E-PAPER - ADDITIVE FERTIGUNG SONDERTEIL

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E-PAPER - ADDITIVE FERTIGUNG SONDERTEIL
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                                E-PAPER
SONDERTEILE, BRANCHENSPECIALS, THEMENSCHWERPUNKTE

                                       Bild: © science photo/Fotolia.com

                SONDERTEIL

 ADDITIVE FERTIGUNG
        Hardware - Software - Pulver
E-PAPER - ADDITIVE FERTIGUNG SONDERTEIL
ADDITIVE FERTIGUNG | MASS CUSTOMIZATION
Bild: formlabs GmbH

                        Unikate in Serie fertigen bei Gillette
                        Rasierer personalisiert gedruckt
                        Mit 3D-Druck können Hersteller ihren Kunden die Möglichkeit bieten, Produkte zu
                        individualisieren – zuvor war dies mit gängigen Produktionsverfahren meist mit viel
                        zu hohem Aufwand verbunden. Der Rasiererhersteller Gillette nutzt additive Ferti-
                        gungstechnologie beispielsweise, um seinen Kunden neue Designs für ein individuel-
                        les Produkt zur Verfügung zu stellen.

                                     it personalisierten Erlebnissen     sorgen. Der Rasiererhersteller Gillette ist auf   ten, um dieses Konzept zur Personalisierung

                        M            sorgen Marken für eine emotio-
                                     nale Bindung mit ihren Kunden.
                        Eine solche Personalisierung ist auf digita-
                                                                         diesem Gebiet mit der Einführung seines
                                                                         Razor Maker-Konzepts ein Pionier. Diese
                                                                         Plattform ist eines der ersten Beispiele für
                                                                                                                           auf den Markt zu bringen“, sagt Donato
                                                                                                                           Diez, Global Brand Manager bei Gillette.

                        len Plattformen bereits allgegenwärtig:          3D-gedruckte fertige Teile, die direkt an         Freier im Design
                        Kunden sind mittlerweile Erlebnisse ge-          den Kunden geliefert werden können.
                        wöhnt, die sie direkt ansprechen und ihren                                                         Das Konzept erweitert die Designfreiheit
                        Geschmack und ihre Vorlieben widerspie-          3D-gedruckte Rasierergriffe                       von den Entwürfen des Designers bis hin
                        geln. Physische Produkte, die den Ein-                                                             zum Endprodukt und bietet einen Einblick
                        schränkungen herkömmlicher Fertigungs-           Gestützt auf Formlabs Form-2-3D-Drucker           in die Zukunft der kundenindividuellen
                        verfahren unterliegen, konnten dabei kaum        haben dort Verbraucher die Möglichkeit,           Massenproduktion. „Durch die Kombination
                        mithalten. Neue Technologien sorgen dies-        personalisierte 3D-gedruckte Rasierergriffe       unserer Rasierertechnologie mit der Leis-
                        bezüglich jedoch für eine Wende und er-          zu gestalten und zu bestellen. Dabei stehen       tung und der Flexibilität von 3D-Druck er-
                        möglichen die Reduzierung der Kosten, die        ihnen derzeit 48 verschiedene Designs,            öffnet sich eine ganze neue Welt an De-
                        seit jeher bei der Fertigung von großen          mehrere Farben und die Möglichkeit, indivi-       signmöglichkeiten“, sagt Rob Johnson, De-
                        Mengen individueller Teile anfallen. Heute       duellen Text hinzuzufügen, zur Verfügung.         sign-Engineer und Mitgründer von Razor
                        gibt es die Möglichkeit, die Wirkung perso-      „Die 3D-Drucker sorgen dafür, dass die Ver-       Maker. Bei 3D-Druck sind Komplexität und
                        nalisierter digitaler Erlebnisse auf physische   braucher beim Design ihrer Rasierer mitre-        Vielfalt quasi kostenlos: Ein 3D-Drucker be-
                        Produkte zu übertragen und so letztendlich       den können. Wir freuen uns, mit unseren           nötigt nicht mehr Zeit, Energie oder Mate-
                        für engere Beziehungen zu den Kunden zu          Nachbarn hier in Boston zusammenzuarbei-          rial, um eine komplexe Form anstelle einer

                            IT&Production 12/2018
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MASS CUSTOMIZATION | ADDITIVE FERTIGUNG
Bilder: Formlabs GmbH

                                                                          Durch den Einsatz des Form-2-3D-Druckers von Formlabs können Verbraucher
                                                                          personalisierte 3D-gedruckte Rasierergriffe gestalten und bestellen.

                        einfachen herzustellen. Da keine Werk-            Digitale Prozessschritte                          lung unterschiedlicher komplexer De-
                        zeuge erforderlich sind, fallen beim Dru-                                                           signs entstehen. Außerdem sind zum
                        cken verschiedener Designs keine zusätzli-        Der hohe Grad an Personalisierung ver-            Skalieren der individuellen Fertigung oft
                        chen Produktionskosten an.                        langte vom Team ein vollständiges Um-             nur zusätzliche Drucker erforderlich. Gil-
                                                                          denken bei ihrer Herangehensweise an              lette experimentiert ebenfalls mit auto-
                        Natur und Architektur                             die Fertigung. Die ersten Schritte im Pro-        matisierten 3D-Druck-Fertigungsprozes-
                                                                          zess sind vollständig digital: Ein Verbrau-       sen und arbeitet dabei mit Formlabs als
                        Die Designer haben sich von Geometrien            cher gestaltet einen personalisierten Griff       einer der ersten Erprober von Form Cell
                        aus Natur, Architektur und Technik inspirie-      auf der Website. Das so erzeugte Design           zusammen, einem Technologieprojekt,
                        ren lassen, um komplexe Formen zu ent-            wird anschließend in eine 3D-Datei umge-          das die Zukunft des 3D-Drucks in Ferti-
                        werfen, die mit herkömmlichen Fertigungs-         wandelt. Mehrere Designdateien werden             gungsumgebungen erforscht. „Mit dem
                        methoden nicht bzw. nur schwer umge-              dann an einen 3D-Drucker gesendet,                Razor Maker-Konzept können wir ein
                        setzt werden können. „So können wir die           damit diese gleichzeitig in einem Durch-          neues Design entwickeln, es drucken und
                        Form in einer Weise berücksichtigen, wie          gang gedruckt werden. Jeder Griff wird            testen, und am nächsten Tag ist dieses
                        es früher nie möglich war“, erzählt Rory          anschließend gewaschen, nachgehärtet,             Design bereits als neuer Rasierergriff auf
                        McGarry, Industrial Design Lead bei Razor         beschichtet und montiert, bevor er direkt         unserer Website verfügbar“, erklärt John-
                        Maker. „Traditionell konnten wir nur einen        zum Kunden geliefert wird.                        son. „Das war noch nie zuvor möglich.“
                        oder zwei Rasierer pro Jahr designen. Jetzt
                        können wir die Idee direkt in 3D umsetzen,        Einsatz im Prototypenbau                          Technik alleine reicht nicht
                        das Teil drucken, untersuchen, anpassen –
                        und fertig.“ Da die Designeinschränkungen         In der Vergangenheit hatte Gillette den           Neue Technologien reichen allein nicht aus,
                        weggefallen sind, haben Verbraucher letzt-        3D-Druck nur beim Prototypenbau ein-              um die Fertigung umzuwandeln. Unterneh-
                        lich mehr Auswahlmöglichkeiten. Auf               gesetzt. Doch die Fortschritte bei Mate-          men wie Gillette erforschen mit 3D-Druck
                        einem Markt, der mit Massenprodukten ge-          rialien und Hardware haben die Techno-            ganz neue Geschäftsmodelle, die die Ar-
                        sättigt ist, ist es das Ziel des Projekts, Kun-   logie zu einer Option zur Herstellung von         beitsweise vom Design bis zur Fertigung
                        den die Möglichkeit zu bieten, ihren ganz         Endprodukten gemacht. Individualisie-             revolutionieren und die gesamte Produkt-
                        eigenen Rasierer zu gestalten. „Wir wissen,       rung ist einer der grundlegenden Vor-             lebensdauer beeinflussen.                ■
                        dass heute Marken gefragt sind, die Kun-          teile des 3D-Drucks. Dank der Technolo-
                        den innovative Möglichkeiten bieten, mit          gie sind keine Werkzeuge und keine Vor-              Die Autorin Anna Hantelmann ist Marketing
                        denen sie ihre Persönlichkeit zum Ausdruck        abinvestitionen in Formen erforderlich.                 Managerin DACH bei Formlabs GmbH.
                        bringen können“, so Evan Smith, Global            So fallen exponentiell hohe Kosten weg,
                        Product Manager bei Razor Maker.                  die herkömmlicherweise bei der Herstel-                       www.formlabs.com

                                                                                                                                            IT&Production 12/2018
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ADDITIVE FERTIGUNG | ERSATZTEILLOGISTIK

                                       3D-Druck in der Lieferkette
                                       Ein Netzwerk für Ersatzteile
Bild: FIR e. V. an der RWTH Aachen

                                       Die uns bekannten Wertschöpfungsstrukturen in der Ersatzteillogistik stehen vor dem
                                       Hintergrund der zunehmenden Relevanz von additiven Fertigungsverfahren vor einer
                                       tiefgreifenden Veränderung. Das Forschungsprojekt 3Dsupply, an dem unter anderem
                                       das FIR der RWTH Aachen beteiligt ist, widmet sich genau dieser Thematik.

