Sozial nachrichten - Digitalisierung - lagoefw

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Sozial nachrichten - Digitalisierung - lagoefw
Ausgabe
                                                                                    1/2019

Bayerische

Sozial nachrichten
Mitteilungen der Landesarbeitsgemeinsch aft der öffentlichen und freien Wohlfahrtspflege in Bayern

                                                   Digitalisierung
                                                   in der sozialen Arbeit
Sozial nachrichten - Digitalisierung - lagoefw
eDitoriAL

    Liebe Leserin,
    lieber Leser,
    längst ist klar, dass die Digitalisie-
    rung unserer Arbeitswelt umfassen-
    de Veränderungen mit sich bringt.
    Arbeitsprozesse straffen sich noch-
    mals und setzten die menschliche
    Arbeitskraft in größerem Umfang
    frei, auch wenn zugleich neue Ar-
    beitsplätze entstehen.
    Dennoch „Kein Grund zur Panik“,          den sozialen und kulturellen Dienst-
    so Dr. Klier und stellt im seinem        leistungsberufen werden wir dem
    Zwischenruf entsprechende Zahlen         aktuellen Fachkräftemangel mittels
    vor und benennt wichtige Entwick-        der Digitalisierung nicht begegnen
    lungen und Handlungsansätze.             können, zumal das das Potential hier
                                             lediglich bei 14 Prozent liegt.                             INHALT
    Auch die notwendige Zuwande-
    rung in den deutschen Arbeitsmarkt       Die Bandbreite der Ansätze ist aber
    - die laut Bertelsmann Studie bis        überraschend groß und reicht von
    2060 bei jährlich 260.000 Personen       genutzten Apps über Organisati-
    liegt - fordert eine weitere gesell-     onstools bis hin zu kompletten Ver-
    schaftliche Öffnung und bleibt einw      netzungsplattformen.                   Digitalisierung
    große Herausforderung.                                                          in der sozialen Arbeit
                                             Diese Erfahrungen zum Wohle der
    Sehr schnell wird deutlich, und das      Kunden und haupt- und ehrenamtlich     Digitalisierung den Wandel
    gilt als gemeinsamen Nenner in           Mitarbeitenden spiegelt Jan Ger-       aktiv gestalten                       S. 3
    allen Arbeitsbereichen, ohne eine        spach für den Paritätischen Wohl-
    umfassende Aus-, Fort- und Weiter-       fahrtverband und Reiner Prölß für      Digitales Leben im
    bildung geht es nicht. Hier besteht      den Geschäftsbereich Jugend, Fami-     Dienste der gesellschaft              S. 5
    umfassender Nachholbedarf, insbe-        lie und Soziales der Stadt Nürnberg.
    sondere im Bereich der Helfer und                                               Digitalisierung erfordert
                                             Zuständig für lebensbedrohliche        berufliche Weiterentwicklung          S. 6
    der Fachkräfte.                          Situationen und Notfälle löst das
    Der „Pakt Berufliche Weiterbildung       BRK den Rettungseinsatz „Pflege“       Zwischenruf
    4.0“ ist gerade in diesem Kontext        aus. Wolfgang Obermair fordert ein     Kein grund zur Panikmache             S. 9
    wichtiges gemeinsames Maßnah-            konsequentes Umdenken ein und
    mepaket der Arbeitsmarktakteure          benennt Maßnahmen zur Krisenbe-        „Digitalisierung“ im geschäftsbereich
    und ein Schlüsselinstrument des          wältigung.                             Jugend, Familie und Soziales der
    Arbeitsministeriums um alle - Di-        39 Persönlichkeiten hat der Bay-       Stadt nürnberg                        S. 10
    gital Native und Digital Immigrants
    - mitzunehmen.
                                             erische Landtag mit der Verfas-        impulse setzen und
                                             sungsmedaille ausgezeichnet. Die       Miglieder mitnehmen                   S. 12
    Auf die Unterschiede in Bezug auf        Preisträger im Bereich des sozialen
    das „Substituierbarkeitspotential        Engagements stellen wir in dieser      Bürokratie begrenzen -
    nach Berufssegmenten“ geht Lutz          Ausgabe vor und danken ihnen zu-       Chancen nutzen                        S. 14
    Eigenhüller, wissenschaftlicher Mit-     gleich für ihren Einsatz zugunsten     Praxis
    arbeiter des IAB, unter anderem ein.     unserer Gesellschaft, in der alle
                                                                                    39 Persönlichkeiten mit
    Es wird kaum überraschen, dass die       einen Platz haben müssen.
                                                                                    Verfassungsmedaille ausgezeichnet S. 16
    Anteile an Tätigkeiten, die durch
    computergesteuerte Maschinen                                                    Hartz iV - nicht mit mir!             S. 20
    übernommen werden können, gera-
    de im Bereich der Fertigungsberufe                                              Mitgliedsorganisationen               S. 22
    und fertigungstechnischen Berufe
                                                                                    Panorama                              S. 30
    ein sehr hohes Potential haben. In       Hendrik Lütke

2      Bayerische Sozialnachrichten 1/2019
Sozial nachrichten - Digitalisierung - lagoefw
DigitALiSierung in Der SoziALen ArBeit

Digitalisierung –
  den Wandel
     aktiv gestalten
Die Digitalisierung ist eines der Megathemen unserer
Zeit. Sie wird unsere Gesellschaft so massiv verändern
wie kaum eine andere Entwicklung. Dabei stehen wir
schon längst nicht mehr vor der Frage, ob wir bei der
Digitalisierung mitmachen möchten oder nicht. Wir
müssen uns entscheiden, ob wir die Treiber oder die
Getriebenen dieses Wandels sein wollen. Denn obwohl
die Digitalisierung vielfältige Chancen bietet, um das
Leben der Menschen zu verbessern, gibt es natürlich
keinen Fortschritt ohne Risiken. Damit wirklich alle
vom digitalen Wandel profitieren, müssen wir auch
alle mitnehmen – den Digital Native ebenso wie den
Digital Immigrant.
                                                                                                 Bild: freepik | rawpixel
Es geht darum, Arbeitnehmerinnen und Arbeitneh-
mer fit für die digitale Arbeitswelt zu machen und          Wir setzen alles daran, um die berufliche Weiter-
die digitale Arbeitswelt flexibel, familienfreundlich       bildung zukunftsfest zu machen. Ganz wichtig ist
und sozial ausgewogen zu gestalten. Für Menschen            hier der Pakt für berufliche Weiterbildung 4.0. Er ist
mit Behinderung müssen wir neue Chancen eröffnen.           ein gemeinsames Maßnahmenpaket von allen Ar-
Auch ältere Menschen müssen von der Digitalisierung         beitsmarktakteuren: Die Arbeitgeber sind dabei, die
profitieren. Und es geht auch darum, Kinder und Ju-         Arbeitnehmer, die Kammern, die Arbeitsverwaltung
gendliche behutsam und qualifiziert auf die digitale        und die Staatsregierung. Mit dem Pakt wenden wir
Welt vorzubereiten.                                         uns gezielt an Beschäftigte, vor allem an jene, die in
                                                            der Weiterbildung unterrepräsentiert sind.
             Digitalisierung der Arbeitswelt
                                                            Digitalisierung und flexible Arbeitsformen schaffen
Die Digitalisierung ändert nicht zuletzt unsere Arbeits-    auch neue Vernetzungsmöglichkeiten. Das bringt so-
welt grundlegend. Der technische Fortschritt bringt es      wohl den Arbeitgebern als auch den Arbeitnehmern
mit sich, dass einfache Tätigkeiten durch maschinelle       enorme Vorteile. Für die Unternehmen macht Digita-
Abläufe ersetzt werden. Dadurch entstehen aber auch         lisierung die Prozesse effizienter. Sie sparen so Kosten
neue Berufe. Ein aktuelles Beispiel: Der Kaufmann           und können neue Geschäftsmodelle entwickeln.
im E-Commerce ist die Antwort auf den florierenden
Onlinehandel. Mit den neuen Berufen steigt auch der         Außerdem verbessern flexiblere Arbeitszeit- und Ar-
Bedarf an Fachkräften.                                      beitsortregelungen die Vereinbarkeit von Familie und
                                                            Beruf. In der heutigen Arbeitswelt muss es möglich
Damit der Übergang gelingt, müssen wir den Men-             sein, dass ein Mitarbeiter früher nach Hause geht, um
schen die Angst vor der Digitalisierung nehmen und sie      seinem Kind eine Gute-Nacht-Geschichte vorzulesen.
zu Fachkräften der Zukunft machen. Denn Gewinner            Wichtige Aufträge lassen sich schließlich auch hinter-
der digitalen Revolution werden die Volkswirtschaften       her noch mobil erledigen. Hier müssen wir noch stärker
sein, deren Arbeitskräfte die digitalen Techniken am        umdenken: Die Präsenz am Arbeitsplatz entscheidet
besten beherrschen. Zentrale Stellschraube ist hier die     schließlich nicht über die Qualität der Arbeit oder wie
berufliche Weiterbildung. Sie ist eine Investition in die   schnell sie gemacht wird. Ganz im Gegenteil. Ich bin
Kompetenz der Beschäftigten. Und diese Kompetenz            der Überzeugung: Wir brauchen keine berufsgerechten
ist entscheidender denn je.                                 Familien, sondern familiengerechte Berufe. Die Digita-

