Service public und Menschenrechte - Die Gewerkschaft - VPOD

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Service public und Menschenrechte - Die Gewerkschaft - VPOD
November 2018
Das VPOD-Magazin erscheint 10-mal pro Jahr

Die Gewerkschaft
Schweizerischer Verband des Personals öffentlicher Dienste

Service public und Menschenrechte
Die SVP-«Selbstbestimmungsinitiative» bedroht die Menschenrechte – daher: Nein!
Ohne Menschenrechte kein humaner Service public – Nadja Ramsauer im Gespräch
Service public und Menschenrechte - Die Gewerkschaft - VPOD
RAUS AUS DEM ALLTAG!                                                 Das Angebot gilt für Frühlings-, Sommer- oder Herbstferien.
                                                                     In einigen Reka-Feriendörfern und ausgewählten kleinen Feri-
Reka-Ferien für 200 Franken                                          enorten sind auch Winterferien möglich. Die Reka übernimmt
                                                                     die Kosten für die Ferienwohnung oder den Aufenthalt in der
                                                                     Jugendherberge. Die Reise vom Wohnort zum Ferienort ist in-
                                                                     begriffen. Erwachsene erhalten ein ÖV-Ticket für die Hin- und
                                                                     Rückreise. Kinder von 6-16 Jahren erhalten einen Gutschein für
                                                                     die Juniorkarte. Sie bezahlen lediglich den Solidaritätsbeitrag
                                                                     von 200 Franken.

                                                                     Anmeldung zur Reka-Ferienhilfe 2019:
                                                                     VPOD-Mitglieder, welche die Teilnahmebedingungen erfüllen,
                                                                     bewerben sich beim VPOD Zentralsekretariat, Postfach 8279,
                                                                     8036 Zürich oder per Email an vpod@vpod-ssp.ch.
                                                                     Folgende Angaben sind zwingend erforderlich:
                                                                     Name, Adresse, Telefon, 1- oder 2-Eltern Familie, Anzahl Kinder,
Die Schweizer Reisekasse Reka offeriert 20mal Familienferien in
                                                                     Region VPOD-Mitgliedschaft.
der Schweiz für VPOD-Mitglieder mit kleinem Einkommen.
Viele Familien und Alleiner-         2018     kamen     insgesamt      Teilnahmebedingungen:
ziehende können von Ferien           1000 Familien mit fast 2400       • Für Familien und Alleinerziehende mit mindestens einem Kind bis
nur noch träumen, denn das           Kindern in den Genuss dieser        16 Jahre. Im Jahr 2018 haben Sie keine Ferien im Rahmen der Reka-
Haushaltsbudget erlaubt es           besonderen Familienferien.          Ferienhilfe verbracht. Sie sind Schweizer Bürger oder besitzen den
ihnen nicht, die Ferienwün-          Zur Auswahl stehen 1300 Reka-       Ausweis C (Niederlassung).
                                                                       • Bei Zweielternfamilien max. Jahreseinkommen* Fr. 60‘000.– bei Al-
sche zu verwirklichen. In sol-       Ferienwohnungen in der
                                                                         leinerziehenden max. Jahreseinkommen* Fr. 50‘000.– *inkl. Kinder-
chen Fällen ist das Angebot          Schweiz. Oder Sie entschei-         zulagen und Alimente. Betreuungskosten können abgezogen werden.
der Reka-Ferienhilfe beson-          den sich für einen Aufenthalt       Ab dem 2. Kind erhöht sich der Betrag um 5000 Franken pro Kind.
ders willkommen:                     inkl. Halbpension im Fami-          Das Vermögen ist ebenfalls entscheidend. Sämtliche Einkommen und
eine Woche Ferien für die            lienzimmer einer besonders          Vermögenswerte müssen belegt werden.
ganze Familie zum Solidari-          familienfreundlichen Jugend-      • Das Angebot gilt nicht für Studierende.
tätspreis von 200 Franken!           herberge.
                                                                                        Weiterführende Informationen unter www.reka.ch.

Reka_halbseitig_2017_winter.indd 1                                                                                          23.10.2018 08:03:37

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Editorial und Inhalt     |   VPOD

        Themen des Monats

5       Ich schau dir in den Garten, Kleines
        Nein zur willkürlichen Überwachung von Versicherten

6       Greulichs Erben
        VPOD Zürich Kanton feiert sein 100-Jahr-Jubiläum

7       Gruppenbild mit Faktor 50
        VPOD-Verbandskonferenz Bau Land Forst in Bern zu                             Christoph Schlatter
                                                                      ist Redaktor des VPOD-Magazins
        Gesundheitsschutz und Digitalisierung

8–9     Wer wird’s?
        Nach 20 Jahren mit Paul Rechsteiner:                    Frau Seeholzer und das Völkerrecht
        Am 1. Dezember wird das Präsidium des SGB neu besetzt   Manchmal verkehren Fahrzeuge ohne Ladung. Auch Frachtschiffe auf
                                                                hoher See tun das, ungern, doch kommt’s vor. Damit sie bei Sturm
11–16   Dossier: Service public und Menschenrecht               nicht zum Spielball der Elemente werden, nehmen sie Ballastwasser
        Wie in Putins Russland? Nein zur SVP-Initiative!        an Bord, das sie andernorts wieder ablassen, ehe sie neue Fracht la-
        «Das Freiheitsversprechen gebrochen» – Interview mit    den. Auf diese Weise werden Organismen in fremden Lebensräumen
        Historikerin Nadja Ramsauer über Fürsorgezwang          ausgesetzt. Womöglich gefällt es ihnen am neuen Ort. Besonders gut
                                                                gefiel es der Chinesischen Wollhandkrabbe, die in die Nordsee geriet
17      Zwillingsschwester der USR III                          und inzwischen schon bis Basel gewandert ist.
        Das Referendum gegen die AHV-Steuer-Vorlage läuft       Diese Chinakrabbe wollen wir hier nicht, findet Frau Seeholzer.
                                                                Das Problem mit dem Ballastwasser ist ein ernstes. Daher hat die inter-
18–20   Serie: 100 Jahre Landesstreik                           nationale Gemeinschaft ein Übereinkommen getroffen mit dem Ziel, die
        Folge 6: «Entsetzlich vernünftige Forderungen»          Ausbringung standortfremder oder schädlicher Organismen einzudäm-
                                                                men. Es sind Vorschriften darüber, wo man Wasser ansaugen darf und
                                                                mit welchen Verfahren dieses Wasser zu behandeln ist, bevor man es
                                                                wieder ablässt. Auch über Dokumentation und Kontrolle dieser Vorgänge
        Rubriken                                                auf den Schiffen und in den Häfen gibt es genaue Vorschriften.
                                                                Frau Seeholzer vermutet, dass man sich auf hoher See wahrscheinlich eh
4       Gewerkschaftsnachrichten                                nicht an die Regeln hält. Sondern einfach mal die Klappe aufmacht.
                                                                Für Kriegsschiffe gelten die Vorschriften jedenfalls nicht. Sie sind of-
10      Aus den Regionen und Sektionen                          fiziell auch ausser Kraft, wenn ein Schiff in Seenot ist. Ebenso dann,
                                                                «wenn der Kapitän nach verständiger Abwägung entscheidet, dass auf-
21      Susi Stühlinger: Doris und die Detektive (Teil II)      grund ungünstiger Wetterverhältnisse, wegen einer Funktionsstörung
                                                                der Ausrüstung oder aufgrund eines sonstigen aussergewöhnlichen
22      Wirtschaftslektion: Flankierende schützen Lohnniveau    Umstandes» derartige Übungen jetzt gerade unpassend sind. Die Si-
                                                                cherheit hat Vorrang, auch die Wirtschaftlichkeit soll nicht leiden. Die
23      Wettbewerb: Umbenannt                                   Führung eines Ballastwassertagebuchs ist aber Pflicht. Der verantwort-
                                                                liche Offizier muss aufschreiben, wo wie viel Wasser aufgenommen,
24      VPOD aktuell                                            umgewälzt oder abgegeben wurde. Und zwar in einer «Arbeitssprache
                                                                des Schiffes». Und, falls man dort weder französisch noch englisch noch
25      Hier half der VPOD: Hosenlupf auf der Halteinsel        spanisch spricht, in einer Übersetzung in eine dieser Sprachen.
                                                                Wir lassen uns doch nicht vorschreiben, wo wir Wasser lassen. Und ein
26      Solidar Suisse: Aufbau in Afrika                        Tagebuch darüber brauchen wir auch nicht. Schon gar nicht auf Spanisch.
                                                                Und auch nicht für unsere Hochseeflotte. Findet jedenfalls Frau Seeholzer.
27      Menschen im VPOD: Sylvia Läubli, Erstfeld               Sie will darum Ja stimmen zur SVP-Selbstbestimmungsinitiative, die mit
                                                                solchen Sachen Schluss mache.
                                                                Klappe, Frau Seeholzer! Das Internationale Übereinkommen zur
        Redaktion /Administration:                              Kontrolle und Behandlung von Ballastwasser von Schiffen wurde am
        Postfach 8279, 8036 Zürich                              22. März 2013 von der Schweizerischen Bundesversammlung geneh-
        Telefon 044 266 52 52, Telefax 044 266 52 53            migt. Es unterstand dem Referendum und gehört demnach zu jenem
        Nr. 9, November 2018                                    Teil des Völkerrechts, der von der Initiative unbehelligt bleibt. Im Ge-
        E-Mail: redaktion@vpod-ssp.ch | www.vpod.ch             gensatz zu so randständigen Dingen wie der Anti-Folter-Konvention.
        Erscheint 10-mal pro Jahr                               Oder den Menschenrechten. Oder der Verhütung von Völkermord.

