FEUER EIS UND WASSER Streifzüge durch die Landschafts- und Entstehungsgeschichte der Bodenseeregion

Die Seite wird erstellt Emil Haase
 
WEITER LESEN
FEUER EIS UND WASSER Streifzüge durch die Landschafts- und Entstehungsgeschichte der Bodenseeregion
Schutzgebühr: ATS 35,–, CHF/DM 5,–

                                      FEUER
                                     EIS UND
                                      WASSER
                                      Streifzüge durch die Landschafts- und
                                      Entstehungsgeschichte der Bodenseeregion
FEUER EIS UND WASSER Streifzüge durch die Landschafts- und Entstehungsgeschichte der Bodenseeregion
(AZ) Die im November 1962 einset-

„Eiszeit“ am Bodensee!                                                                                                              zenden tiefen Temperaturen und
                                                                                                                                    Windstille bilden die günstigen Vor-
                                                                                                                                    aussetzungen für die über drei Monate
                                                                                                                                    dauernde „Eiszeit“ im Winter des Jah-
                                                                                                                                    res 1963. Die Seegfrörne hat sich seit
                                                                                                                                    dem Jahr 875 in unregelmäßigen
                                                                                                                                    Abständen damit aktenkundig bereits
                                                                                                                                    33 mal ereignet. Tausende „Eiswande-
                                                                                                                                    rer“ betreten zuerst zaghaft, dann
                                                                                                                                    immer mutiger das glatte Eis der „33.
                                                                                                                                    Seegfrörne“. Autos verkehren und
                                                                                                                                    sogar Flugzeuge benutzen die ebene
                                                                                                                                    Eisfläche als Start- und Landebahn. Es
                                                                                                                                    ist der 12. Februar 1963. Die See-
                                                                                                                                    gfrörne hat ihren Höhepunkt erreicht.
                                                                                                                                    Einem Brauch entsprechend, der auf
                                                                                                                                    das Jahr 1573 zurück geht, wandern
                                                                                                                                    2.500 Menschen in einer langen Pro-
                                                                                                                                    zession andächtig über den zugefrore-
                                                                                                                                    nen Obersee von Münsterlingen nach
                                                                                                                                    dem 8 Kilometer entfernten Hagnau.
                                                                                                                                    Die Prozession wird angeführt durch
                                                                                                                                    den stolzen „Reiter vom Bodensee“,
                                                                                                                                    gefolgt von geistlichen Würdenträ-
                                                                                                                                    gern. Weiter hinten wird von fröh-
                                                                                                                                    lichen Gesellen auf einem „weltlichen“
                                                                                                                                    Schlitten als Gastgeschenk der „See-
                                                                                                                                    gfrörniwein ‘63“ gezogen. Es gilt, die
                                                                                                                                    gotische Büste des heiligen Johannes
                                                                                                                                    heimzuholen. Diese wurde letztmals
                                                                                                                                    vor 133 Jahren durch Hagnauer Ein-
                                                                                                                                    wohner aus der Klosterkirche von
                                                                                                                                    Münsterlingen über den zugefrorenen
Eisflugplatz Nonnenhorn (Seegfrörne 1963). Foto: F. Thorbecke                                                                       See in ihre Pfarrkirche getragen.

 Inhaltsverzeichnis
 „Eiszeit“ am Bodensee! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . U2          Wir wandern durch ein breites, namenloses Tal . . . . . . . . . . . 19
 Die REGIO BODENSEE, eine aus Feuer, Eis und                                                  Das thurgauische Seebachtal und seine drei
 Wasser geformte europäische Landschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . 1                   Gletscherstauseen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20
 Ätna und Vesuv am Bodensee . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2             Bodenseerheintal – Rheintalbodensee . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21
 Nur vier Meter für die Menschheitsgeschichte . . . . . . . . . . . . . 3                     Die „Rheinnot“ und die Zähmung des größten
 Vom Hegau zum Säntis – das Verbreitungsgebiet der Molasse . . 4                              „Wildbachs“ von Europa. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22
                                                                                              Das Rheindelta . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23
 Haiwarnung am Bodensee! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6
                                                                                              Vom größten Wasserfall Europas . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24
 Safari zu Säbelzahnkatzen und Zwergpferden . . . . . . . . . . . . . . 7
                                                                                              Reise entlang der Thur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25
 Sintflut am Untersee und der versteinerte Riesensalamander
 von Öhningen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8   Lebend gebärende Pflanzen, Schneckeninseln und
                                                                                              andere Strandkuriositäten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26
 Von Wetzsteinen und falschem Granit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
                                                                                              Wasser, Wasser überall . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28
 Der Alpstein – vielleicht „das schönste Gebirge der Welt“ . . . 10
                                                                                              Von blinden Augen, fleischfressenden Pflanzen und
 Von Schluchten, Bergstürzen und Afrika im Alpenrheintal . . . 12
                                                                                              bodenlosen Untiefen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29
 Von heißem, schwarzem, braunem und echtem Gold . . . . . . . 13                              Von Kristallen, Altsteinzeitmenschen, Höhlenbären
 Meine Reise mit dem Gletscher . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14               und einem Schneckenloch. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31
 „Die mit dem Rentier lebten ...“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17            Wo geheimnisvolle Quellnymphen tanzen . . . . . . . . . . . . . . . 32
 Das Findlingsgedicht und Geschichten über den                                                Landschaft: ein Buch mit sieben Siegeln?
 „Mörder“, „Salz-“ und „Öpfelfresser“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18                – Ein fiktives Interview.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34
 Enge Tobel, wilde Schluchten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19             Trinkwassergewinnung früher und heute . . . . . . . . . . . . . . . . 35
FEUER EIS UND WASSER Streifzüge durch die Landschafts- und Entstehungsgeschichte der Bodenseeregion
Die REGIO BODENSEE, eine aus Feuer, Eis und
Wasser geformte europäische Landschaft
Ein Animationsprojekt der Internationalen Bodenseekonferenz im Rahmen des
Bodensee-Geschichtserlebnisses

