Digitale WELTen Digital - ganz normal - kja Diözese Würzburg
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# 44. 1/2020
INFORMATIONEN VON BDKJ & KJA WÜRZBURG
Digitale WELTen
Digital – Lebenswelt Tools für die
ganz normal Internet PraxisInhalt
Impressum
Editorial .............................................3
Thema . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4
Expertenrunde . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4 Herausgeber:
Aufwachsen mit Medien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14 Bund der Deutschen Katholischen
Blickwinkel verändern Sichtweisen - Jugend (BDKJ) Diözesanverband
Digitales Lernen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16 Würzburg
Digitale Lehre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18 Mitherausgeber:
Wie wollen wir in Zukunft leben und arbeiten? . . . . . 20 Kirchliche Jugendarbeit Diözese
Homeoffice-Erfahrungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22 Würzburg (kja)
Gott ist da-zwischen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24 Verantwortlich:
Internetseelsorge – pastorales Angebot im Netz . . . . 25 Christina Lömmer
Youtubestudio . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26 Daniela Hälker
Digitale Gruppenstunden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27 Redaktion:
Maker Dates - Fortnite, Mergecube, MaKey MaKeys 28 Eva-Maria Buchwald, Verena
Medientools für (digitale) Konferenzen . . . . . . . . . . . . . 29 Fiedler, Dominik Großmann,
Impuls . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30 Daniela Hälker, Christina Lömmer,
Pinnwand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32 Matthias Muckelbauer, Klaus
Schätzlein, Anna Siemer
BDKJ und kja . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34 Kontaktadresse:
Redaktion - Meteorit
Verbände. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40 Kilianeum – Haus der Jugend
Regionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 42 Ottostraße 1, 97070 Würzburg
fon: 0931 386-63141
Leute und Fakten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44 E-Mail: bdkj@bistum-wuerzburg.de
www.bdkj-wuerzburg.de
Layout:
Selina Seubert
Lektorat:
Anmeldung Redaktionsteam
Druck:
Hier kannst du den Meteorit
Druckerei Lokay e. K., Reinheim
kostenfrei bestellen:
Auflage:
www.bdkj-wuerzburg.de
1.500 Stück
Bezugshinweis:
Kostenloser Bezug über die
Rückmeldung BDKJ-Diözesanstelle
Gefördert von:
Du möchtest was zum Heft
sagen? Lob? Kritik? Dann
schreib uns gerne eine E-Mail.
Nächste Ausgabe
Wir sind klima.aktiv!
Redaktionsschluss der nächsten Ausgabe: Deshalb wird unser
15. Oktober 2020
Meteorit auf
Thema: Globale Gerechtigkeit
Umweltpapier
gedruckt.
1/2020 2
Titelbild: www.pixabay.deEditorial
Liebe Leser*innen! Situation einzugehen als auch dar-
über hinaus langlebige Inhalte und
Wie kann ein gedrucktes Medium Entwicklungen der digitalen Welt
die vielen Facetten der digitalen aufzugreifen. Der Thementeil die-
Welt einfangen? Diese Frage war ses Heftes enthält so viele Fach-
für uns zu Beginn der Recherchen artikel wie noch nie, ergänzt mit
die größte Herausforderung. Mit interessanten und mitunter kurio-
den Einschränkungen durch die sen Kurzinfos aus der Medienwelt.
Covid-19 Pandemie und deren In unserem Leitartikel gewähren
Auswirkungen auf unseren digitalen uns fünf Fachpersonen spannen-
Alltag mussten wir viele Vorüber- de Einblicke in Erfahrungen und
legungen und Artikelanfragen auf Grundlagen ihrer alltäglichen digi-
die geänderte Situation anpassen. talen Arbeit. Im Anschluss geht es
Digitales ist stark expandiert und um die Aufgabe der Jugendarbeit,
für viele ermöglichten alleine die Reflexionsräume auch für digitale
digitalen Medien sozialen Kontakt, Erfahrungen von Jugendlichen zu
Unterhaltung und Beschäftigung. ermöglichen. Studierende und eine
Wir alle wurden vor große Her- Dozentin teilen ihre Erkenntnisse
ausforderungen gestellt und nicht mit dem Online-Studium und ein
wenige mussten sich gerade für weiterer Artikel beleuchtet die
Unterricht oder Beruf mit den Auswirkungen der letzten Mona-
zahlreichen digitalen Möglichkeiten te auf die digitale Arbeitswelt.
beschäftigen und sich einarbeiten. Der Alltag im Homeoffice kommt
Im Privaten genutzte Funktionen im Anschluss ebenso zur Sprache
wie Videotelefonate und Chats mit wie Best Practice Beispiele. Mit
Familie und Freunden, Online- praktischen Informationen zu Me-
Stammtische, gemeinsames Zocken dientools für Konferenzen und dem
am Rechner oder Smartphone Youtubestudio der kja runden wir
haben zwar ihre Grenzen und unseren Thementeil ab.
können physische Nähe nicht erset-
zen, ermöglichen aber immerhin Besonders möchte ich auf „Und du
den gemeinsamen Austausch und so?“ hinweisen, ein neues Projekt,
das Gefühl von Verbundenheit. welches im Mittelteil und auf den
Mittlerweile wurden die Beschrän- letzten beiden Seiten vorgestellt
kungen wieder etwas gelockert. wird. Junge Menschen werden
Die Erfahrungen und kreativen gehört - bei uns, in der kja, in der
Entwicklungen im digitalen Bereich Kirche, Gemeinden und Städten,
gehen jedoch weiter und viele Er- in der Politik und vor allem auch
rungenschaften werden weiterhin untereinander.
bleiben.
Ich wünsche Ihnen und Euch im Na-
Wir haben versucht, in dieser men des ganzen Redaktionsteams
Ausgabe sowohl auf die aktuelle viel Spaß und vor allem viele
Anregungen und Erkenntnisse beim
Lesen des meteorit!
Matthias Muckelbauer
3 EDITORIAL
Bild: www.pixabay.deTHEMA
Expertenrunde
Das Thema Digitalisierung wirkt schnell wie ein Fass ohne Boden, wenn es in all seinen Facetten, Erschei-
nungsformen, Entwicklungen und Auswirkungen auf Mensch und Gesellschaft erfasst werden soll. Einige der für
Jugendseelsorge und Jugend(bildungs)arbeit relevanten Fragestellungen werden nachfolgend in einer ersten
Expertenrunde behandelt. Mit ihren Antworten geben die Autor*innen einen kurzen Einblick in ihre Betrachtung
des Themas, zu konkreten Impulsen und aus ihrem jeweiligen Fachbereich. Die Redaktion fragt, Expert*innen
antworten - und laden ein, sich aus unterschiedlichen Blickwinkeln dem Thema Digitalisierung anzunähern.
Christian Schnaubelt ist Dipl. Sozialwissenschaftler mit Schwerpunkt „Politik &
Medien“ sowie Kommunikationswirt. Er arbeitet als Journalist, Online-Redakteur
und Lehrbeauftragter der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen.
Ehrenamtlich ist er im Bereich Web und Medien bei BDKJ und DPSG auf Bundesebene
engagiert.
Der Wissenschaftler/Dozent
Kerstin Heinemann ist Dipl. Religionspädagogin und Medienpädagogin. Sie arbeitet als
medienpädagogische Referentin am JFF - Institut für Medienpädagogik in Forschung
und Praxis. Sie ist Mitglied der Expertengruppe Social Media und digitale Transformati-
on der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), sowie des Beirats der Clearingstelle
Medienkompetenz der DBK.
Die Medienpädagogin/Netzwerkerin
Christoph Schlämmer ist Dipl. Sozialpädagoge und Medienpädagoge. Er leitete bis
Juni 2020 die Katakombe - Offene Jugendbildung im Martinushaus Aschaffenburg.
Der Sozialarbeiter
Amelie Nickel ist Soziologin (M.A.) und aktuell als akademische Tutorin am Hamburger
Zentrum für Universitäres Lehren und Lernen mit dem Schwerpunkt Digitalisierung
und Bildung tätig.
