ZACK. ABSCHIED. SO IST JANUAR - www.null41.ch Januar 2019 SFr. 9.
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«Eine Ode an die Freiheit.» L’OBS
NACH TAXI TEHERAN FÄHRT
JAFAR PANAHI WIEDER LOS!
THREE FACES
«Ein Road Feel Good Movie»
ANPASSUNG Thierry Frémaux, Cannes Film Festival
FÖRDERSYSTEM RKK
AB JANUAR 2019
SÄMTLICHE GESUCHE WERDEN
DIREKT AN DIE RKK
Eingereicht!
WEITERE INFORMATIONEN
WWW.RKK-LUZERN.CH
AB 27. DEZEMBER IM KINO
DIE GÖNNER MUSIK UND KULTUR ENGELBERG
LADEN EIN ZUM 41.
DREIKONIGS
KONZERT
SAMSTAG, 5. JANUAR 2019
20.30 UHR, KLOSTERKIRCHE ENGELBERG
STUDIERENDE DER HOCHSCHULE LUZERN – MUSIK
FRANZ SCHUBERT
Acht Variationen in As-Dur D 813
für Klavier zu vier Händen
WOLFGANG AMADEUS MOZART
«Gran Partita» Serenade B-Dur KV 361
für zwölf Bläser und Kontrabass
Eintritt frei, Kollekte
Unterstützt durch: Gestaltung und Druck:EDITORIAL
WIR GEHEN
als Metapher für die oftmals herausfordern-
de Zeit der Übergänge, sei es zwischen den
Jahren, Menschen oder Orten. Hauptsache
mit Zuversicht und Zukunftsblick.
In den Fokusgeschichten der Januaraus-
WEITER Liebe Leserinnen und Leser
gabe nähern sich unsere Autorinnen und Au-
toren dem Thema «Abschied» ganz breit an
und widmen sich unter anderem dem Verein
als bevorzugte, konfliktbehaftete Organisa-
tionsform in Kulturbetrieben, der möglichen
Verabschiedung traditioneller Museumsver-
Es mag paradox klingen, das neue Jahr mittlung und dem Adieu zum gängigen Be-
mit einem Heft zum Thema «Abschied» ein- rufsbild «Künstler» und «Künstlerin».
zuläuten. Doch mit dem Abschied fallen Ge- An dieser Stelle möchte ich mich auch
wissheiten und Gewohntes weg, plötzlich gilt ganz herzlich bei unserer redaktionellen
es, sich wieder auf Neues einzulas- Mitarbeiterin, Katharina Thalmann, bedan-
Sophie Grossmann sen. Während liberale Politkräfte ken. Sie hat uns auf Ende 2018 verlassen. Ihr
Redaktionsleiterin
gerne proklamieren, Wachstum Nachfolger, Pascal Zeder, hat seinen Start am
sei der einzige Weg vorwärts, sind 1. Januar 2019. Ein Abschied und ein Anfang
wir bei «041 – Das Kulturmagazin» über- – ich wünsche beiden ganz viel Erfolg und
zeugt, dass es auch klein geht, indem wir in Freude für das Kommende!
kurzen Schritten einen Fuss nach dem ande-
ren aufsetzen und in neue Richtungen Wir stossen an: auf das Vorangehen mit
schlendern, stapfen oder rennen. Das Gehen gutem Lesestoff und Neujahrsvorsätzen.
Januar 2019 041 – Die unabhängige Stimme für Kultur in der Zentralschweiz 3INHALTSVERZEICHNIS
Schonwaschgang? John Miller im Museum im Bellpark > Seite 35 Museumsrundgang? Rea Eggli mit Bronzeplastik > Seite 18
BYE BYE, Editorial > Seite 3
Guten Tag > Seite 5
Poliamourös
Michael Soukup findet seinen Frieden mit und in Winterthur > Seite 6
BERUF?
Eine Sängerin und ein Künstler erzählen > Seite 10
Kosmopolitour
Laura Livers lernt New Yorker Slang > Seite 7
Stadt – Land
Blick durch die Linse aus Luzern und Uri > Seite 8
Überdacht
Wie gelingt ein Abschied? Porter zaubert, Groebner räumt auf > Seite 22
TSCHÜSS, Nachschlag
Sylvan Müller über das letzte Mahl > Seite 24
Ausgefragt
VEREIN?
Typologie des Vorstands von Heinrich Weingartner > Seite 14
Drei Fragen an Kulturschaffende im Hintergrund: Gilda Laneve > Seite 37
Käptn Steffis Rätsel > Seite 58
Gemalt > Seite 59
KULTURKALENDER
ADIEU, JANUAR 2019
MUSEUM?
Rea Eggli und Heinz Stahlhut im Gespräch > Seite 18
Literatur > Seite 26
Musik > Seite 28
Film > Seite 30
Kunst > Seite 32
Kinder > Seite 35
Bühne > Seite 36
Veranstaltungen > Seite 38
Ausstellungen > Seite 51
Ausschreibungen > Seite 54
Adressen A-Z > Seite 56
4 041 – Die unabhängige Stimme für Kultur in der Zentralschweiz Januar 2019GUTEN TAG
GUTEN TAG, REGIERUNGSRÄTE
Hätte was werden können: Ihr plant eine
Tournee, diskutiert mit der Bevölkerung ak-
tuelle politische Themen. Ende Jahr habt Ihr GUTEN TAG, GEMEINDE ROOT
drei Gigs angesetzt – in Wolhusen, Sursee
und Emmenbrücke (Letzteres könnte immer- Mit Ihrem Austritt aus der RKK reihen
hin bald urban sein). Gesundheit, Bildung Sie sich ein in die illustre Gesellschaft der
und Mobilität habt Ihr als Themen gesetzt. Ex-RKK-Gemeinden. Sie betreten ausgetrete-
Wir vermissen natürlich die Kultur. Logo, ist ne Pfade: Den RKK-Exodus angerissen haben
ja auch unser Thema Nummer 1. Und nach- vor Ihnen schon Udligenswil, Greppen, Adli-
dem Ihr im Gegensatz zur Filmförderung des genswil und Buchrain. Sind das lauter Regio-
Kantons Basel-Stadt abgelehnt habt, «Luzern nale Kultur-Kurzschlüsse? Oder erleben wir
– der Film» zu fördern, hätten wir ja ganz Ak- gerade einen Übergang vom Kantönligeist
tuelles zu besprechen gehabt. Aber geschenkt, zum Gmeindligeist, der in die Geschichtsbü-
es hat nicht immer alles Platz. Dass Ihr als rei- cher eingehen wird?
ne Männercombo aber ausschliesslich Exper- Doch zurück zu Ihnen, Gemeinde Root:
ten (Frauen explizit nicht mitgemeint) auf die Sie sparen durch Ihren RKK-Exit 25 000 Fran-
Bühne eingeladen habt, zeigt, wie erschre- ken. Es sei natürlich keine Sparmassnahme,
ckend eng Eure Scheuklappen montiert sind. sondern eine Umverteilungsmassnahme – Sie
Gerade wenn es um Themen geht wie Ge- wollen damit kulturelle Projekte in Root un-
sundheit und Bildung, wo Frauen die Mehr- terstützen, weil sie bei der RKK offenbar zu
heit der Arbeit leisten. kurz gekommen sind. Jeder Rappen zählt!
Blöd nur, dass sich jetzt keine Kulturschaffen-
Darauf ein Schulterklopfer, «041 – Das Kultur- den aus Root mehr um Förderung durch die
magazin» RKK bewerben können. Das Prinzip heisst
nämlich «Solidarität»: Zu glauben, dass das je-
weilige Geld jeweils wieder zurück in die Mit-
gliedergemeinden fliesst, beruht wohl auf ei-
nem Missverständnis.
Übrigens: Bei Ausgaben von 28 251 200
Franken im Jahr 2018 sind die 25 000 Fränkli
RKK-Bätzeli gerade mal ein Tausendeinhun-
dertdreissigstel oder 0,088 Prozent des Rooter
Jahresbudgets.
Kleines Trostpflaster: Sie werden erst per
Ende 2020 aus der RKK austreten. Bleibt die
Ausstiegs-Frequenz gleich wie bisher, wird bis
dann mindestens eine weitere Gemeinde der
RKK den Rücken zugedreht haben. Wird die
RKK nach und nach eRKaKalten? Wir hoffen
es nicht!
Wohnatelier in Chicago Sanft errootet, «041 – Das Kulturmagazin»
1. Dezember 2019 - 30. November 2021
Professionelle Kulturschaffende aller Sparten aus dem
Kanton Luzern können sich für einen Studienaufenthalt im Wohnatelier
in Chicago bewerben.