                                                                                        Bayerische Sozialnachrichten 1/2019   3
Sozial nachrichten - Digitalisierung - lagoefw
DigitALiSierung in Der SoziALen ArBeit

    lisierung bringt uns diesem Ziel ein großes Stück näher.     Während sich viele ältere Menschen im digitalen
    Darüber hinaus stellt die digitale Arbeitswelt auch neue     Wandel erst zurechtfinden müssen, ist es für Kinder
    Anforderungen an Arbeitsrecht und Arbeitsschutz. Es          und Jugendliche heute ganz normal, mit digitalen Me-
    ist sehr erfreulich, dass der Koalitionsvertrag auf Bun-     dien aufzuwachsen. Das geht so weit, dass sich viele
    desebene hier Anpassungen vorsieht. Die Bayerische           Kinder und Jugendliche gar nicht mehr persönlich
    Staatsregierung unterstützt dieses Vorhaben. Dabei           mit ihren Freunden treffen, sondern ihre Freizeit im
    brauchen wir einen angemessen Interessenausgleich            Klassen-Chat verbringen. Gerade Soziale Netzwerke
    zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Es ist              üben auf junge Menschen eine enorme Anziehungs-
    zum Beispiel unabdingbar, dass die Menschen auch im          kraft aus. Sie vermitteln Handlungsräume, um sich zu
    digitalen Zeitalter sozial gut abgesichert sind. Digitali-   vernetzen, gemeinsame Interessen zu verfolgen und
    sierung und soziale Sicherheit dürfen keine Gegensätze       gesellschaftliche Fragen zu diskutieren. Darin liegen
    sein. Wir wollen soziale Sicherheit selbstverständlich       sehr viele Möglichkeiten. Möglichkeiten, die aber nur
    auch für die neuen Erwerbsformen und -biografien,            dann greifen, wenn digitale Medien die Perspektive
    beispielsweise von Freelancern und Crowdworkern.             junger Menschen widerspiegeln und wenn wir uns
    Das gilt besonders für die Altersvorsorge. Dabei             ernsthaft damit auseinandersetzen, wie sie sich und
    werden wir die Balance aus Eigenverantwortung und            ihre Ideen noch besser einbringen können.
    Solidarität wahren. Auch der Gesundheitsschutz von
    Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern ist sehr wich-           Es kommt also auf die Medienkompetenz an. Medi-
    tig. Denn Phänomene wie die Entgrenzung der Arbeit,          enkompetenz bedeutet, für die Chancen und Risiken
    mobile Beschäftigung und Multitasking können zu psy-         digitaler Medien sensibler zu werden. Und dazu gehört
    chischen Belastungen führen. Das wiederum erfordert          auch, dass Kinder und Jugendliche gezielt abschal-
    neue Präventionsansätze. Was wir also brauchen, ist ein      ten lernen. Das ist in Zeiten der Digitalisierung eine
    Ordnungsrahmen für die Soziale Marktwirtschaft im            Schlüsselkompetenz wie Lesen und Schreiben. Unser
    digitalen Zeitalter. Mit offenen Blick für die Chancen       neues Zentrum für Medienkompetenz in der Frühpä-
    der Digitalisierung, aber auch Sensibilität für die Ri-      dagogik (ZMF), das im Herbst 2018 seine Tätigkeit
    siken dieser Entwicklung. Wenn wir hier die richtigen        aufgenommen hat, leistet hier wertvolle Arbeit. Es
    Weichen stellen, können wir von der Digitalisierung          stellt sich der Frage, wie zukünftig Fachkräfte in Kin-
    erheblich profitieren.                                       dertageseinrichtungen, aber auch Eltern und Kinder
                                                                 mehr Medienkompetenz bekommen können.
               Chancen nutzen – keinen zurücklassen              Die Digitalisierung ist längst in unserem Alltag an-
    Von der Digitalisierung profitieren heißt, für alle die      gekommen. Sie durchdringt unser ganzes Leben und
    richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen. Wir wollen          schreitet unaufhaltsam voran. Mir ist es wichtig, den
    das große Potenzial der Digitalisierung deshalb auch         damit verbundenen Sorgen mit konkreten Lösungen
    für Menschen mit Behinderung besser ausschöpfen.             zu begegnen.
    Die Digitalisierung kann Barrieren abbauen. Digitale
    Barrierefreiheit heißt ganz konkret, dass Menschen           Die Digitalisierung muss den Menschen dienen und
    mit Behinderung die digitale Welt ohne fremde Hilfe          nicht umgekehrt. Wenn es uns gelingt, dass stets der
    nutzen und einen Internet-Auftritt wahrnehmen, ver-          Mensch im Mittelpunkt bleibt, werden alle von der
    stehen, navigieren und mit ihm interagieren können.          Digitalisierung profitieren. Bei dieser Herausforderung
    Das verbessert die Teilhabe von Menschen mit Behin-          sind wir alle gefragt.
    derung und erleichtert ihnen außerdem den Zugang
    zum Arbeitsmarkt.

    Auch die ältere Generation profitiert von der Digita-
    lisierung, denn der digitale Fortschritt unterstützt bei-
    spielsweise ein selbstbestimmtes Leben im Alter. Mit
    modernen technischen und digitalen Lösungen (AAL
    – Ambient Assisted Living) können ältere Menschen
    auch bei Hilfe- oder Pflegebedürftigkeit im gewohn-
    ten Wohnumfeld bleiben. Und damit Seniorinnen und
    Senioren im Umgang mit digitalen Medien nicht ab-
    gehängt werden, unterstützen wir Schulungsangebote           Kerstin Schreyer, MdL
    in den bayerischen Mehrgenerationenhäusern.                  Bayerische Staatsministerin für Familie, Arbeit und Soziales

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Sozial nachrichten - Digitalisierung - lagoefw
DigitALiSierung in Der SoziALen ArBeit

Digitales Leben im Dienste
der Gesellschaft
Die Digitalisierung wirkt sich massiv auf unser
aller Leben aus. Das betrifft nicht nur die Annehm-
lichkeiten im privaten Bereich. Sie stellt uns auch
vor Herausforderungen in der Berufswelt. Denn
Künstliche Intelligenz und Roboter können mitt-
lerweile immer mehr Aufgaben übernehmen. Das
schürt natürlich Ängste in der Bevölkerung vor
der Verlagerung oder gar dem Verlust von Arbeits-
plätzen. Klar muss sein, dass die Digitalisierung
im Diensten der Menschen und der Bevölkerung
steht. Es muss heißen: Mensch UND Maschine, nicht                                                                                 cto
                                                                                                                                     r
                                                                                                                               lve
Mensch gegen Maschine. Standardisierte Arbeiten                                                                            ful
                                                                                                                    ik |
von KI und Robotern sollen uns das Arbeiten erleich-                                                             eep
                                                                                                           d : fr
tern, nicht ersetzen. Natürlich verändern sich mit der                                                 Bil
digitalen Entwicklung auch die Arbeitsplätze und
klassische Berufsformen. Der zunehmende Online-          Wir wollen langfristig jedes Jahr 50 Frauen zwischen
handel braucht weniger Einzelhandelskaufmänner als       18 und 30 für jeweils zwei Jahre bei ihrem Weg in di-
vielmehr Kaufmänner in E-Commerce. Das heißt, dass       gitale Berufe begleiten und unterstützen. Dabei helfen
neue Arbeitsplätze entstehen. Dies spiegelt sich auch    auch weibliche Vorbilder in technischen oder digitalen
in aktuellen Prognosen des Bundesministeriums für        Berufen, die mich bei BayFiD unterstützen. Für mich
Arbeit wieder: 1,3 Millionen Jobs, die bis 2025 durch    ist ein wesentlicher Punkt: Je mehr Frauen in Digital-
die Digitalisierung in Deutschland verloren gehen,       berufen oder im technischen Bereich Führungspositi-
stehen insgesamt 2,1 Millionen neue Stellen gegenüber    onen erlangen, desto mehr fühlen sich junge Frauen
– ein Stellenzuwachs von immerhin ca. 800.000. Es        und Mädchen motiviert, ebenfalls diese Richtung
ist also enorm wichtig, den Transformationsprozess       einzuschlagen. Und je früher wir den aktuellen Trend
aktiv mitzugestalten. Das erfordert von uns allen ein    umkehren, desto mehr Frauen sind auf den digitalen
lebenslanges Lernen. Zentral sind dabei Bildung und      Wandel eingestellt und gestalten ihn aktiv mit.
Ausbildung und eine Anpassung der Sozialversiche-
rungssysteme an neue Formen der Selbstständigkeit.       Klar ist, dass sich der technologische Fortschritt nicht
Das fängt schon mit IT- und Medienkompetenzen            aufhalten lässt und es auch in Zukunft immer wieder
in der Schule an, erstreckt sich auf stetige Aus- und    Veränderungen in der Arbeitswelt geben wird. Diese
Weiterbildungen der Menschen, die bereits voll im        Diskussion gab es bereits, als der Computer erfunden
Berufsleben stehen, und reicht bis zu gezielter Unter-   wurde und wird es auch beim nächsten Entwicklungs-
stützung besonders von älteren Menschen, die bislang     sprung geben. Entscheidend ist dabei, alle Menschen
kaum oder wenig Berührungspunkte mit der digitalen       bei diesen Veränderungen mitzunehmen und keinen
Welt hatten.                                             zurückzulassen. Wir wol-
                                                         len keine digitalen Eliten,
Das Bayerische Staatsministerium für Digitales leistet   wir wollen ein digitales
hier seinen Beitrag. Denn die Zahlen sprechen auch,      Leben im Dienste der Ge-
was den Anteil der Frauen in digitalen Berufen angeht,   sellschaft.
eine klare Sprache: Nur rund 20 Prozent der Informa-
tik-Studierenden und nur 17 Prozent der Akademiker
in IT-Kernberufen sind Frauen. Wir müssen Frauen
und Mädchen möglichst frühzeitig für digitale Themen
begeistern. Daher habe ich auch nach nur einem Monat
im Amt hierauf ein besonderes Augenmerk gelegt und
die Initiative „Bayerns Frauen in Digitalberufen – Fit                                 Judith Gerlach, MdL
für den digitalen Wandel“, kurz „BayFiD“, gestartet.                           Bayerische Staatsministerin für Digitales