Die Soziologin
Anna Schärmann ist 18 Jahre alt und macht derzeit ein Freiwilliges Ökologisches
Jahr in Wien, welches aufgrund von Corona momentan warten muss. Außerdem
teilt sie auf ihrer Instagramseite anna.mirror ihre Gedanken, ihre Faszination von
der Natur und die kleinen Momente im Leben.
Die Instagramerin
1/2020 4Der Wissenschaftler/ wird. Sei es in der Gesellschaft,
Wirtschaft und der Kirche. Und
müssen Politik und Wirtschaft
zukünftig agieren, um Digitalisie-
Dozent das weltweit. Dies bedeutet auch,
dass wir das nationalstaatliche
rung zu fördern?
„Kirchturmdenken“ ablegen und Die Corona-Pandemie hat es aus
Wo steht Deutschland gerade im
stattdessen das europäische bzw. meiner Sicht einerseits deutlich
Bereich Digitalisierung im Ver-
das globale Denken im Stil „think gemacht: Die Verlierer*innen
gleich zu anderen europäischen
global – act local“ forcieren der Digitalisierung sind aktuell
Ländern?
sollten. die Schulen und damit auch die
Schüler*innen. Kaum eine Schu-
Aus meiner Sicht ergeht es
Die skandinavischen Länder le war technisch (Stichwort:
Deutschland im Bereich der Digi-
können Deutschland im Bereich Breitbandanschlüsse, Endgeräte)
talisierung ähnlich wie im Bereich
Bildungs- und Digital-Politik ein aber auch pädagogisch (Stich-
Klimaschutz. Zunächst waren wir
Vorbild sein. Aber wir sollten auch wort: E-Learning), in der Lage,
einer der Vorreiter in der EU, doch
den Blick auf den afrikanischen das „Homeschooling“ gut um-
jetzt drohen wir den Anschluss
Kontinent werfen, zum Beispiel in zusetzen. Die Infrastruktur der
zu verlieren. Oder anders ausge-
die DR Kongo. Denn dieses Land Schulen war aber auch schon vor
drückt, das Glas ist halbvoll und
leidet unter unserem digitalen Covid-19 problematisch. So hat
halbleer zugleich.
Ausbau, für den immer mehr Gold der BDKJ-Bundesverband bereits
und Coltan benötigt werden. Der 2018 in seinen digitalpolitischen
Das Glas ist halbvoll, da das digi-
Bürgerkrieg um die „Konfliktmine- Grundlagen gefordert, mit zeit-
tale Knowhow und die technischen
ralien“ betrifft vor allem Frauen, gemäßen Methoden und Technik
Voraussetzungen in Deutschland
wie der Nobelpreisträger Dr. den Schüler*innen eine „digitale
vorliegen. Aber ebenso wie der
Denis Mukwege letztes Jahr bei Mündigkeit“ und dadurch eine
Ausbau der Erneuerbaren Energien
einer Kongo-Konferenz von missio „gesellschaftliche Teilhabe“ zu
lange verschlafen oder ausge-
in Berlin berichtete, an der ich ermöglichen. Geschehen ist seit-
bremst wurde, ergeht es jetzt
teilgenommen habe. Neben dem dem wenig, außer Handyverbote
dem Breitbandausbau. Daher
„ökologischen Fußabdruck“ sollten an Schulen. Diese sind aus meiner
ist das Glas auch halbleer. Das
wir auch auf unseren „digitalen Sicht pädagogisch keine Lösung
Vorhandensein von schnellem
Fußabdruck“ achten. Deutsch- – im Gegensatz zu freiwilligem
und sicherem Internet ist kein
land könnte ein Vorreiter in der Verzicht im Sinne einer digitalen
Wunsch von ein paar „Nerds“,
EU werden, wenn die Digitalpo- Achtsamkeit. Schule gerät damit
sondern Grundvoraussetzung für
litik einen höheren Stellenwert in Gefahr, den wichtigen Le-
die digitale Teilhabe, gerade auch
bekommt. bensweltbezug für Schüler*innen
junger Menschen. Aber auch in der
(weiter) zu verlieren.
Wirtschaft ist eine Breitbandver-
In den letzten Jahren hat sich
sorgung auch im ländlichen Raum
viel gewandelt, die Welt ist Andererseits wird das Thema
eine Grundvoraussetzung für die
digitaler geworden. An etlichen „Teilhabegerechtigkeit“ immer
Ansiedlung von IT-Firmen. Dabei
Stellen hängt die Infrastruktur wichtiger. Die (Armuts-) Kluft drif-
ist ausreichend „sauberer“ Strom
jedoch hinterher. Sicherlich gibt tet in Schulen und in der Jugend-
eine wichtige Voraussetzung für
es gerade auch aus der Zeit der arbeit weiter auseinander. Neue
die digitale Infrastruktur (Stich-
Corona-Krise Erfahrungswerte: technische Möglichkeiten dürfen
wort: Serverfarmen). So schließt
Wo haben sich Schwachstellen nicht zu neuen technischen Aus-
sich der Kreis zum Thema Klima-
herauskristallisiert? Wer sind die schlüssen führen. Dabei greift eine
schutz.
Verlierer*innen? Welche Baustel- Debatte um die technischen Zu-
len müssen seitens Politik JETZT gangsmöglichkeiten zu kurz. Auch
Die Digitalisierung ist ein Prozess,
angegangen werden? Und wie die Themen finanzielle Teilhabe
der unsere Lebensweise verändern
5 THEMATHEMA
(Stichwort: Verschuldung) und schen benötigt. Wenn der Staat zu liken haben. Das im Mai 2020
demokratische Teilhabe (Stich- schon der Lufthansa für neun eingerichtete „Oversight Board“ –
wort: Mitbestimmung) gehören Milliarden Euro durch die Krise Kontrollgremium bei Facebook ist
beispielsweise dazu. Hier muss der hilft, wäre es doch ein Klacks den ein erster Schritt in die richtige
Staat die Rahmenbedingungen für (Jugend-) Verbänden Geld für ein Richtung, ersetzt aber keine ge-
eine umfassende Teilhabe junger „Förderprogramm Digitalisierung“ wählte oder staatliche Kontrollin-
Menschen schaffen. Dazu gehören zur Verfügung zu stellen, oder? stanz. Hier sind vor allem die EU,
neben einem flächendeckenden aber auch der deutsche Gesetzge-
Breitbandausbau beispielsweise Viele Gesetze für den digitalen ber gefragt, regulierend einzugrei-
auch barrierefreie Websites in Raum sind antiquiert. Es gibt fen ohne digitalen Fortschritt zu
leichter Sprache sowie digitale Nachholbedarf bei den Themen verhindern.
Bildungsangebote für alle Alters- Urheberrecht und Hate Speech.
gruppen, wie es der BDKJ-Bundes- Braucht es ganz konkret eine Leider wurden bei der Überarbei-
verband fordert. Ethik im digitalen Raum? Und tung des Staatlichen Datenschut-
wenn ja, wie sollte diese ausse- zes (DSGVO) und des Kirchlichen
Und zu guter Letzt sollte gerade hen? Datenschutzes (KDG) einige
auch die Jugendverbandsarbeit Punkte überreguliert und andere
die Chancen der Digitalisierung Aus meiner Sicht sollten uns die Punkte nicht ausreichend bedacht
noch stärker nutzen. Die Corona- ethischen Maßstäbe aus der ana- (z.B. Update des Urheberrechtes
pandemie hat dabei neue Projekte logen Welt auch in der digitalen und konsequentes Vorgehen gegen
(z.B. digitale Gruppenstunden Welt eine „Richtschnur“ sein. Die „Hate Speech“). Jugendverbände
/ Lagerfeuer / Gottesdienste / Basis demokratischen Handelns – und Vereine benötigen eine Anpas-
Versammlungen) hervorgebracht. Transparenz, Kontrolle und freier sung der Datenschutz-Richtlinien,
Dafür werden zuallererst ausrei- Zugang zu Wissen – sind für mich so dass diese wieder „alltags-
chend Beteiligungsmöglichkeiten zeitlos und daher auch im Web tauglich“ werden. Auch das
und Ressourcen für junge Men- unabdingbar. Thema „Cybermobbing“ benötigt
einen größeren Stellenwert. Die
Wir User*innen benötigen Infor- Pfadfinder*innen können mit ihren
mationen über die Fragen: Woher „safe from harm“ – Ausbildungen
kommen die Daten? Wer hat von WOSM da ein gutes Vorbild
sie erstellt? In welchem sein.