Die Stipendiendauer beträgt 4 bis 6 Monate.
Bewerbungsunterlagen: www.luzern-chicago.ch
Kontakt: Verein Städtepartnerschaft Luzern-Chicago
claudia.willi@stadtluzern.ch oder kontakt@luzern-chicago.ch
Anmeldefrist: 1. März 2019
Januar 2019 041 – Die unabhängige Stimme für Kultur in der Zentralschweiz 5POLIAMOURÖS
Als ich vor zwei Jahren einer Luzerner ruhen ihre Arbeiter lieber in beschei-
Nationalrätin erzählte, dass ich bald dene Reihenhäuschen statt Mietska-
nach Winterthur ziehen würde, sernen steckten.
konnte sie es partout nicht verstehen.
Ohne Repräsentationsbauten,
Der Abschied fiel
dafür mit umso mehr im Brutalismus-
stil erstellten Waren- und Bürohäu-
sern, wirkte Winterthur auf mich wie
«eine deutsche Stadt, die nach den
mir nicht leicht Luzern sei doch die schönste Stadt der
Bomben des Zweiten Weltkriegs zu
schnell wiederaufgebaut wurde»,
schrieb ich in einer bitterbösen Glosse
im «Tages-Anzeiger». In Anspielung
Schweiz – der See, die Berge, die Alt- auf die Provinzialität setzte ich den
stadt und so weiter. Würde ich denn Titel: «Unterwegs in der B-Schweiz».
dies alles nicht vermissen? Zu Win- Der Gipfel der Provokation war meine
terthur fiel ihr nichts ein, Ankündigung, einen Match des
Michael Soukup ausser dass es sich im zweitklassigen FC Winterthur zu be-
ist in Luzern aufgewachsen
und war bis Mitte 2018 Zentral- Osten befindet. suchen. Das war ein Fehler. Wintert-
schweiz-Korrespondent des hurs Stapi soll so erzürnt über den
«Tages-Anzeigers». Dank einer
grosszügigen Abfindung ar- Für mich gab es aber Meinungsbeitrag gewesen sein, dass
kein Zurück: Mein neun-
beitet er nun Teilzeit beim Kon- er beim FC Winterthur sondieren
sumentenmagazin «Saldo» jähriger Sohn war damals liess, ob man mich per Lautsprecher
und studiert an der Pädagogi-
schen Hochschule Zürich. eben mit seiner Mutter ausrufen und vom Publikum ausbu-
von Zürich nach Winter- hen lassen könnte. Zum Glück lehnte
thur gezogen. Ich konnte dies der Club ab.
Illustration: Anja Wicki
unmöglich zusätzlich zur
täglichen Pendelei zwischen Luzern Ein Jahr später zog ich um. In
und Zürich nun noch jedes Wochen- den ersten Wochen, als ich den neuen
ende die je eineinhalbstündige Hin- Wohnort erwanderte, veränderte sich
und Rückfahrt nach Winterthur auf meine Einstellung. Da waren keine
mich nehmen. touristischen Horden, die die halbe
Stadt belagerten. Da gab es aber eine
Obwohl ich die meisten grossen bunte Altstadt mit Lädeli, die in
Schweizer Städte recht gut kenne, war Luzern längst von den öden Uhrenge-
Winterthur die grosse Unbekannte. schäften verdrängt worden waren.
Als ich mir die Stadt das erste Mal ge- Der tägliche Stau war hier nicht halb
nauer ansah, war ich ziemlich ver- so schlimm, dafür konnte man sich si-
wundert. Mit rund 112 000 Einwoh- cheren Lebens auf dem Velo bewegen.
nern ist Winterthur nicht nur die Und auch mit der Architektur habe ich
sechstgrösste Stadt, sondern gleich- Frieden geschlossen: im früheren,
zeitig auch die grösste Nicht-Haupt- riesigen Industrieareal der Gebrüder
stadt der Schweiz. Sulzer. Hier entstand ein neues Quar-
tier von grossstädtischem Charakter
Dazu gesellte sich ein höchst ir- und architektonischer Qualität.
ritierendes Stadtbild. Ob in Luzern,
Zürich oder in irgendeiner europäi- Und die bleiernen Diskussionen
schen Stadt, ziehen mich die gross- um die Höhe des Steuerfusses, Sparen
städtischen Quartiere aus dem späten ohne Ende und die regierungsrätli-
19. Jahrhundert magisch an. In Win- chen Fake-News zur angeblich so er-
terthur ist nur die Altstadt kompakt, folgreichen Tiefststeuerstrategie sind
darüber hinaus stehen die Häuser hier im Osten weit weg. Winterthur
meist wie hingewürfelt. «Garten- gilt ja als «Steuerhölle» des Kantons
stadt» nennt sich das Konzept. Und es Zürich – trotzdem zahle ich ein paar
waren auch die allmächtigen Fabrik- Tausend Franken weniger Steuern als
herren, die aus Angst vor sozialen Un- in Luzern.
6 041 – Die unabhängige Stimme für Kultur in der Zentralschweiz Januar 2019KOSMOPOLITOUR
Laura Livers vom Duo Frida hat zum ersten Mal seit zehn Jahren Zeit.
«Nooo, of course I won’t
der Krise –, also schalte ich meine
Synthesizer aus und verlasse mein
Uptown Apartment. Auf dem Weg zur
work here» Subway passiere ich das Dakota, das
Appartementhaus, wo John Lennon
lebte und vor dessen Eingang er starb
hör ich oft und denk mir und sich bis heute immer ein paar Be-
Laura Livers wollte eigentlich Pianistin werden. dann: «Ja, ist ganz geil!» atles-Fans finden lassen, und fahre 30
Da sie nicht gerne still sitzt und den Mund hält, Und ein bisschen Sehn- Minuten südostwärts. «It’s well brick
hat sie ihren Konzertflügel verschenkt und ist sucht kommt dann auf. Ich outside» ist Slang für das eisige Wetter
nun Mitglied in diversen Ensembles für moderne vermisse die Migros, ich draussen. Ob das stimmt, weiss ich
Musik, Pop und Interdisciplinary Arts. Momentan vermisse die Galvanik, wo nicht. Aber meine Sitznachbarin im
lebt und arbeitet die Zugerin in einem Atelier in ich jeden kenne, ich ver- L-Train auf dem Nachhauseweg besteht
New York. misse meine Mitmusiker darauf, dass ich das ab jetzt so sage.
und das Hertiquartier. «Let’s connect on Instagram.» Sie hat
«Welcome to the United States of Seit September hänge ich in 9 211 Follower – in der Schweiz wäre
America», murmelt der Angestellte der meiner Wohnung und schreibe wie sie damit Influencerin, hier ist das
Homeland Security, während er gelang- besessen Musik. schon fast normal. Ich werde sicher nie
weilt auf seinen Bildschirm blickt und Meine Band-Dropbox füllt sich mehr von ihr hören, aber das ist ok. Die
etwas in meinen Pass kritzelt. Meine konstant mit Songskizzen, die unge- Vereinsamung in New York ist leicht,
im Flugzeug geübte Rede wollte er nicht duldig auf Feedback warten. Das erste vielleicht ist es deswegen so einfach,
hören («Nooo, of course I won’t work Mal seit meiner Matura vor zehn Jahren mit den Leuten ins Gespräch zu kom-
here»), die Atelierbestätigung und der habe ich Zeit, Ideen auszuarbeiten, men? Das Konzert war auf jeden Fall
Bankauszug blieben in meiner Mappe, welche auch auf den dritten Blick nicht seine 10 Dollar Eintritt wert, und da
mein Laptop-Inhalt war nicht von In- viel hergeben, Zeit, sämtliche Reverb- mir bei einer kurzen Ausreise ein ande-
teresse, die verräterischen XLR-Kabel Plugins in Ableton Live auszuprobieren, rer gelangweilter Mitarbeiter der
und Mikrofone unausgepackt in mei- Zeit, stundenlang Drum-Loop-Tutori- Homeland Security mein Visum –
nem Rucksack. «Besser nichts sagen», als zu hören, die ich nicht ganz verstehe. schon wieder – ungefragt um weitere
dachte ich mir und stürzte mich in das In dieser lauten Stadt, die niemals sechs Monate verlängert hat, werde ich
Getümmel namens New York City. schläft, zehnmal grösser als Zürich, das Sirenengeheul nicht missen, und
«Aah, we’re fucked», erzählen die 200 000 Einwohner mehr als die einfach noch ein hier bisschen bleiben.