                                                                                     Bayerische Sozialnachrichten 1/2019         5
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DigitALiSierung in Der SoziALen ArBeit

                             Digitalisierung erfordert
                           berufliche Weiterentwicklung
    Im Zusammenhang mit den möglichen Folgen der
    Digitalisierung für den Arbeitsmarkt wird häufig dar-
    über diskutiert, inwieweit Tätigkeiten, die bislang von
    Menschen ausgeübt werden, durch Computer und
    computergesteuerte Maschinen übernommen
    werden könnten und welche Beschäfti-
    gungseffekte damit verbunden sein könn-
    ten. Das Institut für Arbeitsmarkt- und
    Berufsforschung (IAB) hat sich dieser
    Frage frühzeitig u. a. durch die Analyse
    der sogenannten Substituierbarkeitspo-
    tenziale von Berufen angenähert (vgl.
    Dengler/Matthes 2015). Da digitale
    Technologien sich schnell weiterentwi-

                                                                                                             Bild: freepik | rawpixel
    ckeln, Berufsbilder sich verändern und
    auch neue Berufe entstehen, wurden
    diese Analysen im Jahr 2018 aktuali-
    siert. Die Ergebnisse dieser Aktuali-
    sierung liegen sowohl für Deutschland
    (vgl. Dengler/Matthes 2018) als auch im
    Bundeslandvergleich (vgl. Dengler/Matthes/Wydra-
    Somaggio 2018) und für Bayern vor (vgl. Eigenhüller/       sind und dementsprechend Handlungsbedarf bestehen
    Rossen/Böhme 2018). Im Folgenden werden zentrale           kann (vgl. Dengler/Matthes/Wydra-Somaggio 2018).
    Punkte dieser Analysen kurz zusammengefasst.
                                                               Darüber hinaus ist in der Diskussion um die Folgen
    Substituierbarkeitspotenziale geben den Anteil der         der Digitalisierung für die Beschäftigung zu berück-
    Tätigkeiten eines Berufs an, der bereits heute durch       sichtigen, dass der Einsatz von digitalen Technologien
    Computer und computergesteuerten Maschinen über-           auch Arbeitsplätze sichern sowie neue Arbeitsplätze
    nommen werden könnte. Grob gesagt handelt es sich          schaffen kann. So werden in Folge der Digitalisierung
    dabei um den Anteil der manuellen und kognitiven           bspw. neue Produkte und Dienstleistungen angeboten
    Routinetätigkeiten an allen Tätigkeiten eines Berufs.      und nachgefragt, wodurch Arbeitsplätze entstehen
    Bei der Interpretation der Substituierbarkeitspotenziale   können. Der Einsatz von digitalen Technologien könnte
    ist zu berücksichtigen, dass sich diese ausschließlich     auch Produktivitätssteigerungen bewirken, die sich
    auf die technische Machbarkeit einer Digitalisierung       in Preissenkungen, einer steigenden Nachfrage und
    von Tätigkeiten beziehen. Dass etwas technisch             einem daraus folgenden Aufbau von Arbeitsplätzen
    machbar ist, bedeutet aber nicht notwendigerweise,         niederschlagen könnten. Diese Dimension der Digita-
    dass es tatsächlich umgesetzt wird. Ob und inwieweit       lisierung wird über die Substituierbarkeitspotenziale
    Substituierbarkeitspotenziale realisiert werden, ist       nicht abgebildet.
    von vielen verschiedenen Faktoren abhängig. Dazu
    zählen z. B. Rahmenbedingungen wie Gesetze, ethi-          Die höchsten Substituierbarkeitspotenziale errechnen
    sche Überlegungen oder Lohn- und Investitionskosten.       sich für Fertigungsberufe und Fertigungstechnische
    Daher können (hohe) Substituierbarkeitspotenziale          Berufe, die vor allem im Verarbeitenden Gewerbe zu
    auch nicht einfach als Voraussage bzgl. der Größe von      finden sind. Relativ niedrige Substituierbarkeitspoten-
    Arbeitsplatzverlusten durch die Digitalisierung inter-     ziale weisen dagegen personennahe Dienstleistungs-
    pretiert werden. Substituierbarkeitspotenziale können      berufe auf (vgl. Abbildung 1). Hierzu zählen auch die
    allerdings Hinweise darauf geben, wo technologische        Gesundheitsberufe und die sozialen Dienstleistungs-
    Potenziale hinsichtlich der Ersetzbarkeit vorhanden        berufe, die Kernberufe der Wohlfahrtspflege sind. Im

6      Bayerische Sozialnachrichten 1/2019
Sozial nachrichten - Digitalisierung - lagoefw
DigitALiSierung in Der SoziALen ArBeit

Vergleich zu den ersten Analysen sind die Substituier-        Abbildung 2: Substituierbarkeitspotenzial nach Anfor-
barkeitspotenziale in den meisten Berufen gestiegen.          derungsniveau in Bayern (in Prozent)
Am stärksten fiel dieser Anstieg in den Verkehrs- und
Logistikberufen sowie in den Unternehmensbezo-
genen Dienstleistungsberufen aus. Zurückzuführen
ist dies darauf, dass in den letzten Jahren digitale
Technologien (weiter-)entwickelt wurden bzw. die
Marktreife erlangten und sich dadurch beispielsweise
für Arbeitsplätze in der Intralogistik, aber auch in der
Verwaltung neue Möglichkeiten der Automatisierung
                                                              Quelle: BERUFENET (2016); Beschäftigungsstatistik der Bun-
und Digitalisierung eröffneten.                               desagentur für Arbeit (Stand: 31.12.2016);
                                                              eigene Berechnungen.
Für zwei Berufssegmente, die IT- und Naturwissen-
schaftlichen Dienstleistungsberufe und die medizi-            Basierend auf diesen Analysen lässt sich dann auch die
nischen und nichtmedizinischen Gesundheitsberufe,             Frage beantworten, wie viele Beschäftigte aufgrund
errechnet sich allerdings auch ein Rückgang des               ihrer Berufs-Anforderungsniveau-Kombination von
Substituierbarkeitspotenzials. Hierfür ist z. B. verant-      einem hohen Substituierbarkeitspotenzial (> 70 Prozent)
wortlich, dass im Berufsbild der Krankenpflege einige         betroffen sind (vgl. Abbildung 3). In Bayern sind dies
substituierbare administrative Tätigkeiten gegenüber          gut 26 Prozent aller sozialversicherungspflichtig
den nichtsubstituierbaren Tätigkeiten an Gewicht              Beschäftigten (Deutschland: 25 Prozent). Im Vergleich
verloren haben.                                               zur Vorgängeranalyse stieg dieser Anteil damit um
                                                              knapp 11 Prozentpunkte. Auch für die verschiedenen
Abbildung 1: Substituierbarkeitspotenzial nach Be-            Anforderungsniveaus zeigt sich ein Anstieg. Dies
rufssegmenten in Bayern (in Prozent)                          gilt insbesondere für die Beschäftigten auf dem
                                                              Helferniveau, von denen nun 50 Prozent von einem
                                                              hohen Substituierbarkeitspotenzial betroffen sind.
                                                              Aber auch bei den Fachkräften ist dieser Anteil
                                                              erheblich gewachsen und beträgt jetzt 29 Prozent. Diese
                                                              Entwicklung bedeutet nicht, dass diese Arbeitsplätze
                                                              sofort oder in der nahen Zukunft verloren gehen. Der
                                                              Anstieg kann aber als Hinweis darauf gesehen werden,
                                                              dass das Thema der Folgen der Digitalisierung für die
                                                              Beschäftigung in den letzten Jahren weiter an Relevanz
                                                              gewonnen hat.