Die REGIO BODENSEE ist eine der
vielseitigsten Landschaften in Europa.
Das gesamte Wassereinzugsgebiet von
Alpenrhein, Bodensee und Hochrhein
bietet ein nahezu unerschöpfliches
Potenzial an Erlebnis- und Wissens-
strukturen.
   Die REGIO BODENSEE, eine un-
glaubliche Vielfalt von Landschaften auf
kleinem Raum: im Süden ragen die zak-
kigen Gipfel der Alpen auf, im Westen
die bizarren Formen der Hegauberge.
Das Alpenvorland wird durch einen weit
gespannten Moränenbogen vom Allgäu
über Oberschwaben bis fast zur Donau
und nach Schaffhausen umschlossen. In
der Mitte dominiert der Bodensee mit
dem Alpenrhein, der wie ein Baum-
stamm in den Alpenkörper hineinragt,
und dem Hochrhein, der über den gröss-
ten Wasserfall Europas den Bodensee-
raum wieder verlässt.
   Spannende Geschichten erzählen die
steinernen Zeugen der Vergangenheit.
Die Auffaltung der Alpen hat Teile von
Afrika nach Liechtenstein verlagert und
                                           Die maximale Ausdehnung des würmzeitlichen Bodensee-Vorlandgletschers. Bild: W. J. Wagner, Grünbach am Schneeberg (A) aus
das nördliche Vorland mit grossen
                                           „Österreichs 120 Paradiese“
Mengen an Abtragungsschutt, Molasse
genannt, gefüllt. Zeitweise über-
schwemmten Vorläufer des heutigen          gende Broschüre möchte zu einer Ent-              gelüftet sind. Dieses ist ein Grund dafür
Mittelmeeres den Bodenseeraum und          deckungsreise einladen, zu den Spuren,            behutsam mit dem Vermächtnis dieser
hinterliessen Meeresablagerungen mit       die Vulkane, Gletscher, Wasser und der            einzigartigen Landschaft umgehen zu
Haifischzähnen. Feuerspeiende Berge        Mensch bei uns hinterlassen haben.                wollen und zu müssen.
warfen vulkanisches Material über’s        Wer sich die Zeit nimmt, einen „Kie-                 Die Internationale Bodenseekonfe-
Land. Riesige Gletscher stiessen wäh-      selstein“ von seiner Reise mit dem Glet-          renz will mit dieser Broschüre ein
rend der Eiszeiten in den Bodensee-        scher erzählen zu lassen, in die geheim-          Netzwerk aus Akteuren des Tourismus,
raum vor und versuchten, die geologi-      nisvollen Tiefen einer Kristallhöhle              der Landschaftsplanung, der Bildung,
sche Vorgeschichte „wegzuhobeln“. Sie      vorzudringen oder dem Leben unserer               des Denkmal- und Naturschutzes, der
formten die Bodenseelandschaft so, wie     Vorfahren in einem „Steinzeitdorf“                Archäologie, der Museen und aus son-
wir sie kennen und lieben – mit zahl-      nachzuspüren, erlebt die Vielfalt und             stigen Interessenten animieren, in einer
losen Seen und Mooren, mit Hügeln          Einzigartigkeit der Bodenseeregion                weiteren Projektzukunft interessante
und langgestreckten Moränenzügen.          einmal aus einer ganz anderen, unge-              Erlebnis- und Wissensmodule zu ent-
Das Wasser leistet bis heute die „Fein-    wöhnlichen Perspektive. Und entdeckt              wickeln, um damit ein möglichst brei-
modellierung“, gräbt enge Tobel in         gleichzeitig, dass Geologie, Boden,               tes Publikum anzusprechen.
steile Felsen, rundet grosse Steine zu     Tier- und Pflanzenwelt und der Mensch                Besonders danken möchte ich der
kleinen Geröllen und versetzt von Zeit     aufs engste miteinander verwoben sind.            Bodensee-Stiftung für die Projektkoor-
zu Zeit die Anwohner des Bodensees in        Die Bodenseelandschaft ist ein                  dination und dem Fachbeirat für seine
Angst und Schrecken, wenn es höher         lebendiges Buch voller solcher                    engagierte Unterstützung.
und höher steigt.                          Geschichten, und es wird noch Jahr-
   Feuer, Eis und Wasser haben die         hunderte dauern, bis die im Unter-                Dr. Walter Lendi
Bodenseeregion geformt. Die vorlie-        grund versteckten Geheimnisse alle                Vorsitzender Kommission Kultur
FEUER EIS UND WASSER Streifzüge durch die Landschafts- und Entstehungsgeschichte der Bodenseeregion
Ätna und Vesuv am Bodensee
                                                                 Tuffen hart und schwer. Mit dem              Oberfläche durchzubrechen. Es bleibt
                                                                 Hammer angeschlagen, klingt es.              in den Deckentuffen stecken und
                                                                 Daher auch der Name Klingstein bzw.          erstarrt zu riesigen Pfropfen. Erst die
                                                                 Phonolith. Wer genau hinschaut, fin-         eiszeitliche Abtragung „befreit“ die har-
                                                                 det mit etwas Glück wunderschöne             ten Phonolithkuppen, die heute die
                                                                 Mineralien wie den gelben Natrolith.         imposanten Kegel der Hegauvulkane
                                                                 Nur mit Hilfe einer UV-Lampe sieht           bilden. Das Zusammenwirken von
                                                                 man das intensive grüne Fluoreszieren        Feuer, Eis und Wasser hat den eigen-
                                                                 des Gesteins. Kein Wunder, bei einem         willigen Zauber des Hegaus geschaffen.
                                                                 Urangehalt von bis zu 350 g / Tonne.
                                                                    Um herauszufinden, was hier passiert
                                                                 ist, müssen wir die geologische Uhr um
                                                                 ca. 12 Millionen Jahre zurückdrehen, in
                                                                 die Zeit des mittleren Tertiärs. Die
                                                                 Alpen falten sich auf; eine Folge der
                                                                 Kollision der Kontinentalplatten von
                                                                 Afrika und Europa. Enorme Spannun-
                                                                 gen in den Gesteinen führen zur Ent-
                                                                 stehung von Bruchzonen, an denen
                                                                 heisses Magma aus dem Erdinnern auf-
                                                                 steigt. In einer subtropischen Land-
                                                                 schaft weiden Zwergpferde und Elefan-
                                                                 ten. Dann beginnt die Erde zu beben;
                                                                 infernalische Geräusche zerreissen die
 Hohentwiel.          (Me) Im nordwestlichen Hinterland          Stille, Vulkanschlote mit bis zu 1 km
 Foto: F. Thorbecke
                      des Bodensees findet sich eine äusserst    Durchmesser öffnen sich und schleu-
                      merkwürdige Landschaft mit einzelnen       dern Asche und Lavafetzen in solcher
                      kuppigen Bergen – „des Herrgotts           Menge in die Höhe, dass sich der Him-
                      Kegelspiel“ genannt. Ein völlig anderes    mel verdunkelt. Grosse Gesteins-
                      Bild als die zackigen Alpengipfel im       brocken krachen zwischen die Tiere,          Abbaukrater in einem Vulkanschlot (Höwenegg).
                      Süden oder die sanft geschwungenen         die in Panik versuchen, dem Welt-            Foto: A. Megerle
                      Eiszeitformen im Osten. Nähert man         untergang zu entkommen. Bis zu 100 m
                      sich diesen seltsamen Bergen, so wird      hoch lagert sich die Vulkanasche im             Steigen wir auf den Gipfel des
                      die Sache noch merkwürdiger, denn          Verlauf der Zeit über die Landschaft.        Hohentwiel, so stehen wir nicht nur auf
                      auch die dortigen Gesteine weisen kei-     Einige Millionen Jahre später schiebt        der Ruine eines längst erloschenen Vul-
                      nerlei Ähnlichkeit mit denen der nähe-     sich wieder Magma nach oben. Diesmal         kans, sondern auch inmitten der gröss-
                      ren und weiteren Umgebung auf. Gibt        ist es aber nicht energisch genug, mit       ten Burgruine Deutschlands. Schon in
                      es tatsächlich Vulkane am Bodensee,        spektakulären Explosionen bis an die         frühester Zeit nutzten die Menschen
                      deren Ausbruch in nächster Zeit droht?                                                  diese natürliche, quasi uneinnehmbare
                         Vielleicht hilft ein Spaziergang auf                                                 Festung. Heute kann man am Südhang
                      dem Vulkanpfad auf und um den impo-                                                     „Mittelmeer am Bodensee“ geniessen.
                      santen Hohentwiel, das Rätsel zu lösen.                                                 Es duftet nach Thymian und Ysop, ein
                      Im unteren Bereich des Berges findet                                                    zarter Schmetterlingshaft wiegt sich im
                      sich ein mit vielen Hohlräumen durch-                                                   Wind. Die trockenen Hänge und stei-
                      setztes Gestein. Es sind Tuffgesteine,                                                  len Felsen bieten Lebensräume für
                      d.h. der verfestigte Auswurf vulkani-                                                   mediterrane Pflanzen und Tiere. Aber
                      schen Materials. An manchen Stellen                                                     auch für einen ganz besonderen Wein-
                      sieht es aus, als ob der Herrgott hier                                                  bau, denn wo sonst kann man in einer
                      nicht nur mit Kegeln, sondern auch mit                                                  eiszeitlichen Landschaft feurigen Vul-
                      Murmeln spielt. Kleine Kügelchen fin-                                                   kanwein geniessen.
                      den sich zuhauf. Lapilli werden diese                                                      Und schon längst besteht keine Gefahr
                      Gebilde genannt, die beim Durch-                                                        mehr durch vulkanische Aktivitäten,
                      schneiden einen schönen konzentri-                                                      höchstens noch durch gelegentliche klei-
                      schen Aufbau zeigen.                                                                    nere Erdbeben und vielleicht durch den
                         Steigen wir höher, so treffen wir auf                                                Poppele, einen bösartigen Burgvogt, der
                      ein völlig anderes Gestein. Dunkelgrau,                                                 seit Jahrhunderten als Geist am Hohen-
                      sehr dicht und im Unterschied zu den       Vulkanpfad am Hohentwiel. Foto: A. Megerle   krähen umgehen muss.

2|3
FEUER EIS UND WASSER Streifzüge durch die Landschafts- und Entstehungsgeschichte der Bodenseeregion
Ära/Ère                   Periode/Période                                           Epoche/Époque
                                                                                        Holozän/Holocène
                                                                                                                      Stufe/Étage     Ma
                                                                                                                                                                                     Bohrung Kreuzlingen 1
                              Q UA RT Ä R / Q UAT E R N A I R E                                                                       0,01
                                                                                        Pleistozän/Pléistocène
                                                                                                                                      ~2
                                                                                        Pliozän/Pliocène              Plaisancien
                                                                                                                      Zancléen
      K Ä N O Z O I K U M
      C É N O Z O Ï Q U E

                                                                                                                                      5
                                                                                        Miozän/Miocène                Messinien
                                                                                                                      Tortonien
                                                  NEOGEN/NÉOGÈNE
                              T E R T I A I R E

                                                                                                                      Serravallien
                                T E R T I Ä R

                                                                                                                      Langhien
                                                                                                                      Burdigalien
                                                                                                                      Aquitanien
                                                                                                                                      24
                                                                                        Oligozän/Oligocène            Chattien
                                                                                                                      Rupélien
                                                                                                                                      36
                                                                                        Eozän/Eocène                  Priabonien
                                                                                                                      Bartonien
                                                  PA L Ä O G E N / PA L É O G È N E                                   Lutétien
                                                                                                                      Yprésien
                                                                                                                                      55
                                                                                        Paleozän/Paléocène            Thanétien
                                                                                                                      Danien
                                                                                                                                      65
                                                                                        obere/supérieur               Maastrichtien
                                                                                                                      Campanien
                                                                                                          Sénonien    Santonien
                                                                                                                      Coniacien
                                                                                                                                      88
                                                                                                                      Turonien
                                                                                                                      Cénomanien
                              K R E I D E / C R É TAC É                                                                               100
                                                                                        untere/inférieur              Albien
                                                                                                                      Aptien
                                                                                                                      Barrémien
                                                                                                                                      124
                                                                                                                      Hauterivien
                                                                                                                      Valanginien
      M E S O Z O I K U M

                                                                                                          Néocomien
      M É S O Z O Ï Q U E

                                                                                                                      Berriasien
                                                                                                                                      140
                                                                                        Malm                          Tithonien
                                                                                                                      Kimméridgien
                                                                                                                      Oxfordien
                                                                                                                                      160
                                                                                        Dogger                        Callovien
                                                                                                                      Bathonien
                              JURA/JURASSIQUE                                                                         Bajocien
                                                                                                                      Aalénien
                                                                                                                                      180
                                                                                        Lias                          Toarcien
                                                                                                                      Pliensbachien
                                                                                                                      Sinémurien
                                                                                                                      Hettangien
                                                                                                                                      210
                                                                                        obere/supérieur               Rhät/Rhétien
                                                                                                                      Norien
                                                                                                                      Carnien
                                                                                                                                      230
                              TRIAS                                                     mittlere/moyen                Ladinien
                                                                                                                      Anisien
                                                                                                                                      243
                                                                                        untere/inférieur              Olenekien
                                                                                                                      Induen
                                                                                                                                      250
                                                                                        oberes/supérieur              Thuringien
                                                                                                                                      264
      P A L Ä O Z O I K U M
      P A L É O Z O Ï Q U E