                                                ie Veränderung der logistischen    steller und Kunde könnte künftig durch            Qualität zuständig. Logistische Netzwerk-

                                       D        Wertschöpfungsstrukturen ist
                                                laut einer Studie der Unterneh-
                                       mensberatung Roland Berger vor allem
                                                                                   die digitale Übertragung von Produkti-
                                                                                   onsdaten über das Internet überflüssig
                                                                                   werden. In diesem Szenario könnte die
                                                                                                                                     szenarien beziehen sich meist auf die Lie-
                                                                                                                                     ferkette. Die additive Wertschöpfungs-
                                                                                                                                     kette ist jedoch mehrstufig und verläuft
                                       durch die Digitalisierung beeinflusst. So   Produktion mithilfe additiver Fertigungs-         von den Werkstoff- und Maschinenher-
                                       nehmen Buchungsplattformen eine neue        verfahren in unmittelbarer Nähe des               stellern über die Dienstleister zu den Nut-
                                       Vermittlerposition zwischen Auftragge-      Endkunden stattfinden. Durch den Weg-             zern von additiven Ersatzteilen: Die Werk-
                                       ber und Logistikdienstleister (LDL) ein.    fall von Versandwegen, würden dem Lo-             stoffhersteller produzieren das Ausgangs-
                                       Auf lange Sicht wird jedoch insbeson-       gistikdienstleister Wertschöpfungsan-             material für die additive Fertigung, die
                                       dere der Einfluss der additiven Fertigung   teile entzogen werden. Dementspre-                Komponentenhersteller liefern Bauteile
                                       auf die Reorganisation bestehender Lo-      chend ist es notwendig, im Zuge der ad-           und Baugruppen, zudem sind Messtech-
                                       gistikprozesse zunehmen. Additiv gefer-     ditiven Ersatzteillogistik mögliche Ser-          nikhersteller Teil der Wertschöpfungs-
                                       tigte Objekte entstehen unmittelbar aus     vice- bzw. logistische Netzwerkszenarien          kette. In der zweiten Ebene befinden sich
                                       einem 3D-CAD (Computer Aided De-            für LDL zu identifizieren, um deren zu-           neben den Maschinenherstellern die An-
                                       sign)-Datensatz und werden gemäß dem        künftige Marktposition zu stärken.                bieter von Software zur Datenaufberei-
                                       Schichtbauprinzip Schicht für Schicht                                                         tung. Als Schnittstelle zwischen der Ferti-
                                       aufgebaut. Anders als bei subtraktiven      Mehrstufige                                       gung und Endverbraucher übertragen On-
                                       Fertigungsverfahren werden bei der ad-      Wertschöpfungskette                               line-Shop-Betreiber Geschäftsmodelle aus
                                       ditiven Fertigung keine Werkzeuge be-                                                         dem E-Commerce auf die additive Ferti-
                                       nötigt, was insbesondere in der Ersatz-     Die Ersatzteillogistik ist für die rechtzeitige   gung. Produzenten bieten Auftragsferti-
                                       teilfertigung von Vorteil sein kann. Der    Bereitstellung von Ersatzteilen am richti-        gung mit additiven Verfahren an. Am Ende
                                       physische Warentransport zwischen Her-      gen Ort sowie in richtiger Menge und              des Wertschöpfungsnetzwerks steht der

                                          IT&Production 12/2018
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ERSATZTEILLOGISTIK | ADDITIVE FERTIGUNG

  Technologieanwender. Aufgrund der stei-                        Unterschiedliche Szenarien                                dem OEM noch nicht vorliegt und er
  genden Anzahl an Fertigungsdienstleistern                                                                                diese gemeinsam mit dem LDL entwi-
  sind Akteure mit vermittelnder Funktion                        Ausgehend von dieser Vermittlerposition                   ckelt. Bei der Szenarienanalyse handelt
  zwischen Endkunde und Fertigungsdienst-                        können vier verschiedene Service- bzw.                    es sich um eine Übersicht, bei welcher
  leister getreten. Aus diesem Grund liegt                       logistische Netzwerkszenarien für den                     die Rollen und Aufgabenbereiche des
  der Fokus der nun folgenden Netzwerk-                          LDL betrachtet werden, die in der Abbil-                  LDLs im Weiteren noch stärker detailliert
  szenarien auf Technologieanwendern,                            dung dargestellt werden. Im ersten Sze-                   und differenziert werden können.
  Vermittlern und Produzenten.                                   nario nimmt der LDL die Rolle des digita-
                                                                 len Distributors ein und ist somit das Bin-               Weiterer Forschungsbedarf
  Vermittlerposition einnehmen                                   deglied zwischen OEM (Original-Equip-
                                                                 ment-Manufacturer) und 3D-Druck-                          Weiterer Forschungsbedarf besteht
  Für LDL erscheint diese Position besonders                     Dienstleister. Er verfügt über ein großes                 dabei vor allem in den Bereichen Tech-
  relevant und attraktiv, da nach Barkawi et                     Netzwerk an potenziellen Dienstleistern                   nologie, Eigentumsrechte und Ge-
  al. (2006) die Gewinnmargen wesentlich                         und wählt einen für den OEM passenden                     schäftsmodelle. Im Technologiebereich
  höher sind, als im traditionellen Transport-                   Dienstleister aus. Der OEM verfügt bereits                wäre es notwendig, dass die Prozesszei-
  und Lagergeschäft. Grund dafür ist, dass                       über die CAD-3D-Druckdatei und nach                       ten der additiven Fertigung sinken,
  After-Sales-Angebote sogenannte Value-                         Auswahl eines geeigneten Dienstleisters                   damit On-Demand-Fertigung realisiert
  added Services beinhalten, was bedeutet,                       versendet der LDL diese Datei. In einem                   werden kann. Bezüglich der Eigentums-
  dass die LDL zusätzliche wertschöpfende                        zweiten Szenario fungiert der LDL selbst                  rechte ist zu klären, wer die Intellectual-
  Funktionen wie Bevorratungsplanung und                         als 3D-Druck-Dienstleister, er ist somit für              Property-Rechte, also die Rechte am
  Verbrauchsplanung übernehmen. Gleichzei-                       die Auftragsfertigung des Ersatzteils zu-                 geistigen Eigentum beim Austausch von
  tig ergeben sich durch die Vermittlerposi-                     ständig und steht auch in Konkurrenzsi-                   CAD-Daten besitzt. Zudem fehlt es ab-
  tion auch Vorteile für die Ersatzteilnachfra-                  tuation mit den restlichen 3D-Druck-                      gesehen von aufgezeigten Service-/Lo-
  ger. Beispielsweise können diese ihre Res-                     Dienstleistern. Das dritte Szenario bildet                gistikszenarien an Geschäftsmodellen,
  sourcen auf ihr Kerngeschäft konzentrieren,                    eine Kombination aus den ersten beiden:                   die aufzeigen, wie für den LDL tatsäch-
  da der LDL als Anbieter einer vollständigen                    Der LDL fungiert als Vermittler und bie-                  lich ein Wert geschaffen wird.           ■
  Supply-Chain-Lösung auftritt und Kapazitä-                     tet dem OEM zudem sowohl potenzielle
  ten, Ressourcen und Technologien koordi-                       Produzenten als auch seine eigenen                            Die Autoren: Daniel Pause, M.Sc. und
  niert. Dadurch ergibt sich außerdem eine                       Dienste als 3D-Druck-Dienstleister an. Im                   Svenja Marek, M.Sc. sind Projektmanager/
  erhöhte Flexibilität hinsichtlich der Kapazi-                  letzten Szenario ist der LDL Berater in                     wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich
  tät und geografischen Abdeckung sowie                          allen Bereichen von der Entwicklung bis                       Produktionsmanagement bei FIR e.V.
  eine Kostenreduktion für die Ersatzteil-                       zur Produktion und Auslieferung der Er-                              an der RWTH Aachen.
  nachfrager durch branchenübergreifende                         satzteile. In diesem Szenario wird weiter-
  Synergie- und Skaleneffekte.                                   hin angenommen, dass die CAD-Datei                               www.fir.rwth-aachen.de

                                                                                                                                                                         - Anzeige -

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ADDITIVE FERTIGUNG | MARKETPLACE

                                                                                                                          Bild: Phoenix Contact Deutschland GmbH

  Simulationsbasierte Optimierung: Das Protiq-Team bietet ebenfalls die Möglichkeit, magnetfeldoptimierte Induktoren zu entwickeln

