Ehrenamt im Gottesdienst - FÜR MITARBEITENDE - EKKW
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4–2021
FÜR MITARBEITENDE
Ehrenamt im
Gottesdienst
Foto: Wilfried Wüst
INTERVIEW
Kirchenvorsteherinnen
fehlt der Gottesdienst
ALLE ARBEITEN MIT
Prädikanten, Lektoren,
Kirchensänger und andereINHALT | EDITORIAL
Inhalt Liebe Leserinnen,
liebe Leser,
THEMA
dass die Kirche nach Corona nie
Fotos: medio.tv/Schauderna
4 Interview: Gottesdienst als Aushängeschild wieder so sein wird wie vorher, hört und
6 Erfahrungsbericht: liest man momentan allenthalben. Da-
Corona und die Kirchengemeinde bei verändern die technisch-medialen
Möglichkeiten auch die Inhalte, stellt
7 Was brauchen Ehrenamtliche in der Krise?
etwa der Berliner Bischof Stäblein fest.
8 Kirchensängerin Bolle: Die westfälische Präses Kurschus for-
Ich singe, und ich werde gehört dert, nach der Pandemie dürfe es kein
9 Organist Vogeltanz: „Weiter so“ geben: Der „Traum von der
An Heiligabend ins kalte Wasser Rückkehr in die Weite und Fülle des Le-
10 Küsterin Trosien: bens“ dürfe nicht verwechselt werden „mit dem dünnen Aufguss
Kirche geht nicht ohne Ehrenamt eines 'Genauso wie früher'“. „Wir werden verändert, mit einem
neuen Blick auf kirchliche Arbeit, gebeutelt und gezeichnet aus
11 Prädikanten:
der Krise kommen”, sagt auch Bischöfin Beate Hofmann.
Aus dem Feuerwehrauto an den Altar
Die Bereitschaft zu radikalen Kurswechseln scheint derzeit
12 Interview Pfarrerin Zahn: groß: In der hannoverschen Landeskirche prüft man gar, ob und
Die Vielfalt wird nach Corona bleiben wie rein digitale Netzgemeinden gegründet werden können.
13 Lektoren zwischen Kreativität Gleichzeitig wächst aber auch die Kritik an einer quasi körper-
und Zwangspause losen Kirche. „Man ist dabei, aber nicht nahe dran“, klagt etwa
32 Preiswürdige Gottesdienste eine enttäuschte Teilnehmerin nach dem digitalen Ökumenischen
Kirchentag, der fast nur auf dem Monitor stattfand.
Der Sonntagmorgen-Gottesdienst, vor Kurzem noch unhinter-
LANDESKIRCHE fragt Kern des christlichen Gemeindelebens, verliert zusehends
an Relevanz. Das nicht erst seit Corona, aber die Pandemie hat
14 Interview Arnd Henze:
sich als Durchlauferhitzer erwiesen. Das macht natürlich auch
Bonhoeffer hätte da nicht mitgemacht
etwas mit den Ehrenamtlichen in der EKKW, die landauf, landab
15 Reformprozess „Auftrag der Kirche“ an der Gottesdienstgestaltung beteiligt sind. Auf den nächsten
16 Empfangsdienst in Altenheimen Seiten lesen Sie, was viele verunsichert und in ihrem Engage-
17 Ethikcafé im Altenheim in Kassel ment blockiert. Aber in der Mehrzahl, so mein Eindruck, kommen
hoffnungsvolle Stimmen zu Wort. Die Liebe zur Tradition bleibt,
18 Corona: Hilferuf aus Indien
die Begeisterung für Neues in der Kirche wächst. Es bleibt eben
19 Pfarrer absolviert Praktikum im Tierpark alles anders.
19 Gottesdienste an der Sababurg Lothar Simmank
Redakteur blick in die kirche
20 Neues Gesangbuch ist in Arbeit
21 Benefizprojekt: Musiker helfen Musikern
Schauen Sie in Ihre Zeitung ...
22 Synode: 277 Mitarbeiter in Kurzarbeit
22 Ehrenamts-Standards in der Landeskirche • Frankfurter Rundschau (FR)
im Main-Kinzig-Kreis
23 Synode positioniert sich gegen
• Fuldaer Zeitung (FZ)
Judenmission und Antisemitismus
• Gelnhäuser Neue Zeitung (GNZ)
24 Erfahrungsbericht Ökumenischer Kirchentag • Hanauer Anzeiger (HA)
26 Von Personen • Hersfelder Zeitung (HZ)
• Hessische/Niedersächsische
27 Experimentalorgel in Kassel
Allgemeine (HNA)
27 Hilfe für Schule im Libanon • Maintaler Tagesanzeiger
• Oberhessische Presse (OP)
SERVICE • Südthüringer Zeitung (STZ)
Am Samstag, 26. Juni 2021, • Waldeckische Landeszeitung
28 Termine / Kirchenmusik /Kirche im Radio erscheint das blick in die (WLZ)
31 Neu erschienen kirche-magazin als Beilage in: • Werra-Rundschau (WR)
2 blick in die kirche | FÜR MITARBEITENDE | 4–2021UMFRAGE | IMPRESSUM
Der schönste Gottesdienst, den Sie erlebt haben
Foto: privat
Foto: privat
Foto: privat
Foto: privat
Mein schönster Gottesdienst Mehr als fünf Monate hat- Vor einigen Jahren bin ich in Als ich als Prädikantin einen
war mein Prüfgottesdienst ten wir keinen Gottesdienst, New York City eher zufällig meiner schönsten Gottesdiens-
als Lektor am 27. Mai 2018. es fanden lediglich Online- an einer liberalen jüdischen te gefeiert habe, habe ich das
Die aufwendige Vorbereitung Gottesdienste statt, die ich Gemeinde, der „Central Syna- erst im Nachhinein gemerkt:
darauf hat mir gezeigt, dass teilweise begleitet habe. Am gogue“, vorbeigekommen. Nach einem Gottesdienst in
ich für die Kirche und die Ge- Pfingstsonntag durfte ich zum Es war Freitagabend und ei- einer kleinen Dorfkirche nahm
meinde mehr sein kann als ersten Mal wieder meinen ne Viertelstunde vor Gottes- ich eine Besucherin im Auto
nur jemand, der in der Bank Orgeldienst versehen, wenn dienstbeginn zum Beginn des mit, und wir kamen ins Ge-
sitzt. Das Gefühl, zum ersten auch unter coronabedingten Sabbats. Emotional berührend spräch. Sie sagte: „Wenn ich
Mal selbstverantwortlich ei- Einschränkungen. und intellektuell ansprechend bei Ihnen im Gottesdienst bin,
nen Gottesdienst vorzube- Darüber habe ich mich feiern die dortigen Juden ei- dann fällt mir das Glauben
reiten, ist unvergesslich. Die riesig gefreut, und in einer nen wunderbaren Gottes- hinterher leichter. Ich nehme
Unterstützung, die ich auf Gemeinde wurde mir sogar dienst. Ich habe mich als da etwas für meinen Alltag
diesem Weg erfahren habe, mein Orgelspiel mit einem christlicher Gast sofort wohl- mit, und dann weiß ich, dass
und die sehr positive Rück- Applaus gedankt. Dies hat gefühlt. Die ausgleichende ich auch Fragen und Zweifel
meldung von der Gemeinde mich besonders gerührt und Mischung aus „modern“ und haben darf und dass Gott an
und den prüfenden Pfarrern zuversichtlich gestimmt für „traditionell“ hat mich da- meiner Seite ist.“ Sie erzählte
waren ein erhebendes Ge- die Zukunft. Mit dem Gesang mals umgehauen und prägt mir von Enttäuschungen im
fühl in einer für mich schwe- der Gemeindemitglieder ist mein eigenes pfarramtliches Glauben und wie sie den Weg
ren persönlichen Phase. Das das Ganze natürlich noch viel Handeln in Gottesdiensten zurück in die Kirche und damit
erste Mal alleine vorm Altar schöner. in Fulda bis heute. Wenn Sie auch in die Gottesdienste ge-
wird immer etwas Besonderes einmal New York besuchen: funden hat. Dieses Gespräch
bleiben. Nicht verpassen! hat uns beiden gutgetan.
