14 10 24 32 Kindergarten und Schule in Südtirol
←
→
Transkription von Seiteninhalten
Wenn Ihr Browser die Seite nicht korrekt rendert, bitte, lesen Sie den Inhalt der Seite unten
14 Beruf Lehrer/in –
Klassenführung
10 Zum Abschied: Interview
Februar
2018
mit Peter Höllrigl
24 Exkurs: Führung
in Unternehmen
32 Meisterausbildung
in Südtirol
Extrabeilage zur neuen
Bildungsdirektion
AUTONOME PROVINZ BOZEN - SÜDTIROL PROVINCIA AUTONOMA DI BOLZANO - ALTO ADIGE
Deutsche Bildungsdirektion Direzione Istruzione e Formazione tedesca„Wer Menschen nicht lieben kann,
ist unfähig, sie zu führen.“
Karlheinz Binder
(Manager und Buchautor)
4 14
Im Überblick Thema
Editorial 5 Tutoren-Ausbildung der
Pädagogischen Abteilung 15
kurz notiert 6
Gute Klassenführung 16
Im Gespräch mit Peter Höllrigl 10
Klassenführung:
Interview mit Inspektorin Martina Rainer 13
Mehr Verantwortung für Lernende 18
Interkulturelle Klassen führen 20
Stimmen von Lehrpersonen
zur Klassenführung 21
Classroom Management aus
gestaltpädagogischem Blickwinkel 22
Führung im Unternehmen 24
2 Februar 201826 36
Lernwelten Service
Tutoring an berufsbildenden Schulen 27 Aus der Pädagogischen Fachbibliothek 37
Klassenführung im Praxisunterricht 28 Evaluation:
Überlegungen zu Klassenbesuchen 38
Kompetentes Arbeiten im Kindergarten 30
PluriPro-Projekt 41
Chorleitung und Klassenführung 31
Deutsche Bildungsdirektion
Die Südtiroler Meisterausbildung 32
Rundschreiben und Mitteilungen 42
Talente Tage 2017 34
Südtiroler Landesregierung: Beschlüsse 43
Aus dem Kindergarten 35
Februar 2018 3Editorial
Kompetente
Klassenführung
S ei richtig streng! Eiserne Disziplin in den
ersten drei Monaten, dann hast du die
Klasse im Griff und kannst die Zügel ruhig
etwas lockerer lassen.“ So lautete der gut
gemeinte Rat eines erfahrenen Kollegen zu
Beginn meines ersten Unterrichtsjahres.
Damals war in meinem Verständnis von
Klassenführung der Fokus vor allem auf den
Aspekt der Disziplin gerichtet.
Heute, um einiges an Berufserfahrung rei-
cher, weiß ich, dass kompetente Klassenfüh-
rung eine große Herausforderung im Unter-
richtsalltag darstellt und weit mehr umfasst
als einen reibungslosen und störungsarmen
Unterrichtsablauf.
Als Lehrpersonen haben wir die Aufgabe, In der Unterrichtsforschung gilt Klassen
Unterricht und Lernumgebungen so vorzu- führung als bedeutsames Merkmal für
bereiten und zu gestalten, dass die zur Ver- guten Unterricht, sie gehört zu den Kern-
fügung stehende Lernzeit aktiv und effizient kompetenzen von Lehrerinnen und Lehrern.
genutzt werden kann. Darüber hinaus muss Die Beiträge in diesem Heft zeigen auf, was
es uns auch gelingen, positive Beziehungen effiziente Klassenführung ausmacht, und
zu unseren Schülerinnen und Schülern auf- informieren über wirksame Interventions-
zubauen sowie Regeln und Rituale zu verein- methoden im Umgang mit Störungen. Denn
baren und umzusetzen. Es gilt, fachliche – darin sind sich Fachleute einig – erfolgrei-
und soziale Kompetenzen gleichermaßen zu che Klassenführung ist keine angeborene
fördern, Fehler als Lerngelegenheiten zu Kompetenz. Sie kann in der Ausbildung,
sehen, Reflexion zu ermöglichen und Lern- durch Fortbildung, Reflexion der eigenen
prozesse aufmerksam zu begleiten. Ein zeit- Unterrichtspraxis oder kollegiale Hospita-
gemäßes Verständnis von Klassenführung tion erlernt und erweitert werden.
stellt eine angenehme Lern- und Arbeitsat-
mosphäre und die Qualität des Lernens in Katharina Froner
den Mittelpunkt. Pädagogische Abteilung
Februar 2018 5kurz notiert
Auszeichnung der Besten
Erster Bildungsdirektor Operation Daywork Absolventinnen und Absolventen der
Gustav Tschenett tritt mit März sein Themenheft und Landesberufsschulen und -fachschulen
Amt an Sensibilisierungskampagne 2017/2018 ausgezeichnet
Der Landesdirektor für die deutsche Berufs- Operation Daywork (OD) ist ein gemeinnützi- Während die Auszeichnung der Absolventin-
bildung, Gustav Tschenett, wird Südtirols ger Verein von Oberschüler/innen, der sich nen und Absolventen der allgemeinbildenden
erster Bildungsdirektor. Sein neues Amt mit Entwicklungszusammenarbeit auf inno- Schulen mit Höchstnote bereits Tradition ist,
tritt er am 1. März an. Nachdem die Südtiro- vative Weise kritisch auseinandersetzt. Im stellt die Ehrung der besten Absolventinnen
ler Landesregierung die Verordnung über Themenheft 2017/2018 präsentiert OD den und Absolventen der Berufs- und Fachschulen
die Gliederung, Benennung und die Aufga- diesjährigen Menschenrechtspreisträger des Landes eine Neuheit dar. Am 4. Jänner
ben der Deutschen Bildungsdirektion kurz ONG Avosah, eine Organisation aus dem 2018 haben die beiden Landesräte Philipp
vor Weihnachten genehmigt hatte, hat Bil- Benin, die sich unter anderem gegen Men- Achammer und Florian Mussner, die für die
dungslandesrat Philipp Achammer im Sinne schenhandel und Ausbeutung von Kindern Schulen der deutschen und ladinischen
dieser Verordnung den neuen Bildungsdi- und für die Inklusion von Menschen mit Sprachgruppen zuständig sind, in der Landes-
rektor ernannt. „Als ehemaliger Lehrer und Beeinträchtigung einsetzt. Weiters erfährt berufsschule für Handwerk und Industrie in
Direktor kennt Gustav Tschenett das Südti- man im Themenheft mehr über diesen klei- Bozen die Absolventinnen und Absolventen mit
roler Bildungswesen ausgezeichnet. Als nen Staat Westafrikas, der als Wiege des den höchsten Abschlussnoten ausgezeichnet.
Direktor des Realgymnasiums Schlanders Voodoo gilt, und über seine bedeutende Geehrt wurden insgesamt 168 Absolventen
und des Oberschulzentrums Mals sowie an Rolle zur Zeit des Sklavenhandels. In den der acht deutschen Berufsschulen mit der
der Spitze der deutschen Berufsbildung hat Artikeln in deutscher, italienischer und eng- Abschlussnote neun oder darüber. Darunter
Gustav Tschenett Führungsqualitäten bewie- lischer Sprache wird auch Bezug zur Situa- waren sowohl Absolventinnen und Absolven-
sen, die ihn für diese neue Aufgabe qualifi- tion in Italien genommen: Gibt es auch bei ten der dualen Ausbildung (Berufschule
zieren“, sagte Landesrat Achammer. Die uns Ausbeutung? Was tun wir für Menschen begleitend zur Lehre im Betrieb) sowie der
Aufgabe des Bildungsdirektors ist an die mit Beeinträchtigung? Ab Jänner 2018 bietet drei- oder vierjährige Vollzeit-Berufsschule.
