Krebs und Sexualität Schwerpunkt

 
Schwerpunkt

Krebs und Sexualität
Stefan Zettl, Heidelberg

                                                                                         Schreer, 1995). Margolis et al. (1990) fin-
  Ist das Thema Sexualität im Zusammenhang mit einer Krebs-                              den dazu in ihrer Vergleichsstudie fol-
  erkrankung überhaupt bedeutsam? Benötigen Krebspatienten und                           gende Ergebnisse: Innerhalb der Grup-
                                                                                         pe der brustamputierten Frauen fühlen
  deren Partner in einer solchen Situation eine Sexualberatung oder                      sich 78 % nach der Behandlung weni-
  -therapie – oder sind sie nicht durch ganz andere Probleme                             ger attraktiv als vorher, während dies nur
  belastet?                                                                              bei 3 % nach einer Lumpektomie (brust-
                                                                                         erhaltende Entfernung des suspekten
                                                                                         Knotens) der Fall ist. Alle Mastektomie-
                                                                                         patientinnen haben das Gefühl, infolge
                                                                                         der Operation unbekleidet unattraktiv
Die Konfrontation mit der Diagnose          ierten Ängste beansprucht sind? Viele        zu sein, jedoch keine in der anderen
„Krebs“ löst bei den Betroffenen und        würden diese Frage sicher verneinen,         Gruppe. Nach einer Ablatio sind 57 %
ihren Angehörigen in besonderer Weise       und für die Mehrzahl der Patienten ist       beschämt über ihre Brust, nach der
Angst und Verunsicherung aus. Gerdes        diese Einschätzung für den Zeitraum der      Lumpektomie nur 6 %. Zum Zeitpunkt
(1984) spricht von einem „Sturz aus der     Ersterkrankung und ihrer stationären         der Interviews lag die Therapie minde-
Wirklichkeit“, der durch die Befundmit-     Therapie auch zutreffend. Mit der Rück-      stens ein Jahr zurück. Aus den Körper-
teilung ausgelöst wird. Bei den seeli-      kehr in die „Normalität“, in den Lebens-     bildveränderungen resultieren häufig
schen Belastungen muß zwischen ver-         alltag werden jedoch auch diese Be-          sexuelle Einschränkungen – allerdings
schiedenen Phänomenen differenziert         dürfnisse wieder bedeutsam – sei es          muß dies keine zwangsläufige Folge
werden: den Beeinträchtigungen durch        durch das Auftauchen eigener Wünsche         sein. Schover et al. (1995) vertreten auf-
die Erkrankung und deren Behandlung         und Phantasien, durch die Erwartungen        grund ihrer retrospektiven Studie an über
als äußere Realität, der spezifischen in-   des Partners oder die ständige Konfron-      200 Frauen die Auffassung, daß der all-
dividuellen Bedeutsamkeit bzw. Bedeu-       tation mit dem Thema Sexualität in der       gemeine Gesundheitszustand, die Qua-
tungserteilung des Traumas als innerer      Umwelt.                                      lität der partnerschaftlichen Beziehung,
Realität und im späteren Verlauf den        In den folgenden Abschnitten werden an       ein schlechtes Körperbild, ein niedriger
Auswirkungen des sog. „Damokles-Syn-        ausgewählten Krebserkrankungen deren         Bildungsstand und das Sexualleben vor
droms“ der Überlebenden: Auch nach          mögliche Auswirkungen auf das sexuel-        Ausbruch der Erkrankung viel bessere
der sog. und inzwischen als zu kurz ge-     le Erleben und Verhalten beschrieben.        Prädiktoren für die spätere Sexualität
griffen anzusehenden „Fünf-Jahres-Hei-                                                   sind als das Ausmaß des Eingriffs.