Fabian Kanngießer (31), Annette Wilke (49), Marvin Lange (42), Stefanie Kühn (55),
Software-Entwickler und Lektor Organistin in den Kirchenge- Pfarrer der Bonhoeffer- Dipl.-Sozialpädagogin und
im Kirchenkreis Schmalkalden, meinden Elleringhausen und Gemeinde in Fulda Vorsitzende des
Immelborn Ober-Waroldern Prädikantenbeirats,
Kaufungen
IMPRESSUM
blick in die kirche erscheint sechsmal jährlich und Redaktion: Anschrift:
wird an haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen Lothar Simmank (Leitung) Ev. Medienhaus, Heinrich-Wimmer-Straße 4
und Mitarbeiter der Landeskirche kostenlos verteilt. Telefon 0561 9307-127 34131 Kassel-Bad Wilhelmshöhe
Olaf Dellit redaktion@blickindiekirche.de
Direkt-Abonnement: Telefon 0561 9307-132 www.blickindiekirche.de
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Redaktionsbüro / www.blauer-engel.de/uz195 Gestaltung: Lothar Simmank, Olaf Dellit
Herausgeber: Anzeigen: Dieses Druck-Erzeugnis wurde mit dem Layout-Konzept: Liebchen+Liebchen, Frankfurt am Main
Landeskirchenamt der Evangelischen Andrea Langensiepen Blauen Engel ausgezeichnet. Herstellung: Bonifatius GmbH, Paderborn
Kirche von Kurhessen-Waldeck Telefon 0561 9307-152 Auflage: 17.300 Exemplare
Wilhelmshöher Allee 330 Daniela Denzin
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Fax 0561 9307-155 von Kurhessen-Waldeck unter www.ekkw.de
blick in die kirche | FÜR MITARBEITENDE | 4–2021 3THEMA
„Der Gottesdienst ist das Aushängeschild“
Zwei Kirchenvorsteherinnen erzählen im Interview, was sich geändert hat und was bleibt
M
onate ohne Präsenzgottesdiens- Gottesdiensten mitzuwirken. Das fehlt jetzt eher noch zunehmen. Wie finden Sie
te, stattdessen Videoformate, auch: sich Gedanken über einen Bibeltext diese Entwicklung?
zwischendurch Kurzgottesdiens- machen und Gottesdienste vorbereiten. Kickstein: Wir sind in der Gemeinde gut
te oder besondere Formen im Freien. Wie aufgestellt mit Lektoren und Prädikanten
haben Kirchenvorsteherinnen die Zeit er-
lebt, und wie sehen sie die Zukunft? Wir
sprachen mit Julia Überreiter aus Fulda
? Gibt es bei Ihnen in Vollmarshausen
zurzeit digitale Gottesdienste?
Kickstein: Es gibt aufgezeichnete Online-
und haben dadurch eine große Vielfalt. Es
ist doch schön, wenn mal jemand anderes
spricht und die Predigt aus einer anderen
und Jessica Kickstein aus Vollmarshausen. Gottesdienste bei Youtube, wir machen Feder stammt. Aber natürlich wird hier auf
auch Zoom-Gottesdienste und hatten lan- dem Dorf auch gerne die Pfarrerin auf der
? Wie sehr fehlt Ihnen der sonntäg-
liche Gottesdienst, wenn er wegen
Corona ausfallen muss?
ge Zeit eine Telefonandacht geschaltet.
Überreiter: Auch wir haben Begrüßungs-
dienst, das ist im Moment mit Corona-
Kanzel gesehen. Gerade an Weihnachten
und Ostern wäre die Gemeinde schwer ent-
täuscht, wenn jemand anderes käme. Da
Julia Überreiter: Er fehlt sehr. Er gab für auflagen verbunden: Wir haken die Liste finden wir aber eine gute Balance.
meine Familie dem Sonntag eine Struktur. der Besucher ab, bitten die Menschen, Überreiter: Das beobachte ich auch. Der
Ich weiß, dass viele Gemeindeglieder das sich die Hände zu desinfizieren, suchen Pfarrer hat seine Gemeinde geprägt, und
Streaming-Angebot gut annehmen, aber gemeinsam nach einem freien Platz. Der das finde ich auch richtig. Gerade vielen
für mich persönlich ist es keine Alterna- KV übernimmt in jedem Gottesdienst die Senioren gibt es Halt, wenn da vorne ein
tive. Ich finde es live und in Farbe besser. Lesung und die Abkündigungen. Wir sind Pfarrer oder eine Pfarrerin steht. Ich finde
Jessica Kickstein: Da kann ich mich nur meistens zu dritt und können uns das gut es gut, wenn man im Team arbeitet, das
anschließen. Mir fehlt auch alles, was da- aufteilen, damit wir ansprechbar sind. lockert den Gottesdienst auf. Gerade in ei-
zugehört: sich auf den Weg machen, die Die Online-Formate hat unser Pfarrer ner Zeit, wo nicht gesungen werden darf,
Gemeinde treffen, Kirche erleben. Für mich gemeinsam mit anderen evangelischen ist eine Abwechslung der Sprecher gut.
ist der Gottesdienst auch ein Ort der Ruhe, Pfarrern in Fulda gestaltet. Das Format ist
wo ich für mich sein kann, ohne mich mit
etwas anderem zu beschäftigen.
richtig gut, unter anderem gab es aufge-
zeichnete Gespräche aus dem Pfarrhaus. ? „Der Gottesdienst ist das zentrale Er-
eignis im Leben der christlichen Ge-
meinschaft“, schreibt die EKD. Ist das
? Als Kirchenvorsteherinnen gestalten
Sie Gottesdienste mit. Welche Auf-
gaben haben Sie üblicherweise?
? Haben Sie ein Mitspracherecht bei
der Gottesdienst-Gestaltung?
Überreiter: Doch, das haben wir. Die Pfar-
in Ihrer Gemeinde wirklich so?
Überreiter: Ja, ich würde das für uns so un-
terschreiben. Natürlich gibt es auch ande-
Kickstein: Ein Teil der Aufgabe ist der Be- rer aus zwei Gemeinden haben sich zusam- re Angebote und Grupen: Jugend, Kinder
grüßungsdienst. Ich finde es sehr schön, mengeschlossen und verfolgen ein neues und Konfis zum Beispiel. Aber beim Got-
die Menschen in Empfang zu nehmen Konzept. Gerade hier in der Diaspora ist tesdienst treffen sich alle Generationen.
und ins Gespräch zu kommen. Wir halten es gut, sich zusammenzutun. Es gibt ver- Kickstein: Der Gottesdienst ist wie ein
auch die Ansprachen an Täuflinge. Jeder schiedene Gottesdienstformate: klassisch, Aushängeschild und findet zuverlässig
Kirchenvorsteher, jede Kirchenvorsteherin modern, Familiengottesdienst und Jugend- statt. Bei einer Gruppe muss ich schau-
hat die Möglichkeit, an der Gestaltung von gottesdienst – immer mehrere an einem en, in welchem Rhythmus sie stattfindet
Sonntag. Da werden wir im Vorfeld gefragt
und können auch Ideen einbringen. Das
ZUR PERSON: JESSICA KICKSTEIN ZUR PERSON: JULIA ÜBERREITER
ist ein demokratischer Prozess.
Jessica Kickstein ist Kickstein: Wir haben einen Gottesdienst- Julia Überreiter ist
37 Jahre alt und Ausschuss, in dem auch Kirchenvorsteher Lehrerin, verheira-
Lehrerin. Sie sitzen. Auch jeder andere Kirchenvorsteher tet und Mutter von
engagiert sich im hat die Möglichkeit, sich im Gottesdienst zwei Töchtern. Die
Kirchenvorstand in einzubringen. Vieles plant der Ausschuss 42-Jährige
Vollmarshausen gemeinsam mit der Pfarrerin. Er bringt engagiert sich als
(Kirchenkreis Kirchenvorsteherin
Fotos: privat
halbjährlich einen Flyer mit der Gottes-
Kaufungen) und ist in der Bonhoeffer-
dienstplanung heraus.
in ihrer Kirchenge- Gemeinde in
meinde unter Fulda-Petersberg.
anderem auch in der Konfirmandenarbeit
aktiv. ? Die Bedeutung des Ehrenamtes für
die Gottesdienstgestaltung wird
Außerdem leitet sie den Kindergottes-
dienst.
4 blick in die kirche | FÜR MITARBEITENDE | 4–2021THEMA
Fotos: medio.tv/Schauderna
Konfirmation einmal anders: Corona hat dafür gesorgt, dass viele Gottesdienstformen neu und an anderen Orten erprobt wurden. Unser
Foto zeigt die Konfirmation mit Pfarrer Carsten Köthe im September 2020 im Wald bei Schwarzenhasel
und ob ich da reinpasse. Der Gottesdienst Kickstein: Man hängt in der Kirche doch Satz gehört: „Das haben wir schon pro-
ist für alle offen und so gestaltet, dass immer sehr an Traditionen. Und jetzt muss- biert, hat nicht geklappt.“ Da wurde vie-
auch alle – durch ein Lied, einen Psalm ten wir uns Gedanken machen, was die les ausgebremst. Das geschieht jetzt nicht
oder die Predigt – angesprochen werden. elementaren Teile des Gottesdienstes sind mehr so stark. Wir werden in der Gemein-
Ich bin da auch richtig, wenn ich nur das und was vielleicht mal wegbleiben kann. de evaluieren, was richtig gut funktioniert
stille Gebet suche. Jeder kann sich etwas Dadurch ergeben sich ganz neue Chancen. hat, und das beibehalten.
rausziehen, deswegen ist der Gottesdienst Bei uns war „Kirche to go“ – da hat Überreiter: Die Gemeindemitglieder kom-
zentral. In der Corona-Zeit haben viele, die sich also die Kirche auf den Weg gemacht munizieren sehr klar, was sie gut finden
nicht jeden Sonntag zum Gottesdienst ge- und an vier, fünf Stellen im Ort Gottes- und was sie nicht gut finden. Es ist unser
hen, gesagt: Mir fehlt der Gottesdienst an dienst gehalten. Der Gottesdienst kam zu Job, dass wir da ein Bindeglied sind. Dann
Weihnachten und an Ostern. Das ist den den Menschen, und da standen plötzlich ist es auch leicht, etwas Neues zu legiti-
Menschen jetzt sehr bewusst geworden. ganz andere, um den Gottesdienst zu erle- mieren, wenn die Menschen es möchten.
ben. Das sollten wir mitnehmen: sich mit Natürlich kann auch mal etwas scheitern,
? Durch Corona sind ganz neue Got-
tesdienst-Formate entstanden. Wel-
che Erfahrungen haben Sie gemacht?
dem Gottesdienst auf den Weg machen.