                              PERM/PERMIEN                                              unteres/inférieur             Saxonien
                                                                                                                      Autunien
                                                                                                                                      290
                                                                                        Silésien                      Stéphanien
                                                                                                                      Westphalien
                              KARBON/CARBONIFÈRE                                                                      Namurien
                                                                                                                                      336
                                                                                        Dinantien                     Viséen
                                                                                                                      Tournaisien
                                                                                                                                      360
                              D E VO N / D É VO N I E N
                                                                                                                                      410
                              SILUR/SILURIEN
                                                                                                                                      440
                              O R D OV I Z I U M / O R D OV I C I E N
                                                                                                                                      500
                              KAMBRIUM/CAMBRIEN
                                                                                                                                      570
   PRÄKAMBRIUM                                      P R OT E R O Z O I K U M / P R OT É R O Z O Ï Q U E
                                                                                                                                      2500
   PRÉCAMBRIEN                                      A R C H A I K U M /A R C H É E N
                                                                                                                                                                                           = Schichtlücke
Bild: © 2000 Landeshydrologie und -geologie, Bundesamt für Wasser und Geologie,
CH-3003 Bern

Nur vier Meter für die Menschheitsgeschichte
(AZ) Wir schreiben das Jahr 1962. Auf                                                                                             Geschöpfe, die den Planeten erst seit     Zwischen den Molasseablagerungen
dem Seerücken oberhalb von Kreuzlin-                                                                                              der geologischen Zeit des Quartärs        und den Kalken des Oberjuras (Malm
gen, etwas nördlich der Bommer Wei-                                                                                               bevölkern. Die Lebensbedingungen zur      genannt) fehlen die Schichten der Krei-
her, hört man von weitem Stromaggre-                                                                                              Bildungszeit der obersten 4 m, die aus    dezeit. Damals hob sich der Untergrund
gate laufen und ein metallisches Vibrie-                                                                                          Moränenschichten der letzten Eiszeit      im Bodenseeraum über den Meeres-
ren liegt in der Luft. Der dichte                                                                                                 (Würmeiszeit) bestehen, waren alles       spiegel und während mehr als 100 Milli-
Herbstnebel verschleiert den Blick auf                                                                                            andere als menschenfreundlich. Der        onen Jahren wurden praktisch keine
das baumhohe Metallgerüst eines Bohr-                                                                                             Seerücken lag damals vor 20.000 Jahren    Schichten abgelagert. Zur geologischen
turmes. Das wettergegerbte Gesicht des                                                                                            unter 400 m dickem Eis des Rheinglet-     Zeit des Juras, d.h. vor etwa 210 – 140
Bohrmeisters strahlt Zufriedenheit aus.                                                                                           schers. Zwischen der Moränenschicht       Millionen Jahren war der Bodensee-
Die Erdölbohrung Kreuzlingen 1 hat                                                                                                und den darunter liegenden Felsschich-    raum von einem tropischen Meer
in 2550 m Tiefe unter Gesteinen des                                                                                               ten der Oberen Süsswassermolasse feh-     bedeckt. Am Meeresboden gelangten
Permokarbons den verwitterten Granit                                                                                              len „Archivseiten“ der Erdgeschichte      Kalke und Mergel zur Ablagerung. In
des Grundgebirges erreicht. Die                                                                                                   von über 10 Millionen Jahren. Solche      der vorangegangenen Triaszeit (vor
Zufriedenheit wird getrübt durch den                                                                                              geologischen „Datenverluste“ werden       etwa 250 – 210 Millionen Jahren) wurde
Umstand, dass nur unbedeutende Spu-                                                                                               als Schichtlücke bezeichnet und entste-   der Bodenseeraum erstmals vom Meer
ren von Erdöl angetroffen wurden.                                                                                                 hen durch Erosion oder „Nicht – Abla-     des Erdmittelalters überflutet. Dieses
Hingegen liefern tiefe Bohrungen dem                                                                                              gerung“. Bis in 1750 m Tiefe folgen in    trocknete in der Trias zeitweise unter
Geologen wichtige Erkenntnisse über                                                                                               der Bohrung Molasseschichten der Ter-     Ausfällung von Gips aus. Die ältesten in
längst vergangene, geologische Zeiten.                                                                                            tiärzeit, die während der Bildung der     der Bohrung Kreuzlingen 1 nachgewie-
Dabei sind die Gesteinsschichten die                                                                                              Alpen abgelagert wurden. Flüsse trans-    senen Ablagerungen werden als Permo-
Archivseiten der Erdgeschichte, die wir                                                                                           portierten damals vor rund 35 – 10        karbon bezeichnet und gehören bereits
nachfolgend zurückblättern wollen.                                                                                                Millionen Jahren den Abtragungsschutt     dem Erdaltertum (Paläozoikum) an.
  Die Erdgeschichte widmet uns, der                                                                                               der werdenden Alpen über Schuttfä-        Der darunter gerade noch angebohrte
„Krone der Schöpfung“, nur gerade die                                                                                             cher in eine breite Verlandungsebene      Granit zählt zum Grundgebirge, das
obersten 4 m der 2550 m tiefen Boh-                                                                                               (Süsswassermolasse) oder über Deltas      nach Nordwesten ansteigend im
rung. Wir sind aber nun einmal                                                                                                    in ein flaches Meer (Meeresmolasse).      Schwarzwald zu Tage tritt.
FEUER EIS UND WASSER Streifzüge durch die Landschafts- und Entstehungsgeschichte der Bodenseeregion
Vom Hegau zum Säntis – das

                    Hohenstoffeln, ein Hegauvulkanberg.        Knauersandstein 2,5 km südöstlich von Steck-   Glimmersandgrube Wäldi, 6 km westlich von
                    Foto: A. Megerle                           born. Foto: A. Zaugg                           Kreuzlingen. Foto: A. Zaugg

                                                               (AZ) Die Erde bebt seit einiger Zeit           etwas nach Norden geschoben (Subal-
  Einige Begriffe zur Molasse                                  beunruhigend oft. Wir befinden uns im          pine Molasse, Molasse der Stauchzone).
                                                               Hegau vor rund 15 Millionen Jahren, zur        Erst 20 km nördlich der heutigen Alpen-
  Im Französischen bedeutet das Adjektiv mollasse: schlaff,
                                                               Bildungszeit der Oberen Süsswassermo-          front beginnt dann die von diesen
  weichlich. Entsprechend der Wortherkunft bezeichneten
                                                               lasse. Die Erde speit aus Spalten vulka-       Gebirgsbildungsprozessen kaum mehr
  die Schweizer Geologen weiche Sandsteine, Mergel, aber
                                                               nische Aschen in die Luft und 100 km           beeinflusste, flach lagernde, mittelländi-
  auch Nagelfluhschichten als „Molasse“, wenn sie noch
                                                               südlich bewegen sich gleichzeitig, durch       sche Molasse. Die sie unterlagernden
  zusätzlich folgende Bedingung erfüllten: Die Schichten
                                                               Urgewalten angetrieben, von der Erd-           Gesteine des Erdmittelalters sowie das
  stellen den Abtragungsschutt eines werdenden Gebirges
                                                               kruste abgeschälte Gesteinsschollen            Grundgebirge steigen von Südosten
  dar. Die den Alpen vorgelagerten Molasseschichten wur-
                                                               langsam aber unentwegt von Süden nach          nach Nordwesten allmählich an und tre-
  den vor ca. 35–10 Millionen Jahren phasenweise im Meer
                                                               Norden. Der afrikanische und der euro-         ten dann im Raum Schaffhausen, in der
  (Meeresmolasse) und in Verlandungsebenen (Süsswasser-
                                                               päische Kontinent nähern sich beharr-          Schwäbischen Alb (Kalksteine des Ober-
  molasse) abgelagert. Man unterscheidet von unten nach
                                                               lich und werden in der lang gezogenen          juras) sowie im Schwarzwald (hauptsäch-
  oben: Untere Meeresmolasse, Untere Süsswassermolasse,
                                                               Kollisionsnaht der Alpen miteinander           lich Granite und Gneise) zu Tage. Der
  Obere Meeresmolasse, Obere Süsswassermolasse.
                                                               verschweisst. Gegen Ende der Alpenbil-         geologische Profilschnitt vom Hegau
  Der Begriff Nagelfluh setzt sich zusammen aus dem ale-
                                                               dung brandet das Säntisgebirge als Vor-        zum Säntis zeigt, dass der felsige Unter-
  mannischen „Fluh“ für „steile Wand“ und „Nagel“, nach
  den wie Nagelköpfe aus einer Wand herausragenden             hut der Alpen in unendlicher Langsam-          grund des Bodenseeraumes vorwiegend
  harten Gesteinsteilen (hier Kiesgerölle) in einer feinkör-   keit an den vorgelagerten Abtragungs-          aus Schichten der Molasse besteht. Der
  nigen Grundmasse (hier Sandstein). Es handelt sich           schutt (Molasseschichten) der nun schon        Pfänder oberhalb Bregenz und der
  also bei der Nagelfluh um eine, zu festem Stein gewor-       seit Jahrmillionen dauernden Gebirgs-          Kronberg oberhalb Jakobsbad (Appen-
  dene, ehemalige Kiesablagerung.                              bildung. In letzten Bewegungsschüben           zellerland) werden beispielsweise aus
  Mergel ist ein Sedimentgestein aus Ton und Kalk, ent-        werden die Gesteinsschichten verfaltet,        schief gestellten Molasseschichten auf-
  standen aus schlammigem Material.                            übereinandergetürmt und in steile Lage-        gebaut und sind beliebte Ausflugsziele.
  Knauer oder auch Balmen sind durch Kalk verfestigte          rung gebracht. Der Prellbock der
  Bereiche im Sandstein, die oft brotlaibförmig, aber auch     Molasse ist diesen Kräften nicht gewach-       Die Obere Süsswassermolasse
  in Form von wulstigen Säulen oder anderen phantasie-         sen und muss ebenfalls nachgeben, wird         Ein Grossteil der Bodenseeregion liegt
  vollen Gebilden aus den Sandsteinen herauswittern.           gestaucht, verfaltet und am Alpenrand          im Verbreitungsgebiet der Oberen Süss-
                                                               sogar vom festen Untergrund gelöst und         wassermolasse. Der Urrhein lagerte vor