  Marketplace für additiv gefertigte Teile
  Zahnräder und Induktoren
  im Netz konfigurieren
  Zusammen mit dem Softwareunternehmen Trinckle hat Protiq einen webbasierten Kon-
  figurator für seinen Marketplace entwickelt. Mit dem Online-Tool lassen sich individu-
  elle Kupferinduktoren und Zahnräder adaptieren und online bestellen. Durch den
  Ansatz der generativen Fertigung sind Bauteile möglich, die sich mit herkömmlichen
  Verfahren nicht produzieren lassen – bei einem Liefertermin von nur wenigen Tagen.

     n Zeiten von Industrie 4.0 sind immer             gen können. Im industriellen Umfeld gibt             Komplexe Geometrie

  I  kürzere Produktlebenszyklen, höhere
     Spezialisierungsgrade und eine größere
  Individualität gefragt. Vor diesem Hinter-
                                                       es zahlreiche Produkte, bei denen oftmals
                                                       besondere Anforderungen an die Geome-
                                                       trie vorliegen, die zugleich aber nur in ge-
                                                                                                            In der metallverarbeitenden Industrie ist
                                                                                                            die induktive Erwärmung ein beliebtes
  grund sollte die digitale Fabrik Kleinserien         ringer Stückzahl benötigt werden. Dazu               Heizverfahren, denn es ist prozesssicher,
  und Einzelstücke flexibel und schnell ferti-         zählen Kupferinduktoren und Zahnräder.               energieeffizient und lässt sich präzise

      IT&Production 12/2018
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MARKETPLACE | ADDITIVE FERTIGUNG

steuern. Zur Erwärmung wird eine Induk-
tionsspule mit einem Wechselstrom be-
aufschlagt, sodass sich ein Magnetfeld
bildet. Bringt der Anwender nun ein leit-
fähiges Bauteil in das Magnetfeld ein,
wird ein elektrischer Strom erzeugt und
das Bauteil erhitzt sich auf eine defi-
nierte Zieltemperatur. Voraussetzung für
eine schnelle und homogene Erwärmung
ist die Form des verwendeten Induktors.
Je besser die Induktionsspule an das
Werkstück angepasst wird, desto effek-
tiver und einheitlicher gestaltet sich die
Erwärmung. Deshalb müssen die in den
verschiedenen Anwendungsbereichen
genutzten Induktionsspulen speziell kon-
struiert und hergestellt werden. Auf-
grund des händischen Biegens und Lö-
tens können bei einer konventionellen
Produktion von der Auftragserteilung bis                                                                                                Bild: Phoenix Contact Deutschland GmbH
zur Fertigstellung durchaus Wochen oder
sogar Monate vergehen.                               Induktionsspulen aus dem 3D-Drucker: Online konfigurierte Induktionsspulen aus
                                                     elektrisch hochleitfähigem Kupfer bieten zahlreiche Vorteile
Additive Technik punktet

Die additive Fertigung bietet sich hier in           sich die additive Fertigung insbesondere             tionelles Biegen oder Löten möglich ge-
mehrfacher Hinsicht als erfolgverspre-               zur Umsetzung komplexer Geometrien.                  wesen wäre. Außerdem zeichnen sich
chende Alternative an. Da die digitale               Im Fall der Induktoren bedeutet das,                 additiv gefertigte Induktoren dadurch
Produktionstechnologie ohne Werk-                    dass sich die Geometrien mit ihren Spu-              aus, dass sie keine Sollbruchstellen in
zeuge und Formen auskommt, lassen                    lenwindungen und inneren Kanälen viel                der Geometrie aufweisen, woraus sich
sich individuelle Geometrien kosten-                 präziser auf das jeweilige Werkstück                 eine höhere Standzeit ergibt. Als we-
günstig herstellen. Darüber hinaus eignet            adaptieren lassen, als dies durch konven-            sentliche Bedingung für die Herstellung
                                                                                                          von Induktoren mittels additiver Ferti-
                                                                                                          gung müssen allerdings hochleitfähige
  Bild: Phoenix Contact Deutschland GmbH
                                                                                                          Materialien verarbeitet werden. Mit der
                                                                                                          aktuell verfügbaren Anlagentechnik ließ
                                                                                                          sich Kupfer bislang jedoch nicht nutzen,
                                                                                                          da die eingesetzte Laserstrahlung na-
                                                                                                          hezu komplett reflektiert wird. In einem
                                                                                                          recht neuen Prozess gelingt es der Pro-
                                                                                                          tiq seit 2013, hochleitfähiges Kupfer den-
                                                                                                          noch zu verarbeiten.

                                                                                                          Kosten pro Stück fast linear

                                                                                                          Ein anderer vielversprechender Anwen-
                                                                                                          dungsbereich für die additive Fertigung
                                                                                                          liegt in der Produktion von Zahnrädern.
                                                                                                          Diese lassen sich generativ ebenfalls in
                                                                                                          geringen Stückzahlen herstellen, wobei
                                                                                                          die anfallenden Stückkosten weitgehen
                                                                                                          von den Stückzahlen entkoppelt sind.
                                                                                                          Sondergeometrien können ohne die Er-
                                                                                                          stellung von Werkzeugen produziert wer-
                                                                                                          den. Ein Anforderungsumfeld resultiert
                                                                                                          weiterhin aus dem Ersatzteilmanagement,
Bedarfsgerecht konfigurierte Bauteile: Mit mehr als 20 Parametern je Konfigurator können die Anforder-
ungen des Kunden optimal abgedeckt werden                                                                 sofern keine CAD-Daten für die einzelnen

                                                                                                                        IT&Production 12/2018
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ADDITIVE FERTIGUNG | MARKETPLACE

                                                                                                                                                                                    Bild: Phoenix Contact Deutschland GmbH
  Zahnradkonfiguration leicht gemacht: Ein vollständig digitalisierter Automatismus von manuellen
  Designabläufen ermöglicht die Erstellung eines baubaren Modells für die sofortige Produktion

  Zahnräder vorliegen. Im Oldtimer-Seg-                führt das oft zu vielen manuellen sowie                                          um Baubarkeit und Funktionalität sicher-
  ment stößt etwa das Reverse Engineering              wiederkehrenden Konstruktionsaufga-                                              zustellen. Zudem aktualisiert die Soft-
  an seine Grenzen, da das gewünschte De-              ben. Dieser Design-Workflow wirkt häu-                                           ware nach jeder Aktualisierung den er-
  sign nicht vollständig reproduziert wer-             fig als Engpass für Anwendungsfälle der                                          mittelten Preis. Ist er akzeptabel, kann
  den kann. Hier besteht die Möglichkeit,              additiven Fertigung. Es gibt mittlerweile                                        der Auftrag online erteilt werden.
  das Zahnrad auf der Grundlage einer                  jedoch einige CAD-Softwarelösungen,
  technischen Zeichnung nachzukonstruie-               mit denen sich solche regelbasierten De-                                         Bedienung der Oberfläche
  ren. Ein solcher Prozess erfordert aller-            signaufgaben automatisieren lassen. Auf
  dings einen erheblichen Zeitaufwand                  dem webbasierten Protiq-Marketplace                                              In einem weitreichend unterstützten Ab-
  sowie tiefergehende CAD-Kenntnisse.                  können die Kunden beispielsweise ihre                                            lauf entstehen im Konfigurator Designs,
                                                       spezifischen Induktoren und Zahnräder                                            die bereits auf die additive Fertigung op-
  Baubarkeit und Funktionalität                        direkt online konfigurieren. Das Tool ba-                                        timiert wurden. Dabei sollte die Bedie-
                                                       siert auf der Software Paramate des Ber-                                         nung des Tools möglichst einfach blei-
  Um individuelle Bauteile bedarfsgerecht              liner Softwareunternehmens Trinckle.                                             ben: Der Anbieter veranschlagt die Dauer
  drucken zu können, gilt es eine Hürde zu             Dort können Anwender die benötigte                                               von fünf Minuten für die webbasierte
  überwinden: den Entwurfsprozess der                  Basisgeometrie auswählen und Parame-                                             Konfiguration, Konstruktionskenntnisse
  Geometrien. Sollen diese Konstruktions-              ter festlegen. Algorithmen kontrollieren                                         sollen ebenfalls nicht erforderlich sein.
  varianten in einem konventionellen CAD-              dabei die Interdependenzen von mehr                                              Auch die Lieferzeiten sprechen für diesen
  Konstruktionsprozess generiert werden,               als zwanzig verschiedenen Parametern,                                            Ansatz, da die Modelle bereits nach we-
                                                                                                                                        nigen Tagen beim Anwender ankommen.

