Psychisch krank im Job - Praxishilfe - Aktionsbündnis Seelische Gesundheit

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Psychisch krank im Job - Praxishilfe - Aktionsbündnis Seelische Gesundheit
Praxishilfe

Psychisch krank im Job
Verstehen. Vorbeugen. Erkennen. Bewältigen.
Psychisch krank im Job - Praxishilfe - Aktionsbündnis Seelische Gesundheit
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   1

Praxishilfe
Psychisch krank im Job
Verstehen. Vorbeugen. Erkennen. Bewältigen.
Psychisch krank im Job - Praxishilfe - Aktionsbündnis Seelische Gesundheit
2   PRAXISHILFE PSYCHISCH KRANK IM JOB

    Inhalt

                              Vorwort	                                                             4

                              Zahlen, Daten, Fakten                                                6

                              Verstehen	                                                           8

                                 Was bedeutet „psychisch krank“?	                                 10

                                 Häufigkeiten psychischer Störungen	                              12

                                 Verlauf, Prognose und Behandlung	                                14

                                 Ursachen: Wie entstehen psychische Erkrankungen?	                15

                                 Individueller Umgang und geschlechtsspezifische Besonderheiten   20

                              Vorbeugen	                                                          22

                                 Was kann ich selbst tun?	                                        24

                                 Was muss, was kann der Betrieb tun?	                             28
Psychisch krank im Job - Praxishilfe - Aktionsbündnis Seelische Gesundheit
INHALT   3

Erkennen	                                                         34

  Warnsignale bei sich erkennen	                                  36

  Warnsignale bei anderen erkennen	                               38

  Psychische Störungen kennenlernen: häufige Störungsbilder	      39

Bewältigen	                                                       52

  Professionelle Behandlungsmöglichkeiten	                        54

	„Expertinnen und Experten in eigener Sache“:
  Unterstützung durch Selbsthilfegruppen	                         56

  Allgemeine Empfehlungen für Führungskräfte und Mitarbeitende	   58

	Das H-I-L-F-E-Konzept: Handlungsempfehlungen
  für Führungskräfte	                                             61

	Tipps für „Kümmerer“:
  Handlungsempfehlungen für Kolleginnen und Kollegen              66

	Schwierige Situationen meistern:
  Handlungsempfehlungen für Führungskräfte und Mitarbeitende      67

  Selbst Hilfe in Anspruch nehmen	                                70

  Anlaufstellen	                                                  72

Anhang76

  Quellenverzeichnis	                                             78

  Ausgewählte weiterführende Informationen	                       80

Impressum89
Psychisch krank im Job - Praxishilfe - Aktionsbündnis Seelische Gesundheit
4   PRAXISHILFE PSYCHISCH KRANK IM JOB

    Vorwort

                              Liebe Leserin, lieber Leser,

                              jeder kann im Laufe seines Lebens        der steigenden Bedeutung psychi-
                              psychisch erkranken. Wie die Statisti-   scher Störungen in der Arbeitswelt gilt
                              ken zeigen, betrifft das Thema mehr      es, einen Weg zu finden, trotz einer
                              Menschen als allgemein angenom-          psychischen Erkrankung am Arbeitsle-
                              men wird. Auch wenn Belastungen          ben teilnehmen zu können sowie an-
                              am Arbeitsplatz nicht der einzige        gemessen mit betroffenen Menschen
                              Grund für die Entstehung von psychi-     umzugehen.
                              schen Erkrankungen sind, stellt die
                              Arbeitswelt doch einen wichtigen Le-     Obwohl sich unsere Gesellschaft be-
                              bensbereich dar, in dem psychische       reits vielen Themen geöffnet hat, wer-
                              Störungen entstehen und auftreten        den psychische Erkrankungen noch
                              können. Viele Betroffene verschwei-      immer tabuisiert und Betroffene stig-
                              gen ihre Probleme aus Angst, nicht       matisiert. Doch die Zeichen stehen auf
                              eingestellt zu werden, den Arbeits-      Wandel: So machen Filme und Litera-
                              platz zu verlieren oder aus Sorge vor    tur psychische Beeinträchtigungen
                              Ausgrenzung. Gleichwohl benötigen        zunehmend zum Thema und immer
                              oftmals gerade diese Menschen eine       mehr Menschen trauen sich, auch
                              Arbeitsumgebung, die diese besonde-      öffentlich darüber zu sprechen. Den-
                              re Situation berücksichtigt.             noch besteht nach wie vor viel Unwis-
                                                                       senheit auf diesem Gebiet. Aufklärung
                              Bei Führungskräften und Mitarbei-        über psychische Krankheiten, ihre Ent-
                              tenden besteht vielfach große Un-        stehung und ihre Behandlungsmög-
                              sicherheit, wenn eine Kollegin oder      lichkeiten sind daher wichtig und tra-
                              ein Kollege psychisch auffällig wird     gen dazu bei, diese positiven Ansätze
                              oder erkrankt. Spreche ich sie oder      weiter zu verstärken.
                              ihn an? Toleriere ich die Despression
                              oder Sucht? Zeige ich Verständnis        Die hohe Nachfrage nach der vorlie-
                              oder grenze ich mich lieber ab? Wann     genden Broschüre, die erstmals 2006
                              muss ich aktiv werden? Angesichts        herausgegeben und 2011 aktualisiert
Psychisch krank im Job - Praxishilfe - Aktionsbündnis Seelische Gesundheit
VORWORT     5

wurde, hat uns veranlasst, das Thema      Süd – Lebenswelten e. V. in Berlin, der
erneut aufzugreifen. Die Broschüre        uns mit Einblicken und Zitaten gehol-
soll ein Ratgeber für die betriebliche    fen hat, die Broschüre praxisnah zu
Praxis sein. Sie richtet sich dabei an    gestalten.
Beschäftigte und Führungskräfte glei-
chermaßen, an Betroffene genauso          Wir wünschen Ihnen eine anregende
wie an Kolleginnen und Kollegen.          und erkenntnisreiche Lektüre.

Mit den vier Handlungsfeldern „Verste-    Ihr Redaktionsteam
hen“, „Vorbeugen“, „Erkennen“ und
„Bewältigen“ informiert sie über psy-
chische Belastungen und Störungsbil-
der, über die Ursachen genauso wie
über Möglichkeiten der Prävention
und Hilfe. Ziel ist es, für das Thema
zu sensibilisieren, psychische Erkran-
kungen zugänglicher zu machen und
Ängste und Vorurteile abzubauen –
um psychischen Störungen vorzubeu-
gen und den Umgang mit Betroffenen
zu erleichtern.
                                                       HINWEIS: Diese Broschüre versteht sich als Erst­
Für ihre fachliche Unterstützung möch-                 information. Sie kann keine professionelle Diagno­
ten wir uns bei Frau Dr. Dipl.-Psych.                  sestellung, kein therapeutisches Gespräch und keine
Ulrike Zetsche bedanken, wissen-                       therapeutische Behandlung ersetzen. Ebenso bitten
schaftliche Mitarbeiterin an der Freien                wir um Verständnis, dass wir den aktuellen Stand der
Universität Berlin und Psychologische                  Forschung nicht vollumfassend wiedergeben können,
Psychotherapeutin. Ein ebenso großer                   da dies den Rahmen dieser Handreichung bei Weitem
Dank gilt dem Integrationsfachdienst                   überschritten hätte.
Psychisch krank im Job - Praxishilfe - Aktionsbündnis Seelische Gesundheit
6   PRAXISHILFE PSYCHISCH KRANK IM JOB

    Zahlen, Daten,

                                                                                      3
    Fakten
    Psychische Erkrankungen in der Arbeitswelt

                                                               Psychische Störungen stellen,

40
                                                               gemessen an den Ausfalltagen,
                                                               die drittgrößte Krankheitsgruppe
                                                               bei Beschäftigten in Deutschland
                                                               (be­schäftigte BKK-Pflichtmitglieder) dar.
                                                               Quelle: BKK Gesundheitsreport 2014

                           Betroffene, die aufgrund
                           einer psychischen Störung
                           krankgeschrieben wurden,
                           bleiben durchschnittlich 40
                           Tage zu Hause – bei Muskel-
                           Skelett-Erkrankungen sind
                           es halb so viele Tage.
                           Quelle: BKK Gesundheitsatlas 2015

                                                                         Langfristige Arbeitsbelastungen
                                                                         erhöhen das Risiko, an einer

