VKS NEWS - Verband kommunaler Unternehmen eV
←
→
Transkription von Seiteninhalten
Wenn Ihr Browser die Seite nicht korrekt rendert, bitte, lesen Sie den Inhalt der Seite unten
VKS NEWS
Zeitschrift des VKU Abfallwirtschaft und Stadtsauberkeit VKS
Ausgabe 250
11/2020
Bioabfall:
Mobile Behälterwäsche – eine Umfrage
unter sechs Betrieben
4
Kunststoffe:
Ist Biokunststoff eine Alternative zu
konventionellem Kunststoff?
8
Wärmewende:
Der Abfall von heute ist
der Rohstoff von morgen
16
Kampagne:
Echte Trendsetter vermeiden Plastik
25
Behandlung von Abfällen
Kunststoffe
© Olga Pogorelova / stock.adobe.comSie haben uns noch gefehlt. Unter der Marke Standort Service Plus versammeln sich bundesweit kommunale Entsorger mit einem umfassenden Angebot zur Gestaltung, Sicherung und Betreuung von Abfallbehälterplätzen in Wohnanlagen. Kunden der Wohnungs- wirtschaft können so auf die langjährige Erfahrung und das geballte Know- How eines kommunalen Entsorgers vor Ort zurückgreifen und erhalten zugleich einen zentralen Ansprechpartner und ein einheitliches Dienstleistungsspek- trum. Eine unschlagbare Kombination für Wohnungsgesellschaften und ein klarer Standortvorteil für kommunale Entsorgungsunternehmen. Haben Sie Interesse oder Fragen? Wir freuen uns auf Ihre Nachricht! info@standort-service-plus.de Standort Service Plus c/o Wirtschaftsbetriebe Duisburg - AöR, Schifferstraße 190, 47059 Duisburg www.standort-service-plus.de, info@standort-service-plus.de In Kooperation mit dem
EDITORIAL
Liebe Leserinnen und Leser, 250
250
in diesem Jahr wird uns die große Freude zuteil, die 250.
Ausgabe der VKS NEWS mit Inhalten füllen zu dürfen. Das
bedeutet: 250 Ausgaben von Praktikern für Praktiker ergänzt
um verbandsinterne Beiträge. Eine besondere Leistung!
In dieser Jubiläumsausgabe werden verschiedene Aspekte Hierbei kann vielleicht auch das komfortable Reinigen von
der Kreislaufwirtschaft vorgestellt und bewertet. Bioton- Biotonnen als kundenfreundliche Dienstleistung helfen oder
nen-Waschfahrzeuge und Einkaufstüten aus Biokunststoff eventuell auch das Benutzen von biologisch leicht abbau-
spielen dabei ebenso eine Rolle wie die 38. BImSchV zum baren Sammeltüten für das Biogut aus der Küche. Dabei ist
Thema Treibhausgasminderung bei Kraftstoffen oder auch gerade der Einsatz solcher Tüten in unserer Biobranche äu-
die Gründung einer neuen AG Wasserstoff im VKU. Erkennt- ßerst umstritten und führt in der kommunalen Praxis dazu,
nisse und Ausführungen über das neue BEHG oder das EEG dass einige diese Tüten befürworten oder sogar bewerben
2021 und deren Auswirkungen auf die Verwertung von Ab- und andere diese gänzlich verbieten.
fällen, finden sich ebenfalls in diesem Heft.
In diesem Sinne wünsche ich den geneigten Leserinnen und
Wie sich die anstehende Novelle der Bioabfallverordnung Lesern eine erkenntnisreiche Lektüre über die zahlreichen
auf einen weiteren Ausbau der getrennten Biogutsamm- Facetten der Abfallverwertung.
lung auswirken wird, ist heute noch nicht erkennbar. Das
angestrebte Ziel der Novelle – die deutliche Reduktion der Ihr Dr. Hubert Seier
Fremdstoffanteile im Biogut – ist allen Beteiligten gleicher- Vorsitzender VKU - Fachausschuss Biologische
maßen wichtig. Allein die praktische Umsetzung der neu Abfallbehandlung
geforderten Richtwerte ist dabei ein Anlass zahlreicher Dis-
kussionen. Ein Referentenentwurf liegt aber bis heute noch
nicht vor.
Festzustellen bleibt, dass die getrennte Erfassung und hoch-
wertige Verwertung der Biomassen nach wie vor eine bei-
spiellose Erfolgsgeschichte darstellen. Die Kommunen, die
bisher zu wenig Biogut abschöpfen, sollten deshalb schnells-
tens handeln und ein effizientes Sammelsystem mit guten
Serviceleistungen und bester Öffentlichkeitsarbeit anbieten. Dr. Hubert Seier
INHALT
BEHANDLUNG VON ABFÄLLEN | KUNSTSTOFFE Echte Trendsetter vermeiden Plastik 25
Mobile Behälterwäsche – eine Umfrage unter 4 Müllflut des gestiegenen Take-away-Konsums 27
sechs Betrieben mit Mehrweg reduzieren
Ist Biokunststoff eine Alternative zu konventionellem 8
AUS DEM VKU
Kunststoff?
Erstmals Wettbewerbssystem zwischen 29
Der Abfall von heute ist der Rohstoff von morgen 16
Rücknahmesystemen eingeführt
Energieträger der Zukunft? 18
Ingbert Liebing neuer bvöd-Vorsitzender 31
Neue Pflichten und Möglichkeiten 19
Nationaler Emissionshandel mit vielen 21 EUROPA
offenen Fragen Europa hält an seiner grünen und digitalen 32
EU-Wachstumsstrategie fest
ABFALLVERMEIDUNG
Die Umsetzung geht in die finale Phase 34
„Invisible Waste“: Abfälle, die wir nicht sehen – 23
schau genau hin! TRAUERANZEIGE 35
VKS-NEWS | 250 | 11/2020 3BEHANDLUNG VON ABFÄLLEN | KUNSTSTOFFE
© eyetronic / stock.adobe.com
BIOABFALL
Mobile Behälterwäsche – eine Umfrage
unter sechs Betrieben
V erschiedene Körperschaften und ihre kommunalen Un-
ternehmen versuchen, die Attraktivität der getrennten
Sammlung von Bioabfall zu steigern. Dazu werden auch in
sammengestellt (Abb. 1). Die Betriebe haben umfassend ge-
antwortet. Ein Betrieb konnte zu einem Teil der Fragen noch
keine Antworten übermitteln, da sich dort der Einsatz zum
jüngerer Zeit Fahrzeuge mit Aufbauten für die mobile Be- Zeitpunkt der Umfrage noch im Probebetrieb befunden hat.
hälterwäsche eingesetzt. Bevor sich der VKU-Fachausschuss
„Biologische Abfallbehandlung und ‑verwertung“ dazu Erste Einschätzungen
weiter positioniert, hat er im Rahmen seiner Sitzung vom
Oktober 2018 beschlossen, eine Umfrage unter sechs Pilot- Die eingesetzten Fahrzeuge sind ebenso unterschiedlich wie
betrieben (USB Bochum, AWM Münster, ZV Celle, KRS Rhein- der Einsatzumfang. Das Bild ist noch heterogen. Es scheinen
Sieg, AWS Stuttgart und ESB Bocholt) zu diesem Thema zu sich jedoch zwei Ansätze herauszuschälen:
starten und die Ergebnisse anschließend zu diskutieren und
zu bewerten. 1) Die flächendeckende, regelmäßige Reinigung der Bio-
tonnen zumindest einmal im Jahr mit Integration der
Die inhaltliche Vorbereitung des Fragebogens wurde von Kosten in die Grundgebühr und entsprechender „Bewer-
der Ressource Abfall GmbH durchgeführt, ebenso wie die bung“ dieser Verbesserung des Service.
Auswertung der erhaltenen Rückmeldungen. Den sechs Be-
trieben wird für ihr Mitwirken gedankt. Dem Fachausschuss- Dabei kann sicher trefflich diskutiert werden, ob eine Rei-
vorsitzenden, Dr. Hubert Seier sowie Dr. Martin Gehring aus nigung einmal im Jahr im Sinne der tatsächlichen Kritik-
der VKU-Geschäftsstelle wird für ihre Unterstützung gedankt. punkte an einer Biotonne bereits eine wesentliche oder
ausreichende Verbesserung darstellt.
