Feminin - Ein Magazin über den Feminismus - Maturitätsarbeiten
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feminin Maturitätsarbeit 2020 Kantonsschule Zürcher Oberland Betreut durch Franziska Meister Anne-Sophie Skarabis, N6b skarabis.annesophie@gmail.com
Liebes Lesepublikum
«Mit dieser radikalen Bewegung möchte ich nichts zu tun haben.» Es waren solche Reaktionen,
die mir zuteilwurden, wenn ich Anfang dieses Jahres den Feminismus mit auch nur einen Wort
erwähnte und welche mich dazu motivierten, ihn zum konkreten Thema meiner Maturitätsarbeit
zu machen.
Im Laufe der letzten sechs Monate fiel mir auf, wie gespalten wir als Gesellschaft sind, wenn es
um die Frauenrechtsfrage geht: Während die einen stark für die Notwendigkeit des Feminismus
plädieren, dementieren andere ebenjene vehement. Wir verbringen unsere Zeit damit, darüber
zu diskutieren, ob Feminismus tatsächlich notwendig ist, und verwandeln die Debatte somit zu
einer gesellschaftlichen Hetze. Indem wir schwarz-weiss malen und eine Entweder-oder-Haltung
einnehmen, geht unheimlich viel kostbare Zeit verloren, in welcher wir versuchen könnten, eine
konstruktive Lösung zu finden. So schwer ist es nicht, einzusehen, dass es sich bei Feminist*innen
nicht zwangsläufig um radikale, rachsüchtige Männerhasser*innen mit Aufmerksamkeitsdefizit
handelt und dennoch wird dieses Narrativ von manchen aufrechterhalten.
Vielleicht wissen Sie schon längst, dass der Feminismus viel facettenreicher ist, als es obgenannte
Behauptung vermuten lässt. Möglicherweise sympathisieren Sie aber auch mit ihr oder Sie haben
sich noch nicht entschieden und möchten lediglich ein wenig Feminismusluft schnuppern. Die
Gründe für Ihren Entscheid, diese Arbeit zu lesen, mögen vielfältig sein, doch hoffe ich, dass Sie
ihm alle etwas entnehmen können. Neben Kommentaren, in denen ich meine Gedankengänge
skizzierte, finden Sie auch informative Texte – vielleicht wollten Sie schon immer wissen, wer
Ada Lovelace war, wie sich das Kaufverhalten der Frauen in den letzten Jahren veränderte oder
wie Unternehmen unsere Unsicherheiten zu Geld machen. Auch jene von Ihnen, die gerne einen
etwas tieferen Einblick in feministische Geschehnisse erhalten möchten, werden mit einer Foto-
strecke über den Frauenstreiktag oder einer Reportage über das Basteln einer Vulva fündig.
Ziel dieser Arbeit ist es nicht, ein feministisches Kampfpamphlet an Sie zu bringen. Vielmehr
handelt es sich um einen Versuch, Ihnen – liebe Leser*innen – verschiedene Aspekte des Feminis-
mus darzubieten, damit auch Sie versuchen können, sich eine eigene Meinung zu bilden.
Es freut mich sehr, dass Sie sich dazu entschieden haben, diese Arbeit zu lesen.
Vielen Dank.
Anne-Sophie Skarabis
feminin 3I N H A LT
11 BUCHKRITIK -
UNTENRUM FREI
8 JULIA KORBIK -
EIN PORTRAIT 17 WIE UNTERNEHMEN VON
UNSEREN ÄNGSTEN PROFITIEREN
Bild: Korbik_2018_1(c)privat (002)
6 Das Narrativ der 50 Eine Retrospektive auf
Männerhasserinnen den Frauenstreiktag
Darüber, was Feminismus eigentlich ist. Erfolgreich oder eher nicht? Wie war der
Frauenstreik nun? Ein Fazit.
24 Ein Fest der Freude – 52 Eine Vulva
und politischen Notwendigkeit entsteht selten allein
Eine Reportage über das Zurich Pride Eine Reportage über die Entstehung einer
Festival. Vulvaskulptur an der KZO.
26 Die Zukunft 56 Das Verhängnis der
des Sternchens Schwarzweissmalerei
Ein Kommentar über die Gendersprache Warum wir versuchen sollten, aufzuhören,
und ihre Hintergründe. in Schubladen zu denken.
4 feminin14 ADA LOVELACE -
DIE DICHTERIN DER ZAHLEN
28 EINE FOTOSTRECKE
ZUM FRAUENSTREIKTAG
21 FRAUEN KAUFEN UND
WAGNISKAPITALGEBER
Bild: Patrick Tomasso/ Unsplash
59 Spagat zwischen 68 Über den Aufschwung
Kindererziehung und Beruf der Misogynie
Verena Schulemann über das Über Frauenfeindlichkeit und ihre neue
Alleinerziehendsein. Position in der Gesellschaft.
62 Von feministischer 71 Auf der Suche nach
Philosophie Frauen in der Politik
Ein Interview mit dem Philosophen Über die Position von Schweizer Frauen in
Dominique Kuenzle. der Politik.
67 Der vermeintliche Kampf 76 Ein Plädoyer für
gegen die Männer das Selbstvertrauen
Stefan Wittwer über die Rolle der Männer Warum es für Frauen so wichtig ist, mehr
in der Frauenbewegung. Selbstvertrauen an den Tag zu legen.
feminin 5Kommentar
Das Narrativ der
Männerhasserinnen
Feminismus ist in aller Munde. Alle reden darüber und doch scheint niemand zu wissen,
in welche Richtung er sich bewegt. Wie auch? Eine einheitliche Bewegung ist der Femi-
nismus längst nicht mehr. Eine Bewegung ja, vielleicht, aber in welche Richtung bewegt
sich etwas, wenn es auf etlichen Wegen zugleich unterwegs ist? Ein Versuch, den Femi-
nismus festzuhalten.
Nur allzu gerne werden Feminist*innen von Kritiker*in- le verbinden etwas anderes mit der Bewegung. Ist sie
nen als notorische Männerhasser*innen mit Aggres- für manche nur Bestandteil einer Entkoppelung des sich
sionsproblemen und einem Drang zu Radikalismus etablierten kapitalistischen Systems, so mag sie für an-
bezeichnet. Ihre Aktionen und Forderungen werden dere ein Sprungbrett für die Selbstentfaltung eines je-
despektierlich belächelt oder als so martialisch emp- den Menschen sein. Wer jedoch denkt, es gehe um radi-
funden, dass sich einige bereits von der symbolischen kalen Männerhass oder um eine Machtübernahme, hat
Faust zutiefst bedroht fühlen und Angst davor haben, die Quintessenz nicht richtig erfasst. Feminist*innen set-
dass Frauen die Macht ergreifen wollen. zen sich dafür ein, dass alle Menschen unabhängig von
Geschlecht und sexueller Orientierung gleichberechtigt
Seit 1981 der Gleichstellungsartikel in der Verfassung leben können und nicht täglich mit Vorurteilen konfron-
verankert wurde, scheint Feminismus für manche eine tiert und in eine bestimmte Rolle gedrängt werden.
völlig überflüssige Angelegenheit geworden zu sein und
tatsächlich, die gesetzliche Diskriminierung ist gröss-
tenteils zu einem Relikt der Vergangenheit geworden. Die Sünde des Zufriedenseins
Dennoch kam die Feminismusbewegung seither zu kei-
nem Stillstand und erlebte vor allem in den letzten Jah- In meinem Alltag werde ich immer wieder Zeugin von
ren durch Internettrends wie #MeToo oder #Aufschrei Situationen, in welchen Frauen sich schlechtreden
ein Comeback. Anliegen wie der Gender Pay Gap und und ihre Fähigkeiten um ein Vielfaches unterschätzen.
