Mit Sicherheit gläubig - Philipps-Universität Marburg

Die Seite wird erstellt Hortensia-Viktoria Paul
 
WEITER LESEN
Mit Sicherheit gläubig - Philipps-Universität Marburg
Herbst 2017

Mit Sicherheit gläubig
Mal tolerant, mal autoritär: Martin Luther schwankte, ob Politik und Religion strikt voneinander
getrennt werden sollten oder nicht. Die Folgen spüren wir noch heute

Als der Tod nach Marburg kam
50 Jahre Marburgvirus: Der Erreger fesselt die Forschung noch immer

Massenmörder aus der Nähe
Studierende beobachten UN-Tribunal in Kambodscha

ISSN 1616-1807                          Philipps-Universität Marburg und Marburger Universitätsbund e.V.
Mit Sicherheit gläubig - Philipps-Universität Marburg
Nachhaltigkeit bestimmt unser Handeln.

                                                                                                                       Heizsysteme
                                                                                                                   Industriesysteme
   Viessmann Werke GmbH & Co. KG · 35107 Allendorf (Eder)

                                                                                                                       Kühlsysteme
                                                            Als inhabergeführtes Familienunternehmen in dritter
                                                            Generation ist Viessmann einer der international
                                                            führenden Hersteller von Heiz-, Industrie- und Kühl-
                                                            systemen.

                                                            In der Region um seinen Stammsitz ist Viessmann
                                                            fest verwurzelt und bekennt sich zu seiner gesell-
                                                            schaftlichen und sozialen Verantwortung.
                                                            www.viessmann.de

I-NHK_Unijournal_A4_Werke.indd 1                                                                                                24.08.17 15:01
Mit Sicherheit gläubig - Philipps-Universität Marburg
Marburger                Herbst 2017

Aus dem Inhalt

 2 Roboter unter Beobachtung: Wie wirkt sich die Unter-                                                3    In den Kopf schauen
   stützung durch Automaten in der universitären Lehre aus?                                                 So bunt ist Wissenschaft:
 2 Im Netz 1: Eine private Stiftung spendet Geld für den Weiter-                                            Ein neues Zentrum an der
   bildungsstudiengang „Kulturelle Bildung“                                                                 Philipps-Universität widmet
 3 Im Netz 2: Marburg erhielt ein Zentrum für die Hirnforschung                                             sich dem Hirn, dem Geist

                                                                      Jens Maus (Commons)
   und rüstet sich für die Exzellenz                                                                        und dem Verhalten. Studie-
                                                                                                            rende sollen hier früh die
                                                                                                            Forschung kennenlernen,
                                                                                                            zum Beispiel moderne,
 4 Den Jugendlichen eine Stimme!                                                                            farbenfrohe Bildgebung.
   Studie untersuchte sexualisierte Gewalt, Grenzflächen-Forscher
   erhalten weiteres Geld, Psychologen gründen Promotions-                                             8    Boten des Bösen
   schule: Neuigkeiten aus der Marburger Forschung                                                          Schaut unschuldig aus,
 8 Sie trugen den Tod in sich                                                                               brachte aber tödliche
   Vor 50 Jahren forderte das Marburgvirus erstmals Todesopfer.                                             Keime: Meerkatzen lösten
   Noch immer birgt der Erreger gefährliche Geheimnisse –                                                   1967 die erste Marburg-
   Marburger Virologen enträtseln sie Stück für Stück                                                       virus-Epidemie aus. Bis
                                                                      Eric Kilby (Commons)

12 10 Jahre Forschung im Hochsicherheitslabor                                                               heute forschen Wissen-
   Die Philipps-Universität bietet bestens geschützte Arbeitsplätze                                         schaftler der Philipps-
16 Klasse Viren!                                                                                            Universität an dem heim-
   So fesselnd ist Laborarbeit: Jedes Jahr absolvieren Schülerinnen                                         tückischen Erreger.
   und Schüler ein Praktikum in der Virologie – in den Ferien!
18 Uneins mit sich                                                                                     18 Stets Streit um Luther!
   „Man muss Luther gegen Luther lesen“: Der Reformator                                                   Eigentlich wollte er nur
   schwankte, was die Trennung von Politik und Religion anging.                                           die bestehende Kirche er-
   Zwei Historiker diskutieren, wie der Glaubensstreit nachwirkt                                          neuern, aber heraus kamen
24 Was uns Luther sagt                                                                                    unvereinbare Bekenntnisse,
                                                                      Bildarchiv Foto Marburg

   Die Bibel wegwerfen? Eine Theologin, eine Religionswissen-                                             politische Umwälzungen,
   schaftlerin und ein Sprachhistoriker legen ihre Sicht auf den                                          sogar Krieg. Luther bereite-
   Reformator dar                                                                                         te die Moderne vor, sagen
26 Atemberaubend                                                                                          unsere Experten.
   Wie Asthma entsteht
28 Endlich therapiefrei
   Krebsmediziner von der Philipps-Universität analysieren,                                            46 Nach dem Ende
   welche Heilungschancen für Leukämiepatienten bestehen                                                  Die Roten Khmer hinter-
30 Tropfen wirft Echo                                                                                     ließen Kambodscha als
   Marburger Geografen messen Niederschläge in Ecuador                                                    Riesen-Friedhof. Ein UN-
32 Hut ab!                                                                                                Tribunal spricht Recht über
   Die Marburger Universität feierte die besten Doktorarbeiten                                            die Täter. Studierende der
34 Gut angekommen Neue Professorinnen und Professoren                                                     Philipps-Universität haben
36 Druckfrisch: Lehrbücher und Übersichtswerke                                                            sich angeschaut, ob die Pro-
                                                                      istolethetv

   Wie die Weltwirtschaft entstand, Politisches Denken, Informatik                                        zesse fair verlaufen.
   für den Bachelor – Neuerscheinungen aus der Uni Marburg
37 Aberkennung von Titeln
   Gute wissenschaftliche Praxis: Die Ombudsmannkolumne

38 Sie halten zusammen
   Siegreiche Damenhandballerinnen, neues Amt für Alt-Oberbür-
   germeister, Studierende mit Aktien: Neuigkeiten aus der Uni
40 Ins rechte Licht
   Bundessieg bei „Jugend forscht“ für drei Marburger Studenten
45 Der Uni verbunden Werden Sie Mitglied im Förderverein!
46 Nicht wegschauen
   Studierende beobachten das Tribunal gegen die Roten Khmer
50 „Deutschlehrer waren abschreckend“
   Die Autorin Dagmar Leupold über ihre Marburger Studienzeit
52 Entschiedener Friedensmahner: Das biografische Rätsel
52 Impressum
Mit Sicherheit gläubig - Philipps-Universität Marburg
Netzwerke bilden                      Die Roboter bitten zur Sprechstunde
Der Weiterbildungsstudien-
gang „Kulturelle Bildung              Bundesbildungsministerium fördert Marburger Projekt für digitale Hochschulbildung
an Schulen“ der Philipps-
Universität erhält 300.000            Man kennt sie aus Presse, Funk     können sie auch soziale Rollen     figer Fragen – gerecht zu wer-
Euro von einer Stiftung,              und Fernsehen oder sogar live      einnehmen und mit Menschen         den.
um 26 Schulen und Kultur-             aus dem Hörsaal: Jetzt erkundet    interagieren. So kann sich „Pep-        Solche und ähnliche Szena-
institutionen zu vernetzen.           ein neues Projekt an der Phi-      per“ nicht nur in mehreren Spra-   rien sollen in einem ersten
Die „Stiftung Jugend – Bil-           lipps-Universität, wie sich der    chen unterhalten, sondern auch     Schritt des Projektes entwickelt
dung – Kultur“ der Firma              Einsatz der menschenähnlichen      Gefühle erkennen und seiner-       werden, das den Titel „HEART“
Pricewaterhouse-Coopers               Roboter „Pepper“ und Nao“ in       seits zum Ausdruck bringen.        trägt. Sodann werden „Pepper“
fördert das Projekt „Ästhe-           der Hochschullehre auswirkt.       „Sein gesamtes Verhalten ist da-   und „Nao“ für den universitären
tische Forschung als Teil             Das Bundesforschungsministeri-     rauf ausgelegt, gemocht zu wer-    Alltag fit gemacht, indem
nachhaltiger Schulentwick-            um fördert das Vorhaben des        den“, sagt Handke.                 HEART sie mit neuer Software
lung“.                                Anglisten Jürgen Handke mit                                           ausstattet. Ihre Tätigkeiten im
Das Netzwerk führt die be-            137.000 Euro, um die Entwick-      Pepper zeigt Gefühle               Universitätsbetrieb sowie ihr
teiligten Schulen und Insti-          lung interaktionsfähiger Roboter                                      Anklang bei Studierenden sollen
tutionen zusammen, um ein             für die Lehre voran zu bringen.    Ebenso freundlich ist Roboter      schließlich umfassend dokumen-
Programm für forschendes              Roboter kommen immer häu-          „Nao“ – beste Voraussetzung für    tiert und evaluiert werden –
Lernen in Kunst und Kultur            figer im Alltag zum Einsatz, et-   den Einsatz an der Uni, etwa als   schließlich sind die kleinen Ro-
auszuarbeiten und in den              wa im Sozial- und Gesundheits-     Assistent für Lehrende. Die nim-   boter lernfähig. Die Auswertung
Schulen zu verankern, etwa            wesen. Die Automaten be-           mermüden und stets höflichen       der Ergebnisse wird von der
durch Lehrerfortbildung.              schränken sich keineswegs nur      Roboter sollen helfen, dem stei-   Marburger Bildungsforscherin
                                      aufs Rasenmähen oder Staubsau-     genden Betreuungsaufwand –         Susanne Lin-Klitzing begleitet.
Gut abgeschnitten                     gen: In zunehmendem Maße           etwa bei der Beantwortung häu-                  >> Andrea Ruppel

