www.un-
in der Roten Armee, der Kriegsgefangenen
recht-erinnern.info finden sich Biografien,
und der Widerständler*innen zu einem Teil
Themen- und Ortstexte, die in leicht ver-
der post-stalinistischen Erinnerungskultur
ständlicher Sprache nicht nur über die Ge-
zum Zweiten Weltkrieg werden zu lassen.
schichte der sowjetischen Kriegsgefangenen
Ihr Erfolg, so muss man heute konstatieren,
während des Krieges aufklären. Ganz zent-
war nicht sehr nachhaltig. Heute dominiert
ral geht es auch um den Umgang mit dieser
in Russland wieder die Heldenerzählung in
Geschichte nach 1945 in beiden deutschen
der Erinnerung an den „Großen Vaterländi-
Staaten und der Sowjetunion bzw. dem wie-
schen Krieg“. Kriegsgefangene Frauen tau-
dervereinten Deutschland und Russland,
chen allenfalls in Zusammenhang mit Akti-
der Ukraine und Belarus. Schüler*innen
vitäten der KZ-Gedenkstätte Ravensbrück
sollen dazu angeregt werden, über Erinne-
auf, wo sie innerhalb der Häftlingsgesell-
rungskultur nachzudenken: Wer trägt bei
schaft einen besonderen Platz einnahmen.
und wieso, welche Funktionen soll sie er-
Die Online-Ausstellung füllen? Auch die Geschichte von Antonina
„An Unrecht erinnern“ Konjakina-Trofimowa wird hier erzählt.
In Deutschland sind die Verbrechen an den Ein Leben in einem
sowjetischen Kriegsgefangenen zu keiner bewegten Jahrhundert
Zeit von der breiten Öffentlichkeit wirklich
Antonina Konjakina wurde am 14. März 1914
wahrgenommen worden, obwohl sich eine
in der Nähe von Zarizyn geboren. Zu ihren
kleine und sehr engagierte Gedenkstätten-
Lebzeiten wurde diese Stadt zweimal um-
szene zum Thema entwickelt hat. Der Ort
benannt: 1925 in Stalingrad, 1961 in Wolgo-
Bergen-Belsen beispielsweise ist bleibend
grad. Seit einigen Jahren gibt es Initiativen,
wegen des später eingerichteten Konzent-
die fordern, wieder zu dem Namen zurück-
rationslagers, nicht wegen des von 1940 bis
zukehren, der so untrennbar mit der ersten,
Januar 1945 existierenden Kriegsgefangen-
verlust-, aber letztlich siegreichen Schlacht
lagers bekannt.
gegen die Deutschen verbunden ist: Stalin-
Ein binationales Projekt unter Leitung grad. Auch hier geht es um Erinnerungskultur
Magazin vom 24.02.2021 21Sie können auch lesen