                                                                                                                       November 2018 3
Service public und Menschenrechte - Die Gewerkschaft - VPOD
VPOD     | Gewerkschaftsnachrichten

                                                                       Braucht Regeln: Self-Check-out.

                                                                       Geht gar nicht: Post-Dumping.

                                                                       noch mit Schweizer Strom beliefert werden – womit diesem fixe Ab-
                                                                       satzkanäle zugesichert sind. Zudem soll auch die Bewirtschaftung der
                                                                       Speicherseen, die für eine strategische Stromreserve genutzt werden,
                                                                       durch die Haushalte finanziert werden. Die Gewerkschaften werden
                                                                       sich gegen diesen seltsamen Heimatschutz unter dem Deckmantel
                                                                       der Liberalisierung zur Wehr setzen. | sgb/vpod

                                                                       PostCom: Viel zu tiefer Mindestlohn
                                                                       Der SGB und die Syndicom sind empört über den Entscheid der Post-
                                                                       regulierungsbehörde PostCom, den Mindeststundenlohn im Post-
                                                                       markt ab 2019 auf 18.27 Franken festzulegen. Dieser Ansatz greift
                                                                       die heute geltenden branchenüblichen Bedingungen an, wie ein
                                                                       Vergleich mit einer von PostCom selbst in Auftrag gegebenen Studie
                                                                       zeigt. Dort wird der tiefste Lohn im Zustellbereich mit 22.30 Franken
                                                                       ausgewiesen. Die prekären Arbeitsbedingungen bei ausländischen
                                                                       Onlinehändlern wie Amazon und Zalando sind bekannt; diese Fir-
                                                                       men sind auf den Service in der Schweiz angewiesen, um ihre Ware
                                                                       an die Endkundin zu bringen – sie sollen dafür Schweizer Löhne zah-
                                                                       len. Eine Spontandemo am Nachmittag des Entscheids zeigt die Wut
                                                                       der Logistiker: Die PostCom ist ihrem Auftrag offensichtlich nicht ge-
                                                                       wachsen und versteht sich als Deregulierungsbehörde. Der Bundesrat
Detailhandel: Damit Self-Check-out nicht krank macht                   muss eingreifen. | sgb/syndicom/slt
Eine Studie der Universität Bern zeigt auf, wie Self-Scanning- und
Self-Check-out-Kassen den Alltag des Verkaufspersonals verändern:      Grafische Industrie: Neuer GAV
mehr Multitasking, mehr Kontrolle und Überwachung, mehr Stehen         Der neue GAV für die grafische Industrie bringt Licht und Schatten.
(statt Sitzen). Die Angst, für Diebstahl geradestehen zu müssen, ist   Positiv ist ein 20-tägiger Vaterschaftsurlaub (10 Tage bezahlt). Negativ:
verbreitet. Die Coop-Konferenz sowie die Unia-Detailhandelskonfe-      Der Zuschlag für Nachtarbeit im Zeitungsdruck kann von 70 auf 50
renz geben auf Basis der Studie Empfehlungen ab: Es braucht häu-       Prozent reduziert werden; wenigstens gibt es Besitzstandswahrung.
figere Ablösung (maximal 3-Stunden-Schichten), Möglichkeiten zum       Eine Erhöhung der Mindestlöhne konnten die Gewerkschaften nicht
Sitzen, Gesundheitsschuhe, Schutz für Schwangere. Wenn die Kund-       durchsetzen. Bis Ende November entscheiden die Gremien der So-
schaft Ware nicht bezahlt, soll nicht das Kassenpersonal haften. Zu-   zialpartner; der Vertrag soll von 2019 bis 2021 gelten. | syndicom/slt
dem muss es vor sexistischen und rassistischen Angriffen geschützt
werden. Und die neuen Aufgaben müssen sich auch im Lohn nieder-        Bau: Der heisse Herbst hebt an
schlagen. Ausländische Erfahrungen mit Self-Check-out-Kassen sind      Mit Arbeitsniederlegungen im Tessin (3000 Bauarbeiter) und in
durchzogen. In England und in Frankreich sind Händler zum alten        Genf (2500 Bauarbeiter) hat der von der Unia angekündigte «heisse
System zurückgekehrt – weil die Kundschaft Widerstand leistete oder    Herbst» begonnen. Die Bauarbeiter wollen die Rente mit 60 erhalten
weil zu viel gestohlen wurde. | unia/slt                               – und zwar ohne «Kahlschlag im Landesmantelvertrag». Bereits heu-
                                                                       te sind 10-stündige Arbeitstage auf der Baustelle möglich – künftig
Heimatschutz für die Stromkonzerne?                                    wären nach den Vorstellungen der Baumeister 12 Stunden normal.
Die bundesrätliche Variante der Strommarktliberalisierung ist aus      Sie wollen die Zahl der flexiblen Stunden von 100 auf 300 erhöhen,
Sicht des SGB und des VPOD in erster Linie eine kreative Subven-       damit sie im Sommerhalbjahr die Tage verlängern können, was dann
tionierung der Stromkonzerne. Der «vollliberalisierte» Strommarkt      im Winter kompensiert würde. Beides geht zulasten der Gesundheit
soll gemäss Bundesrat – entgegen allen bisherigen Ankündigungen –      der Beschäftigten. Ebenso fatal wäre laut Unia die Streichung eines
nicht mehr an ein Stromabkommen mit der EU gekoppelt sein. Dafür       Mindestlohns für «Praktikanten», die weniger als 4 Monate auf dem
werden im Inland Geschenke verteilt: Die Kleinverbraucherinnen und     Bau arbeiten. Damit würde dem Dumping durch ausländische Fir-
-verbraucher, die in der Grundversorgung bleiben, sollen künftig nur   men Tür und Tor geöffnet. | unia

4 November 2018
Service public und Menschenrechte - Die Gewerkschaft - VPOD
Eidgenössische Volksabstimmung              |   VPOD

Am 25. November: Nein zur willkürlichen Überwachung von Versicherten

Ich schau dir in den Garten, Kleines
Natürlich sollen die Gelder aus Sozialversicherungen den Berechtigten zukommen. Aber die hochgepeitschte
Missbrauchsdebatte hat zu einem völlig überzogenen Überwachungsgesetz geführt, das abzulehnen ist.
| Text: VPOD (Foto: D-Keine/iStock)

                                                                                                                              Sozialspitzel bei
                                                                                                                              der Arbeit: Der
                                                                                                                              Rechtsstaat braucht
                                                                                                                              keine Schnüffelei.