Amtszeit der Landesregierung gebunden. OD Workshops und im März den Besuch von Auch ein Absolvent einer ladinischen und 19
Gustav Tschenett wird bis zum Ende der Gästen aus dem Benin in den Schulen an. der vier italienischen Berufsschulen wurden
Amtszeit auch die Aufgabe des Landes Für weitere Informationen, Bestellungen ausgezeichnet. Landesrat Philipp Achammer
direktors für Berufsbildung fortführen. des Themenheftes (Download unter gratulierte: „Die Ausbildung in unserem Land
www.operationdaywork.org) und Buchun- braucht Vorbilder – und diese Vorbilder sind
gen der Workshops und des Gästebesuchs: Sie!“, betonte Achammer. Musikalisch gestal-
info@operationdaywork.org. tet wurde die Feierstunde von einem Trompe-
tenquartett der Musikschule Eppan.
Aufgelesen Italien: Neuheiten zur Digitalisierung an Schulen präsentiert
Einen Überblick über den Stand der Digitalisierung an den Schulen Italiens
bot eine kürzlich organisierte Veranstaltung des Bildungsministeriums: Die
Initiative „Futura – 3 giorni per il Piano Nazionale Scuola Digitale: formazi-
one, dibattiti, esperienze“ fand vom 18. bis 20. Jänner 2018 in Bologna statt.
Bei dieser Gelegenheit wurden verschiedene Workshops zum Thema Digita-
lisierung und Innovation an Schulen angeboten. Die Umsetzung des Piano
Nazionale Scuola Digitale, der vor zwei Jahren auf den Weg gebracht wurde,
sei auf einem guten Punkt, sagte Carmela Palumbo, die für den Bereich
„Programmierung“ am Bildungsministerium verantwortlich ist.
• w ww.repubblica.it
6 Februar 2018kurz notiert
Lehrerausbildung Knack die Nuss! Schuljahr 2018/2019
Ministerrat genehmigt Die Anmeldungen zur Online-Einschreibungen in die
Durchführungsverordnung Sommerakademie 2018 starten Ober-, Berufs- und Fachschulen
Mit der am 19. Jänner genehmigten Durchfüh- Sprachen und Kunst, Archäologie, Film und Bis 15. März 2018 können Schülerinnen und
rungsbestimmung zur Lehrerausbildung Elektronik – das sind einige der Themen, um Schüler der dritten Klasse Mittelschule von
wurde dem Land Südtirol nach mehr als 15 die es bei der diesjährigen Sommerakade- den Eltern oder Erziehungsberechtigten in
Jahren wiederum eine neue Kompetenz im mie Sapientia ludens geht. Die Veranstaltung die erste Klasse der Ober-, Berufs- oder
Bildungsbereich übertragen. Die vom Minis- richtet sich an begabte und motivierte Fachschule eingeschrieben werden. Die
terrat genehmigte Durchführungsbestimmung Grund-, Mittel- und Oberschülerinnen und Einschreibungen sollen bevorzugt online
zum Autonomiestatut sieht vor, dass das Land -schüler. Sie findet diesen Sommer wieder durchgeführt werden, können aber auch
Südtirol auf der Grundlage des Artikels 19 des im Juli statt. Schülerinnen und Schüler kön- direkt bei der gewählten Schule vorgenom-
Autonomiestatutes im Einvernehmen mit der nen sich jeweils eine Woche lang intensiv mit men werden. Online können die Jugendli-
Freien Universität Bozen und dem Konserva- einem Fachbereich ihrer Wahl beschäftigen. chen zwischen 15. Februar und 15. März
torium die Ausbildung des Lehrpersonals für Vernetztes Denken, eigenverantwortliches eingeschrieben werden, und zwar unter
alle Schulstufen und alle Sprachgruppen Arbeiten und zielorientiertes Zusammenwir- https://onlinedialog.civis.bz.it/MyPosition_
selbst regelt, die Studienplätze festlegt und ken im Team werden großgeschrieben. de.aspx?pos=PL07-SIS_IOLE
den Zugangsmodus definiert. Die Abschlüsse Angeregt und unterstützt werden die Teilneh- Das Recht auf Einschreibung steht allen
der Ausbildungen und die Spezialisierungen, menden von besonders motivierten und quali- Jugendlichen zu, die noch nicht die Schul- und
die von der Universität und dem Konservato- fizierten Fachkräften. Zu verschiedenen The- Bildungspflicht erfüllt haben. Die Einschrei-
rium in diesem Zusammenhang durchgeführt men und Fachbereichen werden mehrere bung in die nächsten Klassen wird von Amts
werden, sind italienweit gültig. „Damit gesteht Workshops pro Schulstufe angeboten. Die wegen vorgenommen. Für allfällige Fragen
uns Rom endlich den gewünschten Hand- Workshops für Grundschülerinnen und Grund- stehen die Schulsekretariate zur Verfügung.
lungsspielraum in der Ausbildung unserer schüler finden von 2. bis 20. Juli 2018 an der
Lehrerinnen und Lehrer zu, sodass wir erst- Fortbildungsakademie Schloss Rechtenthal in
mals einen eigenen Südtiroler Weg in der Leh- Tramin und an der Fachschule für Land- und Richtigstellung
rerausbildung gehen können“, so Bildungslan- Hauswirtschaft „Salern“ in Vahrn statt, die In unserer Dezember-Jänner-Ausgabe
desrat Achammer. Er erinnerte daran, dass Workshops für die Schülerinnen und Schüler 2017/2018 hat sich ein Fehler eingeschli-
die Durchführungsbestimmung auf einen der Mittelschule von 9. bis 13. Juli und jene für chen. Die Autorin des Beitrages „Dialogo
Gesetzesartikel in der staatlichen Schulreform die Oberschule von 16. bis 20. Juli. Die Anmel- interculturale“ ist Emanuela Atz vom
„La buona scuola“ aufbaut, den Südtirols Par- dungen erfolgen durch die Lehrpersonen über Sprachenzentrum Unterland und nicht
lamentarier im Jahr 2015 eingebracht hatten. das Sekretariat der Schule bis 22. März 2018. Fabio Casati. Wir bedauern den Fehler.