                                                       50
                                                                         Angststörung oder Depression zu
                                                                         erkranken, um 50 Prozent. Dabei
                                                                         ist der Einfluss anderer Faktoren,
                                                                         z. B. persönlicher Lebens­stil,
                                                                         bereits berücksichtigt.
                                                                         Quelle: LIA.nrw 2014
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   7

 50
316
 Fast jede zweite Frührente ist inzwischen

                                                                     70
 psychisch verursacht. Der Anteil hat sich
 damit in den letzten 20 Jahren verdoppelt.
 Quelle: Deutsche Rentenversicherung 2014

                                                        Die Fehltage aufgrund psychischer
                                                        Erkrankungen haben sich seit 2000
                                                        auf 70 Millionen verdoppelt – während
                                                        Fehltage anderer Krankheitsbereiche
                                                        gesunken sind.
                                                        Quelle: Bundespsychotherapeutenkammer 2015

                                    Die direkten Krankheitskosten für
                                    psychische Erkrankungen lagen
                                    2012 bei knapp 16 Milliarden Euro.
                                    Die indirekten Kosten, z. B. durch
                                    reduzierte Produktivität während
                                    der Arbeit und vorzeitige Verrentung,
                                    machen einen noch größeren Anteil
                                    aus und sind hier noch nicht mit
                                    einberechnet.
                                    Quelle: BAuA 2012
Psychisch krank im Job - Praxishilfe - Aktionsbündnis Seelische Gesundheit
VERSTEHEN
Grundlegende Voraussetzung im Umgang mit psychischen Störungen ist das Wissen um ihre Ursa-
chen, Merkmale und Behandlungsmöglichkeiten. Ob als Betroffene bzw. Betroffener, als Führungs-
kraft oder als Kollegin bzw. Kollege: Nur wer die Zusammenhänge einer Erkrankung versteht, kann
ihr vorbeugen und angemessen begegnen.
10   PRAXISHILFE PSYCHISCH KRANK IM JOB

     Verstehen
     Psychische Erkrankungen begreifen – ihre Merkmale,
     ihren Verlauf und ihre Ursachen

                               Grundlegende Voraussetzung im Umgang mit psychischen Störungen
                               ist das Wissen um ihre Ursachen, Merkmale und Behandlungsmöglich-
                               keiten. Ob als Betroffene bzw. Betroffener, als Führungskraft oder als
                               Kollegin bzw. Kollege: Nur wer die Zusammenhänge einer Erkrankung
                               versteht, kann ihr vorbeugen und angemessen begegnen.

                               Was bedeutet „psychisch krank“?

                               Eine einheitliche Definition für „psy-    eine psychische Erkrankung. Das ist
                               chische Störung“ oder „psychische         glücklicherweise nicht mehr der Fall.
                               Erkrankung“ gibt es nicht. Was als psy-
                               chisch krank gilt, unterliegt zudem ei-   Die Psychologie geht heute davon
                               nem gesellschaftlichen und kulturellen    aus, dass sich psychische Erkrankun-
                               Wandel. So war zum Beispiel früher        gen in Störungen der Wahrnehmung,
                               das „Anderssein“, das Abweichen von       des Denkens, des Fühlens und der so-
                               der sozialen Norm, ein Kriterium für      zialen Beziehungen zeigen. Entschei-

     Krankheitsannahmen im Wandel

     Bisherige Annahme in Kategorien:
                                                                                  Betroffene Bereiche:
      gesund				 krank
                                                                                  ••Gedanken und Gefühle
     Moderne Annahme als Kontinuum:                                               ••soziale Beziehungen
                                                                                  ••eigenes Verhalten
      keine Belastung        mittlere Belastung       störende Belastung          ••körperliche Beschwerden
                                                                                     ohne organische Ursache
Verstehen      11

dend ist, dass sie für die Betroffenen      pertin oder einen Experten, wie z. B.
oder das soziale Umfeld über einen          eine Psychotherapeutin bzw. einen
längeren Zeitraum mit einem hohen           Psychotherapeuten oder eine Psychi-
individuellen Leiden und einer erleb-       aterin bzw. einen Psychiater.
ten Beeinträchtigung im alltäglichen
Leben einhergehen.

Die weitverbreitete Einteilung in „psy-
chisch gesund“ auf der einen und
„psychisch krank” auf der anderen                        WIE WERDEN PSYCHISCHE KRANKHEITEN EINGE-
Seite greift zu kurz. Vielmehr bewe-                     TEILT?
gen wir uns ständig in einem Konti-                      Eine Zuordnung der verschiedenen psychischen Er­
nuum zwischen beiden Bereichen.                          krankungen erfolgt wie auch bei den körperlichen
Meist entscheidet unser subjektives                      Krankheiten in der Regel durch Diagnoseklassifikatio­
Empfinden darüber, ob wir uns eher                       nen, wie das DSM-5 (Diagnostic and Statistical Manual
gesund oder krank fühlen. Zudem                          of Mental Disorders) und das ICD-10 (International Sta­
gestalten sich die Übergänge von ei-                     tistical Classification of Diseases and Related Health
ner psychischen Belastung zu einer                       Problems). Diese beschreiben psychische Störungen
behandlungsbedürftigen psychischen                       anhand verschiedener Merkmale wie Leidensdruck,
Störung meist fließend. Zur Feststel-                    Art und Zahl der Beschwerden, Häufigkeit und Inten­
lung, ob ein Mensch psychisch er-                        sität. Das ICD-10 dient zudem im deutschen Gesund­
krankt ist, bedarf es einer sorgfältigen,                heitswesen als Grundlage für die Krankenkassen­
oft längeren Diagnostik durch eine Ex-                   abrechnung.
12   PRAXISHILFE PSYCHISCH KRANK IM JOB

                                Häufigkeiten psychischer Störungen

                                Psychische Erkrankungen sind keine         mindestens einer Störung betroffen
                                Seltenheit. Die Wahrscheinlichkeit, im     (DEGS1-MH 2014). Ungefähr die Hälf-
                                Verlauf seines Lebens an einer psychi-     te dieser Personen weist sogar meh-
                                schen Störung zu erkranken, ist höher,     rere psychische Störungen gleichzeitig
                                als viele annehmen. In Europa be-          auf („Komorbiditäten“). Das heißt,
                                trägt sie 25 Prozent (ESEMeD 2004),        eine Person leidet z. B. an einer De-
                                der gleiche Wert gilt für Deutschland      pression und einer Alkoholabhängig-
                                (WHO 2007). Hierzulande ist jedes          keit zugleich.
                                Jahr gut ein Viertel der Menschen von

                                              Was sind die häufigsten psychischen Störungen in Deutschland?
                                              Anteil der Personen in Deutschland, bei denen im Jahr 2014 eine
                                              psychische Störung diagnostiziert wurde (12-Monatsprävalenz)

                            Angststörungen    15,3 %

                              Depressionen    13,7 %

            Alkoholmissbrauch/-abhängigkeit    4,8 %

                          Zwangsstörungen      3,6 %

                   Somatoforme Störungen       3,5 %

                         Bipolare Störungen    3,1 %

                    Psychotische Störungen     2,6 %

       Posttraumatische Belastungsstörungen    2,3 %

     Medikamentenmissbrauch/-abhängigkeit      2,1 %

                              Essstörungen     0,9 %

                                                                                               Quelle: DEGS1-MH 2014
Verstehen     13

                           NEHMEN PSYCHISCHE STÖRUNGEN TATSÄCHLICH ZU?
                           Die steigende Anzahl der Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund psychischer Erkrankun­
                           gen, die zunehmende Verordnung von Psychopharmaka, die wachsende Zahl von
                           Frühverrentungen aufgrund psychischer Störungen und zahlreiche andere Daten
                           lassen den Schluss zu, dass die Zahl psychischer Störungen zunimmt. Es gibt je­
                           doch Studien, die darauf hinweisen, dass der wahrgenommene Anstieg in Wirklich­
                           keit auf einer Zunahme der Behandlungs- und Diagnosezahlen beruht. So trauen
                           sich z. B. mehr Menschen als früher, ihre Beschwerden zu äußern und sich behan­
                           deln zu lassen. Außerdem verbessern sich die diagnostischen Kompetenzen von
                           Ärztinnen und Ärzten. Aufgrund mangelnder Datenbasis lässt sich die Frage nach
                           einer Zunahme psychischer Störungen daher derzeit nicht zuverlässig beantwor­
                           ten. Fachleute gehen aber zumindest davon aus, dass vor allem das Diagnosespek­
                           trum, also die Art der psychischen Störungen, einem Wandel unterliegt. So wird
                           bspw. heute mehr Medikamentenabhängigkeit diagnostiziert, vor 20 Jahren waren
                           es verstärkt somatoforme Störungen.