Einheimischen. Politik ist ein beliebtes Schweiz, habe ich meine Ruhe gefun-
Gesprächsthema – Gesundheitsvor- den.
sorge, Mindestlöhne, die korrupten Und dann informiert mich You-
Wahlen, Immigration, die kaputte tube, dass die Band, die ich gerade höre,
Laura Livers
Subway und immer und immer wieder heute Abend in Brooklyn spielt. Das *1988, lebt in Zug.
Trump. «It must be so nice to be Swiss», passt – Song Nummer 32 steckt grad in www.lauralivers.com
Januar 2019 041 – Die unabhängige Stimme für Kultur in der Zentralschweiz 7STADT
22. NOVEMBER, KONZERTHAUS SCHÜÜR-FOYER, LUZERN
«Zeitreise in die Welt des Glam Rock:
Plattentaufe der Biscuits From Mars,
mit Ibby Pop am Bass und Leadsänger
Toni Bowie an der Gitarre.»
Bild & Wort: Heinz Pal
8 041 – Die unabhängige Stimme für Kultur in der Zentralschweiz Januar 2019LAND
28. NOVEMBER, OBERAXEN, URI
«Nach dem Klauseinzug besuchen die
Kläuse die abgelegeneren Haushalte.»
Bild & Wort: Valentin LuthigerFOKUS: ABSCHIED
Wusstest du schon bei Studienantritt, dass du deine Produktio-
nen zum künstlerischen Mittelpunkt machen wirst?
Viviane Hasler: Ja. Das Studium habe ich immer als Ort
gesehen, an dem ich mein
Interviews: Katharina Thalmann technisches Rüstzeug hole:
Bilder: Christof Schürpf Gesangstechnik, Musiktheo-
rie und Gleichgesinnte tref-
fen. Ich bin aber auch vielen Leuten mit Scheuklappen be-
gegnet, die sich in ihr Übezimmerchen verkrochen
haben.
Wurdest du während des Studiums in deinem Vorhaben unter-
stützt und gefördert? Konzert wünsche ich mir, dass jemand schreien würde,
V. H.: Das Studium ist ein Elfenbeinturm. Meine Dozen- damit die süsse Idylle gebrochen wird. Ich kann ja auch
tin hat mich immer unterstützt, gerade am Anfang des nicht den ganzen Tag Glace essen.
Studiums musste sie mich aber auch bremsen – ich solle
mich auf die stimmliche Entwicklung konzentrieren, das Wie ist es, mit klassisch ausgebildeten Musikerinnen und Musi-
war sicher richtig. Gegen Ende des Studiums habe ich kern performative und spartenübergreifende Programme einzu-
immer mehr zeitgenössische Musik gesungen. Meine studieren?
projektorientierte Arbeitsrealität wurde nicht unterrich- V. H.: Klassische Musikerinnen üben 90 Prozent zu
tet. Das ist Learning by Doing. Hause, und die letzten zehn Prozent passieren in den
Proben. Für Schauspielerinnen und Tänzerinnen ist es
Unterrichtest du auch? umgekehrt: 80 Prozent der Arbeit geschieht auf der
V. H.: Noch einen Nachmittag pro Woche. So habe ich Szene. Für mich ist das normal, weil ich viel szenisch ar-
den Luxus, Engagements absagen zu können oder coole beite. Beim Projekt mit dem Neon-Ensemble mussten
Sachen zu machen – die aber vielleicht finanziell nicht ge- sich die Musikerinnen und Musiker daran gewöhnen,
sichert sind. Zudem halte ich das Unterrichten für eine erst mal nicht zu wissen, wann welche Aktion passiert,
künstlerische Bereicherung: Ich lasse Improvisation ein- und zusammen zu experimentieren.
fliessen, zeige auch mal extra «falsche» Techniken, wie
man sie eher in der zeitgenössischen Musik findet, um so Deine «Folk Songs» waren ein Konzerterlebnis aus Musik, Tanz
zur gesunden Gesangstechnik zu gelangen. und Performance. Warum?
V. H.: Durch die visuellen Aspekte kommt eine neue
Was ist das Schwierigste, was das Schönste an deinem Alltag? Ebene hinzu, und wir vermitteln die Musik. Die Insze-
V. H.: Das schwankende Einkommen und die versteck- nierungen nehmen Hemmschwellen weg. Es ist aber ein
ten Administrationsaufwände sind schwierig. Am schmaler Grat: Ich will damit nicht die Musik aufhüb-
schönsten sind die künstlerische Eigenständigkeit und schen oder kaschieren.
die kreative Arbeit. Mozart ist auch schön, aber von
meiner Person steckt da viel weniger drin. Ich will for- Nach dem Pädagogik-Master wird oft noch weiterstudiert. Wieso
schen, ausprobieren, mich mit gesellschaftlichen hast du keinen Performance-Master gemacht?
Themen befassen. Das versuche ich besonders mit V. H.: Ich hatte und habe das Bedürfnis, mich musika-
meinem Ensemble Neon: In unserem ersten Programm lisch und stimmlich weiter zu entwickeln, wollte aber
«Folk Songs» ging es um Populismus und Nationalis- nicht mehr in eine Institution eingebunden sein. Ich hole
mus. Kunst ist nicht separiert vom Leben. mir, was ich brauche. Wenn ich beispielsweise Chine-
sisch singen muss, lerne ich die Aussprache mit Kindervi-
Mozart-Lovers würden wohl sagen, dass auch Mozart mit dem deos auf Youtube. Ausserdem habe ich parallel zum Mu-
Leben zu tun hat. sikstudium auch Jus studiert. Vor einem Jahr habe ich die
V. H.: Ja, und ich liebe es auch, Mozart zu singen! Aber Anwaltsprüfung bestanden.
zeitgenössische Musik nimmt Bezug aufs Heute und
traut sich auch, weg vom Schönen zu gehen, komposito- Das ist eine starke Leistung, gratuliere.
risch und stimmlich. Nach einer Stunde Monteverdi im V. H.: Ich arbeite jetzt freischaffend rund 30 Prozent als
Anwältin im Strafrecht. Allzu gern rede ich nicht darü-
ber, weil es dann schnell heisst: «Sie subventioniert ihr
Musikerin-Sein mit Anwältin-Sein.» Aber in Wirklich-
keit ist es genau umgekehrt: Ich habe das Anwältin-Wer-
den die letzten Jahre mit dem Musikerin-Sein finanziert.
10 041 – Die unabhängige Stimme für Kultur in der Zentralschweiz Januar 2019LEARNING BY DOING SOMETHING DIFFERENT Wer Gesang studiert, wird Opernsängerin. Wer Kunst studiert, wird Künstler. Oder? Nicht ganz. Vorgespurte kreative Wege sind längst passé. Die Sängerin Viviane Hasler und der Künstler Exist 84 (Marc-André Wermelinger) gehen mit gutem Beispiel voran. Die Sopranistin Viviane Hasler wusste schon bevor sie ihr Gesangs- studium begann, dass sie lieber ihre eigenen Produktionen entwi- ckelt, statt als Operndi- va zu aspirieren. Seit sie ihr Studium 2012 abge- schlossen hat, realisiert sie jährlich eigene Pro- jekte, gründete ihr Neon-Ensemble – und wurde Anwältin. Januar 2019 041 – Die unabhängige Stimme für Kultur in der Zentralschweiz 11
FOKUS: ABSCHIED
Deine Arbeiten, ob Videoclips, Albumcovers, Tafelbilder, Installa-
«ICH HABE VIELE tionen oder Fasnachtsmasken, durchzieht eine ganz eigene Ästhe-
tik.
INTERESSEN, UND M. W.: Sie bewegen sich zwischen Schreckensbildern
und Spielzeugwelten – oft auch in Kombination. Ich inte-
ressiere mich für die Oberflächlichkeit von etwas:
DESWEGEN HABE Schreckliche Bilder können schön sein und Spielzeugwel-
ten können Schreckliches verharmlosen. Mein Brand, die
ICH VIELE JOBS.» Rakete, kommt aus meinem Bezug zur Urban Art. Das
Bild ist einfach, zeitlos, und steht dafür, seine Träume zu
verfolgen.
Wie teilst du deine Arbeitswoche auf?
Marc-André Wermelinger: Ich arbeite 20 Prozent als Wie bist du auf die Idee gekommen, Kunst und Rap zu verbinden?
Lehrer für bildnerisches Gestalten und Informatik. 60 M. W.: Die Musik habe ich im Master mit ins Boot geholt.
