EVIMPULS - Angekommen Wir sind
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EVIMPULS
Das Magazin über unsere Arbeit. März 2023
Wir sind
Angekommen
>> Seite 17
Schnuppertage in der Kita für Henry Himmel über Charkiw von Wiesbaden aus gesehen Das Podcast-Team der Reha-Werkstatt
>> Seite 5 >> Seite 8 >> Seite 13Vorwort
Arbeit sein.“ Oder mit dem EVIM Leitbild
gesprochen: Im Mittelpunkt steht der INHALT
einzelne Mensch!
Vorwort 2
Dieses Magazin schlägt wie immer einen
weiten Bogen: Von den bedrückenden Berichte über unsere Arbeit 3
Erfahrungsberichten der unmittelbar
vom Krieg Betroffenen bis zu uns, die Magazin-Spezial
wir indirekt mit den Konsequenzen um-
Angekommen! 17
zugehen haben und unseren Umgang
mit der Energie verändern müssen und
wollen (Ausbau von Photovoltaik!). Vor Berichte über unsere Arbeit 25
allem sind wir dankbar, dass nach den
Entbehrungen der Corona-Zeit wieder EVIM sagt DANKE! 27
Möglichkeiten des persönlichen Aus-
tauschs gegeben sind, seien es Reisen
Liebe Leserin, lieber Leser! in andere Länder oder Projekte, die die EVIMPULS Nr. 1/2023,
Zukunft in den Blick nehmen oder die März 2023
Herausgeber:
„Das war mein Glück“ – so resümiert digitale Kompetenz älterer oder beein- Ev. Verein für Innere Mission in Nassau (EVIM)
eine EVIM Mitarbeiterin ihren beruflichen trächtigter Menschen stärken. Und dass Auguste-Viktoria-Str. 16 • 65185 Wiesbaden
Tel. 0611 99009 0
Werdegang bei uns in der Serie „Ich bin Inklusion bereits in unseren Kitas beginnt
Verantwortl. i.S.d.P.:
angekommen“ in diesem Magazin. Ein und zur Schule und Kita beruflich Rei- Pfarrer Matthias Loyal, Vorstandsvorsitzender
Weg als Quereinsteigerin mit steter Wei- sender auch ein Fahrsicherheitstraining Redaktion:
Matthias Loyal, Heide Künanz (hk) (verant-
terentwicklung, verbunden mit mancher- gehört, erfahren Sie auch.
wortlich)
lei Herausforderungen. Ein Rückblick in Mitarbeit an dieser Ausgabe:
Dankbarkeit verbunden mit dem festen Das, was Sie in diesem Magazin nicht Anja Baumgart-Pietsch (abp), Annette Eichholz
(ae), Simon Giller (sg), Hendrik Jung (hej),
Willen, sich neuen Aufgaben zu stellen, finden, können Sie gern auch auf unse- Almuth Kerckhoff (ak), Matthias Pieren (mp),
Torsten Rudloff (tr) Marietta Wissmann (mw)
denn Ankommen heißt nicht Stehen- rer Homepage www.evim.de nachlesen.
Satz/Layout:
bleiben! Es ist für EVIM ein „Glücksfall“, Oder auch in der EVIM App! Christian Mentzel, cmuk
mit solchen Mitarbeitenden arbeiten zu Druck:
dürfen und den wachsenden Herausfor- „Ich habe bei EVIM etwas gefunden, PUSH! Medienservice KG
Auflage:
derungen begegnen zu können. wonach ich nie gesucht hätte, was mir
3.200
aber supergut gefällt.“ (Sabine Hanstein Fotos:
In einer Zeit, wo die Nachfrage nach – EVIM Mitarbeiterin) Titel: Illustration – Sophie Beidin; großes Foto
Mitte – Matthias Pieren, großes Foto rechts –
unseren Angeboten stetig wächst, die Carsten Simon, kleines Foto links – Carsten Si-
Kommunikation mit Klient:innen, Mitar- Ich wünsche Ihnen eine anregende und mon, kleines Foto Mitte und rechts – EVIM; S.
2: Arne Landwehr; S. 3-4: EVIM; S. 5: Carsten
beitenden und Angehörigen durch den spannende Lektüre! Simon; S. 6-7: EVIM; S. 8-10: Hendrik Jung;
S. 11-15: EVIM; S. 17, Foto links: privat; Foto
digitalen Wandel neue Formate erfordert Mitte und rechts: EVIM; S. 18: Sophie Beidin;
und die Vielfalt (Diversität) immer größer Mit freundlichen Grüßen S. 19: EVIM; S. 20: privat; S. 21: Carsten Si-
mon; S. 22: EVIM; S. 23: Matthias Pieren; S.
wird, ist es gut zu wissen und sich in 25-26: EVIM; S. 27: humaq; S. 28: EVIM; S.
29: Foto oben EVIM; S. 29: Foto unten – Deut-
der Haltung einig zu sein, wie sie eine Matthias Loyal
sche Post; S. 31: EVIM
andere Mitarbeitende resümiert: „Es war EVIM Vorstandsvorsitzender
soziale Arbeit und es wird immer soziale
Gefällt mir!
Besuchen Sie uns auf:
www.facebook.com/evim.wiesbaden
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EVIMPULSBerichte
Berichte über unsere Arbeit
n EVIM durch die Mitarbeitenden voraus, um
bestmöglich erfolgreich zu sein. „Hier
Energieverbrauch – auf sind wir alle angesprochen, unser Nut-
uns alle kommt es an zerverhalten zu hinterfragen und ge-
gebenenfalls zu ändern“, so Jörg Wie-
Sparsam mit Ressourcen umzuge- gand.
hen und den Energieverbrauch zu
senken sind Themen, die bei EVIM Teil der Gesamtstrategie
ganz oben auf der Agenda stehen.
Das hat auch mit den Auswirkun- Das Thema Nachhaltigkeit ist zudem in
gen der Energiekrise zu tun, aber der laufenden Strategieentwicklung von
nicht nur. EVIM eingebettet und umfasst noch viel
mehr. Durch ein kluges Einkaufsverhal-
„Die Endlichkeit unserer Ressourcen ten könne man zum Beispiel mit dazu
wird uns dramatisch vor Augen ge- beitragen, den Energieverbrauch an-
stellt“, so der EVIM Vorstand, der zu- derer zu senken. Ganz praktisch gehe
sammen mit den Geschäftsbereichen es zum Beispiel darum zu hinterfragen,
und Einrichtungen und insbesondere Ausbau der Photovoltaik ob jeder wiederzubeschaffende Artikel
mit den beiden Fachabteilungen Immo-
bilien seit Wochen an Plänen und Szena- Aber auch der Einsatz von Photovoltaik
rien arbeitet, wie der Energieverbrauch spielt bei den Energiesparmaßnahmen
in den 20 größten Einrichtungen und an eine wichtige Rolle. „Auf dem Dach
zahlreichen kleineren Standorten des des EVIM Lindenhauses an der Mainzer
Vereins gesenkt werden kann. Dafür Straße in Wiesbaden hat eine Photovol-
wurden konkrete Maßnahmen eingelei- taik ihren Betrieb aufgenommen, die
tet bzw. umgesetzt, wie zum Beispiel auch für unsere Geschäftsstelle Strom
der Einsatz von LED-Beleuchtungen produziert“, berichtet Jörg Wiegand,
und neuer Thermostate. Bereits im Au- EVIM Kaufmännischer Vorstand. Weite-
gust wurden die Grundeinstellungen re Einsatzmöglichkeiten für Photovolta-
der Heizungsanlagen (Vorlauftempera- ik-Anlagen werden derzeit geprüft. „Wir
tur, Raumtemperatur, Nachtabsenkung, haben im vergangenen Jahr erhebliche
Schaltzeiten, Brauchwarmwassertem- Aufwendungen für den Ausbau von Pho-
peratur, etc.) überprüft und neu einge- tovoltaik getätigt. Eine weitere Anlage
stellt. Der Erfolg der Maßnahmen kann wurde noch Ende Dezember auf dem
allerdings erst Ende der Heizperiode Appartmenthaus des ServiceWohnen
bemessen werden. für Senioren in der Johannes-Brahms- wie Handy oder Auto tatsächlich zum
Straße 15a in Wiesbaden in Betrieb ge- aktuellen Zeitpunkt sinnvoll sei. „Wir
nommen. Bis zu vier weitere Anlagen sind uns sicher, dass es hier viele gute
sind in 2023 geplant.“ Bei Neubauten Ideen gibt, die allerdings immer in der
strebe EVIM schon seit längerer Zeit konkreten Situation der Einrichtungen
energiesparendes Bauen an. „Schwieri- unter Berücksichtigung des Wohles der
ger ist es bei der Sanierung von Altbe- Klienten abgewogen werden müssen“,
stand, aber auch hier werden mögliche so der Vorstand. „Der nachhaltige Um-
Maßnahmen immer wieder geprüft“, gang mit unseren Ressourcen bleibt
hebt Jörg Wiegand hervor. auch für EVIM ein zentrales Thema. Die
aktuelle Situation hat dazu beigetra-
Viele Maßnahmen setzen auch die acht- gen, uns alle neu dafür zu sensibilisie-
same und wirkungsvolle Unterstützung ren.“ (hk)
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Berichte über unsere Arbeit
n EVIM Jugendhilfe Präventionsarbeit schließt, sagt Son-
ja Pfleger, Regionalleitung Mainz der
Chancengleichheit bei EVIM Jugendhilfe. Denn die Hilfe setzt
Schulbeginn zu einem Zeitpunkt an, bevor Prob-
lemlagen sich verfestigen könnten. Die
Nicht allen Kindern fällt der Übergang Fachexpertin hatte das Projekt 2009
vom Kindergarten in die Grundschule federführend auf den Weg gebracht. Es
leicht. Manche brauchen etwas mehr sei ein „sehr frühzeitiges“ Hilfsangebot,
Unterstützung, damit sie vom ersten das dazu beitragen kann, Kindern das
Schultag an gut zurechtkommen kön- Gefühl von Ausgegrenztheit und Angst
Foto (v.l.n.r.): Judith Horst, Nima
nen. Das Projekt „Chancengleichheit vor dem Scheitern zu ersparen.
