Zeitung Rheinland-Pfalz - Deutlich mehr Belastung für Eltern durch Homeschooling - Universität Koblenz Landau
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- Zeitung Rheinland-Pfalz
09 / 2020 Herausgeber: Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Rheinland-Pfalz • www.gew-rlp.de
Schwerpunkt Coronakrise (S. 4-15)
Symbolfoto: iStock/sam thomas
Deutlich mehr Belastung für Eltern
durch HomeschoolingKolumne
Der Mitgliederbindung verpflichtet
Günter Helfrich
insgesamt sehr zufrieden,
Aus den bekann-
da es uns immer wieder
ten Gründen wur-
gelungen ist, eine lesens-
de der Gewerk-
werte Zeitschrift zu pro-
schaftstag vom
duzieren – so die meisten
Mai auf Ende No-
Rückmeldungen. Der Weg
vember / Anfang
dahin ist oft steinig und
Dezember ver-
immer wieder eine große
schoben. Statt-
Herausforderung, was
finden wird und
die Leser*innen natür-
muss er auf jeden
lich nicht sehen können.
Fall; in welcher
Entscheidend ist aber, ob
Form hängt von
wir unser oberstes Ziel,
der Entwicklung
zur Mitgliederbindung
d e r Pa n d e m i e
beizutragen, erreichen
statt. Wir hoffen natürlich auf eine Prä-
konnten. Einfach ist das nicht, denn was kengänge mit analytischem Anspruch zu
senszveranstaltung mit vielen lebendigen
den 85-jährigen pensionierten Haupt- lesen und die Kommunikation nicht auf
Diskussionen und anregenden Begegnun-
schullehrer bewegt, muss die 25-jährige wenige hingeschluderte Statements zu
gen, aber möglich ist auch eine Mischform
Erzieherin nicht unbedingt tangieren. reduzieren.
zwischen Präsenz und Videokonferenz
oder gar eine rein digitale Durchführung. Wie gesagt: Wir stehen im Blickpunkt. Auch gestalterisch sind wir nicht bereit,
Im Vorfeld gehört es zu den Verpflichtun- Das hat den Vorteil, wahrgenommen uns jedem Zeitgeist zu unterwerfen: Wir
gen der Funktionär*innen, Rechenschaft zu werden, aber auch den Nachteil, auf achten sehr darauf, ansprechende Fotos,
über ihre Arbeit in den vergangenen vier Widerspruch zu stoßen. Das ist eben die Zeichnungen und Grafiken zu haben, aber
Jahren abzulegen. Da die Redaktion ihr hinzunehmende Kehrseite des Privilegs, dem Design den Vorrang über die Inhal-
Mandat vom Gewerkschaftstag bekommt, seine Ansichten direkt oder indirekt einem te zu geben, ist aus unserer Sicht nicht
ihre Arbeit aber primär den Mitgliedern größeren Publikum mitteilen zu dürfen. zielführend. Wenn etwa ein Vorstands-
verpflichtet ist, hat es eine lange und Wir werden ja nicht nur von unseren mitglied etwas zu sagen hat, freut uns
gute Tradition, unseren entsprechenden Mitgliedern (mehr oder weniger) gelesen, das. Das muss dann aber nicht über eine
Bericht auch an dieser Stelle zumindest in sondern erreichen auch die bildungspoli- Doppelseite mit ganzseitigem Porträtfoto
Auszügen zu veröffentlichen. tischen Entscheidungsträger*innen bzw. und nur einer halben Seite Text gehen, da
auch deren Kritiker*innen. viel Weißraum zu den Dogmen aktuellen
Gewerkschaftliche Rechenschaftsberichte
Zeitungsdesigns gehört.
sind eine vielfältige Textsorte: Manche Ist es eigentlich aufgefallen? 2020 ist
Kolleg*innen zählen über viele Seiten je- bereits das 2. Jahr, in dem der Umfang Abschließend gilt mein Dank dem bisheri-
den Termin auf, den sie wahrgenommen, der GEW-Zeitung um ein Viertel redu- gen Redaktionsteam und unserem Verlag
und jedes Schriftstück, das sie verfasst ziert wurde. Dabei geht es ausschließlich für die produktive Zusammenarbeit. Für
haben. Andere belassen es bei wenigen um den sorgfältigen Umgang mit den einen kleinen Landesverband sind wir
zusammenfassenden Sätze. Mitgliedsbeiträgen; wir würden gerne personell richtig gut aufgestellt; Näheres
wie früher 9 statt 8 Ausgaben mit 32 nach der Wahl.
Als langjähriger Redakteur kann ich mich
statt 24 Seiten machen. Eher Negatives
auch bei meinem sechsten diesbezügli-
ist dabei von Vorteil für uns: Für das Ma-
chen Bericht im Kern nur wiederholen: GEW-ZEITUNG
nuskriptangebot aus dem Kreis unserer
Über keinen anderen Bereich unseres Rheinland-Pfalz 09 / 2020
Funktionär*innen und der Mitglieder
gewerkschaftlichen Engagements wissen
allgemein reichen der Umfang und die Inhalt
unsere Delegierten bzw. allgemein die
Anzahl unserer Ausgaben allemal; in an-
Mitglieder so genau Bescheid wie über
deren, aktiveren Landesverbänden wie Kolumne Seite 2
das, was wir geleistet haben – oder auch
Berlin oder Hamburg wäre solch eine Re- Politik Seite 3
nicht. 32 Ausgaben sind unsere Belege; Coronakrise Seiten 4 - 15
duktion schwer durchzusetzen gewesen.
hinzu kommen konkret meine Kolumne an Recht Seiten 16 - 17
Printmedien allgemein stehen heutzutage
dieser Stelle bzw. Berichte aus der Redak- GEW-intern Seite 18
immer unter Druck, ihre Existenz ange- Generation 60+/
tion, in denen regelmäßig diverse Aspekte
sichts der weitaus größeren Aktualität Tipps + Termine Seite 19 - 21
unserer Arbeit thematisiert werden.
digitaler Medien zu rechtfertigen. Wir Kreis + Region Seite 22
Mein Resümee kann deshalb kurzgefasst setzen dabei darauf, dass es gerade auch ABC der GEW Seite 23
Zeitgeist Seite 24
werden: Auch wenn es belastende und in einer Bildungsgewerkschaft nach wie
unbefriedigende Situationen gab, sind wir vor das Bedürfnis gibt, längere Gedan-
2 GEW-Zeitung Rheinland-Pfalz 09 / 2020Politik
Aufruf des DGB zum Antikriegstag
Nie wieder Krieg! In die Zukunft investieren statt aufrüsten!
Seit 1957 wird am 1. September an wir uns heute wieder mit all unserer Kraft schen BIP für Verteidigung auszugeben,
die Schrecken des Ersten und Zweiten stark machen müssen. so könnte dies eine weitere Erhöhung
Weltkriegs sowie an die schrecklichen des Wehretats um mehr als 20 Milliarden
Folgen von Krieg, Gewalt und Faschis- Neue Spirale der Aufrüstung Euro bedeuten.
mus erinnert. An jedem 1. September
Wir erleben derzeit den internationalen
machen auch der DGB und seine Mit- Schutzlos dem Virus ausgesetzt
Abgesang auf eine Politik der Abrüstung,
gliedsgewerkschaften seitdem deut-
Entspannung und Zusammenarbeit und Die Corona-Krise führt drastisch vor
lich: Die deutschen Gewerkschaften
auf eine neue multilaterale Weltord- Augen, wie verantwortungslos diese
stehen für Frieden, Demokratie und
nung, die wir nach dem Fall des Eisernen Geldverschwendung ist. Besonders deut-
Freiheit. Nie wieder Krieg, nie wieder
Vorhangs erhofft hatten. Stattdessen lich zeigt sich dies im Globalen Süden. So
Faschismus! Der DGB-Aufruf zum An-
leben wir in einer Welt, die immer stär- sind etwa in vielen Ländern Lateiname-
tikriegstag 2020 steht unter dem Mot-
ker aus den Fugen gerät. Nationalismus rikas große Bevölkerungsteile schutzlos
to: „Nie wieder Krieg! In die Zukunft
und Militarismus greifen wieder um dem Virus ausgesetzt, weil es an einer
investieren statt aufrüsten!“
sich und setzen flächendeckenden Gesundheitsversor-
eine neue Spirale gung fehlt und die dortige Zwei-Klassen-
der Aufrüstung Medizin Angehörige der Ober- und Mit-
in Gang. 75 Jahre telschicht privilegiert. Gleichzeitig sind
nach dem Abwurf die Rüstungsausgaben in der Region in
der Atombomben jüngster Zeit stark angestiegen – Geld,
über Hiroshima das für den dringend nötigen Ausbau der
und Nagasaki im Gesundheits- und Sozialsysteme fehlt.