                                                                                                                                        Marktplatz weiterentwickeln

                                                                                                                                        Für Protiq und Trinckle bilden die beiden
                                                                                                                                        beschriebenen Projekte erst die Grund-
                                                                                                                                        lage der Zusammenarbeit. Aktuell wird
                                                                                                                                        an weiteren ‘Tiny Tools’ für die Online-
                                                                                                                                        Plattform gearbeitet, die zur Formnext
                                                                                                                                        vorgestellt werden.                     ■
                                                                                                   Bild: Trinckle 3D / Steve Bergmann

                                                                                                                                         Die Autoren: Stefan de Groot ist Projektleiter
                                                                                                                                        Additive Fertigung und Johannes Lohn ist Leiter
                                                                                                                                                  Entwicklung & Engineering
                                                                                                                                                 der Protiq GmbH in Blomberg.

  Der Online-Konfigurator auf dem Protiq-Marketplace ist auf Bedienbarkeit und Kosteneffizienz ausgelegt                                             www.protiq.com

      IT&Production 12/2018
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ADDITIVE FERTIGUNG | LIEFERKETTEN

                       3D-Druck implementieren

                       Die Frage nach dem
                       Was und nach dem Wo
                                                                                                                        Bei der Integration von
                                                                                                                        Prozessen der additiven
                                                                                                                        Fertigung in die eigenen
                                                                                                                        Unternehmensabläufe gilt
                                                                                                                        es einiges zu beachten. So
                                                                                                                        muss alleine schon die
                                                                                                                        Frage gestellt werden, ob
                                                                                                                          die Teile inhouse oder
                                                                                                                          beim Dienstleister ge-
                                                                                                                          druckt werden. Am Auf-
                                                                                                                          bau von entsprechen-
                                                                                                                          dem Knowhow kommen
                                                                                                                        die Produzenten aber in
Bild: Fraunhofer IML

                                                                                                                        keinem Fall vorbei.

                                 nter Supply Chain wird in erster     der Produktionsabläufe durch vernetzte         liefern. Mittels der Symbiose von additiver

                       U         Linie ein Netzwerk von Unterneh-
                                 men verschiedener Wertschöp-
                       fungsstufen verstanden. Es beginnt bei der
                                                                      Anlagen und Automatisierungslösungen.
                                                                      Maschinen und Anlagen werden miteinan-
                                                                      der vernetzt und können so autonom den
                                                                                                                     Fertigungstechnologie sowie Informations-
                                                                                                                     und Kommunikationstechnologien können
                                                                                                                     beispielsweise dringend notwendige Ersatz-
                       Gewinnung von Rohstoffen und beinhaltet        Waren- und Informationsfluss in Echtzeit       teile direkt am Bedarfsort gefertigt werden.
                       die Herstellung bzw. Produktions- und          regeln. Eine Schlüsseltechnologie dabei ist    Der Fokus dabei wird heute immer mehr auf
                       Leistungserstellungsprozesse, Distributi-      die additive Fertigung. Sie bringt neue        hybride Werkzeugmaschinen gelegt, wel-
                       ons- und Vermarktungsprozesse sowie            Möglichkeiten für eine indiviuelle Produk-     che die subtraktive und additive Bearbei-
                       Transport- und Lagerprozesse. Dabei be-        tion. Durch die Verknüpfung und Integra-       tung in einer Maschine verbinden. Durch die
                       zieht sich der Begriff Netzwerk auch auf       tion des Internets in den Prozess der addi-    Kombination von geringem Materialver-
                       unternehmensübergreifende Prozesse,            tiven Fertigung können völlig neue Wert-       brauch und dem Bearbeiten von komplexen
                       welche die Lieferantenkette mit einbinden      schöpfungsmodelle entstehen.                   Teilen sowie dem exakten Bohren, Fräsen
                       und bei denen die Wertschöpfungsstufen                                                        und Drehen auf nur einer Maschine sind
                       eng miteinander verbunden sind. Automa-        Ergänzung                                      keine Maschinenwechsel mehr nötig und
                       tisierte Supply Chains stellen oftmals ver-    bestehender Verfahren                          die Bearbeitung kann beliebig nacheinander
                       netzte Produktionssystemumgebungen                                                            erfolgen bzw. gemixt werden.
                       dar, die mithilfe von Mensch-Maschinen-        3D-Druck kommt derzeit häufig als Ergän-
                       Schnittstellen die Kommunikation zwi-          zung bestehender Fertigungsverfahren zum       Genaue Planung
                       schen den Maschinen und Produktionsan-         Einsatz. Die Integration des Verfahrens kann
                       lagen sicherstellen. Kerninnovationen der      in Zeiten individueller Kundenwünsche          Additiv gefertigte Teile müssen zum Teil
                       Industrie 4.0 ist die intelligente Steuerung   einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil        nachhärten, gereinigt oder lackiert und um

                           IT&Production 12/2018
LIEFERKETTEN | ADDITIVE FERTIGUNG

Stützstrukturen, Passungen, Ge-
winde und Bohrungen ergänzt
werden. Diese Nachbearbeitung
ist in hybriden Werkzeugma-
schinen integriert und sorgt so
für eine vollautomatische Pro-
zessabwicklung. Die Implemen-
tierung dieser Technologie be-
darf jedoch einer genauen Pla-
nung und bindet die Prozesse
und Mitarbeiter mit ein. Integra-
tionsprobleme treten häufig
schon zu Beginn auf, da Unter-
nehmen in unpassende 3D-Dru-
cker investieren, das nötige
Knowhow fehlt und keine Pläne
für weitere Implementierungs-
prozesse haben. Parameter müs-
sen korrekt eingestellt sein und Mitarbei-
ter müssen bereits auf Shop-Floor-Ebene                Bild: www.scheer-innovation-review.de

sensibilisiert und mit der neuen Technik
                                                Unternehmen sollten sich der Frage stellen, an welcher Stelle 3D-Druck zum Einsatz kommen soll.
vertraut gemacht werden. Nachgelagerte
Prozesse müssen ebenfalls beachtet und
aufeinander abgestimmt werden.                  der Mitarbeiter notwendig. Denn um                   ren. Die Kompetenzgruppe Additive Ferti-
                                                einen Druckvorgang mit einer ausrei-                 gung des Fraunhofer IML und der TU Dort-
Geringere Komplexität                           chenden Prozesssicherheit zu gewähr-                 mund erforscht u.a. diesen Punkt und bietet
                                                leisten, ist die Einstellung von richtigen           Lösungen für eine erfolgreiche Implementie-
Vorteile durch additive Fertigung werden        Parameter unter Berücksichtigung vieler              rungsphase von additiven Fertigungsstruktu-
vor allem in der Komplexitätsreduktion und      verschiedener Faktoren notwendig. An-                ren in bestehende Unternehmensprozesse.
Funktionsintegration von Bauteilen sicht-       schließend stellt sich die Frage, an wel-            Sie entwickelt Methoden hinsichtlich zu-
bar: Unterschiedlichste Komponenten aus         cher Stelle des Produktentstehungspro-               kunftsträchtiger Integrationsszenarien, damit
bislang verschiedenen einzelnen Ferti-          zesses die Technologie zum Einsatz kom-              ein wirtschaftlich sinnvoller Einsatz von ad-
gungsprozessen können in einem Prozess-         men soll. Bei der Fremdproduktion wird               ditiver Fertigung erreicht wird. 3D-Drucker
schritt gefertigt werden. Lagerkosten und       ein Dritter befähigt, die unternehmensei-            werden in der Zukunft das gesamte Dienst-
Prozesskosten werden durch weniger Ar-          genen Konstruktionen und Bauteile zu                 leistungsgeschäft von Auftragsfertigern
beitsschritte reduziert und Lieferzeiten ver-   drucken, die nach der Fertigung so in                grundlegend verändern. Dezentrale 3D-Druck
kürzt. Der Wegfall von Rüstzeiten sowie die     den Ablaufprozess eingebunden werden                 Hubs können entstehen, welche eine Versor-
schnelle Anpassung der 3D-Druck-Daten           müssen, dass der eigene Abwicklungs-                 gung mit additiven Bauteilen von mehreren
generieren Vorteile gegenüber konventio-        prozess nicht unterbrochen wird. Dabei               Partnern ermöglichen. Das ist vor allem für
nellen Fertigungsverfahren. Bauteile kön-       stellt sich die Frage, wie der Transfer von          die Ersatzteilversorgung direkt am Bedarfs-
nen individuell nach Kundenwunsch oder          Knowhow und des geistigen Eigentums,                 ort eine interessante Alternative, auch ohne
Einsatzbereich modifiziert werden und           beispielsweise bei einer Konstruktions-              die Notwendigkeit für Unternehmen eigene
durch den 3D-Druck bedarfsgerecht und           zeichnung, sicher und manipulationsfrei              Kapazitäten und eigenes Knowhow im Be-
dezentralisiert ausgedruckt und müssen          abgewickelt werden kann. Dafür gilt es,              reich 3D-Druck aufzubauen.                 ■
nicht mehr im Lager vorgehalten werden.         neue Techniken im Bereich des Daten-
                                                schutzes zu entwickeln, um Diebstahl                       Die Autoren sind Christoph Besenfelder,
Im Haus oder außer Haus?                        und Datenpiraterie zu verhindern. Bei                     Forschungskoordinator im Institutsbereich
                                                neuen Zuliefererpartnern müssen dafür                  Unternehmenslogistik am Fraunhofer-Institut für
Bei der Integration von additiven Ferti-        initiale Bedingungen und Zertifizierun-                        Materialfluss und Logistik (IML),
gungstechnologien in die Wertschöp-             gen festgelegt werden, damit diese                    Stephanie Niehues, wissenschaftliche Mitarbeiterin,
fungskette eines Unternehmens gilt es           überhaupt als Zulieferer agieren können.                und Henriette Pracht, studentische Hilfskraft am
sich der Frage zu widmen, ob das Unter-                                                                     Lehrstuhl für Unternehmenslogistik der
nehmen selbst 3D-Druck-Kapazitäten              Partner verlieren an Bedeutung                                Technischen Universität Dortmund.
aufbauen möchte, oder ob dies über
einen Dienstleister geschehen soll. In          Auf der anderen Seite werden Partner
beiden Fällen sind eigene 3D-Druck-             durch den Einsatz von additiver Fertigung                        www.iml.fraunhofer.de
Kompetenzen und Knowhow auf Seiten              gar wegfallen bzw. an Wichtigkeit verlie-                       www.lfo.tu-dortmund.de