Mehr Sport in der Schule Fragen zu Sexualkunde an Grundschulen sind nicht tabu
Seit Jahren belegen Neurowissenschaftler/innen die positive Wenn Grundschülerinnen und Grundschüler der Lehrperson Fragen
Wirkung einer bewegten, gesunden Lebensweise auf ein erfolg- zum Thema Sex stellen, darf die Lehrperson antworten – das
reiches Schul- und Berufsleben. In einer Studie mit mehr als hat vor Kurzem der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte
einer Million junger Schweden und Schwedinnen fand Hans- (EGMR) klargestellt. Eine Frau hatte 2011 beantragt, dass ihre damals
Georg Kuhn vom Institut für Neurowissenschaften und Physiolo- siebenjährige Tochter in der Grundschule nicht in Sexualkunde unter-
gie der Universität Göteborg vor Kurzem heraus, dass der richtet werden sollte. Nachdem die Mutter bei der Schulleitung und
Fitness-Zustand bei 18-jährigen Heranwachsenden in Zusam- bei den Schweizer Gerichten keinen Erfolg hatte, legte sie
menhang mit dem späteren Berufserfolg und damit mit einem Beschwerde beim EGMR ein. Die Straßburger Richter erklärten diese
entsprechenden Sozialstatus steht. für unzulässig. Die Tochter habe in der Grundschule nie an einem sys-
• didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen, tematischen Sexualkundeunterricht teilgenommen. Die Lehrer hätten
Ausgabe 4/2017, S. 46-49. im Unterricht lediglich auf Fragen der Grundschüler zur Sexualität
geantwortet, und das ist erlaubt. • www.spiegel.de
Februar 2018 7kurz notiert
Erster Mathematik-Par-
Neue Broschüre cours in Südtirol „Reise durch die Epochen“
Qualitätsrahmen im Kindergarten App vorgestellt Lerneinheiten in Augsburg vorgestellt
Die pädagogische Qualität im Kindergarten Kirchen, Häuser, Statuen, Türme werden zu Mit ihren maßstabgerechten Zeittafeln sind
weiterzuentwickeln ist eine permanente Vermittlern von mathematischen Inhalten: die Lerneinheiten „Reise durch die Epochen“
Aufgabe und in den Rahmenrichtlinien für Eine App macht‘s möglich. Die App wurde an den Schulen Südtirols sehr beliebt. Die
den Kindergarten festgeschrieben. Deshalb Anfang Dezember auf dem Portal mathcity- Materialien bieten Orientierung im Fach
gilt es, die pädagogische Qualität und die map.eu präsentiert. Entlang eines realen Geschichte – vor allem durch das Arbeiten
Bildungsqualität systematisch zu evaluieren. Parcours in Sterzing können Grundschulkin- mit der Zeitleiste. Mitte Dezember stellten
Seit Jahren befassen sich die Führungs- der mithilfe dieser App Aufgaben suchen, die Karin Tanzer, Mitarbeiterin der Pädagogi-
kräfte im Kindergarten kontinuierlich mit sie gleich vor Ort lösen müssen. Der erste schen Abteilung, und Walter Pichler, Lehrer
der Qualitätssicherung und der internen offizielle Mathematik-Physik-Parcours für Geschichte an der Fachoberschule für den
Evaluation. Es finden Kursfolgen für Fach- wurde von Andreas Rainer mit Unterstüt- technologischen Bereich Meran „Oskar von
frauen zur internen Evaluation statt, 2013 zung des Bereichs Innovation und Beratung Miller“, die Lerneinheiten im Rahmen eines
haben die Führungskräfte und die Mitarbei- (Matthias Ratering) erstellt. Geplant sind Forschungskolloquiums der Geschichtsdi-
terinnen in den Direktionsteams gemeinsam weitere Parcours mit unterschiedlichen daktik an der Universität Augsburg vor. Sie
entschieden, den Qualitätsrahmen für den Schwierigkeitsgraden für jede Schulstufe. folgten der Einladung von Professorin
Kindergarten in einer Arbeitsgruppe zu Sie können jedoch von allen Interessierten Susanne Popp, die den Bereich Innovation
erstellen. Die Bereiche des Qualitätsrah- erforscht werden. und Beratung bei der Erstellung der Lernein-
mens wurden festgelegt, Qualitätskriterien Der Mathematik-Physik-Parcours in Ster- heiten wissenschaftlich begleitet hatte. Auf
der internen Evaluation zu allen Bereichen zing findet sich unter: https://mathcitymap. Anfrage bieten Karin Tanzer und Walter Pich-
erarbeitet. Die breite Mitwirkung der Fach- eu/de/portal/?show=route&id=420 ler weiterhin Fortbildungsnachmittage zur
und Führungskräfte hat es erlaubt, die Kri- Einführung in die Lerneinheit „Reise durch
terien kontinuierlich – auch durch die Praxis die Epochen“ (4. und 5. Klasse Grundschule
– zu überprüfen. Der Qualitätsrahmen ist und 1., 2. und 3. Klasse Mittelschule) an. Kon-
verbindlich für die deutschsprachigen Kin- taktadresse: Karin.Tanzer@schule.suedtirol.it,
dergärten im Lande. www.bildung.suedtirol.it/publikationen/
unterrichtsmaterial
Köpfe der Pädagogik
Roger Cousinet
D er Gruppenun-
terricht war
für den französi-
überträgt er auf den Unterricht. Mit
ihnen wird die Arbeitsfreude, das Selbst-
vertrauen und selbstständiges Lernen
wählen. Die Lehrperson ist nun ganz in der
Rolle der Beraterin und des Koordinators.
Dieses Konzept findet langsam wieder
schen Pädagogen gefördert. Die Gruppe hat dabei die Aufgabe Eingang in die Schule.
Roger Cousinet der Kontrolle und der Sozialisation. Schule Geboren wurde Roger Cousinet 1881 in
das zentrale Kon- und Unterricht müssen für ihn als Grup- Acueuil (F), verstorben ist er 1973 in Paris.
zept, das er aus penarbeit organisiert werden. Grundlegend Er war Grundschullehrer, Inspektor für die
dem „natürlichen“ werden nun die Raumgestaltung und auch Primarschule und hielt Vorträge an der
geselligen Leben das Arbeitsmaterial, da ja nicht mehr das Universität Sorbonne in Paris. Cousinet ist
der Kinder heraus Individuum im Zentrum steht, sondern die der Begründer der Zeitschrift „La Nouvelle
entwickelte, wobei das Spiel zentral für ihn Gruppe. Somit muss der Raum völlig Education“ und der Schule „Ecole La
war. Die Grundelemente, die er im Spiel fin- anders gestaltet werden. Die Gruppen sind Source“ in Meudon, die es heute noch gibt.
det – freie Aktivität, natürliches Interesse, autonom und organisieren sich selbst, sie (Christian Laner)
die Regeln und der kollektive Charakter – können auch gänzlich frei ihre Themen
8 Februar 2018kurz notiert
Evaluationsecke
Grundsätzlich positive Einschätzungen
zur Klassenführung …
Die 100er 4,0
Ehrung der besten Maturant(inn)en
3,5
Bei einer Feier im Palais Widmann in Bozen 3,0
wurden Ende Dezember 134 Jugendliche
2,5
ausgezeichnet, die ihre staatliche
Abschlussprüfung der Oberschule (Matura) 2,0
mit 100 Punkten abgeschlossen haben.
Fünfzehn davon haben die Prüfung sogar mit 1,5
Auszeichnung (cum laude) bestanden. 1,0
98 haben ihren Abschluss an einer deutsch- 1 2 3 4 5
sprachigen Oberschule absolviert, 34 an 2015/ 2016 2016/ 2017
einer italienischsprachigen und zwei an
1. Nutzung der Zeit für den Unterricht (Pünktlichkeit,
einer ladinischen Oberschule. Landeshaupt-
kein Leerlauf, Material liegt bereit ...)
mann Arno Kompatscher und die Bildungs-
2. Überblick über die Schüleraktivitäten
landesräte Philipp Achammer, Christian 3. Unterstützung der Unterrichtsabläufe durch Rituale
Tommasini und Florian Mussner würdigten 4. Störungsfreier Unterricht
die außerordentlichen Leistungen der jun- 5. Angemessener und effektiver Umgang mit
gen Menschen. Jeder von ihnen bat die Stu- vorkommenden Störungen
dierenden, sich außerhalb der Landesgren-
zen Wissen anzueignen und Erfahrungen zu 1067 beobachtete Unterrichtsstunden aus den Schuljahren 2015/2016
sammeln, aber dann irgendwann zurückzu-
und 2016/2017 in 39 Schulen
kehren. „Wir brauchen euch hier in Südti-
Die positivsten Einschätzungen bei den 1067 beobachteten Stunden im Rahmen der
rol“, lautete das einstimmige Anliegen. externen Evaluation zur Klassenführung finden sich beim Überblick der Lehrpersonen
Musikalisch umrahmt wurde die Feier vom über die Schüleraktivitäten, beim störungsfreien Unterricht und bei der Unterstützung
Posaunenquartett der Musikschule Lana. der Unterrichtsabläufe durch Rituale.
Aus meiner Schulzeit ...
