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Ausgabe Juli 2020
Bund der Vertriebenen · Vereinigte Landsmannschaften
Landesverband Bayern · Am Lilienberg 5 · 81669 München
Stilles Gedenken an Opfer von Flucht und Vertreibung
Tag der Heimat im Zeichen der Charta der Vertriebenen
Erfolgreiches Wirken des Adalbert Stifter VereinsGrußwort
Germain und Sèvres wurden die Auflösung der dete Ordnungsmaßnahme, um ethnische Kon-
Doppelmonarchie Österreich-Ungarn sowie die flikte künftig zu verhindern oder einfach kalte
Nachkriegsordnung in Europa und in den Ko- Kalkulation im politischen Machtvakuum der
lonien geregelt. Gegen den erklärten Willen vie- End- und Nachkriegszeit: Jede nur mögliche
ler Betroffener wurden Territorien umgeglie- Rechtfertigung zeigt, dass Flucht und Vertrei-
dert. Die Landkarten veränderten sich. bung damals Unrecht waren – und es bis heu-
In den Städten und Dörfern trauerten die Fa- te sind, ganz gleich, wo sie geschehen“, so hör-
milien um die Gefallenen, Invaliden zeugten von te man zutreffend unseren Präsidenten Dr. Bernd
den Gräueln der Kampfhandlungen. Die Toten Fabritius am 20. Juni in Berlin.
des Krieges sollten nicht vergessen, die trau- Man darf für die „Charta der Heimatvertrie-
matischen Erlebnisse der Soldaten überwunden benen“, die bereits 1950 proklamiert wurde,
und gegen die Grausamkeiten und deren Sinn- dankbar sein. Aus der noch frischen Erinnerung
losigkeit ein Zeichen gesetzt werden. Trotz die- an Krieg und Vertreibung reichten die aus ih-
ser Zielsetzungen kam es 1939 anders. Wäh- rer Heimat gewaltsam vertriebenen Menschen
rend des folgenden Zweiten Weltkrieges wurden den Völkern Europas die Hand. Mit der Zukunft
über 65 Millionen Menschen getötet. Deutsch- im Blick wagten sie einen mutigen Schritt aus
land hatte 5,3 Millionen Soldaten und fast 1,2 der Spirale von Rache und Gewalt heraus, de-
Millionen Zivilisten als Tote zu beklagen. ren Opfer sie selbst geworden waren.
Am Kriegsende fand in Ostmitteleuropa, in Ost- Diese Charta wird in diesem Jahr 70 Jahre alt.
und in Südosteuropa die größte Völkerver- Sie ist ein Mahnmal der Verständigungsbereit-
schiebung seit Menschengedenken statt: Flucht, schaft mit dem Ziel, Grenzen zu überwinden und
Vertreibung und Deportation rund 15 Millio- zum Wohle des Gemeinwesens beizutragen. Sie
nen Deutscher aus ihren Wohnungen und Häu- ist eine Willensbekundung zum Frieden und steht
Liebe Landsleute, sern, Dörfern und Städten – aus ihrer jahrhun- diametral entgegengesetzt zum selbst erlittenen
dertelangen Heimat. Mehr als zwei Millionen Leid.
liebe Leserinnen und Leser! von ihnen kamen auf der Flucht, während der Sie fordert das Recht auf die Heimat, den Schutz
Vor 100 Jahren waren die Wunden des Ersten Vertreibung und infolge dieses Schicksals ums vor Vertreibungen und ethnischen Säuberungen
Weltkrieges nicht vernarbt. In den deutschen Leben, überstanden die Deportation nicht oder als fundamentale Menschenrechte und Grund-
Städten herrschte noch keine Friedensruhe. Sol- werden für immer vermisst bleiben. werte, die der Friedens- und Zukunftssicherung
daten und Arbeiter waren enttäuscht und ver- Gott sei Dank ist es den Menschen in unserem dienen. Darauf sind wir im Bund der Vertrie-
unsichert. Der Versailler Friedensvertrag fand Land seit dem Kriegsende am 8. Mai 1945 ver- benen stolz! Die Charta ist uns Verpflichtung
in weiten Kreisen der Bevölkerung keine Zu- gönnt, in Frieden zu leben. Auch wenn 17 Milli- zum grenzüberschreitenden Handeln im Sinne
stimmung. Besonders die nun in Freicorps or- onen in Mitteldeutschland zunächst jahrzehn- der Völkerverständigung und der Freundschaft.
ganisierten Soldaten lehnten die Entwaffnung telang unter einer kommunistischen Diktatur Nun liegt es an uns, das Vermächtnis der Char-
ab. Im Münchner Hofbräuhaus wurde im Fe- leiden mussten und Hunderttausende unserer ta zu leben.
bruar die NSDAP gegründet. Die politische In- Landsleute als „Deutsche unter fremder Herr- Als Aufforderung an die Politik bleibt die Fra-
stabilität des Landes zeigte sich nicht zuletzt in schaft“ diskriminiert oder benachteiligt wur- ge: Warum gibt es bis heute in Europa keine
der Tatsache, dass es 1920 mit Gustav Bauer, den, wir haben allen Grund, dankbar zu sein. klar normierte Festlegung zur Ahndung ethni-
Hermann Müller und Konstantin Fehrenbach Wir dürfen die längste Friedensperiode unse- scher Säuberungen und zum Verbot völker-
gleich drei Reichskanzler gab. rer Geschichte miterleben. rechtswidriger Vertreibungen? Auch heute noch
Um künftige kriegerische Auseinandersetzun- Um diese Phase dauerhaft zu erhalten, kommt werden weltweit zu viele Menschen Opfer von
gen zu vermeiden, wurde der Völkerbund durch auch den Landsmannschaften und dem BdV gewaltsamen Vertreibungen.
32 Staaten in der Schweiz aus der Taufe geho- eine besondere Rolle zu. Sie sind aus ihrer Tra- Lassen Sie uns nach der Corona-Pandemie mit
ben. Trotzdem gehörten die militärischen Aus- dition heraus immer wieder gefordert, die neuer Kraft für unsere Ideale kämpfen. Spre-
einandersetzungen nicht der Vergangenheit an. menschlichen Tragödien kriegerischer Ausein- chen wir mutig unsere Nachbarn und Bekann-
Im April marschierten Einheiten der Reichs- andersetzungen der Bevölkerung immer wieder ten an, in unseren Organisationen mitzuarbei-
wehr im Ruhrgebiet ein, um den kommunisti- vor Augen zu führen, nationalistischem Gedan- ten.
schen Ruhraufstand niederzuschlagen. Fast zeit- kengut entgegenzuwirken und für einen frei- Ihr
gleich erfolgte der Einmarsch Russlands in Baku heitlich demokratischen Rechtsstaat nachhaltig
(Aserbaidschan). Die Schlacht von Warschau, einzutreten. Auch heute bedarf es mutiger Frau-
bekannt auch als „Wunder an der Weichsel“, en und Männer!
entschied den Polnisch-Sowjetischen Krieg. „Rache und Vergeltung für das unter den Na-
Mit den Friedensverträgen von Trianon, Saint- zis erlittene Leid, eine fadenscheinig begrün- Christian Knauer, BdV-Landesvorsitzender
Impressum
Herausgeber: Bund der Vertriebenen, Vereinigte Landsmannschaften Landesverband Bayern e. V.
Am Lilienberg 5, 81669 München, Telefon (0 89) 48 14 47, Fax (0 89) 48 26 21
Redaktion: Christian Knauer (verantwortlich), Susanne Sorgenfrei, Susanne Marb
Layout: Christian Knauer
Texte: Texte: Kurt Aue, Aussiedler- und Vertriebenenbeauftragte Bayern, Lilia Antipow (HDO), Xenia Buchholz, Bundespresseamt,
Dr. Zuzana Jürgens, Christian Knauer, Prof. Dr. Ferdinand Klein, Thomas Konhäuser, Kulturzentrum der Deutschen aus
Russland in Nürnberg, Christa Naaß, Susanne Marb, Adolf Markus, Paneuropa-Union Bayern, Siebenbürgische Zeitung,
Jutta Starosta, Dr. Maria Werthan, Sebastian Wladarz, Zentrum gegen Vertreibungen.
Bilder: Adalbert Stifter Verein, Lilia Antipow (HDO), Felix Grünschloß, Gerhard Hermann, Johannes Kijas, Kristof Kintera,
Thomas Konhäuser, Marianne Kraus, Christa Naaß, Stadt Königsbrunn, Susanne Marb, Johann Michl, Tobias Wootton,
Pressestelle Bayerisches Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales, Jutta Starosta.