Auftrag? Und wer hat
dafür bezahlt? Und wir Der BDKJ-Bundesverband setzt
benötigen unab- sich gemeinsam mit der Gesell-
hängige Kontroll- schaft Katholischer Publizisten
gremien, die Deutschland (GKP) gegenüber den
gewährleisten, Diözesandatenschutzbeauftrag-
dass nicht nur ten und den Bischöfen für einen
Tech-Giganten „pragmatischen Datenschutz“
wie Face- ein, der auch für ehrenamtlich
book, Google geführte Vereine umsetzbar ist.
und Amazon Der BDKJ hat dabei die Probleme
Cloud-Diens- bei der Umsetzung der KDG-Vor-
te festlegen, schriften im Bereich Social Media
was wir zu und Messenger-Plattformen (Stich-
lesen, zu worte: Facebook- und WhatsApp-
kaufen und Verbote) eingebracht. Daher ist es
1/2020 6
Bild: www.pixabay.dewichtig, die (Jugend-) Verbände in möglich. Das Netz ermöglicht z.B. gung gestellt wird. Doch Wissen
eine Weiterentwicklung des KDG Online-Petitionen, Diskursräume allein ist noch keine Bildung. Das
von Anfang an einzubeziehen. in sozialen Netzwerken, digitalen Internet bietet vielfältige Mög-
Plattformen und vielfältige Mög- lichkeiten des Lernens. Ich kann
Christian Schnaubelt
lichkeiten von strukturierter e- mittlerweile virtuelle Besuche in
Participation. Beteiligung sichert großen Museen machen, mich mit
Die Medienpädagogin/ Menschen ihren Status als Subjek-
te mit eigener Entscheidungsge-
Webinaren, MOOCs (Massive Open
Online Courses) und gestreamten
Netzwerkerin walt und ist somit ein fundamen-
tales Recht aller Mitglieder einer
Vorträgen fortbilden und der Ein-
satz von VR-Brillen und KI bietet
Gesellschaft in allen sie betreffen- spannende Experimentierfelder.
Frühjahr 2020, Corona fegt über
den gesellschaftlichen Bereichen. So bereichernd all diese Möglich-
das Land. Die Welt bleibt zuhause,
Mit Hilfe der Digitalisierung sind keiten sind, sie ersetzen nicht
aber sie steht nicht still. Ganz im
wir zum Prosumer geworden - wir den komplexen Lehr-Lern-Prozess
Gegenteil. Datenpakete werden
produzieren und konsumieren und die differenzierte Begleitung
eifrig durch das World Wide Web
gleichermaßen. Das ermöglicht desselben. Gerade in Zeiten von
gejagt, Videokonferenzsysteme
uns eine vielfältige Klaviatur an Corona und ersten Erfahrungen
und E-Learning Tools haben Hoch-
Ausdrucksmöglichkeiten und zahl- mit Homeschooling ist deutlich
konjunktur und kaum ein Satz wird
reiche Resonanzräume. Allerdings geworden, wie wichtig eine Lern-
häufiger ausgesprochen als „Wir
haben nicht nur die Ereignisse der begleitung ist. Lernprozesse sind
machen das jetzt halt digital!“.
Demokratiebewegungen 2011 im auch reflektorische Prozesse. Und
arabischen Raum gezeigt, dass gerade hierbei ist der Austausch
Welche positiven Auswirkungen
eine große digitale Resonanz nicht untereinander und das personale
hat Digitalisierung auf politische
zwingend einen gelungenen Be- Gegenüber wichtig. Wir Menschen
Teilhabe und gesellschaftliche
teiligungsprozess nach sich zieht. sind von Grund auf soziale Wesen
Beteiligung?
Dieser braucht oft eine Entspre- und so sind Bildungsprozesse auch
chung in einem realphysischen soziale Prozesse. All dies lässt sich
Zunächst einmal ist die Welt quasi
Raum. On- und offline dürfen also digital simulieren, aber nie voll-
kleiner geworden. Die Proteste
nicht gegeneinander ausgespielt ständig ersetzen. In der Ergänzung
in Hongkong und Chile oder die
werden, sondern ergänzen sich bei bietet die Digitalität allerdings
weltweiten Demonstrationen der
kluger Konzeption sehr gut. Mehr spannende Möglichkeiten. Wichtig
Fridays for Future-Bewegung sind
zu Gelingensbedingungen von pä- ist dabei, dass Lerninhalte nicht
über das Internet genauso in un-
dagogischen Partizipationsprojek- lediglich digitalisiert, sondern
sere Wohnzimmer gerückt wie die
ten unter https://bit.ly/305sJub tatsächlich digital transformiert
endlose Kette an unglaublichen
werden. Es müssen neue didak-
Aussagen, die der amerikanische
Das Internet bietet eine große tische Ansätze und Konzepte
Präsident gerne über den Micro-
Sammlung an Wissen verschie- entwickelt werden, um digitale
bloggingdienst Twitter in die Welt
denster Art. Welche Bildungschan- Möglichkeiten gewinnbringend ein-
pustet. Das schafft eine emotiona-
cen gerade auch im kulturellen zusetzen. Oder anders formuliert:
le Verbindung - selbst, wenn tau-
und politischen Bereich hält eine Wenn ich die Kreidetafel durch ein
sende an Kilometern dazwischen
steigende Digitalisierung bereit? interaktives Whiteboard ersetze,
liegen. Und wer für etwas Emoti-
die konzeptionellen Grundlagen
onen hat, der ist viel eher bereit
Die Wikipedia ist ein großartiges aber nicht ändere, dann habe ich
sich dafür einzusetzen. Zudem ist
digitales Projekt, bei dem kollabo- nichts gewonnen außer einer sehr
das Partizipationsinstrumentarium
rativ auf sehr hohem Niveau Wis- wartungsintensiven, digitalen
vielfältiger geworden durch die
sen zusammengetragen, überprüft Kreidetafel.
Digitalisierung. Beteiligung ist
und der Allgemeinheit zur Verfü-
heute unabhängig von Zeit und Ort
7 THEMATHEMA
Eine große Chance bietet die schen und Freundschaften, sozial- und jugendpolitische Be-
Digitalisierung im Bereich des Bekanntschaften und Austausch mühungen müssen sich demnach
lebenslange Lernens. Durch die auch digital zu gestalten. Gera- noch mehr als bisher anfragen
netzwerkartigen, dezentralen und de derzeit, wo es aufgrund der lassen, inwiefern die Frage nach
selbst zu gestaltenden Strukturen Ausgangsbeschränkungen schwerer Zugangsgerechtigkeit im Zentrum
lassen sich viele Möglichkeiten in möglich ist, Großeltern, Freun- ihrer Agenda steht. Dabei geht es
unterschiedlichen Bildungssettings de und Kolleg:innen zu treffen, nicht nur um Ausstattung, sondern
und Altersclustern kreieren. Die wird nochmal mehr bewusst, vielmehr um ein komplexes und
ganze Bandbreite des formellen, wie hilfreich digital gestützte feingliedriges Zusammenspiel von
informellen und non-formalen Kommunikation ist und welches technischen und kompetenzför-
Lernens kann somit abgedeckt Potenzial in ihr ruht. Gleichzei- dernden Konzepten, das on- und
werden. tig wird schmerzlich deutlich, offline als wechselseitig aufeinan-
welch hohes Gut die realphysische der bezogene Räume anerkennt
Die Welt wird digitaler und rückt Präsenz ist. Den anderen mit allen und mit seinen jeweiligen Potenzi-
dadurch immer näher zusammen. Sinnen wahrzunehmen, ihn ohne alen ernstnimmt.