Die Häufigkeit von psychischen Er-        falltage sind mit ca. 72 Tagen je Fall
krankungen ist unabhängig von Alter,      sich wiederholende Depressionen
Herkunft, Geschlecht oder Bildung.        (sog. „rezidivierende“ Depressionen)
Allerdings unterscheidet sich das         verantwortlich (BKK Gesundheitsat-
Spektrum der Störungen. So treten         las 2015). Inwieweit eine psychische
Essstörungen z. B. öfter bei Frauen       Erkrankung die berufliche Leistungs-
auf, während Männer eher an Alko-         fähigkeit einschränkt und ggf. sogar
hol- und Substanzmissbrauch leiden.       zu einer Krankschreibung führt, ist vor
Zwangsstörungen betreffen vor al-         allem abhängig von der Schwere einer
lem jüngere Menschen, dafür ver-          Erkrankung. Starker Leidensdruck und
größert sich mit zunehmendem Alter        eine erhebliche Beeinträchtigung der
die Wahrscheinlichkeit, von mehreren      Lebensführung können insbesondere
Störungsbildern betroffen zu sein.        langfristig Auswirkungen auf die Ar-
                                          beitsfähigkeit haben.
In der Arbeitswelt spielen zahlen-
mäßig vor allem affektive Störun-
gen, wie Depressionen oder bipolare                    MEHR INFORMATIONEN:
Störungen, sowie Angststörungen,                       iga.Report 29 „Führungskräfte sensibilisieren und Ge­
Zwangsstörungen, somatoforme und                       sundheit fördern“
andere Belastungsstörungen eine Rol-                   www.iga-info.de > Veröffentlichungen > iga.Reporte
le (siehe auch Kapitel „Erkennen“).
Sie sind im Rahmen der psychischen                     BKK Gesundheitsatlas 2015 „Gesundheit in Regionen –
Störungen die häufigsten Ursachen                      Blickpunkt Psyche“ (Kapitel 4)
für Arbeitsunfähigkeit (BKK Gesund-                    www.bkk-dachverband.de > Publikationen > BKK Ge­
heitsatlas 2015). Für die längsten Aus-                sundheitsatlas
14   PRAXISHILFE PSYCHISCH KRANK IM JOB

                               Verlauf, Prognose und Behandlung

                               Psychische Störungsbilder sind äu-         Um zu vermeiden, dass eine psychi-
                               ßerst vielfältig und können die unter-     sche Störung die eigene Arbeitsfähig-
                               schiedlichsten Facetten aufzeigen.         keit zu stark beeinträchtigt und auch
                               So bedeutet z. B. „Depression“ nicht       die Lebensqualität erheblich senkt, ist
                               gleich „Depression“. Denn wie kör-         es wichtig, frühzeitig etwas zu unter-
                               perliche Krankheiten machen sich           nehmen. Denn je eher eine psychi-
                               auch psychische Erkrankungen unter-        sche Störung erkannt und behandelt
                               schiedlich bemerkbar. Sie unterschei-      wird, desto besser sind die Heilungs-
                               den sich in ihrem Verlauf, ihrer Ausprä-   chancen. Vielfach liegt jedoch gerade
                               gung, ihrer Behandlung und in ihren        im Erkennen der Krankheit das Pro-
                               Prognosen. Auch individuelle Aspekte       blem. Wenngleich sich die Situation
                               wie genetische Faktoren, körperliche       insgesamt verbessert hat, gibt es den-
                               (Vor-) Erkrankungen oder soziale Er-       noch ganz unterschiedliche Gründe,
                               fahrungen haben Einfluss auf eine          warum psychische Störungen nicht
                               Störung. Viele Krankheitsbilder haben      erkannt werden. So neigen noch im-
                               einen dynamischen Verlauf, bei dem         mer viele Menschen dazu, ihre psy-
                               sich relativ gesunde Abschnitte mit        chischen Probleme zu ignorieren oder
                               Krankheitsphasen abwechseln. Das           aus Scham zu verschweigen. Und
                               wirkt sich auch auf das Arbeitsleben       auch Expertinnen und Experten kön-
                               aus: Wie lange eine Mitarbeiterin oder     nen psychische Erkrankungen nicht
                               ein Mitarbeiter ausfällt, ob sie oder er   immer sofort erkennen, weil z. B. kör-
                               zwischenzeitlich wieder arbeitsfähig       perliche Symptome die psychischen
                               ist, kann demnach ganz verschieden         überdecken (siehe auch Kapitel „Er-
                               sein.                                      kennen“).
Verstehen      15

                             STRESS: WENN DIE ANFORDERUNGEN ÜBERHAND NEHMEN
                             Stress wird als eine Reaktion auf eine äußere Situation verstanden („Stressor“).
                             Er entsteht dann, wenn wir das Gefühl haben, dass die äußeren Anforderungen
                             unsere eigenen Bewältigungsmöglichkeiten übersteigen. Dabei ist nicht jede Form
                             von Stress per se schlecht. Kurzfristiger, positiver Stress ist evolutionsbiologisch
                             begründet und hat durch seine Ausrichtung auf Kampf- oder Fluchtsituationen
                             eine aktivierende Wirkung, z. B. eine erhöhte Muskelspannung und Energiebereit­
                             stellung. Stress ist dann schädlich, wenn er chronisch ist, also langfristig herrscht.
                             Die Folgen sind körperliche und psychische Beschwerden – von Bauch-, Kopf- und
                             Rückenschmerzen bis hin zu Unruhe, Konzentrationsproblemen und Stimmungs­
                             schwankungen. Inwieweit Stressoren wirklich als Belastung empfunden werden,
                             hängt dabei von der individuellen Resilienz (Widerstandsfähigkeit) ab, d. h. von den
                             persönlichen Einstellungen, Denkweisen und Kraftquellen.

Ursachen: Wie entstehen psychische Erkrankungen?

Psychische Störungen entstehen              psychische Störungen begünstigen.
aus einem Zusammenspiel individu-           Wird dann zusätzlich starker Stress
ell verschiedener Faktoren. Sowohl          erlebt, kann das eine Erkrankung aus-
biologische Veranlagungen (z. B. neu-       lösen – das „Fass zum Überlaufen
rologische Vorgänge) als auch psy-          bringen“.
chologische Einflüsse (z. B. Traumati-
sierungen) und soziale Aspekte (z. B.       Wie die Verletzlichkeit ist auch das
Einbindung in ein soziales Netzwerk)        individuelle Stressempfinden von ver-
spielen eine Rolle. Aber auch kulturel-     schiedenen Faktoren abhängig. Es
le und gesellschaftliche Einflüsse (z. B.   gibt Menschen, die gegenüber psy-
Stigmatisierung, Arbeitsplatzunsicher-      chischen Erkrankungen widerstands-
heit) können die Entstehung, den Ver-       fähiger sind und die nichts so einfach
lauf und die Behandlung beeinflussen.       aus der Bahn wirft. Andere wiede­
                                            rum fühlen sich schnell unter Druck
Das „Vulnerabilitäts-Stress-Modell“         gesetzt und reagieren auf Stress mit
geht davon aus, dass sich eine psychi-      körperlichen oder psychischen Symp­
sche Störung dann entwickelt, wenn          tomen wie Verspannungen, Schlaf-
zunächst eine gewisse Verletzlichkeit       störungen oder Gereiztheit, sie fühlen
(„Vulnerabilität“) vorliegt. Bei Betrof-    sich zunehmend abgeschlagen oder
fenen bestehen danach bestimmte             dünnhäutig.
biologische Eigenschaften oder per-
sönliche Lernerfahrungen wie insta-         Wie sehr Stress auch „Kopfsache“
bile familiäre Beziehungen oder Miss-       ist, verdeutlicht eine Kurzgeschichte
brauchs- und Gewalterfahrungen, die         von Paul Watzlawick. Sie zeigt, dass
16   PRAXISHILFE PSYCHISCH KRANK IM JOB