August 1945 er- Aber auch im Falle Deutschlands legt
reicht der nuklea- die Corona-Krise schonungslos offen,
re Rüstungswett- wie gravierend die Fehlverteilung öf-
lauf ungeahnte fentlicher Mittel ist. Im Bundeshaushalt
A u s m a ß e. A l l e 2020 waren ursprünglich 12 Prozent der
neun Atommäch- Ausgaben für den Verteidigungsetat vor-
te stecken Un - gesehen, während nur ein Drittel davon
DGB/FES AdsD
summen in die Modernisierung ihrer Nu- in das Gesundheitssystem fließen sollte.
kleararsenale und Anfang des nächsten
Für uns Gewerkschaften ist der An-
Jahres könnte mit dem russisch-ameri- Wir müssen gegensteuern
tikriegstag 2020 ein besonderer Tag
kanischen „New Start“-Vertrag das letzte
der Mahnung und des Erinnerns. Das Es ist höchste Zeit, das Ruder herumzu-
verbliebene Rüstungskontrollregime für
Ende des Zweiten Weltkriegs und die reißen! Die Pandemie, der Klimawandel,
Atomwaffen auslaufen. Auch deshalb ist
Befreiung Europas und der Welt vom die Digitalisierung – all diese gewalti-
es nicht hinnehmbar, dass die deutsche
Faschismus jähren sich zum 75. Mal. gen Herausforderungen bedrohen den
Bundesregierung sich weiterhin weigert,
Mit seinem Überfall auf Polen riss gesellschaftlichen Zusammenhalt und
den UN-Vertrag über das Verbot von
Nazi-Deutschland 1939 die Welt in den vergrößern die soziale Ungleichheit. Wir
Atomwaffen zu unterzeichnen.
Abgrund eines bestialischen Krieges, der müssen gegensteuern! Dafür sind neben
unermessliches Leid über die Menschen einem starken und solide finanzierten
Zwei Billionen US-Dollar
brachte und 60 Millionen Tote forderte. Sozialstaat immense öffentliche Investi-
75 Jahre nach Kriegsende liegt es an Welche Dimensionen das Wettrüsten tionen nötig – in Gesundheit und Pflege,
uns, die Erinnerung an diese zahllosen inzwischen erreicht hat, zeigen die ak- in unser Bildungssystem, in eine sozial-
Toten wachzuhalten und der Millionen tuellen Zahlen. Die globalen Rüstungs- ökologische Gestaltung der Energie- und
von Holocaust-Opfern zu gedenken, die ausgaben belaufen sich inzwischen auf Verkehrswende, in die kommunale und
von den Nazis ermordet wurden. Und 2 Billionen US-Dollar. Die deutsche Bun- digitale Infrastruktur und in den sozialen
wir müssen die Erinnerung daran wach- desregierung spielt dabei eine unrühmli- Wohnungsbau. Deshalb fordern wir die
halten, dass Deutschland angesichts che Vorreiterrolle. Deutschland ist nicht Bundesregierung auf, sich endgültig von
der Menschheitsverbrechen der Nazis nur viertgrößter Rüstungsexporteur der Zwei-Prozent-Vorgabe der NATO zu
besondere Verantwortung für den Frie- weltweit, sondern ist bei den Ländern lösen und die für Rüstungsausgaben vor-
den trägt. Nie wieder Krieg! Nie wieder mit den meisten Rüstungsausgaben auf gesehenen Mittel in ein sozial gerechtes
Faschismus! So lautet unumstößlich die den siebten Platz vorgerückt. Wenn die Deutschland und Europa mit nachhalti-
Lehre, die wir Gewerkschaften aus der Bundesregierung die NATO-Zielvorgabe gen Zukunftsperspektiven zu investieren.
Geschichte gezogen haben – und für die erfüllen würde, zwei Prozent des deut-
GEW-Zeitung Rheinland-Pfalz 09 / 2020 3Coronakrise Bundesweite Elternbefragung zu Homeschooling Deutlich mehr Belastung für Eltern Als Folge der Covid-19-Pandemie wur- Eltern mehrheitlich fest, dass diese immer von Freizeitmöglichkeiten während der den am 16. März 2020 die Schulen in oder oft so klar formuliert sind, dass ihr Covid-19-Pandemie leidet. Deutschland geschlossen, alle Kinder Kind sie selbstständig bearbeiten kann. - Knapp ein Viertel der Eltern gibt an, dass und Jugendlichen sollten zu Hause im - Die Aufgaben werden insgesamt als sie die Beziehung zu ihrem Kind durch das Homeschooling lernen. Was bedeutet wenig abwechslungsreich von den Eltern Homeschooling als belastet ansehen. das für Eltern, Lehrkräfte und Schü- wahrgenommen. - Mehr als ein Viertel der Eltern gibt ler und wie funktioniert das Home- - Ein nicht unerheblicher Teil der Arbeits- an, dass sie vor technischen Problemen schooling aus deren Sicht? Das sind die ergebnisse der Kinder wird nicht an die bei der Umsetzung des Homeschooling Leitfragen der Studie HOMEschooling Lehrkräfte zurück übermittelt. Die Grün- stehen. Das betrifft in erster Linie fehlen- 2020, die von Prof. Dr. Anja Wildemann de dafür sind nicht bekannt, wären aber de bzw. nicht ausreichend vorhandene und Prof. Dr. Ingmar Hosenfeld von aufschlussreich im Hinblick auf die Wei- Endgeräte und unzureichende Internet- der Universität Landau durchgeführt terentwicklung von Unterricht und Schule. verbindungen. wurde. - Die Mehrheit der Eltern wünscht sich Paul Schwarz An der bundesweiten Studie haben insge- mehr Rückmeldungen durch die Lehr- samt 4230 Eltern teilgenommen, davon kräfte. mit großer Mehrheit Mütter, die auch mit - Eltern wünschen sich mehrheitlich deutlicher Mehrheit für das Homeschoo- mehr Struktur durch die Schule bzw. die ling verantwortlich sind. Von den Kindern Lehrkräfte, z.B. durch Wochenpläne, die und Jugendlichen besuchen 43,1 Prozent in einem wiederkehrenden Rhythmus eine Grundschule und 52,6 Prozent eine übermittelt werden. weiterführende Schule, davon 64,9 Pro- - In der Grundschule beinhalten die Auf- zent ein Gymnasium. gaben vor allem Wiederholungen und Folgende zentralen Ergebnisse lassen sich Übungen, während in der Sekundarstufe zusammenfassend skizzieren: verstärkt neue Inhalte dazukommen. - Der zeitliche Umfang der Lernbetreuung - Nach Einschätzung der Eltern sind 48,5 durch die Eltern hat im Zuge des Home- Prozent der Kinder und Jugendlichen sehr schooling deutlich zugenommen. oder ziemlich motiviert, hingegen 51,1 - Nicht ganz die Hälfte der Eltern (48,1 Pro- Prozent eher wenig bis nicht motiviert - zent) gibt an, dass die Aufgabenübermitt- eine große Herausforderung für die Eltern lung durch die Lehrkräfte für sie in keinem beim Homeschooling. Unser Redaktionsmitglied Dr. Paul erkennbaren Rhythmus stattfindet. - 75,7 Prozent der Eltern gibt an, dass ihr Schwarz berichtet über die bundesweite - Hinsichtlich der Aufgabenklarheit stellen Kind sehr oder ziemlich unter dem Wegfall Elternbefragung zum Homeschooling. Interview mit Prof. Dr. Anja Wildemann über ihre Studie zum Homeschooling „Mehr Strukturiertheit bei der Aufgabenvermittlung“ Werden die Eltern die neue Lehrerschaft? jüngere Kinder mehr Betreuung, Beglei- Auch die Motivation spielt eine ganz Ich habe auch in anderen Interviews tung und Ermunterung brauchen. Aber: große Rolle. Wir haben herausgefunden, schon betont, Eltern sind keine Lehrkräf- Eltern sind keine Lehrkräfte. dass es einen nicht geringen Anteil von te. Eltern haben eine ganz andere Rolle Kindern und Jugendlichen gab, die eine in ihrer Beziehung zu ihrem Kind, und Was bedeutet Homeschooling für die geringe oder keine Motivation hatten. Es das darf auf Dauer durch Homeschooling Eltern? ist eine Herausforderung für Eltern, damit auch nicht gefährdet werden. Es ist eine Für die Eltern bedeutet es mehr Zeitauf- umzugehen. Notsituation gewesen, und ich denke, da- wand. Und das hat unsere Studie gezeigt, raus haben Eltern und Lehrkräfte einiges Homeschooling, also das Lernen nach Was hat Sie an den Ergebnissen über- gelernt, und ich hoffe, wenn es wieder Hause zu verlegen, ist etwas ganz anderes rascht? Homeschooling geben sollte oder eine als Hausaufgabenbetreuung. Es ist eine Ich hätte mir etwas mehr Strukturiert- Mischung mit regulärem Schulunterricht Mehrbelastung, denn viele Eltern waren heit bei der Aufgabenübermittlung erfolgt, dass es in Zukunft besser funkti- selbst im Homeoffice oder haben in einem erwartet. Freilich muss man sagen, dass oniert und auch aus den Fehlern gelernt systemrelevanten Beruf gearbeitet, das Lehrkräfte wenig Zeit hatten, sich darauf wurde. war schon eine starke Doppelbelastung. einzustellen, und teilweise auf sich alleine Besonders bei jüngeren Schülerinnen und Zeitmanagement ist eine große Her- gestellt waren. Jeder musste zunächst Schülern sind Eltern stärker gefordert, da ausforderung für die Beziehungsebene. einmal ausprobieren, wie es am besten 4 GEW-Zeitung Rheinland-Pfalz 09 / 2020
Coronakrise
in dem Lehrkräfte gemeinsam mit den lien, wo zuhause kaum oder gar nicht
Schülerinnen und Schülern in einer Klasse Deutsch gesprochen wird?
