Faktencheck Energiewende - 2018/2019 FAKTEN STATT MYTHEN - Klima- und Energiefonds

 
Faktencheck
Energiewende
2018/2019
FAKTEN STATT MYTHEN
zur Zukunft der Energieversorgung

Schwerpunkt Wärmewende
FA K T EN CHE CK E N E R GI E W ENDE 2018/2019

Mythen & Fakten
2018/2019
                                                                                    03 In erneuerbare Wärme zu investieren
                                                                                       reduziert hohe Preisrisiken

                                                                                       Mythos: Öl und Gas sind billig, daher ist es
                            01 Ohne Wärmewende keine Energiewende                      besser, mit Investitionen noch zuzuwarten.

                                                                                       Fakten: Das Risiko stark schwankender Öl-
                                 Mythos: Bei der Wärme­versorgung sind wir             und Gas­preise hat sich zuletzt stark erhöht.
                                 in Öster­reich schon gut auf­gestellt. Durch die      Anfang Oktober 2018 lag der Öl­preis der Sorte
                                 erneuer­bare Strom­versorgung, die zunehmend          Brent mit über 80 US$ pro Barrel so hoch wie

                                                                                    10
                                 auch Wärme­bereitstellung ermöglicht, löst sich             seit drei Jahren nicht mehr. Im Voll­
                                 das Emissions­problem von selbst.                           kosten­­vergleich schneiden erneuer­bare
                                                                                             Wärme­versorgungs­systeme am besten ab.
                                 Fakten: Der Wärme­bereich ist für mehr als die
                                 Hälfte des End­energie­verbrauchs in Österreich
                                 verantwortlich und wird zu knapp 60 % noch         04 Die Wärmewende stärkt den heimischen
                                 von fossiler Energie abgedeckt. Die Wärme­            Wirtschaftsstandort
                                 wende ist daher entscheidend für den Erfolg
                                 beim Klima­schutz. Auch in der heimischen             Mythos: Das bestehende Energiesystem
                                 Strom­versorgung ist in Anbetracht von rund           funktioniert gut. Klima­schutz­maßnahmen

                           06
                                       14 % Fossil­energie und rund 10 %               sind nicht so wichtig wie Arbeitsplätze und
                                       Importen mit hohem Kohle- und Atom­             Wirtschafts­wachstum.
                                       kraftanteil noch viel zu tun.
                                                                                       Fakten: Es gibt keinen Wider­spruch zwischen
                                                                                       Klima­schutz und Arbeits­plätzen. Der Um­bau
                            02 Nur rasches Handeln kann die Klima­                     des Wirtschafts­systems in Richtung Klima­

                                                                                    12
                               veränderung begrenzen                                          freundlichkeit und Nach­haltigkeit ist
                                                                                              laut aktuellen Studien eine der größten
                                 Mythos: Ob wir jetzt noch etwas tun, ist                     wirtschaft­lichen Chancen überhaupt.
                                 ohnehin schon egal. In einigen Jahren werden
                                 bessere Technologien verfügbar sein, die das
                                 Klimaproblem lösen. Die Ziele des Pariser          05 Durch Sanierungsmaßnahmen sind hohe
                                 Klimaabkommens sind sowieso nicht mehr                Energieeinsparungen möglich
                                 erreichbar.
                                                                                       Mythos: Thermische Sanierungsmaßnahmen
                                 Fakten: Laut neuem IPCC-Sonder­bericht                werden überschätzt; wichtig ist primär der
                                 macht es einen großen Unter­schied hinsichtlich       Neubau.
                                 der Klima­wandel­folgen, ob der globale
                                 Temperatur­anstieg bei 1,5 oder 2 °C begrenzt         Fakten: Ohne Energie­effizienz im Heiz­system
                                 wird. Noch sind die Klima­ziele erreichbar,           und der sukzessiven Sanierung des Gebäude­
                                 wenn wir jetzt die Trendumkehr schaffen. Klar         bestands ist eine deutliche Senkung des Energie­

                           08
                                       ist: Je später wir den                          verbrauchs in den kommenden Jahren schwer
                                       CO2-Ausstoß verringern, desto rasanter          zu erreichen. Der Groß­teil des Energie­bedarfs

                                                                                    14
                                       muss die Reduktion erfolgen.                           für Raum­wärme und Warm­wasser in
                                                                                              Gebäuden entfällt auf unsanierte Bestands­
                                                                                              gebäude, insbesondere Einfamilienhäuser.
08 Ein angemessener Preis für CO2 bewirkt
                                                           positive Marktimpulse

                                                           Mythos: Eine Bepreisung von CO2-Emissionen
06 Mit innovativen Technologien und                        ist nur im globalen Rahmen umsetzbar.
   nach­haltigen Strukturen wird das
   Energie­system zukunftsfit gemacht                      Fakten: Zahl­reiche Beispiele – wie etwa
                                                           Schweden, Groß­britannien oder die Schweiz –
   Mythos: Ja, die erneuer­baren Energien legen            zeigen, dass auch auf nationaler Ebene erfolg­
   zu, aber das bestehende Energie­versorgungs­            reich CO2-Steuern oder Mindest­preise

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   system wird sich nicht grundlegend ändern.                     fest­gelegt werden können, die eine
                                                                  ent­sprechende positive Markt­dynamik
   Fakten: Die Transformation der Energie­                        auslösen.
   versorgung ist ein System­umbruch. Es wird
   nicht einfach eine Technologie durch eine
   andere ersetzt, es ändert sich – auch durch die      09 Die erneuerbare Energiewende schafft

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        Digi­talisierung, De­zentralisierung und           Versorgungssicherheit
        Demokratisierung – das Energie­system
        als Ganzes.                                        Mythos: Die erneuerbare Energiewende
                                                           bedroht die Versorgungs­sicherheit.
                                                           Wir brauchen mehr fossile Kraft­­werke,
07 Klimaschutzmaßnahmen sind wichtig für                   um diese zu gewähr­­leisten.
   den Schutz der Gesundheit
                                                           Fakten: Der Ausbau der erneuerbaren Energien
   Mythos: Durch den Klimawandel wird es                   ist gemeinsam mit Speicher­lösungen und

                                                        22
   wärmer. Das ist doch gut und angenehm so.                      intelligenten Systemen sowie An­
   Und überhaupt: Die erneuerbaren Energien                       passungen im Netz Grund­voraus­setzung
   verschmutzen ja auch die Luft.                                 für hohe Energie­versorgungs­sicherheit.

   Fakten: Die Klimaveränderung ist mit
   bedeutenden Gesund­heits­gefahren für uns            10 Der Mensch als wichtiger Teil der
   Menschen verbunden: durch mehr Hitze­tage,              Energiewende
   Zunahme der Pollen­belastung, schlechtere
   Luft­qualität, mehr Schädlinge und Krankheits­          Mythos: Die Menschen glauben nicht an den

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          über­träger. Fossile Energie­träger gehören      Klimawandel und lehnen die Energiewende ab.
          zu den größten Luft­ver­schmutzern der
          Welt.                                            Fakten: Immer mehr Bürgerinnen und Bürger in
                                                           Öster­reich (60 %) sind besorgt wegen des Klima­
                                                           wandels, insbesondere jüngere Menschen. Auch

                                                        24
                                                                   in Europa sind über 90 % der Menschen
                                                                   über­zeugt, dass der Klima­wandel real ist
                                                                   und vom Menschen verant­wortet wird.
FA K T EN CHE CK E N E R GI E W ENDE 2018/2019

Vorwort
Werte Leserinnen und Leser!