Die Vorgeschichte: Der Europäische Gerichts-     hin nur nach richterlicher Bewilligung und       zialversicherungen geht es um ein paar Mil-
hof für Menschenrechte monierte im Herbst        erstere lediglich zur Ortung (angeblich). Alle   lionen Franken; durch Steuerhinterziehung
2016, dass in der Schweiz eine gesetzliche       übrigen Massnahmen könnten in Eigenregie         entgeht der Öffentlichkeit aber ein zweistel-
Grundlage für den Einsatz von Sozialdetekti-     von den Versicherungen angeordnet wer-           liger Milliardenbetrag.
ven fehlt. Das zuständige Bundesamt wurde        den. Damit wird deren Arsenal schwerer als       Der Anspruch auf Privatsphäre steht offen-
sofort aktiv und legte einen Revisionsentwurf    jenes, das der Polizei für die Bekämpfung        bar nur den Reichen zu. Das übrige Volk
für den Allgemeinen Teil des Sozialversiche-     von schwersten Verbrechen zur Verfügung          wird unter Generalverdacht gestellt. Denn im
rungsrechts vor. Dem rechtsbürgerlichen Par-     steht. Das ist rechtsstaatlich unhaltbar, wie    Gegensatz zur früheren Praxis gilt der neue
lament ging das aber zu langsam, weshalb die     auch zahlreiche Rechtsprofessoren sagen.         Observationsartikel für fast alle Sozialversi-
Frage der Überwachung von Sozialversicher-       Es geht nicht an, dass private Detektive so      cherungen. Neben den Unfallversicherungen
ten aus der Vorlage herausgelöst und separat     weitreichende Kompetenzen haben. Sie sind        (wie die Suva) und der IV sind auch die Kran-
vorangetrieben wurde.                            ja in dem jeweiligen Verfahren Partei; die       kenkassen und die Arbeitslosenversicherung
                                                 Versicherung hat ein «natürliches» Interesse     davon betroffen. Via die Ergänzungsleistun-
Was geschieht mit «Beifang»?                     da­ran, Leistungen nicht zu bezahlen – und       gen und die Hilflosenentschädigung ist nicht
Bereits in der Frühjahrssession 2018 haben       wird daher in diese und nur in diese Richtung    einmal die AHV ausgenommen.
die Eidgenössischen Räte ein Gesetz zur          ermitteln lassen. Ebenso problematisch: Es       Der VPOD ist daher, im Einklang mit dem
Überwachung in den Sozialversicherungen          bestehen im Gesetz keinerlei Regeln für den      SGB und der – am direktesten betroffenen –
beschlossen, das den Versicherungen weit-        Umgang mit Daten unbeteiligter Dritter, also     VPOD-Verbandskommission Sozialbereich,
reichende Kompetenzen einräumt. Selten ist       den bei den Ermittlungen anfallenden «Bei-       klar für ein Nein. Daraus spricht auch die
ein Gesetzgebungsvorgang so rasch durchs         fang». Auch hier verletzt das Gesetz massiv      Erfahrung derjenigen, die direkt in diesem
Parlament gepeitscht worden. Und selten          Persönlichkeitsrechte.                           sensiblen Bereich arbeiten, beispielsweise im
ist einer Vorlage so überdeutlich anzusehen,                                                      Case-Management. Sie wissen, wohin der Spar-
dass sie mit der heissen Nadel genäht wurde.     Von Millionen und Milliarden                     zwang Versicherungen wie die IV bereits ge-
So wäre es nach dem neuen Gesetz beispiels-      Am empörendsten ist allerdings, dass das         trieben hat: Auch berechtigte Leistungen wer-
weise zulässig, Verdächtige durch Privat-        gleiche Parlament, das hier mit Kanonen          den mittels juristischer Verfahren in Zweifel
detektive auch in privaten Räumen und auf        auf Spatzen schiesst, sich weiterhin weigert,    gezogen. Ganz nach dem Motto: Mal auspro-
privatem Gelände auszuspähen, sofern vom         Massnahmen gegen die Steuerhinterziehung         bieren, ob die versicherte Person sich zu weh-
öffentlichen Grund aus einsehbar. Umstritten     zu beschliessen. In der gleichen Session, in     ren getraut. In diesem Gefüge sind die Spiesse
ist allenfalls, ob sich das nur auf Garten und   der sie den Observationsartikel verabschie-      sehr ungleich lang, schon heute. Die Annah-
Balkon bezieht, oder ob man auch durch die       det haben, haben die Eidgenössischen Räte        me des Gesetzes würde die Konstellation noch
Scheiben ins Schlafzimmer gucken darf.           verhindert, dass das Bankgeheimnis auch im       stärker aus dem Gleichgewicht bringen. Zuun-
Auch Drohnen und heimliche GPS-Tracker           Inland endlich aufgehoben wird. Steuerhin-       gunsten jener, die nicht, wie die Versicherun-
dürften eingesetzt werden, letztere immer-       terziehung bleibt damit straffrei. Bei den So-   gen, eine Lobby im Parlament haben.

                                                                                                                              November 2018 5
Service public und Menschenrechte - Die Gewerkschaft - VPOD
VPOD       | Jubiläum

Der VPOD Zürich Kanton feiert sein 100-Jahr-Jubiläum im Zürcher Neumarkt

Greulichs Erben
Die Sektion VPOD Zürich Kanton ist 100 Jahre alt geworden. Schauplatz des Fests und der Vernissage des
Jubiläumsbuchs war der Zürcher Neumarkt, einst ein Zentrum der Arbeiterbewegung. | Text und Foto: Christoph Schlatter

Ferienhalber meldete sich Regierungsrätin            Notter, ehemaliger Regierungsrat, entlarvte       gestellte» im nahen Restaurant «Zähringer»
Jacqueline Fehr per Videobotschaft; sie leug-        in seiner Rede die angebliche Unterlegenheit      zugegen und verteilte nach Einzug der Bei-
nete nicht die Arbeitgeberrolle, in der sie sich     staatlicher Betriebsorganisation als Märchen.     trittserklärungen sowie von 50 Rappen Beitrag
jetzt befindet. Umso wichtiger seien starke          Beispiel Gebäudeversicherung: So gut und          die Mitgliedsbüchlein.
Gewerkschaften: als Ansprech- und Verhand-           günstig machen es die Privaten nicht in jenen
lungspartner. Die anderen Rednerinnen und            Kantonen, wo diese Sparte privatisiert ist. Al-   Angeregte Debatten
Redner überbrachten ihre Glückwünsche                lerdings müsse auch das öffentliche Personal      Die 100-jährige Geschichte der VPOD-Sektion
persönlich. Michèle Dünki-Bättig, Präsiden-          beweglich bleiben und dürfe sich nicht in ei-     haben Werner Portmann und Heinz Gabathu-
tin der feiernden Sektion, hat gute Chancen,         nem «Haben wir immer so gemacht»-Modus            ler auf knapp 100 Seiten zusammengefasst.
zumindest das 150-Jahr-Jubiläum noch zu              einigeln, sagte Notter.                           Während eine Mehrheit der Festgesellschaft
erleben. Katharina Prelicz-Huber, die den            Auch der Ort des Anlasses war kein Zufall:        bereits zum Tanz übergegangen war, gab es
VPOD auf der nationalen Ebene präsidiert,            Historiker Nicola Behrens zeigte die besonde-     am historischen Infopoint noch lange ange-
ist überzeugt, dass es die Gewerkschaft auch         re Bedeutung des Neumarkts 5 für die Zür-         regte Debatten, bei denen auch die grossen
nach weiteren 100 Jahren noch geben und              cher Arbeiterbewegung auf. Der dort 1840          Fragen rund um die Spaltung der Arbeiterbe-
noch brauchen wird.                                  zunächst als Gesangsverein gegründete Ar-         wegung nicht ausgespart wurden. Das Büch-
                                                     beiterbildungsverein «Eintracht» war die ei-      lein mit dem Titel «Zukunft mit Geschichte(n)
Nachdenkliche Töne                                   gentliche Keimzelle für die gewerkschaftliche     – 100 Jahre VPOD Sektion Zürich Kanton»
Sie streute auch nachdenkliche Töne in ih-           Organisation an der Limmat. Lenin und Trotz-      enthält ausserdem Interviews mit aktuellen
re Rede: Was seinerzeit, auch von VPOD-              ki, Bernstein und Bebel gingen ein und aus.       Protagonistinnen und Protagonisten der
Kollegen, unterm Stichwort «Eugenik» im              Auch Herman Greulich natürlich, der «Vater        Sektion. Es kann für 18 Franken (zuzüglich
Burghölzli propagiert und betrieben worden           der Gewerkschaften». Sein Sohn Richard war        Versandkosten) beim VPOD Zürich bezogen
sei, sei Anlass zu tiefer Scham. – Markus            bei der Gründung der «Sektion Kantonale An-       werden, so lange der Vorrat reicht.

                                                                                                          Historiker Nicola Behrens am Neumarkt 5, wo die
                                                                                                            Zürcher Arbeiterbewegung ihren Anfang nahm.

