2010 das zehnte Jahr - Globalisierung braucht Gestaltung - Attac Österreich

Die Seite wird erstellt Manuel Feldmann
 
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Globalisierung
                                Globalisierung
                                       braucht
                                       braucht
                                   Gestaltung
                                   Gestaltung

                       2010 – das zehnte Jahr

JB 2010 Cover.indd 1                             23.03.2011 14:24:52 Uhr
06   Krisen   Themenheadline klein
Themenheadline
                                                                                                                                 Impressum/Inhalt
                                                                                                                                        klein Krisen      07

Impressum                                                                                        Inhalt

Attac Österreich Jahresbericht 2010                                                              Vorwort                                             02

Attac Österreich
                                                                                                 Brennpunkte
Netzwerk zur demokratischen Kontrolle der Finanzmärkte
                                                                                                 Die Attac Deklaration 2010                          04
Adresse Margaretenstraße 166/3/25, A-1050 Wien
Telefon 01 5440010                                                                               Von der Finanz- zur Staatsschuldenkrise             06
Fax 01 5440059                                                                                   Postwachstumsökonomie                               08
Internet www.attac.at                                                                            Interview Isolde Charim und Konrad Paul Liessmann   10
E-Mail infos@attac.at                                                                            §278a – Grundpfeiler der Demokratie sind bedroht    14
Bankverbindung Kt.Nr. 92.145.148, PSK: BLZ 60.000

Grafik Marta Gomez, Thomas Hirt, Wolfgang Homola, Anne Lange,                                    Rückblicke
       Julia Löw, Ulrike Schwach, Klara Tolnai, Isabella Zieritz                                 Commons – gemeinsam nutzen, was allen gehört        16
Druck gugler cross media, Auflage: 6000 Stück
                                                                                                 Neue Positions- und Projektpapiere                  17
Für den Inhalt verantwortlich Attac Österreich
                                                                                                 Gemeinwohl-Symposium: Unternehmen neu denken        18
Fotos (wenn nicht anders angegeben) Attac Österreich
Inseratenakquisition Monika Stadler, Wilhelm Zwirner                                             Aktivismus lernen und leben – Aktionsakademie       19
Redaktion Barbara Cäcilia Supper, David Walch, Wilhelm Zwirner                                   Attac Sommerakademie                                20
Gesamtkoordination Barbara Cäcilia Supper                                                        Kampagne Steuer gegen Armut                         22
(Namen in alphabetischer Reihenfolge)                                                            Big Brother Attac?                                  23
                                                                                                 Nachruf Kurt Rothschild                             23
Vervielfältigung erwünscht, bei Veröffentlichungen bitten wir um                                 Attac in den Medien                                 24
Belegexemplare.                                                                                  Agrarpolitisches Sommerspektakel		                  26
                                                                                                 Alternativenforen – Gemeinsam aktiv		               27
Wien, März 2011                                                                                  Kampagne Wege aus der Krise                         28
                                                                                                 Best of Attac-Erfolge 2000 bis 2010                 30

                                                                                          !
                                                                                                 Attac wurde 10 – das wurde gefeiert!                32
                                                                                                 Wo war Attac sonst noch engagiert?                  34

                   AN                                                                            Veranstaltungsreihe Krise ohne Ende                 35
                                                                                            T!
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                                                                                          ,

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       ORGANISIEREN, FOTOGRAFIERE N, SCHREIBEN, GESTALTEN

                                                                              , WA

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                                                                         K E N, P
                                                                           DE N
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                                                                        REN
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                                                                                                 Warum wir Attac mehr denn je brauchen               41
                                                                   ENS

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                                                                                                 G8 und G20 Gipfeltreffen in Frankreich              42
                                                                M

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                                                                                                 Wege aus der Krise – Wege in die Zukunft            43
                                                            A

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                                                                                                 Nyéléni-Forum in Krems                              44
                                                 NA
                                                IE V

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                                            ND

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                          AN K AH R Ü B
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                                                                                                 Einblicke
                  S E S ANZ E J

                              ITH
      DI E -G R U PPE N E

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                                                                                                 Der neue Attac-Geschäftsführer stellt sich vor      49
               , P RO G R
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     KU NZ I E R E N
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                                                                                                 Attac-Inhalts- und Querschnittsgruppen		            54
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       ATTAC
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                                                                                                 Mitgliedsorganisationen		                           60
                                                                                                 Generalversammlung 2010                             61
        Gedruckt nach der Richtlinie „Schadstoffarme Druckerzeugnisse“ des Österreichischen
                                                                                                 Attac-Büro                                          61
        Umweltzeichens. gugler cross media, Melk; UWZ 609; www.gugler.at                         Attac unterstützen                                  62
                                                                                                 Finanzbericht 2010                                  63
02
08   Krisen
      Vorwort Themenheadline klein

     Attac ist 10!
     und setzt neue Meilensteine

                                                                                                                                                        er
                                                                                                                                                      kn
                                                                                                                                                  ric
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                                                                                                                                        ex
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       Fritz Pichlmann für den Vorstand von Attac Österreich

        m November 2000 setzte sich eine kleine Gruppe engagierter Menschen ein

                                                                                                     n
                                                                                                 an
        ehrgeiziges Ziel: Dem Dogma von der „Naturgegebenheit“ der derzeitigen

                                                                                                lm
                                                                                              ch
                                                                                           Pi
        Globalisierung konkrete Alternativen für eine Demokratisierung der Wirt-

                                                                                         it z
                                                                                         Fr
     schaft entgegenzustellen. Was als überschaubare Initiative begann entwickelte

                                                                                                                                                           er
                                                                                                                                                           ßl
     sich zu einer – aus der österreichischen Zivilgesellschaft nicht mehr wegzu-

                                                                                                                                                        rie
                                                                                                                                                      G
                                                                                                                                                   h
     denkenden – breiten sozialen Bewegung. Der Erfolg von Attac wird sichtbar in

                                                                                                                                                  et
                                                                                                                                                 ab
                                                                                                                                             is
     einem kontinuierlichen Anstieg an gesellschaftlicher Unterstützung, öffentlicher

                                                                                                                                             El
     Glaubwürdigkeit und politischer Relevanz. Wir sind stolz darauf, was wir - unter-

                                                                                                                                r
                                                                                                                               be
     stützt von tausenden Mitgliedern und SpenderInnen, den vielen AktivistInnen,

                                                                                                                             ru
                                                                                                                          G
                                                                                                                        ne
     MultiplikatorInnen und Interessierten sowie gemeinsam mit zahlreichen Koope-

                                                                                                                      bi
                                                                                                                     Sa
     rationspartnerInnen - erreicht haben!

        Der diesjährige Jahresbericht präsentiert wie gewohnt unsere Arbeit des ver-

                                                                                                                                                              d
                                                                                                                                                             sol
     gangenen Jahres. Im Jubiläumsjahr 2010 hat Attac Meilensteine gesetzt – in-

                                                                                                                                                          Va
                                                                                                                                                       el
                                                                                                                                                      ha
     haltlich und organisatorisch. Mit der „Deklaration 2010“ haben wir einen neuen

                                                                                                                                                   ic
                                                                                                                                                  M
     Rahmen für unsere inhaltliche Arbeit der nächsten Jahre gesetzt. Mehr zu den
     darin formulierten Transformationspfaden für ein „gutes Leben für alle” findet
     sich ab Seite 4.                                                                                 er
                                                                                                     lln

        Mit Wilhelm Zwirner haben wir im September 2010 erstmals einen Geschäfts-
                                                                                                 Ke
                                                                                                ra

     führer bestellt. Wir sind überzeugt, dass Attac durch die operative Entlastung
                                                                                              ba
                                                                                           ar
                                                                                          B

     des ehrenamtlichen Vorstands in Zukunft noch viel bewegen wird! Ein Interview
     mit Wilhelm Zwirner sowie seine Vorstellung sind auf den Seiten 36 bzw. 49 zu
     finden.