                                      Der Hitze­sommer 2018 hat uns einmal mehr            oft verunsichert. Erfolg­reiche und fakten­
                                      vor Augen geführt, dass die Klima­veränderung        basierte Kommunikation ist daher ein
                                      und ihre Folgen bereits heute un­mittel­bar spür­    Schlüssel, um möglichst alle auf dem Weg
                                      bar sind: Extreme Trocken­perioden nehmen            in eine Zukunft ohne fossile Energie mit­zu­
                                      zu, die Durch­schnitts­temperaturen steigen,         nehmen. Die Auseinander­setzung mit den
                                      Un­wetter intensivieren sich. Laut Zentral­anstalt   komplexen Materien der Klima­veränderung
                                      für Meteorologie und Geo­dynamik (ZAMG)              sowie der Energie­wende erfordert zugleich
                                      war das Sommer­halbjahr 2018 in Österreich           einen sachlich korrekten Umgang mit Fakten
                                      das wärmste seit Beginn der Auf­zeichnungen          als auch ver­antwortungs­bewusstes Handeln,
                                      im Jahr 1767. In allen Landes­haupt­städten gab      um die bestehenden Heraus­forderungen zu
                                      es heuer deutlich mehr Hitze­tage mit einem          lösen.
                                      Höchst­wert von mindestens 30 Grad als in
                                      einem durch­schnittlichen Sommer. In Wien            Der „Faktencheck Energiewende 2018/2019“
                                      gab es über 40 Tropen­nächte und damit mehr          widmet sich in bewährter Weise einigen der
                                      als in jedem anderen Sommer seit Mess­beginn.        wichtigsten Klima- und Energie­themen und
                                                                                           bereitet Argumente und Informationen auf.
                                      Wir kennen die Ursachen der Klima­ver­               Ein besonderer Schwer­punkt gilt diesmal
                                      änderung, und auch die Wege, wie wir sie             dem Wärme­sektor, und hierbei vor allem
                                      begrenzen und die schlimmsten Aus­wirkungen          dem Bereich Raum­wärme/Warm­wasser. Die
                                      verhindern können. Der jüngst erschienene            Prozess­wärme in der Industrie ist ebenso
                                      Sonder­bericht des Welt­klima­rats IPCC zu den       ein unbestritten wichtiger Bereich, aber im
                                      Folgen einer globalen Erwärmung um 1,5 °C            Hin­blick auf die öffentliche Diskussion nicht
                                      hat uns verdeutlicht, dass jedes halbe Grad          primärer Fokus des Fakten­checks. Mehr als
                                      globaler Temperatur­erhöhung einen großen            die Hälfte des österreichischen End­energie­
                                      Unter­schied macht. Über die Verant­wortung          verbrauchs wird durch den Wärme­bedarf
                                      des Menschen für die rasante Änderung des            verursacht. Anders als in der Strom­erzeugung
                                      Klimas gibt es keinen Zweifel. Noch haben            überwiegt im Wärme­bereich die Nutzung
                                      wir die Möglichkeit, die Zukunft positiv zu          fossiler Energie mit einem Anteil von rund
                                      gestalten und damit unsere Lebens­grund­lagen        60 %. Daher wird zukunftsfähiges Handeln
                                      sowie die nach­folgender Generationen zu             insbesondere in diesem Bereich wichtig sein,
                                      schützen.                                            um die Ziele im Sinne des Pariser Klima­
                                                                                           abkommens und der österreichischen Klima-
                                      Zahl­reiche Initiativen und Akteure zeigen,          und Energie­strategie zu erreichen.
                                      dass diese positive Veränderung möglich ist
                                      und uns ab­gesehen vom Klima­schutz auch
                                      wirtschaftliche Chancen und bedeutende Vor­
                                      teile für Gesund­heit und Gesell­schaft bietet.
                                      Klar ist aber auch: Die Zeit wird knapp und
                                      wir alle müssen unsere Bemühungen als Teil           Ingmar Höbarth
                                      der inter­nationalen Klima­schutz­bewegung           Geschäftsführer
                                      intensivieren. Denn es gibt noch immer viele         Klima- und Energiefonds (Bild oben)
                                      Beharrungs­kräfte, die sich dieser Ent­wicklung
                                      entgegen­stellen. Mit Hilfe von Fake-News,           Peter Püspök
                                      Fehl­informationen, Manipulations­methoden           Präsident
4                                     und Verschwörungs­theorien werden Menschen           Erneuerbare Energie Österreich (Bild unten)
AKTUELLE
ENTWICKLUNGEN

KLIMAVERÄNDERUNG SPÜRBAR                               IPCC-SONDERBERICHT ZU 1,5 °C                             1   Siehe Zentralanstalt für Meteo-
                                                                                                                    rologie und Geophysik (ZAMG):
                                                                                                                    Wärmstes Sommerhalbjahr der
Die Zeiten, in denen sich die Klima­ver­änderung       Mit dem Pariser Klima­abkommen wurde nicht                   Messgeschichte, 19.09.2018
nur in abstrakten Modellen zeigte, sind vorbei:        nur das Ziel fest­gelegt, die globale Temperatur­            (www.zamg.ac.at/cms/de/klima/
                                                                                                                    news/waermstes-sommer-
Wir alle spüren inzwischen die Folgen. Dabei           erhöhung auf deutlich unter 2 °C limitieren zu               halbjahr-der-messgeschichte;
                                                                                                                    abgerufen am 05.11.2018)
geht es nicht darum, ob man persönlich in der          wollen, sondern auch alle Anstrengungen zu
                                                                                                                2   Siehe Daten der National
Frei­zeit wärmere Tage als angenehm empfindet;         unter­nehmen, diese nicht über 1,5 °C steigen                Oceanic and Atmospheric
                                                                                                                    Administration (NOAA), zitiert in:
für viele geht es auch in Öster­reich um eine ernst­   zu lassen. Ein Sonder­bericht des Wel­tklima­rats            J. Blunden, D. S. Arndt,
hafte Bedrohung – ob als hitze­geplagter Arbeiter,     IPCC analysiert diese 1,5°-Grenze.3 Demnach ist              G. Hartfield (Hrsg.): State of
                                                                                                                    the Climate in 2017. Special
als dürre­geschädigte Land­wirtin, als allergie­       aus natur­wissen­schaftlicher und technischer Sicht          Supplement to the Bulletin of the
geplagte Person oder als Familie, deren Haus von       eine Begrenzung der Erwärmung in diesem Jahr­                American Meteorological Society
                                                                                                                    Vol. 99, No. 8, August 2018
Un­wetter und Über­schwemmungen betroffen ist.         hundert auf 1,5 °C noch mach­bar, sofern „rasche,        3   Intergovernmental Panel on
Das Sommer­halb­jahr 2018 (April bis September)        weit­reichende und beispiel­lose System­über­gänge“          Climate Change (IPCC): Global
                                                                                                                    Warming of 1.5 °C (SR1.5), 2018
war in Öster­reich das wärmste seit Mess­beginn im     in allen wichtigen Sektoren der Welt­wirtschaft              (www.ipcc.ch/report/sr15)
Jahr 1767. Unter den zehn heißesten Sommern            und Gesell­schaft erfolgen – bei Energie, Industrie,     4   Die Hauptaussagen des Berichts
                                                                                                                    sind auch in einer deutschspra-
der über 250-jährigen Mess­geschichte sind fünf        Verkehr, Ge­bäuden, Städten und in der Land­                 chigen Übersetzung zu finden:
Sommer aus den letzten sechs Jahren. 2018 war          nutzung. Bis 2030 müsste der welt­weite Treib­haus­          www.de-ipcc.de/media/content/
                                                                                                                    Hauptaussagen_IPCC_SR15.pdf
zudem ein ungewöhnlich trockenes Jahr, was u.a.        gas­aus­stoß um rund 45 % gegenüber dem Niveau           5   World Meteorological Orga-
zu großen Schäden in Land- und Forst­wirtschaft        von 2010 sinken, um dann 2050 bei „netto null“               nisation: WMO Greenhouse
                                                                                                                    Gas Bulletin No. 14: The
sowie zusätzlichen Heraus­forderungen bei der          zu liegen.4 Laut Welt­organisation für Meteorologie          State of Greenhouse Gases in
                                                                                                                    the Atmosphere Based on Global
Energie­versorgung führte.1                            (WMO) haben 2017 sowohl die globalen CO2-                    Observations through 2017.
                                                       Emissionen als auch die CO2-Konzentration in der             Genf, November 2018