4|5
FEUER EIS UND WASSER Streifzüge durch die Landschafts- und Entstehungsgeschichte der Bodenseeregion
Verbreitungsgebiet der Molasse
                                                                                                        Die „Seelaffe“ ist ein harter
                                                                                                        Brocken
                                                                                                        Am Ostende des Rorschacherberges ragt bei Staad ein
                                                                                                        Hügelzug namens „Seelaffen“ in die Rheintalebene hin-
                                                                                                        aus. Auf diesem Felsrücken wurden noch bis in die Mitte
                                                                                                        des 19. Jh. in einem Steinbruch harte, Muschelschalen
                                                                                                        führende Sandsteine der Oberen Meeresmolasse abge-
                                                                                                        baut. Dieser Baustein erhielt nach der Abbaustelle den
                                                                                                        Namen Seelaffe. Der Rheingletscher hat während der
                                                                                                        letzten Vergletscherung in der Würmeiszeit vom Hügel-
 Nagelfluh der Hörnlischüttung, 2 km südlich von   Schief gestellte Nagelfluhbänke, Spicher westlich
                                                                                                        zug Seelaffen abgebrochene Felsblöcke bis weit in den
 Steckborn. Foto: A. Zaugg                         Schwägalp. Foto: A. Zaugg
                                                                                                        nordwestlichen Bodenseeraum verfrachtet, wo sie heute
                                                                                                        noch als Findlinge bestaunt werden können.
 etwa 17 bis 10 Millionen Jahren in einem          Westen fliessenden Strom, dessen Ein-
 breiten Schuttfächer alpinen Schutt in            zugsgebiet in den Tauern lag. Dieser
 Form von Kies-, Sand- und Tonschich-              lagerte glimmerhaltigen Sand ab. Dar-
 ten ab. Das Zentrum dieser Schüttung              aus entstand der helle Steinbalmensand,              Auswurfmaterial aus dem
 lag im Gebiet des Hörnliberglandes,               der in der Schweiz Glimmersand ge-
 weshalb man von der Hörnlischüttung               nannt wird. Der graue und kalkreiche                 Meteoritenkrater des Nördlin-
 spricht. In der Gegend des heutigen               Knauersandstein und die Nagelfluh sind
 Untersees mündeten die Flussläufe der             die typischen Gesteine der Hörnlischüt-
                                                                                                        ger Ries im Bodenseeraum
 Hörnlischüttung in einen breiten, längs           tung.                                                Im Jahr 1945 fand der Geologe Franz Hofmann nördlich
 des Alpenvorlandes von Osten nach                                                                      von Bernhardzell an der Sitter in Mergelschichten der
                                                   Molasseaufbruch „Sandplatte“                         Oberen Süsswassermolasse eine Lage heller und bis
                                                   (GF) Sonnenbaden an der Bregenzer                    gegen 10 kg schwerer, eckiger Kalksteintrümmer aus
                                                   Ach – die „Sandplatte“ lädt dazu ein. Ein            dem Oberjura (Malm). Diese Gesteine sind im Tafeljura
                                                   steinernes Hindernis ist sie dem Wasser,             und auf der Schwäbischen Alb weit verbreitet. An der
                                                   entstanden vor 20 Millionen Jahren im                Sitter ist diese Jurakalkformation aber erst in einer Tiefe
                                                   Meer. Ein Fluss brachte Sand, Gezeiten               von 3–4 Kilometern zu erwarten. Schockspuren (so
                                                   und Wellen transportierten ihn weiter.               genannte shatter cones) an einigen der gefundenen
                                                   Der tägliche Wechsel von Ebbe und Flut               Kalkblöcke führten bald zur Auffassung, dass die
                                                   liess Sandwellen wandern. Gezeitenka-                Gesteinstrümmer vor knapp 15 Millionen Jahren vom
                                                   näle durchschnitten das Watt. An ruhi-               Meteoriteneinschlag im Nördlinger Ries stammten. Die
                                                   geren Stellen lebten Krebstiere in tiefen            Kalkblöcke wurden dabei 200 km weit in die Gegend der
                                                   Röhren. Inzwischen hat sich die Land-                Sitter bei St. Gallen geschleudert.
                                                   schaft gewandelt. Zuletzt formten Glet-
                                                   scher das Rheintal. Das Eis des Rhein-
                                                   gletschers drang seitlich in den Bregen-            Bregenzer Ach durch das Gestein. Rin-
                                                   zerwald. Zum Einschneiden in die Tiefe              nen und Strudeltöpfe zeugen von dau-
                                                   aber fehlte die Kraft. Und so blieb ein             erndem Abtrag. All dies erzählen uns die
 „Sandplatte“, Bregenzer Ach. Foto: L. Bereuter    Felssporn bestehen. Heute frisst sich die           Strukturen im Stein.

                                                                                                                                                   © Thurgauische
                                                                                                                                                   Naturforschende
                                                                                                                                                   Gesellschaft 1999
FEUER EIS UND WASSER Streifzüge durch die Landschafts- und Entstehungsgeschichte der Bodenseeregion
Haiwarnung am Bodensee!
                      (Me) Am Rande des Waldweges scheint                                                       Aber die Molasseschichten bieten
                      jemand Sand abgelagert zu haben. Ein                                                      noch viele Überraschungen
                      sehr feiner Sand, ideal für die Kinder                                                    An einigen Stellen ragen seltsame
                      zum Spielen, die auch gleich mit dem                                                      Gebilde aus den Sandwänden. Wie Zap-
                      Bau von Sandburgen beginnen. Bei                                                          fen sehen sie aus, die jemand künstle-
                      genauerem Hinschauen zeigt sich, dass                                                     risch angeordnet hat. Aber auch sie
                      der Sand nicht aufgeschüttet wurde,                                                       haben einen ganz natürlichen Ursprung:
                      sondern hier offenbar den Untergrund                                                      Kalkeinlagerungen haben zum „Verbk-
                      bildet. Plötzlich ein Aufschrei, da lie-                                                  cken“ der Sande geführt und die skurri-
                      gen Zähne im Sand!! Keine Menschen-                                                       len Zapfensande geschaffen.
                      zähne, sondern dunkel, leicht gebogen                                                        Bei Überlingen findet sich eine tiefe,
                      und vorne ziemlich spitz. Kleine Exem-                                                    kesselförmige Hohlform. Was auf den
                      plare und grosse, die mehrere Zenti-                                                      ersten Blick wie eine merkwürdige
 Haifischzahn aus     meter lang sind. Vorsichtig werden die                                                    Sandgrube aussieht, ist in Wirklichkeit
 der Meeresmolasse.   Fundstücke untersucht. Frisch schei-                                                      ein ganz besonderes und seltenes Zeug-
 Foto: L. Zier
                      nen sie nicht mehr zu sein, wie lange                                                     nis der letzten Eiszeit. Das Schmelz-
                      die wohl schon hier liegen? Die Erklä-       Wildbienenhöhlen in einer Molassewand.       wasser des Gletschers hat mit Geröllen
                      rung übersteigt die Vorstellungskraft        Foto: A. Megerle                             und Sand wie ein überdimensionaler
                      der Kinder. Haifischzähne sind es, aus                                                    Bohrer in wirbelnden Bewegungen
                      dem Tertiär. Und das heisst, sie liegen      Forstschildes. Eine treffende Bezeich-       eine so genannte Gletschermühle in die
                      bereits seit ca. 20 Millionen Jahren hier.   nung, da die Füchse (Pfoh = Fohe vom         weichen Molasseschichten gefräst.
                      Und das heisst natürlich auch, dass          schwäbischen Wort für „Füchsin“)                An anderen Stellen haben kleinere
                      damals im Bodenseeraum ein Meer              diese Schicht mit Vorliebe für ihre Bau-     „Bohrer“ gefräst. Die Molassewand
                      gewesen sein muss, denn schliesslich         ten nutzen. Vom Vorbild Fuchs hat der        sieht aus wie ein Sieb. An warmen Som-
                      haben Haifische noch nie im Wald             Mensch die Idee schon früh übernom-
                      gewohnt.                                     men und zum Teil riesige Höhlen in die
                         Die tertiären Molasseschichten bil-       weichen, aber erstaunlich standfesten
                      den einen ziemlich weichen Unter-            Sandschichten gegraben. Über Jahr-
                      grund, den nicht nur die Kinder nut-         hunderte hinweg wurden sie als Eiskel-
                      zen, sondern auch Füchse, Hasen und          ler zum Frischhalten von Lebensmit-
                      andere höhlenbauende Tiere. Denn wo          teln genutzt, denn auch im Sommer ist
                      sonst lässt sich so einfach eine ordent-     es hier so kühl, dass ein Pullover nicht
 Zapfensande.         liche Wohnhöhle graben. „Pfohsande“          schaden kann. Heute freuen sich die
 Foto: L. Zier        steht auf der Flurbezeichnung des            Fledermäuse über ein Quartier, das
                                                                   zwar im Sommer recht kühl, dafür aber
                                                                   im Winter eher mild ist.
                                                                      Berühmt-berüchtigt waren die Mo-
                                                                   lassehöhlen der Überlinger Steilufer-
                                                                   landschaft. Vermutlich schon in vorge-
                                                                   schichtlicher Zeit wurden die Heiden-
                                                                   löcher in den Fels gegraben, um die sich
                                                                   heute noch Sagen und Legenden ran-
                                                                   ken. 1944 wurden neue, bis zu 4 km
                                                                   lange Stollen in die Molassefelsen
                                                                   getrieben. Hierher sollte die Rüstungs-
                                                                   produktion aus Friedrichshafen verla-        Tierbau im Molassesand. Foto: A. Megerle
                                                                   gert werden, denn das weiche Molasse-
                                                                   gestein besitzt die Eigenschaft, die durch   mertagen kann man die „Bohrer“ beim
                                                                   Bombeneinschlag erzeugten Schwin-            Herumschwirren beobachten. Es sind
                                                                   gungen sehr gut zu absorbieren und bot       Wildbienen, die ihre Wohnhöhlen in
                                                                   daher einen effektiven Schutz gegen          die Sandwände graben.
                                                                   Luftangriffe. Zahlreiche KZ-Häftlinge          Auch der Mensch hat in den Molas-
                                                                   bezahlten diese Bauarbeiten mit dem          seschichten gebohrt. Nach Kohle,
                                                                   Leben. Heute werden regelmässige             Erdöl, Erdgas und sogar Gold! Doch
                                                                   Führungen durch den sogenannten              nicht immer war dieses Bohren erfolg-
                                                                   Goldbacher Stollen angeboten.                reich …