lung“ sind Rezidive nicht sicher auszu-                                                  Durch die bei dem operativen Eingriff
schließen. Außerdem wird zunehmend                                                       unvermeidliche Durchtrennung von
die Gefahr von Zweitmalignomen deut-        Mammakarzinom                                Nervenbahnen treten in einer Reihe von
lich, die durch manche Krebstherapien                                                    Fällen postoperativ Wund- und Nar-
induziert werden. Eine psychosoziale        Die Brust wird von der Mehrzahl der          benschmerzen auf oder es kann sich
Behandlungsbedürftigkeit wird überein-      Frauen als Symbol ihrer Weiblichkeit,        eine vorübergehende oder auch dauer-
stimmend bei etwa einem Drittel der         der eigenen Identität und erotischen         hafte Taubheit oder Überempfindlichkeit
Krebspatienten gesehen (z. B. Holland u.    Potenz sowie als eine Quelle körperli-       von Hautbezirken entwickeln. Diese
Rowland, 1989). Belastungsreaktionen        cher Lustempfindungen erlebt. Die mei-       kann über die Innenseite des Oberarmes
von Krankheitswert bei Partnern, oft ver-   sten von Brustkrebs betroffenen Frauen       und die Brustwand bis in den Rücken
bunden mit Beziehungsproblemen, wer-        fühlen sich daher sowohl durch die Er-       reichen. In seltenen Fällen kommt es zu
den in 25 – 50 % der Fälle angegeben        krankung als auch durch den bevorste-        „Phantomschmerzen“ der entfernten
(Keller et al., 1995).                      henden Eingriff bedroht. Die allgemei-       Brust, d. h., die Brust wird schmerzhaft
Daher ist die oben gestellte Frage ge-      ne psychische Anpassung nach einem           wahrgenommen, obwohl sie nicht mehr
rechtfertigt: Können sexuelle Beein-        brusterhaltenden Eingriff gelingt deutlich   vorhanden ist. Im Bereich der Opera-
trächtigungen wirklich von Bedeutung        besser als nach einer Mastektomie (Ent-      tionsnarbe treten manchmal schmerz-
sein in einer Situation, in der die Pati-   fernung der gesamten Brustdrüse). Das        hafte Spannungszustände auf, die durch
enten vollständig von der Bewältigung       Körperbild wird nicht so sehr beein-         den Verlust mehr oder weniger großer
ihrer Erkrankung und der damit assozi-      trächtigt (de Haes & Welvaart, 1985;         Haut- und Muskelanteile verursacht

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Schwerpunkt
werden. Außerdem ist die normaler-          Zervixkarzinom                                 Symptomatisch empfehlen sich entzün-
weise vorhandene Verschieblichkeit der                                                     dungshemmende Vaginalovula und Sitz-
Haut auf der Unterhaut häufig durch                                                        bäder mit Kamillosan. Zur Prophylaxe
Verklebungen eingeschränkt. Beides          Beim operativen Vorgehen entsteht eine         einer Verengung der Vagina sind die lo-
kann neben der oben beschriebenen ört-      Wunde am Scheidenstumpf, die in der            kale Applikation östrogenhaltiger Salben
lichen Taubheit bzw. Überempfindlich-       Regel nach 2 – 3 Wochen problemlos             sowie die Verwendung von Dilatatoren
keit bei Berührungen Mißempfindungen        verheilt. Außerdem kommt es zu einer           ab 6 Wochen nach Beendigung der The-
auslösen. Regelmäßige gymnastische          Verkürzung der Vagina, die jedoch häu-         rapie sinnvoll. Ebenso hilft die Wieder-
Übungen sowie krankengymnastische           fig keine Beschwerden verursacht oder          aufnahme sexueller Aktivitäten dabei,
Behandlungen können diese Beschwer-         sich durch häufigeren Verkehr von selbst       diese Nebenwirkung zu begrenzen. Die
den schrittweise beseitigen. Die opera-     korrigiert. Bei einem kombinierten chi-        häufig zu beobachtende Tendenz, den
tive und Strahlentherapie im Bereich der    rurgischen und strahlentherapeutischen         Koitus mehr als 3 Monate hinweg nicht
Axilla hat in einer Reihe von Fällen ein    Vorgehen nimmt die Zahl dieser Ne-             zuzulassen, begünstigt dagegen Steno-
Lymphödem zur Folge. Die meisten            benwirkungen deutlich zu. Eine Strah-          sierungen der Vagina. Die Auswirkun-
Ödeme entwickeln sich in den ersten         lentherapie beeinträchtigt die Sexualität      gen der Bestrahlung auf die Ovarien ver-
zwei bis fünf Jahren nach der Primär-       auf unterschiedlichen Ebenen: Als Fol-         ursachen durch in der Folge auftre-
therapie; es können aber auch noch          ge tritt häufig eine radiogene Kolpitis auf;   tende menopausale Beschwerden und
Jahre später neue, nicht krebsbedingte      nach einer perkutanen Bestrahlung              eine mangelnde Lubrikation weitere Be-
Ödeme entstehen; die angegebenen            klingt diese Entzündung in der Regel           schwerden, die durch eine Hormon-
Häufigkeiten schwanken zwischen 28 %        nach wenigen Tagen ab, nach intrava-           substitution zu vermeiden sind.