der Mangel an Frauen in Führungspositionen verstärk- Lieber halten sie sich zurück und reden sich ein Ge-
ten diesen Effekt und sorgten für immense mediale Auf- fühl der Minderwertigkeit ein. Der Druck, den sich Frau-
merksamkeit. Eine grössere Kontroverse könnte dies en unter anderem wegen ihres Aussehens machen, ist
nicht hervorrufen; die Diskrepanz zwischen Befürwor- stupend. Zufrieden mit sich selber zu sein, scheint einer
tung und Ressentiment ist enorm. Sünde gleich. Wagt es eine Frau doch einmal, laut ihre
Meinung zu sagen, so ist oft unverzüglich von einem un-
Immer mehr Menschen fragen sich, was der Feminis- angenehmen Mannweib die Rede. Es kommt die Frage
mus eigentlich ist. Eine genaue Antwort gibt es nicht, al- auf, ob Frauen in Führungspositionen schlechter vertre-
6 femininten sind, weil sie weniger qualifiziert sind oder weil sie die Differenzen gemeinsam überwunden werden kön-
sich nicht trauen, für sich einzustehen und aufzustreben nen. Hören Sie zu und öffnen Sie die Augen – auch aus-
– unter den Fortune 500 CEOs befinden sich gerade mal serhalb Ihrer ganz persönlichen Echokammer – trauen
33 Frauen und hierbei handelt es sich um ein Rekord- Sie sich, etwas zu sagen, und geben Sie sich nicht der
hoch. Stromlinienform Ihres Umfelds hin, wenn diese nicht die
Richtung anpeilt, die Sie als richtig empfinden. Nur so
Feminist*innen möchten Frauen nicht dazu zwingen, wird es uns gelingen eine bessere, fairere Zukunft mit-
eine Führungsposition anzustreben. Sie möchten ih- zugestalten.
nen lediglich vermitteln, dass es nicht notwendig ist,
sich ständig herabzuwürdigen und dass Frauen alles,
was sie sich zum Ziel gemacht haben, auch wirklich ver-
folgen und sich zutrauen können. Die Tatsache jedoch,
dass Frauen noch immer auf ihren Körper reduziert
werden, sexuelle Gewalt ein anhaltend präsentes The-
ma ist, ein Gender Pay Gap existiert, die Elternurlaubs-
regelungen stark zu wünschen übrig lassen, das Ren-
tenalter nicht geschlechtsneutral ist und homosexuelle
Paare keine Ehe schliessen dürfen, zeugt davon, dass
vieles geändert werden kann und muss. Alle sollten das
Recht haben, das zu tun, was ihnen beliebt, solang sie
damit niemandem schaden. Damit das Hindernis poten-
zieller geschlechtlicher Diskriminierung endgültig ver-
schwindet, gibt es auch noch heute Feminist*innen.
Für den Zusammenhalt
Es ist nicht abzustreiten, dass auch Feminismus seine
Mängel aufweist, es intern immer wieder zu Differen-
zen kommt und mancher Aktivismus bei Teilen der Be-
völkerung nicht gut ankommt, doch geht es uns allen
schliesslich um das Gleiche. Im Endeffekt bezeichnet
Feminismus den Wunsch nach gleichen Möglichkeiten
für alle. Nehmen Sie sich – liebes Lesepublikum – einen
Moment Zeit, um feministische Anliegen zu reflektieren.
Auch Ihnen sollte bewusst werden, dass wir noch lange
nicht da sind, wo wir sein könnten. Wenn wir alle vom
lächerlichen Männerhassbild eines vermeintlich radi-
kalen Feminismus abkommen und realisieren, worum
es wirklich geht, können wir die Gleichstellung schnel-
ler erreichen. Dazu gehört auch eine kollektive Bewusst-
seinsbildung; das Engagement aller ist wichtig, damit
feminin 7This is what
a feminist looks like
Wie wurde sie zur Feministin, wie lebt es sich in ihrem Beruf und wie lassen
sich diese beiden Dinge vereinbaren? Ein Portrait von Julia Korbik.
«Eine Journalistin schrieb einst über WAZ, machte 2008 ein Praktikum nistin ist, dann muss ich das auch
mich, ich hätte meine Haare schwarz beim Norddeutschen Rundfunk und sein. Mir waren schon immer komi-
gefärbt, weil Simone de Beauvoir 2010 bei cafébabel, wo sie seither sche Dinge aufgefallen, aber so rich-
schwarze Haare hatte. Und das, ob- als Kommunikationsmanagerin und tig identifizierbar waren sie für mich
wohl Schwarz meine Naturhaar- Übersetzerin ehrenamtlich arbei- nie. Feminismus half mir dabei, ein
farbe ist und nicht die von Simone tet. Nach ihrem Studium verschlug wenig besser durchzublicken und
de Beauvoir», sagt Julia Korbik kopf- es Korbik im Jahr 2012 nach Berlin, zu verstehen, warum mein Sport-
schüttelnd. Die Wahlberlinerin sitzt wo sie bei der Zeitung The European lehrer meine Liegestützen immer
an einem kleinen Tisch in einem arbeitete. In der Hipsterstadt bleiben so verblüfft loben musste.» In ihrem
Café in Berlin Schöneberg. Vor ihr wollte sie ursprünglich nicht, heute Buch Stand Up bezeichnet Korbik
liegt ein Buch, daneben steht eine bewohnt sie sie noch immer. den Feminismus gar als Waffe, um
Tasse Kaffee, die Umgebung ist woh- den ganzen Mist zu durchschauen.
lig, es ist dunkel, das Mobiliar ist Er helfe, zu erkennen, dass das, was
bequem, an den Wänden stehen Solidarität schieflaufe, dies vor allem aufgrund
Bücherschränke, ausserdem hän- struktureller Fehler tue. «Es geht mir
gen allerorts Bilder. Korbik scheint 2014 veröffentlichte Korbik ihr erstes dabei auch um Solidarität für jene,
sich hier wohlzufühlen, wie auch Buch Stand Up, ein Werk über den denen es schlechter geht und die
sonst in der Welt der Bücher und des Feminismus, welches sie als ihren unter Ungerechtigkeiten mehr zu lei-
Geschriebenem. Sie ist Autorin und ganzen Stolz betitelt und in welchem den haben als ich.»
arbeitet als freie Journalistin. Schon sie die Lesenden in den Feminismus
während ihrer Schulzeit schrieb die einführt. «Am liebsten schreibe ich Die Schriftstellerin und Europalieb-
Journalistin immer wieder für die über Politik und Popkultur aus femi- haberin könnte sich ein Leben ohne
Kinder- und Jugendseite der West- nistischer Sicht.» Auch ihre beiden den Feminismus nicht mehr vor-
deutschen Allgemeinen Zeitung in anderen seither veröffentlichten Bü- stellen, doch stellt sie den Hype, wel-
Herne. Es sollte eine Leidenschaft cher Oh, Simone und How to be a cher in den letzten Jahren um das
werden, die sie nie loslassen würde. Girl behandeln den Feminismus. «Ich Thema entstand, ein wenig infrage.
Während ihres Studiums der Euro- selbst fing im Alter von 17 Jahren «Inzwischen wird man fast überall
pean Studies und Kommunikations- an, mich mit dem Feminismus aus- mit dem Feminismus konfrontiert.
wissenschaften, für welches sie zwi- einanderzusetzen. Damals waren Praktisch in jedem Geschäft findet
schen dem französischen Lille und es Bücher wie jene von Simone de man T-Shirts mit der Aufschrift «This
dem deutschen Münster hin und her Beauvoir, welche mich in das Thema is what a feminist looks like», es wird
pendelte, arbeitete sie bis 2011 wei- einführten. Ich war begeistert und Werbung mit dem Thema gemacht
ter als freie Mitarbeiterin bei der dachte mir, wenn Beauvoir Femi- und plötzlich sind alle Feminist*in-
feminin 9nen. Das ist ja schön und gut, aller- Als Freelancerin weiss Korbik nie ten und fragen dann unter anderem
dings bedeutet Feminist*in sein nicht, genau, wie es um ihren Job steht. nach fünf konkreten Massnahmen
ein T-Shirt zu tragen, welches auch «Ich habe mein Schicksal selbst in oder Beispielen, die den Feminismus
noch in prekären Verhältnissen her- der Hand und manchmal erfordert begründen und Lösungen aufzeigen.
gestellt wurde.» Für die 31-Jährige ist es eine gewisse Menge an Motivati- Klempner*innen werden doch auch
Feminismus eine Geisteshaltung, zu on, um sich wirklich zum Arbeiten nicht ständig und überall gefragt, wie
der auch Taten gehören. Zu sagen, durchzuringen. Aber ich bin da sehr sie Toiletten reparieren.»