Dass ein richtig gutes Stu-

                                                                                                                                                Pressestelle
dium auch in sogenannten
Massenfächern möglich ist,
zeigen die Ergebnisse des
aktuellen Hochschulran-
kings, die das „Centrum für
Hochschulentwicklung“ im
Sommersemester im „ZEIT
Studienführer 2017/18“ ver-
öffentlicht hat. Untersucht
wurden unter anderem
Rechtswissenschaften,
Betriebswirtschaftslehre
(BWL) und Volkswirt-
schaftslehre (VWL). Die
Philipps-Universität erzielt
sehr gute Ergebnisse bei
der „Unterstützung am
Studienanfang“ in Jura und
VWL. In der Kategorie „Ab-                                                                                  Der Roboter Pepper zieht immer
schluss in angemessener                                                                                     wieder das Interesse der Medien
Zeit“ haben sich VWL und                                                                                    auf sich, so beim Sender ARD al-
BWL in der Spitzengruppe                                                                                    pha, der Aufnahmen für sein Cam-
positioniert.                                                                                               pus Magazin machte. Der Anglist
                                                                                                            Jürgen Handke setzt die Roboter
                                                                                                            „Pepper“ und „Nano“ in einem
  Wie man sich in Szene setzt: Auch                                                                         Linguistik-Seminar ein. Gefördert
  das kann man von „Pepper“ ler-                                                                            vom Bundesforaschungsministeri-
  nen. „Humanoide Roboter werden                                                                            um, erkundet Handke die Einsatz-
  eher früher als später zum Alltag                                                                         möglichkeiten interaktionsfähiger
  gehören“, erklärt Jürgen Handke.                                                                          Roboter in der Lehre.

    2
Mit Sicherheit gläubig - Philipps-Universität Marburg
Engagement in
Jens Maus (Commons)

                                                                                                                                         Lateinamerika
                                                                                                                                         Die Philipps-Universität
                                                                                                                                         und andere hessische
                                                                                                                                         Hochschulen haben sich
                                                                                                                                         an der jüngsten Lateiname-
                                                                                                                                         rikareise des hessischen
                                                                                                                                         Ministerpräsidenten Volker
                                                                                                                                         Bouffier beteiligt und dabei
                                                                                                                                         engere Bande als bisher
                                                                                                                                         mit Partnern in Mexiko und
                                                                                                                                         Kolumbien geknüpft. Die
                                                                                                                                         hessischen Hochschulen
                                                                                                                                         leisten wichtige Beiträge,
                                                                                                                                         um den aktuellen gesell-
                                                                                                                                         schaftlichen, politischen
                                                                                                                                         und ökonomischen Aufga-
                                                                                                                                         ben in beiden Ländern zu
                                                                                                                                         begegnen. So baut die Uni
                                                                                                                                         Marburg gemeinsam mit
                                                                                                                                         deutschen und kolumbia-
                                                                                                                                         nischen Partnern ein Netz-
                                                                                                                                         werk auf, das sich einer
                                                                                                                                         international vergleichenden
                                                                                                                                         Perspektive auf Friedens-
                                                                                                                                         prozesse widmet.

                                                                                                                                         Dieses Heft war
                      Moderne Bildgebungsverfahren machen Hirnstrukturen und -aktivitäten sichtbar.                                      kein Baum

                      Mitspinnen am Netz der Neuronen
                                                                                                                                         Umweltschutz steht bei der
                                                                                                                                         Philipps-Universität nicht
                                                                                                                                         nur auf dem Papier, sogar
                      Auf dem Weg zur Exzellenz: Das Zentrum MCMBB bündelt die Marburger Hirnforschung                                   beim „Hochschulwettbe-
                                                                                                                                         werb Papieratlas 2017“ hat
                      Fast die Hälfte aller Marburger     Neurophysiker Frank Bremmer,            Wie Bremmer ausführte, stärkt          sie gut abgeschnitten: Dank
                      Fachbereiche hat Neurowissen-       der als geschäftsführender Di-          das MCMBB auch die Lehre,              einer Recyclingpapierquote
                      schaftler und -wissenschaftle-      rektor des Zentrums amtiert.            insbesondere durch die Beteili-        von 99,25 Prozent belegt
                      rinnen in ihren Reihen. Sie bes-    „Das Zentrum bietet als Platt-          gung an den beiden Marburger           Marburg im Vergleich mit
                      ser zu vernetzen als bisher, ist    form für Vernetzung und wis-            Masterstudiengängen‚ ‚Kognitive        38 anderen deutschen
                      eine der Aufgaben, die sich das     senschaftlichen Austausch dafür         und Integrative System-Neuro-          Hochschulen Platz acht.
                      neue neurowissenschaftliche         die besten Möglichkeiten.“              wissenschaften‘ sowie ‚Moleku-         Als „Recyclingpapier-
                      Zentrum der Philipps-Univerität                                             lare und Zelluläre Neurowissen-        freundlichste Hochschule“
                      gestellt hat: Sie gründete im       Studierende lernen früh                 schaften‘.                             zeichnete das Bundesum-
                      Sommer dieses Jahres das Mar-       die Forschung kennen                         Auch beim Exzellenzpro-           weltministerium die Univer-
                      burg Center for Mind, Brain and                                             gramm des Bundes und der Län-          sität Osnabrück aus. Recy-
                      Behavior (MCMBB) als zentrale       Die Institution soll die Marbur-        der haben Bremmer sowie seine          clingpapier einzusetzen, ist
                      wissenschaftliche Einrichtung.      ger Neurowissenschaften bün-            Kolleginnen und Kollegen ge-           eine einfache und effektive
                          „Wir möchten unsere Stu-        deln, Forschung, Internationali-        punktet: Die mittelhessische           Maßnahme zum Schutz der
                      dierenden möglichst frühzeitig      sierung und Nachwuchsförde-             Cluster-Initiative „The Adaptive       Ressourcen. Die Herstel-
                      an aktuelle Forschungsthemen        rung unterstützen. Ein wissen-          Mind“ erhielt die Aufforderung,        lung spart im Vergleich zu
                      heranführen und sie so optimal      schaftliches Symposium                  ihren Förderantrag auszuarbei-         Frischfaserpapier bis zu 60
                      auf spätere Tätigkeiten vorberei-   begleitete die Gründung der For-        ten.                                   Prozent Energie und 70 Pro-
                      ten“, erklärte der Marburger        schungseinrichtung.                                                    >> hk   zent Wasser.

                        Buchtipp                                      Prof. Dr. Jürgen Handke
                                                                      Handbuch Hochschullehre Digital
                                                                      Leitfaden für eine moderne und mediengerechte Lehre                              Tectum
                                                                                                                                                        Verlag
                                                                      Die 2. Auflage erscheint bis Ende des Jahres 2017:
                                                                      ca. 250 S., brosch., ca. 19,95 €, ISBN 978-3-8288-4014-0             www.tectum-verlag.de

