Geschäftsbericht 2018 2016 - Spital Thurgau AG
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Kantonsspital Frauenfeld
Kantonsspital Münsterlingen
Psychiatrische Dienste Thurgau
Klinik St. Katharinental
Geschäftsbericht
2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022E DITORIAL Nichts ist so beständig wie der Wandel 1 S PI TA L T H U R GAU Organe der Spital Thurgau 2 Starke Ergebnisse – Anteil der Altersmedizin nimmt stetig zu 3 Ältere Patienten im Akutspital 7 Demenz, Delir, Fragilität usw.: Betagte Menschen sind oft auch psychiatrisch belastet 13 Postakute Behandlung von Betagten: Rehabilitation und Langzeitpflege 17 Demenzsensibles Bauen in der Spital Thurgau 21 DA S JA H R 2 018 I N Z A H L E N Lagebericht 25 Bilanz 27 Erfolgsrechnung 28 Geldflussrechnung 29 5-Jahres-Übersicht 30 Anhang zur Jahresrechnung 31 Antrag über die Verwendung des Bilanzgewinnes 31 Erläuterungen zur Jahresrechnung 32 Bericht der Revisionsstelle 38 Patientenstatistiken 40 Qualitätsbericht 46 Personalstatistiken 52 Top-Geschäftsjahr 2018 für die thurmed Gruppe 55 FAC H KO M PE T E N Z E N D E R S TA N D O R T E Kantonsspital Frauenfeld, Kantonsspital Münsterlingen 60 Klinik St. Katharinental, Psychiatrische Dienste Thurgau 61 Zentrale Medizinische Dienste, Zentrale Dienste und Eigenständige, nahestehende Unternehmen 62 Hinweis zu den Portraitbildern: Die abgebildeten Personen sind Patienten der Spital Thurgau und haben sich für diesen Geschäftsbericht ablichten lassen. Die Anordnung der Fotos ist nicht textbezogen, der Zusammenhang zu den jeweiligen Beiträgen ist nicht gegeben. Geschlechtsneutrale Bezeichnungen Wenn auf diesen Seiten die weibliche Form nicht der männlichen Form beigestellt ist, so ist der Grund dafür allein die bessere Lesbarkeit. Wo sinnvoll, ist selbstverständlich immer auch die weibliche Form gemeint.
Nichts ist so beständig
wie der Wandel
Von lic. iur. Carlo Parolari, Verwaltungsratspräsident Spital Thurgau
D
as Berichtsjahr 2018 konnte in wirtschaft- Ich freue mich, dass im diesjährigen Geschäfts-
licher Hinsicht mit einem starken Ergebnis bericht das Thema «Alter» aufgegriffen und aus
abgeschlossen werden. Es war aber auch verschiedenen Blickwinkeln des Spitalalltags be-
geprägt von grossen Infrastrukturvorhaben und trachtet wird. Von der Geburt bis zur Palliative
vom Stabwechsel im Präsidium des Verwaltungs- Care am Lebensende – unsere Mitarbeitenden
rats der Spital Thurgau und der thurmed AG. behandeln, pflegen und begleiten die uns anver-
trauten Menschen in allen Stadien eines Lebens-
Die Gründung der Spital Thurgau im Herbst 1999, zyklus – jeden Tag, rund um die Uhr. Es ist mir ein
mit der die Kantonsspitäler Frauenfeld und Müns- Anliegen, unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbei-
terlingen, die Psychiatrischen Dienste Thurgau tern herzlich für ihren unermüdlichen und fürsorg-
und die Klinik St. Katharinental in einer einzigen, lichen Einsatz im Dienste unserer Patientinnen und
privatrechtlich organisierten Gesellschaft zusam- Patienten zu danken. Mein besonderer Dank rich-
mengefasst wurden, war eine schweizerische Pi- tet sich an die Mitglieder der Geschäftsleitung
oniertat. Von der ersten Stunde an war Robert und an den CEO, Dr. Marc Kohler. Ihnen allen
Fürer massgebend an der Gründung und dem verdanken wir, dass unsere Unternehmensgruppe
Aufbau der neuen Strukturen beteiligt, zunächst heute zu den führenden des Landes gehört.
als Projektleiter, ab 2004 als Präsident des Verwal-
tungsrats der Spital Thurgau und später der gan- Nicht nur das Alter der uns anvertrauten Patien-
zen thurmed Gruppe. Dass unser Unternehmen tinnen und Patienten ist ein zentraler Aspekt – das
heute zu den erfolgreichsten, innovativsten und Thema «Alter» beschäftigt uns auch im Zusam-
organisatorisch wegweisenden Spitalgruppen der menhang mit der Personalentwicklung und den
Schweiz zählt, ist zu einem grossen Teil Robert Fürer Nachfolgeplanungen sowie bezüglich der bauli-
zu verdanken. Für seine äusserst kompetent ge- chen und technischen Infrastruktur. Nach den
leistete Arbeit in den letzten rund 20 Jahren für Projekten 3i und Pathologie in Münsterlingen for-
die Spital Thurgau, die thurmed Gruppe und alle dert uns aktuell insbesondere die Grossbaustelle
Mitarbeitenden, sei ihm auch an dieser Stelle «Horizont» in Frauenfeld. Daneben investieren wir
nochmals ganz herzlich gedankt. Am 15. Novem- in zahlreichen kleineren Ausbau- und Sanierungs-
ber 2018 durfte ich von ihm ein bestens aufgestell- projekten jährlich rund 10 Mio. Franken. Ein sehr
tes und wirtschaftlich sehr erfolgreiches Unterneh- gelungenes Beispiel war letztes Jahr die Renova-
men übernehmen. tion des Verwalterhauses in St. Katharinental. Ex-
zellente Leistungen benötigen optimale Rahmen-
bedingungen – daran arbeiten wir. ❚
1SPITAL THURGAU, GESCHÄFTSBERICHT 2018
Organe der Spital Thurgau
➔ ➔V E R WA LT U N G S R AT
(von links nach rechts)
Dr. med. Bruno Haug
Prof. Dr. oec. Urs Brügger
Prof. Dr. oec. Michèle Sutter-Rüdisser
Prof. Dr. med. Markus von Flüe
Christa Thorner-Dreher
lic. iur. Robert Fürer, Präsident (bis 15.11.2018)
Dr. oec. Anna-Katharina Klöckner, Vizepräsidentin
lic. iur. Carlo Parolari, Präsident (ab 16.11.2018)
➔ ➔G E S C H Ä F T S L E I T U N G
(hintere Reihe, von links nach rechts)
Dr. oec. publ. Peter Heri, MPH, CFO
Norbert Vetterli, Spitaldirektor Kantonsspital Frauenfeld /
Verwaltungsd irektor Klinik St. Katharinental
PD Dr. med. Dipl. Psych. Dipl. Soz. Gerhard Dammann, MBA,
Spitaldirektor Psychiatrische Dienste Thurgau
Agnes König, Pflegedirektorin Kantonsspital Münsterlingen
Dr. sc. techn. Marc Kohler, CEO
PD Dr. med. Thomas Neff, Ärztlicher Direktor Kantonsspital Münsterlingen
(vordere Reihe, von links nach rechts)
Dr. oec. publ. Christian Schatzmann, CIO
PD Dr. med. Stefan Duewell, Ärztlicher Direktor Kantonsspital Frauenfeld
Stephan Kunz, MBA, Spitaldirektor Kantonsspital Münsterlingen /
Verwaltungsdirektor Psychiatrische Dienste Thurgau
2Starke Ergebnisse –
Anteil der Altersmedizin
nimmt stetig zu
von Dr. sc. techn. Marc Kohler, CEO Spital Thurgau
D
as Geschäftsjahr 2018 der Spital Thurgau relangem, schleichendem Rückgang erstmals
wurde – wie erwartet – stark geprägt durch ganz leicht ausgebaut werden (neu 14,8%). Am-
wesentliche Veränderungen in den Rah- bulant stiegen die effektiven Fallzahlen (Patien-
menbedingungen, namentlich bei der ambulan- tinnen und Patienten) um ca. 9%, durch die er-
ten Leistungsabgeltung, wo die Tarife (TARMED) wähnte Reduktion des TARMED resultierte ein
gegenüber den Vorjahren deutlich sanken. Dank absolutes Taxpunktwachstum von rund 4,7%. Fast
guter, vorausschauender Projektarbeit in den Vor- alle Bereiche haben dazu signifikant beigetragen.