man sei Feminist*in, aber nichts zu konsequent und lege meine Arbeits-
der Thematik beizusteuern, bringe zeiten genau fest. Ausserdem bin Mit der Zeit hat sich die junge Frau
nicht viel. Dies könne dem Feminis- ich sehr organisiert. Das ist sicher mit den Vorurteilen abgefunden, die
mus die Ernsthaftigkeit nehmen, ein Vorteil.» Wo das Geld herkommt, ihr aufgrund ihres Bekenntnisses
denn wenn plötzlich alle reden, aber ist für die Texterin nie ganz sicher. zum Feminismus entgegengebracht
niemand mehr etwas unternehme, Sie ist darauf angewiesen, Aufträge werden. Sie habe sich als Feministin
dann kämen wir auch nicht weiter. zu bekommen, daher empfiehlt sie weiterentwickelt, sagt sie. Was man-
auch die Arbeit mit einer Agentin. che Dinge angeht, sei sie früher ra-
«Manchmal gibt es Zeiten, in denen dikaler gewesen sein, bei manch an-
JULIA KORBIK ich etwas weniger Geld verdiene, deren jedoch viel gemässigter. Für
in Stand Up
dann läuft es wieder relativ gut. Man die Journalistin ist klar, dass Macht-
Es ist wohl die ernüchternde
ist sicherlich auf Gespartes angewie- strukturen überwunden werden müs-
Tatsache, dass neben,
sen. Lange Zeit hatte ich überhaupt sen, die viele Menschen noch immer
hinter, unter all dem Show-
kein Bock, mich mit der Altersvor- marginalisieren. Man muss sich nicht
room-Feminismus das
sorge auseinanderzusetzen, doch unbedingt als Feminist*in bezeichnen,
meiste doch beim Alten ge-
das ist als Selbstständige sehr wich- um etwas zu der Bewegung beizu-
blieben ist.
tig. Inzwischen habe ich einen Fond tragen. «Am Ende geht es um die Hal-
angelegt. Die Sache mit dem Geld ist tung. Feminismus erfordert Taten und
«Mein Vater ist ein etwas schwierig, allerdings waren das ist das Wichtigste.»
kleiner Chauvinist.» auch meine alten Jobs nie wirklich
sicher. Es wurden willkürlich Leute
Auf die Frage, wie ihre Familie da- entlassen und man wusste nie, wie
mals mit ihrem feministischen Wan- es um einen stand.»
del umgegangen sei, antwortet sie
mit einem kurzen Schmunzeln. «Ich
bin in einer Familie mit traditionel- Die Feministin
ler Rollenverteilung im Ruhrgebiet
aufgewachsen. Meine Mutter verhält Selbstständig zu sein, bedeutet für
sich eher gemässigt, was so Themen die 31-Jährige, ihre Leidenschaft und
angeht und mein Vater ist manchmal ihre Geisteshaltung vereint zum Be-
ein kleiner Chauvinist. Meine Mutter ruf gemacht zu haben. Sie ist Jour-
kaufte mir damals aber dennoch die nalistin und sie ist Feministin. Als
Bücher und unterstützte mich immer Freiberuflerin kann sie dies bestens
in meinen Interessen. Als ich dann miteinander vereinen. Allerdings
mein erstes Buch auf den Markt wünscht sich die junge Frau auch
brachte, waren sie beide unheim- manchmal ein ganz normales Ge-
lich stolz auf mich. Ich habe wich- spräch, in dem sie nicht als die Fe-
tige Dinge von meinen Eltern mit ministin am Tisch vorgestellt wird.
auf den Weg gegeben bekommen. «Sobald das mal jemand über mich
Zum Beispiel, dass ich mein eigenes sagt, bin ich in der ganzen Runde oft
Ding durchziehen solle. Dabei unter- sofort die Feministin und dann geht
stützen sie mich, auch wenn sie sich es halt darum. Feminist*innen sind
als sicherheitsorientierte Menschen ja auch einfach Menschen mit einer
teilweise um das Risiko meines Be- ganz eigenen Persönlichkeit. Man-
rufes sorgen.» che Leute wollen einen aber tes-
10 femininDie schwammige Grenze
zwischen Feminismus
und Anarchismus
Wie frei sind wir eigentlich? Diese Margarete Stokowski ist wütend, Untenrum frei erzählt Margarete Sto-
Frage stellt sich Margarete Stokow- aber sie kann darüber lachen, denn kowskis eigene Geschichte. Es ist
ski in ihrem Buch Untenrum frei und der «ganze alte Scheiss» sei eh längst ein Buch über das Erwachsenwer-
blickt auf der Suche nach der Ant- am Einstürzen. Mit «ganzer alter den, ein Buch über Sex und ein Buch
wort zurück in ihre eigene Vergan- Scheiss» betitelt sie patriarchalische über die Emanzipation der Frau. Und
genheit, durchleuchtet geschicht- Herrschaftsstrukturen, aufgrund de- am Ende stellt sich heraus: Eigentlich
liche Ereignisse und legt Fakten auf rer Frauen tagtäglich den Kürzeren sind all diese Dinge nur Teil eines
den Tisch. Eine Kritik. ziehen. Ihre Hauptthese lautet: «Wir grösseren Ganzen – Teil einer struk-
können untenrum nicht frei sein, turellen Ungerechtigkeit.
wenn wir obenrum nicht frei sind.»
Es geht um die kleinen Dinge – uns Der Autorin gelingt es, ihre eige-
selbst, unseren Körper, unser Befin- nen Erfahrungen und Erlebnisse so-
den, Sex. Dinge, über die nun mal wie Fakten und Beobachtungen in
kaum jemand spricht. Aber es geht den Text einfliessen zu lassen. Ihr
auch um die grossen Dinge – das Sys- Tonfall dabei ist locker, etwas pole-
tem, Macht und Herrschaft. Dinge, misch, ironisch und sarkastisch –
über die ebenfalls niemand spricht. vor der Wahrheit schrickt sie nicht
zurück. Warum sollte sie auch? Viel
eher blickt sie ihr direkt ins Auge,
analysiert die Dinge, wie sie sind,
MARGARETE STOKOWSKI und macht ihnen somit eine Kampf-
in Untenrum frei
ansage. Sie erzählt von Essstörun-
gen, sexueller Gewalt und Selbstver-
So ziemlich alle Sätze,
letzung. Wissen sei Macht, sagt sie,
die mit «Im Feminismus
doch wüssten wir das Falsche. Wir
dürfen Frauen nicht...» an-
würden Frauenzeitschriften lesen,
fangen, sind falsch.
die uns einreden, wir seien nicht gut
genug, zu dick, zu hässlich, zu unat-
traktiv und lernten im Aufklärungs-
unterricht im schlimmsten Fall nur,
dass das, was die Frau da unten hat,
eine Spalte ist.
feminin 11Mit der Haarentfernung Spätestens ab der ersten Haarentfer- Vor- und elektronische Nachberei-
geht es los nung werde das Frausein – oder zu- tung zu unrealistischen Figuren ge-
mindest das, was uns unter Frausein worden, welche man zwar betrach-
Stokowski selbst litt an einer Essstö- beigebracht wird – dann zur Arbeit ten dürfe, welche man jedoch nicht
rung und war lange untergewichtig, und das gelegentliche Hübschma- hören solle. Gesehen zu werden,
doch scherte sie das nicht. Vielmehr chen, was zuvor noch einer Spielerei heisse nicht automatisch, auch ge-
wollte sie noch dünner oder eben glich, zu einer grossen Anstrengung, hört zu werden. Wir sähen Frauen
«noch besser» werden. Frauen, sagt wenn nicht sogar Qual. überall, aber in Machtpositionen sä-
sie, würden in solchen Zeitschriften hen wir sie nirgendwo, und wenn
zu Objekten, deren einziges Ziel es Eingetrichtert werde uns ein solches
sei, Männern zu gefallen; hierfür soll- Bild der Frau laut Stokowski vor al- MARGARETE STOKOWSKI
in Untenrum frei
ten sie sich selbst möglichst zu etwas lem in Werbung und Medien. Über-
Es ist weit verbreitet, Frauen
dezimieren, was mehr einer Pup- all sähen wir Frauen, die in grotes-
als Menschen mit Geschlecht
pe als einem menschlichen Wesen ken Posen oft spärlich bekleidet für
zu betrachten und Männer als
gleicht. Auch sonst müssten Frauen Dinge werben, die man zuallerletzt
Menschen. Chefinnen haben
stets allen gefallen; sie sollten empa- mit Nacktheit in Verbindung bringen einen «weiblichen Führungs-
thisch, organisiert und liebenswür- würde. Mit der Realität hätten diese stil», Männer einen
dig sein und ausserdem einem ge- Frauen nur noch wenig zu tun. Viel- eigenen.