                                                                                                                                                                 3
Mit Sicherheit gläubig - Philipps-Universität Marburg
Wer weiß, was
kommt                                      Zum Sprechen gebracht
Marburg erhält ein weiteres                Erziehungswissenschaftlerin präsentierte Studie zu Gewalterfahrungen Jugendlicher
Graduiertenkolleg (GRK):
Die Deutsche Forschungs-                   „Das Hauptrisiko für sexualisier-      mersemester die Ergebnisse ei-           geführt hat – die Untersuchung
gemeinschaft gibt fast vier                te Gewalt sind andere Jugendli-        ner Studie über „Sexualisierte           trägt den sprechenden Titel
Millionen Euro für die neue                che, das heißt Gleichaltrige“,         Gewalt in der Erfahrung Jugend-          „Speak!“ Das Besondere daran
Einrichtung, an der Promo-                                                                                                 ist Maschke zufolge, dass sie die
vierende untersuchen, wie                                                                                                  Perspektive von Jugendlichen
sich Erwartungen verän-                                                                                                    einbezieht, „die sexualisierte
dern, wenn etwas Unvor-                                                                                                    Gewalt beobachtet oder auch
hergesehenes eintritt.                                                                                                     selbst ausgeübt haben“. Die
Sprecher des Kollegs ist                                                                                                   Schule sei ein Ort, an dem das
Mario Gollwitzer, der die                                                                                                  Risiko von nicht-körperlichen
Marburger Arbeitsgruppe                                                                                                    Formen sexualisierter Gewalt
Psychologische Metho-                                                                                                      bestehe. „Gleichzeitig kann sie
denlehre leitet. An dem                                                                                                    ein bedeutender Ort für die Prä-
GRK sollen in den nächsten                 sagt Sabine Maschke. Die Erzie-        licher“ vorgestellt, die sie ge-         vention sein.“
viereinhalb Jahren 25 Dis-                 hungswissenschaftlerin von der         meinsam mit ihrem Gießener                 >> Stefan Löwer, Hessisches
sertationen entstehen.                     Philipps-Universität hat im Som-       Kollegen Ludwig Stecher durch-                        Kultusministerium

        VAKUUMLÖSUNGEN
        Für höchste Ansprüche – aus einer Hand
        Vakuum ist nicht gleich Vakuum, auf die spezifischen Anforderungen kommt es an. Gemeinsam mit unseren Kunden erarbeiten wir jede
        Vakuumlösung individuell und nach ihren Bedürfnissen. Dieser Prozess umfasst alle Schritte zur Schaffung von perfekten Vakuumbedingungen.
        Dabei bieten wir nicht nur hochqualifizierte Produkte, sondern auch passendes Zubehör, Anwenderschulungen und weltweiten Service.

        Überzeugen Sie sich selbst! Entdecken Sie unsere Lösungen und Applikationen unter:

        www.pfeiffer-vacuum-solutions.de

    17.09.06_MarburgerUniJournal_Vakuumlösung_186x135mm_DE.indd 1                                                                                  06.09.17 17:26
    4
Mit Sicherheit gläubig - Philipps-Universität Marburg
Rolf K. Wegst
Der Physiker Ulrich Höfer von der Philipps-Universität amtiert als Sprecher des Sonderforschungsbereichs.

Naturwissenschaftler schneidern Material nach Maß
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft finanziert den Marburger Verbund „Innere Grenzflächen“ weiter

Die Grenzflächenforschung an        um weitere vier Jahre verlän-     physikalisch-chemischen Phäno-       maßschneidern.“ Hierfür stehen
der Philipps-Universität tritt in   gert.                             mene an Grenzflächen zu ver-         den beteiligten Forscherinnen
eine neue Phase ein: Die Deut-          Unter inneren Grenzflächen    stehen“, erläutert der Marburger     und Forschern weitere 10,5 Mil-
sche Forschungsgemeinschaft         verstehen die Forscher Kontakt-   Physiker Ulrich Höfer, der Spre-     lionen Euro für den Zeitraum
hat den Marburger Sonderfor-        flächen zwischen zwei Material-   cher des Verbunds. „Jetzt wollen     von vier Jahren bis 2021 zur
schungsbereich „Struktur und        schichten. „Zunächst ging es      wir diese auch gezielt kontrollie-   Verfügung.
Dynamik innerer Grenzflächen“       uns in erster Linie darum, die    ren und für neue Anwendungen                     >> Andrea Ruppel

                                                                                                                                      5
Mit Sicherheit gläubig - Philipps-Universität Marburg
Kurz und gut                       Zellen als Tausendsassas
                    Nachrichten aus der Forschung               Das „House of Pharma“ informierte über Stammzellen

E  in Forschungsteam um den Marburger Mikrobiologen
   Johann Heider hat ein neues Strukturelement identifiziert,
das bei Enzymen vorkommt, mit denen Kohlendioxid in Bio-
                                                                Neuronale Schaltkreise aus
                                                                Stammzellen standen im Fokus
                                                                eines Perspektivengespräch, das
                                                                                                      Volker Busskamp und sei-
                                                                                                  nem Team ist es gelungen, aus
                                                                                                  pluripotenten Stammzellen, die
moleküle eingebaut wird. Das neu entdeckte Muster kannte        die Initiative „House of Pharma   menschlichem Bindegewebe
man bisher nur von künstlich hergestellten Molekülen.           & Healthcare“ im vergangenen      entstammen, Nervenzellen von
(Quelle: Proteins: structure, function, and biosynthesis)       Sommersemester in Marburg         bisher unerreichter Reinheit her-
                                                                durchführte. Volker Busskamp      zustellen. Solche Zellen sind ele-
                                  ***                           aus Dresden sprach bei der Ver-   mentare Bestandteile unserer
                                                                anstaltung über aktuelle Per-     Sinnesorgane.

D   er neue Marburger Verbund „PANDORA“ bringt For-
    schungseinrichtungen und ein Software-Unternehmen
mit Praktikern zusammen, um zu untersuchen, unter welchen
                                                                spektiven der Stammzellfor-
                                                                schung.
                                                                    Wie man spezialisierte Kör-
                                                                                                      Werden sie im Reagenzglas
                                                                                                  zu künstlichen Schaltkreisen
                                                                                                  zusammengefügt, können sie
Bedingungen Propaganda im Internet zu Gewalt führt. Das         perzellen in pluripotente         der Forschung als Modelle neu-
Konsortium unter Leitung der Politologin Ursula Birsl erhält    Stammzellen zurückverwandeln      ronal verursachter Erkran-
2,6 Millionen Euro vom Bundesforschungsministerium.             kann, weiß man seit dem Jahr      kungen wie Alzheimer oder der
                                                                2006. Solche induzierten pluri-   Netzhautdegeneration Retinitis
                                  ***                           potenten Stammzellen (iPSC) er-   pigmentosa dienen. Gegen diese
                                                                öffnen unerschlossene Hori-       Erblindungskrankheit hat Buss-

S  teuern auf Nachtigallen? Ja, die gab es. Eine frühe Maß-
   nahme staatlichen Naturschutzes steht im Fokus einer
neuen Veröffentlichung des Marburger Historikers Niklot
                                                                zonte für die Diagnostik und
                                                                Therapie insbesondere degenera-
                                                                tiver Erkrankungen. Wie lassen
                                                                                                  kamp bereits Gentherapien ent-
                                                                                                  wickelt, nun arbeitet er daran,
                                                                                                  die Methode auf andere Körper-
Klüßendorf. Im 19. Jahrhundert erhoben 17 deutsche Staaten      sich iPSC-Zellen am besten in     zellen auszudehnen.
Abgaben, um die Käfighaltung von Nachtigallen einzuschrän-      gewünschte Körperzellen um-         >> Joachim Pietzsch, House
ken – erstmals vor 140 Jahren. (BWG 2017)                       programmieren?                      of Pharma & Healthcare e.V.

                                                                                                    Einwanderer erweisen
                                                                                                    sich als harmlos
                                                                                                    Zur Fremdenfeindlichkeit besteht
                                                                                                    kein Anlass: Schön ist sie nicht,
                                                                                                    die Schwarznarbenkröte, aber sie
                                                                                                    schadet auch nicht. So lässt sich
                                                                                                    zusammenfassen, was ein Team
                                                                                                    um den Marburger Biologen Sven
                                                                                                    Mecke herausgefunden hat. Die
                                                                                                    Forschungsgruppe überprüfte, ob
                                                                                                    ein natürlicher Lebensraum darun-
                                                                                                    ter leidet, wenn eine fremde Art
                                                                                                    eingeschleppt wird, in diesem Fall
                                                                                                    die asiatische Kröte. Sie wurde vor
                                                                                                    geraumer Zeit auch in Ost-Timor
                                                                                                    heimisch, einem Inselstaat, der In-
                                                                                                    donsien benachbart ist.
                                                                                                    Mecke und Co untersuchten den
                                                                                                    Mageninhalt der Lurche, die im
                                                                                                    Verdacht stehen, die neue Heimat
                                                                                                    ratzeputz leerzufressen, ohne vor
                                                                                                    Vögeln, Reptilien und kleinen Säu-
                                                                                                    getieren haltzumachen. Das Team
                                                                                                    öffnete die Mägen von 83 Indivi-
                                                                                                    duen. Darin fanden sich jede Men-
                                                                                                    ge Insekten und Spinnen, Schne-
                                                                                                    cken und Gewürm, alles in allem
  L. Shyamal (Commons)

                                                                                                    5581 Beutestücke – aber kein ein-
                                                                                                    ziges Wirbeltier. Alarm abgebla-
                                                                                                    sen.
                                                                                                    Quelle: Britta Döring & al., J. Nat.
                                                                                                    Hist. 2017
                                                                                                               >> Johannes Scholten

                         6
Mit Sicherheit gläubig - Philipps-Universität Marburg
DEN PATIENTEN VERPFLICHTET
          HOFFNUNG IST, WAS WIR BEI SANOFI JEDEN TAG GEBEN, INDEM
          WIR IMMER NEUE HERAUSFORDERUNGEN ÜBERWINDEN, UM DAS
          LEBEN VON SIEBEN MILLIARDEN MENSCHEN ZU SCHÜTZEN.
                                                                                      © Pierre-Olivier/Capa Pictures -

          Als eines der weltweit führenden Gesundheitsunternehmen
          erforscht, entwickelt, produziert und vertreibt Sanofi innovative
          medizinische Lösungen, die Krankheiten vorbeugen, heilen
          und die die Lebensqualität von Patienten und ihren Familien
          verbessern.
          www.sanofi.com

                                                                              1601_XXK_A

1601_XXK_A_210x297.indd 1                                                        26.09.17 16:40
Mit Sicherheit gläubig - Philipps-Universität Marburg
Sie trugen
den Tod
in sich
Ein halbes Jahrhundert ist es her, dass
in Marburg eine tödliche Seuche grassierte,
übertragen von Affen. Noch heute erforschen
Virologen den Erreger, um ihm seine letzten
Geheimnisse zu entreißen.