Und genau zu schauen, welchen Teil der
Liturgie wir wirklich für welchen Gottes-
was man ausprobiert. Das ist überhaupt
nicht schlimm.
Überreiter: Ich war am Anfang irritiert,
dass unser Gottesdienst plötzlich so kurz
war. Die Gemeinde hat das sehr gut ange-
dienst brauchen. Wir sollten flexibel und
variabel bleiben. Traditionen sind wichtig,
aber man kann sich auch wandeln.
? Wenn die Pandemie (hoffentlich) vo-
rüber ist, auf welchen Gottesdienst
freuen Sie sich dann ganz besonders?
nommen. Mein Part ist oft die Lesung, das Kickstein: Mir hat letztes Jahr der Ernte-
mache ich gerne. Danach hatte ich jetzt
das Gefühl: Ach, jetzt ist der Gottesdienst
schon wieder vorbei. Die anderen Ideen –
? Besteht nicht die Gefahr, dass man
wieder in altes Fahrwasser gerät?
Kickstein: Klar, das kann passieren. Aber
dank-Gottesdienst sehr gefehlt, bei dem
es im Anschluss immer ein Suppen-Büffet
gibt, wo man gemeinsam isst und sich aus-
Gottesdienste draußen oder den Fahrrad- es ist die Verantwortung des Kirchenvor- tauscht. Ich hoffe, dass dieses Event dieses
gottesdienst – fand ich total gut. stands, dafür zu sorgen, dass es nicht so Jahr wieder zulässig sein wird.
Wenn uns die Pandemie beschert hat, kommt. Und wenn auch die Gemeinden im Überreiter: Für uns ist es das Krippenspiel
dass wir über Gottesdienstformate nach- Umfeld so lebendig bleiben, ist die Gefahr mit berstend voller Kirche, wo sich alle El-
denken und erfolgreiche Ideen entwickeln, nicht so groß. Jetzt, wo die Hemmschwel- tern und Geschwister förmlich übereinan-
war das ein großes Geschenk. Es gab viele le einmal überwunden wurde, ist es leich- derstapeln und sich über diesen wunder-
schöne Aktionen, auch Kindergottesdiens- ter, innovativ zu denken. In meiner ersten baren Abend freuen.
te im Freien. Wahlperiode im KV habe ich noch oft den Fragen: Olaf Dellit/Lothar Simmank
blick in die kirche | FÜR MITARBEITENDE | 4–2021 5THEMA
Das Abendmahl als Sternstunde
Albrecht Weisker über seine Bilanz als Kirchenvorsteher nach über einem Jahr in der Corona-Pandemie
W
ie auch immer man die Corona-
Pandemie deuten mag: Sie ist
eine Prüfung, persönlich, im fa-
miliären und beruflichen Kontext und für
Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. Und
sie ist eine Provokation unseres Selbstver-
ständnisses als aufgeklärte Kirche. Dass
wegen eines Virus' Gottesdienste lange
nicht gefeiert werden durften, so etwas
hatte unsere Generation noch nicht erlebt.
Wie als Gemeinde damit umgehen?
Im Rückblick sind die Erfahrungen wider-
Archivfoto: medio.tv/Dellit
sprüchlich. Einerseits haben wir bald einen
guten Weg gefunden, wieder Präsenzgot-
tesdienste zu feiern. Aber anfangs gab es
auch viel Nichtwissen über das Virus, Rück-
zug, Verzagtheit. Eine Kirche der geschlos-
senen Türen, Kirchenleitungen, die wie
Das große Bänkerücken: Im Mai 2020 wurden in der Friedenskirche die Bänke so verschoben,
abgetaucht wirkten – der Hoffnungsstrahl
dass der Mindestabstand von 1,50 Meter garantiert war. Pfarrer Matthias Meißner, Küster
des Osterlichtes war spärlich. Ernst Wolter und Pfarrer Carsten Köstner-Norbisrath packten mit an
Doch bald folgte vorsichtiges Voran-
tasten, wir schöpften neue Hoffnung. Uns alles penibel eingehalten. Persönlich fehlt für Sonntag Abendmahl – normalerweise.
im Kirchenvorstand war klar: Kirche ist sys- mir das gemeinsame Singen am stärksten. Weil der Verzicht schwer fiel, musste ein
temrelevant! So bald wie möglich wollten Schwer zu ertragen, dass unser Kirchen- Konzept her, für das Abendmahl „in einer-
wir wieder liturgische Angebote machen. chor über ein Jahr nicht proben konnte. lei Gestalt“, wie es im Theologendeutsch
Klar war aber auch, dass wir uns konse- Aber ich gebe zu, dass ich der Situati- heißt. Für uns wurde es eine Sternstunde.
quent an den Regelungen der Landeskir- on auch Positives abgewinnen kann: Die Als Pioniere im Kirchenkreis haben wir
che orientieren und ein umfassendes Hy- Kurzform mit gestraffter Liturgie hat ihren schon an Pfingsten 2020 wieder Abend-
gienekonzept erstellen. eigenen Charme, eine Rückbesinnung auf mahl gefeiert – kontaktlos. Die Hostie et-
So vielversprechend die neuen digita- den Protestantismus als Worttheologie mit wa wird mit einer Hostienzange am aus-
len Formate auch sind: mehrheitlich waren Fokus auf Bibelwort, Predigt und Gebet. gestreckten Arm gereicht – man muss das
wir der Auffassung, dass reale Gottesdiens- wirklich üben! Gottes guter Geist wirkt
te zentraler Bestandteil unseres gemeind- »Als Ehrenamtlicher fühle weiter, nun kehrt auch der Kelch zurück:
lichen Lebens sind und wieder angeboten Pfingsten 2021 haben wir erstmals wieder
ich mich im Gottesdienst gut
werden sollten. Im KV haben wir es uns Abendmahl in „beiderlei Gestalt“ feiern
nicht leicht gemacht. In intensiven, ernst- aufgehoben und sicher.« können. Zwar mit Einzelkelchen aus Ton,
haften Diskussionen – bald per Videokon- aber es klappte.
ferenz – war spürbar, dass unsere indivi- Wenn ich als Ehrenamtlicher an Got- Einige der treuen Kirchgänger und
duellen Risikoschwellen verschieden sind. tesdiensten mitwirke, fühle ich mich gut Kirchgängerinnen waren regelrecht glück-
Es war in Ordnung, dass die/der eine aufgehoben und sicher. Die Besucher hal- lich und beseelt. Endlich wieder Abend-
oder andere zunächst auf die gottesdienst- ten sich an die Spielregeln, ihre Zahl bleibt mahl in Gemeinschaft! Das ist mehr als
lichen KV-Dienste verzichtete. Für mich ist im großen Kirchengebäude überschaubar. nur ein Hoffnungsschimmer. ●
dieser wechselseitige Respekt und der of- An Weihnachten allerdings, als die noch
fene, konzentrierte Austausch ein Beleg für ungeimpfte Oma zu Besuch kam und die Albrecht Weis-
die gute Diskussionskultur im Gremium. Inzidenzen in die Höhe schnellten, verzich- ker (50) ist Jour-
Unser Hygienekonzept hat sich in der tete ich auf den Kirchgang. Stattdessen nalist und Kir-
Praxis bewährt. Als Nachbargemeinden war der kreative Open-Air-Gottesdienst der chenvorsteher in
noch auf Gottesdienste verzichteten, gin- Kinderkirche im Park vor der Apostelkapel- Kassel (Friedens-
gen wir schrittweise voran. Desinfektion le eine gelungene Heiligabend-Premiere. kirche). Er ist ver-
am Eingang, Abstand in den Bankreihen, Als lutherisch geprägte Gemeinde heiratet und hat
Foto: privat
Mund-Nasen-Schutz, Einbahn-Regelung – feiern wir in der Friedenskirche Sonntag zwei Kinder.