jahren und konsequenter Umsetzung der dann Diese Wachstumszahlen 2018 sind im Querver-
beschlossenen Massnahmen gelang es, die Ne- gleich aller öffentlichen Schweizer Spitäler eher
gativeffekte zu minimieren. Zusammen mit einer hoch und ausgesprochen erfreulich.
kleineren, aber erfreulichen Nachfragesteigerung
bei den medizinischen Angeboten und weiteren Sie unterstreichen die hohe Akzeptanz der Spital
Dienstleistungen in der auch dieses Jahr erneut Thurgau bei der Bevölkerung sowie die gute Qua-
überdurchschnittlich guten Qualität sowie um- lität der Leistungen. Letztere bleibt der Schlüssel-
sichtiger Führung und zahlreichen Optimierungen faktor für die starke und nachhaltige Positionie-
gelang es, das Geschäftsjahr 2018 fast überall auf rung der Spital Thurgau. Fast überall wurden bei
Top-Niveau abzuschliessen. Das ausgewiesene externen, unabhängigen Messungen erneut
Ergebnis beträgt Fr. 6,867 Mio. bessere und im Schweizer Quervergleich sehr er-
freuliche Werte gemessen und publiziert, z. B. zu
Nach dem Nachfrage-Rückgang nach stationä- verschiedenen Parametern der Patientenzufrie-
ren Leistungen im Vorjahr setzte sich dieser Trend denheit (ANQ), aber auch zu direkt relevanten
auch 2018 über alle Schweizer Spitäler gesehen Ergebnis-Messungen, i.e. outcome in diversen
fort (ca. –1,5%). In der Spital Thurgau hingegen Kliniken und medizinischen Angeboten der Akut-
stiegen die stationären Kennwerte leicht an (ins- häuser, in der Rehabilitation und in der Psychiatrie
gesamt +1,9%, aufgeteilt in +1,9% Akutmedizin, (was uns speziell freut, weil das bei unserem Pa
+2,6% Klinik St. Katharinental, +1,1% Psychiatrie). In tientenmix besonders schwierig ist). Die Kosten
erster Linie stammt dieses gute Wachstum aus den seite wuchs leicht unterproportional, obwohl auch
Thurgauer Fällen (+1,8%), aber auch bei den aus- 2018 deutlich in die Mitarbeitenden investiert wer-
serkantonalen Patientinnen und Patienten gelang den konnte (Anzahl Mitarbeitende). In Anbetracht
ein im heutigen Umfeld sehr ansprechender Zu- der üblicherweise schwer zu findenden Spezia
wachs (+2,6%). Erfreulicherweise konnte dabei listen und starken Führungskräften ist es nach wie
auch der Anteil an Zusatzversicherten nach jah- vor ermutigend, wie wichtige Positionen bei den
3SPITAL THURGAU, GESCHÄFTSBERICHT 2018
Kaderärzten (viele Fachdisziplinen), in der Pflege schluss 2019/2020). Die grösste Herausforderung
(Expertinnen und Experten) und in den administ- bleibt aber das Projekt Horizont (Neu- und Umbau
rativen Bereichen fachlich und menschlich hoch- im Kantonsspital Frauenfeld), das 2018 deutlich
wertig besetzt werden konnten. Offensichtlich vorangekommen ist. Wir rechnen mit dem Bezug
geniesst die Spital Thurgau auch bei ausgewie des Neubauteils im ersten Quartal 2020, danach
senen «Könnern» in der Gesundheitsbranche viel folgen noch die Um- und Rückbauarbeiten. Es
Akzeptanz, Glaube in die Expertise und Vertrauen läuft insgesamt ziemlich genau nach Plan.
in die Zukunft. Die Sachkostenentwicklung ist
beim medizinischen Bedarf leider nach wie vor Altersmedizin wird immer wichtiger
heikel – da schlägt der medizinische Fortschritt Bezogen auf die Pflegetage ist der Anteil der über
bei den Verbrauchsmaterialien und den Medika- 70-jährigen Patientinnen und Patienten in der S pital
menten (speziell in der Onkologie) besorgniserre- Thurgau in den letzten 5 Jahren deutlich weiter
gend durch. Wenn die Spital Thurgau aber an der angestiegen (2013: 37,7%, 2018: 42,7%). Diese Ent-
Spitze der medizinischen Versorgung mithalten will, wicklung ist typisch für öffentliche Zentrumsspitäler
dann muss sie diesen Weg mitgehen – auch bei mit breitem Leistungsauftrag und folgerichtig auch
den Investitionen. Das ist auch im Berichtsjahr der einer breiten Nachfrage nach medizinischen Leis-
Fall gewesen, sowohl in der Medizintechnik, spe- tungen für ältere Menschen (Geriatrie und Pallia-
ziell aber auch bei Bauprojekten. tivmedizin, Polymorbidität, Notfälle usw.). Heute
bietet jede Klinik der Spital Thurgau ein wichtiges
Die Bautätigkeit der thurmed Immobilien AG und umfangreicheres Angebot in der Altersmedi-
(TIAG), welche alle Immobilien besitzt und für die zin, welches spezifisch auf die typischen Erkrankun-
Spital Thurgau (und ihre Schwestergesellschaften) gen und Bedürfnisse von betagten Patientinnen
plant, baut, unterhält und betreibt, forderte auch und Patienten ausgerichtet ist. Wir zeigen ein paar
die Nutzer (Kliniken, Fachbereiche, Spezialange- davon in diesem Jahresbericht etwas detaillierter
bote) erneut stark. Das Projekt PathoE3 (Neubau auf.
der Pathologie im KSM), das neue Bewohnerhaus
im Pflegeheim St. Katharinental und der Umbau Der steigende Anteil in der Altersmedizin verän-
für die Innere Medizin im Klostergebäude Kan- dert die Herausforderungen in der Spital Thurgau
tonsspital Münsterlingen (Onkologie, Zytostatika- seit Jahren, da sie medizinisch meist komplexer
Labor) und die laufenden Umbauten für die Häu- und anspruchsvoller sind (viele parallele Erkran-
ser U und K in der Psychiatrischen Klinik wurden kungen, allgemein eher fragiler und dadurch
abgeschlossen oder sind auf gutem Weg (Ab- auch weniger rasch rekonvaleszent). Das spüren
4
die Mitarbeitenden direkt. Der Anteil an Fällen mit technik (Ausrüstung und Verbrauchsmaterialien).
