Sonderheft Schulreisen - BILDUNGSCHWEIZ
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BILDUNGSCHWEIZ
3a | 2007
Sonderheft Schulreisen
Spiel ohne Grenzen: Was bei Schulreisen ins Ausland zu beachten ist
Gratwanderung: Wieviel Vorbereitung ist nötig? Wieviel zumutbar?
Sport und Spiel
Luft- und Lustsprünge: So lassen sich auch «Schwache» in Bewegung setzen
LCH Dachverband Schweizer Lehrerinnen und LehrerBILDUNGSCHWEIZ
Nummer 3 a | 2007 | 13. März 2007
Zeitschrift des Dachverbandes
Schweizer Lehrerinnen und Lehrer (LCH)
152. Jahrgang der Schweizer Lehrerinnen- und
Gute Schulreise! Lehrerzeitung (SLZ)
Die Fahrt im Grenzbereich beginnt am Badischen Bahnhof Basel (auf Schweizer Inhalt
Boden). Geraume Zeit pedalen wir entlang des linken Ufers der «Wiese» Rich-
tung Weil am Rhein. Ein idyllisches Brücklein im Wald, vor uns das Gelände der Aktuell
ehemaligen Gartenausstellung «Grün 99». Kaum einer der ortskundigen Radler 4 Heimatland unbekannt
4 «Bildungsvielfalt» – Debatte lanciert
nimmt Notiz vom diskreten Hinweisschild «Grenzüber-
tritt nur mit gültigen Ausweispapieren». Spiel ohne Grenzen
Schweisstreibend gehts bergauf. Auf dem Tüllinger 6 Schulreise ins Ausland – (k)ein Problem
9 Unter guten Winden im Ijsselmeer
Hügel geniessen wir die prächtige Aussicht auf Stadt 10 Schulreise-Vorbereitung kompakt und
und Jura, Vogesen und Schwarzwald. Spätestens beim online
herrlich duftenden Käsekuchen in Oetlingen – die ba-
Reisen aktiv
dische Spezialität ist ein Muss – ist klar, dass wir in 12 «blindekuh»: Sinnliche Erfahrungen
Deutschland sind. Die rasante Abfahrt bringt uns nach im Dunkel
Haltingen und weiter nach Märkt an den Rhein, den 14 Alte Kunst modern erklärt
Doris Fischer 14 Handfeste Mathematik
Redaktorin wir nach wenigen Kilometern Fahrt überqueren und 17 Zwischen Silberweiden und Mammut-
«zollfrei» in Frankreich einfallen. Kurz darauf sind wir bäumen
wieder in der Schweiz. Kurzes Kopfnicken der Beamten am Zoll. – Hégenheim, 18 Aug in Aug mit Uhu und Kauz
Buschwiller, Wentzwiller, Schönenbuch, Neuwiller, Biel-Benken, Bättwil – wen Bücher und Medien
kümmerts, ob wir auf französischem oder schweizerischem Boden sind (nur 20 Bergwandern mit Zeit für Zwerge und
das «Egü» auf dem e und der feine Elsässer Flammenkuchen im «Chez Lucie» Geissen
21 Glattalphütte und Glattalpsee
setzen eindeutige Akzente). Mindestens viermal haben wir auf einer Länge von
rund 15 Kilometern die «grüne Grenze» zwischen Frankreich und der Schweiz Haftpflicht
überschritten. Grenzschutz-Beamte blieben in Deckung. Identitätskarte und 23 Schulreise – eine rechtliche Grat-
wanderung?
Pass liegen noch immer zuunterst im Bikerrucksack.
Die Dreiländertour ist für die Radtourengruppe der IG-Velo beider Basel ein Sport und Spiel
unproblematischer Radlerspass von drei bis vier Stunden mit landschaftlichen, 30 Mehr Motivation für Luft- und Lust-
sprünge
kulturellen und kulinarischen Höhepunkten. Für eine Schulklasse jedoch kann 33 Zu Land, zu Wasser und auf dem
bereits die Vorbereitung derselben Tour und das Einholen der nötigen Grenzpa- Podest
piere zum mehrtägigen oder gar mehrwöchigen kostspieligen Ämter-Marathon
Rubriken
werden. Dann nämlich, wenn Migrantenkinder aus Nicht-EU-Staaten mitreisen. 25 LCH MehrWert
Haben diese nicht die nötigen Ausweispapiere dabei, kann der Ausflug im 35 Bildungsmarkt
schlimmsten Fall bereits an der Grenze enden. 37 Bildungsforum
37 Impressum
Matthias Hobi, der zurzeit ein Praktikum auf der Redaktion BILDUNG SCHWEIZ 39 Vorschau
absolviert, hat die nötige Ausdauer gehabt und Abklärungen gemacht. Lesen
Sie seine Erfahrungen mit Bundesämtern und Botschaften ab S. 7. Rufnummer
39 Ra auf seinem täglichen Ritt
Mit Inkrafttreten des Schengen-Abkommens sollen zwar Schulreisen ins Aus-
land weniger problematisch werden. Sie bleiben dennoch für alle Beteiligten Titelbild:
eine Herausforderung, aber auch eine Chance, praktische und organisato- Eine Reise über die Landesgrenze –
aufwändig aber lohnend
rische Erfahrungen zu sammeln, wie Lehrpersonen bestätigen. Foto: Peter Larson
Für alle, die auf heimatlichem Boden bleiben wollen, finden sich in der Spezial-
nummer «Schulreisen, Sport und Spiel» ebenfalls lohnende Reisevorschläge
und nützliche Tipps. Wir wünschen Ihnen für die kommende Schulreise gren-
zenlosen Spass und lustvolle Erfahrungen.BILDUNG SCHWEIZ 3 a I 2007 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . AKTUELL 4
Was, wann, wo Heimatland unbekannt Was, wann, wo
Führen: eine Schule leiten Eine Studie im Auftrag von SBB und Schweiz Tourismus zeigt: Legasthenie und Sprachen
Seit Jahren veranstaltet die AEB Viele Schweizerinnen und Schweizer kennen ihr Land nur vom Am Samstag, 2. Juni findet in der
(Akademie für Erwachsenenbil- Hörensagen. Universität Zürich-Irchel die 11.
dung) Luzern und Zürich ihre Tagung des Verbandes Dyslexie
Ausbildungsgänge: «Führen: Fast alle Schweizerinnen und fragten stehen Tagesausflüge in Schweiz statt. Das Thema lautet
eine Schule leiten». Am 11. April Schweizer sind zwar der Mei- die Zentralschweiz oben auf der «Legasthenie und Fremdspra-
2007 beginnt der zweite Ausbil- nung, dass ein «echter Schwei- Liste, gefolgt von Reisen ins chen». Weitere Informationen
dungsgang dieses Jahres für zer» seine Heimat kennen sollte. Wallis und ins Mittelland. und Online-Anmeldung unter
Schulleiterinnen und Schullei- In Wahrheit jedoch kennt die 91% der Schweizer kennen den www.verband-dyslexie.ch
ter. Die Ausbildung ist von der Bevölkerung ihre Schweiz oft Rheinfall, der als die Sehens-
Schweizerischen Erziehungsdi- nur vom Hörensagen. Dies zeigt würdigkeit schlechthin gilt. Mit Erkennen und intervenieren
rektorenkonferenz EDK akkre- die repräsentative Studie «Ken- 79% haben sich auch die meis- Eine multidisziplinäre Fachta-
ditiert und damit schweizweit nen Sie Ihre Schweiz?» des LINK ten Befragten das Naturspekta- gung zum Thema «Früherken-
anerkannt. Teilnehmerinnen Instituts im Auftrag von SBB und kel schon einmal vor Ort ange- nung und Frühintervention bei
und Teilnehmer stammen aus Schweiz Tourismus. sehen. Mit 82 % wird auch Jugendlichen» organisiert der
allen Kantonen der Deutsch- das Wahrzeichen der Zentral- Fachverband Sucht in Zusam-
schweiz und dem Fürstentum Wer reist, weiss mehr schweiz, der Pilatus, von vielen menarbeit mit dem Bundesamt
Liechtenstein und arbeiten in Im Klartext: Neun von zehn erkannt, jedoch nicht einmal je- für Gesundheit (BAG) am 14.