Grüne Meerkatzen dienen dem
Marburgvirus als Zwischenwirte.

 8
W
                ären da nicht die   Welt eintreten, eine Welt mit ab-

                                                                        Eric Kilby (Commons)
                Menschen in den     gesenktem Luftdruck und ste-
                bizarren Rauman-    rilen Gerätschaften, in der
                zügen, könnte       Schutzanzüge die Beweglichkeit
man fast meinen, man befinde        einschränken und die Arbeit mit
sich in einem Heizungskeller,       kleinsten Partikeln zu einer
vielleicht auch in einer moder-     schweißtreibenden Angelegen-
nen Großküche: blitzblanke Flä-     heit machen.
chen glänzen im kalten Licht,
dicke Blechrohre winden sich                       *
wie Schlangen aus Metall unter
der Decke. So muss es aussehen,     Marburg im Jahr 1967: Um
wenn sich der Mensch irgend-        Zellkulturen zu gewinnen, ha-
wann auf fernen Planeten ein-       ben die Behringwerke stren-
richtet, von einer unbewohnbar      ge Vorkehrungen gegen
gewordenen Erde vertrieben, ge-     Keime getroffen. Wer in die
landet in einer lebensfeindlichen   Betriebsräume hinein will,
Umgebung. Das Reich der Viren       muss seine Kleidung able-
ist eine fremde Welt.               gen, sorgfältig duschen und
     Der Raum ist keine Station     sterile Arbeitskleidung anle-
im All, sondern ein Labor, die      gen, von der Unterhose bis
jungen Leute darin sind keine       zu Kitteln und Schuhen. Die
Astronauten, sondern Virenfor-      Organe der Versuchstiere
scher, von Kopf bis Fuß einge-      werden in speziellen Kabinen
hüllt in knallgelbe Schutzanzü-     aufbereitet, sämtliche Gerät-
ge. Mitten im Wald, am Rand         schaften müssen mit einem
von Marburg, nehmen sie             Bunsenbrenner abgeflammt
Krankheitserreger unter die Lu-     werden, wobei die Beschäf-
pe, die zum Aufregendsten ge-       tigten Handschuhe und
hören, was die Wissenschaft         Mundschutz tragen – nicht
heute zu bieten hat, so gefähr-     zu ihrer eigenen Sicherheit,
lich sind sie: Keime wie das        sondern um die Zellkulturen
Marburgvirus. „Bei einem            vor Kontamination zu bewah-
schweren Krankheitsverlauf blu-     ren.*
ten die Betroffenen aus allen
Körperöffnungen“, sagt Stephan                     *
Becker. „Es handelt sich um ei-
ne der schlimmsten Infektions-      „Die schlimmsten Infektions-
krankheiten.“ Der Virologe leitet   krankheiten, die wir kennen,
das Marburger Hochsicherheits-      gehen auf Erreger zurück, die
labor, an dem er zusammen mit       vom Tier auf den Menschen
Kolleginnen und Kollegen die        übertragen werden“, sagt Ste-
gefährlichen Erreger studiert.      phan Becker. Die Fachleute spre-
Wären sie mehr als ein paar tote    chen bei solchen Erkrankungen
Moleküle, man müsste sie heim-      von Zoonosen. Als das Marburg-
tückisch nennen. Vielleicht trägt   virus im Jahr 1967 zum ersten
das zu ihrem Reiz als For-          Mal auftritt, kennt man noch
schungsobjekte bei: Dass man        keine vergleichbaren Krank-
sich kaum vorstellen kann, wie      heitserreger, die wie aus dem
sie immer und immer wieder          Nichts kommen, sich epide-
die Abwehr des Körpers umge-        misch verbreiten und Todesopfer
hen, ohne einem böswillig aus-      fordern. „Dass ein so gefähr-
geheckten Plan zu folgen.           liches Virus aus Afrika nach
     Wer herausfinden will, wie     Deutschland eingeschleppt
sie es schaffen, ihre Opfer zu      wird, hatte es zuvor noch nicht
überlisten und sich zu verbrei-     gegeben“, urteilt der Marburger
ten, muss durch luftdichte          Institutsleiter. Der Ausbruch vor
Schleusen in eine abgeschiedene     50 Jahren ging an der Universi-

                                                                   9
Eine Welt für sich: Blick in das
                                           Hochsicherheitslabor des Marburger
                                           Instituts für Virologie
Anna Schroll für „Hessen schafft Wissen“