wissen Schönheitsideal entsprechen. mehr seien sie durch kosmetische
12 feminindoch, würden diese Frauen sich welches mit Schuld trage an den pat-
maskulinisieren, sich eine tiefere riarchalischen Strukturen, die einen
Stimme antrainieren und versuchen, so massgeblich negativen Einfluss
nicht herauszustechen aus diesem auf unsere Gesellschaft haben. «Wir
Meer von Anzugträgern. Wie soll haben die Fesseln des Patriarchats
sich daran etwas ändern? Solang nicht gesprengt, sondern sind mit
Frauen untenrum nicht frei sind, wie ihnen shoppen gegangen», schreibt
sollen sie es dann obenrum sein? die Autorin und antwortet damit je-
nen, die behaupten, im Zuge der letz-
ten Jahre Zeug*innen sexueller Be-
Systemwandel freiung geworden zu sein. Denn Frei-
heit für eine kleine, unter sich gleich-
Stokowski hinterfragt das System berechtigte Avantgarde sei nichts
und fordert einen Wandel. Sich wert, vor allem nicht dann, wenn es
selbst bezeichnet sie als Anarchis- die Freiheit einiger weniger ist, die
tin, die nicht viel von Machtstruktu- an Deck Gin Tonic schlürfen, wäh-
ren oder Hierarchien hält. Der Femi- rend die Massen im Maschinenraum
nismus ist für sie nur Teil der Abkop- schuften. Wirkliche Freiheit müs-
pelung vom kapitalistischen System, se noch erreicht werden – Stokow-
skis Ziel? Die Abschaffung von Herr-
schaft.
Mit dem Buch gelingt es Stokowski,
auf Vorurteile und längst überhol-
te, teils groteske Normen und Ste-
reotypen aufmerksam zu machen,
welche unseren Alltag auch heute
noch prägen. Sie schreibt offen und
ehrlich und auch wenn sie die Din-
ge mancherorts etwas radikalisiert
und Extreme an die Wand malt, regt
sie zum Nachdenken an. Man muss
nicht in allen Punkten mit der Auto-
rin einverstanden sein, um einzuse-
hen, dass sich noch einiges ändern
kann und auch sollte, um die wirkli-
che Gleichberechtigung zu erlangen
und uns von unterdrückenden Ste-
reotypen zu befreien. Ab und an soll-
te man auch Gegebenes hinterfra-
gen und sich nicht einfach damit zu-
friedengeben, denn auch hinter Sät-
ze, die in Stein gemeisselt sind, sol-
le man laut Stokowski ab und an ein
Fragezeichen malen.
Margarete Stokowski: «Untenrum
frei». Rowohlt, Reinbek. 256 Seiten,
Fr. 18.95.-
feminin 13Eigene Illustration nach Original
von Alfred Edward Chalon unter CC0
14 femininDIE DICHTERIN
DER ZAHLEN
Über die britische Mathematikerin, die bereits im 19. Jahrhundert unsere Zu-
kunft revolutionieren sollte. Und das in einer Zeit, als Frauen noch nicht mal
den Universitäten dieser Welt studieren durften.
In der Welt der Zahlen hatten Frau- kommen würde und versteckte nachstand. Babbage arbeitete da-
en lange Zeit nichts verloren. Es war daher jegliche Gedichte, die der mals an einem Konzept für eine ana-
eine Welt der Männer, von Männern Lord je geschrieben hatte, damit Lo- lytische Maschine, welche komple-
für Männer. Dennoch gab es eini- velace diese – zumindest in den ers- xe Rechenprobleme durch einen
ge Frauen, die Grosses vollbrachten. ten Jahren ihres Lebens – nicht zu Algorithmus lösen sollte, in welches
Augusta Ada Byron King, spätere lesen bekommen würde. Ziel war er Lovelace einweihte und so kam
Gräfin von Lovelace, war eine von es, dem kleinen Mädchen die ma- es, dass die Welt der Computer mit
ihnen und sie prägte unsere Zukunft thematische und musische Diszi- einem futuristisch denkenden Bab-
stärker, als es ihr jemals bewusst sein plin, wie ihre Mutter diese nann- bage und Lovelace begann, die mehr
sollte: Indem sie den weltweit ers- te, einzuflössen, bis in ihr auch der von der Analysemaschine zu ver-
ten Maschinenalgorithmus schrieb, letzte Funke Poesie erstickt war. stehen schien als deren Erschaffer
wurde sie unbewusst zur ersten Per- Dies gelang weitestgehend: Aus Lo- selbst.
son, die je programmierte und somit velace wurde eine hochbegabte
den Grundstein für eine die Welt ver- Mathematikerin und talentierte Mu-
ändernde Technologie legte. sikerin, die noch heute als Schöpfe- Die Sprache der Mathematik
rin der Computerprogrammierung
Ada Lovelace, geboren 1815, war die bekannt ist. Aufgrund ihres Geschlechts war es
Tochter des prominenten britischen für die Gräfin nicht möglich, ihre
Dichters George Gordon Byron und Ideen mit jedermann zu teilen, Frau-
seiner Frau Anne Isabelle Milbanke, Eine legendäre Bekanntschaft en waren in den Wissenschaften
deren Ehe jedoch nur ein Jahr an- noch immer nicht allzu gerne ge-
dauerte. Die kleine Ada war keinen Im Alter von 17 Jahren traf Lovelace sehen, doch für Babbage schien
Monat alt, als ihr Vater sie verliess. erst mal auf ihren späteren Arbeits- ihr Geschlecht kein Problem dar-
Fortan wurde ihr Leben von ihrer kollegen Charles Babbage. Zur da- zustellen. Sie bezeichnete sich als
Mutter dominiert, die allen Lehrern maligen Zeit lernte sie gerade die «Fee», die mit Babbages neuer Er-
und Gouvernanten ihrer Tochter Welt kennen: Sie ging auf Bälle findung, der Analysemaschine,
auftrug, sie auf die Mathematik und und zu Feierlichkeiten und sehnte Taten vollbrachte und er nannte sie
Musik zu trimmen. Getrieben vom sich danach, Menschen kennenzu- seine «Interpretin». Da es Lovelace
Hass auf den Ehemann, der sie ver- lernen, die ihre Liebe zur Mathema- als Frau damals nicht erlaubt war,
lassen hatte, setzte sie alles daran, tik, der Musik und dem Reiten teil- sich ohne Weiteres frei zu bewegen
dass ihre Tochter nie die Leiden- ten. In Babbage, den sie auf einem und sich somit jederzeit mit Babba-
schaft am Schreiben finden würde, dieser Bälle kennenlernte, fand Lo- ge zu treffen und mit diesem ihr Wis-
die ihren Vater einst so berühmt ge- velace endlich jemanden, der ihr sen zu teilen, blieb ihnen nur eine
macht hatte. Sie fürchtete sich davor, mit seinem Intellekt und Verständ- Art und Weise zu korrespondieren:
dass ihre Tochter nach deren Vater nis für die Mathematik in nichts das Schreiben.
feminin 15Eine Lebensaufgabe und fand in ihr ein Auffangnetz. Die schulden liessen sie auch unter dem
Hingabe zu der Maschine liess sie Namen «die grösste Hure Londons»
So kam es, dass entgegen allen Be- ihre gesundheitlichen Probleme, publik werden. Gesundheitlich ging
mühungen der Mutter, ihrer Toch- wie auch ihre Familie vergessen. Lo- es ihr immer schlechter, es schien
ter jegliche Freude am Schreiben velace gab ihr ganzes Herzblut für aussichtslos.