6|7
FEUER EIS UND WASSER Streifzüge durch die Landschafts- und Entstehungsgeschichte der Bodenseeregion
(Me) Wir sitzen am Rande eines Sees
und beobachten die Herden, die auf
den weiten, offenen Flächen grasen.
Anscheinend sind wir in Afrika, nach
                                                  Safari zu Säbelzahn-
den Elefanten, Nashörnern und Anti-
lopen zu schliessen. Obwohl die Ele-
fanten mit ihren nach unten gebogenen
                                                  katzen und Zwergpferden
Hauern etwas seltsam aussehen. Auch
die Raubtiere mit den riesigen Säbel-             penskelette, Nashörner, Schildkröten
zähnen scheinen eher einem Science-               und Fische gefunden, die den Wissen-
Fiction-Film entsprungen zu sein. Wir             schaftlern die weitgehende Rekonstruk-
befinden uns in einer anderen Zeit, im            tion der damaligen Lebewelt ermög-
mittleren Tertiär. In einer Landschaft,           lichen. Dann die wissenschaftliche Sen-
die man 12 Millionen Jahre später                 sation: Ein hervorragend erhaltenes
„Hegau“ nennen wird.                              Skelett einer Urpferdstute der Gattung
   Gegen Abend kommen viele Tiere                 Hipparion wird entdeckt. Zwischen
zum Trinken an den See. Ein Trupp                 ihren Beckenknochen sind die Knochen
merkwürdiger Tiere nähert sich. Sie               eines anderen, noch kleineren Pferd-
erinnern an Pferde, allerdings an ziem-           chens erkennbar: ein Fohlen kurz vor
lich winzige Pferde, denn sie sind kaum           der Geburt. Nach 12 Millionen Jahren
höher als Ponys. Eines dieser Zwerg-              sind die beiden doch wieder ans Tages-    Viele von ihnen wurden sicherlich die      Hipparion-Skelett.
                                                                                                                                       Foto: Staatliches
                                                                                            Beute von Raubtieren wie den Säbel-
                                                                                                                                       Museum für Natur-
                                                                                             zahnkatzen. Vom Körper blieb dann         kunde Karlsruhe
                                                                                             kaum etwas übrig.
                                                                                                Ein vollständig im Schlick eingebet-
                                                                                             teter Körper ist zwar den Nachstellun-
                                                                                             gen von Aasfressern sicher entzogen,
                                                                                             unterliegt aber Veränderungen durch
                                                                                             die später einsetzende Gesteinsbildung.
                                                                                             Die Setzung des Gesteins und neue
                                                                                             Ablagerungen darüber pressen den Kör-
                                                                                             per mitsamt den Knochen zusammen.
                                                                                             Gesteinsumformungen durch Druck
                                                                                             und Wärme bis hin zum Aufschmelzen
                                                                                             können die Versteinerung verändern,
                                                                                             gar zerstören.
                                                                                                Viele glückliche Umstände sind
Tertiäre Landschaft am Höwenegg. Foto: Staatliches Museum für Naturkunde Karlsruhe          beim Höwenegg zusammenkommen,              Ausgrabung am
                                                                                            um eine derartig gute Erhaltung zu         Höwenegg in den
pferde ist offensichtlich trächtig. Durch         licht gekommen. Heute hat die Stute       ermöglichen. Entscheidend war auch         50er Jahren.
                                                                                                                                       Foto: Staatliches
heftige Regenfälle ist der Boden am               mit ihrem Fohlen ihre zweite Ruhe-        die Ausgrabung durch fachkundige           Museum für Natur-
Seeufer aufgeweicht und rutschiger als            stätte im Staatlichen Museum für          Wissenschaftler. Denn viele wertvolle      kunde Karlsruhe
sonst. Die Stute beugt sich nach vorne,           Naturkunde in Karlsruhe gefunden.
um zu trinken. Dabei rutschen die                    Für die Wissenschaftler sind solche
Vorderhufe ab, das Pferd fällt ins Was-           Fundplätze einmalige Chancen, mehr
ser. Verzweifelt versucht es wieder ans           über längst vergangene Zeiten zu erfah-
Ufer zu klettern, aber im aufgeweich-             ren, aus denen nur steinerne Zeugen
ten Schlick finden die Hufe keinen                vorliegen. Allerdings müssen sehr viele
Halt. Nach einiger Zeit ist das Tier              Faktoren zusammenspielen, damit ein
erschöpft und versinkt. Als sich wenig            Urpferd nicht den Weg alles Irdischen
später eine Elefantenherde dem Ufer               geht, sondern über Jahrmillionen
nähert, ist vom Todeskampf der Stute              erhalten bleibt. Deshalb könnte die
nichts mehr zu sehen. Wenige Wochen               Stute so ähnlich umgekommen sein,
später ist ihr Körper vom Seeschlamm              wie oben beschrieben. Denn nur ein
vollständig eingeschlossen.                       Körper, der nach dem Tod rasch einge-
  12 Millionen Jahre gehen ins Land.              bettet wurde, kann als vollständiges      Fossilien sind schon unerkannt zerstört
Die Sand- und Schlickschichten des                Skelett erhalten bleiben und wird nicht   worden, von unkundigen Sammlern
Sees haben sich längst verfestigt. Wir            umgehend von Aasfressern zerlegt oder     oder durch Abtragung. Aber auch heute
schreiben inzwischen das Jahr 1950. Am            durch die Verwesung langsam zersetzt.     ruhen noch viele Fossilien gut verbor-
Höwenegg, einem der Hegauvulkane,                 Auch werden die wenigsten Urpferde        gen an bislang unbekannten Fundplät-
werden vollständig erhaltene Antilo-              eines natürlichen Todes gestorben sein.   zen.
FEUER EIS UND WASSER Streifzüge durch die Landschafts- und Entstehungsgeschichte der Bodenseeregion
Sintflut am Untersee und der
                                                                    versteinerte Riesensalamander
                                                                    von Öhningen
                                                                    kleinen Ort Öhningen geschaffen. Der         Fischen, Kröten und Unken nach.
                                                                    Wissenschaftler Oswald Heer (1803–           Unter Wasser ist der Hecht als gefräs-
                                                                    1883) hat in seinem bekannten Werk           siger Räuber gefürchtet. Schleien und
                                                                    „Urwelt der Schweiz“ (1865) die Lebe-        Karpfen versuchen sich, so gut es geht,
                                                                    welt von Öhningen zur Zeit der Obe-          zwischen Wasserpflanzen zu verstek-
                                                                    ren Süsswassermolasse, d.h. vor etwas        ken.
                                                                    weniger als 15 Millionen Jahren, erst-          In den beiden ehemaligen Öhninger
                                                                    mals umfassend beschrieben. Damals           Steinbrüchen am Schienerberg wurden
                                                                    fanden nordwestlich von Wangen               bis in die 1950er Jahre über 500 Pflan-
                                                                    (Ortsteil von Öhningen) erste vulkani-       zen- und 900 Tierarten aus der Zeit der
                                                                    sche Tuffausbrüche statt. Über dem           Oberen Süsswassermolasse wissen-
                                                                    Förderschlot bildete sich später ein         schaftlich beschrieben. Die Öhninger
                                                                    Maarsee. Darin wurden die Öhninger           Süsswasserkalke stellen wegen der Viel-
                                                                    Kalke abgelagert.                            falt der beschriebenen Funde ein ein-
                                                                       Wir versetzen uns gedanklich in die       zigartiges erdgeschichtliches Doku-
                                                                    Zeit der Oberen Süsswassermolasse            ment dar, welches uns eine spannende
                                                                    zurück und betrachten die Umgebung           Geschichte längst vergangener Zeiten
                                                                    des Öhninger Sees: Vor uns liegt eine        erzählt. Im „Fischerhaus“, dem Hei-
                                                                    mehrere hundert Meter breite Senke.          matmuseum von Wangen, ist eine
                                                                    Sie ist kaum erkennbar, weil ein dichter     kleine, aber schöne Sammlung von Ver-
                                                                    Auenwald die Sicht auf den darin             steinerungen aus den Süsswasserkalken
                                                                    ruhenden See versperrt. Das Klima ist        von Öhningen ausgestellt.
                                                                    mild, vergleichbar mit dem heutigen
 Lebensbild Öhninger     (AZ) Wir denken dabei nicht an den         Mittelmeerklima, und es gedeihen am
 See zur Zeit der Obe-
                         wasserüberquellenden Untersee im           Seeufer Weiden, Erlen, Amberbäume,
 ren Süsswassermo-
 lasse. Bild: O. Heer:   Sommer des Jahres 1999, sondern an         Pappeln, Ulmen und Wasserfichten.
 Urwelt der Schweiz      den Fund des „betrübten Beingerüstes       Auf erhöhten und trockeneren Stand-
                         von einem alten Sünder“, der nach Auf-     orten breitet sich ein Urwald mit Zimt-
                         fassung des Zürcher Stadtarztes und        bäumen, Eichen, Nussbäumen sowie
                         Naturforschers Johann Jakob Scheuch-       Ahorn und Seifenbäumen aus. Verein-
                         zer (1672–1733) in der biblischen Sint-    zelt trifft man auch auf Palmen. Blüten-
                         flut umgekommen sein soll. Die ver-        bestückte Winden ranken sich entlang
                         steinerten „menschlichen“ Überreste        von Ästen in sonnigere Höhen. Masto-
                         des als „homo diluvii testis“ bezeichne-   don (Urelefant), Nashorn und Hirsch
                         ten Skelettes haben zur damaligen Zeit     suchen den See oft zum Trinken auf.
                         (1706) grosses Aufsehen erregt. Erst       Am Boden krabbeln Käfer, Ameisen,
                         1811 klärte der französiche Anatom         Tausendfüssler und Asseln, und die Luft
                         Cuvier den Irrtum auf und erkannte im      ist erfüllt von Myriaden von Insekten.
                         Gerippe einen versteinerten Riesensa-      Der Öhninger Fuchs ist auf der Pirsch.
                         lamander. Schon die Mönche des Klos-       Die Affen im Geäst warnen die Tiere
                         ters Öhningen bauten oberhalb Wan-         kreischend vor dem listigen Jäger. Der
                         gen seit dem 16. Jahrhundert in zwei       Hase hoppelt in weiten Sprüngen eilig
                         Kalksteinbrüchen den plattigen Öhnin-      davon, das Eichhörnchen rettet sich auf
                         ger Süsswasserkalk für Bauzwecke ab.       einen Baum, und der Igel kugelt sich
                         Dabei sind sie auch auf Versteinerungen    abwehrend zusammen. Am Seeufer
                         gestossen, die damals aber nur als         begegnen wir gut versteckt dem uns
                         Kuriositäten und Launen der Natur          schon bekannten Riesensalamander.
                         betrachtet wurden. Im Verlaufe des 19.     Ein Riesenfrosch springt in weitem
                         Jahrhunderts entdeckte man in Japan        Bogen klatschend ins Wasser und
                         und China heute noch lebende Riesen-       erschreckt die Familie der Öhninger-
                         salamander. So wurde eine weltum-          gans. Die räuberische Wasserschild-          Riesensalamanderskelett. Foto: V. Griener, Staat-
                         spannende Gemeinsamkeit mit dem            kröte stellt in den seichten Schilfgürteln   liches Museum für Naturkunde Karlsruhe