Prozent bin ich Jugendarbeiter, und 20 Prozent freischaf- Das lief vorher nebeneinander, und das hat mich gestört:
fender Künstler. Ich bin im bildenden und musikalischen Meine Kunst war sehr kühl, der Rap sehr persönlich. Mit
Bereich tätig, sehe mich aber nicht als Musiker. Durch Musik zu arbeiten, machte mich in diesem Studiengang
meine Erfahrungen als Jugendarbeiter begann ich mich zum Exoten. Viele meiner deutschen Dozenten waren ir-
auch für die Schnittstelle zwischen Sozialer Arbeit und ritiert – sie haben die Texte nicht verstanden. Es ging aber
Kunst zu interessieren. Eines dieser Projekte war ein Auf- ohnehin immer ums Konzept, ich wurde nicht musika-
trag vom Schloss Meggenhorn, wo ich mit Asylsuchen- lisch bewertet.
den eine künstlerische Form gefunden habe: Flaschen-
post am Strand. Hast du trotzdem etwas gelernt an der Kunsti?
M. W.: Natürlich. Vor allem habe ich gelernt, konzeptuell
Wie hast du dir beim Antritt des Studiums dein Leben nach der zu arbeiten, Themen zu finden und diese zu verfolgen.
HSLU – Design & Kunst vorgestellt? Ich habe einen Drang, alles zusammenzubringen – das
M. W.: Meine naive, einfache Vorstellung war: Ich arbei- musste ich mir selber erarbeiten. Inzwischen sehe ich es
te dann in der Migros, um als Künstler zu leben. Interes- entspannter: Ich ziehe meine Themen automatisch mit
santerweise habe ich mir aber immer berufsnahe Felder und durch. Eine Stärke von mir ist es, passende Meta-
als Nebenjobs gesucht: So habe ich das ganze Studium phern zu finden für etwas Ganzes. Und ich meine, sie zu
über plakatiert. Und war die ganze Zeit mit Grafik und finden, nicht zu suchen oder zu konstruieren.
Gestaltung im öffentlichen Raum konfrontiert. Ausser-
dem habe ich im Stapferhaus Lenzburg in der Vermitt- Deine Albumtaufe findet in der Jazzkantine statt. Wieso?
lung gearbeitet. Alles war irgendwie vernetzt. M. W.: Zum einen ist diese Location «unbesetzt», eine
freie Fläche für Rap. Und es ist ein Statement gegenüber
Du hast einen Art-Teaching-Master, aber Unterrichten ist der der Szene. Denn, seien wir ehrlich: Wir sind doch inzwi-
kleinste Teil deiner Arbeit. Warum? schen erwachsen und das Treibhaus haben wir gesehen.
M. W.: Das hat einen praktischen Grund: Als ich fertig
war, fand ich keine Stelle. Deshalb musste ich mich für
andere Felder öffnen. Jetzt unterrichte ich einen Tag pro
Woche. Das ist inspirierend – und ein toller Ausgleich. In-
zwischen weiss ich: Ich habe viele Interessen, und deswe-
gen habe ich viele Jobs.
Du veröffentlichst dein Debüt-Album «Eines Tages». Wirst Du
jetzt professioneller Rapper?
M. W.: Nach der Plattentaufe werde ich noch ein paar
Konzerte spielen; das Kunstprojekt «Album» ist vorerst
abgeschlossen. Dann will ich herausfinden, wie und mit
wem ich in Zukunft musikalisch weiterarbeiten will.
Meine Arbeit als Rapper muss aber wohl immer durch die
anderen Jobs quersubventioniert werden. Obwohl die
Resonanz aussergewöhnlich hoch ist. Das hat sicher mit Exist & Samplix: Eines Tages (U-Hill Records, 2018)
der Raketenschneekugel zu tun, aber auch mit dem auf- Plattentaufe
SA 12. Januar, ab 20 Uhr
wendigen Videoclip zum Song «Reis zom Mond». Jazzkantine
12 041 – Die unabhängige Stimme für Kultur in der Zentralschweiz Januar 2019Marc-André Wermelinger a.k.a Exist 84 veröffentlicht sein Solodebüt «Ei- nes Tages», produziert von Samplix. Darauf rappt er eine persönliche Coming-of-Age-Story, vom Leben als «Konschtstudänt» und darü- ber, 30 zu werden. Das Album erschien in limitierter Auflage als Raketen-Schneekugel. Wer- melinger ist studierter Künstler und hat ein Teaching-Diplom, arbeitet als Jugendarbeiter, ist Mitglied der Atelierge- meinschaft Fusilli und wirkt in der Maskengruppe vom Labor Luzern. Januar 2019 041 – Die unabhängige Stimme für Kultur in der Zentralschweiz 13
FOKUS: ABSCHIED
DER SINN DES
(VEREINS-)LEBENS
Zuerst bei der IG Kultur Luzern, dann im Neubad, letzten kollieren! Jetzt sind Sie und Ihr
Komplize eine juristische Person
Juni im Südpol: Die Vorstände von Zentralschweizer Verei-
in Form eines Vereins. Handlungs-
nen treten gerne vorzeitig und geschlossen zurück. Zeit- fähig sind Sie aber erst, wenn ein
geist? Zank? Zahlen? Ist der Verein überhaupt noch zeitge- Vorstand gewählt ist. Kleiner Tipp:
mäss? Oder müssen wir uns von ihm verabschieden? Der kann auch aus Ihnen beiden
bestehen, fürs Erste.
Wenn Sie pikante Details zu den Vereinsquerelen der Sie haben jetzt unzählige Vorteile: Es besteht eine
obigen Institutionen erfahren möchten, dann müssen Haftungsreduktion, das heisst, wenn der Verein in finan-
wir Sie leider enttäuschen. Dieser Artikel ist vollkommen zielle Probleme gerät, haftet ausschliesslich das Ver-
abstrakt und unkonkret. Falls Sie einsvermögen. Sie können Gelder beantragen bei Förder-
Text: Heinrich Weingartner denken, wir hätten eine neue, stellen, die keine Anträge von Privatpersonen zulassen.
Illustration: Lina Müller & bessere Rechtsform als den Gleichgesinnte können sich Ihnen anschliessen, zahlen
Luca Schenardi Verein gefunden, dann müssen einen Mitgliedsbeitrag (falls das in den Statuten steht)
wir Sie ebenfalls enttäuschen. und können mitbestimmen. Falls Sie gemeinnützig tätig
Der Verein erweist sich trotz haarsträubender Konflikte sind und altruistische oder öffentliche Zwecke verfolgen,
als eine sinnvolle Rechtsform für kulturelle Institutio- können Sie auf Gesuch hin sogar von einer teilweisen
nen. Weshalb das so ist und weshalb es manchmal so oder kompletten Steuerbefreiung profitieren. Sie dürfen
scheint, als ob das nicht so sei, erfahren Sie in den folgen- sogar wirtschaften, Leute einstellen und diese bezahlen,
den Zeilen. Falls Sie also an Vereinen nichts auszusetzen solange ersichtlich ist, dass das erwirtschaftete Geld für
haben, bereits ein grosses Vereinswissen haben und auch den gemeinnützigen Zweck draufgeht. Klingt toll, oder?
nicht sehr bald geschlossen zurücktreten möchten, Natürlich besteht diesbezüglich Interpretationsspiel-
dürfen Sie diesen Artikel getrost überspringen. raum – die FIFA profitiert ebenfalls von Steuerbefreiun-
Der Verein ist eine einfache und niederschwellige gen, weil dank gewitzten Anwälten deren Korruption
Rechtsform. Gleich nach der sogenannten Einfachen Ge- und Geldwäsche im weiten Sinne ebenfalls dem Ver-
sellschaft. Eine Einfache Gesellschaft ist noch etwas ein- einszweck zugute kommt: Fussball als grösstmöglichs-
facher und niederschwelliger. Sie sind wahrscheinlich in tes Spektakel zu inszenieren.