Schulen und Bildungsinstitutio- Landsleuten kennen zwar das der und jede Zweite war schon Juni 2007 im Stadttheater Olten.
nen mit unterschiedlichen Trä- Jungfraujoch, doch fast die einmal dort. Im Zentrum stehen systemische
gerschaften und Bildungsauf- Hälfte der Schweizer Wohnbe- und kooperative Handlungskon-
trägen. Diese Vielfalt führt zu völkerung hat es noch nie be- Jahreskampagne der SBB zepte der Früherkennung und
interessanten Perspektiven im sucht, nur ein Viertel in den Die SBB und Schweiz Tourismus -intervention bei Jugendlichen.
Lernen und Austauschen. letzten fünf Jahren. Spektaku- möchten die Landeskenntnisse Die Fachtagung führt Fachper-
Die vermittelten Inhalte sind läre Sehenswürdigkeiten wie mit der Jahreskampagne «Ent- sonen aus verschiedenen Be-
verbunden mit der konkreten der Creux du Van im Neuenbur- decken Sie die Schweiz» verbes- rufsfeldern an runden Tischen
Praxis, der Transfer in den eige- ger Jura werden von weniger sern. Kundinnen und Kunden zusammen. Informationen und
nen Führungsalltag ist gewähr- als der Hälfte der Schweizer des öffentlichen Verkehrs kön- Anmeldung: www.fachverband-
leistet. Alle Dozentinnen und erkannt (41%), und nur ein nen im Jahr 2007 das Land mit sucht.ch
Dozenten verfügen über aktu- Viertel war schon dort. attraktiven Ermässigungen be-
elle, vielfältige und praktische Fazit: Viele Sehenswürdigkeiten reisen. Jeden Monat ist eine an- Gemeinsam gegen Mobbing
Erfahrungen aus dem Bildungs- wurden noch nie oder vor lan- dere Tourismusregion aktuell Das Phänomen Mobbing geht
bereich. Unterlagen und Infor- ger Zeit besucht. Die Studie und mit fünf ausgesuchten alle Personen an, die Kinder und
mationen: www.aeb.ch zeigt zudem, dass Tagesausflüg- Kombi-Angeboten besonders Jugendliche betreuen und mit
ler ihr Land besser kennen: Wer günstig zu entdecken. B.S. ihnen arbeiten. Typisch für Mob-
Baustelle Bildungswesen im vergangenen Jahr mehr als bing ist, dass die einzelnen
Das SVB-Seminar «Baustelle Bil- elf Tagesausflüge unternom- Weiter im Netz Ereignisse wie ganz normale
dungswesen: Entwicklungen in men hat, weiss signifikant mehr www.sbb.ch Konflikte oder harmlose Aus-
der Sekundarstufe II und in der über die Schweiz. Bei den Be- www.schweiztourismus.ch rutscher aussehen können. Es
Tertiärstufe» vom 23. und 24. herrscht deshalb eine grosse
Oktober schliesst nahtlos an die Unsicherheit im Umgang mit
beiden erfolgreichen «Baustel-
len-Seminare» der Jahre 2002
«Bildungsvielfalt» – Debatte lanciert Mobbing. Kernbegriffe der Prä-
vention sind Früherkennung,
und 2004 an. An zwei Tagen er- «Die grosse Angst vor der freien Schulwahl» war ein Artikel in der Engagement und Zivilcourage.
halten die Teilnehmenden Hin- Zeitungsbeilage «Das Magazin» vom 3. März 2007 betitelt. Er be- «Gemeinsam gegen Mobbing» ist
tergrundinformationen, speziell zog sich auf die im Kanton Baselland eingereichte Volksinitiative der Titel einer Tagung am Mon-
zu Neuerungen, über je drei «Ja, Bildungsvielfalt für alle». Verlangt wird darin die freie Wahl tag, den 11. Juni 2007 in Kan-
«Bauplätze» der Sekundarstufe II sowohl zwischen den einzelnen staatlichen Schulen als auch dersteg. Ihr Ziel ist es, Personen
und Tertiärstufe, aufbauend auf zwischen staatlichen und nichtstaatlichen Schulen. Zudem soll aus den verschiedensten Praxis-
einer wiederum umfangreichen der Anspruch auf staatliche Finanzierung für Privatschulen in der bereichen über diese neuesten
Dokumentation, kombiniert mit Kantonsverfassung verankert werden. Erkenntnisse – u.a. aus dem
Referaten und Podiumsge- «Das öffentliche Nachdenken ist lanciert», schreibt dazu der NFP52-Projekt «Mobbing in Kin-
sprächen diverser Experten und Lehrerinnen- und Lehrerverein Baselland LVB. Auf seiner Website dergarten und Schule» – zu infor-
Entscheidungsträgern aus den www.lvb.ch hat er eine Stellungnahme zum «Magazin»-Beitrag mieren und gemeinsam praxis-
jeweiligen Bereichen – eine aufgeschaltet. Er warnt darin vor einem bildungspolitischen nahe Umsetzungsmöglichkeiten
vertiefte Gesamtschau für Fach- Abenteuer ohne ausreichendes Wissen über die Konsequenzen zu diskutieren. Information und
personen. Details/Anmeldung: und dem «Ausverkauf des Volksschulpotenzials». BILDUNG Anmeldeformular: www.prae-
www.svb-asosp.ch/d/weiterbil- SCHWEIZ wird in Ausgabe 4/07 von Ende März die Situation aus- vention-alsaker.unibe.ch/tagung-
dung/wbprogramm/themat/ führlich darstellen und auch die Position des LCH darlegen. kanderstegBILDUNG SCHWEIZ 3 a I 2007 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5
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Schulreise ins Ausland – (k)ein Problem
Ein Besuch beim Trinationalen Umweltzentrum in Weil am Rhein (D) oder ein Abstecher zum Mailänder
Dom locken Schulklassen und Lehrpersonen. Vielfältig wie die Attraktionen sind jedoch auch Weisungen
und Visabestimmungen. Wer die Mühe nicht scheut, profitiert und erweitert seinen Horizont.
Fotos: Peter Larson
Schulreisen ins Ausland sind mit Mehraufwand bei den Vorbereitungen verbunden, erweitern aber auch den Horizont.
Aufgeregt sitzt die Abschlussklasse der Matthias Hobi sonen. Auch er bestätigt: «Schulreisen
dritten Sekundarschule im Car. Noch ins Ausland sind ein Mehraufwand.»
fünf Minuten bis zur Grenze. Am Grenz- «Früher war eine Rundreise um den Gen-
übergang Basel/Weil am Rhein wird die fersee kein Problem, heute muss man «Es bestehen riesige Unterschiede»
Fahrt gestoppt. Aufmerksam kontrollie- mit mehreren Botschaften Kontakt auf- Bei Jugendlichen, welche Schweizer-
ren Zöllner die Papiere der Schülerinnen nehmen und teure Formulare ausfül- oder EU-Bürger sind, gibt es in der Regel
und Schüler. Plötzlich hält einer der len», berichtet eine Lehrperson aus der keine Probleme beim Grenzübertritt.