Angaben und Informationen aus
2) Die Reinigung der Biotonnen auf Abruf beziehungswei-
den Pilotbetrieben
se bei Wechsel des Gebührenschuldners gegen zusätzliche
Die Angaben zum Einsatz von Biotonnen-Waschwagen aus Gebühr mit einem geringeren Einsatzumfang des Wasch-
den sechs Pilotbetrieben sind in der anliegenden Tabelle zu- wagens, geringere „Bewerbung“ dieses Service.
4 VKS-NEWS | 250 | 11/2020BEHANDLUNG VON ABFÄLLEN | KUNSTSTOFFE
Zwischenstand
Zu den eingesetzten Fahrzeugen Sowohl „große Lkw“ mit Aufbauten als auch kleinere Transporter im Bereich
bis 7,5 Mg werden eingesetzt.
Zur Reinigungsleistung aus Sicht des Betriebs Die meisten Betriebe nennen eine Reinigungsleistung von zumindest 300 Be-
hältern am Tag. Einige geben für die Spitze auch deutlich höhere Anzahlen an.
Zu den Einsatztagen Zwei Betriebe sind so aufgestellt, dass zum Teil auch eine Reinigung im Winter
stattfindet.
Zur Reinigungshäufigkeit aus Die Mehrzahl der Betriebe will eine Reinigung pro Jahr für jeden Bio-Behälter
Sicht des Kunden umsetzen.
Zu den Investitionskosten Auffällig ist, dass sich die angegebenen Kosten für große Lkw mit Reinigungs-
einrichtung deutlich unterscheiden.
Zu den Kosten für die Bürger Drei Betriebe haben die Kosten in die Grundgebühr integriert. Zwei Betriebe
nehmen eine gesonderte Reinigungsgebühr.
Zur Resonanz auf die Mehrere Betriebe berichten von positiver Resonanz auf allen Ebenen. Andere
Einführung haben keine Veränderung bemerkt.
Zum organisatorischen Aufwand Die Mehrzahl der Rückmeldungen dazu weist auf einen erheblichen organisa-
torischen Aufwand hin.
tonnen waschen“ nicht um eine hoheitliche Aufgabe han-
deln sollte, wären insbesondere spätestens ab dem 1. Januar
2021 die Vorschriften des § 2b UStG zu beachten. Inwieweit
Verschiedene Körperschaften
dann eine Argumentation der Nebenleistungserbringung im
und ihre kommunalen Zuge der hoheitlichen Hauptaufgabe erfolgreich sein kann,
Unternehmen versuchen, ist momentan unklar. Letztlich bleibt abzuwarten, wie sich
die Finanzbehörden zukünftig zur Umsatzsteuerpflicht dieser
die Attraktivität der getrennten
Leistung positionieren werden.
Sammlung von Bioabfall
zu steigern. Beim Thema Biotonnen-Waschwagen gibt es noch eine Rei-
he offener Fragen, die von den Betrieben im Rahmen der je-
weiligen Fragestellungen beantwortet werden müssen. Erste
Erfahrungen liegen bei den Pilotbetrieben vor.
Weiterer Umgang mit dem Thema
Biotonnen-Waschwagen
Ein Mitglied des VKU-Fachausschusses „Biologische Abfall-
behandlung und ‑verwertung“ hat darauf hingewiesen,
dass neben zahlreichen betrieblich-technischen Fragen bei
der beschriebenen Leistung „Biotonnen waschen“ auch Theo Schneider
steuerliche Risiken bestehen könnten. Grundsätzlich wäre Ressource Abfall GmbH
zu prüfen, ob mit der Tätigkeit „Biotonnen waschen“ ein Louis-Krüger-Str. 1b
31008 Elze
Betrieb gewerblicher Art begründet werden würde (ertrag-
mail@ressource-abfall.de
steuerliches Risiko). Sodann wären die umsatzsteuerlichen
Risiken zu untersuchen. Wenn es sich bei der Tätigkeit „Bio-
VKS-NEWS | 250 | 11/2020 5BEHANDLUNG VON ABFÄLLEN | KUNSTSTOFFE
Umfrage (Abbildung 1)
Fragen zu Art und
Einsatz von Bioton-
nen-Waschfahrzeugen USB Bochum AWM Münster ZV Celle KRS Rhein-Sieg AWS Stuttgart ESB Bocholt
Welche(s) Fahrzeug(e) MB Sprinter mit Haller Müllbehäl- MAN TGM 18.240 Fahrgestell: Scania 2 Econic CNG zGM MAN 8.190, 7,49 to
setzen Sie zur Wäsche von Spülaufbau der ter-Reinigungs- 4X2 BL Aufbau: Stum- 18 Mg
Biotonnen ein? Firma DTG fahrzeug MBR IV mer/Zöller derzeit noch im
Lifter: Zöller Testbetrieb
Welchen/Welches „eigent- Reinigung über Hochdruck-Behäl- Haller/Zöller MB IV Mowa MGB L6000 Außen- und In-
lichen/eigentliches Reini- Hochdruckreiniger ter-Innenreinigung mobile Wasch- nereinigung mit
gungsaufbau/Reinigungs- anlage Niederdruckrei-
system“ setzen Sie ein? nigungs system,
Heißwasser bis
70 Grad
Wie groß ist das Volumen Spültank 1 mit 7 m³ Frischwasser 7 m³ Schlamm- 2,0 m³ 6 m³ 1,4 m³
des/der Wassertanks? Kammaufnahme 7 m³ Schmutz- kammer Frischwasser 1,2 m³
und warmem wasser 7 m³ Wasserkam- 1,5 m³ Abwasser
Spülwasser: 1,0 m³ mer
1,2 m³ Feststoff
1,2 m³ Feststoff-
kammer
Wie viele Behälter/Bio- k. A. 400 bis zu 500. Durch- keine Angabe, 250 - 300 je Fahr- 380 - 430
tonnen werden pro schnitt: 300 da sowohl beim zeug (entspricht
Einsatztag bei Ihnen Kunden vor Ort als ca. 1/2 Tour)
gewaschen? auch auf unserem
Betriebshof ge-
reinigt wird
Dauer einer Reinigung k. A. ein 4-Rad-Ge- k. A. k. A. k. A. k. A.
fäß oder zwei
2-Rad-Gefäße:
10 – 30 Sek. pro
Reinigung
Wie setzen Sie das/die Auf Abruf durch ganzjährig regelmäßige k. A. regelmäßig einmal regelmäßig in
Biotonnen-Waschfahr- Bürger werden Touren pro Jahr je Bio-Be- Frühjahr, Sommer
zeug/e ein? Touren zusam- hälter und Herbst, alle
mengestellt. zwei Wochen je
Nach Einzug der Bio-Behälter
Behälter (vor Neu-
aufstellung)
Wie viele Einsatztage hat/ ca. 1 Tag pro Woche 200 ca. 120, je nach Das Fahrzeug ist ca. 120 Einsatztage 76 Einsatztage
haben das/die Bioton- Durch Warmwas- 20 (Winter) Kälteeinbruch von März bis Ende je Fahrzeug 0 (Winter)
nen-Waschfahrzeug(e) bei ser-Einsatz auch (meist April bis Oktober im Einsatz. 0 (Winter)
Ihnen im Jahr? im Winter möglich, Mitte November, 0 (Winter)
falls MGB warm 4 Tage die Woche)
lagern 0 (Winter)
Wie viele Ausfalltage hat/ keine k. A. 3 (wg. techn. k. A. k. A. 4 (wg. techn.
haben das/die Bioton- Defekte) Defekte)
nen-Waschfahrzeug bei 10 (wg. Personal- 0 (wg. Personal-
Ihnen im Jahr? mangel) mangel)
0 (wg. Dauerfrost) 2-3 (wg. Dauer-
frost)
Wie organisieren Sie Fahrzeuge starten Fahrzeuge starten pro Tourtag eine Die Bürger können Fahrzeuge starten Waschfahrzeuge
den Einsatz des/der gleichzeitig in die gleichzeitig Bio-Tour nach fes- eine Reinigung gleichzeitig mit der starten ca. zwei
Biotonnen-Waschfahr- Tour tem regelmäßigem gesondert beauf- Tour, Bürger wird Stunden versetzt
zeugs/-Waschfahrzeuge Rhythmus tragen. über Tonnenan-
im Verhältnis zur regulä- hänger kurzfristig
ren Leerung der Tonnen? informiert
Welche Investitionskosten ca. 128.500 € 340.000 € brutto ca. 205.000 € ca. 200.000 € ca. 360.000 € wurden vom
sind mit einem Bio- Subunternehmer
tonnen-Waschfahrzeug investiert, Kosten
bei Ihnen verbunden nicht bekannt
gewesen?