mehreren Einfachen Gesellschaften gewesen, ohne es zu Ein Verein heisst: Zugehörigkeit anbieten. Bei etli-
wissen. Gehen wir davon aus, dass Sie zusammen mit chen Kulturinstitutionen, die als Vereine aufgebaut sind,
einem Komplizen eine Bank überfallen möchten. Gratu- ist diese Zugehörigkeit jedoch in den Hintergrund ge-
liere, Sie sind eine Einfache Gesellschaft. Es handelt sich rückt. Vereine sind zu beliebten Gefässen für jegliche
um mindestens zwei Personen, die mit vereinten Kräften Kulturinstitutionen geworden. Insbesondere aufgrund
und Mitteln ein gemeinsames Ziel erreichen wollen. der obigen Vorteile. Allerdings auch aus einem zweiten
Sobald dieses Ziel erreicht ist, löst sich die Einfache Ge- Grund: Bis auf einige kleinere Bestimmungen schreibt
sellschaft wieder auf. Falls Sie mit Ihrem Tun der Gesell- ein Verein nichts vor. Solange sie geltendes Recht nicht
schaft einen Schaden zufügen – was beim Banküberfall brechen, können Sie in die Statuen schreiben, was Sie
höchstwahrscheinlich ist – haften Sie persönlich und un- wollen. Ein Verein schränkt genau so viel ein wie nötig
beschränkt. und sinnvoll, schreibt aber sonst nichts vor. Genau des-
Gehen wir nun davon aus, dass das keine Einzeltat halb ist die Schweiz wohl das «Land der Vereine». Vom
war. Sie wollen die Welt und alle Banken dazu. Dann Chöngeliverein bis zur FIFA. Diese Freiheit und Nieder-
gründen Sie am besten einen Verein. Dafür müssen Sie – schwelligkeit hat aber auch Nachteile. Statt vollständig
wie in der Kulturszene üblich – lediglich die Statuten von eingeschränkt zu sein, muss man sich in Vereinen mit
einem anderen Verein copypasten, an ihre Bedürfnisse dem wahren Horror herumschlagen: der Unberechenbar-
anpassen und eine Gründungsversammlung veranstal- keit anderer Menschen. Michel Foucault hätte seine reine
ten. Dort brauchen Sie: Zwei Vereinsmitglieder (Sie und Freude an Vorständen und Kulturvereinen gehabt, denn
Ihr Komplize) sowie die Statuten, die den Zweck, die es geht wie so oft um eines: Macht. Dies kann am besten
Mittel und die Organisation des Vereins beschreiben. an den fünf Archetypen von Vorstandsmitgliedern ver-
Nicht vergessen, die Gründungsversammlung zu proto- anschaulicht werden.
14 041 – Die unabhängige Stimme für Kultur in der Zentralschweiz Januar 2019FOKUS: ABSCHIED
1. Die Gründerin/Der Gründer 2. Die Schlaftablette
Bei frisch gegründeten Vereinen möchten die Schlaftabletten gehen meist halbfreiwillig in einen
Gründerinnen und Gründer so viel Mitspracherecht wie Vorstand oder müssen dazu genötigt werden. Sie haben
möglich haben und stellen sich selber als Vorstandsmit- keine wirklichen Kompetenzen und keine Ahnung. Müssen
glieder zur Verfügung. Sie identifizieren sich zu 100 Pro- sie auch nicht: Schlaftabletten eignen sich vor allem für Ver-
zent mit dem Zweck des Vereins und engagieren sich eine, die nur pro forma einen Vorstand benötigen. Kultu-
gerade deshalb mit Herzblut und Engagement. Der rinstitutionen, die schon länger bestehen, keine finanziellen
Verein ist ihr Baby. Bei diesem Typus gilt: Verein = Vor- Probleme haben und eine breite Abstützung in der Öffent-
stand. Eine Geschäftsführung mit Betrieb gibt es nicht, lichkeit geniessen. Der Betrieb (ist bei einem Schlaftablet-
diese übernimmt ebenfalls der Vorstand – natürlich eh- tenvorstand meist vorhanden) hat viel Macht und ist sowohl
renamtlich. Weil Mitgliederversammlung und Vorstand strategisch (Zukunft) wie auch operativ (Tagesgeschäft)
identisch sind, gibt es keine Meinungsverschiedenhei- tätig, obwohl die strategische Ebene eigentlich Aufgabe des
ten. Wenn der Verein wachsen möchte und immer noch Vorstands wäre. Achtung: Wenn der Betrieb immer mächti-
dieselben Vorstandsmitglieder dabei sind, können Kon- ger wird, kann sich die Schlaftablette vernachlässigt fühlen
flikte entstehen: Der Grad an «Ich bin schon lange dabei, und den Betrieb mit unnötigen To-dos nerven. Wenn es
habe das alles ehrenamtlich gemacht und weiss alles dem Verein extrem schlecht geht oder im Betrieb Konflikte
besser» ist hoch und Innovationen können verhindert entstehen, ist die Schlaftablette das denkbar ungeeignetste
werden. Gründerinnen und Gründer haben viel infor- Vorstandsmitglied: Sie ist mit der Situation überfordert und
melle Macht und werden irgendwann zu Nervensägen. tritt zurück oder unternimmt nichts und wird zurückgetre-
Da der Grad an Professionalisierung und die Komplexität ten. Die Schlaftablette hat wahrscheinlich diesen Artikel
der Vereinsstruktur meistens sehr niedrig sind, müssen nur bis zum vierten Abschnitt gelesen, wo steht, dass aus-
die Vorstandsmitglieder persönlich miteinander aus- schliesslich das Vereinsvermögen haftet. Aufgepasst: Wenn
kommen, sonst kommt es rasch zu Konflikten. Gründe- Vorstandsmitglieder grobfahrlässig handeln oder unterlas-
rinnen und Gründer sind nützlich, sie sind aber auch sen (Schlaftablette), können diese direkt belangt werden.
Hitzköpfe und Besserwisser.
Geeignet für: Institutionen, die auch ohne Vorstand tipp-
topp auskommen
Geeignet für: IG Chüngelizüchter, die Quartiersfas-
nachtsgruppe, ehrgeizige Kleinstkulturinstitutionen Ungeeignet für: Konfliktträchtige Vereine, die volatil und /
oder Vereine, in denen es viel Herzblut braucht oder schnelllebig sind
Ungeeignet für: Vereine, die sich weiterentwickeln Daran erkennt man sie: Sie lassen den Betrieb die Mitglie-
wollen derversammlung organisieren
Daran erkennt man sie: Sie erteilen sich an der Mitglie- Zitat: «Wir müssen die Flughöhe tief halten.»
derversammlung selber Décharge
Zitat: «Das ist mein Verein!»
Januar 2019 041 – Die unabhängige Stimme für Kultur in der Zentralschweiz 15FOKUS: ABSCHIED
3. Die Rampensau
Kaum überraschend: Rampensäue stehen gerne im
Rampenlicht. Für einen Verein kann das Fluch und Segen
zugleich sein. Eine Rampensau im Vorstand kann eine
Schlaftablette im Betrieb aufwiegeln – oder umgekehrt.
Rampensäue wählen sich meist selber in einen Vorstand
oder drängen sich auf. Kann vorkommen: Statt sich mit
dem Vereinszweck zu identifizieren, identifizieren Ram-
pensäue den Vereinszweck mit sich selber. Rampensäue
sind das Gegenteil von Schlaftabletten: Wenn der Be-
trieb gut läuft und strategische Aufgaben übernimmt,
dann müssen Rampensäue irgendetwas machen, um
sich wieder ins Rampenlicht zu rücken. Irgendjemanden 4. Der/Die Ewigabwesende
feuern, wieder mal ein Interview geben oder mit grossem Ewigabwesende haben ausgezeichnete fachliche
Trara zurücktreten. Oder, ganz ähnlich wie die Schlaftab- Fähigkeiten, ein breites Netzwerk, sind aber nie da. Des-
lette, den Betrieb mit unnötigen To-dos quälen. Wenn halb sind sie äusserst unnütz für einen Vorstand. Wenn
der Betrieb kränkelt, machen sie dasselbe. Hauptsache sie trotzdem einmal anwesend sind, haben sie keine
Aufmerksamkeit. Ein gesundes Mass an Rampensauig- Ahnung von irgendetwas und sind wie ein kleines Kind,
keit ist für einen Verein, der öffentlichkeitswirksam sein das sich in der Mitte eines Films dazusetzt und fragt, um
möchte, nicht schlecht. Ein Zuviel an Rampensauigkeit was es geht. Ewigabwesende sind nicht gänzlich unge-
führt dazu, dass man weder Vorstand noch Verein ernst eignet für einen Vorstand, weil sie ihr fachliches Wissen
nehmen kann. ab und zu einbringen können. Der Ewigabwesende kann
ein Fremdgeher (siehe Punkt 5) sein, muss aber nicht.