Haghighat, Sonja Pfleger
bei Schulbeginn“ der Ambulanten Hil-
fen Mainz der EVIM Jugendhilfe ent- Den ganzen Klassenverband lor in Erziehungswissenschaften vor.
stand aus einer Kooperation mit der im Blick Da ihr das Thema Bildungsgerechtig-
Mainzer Bürgerstiftung vertreten durch keit besonders am Herzen liegt, passt
Dr. Wolfgang Petereit. Deren finanziel- Ein Team aus Pädagogik- und Lehramts- das Projekt perfekt. Zwei Tage in der
le Unterstützung machte die Projekt- Student:innen sowie Fachkräften der Woche ist sie als Schulassistentin für
arbeit bis heute möglich. Damit auch EVIM Jugendhilfe begleitet das Projekt. jeweils vier Stunden in einer Klasse.
in Zukunft möglichst vielen Kindern „Wir schauen genau hin, um mögliche „Für die Kinder gehören wir praktisch
geholfen werden kann, suchen die Ak- Problemlagen für das Kind, die Klasse dazu. Sie kommen mit ihren Fragen zu
teure weitere Sponsoren. und die Gemeinschaft gar nicht erst uns und wissen, dass wir ihnen helfen
aufkommen zu lassen. Unser Ansatz ist, können“, berichten beide. Wie wichtig
Das Projekt wird zum 14. Mal in Fol- dem Kind zu helfen, seine Ressourcen diese Unterstützung für Kinder ist, die
ge und auch in diesem Jahr an fünf zu erkennen, es zu fördern und Kern- zum Beispiel kaum Deutsch sprechen,
Mainzer Grundschulen durchgeführt. kompetenzen im laufenden Schulalltag erlebt Judith Horst immer wieder: „Wer
Schulassistent:innen betreuen wäh- zu stärken“, hebt Sonja Pfleger hervor. die Aufgaben nicht versteht, kann auch
rend des ersten Schuljahres Kinder Die Art der Begleitung sei so konzipiert, keine Fragen formulieren und findet
in ihrem Klassenverband, die Schwie- dass eine Stigmatisierung des Kindes den Anschluss nicht.“ Erfolgserlebnisse
rigkeiten haben, die Anforderungen von vornherein ausgeschlossen ist. seien daher nicht nur bessere Leistun-
im ungewohnten Schulalltag zu meis- „Wir haben die ganze Klassengemein- gen, sondern auch, wenn Freundschaf-
tern. Damit verhilft das Projekt ihnen schaft im Blick. Im besten Fall merkt ten zwischen den Kindern entstehen.
zu mehr Chancengleichheit – wie es das Kind gar nicht, dass jemand für es „Oder wenn ein Kind den Schulassis-
im Projektnamen heißt – vom ersten da ist“, ergänzt Nima Haghighat, der tenten zu anderen schickt, weil es in-
Schultag an. Das Besondere an diesem Koordinator des Projekts. Der 37jäh- zwischen allein zurechtkommt“, wie
Angebot ist, dass es eine Lücke in der rige hatte Erziehungswissenschaften Nima Haghighat selbst erlebt hat und
und Philosophie studiert und beruflich schmunzelnd berichtet.
mit beeinträchtigten Kindern gearbei-
tet. Während der Corona-Zeit wechsel- Die begleiteten Kinder spüren, dass ih-
te er zu EVIM. „Das Projekt hat mich nen der Schulalltag mit der Assistenz
von Beginn an fasziniert“, so der Ko- leichter fällt. Davon zeugen nicht nur
ordinator, der auch als Schulassistent ihre Zeichnungen (Foto), sondern auch
im Einsatz war. Die für ihn bedeutsa- die Evaluationsberichte. Zum Halbjahr
me Forderung der Humanisten nach schreiben die Schülerassistenzen zum
einer „allgemeinen Bildung für alle“ Entwicklungsstand und dem Verlauf
sieht er darin besonders gut verwirk- in der Zusammenarbeit jeweils einen
licht. Er ist sehr froh, dass Menschen Bericht. Für das zweite Schulhalbjahr
wie Judith Horst mit im Team sind. Die kann eine Verlängerung der Begleitung
25jähre bereitet sich auf ihren Bache- eines Kindes beantragt werden. In der
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Berichte über unsere Arbeit
Vergangenheit wurde eine Weiterfüh- n EVIM Bildung Kinder beruflich Reisender“ (KfbR) von
rung immer gewährt, was aus pädago- EVIM – einzigartig in Deutschland.
gischer Sicht ein wahrer Segen ist, da Schnuppertage in der Kita
sich die Unterstützung am Bedarf des für Henry Eine ganz neue Erfahrung
Kindes orientiert.
Mit einem Küsschen verabschiedet sich Eine Schule für die Kinder von Schau-
Eine hohe Erfolgsquote Henry von seiner Mama Marilyn Levy. stellern und Zirkusartisten betreibt
„Hab dich lieb“, sagt der Fünfjährige. EVIM schon länger, diese muss auch
Wie sinnvoll diese frühzeitige Präven- Marilyn Levy übergibt den Fünfjährigen im Auftrag des Kultusministeriums
tionsarbeit ist, zeigt die Erfolgsquote. von ihrem Arm auf den von Theresa vorgehalten werden, denn natürlich
Bisher konnte 120 Erstklässler:innen Saup, bevor sie wieder zu ihrem Backwa- besteht auch für diese Kinder Schul-
geholfen werden. „Bislang haben 92,5 ren- und Glühweinstand auf dem Wies- pflicht. Die Kita hingegen ist ein frei-
Prozent der geförderten Kinder die badener Sternschnuppenmarkt eilt. Sie williges Angebot, es wird zurzeit als
Versetzung geschafft“, berichtet Sonja gehört zur Wiesbadener Schausteller- Pilotprojekt wissenschaftlich begleitet.
Pfleger. In der Praxis habe Judith Horst familie Schramm-Störtz, die zahlreiche Theresa Saup bekräftigt den vorschu-
allerdings auch erkannt, wie schwer es Stände auf den Märkten und Kirmes- lischen Bildungsauftrag: „Was wir ma-
ist, echte Chancengerechtigkeit für alle plätzen der Region betreut. Das bedeu- chen, ist nicht nur Kinderbetreuung,
förderungswürdigen Kinder umzuset- tet ein Leben als „beruflich Reisende“, sondern dient der frühkindlichen Bil-
zen: „Das braucht Zeit.“ Da der Bedarf also genau die Zielgruppe der „Kita für dung.“ Henry ist dabei ein besonderes
wächst, wären Schulassistenten in je-
der Klasse ideal, bestätigt auch Sonja
Pfleger. Doch dafür braucht das aus-
schließlich spendenfinanzierte Projekt
weitere und so engagierte Unterstützer
wie die Mainzer Bürgerstiftung, die im
Schuljahr 2022/23 rund 23.000 Euro in
die Förderung der Grundschüler:innen
investiert. „Dafür sind wir von Herzen
dankbar“, würdigt Sonja Pfleger die
wertvolle, stetige Hilfe.