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BdV-Blickpunkt Juli 2020
BdV
2Gedenktag
Nicht vergessen:
Stilles Gedenken in der Staatskanzlei
Als „erste Meldung“ im Bayerischen Fernsehen
Stilles, aber überzeugendes Gedenken: Von links Sylvia Stierstorfer, Vertriebenenbeauftragte, Sozialministerin Carolina Traut-
ner, Landtagspräsidentin Ilse Aigner, BdV-Landesvorsitzender Christian Knauer. Fotos: S. M.
Während in anderen Bundesländern das krieges und der begangenen Verbrechen weiten Opfer von Flucht und Vertreibung
sichtbare Gedenken für die Opfer von mit Flucht, Vertreibung, Zwangsum- gedacht. Hierdurch wird deutlich gemacht,
Flucht und Vertreibung weitgehend der siedlung und Deportation aus ihrer an-dass der Wille und die Kraft zu Versöh-
Corona-Pandemie zum Opfer fiel, setzte gestammten Heimat „die Zeche bezah- nung und Neuanfang, der gemeinsame
der Freistaat Bayern traditionsgemäß am len müssen“. Den Heimatvertriebenen Aufbau und Zusammenhalt in der Ge-
Wochenende nach dem offiziellen Ge- und ihren Verbänden sicherte sie auch sellschaft das Fundament bilden. Seit 2014
denktag auf Bundesebene ein klares Sig- würdigt Bayern die Opfer von Flucht und
weiterhin die Solidarität und Unterstüt-
nal. Zwar konnte auch in München die zung durch den Freistaat zu. Vertreibung mit einem eigenen Gedenk-
ursprünglich geplante große Gedenkver- BdV-Landesvorsitzender Christian Knau-tag. Der damalige Ministerpräsident Horst
anstaltung, die an die Ereignisse vor 75 Seehofer hatte in einem Alleingang, dem
er erinnerte ebenfalls an die Folgen von
Jahre nach dem Ende des Zweiten Welt- sich seine Kollegen in Hessen und Sach-
Nationalismus und totalitären Systemen.
krieges erinnern sollte, ebenfalls nicht sen anschlossen, den längst überfälligen
Im BR äußerte er Sorge, dass diese Schre-
stattfinden. Dafür fand am Sonntag, 28. cken „ein bisschen im Bewusstsein Schritt gegen zahlreiche Bedenken in Ber-
Juni, in der Staatskanzlei ein stilles Ge- schwinden“. Er beklagte, dass der Na- lin vollzogen.
denken statt. Vor der einschlägigen Er- tionalismus gerade wieder AuferstehungIn der Berichterstattung übertroffen hat
innerungstafel im Treppenaufgang leg- in Europa feiere. Dem gelte es ent- sich in diesem Jahr der Bayerische Rund-
ten Landtagspräsidentin Ilse Aigner, gegenzuwirken. funk. Er berichtete um 16.00 Uhr „als er-
Sozialministerin Carolina Trautner, die Am „Gedenktag für die Opfer von Fluchtste Meldung“ ausführlich über das Ge-
Vertriebenen-Beauftragte der Staatsre- und Vertreibung“ wird auch der welt- denken und baute Statements von
gierung, Sylvia Stierstorfer, und BdV- Staatsministerin Carolina Trautner und
Landesvorsitzender Christian Knauer Blu- dem BdV-Landesvorsitzenden ein. Am
mengebinde nieder. selben Tag wiederholte das Bayerische
Für die staatlichen Dienstgebäude in Bay- Fernsehen in seiner Rubrik „Schwaben
ern hatte Ministerpräsident Dr. Markus & Altbayern“ seinen Beitrag „Verlorene
Söder Beflaggung angeordnet. Die Ge- Dörfer im Sudetenland: Besuch in unter-
meinden, Landkreise und Bezirke sowie gegangenen Orten im Sudetenland im
die übrigen Körperschaften, Anstalten heutigen Tschechien“.
und Stiftungen des öffentlichen Rechts In der BR-Mediathek wurden auf der
wurden gebeten, in gleicher Weise zu ver- Startseite eine eigene Rubrik mit aktuel-
fahren. Sozialministerin Carolina Traut- len Filmen und Beiträgen zum Thema,
ner betonte in einem Statement gegen- unter anderem „Verschleppt – das Schick-
über dem Bayerischen Rundfunk, dass sal ziviler deutscher Zwangsarbeiter“ ein-
Flucht und Vertreibung Teile der euro- gestellt. Am darauf folgenden Montag
päischen Geschichte des 20. Jahrhunderts wurde der Beitrag „60 Jahre Bund der
seien. Rund 14 Millionen Deutsche im Vertriebenen“ ausgestrahlt. Außerdem
Osten hätten infolge des vom national- BR-Interwiev mit BdV-Landesvorsitzen- berichteten B5 und BR24 über das Er-
sozialistischen Regime ausgelösten Welt- dem Christian Knauer. eignis.
BdV BdV-Blickpunkt Juli 2020
3Gedenktag
Wegen Covid-19:
Berliner Gedenkveranstaltung fiel aus
Vorgesehene Redner melden sich zu Wort
Jährlich am 20. Juni wird der Welt- Jahre nach Kriegsende leben nur noch vor Vertreibungen und ethnischen Säu-
flüchtlingstag der Vereinten Nationen be- wenige, die uns aus eigenem Erleben be- berungen dienen als fundamentale Men-
gangen. Die Bundesregierung gedenkt richten können. Der heutige Gedenktag schenrechte der Friedens- und Zukunfts-
seit 2015 an diesem Tag der Opfer von hilft uns, die Erinnerung wachzuhalten. sicherung. Gerade im 70. Jubiläumsjahr
Flucht und Vertreibung weltweit sowie Denn Flucht und Vertreibung sind auch der Charta der deutschen Heimatvertrie-
insbesondere der deutschen Vertriebenen. heute noch ein Thema. Die Erfahrungen benen fordere ich daher erneut ein inter-
Die aus diesem Anlass üblicherweise statt- aus unserer eigenen Geschichte sind uns nationales, strafbewehrtes Vertreibungs-
findende zentrale Gedenkstunde musste Mahnung für Gegenwart und Zukunft.“ verbot.“
wegen der aktuellen COVID-19-Pan- Gerda Hasselfeldt, Präsidentin des Deut- Regionalbischof Klaus Stiegler: „Der na-
demie und der damit verbundenen Maß- schen Roten Kreuzes: „Millionen Men- tionale Gedenktag stärkt unser Heimat-
nahmen zum Schutz vor einer Ausbrei- schen in Europa verloren im Zweiten gefühl und erinnert an unsere Verant-
tung des Virus in diesem Jahr entfallen. Weltkrieg ihre Heimat und mussten flie- wortung. Wir gedenken derer, die der
Auf der ursprünglich geplanten zentralen hen, ungewiss über den Verbleib ihrer Heimat beraubt wurden und die Schre-
Gedenkstunde der Bundesregierung im vermissten Angehörigen. Heute geden- cken von Flucht und Vertreibung erfah-
Konzerthaus Berlin waren Reden des ken wir ihrer sowie aller Familien welt- ren haben. Beheimatung bleibt eine zen-
Bundesministers des Innern, für Bau und weit, die durch aktuelle bewaffnete Kon- trale globale Aufgabe. Menschen aller
Heimat, Horst Seehofer, der Präsidentin flikte, Flucht und Vertreibung von ihren Hautfarben und Kulturen sollen den Se-
des Deutschen Roten Kreuzes, Gerda Has- Nächsten getrennt wurden. Unsere Hilfe gen von Heimat erfahren. Alle fünf Kon-
selfeldt, des Präsidenten des Bundes der im humanitären Mandat des Roten Kreu- tinente auf Gottes Erdboden brauchen die
Vertriebenen, Dr. Bernd Fabritius, sowie zes für die, die verzweifelt Gewissheit Kraft zur Beheimatung.“
ein geistliches Grußwort des Regional- suchen und wieder miteinander vereint Zur angemessenen öffentlichen Wahr-
bischofs des Kirchenkreises Regensburg, leben möchten, ist zeitlos. Möge das Ge- nehmung des Gedenktages hatte der
Klaus Stiegler, vorgesehen. denken an unzählige Vertriebenenschick- Bundesinnenminister für den 20. Juni die
Da das Gedenken an die Opfer von Flucht sale von damals uns auch heute dabei lei- bundesweite Beflaggung der obersten
und Vertreibung ein großes Anliegen der ten, die Not von Flüchtlingen weltweit Bundesbehörden, ihrer Geschäftsberei-
Bundesregierung ist, lässt der BdV-Blick- zu lindern.“ che sowie der Körperschaften, Anstalten
punkt die Rednerinnen und Redner mit Dr. Bernd Fabritius, Präsident des Bun- und Stiftungen des öffentlichen Rechts,
prominenten Zitaten zu Wort kommen: des der Vertriebenen: „Zeitgleich mit dem die der Aufsicht von Bundesbehörden
Horst Seehofer, MdB, Bundesminister Kriegsende 1945 fand in Ostmittel-, Ost- unterstehen, angeordnet. Sie ist die höch-
des Innern, für Bau und Heimat: „Wir und Südosteuropa die größte Völkerver- ste Form der mit einer Beflaggung mög-
gedenken am heutigen nationalen Ge- schiebung seit Menschengedenken statt: lichen Würdigung eines Ereignisses. Sie
denktag der Opfer von Flucht und Ver- Flucht, Vertreibung und Deportation kommt daher nur an wenigen Tagen im
treibung, insbesondere der deutschen Ver- machten 15 Millionen Deutsche heimat- Jahr zur Anwendung, um den Ausnah-
triebenen. Die Erinnerung an die ver- los. Auch sie sind Opfer. Deshalb sind mecharakter und damit die besondere Be-
heerenden Erfahrungen unserer Eltern die Vertriebenen für den heutigen Ge- deutung der zugrundeliegenden Anlässe
und Großeltern verblasst zunehmend. 75 denktag dankbar. Heimatrecht, der Schutz herauszustellen.