     HÄUFIGE INNERE STRESSVERSTÄRKER IN DER
     ARBEITSWELT
     Innere Faktoren spielen beim individuellen Stress­
     erleben eine große Rolle. Belastungen bei der Arbeit                   schon grüßte er mich nur so flüchtig.
     können durch sie entweder ausgeglichen und in ihren                    Vielleicht war er in Eile. Vielleicht hat
     Folgen gemindert werden, z. B. die Fähigkeit, sein Ar­                 er die Eile nur vorgeschützt, und er hat
     beitspensum gut einschätzen und Hilfe annehmen zu                      was gegen mich. Und was? Ich habe
     können. Oder aber das Gegenteil tritt ein: Wir fühlen                  ihm nichts getan; der bildet sich da
     uns gestresst. Beispiele für persönliche Stressverstär­                etwas ein. Wenn jemand von mir ein
     ker mit hoher Bedeutung in der Arbeitswelt sind:                       Werkzeug borgen wollte, ich gäbe es
                                                                            ihm sofort. Und warum er nicht? Wie
     ••starkes Streben nach Perfektion                                      kann man einem Mitmenschen einen
     ••Ungeduld                                                             so einfachen Gefallen abschlagen?
     ••Ignorieren oder Nichtakzeptieren eigener Leis­                       Leute wie dieser Kerl vergiften einem
        tungsgrenzen                                                        das Leben. Und dann bildet er sich
     ••Gefühl, unentbehrlich zu sein                                        noch ein, ich sei auf ihn angewiesen.
     ••alles allein machen bzw. kontrollieren wollen                        Bloß weil er einen Hammer hat. Jetzt
     ••Hilfe nicht annehmen oder einfordern können                          reicht’s mir wirklich. – Und so stürmt
     ••es allen Menschen recht machen wollen                                er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet,
     ••starkes Harmoniebedürfnis                                            doch bevor er Guten Tag sagen kann,
     ••Abhängigkeit von der Zuwendung anderer                               schreit ihn unser Mann an: „Behalten
        Menschen                                                            Sie Ihren Hammer.“

                                                                            Watzlawick, Paul (2011): Anleitung
                                                                            zum Unglücklichsein. 19. Auflage.
                                                                            München: Piper.
     MEHR INFORMATIONEN:
     Tipps zur Stressvermeidung:                                            Warum die Arbeitswelt eine ent-
     www.psyga.info > Stress vermeiden                                      scheidende Rolle spielt
                                                                            Einen wesentlichen Teil unserer Zeit
                                                                            verbringen wir am Arbeitsplatz. Somit
                                   man Stressoren nicht ausgeliefert ist,   verwundert es wenig, dass die Ar-
                                   sondern lernen kann, mit ihnen umzu-     beitswelt einen enormen Einfluss auf
                                   gehen:                                   unsere körperliche und psychische
                                                                            Gesundheit hat. Das gilt im positiven
                                   Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den    wie im negativen Sinne.
                                   Nagel hat er, nicht aber den Hammer.
                                   Der Nachbar hat einen. Also beschließt   Wenn Arbeit als sinnstiftend empfun-
                                   unser Mann, hinüberzugehen und ihn       den wird, wenn sie Freude bereitet
                                   auszuborgen. Doch da kommt ihm ein       oder durch Anerkennung und Wert-
                                   Zweifel: Was, wenn der Nachbar mir       schätzung geprägt ist, kann sie uns
                                   den Hammer nicht leihen will? Gestern    viel Kraft geben. Arbeit strukturiert
Verstehen     17

unseren Tag, bietet Möglichkeiten,        zu körperlichen Krankheiten führen,
mit anderen Menschen zusammen             wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder
zu sein und ist nicht zuletzt existenz-   Muskel-Skelett-Erkrankungen. Insbe-
sichernd. Der Verlust des Arbeitsplat-    sondere tragen sie jedoch erheblich
zes bedeutet für viele daher oft eine     zur Entwicklung psychischer Störun-
ernsthafte Krisenerfahrung, die auch      gen bei: So wird angenommen, dass
psychische Störungen begünstigen          andauernde zu hohe Arbeitsbelastun-
kann. Wenn Arbeit unter prekären          gen das Risiko, an einer Angststörung
Bedingungen ausgeübt wird, kann sie       oder Depression zu erkranken, um bis
hingegen körperlich und psychisch         zu 50 Prozent erhöhen (LIA.nrw 2014).
krank machen.

Faktoren, die unsere Gesundheit ge-
fährden, können dabei sowohl physi-                    IRRUNGEN UND WIRRUNGEN UM DEN BEGRIFF
scher als auch psychischer Art sein.                   „PSYCHISCHE BELASTUNG“
Zu den physischen Belastungsfak-                       Der Begriff „psychische Belastung“ wird umgangs­
toren zählen z. B. Lärm, schlechtes                    sprachlich oft anders verwendet als im Arbeitskontext.
Raumklima oder schweres Heben und                      Denn im Unterschied zum alltäglichen Sprachgebrauch
Tragen. Zu den psychischen Belas-                      sind „psychische Belastungen“ in der Arbeitswissen­
tungsfaktoren gehören u. a. Zeitdruck,                 schaft neutral definiert. Sie stellen alle erfassbaren
Arbeitsunterbrechungen oder sozia-                     Einflüsse dar, die psychisch auf den Menschen einwir­
le Konflikte am Arbeitsplatz. Gerade                   ken. Um sprachliche Missverständnisse zu vermeiden,
die psychischen Belastungsfaktoren                     verwenden wir in dieser Broschüre den Begriff in sei­
spielen in Zeiten des Arbeitswandels                   nem alltäglichen Sinne. Die arbeitswissenschaftliche
eine Rolle. Denn viele Beschäftigte                    Definition finden Sie in der Norm DIN EN ISO 10075-1
müssen in immer kürzerer Zeit mehr                     „Ergonomische Grundlagen bezüglich psychischer Ar­
leisten, es fehlt an personellen Res-                  beitsbelastung”.
sourcen, die Leistungserwartungen
der Unternehmen steigen und viele
wissen nicht, ob sie ihren Arbeitsplatz
behalten können.                                       MEHR INFORMATIONEN:
                                                       „Leitlinie Beratung und Überwachung bei psychischer
Psychische Stressoren können sich                      Belastung am Arbeitsplatz“ der Gemeinsamen Deut­
sowohl körperlich auswirken, z. B. in                  schen Arbeitsschutzstrategie (GDA)
Form von Verspannungen, als auch                       www.gda-portal.de > Download
psychisch, z. B. in Form von Stim-
mungstrübungen. Wenn psychische                        iga.Report 31 „Risikobereiche für psychische Belastun­
Arbeitsstressoren zu stark ausgeprägt                  gen“
sind und zu lange anhalten, können sie                 www.iga-info.de > Veröffentlichungen > iga.Reporte
18   PRAXISHILFE PSYCHISCH KRANK IM JOB

                                 Umso wichtiger ist es, psychische Ar-     chischer Stressoren zu legen. Nur
                                 beitsfaktoren zu kennen, die unsere       wenn Unternehmen psychische Ar-
                                 Gesundheit gefährden können. Es ist       beitsfaktoren ernst nehmen, können
                                 Aufgabe von Arbeitgebern, gesund-         psychische Belastungen reduziert und
                                 heitsförderliche Arbeitsbedingungen       psychische Erkrankungen sogar ver-
                                 zu gestalten und hier ein besonderes      hindert werden.
                                 Augenmerk auf die Bedeutung psy-

     Merkmalsbereich                                       Risikofaktoren für die psychische
                                                           Gesundheit

      1. Arbeitsaufgabe bzw. Arbeitsinhalt                 • hohe Arbeitsintensität, z. B. viele Aufgaben, hoher
                                                            Termin- und Zeitdruck
      z. B. Handlungsspielraum, Variabilität,
      Vollständigkeit der Aufgabe, Unter-/Über­­-          • geringer Handlungsspielraum, d. h. geringe Auto­
      forderung, emotionale Inanspruchnahme                 nomie bei der Planung der Arbeitsschritte oder der
                                                            Gestaltung des Arbeitsplatzes, kaum Möglichkeiten
                                                            zur Einbringung eigener Ideen und Vorschläge

                                                           • deren Kombination, der „Job Strain“: eingeschränkter
                                                            Handlungsspielraum bei gleichzeitig hohen Arbeits­
                                                            anforderungen

                                                           • „Effort-Reward-Imbalance“: wahrgenommenes
                                                            Ungleichgewicht zwischen erlebten beruflichen
                                                            Anstrengungen und der dafür erhaltenen Belohnung
                                                            und Wertschätzung (z. B. in Form von Entlohnung und
                                                            Anerkennung)

      2. Arbeitsorganisation bzw. Arbeitsablauf            • Überstunden/lange Arbeitszeiten

      z. B. Arbeitszeit (Wochenarbeitszeit, Überstunden,
      Schichtarbeit), Arbeitsablauf und -organisation,
      Kooperation, finanzielle Entlohnung