FOLGEN NEHMEN WELTWEIT ZU                              Atmosphäre Rekordbniveau erreicht.5                      6   Die österreichische Klima- und
                                                                                                                    Energiestrategie #mission2030
                                                                                                                    kann auf der Website
                                                                                                                    mission2030.info herunter­
Laut aktuellem Jahres­bericht der US-Klima­            ÖSTERREICHS #MISSION2030                                     geladen werden.
behörde NOAA waren die Jahre 2015, 2016
und 2017 weltweit die wärmsten der bisherigen          Die österreichische Bundesregierung hat mit der
Mess­ges­chichte.2 17 der 18 wärmsten Jahre            „Mission 2030“ eine neue Klima- und Ener­gie­
traten seit Beginn dieses Jahr­hunderts auf. Global    strategie beschlossen. Ziel ist, das Ener­gie­sys­tem
mehren sich die Anzeichen unmittel­barer Folgen        bis zum Jahr 2050 zu einer mo­dernen, ressour­
der Klima­veränderung. Beispiels­weise war laut        cen­schonenden und dekarbo­nisierten Ener­gie­
NOAA im September 2017 die Fläche des                  versorgung weiter­zu­entwickeln. Dazu soll bis
gemessenen Arktis-Eises um ein Viertel kleiner         2030 der Anteil erneuerbarer Energie am Brutto­
als im lang­fristigen Durch­schnitt um diese Zeit.     end­energie­verbrauch auf 45 bis 50 % an­gehoben
Zehn der niedrigsten Eis-Werte wurden in den           werden, der Gesamt­strom­ver­brauch soll national
September­monaten der vergangenen elf Jahre            bilanziell zu 100 % aus erneuer­baren Energie­
gemessen. Stark in Mitleiden­schaft gezogen            quellen stammen. Kerne­lement sind zwölf durch
wurden auch die Korallen­riffe. Bei fast 30 % hat      konkrete Ziele und Vor­haben definierte Leucht­
die Bleiche zwischen 2014 und 2017 auf­grund           turm­projekte, die von effizienter Güter­ver­kehrs­
zu hoher Wasser­temperaturen lebens­bedrohliche        logistik und der Stär­kung des schienen­ge­bundenen
Aus­maße angenommen. Korallen beherbergen              öffent­lichen Verkehrs, über eine E-Mobili­täts­offen­
sehr viele Lebe­wesen auf engem Raum und sind          sive bis hin zur thermischen Ge­bäude­sanierung
die „Kinderstube“ zahl­reicher Fisch- und Meeres­      und erneuer­barer Wärme reichen – und etwa einen
tier­arten, die eine wichtige Nahrungs­grundlage       voll­ständigen Um­stieg von fossilen Öl­heizungen
für bis zu einer Milliarde Menschen darstellen.        auf erneuerbare Energieträger vorsehen.6
FA K T EN CHE CK E N E R GI E W ENDE 2018/2019

01 Ohne Wärmewende keine Energiewende

         MYTHOS                                                              FAKTEN

         Bei der Wärmeversorgung sind wir in Österreich schon                Der Wärme­bereich ist für mehr als die Hälfte des End­
         gut aufgestellt. Durch die erneuerbare Stromversorgung,             energie­verbrauchs in Öster­reich verantwortlich und wird
         die zunehmend auch Wärmebereitstellung ermöglicht, löst             zu knapp 60 % noch von fossiler Energie abgedeckt. Die
         sich das Emissionsproblem von selbst.                               Wärme­wende ist daher entscheidend für den Erfolg beim
                                                                             Klima­schutz. Auch in der heimischen Strom­versorgung
                                                                             ist in Anbetracht von rund 14 % Fossil­energie und rund
                                                                             10 % Importen mit hohem Kohle- und Atom­kraft­anteil
                                                                             noch viel zu tun.

         KURZ
Nur mit einem weitgehenden Ausstieg                 rund 20 % des heimischen CO2-Aus­         Heiz­kosten eingespart werden könnten.
aus der Nutzung fossiler Brenn­stoffe               stoßes ent­fallen auf Raumwärme- und      Durch Maß­nahmen wie ther­mische
bis zur Mitte des Jahrhunderts können               Warmwasserversorgung. Die Ergebnisse      Sanierung und effiziente Heizungs­an­
die Ziele des Pariser Ab­kommens                    der Studie „Wärme­zukunft 2050“ zeigen,   lagen auf Basis erneuer­barer Energie
erreicht und damit die Klima­krise ein­             dass eine Energie­wende im Wärme­         kann der Gesamt­energie­einsatz um 50 %
gedämmt werden. Etwa ein Drittel des                bereich möglich ist und damit jährlich    reduziert und der Ein­satz fossiler Energie
öster­reichischen Energie­einsatzes und             sogar an die drei Milliarden Euro an      beinahe vollständig verdrängt werden.

                                      WÄRME IST EIN SCHLÜSSELBEREICH                   HAUSHALTE LEISTEN WICHTIGEN
                                      DER ENERGIEWENDE                                 BEITRAG

                                      Wichtigste Quelle vonTreibhaus­gas­              Raumwärme und Warmwasser sind für etwa
                                      emissionen ist sowohl global als auch in         ein Drittel des öster­reichischen Energie­ein­satzes
                                      Europa die Ver­brennung fossiler Energie­        und für mehr als 20 % der heimischen CO2-
                                      träger, also von Kohle, Erd­öl und Erd­gas.      Emissionen verant­wortlich.8 In Öster­reichs
                                      Die Wärme­versorgung ist für mehr als die        Haus­halten kommt als primäres Heiz­system zu
                                      Hälfte des End­energie­verbrauchs in Öster­      16 % noch immer Öl und zu 24 % Erd­gas zum
                                      reich verantwortlich. Sie unter­gliedert sich    Ein­satz; die Anteile von Fern­wärme und Bio­
                                      in Raum­wärme, Warm­wasser und Kühlung           masse liegen bei 28 % bzw. 17,5 %. 5,5 % der
                                      einerseits (31 % des End­energie­verbrauchs)     Haus­halte werden mit Strom­direkt­heizungen
                                      und Prozess­wärme anderer­seits (Industrie und   beheizt und 9 % mit Solar­energie oder Wärme­
                                      Dampf­er­zeugung mit 20 % des Energie­ver­       pumpen.9 Heizungs­anlagen, die mit fossilen
                                      brauchs).7                                       Brenn­stoffen (Heiz­öl, Erd­gas) betrieben werden,
                                      Während rund 70 % des in Öster­reich             spielen somit immer noch eine erhebliche Rolle,
                                      er­zeugten Stroms auf Basis erneuer­barer        auch wenn der Anteil erneuer­barer Energie­
                                      Energien produziert werden, wird die Wärme­      träger in den letzten Jahren gestiegen ist. Der­zeit
                                      ver­­sorgung noch immer zu knapp 60 % von        sind öster­reich­weit noch über 600.000 Öl­
                                      Erd­­öl­produkten und Erd­gas dominiert. Daher   heizungen im Ein­satz.
                                      ist ohne Wärme­wende eine Energie­wende im       Die Abhängig­keit von fossiler Energie ist im
                                      Sinne der Ziele des Pariser Klima­ab­kommens     Vergleich der verschiedenen An­wendungsbereiche
6                                     nicht erreichbar.                                in Öster­reich sehr unter­schiedlich hoch:
Die Wärmeversorgung ist maßgeblich für den heimischen Energiebedarf verantwortlich
Endenergieverbrauch in Österreich und Anteil erneuerbarer Energie, aufgeteilt zwischen
Wärmebereich, Strom und Treibstoffen (2016)

                                                   rbar
                                            erneue
                                            fossil
                                                330
                                                250
                                                           580

                                                      Wärme                                                      Wärmeanwendungen
                                                                                                                 Treibstoffe
                                                                                                                 Elektrische Anwendungen
                                                     1.121
                                                   Petajoule
                                              om

                               34                                                                                Die erneuerbaren und nicht­
                      fossil
                                           Str

                                                                              31
                                     127

                                93                        Tr
                                                                                    erne                         erneuerbaren Anteile von Strom
                         bar                                                 382
                   neuer                                                                   uerb
                                                            eib
                 er                                                                             ar
                                                               stoffe
                                                                                   foss                          und Fernwärme sind nach den
                                                                                        il
                                                                 413                                             eingesetzten Energieträgern
                                                                                                                 aufgeteilt.

                                                                                                                 Für importierte Strommengen
                                                                                                                 wird der europäische Strommix
                                                                                                                 (ENTSO-E) für 2016 angesetzt.