8|9
Von Wetzsteinen und
                                                   falschem Granit
                                                   stigt und steil gestellt. Im Steinbruch
                                                   wurden Abdrücke von Blättern gefun-
                                                   den, die über längst vergangene Zeiten
Einlegen der Rohlinge in die Mühle. Foto: Archiv
Vorarlberger Naturschau
                                                   berichten.
                                                      Dunkelgrün und zäh ist der andere
                                                   Stein, schwer zu bearbeiten, aber als
Nicht Korn, sondern Stein wird                     Wetzstein dauerhafter und härter. Auch
gemahlen!                                          er ist ein Sandstein, vor 100 Millionen
(GF) In engen Kurven windet sich die               Jahren im tieferen Meer entstanden.
Strasse durchs Schwarzachtobel. Kaum               Strömungen brachten den Sand, liessen
zu glauben: Die enge Schlucht beher-               ihn liegen, nahmen ihn wieder mit.
bergte einst ein heute fast ausgestorbe-           Wenig wurde dauerhaft abgelagert. Ein
nes Gewerbe. Die Kraft des rauschen-               neues Mineral konnte sich bilden, der
den Baches half, Wetzsteine zu schlei-             Glaukonit. Benannt ist er nach dem
fen. Für den Bauern waren sie                      grün-blauen Glanz von Himmel und
unentbehrlich. Zu schnell wurden die               Meer, nach dem weissagenden Meer-
Sensen stumpf. Doch ohne den Export                gott Glaukos der griechischen Sage.
hätte das Handwerk nicht überlebt: Bis             Glaukonitsandstein fand als Baustoff
nach Japan wurden Wetzsteine aus                   und Pflasterstein Verwendung. In unter-       Klosterkirche Fischingen: Portalbauwerk aus
Schwarzach verkauft! Und so liefen seit            irdischen Steinbrüchen in einer steilen       „Appenzellergranit“. Foto: A. Zaugg
Beginn des 17. Jahrhunderts unermüd-               Felswand bei Hohenems wurde er
lich die Schleifmühlen.                            gewonnen. Im zweiten Weltkrieg soll-          terungsbeständige Nagelfluhbank auf-
   Gleich im Tobel wurde der Sandstein             ten in den Kavernen Flugzeugmotoren           tritt. Wenn sich dieses Gestein zudem
gebrochen. Leicht können wir uns 25                gefertigt werden. Heute erinnert nichts       noch vorzüglich für Bauzwecke eignet
Millionen Jahre in die Zeit seiner Ent-            mehr daran. Im modernen Steinbruch            und die ehemals bedeutendste Abbau-
stehung zurückversetzen: Das Hin und               wurden die Höhlen weggesprengt.               stelle bei Schachen westlich Herisau im
Her der Meereswellen formt den Sand                                                              Kanton Appenzell lag, so erscheint uns
zu Rippeln. Palmen wiegen sich im                  Der „Appenzellergranit“ ist gar kein          der irreführende Name „Appenzeller-
Wind, der Zimtbaum verbreitet exoti-               Granit                                        granit“ gar nicht mehr so verfehlt. Kor-
sche Düfte. Die Eichen sehen fremd                 (AZ) Es ist schon eine Besonderheit,          rekterweise müsste der Name lauten:
aus und Faulbäume wachsen am Ufer.                 wenn in der Oberen Süsswassermo-              feinkonglomeratische bis brekziöse,
Im Sand sind Herzmuscheln vergra-                  lasse, die überwiegend aus weichen            stark zementierte Kalknagelfluh. Weil
ben. Unweit der Strasse finden wir                 Sandsteinen und Mergeln besteht,              diese harte Nagelfluhbank zwischen
heute den versteinerten Strand, verfe-             plötzlich eine besonders harte, verwit-       Bodensee und Zürichsee über weite
                                                                                                 Distanzen vorkommt, hat sie je nach
                                                                                                 Region verschiedene Namen erhalten:
                                                                                                 Abtwiler Kalknagelfluh, Degersheimer
                                                                                                 Kalknagelfluh oder Hüllisteiner Nagel-
                                                                                                 fluh. Die Bodensee-Toggenburg-Bahn
                                                                                                 folgt zwischen St. Gallen und Rappers-
                                                                                                 wil praktisch dem Verbreitungsgebiet
                                                                                                 des „Appenzellergranits“ und so
                                                                                                 erstaunt es nicht, dass die vielen Bahn-
                                                                                                 brücken mit diesem harten Gestein
                                                                                                 gebaut wurden. Der „Appenzellergra-
                                                                                                 nit“ wurde auch für Treppenstufen,
                                                                                                 Gebäudesockel, Brunnentröge und
                                                                                                 Taufbecken verwendet. Die Krönung
                                                                                                 der Verwendung des „Appenzellergra-
                                                                                                 nits“ als Baustein dürfte das durch
                                                                                                 toskanische Säulen getragene Portal-
Eisenbahnbrücke der Bodensee-Toggenburg-Bahn aus „Appenzellergranit“ (Wissenbachtobel, östlich   bauwerk am Eingang zur Klosterkirche
Degersheim). Foto: A. Zaugg                                                                      Fischingen darstellen.
Der Alpstein – vielleicht „das
                                                                                                              der Alpen dem interessierten Natur-
                                                                                                              freund auf überschaubarem Raum eine
                                                                                                              Fülle von geologischen und natur-
                                                                                                              kundlichen Besonderheiten. Als weit-
                                                                                                              räumiges Naturschutzgebiet beher-
                                                                                                              bergt es neben einer reichen Pflanzen-
                                                                                                              welt auch Steinböcke, Gemsen,
                                                                                                              Murmeltiere und Adler.
                                                                                                                 Der Alpstein ist ein Faltengebirge
                                                                                                              mit bedeutenden Überschiebungs- und
                                                                                                              Schuppenzonen. Die vorwiegend kal-
                                                                                                              kigen, z.T. mergeligen und unterge-
                                                                                                              ordnet auch sandigen Schichten ge-
                                                                                                              langten zwischen rund 130 bis 50 Milli-
                                                                                                              onen Jahren hauptsächlich in der
                                                                                                              Kreidezeit in einem flachen Schelfmeer
                                                                                                              zur Ablagerung. Diese am Nordrand
                                                                                                              eines bis nach Afrika reichenden Oze-
                                                                                                              ans (Tethys) abgelagerten Schichten
                                                                                                              wandelten sich in Festgesteine um und
                                                                                                              wurden vor rund 20 bis 10 Millionen
                                                                                                              Jahren von den Schubkräften des nach
                                                                                                              Norden drängenden afrikanischen
                                                                                                              Kontinentes erfasst und in die kompli-
                                                                                                              zierten Gebirgsbildungsprozesse der
                                                                                                              werdenden Alpen einbezogen. Dabei
                                                                                                              entstanden Gesteinsfalten, Überschie-
                                                                                                              bungen und Brüche, wie der einzig-
                                                                                                              artige Sax-Schwende-Bruch. Dieser
                                                                                                              quert das Alpsteingebirge von der Saxer
                                                                                                              Lücke bis nach Wasserauen. Der Ost-
                                                                                                              teil des Gebirges ist dabei um mehrere
  Säntis mit Frontkette   (HH, AZ) Dieses Zitat stammt aus          pen oder einfacher per Luftseilbahn die
  des Alpsteins.
                          berufenem Munde, vom bekannten            einzigartige Bergwelt rund um den
  Foto: Wild/Leica,
  Heerbrugg               Schweizer Geologen Albert Heim            2.503 m hohen Säntisgipfel erlebt hat.     Ein geologischer
                          (1849 – 1937). Gleicher Meinung ist       Tatsächlich bietet der das Mittelland
                          wohl auch jeder, der auf Schusters Rap-   überragende Alpstein als Frontgebirge      Wanderweg
                                                                                                               Auf der südlichen Kette des Alp-
                                                                                                               steins, hoch über dem Rheintal,
                                                                                                               führt ein Höhenwanderweg vom
                                                                                                               Hohen Kasten (Luftseilbahn ab Brü-
                                                                                                               lisau) zur Saxer Lücke. Auf 16 Schau-
                                                                                                               tafeln und Panoramen werden die
                                                                                                               jeweils sichtbaren geologischen
                                                                                                               Phänomene erklärt. Daneben faszi-
                                                                                                               niert die stets wieder wechselnde
                                                                                                               Rundsicht ins Rheintal, in die All-
                                                                                                               gäuer und Vorarlberger Höhen wie
                                                                                                               auch in die Ostschweizer Alpen.
                                                                                                               Gute Ausrüstung und Trittsicherheit
                                                                                                               sind Voraussetzung. Weitere Infor-
                                                                                                               mationen zu Beobachtungen in der
                                                                                                               Natur im Alpstein finden sich in der
                                                                                                               Talstation Schwägalp der Säntis-
  Säntis im Winter.                                                                                            bahn und auf dem Säntis-Gipfel.
  Foto: H. Haltmeier