E in Erlebnis, an das ich mich sehr gut
erinnere und das eng mit meiner Schul-
zeit verknüpft ist, ist der Fall der Berliner
Anschließend haben wir die Ereignisse auf-
gearbeitet und reflektiert, wie es zur Öff-
nung gekommen war und was Freiheit
Mauer im November 1989. Ein Lehrer kam bedeutet. Mich hat Geschichte immer sehr
an diesem Tag in die Klasse, hat den ordent- interessiert, besonders die „Geschichte
lichen Unterricht unterbrochen und den dahinter“, das kritische Hinterfragen. Bis
Fernsehapparat eingeschaltet. Ich kann heute bin ich
mich deshalb so gut erinnern, weil er uns diesem Lehrer dankbar, dass er uns ermög-
gesagt hat, dass dies ein historischer licht hat, dieses historische Ereignis quasi
Moment sei, dessen wir uns vielleicht in die- „live“ am Bildschirm mitzuerleben, und dass
sem Moment noch nicht bewusst seien. Wir er uns zum kritischen Denken animiert hat.
haben den ganzen Vormittag über die Ereig-
nisse „live“ am Bildschirm verfolgt. Mir war Michela Morandini
klar, da passiert etwas Großes. Gleichstellungsrätin
Februar 2018 9Im Überblick
Im Gespräch mit Peter Höllrigl
Die Haltung macht`s
Erste ernsthafte Überlegungen brachte der Frühling. Im Sommer war es für Peter Höllrigl beschlossene Sache: Er würde
von seinem Dienst als Schulamtsleiter und Direktor des Bildungsressorts zurücktreten. Dieses Gespräch zum Abschied
lässt erkennen, was ihn bewegt – und was er bewegt hat. Nie alleine – wie er betont – sondern gemeinsam mit den vielen
Menschen, die Kindergarten und Schule in Südtirol gestalten.
Welche Erinnerungen tauchen auf, wenn
Sie an Ihre erste Zeit als Schulamtsleiter
zurückdenken?
E s hat viele Gespräche
mit Menschen
gegeben, die mir bewusst
Damals habe ich mich sehr darüber gefreut,
dass mir diese Aufgabe übertragen wurde. gemacht haben: Es lohnt
Ich wusste, ich lasse mich da auf etwas Gro- sich, für diese wertvolle
ßes ein. Die erste Zeit war sehr turbulent.
Angefangen bei den Diskussionen rund um
Sache, für die Bildung
die Einführung des Italienischunterrichts ab unserer Kinder und
der ersten Klasse der Grundschule, mit der Jugendlichen, mit ganzer
Reform der Unterstufe, der Reform der
Oberstufe, mit der Schulkalenderdebatte.
Kraft zu arbeiten.
Das sind nur einige Stationen, die sehr viel
an Spannung in das System Schule brachten, Von unterschiedlichen Positionen aus haben
Spannung, die sich immer wieder in Rich- Sie sich für das Lernen eingesetzt. Worum
tung Turmspitze hin entlud, wo der Schul- ging es Ihnen dabei grundsätzlich?
amtsleiter saß. Ja, wenn ich das jetzt bedenke, dann
Herr Höllrigl, haben Sie Ihre Entscheidung erkenne ich, dass sich in all den unter-
inzwischen schon einmal bereut? Was hat Sie in diesen intensiven Zeiten zum schiedlichen Rollen ein Gedanke scharf in
Peter Höllrigl: Nein, im Gegenteil, es geht Weitermachen motiviert? den Vordergrund gedrängt hat, und zwar so
mir gut damit, sehr gut sogar. Es war der Es waren die Gespräche mit Wegbegleiterin- lange, bis er zur Überzeugung wurde und in
richtige Schritt. Natürlich ist es eine ein- nen und Gefährten, die mich dazu motiviert meine Haltung einfloss. Ich bin überzeugt:
schneidende Entscheidung, ich lasse viel haben, Irritationen auszuhalten. Wir müssen Alle Kinder wollen lernen. Alle Kinder kön-
zurück. wissen, Schule ist ein recht starres System nen lernen.
und ohne Irritation bewegt sich oft wenig.
War es der richtige Zeitpunkt fürs Schwung gab mir die Auseinandersetzung Eine solche Haltung verpflichtet.
Aussteigen? mit Menschen, bei denen ich gespürt habe, Das stimmt. Das verpflichtet uns alle – Leh-
Wann ist der richtige Zeitpunkt? Aus meiner dass ihnen Bildung ein echtes Anliegen ist. rerinnen und Lehrer, Schulführungskräfte,
Sicht ist es ein guter. Es fügen sich jetzt Da habe ich getankt. pädagogische Mitarbeiterinnen, Schulamts-
mehrere Umstände günstig, sodass mein leiter, Politiker – alle, die wir in und für Kin-
Ausstieg passt: Ich hatte die Möglichkeit, An wen denken Sie da? dergarten und Schule arbeiten, dafür zu sor-
15 Jahre lang die Gesamtverantwortung für Es hat viele Gespräche mit Menschen gege- gen, dass die Lernwege eines jeden Kindes,
das Südtiroler Bildungssystems zu tragen, ben, die mir bewusst gemacht haben: Es einer jeden Jugendlichen einen möglichst
zu dem seit acht Jahren auch die Berufsbil- lohnt sich, für diese wertvolle Sache, für die guten Verlauf nehmen. Es stört mich unge-
dung und die Musikschulen gehören. Darü- Bildung unserer Kinder und Jugendlichen, mein, wenn ich ab und zu heraushöre: Wir
ber hinaus haben große Projekte zu einem mit ganzer Kraft zu arbeiten. Einer von haben hier die falschen Kinder. Das drückt
Abschluss gefunden. Es geht jetzt um die ihnen war Rainer Brockmeyer. Die Gesprä- ein falsches Verständnis von Lernen aus.
Umsetzung – mit neuen Erwartungen und che mit ihm haben mich fasziniert. Was für
neuen Vorstellungen. Dazu kommt mein per- einen jugendlich frischen Blick er auf Bil- In der Praxis ist das Lernen aber doch oft
sönliches Motiv: Ich bin jetzt in einer Phase dung und Schule hatte – trotz seines hohen mit Schwierigkeiten verbunden …
meines Berufslebens, in der ich noch etwas Alters. Sein Feuer ist auf mich übergegan- Natürlich. Jedes Kind bringt seine eigenen
Neues beginnen kann. In fünf Jahren wäre gen. Und so ist es mir mit vielen Menschen Lebenserfahrungen mit, jeder Jugendliche ist
das zu spät. ergangen. von seiner Biografie geprägt. Der Zugang
10 Februar 2018Im Überblick
Es lohnt sich, für diese wertvolle
Sache, für die Bildung unserer Kinder
und Jugendlichen, mit ganzer Kraft zu
arbeiten.
zum Lernen ist nicht immer unverstellt, es akademischer Ebene. Darüber hinaus, das Hintergrund haben. Wir müssen uns perma-
gibt Umwege und Brüche. Manchmal wird vermute ich, zieht sie etwas an, das über nent fragen: Und was kann ich jetzt noch tun,
wirklich sehr viel verlangt von uns. Allen diese Strukturen hinausgeht. Sie finden um der Schülerin, dem Schüler trotzdem
schwierigen Umständen zum Trotz sind wir eine einzigartige Lehr- und Lernhaltung in noch eine Perspektive zu geben. Wir werden
da, um alles Notwendige und Gute zu tun, um unseren Kindergärten und Schulen wieder. an Grenzen stoßen, aber das darf uns nicht
sie mit ihrer Lernfreude, ihrer Neugierde, Sie bekommen sicherlich keine didaktischen von unseren Bemühungen abbringen, nach
ihrer Offenheit ins Leben zu führen. Kinder- Feuerwerke zu sehen. Wir kochen alle nur Möglichkeiten für den jungen Mensch zu
garten und Schulen sind für mich verlässliche mit Wasser. Ich denke, es ist die Haltung suchen.
Orte, wo Kinder und junge Erwachsene best- dem Kind, dem Lernenden gegenüber, die
W as können die
möglich lernen und sich gut entwickeln kön- das pädagogische Handeln zu etwas Faszi-
nen. Einem solchen Kindergarten, einer sol- nierendem macht.
chen Schule fühle ich mich verpflichtet.