sind und sich dem einzelnen Schüler zu- Der Anteil dieser Eltern an unserer Studie
wenden und mit ihm sprechen. Auf diese ist so gering, dass wir keine Aussagen
Weise erfolgt zudem häufig eine direkte dazu machen können. Wir würden das
Rückmeldung. Guter Unterricht erfordert gerne in einer weiteren Studie erheben.
eben auch individuelles Lernen im Aus- Wenn die Schule wieder losgeht, könnten
tausch zwischen Lehrern und Schülern. wir in den Schulen eine erneute Erhebung
starten und stärker die Schülerinnen
Was läuft denn in den USA besser? und Schüler einbinden. Jetzt standen ja
Ich würde nicht sagen besser, aber in den die Eltern im Fokus, deren Einschätzung
USA ist Homeschooling anerkannt, es und Wahrnehmung. Aber einen gezielten
ist an den Curricula orientiert und stellt Blick auf den Leistungsstand zu werfen,
bestimmte Anforderungen. Bei uns wur- wäre nach den Schulferien durchaus
den aus der aktuellen Situation heraus angebracht. Dabei ginge es uns auch
Notprogramme entwickelt. Jetzt werden um Unterrichts- und Schulentwicklung
u.a. in den Ferien Sommerschulen ange- und die Frage: „Wie gestaltet Schule in
Univ.-Prof. Dr. Anja Wildemann ist boten, um ggf. Rückstände aufholen zu solchen Zeiten wie jetzt den Unterricht?“
Professorin für Grundschulpädagogik können. Ich finde diese Angebote, die
(Schwerpunkt Sprache) am Institut für auf freiwilliger Teilnahme beruhen, gut. Gibt es Überlegungen Ihrerseits, wie
Bildung im Kindes- und Jugendalter der Aber es werden primär Deutsch und man diese Homeschoolingdefizite in so-
Universität Landau. Mathematik angeboten. Das waren in zialschwachen und in Migrationsfamilien
der Zeit des Homeschoolings allerdings auffangen kann?
geht. Aber dass Aufgaben anscheinend die am häufigsten realisierten Fächer, so Ich hätte mir die Sommerschulen von
nicht zurückgefordert wurden und die unsere Studie. Ich frage mich, hätte man der inhaltlichen Ausrichtung her etwas
sich u.a. daraus ergebene Rückmeldung nicht bei den Angeboten in den Som- anders gewünscht. Für einige Kinder
der Lehrkräfte oftmals fehlte, finde ich merschulen auch andere Fächer stärker und Jugendliche ist die Förderung der
doch bedauerlich. Die Rückbindung von einbinden sollen, z.B. aus dem naturwis- sprachlichen Fähigkeiten sehr wichtig. Es
Aufgaben an die Lehrkräfte und deren senschaftlichen Bereich oder auch aus gibt aber durchaus auch andere fachliche
Rückmeldung an die Kinder hat etwas mit dem ästhetisch-kreativen Bereich, die ja Bereiche, in denen Förderung sinnvoll ge-
Unterrichtsqualität zu tun. Es ist wichtig, während des Homeschoolings eher sehr wesen wäre. Es sollte auch nicht verges-
dass Schülerinnen und Schüler nicht kurz gekommen sind. sen werden: die Sommerschulen beruhen
alleine gelassen werden oder die Eltern ja auf Freiwilligkeit. Das ist auch richtig
gar die Aufgaben machen, sondern dass Öffnet Homeschooling die Bildungsschere so, dennoch, so meine Vermutung: Es
sie immer eine Rückmeldung zu ihren noch weiter als bisher? werden wieder eher solche Kinder daran
Lernergebnissen erhalten. Schülerinnen Meine Vermutung ist ja. Ich kann es teilnehmen, die zuhause schon gut unter-
und Schüler müssen wissen, was ist gut anhand unserer Studie nicht bestäti- stützt werden, während andere Kinder,
gelaufen, wo benötige ich noch Unter- gen, denn bei solchen Erhebungen ist die eine Förderung nötig hätten, nicht
stützung oder welches ist der nächste es leider oft so, dass bestimmte Eltern daran teilnehmen werden. Deshalb muss
Lernschritt. Das ist eine Baustelle, an der nicht daran teilnehmen. Wir haben es die Schule nun Konzepte entwickeln, wie
noch gearbeitet werden muss. mehrfach betont, dass sich mit großer sie mit diesen benachteiligten Kindern
Mehrheit Eltern mit mittlerem und umgeht, denn die Benachteiligung wird
Ist Homeschooling eine Notlösung in höherem Bildungsabschluss an unserer sich in den Coronazeiten eher verstärkt
Pandemiezeiten oder eine Alternative zum Studie beteiligt haben. Wir wissen auch haben.
schulischen Lernen im digitalen Zeitalter? aus anderen Studien, dass bestimmte Es muss Förderung geben, differenzierte
Zurzeit ist es eine Notlösung. Es gibt Familien mit solchen Erhebungen nicht Angebote und Unterstützung für die
natürlich auch Homeschooling in ganz erreicht werden. Einige haben zudem Lehrkräfte.
anderer Art wie z.B. in den USA, dort hat nicht die Möglichkeit teilzunehmen, sei es
es aber einen anderen Stellenwert. Das aus technischen Gründen oder aufgrund Homeschooling ist also sehr mittelstän-
digitale Lernen zuhause ersetzt nicht ihres sprachlichen Vermögens Ich gehe disch geprägt?
den Unterricht in der Schule. Besonders daher davon aus, dass bestimmte Kinder Ja. Eine Beobachtung, die man durchaus
kritisch angemerkt in der Elternbefra- im Homeschooling nicht oder nur unzu- auch im Ausland wahrnehmen kann, dass
gung wurde ja auch, dass die Interaktion reichend erreicht wurden, in der Regel Fördermaßnahmen häufig von akademi-
und die Kommunikation gefehlt haben. Kinder aus bildungsbenachteiligten und schen Haushalten wahrgenommen wer-
Das wird häufig, wenn über digitales sozial schwachen Haushalten. den, die sich das auch leisten können. Es
Lernen gesprochen wird, unterschätzt. gibt in unserer Studie übrigens auch ent-
Ich bin nicht gegen digitales Lernen, das Gibt es Erkenntnisse oder Beobachtungen, sprechende Rückmeldungen von Eltern.
muss ausgebaut werden, aber es ersetzt wenn es um Kinder aus sozial schwachen Wir haben in der Umfrage auch einen Teil,
eben nicht den interaktiven Unterricht, Familien geht oder um Migrationsfami- in dem sich Eltern frei äußern konnten.