Umkleiden ist Arbeitszeit
Die jüngste Kampagne des VPOD Zürich Kanton
betrifft die rechtswidrige Usanz in den Spitälern,
die fürs Umziehen benötigte Zeit nicht als Ar-
beitszeit anzurechnen. Am Universitätsspital Zü-
rich lief das Fass wegen des Projekts «Audigard»
über; das automatische Kleiderausgabesystem
droht die Umkleidezeit nochmals massiv zu ver-
längern. Der VPOD rechnet vor, dass bereits beim
heutigen Modus 80 Arbeitsstunden pro Person
und Jahr anfallen und dass das USZ deswegen
jährlich 18,7 Millionen Franken einspart. Vor al-
lem die langen Wege auf dem weitläufigen Areal
fallen ins Gewicht. Die Vorgaben von Arbeitsge-
setz und Seco sind klar: Wo das Umziehen für
die Tätigkeit notwendig ist, gilt Umkleidezeit als
Arbeitszeit. Der VPOD hat interveniert und wird
– wenn nötig – auch gerichtlich vorgehen; noch
hofft man aber darauf, dass es gelingt, sich güt-
lich auf eine Pauschale zu einigen. | slt

6 November 2018
Service public und Menschenrechte - Die Gewerkschaft - VPOD
Verbandskonferenzen              |   VPOD

VPOD-Verbandskonferenz Bau Land Forst in Bern zu Gesundheitsschutz und Digitalisierung

Gruppenbild mit Faktor 50
Ohne das Handwerk im Service public läuft die Schweiz nicht. Das hat die VPOD-Verbandskonferenz
auf dem Gurten wieder einmal deutlich gemacht. Gesundheitsschutz und Digitalisierung waren weitere
Themen. Zur neuen Präsidentin wurde Barbara Jörg gewählt. | Text und Foto: Christoph Schlatter

«Gruppenbild mit Dame»: Der vielzitierte Ti-
tel eines Heinrich-Böll-Romans muss einmal
mehr bemüht werden. Die Verbandskonfe-
renz Bau Land Forst, die bei schönstem Wet-
ter auf dem Gurten ob Bern stattfand, hat die
einzige anwesende Branchenkollegin zu ihrer
Präsidentin und damit zur Nachfolgerin von
Rolf Conzelmann gemacht. Barbara Jörg ist
Gärtnerin bei Stadtgrün Bern und seit Som-
mer Mitglied des VPOD-Landesvorstandes.
Auch gegenüber der Öffentlichkeit will sie
die Branche stärker sichtbar machen. Denn
die Arbeit der Beschäftigten aus Bau-, Garten-
bau- und Forstämtern wird oft kaum wahrge-
nommen. Oder nur dann, wenn sich der Ser-
vice aus irgendeinem Grund mal verzögert.

Sparen kommt teuer
In diese Kerbe haut auch die Resolution, die           Verbandskommission Bau Land Forst. Vorderste Reihe von links: Christian Gafner (Bern), Barbara Jörg
von der Konferenz einstimmig verabschiedet              (Präsidentin, Bern), Riccardo Dalla Corte (Zürich). 2. Reihe: Rolf Conzelmann (Basel; halbverdeckt),
                                                       Benjamin Zachmann (Zürich), Markus Stucki (Bern), Simon D’Atri (Schaffhausen). 3. Reihe: Gérard
wurde: Es braucht das Handwerk im Service
                                                        Huguenin (Basel), Antonio Ariniello (Zürich; als Gast), Kurt Altenburger (Zentralsekretär). 4. Reihe:
public, damit die Schweiz funktioniert. Man           Hanspeter Tobler (Zürich; Rücktritt), Claudio Andrisano (Basel), Georg Berghoff (Zürich; halbverdeckt).
sei nicht einfach ein Kostenfaktor, sondern
Dienstleister, Arbeitsplatzgarant sowie Auf-
traggeber fürs lokale Gewerbe. Daher lägen
auch diejenigen falsch, die einen möglichst      gewinne in einen Digitalisierungsfonds                 Faktor 50 für alle?
billigen Service verlangen. Denn wenn Ge-        steckt. Dieser soll dann für die Sicherung             Wo es im konkreten Arbeitsalltag tatsächlich
bäude oder Verkehrswege nicht mehr seriös        der Arbeitsmarktfähigkeit namentlich der               hakt, wurde in der Debatte sichtbar. Eines der
gewartet, wenn Anlagen ungenügend unter-         älteren Beschäftigten sorgen.                          Probleme: Wie beim Whistleblowing gerät
halten werden, rächt sich das rasch. Solche      Das zweite grosse Thema der Konferenz war              oft derjenige, der einen Mangel thematisiert,
Politik kommt am Ende weit teurer als die        der Komplex Arbeitssicherheit/Gesundheits-             selbst in Schwierigkeiten. Liegt etwa eine Glas-
kontinuierliche Investition in Infrastruktur     schutz/Gesundheitsförderung. Tanja Brütsch             sammelstelle zu nah an der Stromleitung und
und Personal.                                    von «Arbeitssicherheit Schweiz» zeigte in ih-          die Meldung des Missstands versickert regel-
Aufgrund eines Inputs des Schreibenden           rem Referat, dass hinter dem betrieblichen             mässig – was ist da zu tun? Brütsch riet auf
entstand eine lebhafte Diskussion über           Gesundheitsmanagement mehrere Treiber                  jeden Fall zum Einbezug des Sicherheitsbeauf-
Chancen und Risiken der Digitalisierung.         stehen. Es gibt Aspekte der Menschlichkeit             tragten, der allerdings seinerseits nur beraten-
Es herrschte Konsens, dass die neuen Tech-       und der Fürsorge. Aber natürlich besteht               de Stimme ist. Ein anderes Dilemma stellt sich
nologien hilfreich sein können, auch für         auch ein wirtschaftliches Interesse an mun-            dort, wo Vorgesetzte ihren Auftrag allzu ernst
einen Förster oder eine Friedhofsgärtnerin.      teren Mitarbeitenden. Drittens macht das Ge-           nehmen. Als Beispiel erwähnte jemand die
Aber sie müssen im Dienst der Beschäftig-        setz Vorgaben: Die physische und psychische            Aufforderung zum Abspecken. Mehrfach ge-
ten stehen – und nicht umgekehrt. Es darf        Gesundheit der Beschäftigten ist zu wahren,            nannt wurde der Schutz vor der Sonne in Som-
nicht sein, dass die Arbeiterinnen und Ar-       und dazu müssen die Betriebe, wenn sie kei-            mern wie diesen. Die Versammlung war ein-
beiter mit Defiziten alleingelassen werden.      ne interne Lösung bezeichnen, eine externe             hellig der Meinung, dass Persönlichkeitsrechte
Vielmehr soll der Arbeitgeber Ressourcen         Stelle beiziehen. Für die fragliche Branche            zu respektieren sind. Also kein zwangsweises
bereitstellen, beispielsweise indem er durch     übernimmt die als Verein verfasste «Arbeits-           Einreiben mit Faktor 50, sondern ein Angebot
Digitalisierung realisierte Wertschöpfungs-      sicherheit Schweiz» diese Rolle.                       durch Abgabe entsprechender Produkte.

                                                                                                                                         November 2018 7
Service public und Menschenrechte - Die Gewerkschaft - VPOD
VPOD      | SGB-Kongress

Nach 20 Jahren mit Paul Rechsteiner: Am 1. Dezember wird das Präsidium des SGB neu besetzt

Wer wird’s?
Am SGB-Kongress (30.11./1.12., Bern) wird das Präsidium neu vergeben. Vorbehältlich einer Spontankandidatur
entscheidet sich das Rennen zwischen Pierre-Yves Maillard und Barbara Gysi. Der VPOD ist mit 24 zu 5 Stimmen
für Gysi. Das VPOD-Magazin hat beide befragt. | Interviews (per Mail): Christoph Schlatter (Fotos: Sieber ARC und zVg)