Demenz-Einschränkungen ist in diesem Segment Das ist auch für das Geschäftsjahr 2019 so ange-
zudem deutlich höher, was zusätzliche Anforde- kündigt. Selbstverständlich sollen die medizinische
rungen an die Bau-Gestaltung der Spitäler stellt. Qualität und die Services trotzdem möglichst un-
Durch den höheren Aufwand bei meist gleichem, vermindert auf dem heutigen, hohen Niveau blei-
d.h. durchschnittlichem Tarif nach SwissDRG sind ben. Neubauten und gezielte medizinische Inves-
Patientinnen und Patienten der Altersmedizin titionen, aber auch der weiter optimierte Einsatz
finanziell weniger attraktiv. Das heisst, der Patien- unserer Mitarbeitenden (Effizienz) standen des-
tenmix wird mit zunehmendem Altersdurchschnitt halb schon 2018 im Vordergrund, und dieses Ziel
für die finanzielle Führung des Spitals schwieriger. hat auch 2019 Priorität. Diese strategische Aus-
Als Zentrumsspital kann die Spital Thurgau aber richtung, die konsequente und sorgfältige Umset-
nicht aussuchen – die meisten Fälle kommen so- zung und nicht zuletzt die sehr erfreulichen Ergeb-
wieso als Notfälle. Schön und für unsere Mitarbei- nisse der letzten Jahre in der thurmed Gruppe
tenden wertvoll ist hingegen: Alterspatienten sind wurden bereits 2018 in der Branche sehr wohl
tendenziell dankbarer für gute Leistungen und wahrgenommen und anerkannt – speziell ausser-
sorgfältige Betreuung, und sie sagen das auch. halb des Kantons Thurgau. Deshalb wollen, ja
Die portraitierten Beispiele in diesem Geschäfts- müssen wir kontinuierlich in die Zukunft der Spital-
bericht sind daher typisch. Wir gehen davon aus, versorgung der Region investieren, und wir kön-
dass der Trend zu steigender Zahl an anspruchs- nen es auch – inhaltlich, organisatorisch wie finan
vollen Fällen der Altersmedizin auch in den nächs- ziell. Und wir sind überzeugt, dass wir so auch in
ten Jahren weitergeht. Deshalb richten wir die Zukunft gute Ergebnisse abliefern werden.
medizinischen Angebote, die Fort- und Weiterbil-
dung der Mitarbeitenden, die Um- und Neubau- Allen Mitarbeitenden der Spital Thurgau wie auch
ten sowie die internen Prozesse (medizinische den unterstützenden Behörden und allen Fach
Pfade in D iagnostik und Behandlung) immer stär- gremien danken wir ganz herzlich für ihren uner-
ker auf diese wichtige Patientengruppe aus. müdlichen Einsatz und ihre ausserordentlich kom-
petenten Leistungen im Geschäftsjahr 2018. ❚
Ausblick
Die grossen Herausforderungen im Schweizer
Spitalwesen bleiben und werden noch härter –
meist via Tarifreduktionen für gleiche Leistungen
bei gleichzeitig höheren Kosten für die Medizin-
5
Ältere Patienten im Akutspital
von Prof. Dr. med. Markus Röthlin, Chefarzt Chirurgie Kantonsspital Münsterlingen,
Dr. med. Jacques Schaefer, Leitender Arzt Akutgeriatrie Spital Thurgau,
und Prof. Dr. med. Ralf Zettl, Chefarzt Orthopädie & Traumatologie Kantonsspital Frauenfeld
Ä
ltere Patienten stellen ganz besondere Die rechtzeitige Identifikation eines geriatrischen
Anforderungen an die Behandlungspro- Risikoprofils ermöglicht eine frühzeitige Einleitung
zesse, die Ausbildungen und Fähigkeiten geeigneter medizinischer, pflegerischer, thera-
aller medizinisch tätigen Mitarbeitenden und peutischer oder sozialmedizinischer Massnahmen
auch betreffend Zusatzaufgaben wie z. B. Sozial- und damit eine effektive und signifikante Verbes-
dienste, Transporte, bauliche Voraussetzungen serung der Prognose betagter Patienten. Seit M itte
usw. Im Akutspital, wo sehr viele Leistungen in 2015 bietet die Spital Thurgau diese meist ambu-
relativ kurzer Zeit erbracht werden müssen, sind lante Dienstleistung mit stetig wachsender Nach-
die resultierenden Herausforderungen besonders frage an. Interviewt man die dort behandelten
gross – medizinisch wie organisatorisch. Dies gilt Patienten nach ihren Zielvorstellungen, äussern
besonders für die Notaufnahme. In der Literatur sie in erster Linie den Wunsch, selbstständig zu
gilt heute: Der Anteil für über 75-jährige Notfall- bleiben und wieder nach Hause zurückkehren zu
patienten liegt zwischen 12 und 21%. In der Spital können. Zugleich wollen sie, dass sie möglichst nur
Thurgau liegt dieser Anteil schon heute am obe- so wenig wie nötig, oder am besten gar nicht, auf
ren Ende dieser Spanne. pflegerische Unterstützung angewiesen sind.
Was charakterisiert ältere Patienten Diese gesellschaftlichen Veränderungen wirken
aus der Sicht des Spitals? sich auf alle Bereiche und alle Standorte der Spital
Ältere Patienten sind im Regelfall multimorbide, Thurgau aus. Hier sollen ein paar wesentliche
weisen eine höhere Erkrankungsschwere auf und A spekte aus dem Bereich Akutmedizin näher
benötigen deshalb mehr Ressourcen. Der Zugang beleuchtet werden. Dabei sollte nicht verschwie-
zu ambulanten Versorgungsstrukturen ist ihnen gen werden, dass mit dem Trend, immer ältere
aufgrund der komplexen sozialen Lebenssituation Menschen komplex zu behandeln und/oder zu
häufig erschwert. Vielfach leiden sie an einem operieren, ganz zwangsläufig die Rate der Kom-
oder mehreren geriatrischen Syndromen wie Im- plikationen ansteigt.
mobilität, mit oder ohne Stürze, akuten oder chro-
nischen kognitiven Einschränkungen, psychischen Geriatrie und Innere Medizin
Erkrankungen wie Depressionen oder Angststö- Unter den geriatrischen «Riesen», die in ganz be-
rungen oder Urininkontinenz. Bleiben diese geria sonderer Weise für Patient, Angehörige wie auch
trischen Syndrome unerkannt, kommt es in der Spital – speziell in den Kliniken für Innere Medizin
Folge nicht selten zu weiter zunehmenden funk und Geriatrie – und behandelnde Mitarbeiter eine
tionellen Einschränkungen bis hin zu einer erhöh- Herausforderung darstellt, ist das Delir zu nennen.
ten Mortalität. Dabei handelt es sich typischerweise um eine
7SPITAL THURGAU, GESCHÄFTSBERICHT 2018
plötzlich einsetzende Kognitions- und Verhaltens- höhtem Sturzrisiko, Malnutrition und Sarkopenie,
störung, die durch einen fluktuierenden Symptom- häufig vorliegende sensorische Defizite (Hör- und
verlauf mit Phasen von gesteigertem, aber auch Sehverminderung), sein eingeschränktes Selbsthil-
reduziertem Antrieb charakterisiert ist, bei dem fevermögen (Selbsthilfedefizit) sowie die zumeist
der Betroffene unter einer beeinträchtigten Auf- bestehende Polymedikation und etwaige Vor
merksamkeits- und Bewusstseinslage leidet, von operationen müssen bei der Planung, der Durch
hyperalert bis kaum erweckbar. Der Patient im- führung und der Nachbetreuung berücksichtigt
poniert durch ein ängstlich-erregtes Auftreten, werden. Dabei stellen Patienten aus Pflegeinstitu
kann aber ebenso stumm-depressiv wirken, ag- tionen infolge ihrer Defizite im Bereich von Mobili-
gressiv-übergriffig oder passiv-duldsam. Wichtig tät und Kognition sowie der häufig vorliegenden
ist es in jedem Fall, die teils sehr unterschiedliche Gebrechlichkeit bis hin zur Pflegebedürftigkeit
Symptomatik dieses Syndroms zu erkennen und meist eine Hochrisiko-Gruppe dar.