GEW-Zeitung Rheinland-Pfalz 09 / 2020 5Coronakrise
Und da gibt es immer auch Eltern, die das 4.000 Eltern, die bei uns teilgenommen besuchen. Was wir nicht erreicht haben,
Homeschooling als positiv für ihr Kind haben, hat diese Kommunikation sehr das liegt aber auch an der Anlage unserer
erlebt haben. Sie argumentieren, dass ihr wenig stattgefunden. Dieses geringe sozi- Studie, ist der Förderschulbereich. Es
Kind endlich frei und ohne Druck lernen ale Miteinander, der fehlende Austausch wäre sehr interessant, hier nochmals den
konnte. Diese Aussagen bilden aber nicht hat uns doch sehr gewundert. Es wurden Blick darauf zu werfen. Wir haben auch ei-
die Mehrheit ab. anscheinend auch kaum Aufgaben zusam- nige Mails von Eltern bekommen, die ein
men bearbeitet. Was Eltern hier geleistet bisschen enttäuscht waren, dass wir den
Feedback gehört ja zu einer effektiven Un- haben, und das ist sehr positiv im Hinblick Förderschulbereich nicht erkundet ha-
terrichtsgestaltung. Viele Eltern beklagen auf die Motivierung ihrer Kinder, ist, dass ben. Wir haben zum Beispiel Eltern, deren
in Ihrer Studie die fehlende Rückmeldung sie vor allem positiv verstärkt haben. Kinder eine spezielle Pflege benötigen.
der Lehrkräfte. Wo sehen Sie die Gründe Die meisten Eltern haben geantwortet, Solche Details konnten wir nicht erfra-
für diesen fehlenden Kontakt zwischen dass sie versucht haben, ihrem Kind zu gen, denn das hätte den Umfang unserer
Schülern und Lehrern beim Homeschoo- erklären, dass das Lernen wichtig ist. Sie Studie gesprengt. Aber ansonsten haben
ling? haben auch das soziale Miteinander trotz wir gar keine so großen Unterschiede
Auch hier gibt es wieder zwei Seiten. Es der massiven Einschränkungen gefördert, zwischen der Primar- und Sekundar-
gab zum einen anfangs viele technische indem sie z.B. gemeinsam gekocht oder stufe festgestellt. In der Sekundarstufe
Probleme, z.B. bei der Einrichtung und sich zusammen einen Film angeschaut wurden im Homeschooling mehr Fächer
Nutzung bestimmter Plattformen. Die haben. Sie haben also versucht, gemein- angeboten, was auch mit dem größeren
meisten Lehrkräfte haben zudem über sam die Freizeit zu gestalten. Und das Fächerspektrum zusammenhängt. In
Email mit den Schülerinnen und Schü- haben Eltern in dieser Situation sehr den Fächern Deutsch, Mathematik, auch
lern kommuniziert. Rückmeldungen gut gemacht, indem sie das soziale und Englisch wurde zudem eher traditionell
erfolgten somit zeitlich verzögert und das kommunikative Miteinander gelebt gearbeitet, also mit Arbeitsblättern und
nicht im direkten Austausch. Die von haben. Schulbüchern.
den Eltern als unzureichend deklarierten
Rückmeldungen haben aber auch etwas Welche Konsequenzen müssen nach dem Wir haben ja das am stärksten zerglie-
mit der Strukturierung von Unterricht Homeschooling für die Lehrerbildung derte Schulwesen weltweit. Würde eine
zu tun. Nach unserer Studie gibt es hier gezogen werden? Schule für alle oder eine Integrierte Ge-
Nachholbedarf. Gestellte Aufgaben, wir Natürlich ist das digitale Lernen noch samtschule durchgehend bis Klasse 10
unterscheiden Lern- und Leistungsauf- eine Baustelle, die in Deutschland sehr besser fahren beim Homeschooling?
gaben, sind eingebettet in eine Unter- groß ist. Das wissen wir schon lange, Das betrifft ja die Frage nach der Inklusi-
richtsstruktur. Sie müssen auch überprüft aber jetzt ist es deutlich geworden. Wir on, die m.E. in Deutschland noch nicht so
werden, um eine Diagnose des Könnens wissen aber auch, dass Schulen technisch gut gelingt. Schule für alle wird leider oft
zu gewährleisten. Als Lehrkraft mache ich oft nicht sehr gut ausgestattet sind, und missverstanden. Bei Inklusion denken alle
mir so ein Bild von den Fähigkeiten und wir wissen auch, dass mehr methodisches an Schüler mit Behinderungen, aber Schu-
Bedarfen des Schülers oder der Schülerin. Know How vorhanden sein muss, denn le für alle bedeutet ja erstmal, ich nehme
Dass es hier noch Lücken gibt, liegt u.a. die Beherrschung der Technik reicht die Kinder so, wie sie kommen, egal wel-
daran, dass es in der Verzahnung von für digitales Lernen nicht aus. Hier sind ches Geschlecht, welcher Herkunft, Reli-
systematischer Diagnose und Förderpla- die universitäre Lehrerbildung und das gion oder Hautfarbe, mit oder ohne Be-
nung in der Schule grundsätzlich, auch Referendariat gefragt und schließlich einträchtigung. Das ist etwas, womit sich
außerhalb von Corona, Nachholbedarf auch die Lehrerfort- und -weiterbildung. Deutschland sehr schwer tut. Ich glaube,
gibt. Im Zuge des Homeschoolings sind Das betrifft u.a. Fragen wie: Wie und wenn wir diesen inklusiven Gedanken
diese Lücken deutlich zutage getreten. wann kann ich digitales Lernen realisie- stärker umsetzen würden, nicht nur im
Auch die Individualisierung, also das ren? Wann setze ich welche Geräte ein Primarbereich, in dem Inklusion nach wie
individualisierte Lernen, ist größtenteils und wann machen sie keinen Sinn etc.? stärker umgesetzt wird, sondern auch
weggefallen in dieser Zeit. Daran muss Hier müssen die Kompetenzen für das im Sekundarstufenbereich würde das
noch deutlich gearbeitet werden. digitale Lernen bei den Lehrkräften noch den Schülerinnen und Schülern guttun.
ausgebaut werden. Aber auch die Struk- Wir hätten dann auch ein ganz anderes
Unterricht ist immer auch ein Trainings- turierung des Unterrichts ist weiterhin ein Spektrum an Tätigen in den Schulen z.B.
lager für soziale Fähigkeiten wie Rück- Thema für die Lehrerbildung, besonders Sozialarbeiter, Psychologen, Lehrkräfte
sichtnahme, Respekt, Hilfsbereitschaft. im Zuge digitalisierten Lernens. mit unterschiedlichen Schwerpunkten in
Welche Fächer, Fähigkeiten und welche ihrer Qualifizierung, die sich gegenseitig
Kompetenzen werden beim Homeschoo- Welche Schulart hat denn beim Home- besser unterstützen könnten Wir hätten
ling vernachlässigt, z.B. auch der soziale schooling am besten funktioniert und mehr multiprofessionelle Teams, und das
und kommunikative Kompetenzerwerb? warum? wäre auf jeden Fall von Vorteil für alle.