Die Macht beim SGB-Vorsitz ist                    allseits zu mehr Mitgliedern führt und un-
wahrscheinlich gar nicht soooo gross (frag        sere Sache stärkt, ist die Frage der Grösse
Rechsteiner). Warum strebst du dieses             zweitrangig.
Amt an, was möchtest du bewegen?                  Die weibliche Erwerbstätigkeit hat
Pierre-Yves Maillard: Es geht im SGB-Präsidi-     zugenommen – die gewerkschaftliche
um vor allem darum, Vorschläge zu machen          Organisation der Frauen hat damit
und die Leute dafür zu gewinnen. Ich schlage      nicht Schritt gehalten. Wie kommen
Reformen vor, die wir in meinem Kanton mit        wir an die Frauen ran?
Kämpfen und Verhandlungen konkretisiert           Die Dienstleistungen, und besonders die
haben: die Lohnabhängigen davor bewahren,         persönlichen Dienstleistungen wachsen – al-
dass sie mehr als 10 Prozent für die Kranken-     so jene Sektoren, die mehrheitlich weiblich
kasse zahlen müssen; den Working Poor und         sind. Aber es ist für die Gewerkschaften ja nie
den Alleinerziehenden mit Ergänzungsleis-         einfach, aus den gewohnten in neue Milieus        Pierre-Yves Maillard (50) wohnt in Renens (VD)
tungen helfen; die Jungen, auch diejenigen        aufzubrechen. Oft bleibt im Alltag zu wenig       und ist seit 2004 Waadtländer SP-Staatsrat.
mit Migrationshintergrund, besser einbezie-       Kraft dafür. Für einen Aufbau in den «neuen»
hen. Neue Realitäten erfordern neue Antwor-       Sektoren brauchen wir eine besonnene Dis-         Tee oder Kaffee?
ten. Ich bin überzeugt, dass die Gewerkschaf-     kussion und dann eine Bündelung der Kräfte.       Kaffee.
ten damit konkrete Fortschritte erreichen         Die Schweiz ist ein Land mit sehr hohen           Schnitzel oder Tofuwurst?
und neue Kräfte gewinnen.                         Löhnen und sehr hohen Preisen.                    Schnitzel.
Wie stehen wir Gewerkschaften                     Darum ist das für uns mit den offenen             Berge oder Strand?
2018 in der Schweiz da? Sind wir                  Grenzen nicht so einfach. Wird die                Das hängt von der Jahreszeit ab.
stark? Oder sind wir schwach?                     Koppelung der Freizügigkeit an flankierende       Hund oder Katze?
Der SGB ist politisch stark – dank einem gu-      Massnahmen Bestand haben?                         Weder noch. Aber die Kinder wollten eine
ten Draht zu den fortschrittlichen Kräften in     Ich bin hier für eine harte Haltung. Die Dis-     Katze. Je eine. Also haben wir jetzt zwei
der Politik. Aber klar ist auch: Wir brauchen     kriminierung aufgrund des Passes ist dank         Katzen . . .
mehr Mitglieder. Beim 100-Jahr-Jubiläum vor       der Personenfreizügigkeit zurückgegangen –        Beatles oder Rolling Stones?
30 Jahren waren wir 100 000 Köpfe mehr.           das ist ein Fortschritt. Denn wo ein abgehäng-    Bruce Springsteen . . .
Um diese Erosion zu stoppen, braucht es auch      tes Subproletariat existiert, werden alle mit     Frisch oder Dürrenmatt?
eine Erneuerung der gewerkschaftlichen Idee.      nach unten gezogen. Aber ein freier Markt         Dürrenmatt.
Was heisst es heute, Gewerkschaftsmitglied        ohne Regeln ist nicht akzeptabel. Der Abbau       Erste oder zweite Säule?
zu sein? Was bringt es konkret? Auf diese Fra-    von Arbeitsmarktschranken ist nur dann hin-       Erste, die zweite enttäuscht wegen zu viel
gen muss der SGB Antworten liefern.               nehmbar, wenn gleichzeitig der Schutz für         Expertokratie und Profitorientierung.
Im SGB sind Verbände sehr unterschiedlicher       Löhne und Arbeitsbedingungen erhöht wird.         Sport oder Sofa?
Grösse, die teilweise auch in Konkurrenz          Ohne das muss Nein gesagt werden.                 Sport. Und dann Sofa.
zueinander stehen. Einer ist sehr gross, der      Die Frauen waren im SGB-Präsidium                 Anzug oder Jeans?
VPOD gehört zu den mittleren, daneben gibt        bisher kaum vertreten? Wäre es                    Jeans.
es kleine und kleinste. Was gedenkst du für die   jetzt nicht Zeit für eine Frau?                   Mailen oder telefonieren?
Balance in dieser Dachorganisation zu tun?        Wenn es nicht an der Spitze zweier der gröss-     Telefonieren.
Wenn in einem Verband einzelne Mitglieder         ten Verbände im SGB starke Frauen gäbe, die       Früh aufstehen oder spät zu Bett?
geschwächt werden, hilft das niemandem.           die Gewerkschaftsbewegung repräsentieren,         Im Moment beides . . .
Wenn Konkurrenz und Misstrauen domi-              hätte ich die Kandidatur nicht angenommen.
nieren, braucht es keinen SGB. Ich bin für        (Und man hätte sie mir nicht angetragen.) Der
eine dynamische Sichtweise: Dort, wo die          SGB-Vorstand soll die Diversität unserer Be-
Beschäftigung wächst und wo die Arbeits-          wegung abbilden – und darin erlaube ich mir,
bedingungen schwierig sind, muss man die          die Stimme der Suisse romande und über-
Mittel bündeln. Wenn dieser Ansatz dann           haupt der lateinischen Schweiz einzubringen.

8 November 2018
Service public und Menschenrechte - Die Gewerkschaft - VPOD
SGB-Kongress       |   VPOD

                                                   Die Macht beim SGB-Vorsitz ist                    werden. Ich habe grosse Erfahrung darin,
                                                   wahrscheinlich gar nicht soooo gross (frag        verschiedene Meinungen zu integrieren und
                                                   Rechsteiner). Warum strebst du dieses             dennoch klare Forderungen zu entwickeln.
                                                   Amt an, was möchtest du bewegen?                  Die weibliche Erwerbstätigkeit hat
                                                   Barbara Gysi: Wer für Lohn arbeitet, ist viel-    zugenommen – die gewerkschaftliche
                                                   fach ausgebeutet und schlecht gestellt. Das       Organisation der Frauen hat damit
                                                   muss sich wieder ändern. Bessere Arbeits-         nicht Schritt gehalten. Wie kommen
                                                   bedingungen, höhere Löhne und tiefere Ar-         wir an die Frauen ran?
                                                   beitszeiten, das will ich genauso erreichen       Die gewerkschaftliche Verankerung in den
                                                   wie Verbesserungen für die Vereinbarkeit von      Frauenbranchen ist effektiv zu schwach.
                                                   Beruf und Familie. Arbeitsleistende müssen        Wir müssen die Lebensrealitäten der Frauen
                                                   an den Erfolgen der Firmen teilhaben und          besser wahrnehmen und auch die Diskrimi-
Barbara Gysi (54) wohnt in Wil (SG), ist Sozial-   auch von der Digitalisierung profitieren. Ich     nierung der Frauen, die durch die ungleiche
pädagogin und seit 2011 SP-Nationalrätin.          bin mit viel Herzblut politisch und gewerk-       Verteilung der Haus- und Erziehungsarbeit
                                                   schaftlich engagiert, bin gut vernetzt, bringe    erfolgt, in die Gewerkschaftsagenda aufneh-
Tee oder Kaffee?                                   25 Jahre Polit- und Gewerkschaftserfahrung        men. Gesamtarbeitsverträge im Detailhandel
Gerne Espresso.                                    mit. Ich habe Lust und auch genügend Zeit,        und den Pflegeberufen, bessere Frauenlöh-
Schnitzel oder Tofuwurst?                          all das noch konkreter für die Gewerkschafts-     ne, bessere Abgeltung von Haus- und Erzie-
Vegetarisch, aber richtig.                         bewegung zur Verfügung zu stellen. Viele          hungsarbeit, auch in der zweiten Säule, und
Berge oder Strand?                                 Gespräche zeigen mir zudem, dass die Zeit         Verbesserungen für die Vereinbarkeit von
Berge, mit all ihren Schönheiten.                  reif ist für eine Frau an der Spitze des SGB.     Beruf und Familie sind zwingend.
Hund oder Katze?                                   Wie stehen wir Gewerkschaften                     Die Schweiz ist ein Land mit sehr hohen
Katze.                                             2018 in der Schweiz da? Sind wir                  Löhnen und sehr hohen Preisen.
Beatles oder Rolling Stones?                       stark? Oder sind wir schwach?                     Darum ist das für uns mit den offenen
Worldmusic in allen Facetten.                      Die Gewerkschaften sind inhaltlich stark,         Grenzen nicht so einfach. Wird die
Frisch oder Dürrenmatt?                            aber nicht in allen Branchen gut vertreten.       Koppelung der Freizügigkeit an flankierende
Frisch.                                            Namentlich bei den Frauen und im tertiären        Massnahmen Bestand haben?
Erste oder zweite Säule?                           Bereich haben wir Nachholbedarf. Es braucht       Die flankierenden Massnahmen sind nicht
Die AHV ist unser wichtigstes Sozialwerk!          ein starkes Gegengewicht gegenüber den            verhandelbar, im Gegenteil: Es braucht wei-
Sport oder Sofa?                                   Abbauplänen der rechtsbürgerlichen Politik        tere Verbesserungen, etwa für ältere Arbeit-
Sport.                                             und den neoliberalen Absahnern in der Wirt-       nehmende. Die Rückmeldungen der europäi-
Deux-pièces oder Jeans?                            schaft. Der Care-Sektor muss besser abgesi-       schen Gewerkschaften zeigen uns, wie wichtig
Jeans.                                             chert und von Branchen, die Effizienzsteige-      unser Kampf ist. Gleichzeitig stehe ich auch
Mailen oder telefonieren?                          rungen erleben, mitfinanziert werden.             für eine aktive Integrationspolitik ein.
Mailen ist praktisch. Doch mit den Leuten          Im SGB sind Verbände sehr unterschiedlicher       Die Suisse romande war in der
reden und im Gespräch sein, ist mir                Grösse, die teilweise auch in Konkurrenz          138-jährigen SGB erst einmal im Präsidium
wichtig.                                           zueinander stehen. Einer ist sehr gross, der      (zweimal noch das Tessin). Ist nicht
Früh aufstehen oder spät zu Bett?                  VPOD gehört zu den mittleren, daneben gibt        jetzt mal die Westschweiz dran?
Morgens ist der Kopf noch frei.                    es kleine und kleinste. Was gedenkst du für die   Eine berechtigte Frage. Die Delegierten wer-
                                                   Balance in dieser Dachorganisation zu tun?        den entscheiden, ob ihnen das Regionen-
                                                   Mein Ziel ist es, die Gewerkschaftsbewegung       oder das Geschlechterargument wichtiger ist.
                                                   insgesamt zu verbreitern und zu stärken, in-      Ich komme aus einem Grenzkanton und ken-
                                                   dem sich zusätzliche Verbände und Gewerk-         ne die Thematik der flankierenden Massnah-
                                                   schaften unter dem Dach des SGB organisie-        men aus der täglichen Arbeit. Als Präsidentin
                                                   ren. Die innergewerkschaftlichen Debatten         würde ich den Austausch mit der Romandie
                                                   müssen geführt, alle Kreise müssen gehört         und dem Tessin aktiv pflegen.