(Woods et al., 1995) und 38 % (Kissen       ginalen Radium-, Zäsium- oder Iridium-         Bei den unerwünschten Nebenwirkun-
et al., 1986). Die Häufigkeit des Auftre-   einlagen kann sie über Wochen andau-           gen der Strahlentherapie sind auch die
tens ist abhängig von der Radikalität der   ern und allmählich in eine teilweise oder      Auswirkungen auf Blase und Darm zu be-
Therapie, von der Größe des Primärtu-       vollständige Obliteration der Vagina           rücksichtigen. Chronische Entzündun-
mors und dem regionären Lymphknoten-        übergehen. Ebenso besteht die Möglich-         gen, Fistelbildungen und Schmerzemp-
status.                                     keit einer Verengung und Verkürzung der        findungen tragen ebenso zu einer Beein-
Eine adjuvante Chemotherapie führt in       Vagina. Akut, aber auch chronisch wer-         trächtigung der Sexualität bei. Sowohl
Abhängigkeit von der Substanz und Do-       den zystistische und proktitische Pro-         aus der operativen Therapie als auch aus
sierung zu einer vorübergehenden Ame-       bleme berichtet, die sich in Beschwer-         der Strahlentherapie können zusätzlich
norrhö, die aber bei Frauen unter 40 Jah-   den bei der Miktion und Defäkation             Miktionsschwierigkeiten resultieren.
ren häufig reversibel ist. Im Gegensatz     äußern. Sie können ebenso wie Darm-            Die öffentliche Diskussion über mögli-
zu einer alleinigen Hormon- und Strah-      krämpfe aufgrund von Dünndarmsteno-            che Ursachen des Zervixkarzinoms trägt
lentherapie ist das Ausmaß sexueller        sen und Briden (bindegewebige Ver-             bei einigen Frauen mit dazu bei, sexu-
Dysfunktionen (verminderte Appetenz,        wachsungsstränge), Fibrosen im kleinen         elle Kontakte zu vermeiden, um den Tu-
mangelnde vaginale Lubrikation, Dyspa-      Becken und Fistelbildungen im Bereich          mor nicht zu „aktivieren“. Hier sind eine
reunie, sexuelle Befriedigung) nach einer   von Blase, Rektum, Dünndarm und Va-            gründliche Information und Beratung
zusätzlichen Chemotherapie vorüber-         gina das Allgemeinbefinden erheblich           erforderlich.
gehend deutlich erhöht.                     beeinträchtigen. Einige wenige Patien-
Bei der Strahlentherapie kommt es ne-       tinnen berichten nach intrakavitärer Be-
ben akuten lokalen Auswirkungen (z. B.      strahlung über Tenesmen im Bereich des
Rötung bis Blasenbildung der Haut) im       Rektums (Krampf der Verschlußmus-              Endometrium- und
bestrahlten Bereich gelegentlich zu einer   keln), die auch das sexuelle Erleben           Korpuskarzinom
nachfolgend vermehrten Hautpigmen-          negativ beeinflussen. Über Schmerzen
tierung, zu Erweiterungen der Blutgefäße    beim sexuellen Verkehr berichten in den        Die Gebärmutter stellt für viele Frauen
sowie in etwa 6 % der Fälle zu einer        ersten Monaten nach der Therapie etwa          ein wichtiges Organ dar, das insbeson-
Strahlenfibrose mit Verhärtungen oder       40 – 50 % der Frauen, später geht die          dere im Rahmen von Schwangerschaf-
Schrumpfungen des Gewebes.                  Häufigkeit auf 8 – 15 % zurück. Intensität     ten in einer hohen Wertigkeit erlebt wird.