Eine weltweite Vernetzung pas- Medium zu erleben, berühren zu
Kerstin Heinemann
siert mit wenigen Klicks. Welches können, ist durch nichts wirklich
Potenzial bietet die Digitalisie- zu ersetzen. Wichtig in diesem
rung aber auch für die sozial- Diskurs ist die Wahrnehmung des
raumnahe Inklusion? digitalen Gaps. Er verläuft nicht Der Sozialarbeiter
zwingend an Alterslinien, sehr
In der Welt zuhause könnte das wohl aber an Zugangsvorausset- Stichwort Jugendsozialarbeit:
Motto der Digitalisierung lauten. zungen und Kompetenzen. Wer inwieweit machst du generell und
Was für die Makroebene gilt, über die entsprechende techni- auch besonders in Zeiten der Krise
lässt sich ebenfalls gut auf Meso- sche Infrastruktur verfügt und die Erfahrung, dass Kinder und
und Mikroebene übertragen. medienkompetent ist, dem stehen Jugendliche aus prekären Verhält-
Nachbarschaftsportale, soziale die vielfältigen Möglichkeiten nissen durch die digitale Ent-
Netzwerkdienste und Messenger von digitaler sozialer Interaktion, wicklung noch weiter abgehängt
bieten gute Möglichkeiten kreativ Kollaboration, Kreativität und Par- werden? Sind z.B. Forderungen
zu sein, sich schnell auszutau- tizipation offen. Netz-, aber auch nach Verteilung von Tablets sinn-
voll oder ist die Umsetzung ohne
Begleitung zu unterschiedlich?
Wo unterstützt ihr hier vielleicht
konkret?
Ich bin mir sicher, dass Kinder aus
prekären und schwierigeren Ver-
hältnissen auch aus digitaler Sicht
noch weiter abgehängt werden.
Chancengleichheit oder zumin-
dest eine Chancengerechtigkeit
im deutschen Bildungssystem ist
nach wie vor eine große Baustelle
und Bildungserfolg hängt nach
wie vor stark von der sozialen
ch zur Lage der Kinder, dem familiä-
s Internet hauptsächli
Jugendliche nutzen da he. ren Hintergrund und der Unter-
tion, zur Unterh altung und Informationssuc stützung durch Eltern ab. Viele
Kommunika
1/2020 8
Bild: www.pixabay.deweitere Faktoren kommen hinzu: tertes Display) kaum denkbar. zu Neuigkeiten aus der Region
die Wohnsituation (haben Kinder Auch fehlt es in den Haushalten an Aschaffenburg. Und wir haben
überhaupt einen ruhigen „Arbeits- Hilfsmitteln wie einem Drucker. uns das Konzept der „Tageschal-
platz“ für Schulaufgaben?), die Hier haben wir ganz praktisch lenges“ überlegt (https://www.
Medienkompetenz der Kinder und einen „Druckservice“ ins Leben katakombe-ab.de/aktuelles/
Jugendlichen (und auch der El- gerufen, dass Besucher uns per westayathome/). Über unsere
tern!) und natürlich die technische Mail ihre Dokumente schicken, Social-Media-Kanäle verbreiten
Ausstattung der Haushalte. Eine wir es ihnen ausdrucken und sie wir diese Ideen. Die meisten
bloße Verteilung von Tablets oder es dann abholen können. Derzeit Follower sind jedoch eher die
Notebooks halte ich jedoch nicht wird für den Offenen Treff von uns Eltern unserer Besucher*innen und
für sinnvoll. Am Beispiel Kursteilnehmer*innen,
der Digitalisierung an ehrenamtliche
67% der 18- bis 19-jährigen nutzen mindestens
Schulen hat sich bereits Mitarbeiter*innen der
gezeigt, dass es mit einmal pro Woche eine Navigationsapp. Katakombe und Koopera-
der Ausstattung alleine tions-partner*innen. Likes
nicht getan ist. Neben sind hier sicher ein Faktor
technischem Support braucht es ein Hygiene- und Schutzkonzept für den Erfolg und die Reichweite,
Lehrer*innen, Pädagog*innen und entwickelt, sodass es – wenn von aber nicht alleine ausschlagge-
Multiplikator*innen, die es A) staatlicher Seite erlaubt - langsam bend. Wir wollten mehr auf eine
selbst verstehen mit der Technik wieder mit reduzierter Besucher- wechselseitige Kommunikation
umzugehen und die es B) ver- zahl starten könnte. Unser WLAN, hinaus oder dass Familien ihre
stehen, diesen bewussten und unser Computerraum und wir als Ergebnisse als Kommentar unter
verantwortungsvollen Umgang Personal und Unterstützer werden unsere Beiträge posten. Mit dem
Kindern und Jugendlichen zu dann sicherlich gefragt sein. Fortlauf der Pandemie haben wir
„lehren“ und die C) auch Eltern festgestellt, dass es immer weni-
ins Boot holen und in die Pflicht Welche Erfahrungen macht ihr ger Beteiligung und Rückmeldung
nehmen, ihre Kinder hierbei zu generell und auch besonders in gibt. Ich erkläre mir das durchaus
unterstützen. Medienpädagogische Zeiten der Krise in der Katakom- mit dem wachsenden Onlinean-
Netzwerke wie z.B. der AK Medien be mit rein digitalen Angeboten? gebot, einer Reizüberflutung und
Aschaffenburg mit angegliederten Können digitale Formate die somit auch Überforderung vieler
Akteuren der aktiven medienpäda- Begegnung und den persönlichen Menschen in unserer digitalisier-
gogischen Jugendarbeit oder auch Kontakt gut ersetzen? Wie werden ten Welt.
Berater*innen für digitale Bildung die Angebote nachgefragt und
an den staatlichen Schulämtern angenommen? Braucht es hier an- Versuche, ganz gezielt mit unse-
können hier unterstützen. dere "Partner" bei der Umsetzung? ren Besuchern des Offenen Treffs
Braucht es z.B. mehr den Kontakt in Kontakt zu bleiben, bewerten
Wir haben bei uns in der Offe- mit den Eltern, als wenn Kinder wir hingegen als schwierig. Wenn
nen Jugendarbeit die Erfahrung einfach selbstbestimmt in den Jugendliche unsere Einrichtung
gemacht, dass jeder Besucher offenen Treff kommen? aufsuchen, geht es ihnen um den
zwar anstelle eines Tablets Austausch untereinander, den
oder Notebooks ein Smartphone Wir haben relativ schnell gemerkt, zwanglosen Plausch bei einer Run-
besitzt, genutzt wurde dieses vor dass wir für unsere Zielgruppe de Playstation, um Unterstützung
Corona jedoch kaum bis gar nicht weiterhin da sein müssen. Da dies beim Verfassen von Bewerbungs-
zu schulischen Zwecken. Und in Person nicht möglich ist, haben unterlagen oder auch um Dinge
jetzt: Homeschooling ist mit so wir u.A. auf unserer Website wie einen trockenen Raum wenn
einem kleinen Gerät alleine – im den Bereich „WeStayAtHome“ es regnet, freies WLAN, einen Ort
Optimalfall noch mit der bekann- eingerichtet. Hier finden sich ohne Erziehungsberechtigte und
ten „Spiderman-App“ (= gesplit- hilfreiche Links für Familien und Lehrer*innen oder kostenfreies
9 THEMATHEMA
Wasser und Obst an der Theke. getätigt: „Immer mehr Menschen vielfältige Anknüpfungspunkte,
Versuche wie ein digitaler Jugend- merken, dass die Digitalisierung läuft aber gleichzeitig Gefahr, zu
treff per Videochat oder Livevi- nicht allein eine technisch-öko- einem „gehypten“ wie inhaltsar-
deos auf Instagram sind sicher nomische Revolution ist, sondern men (politischen) Schlagwort zu
eine sinnvolle Ergänzung und auch dass sie ihre Lebensverhältnisse verkommen oder sehr emotional
Konzepte, die nach Corona immer umwälzt.“ Worin äußert sich im Sinne von gut und böse bewer-
mal wieder einen Platz haben kön- diese Umwälzung und welche tet zu werden.