Die Begleitung pro Schule kostet im
Jahr 5.000 Euro. Das sind ca. 200
Stunden pädagogische Begleitung für
zwei Kinder im ersten Schulhalbjahr
und ein Kind im zweiten Schulhalbjahr.
Um das langfristig angelegte Projekt
auch in Zukunft zu sichern, suchen die
Akteure weiter Spenden und Förderer,
die den jüngsten Schulkindern von Be-
ginn an bessere Startbedingungen ver-
schaffen wollen. (hk)
Möchten Sie unser Projekt unter-
stützen? Ihre Ansprechpartnerin
ist Frau Sonja Pfleger.
Mobil: +49(0)152 09 82 19 82
oder E-Mail: sonja.pfleger@evim.de
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Berichte über unsere Arbeit
Inklusion wird bei EVIM gelebt n EVIM Bildung
Marilyn Levy, eine Frau mit viel posi- „Vorlesen braucht Vorbilder“
tiver Energie, möchte, dass ihr Sohn
möglichst inklusiv aufwächst. „Mir Mit einer Vorlesestunde in digi-
ist es oft nahegelegt worden, ihn in taler Form in der Kita für Kin-
eine Institution zu geben. Aber ich der beruflich Reisender mach-
möchte, dass er unter allen anderen te Staatsminister Kai Klose am
Kindern aufwächst und seine eige- „Bundesweiten Vorlesetag“, einer
nen Stärken entwickeln kann.“ Die Initiative der Stiftung Lesen, der
Kinder der Kita Emser Straße, sagt Wochenzeitung „Die Zeit“ und
deren Leiterin Birgit Fetz-Kappus, der Deutsche Bahn Stiftung, dort
hätten damit überhaupt keine Prob- darauf aufmerksam, wie wich-
leme. „Alle freuen sich, wenn Henry tig Vorlesen und Lesen für die
da ist und helfen ihm bei allem, was Sprachkompetenz und damit für
er nicht selbst kann.“ Bei unserem die gesamte Entwicklung von Kin-
Besuch wird gerade ein großer Lego- dern sind.
Turm gebaut, während andere Kinder
am Tisch bunte Plätzchen verzieren „Vorlesen stärkt das Sprachvermö-
– Henry robbt sofort zur Legogruppe gen, weckt die Neugier auf Geschrie-
Kind: Der Kleine hat die angeborene und sagt den anderen, welche Stei- benes und ist darüber hinaus wichtig
Muskelerkrankung „AMC“ (Arthrogry- ne sie für ihn verbauen sollen. Das für die emotionale Entwicklung. Mit
posis multiplex congenita), die dazu ist gar keine große Sache: Die Kin- kaum einer anderen Tätigkeit kann
führt, dass er weder Arme noch Beine der helfen ihm einfach. „Und so war man Kinder so wirksam und umfas-
richtig bewegen kann. Eins von 3000 das jeden Tag. Henry war da und es send fördern“, erklärt der Staatsmi-
Kindern ist betroffen, sagt die Statis- war gut“, sagt Fetz-Kappus. There- nister.
tik. Henry kann aber prima über den sa Saup begleitet ihn in der Kita, die
Boden robben, mit dem Mund Dinge auch an den meisten Tagen einen Als Lektüre hat er den Kindern das
festhalten. Vor allem aber ist er ein Besuch auf einem der nahegelege- Buch „Kleiner Löwe, großer Mut“ von
strahlendes, freundliches und selbst- nen Spielplätze macht, denn ein Au- Tom Belz und Carolin Helm vorab in
bewusstes Kind, das sich gut in eine ßengelände gibt es hier nicht, aber einem Päckchen zugesendet, bevor
Gruppe integrieren kann. Und damit er genug Auswahl in der Nähe. Henry es in diesem Jahr in ganz besonde-
diese Erfahrung machen kann, so lan- muss man tragen, aber auch das ist rer Form vorgelesen wird. Denn in
ge seine Mutter auf dem Weihnachts- kein Problem. Dass er an allen Grup- den herausfordernden Zeiten ist es
markt Waffeln und Punsch verkauft penaktivitäten so selbstverständlich erforderlich, neue (digitale) Wege
– immerhin vier Wochen im Gegen- teilnehmen, unter Gleichaltrigen zu gehen und damit möglichst viele
satz zu den meisten anderen Märkten den Kita-Alltag kennen lernen und Familien auf die Bedeutung der früh-
- hat die KfbR, die sonst mit einem auch erste Freundschaften schließen kindlichen Leseförderung aufmerk-
Wohnmobil auf die Festplätze kommt kann, ist für den Sohn der Schau- sam zu machen und sie mit prakti-
und dort ihr Angebot macht, für ihn stellerfamilie, die immer unterwegs schen Alltagstipps zu unterstützen.
eine ganz spezielle Regelung verein- ist, etwas sehr Wertvolles. Dafür sind Die Nutzung der digitalen Möglichkei-
baren können: Henry kann einige Tage die Eltern, deren ältere Tochter das ten beim diesjährigen Vorlesetag ist
pro Woche in der neuen Wiesbadener EVIM-Schulangebot für Kinder be- als eine besondere Unterstützung der
EVIM-Kita in der Emser Straße ver- ruflich Reisender wahrnimmt, sehr Sprachförderung für alle Kinder zu
bringen. Später könnte er, so hofft zu- dankbar. Und die Kita-Kinder lernen sehen und trägt dazu bei, technische
mindest seine Mutter, in den USA eine auch von Henry, unterstreicht Birgit Elemente auch in den pädagogischen
Operation erhalten, die ihm vielleicht Fetz-Kappus. (abp) Einsatz zu bringen. Ziel soll es sein,
das Laufen ermöglichen wird. die kindliche Freude an der Kommu-
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EVIMPULSBerichte
Berichte über unsere Arbeit
nikation zu wecken und die sie beim
Verstehen zu unterstützen.
Unter dem Jahresmotto „Gemeinsam
einzigartig“ wurde die Vielfalt unse-
rer Gesellschaft und das Vorlesen
gefeiert und ein aktuelles gesamtge-
sellschaftliches Thema ausgegriffen,
das von den beteiligten Kinderta-
geseinrichtungen in das Konzept des
Vorlesetages beispielhaft eingebettet
wurde. So konnten die Kinder zum
Beispiel begleitende Aktionen, Rol-
lenspiele zum Thema selbst erleben.
„Vorlesen und Lesen sind wichtige
Elemente, um Phantasie und Krea-
tivität anzuregen sowie die Aufnah-
me komplexer Sachverhalte einzu-
üben und den Wortschatz der Kinder Löwenstarker Vorlesetag. Sechs Kinder
auszubauen.“ Kinder, denen häufig waren in zwei Kita-Mobilen (hier mit Pro-
vorgelesen werde, könnten sich bes- jektleiterin Theresa Saup) an Standorten
in Wiesbaden und Gießen dabei und zum
ser konzentrieren und ausdrücken.
Teil auch aus den Wohnwägen der Eltern
(HSM) von unterwegs zugeschaltet.
„Die Jüngsten in der Kita für Kinder beruflich Reisender haben in den Wochen vor
dem Vorlesetag viel gebastelt und die einzigartigen Löwen dem Staatsminister heute
stolz präsentiert“, berichtet Theresa Saup, Projektleiterin der Kita für Kinder beruflich
Reisender. Ein toller Vorlesetag-Löwe für den Minister!