Was uns sehr erstaunt hat, ist, dass die Das kann man eigentlich gar nicht sagen,
Eltern angegeben haben, dass ihre Kinder denn wir haben im Primar- und Sekun- Welche Empfehlungen würden Sie nach
sehr wenig mit Mitschülern kommuniziert darstufenbereich gefragt. In der Sekun- Ihrer Studie der Bildungsministerin und
haben. Das hätten wir deutlich höher darstufe haben wir einen hohen Anteil der KMK geben?
eingeschätzt. Zumindest bei den über von Eltern, deren Kinder das Gymnasium Es wäre gut, nicht nur Hygienekonzepte
6 GEW-Zeitung Rheinland-Pfalz 09 / 2020Coronakrise
in den Schulen zu haben, sondern so zu können und so eine passgenaue Dia- gezielte Diagnosen sowie anschließende
etwas wie Unterrichts- und Schulent- gnose und Förderplanung zu realisieren. Beratungen für einzelne Schülerinnen
wicklungskonzepte. Diese sollten nicht Außerdem haben Lehrkräfte häufig nicht und Schüler auf Wunsch der dort tätigen
von oben angeordnet, aber angeregt und die Zeit, um eine umfassende Diagnose Lehrkräfte durchgeführt. Das war eine
vor Ort diskutiert und umgesetzt werden. durchzuführen. Das ist schlimm. wichtige Unterstützung. Dafür haben wir
Momentan wird von allen Seiten viel ge- Ich komme selbst aus Hamburg und im Diagnostikteam aber auch ausreichend
fordert, aber die Lehrkräfte werden noch habe als Lehrerin an einer Förderschu- zeitliche Entlastung erhalten.
zu wenig unterstützt durch Entlastung, le gearbeitet. Wir hatten z.B. ein Di-
Fortbildung oder zusätzliche Lehrkräfte. agnostikteam. Dieses Team hat die Danke für das Gespräch!
Wir haben einen starken Lehrkräfte- Schuleingangsdiagnostik und in Klassen Die Fragen stellte Dr. Paul Schwarz
mangel, der durch Corona
auch nicht besser gewor-
den ist, das müssen wir
professionell ausgleichen.
Außerdem werden wir un-
terschiedliche Leistungs-
niveaus haben, wenn die
Schülerinnen und Schüler
nach den Schulferien wie-
der in die Klassen zurück-
kommen. Und wir müssen
vor allem an die Kinder und
Jugendliche denken, die
im Homeschooling nicht
erreicht wurden und nach
Corona Förderung und
individuelle Unterstützung
benötigen. Hier spielt gute
Diagnose eine zentrale
Rolle.
Hierzu wird mir häufig zu-
rückgemeldet, die Schulen
hätten auch nicht die Mög-
lichkeiten, aus verschiede-
nen Verfahren auswählen
Baustelle digitales Lernen in Deutschland. Symbolfoto: iStock/Manuel Tauber-Romieri
Gemeinsame Pressemitteilung von Landeselternbeirat
und allen Bildungsgewerkschaften in Rheinland-Pfalz
Sowohl der Landeselternbeirat als auch und eine sofortige Bereitstellung zusätz- mehr mangels digitaler Erreichbarkeit
alle Bildungsgewerkschaften in Rheinland- licher Finanzmittel zur Verhinderung bzw. (Endgeräte, Leitungskapazitäten) abge-
Pfalz fordern gemeinsam von der Landes- Verringerung weiterer negativer Folgen hängt wird.
regierung: durch die Corona-Pandemie für unsere Es ist insbesondere jeweils die Zustän-
- eine Einstellungsoffensive „Lehrkräf- Schülerinnen und Schüler in Rheinland- digkeitsfrage zu klären, um sofort hand-
teversorgung Corona“, deutlich kleinere Pfalz. lungsfähig zu sein. Allen Lehrkräften sind
Klassen sowie die Weiterentwicklung und Dazu ist eine schnelle, coronabedingte digitale Arbeitsgeräte und datenschutz-
Installation multiprofessioneller Teams in Einstellungsoffensive dringend erfor- konforme Kommunikationsmittel zur
allen Schularten, derlich, die es unseren Schulen auch bei Verfügung zu stellen.
- eine schnellere Umsetzung der Digita- Fortbestehen der Pandemie ermöglicht, Des Weiteren fordern wir, dass allen Schü-
lisierung, ihren Bildungsauftrag zu 100% zu erfüllen lerinnen und Schülern nach den Sommer-
- die Umsetzung aller erforderlichen und deutlich kleinere Klassen zu bilden. ferien die Förderung zuteilwerden kann,
Maßnahmen zur Verbesserung der Si- Wir erwarten außerdem, dass hinsichtlich die sie benötigen. Dazu bedarf es unter
tuation von Schülerinnen und Schülern der derzeitigen Digitalisierungsprobleme anderem der Einstellung von multiprofes-
mit besonderen Förderbedürfnissen und die Kommunen in die Lage versetzt wer- sionellen Teams in allen Schularten.
Begabungen. den, alles zu unternehmen, um den Start pm
Wir erwarten von der Landesregierung des neuen Schuljahres so zu unterstützen,
und dem Landtag solidarisches Handeln dass keine Schülerin und kein Schüler
GEW-Zeitung Rheinland-Pfalz 09 / 2020 7Coronakrise
Checkliste: Corona-Hygienekonzept zum Schutz von Beschäftigten
und Kindern/Jugendlichen in Schulen
Merkmal Maßnahmen der Schule Merkmal erfüllt verantwortlich
Organisation ja nein
Corona-Krisenteam In der Schule ist ein Corona-Krisenteam zur einrichtungsspezifischen Schulleitung
Anpassung und Umsetzung der Maßnahmen gebildet. (Personalrat)
Hygieneplan Auf der Grundlage des Infektionsgesetzes ist ein aktueller Hygieneplan Schulleitung (Personal-
erstellt unter Beachtung des Hygieneplans des Bildungsministeriums. rat, Schulträger)
Unterweisung Alle Beschäftigten werden über die Risiken, Übertragungswege, Symptome Schulleitung,
der Erkrankung, über die hygienischen Maßnahmen und deren korrekte Krisenteam, Lehrkräfte
Umsetzung unterwiesen.
Alle Schüler*innen werden zu den hygienischen Maßnahmen unterwiesen.
Dazu werden auch Piktogramme, Plakate und ggf. Videos verwendet.
Planung des Einsatzes Es wird ermittelt, wie viele Schüler*innen maximal aufgenommen werden Schulleitung
der Lehrkräfte sowie können, um die konkreten Hygienestandards noch umsetzen zu können. (Personalrat)
der maximalen Anzahl Es wird ermittelt, wie viele Lehrkräfte anwesend sein müssen, um die
von Schüler*innen Schüler*innenanzahl unterrichten zu können.
Lehrkräfte sowie Pädagogische Fachkräfte, die nach ärztlichem Attest
eine Corona-19-relevante Vor-/Erkrankung haben, werden nicht zum
Präsenzunterricht eingesetzt. Sie unterstützen das häusliche Lernen der
Schüler*innen aus dem sog. Homeoffice.
Es wird ermittelt, wie viele Schüler*innen aufgenommen werden, damit
die Hygienestandards eingehalten werden können.
Jeder Klasse/Lerngruppe wird ein festes Lehrkräfteteam zugeordnet.
Das sog. Homeschooling von Lehrkräften, die von zu Hause arbeiten, und
für die betroffenen Schüler*innen wird organisiert.
Raumkonzept Jede Klasse/Lerngruppe erhält einen eigenen Raum und wechselt ihn nicht. Schulleitung, Schulträger
Die Räume werden so gestaltet, dass der Mindestabstand von 1,5 m einge-
halten werden kann. Die maximale Gruppengröße richtet sich daran aus.
Verkehrswege innerhalb der Räume, der Flure und an den Ein- und Ausgän-
gen sind eindeutig gekennzeichnet, damit der Mindestabstand eingehalten
werden kann. Möglichst Einbahnregelungen treffen.
Aufgabenübertragung Es ist festgelegt, wer wo welche Maßnahmen kontrolliert. Schulleitung, Krisenteam
Ersthelfer*innen Es ist sichergestellt, dass zu jeder Zeit genügend ausgebildete Schulleitung, Krisenteam
Ersthelfer*innen verfügbar sind.
Schulfremde Personen Der Aufenthalt schulfremder Personen auf dem Gelände und im Gebäu- Schulleitung, Schulträger
de wird auf ein Minimum beschränkt. Sie haben Mund-Nasen-Schutz zu
tragen.
Material Es wird regelmäßig kontrolliert, ob ausreichend Hygienematerial (Seife, Schulträger, Schulleitung
Papierhandtücher, Toilettenpapier) vorhanden ist und es wird vorsorgend
ein Vorrat angelegt.
Den Beschäftigten steht ausreichend Schutzmaterial (Mund-Nasen-Schutz,
Desinfektionsmittel, Handschuhe etc.) gemäß der Gefährdungsbeurteilung
zur Verfügung. Vorsorgend wird ein Vorrat angelegt.