nen, sie ersetzen aber nicht das, Lebensbereiche sind davon be-
was live/vor Ort/in einer Gruppe/ sonders betroffen? Mein Eindruck ist, dass der Lock-
in einem Jugendtreff passiert. down im Zuge der COVID-19-Pan-
Ich würde sagen, dass Digitalisie- demie nochmal neue Aspekte in
Worauf es aber natürlich an- rung sämtliche Lebensbereiche der Debatte um Digitalisierung of-
kommt: nach der Krise muss und Alltagswelten erfasst: die Art, fengelegt bzw. mit neuer Brisanz
es weitergehen, hoffentlich wie wir kommunizieren, konsu- versehen hat. Ich denke da bspw.
kommen auch viele unserer mieren, uns organisieren, aber an Bildungsgerechtigkeit im Zuge
Stammbesucher*innen zurück und zum Beispiel auch die Suche nach von Homeschooling oder Daten-
einige neue Besucher*innen dazu, Partnerschaften, Stichwort Online- schutz im Homeoffice oder auch in
die über die digitalen Angebote Dating. Es wird hier häufig von der Bezug auf die Corona-Tracing-App.
auf uns aufmerksam wurden. digitalen Revolution gesprochen, Ob und inwieweit diese Erfahrun-
Man muss also zumindest digital was sehr gut deutlich macht, mit gen nachhaltig und längerfristig
Gesicht zeigen und im Gespräch welcher Wucht diese Umwälzung etwas verändern, bleibt abzuwar-
bleiben. stattfindet. ten.
Christoph Schlämmer
In der Soziologie spielt die Digita- Gerade die sozialen Medien sind
lisierung als Forschungsthema in dafür prädestiniert zu zeigen,
Die Soziologin viele Bereiche mit hinein und es
haben sich eigene Fachrichtungen
wer ich bin, wo ich bin und was
ich habe. Mittlerweile hat sich
Der Philosoph Richard David wie z. B. die Internetsoziologie sogar ein feststehender Begriff
Precht hat vor einiger Zeit in ei- etabliert. Das Thema Digitalisie- für Social Media taugliche Bilder
nem Interview folgende Aussage rung bietet in seiner Bandbreite entwickelt – die instagramability.
1/2020 1041 % der 16- bis 29-jährigen sind bei
Es geht um mehr, besser, schö- lemen und Unzufriedenheit mit Online-Dating-Diensten aktiv.
ner, teurer. Wie viel hat eine dem eigenen Körper führen. Vor
solche digitale Inszenierung noch allem junge Frauen sind hiervon das immer der Fall sein muss und
mit der Realität zu tun? Wie betroffen: 9 von 10 Frauen sagen, auch nicht, dass alles schlecht ist.
groß ist der soziale Druck einer dass sie mit ihrem Körper unzu- Es gibt auch bei Instagram positive
solchen Entwicklung? Wie ver- frieden sind (by the way laut der Effekte, wie die Möglichkeit sich
ändert er unsere Gesellschaft? Statistik der Deutschen Gesell- selbst auszudrücken und Personen
Und wie kann ich damit kritisch schaft für Ästhetisch-Plastische zu „followen“, die Input liefern
umgehen? Chirurgie steigt die Zahl der für die eigene Identitätsbildung
Schönheitsoperationen weiterhin und sich auch mit ihnen vernetzen
Was ich problematisch finde, ist jährlich an und eine wichtige zu können – gerade, wenn das im
dieser Vermarktungscharakter Ursache sehen die Ärzt*innen in analogen Leben schwierig oder
und damit zusammenhängend die Selfie-Boom und Bildoptimierung). nicht möglich ist. Social Media hat
Aufmachung als persönliches Fo- ja auch im Bereich von sozialen
toalbum und anderseits diese ge- Was mich hingegen überrascht Bewegungen und Protestbewegun-
zielte Marketingmaschinerie. Das hat: die Befragten sprechen sich gen ein enormes Mobilisierungspo-
Prinzip folgt einer kapitalistischen eindeutig für die Einführung eines tenzial.
Verwertungslogik, ich mache Warnhinweises bei zu starker
mich selbst und mein Leben zu Nutzung aus (71 %) und wünschen Viele Dinge, für die man früher
einem bewertbaren Objekt. Das sich auch in der Schule eine Auf- das Haus verlassen musste, sind
ist in Sachen Verbraucherschutz klärung über den sicheren Umgang heute schnell und einfach vom
problematisch, verändert aber mit Social Media (84%). Das zeigt, Handy aus möglich. Die Digitali-
darüber hinaus auch unser Bild auf dass ein kritischer Umgang auf sierung erleichtert viel, macht
uns selbst. rein individueller Ebene schwer aber auch in einigen Bereichen
umzusetzen ist und somit auch auf bequem. Können wir überhaupt
Unter dem Hashtag #StatusOfMind politischer Ebene etwas passieren noch analog? Und wie abhängig
haben die Royal Society for Public muss. Social Media macht süchtig sind wir mittlerweile eigentlich
Health (RSPH) und das Young und das macht es umso schwerer, vom Digitalen?
Health Movement (YHM) 2017 eine einen Weg hinaus oder hin zur
Studie veröffentlicht, in der die kritischen Nutzung zu finden. Ich glaube wir können und vor al-
Auswirkungen einer Social-Media- lem wollen in vielen Dingen nicht
Nutzung auf die mentale Gesund- Ich persönlich habe genau die zurück zum Analogen. Ich glaube
heit und das Wohlbefinden von Erfahrung gemacht. Ich hatte auch nicht, dass es hilfreich ist,
1500 jungen Menschen im Alter irgendwann einen Moment, als ich so eine „Digital versus Analog“-
von 14 bis 24 Jahren untersucht mich nach stundenlangem und völ- Debatte á la „Früher-war-alles-
wurde. Instagram schnitt unter lig planlosem Scrollen auf Insta- besser“ zu führen.
den fünf untersuchten Plattfor- gram am gefragt habe, was ich da
men am negativsten ab, gefolgt eigentlich tue und vor allem mir Das muss ich auch bei mir selbst
von Snapchat, Facebook, Twitter antue. In meinem Fall kam auch immer wieder erkennen. Sogar
und YouTube (am positivsten). nur eine komplette Exitstrategie als jemand, der noch relativ nah
in Frage, weil ein „kritischer Um- an den „Digital Natives“ dran ist,
Es ist wenig überraschend, dass gang“ mir irgendwie nicht möglich fühle ich mich manchmal techno-
vor allem Plattformen, bei denen war, da konnte ich noch so reflek- logisch abgehängt und teilweise
das Image und die Selbstdarstel- tiert an die Sache rangehen. überfordert. Da rutscht man
lung besonders wichtig sind, bei schnell in so eine Abwehrhaltung,
den Befragten zu Selbstwertprob- Was jetzt nicht heißen soll, dass aus der heraus es schwierig wird,
11 THEMA
Bilder: www.pixabay.deTHEMA
Veränderungen auch positiv zu
begreifen. Fakt ist, das ist der
Die Instagramerin ich begonnen, Texte zu meinen
Fotografien zu formulieren, die
Lauf der Dinge, Veränderungen auch mal zum Nachdenken anregen
Du bist in den sozialen Medi-
finden statt, es wird in Zeiten des oder meinen Emotionen freien
en sehr aktiv / hast etliche
digitalen Wandels kein Zurück Lauf lassen. Dadurch, dass ich sehr
Follower*innen. Hat sich die starke
geben und man muss irgendwie ehrlich und offen mit allen Themen
Präsenz auf Instagram auf deine
seinen eigenen Weg finden, damit umgegangen bin, wurde ich von
persönlichen Kontakte und das
umzugehen. vielen auch im Alltag auf meine
zwischenmenschliche Miteinander
Postings angesprochen. Das hat mir
Amelie Nickel ausgewirkt?
einige Bekanntschaften ermöglicht.