                                                                                                                                                      n
                                                                                                                                                  an
                                                                                                                                                 m
                                                                                                                                              ld
                                                                                                                                             Fe
                                                                                                                                         nz
       Zu den zahlreichen weiteren Attac-Höhepunkten 2010 zählt die – gemein-
                                                                                                                                        ei
                                                                                                                                        H

     sam mit anderen Organisationen gegründete – Allianz „Wege aus der Krise“.
     Über deren zivilgesellschaftliche Budgetrede sowie die Kampagne „Überfluss
     besteuern, in die Zukunft investieren!“ berichten wir ab Seite 28. Im Rahmen
     von „Alternativenforen“ ermutigen wir zudem die Menschen sich mit der sozial
                                                                                                                                    r
                                                                                                                                  uh
                                                                                                                                M

     gerechten und ökologisch nachhaltigen Gestaltung ihres Lebensumfeldes aus-
                                                                                                                               a
                                                                                                                             in
                                                                                                                           ar

     einanderzusetzen (Seite 27).
                                                                                                                          th
                                                                                                                        Ka

       Und wie gewohnt finden sich zahlreiche Interviews, Rückblicke, Ausblicke
     und Einblicke auf SommerAkademie, AktionsAkademie, Kongresse, Vorträge,
     neue Regionalgruppen und vieles mehr in unserem Attac-Jahresbericht 2010.
                                                                                                                      r
                                                                                                                     ge
                                                                                                                   in
                                                                                                                ht
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       Wir wünschen viel Spaß bei der Lektüre!
                                                                                                              Fe
                                                                                                           s
                                                                                                           ku
                                                                                                         ar
                                                                                                      M
03
                                                              03

  Brennpunkte
  Die Attac Von  der Finanzkrise
             Deklaration 2010 zur Wirtschaftskrise       04
            Lukas  Resetarits im Interview
  Von der Finanz- zur Staatsschuldenkrise                06
            Our Climate – Not Your Business!
  Postwachstumsökonomie                                  09
                                                         08
            Wer hat
  Interview Isolde   Angstund
                   Charim  vor Konrad
                                Vermögenssteuern?
                                        Paul Liessmann   12
                                                         10
  §278a – Grundpfeiler der Demokratie sind bedroht       14

BRENN-
PUNKTE
04

     Was uns vor zehn Jahren bewegt hat, bewegt uns heute immer noch.
     Wir meinen jedoch: Es braucht mehr!

                            Eine
                            W We
     „Eine andere Welt gestalten.
     Ein gutes Leben Eine and
                        Ein Ein
                            gute g
     für alle ermöglichen!“
                        für
     We proudly present.... für
                            alle a
                                 e                                                          Dies sind nur einige wenige Dimen-

     Attac Deklaration 2010                                                              sionen eines Wirtschaftsmodells, in
                                                                                         dessen Zentrum das Streben nach
                                                                                         dem größtmöglichen Profit steht und
                                                                                         das auf dem scheinbar unbegrenzten
                                                                                         Vorhandsein von Ressourcen aufbaut.
                                                                                         Dieses System bringt ein noch nie
                                                                                         da gewesenes Ausmaß an konzen-
                                                  Die schier unglaubliche Größe und      triertem Reichtum hervor. Gleichzeitig
       von Sabine Gruber und
       Alexandra Strickner                     Macht „systemrelevanter“ Banken           werden immer mehr Menschen von
                                               zum Beispiel kann mit Finanztransak-      der Befriedigung ihrer Grundbedürf-
                                               tionssteuern, Verboten von Derivaten      nisse ausgeschlossen und die ökolo-
                                               oder Zulassungsprüfungen für Fi-          gischen Lebensgrundlagen zerstört.
                                               nanzmarktakteurInnen nicht verringert     Wirtschaftliche und politische Macht
                                               werden. Es ist nicht nur offensichtlich   sind eng verflochten und liegen in den

       D    ie Welt hat sich seit der Grün-
            dung von Attac Österreich
     im Jahr 2000 dramatisch verändert.
                                               geworden, dass unsere bisherigen
                                               Forderungen im Bereich der Finanz-
                                               marktregulierung keine Lösungen für
                                                                                         Händen einer kleinen Elite.

     Eine Finanz- und Wirtschaftskri-          tieferliegende, systemische Probleme        Immer mehr Menschen
     se, die mit den USA und der EU die        des Finanzsystems sind (siehe „Alter-       werden von der Befriedigung
     Zentren neoliberaler Politik erreichte,   natives Finanzsystem“ Seite 17). Da-        ihrer Grundbedürfnisse
     hat unsere Forderungen zur Regu-          rüber hinaus werden uns tagtäglich          ausgeschlossen
     lierung der Finanzmärkte schlagartig      die zahlreichen negativen Folgen un-
     ins Zentrum der politischen Debatten      seres Wirtschaftsmodells vor Augen
     gerückt. Eigentlich Grund genug um        geführt: Die Explosion der Lebensmit-     Auf dem Weg
     sich zurückzulehnen, über den Erfolg      telpreise und die damit verbundene        zur Attac-Deklaration 2010
     unserer Arbeit der letzten zehn Jahre     Erhöhung der Zahl der hungernden
     zu freuen und wie bisher weiterzuma-      Menschen auf über eine Milliarde.           All diese brennenden Probleme ha-
     chen. Was uns vor zehn Jahren be-         Die Zunahme von klimatischen Ex-          ben uns bereits im Laufe des Jahres
     wegt hat – allem voran die Forderung      tremereignissen als Folge des Kli-        2009 immer mehr davon überzeugt,
     nach einer demokratischen Kontrolle       mawandels. Die unwiederbringliche         dass unsere Gründungsdeklaration
     der Finanzmärkte – bewegt uns heu-        Zerstörung von Naturressourcen. Die       aus dem Jahr 2000 nicht mehr auf
     te immer noch. Wir meinen jedoch es       steigende Armut weltweit als Folge        der Höhe der Zeit war. Es erschien
     braucht mehr. Warum?                      immer größerer Ungleichheit.              uns unausweichlich, unsere Visionen
Deklaration    Brennpunkte      05

   und Forderungen weiterzuentwi-             chen. Die Deklaration ist aber auch
   ckeln um dieses Wirtschaftssystem          ein Bekenntnis dazu, dass dieses an-
   grundlegend zu hinterfragen und            dere Wirtschaftssystem als „Modell“
   neue Antworten zu finden. Auf der          nicht vorhanden ist, sondern dass wir

 ne
We    andere Welt
       proudly    ges
               presen
   AktivistInnenversammlung im Herbst         uns dieses selbst erarbeiten müssen.

andere    Welt gestalte
   2009 wurde schließlich die Entschei-         Für die neue Deklaration haben wir
   dung getroffen, eine aktualisierte De-     unsere Kernthemen (z. B. die Kontrolle

 n  gutes  Leben
   klaration zu erarbeiten und das Ziel       der Finanzmärkte, die Re-Regulierung

utes   Leben
   formuliert, uns diese zu unserem 10.       öffentlicher Dienste) sowie jüngere
   Geburtstag im November 2010 zu             Themen (z. B. Klimawandel und Ener-

 re alle ermöglichen!“
   „schenken“. Unser Anspruch war da-         giepolitik, Arbeitsmarktpolitik) zusam-

    ermöglichen!“
   bei einen aktualisierten politischen       mengetragen und neu geordnet. Da-
   Rahmen für die nächsten 10 Jahre zu        raus sind 7 Transformationspfade
   schaffen, hinter dem alle Attacies ste-    entstanden: „Pfade“, weil es für uns

                        i o n
   hen können - eine kraftvolle Vision, die   keine fertige Alternative gibt, sondern

   T r a    f o r
   Transformation m
         nsformationa t
                                                                                         Foto: Max Herlitschka

           f o rm a t i o n
   unsere vielseitigen Aktionen bündelt       viele Wege in vielen alternativen Teil-   loses Wachstum und Profitmaximie-
   und eint. Ein Redaktionsteam begann        bereichen beschritten werden müs-         rung sondern Mitbestimmung, soziale
   die vorhandenen Forderungen und            sen. Die Pfade beinhalten langfristige    Gerechtigkeit und ökologische Nach-
   Visionen zusammenzustellen. Diese          Visionen, aktuelle Forderungen und        haltigkeit. Zusätzlich haben wir unse-
   wurden auf der Sommerakademie              Übergangsschritte für eine zukunfts-      re politischen Strategien im Text neu
   2010 breit diskutiert, umgestellt und      fähige und krisenfeste Gesellschaft:      formuliert.
   erweitert. Nach einer weiteren Re-                                                      Vor 10 Jahren haben wir uns der
   daktionsschleife konnten wir bei der         7 Transformationspfade                  Herausforderung gestellt dem poli-
   AktivistInnenversammlung im Herbst           für ein gutes Leben für alle            tischen Mainstream Forderungen zur
   2010 die neue Deklaration beschlie-                                                  Regulierung der Finanzmärkte entge-
   ßen. Die Präsentation erfolgte pünkt-        – Gemeinwohlorientierte                 gen zu setzen. Mit der Attac-Deklara-
   lich zum großen 10-Jahres-Geburts-             Finanzwirtschaft                      tion 2010 stellen wir uns der Heraus-
   tagsfest am 6. November.                     – Glokalisierung der Wirtschaft         forderung Ansätze für umfassende
                                                – Commons – Gemeinsam                   Alternativen zu unserem Wirtschafts-
   Ein Bekenntnis                                 nutzen was allen gehört               system zu entwickeln. Zum Nachlesen
   zur Notwendigkeit­ eines gänzlich            – Ernährungssouveränität                haben wir sie dem Jahresbericht bei-
   anderen Wirtschaftssystems                   – Energiesouveränität                   gelegt. Sie finden Sie auch im Internet
                                                – Menschengerechte Arbeit               unter www.attac.at/deklaration2010
      Das Ergebnis unserer gemeinsamen          – Umfassende Demokratisierung              Wir hoffen, dass die Deklaration
   intensiven monatelangen Arbeit kann                                                  noch mehr Menschen inspiriert und
   sich sehen lassen. Die Attac Deklara-                                                motiviert, sich aktiv an der Gestaltung
   tion 2010 ist ein klares Bekenntnis zur      Darüber hinaus beinhaltet die De-       einer anderen Welt zu beteiligen. Da-
   Notwendigkeit eines gänzlich ande-         klaration allgemeine Ziele und Prin-      für gibt es zahlreiche Möglichkeiten in
   ren Wirtschaftssystems, um das Ziel        zipien des Wirtschaftens. Basis für       sozialen Bewegungen und natürlich
   eines guten Lebens für alle zu errei-      ein gutes Leben sind nicht grenzen-       bei Attac.                            ||
6