6 blick in die kirche | FÜR MITARBEITENDE | 4–2021THEMA
INFOKASTEN
Satte 112 Seiten stark ist die neue Pra-
xishilfe „Für Engagement begeistern“ der
Foto: medio.tv/Striepecke
Fachstelle Engagementförderung. In zehn
Kapiteln bekommen Freiwilligenkoordina-
toren aus Kirche und Diakonie Hinweise
für ihre Arbeit, ob es nun um die Baustei-
ne einer nachhaltigen Ehrenamtsarbeit
oder um rechtliche Fragen geht, etwa
Foto: Fachstelle Engagementförderung
Versicherungen. Spirituelle Kraftquellen,
Wertschätzung und die Werbung neuer
Ehrenamtlicher – das Themenspektrum ist
groß. Die Praxishilfe als kostenloser Down-
load unter www.engagiert-mitgestalten.
de/de/Praxishilfe
Bestellungen der gedruckten Ausgabe per
Mail: engagiert@ekkw.de
Was brauchen Ehrenamtliche in der Krise?
Blockiertes Engagement, weniger Kontakt – die Bindung von Ehrenamtlichen ist schwieriger geworden
D
ie Corona-Krise hat deutliche Spu- Viele Freiwilligenkoordinator*innen drinnen, Bouletreff statt Stammtisch, digi-
ren hinterlassen – auch im Enga- und Verantwortliche in Kirchengemeinden tale Kaffeekränzchen oder Online-Fortbil-
gement. Auf der einen Seite gab bewegt deshalb die Frage: Wie kommen dungen von Haupt- und Ehrenamtlichen
es eine große Welle der Hilfsbereitschaft wir aus dem Tief heraus? Wie können wir gemeinsam.
und einen kreativen Schub. Auf der ande- die Bindung von Ehrenamtlichen an un- • Gemeinsam planen: Teilen Sie Po-
ren Seite waren viele Ehrenamtliche in ih- sere Organisation auch über die Distanz sitives und Erfolge. Laden Sie Ehrenamtli-
rem Engagement blockiert, weil Angebote hinweg erhalten? che zum Brainstorming ein. Überlegen Sie
nicht mehr stattfinden konnten oder sie • Raus aus der Blockade: Alternative, gemeinsam: Was hat sich bewährt? Was
zur sogenannten Risikogruppe gehörten. kontaktfreie Engagementangebote ermög- möchten wir auch nach der Krise beibe-
Für viele war das ein großer Einschnitt. lichen Ehrenamtlichen, weiterhin aktiv zu halten in unserer Gemeinde? Welche krea-
Schließlich ist eine freiwillige Tätigkeit ein sein und Gutes zu tun. Das stärkt auch die tiven Ideen für den Wiedereinstieg haben
positives Element im Leben. Ein Ehrenamt Bindung an die Organisation. Auf www. wir? Ideen spinnen, Perspektiven ausloten,
– vorausgesetzt, es überfordert nicht dau- engagiert-mitgestalten.de haben wir dafür Zukunft planen: Das alles setzt positive
erhaft – baut Stress ab und Energie auf. eine Liste von Ideen und guten Beispielen Energien frei.
Diese wichtige Ressource hat in der Pan- aus Kirchengemeinden und Vereinen be- • Gut begleiten: Es wäre ein Trug-
demie vielen gefehlt. reitgestellt. schluss zu glauben, aufgrund des Rück-
Auch die zivilgesellschaftlichen Or- • In Kontakt bleiben: Egal ob es gute gangs von Ehrenamtlichen seien weniger
ganisationen, in denen das Engagement News gibt oder schlechte oder gar keine Kapazitäten für deren Begleitung nötig.
normalerweise stattfindet, sind durch – bleiben Sie mit den Ehrenamtlichen in Im Gegenteil: Um Ehrenamtliche zu halten
den coronabedingten Engagement-Stopp Verbindung. Insidernews motivieren un- und attraktiv für weitere Mitstreiter*innen
enorm gefordert. Aktuelle Studien zeigen, gemein, und auch ein „Wie geht es dir?“, zu bleiben, braucht es Kümmerer – mit Zeit
dass die Bereitschaft zum Engagement „Hast du Ideen für unsere Gemeinde?“, und Ressourcen, um Engagierte zu beglei-
im Laufe der Pandemie nachgelassen „Was können wir für dich tun?“ sind posi- ten, zu unterstützen und neu zu gewin-
hat. Gleichzeitig hat sich die Belastung tive Signale. Ansonsten entsteht bei Enga- nen. ●
für ehrenamtliche Vorstände verstärkt. gierten schlimmstenfalls der Eindruck: Die
Durch den Rückzug von Engagierten ver- melden sich nur, wenn sie mich brauchen, Anneke Gitter-
teilt sich zum einen die Arbeit auf weniger ansonsten bin ich ihnen egal. mann,
Schultern, zum anderen waren in der Kri- • Das Wir-Gefühl stärken: Fast die Leiterin der
se schwierige Entscheidungen von großer Hälfte aller Vereine beklagt aktuell ein Fachstelle
Tragweite zu treffen. Sorge bereitet Enga- nachlassendes Gemeinschaftsgefühl. Vie- Engagement-
Foto: Frank Gerhold
gementforschern insbesondere, dass durch lerorts sind deshalb kreative Beispiele förderung der
die lange Zwangspause die Bindung von entstanden, um das Wir-Gefühl zu erhal- EKKW
Engagierten an ihre Organisation bröckelt. ten – Spaziergang draußen statt Meeting
blick in die kirche | FÜR MITARBEITENDE | 4–2021 7THEMA
Fotos: medio.tv/Schauderna
„Ich singe, und ich werde gehört”
Regina Kathrin Bolle unterstützt die Gottesdienstbesucher in Vellmar als Kirchensängerin
M
anchmal kann sie es selbst noch sie richtig „flashte“; das Singen war bei ihr meindegesang zu unterstützen, auch solo
nicht ganz glauben, nämlich angekommen. zu singen, wenn kein Instrument im Got-
dann, wenn sie ihren Namen Sie, die einer Familie entstammt, in der tesdienst gespielt wird.
in der Ankündigung für die Gottesdienst man nur „bei Schallplatten mitgesungen“ Das Singen krempelte schier ihre Per-
schwarz auf weiß in der Zeitung liest – hat, traute sich bald immer mehr zu. Regi- sönlichkeit um, sie wurde sogar zur Früh-
aber ja, das ist sie tatsächlich, „Kirchen- na Bolle scheint keine Frau fürs Zaudern aufsteherin und sang bald in fast jedem
sängerin“ Regina Kathrin Bolle. zu sein, sondern packt die Gelegenheiten Sonntagsgottesdienst. Zunächst nur in der
Die Frau mit den blitzkurzen roten beim Schopf. Ebenso entschieden, wie sie Gemeinde, aber so kräftig, dass sich an-
Haaren, die sie „Corona-Mecki“ nennt, und damals bei der zweiten Begegnung den dere gern an ihre Stimme „dranhängten“.
den schwingenden Ohrringen wartet vor Pfarrer bat, „Können wir uns nicht duzen?“, Inzwischen lässt sie weiter ihre Stimme
der Vellmarer Adventskirche, den Kirchen- und wie sie auch die Interviewerin rasch ausbilden, freut sich immer, wenn sie im
schlüssel in der Hand. Denn in ihrer Kirche ums Du bittet, so machte sie auch beim Gottesdienst auftreten kann – zur Corona-
singt sie nicht nur an den Sonntagen für Singen keine halben Sachen. Sie nahm Zeit ein Privileg: Sie ist eine der wenigen
die Gemeinde und übt – neuerdings – das Gesangsunterricht, begann ihre Stimme zu Personen, die öffentlich singen darf!