      3. Arbeitsumgebung und Arbeitsmittel                 • unzureichende Arbeitsmittel, z. B. nicht funktionieren­
                                                            de Software, ungeeignetes Werkzeug oder fehlende
      z. B. physikalische Faktoren, Ergonomie,              Arbeitsmaterialien
      Arbeitsmittel, Rahmenbedingungen
Verstehen        19

Häufige Belastungsfaktoren in der                    den Tabelle sind beispielhaft einige
Arbeitswelt                                          der psychischen Arbeitsstressoren
Die verschiedenen psychischen Fak-                   aufgeführt, die bereits wissenschaft-
toren, die die Gesundheit am Arbeits-                lich belegt sind. Darüber hinaus gibt
platz stark belasten können, lassen                  es natürlich weitere psychische Belas-
sich fünf Merkmalsbereichen zuord-                   tungsfaktoren.
nen (GDA 2012). In der unten stehen-

 4. Soziale Beziehungen                                              • geringe soziale Unterstützung, d. h. zu wenig Unter­
                                                                      stützung, fehlende Führung, kaum Feedback
 z. B. mitarbeiterorientierte Führung, Verhältnis
 zu Kolleginnen und Kollegen sowie Kundinnen                         • „Iso Strain“: Kombination von geringem Handlungs­
 und Kunden, psychosoziales Klima                                     spielraum und hoher Arbeitsintensität („Job Strain”)
 (z. B. Organisationsgerechtigkeit), Mobbing/                         bei gleichzeitig geringer sozialer Unterstützung
 Bullying, sexuelle Belästigung)
                                                                     • Bullying: wenn Beschäftigte im Arbeitsumfeld über
                                                                      längere Zeit Angriffen durch Kolleginnen und Kolle­
                                                                      gen oder Vorgesetzten ausgesetzt sind, z. B. Mobbing;
                                                                      sexuelle Übergriffe, aggressives Verhalten, Schädi­
                                                                      gung der sozialen Beziehungen oder des Ansehens
                                                                      durch die Verbreitung von Gerüchten

                                                                     • Rollenstress: wenn die Erwartungen an die jeweili­
                                                                      ge „Rolle“ nicht klar definiert sind, d. h. die oder der
                                                                      Beschäftigte keine eindeutigen Informationen über
                                                                      die eigene Rolle hat; wenn Kolleginnen und Kollegen,
                                                                      Vorgesetzte sowie Untergebene unterschiedliche
                                                                      Vorstellungen von der Rolle der oder des Beschäftig­
                                                                      ten haben

 5. Neue Arbeitsformen                                               • Angst vor Arbeitsplatzverlust, z. B. große Arbeitsplatz­
                                                                      unsicherheit durch atypische Arbeitsverhältnisse,
 z. B. räumliche Mobilität, atypische Arbeits­                        erhöhter Leistungsdruck durch zunehmende Wirt­
 verhältnisse*, zeitliche Flexibilisierung,                           schaftsorientierung von Unternehmen
 reduzierte Abgrenzung zwischen Arbeit
 und Privatleben

* Beschäftigung in Teilzeit mit weniger als 20 h pro Woche auf befristeten Verträgen                          Quelle: iga.Report 31
20   PRAXISHILFE PSYCHISCH KRANK IM JOB

                               Individueller Umgang und geschlechtsspezifische
                               Besonderheiten
                               Jeder Mensch hat seinen eigenen           Wissenschaftlich belegbare Unter-
                               Weg, psychischen Erkrankungen zu          schiede lassen sich insbesondere hin-
                               begegnen. Neben ganz individuellen        sichtlich des Geschlechts festhalten.
                               Persönlichkeitsstrukturen und Lern­       Wie schon beschrieben, unterschei-
                               erfahrungen spielen auch Faktoren wie     den sich Männer und Frauen zwar
                               Religion, Kultur, Alter und Geschlecht    nicht hinsichtlich der Wahrscheinlich-
                               eine Rolle. So ist z. B. nicht in jedem   keit, psychisch zu erkranken, sie wei-
                               Wertesystem der offene Umgang mit         sen aber deutliche Unterschiede in
                               psychischen Schwierigkeiten mög-          den Krankheitsspektren auf. So sind
                               lich. Außerdem kann es unterschied-       Frauen eher von sogenannten inter-
                               liche soziale Normen geben, sich mit      nalisierenden Störungen wie Depres-
                               dem Thema auseinanderzusetzen.            sion, Angst- und Essstörungen oder
                               Psychische Störungen zu verstehen,        somatoformen Störungen betroffen.
                               bedeutet deshalb vor allem, die un-       Männer hingegen leiden eher unter
                               terschiedlichen Perspektiven nicht zu     externalisierenden Erkrankungen wie
                               vernachlässigen und sich diese immer      Drogenabhängigkeit oder dissozialen
                               wieder bewusst zu machen.                 Persönlichkeitsstörungen.
Verstehen   21

Frauen und Männer unterscheiden          Männer machen häufig vieles „mit
sich tendenziell auch darin, was sie     sich aus“ und nehmen Hilfe deutlich
unter Gesundheit verstehen und wie       weniger in Anspruch – obwohl sie
sie mit ihrer Gesundheit im Allgemei-    diese objektiv genauso benötigen.
nen umgehen. Frauen reagieren meist      Diese Diskrepanz besteht vor allem
früher auf gesundheitliche Warnsig-      bei psychischen Störungen. Das hat
nale und holen sich im Durchschnitt      zur Folge, dass gerade bei Männern
früher Unterstützung. Das liegt auch     trotz verfügbarer und effektiver Be-
daran, dass sie oft besser sozial ein-   handlungsmöglichkeiten psychische
gebunden sind als Männer. Eine an-       Störungen oft nicht erkannt und nicht
dere Erklärung ist, dass es Männern      behandelt werden, was zu einem un-
noch immer vielfach schwerfällt, ver-    günstigen Krankheitsverlauf beiträgt.
meintliche „Schwächen“ einzugeste-
hen, und sie stattdessen (fragwürdi-
ge) männliche Attribute wie „stark,
robust, widerstandsfähig“ betonen.
VORBEUGEN
Wie auch bei körperlichen Erkrankungen gilt: Vieles lässt sich durch Prävention vermeiden. Der rich-
tige Umgang mit Stress, die Aktivierung wichtiger persönlicher Ressourcen sowie gesundheitsför-
derliche Arbeitsbedingungen im Betrieb helfen dabei, psychischen Störungen entgegenzuwirken.
24   PRAXISHILFE PSYCHISCH KRANK IM JOB

     Vorbeugen
     Vor psychischen Erkrankungen schützen – durch eigene
     und betriebliche Maßnahmen

                                 Wie auch bei körperlichen Erkrankungen gilt: Vieles lässt sich durch Prä-
                                 vention vermeiden. Der richtige Umgang mit Stress, die Aktivierung
                                 wichtiger persönlicher Ressourcen sowie gesundheitsförderliche Arbeits-
                                 bedingungen im Betrieb helfen dabei, psychischen Störungen entgegen-
                                 zuwirken.

                                 Was kann ich selbst tun?

                                 Im Idealfall verfügen wir wie bei ei-     Waage gerät aus dem Gleichgewicht.
                                 ner ausbalancierten Waage über aus-       Dem lässt sich jedoch vorbeugen.
                                 reichende Ressourcen (Fähigkeiten         Grundsätzlich besteht dabei die Mög-
                                 und Hilfsmittel), um den Belastungen      lichkeit, an beiden Waagschalen zu
                                 (Anforderungen), die auf uns einstür-     arbeiten: Einerseits können wir die
                                 zen, zu begegnen. Werden die Belas-       Widerstandsfähigkeit erhöhen und
                                 tungen jedoch zu viel und können wir      unsere Ressourcen verbessern, ande-
                                 sie nicht mehr kompensieren, können       rerseits können wir Belastungen und
                                 psychische Störungen entstehen – die      Stress reduzieren.