                                                              Abbildung 3: Betroffenheit der sozialversicherungs-
                                                              pflichtig Beschäftigten von einem hohen Substituier-
                                                              barkeitspotenzial (> 70 Prozent) insgesamt und nach
                                                              Anforderungsniveau in Bayern (in Prozent)
 Quelle: BERUFENET (2016); Beschäftigungsstatistik der Bun-
desagentur für Arbeit (Stand: 31.12.2016);
eigene Berechnungen.

Zusätzlich zur Ebene der Berufe wurden die Substi-
tuierbarkeitspotenziale auch für Anforderungsniveaus
berechnet (vgl. Abbildung 2). Über alle Berufe hinweg
zeigt sich dabei, dass das Substituierbarkeitspotenzial
auf dem Helferniveau am höchsten ist, auf dem Fach-
kraftniveau aber ebenfalls einen beachtlichen Wert
erreicht. Deutlich geringer ist es dagegen auf dem
Experten- und auf dem Spezialistenniveau. Ein Anstieg
des Substituierbarkeitspotenzials ist allerdings auf al-
                                                              Quelle: BERUFENET (2016); Beschäftigungsstatistik der
len Anforderungsniveaus zu beobachten, am stärksten
                                                              Bundesagentur für Arbeit (Stand: 31.12.2016);
fiel er für Tätigkeiten auf dem Helferniveau aus.             eigene Berechnungen.

                                                                                            Bayerische Sozialnachrichten 1/2019   7
Sozial nachrichten - Digitalisierung - lagoefw
DigitALiSierung in Der SoziALen ArBeit

    Schließlich stieg der Anteil der Beschäftigten, die mit   technischen Gesichtspunkten zugunsten der Kundinnen
    einem hohen Substituierbarkeitspotenzial konfron-         und Kunden sowie der Beschäftigten wirksam werden.
    tiert sind, auch in allen bayerischen Landkreisen und     Gleichzeitig dürfte dies bedeuten, dass auch die Be-
    kreisfreien Städten (vgl. Eigenhüller/Rossen/Böhme        rufsbilder und die Aus- und Weiterbildungsgänge für
    2018). Im Ergebnis reicht die Spannweite von knapp        soziale Berufe und medizinische und nichtmedizini-
    15 Prozent für die Stadt München bis zu knapp 52 Pro-     sche Gesundheitsberufe entsprechend weiterentwickelt
    zent für den Landkreis Dingolfing-Landau. Tendenziell     werden sollten, um die entsprechenden Kompetenzen
    finden sich Regionen mit relativ hohen Anteilen vor       zum Umgang mit diesen Technologien sicherzustellen.
    allem in Nordbayern, Ostbayern, Westmittelfranken         Hier sind die verantwortlichen Akteure gefragt, dafür
    und Schwaben. Vergleichsweise geringe Anteilswerte        zu sorgen, dass entsprechende Anpassungen rechtzeitig
    ergeben sich dagegen für die Stadt München und einige     umgesetzt werden.
    Kreise aus dem Ballungsraum München, sowie Gar-
    misch-Partenkirchen und einige Städte wie Erlangen,       Literatur
    Würzburg oder Nürnberg. Höhere Anteile finden sich        Dengler, Katharina; Matthes, Britta (2018):
    also in der Regel dort, wo das Verarbeitende Gewerbe      Substituierbarkeitspotenziale von Berufen: Wenige Berufsbilder
                                                              halten mit der Digitalisierung Schritt. IAB-Kurzbericht,
    und damit auch Fertigungsberufe und Fertigungstech-       04/2018, Nürnberg. [http://doku.iab.de/kurzber/2018/kb0418.pdf
    nische Berufe mit hohen Substituierbarkeitspotenzialen    Dengler, Katharina; Matthes, Britta; Wydra-Somaggio, Gabriele
    vergleichsweise stark vertreten sind. Dominieren in       (2018): Regionale Branchen- und Berufsstrukturen prägen
    einer Region Dienstleistungsberufe und/oder Tätig-        die Substituierbarkeitspotenziale. IAB-Kurzbericht, 22/2018,
    keiten auf hohem Anforderungsniveau sind die Werte        Nürnberg. [http://doku.iab.de/kurzber/2018/kb2218.pdf]]
    dagegen geringer.                                         Eigenhüller, Lutz; Rossen, Anja; Böhme, Stefan (2018): Folgen
                                                              der Digitalisierung für den Arbeitsmarkt in Bayern. Aktualisierte
                                                              Substituierbarkeitspotenziale. IAB-Regional. Berichte und
                                     Fazit                    Analysen aus dem Regionalen Forschungsnetz. IAB Bayern,
                                                              02/2018, Nürnberg. [http://doku.iab.de/regional/BY/2018/
    Die Ergebnisse der Analysen zu den Substituierbar-        regional_by_0218.pdf]
    keitspotenzialen können als nachdrücklicher Hinweis
    darauf gelesen werden, dass Bildung, Ausbildung und
    Weiterbildung ein zentraler Bereich sein dürften, um
    die Digitalisierung der Arbeitswelt in ihren Folgen
    für die Individuen und die Gesellschaft positiv zu
    gestalten. Dazu gehört auch, Berufsbilder kontinuier-
    lich weiterzuentwickeln und die Möglichkeiten, die
    digitale Technologie für Bildung und Qualifizierung
    bietet, sinnvoll zu nutzen. So gilt bspw. auch für das
    Gesundheits- und Sozialwesen, dass die Möglichkeiten
    des Einsatzes von digitalen Technologien - sei es in
    Form von Computertechnologie, sei es in Form von
                                                              Lutz Eigenhüller
    Robotern – in den nächsten Jahren weiter zunehmen         Wissenschaftlicher Mitarbeiter
    dürften. Und diese Möglichkeiten sollten sicherlich       institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (iAB)
    auch wahrgenommen werden, solange sie unter Be-           regionales Forschungsnetz
    rücksichtigung von ethischen oder auch datenschutz-       email: lutz.eigenhueller@iab.de

                                                                                                                     Anzeige -

8      Bayerische Sozialnachrichten 1/2019
Sozial nachrichten - Digitalisierung - lagoefw
zWiSCHenruF

                   Kein Grund zur Panikmache!