nach möglichen Auslösern zu forschen. Beruhi-
gende Medikamente oder – ebenso wichtig – Konsequenterweise ist heute, speziell aber in
nicht medikamentöse Massnahmen, die idealer- Zukunft, ein Umdenken in der (Bauch-)Chirurgie
weise schon vor Auftreten eines Delirs Anwendung unbedingt nötig und in der Spital Thurgau auch
finden, helfen dabei. Ganz generell benötigen im Gange. Ein erster Schritt sollte darin bestehen,
diese Menschen deutlich höhere pflegerische, dass alle Ärzte der Behandlungskette künftig d arin
therapeutische, kommunikative und sozialmedi- zusammenarbeiten müssen, bei älteren Patienten
zinische Behandlungsqualitäten, welche auf eine frühzeitig die Diagnose und/oder die Operations-
wesentliche Ressource angewiesen sind: Zeit! Ge- indikation zu stellen, um notfallmässige operative
nau dieser Faktor Zeit ist es aber, den ein moder- Eingriffe möglichst vermeiden zu können. Ist die
nes Spital heutzutage ökonomisch unter Druck Indikation für eine Operation einmal gestellt, müs-
setzt und damit die gewünschte Behandlungs- sen die Patienten im Rahmen einer gesamtheitli-
qualität bedroht. chen Abklärung unter Einbezug von Anästhesis-
ten, Geriatern bzw. Internisten, gegebenenfalls
Chirurgie, speziell Bauchchirurgie auch Ernährungsberatung und Physiotherapie,
Der geriatrische Patient fordert sowohl im prä- als für den Eingriff vorbereitet werden. Die Erwartun-
auch postoperativen Management wie auch der gen eines betagten Patienten an das Ergebnis
Operation selbst eine besondere Herangehens- einer Operation unterscheiden sich häufig von
weise. Vor allem seine Vor- und Begleiterkrankun- denen eines jungen Menschen, was im präope-
gen, inklusive demenzieller Syndrome wie oben rativen Aufklärungsgespräch in Erfahrung ge-
beschrieben, aber auch Mobilitätsdefizite mit er- bracht und das entsprechende Operationsziel an
8diesen Vorstellungen ausgerichtet sein sollte. Bei- speziellen Narkosetechniken konnte bei den spielsweise geben die Betroffenen häufig an, lie- Patienten eine relevante Reduktion von Kompli ber an den Folgen einer Komplikation sterben zu kationen wie Lungenembolien, Herzinfarkten und wollen, als die selbstständige Lebensführung auf- Pneumonien und damit eine klare Verbesserung geben zu müssen. Derartige Erwartungen und ihrer Prognose erreicht werden. Aussagen sollten im Therapieplan berücksichtigt und besprochen werden. Ein nächster wichtiger Alterstraumatologie Schritt ist die bestmögliche physische Vorberei- Eine Subspezialisierung, die sich in den letzten tung des Patienten auf seine Operation, die soge 20 Jahren aus der Orthopädie bzw. Traumatologie nannte «Prähabilitation». Diese umfasst ein auf entwickelt hat und die uns zunehmend heraus- den Patienten individuell angepasstes, im besten fordert, ist die sogenannte Geronto- oder Alters- Fall durch Physiotherapie angeleitetes, mildes traumatologie: Unfallchirurgie beim alten Men- körperliches Training, die Einnahme immun schen bedeutet fast immer Mehraufwand und modulierender Zusatzernährung, eine akribische benötigt eine eigene, ganz spezielle Aufmerksam- Zucker e instellung, Nikotinabstinenz sowie ein keit. Auch die Nomenklatur hat sich geändert, Medikamenten-Check-up zur Verringerung einer man spricht z. B. von Fragilitätsfrakturen und ent- bestehenden Polymedikation. wickelt neue Klassifikationen. Die häufigsten Bauchoperationen im Alter sind Mittlerweile ist die Wirbelkörperfraktur der häufigs- die Leistenbruchoperationen, gefolgt von Dick- te Knochenbruch des alten Menschen. Becken- darmoperationen, zumeist wegen Darmtumoren, brüche, die man noch vor 20 Jahren als Hoch sowie Gallenblasenentfernungen wegen Stein rasanzverletzungen des jungen Menschen kann- leiden. Während die Leistenbrüche mit einem te, sind jetzt alltägliche Verletzungen des betag- vergleichsweise kleinen Aufwand für Chirurg und ten Patienten. Oberstes Behandlungsziel ist immer, Patient behoben (saniert) und Gallenblasen prak- die grösstmögliche Selbstständigkeit beim Pa tisch immer laparoskopisch, also minimal invasiv tienten wieder zu erreichen, im Regelfall also des- entfernt werden können, stellen die Dickdarm- sen Rückkehr in die häusliche Umgebung. Die operationen eine Herausforderung für die Patien- Entwicklung moderner Operationsverfahren, ins- ten dieser Altersgruppe dar. Durch die Einführung besondere der minimalinvasiven Operationstech- der ERAS-Nachbehandlung (Enhanced Recovery niken, aber auch neue Implantate und endopro- After Surgery), mit baldigem Beginn einer post- thetische Verfahren haben einen wesentlichen operativen Ernährung, früher Mobilisation, be- Beitrag dazu leisten können. Osteoporotischer grenzter perioperativer Flüssigkeitszufuhr sowie Knochen heilt zwar auch, er benötigt dazu aber 9
▲▲ Dies ist der Beispieltext für eine Bildlegende. Sie läuft immer nur über zwei Zeilen.
wesentlich mehr Zeit – die der geriatrische Patient ge Rückkehr der Patienten in die Selbstständigkeit
nicht hat. Durch Immobilität oder Ruhigstellung, zu erreichen.
im schlimmsten Fall Bettlägerigkeit, verschlechtern
sich Osteoporose und Sarkopenie, so dass die Die Spital Thurgau will sich klar die nötige Zeit neh-
Rückkehr zu den Alltagsaktivitäten gefährdet ist. men, um die erwartete Qualität für die Patientin-
Es muss also immer ein Zustand angestrebt wer- nen und Patienten auch sorgfältig zu erbringen.
den, in dem eine sofortige Mobilität mit Vollbelas Ein wichtiger Schritt zur Verbesserung der geriat-
tung möglich ist. Die Einführung winkelstabiler rischen Versorgung ist eine neue, spezialisierte
Implantate, zementaugmentierter Operationsver- ambulante Versorgungsstruktur, das Assessment-
fahren und Frakturprothetik an Schulter-, Ellenbo- und Triage-Zentrum Geriatrie (ATZ). Dieses operiert
gen-, Hüft- und Kniegelenk ermöglicht dies in in erster Linie am Standort Münsterlingen, steht
vielen Fällen. aber allen Gesundheitsbetrieben inner- und aus-
serhalb der Spital Thurgau als Ansprech- und Be-
Konsequenzen für Spital und Gesellschaft ratungspartner für ärztlich-pflegerische Fragen
Der Behandlungsprozess für betagte Menschen rund um betagte Menschen zur Verfügung.
erfordert immer ein Teamwork: Von der Aufnahme
über die Akutversorung und der Rehabilitation bis Alle (berechtigten) Erwartungen betagter Men-
zur Rückkehr nach Hause braucht es neben dem schen umzusetzen und weiterzuentwickeln, erfor-
Chirurgen oder Traumatologen den Anästhesisten dert nicht nur Forschungsanstrengungen, sondern
und meistens die ärztlichen Spezialisten aus Inne- stellt auch Ansprüche an die Gesundheits-Politik.