                                                                                                                                November 2018 9
Service public und Menschenrechte - Die Gewerkschaft - VPOD
VPOD      | Aus   den Regionen und Sektionen

                                                                            Schieflage: Bundespersonal
                                                                            wird ungerecht beurteilt.

                                                                            Performance: Baselbieter Sparschwein
                                                                            wird brutal zerschlagen.

                                                                            wurde bei den hohen Löhnen sehr viel häufiger (18,9 Prozent) verge-
                                                                            ben als unten (13,1 Prozent). Eine ähnlich ungerechte Verteilung lässt
                                                                            sich bei den Leistungsprämien beobachten: Von den Frauen bekamen
                                                                            27,6 Prozent eine, von den Männern aber 32,3 Prozent. Arbeiten Män-
                                                                            ner besser als Frauen, Chefs besser als untere Chargen? Der VPOD
                                                                            sieht vielmehr strukturelle Gründe, die eine ungleiche Beurteilung be-
                                                                            fördern. Hier muss Korrektur erfolgen. | vpod (Foto: william87/iStock)

                                                                            Pensionierte hängen am Feriendorf «Grappoli»
                                                                            Die VPOD-Pensioniertenkommission der Westschweiz hat sich im
                                                                            Rahmen eines Ausflugs ins Feriendorf «I Grappoli» in Sessa mit ei-
                                                                            ner Delegation der sonst getrennt tagenden Schwesterkommission
                                                                            der Deutschschweiz zu einer Lagebeurteilung getroffen und die Not-
                                                                            wendigkeit einer engeren Zusammenarbeit bekräftigt. Damit wollen
                                                                            die Pensionierten auch innerhalb des Verbandes zu einer stärkeren
                                                                            Stimme werden. Sorgen machen sie sich namentlich über die konti-
                                                                            nuierliche Erhöhung der Krankenkassenprämien, über die allgemei-
                                                                            ne Digitalisierung und Roboterisierung sowie über eine schleichen-
                                                                            de, mit Dienstleistungsabbau verbundene Privatisierung. Bekräftigt
Basel: Ja zum Staatsvertrag, Nein zur AG                                    wurde zudem der – so wörtlich – «absolute Widerstand gegen die
Die Delegierten des VPOD Basel haben sich intensiv mit den beiden           Schliessung oder den Verkauf» des Feriendorfes beziehungsweise das
Spitalvorlagen auseinandergesetzt. Zum Staatsvertrag «Planung, Re-          Gelübde, «alles zu tun, um diese Einrichtung zu retten». | vpod
gulation und Aufsicht» sagen sie Ja, zur Fusion der Spitäler von Basel-
Stadt und Basel-Land zu einer Aktiengesellschaft dagegen Nein – nach        Appenzell-Ausserrhoden: Zu kurz gedacht
intensiver Debatte, aber letztlich klar. Dabei geht es dem VPOD nicht       Der VPOD Ostschweiz kritisiert den Entscheid des Spitalverbunds
nur um Fragezeichen hinsichtlich des noch nicht zu Ende verhandel-          Appenzell-Ausserrhoden SVAR zur Auslagerung von Wäscherei und
ten GAV, sondern auch um Bedenken gegenüber der Rechtsform einer            Reinigung. Eine solche Politik – noch dazu ohne Einbezug der Sozial-
AG. Die zunehmende Wettbewerbsorientierung im Gesundheitswesen              partner – ist aus VPOD-Sicht kurzsichtig und unüberlegt. «Es ist heute
verfolgt der VPOD schon seit Jahren mit Unbehagen. | vpod                   bekannt, dass die Externalisierung solcher Dienstleistungen in den we-
                                                                            nigsten Fällen zu einer Kostenersparnis führt, im Gegenteil», hält der
Schweinerei in Liestal                                                      VPOD fest. Neben Extraaufwand für Koordination und Kontrolle fällt
Der VPOD Region Basel hat mit einer Performance die Sparschweine-           zusätzlich noch die Mehrwertsteuer an. Ausserdem identifizieren sich
rei kritisiert, welche die basellandschaftliche Politik im Service public   Outgesourcte weniger stark mit ihrem Betrieb. | vpod
anrichtet. Gut sichtbar für den zur Sitzung eintreffenden Landrat wur-
de ein Sparschwein zertrümmert. So konnten Ressourcen aus bürger-           St. Gallen: Zweifeln am Lohnsystem
licher Geiselhaft befreit werden. «Die unsanfte Zerstörung des Spar-        2019 kommt im Kanton St. Gallen ein neues Lohnsystem. Eigentlich
schweins symbolisiert ausserdem den geringschätzigen Umgang des             hätte es mehr Gerechtigkeit bringen sollen. Das Verfahren lässt aber
Landrates mit seinem Personal», schreibt der VPOD. | vpod (Foto: vpod)      daran zweifeln. Die Zuteilung der Referenzfunktionen und die Mittei-
                                                                            lung des neuen Lohns haben verbreitet zu Verunsicherung und Ärger
Bundespersonal: Chefs gut, Untere schlecht?                                 geführt. Wichtige Fragen bleiben offen, insbesondere jene nach den
Der VPOD hat nachgefragt, wie beim Bundespersonal die Mitarbei-             Rechtsmitteln. Der VPOD Ostschweiz hat daher einen Offenen Brief
terqualifikationen auf die Lohnklassen verteilt sind. Für 2017 zeigt        lanciert, der in kurzer Zeit von über 1000 Staatsangestellten unter-
sich erneut ein schiefes Bild. In den tiefen Lohnklassen 1 bis 17 erhiel-   schrieben und Anfang Oktober überreicht wurde. Von der Regierung
ten mehr als doppelt so viele Beschäftigte eine schlechte Beurteilung       werden rasche Verfahrenskorrekturen erwartet. Ein erster Erfolg ist
(«ungenügend» oder «genügend») als in den hohen Lohnklassen 24              erzielt: Die neue Referenzfunktionenkommission wird aufgestockt;
bis 38. Umgekehrt ist die Situation beim «sehr gut»: Dieses Prädikat        die Verbände haben jetzt 3 statt 1 Delegierte darin. | vpod

10 November 2018
Dossier: Service public und Menschenrecht
                                                                                                                                      | VPOD

Eidgenössische Volksabstimmung am 25. November: Nein zur Volksinitiative «Schweizer Recht statt fremde Richter» («Selbstbestimmungsinitiative»)

Wie in Putins Russland?
Die sogenannte Selbstbestimmungsinitiative der SVP ist Anlass für dieses Dossier. An die Urne gehen
und Nein stimmen ist wichtig. Die Schweiz würde sich sonst isolieren. Und fiele auf das rechtsstaatliche
Niveau von Putins Russland. | Text: VPOD (Foto: Nellmac/iStock)