                                             10
tät nicht spurlos vorüber: Das      Der Killer macht nicht viel von      schnell an neue Umgebungen
Studium gefährlichster Viren        sich her. Sieben eigene Gene rei-    anzupassen: Der Erreger gehört
und ihrer Ausbreitung sowie die     chen dem Marburg-Virus, um           zu einer Virengruppe, deren
Suche nach Gegenmitteln bildet      sein tödliches Geschäft zu be-       Erbgut nicht auf DNA-Mole-
hier inzwischen einen Schwer-       treiben: neue Wirte zu befallen      külen basiert wie die Chromo-
punkt der Lebenswissenschaf-        und krank zu machen, bis sie         somen in unseren Zellen, son-
ten. Marburg entwickelte sich       sterben. 900 Nanometer misst         dern auf RNA-Molekülen. „Die
zu einem Zentrum dieser For-        so ein Virus, nicht ganz ein tau-    überwiegende Mehrheit derjeni-
schung, nicht zuletzt dank des      sendstel Millimeter. Das ist hun-    gen Viren, die sich neu ausbrei-
Hochsicherheitslabors.              dertmal weniger als der Durch-       ten, hat ein Genom auf RNA-Ba-
     Dass sich Zoonosen beson-      messer eines menschlichen            sis“, berichtet Stephan Becker.
ders gravierend auswirken, liegt    Haares. Elektronenmikrosko-               RNA-Viren weisen eine un-
nicht in erster Linie am Erreger,   pische Bilder zeigen wurmartig       gewöhnlich große genetische
erläutert Becker, sondern am be-    verschlungene Partikel, etwa         Vielfalt auf; wenn sich die Um-
fallenen Körper: „Es kommt zu       zehnmal so lang wie breit. Die       weltbedingungen ändern, steht
einer Überreaktion des mensch-      ausgefallene Form verhalf einer      daher schneller eine passende
lichen Immunsystems, weil es        ganzen Virenfamilie zu ihrem         Variante zur Verfügung. Die Er-
nicht mit diesen Infektionen        Namen: Filoviren, also Fadenvi-      reger profitieren von einem En-
vertraut ist.“ Die Viren tricksen   ren. Neben dem Marburgvirus          zym, der Polymerase, die das
die körpereigene Abwehr gewis-      gehört etwa das Ebolavirus zu        Erbgut des Virus vervielfältigt.
sermaßen aus – statt die Ein-       dieser Gruppe.                       Es unterscheidet sich in einem
dringlinge zu bekämpfen, helfen         Nur sieben Gene, aber noch       entscheidenden Punkt von den
Immunzellen ihnen, sich zu ver-     immer bieten sie genügend Stoff      Polymerasen anderer Viren: Das
breiten. Die Erreger dringen in     für die Forschung: Wie schafft       Enzym korrigiert keine Fehler,
Fresszellen des Immunsystems        es das Virus, sich in den Zellen     die bei der Vervielfältigung im-
ein, in Makrophagen, die ihre       seiner Wirte einzunisten? Wie        mer wieder vorkommen. Auf
blinden Passagiere dann in je-      kommt es, dass es dessen Stoff-      diese Weise entstehen in kurzer
den Winkel des Körpers ver-         wechsel umprogrammiert, so           Zeit zahlreiche neue Virusvari-
frachten – in die Lymphknoten,      dass dieser der Vermehrung und       anten, die in vielen Fällen auch
in die Leber und so fort.           Verbreitung des Eindringlings        neue Eigenschaften besitzen.
                                    dient?                                    Es ist also die Unzuverlässig-
               *                        Freilich: Sie bleiben auch gar   keit beim Kopieren der Gene,
                                    nicht gleich, die sieben Gene –      die dafür sorgt, dass sich RNA-
Die Marburger Behringwerke          sie ändern sich, und manchmal        Viren besonders schnell an neue
produzieren Ende der 1960er         macht das die Viren gefähr-          Wirte anpassen, dass sie neue
Jahre Impfstoffe gegen Ma-          licher, aggressiver. Der Wirt        Merkmale entwickeln können,
sern und Kinderlähmung. Da-         lässt sich ja auch immer wieder      die krank machen. „Die beson-
für nutzt das Unternehmen           etwas Neues einfallen, um den        deren biologischen Eigenschaf-
Zellkulturen, die seine Ange-       Eindringling loszuwerden.            ten dieser Erreger begünstigen,
stellten aus den Nieren von                                              dass sie sich über Artengrenzen
Affen gewinnen; allein im                           *                    hinweg von einem Wirt zu
Jahr 1967 opfert es dafür                                                einem anderen ausbreiten, ins-
mehr als Dreieinhalbtausend         Im Laufe des Monats August           besondere vom Tier zum Men-
Tiere. Am 8. August meldet          1967 stecken sich in Mar-            schen“, führt Becker aus. In
sich einer der Mitarbeiter          burg 23 Menschen mit der             Marburg gibt es einen eigenen
krank, dessen Aufgabe darin         „mysteriösen Erkrankung“             Sonderforschungsbereich, der
besteht, Hirn aus den Schä-         an, wie die „Oberhessische           sich mit RNA-Viren beschäftigt,
deln getöteter Spendertiere         Presse“ titelt. Die meisten          ein Glanzstück der Partner-
zu entnehmen. Er ist 27 Jah-        arbeiteten bei den Behring-          schaft mit der benachbarten
re alt.                             werken mit Grünen Meerkat-           Universität Gießen im „For-
    „Die Krankheit beginnt          zen. Sechs Patienten ster-           schungscampus Mittelhessen“.
mit sehr starken Muskel-            ben, weitere Infektionen und         Becker amtiert als Sprecher des
schmerzen, Kopfschmerzen,           Todesfälle treten in Frankfurt       Verbunds.
dann einer sehr ausge-              am Main sowie in Belgrad
prägten Bindehautentzün-            auf; die Betroffenen dort ha-                        *
dung, Übelkeit, die auch mit        ben mit Affen aus derselben
Erbrechen einhergehen kann,         Lieferung hantiert. Die Bou-         Kaum sind die ersten Er-
Durchfällen und schließlich         levardpresse spricht bald von        krankten Mitte August 1967
einem Hautausschlag, der            der „Marburger Affenseu-             ins Marburger Klinikum ein-
ähnlich aussehen kann wie           che“.                                geliefert worden, greifen
ein Masernausschlag“, be-                                                seuchenhygienische Maß-
richtet Gustav Adolf Martini,                       *                    nahmen. Die Klinik schirmt
Direktor der Marburger Me-                                               die Patienten in der Isolier-
dizinischen Klinik, im „Hes-        Die Chemie seiner Gene erleich-      station strikt von der Außen-
sischen Rundfunk“.                  tert es dem Marburgvirus, sich       welt ab. Nicht einmal Ange-

                                                                                                       11
Seit einem Jahrzehnt verfügt die Marburger Virologie über ein Labor der höchsten
     Sicherheitsstufe (biosavety level 4). Eine Brücke verbindet den roten Kubus mit
     dem Biomedizinischen Forschungszentrum der Philipps-Universität. Schleusen,
     Ganzkörperanzüge und Belüftungstechnik sorgen für größtmöglichen Schutz.

12
Christian Richters (3)

     Anna Schroll für „Hessen schafft Wissen“

13
Laborbild: Behringarchiv Marburg, EM-Aufnahme: Dr. Fred Murphy & J. Nakano (PD-USGov-HHS-CDC)
Die Behandlung der Affen erfolgte 1967 ohne Schutzvorkehrungen. – Unterm Elektronenmikroskop legt sich das Marburgvirus in elegante Schleifen.

hörige erhalten Zutritt. Die        fest: Nimmt man Gewebe von            bei handelt es sich um das En-     Menschen bekannt gewor-
Privatwohnungen der Betrof-         einem leicht erkrankten Tier,         zym, das dafür zuständig ist,      den“, erklärt Institutsleiter
fenen werden desinfiziert.          um damit ein anderes zu infizie-      das Virenerbgut zu vervielfälti-   Rudolf Siegert im Fernsehen.
Gerüchte und Panik greifen          ren, so verstärkt sich die Infekti-   gen. Jede der Mutationen äußert    „Wir können daraus die Hoff-
um sich. „Viele machten ei-         on mit jeder neuen Anste-             sich im Austausch genau einer      nung schöpfen, dass auch
nen großen Bogen um die             ckungsrunde; nach wenigen             einzigen Aminosäure – eine von     weitere Übertragungen auf
Beschäftigten der Behring-          Wiederholungen – man nennt            über 2.300, aus denen das En-      andere Personen nicht statt-
werke“, berichtet Friederike        sie Passagen – endet die Erkran-      zym aufgebaut ist.                 finden werden.“
Moos in ihrem Erinnerungs-          kung tödlich.
buch*. Wird sie an der Bus-              Offenbar passt sich das Vi-                     *                                   *
haltestelle als Mitarbeiterin       rus an den Wirt an. Wie kommt
des Unternehmens erkannt,           es dazu? Becker und seine Ar-         Seit Beginn der Epidemie im        Vierzig Jahre nach dem Mar-
so steigen die Leute lieber         beitsgruppe suchten die Ant-          Sommer 1967 fahnden Wis-           burgvirus-Ausbruch erhielt Be-
nicht in denselben Bus ein          wort in den Mutationen, die           senschaftler des Marburger         ckers Institut ein Forschungsla-
wie sie, sondern warten auf         sich im Lauf der Passagen anrei-      Hygieneinstituts fieberhaft        bor der höchsten Sicherheitsstu-
den nächsten.                       chern – also im Austausch ein-        nach dem Erreger. Aber das         fe; zehn Jahre ist das nun her.
                                    zelner Bausteine, aus denen sich      Labor liegt damals mitten in       Die Anlage ermöglicht es Wis-
               *                    die Viren-Gene zusammenset-           der Stadt – zu gefährlich, be-     senschaftlerinnen und Wissen-
                                    zen. Ganze vier solcher Ände-         finden die Verantwortlichen.       schaftlern, mit dem Marburgvi-
Nagetiere haben es gut – für sie    rungen reichen, um aus einem          Erst als sie überzeugt sind,       rus zu hantieren, es umzubauen
ist das Marburgvirus harmlos.       Virus, das für Meerschweinchen        dass keine weitere Verbrei-        und in Zellen auf seine Wirk-
Der Erreger kann sich aber auch     unschädlich ist, eine todbrin-        tung zu befürchten ist,            samkeit zu testen. Reicht es, nur
bei ihnen zu einem Killer entwi-    gende Variante zu formen.             nimmt man die Suche wie-           eine einzige Aminosäure aus-
ckeln, stellten Fachleute bei            Allein drei der Mutationen       der auf. „Bisher sind keine        zutauschen, um die Aktivität
Meerschweinchen und Mäusen          betreffen die Polymerase L – da-      Kontaktinfektionen zwischen        der Polymerase zu beeinflussen