10 | 11
schönste Gebirge der Welt“
                                          Wildhuser Schafberg ein markanter
                                          Gebirgspfeiler, in dessen Westfront der
                                          Faltencharakter des Alpsteingebirges
                                          gut erkennbar ist. Für die Geologen
                                          sind die Gipfel „Öhrli“ und „Altmann“
                                          von besonderer Bedeutung, weil Fels-
                                          schichten (Öhrlikalke, Öhrlimergel
                                          und die Altmannschichten) nach diesen
                                          Bergen benannt wurden (sog. Typuslo-
                                          kalität). Landschaftlich reizvoll sind die
                                          steil aufgerichteten Schrattenkalkfel-
                                          sen der Kreuzberge (Kletterberge nur
                                          für geübte Alpinisten) und die Bergta-
                                          feln der Ebenalp (Wildkirchli) und Alp
                                          Sigel (Blumenparadies des Alpsteins).

 Kreuzberge (links) und Saxer Lücke.
 Foto: A. Zaugg

 hundert Meter abgesenkt und gegen
                                                                                           Säntis und Wildhuser Schafberg. Foto: Wild/Leica, Heerbrugg
 Norden verschoben worden. Blickt
 man von Gams (St.Galler Rheintal)
 Richtung Norden, so erkennt man die
 wie mit einer Hacke aus dem Felsgrat                                                       Karst
 gehauene Saxer Lücke.                                                                      Der Alpstein ist ein typisches Kalkgebirge. Der Kalkstein
   Erst die jüngeren erosiven Prozesse                                                      wird durch Regenwasser, das stets gelöste Kohlensäure
 durch Gletschereis, Verwitterung durch                                                     enthält, in einem langsamen Prozess aufgelöst. An der
 Frost, Wasser sowie durch chemische                                                        Erdoberfläche entsteht dadurch ein vielfältiger Formen-
 Gesteinslösung haben die SW-NO ver-                                                        schatz. Die Gesteinsoberfläche wird zu bizarren, scharf-
 laufenden Gebirgsgrate und Täler mit                                                       kantigen Graten geformt: Karren oder Schratten. Im Alp-
 Seealpsee, Fälensee und Sämtisersee                                                        stein finden sich mehrere grosse Karrenfelder. Oft trifft
 aus dem Felskörper des Alpsteins her-                                                      man auf den Matten auch rundliche Vertiefungen an, so
 ausmodelliert.                                                                             genannte Dolinen, wo der Boden über aufgelöstem
   Neben dem dominierenden Säntis-        Seealpsee oberhalb Wasserauen. Foto: A. Zaugg,    Gestein eingesackt ist.
 gipfel und dem Hohen Kasten ist der      Frauenfeld
                                                                                            Das in die Tiefe sickernde Wasser erweitert dünne Klüfte
                                                                                            zu Spalten und Höhlen. Der Alpstein weist ein weitver-
                                                                                            zweigtes, aber kaum zugängliches Karsthöhlensystem
                                                                                            auf. Das Wildkirchli unterhalb der Ebenalp und die Kris-
                                                                                            tallhöhle Kobelwald bei Oberriet im St.Galler Rheintal
                                                                                            sind touristisch erschlossen.
                                                                                            Der Fälensee und der Sämtisersee haben keinen Ober-
                                                                                            flächenabfluss. Sie entwässern unterirdisch und spei-
                                                                                            sen die ergiebige Karstquelle des Mülbachs oberhalb
                                                                                            Sennwald im Rheintal. Karstquellen weisen grosse
                                                                                            Ergiebigkeitsschwankungen auf. Sie reagieren schnell
                                                                                            auf Schneeschmelze oder Gewitterregen, können bei
                                                                                            Trockenheit aber auch versiegen wie z.B. die Tschuder-
                                                                                            quelle bei Wasserauen (Kanton Appenzell Innerrhoden).

                                                                                           Karren oder „Schratten“
                                                                                           im Kalkfels.
                                                                                           Foto: H. Heierli, Trogen
Von Schluchten, Bergstürzen
                         und Afrika im Alpenrheintal
                                                                   die Schlucht erst richtig eng. In den
                                                                   Kalkfelsen gesprengt wurde der Weg,         Der Hirschensprung
                                                                   in einem Tunnel passiert er die Enge.
                                                                                                               Der Hirsch sah als letzte Möglichkeit
                                                                   Ein Blick hinauf: In schwindelnder
                                                                                                               nur noch den rettenden Sprung über
                                                                   Höhe überspannt eine Brücke den
                                                                                                               die tiefe Felsschlucht unter ihm. Ob
                                                                   Abgrund. Kühl ist es zwischen den Fel-
                                                                                                               wahr oder nur Legende, jedenfalls
                                                                   sen. Sich aufbäumende Pferde, Rappen,
                                                                                                               ziert der kühne Hirsch das Gemein-
                                                                   wollen manche in ihnen sehen. Doch
                                                                                                               dewappen von Rüthi im St.Galler
                                                                   den Namen gab ein Vogel, der Wald-
                                                                                                               Rheintal. Die strassenbreite Fels-
                                                                   rapp. Dann kommt die Staumauer,
                                                                                                               schlucht des Hirschensprungs ent-
                                                                   dahinter ein Talkessel. In die weicheren
                                                                                                               stand durch reissende Wasserfluten
                                                                   Mergel grub sich die Dornbirner Ache
                                                                                                               und Geschiebemassen des Rhein-
                                                                   leicht ein. Am anderen Ende des Sees
                                                                                                               gletschers während der Würmeiszeit.
                                                                   summen Turbinen des ältesten Kraft-
                                                                   werks des Landes. Eine zweite
                                                                   Schluchtstrecke wartet, das Alploch.
                                                                   Ein Steg an die Felswand geklebt – fast
                                                                   kann man die andere Wand ergreifen.
                                                                   Versteinerte Muscheln beweisen: Einst
                                                                   war der harte Kalkstein der schlammige
                                                                   Grund eines Meeres. Zementiert, ver-
                                                                   faltet und gehoben wurde er später. Und
                                                                   dann schnitt das Wasser sich ein. Nur
                                                                   10.000 Jahre genügten, um dieses
                                                                   Kleinod zu schaffen.

                                                                   Der Bergsturz von Salez – Sennwald
                                                                   Beim Bau des Werdenberger Binnenka-
  Rappenlochschlucht.    Rappenlochschlucht                        nals (1882–1885) stiessen die Arbeiter
  Foto: A. Stock
                         (GF) Gleich hinter Dornbirn beginnt       plötzlich auf harte, Kubikmeter grosse
                         der Weg in das Rappenloch. Von einer      Felsblöcke. Diese behinderten die wei-
                         genieteten Rohrleitung, das Eisen zum     teren Arbeiten sehr. Der Schlosswald
                         Schutz mit Teer überzogen, wird er        zwischen Salez und Sennwald ist ein
                         zunächst begleitet. Nicht die Schönheit                                              Hirschensprung. Foto: A. Zaugg
                         der Schlucht, nein, wirtschaftliche
  Bergsturz Salez-
  Sennwald, im Hinter-   Interessen bewogen zum Bau des             Liechtenstein,                            weit in die Rheintalebene reichendes
  grund Stauberengrat
  mit Abbruchkante
                         Weges. Die Wasserkraft wollte genutzt      Treffpunkt zweier                         kleinhügeliges Gelände. Bewaldete,
  des Bergsturzes.       werden. Bald schwebt der Steg über                                                   chaotisch aufgetürmte Trümmerhaufen
  Foto: A. Zaugg         schäumendem Wasser. Doch dann wird         Kontinente                                wechseln mit grasüberzogenen Senken
                                                                    Liechtenstein ist landschaftlich, aber    und Ebenen. Wir befinden uns inmit-
                                                                    auch geologisch ein Kleinod. Wer          ten einer Bergsturzmasse! Vor 4.000
                                                                    denkt schon daran, dass das schroffe      Jahren sind 150 Millionen Kubikmeter
                                                                    Dolomitgebirge der Drei Schwestern        Fels vom 1.700 m hohen Stauberengrat
                                                                    vor 100 Millionen Jahren noch 500         des Alpsteins niedergebrochen. Die öst-
                                                                    km südlich des tief unter ihm sanft       liche Abbruchkante ist oberhalb Früm-
                                                                    aus der Rheintalebene aufsteigen-         sen gut erkennbar. Auch an anderen
                                                                    den Schellenbergrückens lag! Oben         Stellen im Rheintal ereigneten sich in
                                                                    ein Rest des fernen, unbekannten          der Nacheiszeit bedeutende Bergstürze:
                                                                    Afrikas, unten das alte Europa. Zwei      Triesenberg (400 Millionen Kubikme-
                                                                    Kontinente, durch fremde Kräfte           ter), Tamins (1,3 Milliarden Kubikme-
                                                                    zusammengefügt zur einzigartigen          ter) und Flims (mit 13 Milliarden
                                                                    Geologie von Liechtenstein.               Kubikmetern der grösste Bergsturz
                                                                                                              Europas).