Gleichzeitig ist Instagram für mich
Als ich begonnen habe, mehr und
auch wie ein Tagebuch oder ein
mehr die Menschen an meinem
Portfolio - tatsächlich habe ich
Privatleben teilhaben zu lassen,
mein WG-Zimmer auf diese Weise
bemerkte ich, dass ich von vielen
gefunden, da die Mitbewohner
erst einmal auf meinen Social-
mich durch die Bilder ein wenig
Media-Nicknamen „anna.mirror“
kennenlernen konnten.
reduziert wurde. Das mag nun
Wie alles im Leben hat Instagram
etwas negativ klingen - war es aber
aber auch seine Schatten auf
keineswegs! Ich habe die Chance
einige Dinge in meinem Privatle-
darin gesehen, dass ich nun eine
ben fallen lassen. Ich hatte eine
völlig neue Möglichkeit
Phase, in der es für mich ein
habe, einen positiven
richtiger Zwang war, ständig ein
Einfluss auf die
perfektes Bild oder eine kurze
Gedankengänge
Story hochzuladen. Das hat viele
mancher Nutzer
Situationen zerstört oder stressig
zu haben.
gemacht. Es kommt eben auf ein
Schritt für
gesundes Mittelmaß an - ich denke,
Schritt habe
das ist bei allen Dingen im Leben
so. Zum Schluss aber noch etwas
sehr Erfreuliches: ich habe durch
Instagram eine sehr gute Freundin
kennengelernt, die nach Schweden
ausgewandert ist. Letztes Jahr
haben wir uns tatsächlich dort
getroffen. Eine Begegnung, die ich
nie mehr vergessen werde.
In meiner Jugend hat man sich an
der Bushaltestelle für den Nach-
mittag zu einer festen Uhrzeit ver-
abredet. Daran wurde nicht mehr
gerüttelt und schon gar nicht erst
abgesagt. Welchen Einfluss hat die
Digitalisierung in deinen Augen
1/2020 12
Bilder: Anna Schärmannheutzutage auf die Verbindlichkeit Die Digitalisierung birgt auch ihre dann funktioniert dies meiner Mei-
von Verabredungen? Risiken. Deshalb setzen sich viele nung nach am besten, indem nicht
Expert*innen im Bereich Medienpä- überall und ständig drahtlose Netz-
Puh, gar nicht so einfach, sich dagogik dafür ein, dass sich junge werke verfügbar sind. 5 G, Wlan
überhaupt noch eine nicht-digi- Menschen einen kritischen Umgang am besten auch im Wald - wozu?
talisierte Welt vorzustellen! Ich mit sozialen Medien aneignen kön- Kein Netz - kein Social Media - kein
merke selbst, dass ich kurzerhand nen. Wo muss das in deinen Augen Druck oder Mobbing über das Netz.
immer wieder einmal schnell auf stattfinden? Und wo hast du es Das mag sehr drastisch klingen, ist
Whatsapp eine Absage tippe oder vielleicht auch selbst gelernt? jedoch für mich eine sehr wirksa-
ein Treffen me Alternative.
um 10 Minuten Wer bist du ohne
verschiebe. Internet?
Instagram ist nach Whatsapp auf dem zweiten Platz
Eigentlich ist das Diese Frage
keine Art und der wichtigsten Apps für Jugendliche. stelle ich mich
kratzt im Unter- auch immer wie-
bewussetn ganz der. Nur, wenn
schön am Vertrauen zwischen zwei Ein kritischer Umgang mit sozialen du mit dir selbst alleine auch gut
Menschen. Außerdem hat man den Medien kann noch so viel von au- einmal zwei drei Tage auskommst,
ständigen Druck, immer erreichbar ßen geschult werden - schlussend- kannst du soziale Netzwerke mit
sein zu müssen. An manchen Tagen lich muss der Groschen bei jungen der gewissen Distanz gesund benut-
muss ich regelrecht all meine Ener- Menschen durch eine Erfahrung zen. Vielleicht bist du ja ganz
gie zusammennehmen, um meine selbst fallen. Die kann positiv, aber anders, als der Mensch, der Social
Nachrichten am Handy beantwor- genau auch negativ ausfallen. Erin- Media aus dir gemacht hat :-)
ten zu können. ner dich doch einmal an eine Situ- Spannend, diese Frage, oder?
Erst jetzt wieder habe ich ge- ation, in der dir die Dateneingabe,
merkt, wie heilend es sein kann, die Ortung deines Standortes oder Anna Schärmann
sein Handy mal für ein oder der Druck auf Social Media einfach
mehrere Wochen zu vergessen! Zu zu gruselig wurde. Oder eben
Beginn der Coronakrise habe ich anders herum - eine Situation, in
dieses soziale Durcheinander dafür der du einmal gemerkt hast, wie
hergenommen, mal komplett abzu- du durch bewusstes nicht-posten
schalten - und das nicht einmal be- den Moment viel mehr genossen
wusst! Mir selbst hat die Pause sehr hast. Dann hast du den kritischen
gut getan. Leider haben jedoch Umgang bereits erfahren! Möch-
viele Menschen meine Unerreich- te man jedoch trotzdem jungen
barkeit sehr persönlich genommen Menschen helfen, diesen Umgang
und mich dafür getadelt. Dieses noch bewusster werden zu lassen,
Problem darf man jedoch gerne
beim Anderen lassen. Die Digita-
lisierung hat uns also ein bisschen
auf unsere Erreichbarkeit reduziert
- ganz nach dem Motto: du bist,
wie schnell du zurücktextest. Völ-
liger Quatsch - dein Leben, deine
Zeit, deine Energie.
13 THEMATHEMA
Aufwachsen mit Medien – die machen das schon…
Oder doch nicht?!
Ausgangssituation Junge Menschen haben mit der nicht erlernen. Es braucht immer
Junge Menschen wachsen ganz rein technischen Bedienung Reaktionen auf Handlungen,
selbstverständlich mit Smartpho- der Geräte wenig Schwierigkei- Reflexion und ggf. eine Neubewer-
ne, Internet und digitalen Medien ten und können sich diese oft tung der eigenen Handlung.
auf: lange bevor sie ein eigenes autodidaktisch aneignen. Dabei In Lebensbereichen ohne Inter-
Smartphone besitzen, sehen sie kennen sie vielleicht manchmal net passiert das ganz selbstver-
Eltern, Großeltern und andere sogar mehr Funktionen als ihre ständlich in Familie, Schule und
Erwachsene täglich im Umgang Eltern und sind schneller in Peergroup, z.B. beim Streiten mit
mit solchen Geräten. Auch in der Bedienung und im Erfassen Freunden oder Geschwistern und
Lebensbereichen außerhalb der von Zusammenhängen auf dem ggf. dem Einschreiten von Eltern,
Familie wie etwa Kindergarten, Gerät. Lehrern oder einem Unbeteilig-
Schule, Freundeskreis oder auch ten in der Gruppe. Gibt es so ein
in der Jugendarbeit sind das In- Der wahrscheinlich komplexe- Zusammenwirken von verschiede-
ternet und damit digitale Medien re Teil der Digitalisierung ist nen Beteiligten auch im digitalen
mehr oder weniger allgegenwär- das individuelle Verhalten in Raum und findet Reflexion des
tig. Wie Jugendliche selbst mit der virtuellen Welt, also der Online-Handelns ggf. auch außer-
Geräten ausgestattet sind und das Umgang mit persönlichen Daten halb des digitalen Raums statt?
Internet nutzen zeigt die jährlich (eigene wie andere), Bewertung
durchgeführte JIM-Studie (Jugend, und Verbreitung von Informati- Mit dem „DigitalPakt Schule 2019-
Information, (Multi)Media): be- onen (Fake-News – oder nicht?), 2024“ von Bund und Ländern legt
reits seit fünf Jahren besitzen laut digitale Kommunikation mit Schule den Fokus in Sachen digi-
der repräsentativen Studie über Freunden (und Unbekannten) taler Bildung aktuell überwiegend
90% der 12-19jährigen ein eigenes und vieles andere mehr. Dabei auf die technische Infrastruktur
Smartphone und nutzen es täglich handelt es sich um soziales Ver- und dem Anpassen der Lehrinhalte
oder mehrmals pro Woche. halten und dieses lässt sich, im auf digitale Medien. Zwar ist auch
Gegensatz zur rein technischen das „Lernen über Medien“ etwa
Bedienung, alleine im bayerischen „LehrplanPLUS“
verankert, allerdings nur als Quer-
schnittsaufgabe aller Schularten,
aller Fächer und aller Lehrkräfte
– und dürfte so eher als Zusatzauf-
gabe für Schule on top kommen.