Orgelspielen, sondern hier ist sie auch mit entdecken, und siehe da, es kam vieles zu- Sie stellt selbstbewusst fest, dass sie
einer Viertelstelle Küsterin, sichtlich mit tage. Zunächst einmal mussten die damals jemand „für die Bühne“ ist, in diesem Fall
Schlüsselgewalt. meterlangen Dreadlocks ab, die kiloschwer also die Empore der Adventskirche, und
Dass sie heute so zu Hause ist in dem zur Verspannung ihres Nackens beitrugen. nicht der Typ Sängerin für daheim, sie
50er-Jahre-Backsteinbau, war vor wenigen liebt das Echo im Gottesdienst: „Ich singe,
Jahren nicht absehbar. Nach einem beweg- Die Haare waren zu schwer und ich werde gehört!“ Bereits zu Beginn
ten Leben – das Regina Bolle früh nach ihrer Kirchensängerzeit hatte sie erfreut
Israel und Afrika führte, das nach einem Beim Singen aber sollten der Hals bemerkt, wenn die Menschen in den Rei-
Lehramtsstudium dann sie über eine Ergo- entlastet, Kopf und Körper beweglich hen um sie herum dank ihres Einsatzes die
therapieausbildung schließlich zur eigenen sein und die Sängerin bereit, loszulassen, Lieder lauter und freudiger mitsangen –
Praxis als Heilpraktikerin und Klangpäda- immer wieder locker zu sein ... Dann ent- denn da war ja Regina Bolle, auf die sich
gogin brachte – näherte sie sich eigentlich puppte sich ihre Stimme, von der Bolle ge- die anderen stützen konnten. Heute ist sie,
durch einen Zufall der Kirche an. meint hatte, es sei eine tiefe („Ich begann die anfangs kaum Choräle kannte, mit ei-
Der „lebendige Advent“ war es vor als stolze Tenöse“), als Sopran. Es dauerte nem breiten Repertoire an Kirchenliedern
sechs Jahren, durch den sie in der Gemein- nicht lange, bis sie 2019 die Ausbildung vertraut, bereitet sich zu Hause auf ihren
de „andockte“. An einer Andacht nahm sie zur Kirchensängerin an der Kirchenmusi- Sonntagseinsatz vor und freut sich, wenn
mit ihren Klangschalen-Tönen teil, kurz da- kalischen Fortbildungsstätte absolvierte. einst wieder alle mit einstimmen dürfen.
rauf begann sie, zuerst zaghaft, dann bald Kaum hatte sie davon erfahren, war Denn „ohne Gesang“, sagt sie und schüt-
überzeugt, im Gospelchor zu singen. Ein sie schon angemeldet und hat an drei Wo- telt ihre Ohrringe, „ohne Gesang ist das
Gesangs-Workshop war es schließlich, der chenenden das Wichtigste gelernt: den Ge- nichts!“ ● Anne-Kathrin Stöber
8 blick in die kirche | FÜR MITARBEITENDE | 4–2021
1–2021THEMA
An Heiligabend ins kalte Wasser
Oliver Vogeltanz begeisterte sich von klein auf für die Orgel – heute ist er ein gefragter Organist in Kassel
E
r war noch ein Junge und sang im „Ja, stimmt.“ Es ist natürlich ein passendes den und sagt: „Ich liebe es, den Menschen
Kinderchor, als die Kantorin eines Ta- Bild für ihn. Mit kaltem Wasser hat er näm- etwas zu geben – die Orgel macht doch
ges zu einem Besuch der Orgel einlud lich unter der Woche zu tun als gelernter die Atmosphäre im Gottesdienst!“
– jeder durfte darauf spielen. Oliver Vogel- Schwimmmeister, der sich jetzt sehr über Da wegen der Pandemie sonst nie-
tanz erinnert sich: dort begann seine Orgel- die Wiedereröffnung der Bäder im zweiten mand singen darf, tut er es – singt mit,
leidenschaft. „Das will ich einmal machen, Corona-Sommer freute. während er orgelt. Überhaupt hat er sich
wenn ich groß bin!“ Zunächst hatte er Koch gelernt, ging in den Livemusik-armen Monaten verdient
Der 30-Jährige ist in der Kasseler Mar- zum Ausgleich in die Sauna und mach- gemacht: Zu den Festen vom Kirchturm
kuskirchengemeinde aufgewachsen und te dort gelegentlich selbst die Aufgüsse; trompetet oder an den Sonntagabenden
lebt bis heute im Stadtteil. In der hellen, dann wurde aus dem Hobby mehr. Eines der Nachbarschaft Konzerte gegeben:
modernen Kirche im Auefeld wurde er ge- Tages fragte ihn der Saunachef, ob er Fenster auf, Lautsprecher an und dann
tauft, konfirmiert und spielt heute an vie- nicht den Beruf wechseln wolle – und Vo- Bach auf der Heimorgel. Vogeltanz findet:
len Sonntagen die Orgel. Wie groß schon geltanz wurde Schwimmmeister. Gleichzei- „Musik verbindet doch!“
früh seine Begeisterung für die Königin tig brachte ihn der Unterricht bei einem Er macht das alles mit Herzblut und
der Instrumente war, zeigt sein Lernei- Kasseler Organisten auch an der Orgel schätzt sich glücklich, dass seine Freundin
fer: Ohne Klavierunterricht und aus einer weiter. die musikalischen Einsätze unterstützt.
„nicht besonders musikalischen Familie“ „Die Woche über oft auswärts arbeiten
stammend, brachte er sich an der Heimor- und am Sonntag früh aufstehen zum Or-
»Die Orgel macht die Atmo-
gel in der Jugend die ersten Stücke bei – geln, damit muss jemand auch einver-
ein wenig Trompete konnte er schon spie- sphäre im Gottesdienst.« standen sein.“ Ziemlich kontrastreich:
len und Noten lesen – und bald war er so Heute Barockmusik, und morgen muss er
weit, dass er zu kleineren Andachten als Schwimmbad-Chaoten zur Räson bringen?
Organist angefragt wurde. Dennoch war klar, dass mangels Stel- „Ich bin nicht zimperlich, wenn die Stress
Dann kam Heiligabend 2009, Vo- len die fernere Zukunft nicht etwa „Kan- machen“, sagt er.
geltanz war 19 Jahre alt und der für die tor“ heißen konnte; doch war er bald in Respekt sei am Beckenrand oft Man-
Christvesper eingeplante Musiker plötzlich der Markus- und später in der Paul-Ger- gelware – und auch betreffs Einsparungen
erkrankt. Anruf des Pfarrers: Können Sie hard-Kirche, wo er im Kirchenvorstand ist, im kirchenmusikalischen Sektor ließe sich
aushelfen? Kein Zögern, er sagte zu und als Organist so gefragt, dass er aus dem vieles bemängeln. Macht er aber nicht,
meisterte mit viel Mut den Abend in der „Ehrenamt“ herauswuchs und sich vertrag- sondern sagt zum Abschied strahlend:
vollbesetzten Kirche. „Ein echter Sprung lich fester einbinden ließ. Sonntags ist er „Die Orgel, die ist einfach das tollste In-
ins kalte Wasser?“, fragt man ihn beim Ge- nun hier oder dort im Einsatz, schätzt die strument!“ ●
spräch in der heute leeren Kirche. Er lacht. unterschiedliche Ausstrahlung der Gemein- Anne-Kathrin Stöber
Fotos: medio.tv/Schauderna
Sein Platz ist
die Orgelbank:
Organist Oliver
Vogeltanz in der
Markuskirche in Kassel
blick in die kirche | FÜR MITARBEITENDE | 4–2021 9THEMA
„Kirche geht
nicht ohne
Ehrenamt“
C
hristine Trosien (59) ist Küsterin und
Kirchenvorsteherin in Hasselroth-
Niedermittlau (Main-Kinzig-Kreis).
Seit einem Jahr gehört die dreifache Mut-
ter und Oma einer Enkeltochter dem Lan-
desküsterbeirat an. Im Interview spricht
Foto: Kilian Trosien
die leidenschaftliche Näherin und Imkerin
über ihr Engagement für die Kirche.
? Sie sind Physiotherapeutin und wa-
ren katholisch. Wie wird man da
Küsterin in einer evangelischen Kirche?
Die Altargestaltung ist nur ein kleiner Teil der Arbeit: Küsterinnen wie Christine Trosien haben
ein breites Aufgabenfeld. Im Interview erzählt sie davon.
Christine Trosien: Da kommt man dazu Trosien: Ganz klar die Begegnung mit land funktionieren. Das ist also nicht nur
wie die Jungfrau zum Kind (lacht). Ich den Menschen. Wir sind seit 2014 Offene ein Problem unserer Landeskirche.
hatte eigentlich nie viel mit Kirche am Kirche, und da erlebe ich öfter, dass Men-
Hut, aber das hat sich geändert, als mei-
ne Kinder konfirmiert wurden. Dann habe
ich selbst beim Weltgebetstag der Frauen
schen in die Kirche kommen, weil sie die
Nähe zu Gott suchen. Da hatte ich zum
Beispiel ein sehr berührendes Gespräch
? Es ist eine Frage des Geldes ….?
Trosien: Sicher auch. Aber umso wich-
tiger ist es, dass die Kirche auf die Bedürf-
mitgemacht, und irgendwann wurde ich mit einer Witwe. Mir gefällt aber auch das nisse der Ehrenamtlichen eingeht. Mir
in den Kirchenvorstand berufen. Als dann Arrangieren. Das Ganze mit der biblischen wäre zum Beispiel geholfen, wenn ich die
meine Vorgängerin in den Ruhestand Geschichte zu verbinden ist eine große Glocken von zu Hause aus programmieren
ging, habe ich mich beworben. Freude für mich. Und man kann sich mit könnte. Technisch geht so etwas. In so ei-
seinen Ideen einbringen. ner großen Organisation dauern aber Ent-
? Als Küsterin bereiten Sie den Gottes-
dienst vor; welche weiteren Aufga-
ben übernehmen Sie? ? Das heißt, Sie sind stark eingebun-
den. Sind Sie fest angestellt?
scheidungen unglaublich lang. Von ande-
ren Küstern höre ich auch die Wünsche, es
mögen freie Sonntage eingehalten werden
Trosien: Neben der Gestaltung des Altars Trosien: In erster Linie arbeite ich eh- und es solle möglichst wenig kurzfristige
mit Blumen, Kerze und dem Parament die renamtlich. Zwar habe ich einen Vertrag Änderungen durch die Pfarrer geben.