                                                                                                                     IT&Production 12/2018
086_ITP_April_2018.pdf 26.03.2018 16:19 Seite 86

             ADDITIVE FERTIGUNG | LuftfAHrt

                                     Bis zu 63 Tonnen Kerosin sparen – pro Jahr
  Halle 6
  Stand H28                          Produktdesign ex Machina
  Halle 3
  Stand 3318
               Bild: Autodesk GmbH

                                     Das große Gewicht der Maschinen treibt die Treibstoffkosten für Flugzeuge in die Höhe.
                                     Gewichtsreduktion scheint, bei all der Technik an Bord, nur schwer möglich. Im Pier 9 Tech-
                                     nology Center von Autodesk in San Francisco haben sich Wissenschaftler mit dem Problem
                                     befasst. Das Ergebnis ist ein aus Magnesium gefertigter Sitzrahmen für Verkehrsflugzeuge.
                                     Ein Airbus A380, der mit diesen Rahmen ausgestattet ist, sollte aufgrund der Gewichtsein-
                                     sparung 63 Tonnen Kerosin pro Jahr weniger verbrennen.

                                     D
                                              er Sitzrahmen ist mit seinen 766    Kohlenstoffdioxid aus. Beim zweistöcki-         ger wiegen. Das speziell für additive ferti-
                                              Gramm insgesamt 906 Gramm           gen A380 fallen sogar 190 tonnen weg.           gungsmethoden entwickelte Designpro-
                                              und somit 56 Prozent leichter als                                                   gramm Autodesk Netfabb optimierte auf
                                     derzeit im flugzeugbau standardmäßig         Algorithmus optimiert Design                    Grundlage der durch das team vorgegebe-
                                     eingesetzten Varianten. Bei einem Airbus                                                     nen Bedingungen die Gitter- und Oberflä-
                                     A321 bedeutet dies eine Gewichtsreduk-       für die Neuentwicklung setzten Andreas          chenstruktur des rahmens eigenständig.
                                     tion von 214 Kilogramm, beim Airbus          Bastian, Principal research Scientist bei Au-   Das resultat war eine verwindungssteife
                                     A380 sogar 557 Kilogramm. Ein A321 ver-      todesk, und sein team auf ein recht neues       Struktur. Diese brachte wiederum neue He-
                                     braucht dadurch fast 10 tonnen weniger       Konzept: das generative Design. Ein Soft-       rausforderungen mit sich. Der computerge-
                                     Kerosin pro Jahr, ein A380 kommt auf         ware-Algorithmus entwickelte dabei auf          nerierte Entwurf hätte sich nämlich nur sehr
                                     eine Ersparnis von 63 tonnen. Auch der       Grundlage genauer Vorgaben der forscher         schwer und damit kostenintensiv mit klassi-
                                     Ausstoß von treibhausgasen verringert        selbstständig den Entwurf. So sollte der        schen fertigungsmethoden wie dem Me-
                                     sich durch den Einbau der neuen Sitze:       Sitzrahmen mindestens die gleiche Stabilität    tallguss reproduzieren lassen. Auch die Git-
                                     Die kleine Maschine stößt dank der Ge-       aufweisen wie die derzeit am Markt verfüg-      terstruktur des Sitzrahmens im rein additi-
                                     wichtsersparnis fast 29 tonnen weniger       baren Produkte, gleichzeitig aber viel weni-    ven Verfahren, also per 3D-Metalldruck, zu

                                     IT&Production 4/2018
087_ITP_April_2018.pdf 26.03.2018 16:19 Seite 87

                                                                                                                                                  LUFTFAHRT | ADDITIVE FERTIGUNG

                                                                                                                                                              noch weitgehend neue An-
                                                                                                                                                              sätze“, sagt Paul Leonhard
                                                                                                                                                              von Aristo Cast. Die Projekt-
                                                                                                                                                              verantwortlichen aus Michi-
                                                                                                                                                              gan hatten zudem eine wei-
                                                                                                                                                              tere Idee, um das Gewicht
                                                                                                                                                              des Sitzrahmens zu reduzie-
                                                                                                                                                              ren. Sie empfahlen ihn aus
                                                                                                                                                              Magnesium zu fertigen, an-
                                                                                                                                                              statt auf das im Flugzeug-
                                                                                                                                                              bau verbreitete Aluminium
                                                                                                                                                              zu setzen. Dies erhöhte
                                                                                                                                                              zwar den Fertigungsauf-
                                                                                                                                                              wand, bedeutete aber eine
                                                                                                                                                              zusätzliche Gewichtserspar-
                                                                                                                                                              nis von 35 Prozent gegen-
                                                   Die Positivform dient als Vorlage für Ke-
                            Bild:: Autodesk GmbH

                                                                                                                                                              über der ursprünglich ge-
                                                   ramikgussformen. Diese werden dann für
                                                                                                                                                              planten Ausführung in Alu-
                                                   die Herstellung der eigentlichen Sitze im
                                                   Metallgussverfahren verwendet.                                                                             minium. Im klassischen De-
                                                                                                                                                              signprozess hätte diese Ent-
                                                                                                                                                              scheidung den Herstel-
                                                                                                                                                              lungsprozess deutlich ver-
                                                                                                                                                              kompliziert. Bastian und
                                                                                                                                                              sein Team ließen den Desig-
                                                                                                                                                              nentwurf daher mit Blick
                                                                                                                                                              auf das neue Fertigungsma-
                                                                                                                                                              terial in Nettfab prüfen. Die-
                                                                                                                                                              ser erneute Durchlauf
      Bild: Autodesk GmbH

                                                                                                                                                              zeigte, dass die Verände-
                                                                                                                                                              rung des Materials keine
                                                                                                                                                              Einschränkungen mit sich
                                                                                                                                                              brachte. Im Gegenteil, er
                               fertigen war keine Option – bei der Verar-                      Denn die komplexe Struktur des Sitzes ließ       bestätigte die gewünschten Eigenschaf-
                               beitung von Metallen im 3D-Druck gibt es                        sich im 3D-Druckverfahren wesentlich ein-        ten des Entwurfs: vergleichbare Stabilität
                               immer noch starke Einschränkungen, was                          facher umsetzen, als beim klassischen Guss-      bei wesentlich geringerem Gewicht. Eine
                               die Zahl der möglichen Materialen anbe-                         verfahren. Das wiederum erlaubte die Wahl        Serienfertigung des Leichtbau-Sitzrah-
                               langt. Anders ist das beim Metallgussverfah-                    des bestmöglichen Materials. So wurden zu-       mens aus Magnesium ist somit möglich.
                               ren. Dabei können hunderte verschiedene                         nächst die Positivformen der Sitzrahmen
                               Legierungen mit den unterschiedlichsten                         aus Plastik gedruckt – Plastik deshalb, weil     Verfahren mit Potenzial
                               Materialeigenschaften verarbeitet werden.                       es günstiger sowie schneller und unkompli-
                               „Die additive Fertigung hat ein riesiges Po-                    zierter zu verarbeiten ist als Metall. Die Po-   Die hybride Fertigung hat in Kombination
                               tential, die Zukunft der Produktion zu be-                      sitivform diente als Vorlage für Keramik-        mit innovativen Entwicklungsverfahren wie
                               stimmen. Für Produktentwickler und Kon-                         gussformen, die dann für die Herstellung der     dem generativen Design großes Potential,
                               strukteure ist sie aber immer noch ein ex-                      eigentlichen Sitze im Metallgussverfahren        um die Zukunft der Produktion zu bestim-
                               trem neues Konzept. Das Metallgussverfah-                       verwendet wurden. Durch diese Methode            men. Allerdings ist es wichtig, diesen Ansatz
                               ren wurde dagegen über Jahrtausende per-                        lassen sich große Stückzahlen einfach und        schon in der Entwicklungsphase miteinzu-
                               fektioniert. Zahllose Experten, Ingenieure,                     günstig produzieren.                             beziehen, um seinen Nutzen zu maximieren.
                               Gießereien und Fabriken verfügen hier über                                                                       Die notwendigen Werkzeuge dafür stehen
                               tiefgreifendes Fachwissen. Das ist unglaub-                     Magnesium statt Aluminium                        bereits zur Verfügung. Doch auch Experten-
                               lich wertvoll, gerade auch bei besonders                                                                         wissen sollte in diesem Zusammenhang
                               aufwändig zu fertigenden Bauteilen wie un-                      Die tatsächliche Fertigung der Sitzrahmen        nicht unterschätzt werden.                 ■
                               serem Sitzrahmen“, erklärt Bastian.                             übernahm die Gießerei Aristo Cast aus Mi-
                                                                                               chigan. „Wir waren gleich von der Idee
                               Verfahren kombinieren                                           begeistert. Auch wir haben dabei viel über            Der Autor Mikey Wakefield ist Fusion
                                                                                               generatives Design und additive Optimie-               Evangelist bei der Autodesk GmbH.
                               Eine Kombination aus beiden Verfahren er-                       rungsmöglichkeiten im Fertigungsprozess
                               wies sich am Ende als die beste Lösung.                         gelernt. Beides sind für unsere Branche                      www.autodesk.de