Länderbeauftragte verabschieden gemeinsame
Erklärung zum nationalen Gedenktag
Da der Nationale Gedenktag für die Op- bieten verbliebenen Deutschen sowie de- antwortung und Versöhnung mahnt, mus-
fer von Flucht und Vertreibung in die- ren Bemühungen zur Aufrechterhaltung sten die Heimatvertriebenen jahrzehnte-
sem Jahr angesichts der Corona-Krise der deutschen Sprache und Kultur auf- lang warten. Seit dem entsprechenden
nicht in der sonst üblichen Form began- merksam gemacht und deren Unterstüt- Bundesratsbeschluss aus dem Jahr 2003
gen werden kann, haben die Aussiedler- zung für die „Heimatverbliebenen“ im hatte es über zehn Jahre gedauert, diesen
und Vertriebenenbeauftragten aus Bay- östlichen Europa bekräftigt. Der Aufruf zu realisieren. Mit Beschluss vom 27. Au-
ern, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein- hat folgenden Wortlaut: gust 2014 hat die Bundesregierung den
Westfalen und Sachsen in einer gemein- „Am 20. Juni 2020 begehen wir den 20. Juni (UNO-Weltflüchtlingstag) als
samen Erklärung an Flucht, Vertreibung bundesweiten ,Nationalen Gedenktag für feststehendes Datum ausgewählt und der
und Deportation sowie an das Schicksal die Opfer von Flucht und Vertreibung‘ Gedenktag konnte erstmals am 20. Juni
der deutschen Minderheiten in den Staa- zum sechsten Mal. Auf diesen bundes- 2015 in Berlin feierlich begangen wer-
ten Mittel- und Osteuropas erinnert. In weiten Nationalen Gedenktag, der die Er- den. Er soll verdeutlichen, dass Flucht
ganz besonderer Weise wird darin auch innerung an das Schicksal der deutschen und Vertreibung nicht nur für die davon
auf das schwere Schicksal der nach dem Heimatvertriebenen nach dem Zweiten Betroffenen eine traurige Bedeutung ha-
Zweiten Weltkrieg in den Herkunftsge- Weltkrieg lebendig hält sowie zu Ver- ben, sondern Teil der Geschichte aller
BdV-Blickpunkt Juli 2020
BdV
4Gedenktag
lernen der deutschen Sprache den Ge-
meinschaften der wichtigste Faktor ihres
Zusammenhalts genommen. Die Folgen
davon wirken bis heute nach und Sprach-
kompetenz muss mühsam wiederaufge-
baut werden.
Wir erinnern daran, dass bis heute rund
1,2 Millionen Menschen als deutsche
Minderheiten in Polen, Ungarn, Rumä-
nien, der Tschechischen Republik, der
Slowakei, Kroatien, Serbien, Slowenien,
den baltischen Staaten und den Ländern
der ehemaligen Sowjetunion leben.
Wir erinnern daran, dass sich die Lage
der deutschen Minderheiten nach der po-
litischen Wende 1989/90 in Abhängig-
keit von den politischen und wirtschaft-
lichen Veränderungen in den einzelnen
Ländern unterschiedlich entwickelt hat.
Sylvia Stierstorfer, MdL, Beauftragte im Gründe dafür sind bilaterale Verträge und Editha Westmann, MdL, niedersächsische
Freistaat Bayern. Abkommen zu ihren Gunsten sowie die Landesbeauftragte.
Deutschen und Teil der europäischen Ge- vom Europarat gezeichnete Europäische genständigen Beitrag zur Entwicklung
schichte sind. Charta der Regional- oder Minderhei- kultureller und zivilgesellschaftlicher Brü-
Lag der inhaltliche Schwerpunkt im er- tensprachen, das Rahmenübereinkommen cken und Netzwerke in die Länder Mittel-
sten Aufruf der Landesbeauftragten der des Europarates zum Schutz nationaler und Osteuropas sowie in die Nachfol-
Länder zu „75 Jahre Kriegsende – Wir Minderheiten, aber genauso die tragfähi- gestaaten der Sowjetunion. Hierin liegt
erinnern an Flucht und Vertreibung der gen Minderheitenschutzgesetze in den ein wichtiger Teil europäischer Völker-
Deutschen aus dem Osten“ vom 8. Mai betroffenen Staaten. Hinzu kommt eine verständigung.
auf dem Thema „Flucht und Vertreibung“, inzwischen neue Aufgeschlossenheit der Wir erinnern daran, dass es ganz im Sin-
so möchten wir in diesem Aufruf in be- Heimatstaaten und auf deutscher Seite ne der „Charta der deutschen Heimat-
sonderer Weise den Blick auf das schwe- eine höhere Aufmerksamkeit zugunsten vertriebenen“ von 1950 das gemeinsame
re Schicksal der nach dem Zweiten Welt- der deutschen Minderheiten. Ziel sein muss, immer wieder für ein ge-
krieg in den Herkunftsgebieten verblie- Wir erinnern an die im Geiste des § 96 eintes Europa einzutreten, in dem die Völ-
benen Deutschen – der Heimatverblie- Bundesvertriebenengesetz (BVFG) von ker ohne Furcht und Zwang leben kön-
benen – richten sowie auf deren Bemü- der Bundesregierung formulierte Solida- nen. Damit gehörten die Heimatver-
hungen zur Aufrechterhaltung der deut- ritätsverpflichtung, die deutschen Min- triebenen zu den ersten in der deutschen
schen Sprache und Kultur. In diesem derheiten in Mittel- und Osteuropa sowie Bevölkerung, die ein klares Bekenntnis
Sinne setzen wir ein Zeichen: in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion zu einem einigen Europa abgelegt haben.
Wir erinnern daran, dass der von Deutsch- bei der Bewahrung ihrer Identität zu unter- Auch 70 Jahre nach Unterzeichnung der
land begonnene Zweite Weltkrieg und stützen sowie das Kulturgut der Vertrie- Charta muss es weiterhin unser gemein-
die nationalsozialistische Ideologie dazu benen, Aussiedler und Spätaussiedler im sames Ansinnen bleiben, dieses große
geführt haben, dass deutsche Minderhei- Bewusstsein des gesamten deutschen Vol- Friedensprojekt nicht zu gefährden.
ten in den Staaten Mittel- und Osteuro- kes zu erhalten. In diesem Sinne unter- Wenn wir am bundesweiten „Nationalen
pas sowie der Sowjetunion oftmals als stützt Deutschland beispielsweise den Gedenktag für die Opfer von Flucht und
innere Feinde betrachtet wurden und jahr- Aufbau gut organisierter und zukunfts- Vertreibung“ an die Nachkriegsopfer und
zehntelang schwersten Repressionen aus- fähiger Selbstverwaltungen, mit denen ihr Schicksal erinnern, tun wir dies, da-
gesetzt waren. die jeweilige deutsche Minderheit die Ge- mit jetzige und künftige Generationen
Wir erinnern daran, dass nach Vertrei- sellschaft ihres Landes aktiv in ihrem Sin- wissen, wohin Krieg, Hass und Gewalt
bungen, Deportationen und Zwangsar- ne mitgestalten kann. Ein weiterer För- führen und dass die Erinnerung an den
beit es in vielen Herkunftsgebieten mas- derschwerpunkt liegt im Bereich Sprach- Krieg sowie die Kriegsfolgen den Frie-
sive Schwierigkeiten gab, die eigene förderung und Jugendarbeit. Die Bundes- den und die Eintracht fördert.“
Kultur zu erhalten. Staatliche Zielsetzung regierung strebt eine von Transparenz und
war es oftmals, eine Assimilierung der Partnerschaft gekennzeichnete Zusam-
Minderheiten zu erreichen. Dadurch wur- menarbeit mit den Regierungen der Her- Stiftung „Zentrum
den die Beziehungen zu Angehörigen der kunftsstaaten deutscher Minderheiten in
jeweiligen Mehrheitsgesellschaften, zu Europa und in den Nachfolgestaaten der gegen Vertreibungen“
Nachbarn und vormaligen Freunden stark Sowjetunion an. Dieses tragen wir tat-
beeinträchtigt. In ihren nervenaufreiben- kräftig mit. Spendenkonto:
den Ausreisebemühungen wurden viele Wir erinnern daran, dass die deutschen
Deutsche von den kommunistischen Re- Minderheiten sowie die Vertriebenen,
Deutsche Bank AG
gierungen jahrelang hingehalten. In vie- Aussiedler und Spätaussiedler ein wich- DE76 3807 0024 0317 1717 00
len Staaten wurde durch ein gezieltes Vor- tiges Bindeglied zwischen den Kulturen BIC: DEUTDEDB380
gehen gegen die Nutzung und das Er- sind. Sie bieten die Chance auf einen ei-
BdV BdV-Blickpunkt Julil 2020
5Gedenktag
75 Jahre nach Kriegsende:
Beauftragte für Vertriebene und Aussiedler beklagen
schwindendes Wissen über geschichtliche Ereignisse
Deutschland während des Krieges be-
gangen worden sind, ist heute selbstver-
ständlicher Bestandteil unserer Gedenk-
kultur. Das ist richtig, und das muss so
bleiben.