Bildungs-
Wenn ich richtig informiert bin, haben Sie institutionen in ihrer
A llen schwierigen Gesamtheit tun, damit
selbst die Schule abgebrochen …
Nicht ganz. Beinahe. Ich erinnere mich gut
Umständen zum Trotz an diese Krise. Ich hatte einen Handlauf in
es gar nicht dazu kommt,
sind wir da, um alles Not- dieser schwierigen Zeit. Meine Mutter. Es dass ein junger Mensch
wendige und Gute zu tun, war ganz banal: Sie hat den richtigen Ton in die Null-Bock-Haltung
getroffen und ich bin dann auf dem Gleis
um Kinder und junge geblieben.
gerät?
Menschen mit ihrer Lern-
freude, ihrer Neugierde, Sie haben danach eine bemerkenswerte In Ihren unterschiedlichen beruflichen
Karriere hingelegt. Was würden Sie Rollen haben Sie immer geführt.
ihrer Offenheit ins Leben Jugendlichen sagen, die mit dem Gedanken Was heißt „Führen“ für Sie?
zu führen. spielen, die Schule ohne Abschluss zu Führen heißt Vertrauen und Zutrauen. So
verlassen? wie ich Vertrauen habe, dass junge Men-
Unser Bildungssystem zieht Schulleute Ich, als Schulamtsleiter in Anzug und Kra- schen lernen wollen, so vertraue ich auch
aller Couleur an – aus Island, Polen, Öster- watte, als ein nun doch schon reiferer Herr, auf die Bereitschaft der Mitarbeiter und Mit-
reich, Deutschland. Die frühere österreichi- kann noch so gute Argumente bringen, ich arbeiterinnen, die sich auf gemeinsame Pro-
sche Bildungsministerin Sonja Hammer- werde keinen Jugendlichen erreichen. Ein- jekte einzulassen. Grenzen setzen steht weit
schmid hat Sie als Berater hinzugezogen. fach deshalb nicht, weil mir hier etwas Grund- hinten in meiner Vorstellung von Führung.
Wonach suchen ausländische Bildungsver- legendes fehlt, nämlich die Beziehung zu
antwortliche in Südtirols Kindergarten- diesem jungen Menschen in der Krise. Aber Wie ist eine solche Vorstellung bei den Füh-
und Schulwelt? lassen Sie mich die Frage anders stellen. rungskräften in den Kindergärten und
Es gibt einige strukturelle Besonderheiten, Schulen angekommen?
die anziehen, wie die Inklusion, die gemein- Wie? Einige haben das sehr geschätzt, andere
same Beschulung aller Kinder bis zum Ende Was können die Bildungsinstitutionen in haben bemängelt, dass sie zu wenig Führung
der Mittelschule, die Autonomie der Schu- ihrer Gesamtheit tun, damit es gar nicht erfahren hätten. Mir ist es mit meinem Füh-
len, die Freiräume und die Verantwortung, dazu kommt, dass ein junger Mensch in die rungsstil gutgegangen. Ich bin überzeugt,
die damit verbunden ist; die Organisations- Null-Bock-Haltung gerät? Ich denke jetzt vor dass sich jede Schule selbst entwickeln will.
form mehrerer Schulen, die eine Direktion allem auch an jene Jugendlichen, die sich Ich kann sie dabei begleiten, aber ich kann
bilden; die Ausbildung der Kindergärtnerin- auf kein tragfähiges soziales Gefüge verlas- ihr nicht vorschreiben, welchen Weg sie
nen und Grundschullehrpersonen auf sen können, die keine Familie im gehen soll.
Februar 2018 11Im Überblick
Eine Aufgabe, die mich reizt.
Ich werde eine Plattform gestalten, die an
der Universität Bozen angesiedelt ist. Ziel ist
es, eine bessere Vernetzung zwischen Uni-
versität, Lehrerbildung, Weiterbildung zu
schaffen. Ich werde also die Verantwortung
für einen Gestaltungsprozess tragen und
Menschen zusammenbringen, die für eine
gemeinsame Idee arbeiten. Ja, so gesehen
ist es durchaus wieder eine führende Auf-
gabe.
Ein Herzensprojekt, das Sie unbedingt
realisieren möchten?
Die neue berufliche Herausforderung gut
annehmen – da bin ich auch sehr optimis-
tisch. Im privaten Bereich wünsche ich mir
J a, das ist mir ausge-
Bei welchem Ihrer Vorhaben haben Sie das mehr Zeit, um etwa die skandinavischen
Gefühl, nachhaltig etwas bewegt zu haben Länder bereisen zu können. Sie haben es
– mit anderen gemeinsam? sprochen wichtig und mir in den letzten Jahren angetan, vor allem
Ja, das ist mir ausgesprochen wichtig und ich möchte es noch ein- auch wegen des dänischen Lebensgefühls –
ich möchte es noch einmal betont haben: mal betont haben: Hygge – das ich erst noch lernen muss
Gemeinsam mit anderen. Alles, was in den [lacht].
letzten fünfzehn Jahren gelungen ist, ist Gemeinsam mit anderen.
nur deshalb gelungen, weil viele, viele Men- Alles, was in den letzten Interview: Elisabeth Hofer, Bildungsdirektion
schen daran gebaut haben. Ich kann Ihnen
fünfzehn Jahren gelungen
nicht sagen, ob es nachhaltige Projekte
waren. Das wird die Zeit zeigen. Ich kann ist, ist nur deshalb gelun-
nur sagen, welche Projekte mich freuen. gen, weil viele, viele Men- Peter Höllrigl
Die Rahmenrichtlinien. Sie sind etwas Ver-
schen daran gebaut
bindendes im Bildungswesen, ihre Philoso- Peter Höllrigl, Jahrgang 1962, ist Direktor
phie zieht sich wie ein roter Faden vom Kin- haben. des Deutschen Bildungsressorts seit 2011
dergarten bis in die Oberstufe. Es freut und Schulamtsleiter für die deutschspra-
chige Schule in Südtirol seit 2003. Er ist
mich, dass es uns gelungen ist, ein Gesetz Es hat vage Spekulationen darüber gege-
der Gesamtverantwortliche für die inhalt-
zur Reform der Oberstufe – und nicht der ben, ein berufliches Angebot aus dem Aus- lich-systematische Gestaltung und Wei-
Oberschule – zu erarbeiten, die es uns land würde rufen? terentwicklung der Kindergärten, der
ermöglicht, die Bildungslandschaft nach Das waren Spekulationen. Ich werde in Süd- Schulen staatlicher Art, der Landesbe-
rufs- und Landesfachschulen, der Fach-
der Mittelschule als eine gemeinsame Bil- tirol weiterarbeiten. Allerdings kann ich
schulen für Landwirtschaft, Hauswirt-
dungslandschaft im Land zu sehen; dieser Ihnen sagen, dass so falsch dann auch wie- schaft und Ernährung, des Bereiches
Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Dar- der nicht spekuliert wurde. Einen Tag, nach- Musikschulen und des Bereiches Innova-
auf bin ich stolz. Es freut mich, dass es dem ich meinen Ausstieg veröffentlicht hatte tion und Beratung.
gelungen ist, mit der Fakultät für Bildungs- – am Morgen des 13. September – bekam ich Er hat den Landesrat für Bildungsförde-
rung, Deutsche Kultur und Integration bei
wissenschaften ein gemeinsames Ver- einen Anruf aus dem österreichischen Bun- seinen bildungspolitischen Aufgaben
ständnis für die gute Ausbildung unserer desministerium für Unterricht, Kunst und unterstützt und beraten.
Kindergärtnerinnen und Lehrer zu entwi- Kultur mit einem Angebot. Aber nach den Von 1997 bis 2003 war Peter Höllrigl
ckeln. Ich bin froh darüber, auch das Ler- Wahlen hat sich die politische Situation in Schulinspektor mit den Arbeitsschwer-
punkten Schulentwicklung, Professionali-
nen an außerschulische Orten stärker ein- Österreich ja stark verändert.
sierung des Lehr- und Direktionsperso-
zubeziehen. Ich bin froh, dass uns der nals, Umsetzung der Schulautonomie.