                                                                                                                                                                IT&Production 4/2018
140410_voxeljet AG_RPEW_ADM_ITP 27.03.2018 13:50 Seite 88

            ADDITIVE FERTIGUNG | WERKSTOFFE

                                 Beton aus dem Drucker
                                                                                                          Nomalerweise befasst sich die IT&Pro-
                                                                                                          duction nicht groß mit Unternehmenslo-
                                                                                                          gos. Im Fall des Firmensteins von Voxeljet
             Bild: Voxeljet AG

                                                                                                          geht es nicht um die Markenbotschaft, son-
                                                                                                          dern die Fertigungstechniken 3D-Druck
                                                                                                          und Betonguss. Statt von einem Festkörper
                                                                                                          Material abzutragen, wurden Formen ge-
                                                                                                          druckt und später mit flüssigem Beton ge-
                                                                                                          füllt – neue Formgebungstechniken und
                                                                                                          Hightech-Beton als Inspiration für Produkt-
                                                                                                          entwickler und Designer.

                                 U
                                          m den größstmöglichen Nutzen           liegt im werkzeuglosen, kostenoptimierten      komplexe Geometrien mit Hinterschnei-
                                          aus additiven Fertigungsverfahren      Fertigungsprozess. Der Firmenstein entstand    dungen und gewollten Unebenheiten pro-
                                          zu schöpfen, müssen sich Inge-         in einem gemeinsamen Projekt mit der           blemlos realisieren.“, sagt Tobias King, Di-
                                 nieure kreativ mit traditionellen Methoden      Dade Design AG, einem Spezialisten für Hig-    rector Applications bei Voxeljet. Für den
                                 und Werkstoffen auseinandersetzen. Denn         hend-Betondesign und Formenbau.                Druck wurde die fertige Datei auf ein 3D-
                                 obwohl Unternehmen in zahlreichen An-                                                          Drucksystem des Herstellers geladen. Das
                                 wendungen mit 3D-Druck bereits handfeste        Von CAD-Datei zum Objekt                       3D-Drucksystem fertigte die Schalung
                                 Kosten- und Zeitvorteile erzielen, bieten                                                      dann über Nacht in einem Arbeitsgang im
                                 diese jungen Verfahren noch viel Raum für       Am Anfang stand das CAD-Design. Um an-         VX4000, dem größten industriellen 3D-
                                 Experimente. Als solches ist wohl der Fir-      schließend die Vorteile des 3D-Drucks aus-     Drucksystem mit einem zusammenhän-
                                 menstein zu verstehen, den sich der 3D-         zunutzen, entschied sich Voxeljet für eine     genden Bauraum von 4x2x1 Meter (LxBxH).
                                 Druck-Anbieter Voxeljet für seinen Haupt-       Hybridschalung, eine Kombination aus ge-       Das VX4000 trägt Sand in einer Schicht
                                 sitz im bayrischen Friedberg hergestellt hat.   druckten und herkömmlichen Schalungs-          von 300 Mikrometern auf die Baufläche
                                                                                 elementen. Die 3D-gedruckten Elemente          auf, bevor der Druckkopf die Schichten se-
                                 Spielwiese für Designer                         beschränkten sich dabei auf den komple-        lektiv mit einem Bindemittel verklebt. An-
                                                                                 xen Teil, die Front des Firmensteins. Einfa-   schließend wurde das Rohteil gesäubert
                                 Voxeljet ist auf den 3D-Druck von komple-       chere Geometrien, wie die geraden Flä-
                                 xen Formen und Kernen aus Sand für die          chen, werden mit konventionellen Holz-
                                 metallverarbeitende Industrie spezialisiert.    schalungen abgebildet. Der komplexe Teil
                                 Genauso wie Metall lässt sich auch Beton in     des Firmensteins besteht im Wesentlichen
                                 diese sandgedruckten Formen gießen. Mit         aus der Gesteinsstruktur mit dem integrier-
                                 dem Druck von Sandformen entstehen              ten Logo, das aus der Hintergrund-
                                 dabei, je nach Anwendung und Komplexität,       struktur hervorragt. „Durch die
                                 sowohl wiederverwendbare als auch verlo-        Gestaltungsfreiheit des 3D-
                                                                                                                                                     G
                                 rene Schalungen. Der Vorteil von 3D-Druck       Drucks lassen sich selbst hoch-                             xeljet A
                                                                                                                                     Bild: Vo

                                 Links: Der Firmenstein nach
                                 dem Entfernen der konven-
                                 tionellen Schalung.

                                 Rechts: Zuerst wurden die
                                 Buchstaben abgegossen.
                                 Damit sie besser in die ge-
                                 druckte Form passen und
                                                                                                                                                                               Bilder: Voxeljet AG

                                 sich leichter aus dieser lösen
                                 lassen, wurden sie mit
                                 Trennmittel beschichtet.

                                  IT&Production 4/2018
089_ITP_April_2018.pdf 26.03.2018 16:39 Seite 89

                                                                                                            Simulating Manufacturing

                                                                                                           Simufact Additive:
                                                                                                           Additive Fertigung von
                                                                                                           Metallteilen simulieren
        Bild: Voxeljet AG

                       Teil des Firmenlogos mit aufgetragenem Trennmittel

                       und mit einer PU-Dispersion bearbeitet, um Poren zu schließen und
                       gleichzeitig die Formenoberfläche zu versiegeln.

                       Das Gießen des Betonblocks

                       Dann verschickte Voxeljet die nachbehandelte Form zum Guss in die
                       Schweiz zu Dade Design. Damit sich die Sandform nach dem Guss
                       leichter vom Beton entfernen lässt, tragen die Schweizer ein Trenn-
                       mittel auf. Nach dem Aushärten des gedruckten Logos, wurde im
                       zweiten Schritt der Rest des Firmensteins gegossen. Dafür verwen-
                       dete das Unternehmen einen selbstverdichtenden Beton, UHPC oder
                       Ultra-High Performance Concrete genannt. Bereits nach rund 20
                       Stunden war der Beton komplett ausgehärtet, und die Schalung
                       konnte vorsichtig entfernt werden. Nach dem Entfernen der Scha-
                       lung war der Firmenstein so gut wie fertig. Für den letzten Schliff ver-             Optimieren Sie Ihre
                       liehen Mitarbeiter von Dade Design dem Stein eine sogenannte Be-
                       tonkosmetik, wobei sie den Beton polierten, um eine gleichmäßige                     AM Prozesskette:
                       und glatte Oberfläche zu erhalten. Das Resultat der ersten Versuche
                       im Betonguss kann sich sehen lassen. Und die beiden Unternehmen                      • Verzüge im fertigen Bauteil bestimmen und reduzieren
                       konnten im Projekt erste Erfahrungen sammeln, wie sich 3D-Druck-                     • Restspannungen im Bauteil minimieren
                       Technologie und UHPC-Beton miteinander kombinieren lassen. Zeug-
                                                                                                            • Baurichtung und Stützstrukturen optimieren
                       nis darüber legt der fertige Stein ab, der am Eingang des Voxeljet-
                       Verwaltungsgebäudes in Friedberg steht.                               ■
                                                                                                            • Bauteil aufbereiten nach der Wärmebehandlung,
                                                                                                              Entfernen von Basisplatte und Stützstrukturen,
                                              Nach Material der Voxeljet AG.                                  Hot Isostatic Pressing (HIP)
                                                                                                            • Vorverformte Teilegeometrien neuberechnen
                                                  www.voxeljet.de                                           • Einflüsse der Bodenplatte auf das Bauteil vorhersagen