Die Hormontherapie weist im allgemei-       und Häufigkeit dieser Nebenwirkungen           Die Hysterektomie bedeutet den Verlust
nen weniger Nebenwirkungen auf als ei-      hängen von der Bestrahlungstechnik und         der Fortpflanzungsfähigkeit und damit
ne Chemotherapie. Die so behandelten        -dosis sowie der Dauer der vaginalen           einen Einschnitt in das bisherige Körper-
Frauen müssen aber mit den für die          Strahlenbelastung ab. Die Häufigkeit           selbst der Frau. Trotzdem scheint sich für
Wechseljahre typischen Symptomen wie        einer Stenosierung wird in der Literatur       die Mehrzahl der Frauen keine Einschrän-
Hitzewallungen, Schwitzen, Trocken-         sehr unterschiedlich angegeben. Sie            kung des sexuellen Erlebens zu ergeben,
heit der Scheide und dadurch verur-         wird in Erhebungen, in denen sie nicht         zumal durch das operative Vorgehen
sachte Schmerzen beim sexuellen Ver-        explizit erfragt wird, mit 3,7 – 15,0 %        wesentliche (somatische) Quellen des
kehr rechnen. Gelegentlich kommt es zu      angegeben; bei gezielter Untersuchung          Lustempfindens (Klitoris, Schamlippen,
Schlafstörungen, Depressionen sowie         und Befragung wurde sie bei 62 – 88 %          Scheideneingang) nicht beeinträchtigt
einem teilweisen oder vollständigen Ver-    der Frauen gefunden (Wulf & Flentje,           werden. Bei komplikationsloser Wund-
lust des sexuellen Begehrens.               1998).                                         heilung kann das normale Sexualleben

psychomed 12/3, 144 – 150 (2000)                                                                                                 145
Schwerpunkt
nach etwa 4 – 6 Wochen wieder aufge-         einseitige oder beidseitige operative Ent-   Wird eine primäre oder adjuvante
nommen werden. Lubrikationsstörun-           fernung der Eierstöcke führt deshalb         Bestrahlung durchgeführt, kommt es
gen nach einfacher Hysterektomie sind        nicht per se zu einem mangelnden se-         manchmal zu vorübergehenden Ödem-
meist Folge eines Appetenzverlustes, der     xuellen Interesse. Die klinische Beob-       bildungen in der Leistenregion sowie als
psychogen zu erklären ist.                   achtung zeigt jedoch, daß sich viele         Spätfolge zu einer Fibrosierung des
Die empirischen Befunde zu den Folgen        Patientinnen nach diesem Eingriff sexu-      Schwellkörpergewebes, die eine für
der Hysterektomie sind widersprüchlich;      ell zurückziehen. Dagegen führt der bei      eine Erektion ausreichende Blutfülle ver-
während einige Autoren negative Aus-         beidseitiger Ovarektomie verursachte         hindert. Zum Schutz der Keimdrüsen
wirkungen beschreiben, zeigen andere         Östrogenmangel u. a. zu einer Störung        gegen die bei der Behandlung anfallen-
keinen signifikanten Einfluß auf. In einer   der Erregungsphase, die sich in einer        de Streustrahlung wird eine Bleikapsel
Reihe von Fällen kommt es sogar zu ei-       Atrophie und damit verbundenen man-          verwandt. Trotzdem ist mit einer Beein-
ner Verbesserung der Sexualität. Larsen      gelnden Erweiterungsfähigkeit und Lu-        trächtigung der Spermiogenese durch
u. Jensen (1982, zit. nach Hertoft, 1989)    brikation der Vagina bemerkbar macht.        Streustrahlung zu rechnen. Bei beste-
fanden bei einer prospektiven Untersu-       Bei fehlender symptomatischer Be-            hendem Kinderwunsch ist deshalb ein
chung von 61 Frauen (Durchschnittsalter      handlung (z. B. lokale Anwendung eines       zeitlicher Sicherheitsabstand nach der
43 Jahre) 6 Monate nach dem Eingriff die     Gleitgels) resultiert eine Dyspareunie.      Strahlentherapie empfehlenswert.