    Als Folge der Finanzkrise treten die strukturellen Probleme der Eurozone deutlich zu Tage

    Europa in der Krise:
    Von der Finanz- zur
    Staatsschuldenkrise
                                                                    Ursprünglich schienen Griechenland, Irland, Spanien
      von Karin Küblböck                                          und Portugal nicht überdurchschnittlich von der Krise
                                                                  betroffen. Außer in Griechenland waren die öffentlichen

    R    ettungsschirme, Sparpakete, Umschuldungsdiskus-
         sionen: Die Europäische Union befindet sich in ihrer
    historisch schwierigsten wirtschaftlichen und politischen
                                                                  Verschuldungsraten vor der Krise sogar unterdurch-
                                                                  schnittlich: in Irland etwa 25 %, in Spanien 36 %. Diese
                                                                  beiden Länder wiesen 2007 und davor sogar Budgetü-
    Lage. Bankenrettungen, Konjunkturpakete und geringere         berschüsse aus. Gemeinsam ist den vier Ländern aller-
    Steuereinnahmen haben die öffentliche Verschuldung stark      dings, dass ihre Importe in zunehmendem Ausmaß ihre
    ansteigen lassen. Da die Zinsen für die Staatsanleihen am     Exporte überstiegen. In Spanien und Portugal betrug das
    Finanzmarkt bestimmt werden und einen Indikator für die       Leistungsbilanzdefizit im Jahr 2007 jeweils knapp 10 %
    Risikoeinschätzung der MarktteilnehmerInnen darstellen,       des BIP, in Griechenland 15 %. Diese Defizite bedeuten
    ist die Zinsbelastung für genau jene Länder am höchsten,      eine hohe Abhängigkeit von Kapitalzuflüssen aus dem
    die ohnehin mit den größten wirtschaftlichen Problemen zu     Ausland. Während des Finanzmarktbooms – mit einem
    kämpfen haben – ein Teufelskreis.                             Überangebot an Anlage suchendem Kapital – wurde dies
                                                                  jedoch nicht als Problem wahrgenommen.
      Durch diese Krise offenbaren sich jedoch auch struktu-
    relle Probleme der europäischen Integration, die von der        Die Kehrseite der steigenden Leistungsbilanzdefizite bil-
    Politik lange Zeit ignoriert wurden: Bei der Einführung der   den die Exportüberschüsse, allen voran jene des diesbe-
    europäischen Einheitswährung wurden im Maastricht-            züglich so stolzen „Weltmeisters“ Deutschland. Während
    Vertrag Kriterien für die Teilnahme an der Währungsu-         Deutschland aber auch Österreich durch Lohnzurückhal-
    nion festgeschrieben – diese bezogen sich jedoch aus-         tung die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Produktion immer
    schließlich auf die Verschuldungs- und Inflationsraten.       mehr steigerten, fielen die produktiven Strukturen in Grie-
    Wichtige Politikbereiche, insbesondere die Steuer-, So-       chenland, Portugal und Spanien immer mehr importierten
    zial- und Lohnpolitik, blieben national: Statt verstärkter    Gütern zum Opfer. Die durch die stagnierenden Löhne und
    Koordination in diesen Bereichen kam es zunehmend zu          restriktiven Sozialausgaben sinkende Kaufkraft der deut-
    mehr Wettbewerb und dadurch zu einem Wettlauf nach            schen ArbeitnehmerInnen wurde also durch Nachfrage
    unten – bei Unternehmenssteuern, Sozialstandards und          aus dem Ausland – Exporte – ersetzt. Gleichzeitig sind
    Finanzmarktregeln.                                            deutsche Banken wichtige Gläubiger: Auf sie entfielen im
Europa            Brennpunkte   7

März 2010 etwa ein Fünftel aller Verbindlichkeiten Grie-
chenlands, Irlands, Portugals und Spaniens gegenüber
Auslandsbanken. Der „Rettungsschirm“ von 750 Mrd.
Euro, der von der EU über diese Staaten gespannt wurde,
ist auch vor diesem Hintergrund zu sehen.

   Die strukturellen Probleme der Eurozone treten nun
deutlich zu Tage: Die Einführung einer gemeinsamen Wäh-
rung ohne substantielle Koordination der Wirtschafts- und
Lohnpolitik bei gleichzeitiger Umverteilung von Vermögen
und Einkommen von unten nach oben. Durch die gemein-           Kongress „Europa in der Krise“: Silvia Angelo und Trevor Evans

same Währung kann der mangelnden Wettbewerbsfä-
higkeit nicht mehr durch Abwertung begegnet werden.
Um dem Entstehen von Ungleichgewichten entgegen zu
wirken, wäre eine starke wirtschafts,- fiskal- und lohnpoli-
tische Koordination sowie eine stärkere Unterstützung der
Peripherieländer notwendig. Darauf konnten sich die Mit-
gliedsstaaten allerdings nicht einigen. Der Anpassungs-

                                                                                                                                                  alle Foto: Max Herlitschka
druck liegt somit vor allem bei den Löhnen. Derzeit wird
versucht über Austeritätsprogramme (Kürzung von staat-
lichen Ausgaben) und öffentlichen Löhnen diese „interne
Abwertung“ herbeizuführen – mit noch nicht abschätz-
baren sozialen Kosten.                                   II

Kongress „Europa in der Krise“ – in memoriam Jörg Huffschmid
   Der im Dezember 2009 verstorbene Ökonom Jörg                Dafür wären zuallererst Deutschland aber auch Österreich
Huffschmid warnte stets vor der Fehlkonstruktion des           gefordert die Nachfrage durch öffentliche Investitionen zu
europäischen Binnenmarktes. Viele seiner zahlreichen           stimulieren und Löhne systematisch zu erhöhen. Um die-
WeggefährtInnen sehen es als Aufgabe, seine Analy-             se Politik zu finanzieren, müssten die jahrelangen Forde-
sen weiterzuentwickeln. Einen Beitrag dazu leistete der        rungen von Attac nach Steuerharmonisierung, Einführung
internationale Kongress „Europa in der Krise“ am 9.            von Vermögens- und Finanztransaktionssteuern sowie der
und 10. Dezember 2010, veranstaltet von Attac, BEIGE-          Abschaffung von Steuerschlupflöchern für Kapitaleinkom-
WUM, der Euromemorandum-Gruppe, Forba, der GPA                 men endlich umgesetzt werden. Umverteilung ist nicht
und dem Institut für Politikwissenschaft der Universität       nur ein Gebot der Gerechtigkeit sondern auch der öko-
Wien. Eineinhalb Tage lang wurde aktuelle Situation der        nomischen Vernunft. Diese Einsicht setzt sich mittlerwei-
Europäischen Union in Vorträgen und Workshops ana-             le auch in Mainstream-Medien und Vorstandsetagen von
lysiert. Die Vortragenden teilten die Analyse, dass die        Banken durch. Für eine Umsetzung wird noch viel sozialer
aktuellen Sparprogramme die ökonomischen und sozi-             Druck nötig sein.
alen Probleme weiter vertiefen werden. Das ist auch der
Grundtenor des auf der Konferenz vorgestellten Euro-           Eine DVD mit den Vorträgen der Konferenz ist im Attac
memorandum 2010/2011.                                          Büro erhältlich.
   Eine Alternative zur Lohnsenkung in den Defizitländern      Präsentationen und Artikel zum Nachlesen finden sich auf
wären eine expansive Politik in den Überschussländern          www.europa-in-der-krise.at
sowie substantielle verteilungspolitische Maßnahmen.           Euromemorandum: www.euromemo.eu
8

     Die Idee einer Ökonomie jenseits des Wachstums ist eine Perspektive für einen neuen systemischen
     Horizont nach dem neoliberalen Finanzmarktkapitalismus

    Über die Kritik am Wachstum
    hinaus zur solidarischen
    Postwachstumsökonomie
     von Alexis J. Passadakis