Geeignet für: Konfliktträchtige Vereine, die volatil und /
oder schnelllebig sind; das Ressort des Vorstandspräsi-
diums Geeignet für: Vereine, die sonst keine Ewigabwesende
im Vorstand haben
Ungeeignet für: Institutionen, die auch ohne Vorstand
tipptopp auskommen Ungeeignet für: Wichtige Ressorts
Daran erkennt man sie: Sie treten in kritischen Situatio- Daran erkennt man sie: Man erkennt sie nicht, weil sie
nen zurück oder in einen Vorstand ein, weil dann die nie da sind
mediale Berichterstattung grösser ist
E-Mail: «Liebe alle, ich muss mich leider kurzfristig von
Zitat: «Ich bin der Verein!» der heutigen Sitzung abmelden.»
16 041 – Die unabhängige Stimme für Kultur in der Zentralschweiz Januar 2019FOKUS: ABSCHIED
Décharge (Entlastung)
Dieser Artikel ist gegenüber Vorstandsmitgliedern
etwas unfair. Ein Vorstand kann äusserst nützlich sein,
einen Verein in der Öffentlichkeit oder der Politik lob-
byistisch positionieren, wertvolles Feedback bieten und
die langfristige Entwicklung des Vereins im Auge behal-
ten. Als Vorstandsmitglied hat man viel Verantwortung.
Und es ist natürlich auch die ideale Situation denkbar:
Die Vorstandsmitglieder sind auf ihre Ressorts (Finan-
zen, Präsidium etc.) perfekt zugeschnitten und die strate-
gische (Vorstand) sowie die operative Ebene (Betrieb)
sind so getrennt, wie es der Zweck des Vereins erfordert –
vielleicht erfordert er gar keine Trennung. Dann zählen
auch persönliche Befindlichkeiten nichts, weil alle strik-
te dem übergeordneten Zweck des Vereins nachgehen.
Die hauptsächliche Problematik liegt weder in der
Rechtsform des Vereins noch bei den Vorstandsmitglie-
dern. Sondern bei den komplett offenen und biegsamen
Strukturen dieser Rechtsform. Solange der Zweck des
Vereins und die Ressorts des Vorstands genau geklärt
sind, entstehen keine Probleme. So wie bei einem kleine-
ren Verein. Aber sobald ein Verein wächst, müssen seine
Strukturen angepasst werden. Wenn diese Strukturen
nicht angepasst werden und die vorhandenen Menschen
nicht mehr in diese Strukturen passen, entstehen Kon-
5. Der Fremdgeher/Die Fremdgeherin flikte.
Der Fremdgeher ist im Vorstand vom Verein X, Diese abstrakte Behauptung kann mit etwas noch
vom Verein Y und vom Verein Z. Er hat das Gefühl, das Abstrakterem veranschaulicht werden: der Trennung
könne er vorzüglich handlen. Das sind diejenigen Vor- zwischen operativer und strategischer Ebene. Die opera-
standsmitglieder, die am besten zum Zeitgeist passen. tive Ebene ist das Tagesgeschäft, der Betrieb des Vereins.
Sie sammeln Vorstandsmandate wie Medaillen und sind Für die strategische Ebene ist der Vorstand zuständig. Bei
sich dabei nicht bewusst, wie trottelig und unverbindlich komplexen Vereinen ist aus Gründen der Effizienz und
sie daherkommen. Fremdgeher sind meistens auch Ewig- der Arbeitsteilung eine klare Trennung nötig. Es ist aber
abwesende (siehe Punkt 4), ausser sie haben kein sonsti- ebenso der stetige Wissenstransfer von der operativen
ges Berufsleben und rennen von Vorstandssitzung zu zur strategischen Ebene und umgekehrt vonnöten. Ins-
Vorstandssitzung. Vorstandsmitglieder verpflichten sich besondere bei Vereinen, die sich in einem schnelllebigen
eigentlich dazu, ihre Aufgaben nach bestem Gewissen zu und volatilen Umfeld bewegen, muss das regelmässig ge-
übernehmen. Fremdgeher können dem nicht nachkom- schehen. Sonst knallt es irgendwann. Aber auch ein Knall
men, weil sie sich an x verschiedenen Orten dazu ver- kann eine Chance sein für Reflexion und neue Vor-
pflichtet haben. Nervt besonders: Sie ziehen dauernd un- standsmitglieder. Die werden dann irgendwann zu nör-
zutreffende Vergleiche zu ihren anderen Vereinen, wo gelnden Gründern, nervigen
dies und das ach so viel besser gelöst wird. Schlaftabletten, egozentrischen Dieser Artikel basiert unter
anderem auf Gesprächen mit
Rampensäuen, unzuverlässigen Edina Kurjakovic, Valentina
Geeignet für: gar nichts Ewigabwesenden oder verhass- Baviera, Markus Güdel, Dominic
Chenaux und Rosie Bitterli.
ten Fremdgehern. Plot Twist:
Ungeeignet für: Alles
Diese Archetypen gibt es nicht
Daran erkennt man sie: Auch beim zwanzigsten Mal nur in Vorständen, sondern über-
fragen sie nach deinem Namen
all im Kulturbetrieb. Aber das ist
Zitat: «Welche Sitzung?» eine ganz andere Geschichte.
Januar 2019 041 – Die unabhängige Stimme für Kultur in der Zentralschweiz 17FOKUS: ABSCHIED «Wir zelebrieren das Storytelling und weniger die Wissensvermittlung.» – Rea Eggli «Das Museum ist und bleibt ein Ort der Begegnung mit dem Original.» – Heinz Stahlhut 18 041 – Die unabhängige Stimme für Kultur in der Zentralschweiz Januar 2019
FOKUS: ABSCHIED
DRINNEN ODER
DRAUSSEN?
Gipfeltreffen im Kunstmuseum: Rea Eggli, Mitinhaberin digitalisiert werden. Damit
man sich auch von ausserhalb
des Kultur-Start-ups #letsmuseeum, und Heinz Stahlhut, informieren kann. Ich möchte
zukünftiger Leiter des Hans-Erni-Museums, treffen sich eine neue Benutzerschicht an-
im Café. Sie diskutieren über den Zustand und die Zukunft sprechen, die sich heute haupt-
der Museumsvermittlung. sächlich digital informiert.
Dazu gibt es bereits viele un-
Rea Eggli: Herr Dr. Stahlhut, Sie sagten kürzlich, dass Sie für das terschiedliche Möglichkeiten für ein Museum, sich zu
Hans-Erni-Museum Visionen bezüglich Vermittlungsprogram- präsentieren. Zum Beispiel Videoclips oder interaktive
men und Digitalisierung haben. Was genau planen Sie? Formate.
Heinz Stahlhut: Meine Idee ist es,
Interview: Rea Eggli das Werk von Hans Erni in einen Kon- R. E.: Sie sind seit über 20 Jahren in der Museumslandschaft als
Bilder: Silas Kreienbühl text zu stellen. Das heisst, seine Vor- Kurator und Sammlungskonservator unterwegs. In dieser Zeit
läufer und seine Zeitgenossen zu prä- hat sich die Gesellschaft stark verändert. Heute sind viele Anwen-
sentieren, aber auch aufzuzeigen, worauf er sich bezogen dungen digital, und wir denken auch vermehrt digital. Die Auf-
hat und was ihn inspirierte. Er war Mitte des zwanzigs- merksamkeitsspanne ist enorm kurz geworden und wir können
ten Jahrhunderts ein sehr wichtiger Künstler und nicht uns jederzeit über alles in Sekundenschnelle informieren. Wo
nur in der Zentralschweiz sehr bekannt. Wenn ich von liegen die Chancen und Herausforderungen für die Museen?
Kontext rede, dann geht es mir auch darum, zeitgenössi- H. S.: Ich denke, wir haben über die digitalen Möglichkei-
sche Künstler einzuladen, die sich sinnvoll mit dem ten sehr gute Chancen, zukünftige Besucher dort abzu-
Werk, Schaffen und Denken von Hans Erni verbinden holen, wo sie gerade stehen. Das Museum ist und bleibt
lassen. aber ein Ort der Begegnung mit dem Original, und das
lässt sich durch nichts ersetzen. Das ist ein Erlebnis, das
R. E.: Als ich die Website des Hans-Erni-Museum aufrief, war ich man digital nicht erfahren kann.
etwas erstaunt: Sie sagt mir nicht mehr als das, was ich auf Wiki-
pedia nachlesen kann. Sie ist quasi ein kleiner integraler Bestand- R. E.: Ich hatte in den letzten zwei Jahren viele Gespräche mit un-
teil der Website vom Verkehrshaus Luzern. Wie eng ist die Zu- terschiedlichen Museen, grossen wie kleinen, naturhistorischen
sammenarbeit mit dem Verkehrshaus Luzern? und kunst- oder themenspezifischen Häusern. Ich merke, dass
H. S.: Hans Erni wollte ja, dass sein Museum ans Ver- sich viele Häuser gerne öffnen würden, dass aber eine Angst vor
kehrshaus angedockt ist. Das hat natürlich auch mit einem Kontrollverlust vorhanden ist. Mich interessiert einerseits,
seiner Vorstellung des Zusammenhangs von moderner einem neuen Publikum den Gang ins Museum leichter zu machen.