sexuellen Funktionen (Appetenz, Koi-         Bei präklimakterischen Frauen setzen
tusfrequenz, Orgasmusfähigkeit) bei 55 %     postoperativ die typischen Beschwerden
unverändert, bei 34 % gebessert und bei      der Wechseljahre ein, die durch Hitze-       Hodenkarzinom
13 % verschlechtert. Eine Reihe von          wallungen, Schweißausbrüche, Depres-
Autoren sieht das verminderte orgasti-       sionen und Reizbarkeit die Sexualität zu-    Die bisher vorliegenden Untersuchun-
sche Erleben als Folge der fehlenden         sätzlich einschränken können und die         gen zu den psychosozialen Folgen ei-
Kontraktionen der Uterusmuskulatur.          durch eine hormonelle Substitution zu        nes Hodenkarzinoms belegen, daß die
Während des Orgasmus wird von der            beheben sind.                                Tumorerkrankung zu erheblichen sub-
Hypophyse das Hormon Oxytocin aus-                                                        jektiven Beeinträchtigungen führen kann
geschüttet, das u. a. Gebärmutterkon-                                                     – gerade auch deshalb, weil sie Män-
traktionen auslöst, die allerdings von der                                                ner in einem Altersabschnitt betrifft, in
Mehrzahl der Frauen nicht bewußt wahr-       Peniskarzinom                                dem der Sexualität meist eine wichtige
genommen werden. Nach einer Hyste-                                                        Bedeutung zukommt. Klippel u. Weiß-
rektomie fallen diese Empfindungen aus       Je radikaler das Vorgehen, desto schwer-     bach (1976) beschreiben, daß sich 17 %
und können dadurch die Intensität des        wiegender sind die Auswirkungen auf          ihrer Patienten durch die Resektion des
orgastischen Erlebens mindern.               die Sexualität. Bei der partiellen Penek-    tumortragenden Hodens deutlich be-
Wegen der kaum vorhersagbaren Ver-           tomie wird der distale Teil mit der Eichel   einträchtigt fühlen. Eine beidseitige
änderungen des Sexualverhaltens emp-         entfernt. Bei manchen Patienten ist trotz    Orchiektomie führt zu einem drasti-
fehlen einige Autoren explizit eine prä-     dieses Eingriffs ein befriedigendes Lie-     schen Abfall des Testosteronspiegels
und postoperative Beratung, die be-          besleben möglich; bei sexueller Erre-        und damit zum weitgehenden Appe-
wußt das Sexualleben vor und nach dem        gung wird der verbliebene Teil des           tenzverlust; eine adäquate Hormonsub-
Eingriff einbezieht. Für die als „Post-      Gliedes steif und ist häufig groß genug      stitution ist möglich und nicht kontra-
hysterektomie-Syndrom“ bezeichnete           für einen Koitus. Obwohl die Eichel als      indiziert.
Störung (Depression, sexuelle Antriebs-      besonders empfindsames Organ fehlt,          Nach einer radikalen (bilateralen) retro-
minderung usw.) scheinen diejenigen          besteht trotzdem die Möglichkeit, einen      peritonealen Lymphadenektomie (RLA)
Frauen besonders prädestiniert, deren        Orgasmus und damit verbundenen Sa-           tritt bei 70 – 100% der Patienten ein
Familienplanung zum Zeitpunkt des Ein-       menerguß zu erleben. Da bei der Frau         irreparabler Verlust der Ejakulations-
griffs noch nicht abgeschlossen ist.         die äußeren Geschlechtsorgane (insbe-        fähigkeit ein. Die heute bekannten Me-
Als Folge einer Strahlentherapie können      sondere die Klitoris) und das untere Drit-   tastasierungswege des Hodenkarzinoms
Blasenentleerungsstörungen und Fistel-       tel der Scheide auf Stimulation beson-       erlauben es allerdings, statt einer radi-
bildungen auftreten, die in vielen Fällen    ders empfindsam reagieren, ist auch          kalen beidseitigen Lymphadenektomie
die Sexualität massiv einschränken. Bla-     trotz einer Penisteilamputation des Part-    eine einseitige ipsilaterale Sanierung
sen-Scheiden-Fisteln oder Kloaken kön-       ners eine befriedigende Sexualität bis       vorzunehmen: Bei einer rechtsseitigen
nen auch noch Jahre nach abgeschlos-         zum Orgasmus möglich.                        Dissektion der Lymphknoten kann da-