zu nehmen, die Fähigkeiten des Va- die Übersetzung her, sie sah in der
ters die junge Frau überkamen: Ihre analytischen Maschine nicht ein- Ada Lovelace schied im jungen Alter
Liebe zur Mathematik verknüpfte fach nur eine Rechenmaschine. Viel- von 36 Jahren von dieser Welt, sie
sie mit ihrer Fähigkeit, Worte zu ge- mehr hatte sie die Vision eines Com- starb an Gebärmutterhalskrebs.
brauchen. Nebst ihrem Briefaus- puters, der Programme ausführen Dreissig Jahre nach ihrem Tod wurde
tausch mit Babbage widmete sie sich konnte und sie verbrachte Stunden ihrem Artikel ihr voller Name an-
der Übersetzung eines von Luigi Fer- damit, den wissenschaftlichen Arti- gefügt. Zu einer Zeit, in der die gros-
dico Menabreas auf Französisch ge- kel zu übersetzen und ihn mit Infor- sen Universitäten Oxford und Cam-
schriebenem Aufsatz über Babbages mationen zu modifizieren, welche bridge noch keine Frauen zuliessen,
analytische Maschine aus dem Jahr die Nützlichkeit und die Zuverlässig- Frauen bei mathematischen Unter-
1842. Babbage und Lovelace emp- keit der Maschine erweiterten. Bab- redungen nicht willkommen waren
fanden es als äusserst wichtig, einen bage und sie überprüften ihre Arbeit und nicht am Diskussionstisch ge-
solchen Bericht auch in der engli- wieder und wieder, bis am Ende ein sehen werden sollten, war sie es,
schen Sprache zu veröffentlichen publikationsreifes Stück entstanden die das erste Computerprogramm
und Lovelaces ausgezeichnete fran- war. Nun bot sich nur noch ein Prob- schrieb, das die Welt je sehen sollte
zösische Sprachkenntnisse kamen lem: Sie war eine Frau. – 100 Jahre bevor es sich die ersten
ihnen gelegen. Im Laufe ihrer Arbeit Unternehmen zur Aufgabe machen
vertiefte sich Lovelace immer mehr würden, die neumodischen Maschi-
in das Projekt und fügte dem Bericht Die grösste Hure Londons nen zu entwickeln. Mit ihrem Prin-
mehr und mehr Details über die Ma- zip des Inputs, der Verarbeitung und
schine an, die im Originalartikel Nur wenige hätten damals die ma- eines Outputs legte sie die Grund-
einst nie vorhanden waren. thematische Arbeit einer Frau ernst lage für die Computerprogramme
genommen oder gar akzeptiert und heute und wird daher gerne als
es war Babbage, der die Mathemati- einer der ersten Programmiererin-
ADA LOVELACE
Mathematikerin
kerin erst dazu bringen musste, ihre nen gefeiert – und das in einer sonst
Arbeit überhaupt mit den Initialen von Männern geschaffenen Welt.
If you can‘t give me A.A.L. zu unterschreiben. 1844 – Ada
poetry, can‘t you war gerade 29 Jahre alt – wurde ihr
give me poetical Stück publiziert und es sollte der ein-
zige Artikel bleiben, den sie je ver-
science?
öffentlichte. Babbage und Lovelace
arbeiteten nicht weiter an Projekten
mit der analytischen Maschine, statt-
Ihre Liebe zu der Maschine wuchs dessen versuchten sie sich in der
so stark an, dass sie sie als ihr eige- Wettindustrie und fokussierten sich
nes Kind bezeichnete, der sie tat- auf eine mathematische, vermeint-
sächlich mehr Zeit widmete als lich erfolgssichere Methode der
ihrer eigenen Familie. Mit 19 Jah- Pferderennwetten. Diese scheiter-
ren hatte sie den angesehenen Lord te jedoch kläglich, was ihnen einen
William King, Earl of Lovelace ge- grossen Berg Spielschulden hinter-
heiratet, der sie als Frau in der Ma- liess und auch sonst heimste Love-
thematik zwar gewähren liess, mit laces Leben keine weiteren Erfolge
dem sie jedoch keine glückliche Ehe ein. Ihre Ehe stimmte sie unglücklich
führte. Als sie nach der Geburt ihres und in gesellschaftlichen Kreisen
dritten Kindes im Alter von 23 Jah- war sie nicht nur als brillierendes
ren noch schwer erkrankte, stürzte Mathegenie bekannt. Zahlreiche Af-
sie sich als Ablenkung in die Arbeit fären, Drogendelikte und ihre Spiel-
16 femininWie Unternehmen
unsere tiefsten Ängste
wecken, um an Geld zu
kommen
Von riesigen Werbeplakaten bis hin Menschen kaufen dann etwas, spüren den Druck, einem Schön-
zu Fernsehspots und nun auch Social wenn sie glauben, es würde ein vor- heitsideal nachzueifern, welches
Media – die Massenmedien nutzen handenes Problem lösen. Möch- oft gar nicht zu erreichen ist. Die
unsere Unsicherheiten gezielt aus, te man also mehr verkaufen, muss Opfer, welche viele Frauen hier-
um Produkte zu vermarkten und zu man den Anschein erwecken, es für erbringen, sind überwältigend.
verkaufen. Es ist ein bitterer Aspekt gäbe auch dort Probleme, wo eigent- Dankend greifen Unternehmen sol-
der heutigen Werbung: Sie prangert lich gar keine vorhanden sind. Somit che Komplexe auf und profitieren
Verwundbarkeiten an und fördert versuchen Unternehmen stets, einer ergiebig, indem sie eine Masse von
unsere tiefsten Ängste, um an Geld möglichen Kundschaft vermeint- Produkten anbieten, welche die von
zu kommen. Der Clou? Es funktioniert liche Bedürfnisse ins Gehirn zu in- Frauen wahrgenommenen Fehler
– bereits als Marketingnovize lernt jizieren. Die Message? – «Mit unse- angeblich beheben und ihnen auf
man, dass jene Kund*innen, die sich rem Produkt wärst du besser dran.» dem «Weg der Besserung» behilflich
inferior fühlen, die besten sind. Was anfänglich noch nach einer lo- sein können.
gischen Marketingstrategie klingen
mag, ist jedoch häufig herzlos, denn
einige Unternehmen schrecken nicht nur
4%
davor zurück, die Unsicherheiten
der potenziellen Verbraucher*innen
auszuschlachten, ihre Verwundbar- aller Frauen würden
keiten und Ängste anzuprangern sich selbst als schön
und sie ständig an ihre Misserfolge bezeichnen.
und Makel zu erinnern. Kontinuier-
lich wird uns ins Gedächtnis ge- DATENQUELLE: DOVE STUDIE
rufen, dass unser Leben viel besser
sein könnte und wir nicht perfekt
sind, aber doch viel perfekter sein Mehr als nur Konsum
könnten.
Häufig hinterlässt solche Werbung
Circa 60% der Frauen fühlen sich in ein noch schlechteres Selbstwert-
ihrem Körper nicht wohl und ver- gefühl, insbesondere dann, wenn
feminin 17die Werbebilder unrealistische In- jedes Mal aufs Neue auf: Getrieben ner. Zudem hat sich die Anzahl Ess-
halte an die Öffentlichkeit tragen – in von Verzweiflung, gefangen in den störung mit verstärktem Aufkommen
der Beauty- und Modeindustrie wird Ketten ihrer eigenen Komplexe, ver- der Massenwerbung – auch durch
so gut wie jede Anzeige durch Mit- stärkt durch die ständige Exposition neue Werbekanäle wie Social Media
tel wie zum Beispiel Photoshop im mit Werbung und hoffend, dass die- – dramatisch erhöht.
Nachhinein verändert. Zwar ist den ses Mal vielleicht doch ein Wunder
meisten Frauen heute bewusst, dass geschehen wird, kaufen Frauen fort-
Anzeigen, so wie sie in den grossen während neue Produkte.