                                                                                                                     Datenquelle Grafik:
Während der Strom­ver­brauch zu 73 % aus                       dabei auch der Dekarbonisierung der Strom­            Statistik Austria 2017
erneuer­baren Quellen gedeckt wird, sind es                    versorgung hohe Bedeutung zu. Durch den
bei der Wärme 43 % und beim Verkehr knapp                      Bezug von Öko­strom können Konsumenten            7   Statistik Austria 2017: Nutz-
8 % – im Durch­schnitt beträgt der erneuerbare                 dazu einen konkreten Bei­trag leisten.                energieanalyse für Österreich
                                                                                                                     1993–2016
Anteil im Endenergieverbrauch 33 %.10                                                                            8   L. Kranzl et al. (TU Wien Energy
                                                               WÄRMEWENDE IST MACHBAR                                Economics Group): Wärmezu-
                                                                                                                     kunft 2050. Erfordernisse und
SCHRITTWEISER AUSSTIEG AUS FOSSI­                                                                                    Konsequenzen der Dekarboni-
LEN ENERGIETRÄGERN NOTWENDIG                                   Die Ergebnisse der Studie „Wärme­zukunft              sierung von Raumwärme und
                                                                                                                     Warmwasserbereitstellung in
                                                               2050“ zeigen, dass eine Energie­wende im              Österreich. Endbericht Jänner
                                                                                                                     2018 (eeg.tuwien.ac.at/waerme-
Es gilt aus wissen­schaftlicher Sicht als un­                  Wärme­bereich möglich ist und jährlich sogar          zukunft_2050)
bestritten, dass nur mit einem weit­gehenden                   an die drei Milliarden Euro an Heiz­kosten        9   Daten des Mikrozensus der
                                                                                                                     Statistik Austria 2017, zitiert nach
Aus­stieg aus der Nutzung fossiler Brenn­stoffe                eingespart werden könnten.11 Dafür sind               L. Kranzl et al. 2018
bis Mitte des Jahr­hunderts die Ziel­setzung des               jedoch zahl­reiche Maß­nahmen not­wendig.         10 Werte für 2016. Eigene Berech-
Pariser Über­ein­kommens erreicht werden kann.                 Laut Studie ist die um­fassende thermische           nungen auf Basis Statistik Austria
                                                                                                                    2017: Energiebilanzen 1993–2016.
Wie auch die Klima- und Energie­strategie                      Sanierung des Gebäude­bestands für die               Die erneuerbaren Anteile von
                                                                                                                    Strom und Fernwärme sind nach
#mission2030 der Bundes­regierung formuliert,                  Wärme­wende ebenso not­wendig wie die                den eingesetzten Energieträgern
müssen vor allem in den Bereichen Verkehr und                  Ertüchtigung der Heiz­anlagen und ihre Um­           aufgeteilt. Für importierte Strom-
                                                                                                                    mengen wird der europäische
Raum­wärme verstärkt Akzente gesetzt werden,                   stellung auf erneuer­bare Energie­versorgung.        Strommix (ENTSO-E) für 2016
                                                                                                                    angesetzt.
um mit­hilfe der ein­gesetzten Mittel maximale                 In der Studie beschreibt die Energy Economics
                                                                                                                 11 L. Kranzl et al. 2018 (s.o.)
Ergebnisse im Sinne des Klima­schutzes erzielen                Group der TU Wien einen realisierbaren
zu können. In diesen beiden Sektoren sind die                  Pfad zur schritt­weisen Dekarbonisierung der
größten Einspar- und Reduktions­potenziale                     Wärme­bereitstellung in Österreich bis zum Jahr
(durch Erhöhung der Energie­effizienz und/oder                 2050. Dabei haben die Studien­autoren den
den Einsatz erneuer­barer Energie) zu finden und               gesamten Gebäude­bestand in Österreich heran­
markt­fähige Alter­nativen stehen zur Verfügung.               gezogen und in einer Simulation berechnet, wie
Durch die sogenannte Sektor­kopplung (d.h.                     die Zusammen­setzung der Technologien zur
die verstärkte Integration der Bereiche Strom,                 Wärme­gewinnung verändert werden müsste,
Wärme und Mobilität, etwa durch Wärme­                         um eine weitgehende Dekarbonisierung bis
pumpen oder die Elektro­mobilität) kommt                       zum Jahr 2050 zu erreichen.
FA K T EN CHE CK E N E R GI E W ENDE 2018/2019

02 Nur rasches Handeln kann die Klima­veränderung
   begrenzen

         MYTHOS                                                                  FAKTEN

         Ob wir jetzt noch etwas tun, ist ohnehin schon egal.                    Laut neuem IPCC-Sonderbericht macht es einen großen
         In einigen Jahren werden bessere Technologien verfügbar                 Unterschied hinsichtlich der Klimawandelfolgen, ob der
         sein, die das Klimaproblem lösen. Die Ziele des Pariser                 globale Temperaturanstieg bei 1,5 oder 2° Celsius begrenzt
         Klimaabkommens sind sowieso nicht mehr erreichbar.                      wird. Noch sind die Klimaziele erreichbar, wenn wir jetzt
                                                                                 die Trendumkehr schaffen. Klar ist: Je später wir den CO2-
                                                                                 Ausstoß verringern, desto rasanter muss die Reduktion
                                                                                 erfolgen.

         KURZ
Es ist klar, dass der schritt­weise Aus­             verringern. Der neue IPCC-Sonder­             Nachricht ist, dass wir bei aktueller
stieg aus der Ver­brennung fossiler                  bericht zeigt deutlich: Wir müssen das        Entwicklung bis zum Jahr 2100 nicht
Energie­träger wie Kohle, Erd­öl und                 Zeit­fenster nutzen, um den CO2-Aus­          bei +1,5 oder +2 °C (im Vergleich
Erd­gas entscheidend sein wird, um der               stoß bis 2030 um 45 % gegenüber               zum vorindustriellen Niveau) landen,
Klima­veränderung Ein­halt zu gebieten.              dem Wert von 2010 zu reduzieren; zur          sondern global zwischen +3 und +4 °C
Es ist jedoch nicht egal, wann bzw. wie              Jahr­hundert­mitte muss der Aus­stoß          drohen. Die globalen CO2-Emissionen
rasch wir die Treib­haus­gas­emissionen              dann bei null liegen. Die schlechte           sind zuletzt (2017) wieder an­gestiegen.

                                      NEUER IPCC-BERICHT:                                   leben. Bei dem bis zum Jahr 2100 drohenden
                                      JEDES HALBE GRAD ZÄHLT!                               Anstieg von 3–4° Celsius13 würden viele
                                                                                            Lebens­räume von Mensch und Tier irreversibel
                                      In einem 400 Seiten starken Sonder­bericht des        geschädigt, zum Bei­spiel durch den steigenden
                                      Welt­klima­rats IPCC unter­suchten 91 Autoren,        Meeres­spiegel.
                                      deren Arbeit einem strengen Begut­achtungs­
                                      prozess unter­worfen ist, die Folgen des Über­        NUR RASCHES, AMBITIONIERTES
                                      schreitens der 1,5°-Temperatur­grenze und die         HANDELN BRINGT ERFOLG
                                      Erreichbarkeit dieses Ziels.12 Klar ist: Je mehr
                                      die Temperaturen steigen, desto häufiger werden       Die Bot­schaft des IPCC ist deutlich: Nur
                                      Hitze­perioden, Dürren, zerstörerische Wald­          durch „schnelle, weit­reichende und beispiel­
                                      brände, Stark­regen und Über­flutungen. Der           lose System­über­gänge in allen gesell­schaftlichen
                                      Bericht zeigt, dass es deutliche Unterschiede         Bereichen“ sei es noch möglich, den globalen
                                      hinsichtlich der Auswirkungen gibt, je nachdem        Temperatur­anstieg auf 1,5° zu begrenzen.
                                      ob der globale Temperatur­anstieg bei 1,5 oder        Die globale Staaten­gemeinschaft ist dafür
                                      bei 2 °C liegt. So würde bei max. 1,5° etwa der       derzeit jedoch noch nicht auf Schiene.
                                      Meeres­spiegel­anstieg deutlich geringer ausfallen,   Entsprechend einer Unter­suchung der London
                                      ein Teil des Eises am Nord­pol könnte erhalten        School of Economics haben mit Stand
                                      bleiben, bis zu 30 % der Korallen in den Tropen       September 2018 nur 16 der 197 Länder, die das
                                      könnten über­leben. Steigen die Temperaturen          Pariser Ab­kommen unter­zeichnet haben, einen
                                      im globalen Durch­schnitt dagegen um 2°, würde        nationalen Klima­aktions­plan verankert, der
                                      das arktische Meer­eis im Sommer viel häufiger        ehr­geizig genug ist, um die Zusagen tatsächlich
8                                     ab­schmelzen und kaum ein Korallen­riff über­         auch zu erfüllen.14
Jedes halbe Grad zählt
Vergleich zu erwartender Folgen eines globalen Temperaturanstiegs um 1,5 bzw. 2 °C

                           Rückgang Meeresfischfang      Von extremer Hitze Betroffene
                                                                                                  Betroffene
  Rückgang                         -1,5 Mio. t                  +14 %
                                                                                                   mehr als
  verdoppelt
               -3 Mio. t                                                                  +37 %   verdoppelt

                           Rückgang Pflanzenvielfalt     Eisfreie Arktis im Sommer
                                                                                                   eisfreie
  Rückgang                         -8 %                      alle 100 Jahre
                                                                                                 Sommer ver-
  verdoppelt                                                                                               ht
               -16 %                                                                alle 10 Jahre zehnfac

                                Rückgang Maisernte       Verlust von Korallenriffen

  Rückgang                            -3 %                                    70–90 %              fast bis zu
   mehr als
  verdoppelt                                                                                      Totalverlust   Auswirkung bei +1,5 ˚C
               -7 %                                                                        99 %                  Auswirkung bei +2 ˚C