rer Medizin/Geriatrie, Neurologie und Psychiatrie Die Aufwendungen für ältere Menschen sind meist
sowie der Rehabilitationsmedizin. Eine früh begin- deutlich höher als für jüngere, was heute höchs-
nende rehabilitativ orientierte Behandlung be tens teilweise durch die Tarifsysteme abgedeckt
nötigt zudem den Einsatz von Physio- und Ergo- wird. Gleichzeitig können aber durch den Erhalt
therapie, während der Sozialdienst vor und der Selbstständigkeit von älteren Patienten be
während der gesamten Behandlung ein wich- ziehungsweise die Vermeidung ihrer Pflegebe
tiger Ansprechpartner ist. Zusammen mit den dürftigkeit für die Gesellschaft und das Gesund-
Hausärzten wird durch Standardprozeduren ein heitswesen über viele Jahre weitreichende Kosten
individuell abgestimmter Behandlungsalgorith- erspart werden. Das stärkt auch die soziale Part
mus entwickelt mit dem Ziel, durch einen mög- nerschaft über die Generationen. ❚
lichst kurzen Spitalaufenthalt mit einer nachge-
schalteten geriatrischen Rehabilitation die baldi-
11Demenz, Delir, Fragilität usw.:
Betagte Menschen sind oft auch
psychiatrisch belastet
von Dr. med. Martin Peterson, Leitender Arzt Konsil- & Liaisondienst Alterspsychiatrie,
Dr. biol. hum. Ralf-Peter Gebhardt, Klinikleiter Ambulante Erwachsenenpsychiatrie,
und PD Dr. med. Dipl. Psych. Gerhard Dammann, Spitaldirektor Psychiatrische Dienste Thurgau
A
lte Menschen haben leider zunehmend siliarisch im Seniorenheim aufsuche und die bereits
oft auch psychiatrische oder neurolo- vereinbarten Termine in der Memory Clinic da-
gisch-psychiatrische Diagnosen – häufig nach allenfalls wieder streiche. Bei dem folgenden
auch in Kombination mit rein geriatrischen oder Besuch im Heim traf er eine sehr freundliche,
sonstigen akuten Krankheitsbildern. Kompliziert r üstige Frau an. Es gehe ihr sehr gut im Heim, alle
werden sie durch viele soziale Faktoren, weil alte würden sich liebevoll um sie kümmern. Umso mehr
Menschen in der heutigen Gesellschaft nicht irritiere sie dieser Besuch. Mehrmals fragte sie: «Wer
mehr (ausschliesslich) zu Hause im gewohnten hat Sie geschickt? Ich bin doch nicht verrückt!»
Umfeld getragen und betreut werden können. Da Arzt und Patientin sprachen dann über das Älter-
kommen diverse wertvolle und spezifische An werden und die Möglichkeit, Hilfe in Anspruch zu
gebote der Psychiatrischen Dienste Thurgau ins nehmen, wenn man nicht mehr alles selbst erledi-
Spiel – natürlich in medizinisch bewährter und gen kann. «Mein Sohn kümmert sich um meine
lange erprobter Absprache und Kombination mit Finanzen. Und wenn er das nicht mehr machen
den Akuthäusern und der Rehabilitation in der will, dann frage ich halt bei der Pro Senectute
Spital Thurgau. nach.» Bei der Patientin bestanden offensichtlich
kognitive Defizite, insgesamt schien es ihr aber gut
Eine interne Zuweisung von Frau Dr. Nibal Ackl, zu gehen. In Anbetracht der Vorgeschichte – mitt-
therapeutische Leitung der Memory Clinic: «Frau lerweile war auch bekannt, dass die KESB einge-
S. hat eine beginnende Demenz bei Alzheimer- schaltet worden war, da sich die Kinder über die
krankheit. Sie ist bezüglich Entscheidung, wer ihre Versorgung der Mutter stritten – wurde eine voll-
Finanzen regeln soll, urteilsfähig.» Die 92-jährige ständige Demenzabklärung in der Memory Clinic
Patientin Frau S. wurde vor zwei Monaten in der zum Wohle der Patientin als sinnvoll beurteilt. Eine
Memory Clinic zur Demenzabklärung angemel- ambulante Therapie half ihr weiter, die familien-
det. Laut dem zuweisenden Hausarzt gäbe es internen Probleme blieben allerdings.
Konflikte in der Familie, und die Überprüfung der
Kognition sei in diesem Zusammenhang sehr wich- Eine andere, leider typische mögliche Facette
tig. Bei hochbetagten Patienten fragen sich unse- des Altwerdens: Frau Dr. Corinna Stöckel, thera-
re Spezialisten zuerst immer, ob eine ausführliche peutische Leiterin der Alterstagesklinik (ATK) in
Demenzabklärung über 2–3 Termine mit Neuro- Weinfelden, sagt: «Herr M. ist aus der Tagesklinik
psychologischer Testung, körperlicher Untersu- ausgetreten, es geht ihm gut.» Herr M., 62 Jahre
chung, zerebraler Bildgebung und Labor zumutbar alt, ein schwieriger Fall. Vor über einem Jahr wur-
und sinnvoll ist. In diesem Fall wurde zuerst verein- de er auf der Station für Akutpsychiatrie im höhe-
bart, dass Dr. Peterson die Patientin zunächst kon- ren Lebensalter aufgenommen. Er war schwer
13SPITAL THURGAU, GESCHÄFTSBERICHT 2018
depressiv und wollte nicht mehr leben. Die weite- begleitete ihn und seine Ehefrau seit Diagnose-
re Behandlung war eine lange Odyssee. Nach stellung zu Hause. Leider war die Demenz uner-
ausreichender Stabilisierung führte er die Behand- wartet rasch fortschreitend. In enger Zusammen-
lung auf der Station für Psychotherapie im höhe- arbeit mit Hausarzt und Spitex hat sich Frau Kessler
ren Lebensalter fort. Nach einer erneuten suizida- intensiv um das Ehepaar gekümmert und die
len Krise, die auf der Station bewältigt werden Versorgung der sich rasch ändernden Bedürfnis-
konnte, war er im Verlauf schliesslich so weit, dass se angepasst. Die Aufnahme auf der Station für
er seine Behandlung in der Alterstagesklinik fort- Neurokognitive Störungen war leider nicht zu ver-
setzen konnte. In enger Vernetzung mit unserem meiden. Frau L. hatte grosse Angst, weshalb wir
aufsuchend arbeitenden Team Intensive Case im Vorfeld mit dem Leitenden Arzt des Assess-
Management (ICM) und dem ambulant tätigen ment- und Triage-Zentrums (ATZ) Kontakt aufnah-
Psychiater wurde Herr M. begleitet. Eine erneute men und auch eine eventuelle Behandlung in der
suizidale Krise folgte, Herr M. wurde wieder auf Geriatrie des Kantonsspitals Münsterlingen disku-
die Akutstation verlegt. Zum Glück trat er freiwillig tierten. Dies war aufgrund einer akuten Eigen- und
ein und man konnte ihm die sonst erforderlich Fremdgefährdung beim bestehenden Delir letzt-
gewesene fürsorgerische Unterbringung gegen endlich nicht möglich. Frau L. und ihr Mann muss-
seine Willen ersparen. Herr M. war ein Risikopatient ten sich also auf die Psychiatrische Klinik Münster-
und das Thema Suizidalität stand ganz oben im lingen einlassen – die Bedenken von Frau L.
Behandlungsplan. Die anschliessende Behand- konnten während der Behandlung zum Glück
lung in der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen entkräftet werden. Der in den Gesprächen zwi-
und danach in der Alterstagesklinik war dann schen Ehefrau, Patient und Teammitgliedern of-
geprägt von deutlichen Fortschritten. Das ganze fene Umgang mit den Ängsten und Vorurteilen
Team freute sich und war deutlich erleichtert und gegenüber der Psychiatrie konnte die Hemm-
auch mit etwas Stolz über die integrierte Leistung schwelle nehmen.
der Teams im Altersbereich erfüllt.
Natürlich gibt es nicht nur Erfolgsgeschichten. Es
Ein weiteres Beispiel kam von Simone Kessler, De- gibt immer wieder Fälle, die traurig machen, frus-
menzberatung in Weinfelden: «Herr L. wurde ges- trierende Gefühle aufkommen lassen und Fragen
tern auf der Station für Neurokognitive Störungen hinterlassen. So geht es allen Kollegen im Alters-
aufgenommen. Er hat ein Delir, ich habs der Ehe- bereich. Alt werden ist nun mal nicht immer schön
frau gut erklären können.» Bei Herrn L. wurde letz- und einfach – und es gibt sehr viele schwierige
tes Jahr in der Memory Clinic eine Demenz bei und komplexe Facetten davon. Deshalb ist der
Alzheimerkrankheit diagnostiziert. Frau Kessler regelmässige Austausch im Kompetenzbereich
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Alter, der ja alle stationären und ambulanten morbiden Patienten, die eine alterspsychiatrische
alterspsychiatrischen Angebote in sich vereint, Behandlung brauchen. Dazu ist sicher weiter eine
so wichtig. So kann eine qualitativ hochwertige gute Zusammenarbeit mit der Geriatrie und den
a lterspsychiatrische Behandlungs- und Versor- Hausärzten nötig, aber Netzwerkarbeit ist ja unser
gungskette sichergestellt werden, in der Spital täglich Brot und spezielles Können. Und natürlich
Thurgau zusätzlich intern systematisch integriert muss das Angebot weiterhin interdisziplinär sein,
mit der Akutmedizin und der Rehabilitation. Das die guten Erfahrungen mit der psychiatrischen
ist schon fast einzigartig in der Schweiz, sehr wert- Pflege im Konsiliar- und Liaisondienst lassen da
voll und inzwischen auch breit anerkannt. keine Zweifel aufkommen.