Lieder stecken und bei Feierlichkeiten wie über sechs Stunden im Monat, das macht
zum Beispiel Taufen die Taufeltern emp-
fangen. Bei uns kommt dann noch die Pro-
grammierung der Glocken hinzu, und das
ungefähr 80 Euro. Aber meistens bin ich
zehn bis fünfzehn Stunden in der Kirche
beschäftigt. Ich mache zwar im Sommer
? Sie sitzen seit 2020 im Landesküs-
terbeirat. Welche Aufgabe hat der?
Trosien: Wir sind Ansprechpartner für un-
nicht nur für die Gottesdienste, sondern einen langen, fünfwöchigen Urlaub, aber sere Kollegen in allen beruflichen Belan-
auch für die Todesfälle. mit den zusätzlichen Angeboten für Kin- gen. Fortbildungen sind unheimlich wich-
der, Konfis und Senioren kommen wir in tig, denn Küster ist ja kein Lehrberuf. Dort
? Das klingt für mich Stadtmensch et-
was fremd ...
Trosien: Wenn jemand aus der Gemeinde
unserer Gemeinde auf knapp 100 Gottes-
dienste. Das könnte die Kirche gar nicht
alles bezahlen ...
tauschen wir auch Ideen aus: zum Beispiel
für Karfreitag eine Dornenkrone mit Zwei-
gen aus der Natur mit viel Au und Weh zu
stirbt, werden bei uns im Dorf fünf Minu- winden. Die Idee habe ich von einer ande-
ten die Glocken geläutet: wochentags um
16 Uhr, sonntags um 12 Uhr. Und dann
nochmal bei den Beerdigungen. Da über-
? Was würden Sie sich wünschen?.
Trosien: Manchmal würde ich mir mehr
Wertschätzung wünschen. Ich weiß, dass
ren Küsterin übernommen. Und ich habe
wiederum meinen „Altar to go“ vorgestellt:
eine Kiste, in der alles für einen Gottes-
nehme ich das übrigens auch für die ka- unser Kirchenvorstand mir auch gerne dienst an anderen Orten enthalten ist.
tholischen Brüder und Schwestern, denn mehr Stunden bezahlen würde, aber er Angefangen von Kerze, Feuerzeug, Kreuz
die haben leider keine Glocke. hat eben nur einen kleinen Etat. Die Ge- und Hussen samt Stecknadeln und sogar
meinden fühlen sich oft in wirtschaftlicher einer Bluetooth-Box. Damit kann man aus
? Sie sind seit Ende 2014 Küsterin.
Was gefällt Ihnen an Ihrer Arbeit?
Sicht im Stich gelassen. Deshalb könnte
ohne Ehrenamt keine Kirche in Deutsch-
jedem Bierzelttisch einen Altar machen. ●
Fragen: Christine Lang-Blieffert
10THEMA
Aus dem Feuerwehrauto an den Altar
190 Prädikanten in Kurhessen-Waldeck feiern als Ehrenamtliche Gottesdienste – auch sie trifft Corona
S
ie leiten Firmen, pflegen im Kranken-
haus oder löschen hauptberuflich
Brände – und stehen in ihrer Freizeit
auf einer Kanzel, auf dem Friedhof oder
vor einem Brautpaar: 190 Prädikanten
und Prädikantinnen tun in der Evangeli-
schen Kirche von Kurhessen-Waldeck ihren
Dienst und sind, wie es Irmhild Heinicke
formuliert, ein Schatz für die Landeskirche.
Pfarrerin Heinicke ist Studienleiterin
und organisiert die Ausbildung für das
Fotos: medio.tv/Schauderna
Ehrenamt. Wer Prädikant werden möch-
te, muss einige Voraussetzungen erfüllen,
dazu gehören theologische und biblische
Kenntnisse, aber auch die Fähigkeit, seel-
sorgerliche Gespräche zu führen. Wer
vorgeschlagen und von der Bischöfin
zugelassen wird, kann die 15-monatige Einsegnung von Prädikantinnen 2019: Kreissynoden-Präses Jürgen Schmitt, Prälat Bernd Bött-
Ausbildung beginnen, die aus einer Ein- ner und Pfarrerin Irmhild Heinicke (von links) im Festgottesdienst 2019 in Schlüchtern
führungswoche, sechs Wochenenden und
zwei Studientagen besteht. matisch gewesen. Von elf Kursteilnehmern oder das Gefühl hätten, ihre Ideen seien
Prädikanten dürfen Abendmahlsgot- hätten nur zwei Abendmahlsgottesdienste nicht gefragt. Der Wunsch, auf Augenhöhe
tesdienste leiten und haben das Recht zur feiern können. Da sei noch viel nachzuho- mitzuwirken, sei da – und biete Potenzial.
freien Wortverkündigung, schreiben also len. Sie wünsche sich zum Beispiel in Koope-
ihre Predigten selbst. Wer ein Aufbaumo- rationsräumen Dienstbesprechungen mit
dul absolviert, ist auch für Taufen, Trauun- »Die Sache Jesu allen, die Gottesdienste halten.
gen und Beerdigungen qualifiziert. Corona hat dafür gesorgt, dass neue
braucht Begeisterung.«
Während Pfarrerinnen und Pfarrer Gottesdienstformen ausprobiert werden
häufig einen sehr ähnlichen Hintergrund mussten. Die Resonanz sei unterschied-
hätten, brächten Prädikanten neue, ande- Einige hätten sich aber auch mit gro- lich: Manchen Prädikanten hätten kürzere
re Aspekte in die Verkündigung ein, sagt ßem Erfolg in digitalen und anderen For- Formen sehr gefallen, andere vermissten
Heinicke. Das sieht Marita Natt genau- maten erprobt, etwa mit schriftlichen Got- den klassischen Gottesdienst. Klar sei aber,
so. Die frühere Prälatin ist Beauftragte tesdiensten an der Wäscheleine. Es habe so Natt, dass sich in der Gottesdienstland-
der Bischöfin für sich gezeigt, dass Predigtwerkstätten auch schaft etwas verändert habe und vieles
den Prädikanten- digital gut machbar seien, gerade wenn von dem Neuen auch bleiben werde.
dienst und freut sich die Gruppe schon kenne. Wenn es Die Prädikanten seien keine Lücken-
sich über die aber darum gehe, sich kennenzulernen füller, sagen beide Verantwortliche, aber
„bunte Gruppe“. und Vertrauen zueinander zu fassen, so wichtig, um zu helfen, wenn etwa eine
Als sie gefragt Heinicke, müsse man sich real treffen. Pfarrerin fünf Predigtstellen betreue. Vor
worden sei, ob Diese Verbindungen hielten auch in allem seien sie ein Schatz mit anderen Le-
sie das Ehrenamt der Krise, hat Natt beobachtet. So hätten benserfahrungen und -entwürfen.
übernehmen wol- sich Prädikanten gegenseitig ihre digitalen Natt fasst die Arbeit mit den Prädikan-
Marita Natt
le, habe sie nicht Gottesdienste zugeschickt und um Rück- ten so zusammen: „Die Sache Jesu braucht
lange gezögert, erzählt Natt: „Ich bin jeden meldungen gebeten. Begeisterung – das erlebe ich dort.“ ●
Tag dankbar, dass ich ja gesagt habe.“ Die Tatsache, dass wegen Corona viel Olaf Dellit
Wie überall, hat das Virus auch die weniger Gottesdienste gefeiert wurden, ha-
Prädikantenarbeit beeinträchtigt. „Das war be dazu geführt, dass die Prädikanten we- KONTAKT
unter Coronabedingungen sehr schwierig“, niger eingesetzt wurden, berichtet Heini- Informationen zur Prädikanten-Ausbildung
sagt Heinicke über die Ausbildung. Gera- cke. Es könne zu Frustration führen, wenn gibt Pfarrerin Irmhild Heinicke:
de mit den praktischen Teilen, also den die Ehrenamtlichen nicht in die Gottes- Mail: irmhild.heinicke@ekkw.de
Gottesdiensten in Präsenz, sei es proble- dienstkonzeptionen eingebunden würden Tel. 05671/ 881254
blick in die kirche | FÜR MITARBEITENDE | 4–2021 11THEMA
„Die Vielfalt wird nach Corona bleiben“
Pfarrerin Margit Zahn über die veränderten Formen von Gottesdiensten
A
ls Studienleiterin der Arbeitsstelle sicher leichter. Menschen sind überrascht
Foto: Eugen Sommer
Gottesdienst ist Pfarrerin Margit und neugierig, was alles möglich ist.