                                                                                                                     Datenquelle Grafik:
Die Analyse zeigt, dass die meisten Staaten            Satelliten­beobachtungen und unter Anwendung                  IPCC Special Report 1,5 °C
ihre in Paris ein­gemeldeten Ver­pflichtungen          unter­schiedlicher Mess­methoden stellte das                  und klimafakten.de

(Nationally Determined Contributions, NDCs)            Team einer länder­über­greifenden Forschungs­
nur sehr langsam als Ziele in ihren nationalen         kooperation zwischen 1992 und 2017 einen                  12 Intergovernmental Panel on
                                                                                                                    Climate Change (IPCC): Global
Gesetzen und Richt­linien ver­ankern. Dabei            Eis­verlust von drei Billionen Tonnen fest. Dies             Warming of 1.5 °C (SR1.5), 2018
würde selbst die Ein­haltung aller bisher zu­          bedeutet im Durch­schnitt rund 3.800 Tonnen                  (www.ipcc.ch/report/sr15)
                                                                                                                 13 Siehe Climate Action Tracker:
gesagten NDCs noch nicht aus­reichen, um               Eis, die in der Antarktis in jeder einzelnen                 www.climateactiontracker.org/
die Pariser Klima­ziele zu erreichen. Als globale      Sekunde verloren gehen.17                                    global/temperatures
                                                                                                                    (abgerufen am 14.11.2018)
Ziel­setzung empfiehlt das IPCC, den CO2-Aus­                                                                    14 Grantham Research Institute on
stoß bis 2030 um 45 % gegen­über dem Wert              KLIMA­KRISE ZWINGT MENSCHEN ZUR                              Climate Change and the Environ-
                                                                                                                    ment, ESRC Centre for Climate
von 2010 zu reduzieren. Zur Jahr­hundert­mitte         MASSEN­FLUCHT                                                Change Economics and Policy,
müsse der Aus­stoß dann bei netto null liegen.                                                                      World Resources Institute: Alig-
                                                                                                                    ning national and international
                                                       Neben der un­mittel­baren Betroffen­heit durch               climate targets. Policy Brief,
                                                                                                                    October 2018 (www.lse.ac.uk/
KIPP-PUNKTE IM KLIMASYSTEM                             die Klima­ver­änderung in Öster­reich bzw.                   GranthamInstitute/publication/
                                                       Europa kommen auch die globalen Zusammen­                    targets)
                                                                                                                 15 Siehe z.B. H. Kromp-Kolb,
Die durch den Menschen ver­ur­sachten Ein­             hänge zum Tragen. Die Klima­krise nimmt                      H. Formayer: Plus zwei Grad.
griffe in der dünnen Atmo­sphäre drohen,               vielen Menschen ihre Lebens­grund­lagen, wie                 Warum wir uns für die Rettung
                                                                                                                    der Welt erwärmen sollten.
viele wichtige, klima­relevante Systeme aus            Ernährung, Wasser, Arbeit, Gesund­heit.                      Wien, 2018
dem Gleich­gewicht zu bringen, die für unsere          Einer aktuellen Studie der Welt­bank zufolge              16 Siehe auch: W. Steffen,
                                                                                                                    J. Rockström, K. Richardson,
Lebens­grund­lagen essenziell sind. Diese              wird die Klima­veränderung zu starken                        H. J. Schellnhuber et al.:
Änderungen ver­laufen oft nicht-linear. Der            Wanderungs­bewegungen führen. Demnach                        Trajectories of the Earth System
                                                                                                                    in the Anthropocene.
Trend der letzten Jahre zeigt, wie sehr sich schon     könnten durch Dürren, Missernten, Sturm­                     PNAS, August 2018
jetzt die globale Temperatur­erhöhung nieder­          fluten und steigende Meeresspiegel mehr als               17 The IMBIE team: Mass balance of
                                                                                                                    the Antarctic Ice Sheet from 1992
schlägt.15 Durch das Über­schreiten von Kipp-          140 Millionen Menschen in Subsahara-Afrika,                  to 2017, Nature Volume 558, 2018
Punkten, die bei einem Temperatur­an­stieg um          Lateinamerika und Südasien zur Flucht                     18 K. Rigaud, A. de Sherbinin,
                                                                                                                    B. Jones, J. Bergmann et al.:
2 °C nicht mehr aus­zu­schließen sind, drohen          innerhalb ihrer Heimatländer gezwungen                       Preparing for Internal Climate
gravierende irreversible Änderungen, mit               werden. Dies zu verhindern bzw. die Zahl                     Migration. Washington, 2018
                                                                                                                    (openknowledge.worldbank.org/
denen der Mensch letztlich selbst am wenigsten         deutlich zu reduzieren ist immer noch möglich,               handle/10986/29461)
zurande kommen würde.16 Neue Forschungen               wenn rasch Aktionen gesetzt werden, folgert die
widmen ins­besondere dem Ab­schmelzen des              Studie; dazu gehört vor allem eine beschleunigte
Polar­eises große Auf­merksamkeit. Anhand von          Reduktion der Treibhausgasemissionen.18
FA K T EN CHE CK E N E R GI E W ENDE 2018/2019

03 In erneuerbare Wärme zu investieren reduziert
   hohe Preisrisiken

         MYTHOS                                                               FAKTEN

         Öl und Gas sind billig, daher ist es besser, mit                     Das Risiko stark schwankender Öl- und Gaspreise hat sich
         Investitionen noch zuzuwarten.                                       zuletzt stark erhöht. Anfang Oktober 2018 lag der Öl­
                                                                              preis der Sorte Brent mit über 80 US$ pro Barrel so hoch
                                                                              wie seit drei Jahren nicht mehr. Im Voll­kosten­vergleich
                                                                              schneiden erneuer­bare Wärme­versorgungs­systeme am
                                                                              besten ab.

         KURZ
Nachhaltiges Heizen lohnt sich auch                 Gebäude­typen zeigt, dass die Risiken        weist eine deutliche Über­alterung auf –
finanziell. Infolge gestiegener Öl­                 höherer Kosten­belastungen mit               jetzt falsche Investitions­entscheidungen
preise am Welt­markt war auch Heizöl                erneuer­baren Energien deutlich geringer     zu treffen, würde „Lock-in-Effekte“ nach
im Oktober 2018 im Durch­schnitt um                 sind als bei fossilen Heiz­sys­temen – bei   sich ziehen, welche die Abhängigkeit
ein Drittel teurer als im Oktober des               unsanierten Gebäuden um jährlich bis zu      von fossilen Energien und damit vielen
Vor­jahres. Ein Vergleich der Voll­kosten           2.800 Euro. Der gegen­wärtige Bestand        äußeren Faktoren auf lange Zeit ein­
für die Beheizung unter­schied­licher               an Zentral­heizungs­kesseln in Öster­reich   zementierten.

                                      WIRTSCHAFTLICHES RISIKO FOSSILE                    Putin – lässt eine genaue Prognose der Preis­
                                      PREISINSTABILITÄT                                  entwicklung kaum zu.

                                      Der hohe fossile Anteil im Raum­wärme­bereich      VOLLKOSTENVERGLEICH ZEIGT:
                                      macht deutlich, dass Haus­halte und Betriebe,      ERNEUERBARE SENKEN KOSTEN
                                      deren Versorgung durch Erd­öl­produkte und
                                      Erd­gas erfolgt, bei den laufenden Kosten von      Beim Vergleich der Heiz­kosten verschiedener
                                      globalen Markt­entwicklungen abhängig sind.        Systeme wird oft nur die jeweils aktuelle
                                      Insbesondere der Öl­preis ist wieder von starken   Preissituation abgebildet. Die starken Preis­
                                      Schwankungen betroffen. Auch der World             schwankungen sowie externe Markt­faktoren
                                      Energy Outlook 2018 der Inter­nationalen           (etwa auf­grund klima­politisch notwendiger
                                      Energie­agentur (IEA) sieht für die kommenden      gesetz­licher und steuer­licher Maß­nahmen,
                                      Jahre größere Un­sicherheit und Volatilität        z.B. einer CO2-Steuer) werden meist nicht als
                                      (Schwankungen) in den Öl­märkten.19                Risiken ausgewiesen. Ein Voll­kosten­vergleich
                                      Im Oktober 2018 lag der Öl­preis der Sorte         berücksichtigt die Investitions­kosten sowie die
                                      Brent mit über 80 US$ pro Barrel so hoch           (künftigen) Betriebs­kosten über die gesamte
                                      wie seit drei Jahren nicht mehr. Gleiches gilt     Lebens­dauer. Eine Studie der TU Wien im
                                      auch für den Heiz­öl­preis in Österreich, der im   Auftrag von Erneuer­bare Energie Öster­reich
                                      selben Monat um ein Drittel höher als im Vor­      stellte einen solchen realistischen Vergleich der
                                      jahr lag. Vor allem die unsichere geo­politische   Voll­kosten für die Beheizung unter­schiedlicher
                                      Lage – von Iran-Sanktionen über die Rolle          Gebäude­arten an und unter­suchte die Kosten­
                                      Saudi-Arabiens bis hin zu un­vorher­sehbaren       risiken, denen sich ein Kunde, der sich für ein
10                                    Strategien von Donald Trump und Wladimir           neues Heiz­system entscheidet, aus­setzt. Über die
Fossile Energie erhöht Preisrisiken
Risikoeinschätzung der Vollkosten (Investitions- und Betriebskosten) verschiedener Heizsysteme bzw. Energieträger
für ein unsaniertes Einfamilienhaus (mittlere Heizkosten pro Jahr)