                                                                                                                                 Foto: Thomas-Max-Müller_pixelio.de
     A   ls die globalisierungskritischen Bewegungen Ende
         der 90er Jahre die politische Bühne betraten, stand
     klugerweise die Pluralität der Kritik am Neoliberalismus
                                                                    Postwachstumsökonomie. Ihr strategisches Ziel ist es, zu
                                                                    beginnen die Vielzahl einzelner Alternativen und Transfor-
                                                                    mationsprojekte unmittelbarer aufeinander zu beziehen,
     im Vordergrund und nicht der Versuch all die heterogenen       makro-ökonomisch zu unterfüttern und zu verknüpfen. Die
     AkteurInnen auf ein Alternativmodell festzulegen. Das glei-    Idee einer Ökonomie jenseits des Wachstums ist eine Per-
     che galt und gilt auch für das Attac-Netzwerk. In diesem       spektive – neben anderen – für einen neuen systemischen
     kakophonischen Forderungskonzert von keynesianischen           Horizont nach dem neoliberalen Finanzmarktkapitalismus.
     und postkapitalistischen Alternativen gab es von Anfang           Dessen Krise seit 2007 hat international zu einer Bele-
     an auch wachstumskritische Töne.                               bung neo-keynesianischer Debatten geführt. Zahlreiche
                                                                    Denkfabriken entwickelten öko-keynesianische Projekte
       Die Krise des Finanzmarktkapitalismus und die Zuspit-        eines grünen Kapitalismus mit „nachhaltigem Wachstum“.
     zung der Klimakrise erhöhen nun die Dringlichkeit, über        Trotz wichtiger Impulse für mehr Regulierung, soziale Si-
     den anti-neoliberalen Konsens des Bewegungszyklus seit         cherheit und ökologische Investitionen bleibt das Wachs-
     den Protesten gegen die WTO 1999 in Seattle hinaus             tumsparadigma prägend. Auch die in vielen Aspekten rich-
     die Suche nach umfassenderen Alternativen zu intensi-          tige „nachholende Entwicklung“, u. a. die Konzepte des
     vieren. Eine konzeptionelle Fluchtlinie ist die solidarische   Sozialismus des 21. Jahrhunderts in vielen lateinamerika-
Postwachstumsökonomie           Brennpunkte      9

nischen Staaten, hat keine mittelfristige Perspektive jenseits   lektivem Konsum (z. B. öffentlicher Nahverkehr statt pri-
der extraktivistischen wachstumsbasierten Wirtschaft.            vaten Konsums von Automobilität). Generell geht es um ei-
                                                                 nen strukturellen Übergang von hochproduktiven Sektoren
                                                                 hin zu sozialen und ökologischen Dienstleistungen, die nur
  Weil es nicht den einen umzulegenden
                                                                 sehr niedrige Profitraten abwerfen (und dies nur auf lange
  Hebel gibt, um zu einer Postwachstums-
                                                                 Frist) oder gar keine Profite erzeugen. Ein Schlüssel für
  ökonomie umzuschalten.                                         eine solche ökonomische Struktur ist die demokratische
                                                                 gesellschaftliche Kontrolle von Investitionen. Hinzu kommt
   Auf dem Weg zu einer solidarischen Ökonomie jenseits          eine massive Reduktion der insgesamt geleisteten Lohnar-
des Wachstums bieten sich für das Attac-Netzwerk zahl-           beitsstunden in einer Volkswirtschaft – „20 Stunden sind
reiche Anknüpfungspunkte bei Bewegungsstrukturen, wie            genug“ titelte jüngst eine Studie eines Thinktanks über ein
sie in den vergangenen Jahren in Südeuropa entstanden            Großbritannien ohne Wachstum.
sind: Mit décroissance, decresiamento oder decrescita
benennen sie ihre Alternativen, die sich stark auf Konzepte
                                                                   Ist eine solidarische
von solidarischer Ökonomie und lokalen Wirtschaftskreis-
                                                                   Postwachstumsgesellschaft
läufen (Glokalisierung) beziehen. Außerdem lassen sich
viele bisherige Attac-Aktivitäten als soziale Kämpfe ver-
                                                                   eine Machtfrage?
stehen, die die grundlegende soziale Infrastruktur für eine
Transformation zu einer regionalisierteren demokratischen           In diesem Zusammenhang ist es kein Zufall, dass zu einem
Ökonomie verteidigen oder eine solche schaffen. Diese            Zeitpunkt europäisch orchestrierter Sparpolitik neuerdings
wiederum kann der Ausgangspunkt für einen solidarischen          eine Strömung konservativer Wachstumskritik auf den Plan
Übergang zu einem Wirtschaften ohne Wachstum sein.               tritt, die geschickt die ökologische Krise mit einer Politik
Weil es nicht den einen umzulegenden Hebel gibt, um zu           radikalen Sozialabbaus verwebt. Statt einen Bruch mit der
einer Postwachstumsökonomie umzuschalten, sind viele             neoliberalen Doktrin zu vollziehen, wird im Gegenteil der So-
Projekte der globalisierungskritischen Bewegungen in den         zialstaat als konsumtreibender Wachstumsmotor angeklagt
vergangenen Jahren notwendige Schritte, um die erforder-         und angesichts der ökologischen Grenzen seine Abschaf-
lichen Handlungsspielräume – insbesondere demokra-               fung propagiert. Nach beinahe neo-feudalistischer Manier
tische Kontrollmöglichkeiten – zu erlangen: Dazu gehören         wird eine Postwachstumsgesellschaft in Aussicht gestellt,
die Entmachtung der Finanzmärkte und ein demokra-                in der die Familie alle Fürsorgeleistungen trägt. Für soziale
tisches Bankensystem, ein umverteilendes Steuersystem,           Sicherungssysteme und Umverteilung von Reich zu Arm ist
Ernährungssouveränität, ein Stopp der Privatisierung von         bei diesen rückwärtsgewandten Vorstellungen kein Platz.
öffentlichen Dienstleistungen und Energiedemokratie.             Die Idee einer Postwachstumsökonomie ist daher nicht not-
                                                                 wendig emanzipatorisch. Das ist sie nur dann, wenn es eine
   In Verbindung mit einer neuen Lebensweise, die vom Ide-       Orientierung auf soziale Rechte gibt, und zwar für alle welt-
al des homo oeconomicus Abschied nimmt, einerseits und           weit. Schließlich zielt eine internationalistische Perspektive
einer neuen Makroökonomie einer post-keynesianischen             einer Postwachstumsökonomie darauf, dass es Spielräume
Postwachstumsökonomik und Konzepten solidarischer                zu Verwirklichung des guten Lebens (Buen vivir) im Süden
Ökonomie andererseits, sind diese Projekte wichtige Ele-         gibt. Ohne dass von Nord nach Süd umverteilt wird, ohne
mente für eine geschrumpfte und sich dann stabilisieren-         dass der Norden seine imperiale Lebensweise aufgibt, ist
de Wirtschaft. Eine solche ökonomische Struktur, welche          dies nicht zu erreichen. In diesem Sinne ist eine solidarische
auf ein Schrumpfen von Stoffdurchsatz und BIP und eine           Postwachstumsgesellschaft keine Frage einiger techno-
folgende Stabilisierung zielt, setzt eine neue Konfiguration     kratischer Instrumente, sondern eine Machtfrage. Diese zu
von Investitionen, Konsum, Arbeit und Produktivität voraus:      stellen kommt nicht an einer Verschiebung der gesellschaft-
Dies bedeutet einen Shift von privaten Investitionen und         lichen Kräfteverhältnisse vorbei, verbunden mit einer umfas-
privatem Konsum hin zu öffentlichen Investitionen und kol-       senden Demokratisierung, insbesondere der Wirtschaft. II
10

     Attac lud Isolde Charim und Konrad Paul Liessmann zu einem
     philosophischen – und durchaus kontroversiellen – Gespräch über
     die Krise, Demokratie und Wandel

     „Es steht außer
     Streit, dass
     das System
     dysfunktional ist“
     Das Interview führte David Walch im Jänner 2011.