                                                                                 Dr. Manfred Klier
                                                                                                            husses
                                                                                 Vorsitzender des Fachaussc
                                                                                                            g Ö/F
                                                                                 Arbeitsmarktpolitik der LA
                                                                                                             dt.nuernberg.de
O
         bwohl das Institut für Ar-
         beitsmarkt- und Berufsfor-                                               email: manfred.klier@sta
         schung der Bundesagentur
für Arbeit in einem Szenario für
Bayern prognostiziert, dass bis 2035
infolge der Digitalisierung der Ar-
beitswelt zwar 239.000 Arbeits-
plätze wegfallen, umgekehrt jedoch      von Senior Robots in der Pflege, nur     Fachausschuss Arbeitsmarktpoli-
auch 231.000 neue Arbeitsplätze         sehr eingeschränkt automatisierbar.      tik der LAG Ö/F, die bestehenden
entstehen, besteht kein Grund, sich     Generell besteht meines Erachtens        Qualifizierungs- und Weiterbil-
wegen dieses überschaubaren ne-         auch kein Grund zur Panikmache!          dungsprogramme auf Bundes- und
gativen Deltas von 8.000 Arbeits-       Es gibt gute Datengrundlagen um          Landesebene für Personen ohne
plätzen entspannt zurückzulehnen.       entsprechende kompensatorische           Berufsabschluss bzw. Personen in
Erstens können wir nicht davon          Handlungsstrategien entwickeln           Helferberufen optimal zu verzahnen
ausgehen, dass die Personen, die        zu können, in deren Fokus Bil-           und bei Bedarf sinnnvoll zu ergän-
wegfallende Arbeitsplätze besetzen      dung, Berufsausbildung und Wei-          zen. Allerdings sollten wir uns nicht
1:1 in neu entstehende Arbeitsplätze    terbildung stehen. Schulabgänger         der Illusion hingeben, den Arbeits-
überwechseln können, da sich die        ohne Schulabschluss oder Jugend-         kräftebedarf der Zukunft in Bayern
Anforderungen der neuen Arbeits-        liche ohne Berufsabschluss haben         und Deutschland durch verstärkte
plätze von den Anforderungen der        in der digitalisierten Arbeitswelt       Qualifizierung und Weiterbildung
wegfallenden Arbeitsplätze elemen-      nur schlechte Chancen auf einen          decken zu können. Wie die aktuelle
tar unterscheiden und in der Regel      auskömmlichen Arbeitsplatz. Aus          Studie der Bertelsmann-Stiftung
eine wesentlich höhere Expertise        diesen Gründen nimmt Bildung und         „Zuwanderung und Digitalisierung“
erfordern. Zweitens stellen die damit   Weiterbildung einen immer höheren        konstatiert, erfordert die demogra-
in Zusammenhang stehenden Substi-       Stellenwert in der Berufswelt ein.       phische Entwicklung in unserem
tuierbarkeitspotenziale nach Berufs-    Gleichzeitig besteht ein erhebli-        Land bis 2060 eine jährliche Zuwan-
segmenten oder Anforderungsprofile      cher Nachholbedarf insbesondere in       derung von ca. 260.000 Personen in
keine statischen Größen dar, sondern    der Weiterbildungsbeteiligung von        den deutschen Arbeitsmarkt.
verändern sich im Laufe der Zeit.       niedrigqualifizierten und gering-
                                        verdienenden Beschäftigten, also         Die Digitalisierung verändere die-
Neue technische Möglichkeiten           denjenigen Beschäftigungsgruppen,        sen Arbeitskräftebedarf nur gering-
führen zu veränderten – höheren         deren Arbeitsplätze stärker durch        fügig, es gebe jedoch einen star-
- Substituierbarkeitspotenzialen.       die Digitalisierung gefährdet sind.      ken Trend zu hochqualifizierten
Dabei weisen, wie Lutz Eigenhüller                                               Experten. Da jedoch immer mehr
in seinem Beitrag aufzeigt, soziale     Liegt die Teilnahmequote in der          Menschen höhere Qualifikationen
und kulturelle Dienstleistungsbe-       beruflichen Weiterbildung in Bayern      erwerben und sehr viele Menschen
rufe mit 14 Prozent das geringste       im ersten Halbjahr 2017 bei Perso-       mit Berufsausbildung aus dem Be-
Substituierbarkeitspotenzial nach       nen mit Hochschulabschluss bei 55        rufsleben ausscheiden, sei jedoch
Berufssegmenten in Bayern auf.          Prozent, fällt diese bei Beschäftigten   eher mit einer Entspannung bei den
Soziale, personenbezogene Dienst-       mit einfachen Tätigkeiten auf 15         Akademiker-Engpässen und einer
leistungsberufe sind somit, zumin-      Prozent!                                 Verschärfung beim Arbeitskräfte-
dest zum gegenwärtigen Zeitpunkt,                                                bedarf im Bereich der mittleren
trotz z.B. des partiellen Einsatzes     Aus diesen Gründen fordert der           Qualifikationen zu rechnen!

                                                                                           Bayerische Sozialnachrichten 1/2019   9
Sozial nachrichten - Digitalisierung - lagoefw
DigitALiSierung in Der SoziALen ArBeit

     „Digitalisierung“ im geschäftsbereich
     Jugend, Familie und Soziales der Stadt nürnberg1
     1. Warum ein Digitalisierungsdiskurs im geschäftsbereich?
     Zur Einführung in das Themengebiet „Digitalisierung
     im Geschäftsbereich Jugend, Familie und Soziales der
     Stadt Nürnberg“ einige grundsätzliche Anmerkungen:
     Ich bin einerseits erstaunt und betroffen mit welch na-
     iver, unkritischer und oft euphorischer Heilserwartung
     neue digitale Optionen gehypt werden und anderseits
     mit welchem Desinteresse, Ignoranz, Abwehrverhalten
     man diesen Entwicklungen gegenübersteht.
     Wir haben uns vor gut einem Jahr dafür entschieden,
     uns intensiv mit der Frage der Digitalisierung im Ge-
     schäftsbereich auseinanderzusetzen. Dabei beginnen
     wir nicht bei Null! Seit vielen Jahren gibt es in unse-
     rem Geschäftsbereich eine Offenheit für technische
     Möglichkeiten und Innovationen. Ebenso ist seit vielen
     Jahren in den verschiedenen pädagogischen Aufgaben-
     feldern der Aspekt der digitalen Möglichkeiten, Spiele,
     soziale Medien, Medienerziehung und Jugendschutz
     ein Schwerpunkt der Arbeit.
                                                                                                  Foto: freepik | rawpixel.com
     Klar ist, dass alle Aufgabenbereiche des Geschäfts-
     bereichs von den Entwicklungen betroffen sind. Ich          sich Möglichkeiten der Entörtlichung durch mobile
     möchte mich in den nachfolgenden Ausführungen               Endgeräte, für alle die, die Hausbesuche und aufsu-
     jedoch auf die Aufgaben des Jugendamtes mit einer           chende Arbeit leisten.
     unvollständigen und auch willkürlichen Auswahl von
     Möglichkeiten konzentrieren.                                Gerade im Bereich der klassischen Leistungsverwal-
                                                                 tung wie in verschiedenen Bereichen des Jugendamtes
                                                                 – Wirtschaftliche Jugendhilfe, Unterhaltsvorschuss-
                  2. Möglichkeiten und grenzen der               gesetz, Bafög, Zuschussbearbeitung etc. -, aber auch
             Digitalisierung am Beispiel des Jugendamtes         im Sozialamt und im Jobcenter werden mittelfristig
     Die digitalen Möglichkeiten sind heute in der kommu-        Anträge, Berechnungen direkt online beantragt und
     nalen Sozialpolitik und sozialen Arbeit schon weiter        berechnet werden können. Zusätzlich kann auch das
     als die technische und organisatorische Umsetzung.          Widerspruchsverfahren automatisiert werden. Gleich-
     Deshalb ist die Botschaft I: Ja, zahlreiche Tätigkeiten     zeitig erfordert das aber auch ein Mehr an Beratungs-
     und damit Arbeitsplätze werden wegfallen! Gleich-           leistungen und wir müssen bei all unseren Planungen
     zeitig gilt aber auch die Botschaft II, die ebenfalls       digital denken, aber auch die Option analoger Bearbei-
     von seriösen Studien bestätigt wird: Wir brauchen           tung ermöglichen, denn sonst grenzen wir Menschen
     zusätzliche Arbeitskräfte, insbesondere im Bereich der      aus. Ich erwarte in diesen klassischen Verwaltungsbe-
     medizinischen, pflegerischen sowie Erziehungsberu-          reichen die größten und am schnellsten stattfindenden
     fen und im Bereich von haushalts- und familiennahen         Umbrüche. Hier müssen wir aber aufpassen, dass
     Dienstleistungen. Daraus erfolgt die Botschaft III:         diese Möglichkeiten mit größter Sorgfalt geplant und
     Wir werden alle sukzessive unsere Arbeitsweise und
                                                                 1
     Arbeitsorganisation, aber auch unsere Arbeitsinhalte          Dieser Beitrag ist im Wesentlichen ein Auszug aus dem Vortrag
     verändern müssen. Das betrifft unsere Arbeits- und          „Warum `Digitalisierung´uns alle angeht!“, der vom Autor
                                                                 am Fachtag Digitalisierung des Jugendamtes am 15.11.2018
     Arbeitsplatzorganisation, es bietet sich die Chance der     in Nürnberg gehalten wurde. Dieser Beitrag ist nachzulesen
     flexibleren Gestaltung von Arbeitszeiten, verbunden         unter: https://www.nuernberg.de/imperia/md/sozialreferat/
     aber mit der Gefahr der Entgrenzung, und es eröffnen        dokumente/75_warum_digitalisierung_uns_alle_angeht.pdf