1 VON 4
Kaufhäusern hängen, zumeist nicht
FRAUEN
der Realität entsprechen, doch brin- Doch hat das Anwerben durch Un-
gibt an, an psychischen oder
gen sie nichtsdestoweniger negative sicherheiten komplexere Folgen als emotionalen Störungen,
Nebenwirkungen mit sich. Frauen ein für Unternehmen florierendes wie zum Beispiel einer De-
pression, Essstörung oder
tendieren dazu, sich stärker zu ver- Geschäft. Das Selbstvertrauen der
beabsichtigter Skarifizierung
gleichen, und haben grundsätzlich Frauen wird langfristig geschädigt, zu leiden.
ein schlechteres Selbstwertgefühl; was psychische Störungen wie De- DATENQUELLE: SCHWEIZERISCHES GESUNDHEITSOBSERVATORIUM
in einer Welt voller idealistischer pression oder Essstörungen zur
Wunschvorstellungen führt dies da- Folge haben kann, welche oft eng
zu, dass sie versuchen, sich noch miteinander verknüpft sind; laut Stu- Im April 2017 berichtete der Mi-
stärker zu vergleichen. Somit geht dien sind Frauen fünfmal anfälliger chigan Daily in einem Artikel über
die Marketingstrategie der Firmen für gestörtes Essverhalten als Män- die US-amerikanische Soziologin
18 femininJean Kilbourne. Diese weist darauf flussen, namentlich deren Sicht auf Medien macht es schwer, das Ge-
hin, dass die ständige Konfronta- die Frauen in ihrer Umgebung, wel- schehen zu überwachen und ge-
tion mit solcher Werbung zu einem che sexualisiert wird und somit naue Richtlinien festzusetzen. Was in
internalisierten Sexismus beitragen auch Männern ein unrealistisches Frankreich gilt, mag in Deutschland
kann. Indem Frauen beginnen, ihr Idealbild vor Augen setzt, was den nicht gelten und in den USA passiert
Aussehen zur höchsten Priorität zu Druck auf Frauen wiederum ver- noch mal etwas ganz anderes. Zwar
machen, dezimieren sie ihren eige- stärkt. Zwar sind auch Männer vor überprüfen grosse Internetkonzerne
nen Wert auf einen sonst eigentlich – von Bearbeitungsmanövern durch- oder Werbenetzwerke wie zum Bei-
so marginalen Aspekt. Durch das triebener – Werbung nicht sicher, spiel Facebook Werbeanzeigen, be-
ständige Streben nach ästhetischer doch scheint der negative Effekt, vor diese aufgeschaltet werden, je-
Perfektion vernachlässigen Frauen den diese auf Frauen hat, viel grös- doch sind frauenwürdige Standards
ihre anderen Fähigkeiten und ver- ser zu sein. keine Priorität für jene, die die Richt-
lieren folglich auch den Glauben an linien festlegen. Diese profitieren
diese. Die genügenden Werbungen zu- nämlich selbst vom passiven Kon-
grunde liegende Sexualisierung sum von Bildern aus idealistischen
Kilbourne artikuliert ferner, dass die der Frau führt dazu, dass viele vor Scheinwelten und heimsen grosse
unerreichbaren weiblichen Idea- allem junge Frauen einem Ideal Werbeeinnahmen ein, wodurch die
le, welche oft durch die Werbung nacheifern, welches in der ideali- digitale Welt zu einem Nährboden
gesetzt werden, nicht nur Frau- sierten Werbewelt als sexy gilt. Kil- für ungesunde Werbung wird. Was
en, sondern auch Männer beein- bourne tut dieses Verlangen zwar diese Tatsache noch gefährlicher
grundsätzlich als normal ab, doch macht, ist, dass viele sich der Idea-
bedeutet es heute, nach einem Ideal lisierung in der Onlinewelt oft nicht
zu streben, welches so gut wie un- bewusst sind. Während bei Zeit-
erreichbar ist. Ob in Werbung für schriften und herkömmlicher Wer-
Fast-Food-Ketten, Drogerieprodukte bung häufig kritisiert wird, dass sie
oder grosse Modehäuser – Frauen unrealistische Standards verbreiten,
werden vermehrt als Objekt sexuel- so sind sich die meisten dem we-
len Verlangens dargestellt und wei- nigstens bewusst. Zwar sollten auch
sen Körper auf, die durch Nachbe- online indikative Hashtags wie #ad
arbeitungen teils nicht lebensfähige oder #sponsored angegeben wer-
Körpermasse gebieten. den, doch machen hier abermals die
fehlenden Gesetzmässigkeiten einen
Strich durch die Rechnung – wäh-
Ein noch tieferer Abgrund rend es in manchen Ländern gesetz-
liche Pflicht ist, so handelt es sich in
Ein Phänomen der zunehmenden anderen eher um schwammige Emp-
Digitalisierung in jeglichen Lebens- fehlungen. Folglich lassen viele das
bereichen in den letzten Jahren ist Hashtag noch immer weg.
die Verlagerung der einflussreichen
Werbung von Strassenplakaten und Durch Social Media verschwimmt
TV-Spots hin zu Social Media. Wäh- die Grenze von Werbung und Reali-
rend konventionelle Werbung in- tät immer stärker, zudem fühlen
zwischen teils reguliert wird und sich die Angesprochenen viel ver-
Richtlinien unterliegt, an welche bundener mit den Werbetreibenden.
sie sich halten muss – in Frankreich Das ständige Eingebundensein
muss im Nachhinein veränderte in das Leben der Influencer*in-
Werbung zum Beispiel seit zwei Jah- nen, deren jeder Schritt online zu
ren als solche deklariert werden – verfolgen ist, verleiht das Gefühl,
können sich in der Welt der Soci- die Menschen wirklich zu ken-
al Media noch alle rumtreiben und nen; man hört auf, ihre Authentizi-
verbreiten, wonach es ihnen beliebt. tät zu hinterfragen, und fängt an,
Die enorme Reichweite der Neuen ihnen blind alles zu glauben. Neue
feminin 19Technologien machen es zudem zu- takt zu treten, die nie zuvor geboten dels eroberten in den letzten paar
nehmend schwieriger, zu erkennen, war. Zwar können die Sternchen Jahren die Laufstege renommierter
ob ein Bild der Realität entspricht der Szene pro Beitrag mehrere Tau- Fashionshows und auch Hollywood
oder nicht, denn sie verlagern die send US-Dollar verdienen, doch be- ist mit der Auslese ihrer Talente nicht
Optimierung durch Bildbearbeitung kommen die meisten «herkömm- mehr ganz so kleinlich auf einen be-
aus einigen teuren Fotostudios di- lichen» Influencer*innen «nur» zwi- stimmten Typus aus.
rekt in unser Wohnzimmer. Es ist schen 100 und 1000 US-Dollar pro
nicht mehr nur noch kostspieligen Bild. Für Unternehmen ein erspriess- Hierbei handelt es sich um ein Phäno-
Werbekampagnen vorbehalten, Bil- liches Geschäft. men, welches es zu beobachten gilt.
der zu verändern. Vielmehr kann Ob tatsächliche Besserung damit ein-
heute jeder, der ein Smartphone be- hergeht, ist noch offen und lässt sich
sitzt, Bilder mit Apps wie Facetune Hoffnung in Sicht erst in ein paar Jahren sagen, doch
nach Belieben bearbeiten, bis auch sind viele der zu beobachten Ent-
sie unrealistischen Standards ent- Doch ist auch Licht am Ende des Tun- wicklungen sicher keine negativen.
sprechen und mit dem Rohmaterial nels zu sehen. Kürzlich berichtete
nicht mehr viel zu tun haben. Unse- die NZZ über das immer grössere
re Feeds werden immer stärker zu Verlangen der jüngeren Generatio-
idealisierten Inszenierungen von nen nach mehr Authentizität im all-
etwas, das so nie stattgefunden hat. täglichen Leben. Es wird erwähnt,
Vermeintliche Schnappschüsse von dass sich circa zwei Drittel der
spärlich bekleideten Frauen mit Konsument*innen über gemeinsame
Sanduhrfiguren, welche verschmitzt Werte und Normen mit einer Marke
in die Kamera lächeln und ihr per- oder einer öffentlichen Person identi-
fektes Leben zu geniessen scheinen, fizieren. Die Realitätsfremde der Ge-
liegen heute an der Tagesordnung. schehnisse in Werbung und online
Zu differenzieren, was noch echt ist deckt sich nicht mit diesem Bedürf-
und was nicht, kommt einer nicht nis. Immer mehr junge Menschen
zu bewältigenden Lebensaufgabe haben es satt, sich ständig als etwas
gleich, welche uns nur noch tiefer in zu geben, das sie gar nicht sind – das
Unzufriedenheit über uns selbst und ist anstrengend und auf Dauer Zeit-
unser Leben stürzt, welches nicht so verschwendung. Menschen sollen
perfekt zu sein scheint, wie das der sich nicht mehr verstellen, sondern
anderen. Findet sich dann irgendwo zeigen, wer sie wirklich sind.