6 VKS-NEWS | 250 | 11/2020BEHANDLUNG VON ABFÄLLEN | KUNSTSTOFFE
Fragen zu Art und
Einsatz von Bioton-
nen-Waschfahrzeugen USB Bochum AWM Münster ZV Celle KRS Rhein-Sieg AWS Stuttgart ESB Bocholt
Welche Kosten entstehen k. A. k. A. k. A. Die Bürger können zzt. noch Kosten des
bei Ihnen bei der Reini- eine Reinigung Testbetrieb und Subunternehmers
gung einer Biotonne mit gesondert Ermittlung der + eigene Verwal-
einem Biotonnen-Wasch- beauftragen. Kosten tungskosten
fahrzeug?
Wie wird der finanzielle k. A. Die Kosten für die Die Kosten für die Für die Wäsche Die Kosten für die Für die Wäsche
Aufwand für die Wäsche Wäsche der Bio- Wäsche der Bio- werden Kosten in Wäsche der Bio- werden Kosten in
der Biotonnen bei Ihnen tonnen ist in der tonnen ist in der Höhe von 8,90 €/ tonnen ist in der Höhe von 3,40 -
eingeworben? satzungsgemäßen satzungsgemäßen Reinigung geson- satzungsgemäßen 3,90 €/Reinigung
Leerungsgebühr Leerungsgebühr dert vom Bürger Leerungsgebühr gesondert vom
enthalten. enthalten. bezahlt. enthalten. Bürger bezahlt.
Wie weit ist eine Ge- ist in Arbeit ja nur allgemein für k. A. wurde von Mowa Subunternehmer
fährdungsanalyse für Fahrer/Lader, nicht mitgeliefert zuständig
Mitarbeiter auf dem/den speziell für Wasch-
Biotonnen-Waschfahr- mobil
zeug(en) erstellt?
Seit wann setzen Sie das/ k. A. ca.12 Jahre 01.08.2009 seit 2011 seit 29.08.2017 seit 2001 Bio-
die Biotonnen-Wasch- tonnenreinigung,
fahrzeug(e) ein? seit 03/18 dieser
Subunternehmer
Welche Resonanz haben k. A. positiv überwiegend keine k. A. relativ positiv,
Sie auf den Einsatz des/ positiv kritische Bericht-
der Biotonnen-Wasch- erstattung bei
fahrzeugs/-Waschfahr- Ausfällen
zeuge in den Medien
erfahren?
Welche Resonanz haben k. A. positiv überwiegend keine Da in der Testpha- bei Ausfällen
Sie auf den Einsatz des/ positiv se nur sehr wenig viele Anrufe
der Biotonnen-Wasch- Resonanz. und Bürger
fahrzeugs/-Waschfahr- Häufige Frage: beschwerden
zeuge von den Bürgern „Bio-Behäl- ansonsten positiv
erfahren? ter-Reinigung
ist angekündigt,
wann kann ich
damit rechnen,
das meine Tonne
dran ist?"
Welche Resonanz haben k. A. positiv bei Identsystem keine k. A. positive Resonanz
Sie auf den Einsatz des/ erfordert die
der Biotonnen-Wasch- Einführung ab-
fahrzeugs/-Waschfahr- gestimmte Organi-
zeuge von Ihrer Politik/ sation, daher nach
Aufsichtsgremien er- umfangreicher Dis-
fahren? kussion positiv
In welchem Umfang k. A. k. A. nicht messbar keine Einführung der Akzeptanz der Bio-
haben Sie eine Steige- Pflicht-Biotonne tonne ist gestiegen
rung der aufgestellten war vor Einsatz des
Biotonnenanzahl durch Waschfahrzeugs
den Einsatz des/der
Biotonnen-Waschfahr-
zeugs/-Waschfahrzeuge
erfahren?
Was würden Sie anderen k.A. Einsatz eines Bio- Einführung ist k. A. k. A. positiv
Betrieben empfehlen tonnenwaschfahr- sinnvoll; sorgfältig jedoch sehr ver-
aufgrund Ihrer Erfahrun- zeuges ist sinnvoll in vorh. Betrieb waltungsintensiv
gen mit dem Einsatz von integrieren, es
Biotonnen-Waschfahr- ergeben sich zu-
zeugen? sätzlich Wünsche
nach Restmüllton-
nenreinigung
VKS-NEWS | 250 | 11/2020 7BEHANDLUNG VON ABFÄLLEN | KUNSTSTOFFE
KUNSTSTOFFE
Ist Biokunststoff eine Alternative
zu konventionellem Kunststoff?
© Africa Studio / stock.adobe.com
N ach Angaben des Umweltbundesamtes fielen in
Deutschland im Jahr 2017 18,7 Millionen Tonnen Ver-
packungsmüll an. Das sind 226,5 kg pro Person. Moderne
Drei Gruppen mit je fünf Studierenden untersuchten eine
sogenannte kompostierbare Plastiktüte und verschiedene
Aufkleber aus Plastik, Aluminium und Papier auf Obst und
Lebensmittelverpackungen sorgen für Frischhaltung, Hygie- Gemüse. Die Bioplastiktüte war bereits in einer ähnlichen
ne, bequeme Zubereitung und längere Haltbarkeit. Marken Studie im Wintersemester 2018/19 untersucht worden (Cor-
können über die Verpackung ausgelobt und Informationen rales, M., Schmidt, O. und Tegtmeyer, E. [2019]: Wie kompos-
für den Konsumenten sowie für die Abrechnung an der Su- tierbar ist „biologisch abbaubar“? – Ein Praxistest. VKS News
permarktkasse aufgedruckt werden. Um mit dem Problem 240 [11], 18-24). Wegen der möglichen Problematik dieser
der Entsorgung dieser Kunststoffe fertigzuwerden, suchen Biokunststoffe bei nicht vollständigem Abbau in Ökosyste-
die Hersteller nach Alternativen wie den sogenannten kom- men wurde die Untersuchung im Wintersemester 2019/20 mit
postierbaren Plastiktüten. Zur Vermeidung von Fertigverpa- anderen Methoden fortgesetzt.
ckungen von Obst und Gemüse aus Kunststoff werden die
Einzelprodukte mit Aufklebern gekennzeichnet. Bei der Ein- Die Befragungen
führung dieser Alternativen werden jedoch die Prozesse der
Abfallentsorgungsbetriebe, das Verhalten der Konsumenten Eine Studentengruppe führte mit standardisierten Fragebö-
in Bezug auf die Entsorgung von solchen Produkten und gen stichprobenartig auf regionaler Ebene eine mündliche
die Wirkung auf die Lebensprozesse in der Natur nicht aus- Befragung nach Quotensteuerung durch. Dabei wurden den
reichend berücksichtigt. Solche Materialien werden häufig
in der Biotonne entsorgt, landen über den Kompost in der
Umwelt und können Störungen in Ökosystemen verursachen.
Es stellt sich also die Frage, inwieweit solche Verpackungs-
materialien eine Alternative zu konventionellen Plastiktüten
und Verpackungen aus Kunststoff darstellen.
Antworten zu dieser Frage wurden im Wintersemester a) b)
2019/2020 in dem Seminar „Wohin mit dem Abfall“ an der
Universität Leuphana im Modul „Wissenschaft nutzt Metho-
den I“ gesucht - einer Zusammenarbeit der Universität,
dem kommunalen Abfallentsorgungsbetrieb GfA Lüneburg
gkAöR (Gesellschaft für Abfallwirtschaft) und dem Nieder-
sächsischen Landesamt für Verbraucherschutz und Lebens-
c) d)
mittelsicherheit (LAVES).
Abbildung 1: verschiedene Arten von Aufklebern (a) aus Kunststoff,
(b) aus Papier und (c) aus Aluminium und die untersuchte Biokunststofftüte (d)
(Fotos: Dr. Mercedes Corrales)
8 VKS-NEWS | 250 | 11/2020BEHANDLUNG VON ABFÄLLEN | KUNSTSTOFFE
Befragten die entsprechenden Produkte gezeigt, um Fehl- Zur Vermeidung von
interpretationen zu vermeiden.