sener Behandlung entstehen.                  Ist der Vollzug eines Koitus nach totaler    her der linksseitige Grenzstrang ge-
                                             Penisamputation nicht mehr möglich,          schont werden und umgekehrt. Durch
                                             kann es für den Patienten hilfreich sein,    diese modifizierte einseitige Lymph-
Ovarialkarzinom                              den eigenen Körper neu zu „erforschen“       adenektomie kommt es noch bei 20 –
                                             und bisher vielleicht unbekannte ero-        40 % aller operierten Patienten zu einem
Für die Entwicklung der sexuellen Ap-        gene Zonen wie den Hodensack sowie           Verlust der Ejakulationsfähigkeit (Doerr
petenz sind auf hormoneller Ebene die        die ihn umgebende Hautregion und den         et al., 1993; Fossa et al., 1990; Jaeger &
Androgene verantwortlich, die in der         After zu entdecken, die sich zur sexuel-     Hauri, 1988; Skinner, 1976). Durch in-
Nebennierenrinde gebildet werden. Die        len Stimulation eignen.                      traoperative Neurostimulation können

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Schwerpunkt
diese Nervenfasern identifiziert und dar-    tiv eingestellt sind; bei Gritz et al. (1989)   zystitis, Strahlenproktitis, Harnretention
gestellt werden. Dadurch ist heute in        nehmen 42,8 % der Patienten dieses              oder die Ausbildung eines penoskrota-
etwa 95 – 100 % der Fälle ein Erhalt der     Angebot in Anspruch. Dagegen finden             len Ödems aus. Diese Nebenwirkungen
antegraden Ejakulation möglich, ohne         Erpenbach u. Freudenberg (1991) trotz           bilden sich jedoch in der Regel zurück;
daß die Radikalität der Tumorchirurgie       vorheriger Information ihrer Hodentu-           lediglich in etwa 4 – 7 % der Fälle muß
beeinträchtigt wird (Donohue et al.,         morpatienten über die operativen Mög-           mit einer Chronifizierung gerechnet wer-
1990; Fritz & Weissbach 1985; Fossa          lichkeiten einer Prothesenimplantation          den, die auch die Sexualität der Betroffe-
et al., 1985; Hofmann et al., 1994). Al-     nur bei 7,5 % eine Bereitschaft zum             nen dauerhaft beeinträchtigt (schmerz-
lerdings steht die Technik der „nerven-      prothetischen Vorgehen. Nach ihren              hafte Ejakulation usw.). Das Risiko einer
schonenden“ modifizierten RLA bisher         Aussagen waren für die Mehrzahl der             Erektionsstörung steigt mit dem Alter,
nicht in allen operativen Zentren zur Ver-   Befragten die möglichen Risiken des Ein-        der applizierten Strahlendosis und dem
fügung. Nach Voroperationen können           griffs (Entzündungen, Unverträglich-            Tumorstadium und liegt je nach ver-
aber atypische Lymphabflußwege be-           keitsreaktionen, Abstoßungsreaktionen,          wendeter Strahlentherapietechnik zwi-
stehen, die eine erweiterte Lymphkno-        Nachhärten der Prothese) für diese Ent-         schen 14 und 50 %.
tenentfernung notwendig machen. Erek-        scheidung nicht maßgeblich. Es ist da-          Ist beim fortgeschrittenen Prostatakarzi-
tions- und Orgasmusfähigkeit werden          her zu vermuten, daß andere Ursachen            nom eine systemische Therapie erfor-
durch den Eingriff in der Regel nicht be-    wie die Konfrontation mit der Diagnose          derlich, wird durch eine operative Ka-
einträchtigt. Grundsätzlich sollten Pati-    Krebs und die damit zusammenhän-                stration oder die Gabe dazu geeigneter
enten mit bestehendem oder in Zukunft        genden Belastungen für die psychoso-            Medikamente (z. B. LHRH-Analoga) ein
zu erwartendem Kinderwunsch wegen            zialen Probleme der Patienten verant-           Androgenentzug durchgeführt. Dadurch
der möglichen postoperativen Ejakula-        wortlich sind.                                  ist mit einem weitgehenden Verlust der
tionsstörung auf die Möglichkeiten einer                                                     sexuellen Appetenz zu rechnen. In einer
präoperativen Samenspende hingewie-                                                          Vergleichsuntersuchung von Lopau u.