Aufbau der Bildungsdirektion gelungen ist Sie bleiben also hier. Wird auch Ihre Von 1994 bis 1997 war er als Grundschul-
und damit eine Klammer zu schaffen, die nächste Aufgabe eine führende sein? direktor tätig. An der Universität Inns-
aus vielen besonderen Bildungssystemen Ich denke, es wird eine gestaltende und bruck hat er das Studium der Erziehungs-
wissenschaften absolviert und mehrere
ein Bildungssystem mit vielen Besonder- weniger eine führende sein, sicher eine Jahre an der Grundschule unterrichtet.
heiten formt. spannende mit einem riesigen Potenzial.
12 Februar 2018Im Überblick
Interview mit Inspektorin Martina Rainer
„Bewegungszeit erhöhen“
Sport und Bewegung sowie die Auseinandersetzung mit Fortbildung ziehen sich wie ein roter Faden durch das Berufsleben
von Martina Rainer. Seit dem Beginn des Schuljahres 2017/2018 ist sie Inspektorin für die Unterstufe. INFO hat ein Gespräch
mit ihr geführt.
anderen Diensten und Organisationen, Bezirksfortbildung fortgesetzt. Wir mussten
Öffentlichkeitsarbeit sowie Aufsicht bei sowohl auf organisatorischer wie inhaltli-
Abschlussprüfungen gehören zu meinem cher Ebene Neues entwickeln. Die Frage
Aufgabenbereich. Mit einer Planungsgruppe war: Was brauchen wir im Bezirk für die
wollen wir die Fortbildung für Schulfüh- Zukunft? Mit Schulführungskräften, Fach-
rungskräfte weiterentwickeln. Insgesamt gruppenleiterinnen und -leitern sowie Lehr-
kann ich sagen, dass ich Schulen einen Ser- personen haben wir ein Fortbildungskonzept
vice anbiete, aber auch sehr gerne ihre Inno- erarbeitet. Der Bezirk ist über die Zusam-
vationen begleite. menarbeit dieser gemeinsamen Fortbil-
dungsplanung stark geworden. Wir haben
Sie haben Sport studiert. Ergeben sich uns verständigt, was uns für Schul- und
daraus Arbeitsschwerpunkte? Unterrichtsentwicklung wichtig ist. Ich hatte
Ja, und das freut mich besonders. Das von das Gefühl, Ergebnisse zu sehen.
meinem Vorgänger geschnürte Maßnah-
menpakt zu „Mehr Sport und Bewegung“ gilt Welche Chancen und Grenzen sehen Sie in
es nun umzusetzen. Es geht um die Sensibi- der Bezirksfortbildung?
lisierung für mehr Bewegung über die Eine Chance sehe ich darin, dass Schulen im
Schule hinaus, um insgesamt die Bewe- Bezirk ein gemeinsames Bild von Schule
Inspektorin Martina Rainer gungszeit von Kindern zu erhöhen, die Kern- entwickeln, dass Themen gemeinsam ange-
gruppe Sport für die Grundschule und die gangen werden. Wie gehen wir mit Schüle-
INFO: Frau Rainer, Sie haben Ihre Aufgaben Fachdidaktik mit einzubeziehen. rinnen und Schüler mit Lernschwierigkeiten
als Schulführungskraft am Schulsprengel um? Wie stellen wir uns der Mehrsprachig-
Laas mit denen einer Inspektorin in Bozen Wie möchten Sie die Umsetzung konkret keit? Wie bewerten wir? Grenzen der
gewechselt. Wie haben Sie sich mit dem angehen? Bezirksfortbildungen kann es bei Fächern
Rollen- und Ortswechsel zurechtgefunden? Genau, auf das Wie kommt es an. Hier sehe mit geringer Stundenanzahl geben, so zum
Martina Rainer: Das Angebot des Schul- ich meinen Gestaltungsfreiraum. Gemein- Beispiel Englisch an der Mittelschule.
amtsleiters zur Inspektorin für die Unter- sam mit den Kerngruppen für Bewegung
stufe kam für mich völlig überraschend und und Sport werden wir versuchen, Gelunge- Ihr Wunsch für die deutsche Schule
hat mich gefreut. So wie für mich typisch, nes sichtbar zu machen und uns über Ideen in Südtirol?
habe ich mich rasch entschieden – innerhalb und Modelle bewegter Schulen auszutau- Unsere Schulen sind gut aufgestellt und
eines Tages. Sicher, das Pendeln kostet Zeit, schen. Wir wollen die Schulen auf dem Weg ausgestattet, wir haben motivierte Lehrper-
wöchentlich an die zehn Stunden. Da ich zu einem Bewegungskonzept begleiten. sonen. Doch die Herausforderungen unserer
keine Familie habe, kann ich das machen. Oberschülerinnen und -schüler beziehen wir Gesellschaft sind enorm. Ich wünsche mir,
Noch dazu kann ich, wann immer es die Ter- dadurch mit ein, indem sie selbst Vorschläge dass es den Schulen mit ihren Gestaltungs-
mine zulassen, einen Büroraum am Real- unterbreiten können, wie sie zum Beispiel spielräumen gelingt, sich gut in Balance zu
gymnasium in Schlanders benutzen. ihre Pausen aktiver gestalten möchten. halten, wenn sie auf individuelle Bedürf-
nisse der Familien, der Schülerinnen und
Welche sind Ihre Aufgaben als Inspektorin Sie waren aktiv bei der Planung der Schüler eingehen und gleichzeitig Leben und
der Unterstufe? Bezirksfortbildung im Vinschgau tätig. Wel- Lernen in der Gemeinschaft ermöglichen.
Meine Aufgaben bestehen in der Anpassung che Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?
von gesetzlichen Bestimmungen. Ich berate Bereits als Grundschullehrerin war ich in Interview: Elisabeth Mairhofer
und begleite Schulen bei deren Umsetzung. der Kerngruppe Mathematik. Als Schulfüh- Redaktion INFO
Netzwerkarbeit und Kooperation mit rungskraft habe ich die Arbeit in der
Februar 2018 13Thema Beruf Lehrer/in – Klassenführung
Thema
Tutoren-Ausbildung der Pädagogischen Abteilung
Die Lehrer-Tandems
Von erfahrenen Lehrpersonen lernen – wahrscheinlich eine der besten Methoden, sich in der Klassenführung und im
Lehrerberuf weiterzubilden. Die Tutorenqualifizierung der Pädagogischen Abteilung unterstützt diesen Austausch.
S ie haben jahrelange Erfahrungen im
Lehrberuf und geben gerne etwas von
ihrem Wissen weiter: die Tutorinnen und
Lernen im Mittelpunkt steht und Praxiser-
fahrungen regelmäßig und zeitnah reflek-
tiert werden. Die berufserfahrenen Lehr-
• Wege und Etappen der Professionali
sierung
• Merkmale guten Unterrichts
Tutoren an unseren Schulen. Der Bereich personen sind offen und bereit, Einblick in • Voraussetzungen und Instrumente für
Innovation und Beratung (seit Jänner 2018 ihr Berufsfeld zu geben, die Berufsneulinge eine Unterrichtsbeobachtung
Pädagogische Abteilung) bietet seit in den Unterricht einzubeziehen und mit • Möglichkeiten der Rückmeldung und
2012/2013 die Seminarreihe „Qualifizierung ihnen professionelle Planungs- und Bera- des Gesprächs über das Beobachtete
von Tutorinnen und Tutoren“ an. Ziel dieses tungsgespräche zu führen. Ziel ist es, Nach Abschluss der Seminarreihe erhalten
einjährigen Lehrgangs ist es, Tutorinnen und gemeinsam die Entwicklung eines qualitativ die Teilnehmenden ein Zertifikat.