In der Familie kommt das Thema
Online-Verhalten laut einer Erhe-
bung von Bitkom Research von
2019 immerhin bei über 70%
der 12-18jährigen in Form von
Vorgaben oder Ratschlägen
der Eltern vor. Allerdings
sprechen die Befragten
mit ihren Eltern nur zu
einem deutlich geringe-
ren Anteil über ihre Er-
fahrungen im Internet:
1/2020 14
Bild: www.pixabay.de30% der 16-18jährigen, immerhin Themen zu sprechen als z.B. mit eigene Verhalten ein authenti-
noch 44% der 12-13jährigen. Lehrer*innen oder Eltern. Gerade sches Beispiel für die Zielgruppe
im Bereich Medien und Verhalten sein kann.
in der digitalen Welt kann
Sowohl bei Jungen als auch bei Mädchen ist das Jugendarbeit dieses Poten- Fazit
Smartphone das meistgenutzte Gerät, noch vor tial nutzen und etwa im Zum Erlernen eines reflektierten
Vergleich zu Schule einen Online-Verhaltens braucht es für
Laptop und Spielekonsole. Jugendliche ein Gegenüber und
engen Bezug vom Thema
Online-Verhalten zur Le- den Raum, sich mit diesem Thema
benswirklichkeit Smartpho- auseinanderzusetzen. Schule und
Was kann Jugendarbeit leisten? ne und Internet der Jugendlichen Familie leisten dies nur zum Teil.
Das zeigt, dass es zwar Reflexi- herstellen. Daraus lässt sich ein Auftrag an
onsräume gibt und Jugendliche die Jugendarbeit ableiten, man
zumindest teilweise jemanden Wie geht das konkret? könnte auch provokant fragen:
als Gegenüber haben, um den Wie kann Jugendarbeit junge wer machts, wenn nicht wir? Dass
Umgang mit dem Digitalen zu Menschen im (kritischen) Umgang Jugendarbeit junge Menschen
reflektieren. Allerdings wird auch mit Medien begleiten? begleiten kann und dass wir
deutlich, dass das nicht für alle Als erstes hilft es, sich dem The- Erfahrungen in der Begleitung in
jungen Menschen gilt. Hier kann ma ohne Berührungsängste und digitalen Lebenswelten haben,
und sollte Jugendarbeit ansetzen. unverkrampft anzunähern. Wer wissen wir. Die Frage lautet: Ist
Die Begleitung und der Kontakt zu sich seiner eigenen Kompetenzen sich Jugendarbeit in all ihrer Viel-
Jugendlichen ist für Jugendarbeit bewusst ist, kann offen damit um- falt dieses Auftrages und dieser
nichts Neues, eher im Gegenteil gehen und diese ggf. erweitern. Chance bewusst?
- genau das ist Tagesgeschäft. Für die Begleitung braucht es
Ob als Sozialpädagog*in in einer nicht allein Medienkompetenz,
offenen Einrichtung, als Teamer*in sondern auch und vor allem medi-
auf einer Gruppenleiterschulung enpädagogische Kompetenz: Wo
oder Tagen der Orientierung genau eine bestimmte Einstellung
oder als Gruppenleiter*in in der etwa zur Privatsphäre zu finden
Gruppenstunde – Gelegenheiten ist, findet im Zweifel der oder
Medien und Online-Verhalten zum die Jugendliche selbst heraus.
Gesprächsthema zu machen gibt Aber warum man sich überhaupt
es viele. An ganz vielen Stellen damit beschäftigen und damit
tut Jugendarbeit genau das und eine Reflexion über den Um-
leistet bereits heute in diesem gang mit Daten anstoßen sollte,
Bereich wertvolle Arbeit. diese Fragen kann man auch ohne
technisches Detailwissen stellen.
Gerade im Vergleich zu Schule und Denn Verhalten zu hinterfragen,
Dominik Großmann ist Sozialpä-
Familie kommt Jugendarbeit hier auch ohne auf jede Frage eine
dagoge und arbeitet beim BDKJ
nochmal eine besondere Stellung Antwort zu haben, ist ein Weg,
Würzburg als Jugendbildungsre-
zugute, nehmen doch Jugendliche der vielleicht beiden Seiten neue
ferent. Er beschäftigt sich seit
freiwillig und in ihrer Freizeit an Erkenntnisse bringt.
seinem Studium in Praxis und
Angeboten der Jugendarbeit teil.
Theorie mit Medien in der
Mit Bezugspersonen in der Jugend- Dabei ist es, wie in allen anderen
Jugendarbeit.
arbeit ist es möglich, anders über Bereichen auch, wichtig, dass das
15 THEMATHEMA
Blickwinkel verändern Sichtweisen - Digitales Lernen
Ich bin Lukas Seyfried, 22 Jahre alt und studiere Lehramt für die Mittel- Wecker zu stellen. Man hat zur
schule hier in Würzburg. Wenn die Grenzen wieder auf sind, möchte ich Uni keinen langen Weg in überfüll-
die Vorteile des Online-Semesters nutzen, um 1-2 Wochen nach Ungarn ten, stickigen Bussen. Man muss
zu fahren und von dort aus zu studieren. nicht wild durch das Philosophi-
sche Institut irren, um endlich den
Montag 20. April 2020 – ein schöner Das alles ist in diesem Semester richtigen Raum zu finden. Statt-
Tag - der offizielle Beginn des dies- nicht möglich und so war der Start dessen sitzt man einfach gemüt-
jährigen Sommersemesters. Nor- ganz anders als sonst. Die meisten lich in Jogginghose und Schlafshirt
malerweise sind die Busse voll und meiner Freunde waren noch sehr vor dem Computer, frühstückt
tausende Menschen laufen über lange zu Hause bei ihren Familien währenddessen und hört dennoch
den Campus. Man lernt neue Leute oder sind es noch immer. Warum aufmerksam dem Dozenten und
kennen, trifft Kommiliton*innen, sollte man auch in seine kleine den Kursteilnehmer*innen zu.
die man während den Semesterfe- Einzimmerwohnung zurückkeh-
rien lange nicht mehr gesehen hat ren, wenn man Zuhause bei den Trotz der Vorteile höre ich in mei-
und geht gemeinsam in die Mensa. Eltern Gesellschaft hat, bekocht nem Bekanntenkreis dennoch oft,
Obwohl das Lernen wieder losgeht, wird und Zeit im Garten verbrin- dass der Arbeitsaufwand höher
überwiegt die Freude darüber, gen kann? Für mich, der sowie- wäre als in einem regulären Se-
endlich wieder etwas mit den Leu- so wegen eines Praktikums in mester. In Englisch muss ich dieses
ten aus Würzburg zu unternehmen. Würzburg war, wurde so aus dem Semester jede Woche eine Seite
normalerweise schönen Semester- übersetzen und diese meinem Pro-
beginn ein langweiliger, einsamer fessor schicken. Das sind deutlich
Start. Man sitzt in seiner Woh- mehr Texte, die ich übersetzen
nung und darf sich selbst mit den muss, als es im Seminar mit An-
Kommiliton*innen, die bereits wesenheit der Fall wäre. Doch für
hier sind, nicht treffen. Es war das Übersetzen benötigt man etwa
ein schwerer Beginn bis zu 90 Minuten. Genau so lange dauert
den ersten Lockerungen. das Seminar. Der Unterschied? Ich
bekomme durch meine regelmäßig
Mittlerweile, nach einigen abgeschickten Texte auch wesent-
Wochen Uni, überwiegen lich mehr Feedback und lerne in
bei mir jedoch eindeutig der selben Zeit deutlich mehr.
die Vorteile des Online-
Semesters: Natürlich bringt das Online-Semes-
Um 6:30 Uhr aufstehen, ter auch Nachteile und ist kein
weil man um 8:00 Uhr Allheilmittel. Meine Geschichtsex-
eine Vorlesung hat? Nein, kursionen können beispielswei-
jetzt reicht es aus, sich se nicht stattfinden und lassen
15 Minuten vorher den sich auch durch Webinare nicht
ersetzen. Dennoch wünsche ich
mir, dass man die Vorteile unserer
digitalen Möglichkeiten, welche
sich jetzt zeigen, auch in Zukunft
nutzen wird.