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Berichte über unsere Arbeit
Der Himmel über Charkiw die Einschläge“. So unterschiedlich druckter Form erschienen. Anders als
von Wiesbaden aus gese- die Eindrücke des Autors sind, den es die deutsche Übersetzung, aus der Dr.
hen am Tag des russischen Einmarschs in Andreas Lukas genauso gefühlvoll und
seine Heimatstadt gezogen hat, so lebhaft vorträgt, wie Ostapenko. „Wir
Der EVIM Abteilung Freiwilliges häufig wiederholt sich sein Fazit. Zu- Ukrainer haben zwei Leben, tagsüber
Engagement gelingt am Vorlese- nächst ist es Zhadan darin wichtig zu arbeiten wir daran, uns zu integrieren
tag ein besonderer Coup mit einer betonen, dass die Ukraine noch Herr und die Sprache zu lernen. Danach
deutsch-ukrainischen Lesung aus im Hause ist. Viele Einträge enden versuchen wir herauszufinden, wie es
Serhij Zhadans Nachrichten vom mit dem Satz: „Über der Stadt we- unseren Freunden und Familien geht“,
Überleben im Krieg. Untermalt hen unsere Flaggen“. Später verweist erläutert die vierfache Mutter in engli-
wird die Veranstaltung im Studio er mehrfach darauf, dass die Ukraine scher Sprache. Sie hat auch eine ein-
ZR6 durch Musik russischer und am nächsten Morgen dem Sieg wie- fache Erklärung dafür, warum Zhadan
ukrainischer Komponisten. der einen Tag näher ist. bislang keine Zeit hatte, seine Beob-
achtungen als Buch zu veröffentlichen.
Im März berichtet Zhadan davon, Zwei Leben „Er hat Autos organisiert, die dringend
dass in Charkiw die Schneekap- benötigt werden, um Verletzte zu
pen von den Dächern fallen und der So oft verwendet er diese Formulie- transportieren“, erklärt Ostapenko.
Frühling in der Metropole im Osten rungen, dass sogar Gäste, die des
der Ukraine ist, aber eben auch der Ukrainischen nicht mächtig sind, sie Musik grenzenlos
Krieg. Im April beobachtet er, dass schon bald ebenfalls in den Passagen
im Zentrum der Stadt nun sogar entdecken können, die Hanna Ost- Die aktuelle Situation in Charkiw kennt
Wolf und Waschbär in ihren Zooge- apenko in ihrer Heimatsprache vor- Wenceslav Schlaghof bestens, weil er
hegen unter Raketenbeschuss gera- trägt. Die Lehrerin aus Kiew hat sie mit seinen Freunden dort in Kontakt
ten. Im Juni meldet sich fast jeden direkt aus den Facebook-Einträgen steht. „Sie haben keinen Strom, kei-
Tag ein Freund oder Bekannter zu- des diesjährigen Preisträgers des ne Heizung, kein warmes Wasser. Das
rück in Charkiw, doch einige Tage Friedenspreises des deutschen Buch- ist eine sehr schwere Situation für
später notiert Zhadan: „Der Abend handels übernommen, denn im Origi- den Winter“, berichtet der ehemalige
wird kommen und abends kommen nal sind sie bislang noch nicht in ge- Konzertmeister des Philharmonie Or-
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Berichte über unsere Arbeit
chesters Charkiw. Dennoch hat er für eine eigene Wohnung bezogen hat.
die musikalische Gestaltung nicht nur So wie viele seiner Landsleute. „Ganz
Stücke von ukrainischen Komponis- viele Leute haben ihre Wohnungen
ten wie die Elegie von Mykola Lysen- geöffnet. Ich habe mir sagen lassen,
ko oder Melody von Myroslaw Skoryk dass vieles auch schon in Mietverhält-
ausgewählt. Gemeinsam mit Pianistin nisse überführt worden ist“, berichtet
Lei Wang begeistert der Geiger auch Anja van der Horst von der Koordinie-
mit der temperamentvollen Darbie- rungsstelle für Wohnraumgebende Ein
tung von Modest Mussorgsky Version Zuhause in Wiesbaden. Das seit dem
des ukrainischen Volkstanzes Hopak. Sommer bestehende EVIM Angebot
Diese stammt aus einer Oper, die Mus- ist eine klassische Verweisberatung,
sorgsky dem berühmten Jahrmarkt in in der bei den eingehenden Fragen
Sorotschinzy gewidmet hat, das rund die richtigen Ansprechpartner vermit-
200 Kilometer westlich von Charkiw telt werden. „Die Anfragen sind ganz
liegt. „Politik und Kultur muss nicht unterschiedlich. Manche Wohnraum-
vermischt werden“, findet Schlaghof. gebende wollen wissen, wie sie den
Behörden gegenüber eine Mietkos-
Neue Koordinierungsstelle hilft tenabrechnung leisten können. Dafür n EVIM Bildung
reicht ein plausibler Nachweis, dass
Seit März lebt der Musiker nun in eine drei- bis vierköpfige Familie einen Eselsbrücken für Campus-
Wiesbaden, wo er zunächst bei einer bestimmten Betrag an Kosten verur- Schüler
Familie untergekommen ist, bevor er sacht“, erläutert van der Horst. Aus
manchen Mietverhältnissen entwickel- Von und mit Tieren zu lernen ist
ten sich auch Patenschaften. für die Schulgemeinde am Cam-
pus Klarenthal eine lieb gewonne-
Paten gesucht ne Tradition. Zuletzt haben dabei
Hühner und Hunde als Co-Pädago-
Dafür ist bei EVIM in der Hauptsache gen gewirkt. In der ersten Dezem-
das Patenprogramm Be welcome zu- berhälfte ist nun zusätzlich ein
ständig, das seit dem Jahr 2015 exis- Pilotprojekt mit drei Eseln gestar-
tiert. „Wir haben nach wie vor großes tet. Möglicherweise der Auftakt zu
Interesse von Geflüchteten, die gerne einer regelmäßigen Zusammenar-
Paten hätten“, berichtet Dr. Karin Fal- beit.
kenstein, die die Lesung gemeinsam
mit Olha Novytska moderiert. Aktuell „Wir werden sehen, ob die Esel auf
beständen gut 60 Patenschaften, aus dem Weg zur Fasanerie beim nächs-
denen sich inzwischen teils Freund- ten Mal hier abbiegen wollen oder
schaften entwickelt haben. Bis zu 30 einen großen Bogen machen“, erläu-
Interessierte warteten derzeit aber tert Udo Schläfer schmunzelnd. Denn
noch auf eine Patenschaft. Voraus- die drei Grautiere Janosch, Urmel
setzungen für potenzielle Paten sei und Emil, die sonst auf einer Weide
Offenheit für fremde Kulturen, ein bis unterhalb von Schloss Freudenberg
zwei Stunden freie Zeit pro Woche und leben, sind drei- bis viermal pro Wo-
Kenntnisse in einer Sprache wie Eng- che bei Wanderungen im Einsatz.
lisch, in der man sich miteinander ver- Wenn sie also demnächst in der Nähe
ständigen kann. (hej) des Campus Klarenthal vorbei laufen,
könnte ihre Reaktion Aufschluss dar-
Kontakt: anja.vanderhorst@evim.de über geben, ob die Esel sich hier wohl
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EVIMPULSBerichte
Berichte über unsere Arbeit
gefühlt haben. Angesichts der liebe- Wirkung selbst auf besonders lebhaf- Etwa wenn es einem Kind mit Triso-
vollen Zuwendung, die sie zu diesem te Kinder, wie es bei einem Jungen mie gestattet wird, dass es über die
Zeitpunkt gerade von Grundschulkin- aus der Helianthus-Klasse der Fall ist. Tische läuft. „Es wäre nicht gerecht,
dern der Helianthus-Klasse erfahren, „Er ist richtig ruhig geworden, als er wenn alle gleichbehandelt würden“,
besteht kaum ein Zweifel, dass sie den Esel gehalten hat. Sonst rennt er verdeutlicht Schulleiter Uwe Brecher.