Zahn Expertin für alle Fragen rund Ich feiere viele Zoom-Gottesdienste mit
um den Gottesdienst. Im Interview spricht und vermute, dass da Menschen sind, die
sie über neue und klassische Formen und sonst keine Präsenzgottesdienste feiern. Es
die Frage, was nach Corona kommt. gibt jetzt eine große Bereitschaft der Kir-
che, sich zu öffnen – und umgekehrt eine
? Nehmen wir an, jemand wäre mit
Kirche überhaupt nicht vertraut und
fragt Sie: Was ist das, ein Gottesdienst?
Bereitschaft, plötzlich bei Kirche dabei zu
sein. Da gibt es sehr schöne Beispiele.
Margit Zahn: Menschen sprechen mit Gott
und kommen mit Gottes Wort in Berüh-
rung. So unterschiedlich Gottesdienste sein
? Was, glauben Sie, wird bleiben?
Zahn: Die Grundhaltung der Vielfalt
wird bleiben. Es wird nicht mehr das Bild
mögen. Das gehört dazu. des einen Gottesdienstes geben. Wenige
Gemeinden werden aus eigenen Kräften
? Ist der Gottesdienst im Leben einer
Kirchengemeinde ein Element unter
vielen oder das unstrittige Zentrum?
Zahn: Für Menschen wird der Gottesdienst
wichtig, wenn er sich mit ihrer aktuellen
Lebenssituation gut verknüpfen lässt. Ich
zu Gottesdiensten in unterschiedlichen For-
men einladen können. Vielfältig feiern, das
wird aber kooperativ und in den Regionen
Zahn: Im Leben einer Kirchengemeinde verstehe Gottesdienst da sehr weit. Es ist gehen. Das werden die Fragen sein: In wel-
passiert sehr viel mehr als Gottesdienst. nicht nur der Sonntag-10-Uhr-Gottesdienst, cher Kirche feiern wir sonntags in welchem
Aktuelle Untersuchungen zeigen aber: Ge- sondern es sind auch Beerdigungen. Oder Rhythmus klassisch weiter? Was werden
rade Menschen, die mit der Kirche wenig man findet in der Kapelle im Krankenhaus wir lassen müssen? Wo gibt es junge Leu-
in Kontakt sind, haben den Eindruck, Kir- einen schriftlichen Impuls vor oder hört ei- te, die weiter andere junge Leute digital
che – das ist Gottesdienst. Kirche wird sehr ne Andacht. einladen? Wer kann geistliche Abendspa-
stark mit dem Gottesdienst sonntagsmor- ziergänge gestalten? In der EKKW werden
gens um 10 Uhr identifiziert. Es braucht
Zeit, bis es im Blick vieler Menschen ist,
dass es längst eine große Vielfalt gibt –
? Gibt es einen Punkt, wo Sie sagen:
Das ist kein Gottesdienst mehr?
Zahn: Wichtig ist, dass es ein Gebet gibt
solche gemeinsamen gottesdienstlichen
Initiativen perspektivisch unterstützt.
gerade auch unter Corona.
Der Gottesdienst ist eine Kraftquelle
– auch für viele Aktive in den Gemeinden.
– eine Adressierung an Gott – und einen
Impuls für das eigene Leben. Kein Gottes-
dienst wäre es, wenn es der Weite und der
? Zwei Szenarien sind nach Corona
denkbar: Entweder die Leute strö-
men in die Gottesdienste, oder sie
Verantwortliche wünschen sich, dass in Zuwendung Gottes in Jesus Christus wider- haben sich an ein Leben ohne Gottes-
einem Gottesdienst möglichst alle zusam- sprechen würde. Wenn inhaltlich Dinge dienst gewöhnt. Womit rechnen Sie?
menkommen. Dieses Bild von dem einen vertreten werden, die menschenverachtend Zahn: Ich frage oft Menschen, die früher
Gottesdienst als „die Mitte der Gemeinde“ oder ausgrenzend sind, dann ist es kein regelmäßig in den Gottesdienst gekom-
verändert sich. Gottesdienst. Es ist also eher eine inhalt- men sind. Die warten sehr darauf, dass et-
liche Frage. Die Formen sind veränderbar. was wiederkommt, das fest zu ihrem Leben
? Der Gottesdienst ist also ein Aus-
hängeschild der Gemeinde?
Zahn: Der Gottesdienst ist da zentral. In ? Corona hat große Einschnitte und
Innovationen gebracht. Ist das eher
gehört. Sie werden wiederkommen. Ich be-
fürchte aber, dass die Zahl der Menschen
in Gottesdiensten kleiner werden wird.
der Außenwahrnehmung hieß es unter Co- Fortschritt oder Einschränkung? Ich habe Menschen getroffen, die Fern-
rona oft: Was ist mit den Kirchen? Was ist Zahn: Beides. Musik im Raum, gemeinsam sehgottesdienste für sich entdeckt haben,
mit den Gottesdiensten? Es war den Ge- singen, sich versammeln, Brot und Kelch von denen ich das nicht erwartet hätte.
meinden sehr wichtig, den Gottesdienst teilen – die Menschen, die das lieben, ver- Da passiert auch viel, das Menschen geist-
durchzuhalten; gerade in der Zeit, wo vie- missen viel, ich auch. Aber ich sehe auch lich stärkt. Eine Rolle spielt sicher das Ge-
les nicht stattfinden konnte. sehr viel sehr Positives. Ich war 31 Jahre fühl von Zeitgleichheit, also dass ich das
lang Gemeindepfarrerin, bin jetzt seit sie- gleichzeitig mit vielen anderen gucke. Wir
? Es verändert sich viel in der Gottes-
dienstlandschaft. Welche Entwick-
lungen beobachten Sie?
ben Jahren in der Beratung und habe er-
lebt, dass Veränderungen im Blick auf den
Gottesdienst schwergefallen sind. Das wird
müssen aber auch dem Rechnung tragen,
dass die Rhythmen der Menschen sehr un-
terschiedlich sind. ● Fragen: Olaf Dellit
12 blick in die kirche | FÜR MITARBEITENDE | 4–2021THEMA
Zwischen Kreativität und Zwangspause
Auch für Lektoren bringt die Corona-Krise neue Herausforderungen, die überall anders erlebt werden
L
ektor Manuel Haim hat auch in der
Corona-Zeit viel zu tun in seiner Kir-
chengemeinde. Zu normalen Zeiten
ist er einmal pro Monat für einen Got-
tesdienst im Einsatz, jetzt produzierte er
gemeinsam mit Dr. Sigrid Popp Video-
Kurzgottesdienste. Das ist, wie er erzählt,
viel Aufwand. Für die Bearbeitung eines
20-Minuten-Films brauche er bis zu zwei
Stunden, sagt der Informatiker.
Doch die Resonanz sei, besonders in
den ersten Monaten, gut gewesen. Gleich-
zeitig sei bei ihm und bei den Gemein-
Foto: Annika Wölfel
degliedern die Freude groß gewesen, als
es wieder Präsenzgottesdienste gab. Sich
nach zwei Monaten Pause wiederzusehen
und einfach mal zu fragen: „Wie geht es
dir?“, das sei gut und wichtig. Froh über die vielen Möglichkeiten in der Gemeinde: Manuel Haim ist Lektor in der Marburger
Nicht überall werden Lektoren und Markuskirchengemeinde, aber auch Kirchenvorsteher und stellvertretender Organist
Lektorinnen in Pandemiezeiten so gut in
die Arbeit einbezogen wie in Haims Mar- auch neue Herausforderungen, sagt Uwe manchmal, wenn die Vorlage passt, lese er
kusgemeinde in Marburg, bemängeln Su- Degenhardt und erzählt von einer Lektorin sie auch komplett so vor.
sanne Stoklasa und Uwe Degenhardt, die in der Ausbildung, die sich keinen Compu- Haim ist Lektor, aber auch im Kirchen-
die Lektorenarbeit der Landeskirche leiten. ter für die Online-Seminare leisten könne vorstand und an der Orgel aktiv, bei der
Es gebe Gemeinden, wo Lektoren während und ihr Handy nutzen müsse. Da wünsche Gestaltung der Internetseite bringt der
Corona keine Gottesdienste feiern durften. er sich mehr Unterstützung für die Arbeit. 38-Jährige sein Fachwissen ein. Das sei
Einige hätten sich aber auch wegen Ge- eher die Regel bei Lektoren, so Stoklasa,
sundheitsbedenken selbst zurückgezogen. »Die Lektorenarbeit ist viele hätten auch andere Ehrenämter.