     Attac: Finanzkrise, ökologische Krise,       angeeignet, wenn virtuelle Finanz-       Liessmann: Ich bestreite nicht, dass
     soziale Krise, Demokratiekrise. Se-          werte platzen, gibt es eine Krise. Was   es eine Krise gab. Aber es ist nicht
     hen Sie da eine gemeinsame Klam-             sind die realen Krisensymptome? Wir      mittelbar so leicht einsichtig – auch
     mer oder Einzelphänomene?                    haben leicht erhöhte Arbeitslosen-       was den Faktor Zeit betrifft. Es gibt
     Charim: Ich denke nicht, dass man            zahlen und ein paar Konkurse. Am         nicht das Moment dramatischer Plötz-
     das alles zu schnell über einen Kamm         Höhepunkt der Krise hatte man in         lichkeit. Die Arbeitslosigkeit ist ein
     scheren sollte. Als die Wirtschaftskri-      europäischen Städten nur Normalität      Dauerphänomen, zum Teil auch auf-
     se ausgebrochen ist, hat man ange-           gesehen: Konsum, volle Geschäft,         grund der Produktivitätsfortschritte
     nommen, das sei ein grundlegendes            volle Bars. Die Finanzmärkte haben       oder auch konjunktureller Schwan-
     Beben und nun wird sich alles verän-         sich erstaunlich schnell erholt, die     kungen. In der Kontinuität der Ereig-
     dern. Das ist nicht eingetreten.             Boni für Bankmanager haben sich          nisse existieren keine Krisen. Die gibt
     Liessmann: Ich sehe das ähnlich. Wir         vervielfacht, die geplatzten Blasen      es nur, wenn Unterscheidung möglich
     haben außer ideologischen Konzepten          haben sich offensichtlich nicht nach-    und erfahrbar wird: Ein Vorher, ein
     keine theoretische Klammer um das            haltig auf die Realwirtschaft ausge-     Jetzt, ein Nachher.
     zu begreifen. Schon der Zusammen-            wirkt. Wenn wir uns Filmmaterial der
     hang, wie die Spekulationskrise dann         Weltwirtschaftskrise 1929 ansehen,
     auf die Realwirtschaft umgeschlagen          wissen wir sofort, wie eine Krise aus-     Wir können Kontinuitäten
                                                                                             psychisch nicht als Krisen
     hat, war nicht so leicht nachzuvollzie-      sieht.
                                                                                             wahrnehmen – das halten wir
     hen. Jetzt erscheint die Krise – wenn                                                   nicht aus.
     überhaupt – als Staats- und Verschul-        Attac: Die Staaten haben mit Steu-
     dungskrise. All das sind Phänomene,          ergeld das System und die Banken
     die man in der Regel nicht in einem          stabilisiert. Dafür gibt es jetzt bei    Attac: Demnach haben wir auch kei-
     Atemzug nennt.                               Bildung und Sozialem Einschnitte.        ne ökologische Krise?
                                                  Heute haben wir natürlich andere         Liessmann: Ökologische Entwick-
     Attac: Obwohl die Finanzkrise kausal         Sicherungssysteme, aber wir haben        lungen können eines Tages umkippen
     mit der Staatskrise verknüpft ist…           20 Prozent Jugendarbeitslosigkeit in     und als Krise wahrgenommen wer-
     Liessmann: Wir haben uns die Logik           der EU...                                den: Wenn sich 500 Millionen Men-
Interview   Brennpunkte      11

                                                                                                                                 Foto: Karin EIise Sturm
schen aufgrund des Anstiegs des          strophe, bei der jeder Einzelne etwas     Wir müssen aber sehen, wie wir diese
Meeresspiegels in kurzer Zeit auf den    tun kann und in der Nachhaltigkeit        Bedürfnisse – etwa nach Mobilität –
Weg machen. Wir können aber Kon-         mit ökonomischer Effizienz verbun-        anders befriedigen können als mit Au-
tinuitäten psychisch nicht als Krisen    den wird.                                 tos und Flugzeugen. Zu sagen: „Fahrt
wahrnehmen – das halten wir nicht        Liessmann: Wenn es wahr ist...            nicht!“ ist zu wenig.
aus.                                                                               Charim: Ja – auch das „ökologisch
Charim: Ja, es gibt keinen objektiven                                              reine“ Gewissen muss zu einem Be-
Tatbestand für Krisen. Denn diese          Es steht für mich außer                 dürfnis werden. Begrenzungen dürfen
                                           Streit, dass das System
müssen als solche wahrgenommen                                                     nicht durch moralische Imperative er-
                                           dysfunktional ist.
werden. Zur Krise wird eine Situati-                                               folgen. Eine positivistische Bedarfs-
on erst durch eine subjektive Wahr-                                                definition – wie etwa in der Attac De-
nehmung. Deshalb braucht es Bil-         Attac: Von der Krise zum Wirt-            klaration - ist naiv und illusorisch.
der. Die naive Hoffnung, dass das,       schaftssystem. Ist ein System nicht
was linke oder revolutionäre Politik     völlig dysfunktional, in dem einerseits   Attac: In vielen Debatten um unser
nicht geschafft hat – den Kapitalis-     Millionen Menschen hungern und            Wirtschaftssystem wird mit einem be-
mus zähmen – jetzt die Wirtschafts-      das andererseits dazu gezwungen           stimmten Menschenbild argumentiert.
krise erledigen soll, hat sich nicht     ist ständig neue „Bedürfnisse“ zu er-     Was ist der Mensch? Egoistisch oder
bewahrheitet. Die Chance ist, dass       schaffen – mit allen den ökologischen     kooperativ?
sich nun zumindest gewisse Erzäh-        Problemen?                                Charim: In der politischen Philoso-
lungen verändert haben: „Der alles       Liessmann: Es steht für mich außer        phie wurde das negative Menschen-
seligmachende Markt“ zum Beispiel.       Streit, dass das System dysfunktional     bild den Rechten, das positive der
Hoffnungserzählungen       funktionie-   ist, wenn weite Teile der Menschen        Linken zugeordnet und damit letztlich
ren heute nicht mehr. Aber positive      nicht in den Genuss der Produktivität     zu einem Bekenntnis gemacht.
Katastrophenerzählungen wie der          kommen. Die Kritik an Bedürfnispro-       Liessmann: Falsch ist es zu glauben,
„Green New Deal“ können greifen.         duktion teile ich so nicht. Der Mensch    man könnte die Frage in die eine oder
Das eröffnet eine Perspektive auf die    als Kulturwesen ist dadurch definiert,    andere Richtung entscheiden und
ökonomische und ökologische Kata-        dass er seine Bedürfnisse produziert.     daraus ein Wirtschaftssystem >>
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     > ableiten. Ich halte den Menschen für      schen Akteure verändert sich schon        sehr an die Institutionen oder an die
     ein in höchstem Maße formbares We-          – wenn ich an NGOs auch wie Attac         Machbarkeit von Politik glauben. Um
     sen. Menschen können im streng kol-         denke. Und der Diskurs einer radi-        in komplexen demokratischen Gesell-
     lektiven System genauso irgendwie           kalen Totalveränderung ist nicht nur      schaften zusammenleben zu können,
     überleben wie im freien Markt – wenn        utopistisch, sondern auch gefährlich.     brauchen wir eine spezifisch demo-
     sie es überleben. Wir sind ja trotz Wett-   Er argumentiert mit der Abschaffung       kratische Identität. Diese besteht pa-
     bewerb, Konkurrenz und Zeitdruck            der Demokratie.                           radoxerweise in einer Verringerung
     nicht alle völlig am Ende. Der Kapita-                                                unserer partikularen Gemeinschaftsi-
     lismus ist da höchst widersprüchlich.       Attac: Aber ist der Glaube daran mit      dentitäten. Wir können das politische
     Noch nie war so viel von Kooperati-         seiner Stimmabgabe etwas verän-           System nicht darauf reduzieren, Din-
     on, Teamfähigkeit und Vernetzung die        dern zu können nicht sehr erodiert        ge zu verwalten oder sachliche Pro-
     Rede wie in unserer konkurrenzori-          - angesichts der Verschränkung von        bleme zu lösen. Es dient auch der
     entierten Wettbewerbsgesellschaft.          politschen und wirtschafltichen Eli-      Herstellung von Identitäten.
     Und auch Kooperationen können viel          ten?                                      Liessmann: Kern der Demokratie ist
     Stress erzeugen. Ich halte aber das         Liessmann: Das Grundproblem war,          das Abstimmen. Wo nicht abgestimmt
     europäische Konzept von individueller       dass wir generell geglaubt haben, der     wird – keine Demokratie. Dabei hat
     Freiheit für einen Fortschritt gegenü-      Einfluss vor allem nationaler Politik     man hat ja vor nichts so viel Angst
     ber Systemen, in denen der einzel-          auf Wirtschaftsprozesse sei verloren      wie vor der Herrschaft des Volkes.
     ne einer Sozietät untergeordnet ist.        gegangen. Eine Abstimmung über            Ich bin mir selbst nicht ganz im Kla-
                                                 eine Wirtschaftsform in Österreich al-    ren darüber, was jetzt tatsächlich der
                                                 lein würde ja tatsächlich null Auswir-    legitime Gegenstand demokratischer
       Es waren nicht die Leute                  kungen haben. Dennoch – es waren          Entscheidungen ist. Worüber dürfen
       auf der Forbes-Liste der
                                                 nicht die Konzernchefs, sondern die       wir nicht abstimmen? Die Todesstra-
       Reichsten, die die Banken
       gerettet haben.                           Staatschefs, die die Rettungsschirme      fe? Kunst im öffentlichen Raum? Die
                                                 aufgespannt haben. Es waren nicht         Rettungsschirme sind eben nicht
                                                 die Leute auf der Forbes-Liste der        demokratisch legitimiert worden und
     Attac: Laut einer Umfrage vom Au-           Reichsten, die die Banken gerettet        es ist anzunehmen, dass viele auch
     gust 2010 wünschen sich 90 Prozent          haben, sondern die Steuerzahler. Hät-     dagegen gestimmt hätten. Etwas An-
     der ÖsterreicherInnen eine „neue            ten Erstere zehn Prozent ihrer Vermö-     deres wäre zu sagen, Wirtschaft solle
     Wirtschaftsordnung“. Haben wir              gen gespendet, wäre sich das wahr-        generell demokratischen Prinzipien,
     nicht doch auch eine Demokratie-            scheinlich auch ausgegangen. Die          also auch Abstimmungen unterliegen.
     krise, wenn die Frage nach unserer          Krise hat gezeigt, dass die Politik die   Unter Kreisky etwa beinhaltete die
     Wirtschaftsform nicht als Gegen-            Wirtschaft doch beeinflussen kann.        propagierte „Demokratisierung“ weite
     stand der politisch-demokratischen                                                    Bereiche der Gesellschaft wie Fami-
     Debatte sondern als natürlicher Pro-                                                  lie, Universität usw. In diesen Fragen
     zess oder Raum für UtopistInnen er-           Natürlich gibt es einen                 gebe ich Ihnen Recht: Da spüren wir
                                                   Verlust an politischer
     scheint?                                                                              einen Rückzug der Demokratie, weil
                                                   Glaubwürdigkeit.
     Charim: Der Wunsch nach einem an-                                                     Felder der Gesellschaft aus diesem
     deren System drückt ein diffuses Un-                                                  Konzept rausgenommen werden.
     behagen aus. Dafür gibt es tatsäch-         Charim: Umso größer war die Ent-          Charim: In der Demokratie sind wir
     lich keine politische Repräsentation.       täuschung, wie wenig die Politker         nur im Moment der Abstimmung – in
     Daraus aber zu schließen, dass es           letztendlich daraus gemacht haben.        dem wir alle nur eine abstrakte Zahl
     eine Krise des demokratischen Sy-           Natürlich gibt es einen Verlust an po-    sind – gleich. Gefährlich ist es, die-
     stems gibt, ist vorschnell. Man darf        litischer Glaubwürdigkeit. Als demo-      se Gleichheit durch positive Eigen-
     das Kind nicht mit dem Bade aus-            kratische Subjekte sind wir aber nicht    schaften zu bestimmen wie es die
     schütten. Das Spektrum der polit-           nur dadurch definiert, dass wir so        Rechten tun.
Interview      Brennpunkte               13