sich vom Schulgelände eher angezo- immer rum“, berichtet der achtjähri- Im Pilotprojekt werde den Kindern
gen als abgestoßen fühlen werden. ge Henri. Auch seine Klassenlehrerin dies nun etwa vor Augen geführt,
Nach der morgendlichen Fütterung freut sich über diesen Effekt. „Endlich wenn sie erleben, dass ein kleiner
steht gerade die Fellpflege auf dem hat er mal Verantwortung übernom- Esel weniger frisst, als ein großer. Ei-
Programm. „Gut, dass Du das auch men“, lobt Elke Bonn, die Leiterin der nes von vielen spannenden Themen,
an den Beinen machst. Die vergisst Montessori-Grundschule. die über tiergestützte Pädagogik ver-
man oft“, lobt Maria Wippel die zehn- mittelt werden können. Das Eselpro-
jährige Elena. Die Schülerin kennt Keineswegs die einzige positive Er- jekt wolle man daher auf jeden Fall
sich mit dem Striegeln aus, weil sie fahrung, die die Pädagogen bereits wiederholen. Wenn es sich finanzie-
seit einem Jahr ein Pferd hat. Bei den aus der ersten Woche des Pilotpro- ren lässt, könnte der Ansatz sogar
Eseln genießt sie, dass man aufgrund jekts mitgnehmen. So hat ein Mäd- verstetigt werden. „Es wäre mein
der Größe so gut mit ihnen kuscheln chen, das selbst wegen seiner Art oft Traum, das auszubauen. Wir haben
kann. Zumindest mit Urmel und Emil, aneckt, Esel Janosch für sein Verhal- das Gelände. Ich könnte mir sehr
Janosch ist manchmal empfindlicher. ten gegenüber Mitschülern vertei- gut vorstellen, eine Gruppe Esel oder
„Er ist ein bisschen sensibel und sagt: digt. „Die Tiere sind tolle Co-Päda- Schafe hier zu halten“, erläutert Kat-
Lass mich jetzt grade mal in Ruhe“, gogen. Jedes Kind hat Themen, die ja Neinert. Schließlich seien die Tiere
erläutert Udo Schläfer den drei Jungs, im täglichen Unterricht ein bisschen ein tolles Medium, um unter anderem
vor deren Fürsorge sich der Wallach untergehen“, erläutert Lehrerin Katja zu vermitteln, dass es Grenzen zu ak-
in diesem Moment zurückzieht. Neinert. In einer Schule, in der In- zeptieren gelte. Nicht zuletzt, weil sie
klusion sehr ausgeprägt gelebt wird, wesentlich körperlicher kommunizie-
Von Vierbeinern lernen wird auch oft hinterfragt, warum ren, als Menschen. (Hendrik Jung)
nicht für alle gleiche Regeln gelten.
Nachmittags kümmern sich Schüler
der Sekundarstufe um die Tiere. In
der zweiten Woche wird außerdem
die Schülerschaft der Schule am
Geisberg in das Projekt eingebunden.
Zwei Schulwochen lang ist es jedoch
die Helianthus-Klasse, die sich jeden
Morgen um die Grautiere kümmert.
Dabei haben die Kinder schon viel ge-
lernt. „Esel können besser hören und
sehen als wir. Sie können mehr nach
der Seite sehen und ihre Ohren nach
beiden Seiten drehen“, berichtet die
siebenjährige Svea. Während Janosch
und Urmel Anfang zwanzig sind, ist
Zwergesel Emil mit Mitte zwanzig der
Chef. Um sein Fell kümmern sich ge-
rade Hugo und Fazza. „Esel sind sehr
ruhige Tiere“, hat der neunjährige
Hugo beobachtet. Vielleicht haben Die zehnjährige Elena (links) und die siebenjährige Maxima bei der Fell- und Beziehungs-
sie deshalb auch eine beruhigende pflege bei Esel Urmel.
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Berichte über unsere Arbeit
n EVIM Behindertenhilfe
Au revoir – Auf Wiederse-
hen, Frankreich!
Austauschfahrten sind mehr als
ein Urlaub und ein festes Angebot
in vielen Bildungseinrichtungen.
Für Menschen mit Behinderungen,
die darüber eine andere Kultur,
ein anderes Land und eine ande-
re Sprache kennenlernen können,
ist diese Form der Teilhabe noch
nicht selbstverständlich. Anders
für acht Klient:innen der EVIM Be-
hindertenhilfe in Hattersheim, die
im Oktober erstmals in Frankreich
waren. Die Reise sorgt bis heute
für leuchtende Augen.
Im Rahmen eines Austauschpro-
jektes über den Deutsch-Französi-
schen Bürgerfonds besuchten die
Bewohner:innen aus dem Wohn-
haus Schulstraße und der Wohn-
anlage Schlocker-Stiftung mit drei
Betreuer:innen das „Maison Perce-
Neige“ in St. Paul en Jarez. Wie sie in
ihrem Zuhause in Hattersheim leben
dort 30 Menschen mit einer geistigen
Beeinträchtigung, die professionell
betreut werden. „Die Wohnanlage mit
ihren kleinen Häusern erinnert sogar
ein wenig an unsere Zweigstelle in der
Ein Traum wurde wahr! Frankreich kennenlernen, erleben und genießen.
Dürerstraße“, berichtet Einrichtungs-
leiterin Nicola Böhm, die mit ihren
Teamkollegen Nils Bayer und Nathalie in der Region Auvergne-Rhône-Alpes jektkosten. Die restlichen Gelder
Böttcher den Besuch mit organisiert und den beiden EVIM Einrichtungen steuerten die Teilnehmer:innen selbst
und begleitet hat. Die Idee zu diesem her. Die Fachkräfte waren von dem bei.
Projekt entstand über familiäre Kon- Vorhaben begeistert. „Über sprachli-
takte eines Bewohners zu der dorti- che Barrieren hinweg Europa in einfa- Sechs erlebnisreiche Tage
gen Regionalberaterin des Deutsch- cher Sprache und durch aktive Teilha-
Französischen Bürgerfonds Antje be für unsere Klient:innen erfahrbar Durch das Infektionsgeschehen konn-
Aubert. Bei einem privaten Besuch an zu machen, ist ein großer Gewinn ten die leitenden Angestellten nicht
Weihnachten 2021 kam es zu einem und ein positives Erlebnis für jeden wie geplant im Frühjahr, sondern erst
ersten persönlichen Treffen bei EVIM. Einzelnen“, erzählt Nicola Böhm. Der im Sommer vergangenen Jahres zu
Antje Aubert stellte den Kontakt zwi- Deutsch-Französische Bürgerfonds einem Antrittsbesuch nach Frankreich
schen der französischen Einrichtung übernahm achtzig Prozent der Pro- fahren. Bei diesem Treffen wurde der
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EVIMPULSBerichte
Berichte über unsere Arbeit
Austauschbesuch vorbereitet und
geplant. Im Herbst wurde dann der
Traum wahr. Vom 10. bis 15. Oktober
2022 besuchte die Gruppe aus Hat-
tersheim die Einrichtung in St. Paul
en Jarez. Das Programm war rand-
voll mit spannenden, interessanten
Begegnungen, Besuchen und Erleb-
nissen, die bis heute für leuchtende
Augen und begeisterte Berichte bei
den Klient:innen sorgen. In puncto
sprachlicher Verständigung gab es
kaum Schwierigkeiten, denn es stan-
den immer professionelle Übersetzer
und Antje Aubert zur Verfügung. „Den
Rest machten wir einfach mit Händen
und Füßen“, berichtete das Team. Und
französische Vokabeln wie Merci, Au
revoir und Bonjour haben die beein-
trächtigten Teilnehmer:innen auch
heute sofort parat.
Vom Diskoabend bis zum
Kochworkshop
Leon Schildwächter, mit 23 Jahren der
Jüngste aus der Gruppe, schwärmt
wie seine Mitbewohner vom Stadion-
besuch in St. Etienne beim dortigen
Fußballclub. Erste Schnupperstunden
auf dem Tennisplatz blieben vielen
genauso in besonderer Erinnerung
wie der Disko- und Partyabend oder
das Wellness-Programm. Zu den ganz
großen Highlights für die Klient:innen
gehörten unbestritten der Abend mit
einem Restaurantbesuch und Cock-
tailverkostungen im Kneipenviertel
von St. Etienne. Zu den kulinarischen
Höhepunkten gehörte auch der Abend
in einer Auberge in den Bergen mit
regionalen Spezialitäten von Bauern
der Region. Überhaupt sei das Essen,
so Norbert Kerwarth, Klaus Wilbert
und Hartmut Orbig, „einfach toll“ ge-
wesen. Martin Bötzow war glücklich,
seine Angehörigen zu sehen. André
Klaus Wilbert hat das Schlagzeug für sich entdeckt. Hulverscheidt liebte die Fahrt in die
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EVIMPULSBerichte
Berichte über unsere Arbeit
Berge und konnte bei der Disko richtig n EVIM Behindertenhilfe Mitarbeiter:innen zum Team, das bis
abtanzen. Und für Vera Remy und Olaf Anfang Oktober sieben unterhaltsame
Manigold war beim Austauschbesuch Reingehört: Das Podcast- und informative Beiträge selbst pro-
einfach „Alles“ am schönsten. Ganz ge- Team der Reha-Werkstatt duziert hat.