Zum kollektiven Gedächtnis unserer Na-
tion gehört ebenfalls das Bewusstsein,
dass zwischen 1945 und 1949 Millionen
Deutsche aus dem Osten ihre Heimat ver-
loren haben. Der bundesweite Gedenk-
tag für die Opfer von Flucht und Ver-
treibung am 20. Juni bringt dies beispiel-
haft zum Ausdruck. Es lässt sich dennoch
nicht leugnen, dass die Erinnerung an
Flucht und Vertreibung der Deutschen zu
verblassen droht. Gerade in der jüngeren
Generation schwindet das Wissen um die
damaligen Ereignisse und ihre bis in die
Jens Baumann, Beauftragter im Freistaat Gegenwart reichenden Folgen. Wir dür- Heiko Hendriks, Beauftragter des Lan-
Sachsen. fen und wollen uns nicht damit abfinden. des Nordrhein-Westfalen.
Anlässlich des 75. Jahrestages des Kriegs-
Gemeinsam mit ihren Kolleginnen und endes setzen wir deshalb ein Zeichen: Wir erinnern an die Millionen deutscher
Kollegen aus Nordrhein-Westfalen, Wir erinnern an rund 15 Millionen Deut- Frauen, die vor allem im Osten Opfer von
Niedersachsen, Hessen und Sachsen hat sche, unsere Väter, Mütter und Großel- Massenvergewaltigungen geworden sind.
die Aussiedler- und Vertriebenenbeauf- tern, die aus Ostbrandenburg, Schlesien, Wir halten das Andenken an die zahllo-
tragte der Bayerischen Staatsregierung, Pommern, Danzig, Ostpreußen, dem Su- sen Mütter in Ehren, die für ihre Kinder
Sylvia Stierstorfer, MdL, aus Anlass des detenland und den deutschen Siedlungs- Übermenschliches geleistet haben.
Kriegsendes vor 75 Jahren einen Aufruf gebieten im östlichen und südöstlichen Wir erinnern an die Hunderttausenden
veröffentlicht, der darauf zielt, das Ge- Europa vertrieben worden sind. Im Zuge deutschen Zivilverschleppten, darunter
denken an die Vertreibung und das Wis- der Vertreibung der Deutschen haben sie zahlreiche Minderjährige, die nach dem
sen darüber in der Gesellschaft zu ver- ihre Heimat und ihr Hab und Gut verlo- Krieg aus den Vertreibungsgebieten in
ankern und auch an künftige Generationen ren. Dadurch wurde das Aufbauwerk von die Sowjetunion deportiert worden sind,
weiterzugeben. Ihnen sei es ein gemein- Generationen zerstört. wo viele verstarben. Wir erinnern an das
sames Anliegen, die Geschichte und Kul- Wir erinnern an die unzähligen Opfer, seelische Leid, das mit dem Heimatver-
tur der Deutschen aus dem östlichen Eu- die auf der Flucht vor der Roten Armee, lust verbunden war. Es hat die Betroffe-
ropa im kollektiven Gedächtnis der bei Gewaltexzessen und in Internie- nen ihr Leben lang gezeichnet und Fa-
Gesellschaft zu bewahren, an die Ver- rungslagern ums Leben gekommen sind. milien traumatisiert. Wir erinnern an die
treibung und ihrer Folgen zu erinnern und ungeheuren kulturellen Verluste, die das
den Beitrag der Vertriebenen zum Wieder- Ende der jahrhundertealten deutschen
aufbau Deutschlands und seiner Länder Siedlungsgeschichte im östlichen Euro-
angemessen zu würdigen. „Nur wer die pa mit sich gebracht hat. Wir erinnern
Geschichte kennt, vermag aus ihr zu ler- daran, dass die Vertreibung der Deut-
nen.“ Hier die Erklärung im Wortlaut: schen bis heute die größte erzwungene
„Wir brauchen und wir haben die Kraft, Bevölkerungsverschiebung der Geschich-
der Wahrheit so gut wir es können ins te, ein völkerrechtswidriges Unrecht und
Auge zu sehen, ohne Beschönigung und ein Verbrechen gegen die Menschlich-
ohne Einseitigkeit“ (Bundespräsident Ri- keit war. Diese Einschätzung steht in Ein-
chard von Weizsäcker am 8. Mai 1985). klang mit der Rechtsauffassung, die alle
Vor 75 Jahren, am 8. Mai 1945, ging der Bundesregierungen nach 1949 vertreten
Zweite Weltkrieg zu Ende. Der vom na- haben.
tionalsozialistischen Deutschland entfes- Wenn wir an die Flucht und Vertreibung
selte Krieg brachte Tod und Vernichtung der Deutschen erinnern, tun wir das nicht,
über viele Völker Europas. Grausamer um deutsche Schuld zu relativieren. Wir
Höhepunkt des NS-Rassenwahns war die tun es, damit jetzige und künftige Gene-
Shoah, die planmäßige, systematische Er- rationen wissen, wohin Krieg, Hass und
mordung der europäischen Juden. Die Er- Margarete Ziegler-Raschdorf, Beauftragte Gewalt führen, und damit sie begreifen,
innerung an die Verbrechen, die von der Hessischen Landesregierung. was Heimatverlust bedeutet.“
BdV-Blickpunkt Juli 2020 BdV
6Tag der Heimat
Leitwort für 2020:
„70 Jahre Charta der deutschen Heimatvertriebenen“
Einführende Worte von Prof. Dr. Ferdinand Klein
Der Text auf der Sonderbriefmarke zum leute versperrt blieb, haben sie aus eige-
40. Jubiläum der Charta der deutschen nen schmerzvollen Erfahrungen heraus,
Heimatvertriebenen „Wir rufen Völker die Idee eines geeinten und friedlichen
und Menschen auf, die guten Willens Europa ihrer Arbeit vorausgestellt.“
sind, Hand anzulegen ans Werk, damit Dieses „Herzdenken“ der Politiker ist als
aus Schuld, Unglück, Leid, Armut und klare Antwort auf historische Verflachung,
Elend für uns alle der Weg in eine bes- auf aufkeimende nationalistische und ras-
sere Zukunft gefunden wird“ erschien sistische Tendenzen zu verstehen, die bei
nach der politischen Wende im Jahre vielen Menschen zu einem gleichgülti-
1990. Er enthält den Leitgedanken der gen Verhalten führen. Gleichgültigkeit
Charta, dem sich das Präsidium des Bun- aber ist Ausdruck einer Destruktivität in-
des der Vertriebenen (BDV) anschließt. sofern, als in ihr die Verweigerung her-
Daher hat es sich einstimmig dafür ent- vortritt, an der Gestaltung der Zukunft im
schieden, „70 Jahre Charta der deutschen gemeinsamen Haus Europa mitzuwirken.