Grenzwächter inne. «Tut mir leid, aber Ostschweiz. «Von meinen Kolleginnen Einzige Voraussetzung ist ein gültiger
dieser Schüler hat kein gültiges Visum», und Kollegen hat praktisch niemand mehr Pass oder eine gültige Identitätskarte.
sagt der Beamte und zeigt auf einen Lust auf eine Schulreise ins Ausland. Jugendliche aus Nicht-EU-Staaten hin-
Sechzehnjährigen. Die Lehrperson ver- Der Aufwand ist uns schlicht zu gross.» gegen brauchen meist ein Visum. Die
sucht zu verhandeln, erklärt es sei die Nicht jedoch für Lehrer Aldo Malagoli Heimatländer verhandeln ihre Abkom-
Schlussreise und scheitert schliesslich von der Oberstufe Gräfler in Schaffhau- men mit dem jeweiligen EU-Staat bilate-
am Pflichtbewusstsein des Zöllners. sen. Regelmässig geht er ins Ausland auf ral, weshalb man die Situation von Fall
Schweren Herzens muss die Lehrperson Abschlussreise, nach Spanien, Deutsch- zu Fall von neuem klären muss. «Da
den türkischstämmigen Schüler nach land oder Holland. «Einmal waren wir wird es mühsam; zwischen den Verfah-
Hause schicken. Glücklicherweise ist sogar in Grossbritannien.» Begleitet ren bestehen riesige Unterschiede», be-
eine der zwei Begleitpersonen bereit, werden er und seine 16-jährigen Schüle- richtet Malagoli aus eigener Erfahrung.
auf den Besuch des Umweltzentrums in rinnen und Schüler der vierten Real- «Zudem sind sie zeitraubend und kost-
Weil zu verzichten. schule von befreundeten Fachlehrper- spielig.»BILDUNG SCHWEIZ 3 a I 2007 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . SPIEL OHNE GRENZEN 7
Zuerst müsse man die Botschaft des
Zielstaates kontaktieren und abklären,
welche Papiere für einen Visumsantrag
benötigt werden. Danach müsse man
bei der Botschaft des Heimatstaats nach-
fragen, ob ausser dem Pass weitere Pa-
piere benötigt werden.
Aldo Malagoli rät, die Botschaft vor dem
Visumsantrag anzurufen und sich um
eine verständnisvolle Kontaktperson zu
bemühen. Damit könnten die Warte-
zeiten verkürzt werden. «Ich empfehle
auch den Kontakt mit der Migrations-
stelle oder dem Amt für Ausländerfra-
gen.»
Eine Visa-Odyssee
Zurück zum eingangs angeführten Bei-
spiel. Der betreffende türkische Schüler
konnte bei der Einreise nach Deutsch-
land kein Schengenvisum vorweisen.
Ein solches ist aber unerlässlich.
Schon der Weg dorthin gleicht jedoch ei-
ner Odyssee. Will man ein Visum bean-
tragen, muss man der deutschen Bot-
schaft in Bern einen Besuch abstatten.
Dazu vereinbart man telefonisch einen
Termin, zum stolzen Preis von 3 Fran-
ken 13 pro Minute. Die Botschaft ver-
langt folgende Dokumente im Original
und als Fotokopie:
• Zwei vollständig ausgefüllte und un-
terschriebene Antragsformulare
• Zwei biometrietaugliche Passfotos
• Einen drei Monate über die beantragte Der Weg ist das Ziel – Kinder lernen eine Menge beim Planen einer Reise.
Visumsdauer hinaus gültigen Reise-
pass
• Einen einen Monat über die bean-
tragte Visumsdauer hinaus gültigen Lohnende Knochenarbeit rinnen und Schüler können sehr viel von
Ausländerausweis «Die Vorbereitung einer Schulreise ins der Reise profitieren und erweitern ih-
• Eine gültige europäische Versiche- Ausland ist Knochenarbeit, da braucht ren Horizont.»
rungskarte es die Überzeugung, dass es sich lohnt.» Für die Eltern organisiert Malagoli vor-
• Eventuell Belege zum Nachweis des Malagolis Konzept hat unter anderem gängig einen Elternabend. Dort stellt er
beabsichtigten Aufenthaltszwecks. zum Ziel: Erziehung zur Selbstständig- die Reise in Bildern vor und weist sie auf
keit. «Nicht nur die Reise allein ist inter- die Sicherheitsmassnahmen hin. «In der
Erwachsene, die zum ersten Mal ein essant, sondern das ganze Paket. Meine Regel gibt es mit den Eltern keine Pro-
deutsches Visum beantragen, brauchen Schülerinnen und Schüler planen die bleme», betont er.
zusätzlich einen Beschäftigungsnach- Reise selbst. Sie kümmern sich um die
weis. Sicherheit, schreiben Texte zur Kultur Haftung klären
Wird das Visum gewährt, dauert es etwa des Reiseziels und erstellen das Bud- Eine Schulreise ins Ausland erfordert
fünf Arbeitstage und kostet 60 Euro (je get.» besondere Vorkehrungen im Bereich
nach Wechselkurs zwischen 95 und 100 Die Reisen kosten rund 600 Franken. Versicherung. In jedem Fall ist es rat-
Franken). Die Jugendlichen finanzieren sie gröss- sam, die Regelung der Haftpflicht mit
Die türkische Botschaft verlangt glückli- tenteils selber. «Ich frage jeweils, ob sie dem Arbeitgeber abzuklären.
cherweise für die Reise von der Schweiz eine Reise ins Ausland machen wollen. Lehrer Malagoli hat zusätzlich zu den
nach Deutschland keine Papiere. Zur Wenn ja, dann sollen sie das nötige Geld obligatorischen Versicherungen eine
Rückkehr in die Schweiz benötigt man in ihren Ferien verdienen.» Privathaftpflichtversicherung abge-
aber unbedingt einen gültigen Pass so- Im Mittelpunkt der Reisen steht die Be- schlossen. Der LCH empfiehlt seinen
wie den Ausländerausweis. schäftigung mit einer fremden Kultur Mitgliedern das Paket «Lehrer Plus» (S.
und deren Geschichte. «Die Schüle- 25). Oberstufenlehrer Malagoli ent-BILDUNG SCHWEIZ 3 a I 2007 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8
wickelte darüber hinaus seine persön- den Weisungen. Grenznah beziehe sich
liche Strategie. «Ich verlange von den
Schülerinnen und Schülern die vollstän-
auf die «Regio Basiliensis», ergänzt er.
Reisen nach Österreich oder Italien lie-
Schengen vereinfacht
digen Unterlagen zu Krankenkasse und gen nicht drin. Dies musste Thommen Schulreisen
Unfallversicherung. So hätte ich sie im spüren, als er mit einer Sekundarschul-
Notfall griffbereit.» Ferner lässt er die klasse nach Norditalien wollte. «Einmal Viele in der Schweiz lebende Auslän-
Jugendlichen, mit Einverständnis der bin ich mit meiner Klasse während einer der brauchen bereits für eine Schul-
Eltern, ein Dokument ausfüllen, auf wel- dreitägigen Tessinreise spontan auf eine reise nach Konstanz oder Strassburg
chem Allergien und Medikamente ein- Exkursion nach Mailand gegangen, um ein Visum. Das ändert sich mit der
zutragen sind. das ‹Giuseppe-Meazza-Stadion› sowie Umsetzung des Schengener Abkom-
den Dom zu besichtigen. Im nächsten mens im Herbst 2008.