6.000                                                                                                6.021

                                                                                   5.482
                                                                 5.162
5.000
                                                                                                                2.798
        4.396                                4.428                                           1.974
                                                                 4.298       1.822 4.237             4.219
        4.067       467
4.000                                        3.956       1.089
        3.929             3.750
                          3.449        546                                         3.508
                                             3.339               3.340                               3.223
3.000                     3.204

2.000

1.000                                                                                                             Risikospanne
                                                                                                                  Differenz aus Mindestheizkosten
                                                                                                                  (unterer Wert) und Maximalheiz-
Euro                                                                                                              kosten (oberer Wert) in Euro
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Lebens­dauer des Heiz­systems hin­weg müssen              Handlungs­bedarf besteht bei Öl­kesseln, wo                   Erneuerbare Energie Österreich
private Haus­halte bei ungünstigen Bedingungen            390.000 Anlagen älter als 15 Jahre und daher                  auf Basis TU Wien 2017

(unsaniertes Ein­familien­haus) demnach eine              demnächst zu tauschen sind. Aber auch 190.000
jährliche Kosten­belastung von bis zu 6.000 Euro          Fest­brenn­stoff­kessel und 100.000 Gas­kessel sind     19 Internationale Energieagentur
                                                                                                                     (IEA): World Energy Outlook 2018.
tragen. Durch den Um­stieg auf öko­logischere             zu sanieren.22 Wer sich jetzt für eine ver­altete          Paris, 2018
Heiz­systeme wie etwa Bio­masse oder mit Öko­             Technologie entscheidet, die beispiels­weise die        20 Erneuerbare Energie Österreich:
                                                                                                                     Der Heizkostenvergleich der
strom betriebene Wärme­pumpen können die                  Abhängig­keit von fossiler Energie ein­zementiert –        Energy Economics Group der
Kosten und das finanzielle Risiko deutlich gesenkt        etwa einen neuen Öl­kessel –, geht damit für               TU Wien, November 2017
                                                                                                                  21 Energy Agency: Heizkostenver-
werden.20 Auch der Heiz­kosten­ver­gleich der Öster­      lange Zeit ein Risiko ein. Neben dem Risiko                gleich 2018: Nachhaltige und
reichischen Energie­agentur von November 2018             schwankender Preise können auch mögliche neue              hocheffiziente Heizsysteme auf
                                                                                                                     Platz 1, Presseaussendung vom
kommt zum Ergebnis, dass fossile Heiz­systeme             Standards (siehe Diesel-Regulative beim Auto)              12.11.2018
                                                                                                                     (www.energyagency.at/aktuelles-
deutlich höhere Voll­kosten auf­weisen. Öl-Brenn­         für eine kurze Lebens­dauer sorgen.                        presse/news/detail/artikel/
wert­systeme liegen bei einem typischen Ein­                                                                         heizkostenvergleich-2018-nach-
                                                                                                                     haltige-und-hocheffiziente-
familien­haus dem­nach in allen Varianten (saniertes      ÖLHEIZUNGSAUSSTIEG BESCHLOSSEN                             heizsysteme-auf-platz-1)
und unsaniertes Gebäude) auf dem letzten Platz.21                                                                 22 Erneuerbare Energie Österreich:
                                                                                                                     Energiewende 2013-2030-2050.
                                                          Im Regierungsprogramm ist ein lang­fristiger,              Wien, 2015
ERSATZINVESTITIONEN IN HEIZSYSTEME                        sozial verträglicher und voll­ständiger Umstieg
                                                          von Öl­heizungen auf erneuer­bare Energie­träger
Investitions­entscheidungen für Heiz­systeme –            vor­gesehen, und auch in der öster­reichischen
ob für Privat­personen, Betriebe, Siedlungen              Klima- und Energie­strategie wird in Leucht­turm
oder ganze Stadt­teile – haben lang­fristige              5 der Ölheizungsausstieg als Teil des Ziel­bilds
Aus­wirkungen. Der gegen­wärtige Bestand an               beschrieben. Im Ein­klang mit den Pariser
Zentral­heizungs­kesseln in Öster­reich weist             Klima­zielen bedeutet dies, keine weiteren Öl­
eine deutliche Über­alterung auf und wurde                heizungen mehr zu installieren und einen sozial­
größten­teils unter den Voraus­setzungen des              verträglichen Umstiegs­plan für die über 600.000
alten Energie­systems geplant (hoher Energie­             bestehenden Anlagen auf erneuer­bare Heiz­
verbrauch, niedrige Energie­standards) und ist            systeme zu erarbeiten und zügig um­zusetzen.
daher häufig ineffizient. Von den 1,7 Millionen           Die Ziele der Klima- und Energie­strategie
Heiz­kesseln in Öster­reich sind 40 % bzw.                #mission2030 besagen, dass „der Aus­stieg aus
680.000 Anlagen zwischen 15 und 30 Jahre                  Öl­heizungen im Neu­bau in allen Bundes­ländern
alt und daher sanierungs­bedürftig. Der größte            ab spätestens 2020 erfolgen“ soll.
FA K T EN CHE CK E N E R GI E W ENDE 2018/2019

04 Die Wärmewende stärkt den heimischen
   Wirtschaftsstandort

         MYTHOS                                                                 FAKTEN

         Das bestehende Energieystem funktioniert gut.                          Es gibt keinen Widerspruch zwischen Klimaschutz und
         Klimaschutzmaßnahmen sind nicht so wichtig wie                         Arbeitsplätzen. Der Umbau des Wirtschaftssystems in
         Arbeitsplätze und Wirtschaftswachstum.                                 Richtung Klimafreundlichkeit und Nachhaltigkeit ist
                                                                                laut aktuellen Studien eine der größten wirtschaftlichen
                                                                                Chancen überhaupt.

         KURZ
Die heimische Wärme­wende schafft                    Welt­weit wird in der Entwicklung einer      gute Möglichkeiten, ihre Technologien
Wert­schöpfung und Arbeits­plätze. Wir               nach­haltigen Infra­struktur eine der        anzubieten und öster­reichisches
haben in Öster­reich eine gute Tradition,            größten Wirtschafts­chancen der Gegen­       Know-how einzubringen, sofern der
innovative Technologien auf Basis                    wart gesehen. Die export­orientierte         heimische Markt ebenso eine klare
erneuer­barer Energien ein­zusetzen.                 öster­reichische Wirt­schaft hat hier sehr   Perspektive hat.

                                      DER WANDEL ZUR LOW-CARBON                            Den Kalkulationen im Bericht zufolge könnten
                                      ECONOMY ALS WIRTSCHAFTLICHE                          durch entsprechende Maß­nahmen global
                                      MEGACHANCE                                           65 Millionen neue Jobs geschaffen werden.