  14
– mit der Folge, dass sich das Vi-    in menschlichen Zellen; in         aufleuchtet. Die Antikörper         mer wieder Fälle geben, bei de-
rus in Meerschweinchen rascher        Meerschweinchenzellen arbeitet     stammen von der Immunant-           nen sich die Anpassung von
ausbreitet?                           das Enzym sogar 4,5-mal besser     wort infizierter Versuchstiere      Tier-Viren an den Menschen im
     Beckers Arbeitsgruppe griff      als die ursprüngliche, nicht ab-   und dienen dazu, die Zielmo-        Geheimen vollzieht und dann
tief in die Trickkiste der Mole-      gewandelte Version des Enzyms.     leküle zu markieren.                wie aus dem Nichts eine Epide-
kularbiologie: Es konstruierte        Alle anderen Mutationen und        Am 20. Oktober ist es so-           mie entsteht“, sagt Stephan Be-
ein Mini-Genom – ein solches          deren Kombinationen bewirkten      weit, gut zehn Wochen nach          cker voraus. „Als Schmelztiegel
Gen-Paket enthält nur die un-         hingegen das glatte Gegenteil,     dem ersten Auftreten der            für solche Ereignisse scheinen
verzichtbaren Steuerungssignale       nämlich den Komplettausfall der    Krankheit: Eine Zelle weist         Gebiete prädestiniert, in denen
des Virusgenoms. Der Clou: In         Polymerase.                        Einschlusskörper auf, die von       sich die Lebensräume von Tie-
diesem Fall umfasst das Minige-                                          dem Erreger herrühren. Weil         ren und Menschen verschieben,
nom auch eine Anleitung, wie                         *                   in Marburg kein geeignetes          so dass sich Menschen und
die Zelle ein farbig leuchtendes                                         Elektronenmikroskop zur Ver-        Tiere plötzlich mit neuen Viren
Protein herstellen kann – die         Im September 1967 nimmt            fügung steht, schickt Slencz-       der Gegenseite konfrontiert se-
Fachleute nennen dies ein Re-         der 33-jährige Virologe            ka seine Proben ans Hambur-         hen – etwa dort, wo Regenwald
portergen. Wenn die Polymerase        Werner Slenczka die Aufga-         ger Tropeninstitut. Dort            massiv abgeholzt wird.“ In so ei-
funktioniert, erzeugt sie Kopien      be wieder auf, den Erreger         schießt ein Kollege ein paar        ner Situation könne es vorkom-
des Reportergens, das die Zelle       des Marburgfiebers zu fin-         Tage später die erste fotogra-      men, dass Viren den Sprung auf
sodann in ein Farbsignal um-          den. Um andere nicht zu ge-        fische Aufnahme des Mar-            den neuen Wirt schaffen, mahnt
setzt. Je intensiver dieses Farbsi-   fährden, erledigt er die Ar-       burgvirus.                          der Virologe. „Wenn sich dann
gnal aufleuchtet, desto erfolg-       beit in Nachtschichten. Auf                                            durch Mutationen neue Typen
reicher hat die Polymerase gear-      der Suche nach dem unbe-                          *                    entwickeln, die leicht von
beitet. „Das Besondere an die-        kannten Keim hatten Slencz-                                            Mensch zu Mensch übertragbar
sem System ist, dass es nicht         kas Kollegen Meerschwein-          Nach drei Stunden haben die         sind, sind die Folgen nur schwer
gefährlich ist, weil keine infekti-   chen mit infektiösem Materi-       Forscher genug geschwitzt und       zu kontrollieren.“
ösen Viren entstehen können“,         al geimpft, das von Patienten      werden abgelöst, sie passieren               >> Johannes Scholten
erläutert Becker.                     stammte. Aber alle Vermu-          die Schleuse und verlassen das
     In die Polymerase schleuste      tungen – das Fieber der Tiere      Labor. Die Schutzanzüge hän-        Originalveröffentlichung:
Beckers Team die drei Mutati-         sei von Bakterien oder Gelb-       gen einer neben dem anderen         Alexander Koehler, Larissa
onen ein, die nach der Passage        fieberviren verursacht – lie-      kopfunter von der Decke, so         Kolesnikova & Stephan Becker:
des Marburgvirus in Meer-             fen ins Leere.                     dass die Handschuhe fast auf        J.Gen.Virol. 97/2016, 2494ff,
schweinchen gefunden wurden           Slenczka benötigt nur weni-        dem Boden schleifen. Die Arbeit     DOI: 10.1099/jgv.0.000564
– einzeln sowie in allen mög-         ge Wochen, um das bislang          ist getan – fürs Erste.
lichen Kombinationen. Die             unbekannte Virus in Blutpro-            Erst seit dem Jahr 2007        *Die Schilderung der MARV-
Gruppe nutzte Zelllinien von          ben nachzuweisen. Er be-           weiß man, dass Nilflughunde         Epidemie 1967 folgt den Erin-
Mensch und Meerschweinchen,           dient sich hierfür eines           das natürliche Reservoir für das    nerungen von Friederike Moos:
um zu ermitteln, wie die Ände-        brandneuen Verfahrens: Bei         Marburgvirus bilden. Für diesen     In uns und um uns. Meine Be-
rungen des Enzyms sich auswir-        der Technik der Immunfluo-         Wirt stellt es keine Gesundheits-   gegnung mit dem Marburg-
ken. Und siehe da: Eine der Mu-       reszenz koppelt man Antikör-       gefahr dar; von ihm springt es      Virus, Frankfurt a. M. (Mabuse-
tationen führt zu einer 2,5-fach      per an einen Farbstoff, der        auf Meerkatzen über, von dort       Vlg.) 2015, ISBN 978-3-86321-
erhöhten Polymerase-Aktivität         unter ultraviolettem Licht         auf den Menschen. „Es wird im-      222-3, 144 Seiten, 16,90 Euro

                                                                                                                                         15
Cornelius Rohde, Instutut für Virologie

                                                        Klasse Viren!
Forschung simulieren:                                   Labor statt Ferien: Schüler lernen bei der
Die Virologin Helena Mül-
ler unterweist Schüler                                  „Marphili“-Simulation
beim Mikroskopieren.

D
           ie ersten Toten sind            burger Virologe Marc Ringel.      Virologie der Philipps-Universi-   merinnen und Teilnehmer auch
           Anfang des Jahres auf           „Es ist nicht unwahrscheinlich,   tät arbeiten.                      etwas über die Rolle der Wissen-
           den Philippinen zu              dass solch ein Virus ausbrechen        In dem zweitägigen Prakti-    schaftler in den Medien; sie ler-
           beklagen. Die Zahl der          kann.“ Der Doktorand ist einer    kum probieren die jungen Män-      nen, wie Schlagzeilen einzu-
Erkrankten steigt, verursacht              der Wissenschaftlerinnen und      ner und Frauen aus, wie ein Vi-    schätzen sind, wenn die Presse
durch ein Virus, das sich in Süd-          Wissenschaftler, die das be-      rus untersucht wird – eben das     zum Beispiel über ein „Neues
ostasien ausbreitet. Reisende im-          schriebene Szenario jedes Jahr    „Marphili“-Virus. Wie gefährlich   Supervirus aus Asien“ berichtet.
portieren den Erreger nach                 in den Sommerferien mit Schü-     ist es wirklich? Auf welche Art         Das Projekt „Marphili-Simu-
Europa, wo jetzt auch ein deut-            lerinnen und Schülern Marbur-     wird es übertragen, wie kann       lation“ gehört seit dem Jahr
scher Entwicklungshelfer die               ger Gymnasien durchspielen.       man sich dagegen schützen? Ih-     2013 zur Öffentlichkeitsarbeit
Symptome der Erkrankung auf-               „Marphili-Simulation“ haben sie   re Ergebnisse stellen sie am En-   des virologischen Instituts und
weist. Hat das Virus Deutsch-              das Programm genannt, bei der     de bei einer Pressekonferenz       wird von der Deutschen For-
land erreicht?                             die Teilnehmerinnen und Teil-     vor, zu der eigens Journalisten    schungsgemeinschaft gefördert.
     „Das Szenario ist nicht unre-         nehmer wie richtige Forscher in   eingeladen werden. Auf diese       Jedes Jahr freut sich Marc Rin-
alistisch“, versichert der Mar-            den Labors des Instituts für      Weise erfahren die Teilneh-        gel erneut, den Jungen und

                                      16
Mädchen seine Arbeit näherzu-      während der Simulation das ge-      be, später Medizin zu studieren,    schaftler blicken“, erklärt der
bringen. Auch dieses Jahr neh-     fährliche „Marphili-Virus“ re-      habe sich der simulierte Krisen-    Vorjahresteilnehmer, der beson-
men 28 Schülerinnen und Schü-      präsentiert; in Wirklichkeit ist    fall sehr interessant für die       ders die gute Betreuung hervor-
ler teil.                          es für Menschen jedoch völlig       Gymnasiastin angehört. Sie ist      hebt. „Meiner Meinung nach
     In verschiedenen Experi-      harmlos. „Ich hätte früher auch     überzeugt davon, einen sehr gu-     sollte jeder biologiebegeisterte
menten lernen sie, virologische    gerne die Möglichkeit gehabt,       ten Einblick in die Virologie be-   Schüler die Möglichkeit nutzen,
Techniken anzuwenden: Sie          an solch einer Simulation teilzu-   kommen zu haben. „Am interes-       einen Einblick in die Virologie
überprüfen, wie das Virus über-    nehmen“, bekennt Marc Ringel.       santesten für mich war das ei-      zu bekommen!“
tragen wird, versuchen es un-          Die Simulation kommt bei        genständige Experimentieren“,                    >> Lorenz Pflüger
schädlich zu machen und wei-       den Schülerinnen und Schülern       sagt Zentgraf. „Man durfte im
sen den Erreger und dessen An-     sowie deren Lehrkräften sehr        Labor vieles selber machen.“        Der Autor ist Schüler des
tikörper in Blutproben nach. Die   gut an, wie Katharina Zentgraf           Leon Ebert teilt Zentgrafs     Gymnasium Philippinum in
Laborarbeit läuft möglichst rea-   bestätigt, die im vergangenen       positive Einschätzung. „Ich         Marburg. Der Text entstand
litätsnah ab. Dabei kommt ein      Jahr das Praktikum absolvierte.     wollte die Chance nutzen und        während eines Praktikums beim
Insektenvirus zum Einsatz, das     Da sie in Erwägung gezogen ha-      in den Alltag der Naturwissen-      Marburger Unijournal.