Heimatvertriebenen“ programmatisch Wie diese gemeinsame Welt zu gestal-
zum Leitwort für das Jahr 2020 zu ma- ten ist, darauf gibt uns die Charta bis heu-
chen. Das Präsidium folgt damit dem er- te eine klare Antwort. In ausländischen
sten Bundespräsidenten Theodor Heuss, Presseberichten war vor 70 Jahren zu le-
der die „Charta als Dokument des Mu- sen, dass die Verzweiflung der Vertrie-
tes, der Weisheit und Tapferkeit“ ver- benen nicht zu beschreiben ist, die schier
stand. Die Charta erschien auch auf Eng- hoffnungslos in Lagern und Notunter-
lisch, Polnisch, Russisch, Tschechisch künften lebten. Aus diesem (Er-)Leiden
und Rumänisch. ist die Charta geboren. Sie lautet: Prof. em. Dr. Ferdinand Klein
Beim Nachdenken über die Charta ent- Charta der deutschen Heimatvertriebe- Geb. 1934 in Schwedler (Slowakei), tä-
decke ich im Albert-Schweitzer-Kinder- nen tig in heilpädagogischen Praxisfeldern
dorf-Kalender für 2020 die Worte von Im Bewusstsein ihrer Verantwortung vor und an den Universitäten Würzburg,
Albert Schweitzer: „Glück ist das Einzi- Gott und den Menschen, im Bewusstsein Mainz und Reutlingen/Tübingen. Von
ge, was sich verdoppelt, wenn man es ihrer Zugehörigkeit zum christlich-abend- 1992 bis 1994 Aufbaudirektor des In-
teilt“. Ich möchte dieses Glück, das ländischen Kulturkreis, im Bewusstsein stituts für Rehabilitationspädagogik der
Schweitzer als Liebe und friedvolles Ge- ihres deutschen Volkstums und in der Er- Martin-Luther-Universität Halle-Wit-
fühl versteht, mit dem Leser und der Le- kenntnis der gemeinsamen Aufgabe aller tenberg. Nach der Emeritierung im Jahr
serin teilen. Schweitzer hat mit dem Her- europäischen Völker, haben die erwähl- 1997 Gastprofessor an der Comenius-
zen geschrieben und für den Nächsten in ten Vertreter von Millionen Heimatver- Universität Bratislava und Eötvös-Lo-
Ehrfurcht gehandelt. Sein Handeln zeigt triebenen nach reiflicher Überlegung und ránd-Universität Budapest. Letztere
uns, dass es stärker ist als alles, was sich nach Prüfung ihres Gewissens beschlos- würdigte sein Werk und seine Ver-
zwischen Denken und Tun schieben kann. sen, dem deutschen Volk und der Welt- dienste um den Ost-West-Dialog mit
Auf dieser Spur versuche ich über die öffentlichkeit gegenüber eine feierliche der Verleihung eines „Doctor et Pro-
Charta nachzudenken. Erklärung abzugeben, die die Pflichten fessor honoris causa“. Klein ist Ehren-
Mit Freude lese ich, dass 2019 beim und Rechte festlegt, welche die deutschen vorsitzender des Landeverbandes Bay-
Staatsakt der Opfer von Flucht und Ver- Heimatvertriebenen als ihr Grundgesetz ern der Karpatendeutschen Landsmann-
treibung in München mit einfühlsamen und als unumgängliche Voraussetzung schaft und Ehrenbürger seiner Hei-
und zu Herzen gehenden Worten gedacht für die Herbeiführung eines freien und matgemeinde Švedlár. 2019 erhielt er
wurde. Der stellvertretende Bayerische geeinten Europas ansehen. das Bundesverdienstkreuz am Bande
Ministerpräsident, Hubert Aiwanger, 1.Wir Heimatvertriebenen verzichten auf der Bundesrepublik Deutschland.
MdL, versprach bei dieser Veranstaltung, Rache und Vergeltung. Dieser Ent-
dass Bayern die Erinnerung an die Er- schluss ist uns ernst und heilig im Ge- Wir haben unsere Heimat verloren. Hei-
eignisse weiter lebendig halten wird. Der denken an das unendliche Leid, wel- matlose sind Fremdlinge auf dieser Erde.
Gedenktag sei ein Beitrag zum demo- ches im Besonderen das letzte Jahrzehnt Gott hat die Menschen in ihre Heimat
kratischen Bewusstsein, er diene der Völ- über die Menschheit gebracht hat. hineingestellt. Den Menschen mit Zwang
kerverständigung. Der FW-Politiker 2.Wir werden jedes Beginnen mit allen von seiner Heimat trennen, bedeutet, ihn
mahnte mit eindringlichen Worten zur Kräften unterstützen, das auf die Schaf- im Geiste töten. Wir haben dieses Schick-
Verantwortung und Versöhnung. Seine fung eines geeinten Europas gerichtet sal erlitten und erlebt. Daher fühlen wir
Rede traf „die Herzen der Zuhörer“. In ist, in dem die Völker ohne Furcht und uns berufen zu verlangen, dass das Recht
seiner Festrede „60 Jahre BdV Bayern“ Zwang leben können. auf die Heimat als eines der von Gott ge-
erinnerte Landesvorsitzender Christian 3.Wir werden durch harte, unermüdliche schenkten Grundrechte der Menschheit
Knauer an die Charta: „Nachdem der Weg Arbeit teilnehmen am Wiederaufbau anerkannt und verwirklicht wird. So lan-
zurück in die Heimat für unsere Lands- Deutschlands und Europas. ge dieses Recht für uns nicht verwirklicht
BdV BdV-Blickpunkt Juli 2020
7Tag der Heimat
ist, wollen wir aber nicht zur Untätigkeit
야 야
verurteilt beiseite stehen, sondern in neu-
en, geläuterten Formen verständnisvol-
Charta der deutschen
len und brüderlichen Zusammenlebens Heimatvertriebenen im Wortlaut
mit allen Gliedern unseres Volkes schaf-
fen und wirken. Im Bewusstsein ihrer Verantwortung vor Grundrechte der Menschheit anerkannt
Darum fordern und verlangen wir heute Gott und den Menschen, im Bewusst- und verwirklicht wird.
wie gestern: sein ihrer Zugehörigkeit zum christlich- So lange dieses Recht für uns nicht ver-
1.Gleiches Recht als Staatsbürger nicht abendländischen Kulturkreis, im Be- wirklicht ist, wollen wir aber nicht zur
nur vor dem Gesetz, sondern auch in wusstsein ihres deutschen Volkstums und Untätigkeit verurteilt beiseite stehen, son-
der Wirklichkeit des Alltags. in der Erkenntnis der gemeinsamen Auf- dern in neuen, geläuterten Formen ver-
2.Gerechte und sinnvolle Verteilung der gabe aller europäischen Völker, haben ständnisvollen und brüderlichen Zu-
Lasten des letzten Krieges auf das gan- die erwählten Vertreter von Millionen sammenlebens mit allen Gliedern unseres
ze deutsche Volk und eine ehrliche Heimatvertriebenen nach reiflicher Über- Volkes schaffen und wirken.
Durchführung dieses Grundsatzes. legung und nach Prüfung ihres Gewis- Darum fordern und verlangen wir heu-
3.Sinnvollen Einbau aller Berufsgruppen sens beschlossen, dem deutschen Volk te wie gestern:
der Heimatvertriebenen in das Leben und der Weltöffentlichkeit gegenüber eine 1. Gleiches Recht als Staatsbürger nicht
des deutschen Volkes. feierliche Erklärung abzugeben, die die nur vor dem Gesetz, sondern auch in
4.Tätige Einschaltung der deutschen Hei- Pflichten und Rechte festlegt, welche die der Wirklichkeit des Alltags.
matvertriebenen in den Wiederaufbau deutschen Heimatvertriebenen als ihr 2. Gerechte und sinnvolle Verteilung der
Europas. Grundgesetz und als unumgängliche Vor- Lasten des letzten Krieges auf das gan-
Die Völker der Welt sollen ihre Mitver- aussetzung für die Herbeiführung eines ze deutsche Volk und eine ehrliche
antwortung am Schicksal der Heimat- freien und geeinten Europas ansehen. Durchführung dieses Grundsatzes.
vertriebenen als der vom Leid dieser Zeit 1. Wir Heimatvertriebenen verzichten 3. Sinnvollen Einbau aller Berufsgrup-
am schwersten Betroffenen empfinden. auf Rache und Vergeltung. Dieser Ent- pen der Heimatvertriebenen in das Le-
Die Völker sollen handeln, wie es ihren schluss ist uns ernst und heilig im Ge- ben des deutschen Volkes.
christlichen Pflichten und ihrem Gewis- denken an das unendliche Leid, wel- 4. Tätige Einschaltung der deutschen
sen entspricht. Die Völker müssen erken- ches im Besonderen das letzte Jahr- Heimatvertriebenen in den Wieder-
nen, dass das Schicksal der deutschen zehnt über die Menschheit gebracht aufbau Europas.
Heimatvertriebenen wie aller Flüchtlin- hat. Die Völker der Welt sollen ihre Mitver-
ge, ein Weltproblem ist, dessen Lösung 2. Wir werden jedes Beginnen mit allen antwortung am Schicksal der Heimat-
höchste sittliche Verantwortung und Ver- Kräften unterstützen, das auf die vertriebenen als der vom Leid dieser Zeit
pflichtung zu gewaltiger Leistung fordert. Schaffung eines geeinten Europas ge- am schwersten Betroffenen empfinden.