Tutoren auszubilden, welche Praktikantin- guten Unterrichts im Auge zu behalten.
nen und Praktikanten, Studentinnen und Durch die Auseinandersetzung mit der Im Rahmen der Qualifizierung führen die
Studenten, Berufseinsteigerinnen und beruflichen Praxis und die Reflexion von Tutorinnen und Tutoren untereinander kollegi-
Berufseinsteiger, Lehrpersonen im Berufs- Herausforderungen wird ein bedeutender ale Hospitationen durch. Hierfür sind gegen-
bildungs- und Probejahr, Supplentinnen Beitrag zur Professionalisierung beider seitige Unterrichtsbesuche vorgesehen, die
oder Supplenten ohne gültigen Studientitel Partner im Lerntandem geleistet. von den Teilnehmenden der Seminarreihe
in der Probezeit an der Schule begleiten, eigenverantwortlich organisiert und geplant
unterstützen und in ihrer beruflichen Ent- Die Seminarreihe „Qualifizierung von Tuto- werden. Dabei liegt der Schwerpunkt darin,
wicklung fördern. Die Ausbildung richtet rinnen und Tutoren“ besteht aus fünf Bau- passende Kommunikationsstile kennenzuler-
sich an Lehrpersonen der Grund-, Mittel-, steinen und umfasst folgende Inhalte: nen, um ein professionelles Feedback bei
Oberschulen sowie der Berufsbildung. • Rollenselbstbild als „Ausbildnerin und Beratungs- und Nachbereitungsgesprächen
Ausbildner vor Ort“ zu erteilen und Selbstreflexion anzuleiten.
Die Inhalte der Seminarreihe • Handlungsfelder und Kompetenzen der
Tutorinnen und Tutoren sind berufserfah- Lehrperson Petra Eisenstecken
rene Lehrpersonen, die den Schulbetrieb • Informationen über die diversen Praktika Katharina Froner
aus verschiedenen Perspektiven kennen, ihn und ihre Schwerpunkte Pädagogische Abteilung
aktiv mitgestalten und offen für Unterrichts-
und Schulentwicklung sind. Sie haben
Zutrauen zu den Lern- und Entwicklungs-
möglichkeiten ihrer Schülerinnen und Schü-
ler, schaffen ein gutes Lernklima in ihren
Klassen und können ihre pädagogisch-
didaktischen Handlungen erklären. Sie
beobachten die individuellen Lernvorausset-
zungen und Fähigkeiten der Schülerinnen
und Schüler und begegnen diesen wert-
schätzend. Für ihre Unterrichtsvorbereitung
und die eigene Evaluation nutzen sie die
Plattform IQES-online und die dort veröf-
fentlichten Materialien und Instrumente.
Tutorinnen und Tutoren bilden zusammen
mit den von ihnen betreuten Lehrpersonen
ein „Lerntandem“, wobei das wechselseitige Gemeinsam in dieselbe Richtung: So ist besserer Unterricht möglich.
Februar 2018 15Thema
Gute Klassenführung
Stärken im Mittelpunkt
Ein Rezept für gute Klassenführung und guten Unterricht wünscht sich wohl jeder Pädagoge und jede Pädagogin.
Was man dafür tun kann und worauf man achten soll – einige Anregungen von Roswitha Raifer und Elisabeth Pallua.
tion und positive Rückmeldung zu finden.
In einem modernen Unterricht mit seinen
zusätzlichen Facetten wie offener Unter-
richt, Freiarbeit und Eigenverantwortung
muss Klassenführung noch breiter interpre-
tiert werden. Zentrales Ziel von modernem
Classroom Management ist es, eine Lern-
umgebung zu schaffen, bei der sowohl schu-
lisches Lernen als auch soziale und emotio-
nale Fähigkeiten bei den Schülerinnen und
Schülern gefördert werden, um in der
modernen Welt bestehen zu können. Schüler
und Schülerinnen sollen in ihrer Selbststän-
Wie kann ich die Schüler und Schülerinnen motivieren und für Kooperation digkeit und der Selbstregulation begleitet
sorgen? Lehrpersonen von heute setzen sich damit täglich auseinander. werden, vor allem, wenn es darum geht, sich
Lerninhalte und Kompetenzen anzueignen.
Ein weiteres Ziel ist die gemeinsame Verant-
J ede Lehrperson hat in ihrer Klasse die
Leitungsaufgabe mit dem Ziel inne, einen
möglichst reibungs- und störungsfreien
Dadurch werden Lehrpersonen entlastet
und der Unterrichtsfluss gefördert.
• Allgegenwärtigkeit: Die Fähigkeit der
wortung, mit Konflikten umzugehen und sie
zu lösen, sowie ein gutes
Klassenklima aufzubauen.
Unterricht zu bieten. Jeder Schüler und jede Lehrperson, mehrere gleichzeitig verlau-
Schülerin soll dort die Möglichkeit haben, fende Situationen und Handlungsstränge Daher muss man von einem Paradigmen-
sich in der Lerngruppe wohl- und sicher im Klassenzimmer zu überblicken. wechsel beim Classroom Management
zu fühlen und gut arbeiten und lernen • Zeitnutzung: Die Lehrperson versteht es, sprechen und vier Weiterentwicklungen
zu können. die zur Verfügung stehende Zeit ohne beachten:
Für eine gute Klassenführung bieten sich Leerläufe für das Lehren und Lernen zu • Vom Gehorsam zur Selbstregulation
folgende Strategien an: nutzen. • Von Anweisungen zu Vertrauen und
• Regeln: verbindliche Abmachungen, die • Aufbau erwünschten Verhaltens und Abbau Fürsorge
helfen, den Unterrichtsfluss zu fördern. unerwünschten Schülerverhaltens: Es geht • Vom arbeitsorientierten Klassenzimmer
• Prozeduren: Routinen und Rituale als ein- darum, eine gute Balance zwischen Vermin- zum lernorientierten
geübte Verhaltensmuster für immer wie- derung von störenden Verhaltensweisen • Vom Management als einem Bündel von
derkehrende Situationen. Sie werden vor durch Intervention und Sanktion und der Tricks zu einem Management sinnvoller
allem durch Signale, Gesten und Symbole Förderung von angemessenen Verhaltens- Entscheidungsprozesse (nach Haag und
anstelle von verbalen Äußerungen initiiert. weisen durch wertschätzende Kommunika- Brosig 2012)
16 Februar 2018Thema
Mit folgenden wichtigen Themen setzt sich bestimmen die Führungskompetenz. Die Schülerinnen zu versetzen, die eigenen
eine Lehrperson heute auseinander: Lehrerpersönlichkeit spielt dabei auch eine negativen Gefühle im Klassenzimmer kont-
• Wie kann ich als Lehrperson für einen große Rolle. Jede Lehrperson ist ein Indivi- rollieren.
geordneten und strukturierten Unter- duum mit einer bestimmten Persönlich- Somit bleibt Klassenführung eine Heraus-
richtsablauf sorgen? keitsstruktur und muss daher auch einen forderung für jeden Lehrenden. Wissens-
• Was gebe ich als Lehrperson vor, was kann authentischen Leitungsstil entwickeln. Die austausch untereinander kann hier eine
ich mit den Schülern und Schülerinnen Schüler und Schülerinnen müssen spüren, gute Hilfestellung bieten. Ein einjähriger
aushandeln oder an sie delegieren? dass die Lehrperson für sich geklärt hat, Lehrgang der Pädagogischen Abteilung
• Wie kann ich die Schüler und Schülerinnen welche Erwartungen und Grenzen sie hat (ehemaliger Bereich Innovation und Bera-
für Kooperation gewinnen und für Motiva- und wie sie diese einfordern will. Dabei ist tung) bildet Lehrpersonen zu Tutorinnen und
tion sorgen? es wichtig, mit den Schülerinnen und Schü- Tutoren aus, die Praktikantinnen und Prakti-
• Wie kann ich ein gutes Klassenklima auf- lern klar und eindeutig zu kommunizieren kanten, Berufseinsteigerinnen und -einstei-
bauen? und ihnen zugleich mit Wertschätzung, Inte- ger in ihrer Anfangszeit begleiten (siehe
• Wie kann ich die Schüler und Schülerinnen resse und Empathie zu begegnen. Seite 15).
ins Arbeiten und Lernen bringen und ihre
J ede Lehrperson ist ein
Selbstorganisationsfähigkeiten und Ver- Elisabeth Pallua
antwortung für das eigene Lernen erhö- Roswitha Raifer
hen?