Für die Schüler*innen ist ausreichend Mund-Nasen-Schutz vorhanden,
vorsorgend wird ein Vorrat angelegt.
Verhaltensregeln und persönliche Hygiene
Hygieneregeln Gründliches und regelmäßiges Waschen der gesamten Hand einschließlich Schulleitung,
Fingerzwischenräume und Handrücken mit Seife einschäumen, ca. 20 Se- Schulträger, Lehrkräfte
kunden: vor Unterrichtsbeginn, vor dem Essen, nach der Pause, nach dem
Toilettenbesuch, nach Kontakt mit schmutzigem ggf. kontaminierten Ma-
terialien (z. B. Treppengeländer, Türgriffe), nach dem Niesen oder Husten.
Hände aus dem Gesicht fernhalten.
Husten, Niesen in ein Papiertaschentuch oder in die Armbeuge. Papier-
taschentücher werden sofort entsorgt in einen Mülleimer mit Deckel.
8 GEW-Zeitung Rheinland-Pfalz 09 / 2020Coronakrise
Abstand halten Gruppenbildungen werden verhindert. Schulleitung, Lehrkräfte
Das Abstandsgebot von 1,5 m wird eingehalten.
Tragen von Mund-Na- Kann der Mindestabstand nicht eingehalten werden, wird der Mund- Schulträger, Schulleitung
sen-Schutz Nasen-Schutz getragen.
Mund-Nasen-Schutz wird für die Beschäftigten und auch für Schüler*innen
zur Verfügung gestellt.
Raumhygiene
Mobiliar Lern-, Spielmaterial, Kleinmöbel bleiben in den jeweiligen Räumen und Schulträger
werden täglich gereinigt.
Lüften Die Räume werden auch während des Unterrichts mehrfach stoß- und Lehrkräfte
querbelüftet.
Reinigung Die Räume und Kontaktflächen werden täglich gemäß des Reinigungs- Schulträger
konzepts gereinigt.
Hygiene im Sanitärbereich
Sanitärräume, Anzahl, Die Sanitärräume sind in ausreichender Anzahl mit Seifenspendern, Pa- Schulträger
Zustand, Reinigung pierhandtüchern und Abfallbehältern ausgestattet.
Bei der Nutzung ist die Anzahl so festgelegt, dass die Abstandsregel ein-
gehalten wird.
Die Reinigung erfolgt (zweimal) täglich nach dem Reinigungskonzept.
Meldesystem Es wird täglich kontrolliert und Material umgehend aufgefüllt. Schulleitung, Lehrkräfte
Es wird sichergestellt, dass Schüler*innen verantwortungsbewusst mit
dem Material umgehen und zu Neige gehendes Material umgehend der
Schulleitung melden.
Musikunterricht Das Singen in geschlossenen Räumen wird vermieden. Schulleitung, Lehrkräfte
Chorproben werden vermieden.
Sportunterricht Abstandsregeln und Hygieneregeln werden eingehalten. Schulleitung, Lehrkräfte
Möglichst häufig das Außengelände nutzen.
Tagesablauf
Bringen, Abholen Abstandsregeln werden eingehalten. Schulleitung, Krisenteam
Bezugsperson betritt das Schulgelände nicht.
Schulweg Bei Bus- oder Bahnnutzung Mund-Nasen-Schutz tragen.
Im Wartebereich wird die Abstandsregel eingehalten.
Unterricht Lernmittel werden personenbezogen verwendet und nicht untereinander Lehrkräfte
ausgetauscht.
Wenn möglich im Außengelände durchführen.
Unterrichtsmethode beachtet die Abstandsregel.
Pause Zeitversetzt und in festgelegten Bereichen. Schulleitung
Ausflüge Kleinere fußläufige Ausflüge möglich. Schulleitung, Lehrkräfte
Größere Ausflüge mit öffentlichen Verkehrsmitteln entfallen.
Veranstaltungen Nur in dem Umfang möglich wie die Mindestabstandsregel von 1,5 m es Schulleitung
erlaubt.
Besprechungen Wo immer möglich ersetzen durch Video- oder Telefonkonferenzen.
Erkennbare Krankheitssymptome
Schüler*innen, Melde-, Handlungs- Kommunikationskette sind mit dem Gesundheitsamt Schulleitung, Lehrkräfte,
Beschäftigte abgesprochen und mehrfach erprobt. Schulträger, Eltern- und
Schülervertretung
Soweit Krankheitssymptomen erkannt sind, Melde- und Handlungskette
unverzüglich in Gang setzen.
Nach Testung Quarantäneanweisungen einhalten.
Neue Erkenntnisse und empfohlene Maßnahmen, die vom Gesundheits-
amt oder übergeordneter Behörde kommen, werden umgehend zur
Kenntnis genommen und umgesetzt.
Kommunikativer Kontakt zu Schüler*innen oder Beschäftigten zu Hause
wird gepflegt.
d.r.
GEW-Zeitung Rheinland-Pfalz 09 / 2020 9Coronakrise
Cornelia Dold & Janika Schiffel im Gespräch mit Hans Berkessel
„Wünsche mir eine Schule, in der das gemeinsame Lernen und
Arbeiten in gegenseitigem Respekt im Mittelpunkt steht“
Der studierte Germanist, Historiker, Schüler*innen nicht erreicht wurden. In den letzten Monaten wurde viel über
Politikwissenschaftler und Publizist Es muss durch die Bereitstellung von die schrittweise Öffnung der Schulen so-
Hans Berkessel war bis 2015 Lehrer technischer Ausstattung (Tablets usw.) wie die Ausgestaltung des Unterrichts im
und Regionaler Fachberater Geschich- und durch besondere (Präsenz-) Be- digitalen Raum diskutiert, auch der Weg
te Rheinhessen. Seit 2018 ist er Vor- treuung von bildungsbenachteiligten nach den Sommerferien ist noch unklar.
sitzender der von ihm mitgegründe- Schüler*innen sichergestellt werden, Inwiefern werden die Meinungen und
ten Stiftung „Haus des Erinnerns – für dass die soziale Schere nicht noch weiter Bedürfnisse der Schüler*innen bei die-
Demokratie und Akzeptanz Mainz“. auseinander geht. sen Themenkomplexen berücksichtigt?
Mit ihm sprachen Cornelia Dold und Hierzu habe ich nur punktuelle Erkennt-
Janika Schiffel über die Herausfor- • Lehr- und Lernformen: Nach den nisse und keine empirisch belegten
derungen, Chancen und Risiken der bisherigen Erfahrungen besteht die Rückmeldungen; aber ganz sicher ist in
Corona-Pandemie für unser Bildungs- Gefahr eines Rückfalls in überwiegend Krisenzeiten die Neigung, „top down“ zu
system. frontal gesteuerte Lernformen, alle in- reagieren, d. h. die Maßnahmen durch
Sie haben selbst jahrelang als Ge- teraktiven, kommunikativen, kleingrup- die jeweilige Schulleitung vorzugeben,
schichtslehrer sowie als regionaler pen- oder projektorientierten Formate eher ausgeprägt. An einigen Schulen
Fachberater Geschichte gearbeitet und oder auch an das Verlassen der Schulen haben sich „Corona-Ausschüsse“ ge-
im Zuge dessen viele Entwicklungen im gebundene Nutzung außerschulischer bildet, die die jeweiligen Schritte zur
Schulbereich vorangetrieben. Nun ist Lernorte drohen verloren zu gehen. Da- Umsetzung des digitalisierten Unter-
durch die Einschränkungen aufgrund der her ist dringend notwendig, den Schulen richts und zur (Teil-)Öffnung der Schulen
Corona-Pandemie das Bildungssystem und Kollegien unverzüglich qualifizierte diskutiert haben, aber wohl nur in we-
vor besondere Herausforderungen ge- Fortbildungsangebote zu machen, die nigen Schulen waren Schüler*innen, im
stellt. Welche Herausforderungen sind sie in die Lage versetzen, digitalbasierte, eigentlichen Sinn die SV, daran beteiligt.