Akzente für das Jahr 2019 Im Zuge der Umsetzung des Geriatrie- und De-
Das kommende Jahr wird im Altersbereich der menzkonzeptes des Kantons Thurgau von 2016,
Psychiatrischen Dienste Thurgau mit Spannung welches inzwischen schon Vorbildcharakter für
erwartet. Im Sommer wird das Haus K fertig sein, viele Kantone hat, sehen wir eine zunehmende
und die Umzüge der Station für Neurokognitive Verbesserung der Versorgung der Menschen mit
Störungen und der Station für Psychotherapie im Demenz und deren Angehörigen im Kanton. Aber
höheren Lebensalter werden erfolgen. Ein High- die Alterspsychiatrie kümmert sich ja nicht nur um
light wird sicherlich der Garten des Hauses K sein. die Menschen mit Demenz, auch im Alter gibt es
Dieser wird den Menschen mit Demenz frei zu- Angsterkrankungen, Depressionen, Schizophreni-
gänglich sein und dementsprechende Vorausset- en oder Abhängigkeitserkrankungen. Das Fach-
zungen bieten. Rundwege werden bei der Orien- wissen über diese anderen Erkrankungen ist in
tierung helfen und gleichzeitig eine wichtige den Alters- und Pflegeheimen leider nicht selten
Eingrenzung vor dem Weglaufen bieten. Ange- unzureichend, was zu Unsicherheiten, Ängsten
hörige haben dann auch die Möglichkeit, Zeit mit und Ablehnung gegenüber den betroffenen
ihren Müttern, Vätern, Partnern u. a. in einer ent- Menschen führen kann. Hier besteht eine grosse
spannten Atmosphäre ausserhalb der Station zu gesellschaftliche Herausforderung und ein Auf-
verbringen. trag für eine gut integrierte, breit abgestützte
Spitalgruppe wie die Spital Thurgau, und dort
Natürlich gilt auch bei der Psychiatrie soweit wie speziell für die Alterspsychiatrie. ❚
möglich: ambulant vor stationär. Deshalb soll z. B.
auch das aufsuchende Angebot weiter ausge-
baut werden. Das ist und bleibt eine grosse Her-
ausforderung, gerade bei hochbetagten multi-
15▲▲ Dies ist der Beispieltext für eine Bildlegende. Sie läuft immer nur über zwei Zeilen.
Postakute Behandlung
von B
etagten: Rehabilitation
und Langzeitpflege
von Ulrike Beckmann, Pflegedirektorin, und Ruth Alfert, Bereichsleiterin Pflege Klinik St. Katharinental
N
ach der geriatrischen Abklärung im Assessment, koordinierte interdisziplinäre Team
A ssessment- und Triage-Zentrum, der
arbeit, Einbezug des sozialen Umfelds, Austritts
möglichst ambulanten weiterführenden planung) im Kontext der Rehabilitation an».
Behandlung beim Hausarzt und/oder dem statio
nären Aufenthalt im Spital, welche in den vorher- Die Behandlung und Betreuung der geriatrischen
gehenden Artikeln beschrieben wurden, folgt sehr Patienten findet primär bei komplexeren und
oft ein weiteres, ganz wichtiges Element in der auch anspruchsvollen Fällen statt, wo eine signi-
Behandlungskette von betagten Patientinnen und fikante Verbesserung der oben genannten Ziele
Patienten: die geriatrische Rehabilitation. Eben- absehbar erreicht werden kann. Beim Eintritt, re-
falls wichtige weiterführende Glieder, dann auch spektive bereits in den vorbehandelnden Kliniken
mit längerer Betreuungsdauer, sind die Pflegehei- der Spital Thurgau, werden mittels eines struktu-
me. Die Spital Thurgau ist in allen zentralen Teilen rierten geriatrischen Assessments Fähigkeiten und
der gesamten möglichen und auch w irkungsvollen Einschränkungen in Kognition, Mobilität, Emotion
Behandlungskette mit eigenen Angeboten prä- und Ernährungszustand und die soziale Situation
sent und kennt somit auch die Krankengeschich- erhoben und dann gezielt therapiert – es geht
te, die wichtigen persönlichen Aspekte und das deshalb nicht nur um eine spezifische Bearbeitung
Umfeld sowie die sinnvollen Behandlungsschritte eines Problems, sondern um die gleichzeitige Ver-
und Prognosen vieler Patientinnen und Patienten besserung des Allgemeinzustandes und die Befä-
aus der Region sehr genau. higung, das Leben soweit möglich wieder selbst-
ständig und zu Hause weiterführen zu können.
Die geriatrische Rehabilitation ist ein relativ neu
anerkanntes Instrument in der Behandlung von Belastbarkeit, Ausdauer und die Sicherung der
älteren Patientinnen und Patienten. Gemäss H+, kognitiven Fähigkeiten sind zentrale Ziele und er-
dem Branchenverband der Spitäler, befasst sie fordern unter Umständen einen behutsamen Auf-
sich «mit dem Bearbeiten von Behinderung und bau. Dazu sind ganz verschiedene gut koordinier-
Funktionsfähigkeit auf den von der WHO erarbei- te Fachleute im Team nötig: Facharzt Geriatrie,
teten Grundlagen und Klassifizierungen (ICF) im Therapeutischer Dienst inkl. Ergotherapie, Pflege-
Hinblick auf die Rückgewinnung, Stabilisierung dienst, Sozialberatung, Psychologischer/Psychia-
und (Wieder-)Befähigung zur möglichst selbststän- trischer Dienst, Logopädie, Ernährungsberatung
digen Lebensführung geriatrischer Patienten. Sta- und allenfalls weitere.
tionäre geriatrische Rehabilitation ist ein Teil der
geriatrischen Medizin. Sie wendet die spezifischen In der Regel beträgt die Aufenthaltsdauer der
geriatrischen Prozesse (insbesondere geriatrisches Patienten in der geriatrischen Rehabilitation drei
17SPITAL THURGAU, GESCHÄFTSBERICHT 2018
bis vier Wochen – eine Zeit, in der sich die Patien- an. Die Spital Thurgau betreibt mit der Langzeit-
ten nicht selten grundlegende Gedanken über pflege in der Klinik St. Katharinental – neben der
ihr weiteres Leben machen müssen. Die Ver- geriatrischen Rehabilitation für alle Einwohner der
schlechterung einer chronischen Erkrankung, die Region Thurgau – ein Pflegeheim für die Region
Folgen eines Sturzes, einer Operation oder eine Diessenhofen. Hier ein kleiner Tagesreport aus
fortschreitende Demenz können die Rückkehr in dem Leben von Frau B. an diesem schönen und
die häusliche Umgebung erschweren oder gar fachlich sehr kompetenten Ort:
verunmöglichen. Das Zuhause verlassen zu müs-
sen, ist für viele Patienten eine sehr schwere Ent- Nach einem Sturz zu Hause mit einer Femurfraktur
scheidung, vor allem wenn sie unerwartet getrof- konnte Frau B. nach dem Aufenthalt im Akutspital
fen werden muss. Familiengespräche mit den und der anschliessenden Rehabilitation nicht
Mitarbeitenden der verschiedenen Fachbereiche mehr nach Hause zurück. Glücklicherweise, und
des Behandlungsteams sollen dem Patienten und auch gut darauf vorbereitet, hat Frau B. den
auch den Angehörigen Ängste und Sorgen neh- Wechsel von ihrem Zuhause in die Langzeitpflege
men. Nur so kann sich der Patient bewusst und angenommen und akzeptiert. Ihren Humor und
unter Berücksichtigung der aktuellen Situation ihre positive Einstellung hat sie bewahrt.
entscheiden.