10      Bayerische Sozialnachrichten 1/2019
DigitALiSierung in Der SoziALen ArBeit

programmiert werden, dass es nicht zu Ausgrenzungen          Vielleicht wird ja in Zukunft Erziehung und Unter-
kommt und dass komplexe Sachverhalte im Einzelfall           stützung von Erziehung individuell durch Apps und
dann auch ein Korrektiv durch menschliche Bearbei-           künstliche Intelligenz gesteuert. Ich meine jetzt nicht
tung finden werden.                                          die diversen Erziehungsberatungsportale, z.B. das der
                                                             Bundeskonferenz für Erziehungsberatung e.V. für
Weiterhin wird das Online-Portal Kitaplatz der Stadt         Eltern und Jugendliche. Inzwischen gibt es Apps für
Nürnberg demnächst erfolgreich ans Netz gehen. Aber          Eltern, z.B. eine namens „Muse“ in Großbritannien,
sind wir im digitalen Zeitalter hier nicht mittelalterlich   die übernimmt ganz individuell die Erziehung des
unterwegs? Warum sorgen wir nicht dafür, dass die            Kindes. Man kann sie abonnieren und bekommt nicht
einzelnen Kitas ihr konkretes pädagogischen Konzept          nur regelmäßig die Empfehlung zum Umgang mit dem
einstellen und die Eltern abgefragt werden, was ihnen        Kind, sondern kann auch in konkreten Situationen
wichtig ist und wir dann gleich eine Empfehlung oder         anrufen und bekommt sofort Hinweise was man am
Zuweisung für die geeignetste Kita zurückmelden und          besten mit dem Kind tun soll.
uns die Vorstellungsbesuche ersparen? Auch wären wir
durchaus schon in der Lage, auch den Erfolg und die          Wir müssen vieles klären und ich finde die Diskussion
Wirksamkeit in den Kitas besser zu bewerten, indem           darüber ist spannend und macht Lust: Wie gehen wir
wir bestimmte Kind bezogene sozioökonomische und             mit den neuen Medien in Kindertageseinrichtungen
soziokulturelle Daten eingeben, die Umsetzung von            um? Brauchen wir ein Tablett? Verbieten wir Smart-
Angeboten z.B. zur Sprachförderung, musischen oder           phones in Horten? Sorgen wir ausreichend noch für die
naturwissenschaftlicher Bildung, Elternarbeit etc. in        Entwicklung der Feinmotorik, Bewegung, Sport und
der jeweiligen Kita und eine Testung anhand von Indi-        Musik? Schließen wir uns Empfehlungen an, bei Kin-
katoren, die computergestützt erfolgt. Schlussendlich        dern unter 10 Jahren kein Smartphone? Wie erziehen
können wir damit auch die pädagogische Qualität der          wir unter diesen Bedingungen zum „mündigen Bür-
sozialpädagogischen Fachkräfte bemessen. In USA              ger“, der die Mechanismen der die global agierenden
setzen Schulbehörden solche Assessment-Tools, z.B.           Konzerne durchschaut und seine Datensouveränität
namens IMPACT bereits ein. Lehrkräfte deren Scores           behauptet.
unterhalb eines bestimmten Levels liegen, bekommen
ein Problem.                                                 Bereits diese wenigen Beispiele zeigen die Ambivalenz
                                                             von Digitalisierung in unterschiedlichen Bereichen der
Ein anderes Beispiel: Es wird modellhaft schon daran         Kinder- und Jugendhilfe und Sozialpolitik. Auf der
gearbeitet, dass die verschiedenen familienbezogenen         einen Seite erleichtern und verbessern sie die Arbeit
Leistungen und erforderlichen Anmeldungen in einem           und ermöglichen für die Betroffenen mehr Chancen
digitalen one-stop-shop erledigt werden können, also         und Möglichkeiten. Auf der anderen Seite macht sich
von der Anmeldung im Standesamt, der Beantragung             zu Recht ein diffuses Gefühl breit, ob und inwieweit
von Kindergeld und Erziehungsgeld usw., alles Stress-        es ethisch und moralisch vertretbar ist, menschliche
faktoren für die junge Familie.                              Bearbeitung mit Ermessensspielräume oder perso-
                                                             nale Interaktion z.B. in Beratungsprozessen zu
Noch ein kurzer Blick auf sog. prädikative Modelle. Sie      substituieren.
sind der Versuch aufgrund von Indikatoren bestimmte
Risiken zu identifizieren und entsprechend zu antizipie-
ren. Daraus leitet sich dann ab, welche Intervention die
erfolgsversprechendste ist. Die Maschine wird immer
wieder mit den Verhaltensveränderungen der Betroffe-
nen „gefüttert“, die automatisch ausgewertet werden.
Damit optimiert sich das System ständig selbst. Ein
solches Verfahren würde sich für frühe Hilfen, die
ASD-Arbeit oder im Rahmen der Hilfen zur Erziehung
eignen. Es ist viel mehr als eine elektronische Fallakte,
denn es bewertet und beurteilt auch die Zielerreichung
und erstellt Prognosen. Allerdings erfolgt hier eine
Zuschreibung von bestimmten Merkmalen und so wer-
den Mechanismen der Stigmatisierung perfektioniert.          Reiner Prölß
Solche Modelle sind heute schon machbar und in den           referent für Jugend, Familie und Soziales der Stadt nürnberg
USA schon im Einsatz.                                        email: : reiner.proelss@stadt.nuernberg.de

                                                                                               Bayerische Sozialnachrichten 1/2019   11
DigitALiSierung in Der SoziALen ArBeit

     Impulse setzen und Mitglieder mitnehmen
     Projekt „Digitalisierung gestalten“ des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Bayern

                                                                                          Foto: freepik | macrovector

 Zunehmend wird deutlich, dass Digitalisierung nicht         Projekt des Paritätischen, das gerade bis Januar 2021
 nur die Arbeitswelt verändert, sondern tief in die Struk-   verlängert wurde, setzt dabei auf drei Ebenen an: ers-
 turen unserer Gesellschaft, unseres Zusammenlebens,         tens der Ebene der Organisation und Prozesse, zweitens
 der sozialen Teilhabe eindringt – und damit auch vor        der Ebene der inhaltlichen sozial- und fachpolitischen
 der Sozialen Arbeit nicht haltmacht. Diese Feststellung     Themen und drittens der Ebene der Adressaten: unserer
 stand auch am Beginn des Projekts „Digitalisierung          Mitgliedsorganisationen.
 gestalten“, das der Paritätische Wohlfahrtsverband
 Bayern im Februar 2018 auf die Gleise setzte.
                                                                       1. ebene: organisation und Prozesse
 Wohlfahrtsverbände gelten nicht per se als Vorreiter        Die Digitalisierung wirkt nicht nur punktuell, sie
 in Sachen Digitalisierung. Wer dies allein den ge-          wandelt bisher als selbstverständlich geltende Struk-
 wachsenen Strukturen zuschiebt, unterschlägt die            turen und Abläufe innerhalb von Organisationen. Die
 mangelnde finanzielle Unterstützung für den Bereich         digitale Kommunikation verändert die Anforderungen
 Soziale Arbeit. Viele Förderangebote auf Bundes- und        an Ablaufprozesse und Zuständigkeiten, z.B. im Ver-
 Landesebene richten sich insbesondere an kleine und         hältnis von zentraler und dezentraler Verbandsstruktur.
 mittlere Unternehmen sowie Forschungseinrichtungen.         Außerdem formen sich Aufgabenzuschnitte in der
 Die Unterstützung dieser Sektoren ist wichtig und rich-     Verwaltung oder fachliche Anforderungsprofile in den
 tig; in gleichem Maße sollten jedoch die Auswirkungen       sozialen Dienstleistungsberufen neu. Um die Beschäf-
 neuer Technologien im sozialen Bereich in den Fokus         tigten in diesem Veränderungsprozess mitzunehmen,
 rücken, Verbände und Projekte bei der Bewältigung der       ist kontinuierliche Personalentwicklung erforderlich.
 damit verbundenen Aufgaben finanziell unterstützt und       Der Verband ist hier als Arbeitgeber gefordert: Digitale
 auch die vielen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer          Tools und Infrastrukturmaßnahmen verbessern die
 in sozialen Berufen durch geförderte Fort- und Wei-         Möglichkeit der mobilen Arbeit und somit zu großen
 terbildungsangebote auf die Wandlung der Arbeitswelt        Teilen die Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben
 vorbereitet werden.                                         (damit ist explizit nicht die Dauererreichbarkeit ge-
                                                             meint, die zum Beispiel Smartphones mit sich bringen).
 Weil Wohlfahrtsverbände trotzdem – auch ohne                Der Einsatz von neuen Online-Kommunikationstools
 staatliche Förderprogramme – den Auswirkungen der           oder Videokonferenzen erleichtert das gemeinsame
 Digitalisierung begegnen müssen und wollen, werden          Arbeiten an verschiedenen Orten, verringert lange An-
 sie proaktiv tätig. Das von der Glücksspirale geförderte    fahrtswege (vor allem im Falle verhältnismäßig kurzer