Fertigverpackungen von Obst und
Die Studierenden sollten herausfinden, in welcher Abfallton- Gemüse aus Kunststoff werden
ne Endverbraucher Obst- und Gemüseaufkleber entsorgen. die Einzelprodukte mit Aufklebern
Insgesamt 369 Personen über 18 Jahre (18-25: 35 Prozent,
26-35: 18 Prozent, 36-60: 32 Prozent und > 60 Jahre: 15 Pro-
gekennzeichnet.
zent) wurden an zwei Punkten im Zentrum von Lüneburg,
am Hamburger Hauptbahnhof sowie in den Innenstädten
von Celle und Buchholz/Nordheide befragt. Beim Vergleich der Daten zum Entsorgungs- und Einkaufs-
verhalten der Befragten zeigt sich, dass insbesondere Konsu-
Auf die Frage „Achten Sie beim Kauf von Obst und Gemüse menten, welche bei Discountern und Supermärkten einkau-
darauf, ob Etikettenaufkleber vorhanden sind?“ antworteten fen, die Aufkleber in der Biotonne entsorgen (Abbildung 2).
42 Prozent „nie“, 30 Prozent „manchmal“, 19 Prozent „oft“
und 9 Prozent „immer“. Ein großer Teil der Befragten achtet Beim Vergleich des Entsorgungsverhaltens mit dem Alter
beim Einkauf von Obst und Gemüse nicht auf die Aufkleber. kann Folgendes beobachtet werden:
Die meisten Befragten wissen nicht oder achten auch nicht
darauf, aus welchem Material die Aufkleber bestehen. Auf • In der Altersgruppe zwischen 18 und 25 werden die Aufkle-
die Frage „Wissen sie, aus welchen Stoffen die Aufkleber ber hauptsächlich im Gelben Sack (74,0 Prozent) entsorgt.
hergestellt werden?“ antworteten 81 Prozent mit „Nein“ und Im Biomüll entsorgen 11,0 Prozent dieser Altersgruppe.
nur 19 Prozent mit „Ja“.
• Die 26- bis 35-Jährigen entsorgen die Aufkleber größten-
Da die Befragten das Material der Aufkleber nicht kennen, teils im Restmüll (55,4 Prozent) und am zweithäufigsten
werden diese nicht so korrekt entsorgt. Die Frage „Wie ent- in der Biotonne (43,1 Prozent).
sorgen Sie die Aufkleber?“ wurde wie folgt beantwortet: 57,45
Prozent im „Restmüll“, 50,68 Prozent im „Gelben Sack“, 19,24 • In der Altersgruppe zwischen 36 und 60 beträgt der Anteil
Prozent „in der Biotonne“ und 10,84 Prozent „in der Papier- der Befragten, welche die Aufkleber im Restmüll entsor-
tonne“. Nur 32,52 Prozent antworteten, dass sie die Sticker gen, 75,0 Prozent und im Biomüll 16,0 Prozent.
ausschließlich im Restmüll entsorgen würden. Da die Aufkle-
ber zumeist aus Kunststoff (Polyethylen [PE] und Polypropylen • Die Befragten über 60 entsorgen die Aufkleber größten-
[PP]) und Aluminium und nur zu einem geringeren Teil aus teils im Restmüll (63,0 Prozent) und zu 13,0 Prozent in der
Papier bestehen, sind sie nicht kompostierbar. Der Anteil der Biotonne.
Befragten, welcher die Aufkleber in der Biotonne entsorgt,
ist somit für die kommunale Abfallentsorgung problematisch.
Entsorgungsverhalten nach Einkaufsverhalten
70,00%
58,4% 58,4%
60,00%
54,2% 54,5%
51,9% 51,3%
50,00% 47.0%
40,00% 33.0%
33.0% 33.0%
30,00% 29,2%
20,00% 18,4%
13,8% 12,8%
10.0% 8,3%
10,00% 8.0%
2,6%
0,00%
Supermarkt Discounter Wochenmarkt Internet eigener Anbau
Biotonne Restmüll Gelber Sack Papiertonne
Abbildung 2: Entsorgungsverhalten nach Einkaufsverhalten
VKS-NEWS | 250 | 11/2020 9BEHANDLUNG VON ABFÄLLEN | KUNSTSTOFFE
a) b) a) b)
c) c)
Abbildung 3: Bewässerung und Belüftung der RoCon-Container. (a) Bewässerungsröhren Abbildung 4: Einlagerung der Aufkleber in die Rottemiete eines RoCon-Containers.
unterhalb des Daches des Containers, (b) Belüftungsröhren am Boden des Containers (a) Aufkleber in Taschen aus Edelstahl und Kunststoff zusammen mit organischem
(c) Containeraußenansicht mit Kontrolle der Feuchtigkeit und Temperatur Material, (b) Einlagerung der Käfige aus Edelstahl in die Rottemiete, (c) Einlagerungs-
(Fotos: Dr. Mercedes Corrales) beziehungsweise Messpunkte in der Seitenansicht des Containers (Fotos: Dr. Mercedes
Corrales)
Dabei ist anzumerken, dass die Biotonne nicht in allen Be- Die GfA benutzt das RoCon-System für die Behandlung von
reichen, wo die Umfragen durchgeführt wurden, eingeführt Restabfällen. Die Organik wird abgebaut, und das Material
ist, wie zum Beispiel in Celle und in einigen Stadtteilen von wird deponiefähig gemacht. Dabei handelt es sich um Con-
Hamburg. Dies muss bei der Gewichtung der Antworten auf tainer, in denen der Abfall unter kontrollierten Temperatur-
diese Frage berücksichtigt werden. und Feuchtigkeitsbedingungen inkubiert wird (Abbildung 3).
Jeder Container wird durch drei Röhren auf der Unterseite
Die Entsorgung der Bioplastiktüte war bereits Bestandteil belüftet. Außerdem sind unter dem Containerdach Schläuche
der Befragung in der Studie im Wintersemester 2018/19 und befestigt, die über 1.200 kleine Membranen die Rottemiete
wurde diesmal nicht erneut durchgeführt. Damals wurden bewässern.
insgesamt 311 Personen in Lüneburg, Hamburg-Harburg,
Hannover und Buxtehude befragt. Das System ist von der GfA patentiert. Bei dieser Methode
werden die für die Kompostierung verantwortlichen Mikro-
Auf die Frage „Wie würden Sie eine Bioplastiktüte ent- organismen unter optimalen Bedingungen gehalten, sodass
sorgen?“ antworteten damals 38,3 Prozent der Befragten bereits innerhalb von zwei Wochen eine ähnliche Zersetzung
„im Gelben Sack“, 35,4 Prozent „in der Biotonne“, 15,4 Pro- wie in einer herkömmlichen Anlage nach sechs Wochen er-
zent „im Restmüll“ und 10,3 Prozent im „Hauskompost“. reicht werden kann.
45,7 Prozent der Befragten glaubten, dass sich solche Tüten
zersetzen würden und eine Entsorgung in der Biotonne und Für den Kompostierungsversuch haben wir uns für dieses
im Hauskompost möglich sei. System entschieden, da so eine optimale Versuchsumgebung
geschaffen wird und die Temperatur und die Wasserzugabe
Die Experimente einfach überwacht und gesteuert werden kann.
Andere Gruppen der Seminarteilnehmer sollten herausfin- Um sicherzustellen, dass die Aufkleber innerhalb des Con-
den, ob und wie sich die Aufkleber aus Kunststoff, Papier und tainers nicht verloren gehen, wurden Sticker einer jeden
Aluminium im industriellen Kompost zersetzen (Abbildung 1a, Kategorie in je einer Tasche aus Kunststoff und aus Edel-
b und c). In einem Experiment bei der GfA Lüneburg gkAöR stahl-Gaze eingelagert und diese wiederum in größeren
wurden 94 Aufkleber aus Kunststoff, 68 aus Papier und 39 aus Edelstahlkäfigen an vier Stellen des Containers platziert.
Aluminium untersucht. Zusätzlich wurde eine Bioplastiktüte (Abbildung 4 a und b). Die Taschen und die Käfige wurden
(Abbildung 1 d) beobachtet. Die Einlagerung erfolgte vom 5. zusätzlich mit organischem Material aufgefüllt, um die Auf-
November 2019 bis zum 28. Januar 2020 13 Wochen in einer kleber optimal den Zersetzungsprozessen der Mikroorganis-
Rotteanlage (Container mit 18 Tonnen Bioabfall). Insgesamt men auszusetzen.
fünfmal wurde der Zersetzungsstatus der Muster überprüft:
jeweils am 12. November 2019, 29. November 2019, 17. Dezem- Die Einlagerungspunkte im Container sind in Abbildung 4 c
ber 2019, 14. Januar 2020 und 28. Januar 2020. dargestellt. Am Messpunkt 1 (gelb) befanden sich die Aufkle-
10 VKS-NEWS | 250 | 11/2020BEHANDLUNG VON ABFÄLLEN | KUNSTSTOFFE
ber aus Aluminium, an 2 (grün) die Bioplastiktüte, an 3 (rot)
die Aufkleber aus Kunststoff und an 4 (blau) die Sticker aus
Papier. Bei der Kontrolle wurde festgestellt, dass am Mess-
punkt 3 (rot) die Bedingungen für die Zersetzung nicht so
optimal wie an den anderen Messpunkten waren, weshalb
die Körbe anders beschickt wurden. Am 29. November 2019
PRESSTATION PRO®
wurden in dem Korb am roten Messpunkt nur Papiersticker
eingelagert. Die Körbe an den übrigen Messpunkten wurden
mit Aufklebern aus Aluminium, Papier und Kunststoff be-
schickt und der Korb am grünen Messpunkt zusätzlich mit
Wir packen
der Biokunststofftüte. Das Experiment wurde deswegen um
eine Woche verlängert.
deutlich mehr!