Kunst, Technik und Wissenschaft zu tun. Für das Ver- Anderseits aber auch, die Museen gegenüber Drittveranstaltern,
kehrshaus ist das Museum eine Abteilung von vielen. wie wir sie sind, zu öffnen. Mich würde Ihre Meinung zu neuen
Das ist auch der Grund, warum wir nächstes Jahr Res- Vermittlungsformaten interessieren, die extern gedacht werden,
sourcen in den Webauftritt investieren werden, um aber im Museum stattfinden.
diesen zu optimieren und zu schärfen. H. S.: Ich weiss natürlich nicht, was Sie schon gemacht
haben, aber Sie rennen bei mir offene Türen ein. Wir
R. E.: Was können wir vom Hans-Erni-Museum neben der Web- haben dieses Jahr zur Sammlungspräsentation im Kunst-
site, die ja heute Standard für jedes Museum ist, im digitalen Be- museum Luzern «Karneval der Tiere» bewusst Vertrete-
reich in Bälde erwarten? rinnen und Vertreter anderer Disziplinen eingeladen, um
H. S.: Die Hauptwerke der Hans-Erni-Sammlung sollen eine neue Perspektive auf die Kunstwerke zu generieren
Januar 2019 041 – Die unabhängige Stimme für Kultur in der Zentralschweiz 19FOKUS: ABSCHIED «Das Museum hat eine Berechtigung, sich aktiv an übergreifenden Themen und Problematiken der Welt zu beteiligen.» – Rea Eggli «Ein Museum ist vordringlich auf die Pflege und Präsentation der Sammlung gerichtet.» – Heinz Stahlhut 20 041 – Die unabhängige Stimme für Kultur in der Zentralschweiz Januar 2019
FOKUS: ABSCHIED
und ein anderes Publikum anzusprechen. Zum Beispiel R. E.: Schön, wenn dies hinter den Mauern des Museums stattfin-
hat Professor Martin Hartmann, der sich sehr vertieft det. Aber was ist mit draussen? Wie können sich diese Themen, die
mit der Tierethik beschäftigt, ein Referat gehalten, oder von Museen gesetzt werden, auch draussen manifestieren und
gerade vor zwei Wochen war Marianne Sommer, eben- zum Denken anstossen?
falls Professorin, mit Studierenden aus dem Studiengang H. S.: Das passiert noch zu wenig. Ein Museum ist vor-
«Human Animal Studies» hier und hat einen Workshop dringlich auf die Pflege und Präsentation der Sammlung
durchgeführt. gerichtet. Die Werke kann man nicht einfach nach
draussen tragen. Die Möglichkeiten sind beschränkt und
R. E.: Also eine partizipative Aktion? man kann nur begrenzt handeln, aber diese Frage be-
H. S.: Genau, das finde ich interessant, Partner einzula- schäftigt uns auch.
den, die einen ganz neuen Blick und ein neues Publikum
ins Museum bringen. R. S.: Hätte ich einen Museumsänderungswunsch frei, ich würde
mir längere Öffnungszeiten am Abend wünschen. Und dies nicht
R. E.: Wie stehen Sie denn zum Thema Unterhaltung im nur an einer Museumsnacht, sondern regelmässig oder noch
Museum? Sie reden zwar von einem neuen Publikum, aber Ihre besser: immer. Hätten Sie einen Wunsch frei, was wäre es?
Protagonisten sind ebenfalls Akademiker. Wir machen das kom- H. S.: Stärkere Kooperation zwischen Museen – lokal
plette Gegenteil. Unsere Guides sind keine Experten, sie sind und national!
Fans von einem Museum oder einem Thema und erarbeiten je-
weils eine persönliche Tour, die in erster Linie unterhalten soll, bei
der man inspiriert wird und natürlich auch das eine oder andere
dazulernt. Wir zelebrieren das Storytelling und weniger die Wis-
sensvermittlung. Mit diesem Ansatz können sich sehr viele Leute Zu dieser Geschichte: Wir haben Rea
Eggli gebeten, die Rolle der Intervie-
identifizieren. Niemand hat das Gefühl, zu wenig zu wissen oder werin einzunehmen und sich mit
dass andere mehr wüssten. Heinz Stahlhut zu unterhalten. Eggli
ist Mitinhaberin der Kommunikati-
H. S.: Wenn ich eine solche Intervention im Museum zu- onsagentur eggliwintsch, der Crowd-
lassen würde, müsste vorab sicherlich ein Ziel definiert funding-Plattform wemakeit.com
werden. Und ich würde ein Gespräch führen wollen be- und des Kultur- Start-ups #lets-
museeum. Stahlhut ist promovierter
züglich der Inhalte, die erzählt werden, um sicherzuge- Kunstgeschichtler, Historiker und
hen, dass es mit der Ausstellung zu tun hat und korrekte Ärchäologe. Er wird per April 2019
die Leitung des Hans-Erni-Museums
Fakten wiedergibt. Aber ich bin grundsätzlich offen für übernehmen; seit 2013 ist er Sam-
neue Angebote. mlungskonservator beim Kunstmu-
seum Luzern.
www.letsmuseeum.com
R. E.: Was mich auch beschäftigt, ist die Frage, welche Rolle ein
Museum bei gesellschaftlichen und gesellschaftspolitischen The-
matiken einnehmen soll. Ich bin der Meinung, dass das Museum
eine Berechtigung hat, sich aktiv an übergreifenden Themen und Zu diesen Bildern: Silas Kreienbühls
Problematiken der Welt zu beteiligen. Und das nicht nur inner- künstlerische Arbeit dreht sich auch
um die Frage nach dem Museum der
halb einer Ausstellung. Das Museum ist ein Ort des Wissens, der Zukunft. Als Direktor vom KKLB
Reflexion, unserer Geschichte. Es kann also auch aktiver Impuls- (Kunst und Kultur im Landessender
Beromünster) forscht er daran weiter.
geber sein.
Genauso wie er dafür alleine spazie-
H.S.: Ein Museum kann nicht unmittelbar und rasch auf rend unterwegs ist, spaziert er auch in
neue Gegebenheiten reagieren. Aber gerade im Hans-Er- Gruppen oder zu zweit. Die Bilder zu
den Zitaten sind auf einem Spazie-
ni-Museum werden wir sicherlich gesellschaftliche und rgang in Berlin am 10. Dezember 2018
politische Themen aufgreifen. Erni war sehr engagiert entstanden. Kreienbühl lebt und
arbeitet zwischen Berlin, Luzern und
beim Thema Umweltzerstörung oder Wasserknappheit. Beromünster.
Hier werden wir Ausstellungseinladungen und Veran- www.silaskreienbuehl.ch
staltungen zum Thema programmieren. Er hat lange mit
dem «linken» Kunsthistoriker Konrad Farner zusam-
Silas Kreienbühl: Spazieren zu zweit
mengearbeitet. Ich könnte mir also gut vorstellen, dass DO 17. Januar bis MI 20 März
wir hierzu ein Podium veranstalten könnten, bei dem Neubad Galerie, Luzern
über «linke» Kunstgeschichte diskutiert wird. Im Ausstellungseröffnung zusammen mit dem
Museum machen wir keine politische Propaganda, aber Kabarettisten und Schriftsteller Christoph Simon
MI 16. Januar, 20 Uhr
wir wollen sensibilisieren. Aktuell in der Ausstellung Neubad Galerie, Luzern
stellt sich zum Beispiel die Frage: Wie gehen wir mit
Private Spaziergänge durch und rund um die Ausstellung
Tieren um? nach Vereinbarung.
Januar 2019 041 – Die unabhängige Stimme für Kultur in der Zentralschweiz 21ÜBERDACHT
Wie gelingt ein
Abschied?
zerte gebaut. Zudem hätte das Kamel ein Stück weit von einer Illusion. Auch
in den Garderoben, die ich auf meiner einer Illusion über sich selbst. Und oft
Tournee antreffe, kaum Platz. Und das führt ja gerade dieses Nichtgelingen zu
arme Tier müsste ziemlich viel Zeit in einer reiferen Idee.
den Garderoben verbringen, mehr noch
als ich, da sein Auftritt auf die letzten Ich erzähle im Theater immer
fünf Minuten des Abends beschränkt wieder von Erlebnissen, bei denen ich
ist. in irgendeiner Form gescheitert bin.