Wir rufen Völker und Menschen auf, die richtet ist, in dem die Völker ohne Die Völker sollen handeln, wie es ihren
guten Willens sind, Hand anzulegen ans Furcht und Zwang leben können. christlichen Pflichten und ihrem Gewis-
Werk, damit aus Schuld, Unglück, Leid, 3. Wir werden durch harte, unermüdli- sen entspricht.
Armut und Elend für uns alle der Weg in che Arbeit teilnehmen am Wieder- Die Völker müssen erkennen, dass das
eine bessere Zukunft gefunden wird. aufbau Deutschlands und Europas. Schicksal der deutschen Heimatvertrie-
Am 5. August 1950 wurde die Charta im Wir haben unsere Heimat verloren. Hei- benen wie aller Flüchtlinge, ein Welt-
Kursaal von Stuttgart-Bad Cannstatt feier- matlose sind Fremdlinge auf dieser Erde. problem ist, dessen Lösung höchste sitt-
lich verlesen. Im Anschluss daran wur- Gott hat die Menschen in ihre Heimat liche Verantwortung und Verpflichtung
de das Manifest in der Villa Reitzenstein, hineingestellt. Den Menschen mit Zwang zu gewaltiger Leistung fordert.
dem Sitz des württembergisch-badischen von seiner Heimat trennen, bedeutet, ihn Wir rufen Völker und Menschen auf, die
Ministerpräsidenten, von den Verfassern im Geiste töten. guten Willens sind, Hand anzulegen ans
und Repräsentanten der Vertriebenen Wir haben dieses Schicksal erlitten und Werk, damit aus Schuld, Unglück, Leid,
unterschrieben. Es trägt die Unterschrif- erlebt. Daher fühlen wir uns berufen zu Armut und Elend für uns alle der Weg
ten der Sprecher der Landsmannschaften verlangen, dass das Recht auf die Hei- in eine bessere Zukunft gefunden wird.
sowie der Vorsitzenden des Zentralver- mat als eines der von Gott geschenkten Stuttgart, den 5. August 1950
bandes der vertriebenen Deutschen und
seiner Landesverbände. Für die Karpa-
tendeutschen unterzeichnete Anton Birk-
ner; er war Vorsitzender der Lands-
mannschaft. Einen Tag später wurde das
Manifest vor den ausgebrannten Fassa-
den des Neuen Schlosses im Herzen Stutt-
garts vor etwa 150.000 Heimatvertriebe-
nen auf einer Großkundgebung in
Gegenwart von Mitgliedern der Bundes-
regierung, der Kirchen und der Parla-
mente verkündet. Eine tief beeindruckende
Kulisse vor dem zerstörten Schloss! In
allen Teilen Deutschlands wurde die Char-
ta auf Großkundgebungen bestätigt. Sie
BdV-Blickpunkt Juli 2020 BdV
8Tag der Heimat
waren der Auftakt zum ersten „Tag der Damit war sie ihrer Zeit weit voraus und mit dem Auslaufen der alliierten Ho-
Heimat“. Wohl nur wenige ahnten vor eine große moralische Leistung der Ver- heitsrechte am 3. Oktober 1990.
70 Jahren, dass dieses Dokument bis heu- triebenen, die damals noch nicht wussten, Unter dem Eindruck der völkerrechts-
te als Grundgesetz der Vertriebenen ge- was überhaupt mit ihnen geschehen und widrigen Vertreibung wurde die Charta
sehen wird. wie es weitergehen wird. mit Resilienz (sittlicher Widerstandskraft,
Mit dieser ersten politischen Willens- Bei den im Potsdamer Abkommen vom Lebensmut, Lebenswillen) unterzeichnet.
kundgebung wollten die Verfasser auf 2. August 1945 beschlossenen Bestim- Wir verdanken der Charta mit ihrer christ-
das Unrecht der Vertreibung und damit mungen gaben die Westmächte ihre Zu- lichen Prägung vor allem Geistlichen der
gegenüber dem fünf Jahre zuvor von den stimmung zur Ausweisung der Deutschen beiden großen Konfessionen. Sie haben
Besatzungsmächten beschlossenen Pots- aus Polen, der Tschechoslowakei und Un- mit geistiger Widerstandskraft ein ein-
damer Abkommen aufmerksam machen, garn. Diese „Überführung“ im Namen zigartiges Versöhnungs- und Friedens-
um Wiedergutmachung bitten und den der internationalen Gemeinschaft soll ord- dokument geschaffen. Ihre weise Bot-
Willen zur Verständigung und zum nungsgemäß und in humaner Weise er- schaft trägt bis heute. Der Bund der
Wideraufbau Deutschlands und Europas folgen. Statt einer „humanen Rückfüh- Vertriebenen wollte am 5. August, also
bekunden. Seither findet die Charta als rung“ begann der Terror einer brutalen genau 70 Jahre nach der Charta-Unter-
wegweisendes Dokument über Jahrzehnte Vertreibung für über 12 Millionen Deut- zeichnung, den Tag der Heimat in Stutt-
hinweg bei allen politischen Parteien Lob, sche, von denen viele die Überführung gart mit Ansprachen von Bundesinnen-
Bewunderung und Dankbarkeit. nicht überleben. Etliche der Potsdamer minister Horst Seehofer und Bundes-
In ihrem Kern enthält die Charta, die am Artikel waren, vor allem in Bezug auf die tagspräsident Wolfgang Schäuble feiern.
5. Jahrestag des denkwürdigen Potsda- territorialen Regelungen nur provisorisch Bereits am Vorabend wollte der BdV in
mer Abkommens unterzeichnet wurde, formuliert, im Hinblick auf einen erwar- Bad Cannstatt, wo die Charta unter-
einen Aufruf zum Verzicht auf Rache und teten Friedensvertrag mit Gesamt- zeichnet wurde, eine Kranzniederlegung
Gewalt, trotz des eigenen gerade erlitte- deutschland. Dieser Vertrag kommt in durchführen. Das Jubiläum wird mit ei-
nen Unrechts. Sie ist ein klares Bekennt- den Nachkriegsjahren aber nicht zustan- ner personalisierten Sonderbriefmarke im
nis zur Schaffung eines Vereinten Euro- de. Erst mit Abschluss der „Zwei-plus- Wert von 0,80 Euro flankiert, die über
pa, zur Verständigung zwischen den Vier-Gespräche“ bekommt Deutschland die Geschäftsstelle des BDV erworben
Staaten, den Völkern und Volksgruppen. einen Friedensvertrag, der wirksam wird werden kann.
Charta der Vertriebenen – wegweisendes Dokument
im europäischen Friedenshorizont
Die Kriegsgeneration der Heimatvertrie- die tief im Humanismus verwurzelt ist, schen Ausdruck verliehen hat. Für das
benen hat sich von dem erlebten Elend sich der Freiheit und Verantwortung für Bewusstsein der Bruderschaft steht die
nicht niederdrücken lassen, sondern in den Nächsten verpflichtet weiß und da- über 850-jährige Geschichte der Karpa-
der Gemeinschaft der Betroffenen einen nach handelt. tendeutschen in der Slowakei. Sie nimmt
Weg in die Zukunft gewiesen. Alle Le- Das erinnert mich an die jüdische Heil- uns in die Pflicht des Erinnerns und Han-
benskrisen sind zutiefst Anfragen an un- pädagogik im Nationalsozialismus. Sie delns im ökumenisch-humanistischen
sere Existenz, an unser Gottvertrauen. Im begegnete behinderten Menschen mit So- Geist.