Attac: Abschließende Frage: Wie            nehmenden Versagen der Integrati-
kommt gesellschaftlicher Wandel            onsmaschine Sozialstaat zu tun. Wir
zustande – sofern Einigung besteht,        können uns als politische Subjekte
dass wir ihn brauchen?                     neu definieren. Das ist im Moment
Liessmann: Ich bin ja bekanntlich          das Möglichste.
ein Fan von einer Politik, in der nichts   Liessmann: Trotzdem glaube ich
passiert. Der Wandel passiert ohne-        nicht, dass es möglich ist, Gesell-
hin, da unsere Gesellschaft extrem         schaft als aufgelöst in Initiativen auf
dynamisch ist. Die umgekehrte Frage        unterer Ebene zu verstehen. Das
ist: Wieviel Veränderung kann man          Interessante ist das Wechselspiel.
den Menschen überhaupt zumuten?            Sonst ist das eine Bewegung, die
Es ist ja bezeichnend, dass jene           Konjunktur hat – entdeckt und wie-
Staaten am besten durch die Krise          der vergessen. Entscheidend ist, ob
kommen, denen man zuvor vorge-             es gelingt, Elemente in das Funkti-
worfen hat, sie seien veränderungs-        onieren der Gesellschaft einzuspei-

                                                                                                                                                                      Foto: Karin EIise Sturm
resistent. Eine bestimmte Form von         sen. Gefährlich wäre zu glauben,

                                                                                     Karin EIise Sturm
komplizierten und lang andauernden         dass unter globalen Bedingungen
Verfahren ist in Zeiten der Krise ein      die Rettung vor Ort initiiert werden
Vorteil. Viele Institutionen funktio-      kann.
nieren ja gerade deshalb nicht, weil       Charim: Ja, das funktioniert nur,                             Isolde Charim ist Philosophin, wissenschaftliche
sie zu schnell und zu oft verändert        wenn es in eine große Erzählung ein-                          Leiterin zahlreicher Symposien und arbeitet als freie
                                                                                                         Publizistin in Österreich und Deutschland.
wurden. Das trifft womöglich sogar         gespeist wird.
auf den „Sozialstaat“ zu, der ja stän-     Liessmann: Und für bestimmte Din-
dig umgebaut, erweitert oder einge-        ge muss einfach die Zeit reif werden.
schränkt werden muss.                      Marx hat einmal sinngemäß gesagt:
                                           „Die Menschheit stellt sich nur den
                                           Problemen, die sie auch lösen kann.“
  Wir alle können die                      Zehn Jahre hat Attac die Finanz-
  Katastrophe aufhalten.
                                           transaktionssteuer gefordert, und so
                                           plausibel sie für mich war – unter der
Attac: Braucht es nicht eine ganz          herrschenden Mentalität und florie-
andere Form des Wandels „von un-           renden Finanzmärkten hatte sie kei-
ten“? Attac hat das in der „Deklarati-     nerlei Chance auf Realisierung. Aber
on 2010“ ja auch als ein Element der       die Zeiten ändern sich, und ganz we-
poltischen Strategie formuliert.           sentlich zu einer Initiative wie Attac
Charim: Ja. Darin sehe ich ja auch         gehört die alte philosophische Tu-
die Chance eines „Green New Deal“          gend der Geduld.
wie er in Deutschland von den Grü-
                                                                                                                                                                      Foto: Karin EIise Sturm

nen formuliert wurde. Dieser ap-           Attac: Es bleibt sicher wesentlich
pelliert nicht nur an die Politik. Er      für Attac, neben den konkreten poli-
                                                                                     Karin EIise Sturm

entwirft vielmehr die Figur des „Auf-      tischen Vorschlägen das Denken im
halters“, der nicht ein Einzelner ist,     Reich der Freiheit zu belassen und
sondern demokratisch jeden von uns         nicht nur an politischen Notwendig-
meint. Wir alle können die Katastro-       keiten zu orientieren.                                        Konrad Paul Liessmann ist außerordentlicher Professor
phe aufhalten. Diese Pluralisierung        Charim + Liessmann:                                           am Institut für Philosophie der Universität Wien. Er ist
des Eingreifens hat viel mit dem zu-       Darauf hoffen wir.               II                           als Essayist, Literaturkritiker und Kulturpublizist tätig.
14   Brennpunkte     §278a

     In der jetzigen Auslegung des §278a kommt
     es zur Verfolgung und Kriminalisierung

                                                                                                                                  Foto: Michael Vasold
     von NGO-Arbeit.

     §278a -
     Die Grundpfeiler der
     Demokratie sind bedroht
                                                                   interessierten AktivistInnen eine interessante Diskussion
       von Michael Vasold
                                                                   über den §278a führen.

     N   ach 9/11 wurden in Österreich die „Antiterrorgesetze“
         ins Leben gerufen um im „weltweiten Kampf gegen
     den Terrorismus“ mitmischen zu können. Die vom Gesetz-
                                                                      Nach den leidvollen Erfahrungen auf den Anti-G8 Blo-
                                                                   ckaden nahe Heiligendamm 2008 (rechtswidrige Frei-
                                                                   heitsentziehungen) und einer rechtlich nicht legitimier-
     geber schwammig und auch bedrohlich formulierten Texte        baren Anlassgesetzgebung beim Klimagipfel 2009 in
     rückten schon 2002 die Arbeit vieler NGOs in den Nah-         Kopenhagen (Präventivverhaftungen) waren auch 2010
     bereich des Strafrechts, was von diesen heftig kritisiert     Befürchtungen anlässlich der bevorstehenden Erweite-
     wurde. Die Vertröstung von ParlamentarierInnen, dass mit      rung der so genannten „Terrorismuspräventionsgesetze“
     diesen Gesetzen unsere Arbeit natürlich nicht behindert       angebracht: VertreterInnen von Greenpeace, Global
     werden solle, eine Reparatur und Schärfung des §278a          2000, der ÖH und Attac kontaktierten im Frühjahr daher
     noch nachträglich Thema werden könne oder müsse, be-          Justizsprecher von Parlamentsparteien. Sie baten um Aus-
     ruhigte kurzfristig. Es folgte eine lange Zeit des Schwei-    kunft darüber, wie die neuen Gesetze formuliert werden
     gens - eine Änderung des Paragraphen schien der Politik       würden, wie sichergestellt werden würde, dass NGOs in
     nicht weiter dringlich.                                       ihrer Arbeit dadurch nicht eingeschränkt werden und wie
                                                                   eine Abänderung des §278a vonstatten gehen könnte.
                                                                   Von der Politik kam wenig Erbauliches retour: Die Grü-
       Der erste §278a-Prozess entwickelte                         nen sind mit ihren Informationen und Standpunkten an die
       sich zur Farce.                                             NGOs herangetreten, die SPÖ argumentierte (teilweise
                                                                   öffentlich) für eine Änderung des §278a, die ÖVP hüllte
                                                                   sich in Schweigen. Es sieht so aus, als wäre die Politik mit
       Erst nach der Verhaftung von 13 TierschützerInnen im        wichtigeren Dingen beschäftigt.
     Jahr 2008 und der Anklage nach §278a kam sprung-
     haft wieder Energie in die Thematik: Die ersten österrei-       Attac fordert die sofortige Überarbeitung des §278a.
     chischen „TerroristInnen“ schienen ins Netz gegangen zu       Dieser darf nicht als Gummiparagraph für die Verfolgung
     sein – ihnen wird seit 2009 der Prozess gemacht. Dieser       und Kriminalisierung von politischen AktivistInnen dienen!
     erste §278a-Prozess entwickelte sich zur Farce und trägt
     nicht dazu bei das Vertrauen zu steigern – weder in die          PS: Hinsichtlich der AktionsAkademie 2011 können
     Politik als Gestalterin noch in die Justiz als Wahrerin der   wir ziemlich sicher sein, dass sie NICHT unter den neuen
     verfassungsmäßig garantierten Grundrechte.                    §278e („Ausbildung für terroristische Zwecke“) fällt. Zi-
       Auf der AktionsAkademie 2010 konnten wir mit Martin         vilpolizistInnen und verdeckte ErmittlerInnen sind wieder
     Balluch, dem im Prozess Hauptbeschuldigten, und vielen        herzlich willkommen ;o )                               II
15
                                                                    03