wiss auch die Übernachtung in einem
kleinen Hotel und das leckere gemein- Hier werden Klient:innen zu Jour- Medienprofis am Werk
same Frühstück. An Hand von Fotos nalisten und Studio-Experten. Seit
und Videoclips kamen bei dem Ge- rund einem Jahr produziert das Podcast-Enthusiasten der ersten
spräch immer wieder neue Erlebnisse Podcast-Team in Eigenregie Hör- Stunde sind Andreas P., Marja B., Tina
ins Gedächtnis, darunter der Besuch beiträge über das Leben und die M. und Timm W.. Für sie war das An-
eines Wohnprojektes in einer ehema- Arbeit in der Reha-Werkstatt. Und gebot einfach ideal, denn sie bringen
ligen Klosteranlage, ein Koch-Work- das kommt richtig gut an! Die mo- jede Menge Vorerfahrung mit: Tina M.
shop in einer Schwestereinrichtung in tivierten Podcaster:innen haben macht mit ihrem Mann seit 16 Jahren
Saint Galmier und ein festlicher Abend dabei neue Ziele schon im Blick. Internet-Radio, Marja B. hat Erfah-
mit Kommunalpolitiker:innen und den rungen als Web-Entwicklerin, Andre-
Projektpartnern. Die Geschichte des Einfach mal anfangen! Aus diesem as P. ist Computer-Freak und ergänzt
„Maison Perce-Neige“ ist eng mit dem Impuls heraus startete das spannen- sich perfekt mit Timm W., ausgebil-
Schauspieler Lino Ventura verbunden, de Projekt der beruflichen Bildung in deter Mediengestalter und zu Hause
der mit anderen Künstlerkollegen eine der Reha-Werkstatt Wiesbaden, das „audiomäßig“ unterwegs. Gemeinsam
Stiftung gegründet hatte, die den Bau von den Fachkräften Elke Rummel, mit Elke Rummel, die seit März ver-
der Einrichtung unter der engagierten Henny Riedl und Simon Giller auf den gangenen Jahres als Medienpädago-
Beteiligung des vormaligen Bürger- Weg gebracht worden ist. Damit wur- gin in der Reha-Werkstatt angestellt
meisters der Stadt, Monsieur Paul, de ein weiteres attraktives Angebot ist und das Projekt begleitet, mach-
ermöglichte. geschaffen, bei dem die Klient:innen te sich das Team ans Werk. Die stu-
ihre Fähigkeiten und Kompeten- dierte Publizistin brachte aus ihrer
Vorfreude auf den Gegenbesuch zen anwenden und erweitern kön- früheren Tätigkeit beim ZDF und bei
nen. Mittlerweile gehören sieben Radioproduktionen das entsprechen-
„Die Herzlichkeit der Aufnahme und
die enorme Gastfreundschaft, die wir
bei unserem Besuch erfahren haben,
möchten wir natürlich in Hatters-
heim zurückgeben“, verspricht Nico-
la Böhm. Der erste Gegenbesuch ist
für das kommende Frühjahr geplant.
„Dass die Klient:innen Europa auf
diese wunderbare Weise persönlich
erleben können, kann in unserer Zeit
nicht hoch genug geschätzt werden“,
sind alle in dem Team überzeugt. (hk)
„Die Werkstatt lebt, die Werkstatt bebt – wir greifen auf, was uns bewegt.“ (Bagrat J.,
Tina M. und Andreas P. vom Team der Podcast-Schmiede)
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EVIMPULSBerichte
Berichte über unsere Arbeit
de Know-How mit. Sie bot zu Beginn
einen Workshop an, der die techni-
schen Grundlagen vermittelte. Die
Gruppe habe sich seitdem enorm wei-
terentwickelt, würdigt sie deren Ein-
satz und fügt mit einem Lachen noch
ein Kompliment hinzu: „Mittlerweile
ist sie in der Podcast-Produktion viel
besser drauf als ich.“ Besonders im
Schnitt seien die Klient:innen super-
fit. Obwohl Wert darauf gelegt wird,
dass sich alle mit den einzelnen Ar-
beitsschritten vertraut machen, hat
jeder sein Spezialgebiet. Tina M. ist
„mehr oder weniger die Stimme“ im
Podcast, wie sie sagt. Sie führt ger-
ne Interviews, macht Umfragen und
ist bei allem gefragt, wo es um das kreative Angebot ist für den kulturell Werkstatt, die Kursfabrik, die Jobfabrik
Einsprechen von Texten geht. Andreas interessierten Mitarbeiter – mit Büh- oder den Werkstattrat im Eingangs-
P. hat das große Ganze im Blick und nenerfahrung bei EVIM Kulturprojek- verfahren für neue Klient:innen ein-
führt das Team stets zurück zum Kern ten – einfach perfekt. Es helfe ihm, gesetzt werden. Verbreitet werden die
der Folge. Zudem haben er und Timm in Bewegung zu bleiben. Das sei ihm Podcast-Sendungen über die interne
W. die Grafik für die Podcast-Folgen sehr wichtig. Markus D. ist als Medi- Lernplattform Relias.
kreiert. Das Intro und das Outro – also enprofi gleich in zwei Projekten der
das akustische Erkennungsmerkmal Reha-Werkstatt aktiv und unterstützt Die nächsten Meilensteine
jeder Folge - hat Timm W. in Eigen- das Podcast-Team seit der 3. Folge be-
regie erstellt. „Das kommt seit der sonders im Audioschnitt. Auch Elke Rummel ist von dem Erfolg
ersten Folge zum Einsatz“, berichtet des Projektes rundum begeistert: „Da-
der Mitarbeiter, der im Arbeitsbereich Themenfindung, Redaktion und Pro- raus ist viel mehr geworden, als ich
DruckBar tätig ist. Marja B. formuliert duktion von Podcast-Episoden brau- mir das hätte vorstellen können.“ Das
am liebsten Texte und widmet sich in chen neben einer gewissen techni- Podcast-Team hat darüber hinaus noch
der Endbearbeitung dem Schnitt. schen Ausstattung vor allem Raum weitere Ideen sich einzubringen, denn
und Zeit. Monatlich trifft sich das Team ein Teil der Mitglieder sind zudem im
Auf der Erfolgswelle an vier Tagen in der Woche jeweils am Computer-Café der Werkstatt gefragte
Vormittag, um eine neue Folge zu er- Ansprechpartner:innen bei allen Fra-
Mittlerweile gehören auch Bagrat J., stellen. Ein „Tonstudio“ wird in einem gen rund um Website, Handy, Tablet
Markus D. und Vanessa W. zum Team. Raum der Reha-Werkstatt jedes Mal & Co. Ihr Wissen im Stadtteil anzubie-
Bagrat J. war fast 10 Jahre als inter- neu improvisiert. Das Equipment wie ten und sich mit anderen zu vernetzen,
ner Postbote bei EVIM beschäftigt. Stellwände, Mikro, Laptops, und iPads kann sich das Team gut vorstellen.
Seit einem halben Jahr arbeitet er im wird gestellt. Besonders beim Schnitt
PixelwerkPlus, einem Arbeitsbereich sei „volle Konzentration“ erforderlich, Ein Herzensanliegen haben alle: Spon-
der Reha-Werkstatt mit Schwerpunkt wie das Team bestätigt, was Menschen soren zu finden, damit ihr Traum vom
Digitalisierung. „Ich bin hier sehr zu- mit psychischer Erkrankung besonders eigenen Tonstudio in Erfüllung gehen
frieden“, sagt Bagrat J., für den das fordert. kann. „Wir werden professioneller und
Podcast-Thema noch ganz neu ist. Er dafür brauchen wir eine professionelle
freut sich sehr, dass er „drangeblie- Wie wertvoll dieses Instrument ist, Ausstattung“, sagen die begeisterten
ben ist.“ Die Arbeit am Podcast kön- zeigt sich auch daran, dass die Pod- Podcaster:innen selbstbewusst. (hk)
ne ihn gut von Ängsten ablenken. Das cast-Folgen wie z.B. über die Reha-
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EVIMPULSBerichte
Berichte über unsere Arbeit
n EVIM Behindertenhilfe können. Im Rahmen des Abschluss- sehr gut angenommen. Viele kleine-
projektes seiner zweijährigen Weiter- re und größere Probleme rund um
Ausgezeichnetes bildung zur geprüften Fachkraft für Handynutzung, Digitalisierung und
Computercafé Arbeits- und Berufsförderung schulte Computer konnten gelöst werden“,
Stefan Brandt vier Mitarbeiter:innen berichtet Stefan Brandt über die er-
Digitale Anwendungen betreffen beispielsweise im Umgang mit Kun- folgreiche Pilotphase.