Die Temperatur und die Wasserzugabe wurden täglich ge-
messen, reguliert und betrugen über die Versuchsdauer
hinweg durchschnittlich etwa 65 °C und 170 L/Tag. Je nach
Temperatur und Beschaffenheit des Materials wurden die
Wasserzugabe und Belüftung angepasst.
Andere Gruppen der
Seminarteilnehmer sollten
herausfinden, ob und wie sich die
Aufkleber aus Kunststoff, Papier Unsere Unterflur-
und Aluminium im industriellen presscontainer fassen
Kompost zersetzen.
6 x mehr
Restmüll,
Die Beobachtungen
Die Aufkleber aus Kunststoff bestehen in der äußeren Schicht 4 x mehr
aus Polyethylen und Polypropylen, sogenannten Thermo-
plasten. Diese Polymere sind biologisch inert und chemisch
Papier/Pappe/Karton,
beständig. Sie weichen bei Temperaturen über 80° C auf.
Außerdem enthalten die Sticker eine Klebstoffschicht, welche 10 x mehr
mögliche Abbauprozesse zusätzlich verlängert. Aufkleber aus
PE beziehungsweise PP zersetzten sich nicht. Einige Sticker
Leichtverpackungen
verloren an Farbintensität, und andere rollten sich ein. So
können die Aufkleber die Siebe zur weiteren Aufarbeitung als normale Unterflur-
des Kompostes passieren und diesen verunreinigen.
container.
Wie zu erwarten, erfolgte auch keine Zersetzung der Aufkle-
ber aus Aluminium. Im Gegensatz zu den Kunststoffaufkle-
bern veränderten sie ihre Struktur schon nach einer Woche.
Die Farbe blich stark aus (Abbildung 6 b). Nach dreieinhalb
Wochen lösten sich bei einigen Aufklebern die bedruckten
Kunststoffbeschichtungen teilweise ab (Abbildung 6 c). Ab
der sechsten Woche waren in dem Material kleine Löcher zu
beobachten, die auf mechanische Einwirkungen und nicht b.zonnenberg@sidcon.nl
auf eine Zersetzung zurückzuführen sind (Abbildung 6 d). www.sidcon.nl/de
VKS-NEWS | 250 | 11/2020 11BEHANDLUNG VON ABFÄLLEN | KUNSTSTOFFE
a) 05. November 2019, vor Einlagerung b) 12. November 2019, nach einer Woche c) 29. November 2019, nach dreieinhalb Wochen
d) 17. Dezember 2019, nach sechs Wochen e) 14. Januar 2020, nach zehn Wochen f) 28. Januar 2020, nach 13 Wochen
Abbildung 5: Veränderungen der Aufkleber aus Kunststoff während der Kompostierung.
Zustand der Sticker (a) vor Einlagerung und in den Abbildungen (b) bis (f) zu
verschiedenen Beobachtungszeiten danach. Nach längerer Einlagerung über zehn
Wochen rollen sich einige Sticker ein und bleichen aus. (Fotos: Dr. Mercedes Corrales)
Nach der zehnten Woche hatten mehrere Aufkleber die
Die Studie hat gezeigt, dass
Kunststoffbeschichtung verloren. Wie die Kunststoffaufkleber
rollten sich auch diese Sticker ein (Abbildung 6 e). Nach der Bioplastiktüten keine richtige
zwölften Woche bestanden die meisten Aufkleber nur noch Alternative zu konventionellen
aus der Aluminiumfolie. Auch bei der letzten Kontrolle war
Kunststofftüten darstellen.
keine Zersetzung zu beobachten (Abbildung 6 f).
Im Gegensatz dazu zersetzten sich die Aufkleber aus Papier
innerhalb von zehn Wochen, da sie aus Cellulose bestehen, und zwölf Wochen waren diese größeren und kleineren Frag-
welche durch die Mikroorganismen im Kompost abgebaut mente noch im Kompost zu beobachten (Abbildung 8 e, f).
werden kann. Schon nach einer Woche änderte sich die
Struktur des Materials, und die Farbe blich aus (Abbildung Die Untersuchung der Komposterde und der Inhaltsstoffe
7 b). Der Zersetzungsprozess setzte sich dann über die wei- der Aufkleber erfolgten in einem weiteren Teilprojekt des Se-
teren Wochen fort, bis nach zehn Wochen nur noch kleine minars. So wurde in der Komposterde in unmittelbarer Nähe
Rückstände übrig blieben, welche kaum noch zu erkennen der Aufkleber eine erhöhte Konzentration des Weichmachers
waren (Abbildungen 7 c bis e). Auch diese Sticker rollten sich Diethylhexylphthalat (DEHP) festgestellt. Während in der Ver-
während des Versuchs ein. gleichsprobe (Blindwert Komposterde) eine Hintergrundbe-
lastung bis zu 0,07 mg/kg nachgewiesen werden konnte,
Die Biokunststofftüte hat sich nicht komplett zersetzt, son- waren die ermittelten DEHP-Gehalte mit bis zu 1,5 mg/kg in
dern ist nur in kleine Stücke fragmentiert. Es handelt sich um Nähe der Aluminiumaufkleber besonders hoch. Auffällig war,
ein Mischmaterial aus Kunststoff und Biopolymeren, wobei dass auch in der Nähe der Papieraufkleber die Gehalte leicht
der Kunststoffanteil nicht durch Exoenzyme zersetzt werden erhöht waren. Wahrscheinlich befindet sich das DEHP in den
kann. Die Fragmente waren auch nach zwölf Wochen gut Klebeschichten der Aufkleber. Bei entsprechender Tonnage
erkennbar (Abbildung 8 f). Nach einer Woche war die Fo- können Aufkleber zu einer geringen Belastung von Kompost
lie stark durchlöchert und fiel auseinander (Abbildung 8 b). mit DEHP beitragen.
Diese Fragmentierung setzte sich in den Folgewochen weiter
fort, und nach dreieinhalb Wochen waren Teilchen von we- Weiterhin konnte in einigen Aufklebern Spuren von Bis-
niger als 5 mm, Mikroplastik, zu beobachten (Abbildung 8 c). phenol A (BPA) und Bisphenol-A-diglycidylether (BADGE)
Nach sechs Wochen waren nur noch Fragmente zu erkennen nachgewiesen werden, beides Ausgangschemikalien für die
mit mehr Mikroplastikanteil (Abbildung 8 d). Auch nach zehn Herstellung von Kunststoffen wie Epoxidharzen, die bei Auf-
12 VKS-NEWS | 250 | 11/2020BEHANDLUNG VON ABFÄLLEN | KUNSTSTOFFE
a) 05. November 2019, vor Einlagerung b) 12. November 2019, nach einer Woche c) 29. November 2019, nach dreieinhalb Wochen
d) 17. Dezember 2019, nach sechs Wochen e) 14. Januar 2020, nach zehn Wochen f) 28. Januar 2020, nach 13 Wochen
Abbildung 6: Ergebnisse zur Einlagerung der Aufkleber aus Aluminium
(Fotos: Dr. Mercedes Corrales)
a) 05.11.2019, Vor Einlagerung b) 12.11.2019, Nach einer Woche c) 29.11.2019, Nach dreieinhalb Wochen
Abbildung 7: Ergebnisse zur Einlagerung der Aufkleber aus Papier
(Fotos: Dr. Mercedes Corrales)
treten in Nahrungsmitteln als bedenklich eingestuft werden. schleunigt werden kann (je nachdem, wie das Input-Ma-
Im vorliegenden Fall könnten BPA und BADGE auch über die terial beschaffen ist). Diese Fragmente passieren die Siebe,
Farbdrucke in den Aufkleber oder über rezyklierte Papier- welche den Kompost in der Endphase aufreinigen sollen,
fasern eingetragen worden sein. In der Komposterde konnte und gelangen so in die Landwirtschaft. Neuere Studien be-
jedenfalls weder BPA noch BADGE nachgewiesen werden. In- legen, dass sich ein solches Mikroplastik negativ auf die Bo-
wieweit die in den Aufklebern nachgewiesenen Stoffe auch denfauna und die Vogelpopulationen auswirkt, welche auf
auf Lebensmittel übergehen, wurde nicht weiter untersucht. den Felder ihre Nahrung suchen. Außerdem können solche
Materialien in Gewässer und Wälder gelangen. In den Nes-
Die Ergebnisse tern der Wildfauna werden verstärkt Kunststoffreste beob-
achtet. Deshalb gehören solche Bioplastiktüten nicht in die
Die Studie hat gezeigt, dass Bioplastiktüten keine richtige Biotonne.