Wieder andere entwickelten große Kre- Ihre Bedeutung dürfte in Zukunft eher
eine Erfolgsgeschichte.«
ativität und arbeiteten flexibel mit, sagt noch wachsen, so werden Lektoren ab
Stoklasa, etwa bei Online-Formaten. Unter 2022 voraussichtlich auch Abendmahls-
den 721 Lektoren der EKKW gebe es ei- Lektoren haben im Gegensatz zu Prä- gottesdienste halten dürfen. Für Uwe
ne große Bandbreite, erzählt Degenhardt, dikanten (siehe Seite 11) nicht das Recht Degenhardt ist klar: „Die Lektorenarbeit
sie seien sehr unterschiedlicher Herkunft zur freien Wortverkündigung, sie schreiben in Kurhessen-Waldeck ist eine Erfolgsge-
und hätten diverse Hintergründe. Und das ihre Predigten nicht selbst, sondern nutzen schichte.“ Diesen Satz würde Manuel Haim
spiegele sich auch in den Ansichten wäh- spezielle Lektorenpredigten. Das bedeutet sicher unterstreichen. Er sagt: „Ich freue
rend Corona: Einige bevorzugten den klas- aber nicht, dass die Männer und Frauen mich, in der Gemeinde so viele Möglich-
sischen Gottesdienst, andere freuten sich einfach einen Text vorlesen. Bevor sie auf keiten zu haben, mich auszuprobieren.“ ●
über neue (Kurz-)Formen. Doch es gebe die Kanzel steigen, eignen sie sich den Olaf Dellit
Text an, erklärt Stoklasa. Der rote Faden
der Lektorenpredigt soll erhalten bleiben, NEUE KURSE IM HERBST 2021
aber eigene Beispiele eingefügt, eigene
Worte gefunden werden. „Das muss in Neue Ausbildungskurse für Lektoren und
einen guten Einklang kommen“, sagt sie. Lektorinnen beginnen im September 2021
Foto: medio.tv/Simmen
in Schwalmstadt und in Bad Hersfeld. Uwe
Diese Arbeit kann bei Manuel Haim
Degenhardt weist darauf hin, dass in den
bis zu acht Stunden dauern, erzählt er. Er
Kursen noch Plätze frei sind.
sehe sich den Predigttext und mehrere Lek- Kontakt unter
torenpredigten – auch ältere – an. Einlei- uwe.degenhardt@ekkw de
tung und Schluss formuliere er fast immer Tel. 0561/ 9378 401
Experten für Lektorenarbeit: Susanne Sto-
klasa und Uwe Degenhardt (Archivbild) selbst, manchmal setze er seine Predigt susanne.stoklasa@ekkw.de
aus fünf, sechs Vorlagen zusammen. Und Tel. 0561/ 9378437
blick in die kirche | FÜR MITARBEITENDE | 4–2021 13LANDESKIRCHE
„Bonhoeffer hätte da nicht mitgemacht“
Journalist Arnd Henze über Querdenker, die sich in Bonhoeffers Tradition sehen
A
rnd Henze, 59, ist Reporter Nachdenken gebracht hat. Sie sind zu
und Redakteur beim Westdeut- belanglosen, kitschigen Kalenderweishei-
schen Rundfunk mit Schwer- ten geworden, die man auf irgendwelche
punkt investigativer Journalismus. Henze bunten Bildchen von Frühlingslandschaf-
ist verheiratet und Vater von drei Kin- ten gesetzt hat.
dern. Als Synodaler der EKD und seiner Wenn man etwas so aus dem Zusam-
Landeskirche engagiert er sich ehren- menhang reißt, wird es beliebig, und jeder
amtlich. Er hat sich damit befasst, wie kann es vereinnahmen, wenn er sich mit
sogenannte Querdenker Dietrich Bon- dem großen Namen Bonhoeffer schmü-
hoeffer für sich zu vereinnahmen suchen. cken will. Dann kann es einen nicht mehr
wundern, dass die AfD genauso „Von gu-
?
Foto: Solveig Böhl
Können Sie sich vorstellen, dass ten Mächten wunderbar geborgen“ auf ih-
Dietrich Bonhoeffer heute bei einer re Facebook-Kachel setzt, wie das Kirchen-
Querdenker-Demo mitliefe? gemeinden machen.
Arnd Henze: Das halte ich für ausge-
schlossen. Dietrich Bonhoeffer hat sich
in seinem Denken, seinem Handeln und
in seiner Theologie immer an der Realität
? Sie beobachten einen längeren Pro-
zess am rechten Rand, sich Bonhoef-
fer einzuverleiben. Begonnen habe das
ren die Geschichte so um, dass es eine
Kontinuität gibt von der NS-Diktatur über
die SED-Diktatur bis zur „Merkel-Diktatur“
orientiert – und nicht umgekehrt sein Den- in den USA. Wie funktionierte das? und dem „rot-grünen Zeitgeist“ heute.
ken oder seine Theologie einer Ideologie Henze: Ein sehr prominenter Autor, Eric Umgekehrt zieht man eine Traditionsli-
untergeordnet –, sodass er diesen Mix aus Metaxa, hat eine Biografie geschrie- nie von der Bekennenden Kirche und dem
Realitätsverweigerung, Verschwörungs- ben und versucht, Bonhoeffer zu einem Widerstand gegen Hitler über die, die in
ideologien und Ressentiments niemals Evangelikalen umzudeuten. Das wirkte der DDR Widerstand geleistet haben, bis
mitgemacht hätte. zunächst innerkirchlich, aber Metaxa ist zu denen, die heute gegen die „Merkel-Dik-
dann durch die Talkshows gezogen und tatur“ Widerstand leisten. Als diese Stra-
? Trotzdem stellen sich Menschen aus
dieser Szene in die Bonhoeffer-Tradi-
tion. Wie kommt das zustande?
hat die aktuelle Situation in den USA –
damals noch unter Obama – als eine Lage
beschrieben, in der man so wie Bonhoeffer
tegie von der AfD festgeschrieben wurde,
hat man das auch in Kirchenkreisen für
abstrus gehalten. Man hätte es viel ernster
Henze: Es ist ein völlig sinnentleertes Widerstand leisten müsse. Als es dann um nehmen und erkennen müssen, dass man
Widerstands-Pathos, das schon lange vor die Frage Donald Trump oder Hillary Clin- sich nur mit einer ganz starken Erinne-
Corona in rechten Kreisen gepflegt wurde. ton ging, war es Metaxa, der der evangeli- rungskultur gegen diese Geschichtsverfäl-
Man hat versucht, alle denkbaren Wider- kalen Szene sagte: Trump ist das geringere schung wehren kann. Und nachdem man
stands-Traditionen von der Bekennenden Übel, und wir sind in einem „Bonhoeffer- dieses Terrain freigegeben hatte, durfte
Kirche über die Friedliche Revolution in Moment“ und müssen das Richtige tun, man sich nicht wundern, dass die Quer-
der DDR, Mahatma Gandhi bis zur Bür- um etwas ganz Furchtbares zu verhindern. denker auf diesen Zug aufgesprungen sind
gerrechtsbewegung in den USA für seine Er hat wörtlich vor „Hitlery “ Clinton ge- und den „Widerstand“ gegen die Corona-
eigenen, kruden Ziele zu vereinnahmen. warnt, ein Wortspiel aus Hillary und Hitler. Politik in diese Tradition einreihen.
Das liegt allerdings auch daran, dass diese Das hat sich in der evangelikalen Szene
Traditionen oft so verkitscht wurden, dass
man den inhaltlichen Kern gar nicht mehr
stark gemacht hat.
durchgesetzt: eine Gleichsetzung von Wi-
derstand gegen den Zeitgeist und Trump
als Retter gegen alles Böse.
? Eine Gruppe nennt sich „Christen im
Widerstand“ – das ist genau das?
Henze: Man muss unterscheiden. Es gibt
extrem apokalyptisch geprägte, eher sek-
? Sie sagen, der Protestantismus habe
Bonhoeffer trivialisiert und seine
Theologie ausgehöhlt.
? „Widerstand gegen den Zeitgeist“
– ist da auch eine Verbindung nach
Deutschland, zum Beispiel zur AfD?
tiererisch geprägte Gruppen am Rande.
Aber es gibt auch aus der Mitte von Kir-
chengemeinden und aus dem kirchlichen
Henze: Seine berühmten Zitate, die wir Henze: Wir müssen uns klar machen, dass Bildungsbürgertum eine Reihe von Quer-
alle kennen, sind in den letzten Jahren die von der AfD propagierte „180-Grad- denker-Aktivitäten.
nicht mehr eingeordnet worden als das, Wende in der Erinnerungspolitik“ eine
was Bonhoeffer in den 1930er-Jahren ge-
prägt, immer wieder verändert und zum
kampfstrategische Herangehensweise ist.
Dort wurde ganz früh gesagt: Wir definie- ? Was kann man gegen diesen Miss-
brauch von Bonhoeffer tun?
14 blick in die kirche | FÜR MITARBEITENDE | 4–2021Sie können auch lesen