mittlerweile alle Lebensbereiche den, digitalen Medien, aber auch in
und sind aus dem Alltag nicht mehr ethischen Fragestellungen rund um Von dem Projekt waren nicht nur die
wegzudenken. Besonders in den die Digitalisierung. Nach der ersten Mitarbeiter:innen der Reha-Werkstatt
Hoch-Zeiten der Pandemie entwi- Schulungsphase wurde das Compu- begeistert, sondern auch die Juroren
ckelten sich digitale Medien zum tercafé in der Reha-Werkstatt eröff- der 2G-Stiftung, die das Projekt mit
wesentlichen Teilhabefaktor. Doch net. Mitarbeitende können sich dort einem Preisgeld kürten. Das Projekt
was tun, wenn der Computer spinnt Rat und praktische Unterstützung ho- geht nun in die zweite Runde und soll
oder wenn niemand da ist, der mir len, wenn sie im Digitalen gezielt Hilfe als festes Angebot in der EVIM Reha-
eine App erklären kann? brauchen. „Das neue Angebot wurde Werkstatt etabliert werden. (sg/hk)
Obwohl die meisten Menschen heute
mit digitalen Medien aufwachsen, gibt
es viele, die bisher kaum oder wenig
Kontakt damit hatten. Ein echtes Aus-
schlussrisiko für das es in der Wis-
senschaft bereits den Namen „Digita-
le Exklusion“ gibt. Auch in den EVIM
Werkstätten gibt es Mitarbeiter:innen,
für die der Umgang mit Handy, Apps
und PC aus unterschiedlichen Grün-
den nicht ganz einfach ist. „Das
führt zu Einschränkungen im All-
tag“, sagt Simon Giller, Werkstattlei-
tung Pädagogik, und fügt hinzu: „Die
Mitarbeiter:innen der Reha-Werkstatt
beschäftigten zum Beispiel Fragen
wie eine Bahnverbindung rausgesucht
werden kann, wie ein Familientreffen
über Zoom organisiert wird oder wel-
ches Handy für den eigenen Zweck
geeignet ist.“ Hier sah er Handlungs-
bedarf gemeinsam mit Stefan Brandt,
Fachkraft für Arbeits- und Berufsför-
derung in der Abteilung PixelwerkPlus,
die sich täglich mit Digitalisierung
beschäftigt. „Einige unserer Mitarbei-
tenden sind richtige Profis und kennen
sich in digitalen Medien sehr gut aus“,
weiß Stefan Brandt. So entstand die
Idee, ein Forum zu schaffen, in dem
Menschen mit Know-How und jene mit
Unterstützungsbedarf sich vernetzen
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EVIMPULSBerichte
Berichte über unsere Arbeit
Auf einen Blick … Fahrersitzes und der Spiegel waren sehr n Endlich wieder: EVIM Ju-
aufschlussreich. gendhilfe feiert
n Sicher unterwegs mit den
Lern- und Kitamobilen Danach ging es auf die Piste. Nach
zwei, drei gemächlichen Runden, um die
Jede Lehrkraft sowie das Kita-Team legt Route kennenzulernen, stieg mit jeder
jährlich mehrere Tausend Kilometer Übung der Adrenalinspiegel. Angefan-
mit dem Lern- und Kitamobil zurück, gen mit Vollbremsungen bei 30, 50 und
um den Kindern und Jugendlichen der 70 km/h über Ausweichmanöver vor
beruflich Reisenden ein verlässliches plötzlich auftauchenden Hindernissen,
Unterrichts- und Kita-Angebot zu ga- bis zum Austesten des Antiblockier-
rantieren. Egal ob bei 40 Grad im Som- systems auf glatter Straße übten die
mer oder bei Regen, Sturm und Schnee. Fachkräfte unter der fachmännischen Was macht die Weihnachtsfeier der
Schule und Kita für Kinder beruflich Aufsicht des ADAC-Trainers das richtige EVIM Jugendhilfe legendär? Die Lo-
Reisender (SfKbR und KitabR) sind im- Reagieren auf gefährliche Situationen cation? Das nachhaltige Essen? Die
mer „on the Road“. im Straßenverkehr. Live-Band und die gute Stimmung?
Der Taxi-Service vom Chef zur After-
Um angemessen auf Gefahrensituatio- „Für die hervorragenden Tipps und Weihnachtsfeier-Party in der Stadt?
nen auf der Straße reagieren zu können, Informationen möchten wir dem sehr
haben beide Fachkräfte-Teams der EVIM kompetenten ADAC-Trainer auch an Sicher, das alles ist toll, aber legen-
Bildung ein Fahrsicherheitstraining beim dieser Stelle ausdrücklich danken“, sagt där wird es durch die Menschen, das
ADAC absolviert. Schon die Grundlagen Schulleiter Torsten Rudloff. (tr) Miteinander und den Austausch un-
über das ergonomische Einstellen des tereinander.
Endlich wieder Kolleginnen und Kollegen
treffen, zusammen feiern und einen tol-
len Abend zusammen verbringen. Nach
zwei Jahren pandemiebedingter Pause
waren sich bei der Weihnachtsfeier der
EVIM Jugendhilfe in der Mewa Arena von
Mainz 05 alle einig: Das hat uns gefehlt!
Eindeutiger Beleg dafür war die Rekord-
Teilnehmerzahl von 420 Personen.
Es wurde viel gelacht, getanzt, gegessen
und getrunken, gute Gespräche geführt
und viele ‚Weißt Du noch‘-Anekdoten
erzählt, neue Kollegen herzlich begrüßt
und vor allem das Jahr Revue passieren
gelassen. Die besonders Feierlustigen
kamen in den Genuss, vom ‚Chef-Taxi‘
zur After-Weihnachtsfeier-Party gefah-
ren zu werden, um den Abend im Club
zu beschließen.
Kurzum: Es war toll und wir wünschen
uns, dass es ab 2023 wieder heißt: ‚Alle
Jahre wieder...‘ (ak)
Fortsetzung >>> Seite 25
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EVIMPULSMAGAZIN-Spezial
o m m e n
Angek
Im Magazin-Spezial berichten wir kommen“ – im Beruf, als Haupt- und diejenige weiter will und weiter muss.
auch in dieser Ausgabe über Men- Ehrenamtliche bei EVIM, als Auszubil- Für andere war es vielleicht ein Neu-
schen, die durch die fachliche Arbeit dende oder Geflüchtete. Das kann im anfang. Lesen Sie mehr darüber hier!
oder in der fachlichen Arbeit bei EVIM Idealfall bedeuten, den richtigen Platz
überzeugt sind, am richtigen Ort zu im Leben gefunden zu haben. Oder
sein. Es sind Geschichten vom „Ange- ein „Zwischenort“, weil derjenige oder
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EVIMPULSMAGAZIN-Spezial
Annette Eichholz
Angekommen
In 22 Jahren 15 Kinder ins
Haus und Herz gelassen
(von Annette Eichholz,
MWG Marienthal)
28 Jahre war ich alt, als ein eher
lapidarer Satz von Peter Roll-
mann, damals Leiter der EVIM
Jugendhilfe, mein Leben verän-
derte. „Dann nehmt ihn halt mit
heim.“ Mit ‚ihm‘ war ein 14-jäh-
riger Jugendlicher gemeint, der
sich in Wiesbaden und Umgebung
auf der Straße aufhielt und keine
Schule besuchte.