Schulleitungen mit unterschiedlichen Jahr wollte ich diesen Ausflug offiziell Das Schengener Abkommen ist eine
Weisungen angemeldet wiederholen. Der Antrag Vereinbarung zwischen den Staaten
Zu beachten sind auch Weisungen der wurde abgelehnt.» Auch Skiferien in der alten EU (EU-15) sowie Island
Schulbehörden. In Schaffhausen bei- Frankreich seien trotz der räumlichen und Norwegen. Das Schweizer Stimm-
spielsweise dürfen die erste und zweite Nähe nicht möglich. «Dafür war ich volk hat das Abkommen am 5. Juni
Oberstufe die ganze Schweiz sowie den schon etwa achtmal in Schaan FL, das ist 2005 angenommen. Mit dem Beitritt
grenznahen Bereich besuchen. Bei Genf erlaubt.» der zehn neuen EU-Staaten (EU-10)
einen Sprung über die Grenze zu wagen, Das Fürstentum Liechtenstein entpuppt umfasst das Schengen-Gebiet 27 Staa-
sei kein Problem, weiss Elvira Turchet sich in der Tat als Geheimtipp. Da es ten. In der Schweiz und den Staaten
vom Schulamt Schaffhausen. «In der Re- zum selben Zollgebiet wie die Schweiz der EU-10 wird das Abkommen je-
gel wird bei uns das Recht auf eine Aus- gehört, werden keine Papiere benötigt; doch erst 2007/08 umgesetzt, da zu-
landreise aber nur von der dritten Ober- eine einfache Möglichkeit, etwas fremde erst die technischen Voraussetzungen
stufe und dem zehnten Schuljahr bean- Luft zu schnuppern. geschaffen werden müssen.
sprucht.» Diese dürfen nach Rückspra- Ziel des Abkommens ist es, Grenzkon-
che mit dem Schulamt ins Ausland rei- Der Autor trollen zu vereinheitlichen, die poli-
sen. «Bisher hat es dabei keine Probleme Matthias Hobi ist Student an der Zürcher zeiliche Zusammenarbeit zu stärken
gegeben und die Regelung besteht schon Hochschule Winterthur. Er absolviert sowie die Rechtshilfe zu erleichtern.
seit mindestens 15 Jahren.» zurzeit ein Praktikum auf der Redaktion Die Schengen-Staaten verzichten auf
Andere Schulbehörden sind eher res- von BILDUNG SCHWEIZ. Grenzkontrollen zwischen Mitglie-
triktiv, wenn es um Reisen ins Ausland dern. Gleichzeitig intensivieren sie
geht. So zum Beispiel der Kreisschul- Weiter im Netz aber die mobilen Kontrollen (soge-
rat Frenkendorf/Füllinsdorf im Kanton www.bfm.admin.ch (Bundesamt für nannte Schleierfahndung) und die
Baselland, wie der Sportpädagoge Hans- Migration) Kontrollen an den Schengen-Aussen-
jörg Thommen erklärt: Reisen ins Aus- www.eda.admin.ch/eda/de/home/reps. grenzen. Herzstück des Abkommens
land kommen nicht in Frage, es sei denn html (Vertretungen der Schweiz im Aus- ist das Datennetzwerk «Schengener
im grenznahen Bereich; so steht es in land und vice versa) Informationssystem» (SIS). Das SIS ist
eine Online-Datenbank, mit der die
Polizei- und Konsularbehörden der
Mitgliedsstaaten Personendaten ab-
rufen können.
Operativ umgesetzt wird das Schen-
gener Abkommen frühestens im
Herbst 2008. Von diesem Zeitpunkt an
wird der Grenzübertritt von der
Schweiz in die EU erheblich verein-
facht. Die Schweiz ist dann für die EU
nicht länger eine Aussengrenze. Da-
mit entfällt die Visumspflicht für Aus-
länder mit dauerhaft gültiger Aufent-
haltsbewilligung (Ausweise B, C und
Ci). Dies vereinfacht Schulreisen mit
Schülerinnen und Schülern, welche
weder EU- noch Schweizer Bürger
sind. In besonderen Lagen (Grossver-
anstaltungen mit besonderer Gefähr-
dung) können systematische Perso-
nenkontrollen vorübergehend wieder
eingeführt werden.
mho
Das Schengen-Abkommen wird einige Hindernisse aus dem Weg räumen.BILDUNG SCHWEIZ 3 a I 2007 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . SPIEL OHNE GRENZEN 9
Unter guten Winden im Ijsselmeer
Der Segeltörn ins Ijsselmeer war für die dritte Sekundarklasse aus Beromünster LU nicht nur ein Abenteuer,
sondern gleichzeitig Charakterschulung und Gruppenerlebnis mit Seltenheitswert. Für Klassenlehrer Manuel
Menrath und seine Schülerinnen und Schüler eine glückliche Zeit.
Die Enge an Bord schult den Charakter.
Da jeder beim Segeln mithelfen muss,
wird die Zusammenarbeit gefördert. Zu-
dem erlernen die Jugendlichen neue
Fertigkeiten, erfahren die Zusammen-
hänge von Mensch, Natur und Technik
und lernen ihre Grenzen und Möglich-
keiten in einer unbekannten Umgebung
kennen.
Die Klassen waren sofort begeistert.
Nach einem Informationsabend war
auch die Unterstützung der Eltern ge-
wiss. Da in beiden Klassen ausschliess-
Ein Segeltörn ist lich Schweizer Bürgerinnen und Bürger
ein Gruppen- waren, stellte sich auch keine Ausreise-
erlebnis, wie es problematik. Die Kosten betrugen pro
im privaten Person 500 Franken, wovon die Eltern
Rahmen kaum 150 Franken bezahlen mussten. Den
möglich ist. Rest deckten die Klassenkasse und ein
Beitrag der Gemeinde.
Noch nie so glücklich
An einem frühen Junimorgen ging es
mit dem Car nach Hoorn. Gegen Abend
bezogen wir die Schiffe. Durch die lange
Fahrt schliefen die meisten gleich ein.
Nach einer Instruktion des Skippers se-
gelten wir am nächsten Tag unter gutem
Wind durchs Ijsselmeer bis ins Watten-
Foto: zVg.
meer. Die Reise brachte uns weiter auf
die Insel Texel. Dort besuchten wir eine
Seehundeauffangstation. Im ganzen wa-
ren wir sechs Tage unterwegs.
«Dahin könnten wir doch ins Klassenla- sollten. Jedenfalls wollte die betreffende Das Wetter war auf unserer Seite. Am
ger fahren», meinte ein Schüler, nach- Klasse in der 3. Sek unbedingt ins Aus- Tag segelten wir und gegen Abend legten
dem ich in der ersten Sek Dias von Ha- land. wir jeweils an einem Hafen an. Gekocht,
waii gezeigt hatte. «Also, wenn ihr bis Zunächst stand ich dem Wunsch etwas gegessen und geschlafen wurde auf dem
zur dritten Sek 100 000 Franken zusam- kritisch gegenüber, hatte ich doch zuvor Schiff. Es gab meistens etwas zu tun und
menbringt, fahre ich gerne mit euch nur Lager in der Schweiz organisiert. der grosse Aufenthaltsraum unter Deck
nach Honolulu», lautete meine nicht Ich liess die Schülerinnen und Schüler bot genug Platz, um die Zeit mit Gesell-
ganz ernst gemeinte Antwort. Doch siehe Vorschläge ausarbeiten, aber sie konn- schaftsspielen zu verbringen. Die Zeit
da, bei den Schülern hat es nachhaltig ten sich nicht einigen. Schliesslich verging wie im Flug. Ich habe die Schü-
gewirkt. Sie ergriffen Eigeninitiative, schlug ich vor, einen Segeltörn auf dem lerinnen und Schüler noch nie so glück-
organisierten Arbeitseinsätze, machten Ijsselmeer zu machen. Wir könnten mit lich erlebt. Während der ganzen Fahrt
eine Papiersammlung, ein Raclette-Stübli beiden Abschlussklassen je ein Segel- kam es zu keinen Spannungen und es
und andere Aktivitäten. Auch die Parallel- schiff mieten und in See stechen. herrschte eine tolle Atmosphäre. Wieder
klasse machte kräftig mit. So kam tatsäch- Dazu machte ich mir folgende pädago- zu Hause sagte ein Schüler zu seinen El-
lich ein erstaunlicher Betrag zusammen. gischen Überlegungen: Einerseits be- tern: «Wisst ihr was, ich will Matrose
deutet eine solche Reise ein ganz spezi- werden. Aber zuerst mache ich natürlich
Abenteuer mit pädagogischem Mehrwert elles Erlebnis, andererseits ermöglicht meine Lehre.»