Alternative zu konventionellen Kunststofftüten darstellen.
Die Endverbraucher entsorgen diese häufig in der Biotonne, Auch kleiner Abfall wie Obst- und Gemüseaufkleber aus
da sie von einer schnellen Zersetzung während der Kompos- Aluminium und Kunststoff, der sich nicht zersetzt, stellt für
tierung ausgehen. In beiden Experimenten in den Winter- Kompost ein Problem dar, da er über viele Jahre in den Bö-
semestern 2018/2019 und 2019/2020 hat sich gezeigt, dass den erhalten bleibt und sich bei jeder neuen Kompostauf-
sich dieses Material nicht vollständig zersetzt, sondern nur tragung weiter anhäuft. Die Aufkleber aus Kunststoff und
fragmentiert. Die Fragmente aus Makro- und Mikroplastik Aluminium sind somit keine wirkliche Alternative zur Kunst-
bleiben auch noch nach zwölf Wochen im Rotteprozess nach stoffverpackung. Nur Papieraufkleber werden komplett zer-
dem RoCon-Verfahren erhalten, also einem Verfahren, bei setzt. Allerdings sollte bei der Auswahl der Klebstoffe auf
dem die Kompostierung durch optimale Bedingungen be- Umweltverträglichkeit geachtet werden.
VKS-NEWS | 250 | 11/2020 13BEHANDLUNG VON ABFÄLLEN | KUNSTSTOFFE
b) 12. November 2019, nach einer Woche c) 29. November 2019, nach dreieinhalb Wochen d) 17. Dezember 2019, nach sechs Wochen
Abbildung 8: Ergebnis der Biokunststofftüte
(Fotos: Dr. Mercedes Corrales)
e) 14. Januar 2020, nach zehn Wochen f) 28. Januar 2020, nach 13 Wochen
Die Aufkleber von „Chiquita“ haben sich nach zehn Wochen Das Fazit
zersetzt. Nach Information der Firma Etiplast in Costa Rica,
welche diese Aufkleber herstellt, besteht das Material aus Auch bei solchen kleinen Abfallprodukten sollte der Handel
mit Tonerde beschichtetem Papier und einer Mischung aus die ökologischen Konsequenzen beachten und sich andere
einem Kautschuk- und einem Acryl-Kleber. Dieses Mate- Alternativen überlegen. Viele Verbraucher achten nicht auf
rial ist empfindlich gegenüber organischen Lösungsmitteln, die Aufkleber, wenn sie Obst und Gemüse einkaufen. Für
UV-Strahlen und hohen Temperaturen, was seine Kompos- die Verbraucherinformation reicht die Beschilderung an den
tierbarkeit erklärt. Nach Angaben des Herstellers kleben die Theken aus, um über Preis, Herkunft, Handelsklassen und
Sticker außerdem auf unebenen Flächen unter feuchten Marken zu informieren. Informationen für die Abrechnung
Bedingungen, weshalb sie auf Obst- und Gemüse aufge- könnten durch Karten an der Theke weitergegeben werden,
bracht werden können. Sie sind, wie andere Aufkleber für welche der Kunde mit dem Produkt an die Kasse mitnimmt.
Obst auch, für trockene und feuchte Lebensmittel nach der Diese Karten können dann wiederverwendet werden. Das
EU- und US-Gesetzgebung geeignet und zertifiziert. Abfallproblem ist eine große Herausforderung und erfordert
neue innovative Lösungen.
Diplom-Lebensmittelchemiker
Dr. Mercedes Corrales
Oliver Schmidt
Lehrbeauftragte
Institutsleiter (LAVES)
Leuphana Universität Lüneburg
Institut für Bedarfsgegenstände
Heidestr. 42, 21244 Buchholz
Am Alten Eisenwerk 2a, 21339 Lüneburg
corralescarvajal@yahoo.de
Oliver.Schmidt@laves.niedersachsen.de
Jörn Isenberg
Kai-Oliver Wolff
Betriebsleiter Mechanisch-
Öffentlichkeitsarbeit
Biologische Vorbehandlung
GfA Lüneburg gkAöR
GfA Lüneburg gkAöR
Adendorfer Weg 7, 21357 Bardowick
Adendorfer Weg 7, 21357 Bardowick
wolff@gfa-lueneburg.de
isenberg@gfa-lueneburg.de
14 VKS-NEWS | 250 | 11/2020BEHANDLUNG VON ABFÄLLEN | KUNSTSTOFFE
WÄRMEWENDE
Der Abfall von heute ist
der Rohstoff von morgen
Abbildung 1: Jahresdauerlinie des Hamburger Fernwärmenetzes
(Quelle: P. Wasmuth, 2016), erweitert um die Einspeisepotenziale der SRH
D ie Erzeugung von Wärme aus erneuerbaren oder „alter-
nativen“ Technologien ist das angestrebte Ziel der Freien
und Hansestadt Hamburg. Im Rahmen der Energiewende in
Um die Energieversorgung Hamburgs zukünftig noch kli-
mafreundlicher zu gestalten, hat die Behörde für Umwelt,
Klima, Energie und Agrarwirtschaft die Stadtreinigung Ham-
Hamburg sollen der Primärenergiefaktor der Fernwärme ver- burg und weitere öffentliche Unternehmen dazu aufgeru-
bessert und die CO2-Emissionen deutlich verringert werden. fen, ihren größtmöglichen Beitrag für eine klimafreundliche
Die Leistungsfähigkeit der Bestandsanlagen und die zukünf- Energieerzeugung zu leisten. Als Ergebnis einer intensiven
tigen Projekte der Stadtreinigung Hamburg zeigen, dass Ab- Prüfung der Bestandsanlagen und aufgrund der gründlichen
fall nennenswerte Beiträge zur Energiewende bringen kann Planung neuer Anlagen hat die SRH weitere Potenziale zum
– man macht Gutes daraus. Ausbau der Erzeugung und Einspeisung klimafreundlicher
Fernwärme identifiziert, die nun in den kommenden Jahren
Bereits heute leistet die Stadtreinigung Hamburg (SRH) mit erschlossen werden. Der größte Beitrag mit einer Fernwär-
der Fernwärmeeinspeisung der Müllverwertungsanlage meleistung von 75 MW wird dabei vom zukünftigen Zentrum
Borsigstraße (MVB) dazu einen großen Beitrag, da die in für Ressourcen und Energie (ZRE) geleistet. Eine Fertigstel-
der MVB erzeugte Wärme (82 MW) einen Großteil der Grund- lung ist für das Jahr 2025 vorgesehen. Gerade für den Ersatz
last im Fernwärmenetz Hamburgs abdeckt. Bezogen auf die des in die Jahre gekommenen Steinkohleheizkraftwerks an
gesamte Wärmeeinspeisung ins Hamburger Netz, werden der westlichen Grenze des Hamburger Stadtgebietes spielt
allein durch die MVB bereits heute rund 18 Prozent abge- das ZRE eine wichtige Rolle zur Sicherstellung der zukünfti-
deckt. Auch ein Teil der Energie des Hamburger Bioabfalls gen Fernwärmeversorgung. Auch die bereits genannte MVB
wird bereits ins Hamburger Fernwärmenetz eingespeist. wird dem Hamburger Fernwärmenetz zukünftig noch mehr
Mit einer Fernwärmeleistung von rund 0,75 MW handelt es Fernwärme liefern, da hier durch den Einsatz von Wärme-
sich zwar nur um einen geringen Anteil der Gesamtmenge, pumpen und eine Anpassung des Turbinenkonzepts zukünf-
dennoch ist es ein Beitrag zur klimafreundlichen Fernwär- tig circa 60 MW mehr Fernwärme ausgekoppelt werden kön-
meerzeugung Hamburgs. nen. Die Müllverwertungsanlage Rugenberger Damm (MVR),
die Anfang 2020 vollständig in den Besitz der Stadtreinigung
16 VKS-NEWS | 250 | 11/2020BEHANDLUNG VON ABFÄLLEN | KUNSTSTOFFE
Das Fernwärmesystem Hamburgs 2025 MVB Borsigstraße
Biogas-Blockheizkraftwerk
+ Speicher
Zentrum für Komponenten des künftigen Erzeugungskonzepts
Ressourcen und Energie
Blockheiz-
kraftwerk
Heizkraftwerk
und GuD Tiefstack
Karoline
(Pumpstation
Anbindung an z + E-Kessel)
menet
bestehende Fernwär HW Haferweg Umformerstation
Wedel-Leitung Power-to-Heat Spaldingstraße
HW HafenCity
Wärmepumpe
Elbe
Klärwerk Energiepark Hafen
Dradenau mit Gas-Kraft-Wärme-
Kopplungskern
Abwasser
Wärmepumpe
Industrielle MVR
Abwärme Rugenberger
Industrielle Damm Aquifer-Wärmespeicher
Abwärme Wasser wird erwärmt, im Boden
gespeichert und bei
Bedarf wieder hochgepumpt
Aquifer-
Wärmespeicher Power-to-Heat
6 7
Abbildung 2: Fernwärmesystem Hamburg 2025 mit Anlagen der SRH (gekennzeichnet).