Ihr Tag beginnt morgens gegen 8 Uhr, da sie ger-
Danach beginnen die Vorbereitungen für die Zeit ne etwas länger schläft. Sie winkt und begrüsst
nach der Rehabilitation sowie die Organisation die Pflegende fröhlich und freut sich auf ihr Früh-
externer Hilfen, die Suche nach einem Platz in stück, das sie am liebsten noch im Bett geniesst.
einem Pflegeheim, die Weiterführung physiothe- Dabei kann sie direkt auf den Rhein schauen.
rapeutischer Massnahmen, die Organisation von Dieser Blick ist für sie so schön, dass sie manchmal
Hilfsmitteln. Wichtig dabei ist die fortlaufende ganz versunken die Zeit vergisst.
Information, um den Patienten die Sicherheit zu
geben, dass für die Zeit nach ihrem Austritt ge- Nach dem Frühstück unterstützt sie eine Pflege-
sorgt ist. kraft bei der Körperpflege. Sie unterhält sich in
dieser Zeit immer angeregt mit den Pflegenden
Langzeitabteilung in der Klinik St. Katharinental über verschiedene Themen und ist für jede Hilfe
Falls eine Patientin oder ein Patient auch mit gross- sehr dankbar. Der Höhepunkt ist das Pflegebad
zügiger Unterstützung durch ambulante Dienste einmal in der Woche auf einer speziellen Bade-
wie Spitex nicht mehr zu Hause leben kann, bietet liege. Im warmen Wasser kann sie sich entspannen
sich das Pflegeheim als weiteres Glied in der K ette und das geniesst sie sehr. Sie verbringt den restli-
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chen Vormittag bei den Heimbewohnerinnen im im Gegenteil. Mit ein wenig Rücksichtnahme von
Aufenthaltsraum. Bei trockener Witterung freut sie beiden Seiten fühlt sie sich nicht allein und hat
sich, wenn eine Pflegeperson mit ihr eine Fahrt eine Gesprächspartnerin. Jeden Samstag be-
mit ihrem Rollstuhl an der frischen Luft unternimmt. kommt sie Besuch von ihrem Sohn. An diesem Tag
Da stört sie weder Hitze noch Kälte, sie meint achtet sie dann ganz besonders auf ihr Äusseres.
dann: «Man muss sich nur richtig anziehen.» So- Für sie ist es jede Woche wieder ein besonderer
wieso ist sie am liebsten draussen. Dann bleibt sie Tag.
auch gerne einmal für eine Stunde unter den
grossen Kastanien vor dem Klostergebäude im Frau B. wählt die Wunschkost immer für eine Wo-
Liegerollstuhl alleine. Verschmitzt und auf ihre che im Voraus aus. Meistens weiss sie dann nicht
humorvolle Art sagt sie: «Ihr werdet mich schon mehr, was sie bestellt hat. Sie sagt dann: «Ist alles
nicht vergessen.» recht, was kommt.» Gegen 20 Uhr helfen ihr die
Pflegenden bei der Abendtoilette und lagern Frau
Gegen halb zwölf freut sie sich auf das Mittages- B. bequem für die Nacht. Oft schläft sie dann mit
sen. Am Nachmittag, nach einem Mittagsschlaf ihren Kopfhörern und laufendem Fernseher ein.
im Liegerollstuhl, bekommt sie regelmässig Besuch Die Pflegende im Nachtdienst nimmt ihr die Kopf-
von einer Mitarbeiterin unseres IDEM-Dienstes. Für hörer ab, stellt den Fernseher aus und löscht das
Frau B. eine Abwechslung, auf die sie sich freut. Licht, nachdem sie Frau B. umgelagert hat. Frau
Die IDEM-Mitarbeiterin überlegt und entscheidet B. bemerkt das höchstens noch im Halbschlaf. So
gemeinsam mit Frau B., was sie am liebsten unter- tankt sie Kraft und sicher auch ihre positive Ein-
nehmen möchte. Auch wenn ihre Möglichkeiten stellung für den nächsten Tag.
eingeschränkt sind, finden sie immer etwas. Wenn
das Wetter mitmacht, wünscht sie sich einen aus- Fazit
giebigen Spaziergang am Rhein. Bei schlechtem Geriatrische Rehabilitation und Pflegeheime sind
Wetter nutzen sie die langen Gänge im St. Katha- ganz wichtige Teile einer guten und fortschrittli-
rinental zum Spazieren oder sie unterhalten sich chen geriatrischen Versorgung. Im Kanton Thurgau
am Fenster sitzend. Danach ist Frau B. vom Reden ist dies gegeben und durch das Geriatrie- und
und der frischen Luft zufrieden und erschöpft. Demenz-Konzept von 2016 auch politisch gut ver-
Dann ist sie froh, wenn die Pflegenden sie mit dem ankert. Die Spital Thurgau ist der mit Abstand wich-
Patientenheber auf ihr Bett legen. Daran hat sie tigste Leistungserbringer für Betagte im Kanton. ❚
sich inzwischen so gewöhnt, dass sie aus Spass
von ihrem täglichen Freiflug spricht. Für sie ist es
kein Problem, in einem Zweibettzimmer zu liegen,
19▲▲ Dies ist der Beispieltext für eine Bildlegende. Sie läuft immer nur über zwei Zeilen.
Demenzsensibles Bauen
in der Spital Thurgau
von Norbert Vetterli, Spitaldirektor Kantonsspital Frauenfeld, und Alfons Eder, Geschäftsführer thurmed
Immobilien AG
D
ie demografische Entwicklung bringt es • Einbindung in die Gesamtarchitektur
mit sich, dass sich auch die Anforderun- • keine stigmatisierende Atmosphäre
gen an die Räume im Spital und deren • demenzgerechte Lichtgestaltung
Gestaltung in den letzten Jahren und auch zu- • adäquate Farbkonzepte mit beruhigender
künftig rasch ändern. Rund die Hälfte aller Spital- Wirkung
patienten sind heute über 65 Jahre alt und weisen • einprägsame einfache Signaletik und Orientie-
zunehmend entsprechende kognitive Beeinträch- rungshilfen
tigungen (rund 40% der Patienten) oder demen- • konzeptionelle Abstimmung auf Aufenthalts-
zielle Symptome (rund 20% der Patienten) auf. dauer (Akuthaus, Langzeitpflege) usw.