                                                                                                      PART OF
       Bild: Voxeljet AG

                                                                                                      19. RoundTable
                                                                                                                Simulating Manufacturing
                                                                                                                                           AM-Vorträge und Aussteller beim
                       Von weitem schlicht, doch komplex geformt: Das Logo ragt mit deutlichen Hin-                                        19. RoundTable - besuchen Sie uns!
                       terschneidungen aus einer Felsformation heraus.                                                                     Mehr erfahren:
                                                                                                       16.05.-17.05.2018                   http://roundtable.simufact.de/
                                                                                                       Marburg                             programm.html
090_ITP_April_2018.pdf 26.03.2018 16:46 Seite 90

              ADDITIVE FERTIGUNG | DESKTOP-3D-DRUCKER

                 Verfahren mit Potenzial
  Halle 6
  Stand J01      3D-Druck für die Industrie
                 Umfragen zufolge steht die hiesige Industrie bei der generativen Fertigung weltweit vorne.
                 Eine Verdrängung traditioneller Produktionsmethoden ist zwar nicht in Sicht, schon gar
                 nicht in der Massenfertigung. Aber es gibt Aufgaben wie den Werkzeugbau, die bald eine
                 vom 3D-Druck getriebene Revolution erfahren könnten. Dass es dabei nicht immer Metall-
                 druck sein muss, zeigen die Desktop 3D-Drucker von Ultimaker, die Kunststofffilamente in
                 hoher Qualität drucken und deutlich mehr als Prototypenbau auf dem Kasten haben.

                 K
                          osten, Produktivitätsgewinn und
                          Zeitersparnis zählen zu den klassi-
                          schen Kriterien einer Investitions-
                 entscheidung – insbesondere dann, wenn
                 es um Produktionsmittel geht. Vor allem
                 beim Prototyping sowie bei Kleinserien
                 spielen 3D-Drucker heute ihre Vorteile aus.
                 Mit den Verfahren der additiven Fertigung
                 entfällt das Herstellen von Formen und die
                 Rüstzeit bei Maschinen. Im Vergleich zu
                 substraktiven Verfahren (zum Beispiel die
                 spanende Fertigung) entfallen auch oft
                 ganze Bearbeitungsschritte. Dazu kommt,
                 dass ein 3D-Druck meist weniger Energie
                 verbraucht als das traditionell hergestellte
                 Pendant. Das gilt im Allge-

                                                                                                                                                               Bild: Ultimaker B.V.
                 meinen für die unterschiedli-      Die additive Fertigung ist bereits
                 chen Verfahren des 3D-             dabei, den Werkzeugbau zu revo-
                 Drucks sowie für verschie-         lutionieren. Das Volkswagen-Werk
                 dene Werkstoffe. Bei großen        Autoeuropa in Portugal rechnet
                 Stückzahlen, in der Serien-        damit, bei den Aufwendungen für          mit klassischen     oft Wochen dauerten, können jetzt über
                 fertigung und wenn es um           Werkzeug und Montageeinrich-             Fertigungsver-      Nacht optimiert werden. Wenn die Soft-
                 metallische Werkstoffe geht,       tungen durch die Umstellung auf          fahren so nicht     ware mitspielt, lassen sich 3D-Modelle per
                 ist der 3D-Druck hingegen          3D-Druck im letzten Jahr 325.000         realisieren kann,   Klick verändern und Designs umgehend
                 im Nachteil. Dennoch gibt es       Euro gespart zu haben.                   etwa Strukturen     digital simulieren. Läuft der Druck über
                 immer mehr Beispiele, wo                                                    innerhalb von       Nacht durch, können am Morgen die
                 3D-Drucker eine zentrale und sogar strate-       Hohlkörpern. Oder bionische Konstruktio-       nächsten Tests beginnen. Der Erfolgsfak-
                 gische Rolle in der Fertigung einnehmen.         nen, wie sie Knochen mit ihren Verstei-        tor für diese Disruption ist der Entwickler
                 Gerade zur Verarbeitung von Kunststoffen         fungsstrukturen haben. Diese haben die         selbst. Zwar sind moderne Konstruktions-
                 gibt es 3D-Drucker, die selbst nach indus-       gleichen Steifigkeits- und Lastwerte wie       und Simulationstools erforderlich, um
                 triellen Maßstäben präzise, hochwertig und       regulär gefertigte Bauteile, sind aber         Vorteile auf generativen Verfahren zu
                 zuverlässig arbeiten. Vor allem aber zeigt       deutlich leichter. Darüber hinaus muss         schöpfen. Doch der Konstrukteur muss –
                 ‘Additive Manufacturing’ seine Stärken, wo       sich der Entwickler beim Entwurf keine         vielleicht entgegen jahrelanger Routine –
                 konventionelle Fertigung an Grenzen stößt.       Gedanken um die Frage machen, ob sich          den Verbesserungen auf die Spur kom-
                                                                  die Konstruktion überhaupt fertigen lässt.     men: Etwa Ideen für Gitterstrukturen ent-
                 Potenzial zur Disruption                         Gleichzeitig ist die iterative Schleife von    wickeln oder nach Volumenanteilen su-
                                                                  Konstruktion, Test des Bauteils und über-      chen, die keine Last aufnehmen, aber bis-
                 Mit 3D-Druckern können Geometrien und            arbeiteter Konstruktion mit Verfahren des      her auf Grund des Fertigungsverfahrens
                 Konstruktionen erstellt werden, die man          3D-Drucks schneller. Prozesse, die bisher      im Bauteil vorhanden waren.