Quelle: Wärme Hamburg GmbH (https://energiepark-hafen.hamburg/energiepark-
hafen/das-erzeugungskonzept/)
Hamburg übergegangen ist, soll ebenfalls zukünftig an das Maßnahmen zum Erreichen der ambitionierten Klimaziele
Hamburger Fernwärmenetz angeschlossen werden und je der Stadt Hamburg beitragen.“
nach Erzeugungskonzept nur durch Optimierungsmaßnah-
men und ohne zusätzlichen Brennstoff bis zu 20 MW Fern-
wärme einspeisen.
Mit diesen drei thermischen Verwertungsanlagen und dem
Biomethan-BHKW können zukünftig circa 47 Prozent der
Hamburger Fernwärmeversorgung abgedeckt werden – da-
Ronja Grumbrecht
mit hat die Stadtreinigung Hamburg das Potenzial, zum
Projektingenieurin
größten Hamburger Wärmelieferanten zu werden. Aus die-
Energie- und Stoffstrommanagement
sem Grund sind die Anlagen der SRH auch aus dem Konzept Zentrum für Ressourcen und Energie
des öffentlichen Fernwärmenetzbetreibers nicht mehr weg- Schnackenburgallee 100
22525 Hamburg
zudenken (vergleiche Abbildung 2).
ronja.grumbrecht@stadtreinigung.hamburg
SRH-Geschäftsführer Prof. Dr. Rüdiger Siechau äußert sich
überzeugt und optimistisch: „Abfall wird immer mehr zum
Rohstoff und gewinnt durch eine intelligente Nutzung auch
Kay Goetze
als umweltfreundliche Energiequelle immer mehr an Be-
Leiter Unternehmenskommunikation
deutung. Wenn wir Abfälle nicht vermeiden können, stellt
Stadtreinigung Hamburg
die thermische Nutzung einen wichtigen Beitrag zum Klima- Bullerdeich 19
schutz dar, da fossile Rohstoffe ersetzt werden. Die Stadt- 20537 Hamburg
reinigung Hamburg möchte den Weg zur klimafreundlichen kay.goetze@stadtreinigung.hamburg
Energieversorgung aktiv mitgestalten und durch gezielte
VKS-NEWS | 250 | 11/2020 17BEHANDLUNG VON ABFÄLLEN | KUNSTSTOFFE
© Thomas / stock.adobe.com
WASSERSTOFFTECHNOLOGIE
Energieträger der Zukunft?
W asserstoff wird aktuell als ein zentrales Element der
Energiewende angesehen. Dies liegt vornehmlich an
der quasi unendlichen Verfügbarkeit sowie der universellen
In der ersten Gesprächsrunde zum Thema wurden die The-
men Elektrolyse und Brennstoffzelle durch den wissenschaft-
lichen Begleiter der Gespräche, Prof. Dr. Gregor Hoogers vom
und sektorenübergreifenden Einsetzbarkeit von Wasserstoff. Umwelt-Campus Birkenfeld, näher erläutert. Darüber hinaus
So kann Wasserstoff helfen, negative Residuallasten aus- konnte ein intensiver Kontakt zu Vertretern der chemischen
zugleichen, indem die Wasserstoffgewinnungstechnologien Industrie aufgebaut werden, die unter anderem mit BASF
bei Überschussströmen zum Einsatz kommen. Im gleichen und Boehringer Ingelheim die größten Abnehmer grünen
Zuge kann man mit H² Strom langfristig speicherbar machen. Wasserstoffs sein werden. Vier Industrievertreter erhielten
Die entscheidenden Eigenschaften liegen jedoch in den An- die Möglichkeit, ihre Lösungen für die H²-Technologie zu
wendungsbereichen von Wasserstoff. So können zahlreiche präsentieren. Graforce stellte eine Plasmalysetechnologie
Industrieprozesse in der Glasherstellung, der chemischen vor, bei der mithilfe eines Plasmafeldes H² aus Methan und
Industrie oder der Stahlindustrie, in denen es keine Alter- Schmutzwasser von Kläranlagen gewonnen werden kann.
nativen zum Einsatz von H² gibt, mithilfe von treibhausgas- GP Joule stellte die Projektierung von Elektrolyseuren vor und
neutralem H² dekarbonisiert werden. Darüber hinaus kann FAUN ihre 2021 in Serie gehende Linie von brennstoffzellen-
die Dekarbonisierung des Verkehrssektors, sinnvollerweise betriebenen Kehrmaschinen und Abfallsammelfahrzeugen.
vornehmlich des Schwerlastverkehrs, mithilfe von Brenn- Zuletzt stellte sera Hydrogen ihr Tankstellenportfolio für
stoffzellenfahrzeugen erfolgen. Als treibhausgasneutral ist H²-Fahrzeuge vor.
dabei nach Auffassung des VKU nicht nur der mit Strom aus
den klassischen erneuerbaren Energieträgern hergestellte In einem finalen Diskussionsteil besprachen die Teilnehmer,
Wasserstoff zu betrachten. Auch der aus der Abwärme der angeregt von Prof. Hoogers, die konkrete Durchführung von
thermischen Abfallbehandlung bereitgestellte Strom ist hier Pilotprojekten. So wurden auch schon zwei Projektideen be-
einzubeziehen, da die fossilen CO²-Emissionen aus der Ver- nannt, die nun in den Unternehmen intensiver geprüft wer-
brennung den Produkten zuzurechnen sind, die aus fossilen den. Der besondere Reiz daran: Das Umweltministerium RLP
Kunststoffen hergestellt wurden. hat die Bereitstellung von Fördermitteln in Aussicht gestellt.
Die VKU-Gesprächsrunde möchte dazu beitragen, einen Teil
Die kommunalen Unternehmen nehmen in diesem künf- dieser Fördermittel zur Unterstützung hochinnovativer Pro-
tigen System eine zentrale Position ein. Mit zahlreichen jekte in die kommunale Familie zu holen.
Erneuerbare-Energien-Erzeugungsanlagen (EEE) und den
kommunalen Abfallverwertungs- und Kläranlagen in ihren
Betrieben verfügen sie über zentrale H²-Erzeugungskapazi-
Michael Bleidt
täten. Strom- und Erdgasnetze in kommunaler Hand stellen
Geschäftsführer
Transportwege für den EE-Strom und den Wasserstoff dar.
VKU Landesgruppe Rheinland-Pfalz
Darüber hinaus sind kommunale Unternehmen als Fahr- Verband kommunaler Unternehmen e. V.
zeugflottenbetreiber in der Stadtreinigung, der Abfallsamm- Invalidenstraße 91, 10115 Berlin
lung, dem Winterdienst und dem ÖPNV potenzielle Nutzer bleidt@vku.de
des H² im Schwerlastverkehr.