ein Produkt in einem Beitrag wieder,
ist es um viele von uns geschehen Die Pflegeproduktmarke Dove kam
– dieses Produkt gilt es zu haben, diesem Wunsch schon im Jahr 2004
es könnte unser Leben schliesslich nach, als sie ihre Werbekampagne
besser machen. Social Media und «Real Beauty» lancierte, in deren Rah-
das «Influencertum» ermöglichen es men sie neben anderen Aktionen für
der Werbebranche somit, auf eine Frauen auch anfingen Frauen jeg-
Art und Weise mit Kunden in Kon- licher Körperform und Hautfarbe in
ihre Werbung einzubeziehen. Seit-
her entfernte sich Dove nicht mehr
von dieser Art zu werben und ver-
72% sucht somit, die körperliche Vielfalt
der Frauen zu zelebrieren, und sie
der Mädchen verspüren dazu inspirieren, sich wohlzufühlen.
einen gewaltigen Druck, Ein Trend, der tatsächlich immer
schön zu sein.
präsenter wird: Vermehrt sieht man
auf Werbeplakaten auch Frauen, die
DATENQUELLE: DOVE STUDIE
keinem Size 0 Schönheitsideal ent-
sprechen. Sogenannte Curvy-Mo-
20 femininFrauen kaufen
Bild: Patrick Tomasso/ Unsplash
Erwerbstätige Frauen im Alter von Mit ihrer starken Kaufkraft sind Frau- Neue Parameter
24 bis 54 Jahren gilt es heute zu er- en zu einer grossen, einflussreichen
reichen. Durch ihre starke Kaufkraft Zielgruppe geworden; Konsumen- Um diesen neueren Entwicklun-
und Entscheidungskompetenz ha- tinnen haben eine Macht immanent, gen gerecht zu werden, achten Pro-
ben sie verändert, wie Unternehmen welche es zu erobern gilt, wenn man dukthersteller*innen immer mehr
ihre Produkte entwerfen, vermark- gewinnbringend wirtschaften möch- auf den Stil ihrer Produkte und
ten und verkaufen. Mehr als 80% al- te. Die gestiegene Entscheidungs- werben zusätzlich zu den simplen
ler Kaufentscheidungen werden von kompetenz der Frauen geht mit der TV-Werbekampagnen längst an Or-
den Frauen dieser Welt getroffen, in den letzten Jahrzehnten zugenom- ten, denen Frauen ihr Vertrauen
das zeigt eine Studie der Nielsen menen Erwerbstätigkeit der Frauen schenken: Implementierungen in
Company aus dem Jahr 2011. einher. Waren in Deutschland 1990 Fernsehsendungen, Rezensionen in
nur 53.8% der Frauen erwerbstätig, Frauenzeitschriften und auch Social
so waren es 2017 laut dem Bundes- Media. Laut einer Studie sind Frau-
amt für Statistik bereits 79%. Zum en weniger anfällig dafür, von einem
Vergleich: In den Jahren 1960 bis normalen Werbespot beeinflusst zu
1990 stieg die Erwerbstätigenquote werden; sie bevorzugen es, vorher
um nur knappe 7%. Etwa 14% der gründlich zu recherchieren und
Frauen verdienen heute mehr als ihr wollen dem Produkt, welches sie zu
Partner und 10.6% aller Paare ver- kaufen gedenken, wirklich vertrau-
dienen zumindest ähnlich viel, wo- en. Dies zwingt Vermarkter*innen
raus folgt, dass in einem Viertel der dazu, mit immer neuen Marketing-
deutschen Haushalte die Frauen für strategien zu experimentieren. Wer
mindestens die Hälfte des komplet- Frauen für sich gewinnen möchte,
ten Haushaltseinkommens verant- muss sie im Alltag erreichen – wenn
wortlich sind. möglich stressfrei: Ein Grossteil der
feminin 21lichen Mitstreiter und sie finanziell
immer unabhängiger werden, lässt
sich hier ein schnell wachsender
Markt erschliessen. Ein Problem,
welches sich Frauen als Investo-
rinnen jedoch häufig in den Weg
stellt, ist der Mangel an Vertrauen,
welches sie in den Finanzmarkt,
aber auch in ihre eigenen Anlage-
fähigkeiten setzen. Während viele
Männer den Investitionsfehler des
übertriebenen Selbstvertrauens be-
gehen, vorschnell investieren und
unüberlegt versuchen, den Markt zu
timen, macht sich bei Frauen die um-
gekehrte Problematik bemerkbar.
Die US-amerikanische Geschäftsfrau
Sallie Krawcheck erkannte im Laufe
befragten Frauen gab in der Studie Frauen pink oder pastellfarben und ihrer Karriere, dass die Investment-
an, sie würden sich gestresst fühlen. haben selten mehr als vier Klingen. Industrie zu lange «von Männern für
Frauen weltweit stehen unter Zeit- Tatsächlich sympathisieren jedoch Männer» gemacht gewesen sei, was
druck und fühlen sich überarbeitet. nur wenige Frauen mit den über- Frauen davon abhielt, ihre finanziel-
In sich noch entwickelnden Volks- brachten Messages solcher Kampag- len Ziele zu erreichen. Um dem ent-
wirtschaften lag die Anzahl der Ge- nen, da sie noch immer implizieren, gegenzuwirken, gründete sie 2016
stressten mit circa 77% über der der Frauen seien de facto das schwäche- das Start-up Ellevest. Ellevest bietet
entwickelten Länder. Hier waren es re Geschlecht. massgeschneiderte Portfolios nur
circa 65%. für Frauen an, welche auf deren spe-
zifischen Anlagezielen beruhen. Ins-
Für die Frauen gesamt investiert das Unternehmen
«shrink it and pink it» in 21 Anlageklassen und bevorzugt
Die Firma Bosch versucht sich da- dabei Unternehmen, die Frauen im
Die Kaufkraft der Frauen kann eini- her mit Produkten wie ihrem Akku- oberen Management fördern. Das
gen Firmen jedoch zum Verhängnis schrauber IXO. Das handliche und Gründungsteam setzte es sich zum
werden: Noch immer gibt es Bran- dennoch leistungsstarke Werk- Ziel, die finanzielle Macht der Frau-
chen, in denen Frauen weitestge- zeug wurde zum Verkaufsschlager en zu entfesseln und sie in ihre Zie-
hend ignoriert werden. Um diese Lü- schlechthin und brach sämtliche je le investieren zu lassen. Momentan
cke zu schliessen, beginnen Firmen da gewesenen Rekorde. Mit ihrem werden drei verschiedene Planstu-
sich bereits vor der Werbe- oder gar Produkt distanzierte sich Bosch vom fen angeboten: Digital, Premium und
Verkaufsphase auf die Frauen zu fo- alten Marketing-Mantra «shrink it Private Wealth, welches sich speziell
kussieren. Schon während der Pro- and pink it» und heimste somit einen an Kundinnen richtet, die mehr als
duktherstellung machen sich Unter- unheimlichen Erfolg ein. Frauen und eine Millionen US-Dollar investieren
nehmen Gedanken darüber, wie ein Männer waren begeistert. möchten.