                                                                                                              seit 1974 verbindliches Recht sind. Weil die
                                                                                                              EMRK damals nicht dem Referendum un-
                                                                                                              terstand, ginge inländisches Recht im Zwei-
                                                                                                              fel vor, so dass die EMRK nur noch fallweise
                                                                                                              angewendet würde (wie derzeit in Russland)
                                                                                                              und konsequenterweise zu kündigen wäre.
                                                                                                              Ohne EMRK gäbe es nichts mehr, was den
                                                                                                              Schweizer Gesetzgeber hinderte, beliebige
                                                                                                              Gruppen beliebig zu diskriminieren.
                                                                                                              Man könnte beispielsweise den Französisch-
                                                                                                              unterricht abschaffen, per Volksinitiative.
                                                                                                              Oder die Todesstrafe einführen (ein erster
                                                                                                              zaghafter Versuch dazu wurde bereits unter-
                                                                                                              nommen, allerdings wieder abgebrochen).
                                                                                                              Muss eigentlich das Italienische wirklich ei-
                                                                                                              ne Amtssprache sein? Die Volks- und Stände-
                                                                                                              mehrheit könnte den Kanton Tessin und die
Moskauer Verhältnisse? Im Russland Putins sind die                                                            Bündner Südtäler problemlos überstimmen.
Entscheide des Menschenrechts­gerichtshofs unverbindlich.                                                     Und dann? Es gibt in der Schweiz, im Gegen-
                                                                                                              satz etwa zu Deutschland, auch kein Verfas-
                                                                                                              sungsgericht, das Gesetze daraufhin über-
Die SVP will mit ihrer – jetzt derart soft be-              nämlich der Unbefangen- und Nicht-Invol-          prüft, ob sie mit der Verfassung im Einklang
worbenen – Initiative den Vorrang der Ver-                  viertheit der Richtenden. Nicht ganz zufällig     stehen. Aber das Bundesgericht kann auf die
fassung gegenüber dem Völkerrecht durch-                    trägt Justitia eine Binde. Sie urteilt von aus-   EMRK zurückgreifen, wenn Rechte Einzelner
setzen; eine Problematik, die sie auch bisher               sen, als ­«Fremde».                               verletzt sind. Die Konvention ist so etwas wie
schon ausgiebig mit Initiativen bewirtschaftet              Es gibt zwei Hauptargumente gegen die In-         eine «Rechtsschutzversicherung für uns alle»
hat. Dabei hat sie allerdings zuletzt, nämlich              itiative. Zum einen würde die fragliche Be-       (Amnesty International).
bei der Durchsetzungsinitiative, eine Nieder-               stimmung die Schweiz als internationale Ver-
lage kassiert. Die Selbstbestimmungsinitia-                 tragspartnerin diskreditieren: Ein Land, das      Untrennbare Einheit
tive postuliert, dass bei einem Konflikt zwi-               eingegangene Verträge einseitig bricht oder       Hinter der Initiative steht, man kann es nicht
schen einer angenommenen Volksinitiative                    damit droht, sie jederzeit zu widerrufen, kann    anders sagen, ein verabscheuungswürdiges
und völkerrechtlichen Verträgen die letzteren               nicht auf Vertrauen und Goodwill der ande-        Welt- und Menschenbild. Sie stellt sich eine
anzupassen oder zu kündigen wären. Eine                     ren Länder zählen. Diese Initiative ist buch-     Schweiz vor, die ausserhalb dieser Welt steht
Annahme der Initiative wäre schlimm.                        stäblich eine «Anweisung zum völkerrecht-         – wo doch gerade Kleinstaaten mehr als die
                                                            lichen Vertragsbruch», wie es Humanrights         Grossen auf die Verbindlichkeit internationa-
«Fremde Richter»?                                           formuliert. Zudem erzeugt die Initiative ein      ler Vereinbarungen angewiesen sind, auch in
Die Verdrehungen beginnen schon im Titel.                   Chaos bei den völkerrechtlichen Verträgen;        wirtschaftlicher Hinsicht. Und sie stellt sich
«Fremde Richter»? Am Strassburger Men-                      manche eher zweitrangige Übereinkommen            eine «Demokratie» ohne Grundrechtsschutz
schenrechtsgerichtshof, auf den das Volks-                  wären verbindliches Recht, weil sie seinerzeit    vor, mithin also eine Diktatur der – aufgehetz-
begehren zielt, sitzen auch Schweizer Richte-               dem fakultativen Referendum unterstanden,         ten und aufgewiegelten – «Volks»-Mehrheit.
rinnen und Richter. Wenn eine Entscheidung                  andere, wichtigere, nicht.                        Der VPOD hat am letzten Kongress 2015 in
für oder gegen die Schweiz gefällt wird, ist                                                                  Lausanne in seinem Positionspapier «Service
die Schweiz im Richterkollegium vertreten.                  Eine Rechtsschutzversicherung                     public ist Menschenrecht» bekräftigt, dass
Die Richter sind also gar nicht alle «fremd».               Direkt im Fokus stehen die Menschenrech-          er die Menschenrechte und den Schutz von
Der andere Punkt ist der: Das Wesen der Jus-                te, die in Form der Europäischen Menschen-        Minderheiten als untrennbare Bestandteile
tiz liegt zu guten Teilen in der «Fremdheit»,               rechtskonvention EMRK in der Schweiz              der Demokratie ansieht.

                                                                                                                                          November 2018 11
VPOD |Service
Dossier:     public und Menschenrecht

Menschenrechte: Woher sie kommen, wohin sie gehen und was sie wert sind

Recht haben – und bekommen
Die Menschenrechte, wie sie heute bestehen, sind ein Kind der Auf klärung und eine Reaktion auf den
Zivilisationsbruch des Zweiten Weltkriegs. Die UNO verabschiedete eine Erklärung; Europa hat mit seiner
Konvention ein stärkeres Mittel. | Text: Christoph Schlatter (Foto: Paul Horsefield/Flickr)

                                                                    Gekachelte Rechte:          Arabien und Südafrika. In der Erklärung sind
                                                                    Artikel der UNO-Charta      Grundrechte niedergelegt wie das Diskrimi-
                                                                    im Berliner U-Bahnhof
                                                                                                nierungsverbot, das Recht auf Leben und auf
                                                                    Westhafen.
                                                                                                Freiheit, das Verbot der Sklaverei. Mehrere
                                                                                                Artikel stehen im Zusammenhang mit dem
                                                                                                Recht auf ein faires Verfahren (Folterverbot,
                                                                                                Unschuldsvermutung, Rechtsgleichheit),
                                                                                                weitere nennen Freiheits- und Gestaltungs-
                                                                                                rechte (Recht auf Ehe, auf Eigentum, Religi-
                                                                                                ons- und Gewissensfreiheit, Meinungs- und
                                                                                                Versammlungsfreiheit, allgemeines und glei-
                                                                                                ches Wahlrecht).
                                                                                                Es sind aber auch soziale Rechte aufgezählt
                                                                                                (aus Sicht der damaligen Sowjetunion al-
                                                                                                lerdings zu wenige): das Recht auf soziale
                                                                                                Sicherheit, das Recht auf Arbeit und auf
                                                                                                gleichen Lohn, das Recht auf Erholung und
Die Menschenrechte sind ein Produkt der         geboren werden oder nur die Männer? Olym-       Freizeit, das Recht auf Wohlfahrt, Bildung
Aufklärung. In der Unabhängigkeitserklä-        pe de Gouges hat in ihrer Erklärung von 1791    und Kultur. Freizügigkeit ist in der Charta
rung der USA von 1776 steht: «Wir halten        gesagt, eine Verfassung sei null und nichtig,   unvollständig dargestellt: Es gibt ein Recht
diese Wahrheiten für ausgemacht, dass alle      «wenn nicht die Mehrheit der Individuen, die    auf Asyl und eines auf Aus- und Wiederein-
Menschen gleich erschaffen worden, dass         die Nation bilden, an ihrer Ausarbeitung mit-   reise, aber die freie Wahl des Aufenthalts
sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unver-      gewirkt hat». Sie starb auf dem Schafott.       ist auf das eigene Land begrenzt. Diese Ein-
äusserlichen Rechten begabt worden, wo-                                                         schränkung zeigt, genauso wie die einstige
runter sind Leben, Freiheit und das Bestre-     Sowjets, Saudis und Südafrika                   Unklarheit bezüglich der Frauen (oder an-
ben nach Glückseligkeit.» Die Erklärung der     Es war dann der beispiellose Zivilisations-     derer Geschlechter), dass Menschenrechte
Menschen- und Bürgerrechte, wie sie 1789        bruch des Nationalsozialismus und des           etwas Dynamisches sind. Sie entwickeln
von der Französischen Nationalversamm-          Zweiten Weltkriegs, der nach 1945 zum           sich laufend weiter und überwinden Alther-
lung verabschiedet wurden, hält fest: «Les      länderübergreifenden Versuch führte, die        gebrachtes und bisherige Blindheiten – im
hommes naissent et demeurent libres et          elementaren Menschenrechte verbindlich          Idealfall jedenfalls.
égaux en droits.» Hier fragt sich allerdings,   zu fassen. Zu den unmittelbaren Vorläufern
ob die Menschen frei und gleich an Rechten      gehört die Deklaration von Philadelphia der     Unterschiedliche Wirkung
                                                ILO, der Internationalen Arbeitsorganisation,   Zwar hat die UNO mehrere ihrer Rechte in
                                                aus dem Jahr 1944: «Alle Menschen, unge-        Konventionen oder Abkommen gefasst; Bei-
                                                achtet ihrer Rasse, ihres Glaubens und ihres    spiele sind der Pakt über wirtschaftliche, sozi-
1776    Unabhängigkeitserklärung USA            Geschlechts haben das Recht, materiellen        ale und kulturelle Rechte, die Antifolter- oder
1789     Erklärung der Menschen- und            Wohlstand und geistige Entwicklung in Frei-     die Kinderrechtskonvention. Aber einklagen
       ­Bürgerrechte (Frankreich)               heit und Würde, in wirtschaftlicher Sicher-     lassen sich diese Rechte trotzdem an vielen
1791    Erklärung der Rechte der Frau und       heit und unter gleich günstigen Bedingungen     Orten der Welt nicht. Deutlich weiter ist Eu-
        ­Bürgerin                               zu erstreben», heisst es darin.                 ropa mit seiner Menschenrechtskonvention
1944     Erklärung von Philadelphia (ILO)       Als die UNO-Generalversammlung am               EMRK. Diese unterscheidet sich im Inhalt
1948     Allgemeine Erklärung der Menschen­     10. Dezember 1948 die Allgemeine Erklä-         nicht wesentlich von der Erklärung der UNO.
         rechte (UNO)                           rung der Menschenrechte verabschiedete,         Aber die EMRK lässt es zu, dass man auch
1950     Europäische Menschenrechtskonvention   gab es keine Gegenstimme. Aber 8 Länder         als Individuum auf seinem Recht bestehen
         (EMRK)                                 markierten mittels Enthaltung Distanz: die      kann. Das ist ein menschheitsgeschichtlicher
1974     Schweiz ratifiziert EMRK               Sowjetunion mit 4 Verbündeten sowie Saudi-      Fortschritt – siehe auch Seite 17.