                                                                                                                                      17
Uneins
                                                                                  mit sich
                                                                                  Mal tolerant, mal autoritär: Luther
                                                                                  dachte modern über Kirche und
                                                                                  Staat – und widersprach sich
                                                                                  selbst, erklären unsere Experten.

„Der Kaiser muss kein Christ sein“: Der Kirchenhistoriker Wolf-Friedrich Schäufele (re.) diskutierte mit dem Neuzeithistoriker Christoph Kampmann.

M
               arburger Uni-         Wolf-Friedrich Schäufele: Es          Überzeugungen bringen? Fast           sen Voraussetzungen musste der
               journal: Herr         ist natürlich nicht egal. Religion    alle Religionen sind der Auffas-      Wahrheitsanspruch der Religi-
               Schäufele, schon      hat immer mit Wahrheitsansprü-        sung, dass man das nicht mit          onen natürlich durchgesetzt
               bei Luther findet     chen zu tun, von denen man            Gewalt erzwingen kann.                werden, auch mit gewaltsamen
sich ein Konzept religiöser Tole-    nicht absehen kann. Es geht um            In bestimmten Konstellati-        Mitteln.
ranz, wie ich in einem Aufsatz       letzte Fragen, um Leben und           onen der Vormoderne war je-               Bei Luther gibt es in den
von Ihnen gelesen habe. Lohnt        Tod. Diese Ansprüche sind in          doch die Überzeugung vorherr-         20er Jahren des 16. Jahrhun-
es sich überhaupt, um den rech-      unterschiedlicher Weise ge-           schend, dass die Einheit der          derts prominente theologische
ten Glauben zu kämpfen, oder         schichtlich wirksam geworden.         wahren Gottesverehrung für            Ansatzpunkte, auf die man sich
ist es völlig egal, was die Men-     Aber die Frage ist ja: Inwieweit      das Gedeihen des Gemeinwe-            berufen kann, um eine moderne
schen glauben?                       muss man andere zu diesen             sens erforderlich sei. Unter die-     Trennung der Sphären von Reli-

  18
Ellen Thun; Cranachgemälde: Bildarchiv Foto Marburg

Die Reformation und ihre Folgen für die Moderne standen im Mittelpunkt des Gesprächs der beiden Marburger Hochschullehrer.

gion und Politik zu begründen.       noch einmal Kriege um Religion     gab immer diesen religiösen         Arbeiten präsent und hat meine
Das ist bei Luther eine Episode      geführt werden würden wie          Grundton in Konflikten; nur wir     wissenschaftliche Arbeit ge-
geblieben, er selber ist hinter      derzeit in Syrien?                 im Westen hatten uns eingere-       prägt.
diese Ansätze wieder zurückge-       Christoph Kampmann:                det, die Religion habe ihre poli-   Wie ist es dazu gekommen, dass
gangen, weil es vielleicht zu sei-   Durchaus. Schon vor Beginn         tische Dynamik verloren, auch       die religiöse Spaltung in der
ner Zeit gar nicht durchsetzbar      meines Studiums hatte die Isla-    in Hinblick auf Gewaltdyna-         Frühen Neuzeit zu politischen
gewesen wäre.                        mische Revolution im Iran statt-   miken. Dass es nicht so ist, ist    Konflikten führte?
Herr Kampmann, als Sie ange-         gefunden und es gab noch die       uns in den letzten Jahren auf       Kampmann: Luther hatte ja
fangen haben, sich mit neuzeit-      schweren Konflikte in Nordir-      unliebsame Weise klargewor-         nicht die Absicht, eine neue Kir-
licher Geschichte zu befassen:       land, von denen wir nicht wis-     den. Das Thema war also zu Be-      che zu gründen, sondern die be-
Hätten Sie da geglaubt, dass         sen, ob sie wieder erwachen. Es    ginn meiner wissenschaftlichen      stehende, universale Kirche

                                                                                                                                        19
grundlegend zu verbessern. Er       gen, zum Beispiel die Türkei.        im eigentlichen, im empha-                                         Kampmann: Wir argumentie-
sah schwere Missstände und          Herr Schäufele, Sie haben he-        tischen Sinne Christ ist – nicht                                   ren ja immer so, als ob das eine
wollte sie abstellen. Er war an-    rausgearbeitet, dass es bei Lu-      einmal jeder, der getauft ist.                                     – die Trennung von Kirche und
sonsten durchaus ein Kind sei-      ther Ansätze für eine Emanzipa-          Christen im eigentlichen                                       Staat – der Weg in die „Moder-
ner Zeit, er konnte sich das im     tion des Politischen gab, wie Sie    Sinne sind nur wenige. Man                                         ne“ wäre. Um diese schlichte
Grunde gar nicht vorstellen,        es genannt haben, also für eine      kann nicht allen anderen und                                       Teleologie in Frage zu stellen:
dass man vom wahren Glauben         säuberliche Trennung von Reli-       auch nicht dem Gemeinwesen                                         Ich bin nicht sicher, ob eine en-
abweichen könnte, wenn einem        gion und Politik.                    zumuten, nach christlichen                                         gere Verbindung immer so nach-
die Dinge klar dargelegt wer-       Schäufele: Die berühmte Zwei-        Maßstäben zu leben. Darin ste-                                     teilig ist. Heute sagt man ja zum
den.                                Reiche-Lehre Luthers war eine        cken die Ansatzpunkte, mit de-                                     Beispiel nicht, der Islam in
     Womit weder Luther noch        in ihrer Zeit eminent moderne        nen man die Glaubens- und Ge-                                      Deutschland müsse völlig staats-
seine theologischen Gegenspie-      politische Ethik: die Vorstellung,   wissensfreiheit des Einzelnen                                      frei agieren, sondern dass der
ler gerechnet haben: Es entste-     die Weltlichkeit der Welt ernst      und die Säkularisierung des                                        Staat gewisse Aufsichtspflichten
hen auf ganz engem Raum un-         zu nehmen und den eigentlich         Staatszwecks begründen kann.                                       wahrnehmen solle: etwa bei der
terschiedliche Glaubensrich-        religiösen Bereich von staatli-      Das war damals aber nicht zu                                       Forderung, dass in den Mo-
tungen, die zusammenleben           cher Gewaltanwendung frei zu         verwirklichen.                                                     scheen deutsch gepredigt werde;
müssen, wo es vorher nur eine       stellen. Der konkrete Anlass         Warum?                                                             wir wollen die Ausbildung der
universale Kirche gab. Man hat-     war die Frage: Darf der Herzog       Schäufele: Religion wurde                                          Imame an staatlichen Universi-
te sich vorher eigentlich nicht     von Sachsen – eine politische        sehr bald eng verbunden mit der                                    täten. Da könnte man aus strikt
vorstellen können, mit Men-                                                                                                                 säkularer Sicht sagen: Das geht
schen anderen Glaubens in Frie-                                                                                                             euch doch gar nichts an! Ich bin
den zusammenzuleben. Die                                                                                                                    mir aber nicht sicher, ob ein
Überzeugung, dass es nur einen                                                                                                              Land wie Frankreich mit der
wahren Glauben geben könne,                                                                                                                 ganz strikten Trennung von Kir-
teilt Luther mit den Menschen                                                                                                               che und Staat immer so gute Er-
seiner Zeit.                                                                                                                                fahrungen gemacht hat.
Schäufele: Was man dazu den-                                                                                                                Schäufele: Die Überzeugung,
ken muss: Der frühe Luther geht                                                                                                             es müsse eine staatliche Religi-
den Schritt, dass er den Staats-                                                                                                            onshoheit geben, ist eine Folge
zweck nicht mehr religiös be-                                                                                                               des schmerzlichen Lernpro-