Produkt auszusehen hat, damit es
einer Frau vermeintlich besser gefal- Auch der Finanzdienstleistungssek-
SALLIE KRAWCHECK
le. Lange lautete die Leitphrase hier tor versucht verstärkt, Frauen als CEO Ellevest
«shrink it and pink it». Zu Deutsch: Kundinnen zu gewinnen. Manche
Schrumpfe es und verpinkifiziere Finanzfirmen und Banken haben We women will not be
es. Ein gutes Beispiel hierfür sind ganze Abteilungen geschaffen, wel- fully equal with men until
Rasierer: Sind sie für Männer meist che Anlageprodukte ausschliesslich we are financially equal
schwarz oder dunkelblau mit min- an Frauen vertreiben. Da Frauen im with men.
destens fünf Klingen, so sind jene für Schnitt älter werden als ihre männ-
22 femininVerschiedenste Unternehmen ver- WAGNISKAPITALGEBER
IGNORIEREN FRAUEN
suchen also, Frauen in ihre Marke-
tingstrategien einzubeziehen. Selbst
WEITESTGEHEND
Marken, die primär von Männern
genutzt werden, haben angefangen,
Frauen in ihre Werbung zu imple-
mentieren. So lancierte die US-ame-
rikanische Pflegeproduktmarke Old Laut Daten des Datenbeschaffungsun- Trotz dieser trüben Erkenntnisse und
Spice eine Kampagne für Herren- ternehmens Pitchbook Data Inc. sam- volatiler wirtschaftlicher Verhältnisse
produkte, welche sich jedoch nicht melten Start-ups mit rein weiblichen liess sich in den letzten Monaten eine
an die Männer, sondern an deren Führungsteams im Jahr 2018 insge- positive Entwicklung beobachten: Die
Lebenspartnerinnen richtete. Tat- samt 2.8 Milliarden US-Dollar in den Zahl der von Frauen geführten Start-
sächlich steigerte sich der Umsatz Finanzierungsrunden der Risikokapi- ups stieg an und ganze zehn von
und auch der Marktanteil der zuvor talgeber. Im Vergleich zum Vorjahr ist Frauen gegründeten Unternehmen
absinkenden Marke enorm. dies ein wahrlicher Aufschwung, dort wurden allein in der ersten Hälfte
kamen gerade mal 1.9 Milliarden Dol- des Jahres 2019 zu sogenannten Uni-
Adidas indes baute mit ihrem Portal lar für die Frauen zusammen. Was so- corns, also Start-ups mit einer Markt-
«adidas women» eine Plattform auf, mit im ersten Moment nach einem er- bewertung vor Börsengang von über
welche sich an starke, fitte und un- folgreichen Schritt nach vorne klingt, einer Milliarde US-Dollar. Zwar ist
abhängige Frauen richten soll. Via löst sich in Realität jedoch schnell in dies noch immer ein recht margina-
Social Media kommunizieren sie mit einer niederschmetternden Wahrheit ler Anteil, doch liegt im Vergleich zu
diesen, bieten ihnen geführte Trai- auf: Insgesamt investierten US-ameri- den Vorjahren hier ein durchaus po-
ningseinheiten, Meditations- und kanische Wagniskapitalgeber im Jahr sitiver Trend vor.
Ernährungstipps und preisen sogar 2018 ganze 130 Milliarden US-Dollar
tägliche Abenteuer an. Mit dieser in vielversprechende Start-ups. Die Das einzige – mit Sicherheit aber das
vermeintlich direkten Interaktion den Frauen zukommenden 2.8 Mil- schwerwiegendste – Problem, was
mit ihrer Zielgruppe bindet Adidas liarden US-Dollar belaufen sich so- sich für Start-up-Gründerinnen somit
die Frauen in ihre Produktwelt ein mit gerade mal auf knappe drei Pro- noch immer bietet, sind die wahrlich
und verspricht sich dadurch eine zent des insgesamt Investierten. Hin- nichtigen Investitionen der Risikoka-
neue treue Kundschaft. Ein Äquiva- zu kommt, dass sich aufgrund eines pitalgeber, die Männer allesamt zu
lent à la «adidas men» gibt es nicht. wachsenden Pools an Wagniskapi- bevorzugen scheinen, vor allem bei
talfinanzierungen im Vergleich zum den immer häufiger vorkommenden
Es sind solche Marketingstrategien, Vorjahr anteilsmässig für Frauen Megarunden, in denen mehr als 100
die sinnvoll sind, möchte man Frau- kaum etwas veränderte. Millionen US-Dollar investiert wer-
en erreichen. Eine von der J. Wal- den. Prognosen der London Business
ter Thompson Company Initiative In europäischen Ländern wie dem Bank zufolge wird es trotz zuneh-
durchgeführte Studie besagt, dass Vereinigten Königreich geht es Frau- menden Risikokapitalinvestitionen in
sich noch immer 70% der Frauen en nicht viel besser – sogar eher Start-ups weiblicher Gründerinnen
von den an sie vermarkteten Pro- schlechter. Gemäss dem UK VC & bei aktuellen Raten wohl länger als
dukte im Stil «shrink it and pink it» Female Founders Bericht der Lon- 25 Jahre dauern, bis Frauen gerade
entfremdet fühlen, von denen sich don Business Bank erhalten weib- mal zehn Prozent der Deals für sich
Unternehmen erst langsam loslösen. liche Gründungsteams weniger als gewinnen können.
Frauen wollen nicht ständig zu Ste- einen Penny von jedem investier-
reotypen gemacht, sondern als Indi- ten Pfund Wagniskapital. Männliche
viduen mit einer Rolle in dieser Welt Gründungsteams erhielten ganze 89
gesehen werden. Pence und der Verbleib ging an ge-
mischte Teams. Die Bank gibt weiter
an, dass bei 83% der abgeschlosse-
nen Wagniskapitaldeals keine Frau-
en in den Gründungsteams vertreten
waren.
feminin 23Ein Fest der Freude –
und politischen
Notwendigkeit
Diskriminierungen liegen für Men- Es ist warm, die Sonne scheint, der sichtern, die darauf warten, feiernd
schen der LGBTQ+-Community noch Sommer steht in den Startlöchern durch die Strassen zu ziehen. Es sind
immer an der Tagesordnung. War und in Zürich ist alles bunt. In der längst nicht mehr nur Homosexuelle,
die Schweiz einst Vorreiter in Sa- Luft liegt noch die pure Energie des die am Pride Festival auf die Stras-
chen Homosexualität, so hinkt sie Frauenstreiks am Tag zuvor, wel- se gehen. Auch Bisexuelle, Trans-
heute hinter ihren Nachbarländern che sich nun mit ungezügelter Freu- personen, jene, die sich keinem Ge-
her. Am alljährlich stattfindenden de vermischt. Einen Tag, nachdem schlecht zuordnen möchten oder gar
Zurich Pride Festival versammeln in ganz Zürich für die Gleichstellung Heterosexuelle gehen heute unter
sich die Leute, um zu zeigen, dass es der Geschlechter demonstriert wur- dem Motto «Strong in Diversity» auf
egal ist, wie wir sind, solang wir da- de, geht es nun um die Rechte all je- die Strasse, um darauf aufmerksam
mit glücklich sind. ner, die sich nicht als heterosexuell zu machen, dass Diskriminierungen
identifizieren. Seit nunmehr 25 Jah- gegen Nicht-Heterosexuelle auch
ren findet auch in der Grossstadt an im Jahr 2019 noch an der Tagesord-
der Limmat die Pride statt und die- nung stehen und einen massgebli-
ses Jahr – 50 Jahre nach den Stone- chen Einfluss auf das Leben Betroffe-
wall-Unruhen – ist der Andrang grös- ner haben können. Viviane Kägi ist
ser als je zuvor. Ganze 31'000 Men- eine der Tausenden Teilnehmenden
schen sind es, die an der Demonst- des Umzugs. Zusammen mit der Jun-
ration des Zurich Pride Festivals teil- gen Grünliberalen Partei des Kan-
nehmen. tons Zürichs, deren Co-Präsidentin
sie ist, zieht die 21-Jährige durch die
Stadt und das, obwohl sie heterose-
Die Liebe liegt in der Luft xuell ist. «Der Grund, weswegen ich
jedes Jahr an die Pride gehe, ist die
Am Helvetiaplatz, welcher den Start- wunderbare Vielfalt an Menschen,
punkt der Demonstration darstellt, das Feiern von Verschiedenheiten
gerät man in eine Menschenmen- und die gute Laune. Überall ist Par-
ge; wo man nur hinschaut, befin- tystimmung, Liebe liegt in der Luft
den sich in schillernden Farben ge- und man merkt, dass alle willkom-
kleidete Leute mit strahlenden Ge- men sind.»
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