Individuum mit einer Pädagogische Abteilung
bestimmten Persönlich-
Die Lehrerpersönlichkeit spielt keitsstruktur und muss
eine große Rolle
Lernen ist zunächst ein individueller Pro-
daher auch einen
zess, den jeder Schüler, jede Schülerin (für authentischen Literatur
Eichhorn, Christoph (2015), Die Philosophie des
sich) allein meistern muss. Lernende sind Leitungsstil entwickeln. Classroom-Management, in: Schulblatt Thurgau
dabei aber auf die Orientierung, Strukturie- 1- Feb. 2015 , S. 14ff.
rung und Führung von außen angewiesen. Hilfreich sind dabei: regelmäßige Reflexion Helmke, Andreas und Tuyet (2015), Wie wirksam ist
eine gute Klassenführung? In: Schulblatt Thurgau
Auch wenn die Lehrperson nicht für alles im des eigenen Unterrichtsverhaltens, struktu- 1 – Feb. 2015, S. 4 ff.
Klassenzimmer verantwortlich ist, ist (doch) rierte Schülerfeedbacks einholen, realisti- Jensen, Helle (2014), Klassenführung braucht
Beziehungskompetenz, in: Lernende Schule 65/2014,
ihre zentrale Position unbestritten. Autori- sche Einstellungen Schülern und Schülerin-
S. 13 ff.
tät, Glaubwürdigkeit, Auftreten, Körperspra- nen gegenüber – weder romantisch Haag, Ludwig (2012), Brosig, Klemes, Klassenführung
che, Authentizität und subjektive Toleranz- angehaucht noch zynisch oder kumpelhaft, – Worauf kommt es an?, in: SchVw BY 6/2012.
spielräume sowie die Fähigkeit und sondern wertschätzend und die Stärken in
Bereitschaft, die Beziehungen zu Schülern den Mittelpunkt stellend, Bereitschaft sich
und Schülerinnen positiv zu gestalten, auch in die Lage der Schüler und
Februar 2018 17Thema
Klassenführung: Mehr Verantwortung für Lernende
Logbuch des Lernens
In der Klasse ist es laut. Die Schülerinnen und Schüler sind unmotiviert und am Lernstoff nicht interessiert. Was tun?
Professor Ludwig Haag kennt diese Situation. Welche Konzepte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vorschlagen
und wie sich Klassenführung im Laufe der Jahre geändert hat.
M artina schwätzt mit ihrer Banknachba-
rin, Markus wirft einen selbst gefalte-
ten Papierflieger durchs Klassenzimmer,
auftreten. Auch in diesem neuen Verständnis
ist allein die Lehrperson für Ordnung und
Struktur im Unterricht verantwortlich.
zugeschnitten sein.“) (Weimer 2002, S. XVI).
Sie hebt damit noch mehr den Aspekt der
Schülerzentriertheit hervor, ist noch mehr
Martin brüllt lauthals drauflos. Das und vie-(3) Langfristig dürfte es zielführend sein, auf den Schüler und die Schülerin fixiert.
les mehr ist Alltag im Unterricht. Schule istwenn es Lehrpersonen gelingt, ihre „Kun-
V on Gehorsam zur
nicht freiwillig und die zwangsläufige Anwe- dinnen und Kunden“ davon zu überzeugen,
senheit von Schülerinnen und Schülern heißt autonom Handelnde zu sein und Verantwor-
nicht, dass alle von sich aus lernen wollen. tung für ihre Lernprozesse und deren Stö-
Selbstregulation –
Eine zentrale Aufgabe einer Lehrperson ist, rungen selbst zu tragen.2 Tatsächlich hat so könnte man das
für die Sicherung von Unterricht zu sorgen. sich seit den 1990er-Jahren Klassenführung neue Paradigma der
Die Schülerinnen und Schüler wiederum nicht nur mit der Lehrerseite, sondern auch
müssen erst die Rahmung erlernen, wie sich mit der Schülerseite beschäftigt. Freiberg3
Klassenführung
eine Lehrperson Unterricht vorstellt. Klas- und Evertson mit ihrem Team4 haben den umschreiben.
senführung ist gefragt.1 Begriff des Classroom Managements auf
Lehrerhandeln erweitert, das lernförderli- Evertson und Neal6 setzen sich sehr detail-
Traditionslinien von che Lernumgebungen gestalten will. Sie liert mit dem neuen Konzept von Classroom
Klassenführung sprechen von „learning-centered class- Management auseinander. Sie gehen von
(1) Ganz in der Tradition des Behaviorismus rooms“. Klassenführung soll nun beitragen, folgenden vier Merkmalen aus:
(wissenschaftliches Konzept, das das Ver- dass die Schülerinnen und Schüler Selbst- 1. V erständnis von Unterricht, das auf
halten von Mensch und Tier auf naturwis- ständigkeit und Selbstregulation entwickeln, selbstregulative Fähigkeiten der Lernen-
senschaftlicher Basis untersucht, Anm. d. wenn sie sich den Lernstoff aneignen. Die den zielt und Verständigung über Ziele,
Red.) wurde Klassenführung ursprünglich Schülerinnen und Schüler sollen gemein- Inhalte, Methoden oder Sozialformen
wie auch der englisch verwendete Begriff sam Verantwortung für eine gute Lernatmo- beinhaltet
Classroom Management eng auf Aspekte sphäre übernehmen. Von Gehorsam zur 2. g emeinsame Entscheidung über die
der Disziplin und den effizienten Umgang mit Selbstregulation – so könnte man das neue Gestaltung der Lernumgebung und
Störungen des Unterrichts reduziert. Im Mit- Paradigma umschreiben. der Arbeitsformen
telpunkt stand die Lehrperson. Sie alleine 3. V erständigung über Strategien von
war dafür verantwortlich, Disziplin, Ruhe Merkmale von Learning-Centered Klassenführung und Steuerung, über
und Ordnung herzustellen. Sie hatte Störun- Classrooms ein Regelsystem und die Überwachung
gen von Schülerinnen und Schülern abzu- Weimer5 spricht direkt die Lernerinnen und der Regeleinhaltung
stellen beziehungsweise zu regeln. Lerner an, indem sie von „Learner-Centered 4. U mgang mit Ergebnissen, Leistungen und
(2) Zur ersten Erweiterung kam es durch die Teaching“ spricht. Der Begriff des Lernens ist ihrer Beurteilung
Studien von Jacob Sebastian Kounin (US- für sie zu abstrakt. „We do not want more and
amerikanischer Erziehungs- und Unter- better learning at some abstract level; we Sich selbst beobachten
richtspsychologe) Ende der 1970er-Jahre. need it specifically and concretely for the stu- Freiberg7 stellt heraus, was Umgang mit
Der Fokus richtete sich weg von der Inter- dents we face in class“ („Wir möchten kein Disziplin in Person-zentrierten Klassenzim-
vention hin zur Vermeidung und Vorbeugung größeres und besseres Lernpensum auf abs- mern bedeutet:
von Störungen. Die Forschung beschäftigte traktem Niveau; es soll spezifisch sein und • Die Führung wird geteilt.
sich mit der Frage, was eine Lehrperson tun konkret auf die Schülerinnen und Schüler, • Schülerinnen und Schüler unterstützen die
muss, damit Störungen erst gar nicht denen wir in der Klasse gegenüberstehen, Organisation.
18 Februar 2018Sie können auch lesen