September 2010 versuchte ich in der lidarität. Dieser Pädagogik lag die The- Am Anfang der Charta wird das Koor-
Evangelischen Theologischen Fakultät orie und Praxis des jüdischen Gebots, der dinatensystem genannt, der große Zu-
der Comenius-Universität Pressburg und „Zedaka“, zugrunde: „Zedaka“ versteht sammenhang, in den alles hineingehört:
einen Monat später bei der Landesver- sich als Pflicht zur sozialen Gerechtig- „Im Bewusstsein“. Vier Aspekte hebe ich
sammlung der Karpatendeutschen Lands- keit, die von der Überzeugung getragen hervor: „Verantwortung vor Gott und den
mannschaft Slowakei, Landesverband ist, dass die Erhaltung eines Menschen- Menschen.“ So beginnt auch die Präam-
Bayern, zum „60. Geburtstag der Char- lebens so gewertet wird, als habe man die bel des deutschen Grundgesetzes: „Im
ta in ökumenischer Perspektive“ über ihre ganze Welt erhalten. Im schroffen Gegen- Bewusstsein seiner Verantwortung vor
christlichen Wurzeln zu sprechen und mit satz zu dieser Ethik wurde im gleichen Gott und den Menschen“. Ist dieser Ewig-
den Teilnehmern ins Gespräch zu kom- Land zur gleichen Zeit behinderten Men- keitsbezug heute überholt, kann er je über-
men. schen die Menschlichkeit abgesprochen. holt sein? Eine ganz andere Dimension
Ein tiefer und weiter Blick auf den euro- Sie wurden getötet. wird hier benannt. Nicht Erfolg und Zu-
päischen Friedenshorizont zeichnet die Konrád stand jahrelang an der Spitze der stimmung, sondern das Wissen, dass wir
Charta aus. Hier denke ich an den unga- Berliner Akademie der Künste und war Menschen Gott antworten, das heißt, uns
rischen Menschenrechtler György Kon- Präsident des Internationalen Pen-Clubs. vor ihm verantworten müssen. Hitler und
rád, der im vergangenen Jahr 86-jährig Für ihn werden Erinnerungen an den andere Diktatoren trennen diese unauf-
in seinem Budapester Heim einer schwe- Menschen Wirklichkeit, Erinnerungen lösliche Verbindung und behaupten: „Ich
ren Krankheit erlag. Als Elfjähriger ent- verleihen der Gegenwart Gestalt. Kon- übernehme alle Verantwortung.“ Damit
kam er als Kind eines jüdischen Kauf- rád erhielt 2007 in der Frankfurter Pauls- entmündigen sie alle und erniedrigen sie
manns durch viel Glück der Deportation kirche den Franz-Werfel-Menschen- zu ihren Helfershelfern. Die Verantwor-
nach Auschwitz. Er hatte viele Erniedri- rechtspreis, einen Preis, der an einen tung vor Gott ist aber eine Verantwor-
gungen und Enttäuschungen erlebt. Dar- Dichter erinnert, der in seinem Werk dem tung vor den Menschen und muss sich in
aus erwuchs seine moralische Einsicht, Bewusstsein der Bruderschaft aller Men- Recht und Gesetz ausweisen.
BdV BdV-Blickpunkt Juli 2020
9Tag der Heimat
Ein weiterer Bezug der Charta nennt die Was sagt uns die Charta heute? Einem Welt im europäischen Friedenshorizont
Zugehörigkeit zum christlich-abendlän- geeinten Europa sind wir in 70 Jahren ge- existiert in der Vielfalt ihrer Perspekti-
dischen Kulturkreis. Wir werden daran waltig nähergekommen. Die Völker Eu- ven, die auszuhalten sind uns zum inne-
erinnert, dass es keinen Bruch mit der ropas „können ohne Furcht und Zwang ren Wachsen aufrufen.
Vergangenheit gibt. Das Neue im ge- leben“, wie es die Charta benennt. Sie Wie ich eingangs mit Albert Schweitzer
meinsamen Haus Europa darf nichts an- war der erste Entwurf für eine Verstän- sagte, ist das „Glück das einzige, was sich
deres sein oder werden. Jede Gesellschaft digung zwischen den Staaten Europas, verdoppelt, wenn man es teilt“. Dieses
ist eine Wertegemeinschaft. Ohne ge- die erste Markierung einer gesamteuro- Glück, das ich wie kleine Kinder als Lie-
meinsame Werte fehlt die entscheidende päischen Friedensordnung. Angesichts be und friedvolles Gefühl verstehe, möch-
Orientierung, ohne die es keine gemein- der notvollen Situation der Heimatver- te ich nun mit dem Leser und der Lese-
same Existenz auf Dauer gibt. Der Ein- triebenen ist dieses Ja zu einem überna- rin an drei Beispielen teilen. Als ich von
zelne lebt sträflich naiv, wenn er diese tionalen Miteinander bewundernswert. 1992 bis 1994 am Institut für Rehabili-
Zusammenhänge verkennt und nicht mehr Einst waren viele Deutsche arbeitslos in tationspädagogik der Martin-Luther-Uni-
respektiert, dass Werte eine religiöse ländlichen Gebieten oder in überfüllten versität Halle-Wittenberg als Aufbaudi-
Grundlage besitzen. Und noch einen drit- Lagern untergebracht. Zukunftsungewiss rektor tätig war, drohte angesichts der
ten Orientierungspunkt im Koordinaten- und weithin ohne selbstverständliche An- politischen und pädagogischen Heraus-
system nennt die Charta: „Im Bewusst- erkennung und von familiären Nöten zer- forderungen meine Arbeit zu scheitern,
sein ihres deutschen Volkstums und in mürbt, gestalteten sie ihr Leben mit dem wenn ich nicht Mitarbeiterinnen gehabt
der Erkenntnis der gemeinsamen Aufga- Ziel: Ein geeintes Europa schaffen, in hätte, die mit mir das Glück teilten und
be aller europäischen Völker.“ Der Be- dem die Völker ohne Furcht und Zwang vermehrten. Und als mir ein Student die
zug zur eigenen Nation ist verständli- leben können! Eine Generation, die heu- Kopie eines handgeschriebenen Textes
cherweise nach 1945 zutiefst ins Wanken te an Überdruss und Überfluss leidet und zur Versöhnung gab, der nach der Wen-
geraten. Die Einsichten in die Verbrechen im Wohlstand fast versinkt, kann es sich de an der Tür der Dresdener Frauenkir-
des Dritten Reiches waren entsetzlich, kaum noch vorstellen, dass man nicht mal che hing, wuchs unser Glück weiter. Der
keiner wollte auf die eigene Nation stolz Messer zum Kartoffelschälen hatte. Text lautet:
sein. Die Charta erinnert uns an das not- Die Charta mit ihren geistlichen Einsichten „Ich will, dass Ihr an der Versöhnung
wendige „Bewusstsein des deutschen Vol- gilt nicht nur für einen Tag oder für ein festhaltet. Versöhnung tut sich kund durch
kes“, gerade in der „Erkenntnis der ge- Jahrzehnt. Geistliche Einsichten bestim- Schritte zum anderen und keine Tritte,
meinsamen Aufgaben aller europäischen men den Weg in die Zukunft, sie ermu- durch Hände, die sich ausstrecken. Hän-
Völker“. tigen uns zum Handeln, neue Aufgaben de sind Werkzeuge unserer Gedanken. In
Ich spreche von der geistlichen Bedeu- anzufassen und mit Zuversicht die Gegen- meinen Händen liegt es, ob ich aufbaue
tung der Charta, das heißt, von der Got- wart miteinander zu gestalten. Diese Ein- oder Wunden aufreiße, ob ich Menschen
tesbeziehung. Unser Bezug zur eigenen sichten setzen Wahrhaftigkeit voraus. aufschließe oder Menschen verschließe.
Nation greift vor diesem Hintergrund tief, Wahrhaftigkeit beginnt mit der Wahr- Zur Versöhnung bereit sein mit Finger-
weil er uns innerhalb der Völkergemein- haftigkeit gegenüber sich selbst. Diese spitzengefühl und Verstand, mit Händen
schaft einen Platz zuweist. Wir sollen in Haltung gibt der Wahrheit die Ehre. Sie und Sinnen. Versöhnung beginnt dort,
der Gemeinschaft aller europäischen Völ- besteht gegenüber anderen Menschen da- wo wir unsere Trauer verarbeiten und
ker als Deutsche leben, die Slowaken als rin, sich zu bemühen mit der eigenen über den Schmerz uns die Hände rei-
Slowaken, die Ungarn als Ungarn. Die- Überzeugung im Einklang zu sein und chen.“
se Platzanweisung Gottes anzunehmen, keine Rolle zu spielen, also gegenüber Von Maria Kanová aus Kremnitz (Krem-
ist ein Glaubensschritt. Hans von Keler, sich selbst ehrlich zu sein und die eige- nica) las ich im Karpatenblatt 2003/11,
Landesbischof von Württemberg (1979 nen Schwächen und Fehler einzugeste- S. 9: „Meiner Meinung nach sollte ein
bis 1988) und Beauftragter für die evan- hen und an dieser Selbst-Entwicklungs- Denkmal für die vertriebenen Karpaten-
gelisch-lutherischen Landeskirchen, fand aufgabe zu arbeiten. deutschen in jeder deutschen Ortschaft in
es großartig, dass die Charta diese An- Diese Einsichten setzen aber auch vor- der Slowakei erbaut werden.“ Dieser Im-
weisung Gottes so deutlich bezeichnet aus, was uns die deutsche Jüdin und Po- puls brachte mich auf den Gedanken, dass
hat. Sie ist heute für den interkulturellen litikerin Hannah Arendt ans Herz legt. es wohl Zeit sein dürfte, in der Slowakei
und interreligiösen Dialog unverzichtbar. Für sie ist der Sinn von Politik Freiheit. an einem repräsentativen Ort ein Denk-
Im Zentrum der Charta heißt es: „Wir Freisein können wir aber nur in Bezug mal für die Vertriebenen zu errichten.