Was Schüler nicht vergessen sollen, ver- sie ein Gruppenerlebnis, wie es im pri- Manuel Menrath,
gessen sie. Dafür bleiben ihnen Dinge, vaten Rahmen nicht unbedingt erfahren Sekundarlehrer Beromünster
an die sie sich eigentlich nicht erinnern werden kann.BILDUNG SCHWEIZ 3 a I 2007 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . SPIEL OHNE GRENZEN 10
Schulreise-Vorbereitung lerinnen und Schüler, Wochen-und Ta-
gespläne und Excel-Tabellen für Bud-
kompakt und online getberechnung und Schlussabrechnung.
Unter dem Stichwort «Auswahltipps» fin-
den sich unter anderem Angebote der
Reiseziele, Budget, Notfallapotheke, Elterninformation, Reiseabrechnung SBB, verschiedener Tourismusregionen,
– Themen Vor- und Nachbereitungen, die bei jeder Schulreise, jedem Angebote für Sport und Fun, Wandervor-
Lager zentral sind. Vier Lehrpersonen haben im Rahmen einer Projekt- schläge etc.
arbeit an der PH Rorschach die wichtigsten Tipps und Anregungen Die Rubrik Sicherheit/Krankheit enthält
auf einer Homepage zusammengestellt. eine Liste mit den Utensilien, die in eine
Notfallapotheke gehören. Ausserdem
kann eine Checkliste mit den wichtigs-
Die Reiseziele ändern, die Vorbereitung der Schublade. Wir wollten sie für Lehr- ten Vorbereitungstipps ausgedruckt
bleibt in vielen Punkten dieselbe. Die personen auf einer Homepage zugäng- werden: was muss wann organisiert
wenigsten Lehrpersonen mögen wohl lich machen», erklärt die Leiterin der werden. Die Seiten sind übersichtlich
jedes Jahr dieselbe Schulreise «aus der Gruppe, Bandy Amsler. «Weil wir dafür gestaltet und enthalten nebst den neu-
Schublade ziehen». Praktisch und will- aber zu wenig Know-how hatten, haben tralen Tipps und Angeboten auch diskret
kommen aber sind gesammelte Tipps wir jemanden gesucht, der uns unter- Werbung von Tourismusanbietern und
und Unterlagen zur Vor- und Nachberei- stützte.» Die Firma Opag AG hat sich be- jede Menge wertvoller Links auf weitere
tung einer Klassenreise. Das spart Zeit reit erklärt, den Studentinnen das Inter- Homepages zum Thema Reisen.
und Nerven und verhindert unnötigen net-Portal zu entwickeln. Das Echo von Lehrpersonen, so bestätigt
Ärger. «Uns hat das Projekt überzeugt, weshalb Bandy Amsler, sei gross und positiv. Un-
wir der Gruppe die Homepage gestaltet terdessen verzeichnen die Initiantinnen
Aus der Schublade auf die Homepage haben», erklärt der Verantwortliche der nämlich täglich rund 100 Besucherinnen
Vier ehemalige Handarbeitslehrerinnen Firma, Jörg Eugster. und Besucher auf ihrer Homepage.
haben im Rahmen ihrer Ausbildung zur dfm
Primarlehrerin an der PH Rorschach ein Pfannenfertige Vorlagen
Projekt bearbeitet mit dem Ziel, ein Pa- Je nach Vorhaben finden Lehrpersonen Weiter im Netz
ket mit gesammelten nützlichen Tipps unter www.klassenlager.org, www.ex- www.schulreise.org
und Unterlagen zur Vorbereitung einer kursion.org, www.schulreise.org Check- www.exkursion.org
Klassenreise, einer Exkursion oder eines listen, Tipps und Tricks, pfannenfertige www.klassenlager.org
Lagers zusammenzustellen. «Oft ver- Briefvorlagen für Elterninformation,
schwinden solche Arbeiten ungenutzt in Packlisten für Lehrpersonen und Schü-
Kleinod an der ligurischen Küste den und die Herbergsleitung für eine optimale Betreuung.
Reservationen und Auskünfte Telefon 031 380 14 10 oder
«Villa del Salice» – «Villa Giorgina» – «Casa Henry Dunant» per E-Mail an stiftung.casa@varazze.ch; weitere Informa-
– drei Namen für ein und dieselbe Villa in Varazze. Diese tionen unter www.varazze.ch dfm
hat eine bewegte und romantische Vergangenheit. Eine
dem spanischen Königshaus entflohene Prinzessin liess
die «Villa del Salice» vor über 200 Jahren hoch über der
ligurischen Küste erbauen. Sie konnte sich aber nicht
lange ihres romantischen Anwesens freuen. Ihre blaublü-
tige Verwandtschaft holte sie unter Drohungen in die Fa-
milie zurück. 1949 erwarb das Schweizerische Rote Kreuz
das Anwesen für das Kinderhilfswerk.
Heute gehört die «Villa Giorgina» (Name der Gattin eines
zwischenzeitlichen Besitzers) dem Schweizerischen Ge-
werbeverband SGV und heisst «Casa Henry Dunant», ge-
mäss der 1961 gegründeten Stiftung.
Der SGV stellt das Haus der Schweizer Jugend in Ausbil-
dung zur Verfügung. Die Herberge steht Gruppen von Per-
sonen, die sich in Ausbildung befinden, zur Durchführung
von Projekt-, Studien-, Vorbereitungs- und anderen Kurs-
Foto: zVg.
wochen offen. Weiter soll sie der Förderung sozial Benach-
teiligter dienen. Die Casa bietet 75 Personen Platz. Eine
italienisch-schweizerische Küche sorgt für Gaumenfreu- Die «Casa Henry Dunant» in Varazze.BILDUNG SCHWEIZ 3 a I 2007 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11
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«blindekuh»: Sinnliche Erfahrungen im Dunkel
Das Restaurant «blindekuh» im Zürcher Seefeldquartier bietet nicht nur Gastronomie in völliger Dunkelheit, sondern
auch ungewohnte Sinneserfahrungen für Jugendliche und Erwachsene, die sich einmal in die Situation eines blinden
oder sehbehinderten Menschen versetzen möchten.
Ein dichter, schwerer Vorhang trennt
den hellen Empfangsraum von der
stockdunklen Gaststube im Restaurant
«blindekuh» in Zürich. 20 Fünftklässle-
rinnen und Fünftklässler aus Bassers-
dorf warten ungeduldig und aufgeregt
schwatzend auf das Abenteuer im Dun-
kel. Als Abschluss ihres Themenblocks
«Licht und Dunkel» im Religionsunter-
richt dürfen sie den Sinnes-Parcours in
der «blindekuh» absolvieren.
Doris Fischer
Uhren, Handys, iPods und sämtliche
Gegenstände, die leuchten oder die Ruhe
und Konzentration stören könnten, müs-
sen im Empfangsraum abgegeben wer-
den. Janka Steiner, eine 32-jährige stark
sehbehinderte Frau, nimmt die Schüle-
rinnen und Schüler in Empfang. «Gebt
einander die Hand, hört auf meine
Stimme und folgt mir. Es kann euch
nichts passieren, es gibt keine Hinder-
nisse, keine Treppen, wo ihr stolpern
könnt. Und denkt daran, alles was euch
runterfällt, findet ihr nicht mehr», be-
Logo: zVg.
reitet Janka die Kinder vor. Dann führt
sie jeweils eine Siebnergruppe und die
drei Begleitpersonen wie bei einer Polo- Der Sinnesparcours im Restaurant «blindekuh» garantiert ein emotionales Erlebnis.
naise durch den Vorhang ins Dunkel.