12 | 13
Von heissem, schwarzem,
braunem und echtem Gold
(Me) Ein eiskalter Januarabend. Die kah-         auch schwarzes Gold. Nicht besonders
len Bäume biegen sich im Wind, der               viel, aber immerhin. Erdöl und Erdgas
immer wieder kleine Schneewolken auf-            sind Umwandlungsprodukte tierischer
wirbelt. Dampfschwaden steigen aus               und pflanzlicher Organismen unter
dem Wasserbecken auf, in dem ein Pär-            Luftabschluss und erhöhten Druck-
chen gemütlich seine Schwimmrunden               und Temperaturbedingungen. Diese
dreht. Was nach einer heissen Quelle auf         ergaben sich durch die Ablagerung
Island klingt, ist ein typisches Winterbild      mächtiger Schichten, bestehend aus
der Thermalbäder des Bodenseeraums.              dem Abtragungsschutt (Molasse) der
Den entspannenden Badegenuss verdan-             aufsteigenden Alpen. Undurchlässige
ken wir hier einer besonderen Form des           Schichten bilden sogenannte Erdölfal-
Grundwassers, dem sogenannten Ther-              len, indem sie das Aufsteigen des spezi-
malwasser. In Tiefen von vielen hundert          fisch leichteren Öls und Gases unter-      Dünnschliff eines Glimmers aus der Molasse. Foto: H. Borger

Metern finden sich in wasserlöslichen            binden. Gleichzeitig müssen darunter
Gesteinen, wie den Jurakalken, wasser-           poröse Gesteine vorhanden sein, in         relativ vielen, meist aber geringmächti-
gefüllte Hohlräume. Durch die erhöh-             deren Poren sich Öl und Gas sammeln        gen Flözen ansteht. Die dauernde „geo-
ten Temperaturen im Erdinneren weist             können. Seit den 30er Jahren setzte man    logische Unruhe“ während der Alpen-
das Thermalwasser Temperaturen auf,              grosse Hoffnungen in die Erdölvor-         faltung verhinderte die Entstehung
die auch im Januar ein angenehmes und            kommen im Molassetrog, die sich aber       grosser Flöze, wie sie beispielsweise in
gleichzeitig gesundes Bad im Aussenbe-           nicht erfüllt haben. Allerdings wurde      den Schichten des Karbons im Ruhrge-
reich ermöglichen. Denn meistens ist             zeitweise 10% des deutschen Erdgas-        biet zu finden sind. Noch um die Jahr-
das Thermalwasser nicht nur wunderbar            verbrauchs aus Feldern in der Molasse      hundertwende und während der Welt-
warm, sondern auch angereichert mit              gedeckt. Und die zahlreichen Tiefboh-      kriege wurde am Menelzhofener Berg
Mineralstoffen. Sie wirken heilend bei           rungen haben den Geologen viele neue       bei Isny und im Wirtatobel am Pfänder
verschiedenen Erkrankungen. In Abhän-            Erkenntnisse über die Molasseschich-       Braunkohle bergmännisch abgebaut.
gigkeit von den Gesteinsschichten, aus           ten im Untergrund vermittelt.              Die Pfänderkohle wurde damals u.a. zur
denen es über Bohrlöcher gefördert                  Früher wurde aus den Schichten der      Beheizung der Bodensee-Dampfschiffe
wird, kann das Thermalwasser z.B.                Süsswassermolasse auch noch „braunes       verwendet. Heute sind die Stollenein-
Schwefel oder Fluorid enthalten. Zahl-           Gold“ gefördert. Braunkohle entstand       gänge grösstenteils eingestürzt oder
reiche Orte im Hinterland des Boden-             aus Pflanzenresten, die sich im Laufe      verschlossen, nur die alten Halden kann
sees haben sich zu viel besuchten Kur-           der Jahrmillionen durch hohen Druck        man mit etwas detektivischem Spürsinn
und Badeorten entwickelt. Das Ther-              und Temperaturen umwandelten. In           noch entdecken.
malwasser hat sich hier als „heisses Gold“       manchen Molassetobeln sind Kohle-
erwiesen. Kein Wunder, dass der Bau              spuren, zum Teil sogar Ästchen und
weiterer Thermalbäder in Planung ist.            ganze Baumstämme zu erkennen. Der           Goldrausch?
   Aber nicht nur „heisses Gold“ wurde           Abbau lohnt sich heute wirtschaftlich       Der Name „Goldach“, eines Flusses
im Bodenseeraum erbohrt, sondern                 nicht mehr, da die Molassekohle zwar in     östlich von St. Gallen, ist durchaus
                                                                                             berechtigt, denn sogar dem echten
                                                                                             Goldrausch kann man im Bodensee-
                                                                                             raum erliegen. In Molasseschichten,
                                                                                             aber auch in Eiszeitschottern und
                                                                                             selbst in heutigen Flussablagerun-
                                                                                             gen finden sich an manchen Stellen
                                                                                             Goldflitter. Noch heute wird von
                                                                                             „Hobbygoldsuchern“ mit speziellen
                                                                                             Pfannen dem „Waschgold“ nachge-
                                                                                             spürt. Doch sind die gefundenen
                                                                                             „Rheingold“-Mengen meistens sehr
                                                                                             gering und stehen in keinem Ver-
                                                                                             hältnis zur anstrengenden Arbeit
                                                                                             des Goldwaschens...

Sonnenhoftherme in Saulgau. Foto: Kur- und Gästeamt Saulgau
Meine Reise mit dem Gletscher
                                                                    ter durch Kalkausscheidungen wieder        und Gefrieren hatte ich mich aus mei-
                                                                    geschlossen werden, und heute sehe ich     nem Gesteinspaket gelockert. Eines
                                                                    mit meinen schönen weissen Kalzit-         Tages ging es mir dann wie Tausenden
                                                                    adern richtig attraktiv aus. Zuerst war    meiner Freunde zuvor. Ich stürzte
                                                                    ich enttäuscht, dass ich nicht ganz nach   hinab und fand mich auf dem Eis lie-
                                                                    oben auf den Gipfel gekommen war,          gend wieder. Können Sie sich vorstel-
                                                                    aber so bin ich wenigstens der Abtra-      len, wie unangenehm kalt das war! Und
                                                                    gung und der Zermahlung zu Molasse-        wie unheimlich! Eine Unmenge an
                                                                    sand entgangen. Eigentlich war das         Gestein schleppte dieser Gletscher mit
                                                                    Tertiär trotz dieser anstrengenden         sich herum: oben auf dem Eis, an den
                                                                    Gebirgsfalterei sehr angenehm, da es       Seiten, eingefroren im Eis und am
                                                                    herrlich warm war und wunderschöne         Grunde. Vor sich schob er – wie eine
                                                                    Pflanzen und Tiere, wie immergrüne         Tenderlokomotive – einen ganzen Wall
                                                                    Lorbeergewächse, Urpferdchen und           an Gestein her. Moränen nennt man
                                                                    Säbelzahnkatzen lebten. Nur gelegent-      diese Gesteinsmassen. Und mit diesen
                                                                    lich rauchte und rumorte es drüben im      Grund-, Ober-, Seiten- und Endmorä-
                                                                    Hegau. Aber dann wurde es immer käl-       nen funktionierte dieser Gletscher wie
                                                                    ter. Von meinem Ausguck konnte ich         ein überdimensionales Schmirgelpa-
                                                                    den Schnee sehen, der sich in Mulden       pier. Überall, wo er vorbeischrammte,
                                                                    an der Seite der Berge sammelte und        hobelte er die Talwände regelrecht ab.
                                                                    auch im Sommer nicht mehr wie frü-         Aus den v-förmigen Flusstälern wur-
                                                                    her verschwand. Im Gegenteil, die          den u-förmige Trogtäler, denn das Eis
                                                                    Schneefläche wurde immer grösser und       folgte den alten Flussläufen. Auch am
                                                                    fester und allmählich verwandelte sich     Boden wurde gewaltig geschürft und
                                                                    der Schnee in Eis. Die schönen Pflan-      verdichtet. Sie müssen sich vorstellen,
                                                                    zen und Tiere waren schon längst in        wie schwer so ein Gletscher ist, bringt
                                                                    wärmere Gefilde abgewandert, als das       doch schon ein einziger Kubikmeter
                                                                    Eis aus seiner anfänglichen Sammel-        900 kg auf die Waage! Die flacheren
                                                                    mulde, dem Kar, abzufliessen begann.       Täler waren irgendwann ganz mit Eis
                                                                    Langsam schob es sich als Gletscher ins    angefüllt. Der Gletscher quoll über die
  Gletscherexpedition.   (Me) Gestatten Sie, dass ich mich vor-     Tal hinunter. Mir wurde die ganze          kleineren Hügel und Kuppen, die er
  Foto: S. Löffler
                         stelle: Mein Name ist „Kiesel“. Ich        Sache allmählich mulmig, denn durch        glatt polierte. Zurück blieben Rund-
                         stamme aus der Geröllfamilie und ich       den dauernden Wechsel von Auftauen         höcker. Nur die Gipfel, die das Eis über-
                         möchte Ihnen heute meine Lebensge-
                         schichte erzählen.
                         Geboren wurde ich sozusagen vor 180
                         Millionen Jahren, zu einer Zeit, als das
                         Jurameer das Gebiet bedeckte, welches
                         heute als Bodenseeraum bekannt ist.
                         Damals wurde ich aus unzähligen Kalk-
                         schalenresten kleiner Organismen
                         gebildet. Als Kalkstein ruhte ich lange
                         ruhig und friedlich im Untergrund, bis
                         es eines Tages ganz gewaltig zu rumo-
                         ren begann. Ehe ich mich versah, wurde
                         ich emporgehoben und konnte nach
                         über 100 Millionen Jahren zum ersten
                         Mal die Sonne sehen. Alpenbildung
                         nennen Sie heute diesen Vorgang, der
                         mich damals regelrecht krank gemacht
                         hat. Das war so ein Zerren und Ziehen,
                         dass ich einfach in Stücke gebrochen
                         bin, ein „gequältes“ Gestein, und
                         genauso habe ich mich auch gefühlt.
                         Zum Glück konnten die Wunden spä-          Eiszeitliche Nagelfluh. Foto: A. Megerle

14 | 15
Sie können auch lesen