  Rückblicke
    Commons
  Wir            – gemeinsam
        zahlen nicht             nutzen, was allen gehört
                       für eure Krise!                         16
                                                              16
    Neue
  NGO       Positions-soziale
         s forderten    und Projektpapiere
                              und ökologische Investitionen    17
                                                              18
    Gemeinwohl-Symposium:
  Attac   in den Medien           Unternehmen neu denken       18
                                                              20
    Aktivismus
  Erste           lernen undAktionsAkademie
          österreichische     leben – Aktionsakademie          19
                                                              22
    Attac Sommerakademie
  Attac-Steueroasenausstellung                                 20
                                                              24
    Kampagne
  Irland  II: „NoSteuer
                   meansgegen
                           No!” Armut                          22
                                                              26
    Big  Brother   Attac?
  Erste Agrar-Aktionskonferenz                                 23
                                                              27
    Nachruf
  Attac        Kurt Rothschild2009
          Sommerakademie                                       23
                                                              28
    Attac infür
  Vorfahrt     den
                 dieMedien
                      Wirtschaftsinteressen in der EU?         24
                                                              31
    Agrarpolitisches     Sommerspektakel
  Filmtage: Hunger.Macht.Profite.III                           26
                                                              32
  European Activists–Meeting
    Alternativenforen      Gemeinsam    aktiv
                                   in Paris                    27
                                                              33
    Kampagne
  Attac   trauertWege
                   um JörgausHuffschmid
                              der Krise                        28
                                                              33
    Best of Attac-Erfolge 2000 bis 2010                        30
    Attac wurde 10 – das wurde gefeiert!                       32

ÜCK-
    Wo war Attac sonst noch engagiert?                         34
    Veranstaltungsreihe Krise ohne Ende                        35
    Interview Attac-Geschäftsführer Wilhelm Zwirner            36

BLICKE
16   Rückblicke     Commons-Kongress

                                                                                          Europasaal des Lateinamerika-In-
     Commons? Ja, irgendwo hab ich das schon gehört ...
                                                                                          stituts. Eine große Plattform hat die
     Hat das was mit Creative Commons zu tun, das sind
                                                                                          Veranstaltung unterstützt und viele
     doch diese Computerfreaks, oder?
                                                                                          Menschen waren gekommen, um den
                                                                                          Vortrag von Silke Helfrich zu hören,

     Commons – gemeinsam                                                                  im Weltcafé Meinungen auszutau-
                                                                                          schen und mit Sigrid Stagl von der
                                                                                          Wirtschaftsuniversität und dem Me-
     nutzen, was allen gehört                                                             dienkünstler Armin Medosch über
                                                                                          Zukunftsperspektiven der Commons
                                                                                          zu diskutieren. Beim anschließenden
       von Brigitte Kratzwald
                                                 auseinanderzusetzen und Menschen         Buffet ging die Unterhaltung noch
                                                 aus den verschiedenen Bereichen          fast bis Mitternacht weiter - und doch
                                                 zusammenzubringen um zu erkennen:        blieben noch viele Fragen offen. Über

       I  n den letzten Jahren haben Bü-
          cher über Commons den Markt
     überschwemmt, bei Sozialforen und in
                                                 Wo sind unsere Gemeinsamkeiten,
                                                 was sind die Unterschiede? Was
                                                 bringt uns das in der politischen Ar-
                                                                                          eines jedoch waren sich alle einig: Die
                                                                                          Idee der Commons hat das Potential
                                                                                          zur Selbstermächtigung - sie motiviert
     Universitätsseminaren wurde darüber         beit und finden wir Möglichkeiten für    dazu, etwas Neues zu schaffen statt
     diskutiert. Aber - noch ist nicht so ganz   gemeinsame Aktivitäten?                  sich nur gegen unerwünschte Ent-
     klar, ob alle, die darüber reden, auch        Genau darum ging es beim Com-          wicklungen zu wehren.
     das Gleiche meinen. Da ist es wich-         mons-Symposium am 15. Oktober              Mehr Infos: www.commons.at/ter-
     tig, sich einmal mit den Grundlagen         im bis auf den letzten Platz gefüllten   mine/das-symposium		                 ||

                       n st ste ht
               – wo so       rie
                   Per ip he
               die            nk t?
                      t elp u
                im Mit
             Probeabo für 3 Ausgaben um nur 3 3,-
             (statt regulär 3 12,-)
                                                             Dieses Kurzabo endet automatisch!
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neue Positionspapiere        Rückblicke      17

Drei neue Attac-Positions- und
Projektpapiere erblickten 2010
das Licht der Welt

Geld ist ein öffentliches Gut –            Projektpapier                            Bedingungsloses
Für ein alternatives Finanzsystem!         „Demokratische Bank“                     Grundeinkommen

   Das neoliberale Finanzsystem hat           Das profitorientierte Bankensystem       Ein Bedingungsloses Grundein-
rundum versagt und schadet der Re-         ist maßgeblich für die Finanzkrise       kommen ist ein Baustein im Trans-
alwirtschaft und der gesamten Gesell-      verantwortlich. Ein zu großer und zu     formationsprozess mit dem Ziel, ein
schaft. Die alleinige „Re-Regulierung“     mächtiger Bankensektor stemmt sich       „Gutes Leben für Alle“ zu schaffen. Es
der Finanzmärkte ist zu wenig. Im Zen-     gegen jegliche demokratische Regu-       muss von gesellschafts-, wirtschafts-
trum eines alternativen Finanzsystems      lierung und verhindert selbst kosme-     und bildungspolitischen Maßnahmen
müssen das öffentliche Interesse und       tische Reformen.                         begleitet werden und ist selbst nur
das Gemeinwohl stehen. Banken und             So wie es eine flächendeckende        eine Übergangslösung in eine Gesell-
Geld müssen zu einem öffentlichen          öffentliche Bildungs-, Gesundheits-      schaft, in der für alle von allem genug
Gut werden. Unser „alternatives Fi-        oder Bahninfrastruktur gibt, sollte      da ist. Es ist ein Schritt in Richtung ei-
nanzsystem“ umfasst mehrere Ele-           es in Zukunft auch eine öffentliche,     ner Gesellschaft, in der die Menschen
mente:                                     jedoch demokratische Bankeninfra-        frei und selbstbestimmt leben und
   1. Ein demokratisches und gemein-       struktur geben. Grundsätzlich sollten    tätig sein können. Daher muss eine
wohlorientiertes Bankensystem. Ban-        alle Banken dem Gemeinwohl die-          emanzipatorische Form des Grund-
ken werden in nicht gewinnorientierte      nen.                                     einkommens in einer Höhe über der
Unternehmensrechtsformen transfor-            Attac begrüßt die Pläne für die       Armutsgrenze ausbezahlt werden und
miert.                                     Selbstgründung einer konkreten De-       darf an keine Bedingungen gekoppelt
   2. Die Abschaffung nichtgemein-         mokratischen Bank durch die Zivilge-     sein.
wohlorientierter     Finanzinstrumente     sellschaft, wird sich als Organisation      Seine Kerneigenschaften:
wie Derivate, Fonds, die Verbriefung       aber nicht an der Gründung beteili-      bedingungslos – allgemein – perso-
und der Handel mit Krediten sowie          gen. Wir freuen uns, dass unser Input    nenbezogen – existenz- und teilhabe-
Rating-Agenturen: Das Casino wird          so rasch Früchte trägt.                  sichernd
geschlossen.                                  Website der Demokratischen Bank:
   3. Die Schaffung eines Weltwäh-         www.demokratische-bank.at
rungssystems mit stabilen, an reale
Indikatoren gekoppelten Wechsel-
kursen als Alternative zur aktuellen         Alle Projekt- und Positionspapiere finden Sie zum Download unter:
Dollarhegemonie.                             www.attac.at/positionspapiere. Gerne schicken wir Ihnen die Papiere
   4. Globale Steuerkooperation und eine     auch zu – Bestellung unter: verwaltung@attac.at
gerechtere Verteilung der Steuerlast.
18   Rückblicke   Gemeinwohlsymposium

     Über 100 TeilnehmerInnen besuchten das von den Attac-UnternehmerInnen
     organisierte erste Gemeinwohl-Symposium.