                                      Wie ein im August 2018 von der Global Com­           ERNEUERBARE WÄRMEZUKUNFT
                                      mission on the Economy and Climate heraus­           SCHAFFT ARBEITSPLÄTZE
                                      gegebener Experten­bericht zeigt, ist der Klima­
                                      schutz eine der größten wirtschaft­lichen Chancen    Wie eine Studie der TU Wien zeigt, bringt das
                                      der Gegen­wart.23 Demnach könnten bis zum            Szenario einer Wärme­wende auch für Öster­
                                      Jahr 2030 welt­weit öko­nomische Vor­teile im        reich enorme wirtschaft­liche Impulse; zudem
                                      Wert von 26.000 Milliarden US-Dollar ent­            könnten jährlich bis zu drei Milliarden Euro an
                                      stehen. Der Bericht, an dem 200 Experten mit­        Heiz­kosten eingespart werden.24 Die zusätzlichen
                                      wirkten, listet Energie, Städte, Ernährung, Wasser   Investitionen in thermische Sanierungen sowie
                                      und Industrie als fünf zentrale Entwicklungs­        der Umstieg von fossilen Heiz­systemen auf
                                      bereiche auf. Klima­schutz­ambitionen sind dabei     erneuer­bare würden diesen Branchen einen
                                      in allen Bereichen das zentrale Motiv. Bis 2030      jährlichen Beschäftigungs­zuwachs von 2,5 %
                                      werden welt­weit 90.000 Mrd. US$ in Infra­           im Zeitraum 2020 bis 2030 und von 2,4 %
                                      struktur investiert werden – und damit so viel       zwischen 2030 und 2040 bringen. Gegen­über
                                      wie der Wert der gesamten bestehenden Infra­         dem Referenz­szenario ohne zusätzliche Maß­
                                      struktur. Wie diese Infra­struktur errichtet wird,   nahmen erfordert das Mehr­investitionen im
                                      ob klima­schädlich oder nach­haltig, ist eine der    Sanierungs­bereich von über einer Milliarde Euro
                                      wichtigsten Fragen der kommenden Jahre.              pro Jahr. Bei Wärme­bereit­stellungs­systemen
                                      Die Energie­infrastruktur spielt dabei neben der     sind keine wesentlich höheren Investitionen
                                      Mobilitäts­infrastruktur eine entscheidende Rolle,   nötig, aber für die öster­reichische Wirt­schaft
12                                    ins­besondere auch in der Wärme­versorgung.          ergeben sich viele Chancen für die stark export­
Höherer Ölpreis sorgt für steigende Importkosten
Entwicklung der österreichischen Energieimporte und -exporte nach Energieträgern

            2016                              2017                             2018

      12                                                                                                        Kohle
                                                                                                                Hochrechnung 2. Halbjahr 2018

      10                                                                                                        Erdöl/-produkte
                                                                                                                Hochrechnung 2. Halbjahr 2018
       8
                                                                                                                Erdgas
                                                                                                                Hochrechnung 2. Halbjahr 2018
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                                                                                                                Elektrische Energie
                                                                                                                Hochrechnung 2. Halbjahr 2018
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                                                                                                                Die Werte für 2018 wurden auf
       2
                                                                                                                Basis der Energiepreisentwicklung
                                                                                                                bis November 2018 und histori-
Mrd. Euro                                                                                                       scher Verläufe hochgerechnet.
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orientierten heimischen Technologie­anbieter.           Für 2018 kann auf­grund des höheren Öl­preises              Statistik Austria, WKO Außen­
Insgesamt würde die Zahl der Arbeitsplätze              eine weitere Steigerung der Import­kosten auf über          handels­­bilanz und eigene
                                                                                                                    Berechnung
allein durch den österreichischen Heimmarkt             12 Mrd. Euro erwartet werden.27
von 27.000 (vor 2020) auf über 40.000 (in den
                                                                                                                23 Global Commission on the
Jahren 2030-2040) steigen.                              KONTRAPRODUKTIVE, MARKT-                                   Economy and Climate: Unlocking
                                                        VERZERRENDE SUBVENTIONEN                                   the Inclusive Growth Story of
                                                                                                                   the 21st Century: Accelerating
HEIMISCHE WERTSCHÖPFUNG                                                                                            Climate Action in Urgent Times.
                                                                                                                   Washington, August 2018
                                                        Während auf der einen Seite Instrumente
                                                                                                                24 L. Kranzl et al. (TU Wien Energy
Die Energie­wende trägt wesentlich zu einer             benötigt werden, um umwelt­schädigende                     Economics Group): Wärmezu-
                                                                                                                   kunft 2050. Erfordernisse und
Steigerung der inländischen Wert­schöpfung              Aktivitäten im Preis zu berücksichtigen, sind              Konsequenzen der Dekarboni-
sowie höherer regionaler Kauf­kraft und                 auf der anderen Seite weiter­hin zahl­reiche               sierung von Raumwärme und
                                                                                                                   Warmwasserbereitstellung in
Beschäftigung bei. Bereits im Jahr 2015 zeigte          Subventionen für die Verwendung fossiler Energie           Österreich. Endbericht Jänner
                                                                                                                   2018 (eeg.tuwien.ac.at/waerme-
eine Studie der Öster­reichischen Energie­agentur       im Markt vorhanden. Laut Inter­nationaler                  zukunft_2050)
im Auftrag des Klima­fonds am Beispiel der              Energie­agentur (IEA) sind diese nach einem             25 Österreichische Energieagentur:
steirischen Region Hartberg, dass durch die             Rückgang 2012 und 2016 im Jahr 2017 wieder                 Regionale Wertschöpfung und
                                                                                                                   Beschäftigung durch Energie
Nutzung öster­reichischer Bio­masse zur Wärme­          auf rund 300 Mrd. US$ angestiegen.28 Dies ist              aus fester Biomasse.
                                                                                                                   Wien, März 2015
erzeugung anstelle im­por­tierter fossiler Roh­stoffe   einerseits auf den Öl­preis­anstieg zurück­zu­führen,
                                                                                                                26 Bundesministerium für Nach­
wie Öl und Gas pro Heiz­kessel bzw. An­schluss          anderer­seits auf fehlendes politisches Engagement.        haltigkeit und Tourismus:
                                                                                                                   Energie in Österreich. Zahlen,
eine sechsfach höhere direkte regionale Wert­           Kontra­produktive Privilegien sind auch im öster­          Daten, Fakten. Wien, 2018
schöpfung (im Zuge von Installation, Wartung            reichischen Steuer­system aus­zumachen. Aus Sicht       27 Eigene Berechnung auf Basis
und Betrieb) erzielt werden kann. Jedes Tera­           der Energie­träger­besteuerung ist im Wärme­               von Jahresverlauf und Preisent-
                                                                                                                   wicklung bis November 2018
joule (umgerechnet ca. 278 MWh) Holz, das               bereich die geringe Besteuerung von Heiz­öl             28 Internationale Energieagentur
vom Wald über verschiedene Zwischen­schritte            hervor­zu­heben. Aus Klima­schutz­perspektive ist          (IEA): World Energy Outlook 2018.
                                                                                                                   Paris, 2018
in Form von Wärme zum Kunden gebracht                   klar, dass die Verbrennung von Erdöl zu Heiz­
wird, sichert darüber hinaus 168 direkte                zwecken auf­grund der hohen CO2-Intensität und
regionale Arbeits­kräfte­stunden, während es bei        vieler bestehender Alternativen problematisch ist.
Öl­heizungen nur 21, bei Gas­heizungen sogar            Im Vergleich zu Benzin (48,2 Cent/Liter) und
nur 10 Arbeits­stunden sind.25 Aktuell liegt            Diesel (39,7 Cent/Liter) fällt für Heiz­öl leicht in
die Auslands­abhängigkeit der öster­reichischen         Öster­reich mit 9,8 Cent pro Liter ein deutlich
Energie­versorgung mit 64,2 % über dem Durch­           geringerer Betrag für die Mineral­öl­steuer an.
schnitt der EU28-Länder, welcher sich auf               Erdgas wird mit 6,6 Cent pro Normkubikmeter
53,6 % (2016) beläuft. Der Wert der Energie­            und damit – bezogen auf seinen Energie­gehalt,
importe lag 2017 bei 10,7 Mrd. Euro; netto, also        aber auch die CO2-Emissionen – ebenfalls gering
abzüglich der Exporte, bei rund 8 Mrd. Euro.26          besteuert.
FA K T EN CHE CK E N E R GI E W ENDE 2018/2019

05 Durch Sanierungsmaßnahmen sind hohe
   Energieeinsparungen möglich

         MYTHOS                                                                  FAKTEN

         Thermische Sanierungsmaßnahmen werden überschätzt;                      Ohne Energieeffizienz im Heizsystem und der sukzessiven
         wichtig ist primär der Neubau.                                          Sanierung des Gebäudebestands ist eine deutliche
                                                                                 Senkung des Energie­verbrauchs in den kommenden
                                                                                 Jahren schwer zu erreichen. Der Groß­teil des Energie­
                                                                                 bedarfs für Raum­wärme und Warm­wasser in Gebäuden
                                                                                 entfällt auf unsanierte Bestands­gebäude, insbesondere
                                                                                 Ein­familien­häuser.