     TIPP: Wer kennt das nicht? Man möchte mehr Sport machen, sich gesünder er­
     nähren, mehr Zeit fürs Hobby haben – schafft es aber nicht. Persönliche Vorsätze
     einzuhalten, ist nicht immer einfach. Oft hilft es herauszufinden, was einen dar­
     an hindert, und konkrete Plänen zu fassen, wie man diese Hindernisse bewältigen
     kann. Dazu gehört, nach Lösungen zu suchen und nicht nach Ausreden. Wollen Sie
     sich z. B. mehr bewegen, suchen Sie sich einen Wochentag aus, an dem Sie laufen
     gehen, und wählen Sie eine Dauer, die realistisch umsetzbar ist. Wenn es dann reg­
     net, ziehen Sie sich regenfeste Kleidung an.
VORBEUGEN      25

Widerstandsfähigkeit erhöhen              RESSOURCEN: IHRE PERSÖNLICHEN KRAFTQUELLEN
Ihre Widerstandsfähigkeit können Sie      Ressourcen sind Kraftquellen, aus denen wir Energie
erhöhen, indem Sie sich selbst etwas      schöpfen, um mit Niederlagen und negativen Erfah­
Gutes tun. Das Motto sollte lauten:       rungen umzugehen. Sie machen uns widerstandsfähi­
Ich behandle mich selbst wie meine        ger und zufriedener. Vereinfacht gesagt: Ressourcen
beste Freundin bzw. meinen besten         sind all das, was uns gut tut.
Freund. Hilfreiche Maßnahmen sind
ausreichender Schlaf, regelmäßiges        Äußere Ressourcen:
und gesundes Essen und das Treiben
von Sport. Pflegen und vertiefen Sie      ••soziales Netzwerk (Freundinnen und Freunde,
auch Ihre sozialen Kontakte und bauen         Partnerin oder Partner, Familie)
Sie neue auf. Finden Sie heraus, was      ••Arbeit
Ihnen Kraft gibt, und zapfen Sie diese    ••Hobbys
Quellen bei Bedarf an. Seien Sie zu-      ••materielle Dinge
dem offen für Neues – Veränderungen       ••Sexualität
müssen keine Gefahr sein, sondern         ••Wertschätzung durch Kolleginnen und Kollegen
können viel Positives mit sich bringen.       sowie Vorgesetzte
                                          ••alltägliche Eindrücke und Begegnungen
Stress reduzieren
Auch bei der am besten organisier-        Innere Ressourcen:
ten Arbeit lässt sich Stress nicht im-
mer vermeiden. Wie Sie stressigen         ••Eigenschaften
Situationen am ehesten begegnen,          ••Fähigkeiten
zeigen die drei Ansatzpunkte, die auf     ••Werte
der Stressampel von Kaluza beruhen        ••Religion
(Kaluza 2011) – siehe Abbildung auf       ••Ziele
der nächsten Seite. Die Ampel zeigt,      ••Ausstrahlung
wie Stressoren, Stressverstärker und      ••Erinnerungen und Erfahrungen
Stressreaktionen zusammenwirken.

1. Stressoren verändern
Priorisieren Sie und fragen Sie sich:
Wer kann mir helfen? Welche Aufga-
ben kann ich delegieren? Wie dringend     TIPP: Mit einer „Was mir gut tut“-Liste können Sie auf
muss ich dieses oder jenes wirklich       die letzten Jahre zurückblicken und sich überlegen,
machen? Sagen Sie auch mal Nein,          welche persönlichen Ressourcen Sie nutzen konnten.
wenn Sie das Gefühl haben, es wird        Sollte es Ihnen einmal nicht so gut gehen, können Sie
Ihnen zu viel. Das ist nicht immer ein-   diese Liste heranziehen und sich erinnern, auf welche
fach und erfordert Übung – insbeson-      Ressourcen Sie zurückgreifen können.
26   PRAXISHILFE PSYCHISCH KRANK IM JOB

     Die Stressampel

       Stressoren                  ••(hohe) Leistungsanforderung
                                   ••(zu) viel Arbeit
                                   ••Zeitdruck
                                   ••…

       Persönliche                 ••Selbstüberforderung
       Stressverstärker            ••Perfektionismus
                                   ••Kontrollstreben
                                   ••…

       Stressreaktion              ••körperliche Reaktion (z. B. Verspannungen)
                                   ••emotionale Reaktion (z. B. Nervosität)
                                   ••kognitive Reaktion (z. B. Grübeln, Selbstvorwürfe)
                                   ••Reaktion im Verhalten (z. B. Hilfe suchen, mehr arbeiten)

                               dere wenn Sie fürchten, eine negative     Hang zum Perfektionismus oder die
                               Bewertung zu erhalten. Führungskräf-      Schwierigkeit, sich abzugrenzen, kön-
                               te sollten in aller Regel wertschätzen,   nen Stress verstärken.
                               dass Sie Ihre Grenzen kennen und
                               kommunizieren.                            Alternative Sichtweisen zu finden,
                                                                         kann helfen, negative Gedanken ab-
                               2. Stressverstärker verändern             zuschwächen und schwierige Situati-
                               Überprüfen Sie Ihre Gedanken und          onen besser zu meistern. Fragen Sie
                               Einstellungen: Halten Sie häufiger        sich: Woher kommt der Gedanke?
                               inne und schauen Sie, was bei Ih-         Würde es eine neutrale Beobachterin
                               nen bestimmte Gedanken bewirken.          oder ein neutraler Beobachter (z. B.
                               Wenn ein Gedanke dazu führt, dass         eine Freundin oder ein Freund) ähnlich
                               Sie sich schlecht fühlen, versuchen       sehen? Mit welchen Gedanken könn-
                               Sie Abstand zu nehmen. Vor allem der      te ich mich besser fühlen?
VORBEUGEN      27

                                                      TIPP: STRESSBEWÄLTIGUNG DURCH
                                                      ACHTSAMKEITSTRAINING
                                                      Wenn es um Stressbewältigung geht, wird immer öfter
3. Stressreaktionen verändern                         von Achtsamkeit gesprochen. Ein Achtsamkeitstrai­
Entwickeln Sie Handlungsmöglichkei-                   ning zielt darauf ab, den gegenwärtigen Moment so
ten anhand der Frage: Was kann ich                    wahrzunehmen, wie er ist, z. B. durch die „Achtsam­
tun, um mit meinem Stress besser                      keitsbasierte Stressreduktion“ („Mindfulness based
umzugehen? Erlernen Sie außerdem                      Stress Reduction“, MBSR). Hier geht es darum, durch
eine Entspannungsmethode wie Yoga                     Meditation und andere Übungen dem gedanklichen
oder Achtsamkeitstraining, um Ihre                    Hamsterrad für einige Momente zu entkommen und
Gedanken vom Stress zu lösen. Ma-                     die Aufmerksamkeit nur auf den Körper und den jet­
chen Sie Sport, der Ihnen Spaß macht –                zigen Moment zu lenken. Was auf den ersten Blick ba­
körperliche Bewegung macht den                        nal und einfach erscheinen mag, bedarf jedoch einiger
Kopf frei und bringt Energie. Pflegen                 Übung, weil unser Geist meist sprunghaft ist. Fragen
Sie auch Ihre sozialen Beziehungen                    Sie Ihre Krankenkasse nach Empfehlungen für geeig­
und tauschen Sie sich regelmäßig mit                  nete Übungen.
Freundinnen und Freunden aus.

Zwei typische Stressverstärker im        der Wunsch, anerkannt und gemocht
Arbeitsalltag                            zu werden. Vielfach haben sie schon
Gerade im Arbeitskontext fallen zwei     als Kinder gelernt, nur etwas wert zu
typische Stressverstärker ins Ge-        sein, wenn sie Leistung bringen. Im
wicht: der Perfektionismus sowie die     Arbeitsleben kann das dazu führen,
Schwierigkeit, sich abzugrenzen.         dass sie z. B. ihr Arbeitspensum nicht
                                         schaffen, weil sie sich zu lange mit
Menschen mit einem Hang zum Per-         einer Aufgabe aufhalten. Die Folge:
fektionismus stellen an sich den An-     noch mehr Stressempfinden und stär-
spruch, ihre Aufgaben „perfekt“ erle-    kere Unzufriedenheit.
digen zu müssen, und haben häufig
folgende innere Antreiber:               Wichtig ist daher, sich mit den eigenen
                                         Ansprüchen auseinanderzusetzen.
••„Du darfst keine Fehler machen!“       Machen Sie eine „Realitätsüberprü-
••„Sei perfekt!“                         fung“ und versuchen Sie, die Situa-
••„Streng dich an!“                      tion möglichst neutral und realistisch
••„Nur wenn ich erfolgreich bin,         zu beurteilen: Welche ernsthaften
   bin ich wertvoll!“                    Konsequenzen muss ich befürchten,
•• „Mach es anderen Menschen             wenn ich einen Arbeitsauftrag nicht
   recht!“                               „perfekt“ umgesetzt habe? Wie wür-
                                         den meine Vorgesetzte bzw. mein
Zu Perfektionismus neigende Men-         Vorgesetzter oder meine Kolleginnen
schen haben oft Angst davor, Fehler zu   und Kollegen reagieren? Würden sie
machen. Häufig verbirgt sich dahinter    sich tatsächlich abwenden?
28   PRAXISHILFE PSYCHISCH KRANK IM JOB