Alle Bemühungen, ihn stationär zu
betreuen, schlugen fehl. Mein Mann,
Christian Eichholz, betreute ihn im
Rahmen des Projektes BOYS (heute ben. Leider hatte ich am Abend mit Maßgabe, uns nicht an die Kinder zu
Jamb) und irgendwie hatten die bei- Freundinnen gefeiert, diverse Gläser gewöhnen, weil geplant war, dass sie
den eine besondere Bindung aufge- und Sektflaschen standen noch auf nach sechs Wochen wieder gehen.
baut (die gibt es übrigens heute, 22 dem Tisch. Die vielsagenden Blicke Aus den sechs Wochen wurden über
Jahre später immer noch). Als Chris- der Beamten werde ich nie vergessen. 12 Jahre, die Zwillinge machen nächs-
tian mit diesem doch sehr verwahr- Aber er blieb, machte seinen Haupt- tes Jahr Abitur und kommen immer
losten und misstrauischen Jungen vor schulabschluss und versuchte sich in noch regelmäßig zu uns
der Tür stand, war mein erster Gedan- einigen Ausbildungen. Nach zwei Jah-
ke: „Oh, nein! Niemals!“ Drei Wochen ren kam ein zweiter Jugendlicher hin- Natürlich gab es auch dunkle Zeiten,
später zog er ein. zu, jünger und als Intensivstraftäter in denen wir verzweifelt waren, fast
bekannt. Beim Jugendamt wollte uns zerbrochen sind, unendlich müde wa-
Wir wohnten damals in einem Neu- keiner glauben, dass wir ihn wirklich ren. Das Zusammenfügen von Familie
baugebiet in einem kleinen Reihen- aufnehmen wollten. Immerhin zwei und Arbeit gelingt nicht immer. Wir
haus und hatten einen dreijährigen Jahre hat er es geschafft, vielleicht die waren und sind ja nicht nur Kollegen,
Sohn und eine Tochter, die noch nicht stabilste Zeit in seinem Leben. Heute die 24/7 zusammen arbeiten, sondern
mal laufen konnte. In die Idee, einen lebt er auf der Straße und kann immer auch noch ein Paar. Unsere eigenen
Jugendlichen in unsere junge Familie noch unsere Handynummer auswen- Kinder sind im Windschatten der an-
aufzunehmen, haben wir uns ziemlich dig und meldet sich einmal im Jahr. deren Kinder groß geworden. Auch für
unbekümmert gestürzt. ‚Das ist halt Inzwischen hatten wir in der Nachbar- sie war es nicht einfach, sie mussten
einer mehr‘, so haben wir gedacht. schaft ein neues, großes Haus gebaut. vieles teilen, nicht zuletzt die eigenen
Und so war es dann auch. Natürlich Da passten noch mehr Kinder hinein Eltern.
gab es Ärger mit den Nachbarn und und die kamen dann auch nach und
auch einige Freunde gingen auf Di- nach. Irgendwann kam der Wunsch Über 22 Jahre und 15 Kinder später
stanz. Auch diverse Polizeibeamte auf, jüngere Kinder aufzunehmen, kann ich sagen: Ich habe es nicht be-
lernten wir näher kennen. Besonders mit denen es leichter ist, Beziehung reut, aber manchmal verflucht. Ich
im Gedächtnis geblieben ist mir die einzugehen und deren ‚Rucksack‘ weiß immer noch, warum ich morgens
Episode, als nachts um drei Uhr zwei nicht ganz so voll ist. So kam eine aufstehe und bin der festen Überzeu-
Beamte an unsere Schlafzimmertür Geschwistergruppe mit zweijährigen gung, dass es eine gute Idee war,
klopften, um uns einen deutlich alko- Zwillingen und einer dreijährigen mehr Kinder als die eigenen, in mein
holisierten Jugendlichen zu überge- Schwester zu uns, mit der strengen Haus und Herz zu lassen.
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EVIMPULSMAGAZIN-Spezial
Ein später Neuanfang hat Gelebte Inklusion
sich gelohnt
Am Campus Klarenthal wurde ihr rasch
„Ist es mit Ende 50 noch sinnvoll, bewusst: „Zwischen den beiden Schu-
den Arbeitgeber zu wechseln?“ len klaffte nicht nur eine Lücke, son-
Christiane Korte stellte sich diese dern der Grand Canyon“, schmunzelt
Frage, als sie sich aus einem siche- sie heute. Neu war die „enorme Ver-
ren Job in Frankfurt an der Schu- antwortung“, die die Lehrkräfte am
Christiane Korte
le Campus Klarenthal bewarb. Ein Campus haben. Hier wird erwartet und
Zufall kam ihr dabei zu Hilfe. Fünf vorausgesetzt, dass jeder eigenverant- Angekommen
Jahre später sagt die couragierte wortlich den Unterricht gestaltet, Kon-
Pädagogin lachend: „Am Anfang takt zu Eltern hält und Schüler:innen
war das ein Kulturschock.“ nach ihren Bedarfen fördert und unter-
stützt.
Christiane Korte ist Lehrerin für praxisnah zu gestalten. Sie habe zum
Deutsch, Politik und Wirtschaft. Sie ist Aus einer Schule mit homogener Schü- Beispiel Besuche im Landtag und Ge-
Tutorin der Klasse Melia und bereitet lerschaft in Frankfurt kam sie in eine spräche mit Abgeordneten realisieren
derzeit die Jahrgangsstufe 13 mit einer Umgebung, in der Inklusion gelebt können, Klassenfahrten, Exkursionen
Kollegin auf das Abitur vor. Dass eine wurde. In ihrer neuen Klasse lern- ins Deutsche Haus nach Bonn.
zweite Kollegin in der Klasse ist, gehört ten Förderschüler:innen, Haupt- und
mit zu den Besonderheiten am Cam- Realschüler:innen und Schüler:innen, Für Weiterbildungen habe die Leitung
pus, an die sie sich zunächst gewöhnen die den Abiturabschluss anstrebten. Es ein offenes Ohr. Die Schule ermöglich-
musste. Das Modell funktioniere „sehr, war genau das, was sie in ihrer fach- te ihr zum Beispiel eine spezielle Fort-
sehr gut“ auch dank des „superguten lichen Arbeit wollte. Dennoch war es bildung, um noch besser Schüler:innen
Teams“ an der Schule. Sie kam damals, am Anfang nicht leicht, all das Neue mit Lese-Rechtschreib-Schwäche zu
im Jahr 2018, von einer Privatschule in unter einen Hut zu bringen. Ohne die fördern.
Frankfurt, an der sie seit 1992 unter- „unglaubliche Hilfsbereitschaft“ der
richtet hatte. In all den Jahren kam sie Kolleg:innen, hätte sie den Neustart Als im August 2020 ein Schlaganfall ihr
dort immer mehr zu der Erkenntnis, sicher nicht so gut geschafft, so ihr Leben plötzlich veränderte, erlebte sie
dass sie für ihre Vorstellungen und Zie- Fazit. Sie konnte sich jederzeit Unter- eine großartige Unterstützung von Sei-
le in der pädagogischen Arbeit mehr stützung holen, auch im Digitalen. „Da ten des Teams, der Schüler:innen und
Freiheit und Eigenverantwortlichkeit ist die Schule sehr gut aufgestellt“, ihrer Mittutorin. „Die Kolleg:innen ha-
brauchte. „Ich merkte, dass ich etwas weiß sie aus ihren beruflichen Erfah- ben das aufgefangen“, erzählt sie mit
ändern wollte, aber ich wusste einfach rungen. Wie wichtig diese Unterstüt- großer Dankbarkeit. Zunächst hatte
nicht wie.“ Dass sie so lange zögerte, zung war, erlebte sie besonders in der sie sich mehr zugetraut, als sie krank-
lag auch daran, dass die Arbeit mit den Corona-Zeit. heitsbedingt leisten konnte. Die Schul-
Schüler:innen einfach toll war und die leitung stärkte ihr den Rücken und half
Kontakte zu vielen Kolleg:innen gut. Rückenstärkung in schwerer Zeit ganz praktisch, indem sie unverzüglich
„Es lag eher an der Struktur, die nicht die Stunden reduzierte.
passte.“ Freunde aus Wiesbaden ga- Viel Lob bekommt die Schule von ihr
ben ihr im richtigen Moment den Tipp, auch in Sachen Elternarbeit. Der enge Wie sieht sie den Arbeitgeberwechsel
am Campus Klarenthal anzufragen. Kontakt sei eine wichtige Vorausset- aus heutiger Sicht? Sechs Monate nach
Der Zufall wollte es, dass zu jener Zeit zung, damit die Schüler:innen best- dem Neustart habe sie begonnen, sich
eine Lehrkraft für Deutsch, Politik und möglich lernen können. Wünschen an der Schule heimisch zu fühlen.
Wirtschaft gesucht wurde. Kurz darauf würde sie sich eine stärkere Leistungs- Nach einem Jahr war ihr klar, dass sie
stellte sie sich bei Carlos Müller - da- orientierung in den höheren Klassen. am Campus bleiben will. „Das Mehr an
mals Schulleiter - vor, der die erfahre- Die Schule bietet zudem sehr gute Arbeit ist auch anstrengend, ja, aber
ne Pädagogin einstellte. Rahmenbedingungen, den Unterricht es ist sehr befriedigend.“ (hk)
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