         KURZ
Je früher damit begonnen wird,                       für uns. Die Hälfte des End­energie­          zur Jahrhundert­mitte Treib­haus­
den Gebäude­bestand thermisch                        einsatzes geht durch geringe Qualität         gas­neutralität im Sinne des Pariser
zu sanieren und mit erneuerbaren                     der Gebäude­hülle verloren. Bei               Klima­abkommens zu erreichen. Allein
Energien zu versorgen, desto                         einer Bei­behaltung der aktuellen             durch Energie­effizienz­maßnahmen
günstiger wird es – unmittel­bar für                 Sanierungs­rate wäre bis zum                  bei Heiz­kesseln und Wärme­verteilung
uns (Kosten­senkung) sowie für das                   Jahr 2050 maximal die Hälfte der              können bis zu 20 % des Energie­
Klima, und damit indirekt erneut                     Gebäude saniert – zu wenig, um bis            verbrauchs eingespart werden.

                                      HOHES POTENZIAL DURCH SANIERUNG                       heime (Haupt­wohnsitze) machen 39 % des
                                                                                            Wohnungsgesamtbestands aus.29
                                      Immer noch wird viel zu viel Energie im
                                      Gebäude­bereich verschwendet. Durch die               MUSTERSANIERUNGEN ZEIGEN ERFOLG
                                      thermisch-energetische Sanierung von Bestands­
                                      bauten können hohe Ein­sparungen bei Energie          Mit den vom Klima­fonds initiierten Muster­sa­
                                      und Treib­haus­gas­emissionen erzielt werden –        nierungen soll ein Bild davon gezeichnet werden,
                                      vor allem in Gebäuden, die vor 1990 errichtet         wie Gebäude künftig aus­sehen müssen. Der
                                      wurden. Der Gebäude-­und Wohnungs­bestand             Weg in eine klima­freundliche Zukunft kann nur
                                      in Öster­reich wächst seit 1961 linear und hat sich   er­folg­reich gegangen werden, wenn Gebäude
                                      seit damals mehr als ver­doppelt. Von den heute       treib­haus­gas­neutral sind. Mit Stand Früh­jahr
                                      3,9 Millionen Haupt­wohn­sitz­wohnungen wurden        2018 wur­den bereits 75 Muster­sanierungen
                                      rund drei Viertel vor 1991 errichtet. Ins­gesamt      um­­gesetzt bzw. be­­­fanden sich in Um­setzung;
                                      bräuchten etwa 60 % des gesamten Wohnungs­            darunter sechs in Passivhausqualität und zehn
                                      bestands eine energie­effiziente Sanierung. An        als Plusenergiehäuser. Der Energie­bedarf von 50
                                      technologischen Lösungen dafür mangelt es nicht.      dieser Gebäude wird zu 100 % durch erneuer­
                                      Die Effizienz­potenziale im Gebäude­sektor sind       bare Energien ge­deckt. Laut Energie­ausweis­be­
                                      wegen der bislang niedrigen Sanierungs­raten in       rechnung konnte der Heiz­wärme­bedarf im Mittel
                                      Öster­reich und des hier­zulande relativ hohen        über alle Ge­bäude um 82 % gesenkt werden.30
                                      spezifischen Heiz­wärme­bedarfs pro Ein­heit,         Sa­nierungs­maßnahmen bringen zudem zahl­reiche
                                      hoch. Besonders groß ist das Potenzial auf­grund      po­si­tive Effekte für die Wert­er­haltung, die Wohn­
                                      des höheren Energie­verbrauchs bei Ein- und           quali­tät, die Gesund­heit der Bewohner sowie für
14                                    Zwei­familien­häusern: 1,43 Millionen Eigen­          die Ver­sorgungs­sicher­heit und die heimische Wirt­
Unsanierte Bestandsgebäude haben das größte Energieeinsparungspotenzial
Vergleich des Nutzenergiebedarfs und der Häuseranzahl nach Gebäudetypen

          Einfamilienhaus                                        Mehrfamilienhaus

 1 Mio.                                          25     1 Mio.                                    25

800.000                                          20    800.000                                    20

600.000                                          15    600.000                                    15

400.000                                          10    400.000                                    10

                                                                                                         Anzahl der Häuser dieses Typs
200.000                                          5     200.000                                    5      in Österreich
                                                                                                         Gesamtnutzenergiebedarf für
                                                                                                         Raumwärme und Warmwasser
Anzahl                                           TWh   Anzahl                                     TWh    in Terawattstunden
                  t

                              t

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                                                                                   er
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                                                                                 ni
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                                                                               sa
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                                                                                         Ne
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                                                                                                             Datenquelle Grafik:
schaft mit sich. Laut Öster­reichischem Institut       „Clean Energy Package“ der Europäischen               Energy Economics Group/
für Wirt­schafts­forschung (WIFO) schaffen             Union legt fest, dass in der EU bis zum Jahr          TU Wien 2018

thermische Sanierungen eine hohe in­ländische          2030 mindestens 32 % des Energie­ver­brauchs
Wert­schöpfung (durch das Pro­gramm „Muster­           (Strom, Wärme und Verkehr) aus erneuer­           29 Siehe auch Klima- und Energie-
                                                                                                            fonds: Faktencheck Nachhaltiges
sanierungen“ alleine wurden rund 78 Mio. Euro          baren Energien kommen sollen. Zudem wurde            Bauen. Wien, 2016
direkte Investi­tionen aus­gelöst), Ar­beits­plätze,   kürzlich eine Steigerung der Energie­effizienz    30 Siehe Klima- und Energiefonds:
                                                                                                            Leitfaden Mustersanierung,
Know-how und Tech­no­logie­führer­schaft.              um 32,5 % sowie die Gover­nance-Verordnung           Jahresprogramm 2018.
                                                       zur gemeinsamen Um­setzung der Klima­                Wien, Mai 2018 (siehe auch:
                                                                                                            mustersanierung.at/projekte)
HÖHERE SANIERUNGSRATE NOTWENDIG                        schutz- und Energie­ziele beschlossen. Diese      31 Umweltbundesamt: Klimaschutz-
                                                       verpflichtet die Mitgliedstaaten, bis Ende 2018      bericht 2018. Wien, 2018

Bei einer Bei­behaltung der aktuellen Sanierungs­      nationale Energie- und Klima­pläne für die
rate wäre bis zum Jahr 2050 maximal die Hälfte         Zeit bis 2030 vor­zulegen; nach Empfehlungen
der Gebäude saniert – zu wenig, um bis zur Jahr­       der Kommission sind die Pläne bis Ende
hundert­mitte Treib­haus­gas­neutralität im Sinne      2019 zu fixieren. Die Klima- und Energie­
des Pariser Klima­abkommens zu erreichen. Laut         strategie der Bundes­regierung strebt bis zum
Klima­schutz­bericht 201831 des Umwelt­bundes­         Jahr 2030 eine Reduktion der Emissionen im
amts sind alle vier erfassten Einzel­sanierungs­       Gebäude­sektor um zumindest 3 Millionen
maß­nahmen – d.h. Heiz­kessel- und Fenster­            Tonnen CO2-Äquivalent (von derzeit rund
tausch, Dämmung von Fassade sowie oberster             8 auf unter 5 Mio. t) an, bis 2050 soll ein
Geschoß­decke (Keller­sanierungen werden nicht         möglichst CO2-freier und energie­effizienter
erfasst) – seit Mitte der 1990er-Jahre sogar leicht    Gebäude­bestand erreicht werden. Die jährliche
rück­läufig. Auch die mittlere Rate um­fassender       Sanierungs­rate – im Sinne einer umfassenden
thermisch-energetischer Gebäude­sanierungen            Sanierung in Bezug auf den Gesamt­bestand an
lag im Betrachtungs­zeitraum 2006–2016 mit             Wohn­einheiten – soll von derzeit unter 1 % auf
0,8 % pro Jahr daher etwas unter dem Vergleichs­       durch­schnittlich 2 % im Zeit­raum 2020–2030
zeitraum 1996–2006 (0,9 %). Die jährliche Rate         angehoben werden. Auch die Bundes­länder
umfassender thermischer Sanierungen ohne Heiz­         spielen bei der Wärme­wende eine wichtige
kessel­tausch ging von 0,7 % auf 0,6 % zurück.         Rolle, da viele der Rahmen­bedingungen für
                                                       den Gebäude­bereich (Bau­ordnung, Wohn­bau­
NEUE EU-ZIELE FÜR ERNEUERBARE                          förderung, Raum­ordnung) im Kompetenz­
UND ENERGIEEFFIZIENZ                                   bereich der Länder liegen und gerade die
                                                       Aus­führung von Sanierung und Neu­bau in
Die Neu­fassung der Erneuer­bare-Energien-             Kombination mit dem Heiz­system enorm
Richt­linie im Zuge der Umsetzung des sog.             wichtig ist.
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