«Wenn jemand plötzlich Angst bekommt
oder dringend auf die Toilette muss, ruft
einfach meinen Namen, dann führe ich Janka kurze Musikausschnitte aus be- Gruppe, spornt an und lobt die Erfolg-
euch hinaus», beruhigt sie. kannten Fernsehserien ab. Es ist er- reichen.
Man sieht die eigene Hand nicht vor den staunlich, wie schnell und mit welcher Immer wieder muss sie die Kinder zur
Augen, und wir tappen unsicher, die Treffsicherheit die Kinder die wenigen Ruhe mahnen. Sie tut dies mit Bestimmt-
Hand auf der Schulter des Vordermanns Takte der entsprechenden Serie zuord- heit und Durchsetzungskraft.
oder der Vorderfrau, in die «Nacht». «Da nen können. Auch die Tierlaute und die Dann können die Kinder ihre Fragen
bin ich», ruft Janka und drückt einem Geräusche bestimmter Sportarten sind nicht mehr zurückhalten: «Sind Sie blind
Kind nach dem andern einen Stuhl in die rasch identifiziert. geboren?», will ein Kind wissen. «Haben
Hand. Nur die Stimmen verraten, mit Sie auch einen Hund, einen Freund?».
wem man am gleichen Tisch sitzt. Tas- Teamarbeit bringt Erfolg Die Buben und Mädchen sind sehr inter-
tend erspüren wir unsere Nachbarin Als um einiges schwieriger für die Zwölf- essiert. Janka Steiner beantwortet alle
oder unseren Nachbarn. jährigen erweist sich die Aufgabe, wo Fragen offen und selbstbewusst. Und so
der Tastsinn zum Zuge kommt. Ver- erfahren wir recht viel über die Lebens-
Die Sinne aktivieren schieden geformte und gestaltete Hölz- umstände der jungen Frau und ihre Ar-
Jetzt heisst es, sich auf Gehör, Nase und chen sollen zu einem Domino aneinan- beit in der «blindekuh». Die Frage aller-
Tastsinn verlassen. «Was wollt ihr zuerst dergereiht werden. Ertasten, genaues dings, ob man am Schluss im Raum Licht
testen?», fragt Janka. Beschreiben und Teamarbeit sind ge- machen könne, verneint sie energisch:
Die meisten wollen zuerst die CD-Auf- fragt. Man muss im wahrsten Sinne des «Wir Blinden können auch nicht sagen,
nahmen mit den verschiedenen Ge- Wortes «Hand in Hand» arbeiten. Janka wir möchten jetzt Licht haben. Genau
räuschen hören. Nacheinander spielt Steiner prüft das Ergebnis bei jeder diese Erfahrung sollen die Leute, die zuBILDUNG SCHWEIZ 3 a I 2007 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . REISEN AKTIV 13
uns kommen, auch machen. Kein Gast wieder erstaunt, wie unterschiedlich die
im Restaurant ‹blindekuh› sieht diesen
Raum je im Licht.»
Kinder auf das ungewöhnliche Erlebnis
reagieren. «Im Allgemeinen haben Kna-
«blindekuh» – von
ben mehr Angst vor der Dunkelheit als Blinden für Sehende
Schoggi oder Tanne? Mädchen. In jedem Fall ist es aber eine
Die Zeit vergeht im Fluge. Wir sind be- gute Erfahrung, sich einmal nur mit der Die «blindekuh» ist ein Unterneh-
reits seit einer Dreiviertelstunde im Sprache und mit den Händen im Dun- men der «Stiftung Blind-Liecht».
Dunkel. Als letzten Sinn testen wir un- keln verständigen zu müssen», erklärt 1999 öffnete die «blindekuh» im Zür-
sere Nase. Keine leichte Aufgabe, die sie. «Sie können schreiben, es war cool», cher Seefeld-Quartier als weltweit
sechs Düfte aus den herumgereichten sagt Michèle abschliessend zur Journa- erstes Dunkelrestaurant die Tore.
Döschen zu bestimmen. Zimt oder Va- listin von BILDUNG SCHWEIZ, und lacht Ein Team von blinden und sehbe-
nille? «Wä, grusig!» schelmisch. hinderten Menschen gründete die
«Das könnte Schoggi sein.» Das Undefi- Stiftung Blind-Liecht und erarbei-
nierbare stellt sich am Schluss als Ber- Zufrieden ist auch Janka, obwohl die tete das Konzept der Unternehmung.
gamotte heraus. Auch «Tanne» hat nie- Klasse ihr einiges abgefordert hat. Ge- 2005 wurde die «blindekuh Basel» in
mand erschnüffelt. freut hat sie besonders das lebhafte In- der Nähe des Bahnhofs SBB eröffnet.
Ehe uns Janka wieder ins Helle führt, teresse. Die blindekuh bietet nebst kulina-
gilt es noch, auf einer Postkarte mit dem Als ganz wichtig erachtet der Geschäfts- rischen Erlebnissen und kulturellen
Namen zu unterschreiben, ohne dabei führer der «blindekuh», Adrian Schaff- Anlässen eine breite Palette von Er-
einen andern Namenszug zu überschrei- ner, die Vorbereitung auf den Besuch. fahrungen im Dunkeln an. Diese
ben. Die Freude ist gross, als die Grup- «Lehrpersonen und Schülerinnen und reichen von einfachen Sinnes-Par-
pen am Tageslicht feststellen, dass es Schüler sollten wissen, worauf sie sich cours und Begegnungen bis hin zu
gelungen ist. Und wieder muss die leb- einlassen. Falsch wäre es, zu glauben, Personalentwicklungs- und Füh-
hafte Schar zur Ruhe gemahnt werden. die Kinder könnten einfach am Eingang rungsseminarien im Dunkeln.
«Ihr macht mit eurem Lärm einen Blin- abgegeben werden.» Wieviele Begleit- Sinn und Zweck der Stiftung sind
den doppelt blind», sagt der sehbehin- personen nötig sind, das komme ganz die Förderung der Kultur des Blind-
derte Mann an der Reception energisch auf die Klasse an. Zwei sollten es auf je- seins und des gegenseitigen Ver-
und zeigt den Jugendlichen, wie er mit den Fall sein, damit eine Person im Not- ständnisses zwischen Sehenden und
Telefon, Kopfhörer und Computer arbei- fall mit einem Kind hinausgehen kann. Blinden. Sie entwickelt und unter-
tet und deshalb auf Ruhe angewiesen «Die Besucherinnen und Besucher ma- stützt Projekte zur Schaffung von Ar-
ist. chen hier eine emotionelle Erfahrung. beitsplätzen für sehbehinderte und
Sie spüren ihre verschiedenen Sinne be- blinde Menschen. Die Projekte sol-
Knaben ängstlicher als Mädchen wusster; sie können aber auch ganz ein- len selbsttragend sein. Zürich und
Die Lehrerin Doris Belser hat das Ange- fach Spass und ein besonderes Erlebnis Basel bieten das gleiche Kursange-
bot der «blindekuh» mit ihren Klassen haben», betont Adrian Schaffner. bot an.
schon mehrmals genutzt, ist aber immer Der Sinnesparcours richtet sich an
Schulen, Vereine und Privatgrup-
pen.