                                Menschen mit der Schwierigkeit,          für die körperliche Gesundheit wich-
                                sich abzugrenzen, haben Probleme         tig. Nur so können Sie leistungsfähig
                                damit, eigene Grenzen wahrzuneh-         bleiben.
                                men, diese klar zu ziehen und mitun-
                                ter auch zu verteidigen sowie mit ei-    Sein eigenes Tempo zu finden, ist da-
                                genen Kraftquellen vorausschauend        bei eine Herausforderung – aber sie
                                umzugehen.                               ist zu bewältigen. Nicht selten schau-
                                                                         keln sich in Unternehmen jedoch un-
                                Stellen Sie sich vor, Sie laufen einen   günstige, stark leistungsorientierte
                                Marathon. Um im Ziel anzukommen,         Verhaltensweisen unter Mitarbeiten-
                                müssen Sie mit Ihrer Energie richtig     den hoch, weil eigene Grenzen nicht
                                haushalten. Wenn Sie zu schnell lau-     wahrgenommen werden. Wichtig ist,
                                fen, besteht die Gefahr, dass Sie bald   dass Sie sich regelmäßig und ehrlich
                                erschöpft sind. Ein Bewusstsein für      fragen: Wo sind meine Grenzen? Was
                                die eigenen Energiereserven ist nicht    kann ich mit meinen Mitteln leisten?
                                nur für die psychische, sondern auch     Was tut mir gut?

                                Was muss, was kann der Betrieb tun?

                                Unternehmen sind gesetzlich ver-         gelt. Darüber hinaus können Betriebe
                                pflichtet, die Gesundheit ihrer Be-      durch freiwillige gesundheitsförder-
                                schäftigten zu schützen. Im Arbeits-     liche Maßnahmen in die Leistungsfä-
                                schutzrecht und im Sozialgesetzbuch      higkeit ihrer Belegschaften investieren.
                                wird die Verantwortung des Arbeitge-
                                bers an verschiedenen Stellen gere-      Psychische Gefährdungs-
                                                                         beurteilung
                                                                         Wesentliches Element zur Sicherstel-
                                                                         lung der betrieblichen Gesundheit
     MEHR INFORMATIONEN:                                                 ist die Durchführung einer psychi-
     Boschüre „Empfehlungen zur Umsetzung der Gefähr­                    schen Gefährdungsbeurteilung. Das
     dungsbeurteilung psychischer Belastung“, Gemeinsa­                  Arbeitsschutzgesetz schreibt explizit
     me Deutsche Arbeitsschutzstrategie                                  vor, dass Betriebe nicht nur für die
     www.gda-portal.de > Handlungshilfen der GDA                         körperlichen, sondern auch für die
                                                                         psychischen Belastungen ihrer Be-
     Handlungshilfe „Integration der psychischen Belas­                  schäftigten eine Gefährdungsbeurtei-
     tungen in die Gefährdungsbeurteilung“, Initiative                   lung vornehmen und die Umsetzung
     Neue Qualität der Arbeit (INQA)                                     geeigneter Gegenmaßnahmen einlei-
     www.inqa.de > Angebote > Unsere Publikationen                       ten müssen (§ 5 ArbSchG).
VORBEUGEN      29

Doch obwohl die psychischen Belas-       chen Aufgaben für Arbeitgeber (§ 84
tungen in der Arbeitswelt permanent      Abs. 2 SGB IX). Ein BEM hat – wie
zunehmen, setzt nur eine kleine Min-     schon der Name verrät – nicht die Prä-
derheit der Betriebe die Vorschrift      vention zum Ziel, sondern hilft länger
bisher um. So werden Möglichkeiten       erkrankten Beschäftigten, den Wie-
nicht genutzt, Beschäftigte vor Stres-   dereinstieg ins Erwerbsleben finden.
soren wie Termin- und Leistungs-         Es dient damit sowohl den Betroffe-
druck, zunehmender Flexibilität und      nen als auch den Unternehmen, da es
Überlastung zu schützen – und somit      dazu beiträgt, die Beschäftigungsfä-
auch die Krankheitskosten im Be-         higkeit und den Arbeitsplatz von län-
trieb zu senken. Besonders kleinen       ger Erkrankten zu sichern. Trotz der
und mittelständischen Unternehmen
fehlen oft die personellen und finan-
ziellen Ressourcen sowie das nötige                   MEHR INFORMATIONEN:
Know-how. Dabei ist die Durchfüh-                     Wie funktioniert Betriebliches Eingliederungsmanage­
rung einer Gefährdungsbeurteilung                     ment?
weniger kompliziert, als der Begriff                  www.bmas.de > Themen > Arbeitsschutz > Gesund­
vermuten lässt.                                       heit am Arbeitsplatz
                                                      www.einfach-teilhaben.de > Ausbildung und Arbeit >
Betriebliches Eingliederungs-­                        Arbeitsplatz sichern
management (BEM)
Neben dem Arbeitsschutz gehört                        iga.Report 24 „Betriebliches Eingliederungsmanage­
auch das Betriebliche Eingliederungs-                 ment in Deutschland – eine Bestandsaufnahme“
management (BEM) zu den gesetzli-                     www.iga-info.de > Veröffentlichungen > iga.Reporte
30   PRAXISHILFE PSYCHISCH KRANK IM JOB

                                gesetzlichen Pflicht und der Vorteile    tretung (Betriebs- oder Personalrat,
                                für Unternehmen verfügen jedoch          ggf. Schwerbehindertenvertretung).
                                nicht alle Betriebe über ein BEM.        Auch die Beteiligung der Betriebs­
                                                                         ärztin bzw. des Betriebsarztes ist
                                Ein BEM gilt für alle Mitarbeitenden,    gewünscht, falls erforderlich. Kran-
                                die innerhalb eines Jahres länger als    kenkassen, Berufsgenossenschaften,
                                sechs Wochen ununterbrochen oder         Rentenversicherungsträger sowie die
                                wiederholt arbeitsunfähig waren, z. B.   Integrationsämter und die Agenturen
                                aufgrund einer psychischen Störung.      für Arbeit stehen den Unternehmen
                                Im Rahmen des Verfahrens sollen          für kostenlose Beratungs- und Unter-
                                Arbeitgeber und Betroffene klären,       stützungsangebote zur Verfügung.
                                „wie die Arbeitsunfähigkeit möglichst
                                überwunden werden und mit wel-           Betriebliches Gesundheitsmanage-
                                chen Leistungen oder Hilfen erneuter     ment (BGM)
                                Arbeitsunfähigkeit vorgebeugt und der    Unternehmen, die über die gesetzli-
                                Arbeitsplatz erhalten werden kann“.      chen Vorgaben hinaus die Mitarbeiter-
                                Das können individuelle Maßnahmen        gesundheit fördern, z. B. in Form ei-
                                sein, bspw. die schrittweise Rück-       nes BGM, handeln zukunftsorientiert.
                                kehr an den Arbeitsplatz. Wichtig:       Denn Investitionen in die betriebliche
                                Ein BEM bedarf der Zustimmung der        Gesundheit erhöhen nachweislich die
                                oder des Beschäftigten und verlangt      Motivation und Leistungsfähigkeit der
                                die Einbeziehung der Interessenver-      Beschäftigten – und führen somit zu
                                                                         geringeren Krankenständen, mehr
                                                                         Produktivität und höherer Wettbe-
                                                                         werbsfähigkeit.
     MEHR INFORMATIONEN:
     „Ihr Wegweiser“ – Handlungsleitfaden von BKK und                    Vor allem zur Vorbeugung psychischer
     BZgA zur Einführung eines BGM in KMU                                Erkrankungen ist ein gut strukturier-
     www.der-gesundheitsplan.de > Richtig planen                         tes BGM unverzichtbar. Es umfasst
                                                                         alle Maßnahmen des Unternehmens
     „Gesunde Mitarbeiter – gesundes Unternehmen. Eine                   zur Verbesserung von Gesundheit und
     Handlungshilfe für das Betriebliche Gesundheitsma­                  Wohlbefinden am Arbeitsplatz. The-
     nagement“                                                           men, wie mitarbeiterorientierte Füh-
     www.psyga.info > Über psyGA > Materialien > Bro­                    rung, Changemanagement, Arbeits-
     schüren                                                             verdichtung, gesundheitsgerechte
                                                                         Unternehmenskultur oder emotionale
     iga.Report 20 „Motive und Hemmnisse für Betrieb­                    Überforderungen sollten hier berück-
     liches Gesundheitsmanagement (BGM)“                                 sichtigt werden. Idealerweise greifen
     www.iga-info.de > Veröffentlichungen > iga.Reporte                  dabei Maßnahmen der Betrieblichen
VORBEUGEN     31