     Symposium: Unternehmen neu denken.
     Die Gemeinwohl-Ökonomie
     als Wirtschaftsmodell mit Zukunft
                                                 „Wenn wir die Welt vor den kata-           In dem alternativen Wirtschaftsme-
       die Attac-UnternehmerInnen
                                               strophalen Folgen des Raubtierkapi-       dium www.wirks.at wurde die sehr
                                               talismus retten wollen, dann müssen       treffende Beschreibung der Gemein-
                                               wir UnternehmerInnen mit ins Boot         wohl-Ökonomie (www.gemeinwohl-
                                               holen. Nicht diejenigen, die wirklich     oekonomie.org) bereits wie folgt zi-
                                               nur ans Geld denken, sondern die          tiert:
                                               Avantgarde, die sehr wohl an der Zu-         „Die ‚Gemeinwohl-Ökonomie‘ ist
                                               kunft ihrer Kinder und am Überleben       tendenziell eine Form der Marktwirt-
                                               unserer Welt (Gaia) als Ganzes inte-      schaft, in der jedoch die Motiv- und
                                               ressiert ist. Und das betrifft mehr Un-   Zielkoordinaten des (privaten) unter-
                                               ternehmerInnen als wir glauben.“          nehmerischen Strebens ‚umgepolt‘
                                                                                         werden – von Gewinnstreben und
                                               Die Gemeinwohl-Matrix                     Konkurrenz auf Gemeinwohlstreben
                                               wurde erarbeitet                          und Kooperation. Zeitgenössische
                                                                                         Forschungsergebnisse zeigen, dass
                                                  So traf sich seither regelmäßig ein    diese Alternative entgegen tief sit-
                                               kleines Grüppchen und erarbeitete in      zender Vorurteile gut mit der ‚Men-
                                               vielen Diskussionen und Workshops         schennatur‘ vereinbar ist. Mehr noch:
                                               die Gemeinwohl-Matrix, die wiederum       Die Gemeinwohl-Ökonomie baut auf
                                               zu einem wesentlichen Element des         genau den Werten auf, die unsere
                                               jüngsten Buches „Gemeinwohl-Öko-          zwischenmenschlichen Beziehungen
                                               nomie“ von Christian Felber wurde.        gelingen lassen: Vertrauensbildung,

       A    m 6. Oktober 2010 veranstal-
            tete die Arbeitsgruppe der
     Attac-UnternehmerInnen in Wien ein
                                               Was durch diese Zusammenarbeit
                                               entstand ist ein ganz großer Wurf, und
                                               das Interesse (nicht nur) in der Unter-
                                                                                         Verantwortung, Mitgefühl, gegen-
                                                                                         seitige Hilfe und Kooperation. Diese
                                                                                         humanen und nachhaltigen Verhal-
     Symposium zur „Gemeinwohl-Ökono-          nehmerInnenwelt ist enorm. Das Buch       tensweisen werden anhand der ‚Ge-
     mie“ - ein Höhepunkt der 2008 wäh-        ist im August erschienen und geht         meinwohl-Bilanz‘ gemessen und mit
     rend der Sommerakademie in Steyr          bereits in die vierte Auflage. Überset-   einer Fülle von Anreizen und ‚syste-
     gemeinsam von Christian Felber und        zungen ins Französische und Kroa-         mischen Aufschaukelungen‘ belohnt:
     Heinz Feldmann initiierten Gruppe.        tische sind in Arbeit, Erscheinungs-      das Marktstreben wird ‚ethisch um-
     Heinz ist selbst Unternehmer und seit     termine schon geplant. Mehr als 160       gepolt‘.“
     dem Frühjahr 2010 auch im Vorstand        Unternehmen aus fünf Ländern unter-          Heuer wird die „Gemeinwohl-Bilanz“
     von Attac tätig. Die Idee zu der Unter-   stützen das Wirtschaftsmodell be-         von bis zu 100 Pionierunternehmen
     nehmerInnen-Gruppe hat sich Heinz         reits, und seit dem Symposium haben       getestet, und im Oktober 2011 – also
     zufolge aufgedrängt. Er wiederholt        sich 50 UnternehmerInnen gemeldet,        genau ein Jahr nach dem Symposium
     seit damals bei vielen Attac-Treffen      die 2011 erstmals nach Gemeinwohl-        – werden die ersten Ergebnisse im
     und informellen Gesprächen mit Atta-      Kriterien bilanzieren wollen.             Rahmen einer „Internationalen Bilanz-
     cies seine Botschaft wie folgt:                                                     Pressekonferenz“ veröffentlicht.   ||
Aktionsakademie     Rückblicke     19

Vom 12. bis zum 16. Mai fand in Steyrermühl/ Laakirchen
die zweite österreichische AktionsAkademie statt.

Aktivismus lernen und leben:
Die AktionsAkademie 2010

                                        Im Seminar Videoaktivismus wurde        dem von den Grünen eingesetzten
  von Elisabeth Grießler
                                        gezeigt, wie man mit geringen Mitteln   Prozessbeobachter Eberhart Theuer.
                                        ein tolles Video zaubern kann.          Beide zeigten auf, welche erschre-

  Ü     ber 200 AktivistInnen trafen
        sich im Papiermachermuseum
um alles rund um Aktionen und poli-
                                          Auch für´s leibliche Wohl war ge-
                                        sorgt: Die TeilnehmerInnen wurden
                                                                                ckenden Auswirkungen der §278
                                                                                StGB für zivilgesellschaftliche Orga-
                                                                                nisationen hat.
tischen Aktivismus zu lernen, sich zu   während der gesamten AktionsAka-
vernetzen und auszutauschen. Auch       demie von einer selbstorganisierten        Der Höhepunkt der AktionsAkade-
dieses Mal wurde die Akademie von       Volksküche biologisch, vegan und        mie war am Samstag das gemein-
Attac und Greenpeace organisiert        regional versorgt. Die Gerichte waren   same Ausprobieren des Erlernten
und von Global 2000 sowie Amnesty       superlecker! Übrigens konnte jeder      auf dem Demonstrationszug in Linz:
International unterstützt.              Tag mit Yoga oder QiGong begonnen       Mit Großpuppen, einer Straßenthea-
                                        werden.                                 tergruppe, vielen Bannern und einer
                                                                                lautstarken Samba-Bateria zogen die
  Raum für den Austausch                   Am zweiten Abend der AktionsA-       TeilnehmerInnen der AktionsAkade-
  zwischen den AktivistInnen            kademie wurde ein Begegnungsfest        mie durch die Linzer Innenstadt und
  und der lokalen Bevölkerung           veranstaltet, das einen Raum schuf      trotzten dem Regenwetter. Die aktio-
                                        für den Austausch zwischen den Ak-      nistische Demonstration stand unter
                                        tivistInnen und der lokalen Bevölke-    dem Motto: „Ein gutes Leben für alle!
   24 Workshops und 11 zweitägige       rung. Zuerst gab es einen Vortrag von   – Wege aus der Krise“. Die Bewoh-
Seminare wurden angeboten. Die          Christian Felber über das derzeitige    nerInnen waren sehr interessiert und
TeilnehmerInnen konnten z. B. ler-      Geld- und Bankensystem, danach          rissen uns die Flyer förmlich aus den
nen, wie eine gewaltfreie Diskussion    sprach Thomas Berghuber von der         Händen. Am Abend feierten wir ge-
geführt wird oder wie eine Aktion am    Schuldnerberatung in Oberösterreich     meinsam mit Mary Lamaro und Mono-
besten fotografiert werden sollte; es   über die Probleme von verschuldeten     mania einen beschwingten Ausklang
gab Workshops zum Thema Guerilla        Menschen und wie diese überhaupt in     der AktionsAkademie.
Gardening, Recht für AktivistInnen,     ihre prekäre Lage kommen. Nach die-
Aktionsklettern oder StreetArt...       sen inhaltlichen Inputs wurde zu den      Danke fürs dabei sein und/oder bis
Die Seminare deckten ebenfalls ein      Klängen der Roithauma Buschbuam         zum nächsten Mal!
breites Spektrum an möglichen Ak-       Combo und SambAttac das Tanzbein
tionsformen ab: Von Kampagnenpla-       geschwungen. Am Freitag Abend             Die AktionsAkademie 2011 wird
nung über Protestsongs Singen bis zu    gab es eine äußerst spannende Podi-     vom 1. - 5. Juni in Eggenburg (Nieder­
zivilem Ungehorsam war alles dabei.     umsdiskussion mit Martin Balluch und    österreich) stattfinden.		         ||
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