Aus diesem Grund siegt am Das scheint wohltuend zu sein in un-
Schluss meiner Theaterstücke der Er- serer perfektionierten Gesellschaft und
zähler. Der Zauberer und die Tricks verbindet das Publikum geradezu
dienen als Lockvogel, um innere Bilder magisch. Denn es sind doch gerade
im Zuschauer anzustossen. diese in die Binsen gegangenen Erleb-
Abschied einer Illusion Aber am Ende bin ich darauf
angewiesen, dass sich das
Publikum auf meine Ge-
nisse, die unser inneres Geschichten-
buch unheimlich bereichern.
Die Blätter sind gefallen. Ich stehe da, schichten einlässt. Vermutlich verhält Zurzeit ist meine liebste Zugabe
mit dem Rechen in der Hand. Das Jahr es sich im realen Leben ähnlich. Wir ein kurzer Trick, der immer scheitert.
ist bald um. Ist es ein Jahr, von dem ich sind Zaubermeister in der Ablenkung Nachdem ich einen Abend lang so tat,
mich gerne verabschiede? Ich habe die und bauen im Verlaufe unseres Lebens als würde ich zaubern können, bitte ich
Blätterhaufen bereit für den eine Unmenge an Kulissen und Tricks, einen Zuschauer, sich eine Zahl zwi-
Alex Porter Kompost und für die Igel in um uns zu unterhalten. Fällt dieses schen eins und hundert zu merken. Es
Theatermacher, Zauberer, unserem Garten. Kartenhaus auseinander, bleibt uns wird dann ganz still im Saal und ich
Erzähler, Lehrer am MAZ
für Auftrittskompetenz, einzig unsere innere Geschichte zur antworte nach einer etwas zu langen
lebt in Udligenswil, ist Ich bin angefragt wor- Unterhaltung. Kunstpause: «Siebenunddreissig!»
verheiratet und hat zwei
den, über den Abschied am «Nein!»
Kinder. Am DO 14., FR 15.
und SA 16. Februar spielt Ende eines Theaterabends zu Ich schichte mit den Händen das Ich sage: «Schade!» und gehe ab.
Alex Porter sein neustes schreiben. Wie beende ich ei- Laub noch etwas auf und zügle wieder
Theaterstück «Vielfalter»
im Kleintheater Luzern.
nen solchen Abend? Am Laub vom Kompost ab, um dem Igel
liebsten würde ich den Auftritt ein taugliches Winterquartier zu
mit einem fulminanten Höhe- schaffen. Es ist eine Illusion. Noch nie
punkt, einem Hollywood-mässigen hat ein Igel in einem meiner Blätterhau-
Countdown beenden. Zum Beispiel, fen überwintert. Trotzdem arbeite ich
indem ich auf einem aus dem Nichts weiter, als würde morgen schon eine
erschienenen Kamel über die Bühne ganze Igelfamilie hier einziehen und
fliege, eine Runde über den Köpfen der ich merke, es fällt mir nicht leicht, diese
Zuschauer drehe, dem Publikum dabei Illusion zu begraben.
zuwinke und dann mitsamt dem Kamel
in einer Weinflasche verschwinde. In meinem Beruf bin ich das Be-
graben von Illusionen schon gewohn-
Leider kann ich so etwas nicht, ter. Mit jeder Trickidee, die nicht
und die Bühnen, die ich bespiele, sind funktioniert, jedem Scheitern auf der
eher für Vorträge und klassische Kon- Theaterbühne, verabschiedet man sich
22 041 – Die unabhängige Stimme für Kultur in der Zentralschweiz Januar 2019ÜBERDACHT
Nur die Geschenke, die sind im-
mer noch da. «Aber das von Tante
Bettina, das kann ich doch nicht weg-
werfen!» Tun wir dann doch, nur eben
so heimlich, dass wir es selber nicht
merken. Wir nennen es verräumen. Nie
sind die Estriche und Kellerabteile so
voll wie Mitte Januar. Die Weihnachts-
feiertage sind die hohe Zeit des Histo-
rischen, der Beschwörung alles mögli-
chen traditionellen Dingsbums. (Das
Fest in seiner heutigen Form ist unge-
fähr so alt wie die Dampfmaschine,
deswegen.) Januar dagegen ist der
Anbruch der Moderne. Neustart. Ab-
schied. Fühlt sich gut an.
Ein Freund von mir verschenkt
zu Weihnachten bevorzugt Selbsthil-
febücher, die einem beim Wegwerfen
helfen. «Einfach leben» (41 Franken 90),
«Das kann doch weg! Das befreiende
Gefühl, mit weniger zu leben. 55 Tipps
Neustart nach dem Fressen für einen minimalistischen Lebensstil»
(21 Franken 50). Mit zahlreichen farbi-
gen Abbildungen, versteht sich. «Da-
Waren wir nicht gerade noch so selig jedem Wintertag, der ins Land geht, von», sagt er, «haben die Leute wenigs-
infantilisiert? Weihnachten ist die sehen sie ein bisschen weniger über- tens etwas.»
Erlaubnis, an mehr oder weniger alles zeugend aus. Meine Nachbarn, erwach-
gleichzeitig zu glauben. Weih- sene und durchaus vernünftige Leute, Denn irgendwo muss er ja her-
Valentin Groebner nachtsmann, Christkind und hatten Ende November ein Schild ins kommen, der Platz für die vielen
hat in Wien, Marburg und Rudolph, das Rentier verwan- Treppenhaus gehängt: «Santa please Weihnachtsgeschenke vom nächsten
Hamburg studiert. Seit
März 2004 lehrt er als Pro- deln sich wie bunte Hindugöt- stop here», daneben Tannenzweige mit Jahr. Meine Tochter sieht all die Erfin-
fessor für Geschichte des ter ineinander, ein glitzernder rot-goldenen Glaskugeln. Für wen tun dungen der Erwachsenen jetzt, vier
Mittelalters und der polytheistischer Konsumhim- die das eigentlich – für uns andere im Jahre später, übrigens wieder ganz
Renaissance an der Univer-
sität Luzern. mel voller Zimtsterne und Haus, oder für sich selbst? Gemessen anders. Sie liest Harry Potter, und da-
Weihnachtswichtel. Jetzt ist an der leicht irren Intensität, mit der rin kann sich ohnehin alles in alles
das vorbei und wir sind alle jedes Jahr Advent in den Fussgänger- verwandeln. Zwischendurch knallt es
Illustration: Till Lauer
wieder gross. «Weisst du, zonen gefeiert wird – endlich Glühwein, auch sehr schön beim Zaubern, und es
Papa», hat mir meine Tochter Kerzen auf Kunstschnee und Engeli gibt «portkeys», magische Gegenstän-
in ernstem Ton anvertraut, als sie fünf flächendeckend, so süüüsss! – ist die de, die ihre Benutzer und Benutzerin-
war: «Das Christkind, der liebe Gott, Schnelligkeit verdächtig, mit der die nen direkt in magische Welten trans-
der Osterhase, Micky Maus und Dekoration am 28. Dezember wegge- portieren. Fast wie Weihnachtsge-
Schneewittchen, das sind alles Erfin- räumt wird. (Tag der Unschuldigen schenke. Oder elegante Bildbände von
dungen.» Auch wenn mehrere Buben Kinder, sagt mein katholischer Heili- leergeräumten Wohnungen. Oder
im Kindergarten sagten, sie hätten das genkalender, von Herodes massakrier- Reisecars voller Touris mit grossen
Christkind gesehen. «Das gibt es aber te Minderjährige in Palästina.) Weih- staunenden Kinderaugen, im Niesel-
gar nicht.» nachten ist ein grosses Bussritual. Man regen auf dem Schwanenplatz.
hat sich sentimentalen Rauschzustän-
Zack. Und jetzt? Abschied. So ist den von verschneiten ländlichen «Überdacht», das sind zwei
Januar. Eben noch haben wir so viele Idyllen und urchigen Volksbräuchen Antworten auf eine Frage:
Profis aus Theorie und Praxis
schöne Dinge verschenkt und ge- hingegeben, mit üppigem Essen und äussern sich monatlich und
schenkt bekommen. Die stehen jetzt viel zu viel Zuckerzeug im Namen der aktuell zu Kultur und ihren
in unseren Wohnungen herum, und an Tradition: Jetzt bitte Ausnüchterung. Wirkungsbereichen.
Januar 2019 041 – Die unabhängige Stimme für Kultur in der Zentralschweiz 23Sie können auch lesen