Diese Entwicklung stellt alle Beteiligten vor be-
sondere Herausforderungen, sowohl in medizini- Daraus leiten sich unterschiedliche Gestaltungs-
scher als auch pflegerischer Sicht. Aber auch die prinzipien für die Planung und Umsetzung ab:
Patienten selber, deren Angehörige und das be- • Patientensicherheit muss gewährleistet sein
handelnde Personal sind gefordert. Es liegt auf (Hinlauftendenz, Selbstverletzung usw.)
der Hand, dass hier optimierte Gesamtkonzepte • Berücksichtigung der noch vorhandenen Res-
nötig sind, um die Rahmenbedingungen für alle sourcen und Kompetenzen der Patienten, um
Beteiligten noch sensibler zu erfassen und zu ver- die Unabhängigkeit zu erhalten oder gar zu för-
bessern. dern, ohne jedoch zu überfordern, sowie Schaf-
fen von Bewegungs- und Beschäftigungsanrei-
Demenzgerechte Planungsgrundsätze, Konzept zen für sensorische und geistige Anregungen,
und Umsetzung in der Praxis ohne jedoch zu überfordern (Reizüberflutung)
Seit den 90er-Jahren befassen sich spezialisierte • grundsätzliche Barrierefreiheit
Planer mit der demenzsensiblen Architektur. Die • vertraute, überschaubare Gestaltung zur För-
grundlegende Bauweise eines Gebäudes leistet derung emotionaler Sicherheit
einen wesentlichen Beitrag für diese optimierten • Ermöglichen von Blickbeziehungen und sozia-
Gesamtkonzepte. Demenzsensibles Bauen ist ler Interaktion, wobei immer die Privatsphäre
aber nicht nur ein Optimieren des Raumlayouts, gewahrt werden muss
sondern deckt eine breite Palette an unterschied-
lichen Anforderungen ab, welche es zu berück- Es liegt auf der Hand, dass diese zahlreichen Ein-
sichtigen gilt. Insbesondere, wenn der Bereich flussgrössen nur mit dem entsprechenden Fach-
einer demenzsensiblen Station in ein Gesamthaus wissen zu einer schlussendlich guten Lösung zu-
integriert werden muss: sammengeführt werden können. Anhand von
21SPITAL THURGAU, GESCHÄFTSBERICHT 2018
zwei ausgesuchten Beispielen soll aufgezeigt wer- es zu berücksichtigen, dass sich das Erinnerungs-
den, wie diese Komplexität gelöst wurde. vermögen oft und/oder hauptsächlich auf weiter
zurückliegende Erlebnisse bezieht. Dementspre-
Begegnungszonen und Aufenthaltsräume chend können Wandbilder durchaus aus vergan-
Ein primäres Ziel während des Akuthausaufenthal- genen Zeiten stammen, an welche sich die Pa
tes ist die rasche Mobilisierung der Patienten, tienten oftmals noch sehr gut erinnern können.
schliesslich sollen sie auch soweit nötig und mög- Aufenthaltsräume sollen als räumlicher Anker-
lich befähigt werden, ihr Leben möglichst wieder punkt dienen. Eine möglichst zentrale Lage soll
zu Hause zu gestalten. Dabei gilt es, die vorhan- sowohl den Patienten als auch den Pflegekräften
denen Möglichkeiten des Patienten ebenso zu helfen, eine gute visuelle und akustische Kontakt-
berücksichtigen wie auch die allfälligen Einschrän- aufnahme zu ermöglichen. Kontaktmöglichkeiten
kungen nach dem erfolgten Eingriff. Insbesonde- und einfache Kommunikationskanäle sind wesent-
re bei älteren Patienten gilt ohnehin schon der liche Elemente für eine gute Aktivität der demen-
Grundsatz: Use it or lose it! Alle diese Überlegun- ten Patienten. Aneinander Teilhaben vermittelt
gen gelten für alle Betriebe und Kliniken der Spital aber auch Sicherheit und Geborgenheit. Insbe-
Thurgau, sei es in der Akutmedizin, der Psychiatrie, sondere in der Langzeitpflege bildet ein allfälliger
der Rehabilitation oder der Langzeitpflege. Rückzug der Bewohner in ihr eigenes Zimmer
rasch die Basis für eine sich entwickelnde Depres-
Zu berücksichtigen sind auch die emotionalen sion. Dem wurde präventiv vorgebeugt, indem
Ressourcen wie etwa der Wille des Patienten, um die Wohnzonen der Bewohner im Verwalterhaus
sich den temporären Einschränkungen zu stellen der Klinik St. Katharinental auf den grosszügigen
und die entsprechende Überwindung anzugehen. Korridor mit einer einladenden Veranda mit Gar-
Neben den bekannten und unentbehrlichen Hilfs- tenzugang verlegt wurden.
mitteln kann mit ansprechenden und spannen-
den Räumlichkeiten, welche als anzustrebendes Für die Pflegenden stellt eine vereinfachte Kon-
«Ausflugsziel» locken, ein wichtiger Beitrag zur taktaufnahme auch eine gewisse Entlastung dar,
Bewegung und Beschäftigung geleistet werden. weil man die zu betreuenden Patienten und Be-
Interessante Wege, Sitzgelegenheiten, Gegen- wohner eher im Blickfeld hat, was einem damit
stände und Objekte für die geistige und manuel- auch mehr Sicherheit gibt, niemanden zu ver-
le Aktivierung wie passendes Lesematerial, beru- nachlässigen oder gar etwas zu übersehen.
higende Musik, Aquarien usw. bieten das. Je nach
Alter der Patienten und der Art der Demenz gilt
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Gestaltung und Orientierung im Patientenzimmer muss. Auch die tageszeitabhängige Lichtsteuerung
Wichtig in den Zimmern der Patienten und Bewoh- wurde geprüft, weil hier mögliche Zusammenhän-
ner sind die Einfachheit der Zimmergestaltung und ge mit dem zirkadianen Rhythmus, welcher die
die notwendige Funktionalität für den Patienten Vitamin-D-Produktion beeinflusst, vorhanden sind.
und die behandelnden Personen. Zum einen liegt Aufgrund der ungesicherten wissenschaftlichen
es auf der Hand, dass sämtliche behandlungs- Belege wurde aber zumindest im Akuthaus nicht
spezifischen Raumfunktionen verfügbar sein müs- auf diesen Aspekt eingegangen. Es ist durchaus
sen wie Rufknopf, medizinische Anschlüsse usw. denkbar, dass die Forschung hier in einigen Jahren
Zum andern sollen die dementen Patienten aber weiter ist. Dann könnten die technischen Installa-
nicht unnötig verwirrt werden oder je nach tech- tionen dahingehend überprüft werden.
nischer Einrichtung gar eine Selbstverletzung er-
leiden. Trotz der angestrebten Einfachheit, ist aber Heute wird der Fokus auf klare und einfache
natürlich auch ein gutes Mass an Komfort bereit- O rientierungshilfen gelegt – sei es mit Farben,
zustellen. So ist der mobile Patientenschrank, wie Piktog rammen oder Lichtelementen. Diese sollen
wir ihn im Neubau des Kantonsspitals Frauenfeld den Patientinnen und Patienten helfen, ihre Selbst-
einführen, ein gutes Beispiel dafür, wie der Patient ständigkeit bestmöglich zu gewährleisten.
seine mitgeführten Gegenstände, wie Wäsche
und Hygieneartikel, zu sich ans Bett nehmen und Spital Thurgau hat grosses Fachwissen
sich in «vertrauter Nähe» versorgen kann. Die Spital Thurgau hat sich in den vergangenen
Jahren hinsichtlich demenzsensibler Bauweise
Bezüglich Patientenführung wird unter anderem intensiv mit diesem komplexen Thema auseinan-
mit Licht und einer entsprechenden Signaletik gear dergesetzt. Die Umsetzung der Langzeitpflege im
beitet. Die Beleuchtungsstärke, der Reflexionsgrad Verwalterhaus in der Klinik St. Katharinental im 2018
der Oberflächen und auch die Farbtonausprä- und die Realisierung der Demenzsensiblen Station
gung, um nur wenige Parameter zu nennen, spie- im Kantonsspital Frauenfeld (Bezug Februar 2020)
len eine wichtige Rolle. So ist beispielsweise auf- erfolgen nach den modernsten Erkenntnissen. Wir
grund der eingeschränkten Sehfähigkeit mehr sind stolz darauf, dass uns diese Projekte so gut
Lichtstärke notwendig, um den Patienten eine gelungen sind – trotz engem Budget, hohem Zeit-
ausreichende Orientierungsmöglichkeit zu bieten. druck und umfangreichen anderweitigen Bau-
Die Sehfähigkeit für Blautöne ist zudem stark ein- auflagen. Ein grosser Dank dafür gebührt den
geschränkt, sodass zur Kompensation ein höherer involvierten Projektleitenden, welche dies möglich
Anteil an kalten Lichtfarben eingesetzt werden gemacht haben. ❚
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