in Ihren Augen die größten? interaktive Lernformen zu entwickeln Das widerspricht natürlich den erwei-
Ich sehe nicht nur als Fachlehrer für und einzusetzen. terten Beteiligungsmöglichkeiten für
Geschichte, Deutsch und Sozialkunde in Schüler*innen, wie sie Bildungsminis-
der Sekundarstufe I und II, sondern vor Durch die Corona-Pandemie waren und terin Dr. Stefanie Hubig bereits in ihrer
allem als Pädagoge, der die Schulreform sind die Schulen gezwungen, vermehrt Regierungserklärung im vergangenen
mitgestaltet hat, Probleme gleich auf auf digitale Angebote zu setzen. In- Jahr angekündigt hat und wie sie jetzt
mehreren Ebenen: wiefern könnte die Corona-Pandemie auf Beschluss der Landtagsmehrheit
eine Chance sein, die Digitalisierung im ins neue Schulgesetzt aufgenommen
• Recht auf Bildung – Bildungsabschlüs- Bildungsbereich weiter voranzubringen? wurden. Es wird sicher schwer werden,
se: Durch die Voll- oder Teilschließung Durch den Druck, den Unterricht in unter den gegenwärtigen Bedingungen
von Schulen, den Wechsel von Präsenz- wesentlichen Teilen digital anzubieten, auch dieses Thema wieder auf die Agen-
unterricht und Homeschooling, konnten mussten sich alle an Schule Beteiligten da zu setzen – umso wichtiger ist es.
wesentliche Lerninhalte der einzelnen „ehrlich“ machen und die Defizite im
Fächer nicht vergleichbar vermittelt Blick auf technische Ausstattung wie Gerade in Krisenzeiten wird immer wie-
werden. Da das auch im kommenden auf didaktisch-methodisch gelungenen der deutlich, wie wichtig eine historische
Schuljahr mutmaßlich nicht sicherge- Umgang damit zur Kenntnis nehmen. und erinnerungskulturelle Bildung ist.
stellt werden kann, muss u. a. darauf Sicher gibt es im Land schon sehr gute Wie kann und muss Schule und insbeson-
seitens der Bildungsverwaltung durch Programme wie z. B. „Medienkompe- dere der Geschichtsunterricht zukünftig
Reduzierung der Lehr- und Bildungsplä- tenz macht Schule“, an denen aber im- aussehen, um bei Schüler*innen ein
ne und durch die Einstellung zusätzli- mer nur wenige Schulen, Lehrer*innen Geschichtsbewusstein zu entwickeln?
cher Lehrkräfte zur Betreuung kleinerer und Schüler*innen beteiligt sind. Hier Der Geschichtsunterricht hat sich in
Lerngruppen reagiert werden, damit müssen wir in die „Breite“ kommen, d. den letzten dreißig Jahren – wie auch
ALLE Schüler*innen ihren angestrebten h. an allen Schulen im Land muss eine die Geschichtswissenschaft – grund-
Bildungsabschluss erreichen können. entsprechende technische Ausstattung legend geändert: Von der Vermittlung
• Bildungsgerechtigkeit: Die bisherigen und deren personelle Betreuung (bisher von Zahlenkanons und der „Haupt- und
Erfahrungen mit digitalisierten Lernan- meist nur wenige Abordnungsstunden Staatsaktionen“ großer Männer ist
geboten haben gezeigt, dass insbeson- von Lehrer*innen) bis hin zur flächende- eine zunehmend sozial- und struktur-
dere an den Grundschulen und an den ckenden Fortbildung der Lehrkräfte und geschichtliche Ausrichtung in Richtung
Sekundarschulen, die eine besonders Trainings für Schüler*innen ermöglicht einer Gesellschaftsgeschichte (Wehler
heterogene Schülerschaft haben, viele werden. u. a.) und z. B. einer Alltagsgeschichte
10 GEW-Zeitung Rheinland-Pfalz 09 / 2020Coronakrise
zu erkennen, die auch an regionaler sieht für Sie die Schule der Zukunft aus? Demokratie-Tag Rheinland-Pfalz. Seit
Geschichte und an den Biografien ganz Ich wünsche mir eine Schule der Zu- 2016 ist er freier Mitarbeiter am Institut
normaler Menschen, insbesondere der- kunft, für Geschichtliche Landeskunde (IGL) an
jenigen, die zum Opfer geworden sind, • in der das gemeinsame Lernen und der Universität Mainz und seit 2018 Vor-
orientiert ist. Von zentraler Bedeutung Arbeiten in gegenseitigem Respekt im sitzender der Stiftung „Haus des Erinnerns
erscheint mir, dass sich eine inzwischen Mittelpunkt steht und das (Be-)Lehren – für Demokratie und Akzeptanz Mainz“.
wieder stärker zu vernehmende For- in einem hierarchischen System noch Als Herausgeber und Autor hat er zahlrei-
derung nach einem Schlussstrich der mehr zurückgenommen wird; che Aufsätze und didaktische Beiträge zur
Erinnerung an die schlimmen Phasen • in der das Mitwirken und Mitverant- Kultur-, Sozial- und Zeitgeschichte, zur po-
der deutschen Geschichte nicht durch- worten von Anfang an zum Prinzip für litischen Bildung und zur Schulentwicklung
setzt, sondern dass in der öffentlichen die Schulorganisation, die Gestaltung (Demokratiepädagogik) publiziert und
Diskussion, aber eben auch im Unter- des Schullebens, aber auch für Unter- ist Mitherausgeber, Autor und Redakteur
richt, an dieser mühsam erworbenen richt/Lernprozesse bis hin zur Bewer- der IGL-Reihen Beiträge zur Geschichte
Erinnerungskultur festgehalten und tung/Beurteilung (Feedback-Kultur) zur der Juden in Rheinland-Pfalz und Main-
dass sie offensiv verteidigt wird. Aber zu Leitlinie wird; zer Beiträge zur Demokratiegeschich-
einer angemessenen Erinnerungskultur • in der die drei schulischen Gruppen te, der Mainzer Geschichtsblätter und
gehört eben auch, dass wir uns stärker (Schüler*innen, Lehrer*innen und El- des Jahrbuchs für Demokratiepädagogik.
der positiven Ereignisse und Erinne- tern) vertrauensvoll „auf Augenhöhe“ 2016 wurde er für sein Engagement in
rungsorte einer deutschen Demokratie- zusammenarbeiten und dabei neue ba- der historisch-politischen Bildung und
geschichte, wie etwa in Rheinland-Pfalz sisdemokratische Formen der Partizipa- Demokratiepädagogik mit dem Bundes-
der Mainzer Republik und des Ham- tion, wie z. B. der „Klassenrat“ auf- und verdienstkreuz ausgezeichnet.
bacher Festes und Schlosses bewusst ausgebaut werden und zugleich neue
werden und diese angemessen pflegen Formen wie das paritätisch besetzte
und vor allem zielgruppengerecht an „Schulparlament“ modellhaft entwickelt
jüngere Menschen vermitteln. und erprobt werden.
Im Bereich der historisch-politischen Bil- Zur Person
dung sowie der Demokratiepädagogik Hans Berkessel war über 20 Jahre Lehrer
sind Sie seit langen Jahren sehr aktiv und Fachberater Geschichte Rheinhessen.
und stehen auch für große Visionen. Wie 13 Jahre lang leitete er ehrenamtlich den
GEW: Erhöhung der Regelstudienzeit um ein Semester!
Während umliegende Bundesländer Damit hätten BAföG-berechtigte Studie- zusätzliches Lehrpersonal und Tutoren zur
wie Baden-Württemberg, Hessen und rende Anrecht auf Verlängerung ihrer Verfügung zu stellen.“
Nordrhein-Westfalen bereits beschlos- Ausbildungsförderung und die nach den pm
sen haben, die individualisierte Regel- Prüfungsordnungen einzuhaltenden Fris-
studienzeit für die im Sommersemester ten würden automatisch um ein Semester
2020 eingeschriebenen Studierenden verlängert.
zu erhöhen, wartet Rheinland-Pfalz „Das Sommersemester 2020 darf nicht
noch immer ab – zum Stand Juli 2020. auf die Fachstudienzeit angerechnet
werden“, so Hammer. „Wir erwarten von
der Landesregierung auch, dass sie alles
unternimmt, um den Erstsemestern im
kommenden Wintersemester zu einem
erfolgreichen Studienstart zu verhelfen.