12     Bayerische Sozialnachrichten 1/2019
DigitALiSierung in Der SoziALen ArBeit

Meetings) - und trägt aufgrund entfallender Reisen          – Digitalisierung gestalten“. Ziel der Veranstaltung war
gleichzeitig zu einer verbesserten Nachhaltigkeit bei.      ein Austausch zwischen Organisationen, die bereits
Damit die Digitalisierung bei allen Mitarbeitern/-innen     digitale Tools und Projekte bei der Gewinnung und
und auch den Mitgliedsorganisationen ankommt, ist           Betreuung von Ehrenamtlichen nutzen, und solchen,
eine entsprechende Personalentwicklung durch Fort-          die sich inspirieren lassen wollten. Knapp 100 Mit-
und Weiterbildungen zentral: Wenn die Vorteile der          arbeiter/innen von Organisationen und Mitgliedern
Digitalisierung erkannt und genutzt werden und die          folgten der Einladung nach München. Zwölf Organi-
notwendigen Kompetenzen vermittelt werden, erhöht           sationen und Unternehmen stellten ihre Ideen, Projekte
dies die Akzeptanz und Nutzung der Mittel.                  und Visionen aus dem Bereich der Digitalisierung vor.
                                                            Die Bandbreite war groß: Von selbst entwickelten oder
Das Projekt hat das Thema Organisationsentwicklung          genutzten Apps über den Einsatz digitaler Kommuni-
in zwei Veranstaltungen aufgegriffen: Die Auftakt-          kations- und Organisationstools bis hin zu kompletten
veranstaltung legte den Fokus auf die Auswirkungen          Vernetzungsplattformen war viel geboten. Die Paritäti-
der Digitalisierung auf die Soziale Arbeit insgesamt        sche Mitgliedsorganisation Condrobs präsentierte bei-
und auf die Veränderungen im Arbeitsmarkt sozialer          spielsweise ihre Online-Beratungsplattform, die sich
Dienstleistungen im Speziellen (siehe BSN 2018,             der Lebenswelt der (überwiegend jungen) Zielgruppe
Ausgabe 4). Es wurde deutlich, dass die Digitalisierung     anpasst und Klienten dort abholt, wo sie sich sowieso
insgesamt mehr Arbeitsplätze schafft als vernichtet,        aufhalten: im Netz.
und dass insbesondere die Tätigkeiten der Sozialen
Arbeit – viel mehr als andere Jobs – durch den Kontakt                    3. ebene: Mitgliedsorganisationen
von Mensch zu Mensch geprägt und darum weniger
substituierbar sind. Zudem sollte die Digitalisierung       Hauptzielgruppe des Projekts sind die 800 Mitglied-
immer als Mittel zur Erreichung von Zielen betrachtet       sorganisationen des Paritätischen in Bayern, die
werden, nie als Zweck per se. Abgestimmte Tools wie         gleichzeitig die grundlegenden Antworten auf wichtige
Datenbanken oder Online-Kalender können beispiels-          Projektfragen liefern: was sind die Herausforderungen
weise Verwaltungstätigkeiten erleichtern und Wissen         der Praxis, wo werden Potenziale gesehen, wie kann
bündeln. Die zweite Veranstaltung im Bereich Orga-          ein Spitzenverband gemeinnützige Organisationen auf
nisationsentwicklung widmete sich agilen Prinzipien         diesem Weg unterstützen? Die vier durchgeführten
des Managements.                                            Veranstaltungen haben gezeigt, dass ein übergreifender
                                                            Austausch im Paritätischen auf Landes- und Bundes-
Im weiteren Projektverlauf wird ein Fokus auf den           ebene sowie den Organisationen und Vereinen an der
Einsatz von digitalen Instrumenten in der verbandsin-       Basis wichtige Erkenntnisse und Lösungen liefert.
ternen Kommunikation gelegt, z.B. durch die Ver-            Da die Digitalisierung in einer immer weiter vernetz-
stetigung von Videokonferenzen, der Nutzung der             ten Welt die Zahl der beteiligten Akteure erhöht und
Kommunikationsplattform Slack und der Einführung            komplexer macht, sollten auch die Antworten darauf
gemeinsamer Veranstaltungstools.                            ebenfalls vielschichtig und kooperativ sein.

       2. ebene: Sozial- und fachpolitische themen
Soziale Arbeit ist sehr vielfältig. Die Liste der sozial-
und fachpolitischen Themen, derer sich ein Digitali-
sierungsprojekt annehmen könnte, ist entsprechend
lang und umfassend. Hierzu zählen beispielsweise
die Bereiche Bildung, Medienpädagogik, Altenhilfe,
Pflege, Inklusion, Datenschutz, digitale Teilhabe, Bür-
gerschaftliches Engagement und Plattformökonomie,
                                                            Jan Gerspach
um nur eine Auswahl zu nennen. Deswegen lautete
                                                            Paritätischer Wohlfahrtsverband,
eines der (herausfordernden) Projektziele, Schwer-          LV Bayern e.V.
punkte festzulegen.                                         Projektleitung „Digitalisierung gestalten“ (02/2018-03/2019)

Einer dieser Schwerpunkte lag 2018 auf dem frei-            Weitere Informationen zum Projekt „Digitalisierung
willigen Engagement. Gemeinsam mit der Versiche-            gestalten“ unter
rungskammer Stiftung organisierte der Paritätische das
Forum Ehrenamt unter dem Motto „engagiert diskutiert          www.paritaet-bayern.de/digitalisierung

                                                                                             Bayerische Sozialnachrichten 1/2019   13
DigitALiSierung in Der SoziALen ArBeit

     Bürokratie begrenzen - Chancen nutzen
     Wie wir dem Pflegenotstand entschlossen entgegentreten können
     Noch schnürt uns der Pflegenotstand nicht die Luft ab,     für Schritt einen Systemwechsel beim Thema Pflege
     doch seinen Würgegriff spüren wir schon jetzt. Wenn        herbeizuführen.
     nicht bald an den entsprechenden Stellschrauben ge-
     dreht wird, blicken wir in den Abgrund einer handfesten                  Aufwertung des Berufsbildes
     Pflegekatastrophe. Hier sind nachhaltige Lösungen statt
     bürokratischer Unsinn gefragt.                             Eigentlich dürfte es gar keinen Personalnotstand in der
     Die Schere klafft fortlaufend weiter auseinander, der      Pflege geben. Die Beschäftigungsperspektiven quer
     demografische Wandel wirft seine Schatten voraus:          durch die Bundesrepublik sind gut und es bestehen
     Einer immer älter werdenden Bevölkerung stehen rück-       attraktive Aufstiegsmöglichkeiten. Die Pflege ist ein
     läufige Personalzahlen im Fachkräftesektor gegenüber.      absolut krisenfester Job, der erfüllend ist, eine hohe
     Und die Prognosen für die Zukunft sind alles andere als    Arbeitsplatzsicherheit bietet und der für viele Menschen
     beruhigend, ganz im Gegenteil: Das Szenario wird sich      sinnstiftend wirkt. Wer sich gegen einen Pflegeberuf
     in den nächsten Jahrzehnten eher verschärfen. Schon        entscheidet oder beschließt, aus einem auszusteigen, tut
     heute stellt der Pflegenotstand zahlreiche Einrichtun-     dies oft, weil körperliche sowie psychische Belastungen
     gen, auch die des BRK, vor große Herausforderungen         zu hoch geworden sind.
     und bringt motivierte Fachkräfte in Krankenhäusern         Wenn nur das liebe Geld nicht wäre. Eine intensive po-
     und Pflegezentren an ihre Belastungsgrenzen. Eine          litische Diskussion um flächendeckende Tarifverträge
     Entwicklung, die nicht ohne Folgen bleibt: Überbe-         in der Pflege hat bereits auf allen Ebenen begonnen,
     lastung führt zu krankheitsbedingten Ausfällen, perso-     die Gefahren sind schon jetzt absehbar: Flächentarif-
     nelle Fluktuation verschlimmert die Situation vor Ort,     vertrage haben den Nachteil, Verbands- und Trägerun-
     gleichzeitig müssen die Pflegeberufe immer noch mit        terschiede zu verwischen und berücksichtigen nicht die
     einem Imageproblemen kämpfen.                              differenzierten Lebenshaltungskosten in den jeweiligen
     Das Dilemma: Obwohl im Grunde absolut krisenfest           Regionen Deutschlands. Bei Dienstleistungen, die
     und mit hervorragenden Aufstiegsmöglichkeiten aus-         ortsgebunden sind und nicht verlagert werden können,
     gestattet, verlieren die Pflegeberufe an Anziehungskraft   ist es jedoch gerade an Standorten mit hohen Lebens-
     für Quer- und Neueinsteiger.                               haltungskosten wie Ballungszentren unabdingbar,
     Doch müssten mit den jüngsten Reformen auf Geset-          Anreize wie beispielsweise am Mietzins festgemachte
     zesebene nicht eigentlich die Grundlagen für einen         Lösungen zu schaffen.
     nachhaltigen Neustart geschaffen worden sein? Jein.        Doch auch abseits finanzieller Aspekte gilt es, den
     Die bisher angedachten Gesetzesänderungen sind             Pflegeberuf möglichst ansprechend zu gestalten. Eine
     zwar ein erster guter Schritt zur Bekämpfung des           der wichtigsten Maßnahmen bei der Schaffung eines
     Pflegenotstands, jedoch lassen sich die von der Poli-      Klimas, das dazu beiträgt, Mitarbeitende in den Einrich-
     tik angedachten Ansätze in der Praxis nicht so ohne        tungen zu halten, ist, auf deren Bedürfnisse einzugehen
     weiteres umsetzten. Immer noch sind Hilfspakete,           und Zufriedenheit zu schaffen. Bei einem Frauenanteil
     Finanzierungen und anderweitige Unterstützungen an         von 80 Prozent heißt dies im Klartext, dazu beizutra-
     Auflagen gekoppelt, die sich nicht einhalten lassen.       gen, dass sich Beruf und Familienleben nicht im Weg
     „Red Tape“, dieser Begriff umschreibt im Englischen        stehen, zumal viele beruflich Pflegende häufig selbst
     das, wovon viele Prozesse des gesellschaftlichen und       Angehörige pflegen. Daher sind verlässliche Angebote
     wirtschaftlichen Lebens in der Praxis ausgebremst          wie beispielsweise eine mitarbeiterorientierte Dienst-
     werden: von der Bürokratie.                                plangestaltung unabdingbar, um mit einer „doppelten
     In Punkto Pflegenotstand gilt es, bürokratische Hürden     Pflegeaufgabe“ weiter berufstätig zu bleiben.
     aus dem Weg zu räumen. Sonst werden in Zukunft die         Pflegefachkräfte und Auszubildende zu halten, ist in
     Balken des Roten Kreuzes von schwerlöslichen Kle-          Zeiten eines „kannibalistischen Wettbewerbs“ zwischen
     bestreifen überdeckt. Doch so berechtigt und essentiell    den Branchen der Kranken- und Altenpflege, aber auch
     viele Forderungen an die Politik auch sind, so lassen      zwischen den Verbänden, Trägern und Einrichtungen
     sich die Herausforderungen allein dadurch nicht meis-      selbst zu einer echten Herausforderung geworden.
     tern. Daher bedarf es auch einem Umdenken im Roten         Personalgewinnungsmaßnahmen wie Abwerbeprä-
     Kreuz, den weiteren Akteuren im Pflegesektor und der       mien, Antrittsprämien oder Vermittlungszahlungen –
     Realisierung bisher ungenutzter Potenziale, um Schritt     inzwischen „branchenüblich“ – sind keine wirksamen