Kursdauer: 60 Minuten
Kursleitung: Blinde und sehbehin-
derte Mitarbeitende
Kosten pro Person: Schüler, Jugend-
liche, Studenten Fr. 13.–, Erwach-
sene Fr. 20.–
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Weiter im Netz
blindekuh bar restaurant kultur bil-
dung im dunkeln, Mühlebachstrasse
148, 8008 Zürich: Tel. 044 421 50 50;
Fax 044 421 50 55; E-Mail zuerich@
blindekuh.ch
blindekuh Basel, bar restaurant kul-
tur bildung im dunkeln, Dornacher-
Foto: Doris Fischer
strasse 192, Gundeldingerfeld/Halle
7, 4053 Basel; Telefon 061 336 33 00;
Fax 061 336 33 05; E-Mail basel@
blindekuh.ch
Die «blindekuh» fördert den Kontakt zwischen sehenden und sehbehinderten Menschen. www.blindekuh.chBILDUNG SCHWEIZ 3 a I 2007 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . REISEN AKTIV 14
Handfeste
Mathematik
Alte Kunst modern erklärt
Zum 300. Geburtstag des Ma- Japanische Kostbarkeiten erblicken im Museum Rietberg zum ersten Mal die
thematikers Leonhard Euler Welt ausserhalb der Tempel. Eine Sekundarschulklasse besuchte den Workshop
zeigt das Naturhistorische Mu- zur Ausstellung.
seum Basel im Sommer eine
Ausstellung zum Anfassen.
«Was leistet Mathematik in un- chen, auf seine tragende Rolle
serer Welt? Das ist die zentrale in den Weltreligionen hinwei-
Fragestellung», sagt die Medi- sen. Aber die Jugendlichen
enverantwortliche Christine Va- wollten viel zum Objekt wissen.
lentin. Mit zahlreichen interak- Mir ist das Staunen vor alten
tiven Angeboten können die Kunstwerken wichtig. Daher
Schülerinnen und Schüler die- habe ich den Schwerpunkt ein
ser Frage auf den Grund gehen. wenig verschoben.» Auch auf
«Es ist eine Hands on-Ausstel- den Brückenschlag zur Mo-
lung.» Mit Spielen sollen Kinder derne, zu den Werken des Foto-
und Jugendliche ein breites grafen Hiroshi Sugimoto, muss
Spektrum an mathematischen sie leider verzichten.
Themen und Naturphänomenen Wir erfahren jedoch, dass es 33
Foto: Matthias Hobi
von der Anordnung der Kerne Erscheinungsformen Kannons
in einer Sonnenblume über Tele- gibt. Davon wurden sechs
kommunikations-Netze bis zu künstlerisch umgesetzt. Sie bit-
Gleichungen des Finanzmarkts tet die Jugendlichen, in Dreier-
kennenlernen. In Workshops lernen Schülerinnen und Schüler im Museum Riet- gruppen vor den verschiedenen
Im Mittelpunkt stehen neun Sta- berg japanische Kultur und Religion kennen. Erscheinungsformen Platz zu
tionen mit Bildern und Texten. nehmen, um die Figuren mit
An einer Station wird beispiels- Rund 20 Schülerinnen und Sitzkissen. «Die Kunstwerke Bleistift zu skizzieren.
weise gezeigt, wie Orangen am Schüler stehen gespannt vor sind zwischen dem 7. und 14.
besten gestapelt werden. Der dem smaragdgrünen Neubau Jahrhundert geschaffen worden Überblick über Weltreligionen
deutsche Mathematiker Johan- des Museums Rietberg in Zü- und gehören zur frühen bud- «Ich unterrichte Religion be-
nes Kepler empfahl vor über rich. Sie besuchen die Ausstel- dhistischen Kunst Japans», er- reits nach dem neuen Konzept
400 Jahren, kugelförmige Kör- lung «Kannon – Göttliches Mit- klärt Maya Bührer. Religion und Kultur», sagt die
per in Pyramiden zu stapeln. gefühl». Um 8.30 Uhr geht es Sie bittet die Teilnehmenden zu Lehrerin Lilo Lätzsch. Deshalb
Damit würde die höchste Dichte los. Die Museumspädagogin überlegen, wie eine mehr als besucht sie mit ihrer Klasse den
erreicht. Maya Bührer begrüsst die Ju- zwei Meter grosse Statue auf sie Workshop. «Der Workshop ist
Die Sonderausstellung «Mathe- gendlichen: «Weil wir so früh wirkt und weshalb sie 18 Arme der Start ins Thema Buddhis-
matik erleben» gastiert zum ers- dran sind, müssen wir das Mu- hat. «Das ist ein Symbol», meint mus – Bereits das dritte Thema
ten Mal im deutschen Sprach- seum durch den alten Eingang ein Schüler selbstbewusst. Tat- nach der Reformation und dem
raum. Sie ist im Rahmen der der Villa Wesendonck betreten.» sächlich stehen die vielen Arme Islam. Eines meiner Ziele ist es,
Jubiläumsfeierlichkeiten zu Eh- Es ist eine Premiere. Die Ju- für die vielfältigen Handlungs- den Jugendlichen einen Über-
ren des berühmten Schweizer gendlichen der 1. Klasse der Se- möglichkeiten von Bodhisatt- blick über die Weltreligionen zu
Mathematikers Leonhard Euler kundarschule A Hofacher sind vas. Nach ausgiebigem Betrach- verschaffen.»
vom 2. Juni bis 27. September die ersten, die den neuen Work- ten der filigran geschnitzten Nach der Besichtigung eines
im Naturhistorischen Museum shop besuchen dürfen. Skulptur erhalten die Schüle- Tempelmodells, antiker Schrift-
in Basel zu sehen. Am 1. Juni Die Klasse geht eine hölzerne rinnen und Schüler den Auftrag, rollen und weiterer Objekte
findet neben der Vernissage Treppe hinunter. Sie führt direkt sich in Zweiergruppen anhand schliesst die Klasse den Work-
auch eine «Lange Nacht der ins Innere des Smaragds. Nach eines Fragebogens Gedanken shop ab.
Mathematik» statt. mho einigen weiteren Stufen sind zu «Mitgefühl» zu machen. Das Museum Rietberg bietet
wir am Ziel. Vor uns stehen ehr- Eine rege Diskussion beginnt, aktuell sieben Workshops für
furchtgebietende Skulpturen und die Jugendlichen stellen al- Schulklassen von der Unter- bis
Weiter im Netz Kannons, des Bodhisattva des lerlei Fragen zur Figur. «Was ist zur Oberstufe an. Zudem gibt es
www.euler-2007.ch (Jubiläums- Mitgefühls. Sakrale Objekte, die das für eine komische Frisur? zwei Einführungen für Lehr-
Seiten) nie zuvor ausserhalb der Tem- Wer schnitzte die Figuren? kräfte. Die Sonderausstellung
www.hmb.ch (Historisches Mu- pel ausgestellt wurden. Weshalb ist das Gesicht so «Kannon – Göttliches Mitgefühl»
seum Basel) dick?», wollen sie wissen. Vor findet bis 9. April statt.
www.mathex.org (Seite der Aus- Staunen über die Symbolik lauter Fragen muss Maya Büh- Matthias Hobi
stellung) Die Jugendlichen verstummen, rer gar das Programm ändern.
staunen und setzen sich im «Eigentlich wollte ich noch Weiter im Netz
Halbkreis auf bereitliegende mehr über das Mitgefühl spre- www.rietberg.chBILDUNG SCHWEIZ 3 a I 2007 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15
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Zwischen Silberweiden und Mammutbäumen
Im Zentrum der Projektwoche zum Thema Auenlandschaften steht die direkte Begegnung zwischen
Mensch und Natur. Während einer ganzen Woche können Schülerinnen und Schüler im Kirchspiel Leuggern
den Lebensraum von zahlreichen Tieren und Pflanzen erkunden.
Fotos: Karin Pfister
Die Natur erzählt: Paul Abt zeigt den Schülerinnen und Schülern auf Exkursionen, was die Region Kirchspiel zu bieten hat.