                                                                                                              Museum für Kulturgeschichte
stimmen will. Er sieht den Staat                                                                                                            zesses, den wir in der europä-
nicht mehr in der Verantwor-                                                                                                                ischen Geschichte gemacht ha-
tung für die rechte Gottesvereh-                                                                                                            ben: Dass es lange nicht möglich
rung und für die Seligkeit des                                                                                                              war, aus der religiösen Überzeu-
Einzelnen. Dahinter fällt er spä-                                                                                                           gung heraus das Konflikt- und
ter zurück; deshalb müssen wir                                                                                                              Gewaltpotenzial von Religion
heute, wenn wir uns darauf be-                                                                                                              einzuhegen; so dass man gesagt
rufen, den frühen gegen den         Das Siegel von Landgraf Philipp, der sich auf die Seite Luthers schlug.                                 hat: Es braucht eine übergeord-
späten Luther lesen – eine be-                                                                                                              nete Instanz, es braucht staatli-
kannte Denkfigur in der Herme-      Obrigkeit – den Untertanen ver-      Konstituierung moderner Terri-                                     che oder rechtliche Ordnungs-
neutik.                             bieten, die Lutherbibel zu besit-    torialstaaten. Die Einheit der Re-                                 kriterien für die Konflikteinhe-
Kampmann: Luther hat dann           zen und die Bibel auf Deutsch        ligion war Teil der Staatsräson.                                   gung.
im Zuge der Errichtung der          zu lesen? Luther trennt Kirche       Kampmann: Luther war eine                                          Wie hat sich diese Überzeugung
Staatskirchen gerade den ande-      und Staat idealtypisch und weist     vielschichtige Persönlichkeit. Es                                  in der Frühen Neuzeit herausge-
ren Weg eingeschlagen. Die Ver-     ihnen unterschiedliche Aufga-        ist nicht so, dass sich der fürst-                                 bildet?
bindung staatlicher und religi-     ben zu.                              liche Staat da aufgedrängt hätte.                                   Kampmann: Im Verlauf des
öser Gewalt wird eher noch en-           Damit ist die Obrigkeit da-     Luther hat diesen Vorgang                                          16. und 17. Jahrhunderts kam es
ger. Im Prinzip war in dieser       rauf festgelegt, den Frieden und     durchaus befördert, indem er                                       zur sogenannten Konfessionali-
Zeit auch gar nicht anders zu       das Zusammenleben in der Ge-         Fürsten zu „Notbischöfen“ er-                                      sierung. Die drei Konfessionen,
denken. Es wäre eine Überfor-       sellschaft zu wahren. Im Unter-      klärt. Luther ruft die Fürsten                                     die Katholiken, die Lutherischen
derung für die Menschen gewe-       schied zu den Jahrhunderten zu-      auf, energisch Verantwortung                                       und die Reformierten (Calvi-
sen, die Einheit von Kirche und     vor ist sie in dieser Konzeption     für die kirchliche Organisation                                    nisten) grenzten sich strikt von-
Staat auseinanderzudividieren –     nicht zuständig für den Bereich      zu übernehmen.                                                     einander ab. Die völlig unüber-
das kommt erst vom 18. Jahr-        des Gewissens und der religi-        Schäufele: … und zwar von                                          brückbaren theologischen Ge-
hundert an unter mühsamsten         ösen Überzeugung.                    Anfang an: Schon 1520 ruft er                                      gensätze führten dazu, dass
Kämpfen zustande und ist uni-            Der Spitzensatz, den man        den Adel auf, in dieser Weise
versal betrachtet auch noch gar     bei Luther dazu findet und den       einzugreifen. Aber das ist nicht
nicht abgeschlossen. Wir müs-       ich gerne zitiere, lautet: „Der      nur Luther, das ist die Zeit. Es
sen uns von der Idee verabschie-    Kaiser muss kein Christ sein, es     gibt schon vor ihm und noch da-                                    Die Reformation brachte Streit
den, Geschichte wäre eine Ein-      genügt, wenn er Vernunft hat!“       nach Bestrebungen, einen stär-                                     (Bilder auf Seite 21): Beim Mar-
bahnstraße in Richtung einer        Was als natürliche Ratio allen       keren staatlichen Einfluss auf                                     burger Religionsgespräch gab es
säkular verstandenen Moderne.       Menschen zugänglich ist, das ist     die Klöster auszuüben oder lan-                                    keine Einigung über das Abend-
Staaten, die wir für modern er-     die Grundlage weltlicher Herr-       deskirchliche Strukturen aufzu-                                    mahl (oben). – unten: Uneinigkeit
achtet haben, scheinen wieder       schaft, weil man nicht voraus-       bauen, auch in katholischen Ter-                                   über den wahren Glauben führte
einen anderen Weg einzuschla-       setzen kann, dass jeder Mensch       ritorien.                                                          zu öffentlichem Aufruhr.

  20
21
     Bildarchiv Foto Marburg (2)
Ellen Thun (2)
„Geschichte ist keine Einbahnstraße in Richtung Moderne“: Christoph Kampmann;„Reformation ist mehr als Luther“: Wolf-Friedrich Schäufele

auch ein politisch-gesellschaft-    1555 unternommen, im Augs-           tener wirksam geworden ist. Es      Kirchen durchgesetzt, sie ver-
liches Zusammenleben kaum           burger Religionsfrieden, und es      hat immer wieder Ansätze gege-      dankt sich letztlich dem Denken
noch möglich schien, gerade         ist kein Zufall, dass dort nicht     ben, aus religiösem Geist heraus    der Aufklärung. Sie wirkt dann
dort, wo konfessionell unter-       von Frieden, sondern von Si-         zur Verständigung zu finden, et-    aber auch auf die religiösen Be-
schiedliche Gemeinwesen auf         cherheit die Rede ist.               wa Initiativen wie die von Papst    gründungszusammenhänge zu-
engem Raum zusammen waren,               Das war deshalb ein so          Benedikt XV. im Ersten Welt-        rück: In der Anerkennung religi-
wie im Heiligen Römischen           mühsamer und komplizierter           krieg.                              öser Vielfalt kommt ein genuin
Reich deutscher Nation.             Prozess, weil hier in der politi-    Kampmann: Religion spielt da        religiöses Anliegen zur Verwirk-
    In dieser scheinbar ausweg-     schen Praxis und von Prakti-         wohl eine ambivalente Rolle.        lichung.
losen Situation versuchten die      kern Lösungen vorbereitet wur-       Nicht jeder große Krieg – man           >> Moderation: Ellen Thun
politischen Akteure, die Fürsten    den, die auf geistig-theologischer   denke an die furchtbaren Kriege            und Johannes Scholten
und ihre Räte, Wege zu finden,      Ebene abgelehnt wurden. Religi-      des 20. Jahrhunderts – kann als
wie man zusammenleben kann,         öse Toleranz wurde bis weit ins      Religionskrieg bezeichnet wer-      Christoph Kampmann: Frie-
obwohl man sich im Glauben          17. und frühe 18. Jahrhundert        den. Historische Pauschalur-        densnorm und Friedenspraxis
unterscheidet. Das war äußerst      von den weitaus meisten Men-         teile, ob Religion kriegstreibend   in der Frühen Neuzeit, in: Cle-
kompliziert, weil nach Auffas-      schen abgelehnt, von den Herr-       wirkt oder auch konfliktlösend,     mens Sedmak (Hg.): Frieden,
sung der Alt- wie der Neugläu-      schenden nicht weniger als von       verbieten sich. Nicht zu leugnen    Darmstadt 2016, 99-106
bigen echter Frieden auch Einig-    den Beherrschten. Erst die Er-       ist die politische Bedeutung der
keit im Religiösen voraussetzt,     fahrung, dass Zusammenleben          Religion.                           Wolf-Friedrich Schäufele: Lu-
die unwiederbringlich verloren      ohne religiöse Übnereinstim-         Welcher Luther war historisch       ther als Urheber der Freiheit,
war.                                mung dauerhaft möglich ist,          wirkmächtiger – der frühe Lu-       in: Christine Axt-Piscalar und
Wie hat man das überwunden?         trug dann dazu bei, dass Vor-        ther der Zwei-Reiche-Lehre oder     Mareile Lasogga (Hg.): Dimensi-
Kampmann: In einem müh-             stellungen von Toleranz an Be-       der andere Luther, der die Für-     onen christlicher Freiheit,
samen Prozess und mehreren          deutung gewannen.                    sten zur Verteidigung der Refor-    Leipzig 2015, 175-217
Anläufen wurden Wege gefun-         Ist Religion eher ein Konflikt-      mation verpflichtet?
den, wie eine einigermaßen si-      treiber oder wirkt sie eher be-      Schäufele: Die ausschließliche      Die Abbildungen historischer
chere Koexistenz trotz der fort-    friedend?                            Konzentration auf Luther ist im-    Zeugnisse auf den Seiten 18,
bestehenden religiösen Gegen-       Schäufele: Empirisch-historisch      mer problematisch: Reformation      20/21 und 23 (unten) stammen
sätze möglich sein könnte, also     betrachtet ist Religion eher der     ist mehr als Luther. Moderne re-    aus der Ausstellung „Bildungs-
ohne echten Frieden. Ein sol-       Konflikttreiber. Religionen ha-      ligiöse Toleranz hat sich im We-    ereignis Reformation“ im Mar-
cher Versuch wurde in Deutsch-      ben auch ein Friedenspotenzial,      sentlichen gegen religiöse Gel-     burger Landgrafenschloss (bis
land erstmals in großem Stil        das aber in der Geschichte sel-      tungsansprüche und gegen die        Ende Oktober 2017).“

  22
Sie können auch lesen