                  IT&Production 4/2018
091_ITP_April_2018.pdf 26.03.2018 16:46 Seite 91

                                                                                                                            DESKTOP-3D-DRUCKER | ADDITIVE FERTIGUNG

                              Neue Geschäftsmodelle                                 selbst. Das Resultat: 91 Prozent geringere            Software im professionellen Betrieb ein-
                                                                                    Werkzeugentwicklungskosten und 95 Pro-                fach bedienen lassen und die Hardware
                              Mit 3D-Druck lassen sich Produkte so                  zent kürzere Entwicklungszeiten. Das                  präzise steuern. Die mechanischen Be-
                              preiswert und einfach wie nie zuvor indi-             Werk sparte im Jahr 2016 geschätzt                    wegungen des Extruders zu kontrollie-
                              vidualisieren. Designoptionen für Schuhe,             150.000 Euro, für 2017 rechnen die Verant-            ren, ist komplex und Unterbrechungen
                              Brillen und vieles andere lassen sich als             wortlichen mit einer Ersparnis von 325.000            beim Druckvorgang sind kritisch. Da die
                              Druckprogramme hinterlegen und den                    Euro. Hinzu kommt, dass sich Werkzeuge                Herstellung von komplexen Werkstücken
                              Endkonsumenten anbieten. Der Käufer                   ergonomischer gestalten lassen, da sich               mehrere Stunden dauern kann und so oft
                              wählt und ein Drucker (unter Umständen                Feedback von Arbeitern viel leichter in               über Nacht geschieht, muss die Software
                              sogar vor Ort) druckt das gewünschte                  Design-Iterationen einbringen lässt.                  derartige Herausforderungen bewälti-
                              Teil aus. Dieses Prinzip gilt auch für die                                                                  gen, ohne dass es zu Qualitätsverlusten
                              produzierende Industrie: Bauteile, Kom-               Voraussetzung für 3D-Druck                            kommt oder der Druck gar abgerochen
                              ponenten aus Plastik, aber auch Monta-                                                                      wird. Die verschiedenen Kunststofffila-
                              gevorrichtungen oder Werkzeuge für die                Die Druckqualität bei Kunststofffilamen-              mente verhalten sich im Druckverfahren
                              Produktion können aus dem 3D-Drucker                  ten hat längst ein Niveau erreicht, dass              unterschiedlich und Kriterien wie
                              kommen. Damit entfallen wichtige Ele-                 auch industriellen Qualitätsansprüchen                Schichtstärke sowie Masse des aufgetra-
                              mente der Logistikkette. Manches muss                 genügt. Ultimaker, ein niederländischer               genen Materials beeinflussen den Druck-
                              nicht mehr zentral produziert werden,                 Anbieter von Desktop-3D-Druckern kann                 vorgang und müssen gesteuert werden.
                              um es dann zu verschicken. Erzeugnisse                etwa bis zu 0,02 Millimeter feine Schich-             Die Software sollte also erkennen, mit
                              können an regionalen Standorten herge-                ten auftragen. Für Menschen sind die                  welchen Materialien ein Drucker be-
                              stellt werden – oder im Laden selbst. Po-             einzelnen Schichten praktisch nicht mehr              stückt ist und die Aufträge entsprechend
                              tential bietet auch das Ersatzgeschäft. Es            zusehen oder zu fühlen. Das Verfahren                 konfigurieren. Für den industriellen Ein-
                              könnte künftig immer weniger auf Lager                selbst – also die Hardware-Anforderun-                satz sollten zudem mehrere Drucker über
                              produziert werden, sondern nach Bedarf.               gen der Drucker– ist weiterhin sehr                   eine Oberfläche gesteuert werden kön-
                              Für viele Produkte entfallen die Abkündi-             wichtig, mittlerweile jedoch nicht mehr               nen: Netzwerkfunktionen müssen Dru-
                              gungen. Solange es die CAD-Datei des                  das zentrale Kriterium für den Einsatz                cker auswählen, gruppieren, in der War-
                              Bauteils gibt, druckt man es nach.                    von 3D-Druck. Oft fehlt es den produzie-              teschlange organisieren und Druckvor-
                                                                                    renden Unternehmen schlicht an Erfah-                 gänge überwachen sowie Wartungsauf-
                              95 Prozent der Kosten gespart                         rungen auf diesem Feld, die sich aber                 träge planen können. Zudem können ak-
                                                                                    durch die Zusammenarbeit mit einem ex-                tuelle Systeme Mitarbeiter benachrichti-
                              Ob es um Prototypen, Kleinserien oder                 ternen Anbieter kompensieren ließe.                   gen, wenn sie gewartet werden müssen.
                              um echte Massenproduktion geht, die                   Neben dem Knowhow der Mitarbeiter ist
                              Möglichkeiten des 3D-Drucks für Kon-                  die Software der entscheidende Faktor.                Innovationen aus Kunststoff
                              struktion, Design und Innovation sind                 Zum einen muss der 3D-Drucker Daten
                              noch beinahe unerschlossen. Doch schon                aus den gängigen CAD-, CAM- und PLM-                  Die additive Fertiung von Metall spielt
                              heute zeigen praktische Anwendungen,                  Lösungen verarbeiten können. Das heißt                schon heute eine wichtige Rolle und gilt
                              wie sich die Geschäftsmodelle künftig                 eine 3D-Zeichnung muss in Scheiben (Sli-              vielen als der Erfolgsfaktor dieser Techno-
                              verschieben könnten. Das Werk von                     ces) geschnitten werden, die ein 3D-Dru-              logien für den industriellen Einsatz. Aber
                              Volkswagen Autoeuropa in Portugal                     cker verarbeiten kann. Gängige Formate                noch werden am häufigsten Polymere im
                              druckt zum Beispiel seine Werkzeuge,                  sind heute STL, 3MF und OBJ. Neben den                3D-Druck verwendet und es gibt Szena-
                              Montagevorrichtungen und Halterungen                  Schnittstellen muss sich eine Slicing-                rien, in denen Kunststoffe konstruktions-
                                                                                                                                          bedingt Metalle ablösen könnten. Zudem
                                                                                                                                          kommen auf der Werkstoffforschung
                                                                                                                                          immer wieder polymere Innovationen, die
                                                                                                                                          sich statt Metall verwenden lassen, ohne
                                                                                                                                          die Funktionalität einzuschränken. Und
                                                                                                                                          nicht zuletzt lassen sich über 3D-Druck
                                                                                                                                          bisher unmögliche Geometrien und Struk-
                                                                                                                                          turen realisieren. So könnte ein ausgeklü-
                                                                                                                                          geltes Kunststoffteil die leichtere, stabi-
                                                                                                                                          lere oder einfach die günstigere Alterna-
                                                                                                                                          tive zu einem Metallteil sein.           ■
       Bild: Ultimaker B.V.

                                                                                                                                          Der Autor Paul Heiden ist Senior Vice President
                                                                                                                                               Product Managementbei Ultimaker.
                              Auto-Tuning Frontleuchteneinsatz: Vom vierstelligen Betrag auf 17 Dollar pro Teil - 3D Druck ersetzt CNC-
                              gefräste Produktion und Handarbeit.                                                                                   www.ultimaker.com

                                                                                                                                                          IT&Production 4/2018
092_ITP_April_2018.pdf 26.03.2018 16:51 Seite 92

             ADDITIVE FERTIGUNG | RApiD pRototypinG

                 Prototypen am Schreibtisch drucken
                 Das Büro mit Werkstatt
                                               Bild: Encee CAD-CAM Systeme GmbH

                                                                                                    Die Encee CAD/CAM-Systeme GmbH in
                                                                                                    Amberg ist eines der ersten Unternehmen,
                                                                                                    das Technologie des Start-ups Desktop
                                                                                                    Metal in Deutschland anbietet. Mit dem
                                                                                                    kürzlich vorgestellten Studio System des
                                                                                                    amerikanischen Herstellers können Mitar-
                                                                                                    beiter Prototypen aus Metall direkt in
                                                                                                    ihren Büros additiv fertigen.

                 D
                            as Studio System von Desktop                  die Lasertechnologie kann das System di-        werden konnten, ohne dass es zu proble-
                            Metal wurde im Mai 2017 auf den               rekt in Design Studios oder Büros eingesetzt    men bei der toleranz oder dem Einbau in
                            Markt gebracht und ist nach Her-              werden. Um den Schwund und andere               den Formaufbau kam. Anschließend wur-
                 stellerangaben das erste Metall-3D-Druck-                technologische Eigenschaften unterschied-       den einige Kavitätsoberflächen erodiert, um
                 system, das für den Betrieb in Büros ausge-              lichen Materials auszugleichen, werden die      die gewünschte oberflächengüte zu errei-
                 legt ist. Die Lösung ist eigens für die proto-           prozesse von einer webbasierten Software        chen. Die Bediener mussten dazu weder
                 typenherstellung gedacht, während das                    gesteuert, welche jede phase der prozesse       Erodier-parameter für die prototypen ei-
                 production System des gleichen Herstellers               automatisiert. Anwender können über die-        gens anpassen, noch lag der Elektrodenver-
                 hohe Stückzahlen generativ produzieren                   sen Weg aus einem 3DCAD-Modell zügig            schleiß über dem üblichen Maß. nach Mon-
                 soll. Das Studio System ist eine plattform               ein fertiges Bauteil aus Metall erstellen.      tage in den Formaufbau wurden Kunst-
                 bestehend aus Drucker, Debinder und Sin-                                                                 stoffteile aus Acetal – einem abriebfesten,
                 terofen. Die neue technologie des dreistu-               Werkzeug und Formenbau                          reibungsarmen Kunststoff – gespritzt. Der
                 figen prozesses funktioniert mit legierten                                                               testlauf mit circa 100 Zyklen zeigte keine
                 und hochlegierten Stahlsorten sowie mit                  Built-Rite, ein amerikanischer Hersteller von   Fehler in den produzierten Kunststoffteilen
                 Edelstahl, Kupfer und nickel-Cobalt-Legie-               Spritzgieß-Formen in Massachusetts, hat         und der 3D-gedruckte Einsatz zeigte keiner-
                 rungen. in der ersten Stufe des prozesses                das Studio System als einer der ersten An-      lei Verschleißerscheinungen. im Vergleich
                 werden Stäbe, die aus einem in Wachs ge-                 wender für Komponenten von Spritzgieß-          zu dem Angebot einer externen prototy-
                 fassten Metallpulver bestehen, in 50 Mikro-              Formen evaluiert. Ein Werkzeug besteht aus      ping-Werkstatt konnte Built-Rite mit dem
                 meter dicken Schichten auf einer Grund-                  vielen komplexen Kavitäten, Einsätzen und       Studio System die Kosten um 90 prozent
                 platte zu einem Bauteil extrudiert. Dieses               Kühlkanälen und muss wiederholten Stö-          reduzieren, eine Zeitersparnis von 30 pro-
                 ‘Green part’ wird in der Reinigungsstation               ßen und Belastungen durch Hochtempera-          zent erreichen und das Gewicht des Bau-
                 automatisch von den Wachsanteilen befreit.               turpolymere standhalten. Für den test           teils um 41 prozent verringern. Besucher der
                 Anschließend erwärmt der Sinterofen die                  wählte Built-Rite einen bekannten Formein-      Metav in Düsseldorf konnten sich das neue
                 Bauteile, bis das Metall zu einem vollkom-               satz eines Spritzgieß-Werkzeuges aus. nach      System von Desktop Metal auf dem Mes-
                 men dichten teil ohne Eigenspannung im                   der Herstellung mit dem Studio System           sestand von Encee anschauen               ■
                 Gefüge verschmilzt. So lassen sich Bauteile              wurde die oberfläche der 3D-gedruckten
                 mit den Höchstmaßen 255x170x170 Millime-                 Formeinsätze geschliffen, um die geforder-      Der Autor Sebastian Trummer ist Vertriebsleiter
                 ter herstellen. Durch einfache Entfernung                ten toleranzen und oberflächengüten zu             bei der Encee CAD/CAM-Systeme GmbH.
                 der Support-Geometrien von Hand, schnel-                 erreichen. Die Mechaniker stellten anschlie-
                 len Materialwechsel und den Verzicht auf                 ßend fest, dass die teile wie üblich erhitzt                  www.encee.de

                  IT&Production 4/2018
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