Gesundheitsförderung (BGF), Ar-          chen Unfallträger. Diese sind nach
beitsschutz und Betriebliches Ein-       §§ 20 und 20a Fünftes Buch Sozialge-
gliederungsmanagement ineinander.        setzbuch (SGB V) zu Leistungen für
Ein betriebliches Konzept zur Gesund-    die betriebliche Prävention verpflich-
heitsfürsorge beteiligt im besten Fall   tet.
auch die Krankenkassen und gesetzli-

                           WARUM SICH BGM FÜR ALLE BETEILIGTEN LOHNT
                           ••Mitarbeitende empfinden Gesundheitsförderung als wertschätzend und gehen
                              motivierter an die Arbeit.
                           ••Das Betriebsklima verbessert sich spürbar.
                           ••Die Identifikation mit dem Unternehmen steigt.
                           ••Investitionen in die Gesundheit der Belegschaft rechnen sich mit reduzierten
                              Fehlzeiten.
                           ••Die Belegschaft bleibt langfristig gesund und zeigt bessere Arbeitsleistungen.
                           ••Es herrscht weniger Fluktuation. Auch das Know-how älterer Beschäftigter kann
                              so langfristig im Unternehmen bleiben.

                           Siehe iga.Report 28 „Wirksamkeit und Nutzen betrieblicher Prävention“
                           www.iga-info.de > Veröffentlichungen > iga.Reporte

                           TIPP: FINANZIELLE UNTERSTÜTZUNG BEI DER GESUNDHEITSVORSORGE
                           Leistungen zur Verbesserung des allgemeinen Gesundheitszustandes und der Be­
                           trieblichen Gesundheitsförderung sind für Beschäftigte in Höhe von jeweils 500
                           Euro pro Jahr steuerfrei (§ 3 Nr. 34 EStG). Betriebe können ohne steuerliche Prü­
                           fung gesundheitsfördernde Maßnahmen umsetzen, z. B. Bewegungsprogramme,
                           Kurse zur Suchtprävention oder Stressbewältigung. Voraussetzung ist jedoch, dass
                           diese hinsichtlich Qualität, Zweckbindung und Zielgerichtetheit den Anforderungen
                           der §§ 20 und 20a des SGB V genügen. Die Kriterien sind im „Leitfaden Prävention“
                           der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) festgehalten. Einige Angebote wer­
                           den zudem von den Krankenkassen bezuschusst. Sie bieten Unterstützung rund um
                           gesundheitsfördernde Maßnahmen und vermitteln kompetente Partner.

                           www.gkv-spitzenverband.de > Krankenversicherung > Prävention, Selbsthilfe,
                           Beratung > Prävention und betriebliche Gesundheitsförderung
32   PRAXISHILFE PSYCHISCH KRANK IM JOB

                                Rückendeckung statt Rücken­              die Gesundheit fördert – oder krank
                                schule: Rolle der Führungskräfte         macht. Sie ist zudem oftmals Vorbild
                                Führungskräfte verteilen Arbeitsauf-     und Orientierung in der Frage, wie sie
                                gaben und steuern Prozesse im Un-        selbst mit Belastungen umgeht.
                                ternehmen. Vor allem aber prägen
                                sie durch ihren Führungsstil die Kul-    Ein Muss für jedes Unternehmen sind
                                tur und das Miteinander im Team.         deshalb gesund führende Führungs-
                                Weit mehr Menschen werden durch          kräfte. Mitarbeiterorientierte Führung
                                ihre bzw. ihren Vorgesetzten krank       stärkt die Ressourcen der Beschäf-
                                als durch einen falsch eingestellten     tigten und vermeidet Belastungen für
                                Bürostuhl. Die Führungskraft beein-      die einzelnen Teammitglieder. Eine
                                flusst maßgeblich, ob ein Arbeitsplatz   mitarbeiterorientierte Führungskraft
                                                                         fragt bei Konflikten nach der Lösung
                                                                         statt nach Schuldigen. Viele Studien
     MEHR INFORMATIONEN:                                                 zeigen, dass ein solcher partnerschaft-
     Was heißt gesunde Führung? Informationen des Pro­                   licher Führungsstil, der auf Fairness,
     jekts „psyGA – Psychische Gesundheit in der Arbeits­                Unterstützung und Vertrauen basiert,
     welt“                                                               besonders geeignet ist, um Stress
     www.psyga.info > Stress vermeiden > Mitarbeiterori­                 zu reduzieren und damit psychischen
     entierte Führung                                                    Störungen vorzubeugen – anders als
                                                                         eine Führung, die auf starre Vorgaben
     iga.Report 29 „Führungskräfte sensibilisieren und Ge­               und Kontrolle setzt.
     sundheit fördern“ – Maßnahmen und Best-Practice-
     Beispiele zur Förderung der psychischen Gesundheit                  Für andere zu sorgen und gleichzeitig
     am Arbeitsplatz                                                     auf sich selbst zu achten, ist für viele
     www.iga-info.de > Veröffentlichungen > iga.Reporte                  Führungskräfte jedoch eine Heraus-
VORBEUGEN      33

forderung. Es ist verständlich, dass     ••hoher Wettbewerbs- und Erfolgs-
Führungskräfte unsicher und über-           druck sowie
fordert sein können, wenn es darum
geht, diese Doppelrolle erfolgreich      ••fehlende Unterstützung durch das
zu meistern. Denn zusätzlich zu den         Topmanagement (iga.Report 29).
fachlichen Kompetenzen werden von
ihnen auch zwischenmenschliche Fä-       Wichtig ist es daher, Führungsper-
higkeiten erwartet, die nicht immer      sonen darin zu unterstützen, ihre ei-
gleich stark ausgeprägt sind. Oftmals    genen psychischen Belastungen zu
ist ihnen auch gar nicht bewusst, wel-   bewältigen. Das hilft nicht nur den
chen Einfluss ihr Führungsverhalten      Führungskräften selbst, es wirkt sich
auf die Beschäftigten hat. Umso wich-    auch positiv auf die Beschäftigten
tiger sind Angebote wie Schulungen       aus, wenn der Druck, der auf den Vor-
oder Workshops, in denen entspre-        gesetzten lastet, nicht nach „unten“
chende Kompetenzen auf- und ausge-       weitergegeben wird.
baut werden können. Im Kapitel „Be-
wältigen“ finden Sie wertvolle Tipps
im Umgang mit psychischen Erkran-
kungen.

Psychische Gesundheit von                             „KEIN STRESS MIT DEM STRESS” – MATERIALIEN
Führungskräften                                       FÜR FÜHRUNGSKRÄFTE
Führungskräfte befinden sich natur-                   Auf der Website des Projekts „psyGA – Psychische
gemäß in einem Dilemma: Zum ei-                       Gesundheit in der Arbeitswelt“ finden Sie speziell für
nen sollen sie durch gute Führung                     Führungskräfte entwickelte, kostenlose Materialien:
zu gesunden Arbeitsbedingungen
beitragen. Zum anderen können auch                    ••„Kein Stress mit dem Stress: Eine Handlungshilfe
Führungskräfte selbst extrem belastet                     für Führungskräfte”
sein und sind damit gefährdet, psy-                   ••„Kein Stress mit dem Stress: Lösungen und Tipps
chisch zu erkranken. Insbesondere                         für Führungskräfte und Unternehmen” (Praxisord­
beim mittleren Management steigt                          ner)
die Zahl der „Dauergestressten“. Ge-                  ••„Selbsttest für Führungskräfte: Wie belastet bin
klagt wird insbesondere über                              ich?”
                                                      ••„Kein Stress mit dem Stress: Einführungsseminar
•• zu viel Arbeit und zu komplexe                         für Fach- und Führungskräfte”
   Anforderungen,                                     ••„Förderung psychischer Gesundheit als Führungs­
                                                          aufgabe: eLearning-Tool für Führungskräfte”
••zu wenig Ressourcen, insbeson-
   dere beim Personal,                                www.psyga.info > Über psyGA > Materialien
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