Lukas Seyfried
Teamer Diözesane Fachstelle
Jugendarbeit und Schule
1/2020 16Ich heiße Sandra Pfaff und studiere Soziale Arbeit in Würzburg. In die- die nächsten Freizeitaktivitäten
sem Jahr konnte ich viele Erfahrungen mit Online-Seminaren sammeln. planen. Auch die Interaktion zwi-
schen Dozent*innen und Studie-
Eigentlich hatte ich mir das Jahr So wurden alle Vorlesungen und renden ist stärker eingeschränkt
2020 - wie vermutlich jeder Gruppenarbeiten über Zoom abge- als im persönlichen Gespräch.
und jede andere auch – anders halten. Der Vorteil solcher Zoom- Einerseits bedauere ich sehr, dass
vorgestellt. Im Februar ging es für Veranstaltungen ist, dass der Weg mein Auslandssemester nicht so
mich ins Auslandssemester nach zur Uni erspart bleibt, was dazu lief, wie ich es mir vorgestellt
Kopenhagen. Dort besuchte ich bis führt, dass man morgens mehr hatte. Am meisten fehlt mir der
Mitte März wie gewohnt die Prä- Zeit hat und entweder länger soziale Aspekt und der damit ver-
senzveranstaltungen in der Uni. Als schlafen oder beispielsweise noch bundene Austausch mit den Stu-
bekannt gegeben wurde, dass die etwas Sport machen kann. Wenn dierenden aus anderen Ländern.
Uni wegen der COVID-19-Pandemie die Dozent*innen nicht verlangen, Andererseits ist das Online-Studi-
geschlossen wird, waren meine dass die Webcam eingeschaltet um eine neue Erfahrung, die das
Kommiliton*innen und ich zunächst werden muss, was bei mir der Fall Studieren bequemer und weniger
sehr verwirrt. Schließlich befanden war, muss man sich zusätzlich we- zeitaufwendig machte und mir er-
wir uns schon mitten im Semester niger Gedanken um sein äußeres möglichte, mein Auslandsstudium
und unsere Prüfung stand in drei Erscheinungsbild machen und kann von zuhause aus weiterzuführen.
Wochen bevor. beispielsweise seine Jogginghose
anbehalten. Wichtig ist, dass nur Sandra Pfaff
Viele von uns wurden von ihren die Personen, die gerade spre- Teamerin Diözesane Fachstelle
Heimatuniversitäten zurückgeholt, chen, ihr Mikrophon eingeschaltet Jugendarbeit und Schule
andere entschieden sich freiwillig, haben, damit von den anderen
wieder nach Hause zu gehen und Zuhörer*innen keine Störgeräu-
ein paar wenige blieben in Kopen- sche erzeugt werden.
hagen. Ich entschied mich dazu,
mein Auslandssemester vorerst Der größte Nachteil von Online-
zu unterbrechen und zurück zu Veranstaltungen ist, dass
meiner Familie in die Heimat zu der soziale Aspekt zu kurz
gehen. Damit wir trotzdem das kommt. In der Uni ist
Modul abschließen konnten, luden man immer von seinen
unsere Dozent*innen ihre restli- Kommiliton*innen
chen Powerpoint-Präsentationen umgeben, kann sich
im E-Learning hoch. Die mündliche mit ihnen über den
Prüfung fand dann in einem per- Stoff austauschen,
sönlichen Zoom-Meeting mit den in den Pausen
Prüfer*innen statt. Es war schon gemeinsam einen
sehr ungewohnt, eine Prüfungs- Kaffee trinken ge-
situation im eigenen Kinderzim- hen und zusammen
mer zu erleben. Tatsächlich war
die Atmosphäre aber durchaus
entspannt, was vor allem daran
lag, dass meine Prüfer*innen sehr
freundlich und zuvorkommend
waren.
Das zweite Modul, das ich in
Kopenhagen belegt hatte, fand
nun von Anfang an online statt.
17 THEMATHEMA
Bild: www.pixabay.de
Blickwinkel verändern Sichtweisen - Digitale Lehre
Behauptete man, digitale Lehre war durch einen Mausklick am PC oder Präsentationen einsehen.
sei eine Erfindung des Sommer- meiner Eltern bereits vollzogen.
semesters 2020, hielte ich das Auch die Online-Plattformen, mit Anfang April sollte dann plötzlich
schlicht für gelogen. Denn die uni- denen Dozierende ihre Veranstal- alles anders sein. So sehr ich mich
versitäre digitale Erweckung hatte tungen anreichern konnten, wenn als Dozentin auch bemüht hatte,
ich persönlich schon bei meiner sie es denn mochten und konnten, diese Plattformen studierenden-
Einschreibung. Diesen mystischen gibt es seit Jahren: Sie hießen freundlich zu gestalten, all das er-
Akt in einem historischen Gebäu- SB@home, sie heißen WueStudy, setzte nicht die eigene physische
de – wie ich ihn mir ausgemalt WueCampus2 usw. Man kann sich Präsenz. Bislang hatte ich lediglich
hatte – gab es schlicht nicht. Er beispielsweise dort einschreiben Übungen und Seminare gehalten
– Formen der Hochschullehre, die
besonders vom Austausch, den
m. Diskussionen leben. Es war klar:
tagramfollower als Heidi Klu
Donald Trump hat mehr Ins Lediglich Folien hochzuladen, egal
ob mit Audio- oder Videospur kam
überhaupt nicht in Frage. Und ja,
1/2020 18ich rede mich leicht, denn in der zu überdenken, mich noch mehr
Theologie haben wir selten mehr in die Lage der Studierenden zu
als 10 Teilnehmende, allenfalls versetzen und umso intensiver
15. So auch in meinem Lektüre- darüber zu reflektieren, was ich
kurs in diesem Sommersemester, da eigentlich tue, für welche
In einem Handy befinden sich
in dem sich vier Studierende zu- Studierende es Distanzen überwin-
sammenfinden. Meine anfängliche det, für welche sie schier unüber- ca. 30 Milligramm Gold.
Zurückhaltung, die Studierenden brückbar werden. Für mich ist es
nur alle zwei Wochen zu einer jeden Tag auf’s Neue eine große
Zoom-Sitzung zu nötigen, erwies Erfahrung und es überwältigt mich
sich jedoch schnell als Milchmäd- zu sehen, was alles möglich ist.
chenrechnung: „Schließlich sind
wir zum Diskutieren hier!“, tönte
es durch alle Verbindungen.
Nun liest jede*r für sich also
wöchentlich einen Text, montags
treffen wir uns dann auf Zoom:
Wir tun im Prinzip das Gleiche wie
auch in den vergangenen Semes-
tern. Mit kleinen Unterschieden:
Es gibt keine To-Go-Becher auf
dem Schreibtisch, sondern die
individuelle Lieblingstasse. Meist
ist eine weiße Katze dabei – der
kleine Moment, der mich jedes
Mal an James Bonds Widersacher
Blofeld erinnert und kurz erschau-
ern lässt. Ich lerne mein Büro
noch besser kennen, denn der
WLAN-Empfang scheint täglich zu
wandern. Alles in allem nötigt die
Situation natürlich vieles ab, vor
allem aber, den eigenen Stand-
punkt und die Herangehensweise
Katharina Leniger ist wissenschaftliche Mit-
arbeiterin an der Professur für Christliche
Sozialethik der Katholisch-Theologischen
Fakultät der Julius-Maximilians-Universität
Würzburg.
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