18 VKS-NEWS | 250 | 11/2020BEHANDLUNG VON ABFÄLLEN | KUNSTSTOFFE
TREIBSTOFFWENDE
Neue Pflichten und Möglichkeiten
© Robert Kneschke / stock.adobe.com
Z ur rechtlichen Unterstützung und Durchsetzung der Ener-
gie- und Klimawende hatte die EU auch im Jahr 2018 die
Erneuerbare-Energien-Richtlinie novelliert (RL EU 2018/2001). Mit den Änderungen werden Regelungen der
Sie dient insbesondere der Erhöhung des Erneuerbaren-An- EE-RL II (RED II) umgesetzt, mit denen
teils bis zum Jahr 2030 in den Bereichen Strom, Wärme und
Verkehr. Bis zum 30. Juni 2021 müssen die Bestimmungen der
neuen EE-Richtlinie (Englisch: Renewable Energy Directive • die EE-Quote im Verkehr bis 2026 auf 14 Prozent
II, RED II) von den EU-Mitgliedstaaten in nationales Recht gesteigert werden soll,
umgesetzt werden. • Die Dekarbonisierung des Luftverkehrs vorange-
bracht werden soll (verpflichtende EE-Mindest-
In Umsetzung der Artikel 25 bis 28 der Richtlinie EU hat das quote, ausschließlich PtX),
BMU im September 2020 folgende zwei Referentenentwürfe • Biokraftstoffe aus Rest- oder Abfallstoffen ge-
den Verbänden zur Anhörung vorgelegt: fördert werden sollen,
• Elektromobilität gefördert werden soll,
• für ein „Gesetz zur Weiterentwicklung der Treibhausgas- • erneuerbare strombasierte Kraftstoffe
minderungs-Quote“ nicht-biogenen Ursprungs (PtX) gefördert
• für eine „Verordnung zur Festlegung weiterer Bestim- werden sollen (Zulassung von grünem PtX zur
mungen zur Weiterentwicklung der Treibhausgasminde- Anrechnung im Verkehr und zur Produktion
rungs-Quote“ konventioneller Kraftstoffe),
• Biokraftstoffe aus Nahrungs- und Futtermitteln
Mit dem Gesetz werden die §§ 37a, 37b, 37c, 37d, 62 und 67 begrenzt werden sollen,
BImSchG geändert. Mit der Verordnung werden die §§ 1-2, • die Vorschriften rechtsbereinigt werden sollen,
5-11, 13-15, 20 sowie Anlagen 1, 4 der 38. BImSchV geändert • Ermächtigungsgrundlagen angepasst werden
und die §§ 13a, 13b neu eingefügt (Artikel 1) sowie die §§ 1-2, sollen.
7, 9 der 36. BImSchV geändert (Artikel 2).
VKS-NEWS | 250 | 11/2020 19BEHANDLUNG VON ABFÄLLEN | KUNSTSTOFFE
Mit der Verordnung wird auch der Begriff der „wiederver- stoffhaltigen Abfallströmen nicht erneuerbaren Ursprungs
werteten kohlenstoffhaltigen Kraftstoffe“ in das deutsche gemäß § 6 KrWG berücksichtigt."
Recht eingeführt. Er ist in Artikel 2 Nr. 35 der Richtlinie de-
finiert: Der VKU begrüßt außerdem die verbesserten Anrechnungs-
möglichkeiten für Strom zur Verwendung in Straßenfahr-
„flüssige und gasförmige Kraftstoffe, die aus flüssigen zeugen mit Elektroantrieb. Als besonders wichtig erachtet
oder festen Abfallströmen nicht erneuerbaren Ursprungs, der Verband dabei die vorgesehene Berücksichtigung auch
die für eine stoffliche Verwertung gemäß Artikel 4 der anderer Fahrzeugklassen für die Ermittlung des Stromver-
Richtlinie 2008/98/EG nicht geeignet sind, hergestellt wer- brauchs an nicht öffentlichen Ladepunkten. Der Verord-
den, sowie aus Gas aus der Abfallverarbeitung und Abgas nungsbegründung ist dabei zu entnehmen, dass die Rege-
nicht erneuerbaren Ursprungs, die zwangsläufig und un- lung auch anderen Fahrzeugklassen, insbesondere schweren
beabsichtigt infolge der Produktionsprozesse in Industrie- Nutzfahrzeugen, gerecht werden soll, was die bestehende
anlagen entstehen“ Regelung mit dem alleinigen Fokus auf die Jahresverbräuche
von Pkw noch nicht leistet. Das Bundesumweltministerium
Damit hat die EU aus fossilen Abfallbestandteilen herge- beabsichtige vor diesem Hintergrund, für bestimmte Arten
stellte Kraftstoffe in die Richtlinie aufgenommen und zu- von Fahrzeuge weitere spezifische Schätzwerte zu verkün-
gleich dort die Möglichkeit geschaffen, diese Kraftstoffe bei den.
der Berechnung der EE-Quote im Verkehr auch im Zähler zu
berücksichtigen. Allerdings handelt es sich dabei um eine Es ist jedoch darauf hinzuweisen, dass sich die Fahrleistun-
Kann-Bestimmung, die Deutschland anscheinend (zumin- gen einzelner Fahrzeuge im kommunalen Kontext innerhalb
dest in der vorliegenden Novelle) nicht nutzen will. einer bestimmten Fahrzeugklasse stark unterscheiden kön-
nen. So kommen Fahrzeuge mit langen Umläufen im länd-
Die bei der thermischen Abfallbehandlung frei werden- lichen Raum auf höhere Jahresfahrleistungen als gleichartige
de Wärme ist als solche sowohl unvermeidbare Abwärme Fahrzeuge im Stadtverkehr. Die Spreizungen können so groß
als auch aus Abfällen stammend, da sie unvermeidbar bei sein, dass ein Schätzwert im Einzelfall deutlich zu gering oder
der zwingend notwendigen Verbrennung der nicht hoch- zu hoch ausfallen könnte. Das Resultat wäre eine Übervor-
wertig recycelbaren Abfälle entsteht. Um die Abfallentsor- teilung eines Unternehmens gegenüber dem anderen, das
gung gleichzeitig so nachhaltig wie möglich zu gestalten, gleichartige Fahrzeuge unter anderen Bedingungen betreibt.
wird diese Abwärme zur Bereitstellung von Dampf, Wärme/ Sollte der Ansatz der Ermittlung fahrzeuggruppenspezifischer
Kälte oder Strom bis hin zur Sektorkopplung durch Was- Schätzwerte verfolgt werden, muss deren Ermittlung sehr
serstoffproduktion genutzt (energetische Verwertung). Je sorgfältig und unter Berücksichtigung der genannten Um-
nach Zusammensetzung der Abfälle ist diese Energie teils stände erfolgen.
erneuerbar, bei Siedlungsabfällen zu 40 – 50 Prozent, teils
zumindest eben klimafreundlich. Als Alternative bietet sich an, für gewerblich genutzte Fahr-
zeuge oder Fahrzeuge, die von Körperschaften öffentlichen
Richtigerweise wird auch der Stromverbrauch für Elektroan- Rechts genutzt werden und die an nicht öffentlichen La-
triebe im Verkehrssektor bei der Berechnung der EE-Quote depunkten geladen werden, auf gemessene Verbräuche
einbezogen. Dann muss nach Auffassung des VKU mit der zurückzugreifen. Im Fall der öffentlich zugänglichen Lade-
Aufnahme der (flüssigen und gasförmigen) wiederverwer- punkte wird das bereits so gehandhabt. Dies ist möglich,
teten kohlenstoffhaltigen Kraftstoffe auch die Einrechnung da für innerbetriebliche und steuerrechtliche Abrechnungs-
von Strom aus denselben Quellen erfolgen. zwecke ohnehin in den meisten Fällen die realen Verbräuche
gemessen werden.
Der VKU plädiert deshalb dafür, § 1 Absatz 2 Nr. 2 Satz 1 (neu)
der 38. BImSchV wie folgt zu fassen:
„Bei der Berechnung des Zählers wird zur Berechnung der
Menge der im Verkehrssektor verbrauchten erneuerba- Dr. Martin J. Gehring
ren Energie … der Energiegehalt aller Arten erneuerbarer Fachgebietsleiter Abfallbehandlung,
Klima- und Ressourcenschutz
Energie, die für den gesamten Verkehrssektor bereitge-
Abteilung Abfallwirtschaft und
stellt werden, einschließlich für den Bereich Straßen- und Stadtsauberkeit VKS
Schienenverkehr bereitgestellte erneuerbare Elektrizität, Verband kommunaler Unternehmen e. V.
wiederverwertete kohlenstoffhaltige Kraftstoffe sowie Invalidenstraße 91, 10115 Berlin
gehring@vku.de
Elektrizität aus der energetischen Verwertung von kohlen-
20 VKS-NEWS | 250 | 11/2020Sie können auch lesen