12 November 2018
Dossier: Service public und Menschenrecht
                                                                                                                          | VPOD

Interview zur administrativen Versorgungspraxis bis 1981 mit Nadja Ramsauer, Historikerin an der ZHAW, Soziale Arbeit

«Das Freiheitsversprechen gebrochen»
Das Unrecht, das Menschen in der Schweiz bis 1981 durch fürsorgerische Zwangsmassnahmen angetan wurde,
ist heute endlich erkannt und anerkannt. Nadja Ramsauer zeigt, wie das Ende der Versorgungspraxis – und andere
Entwicklungen – mit der Menschenrechtskonvention zusammenhängen. | Interview: Christoph Schlatter (Fotos: siehe Seite 14)

VPOD-Magazin: Du hast schon im Jahr 2000         Öffentlichkeit gerückt. Lass uns zuerst über
eine Dissertation über Kindswegnahmen und        die Kinder und Jugendlichen sprechen:
Jugendfürsorge veröffentlicht, zu einer Zeit,    Welches sind denn die meistgenannten
als erst wenige zu solchen Themen forschten.     Motive für Fremdplatzierungen?
Heute ist, auch im Rahmen der Aufarbeitung       Die Begründungen haben sich in der zweiten
der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen bis         Hälfte des 20. Jahrhunderts stark verändert.
1981, ein regelrechter Boom ausgebrochen.        Darin spiegelt sich meines Erachtens der Wan-
Nadja Ramsauer: Auch ich bin, nachdem ich del von einer Industrie- zu einer Dienstleis-
einige Jahre vor allem mit Gleichstellungs- tungsgesellschaft. In den 1950er und 1960er
themen befasst war, hier                                              Jahren ging es darum, die
an der ZHAW wieder                                                    Kinder und Jugendlichen,
zu diesem T hema zu-                  «In den 1950er und              deren Familien in einer
rückgekehrt. Zwei Pro-           1960er Jahren wollte man prekären Lebenslage wa-                        VPOD-Kollegin Nadja Ramsauer ist Dozentin
jekte stehen derzeit im                                               ren, zu sogenannt tüchti-       am Institut für Kindheit, Jugend und Familie der
Vordergrund. Im einen
                                       aus Jugendlichen in            gen Bürgern zu machen,               Zürcher Hochschule für Angewandte Wissen-

geht es um Behörden-               prekärer Lage sogenannt die sich einfügen in die                      schaften, Soziale Arbeit. Ihr Forschungsschwer-
                                                                                                       punkt liegt in den Themenkreisen Geschichte der
entscheide in der Kin-           tüchtige Bürger machen.» soziale Rolle und die be-                    Sozialen Arbeit und des Sozialstaats, Geschichte
der- und Jugendfürsorge                                               rufliche Aufgabe, die für      der Kinder- und Jugendhilfe und in der Geschlech-
in der zweiten Hälfte des                                             sie vorgesehen sind. Und     terforschung. Sie knüpft damit an ihre Dissertation
                                                                                                     aus dem Jahr 2000 an («‹Verwahrlost: Kindsweg-
20. Jahrhunderts im Kanton Zürich. Und wenn ein Kind oder ein Jugendlicher sich da-
                                                                                                   nahmen und die Entstehung der Jugendfürsorge im
zwar speziell darum, wie die Behörden ihre gegen aufbäumt, etwa aus einem Heim oder                 schweizerischen Sozialstaat, 1900–1945»). Aktuell
Entscheide – also etwa ein Kind von den El- aus der Lehre davonläuft, reagiert man in der            ist Ramsauer Co-Leiterin des Projekts «Rechtspra-
tern zu trennen – begründen.                     Regel mit schärferen Massnahmen. Bemüh-                   xis und Expertise der Administrativen Versor-
Wir befinden uns im Zeitalter vor                ten sich die Jugendlichen um einen sozialen             gung vor 1981» im Rahmen der Unabhängigen
                                                                                                    Expertenkommission Administrative Versorgungen
der KESB, wo keineswegs alles                    Aufstieg, legten die Behörden dies als unan-
                                                                                                            und eines Projekts zur Fremdplatzierung von
besser war. Sehr im Gegenteil.                   gemessene Arroganz aus.                               Kindern und Jugendlichen in der zweiten Hälfte
Auch das zweite Projekt – ich leite es zusam- Und das ändert sich in den                                        des 20. Jahrhunderts im Kanton Zürich.
men mit Sara Galle, die vor Kurzem eine 1970er und 1980er Jahren?
beeindruckende Dissertation zu den «Kin- Weiterhin geht es um Integration. Aber der
dern der Landstrasse» vorgelegt hat – gehört paternalistische Gestus schwindet, mit dem
in diesen Zusammenhang. Im Rahmen der man Jugendliche auf Berufe in Industrie oder
vom Bundesrat eingesetzten Unabhängigen Gewerbe festgelegt hatte. Es kommt allmäh-
Expertenkommission Administrative Versor- lich der Gedanke auf, die Direktbetroffenen an
gung untersuchen wir mit unserem Team die den Entscheidungsprozessen teilnehmen zu
behördliche Praxis der Anstaltseinweisungen lassen. Nicht zuletzt dürfte im Kanton Zürich
vor 1981. Hier geht es nicht nur um Kinder die Heimkampagne Anfang der 1970er Jahre
und Jugendliche, sondern auch um Erwach- zu dieser Veränderung beigetragen haben.
sene.                                            Die Heimkampagne, dieses Aufbegehren
Was da in der Schweiz bis gegen Ende             gegen repressive Zustände in
des 20. Jahrhunderts mit Menschen                Erziehungsanstalten, kann man
gemacht worden ist – Kindswegnahme,              sicher auch als einen Ast der 1968er-
Verdingkinderwesen, Anstaltsversorgung,          Bewegung interpretieren. Haben die
Zwangssterilisation, -kastration,                Achtundsechziger die neue, weniger
-adoption, Medikamentenversuche in               repressive Behördenlogik herbeigezwungen?
der Psychiatrie –, ist ja erst im letzten        Das kann man so direkt nicht sagen. Es han-
Jahrzehnt ins Bewusstsein einer breiteren        delt sich eher um einen langsamen Trans-

                                                                                                                                 November 2018 13
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