Die Erstsemester dürfen nicht zu einem
verlorenen Jahrgang werden.“ Anstelle
von Vorlesungen mit großen Teilnehmen-
denzahlen müssten Präsenzveranstal-
© www.pixabay.de tungen in kleineren Gruppen stattfinden
„Wir fordern die Landesregierung auf“, sowie entsprechend geeignete digitale
so Klaus-Peter Hammer, Vorsitzender der Lehrangebote angeboten werden. Beides
GEW Rheinland-Pfalz, „die Erhöhung der erfordere u. a. auch mehr Personal.
Regestudienzeit auch für die rheinland- „Wir fordern die Landesregierung auf“, so
pfälzischen Studierenden umzusetzen.“ Hammer abschließend, „mehr Mittel für Klaus-Peter Hammer
GEW-Zeitung Rheinland-Pfalz 09 / 2020 11Coronakrise
Digitalisierung statt Menschenbildung? zu bieten. Durch die Online-Lehre wird
dieser egalitäre Ansatz – manifest in der
Eine Weichenstellung für die Zukunft Campus-Architektur der Siebziger Jahre
(Trier, Kaiserslautern) – jedoch aufge-
Dr. Matthias Fechner löst. Die eine lernt jetzt ausschließlich
im WG-Hinterzimmer, der andere in der
Im März 2020 rutschte das deutsche der reinen Informationsvermittlung – Hausbibliothek, davor den Garten mit
Bildungswesen in eine historisch ein- doch erst durch weitere Facetten an Swimming-Pool. Und auch das Pendeln
zigartige Krise. Aus Furcht vor dem Kontur. Man muss nicht Walter Benjamins entfällt: Wer keine eigenen Transport-
hochinfektiösen Covid-19 Virus wurden Aura-Begriff bemühen, um die Frage nach mittel nutzte, war auf das zufällige und
bundesweit auf Landesebene Verord- der Zukunft der Lehre im Zeitalter ihrer durchaus demokratische Teilen fester
nungen verabschiedet, die auch eine technischen Reproduzierbarkeit zu stel- Wege in Bus und Bahn angewiesen. Durch
fast umgehende Schließung sämtlicher len. Wo bleibt die Wirksamkeit mensch- die Online-Lehre kann man sich dagegen
Bildungsreinrichtungen zur Folge hat- licher Elemente, wenn die Lehrkunst in die eigene Welt verpuppen und ab und
ten. In Rheinland-Pfalz schlossen die plötzlich auf zwei Dimensionen und die zu ein wenig Wissen saugen.
Schulen am Montag, 16. März 2020.1 Größe eines Monitors schrumpft? Geben Im schulischen Bereich wurden die
Die Universitäten und Hochschulen die Gesichter auf den Zoom-Kacheln über- Lehrer*innen anfangs noch gelobt. Ob-
befanden sich in den Semesterferien, haupt den Menschen dahinter frei? Und wohl das Debakel der Distanzlehre schon
sodass der Eingriff weniger abrupte was bedeutet es für die Lehre, aber auch früh abzusehen war, nicht nur wegen der
Wirkungen zeitigte. Doch die men- für eine Gesellschaft, wenn austauschbare zu knappen Personaldecke, auch aufgrund
schenleeren Schulen und Hochschulen Gesichter – nach Roland Barthes „Spec- einer kaum ausreichenden IT-Infrastruktur
bildeten ein Szenario, das in dysto- tres“: Abbildungen von Menschen, deren und einem scheinbaren „Mangel an tech-
pische Science-Fiction-Filme gepasst kohärentes Ich nicht erkannt werden nischen Fähigkeiten der Lehrkräfte“.4 Viele
hätte und nicht einmal in den Krisen- kann3 – mit digital verfremdeten Stimmen jüngere Schüler*innen, aber auch ältere
szenarien des Bundestages vorgesehen sprechen? Die Reproduzierbarkeit von aus finanziell benachteiligten Elternhäu-
war.2 Vergleichbar dramatische Reakti- Lehrveranstaltungen wirft weitere Fragen sern und sogar Lehrer*innen verfügten
onen in vielen anderen Ländern unter- auf. Was geschieht, wenn die persönliche (und verfügen) zudem über kein adäqua-
strichen dabei die scheinbar weltweite Begegnung seltener wird? Wird ihr dann tes Endgerät. Engagierte Lehrer*innen
Alternativlosigkeit der Lage. ein höherer Wert beigemessen? Führte stellten deshalb die Aufgabenblätter
dies langfristig zu unterschiedlichen Klas- persönlich in die Briefkästen zu, holten
Digitale Medien boten in dieser Situation sen von Lehre? Platinum: persönlicher sie auch wieder ab, bei hohem zeitlichem
eine schnelle Lösung akuter Probleme Professorenkontakt. Business: flexible Zusatzaufwand. Doch selbst mit funktio-
in der Lehre, auch in Rheinland-Pfalz. Betreuung und Hologrammvorlesung. nierender digitaler Kommunikation konn-
Wenigstens theoretisch war die Technik Standard: Download von Lehrmaterial ten vor allem jene Schüler*innen nicht
vorhanden, die Lehre von Klassenzimmer und Vorlesungsvideos. Oder verliert der erreicht werden, die bereits während des
und Hörsaal in die häusliche Umgebung persönliche Kontakt an Wert, weil ein Präsenzunterrichts in besonderem Maße
der Studierenden und Schüler*innen Studium ohnehin abgearbeitet wird, als motiviert werden mussten. Natürlich gab
verlegen zu können. Der digitale Campus zertifizierter Schritt zu einer materiell es auch Lehrer*innen, die in dieser Situa-
Rheinland-Pfalz arbeite bereits mit einer komfortablen Existenz? Und was bedeu- tion einfach auf Sendepause schalteten.
entsprechenden Infrastruktur. Und auch tete dies für die Gestaltung der Arbeits- Noch befremdlicher aber waren die popu-
die Berichte in den Medien waren anfangs verhältnisse an Hochschulen? Wächst listischen, eindimensionalen Reaktionen
noch positiv unterlegt. dann die Zahl der prekär Lehrenden, die in vielen Medien. Solche Lehrer*innen
Doch bereits nach kurzer Zeit zeigte sich, in Telearbeit bei der Informationsvermitt- seien „stinkfaul“ und „Exoten im Übungs-
dass die Praxis von den theoretischen lung assistieren? Unter einer kleinen Zahl blattzeitalter“, konstatierte beispielsweise
Möglichkeiten abwich, teilweise erheb- von Forschenden, deren quantifizierbarer „Hart aber fair“-Moderator Frank Plas-
lich. Die Hochschulen schienen durch Output über Vertragsverlängerung und berg. Und das generelle Problem ließe
den geringeren pädagogischen Anteil Gehalt entscheidet? (Wie dies weltweit sich durch ein Mehr an Digitalisierung und
der Lehrenden und der größeren Selbst- bereits in vielen Ländern gängige Praxis qualifiziertem Personal lösen.
ständigkeit der Studierenden zwar noch ist.) Gleichzeitig schwinden die fachlichen Mit dieser Kritik ignorierte man jedoch
einigermaßen akzeptabel zu arbeiten. Anregungen, die besonders Forschende nicht nur die oben angeführten grund-
Beklagt wurde dennoch, dass die kommu- geistes- und sozialwissenschaftlicher sätzlichen Fragen der Online-Lehre, son-
nikative Interaktion in der Online-Lehre Fächer im kreativen Seminardiskurs er- dern simpelste pädagogische Prämissen.
beeinträchtigt wäre. Viele Studierende fuhren. Denn digitaler Distanzunterricht benötigt
hatten sogar die Videofunktion der Pro- Kaum behandelt wurde auch die Frage andere methodische Formen als die Lehre
gramme ausgeschaltet. Verständlich: des Raumes: des Pendelns und der Lern- in Klassenzimmer und Hörsaal. Je jünger
Denn es schwankte nicht nur die visuelle orte. Die Idee einer sozialen Hochschule die Schüler*innen, je höher ihr individu-
und auditive Qualität der zumeist privaten löste diese Fragen bislang auf, indem sie eller Förderbedarf, desto umfassender
Endgeräte. Auch die Lehre selbst schien wenigstens den Anspruch hatte, allen kann und muss die pädagogische Unter-
dürftiger zu werden. Gewinnt sie – nach vor Ort die gleichen Lernbedingungen stützung ausfallen, die über eine reine
12 GEW-Zeitung Rheinland-Pfalz 09 / 2020Sie können auch lesen