Mit etwas Glück sieht man bei den Wei- ten von Flüssen und Bächen. Durch den sigen Sportplatz zu verwandeln. Ein
hern Werd in Kleindöttingen einen Eis- stetigen Wechsel von Überflutungen und grosser Teil sollte zubetoniert werden»,
vogel. In der grossen Silberweide hausen Trockenperioden verändert sich der Le- erzählt Paul Abt. In den letzten 20 Jah-
Spechte, nicht weit davon entfernt steht bensraum von Tieren und Pflanzen stän- ren hat allerdings ein Umdenken statt-
ein Mammutbaum und gleich dahinter dig. Was auf den ersten Blick nach har- gefunden. Während bis weit ins 20. Jahr-
haben Füchse ihren Bau gegraben. Wer ten Lebensbedingungen aussieht, bringt hundert hinein Flüsse in Betonkorsette
mit Paul Abt, Naturfotograf und seit mehr eine hohe Artenvielfalt hervor. Rund 40 gesteckt wurden und in den vergan-
als 45 Jahren unermüdlicher Kämpfer Prozent aller in der Schweiz heimischen genen 200 Jahren somit rund 90 Prozent
für die Anliegen der Natur, unterwegs Pflanzenarten und 80 Prozent der über der Auenfläche verschwunden sind,
ist, dem entgeht kein Detail im Kirch- 3000 Tierarten finden in den Auen ein setzt man heute auf Renaturierung. «Ei-
spiel Leuggern. Die im Wasserkanton Zuhause. nige Leute finden zwar, dass der Wald
Aargau gelegene Region umfasst die vier mit den vielen Holzhaufen und Dickich-
Gemeinden Böttstein, Full-Reuenthal, Karin Pfister ten nicht schön aussieht, aber für Tiere
Leibstadt und Leuggern. Zusammen mit und Pflanzen sind solche Nischen über-
den beiden Nachbardörfern Koblenz und Gleich vier unterschiedliche Auen sind lebenswichtig», so Paul Abt.
Mandach bieten die sechs Gemeinden im Kirchspiel beheimatet. Eine davon
seit September 2005 Projektwochen für sind die Weiher Werd, ehemalige Aare- Naturnaher Tourismus
Schulklassen an. läufe südlich von Kleindöttingen. Dass Auf die Natur setzt auch dreiklang.ch,
Ein mögliches Thema für eine Projekt- sie heute noch bestehen, ist nicht selbst- der Initiant der Kirchspieler Projektwo-
woche sind die Auenlandschaften. Diese verständlich: «In den 70er-Jahren gab es chen. Der Name dreiklang.ch steht für
findet man in Überschwemmungsgebie- Pläne, die ganze Gegend in einen rie- Aare, Jura, Rhein und hat sich zum ZielBILDUNG SCHWEIZ 3 a I 2007 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . REISEN AKTIV 18
gesetzt, einen naturnahen Tourismus zu von Paul Abt geleitet werden. Bruno Ber- klasse dafür entschieden. Bruno Bernet:
fördern. Bruno Bernet von der Koordina- net: «Die Lehrer können ihr Programm «Unser Angebot ist noch zu wenig be-
tionsstelle der Projektwochen Kirch- selber gestalten. Wir stellen nebst den kannt. Nun haben wir nochmal Werbung
spiel: «Wir wollen, dass unsere schöne Unterlagen auch die Infrastruktur zur gemacht und bereits verschiedene An-
Region auch dem Rest der Schweiz Verfügung, mit zwei Standorten, wo die fragen erhalten. Wir sind zuversichtlich,
bekannter wird und Schulen animiert Schüler übernachten können. Möglich dass es nun endlich richtig losgeht.»
werden, bei uns eine Projektwoche zu ist es auch, eine Kurzprojektwoche von
verbringen.» drei Tagen durchzuführen.» Weiter im Netz
Das Kirchspiel Leuggern ist eine ab- Erfahrungswerte fehlen bisher aller- www.projektwochen.ch
wechslungsreiche Gegend. Natur und dings. Obwohl die Projektwochen seit kontakt@projektwochen.ch
Industrie treffen aufeinander. Neben der rund eineinhalb Jahren angeboten wer- Bruno Bernet, Koordinationssstelle Pro-
reichhaltigen Auenlandschaft, dem be- den, hat sich bis jetzt erst eine Schul- jektwochen Kirchspiel, Tel. 056 269 12 20
kannten Klingnauer Stausee, wo zahl-
reiche Wasservögel leben, gibt es auch
zwei Kraftwerke. Aus diesem Grund ha-
ben sich die Verantwortlichen der Pro- Aug in Aug mit Uhu und Kauz
jektwochen für verschiedene Module
entschieden. Nebst Natur/Auenland- Auf dem Erlebnisspielplatz Wirzweli können sich Kinder austoben und dabei erst noch
schaften können Schulklassen auch Pro- naturkundliche Beobachtungen machen.
jektwochen zu den Themen Energie mit
dem Besuch des Kernkraftwerkes Leib- Ein besonders schöner Erlebnisspielplatz befindet sich in Wirzweli oberhalb von
stadt oder des Flusskraftwerkes Kling- Dallenwil im Kanton Nidwalden. Der Erlebnisspielplatz verfügt unter anderem
nau sowie Ernährung und Landwirt- über eine 535 Meter lange Sommerrodelbahn, ein Baumhaus und eine Wasser-
schaft (unter dem Motto «vom Hof auf stauanlage. Eine weitere beliebte Attraktion ist der Streichelzoo, wo Kinder mit
den Tisch») planen und durchführen. Geissen, Ponys, Eseln, Hasen und Enten auf Tuchfühlung gehen können.
Für Wissbegierige eignet sich der Eulenpfad. Schülerinnen und Schüler erfahren
Flexible Gestaltung vieles über die nachtaktiven Vögel. Schleiereulen-, Bartkauz- und Uhupärchen
Die Verantwortlichen haben für jedes sehen ihnen dabei über die Schulter. Wenn der Magen knurrt, laden der grosse
Modul umfassende Unterlagen vorbe- «Brätliplatz» oder einer der sechs weiteren Feuerstellen zum Verweilen ein.
reitet. Wer sich für Natur und Wasser- Den Spielplatzbesuch verbindet man idealerweise mit einer Wanderung. «Wan-
landschaften entscheidet, erhält ein derwege sind sonnig gelegen und gut markiert», weiss Babs Berlinger von der
Dossier mit Informationen über die Ent- Luftseilbahn Dallenwil-Wirzweli. Laut dem Nidwaldner Schulinspektor, Ernst
stehung der Auen, pädagogische Anre- Mathis, führt eine sehr schöne Wanderung vom Stanserhorn aufs Wirzweli. Das
gungen für die Arbeit mit den Schüle- Stanserhorn erreicht man am Besten mit Stand- und Luftseilbahn. Auf 1900 Me-
rinnen und Schülern sowie Vorschläge tern über Meer gilt es die wunderbare Aussicht auf Obwaldner und Berner Alpen
für Exkursionen, zum Beispiel über Vö- zu geniessen. Dann geht es im Zickzack hinunter zur Alp Holzwang und weiter
gel, Biber, das Leben der Fledermäuse zum Wirzweli. Der Erlebnisspielplatz befindet sich bei der Seilbahnstation. Sind
oder zur Natur im Allgemeinen, welche die Kinder müde, bringt sie die Luftseilbahn rasch nach Dallenwil hinunter. mho
Weiter im Netz
www.stanserhorn.ch (Wanderroute)
www.wirzweli.ch, www.swisstopo.ch
Spielen und be-
obachten: Der
Erlebnisspiel-
platz Wirzweli
oberhalb Dal-
lenwil bietet
beides.
Auenlandschaften sind ein wichtiger
Foto: zVg.
Lebensraum für Tiere und Pflanzen.Sie können auch lesen