Heimatvertriebenen verzichten auf Ra- aufeinander, nicht auf uns selbst. Denn Meine Gespräche führten letztendlich zur
che und Vergeltung“. Wir müssen das eine Handlung, die sich nur auf mich Erinnerungstafel. Dank der Initiative der
Gedenken an das unendliche Leid le- selbst bezieht, entbehrt jeglichen Bezug heimatvertriebenen und heimatverblie-
bendig erhalten, damit wir den einmali- zum anderen Menschen und zur Welt. benen Karpatendeutschen wurde nach
gen Hintergrund dieser tiefen Verzichts- Diese selbstbezogene Handlung kann über 60 Jahren, am 23. September 2006,
erklärung begreifen. Natürlich ist es nicht frei genannt werden. Denn erst im am Gebäude des Slowakischen Natio-
schwer, schreckliche Erinnerungen wach Miteinander-Handeln können wir frei sein. nalmuseums, Museum der Kultur der Kar-
zu halten, ohne Hass aufkommen zu las- Eben deshalb gibt unsere Verfassung den patendeutschen in Pressburg, die zwei-
sen. Aber diese Aufgabe ist unumgäng- Schutzrahmen für die Freiheit des Men- sprachige Gedenktafel mit folgenden
lich! Aus diesem Leiden erwuchs der schen. Sie ermöglicht das Miteinander, Worten enthüllt: „Zur Erinnerung an die
Geist der Charta mit dem Verzicht auf das ständig in Bewegung ist, das sich fin- karpatendeutschen Mitbürger, die 1945
Rache und Vergeltung und dem Be- det, wieder trennt und sich dann immer –1947 gezwungen wurden, die Slowakei
kenntnis zum Aufbau eines friedlichen wieder zu neuen Aufgaben zusammen- – ihre Heimat seit 800 Jahren – zu ver-
Europa. findet. Diese gemeinsam zu gestaltende lassen.“
BdV-Blickpunkt Juli 2020 BdV
10Tag der Heimat
Anlässlich der Enthüllung der Tafel wur- nach Kriegsende und ich über „die Char- Macht, Gier und Ichbezogenheit äußern.
de in den Grußworten des slowakischen ta der deutschen Heimatvertriebenen“. Bemerkenswert an Fromms Studie ist ihre
Vizepremier Dušan Čaplovič, des deut- Die beiden Vorträge riefen eine lebhafte Aktualität. Fromm warnt vor jenen Men-
schen Botschafters Jochen Trebesch, des Diskussion hervor, an der sich neben al- schen, die ihren kühlen und berechnen-
Vorsitzenden der Karpatendeutschen ten Pressburgern, Dozenten, Professoren den Verstand benutzen und das „Herz
Landsmannschaft, Walther Greschner, und Studierende beteiligten. verhärten“. Er konstatiert Nekrophilie bei
und des Direktors des Museums, Ondrej Heute breiten sich Ellenbogenmentalität den Menschen, die mit Leidenschaft das
Pöss, hervorgehoben: Die Tafel hält Er- und soziale Kälte weiter aus und spalten Lebendige zerstückeln, die Welt bis ins
innerungen an die schrecklichen Ereig- die Gesellschaft. Der andere Mensch wird Letzte genau kontrollieren wollen: „Die
nisse wach, sie versteht sich als Mahn- häufig zum Objekt der eigenen autistoi- Welt des Lebens ist zu einer Welt der
ruf, dass sich Vertreibungen in Europa den Wünsche, die Entsolidarisierungs- Zahlen und Fakten geworden – zu einer
niemals wiederholen. 2007 wurde an den tendenzen erzeugen und bei vielen Men- „Welt des Todes“. Die Antwort auf die-
fünf Karpatendeutschen Begegnungs- schen zur Unsicherheit oder gar Krankheit ses ökonomische Weltverständnis ist die
stätten des Karpatendeutschen Vereins in führen. Sie finden keinen ausreichenden dialogische Weltbeziehung, auf die uns
der Slowakei diese Erinnerungstafel eben- Ratgeber mehr und leben in existentiel- die Charta hinweist.
falls enthüllt. ler Angst. Weit verbreitet ist die Angst Untersuchungen zeigen, dass die ökono-
Meine Veranstaltungen zur Diakonischen vor dem Anderen. Noch vor Jahrzehnten mische Denkweise weiter schreitet. Die
Heilpädagogik seit 2000 an der Evange- hatte man Angst vor einem bestimmten Welt wird zur Ware. Kann hier noch ech-
lisch-Theologischen Fakultät der Come- Schuldigen, den man ausmachen und be- te Begegnung sein, die auf Vertrauen
nius-Universität in Pressburg führten zu kämpfen konnte. Heute kann man die Ur- baut? Diese Denkweise folgt einer Logik
einem Gespräch am 14. April 2010 mit sachen der Angst nicht mehr dingfest ma- der Vereinzelung und berechnenden Kon-
Pfarrer Andreas Metzl und Schuldekan chen und gezielt angehen. Es können trolle, löst die Welt der Sinnzusammen-
Martin Moravek. Es wurde angeregt, dass verschiedene, miteinander verwobene Ur- hänge auf und verhindert eine lebendige
das Hilfskomitee für die Evangelisch-Lu- sachen ausfindig gemacht werden. Lie- Beziehung. Wie ist hier noch ein Ver-
therischen Slowakeideutschen e.V. elf gen sie im Beziehungsgeflecht mitten un- trauen möglich? So wie das kleine Kind
Bilder zum biblischen Bilderzykkus des ter uns? Sozialpsychiater sprechen von friedlich und glücklich lebt, seinen Ent-
Künstlers Ľubomir Rapoš, der im Foyer Menschen mit „Sozialphobie“ und wei- deckergeist pflegt und der Welt vertraut,
ausgestellt war, der Fakultät schenkt. Die sen sogar auf eine sich entwickelnde „au- können wir von ihm lernen, dem ande-
Übergabe derselben fand dann am 29. tistische Gesellschaft“ hin. Sie sehen in ren Menschen und der Welt mit Vertrauen
September im Rahmen eines kleinen „kar- der autistischen Beziehungsstörung mit zu begegnen, im Dialog mit der Welt zu
patendeutschen Tages“ an der evange- der ihr eigenen Gefühlskälte und Distanz sein.
lisch-theologischen Fakultät der Come- zum anderen Menschen eine Gefahr für Aus dieser Haltung erwächst die Ver-
nius-Universität Bratislava statt. Am die Demokratie, für das Denken in Frei- antwortung für den Anderen. Hier tut sich
Vormittag predigte Pfarrer Metzl, im An- heit, für die Liebe zum Leben. eine sinnerfüllte Welt auf, eine Welt des
schluss an den Gottesdienst übergab der Das erkannte bereits 1974 der Psychoa- Friedens und der Freude. Diese Welt lässt
geistlichen Vorsitzende des Hilfskomi- nalytiker und Sozialphilosoph Erich das ökonomische Denken hinter sich und
tees, Schuldekan Moravek, die Bilder der Fromm in seiner sozialgeschichtlichen pflegt eine Weltbeziehung, auf die uns
Fakultät. Es wurde eine künstlerisch ge- Studie über die „Anatomie der mensch- die Charta hinweist: Sie wandelt mit Re-
staltetete Marmortafel enthüllt, die in slo- lichen Destruktivität“. Fromm beschreibt silienz, mit geistiger Kraft das Leiden in
wakischer und deutscher Sprache die den biophilen Menschen und den nekro- ein Handeln, das heute auch auf gesell-
Schenkung des Hilfskomitees dokumen- philen Menschen: Der biophile Mensch schaftliche Diskriminierung, Intoleranz
tiert. Am Nachmittag referierten der welt- pflegt Liebe zum Leben durch Hingabe, und neonazistische Tendenzen antwor-
liche Vorsitzende des Hilfskomitees Wer- Freude und Kreativität. Der nekrophile tet. In diesem geistigen Kampf kann je-
ner Laser über das Massaker von Prerau Mensch hat Destruktivität, Mechanik und der seine Heimat finden – unabhängig
an 267 Karpatendeutschen sechs Wochen Technik des Lebens im Blick, die sich in vom Ort. Prof. Dr. Ferdinand Klein
Schlesier-Treffen
2021 in Hannover
Die Landsmannschaft Schlesien,
Nieder- und Oberschlesien wird im
kommenden Jahr erneut ein Schle-
siertreffen durchführen. Dies gab
kürzlich deren Bundesvorsitzender
Stephan Rauhut bekannt.
Unter dem Motto „Schlesien ver-
bindet“ werden wieder Tausende
von Schlesiern und deren Nach-
kommen im Congress-Centrum der
niedersächsischen Landeshauptstadt
erwartet.
BdV BdV-Blickpunkt Juli 2020
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