14      Bayerische Sozialnachrichten 1/2019
DigitALiSierung in Der SoziALen ArBeit

Instrumente, da die Mitarbeiter dadurch quantitativ         und Anforderungen der gesundheitlichen Versorgungs-
nicht mehr werden, sondern nur innerhalb des Systems        planung für die letzte Lebensphase“ mutieren zu wahren
rotieren. Der Wettbewerb kann nur über die Qualität der     „Bürokratiemonstern“ der „Pflegeverwaltung“.
Arbeit laufen und nicht über punktuell gezahlte Vergü-      Ein weiteres Beispiel: Die Einführung der neuen „indi-
tungen: Die Arbeitsbedingungen in der Altenpflege –         katorengestützten Qualitätsmessung“ ab Oktober 2019.
von Löhnen und Gehältern über die Personalbemessung         Ein Instrument, das in fachlicher Hinsicht durchaus
und die Personalschlüssel, bis zur Dienstplangestaltung     überzeugt, jedoch einen fast nicht zu stemmenden
und zur Wertschätzung der Pflegeberufe – müssen sich        Schulungsaufwand für Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen
deutlich verbessern.                                        erfordert. Bei der ohnehin bestehenden Personalknapp-
                                                            heit aus jeder Einrichtung Mitarbeiter für Schulungstage
               Prüfungsniveau angleichen                    von der direkten Pflege abzuziehen, die danach ihrerseits
                                                            wiederum in der Einrichtung ihre Kolleginnen und Kol-
Wenn wir von Berufen sprechen, übersehen wir gerne          legen weiterqualifizieren sollen, grenzt im bestehenden
deren grundlegendes Wesensmerkmal, nämlich dass             engen Zeitkorridor beinahe an einen „Pflege-Suizid“.
diese systematisch erlernt werden wollen und meistens       Hier bedarf es unbedingt längerer Fristen. Zumal die
mit einem Qualifikationsnachweis versehen sind. Die         „indikatorengestützte Qualitätsmessung“ nur ein Projekt
Ausbildung spielt insbesondere in den Pflegeberufen         unter vielen darstellt.
eine zentrale Rolle, umso überraschender ist es, dass im    Pflegepersonal-Stärkungsgesetz, Pflegeberufegesetz,
Rahmen der neuen Gesetzgebung das Prüfungsniveau            Versorgung im Palliativbereich: Hochanspruchsvolle
für die Altenpflege abgesenkt wurde. Denn Fakt ist,         Prozesse mit einhergehenden Systemwechseln, die
dass diese Maßnahme eine kontraproduktive Wirkung           jedoch auch die Frage aufwerfen, wieviel Veränderung
hat, da das Berufsbild, entsprechend den Anforderun-        überhaupt gestaltbar ist. Eine komplette Ausbildungs-
gen, auf dem gleichen Niveau wie die Krankenpflege          landschaft muss neu organisiert werden. All dies be-
gehalten werden muss.                                       deutet eine enorme Belastung auf Einrichtungsleitung,
                                                            Pflegedienstleitung, Wohnbereichsleitung – die Füh-
     Akquise von ausländischem Fachkräftepersonal           rungskräfte werden mit einer Fülle an neuen Aufgaben
Neben dem primären Ziel, selbst Fachkräfte in Deutsch-      überschüttet.
land auszubilden, ist die Akquise von ausländischem
Fachkräftepersonal bereits seit Jahren Thema im ge-                „Vertrauenskultur“ statt „Misstrauenskultur“
samtem Deutschen Roten Kreuz. Mittels verschiede-           Niedriges Prüfungsniveau in der Ausbildung, externe
ner Programme und Projekte sowie der Beauftragung           gesetzliche Qualitätskontrollen, bürokratische Über-
von Recruiting Organisationen wird laufend darauf           regulierung: All dies kratzt am Image eines eigentlich
hingearbeitet, das Personalkontingent im Pflegesektor       sinnstiftenden Berufsbildes.
aufzustocken. Derzeit bereitet das BRK die deutschen        Wenn zu Zeiten der Schneekatastrophe, bei der überall
Pflegekräfte intensiv auf die Eingliederung der akqui-      Haupt- und Ehrenamtliche eingesetzt werden müssen,
rierten Pflegekräfte vor, da die Wenigsten Erfahrungen      zum gleichen Zeitpunkt der MDK Bayern aber die
haben mit interkultureller Zusammenarbeit. Was den          Tagespflege auf Einhaltung der Standards prüft, dann
Eingliederungsprozess zusätzlich bremst, sind die von       kann das schon als Zumutung für die Betroffenen ge-
den Bezirksregierungen vollzogenen langwierigen             wertet werden. Denn im Zeichen sich verschärfender
Prüfungsverfahren der Pflegequalifikation. Denn diese       Bedingungen müssen wir wieder dahin kommen, dass
nehmen sehr viel Zeit in Anspruch. Eine effektivere         die Professionalität, mit dem entsprechenden Vertrauen
Lösung würde hier viel bewirken.                            ausgestattet wird. Dies ist unabdingbar, um Menschen
                                                            wieder für Berufe in der
 Abbau gesetzlicher und bürokratischer Überregulierung      Pflege zu begeistern.
Es hat sich schon einiges bewegt bei der Bekämpfung
des Pflegenotstands. Doch wie so oft gestaltet sich
die Umsetzung gesetzlicher Neuregelungen wie dem
Pflegepersonal-Stärkungsgesetz oder dem Pflegeberufe-
gesetz in der Praxis als weitaus schwieriger, als die gut
gemeinten juristischen Weichenstellungen es angedacht       Wolfgang Obermair
haben. Zusätzliche ordnungsrechtliche Anforderungen         Stv. Landesgeschäftsführer
zur „Vergütungszuschlags-Festlegungen“ oder die             Bayerisches rotes Kreuz
„Vereinbarung nach § 132g Abs. 3 SGB V über Inhalte         email: obermair@lgst.brk.de

                                                                                          Bayerische Sozialnachrichten 1/2019   15
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