sen werden, deren Kosten allerdings von                                                      Verres (1995) zu den unterschiedlichen
den Betroffenen selbst getragen werden       Prostatakarzinom                                Wirkungen der subkapsulären Orchiek-
müssen.                                                                                      tomie vs. LHRH-Agonisten-Depot-Im-
Die perkutane Strahlentherapie der pa-       Die Mehrheit der Patienten verliert nach        plantat geben alle Patienten in beiden
raaortalen und parakavalen Lymphkno-         der radikalen Prostatektomie die Fähig-         Gruppen nach einem Zeitraum von 6
tenstationen und ggf. der gleichseitigen     keit zur Erektion und zum Orgasmus. Bei         Monaten ihre sexuellen Beziehungen
iliakalen Lymphknoten bei Seminomen          einem Teil der Patienten (10 – 15 %)            vollkommen auf. Während vor Behand-
führt dosisabhängig zu einer dauerhaf-       kehrt die Erektionsfähigkeit durch die          lungsbeginn die Hälfte der 60 Befragten
ten Azoospermie, wenn der gesunde            Regeneration von Nervenfasern des N.            angab, hin und wieder den Wunsch
Hoden nicht ausreichend abgeschirmt          cavernosus in einem Zeitraum zwischen           nach geschlechtlichem Kontakt zu ha-
wird (Hodenschutzkapsel).                    6 und 18 Monaten zurück. Um diese               ben, äußerten 6 Monate nach Therapie-
Die durch die Chemotherapie verur-           spontane Regeneration zu unterstützen,          beginn drei Viertel aller Patienten diesen
sachten Schäden am Keimepithel gelten        scheint eine frühe Behandlung mit der           Wunsch nicht mehr. Die möglichen Be-
in Abhängigkeit von Intensität und Do-       Schwellkörper-Autoinjektionstherapie            handlungsalternativen sollten mit den
sis als reversibel. Die zu beobachtende      (SKAT) sinnvoll. Das nervenschonende            Betroffenen unter Nennung aller Vor-
Azoospermie ist von den jeweils ange-        Operationsverfahren nach Walsh (1984)           und Nachteile ausführlich besprochen
wandten Zytostatika, der Anzahl der          vermindert das Risiko einer postopera-          werden, um ihnen eine eigene Entschei-
Zyklen, der kumulativen Gesamtdosis          tiv auftretenden Erektionsstörung, trotz-       dung zu ermöglichen.
sowie dem Ausmaß der prätherapeu-            dem bleibt ein im Einzelfall nur schwer         Das Auftreten von Hitzewallungen ist bei
tischen Fertilitätsminderung abhängig.       abschätzbares Risiko bestehen. Bisher           bis zu 80 % der Patienten eine häufige
Eine Regeneration der Gonadenfunktio-        dazu veröffentlichte Untersuchungen             unerwünschte Begleiterscheinung der
nen ist bei etwa 50 – 70 % der Patienten     geben unterschiedliche Wahrschein-              endokrinen Therapie, die das Allge-
in einem Zeitraum zwischen einem und         lichkeiten zwischen 28 und 89 % an. Ein         meinbefinden zusätzlich erheblich be-
fünf Jahren zu erwarten. Eine kumula-        Teil der Patienten ist jedoch dazu in der       einträchtigen kann. Die Symptome tre-
tive Cisplatindosis von > 600 mg/m 2 hat     Lage, bei entsprechender Stimulation            ten Tage oder auch Monate nach Beginn
eine bleibende Oligozoospermie bzw.          trotz der radikalen Entfernung aller ak-        der Hormonablation auf und persistie-
Azoospermie zur Folge (Peterson et al.,      zessorischen Geschlechtsdrüsen einen            ren bei fast der Hälfte der Betroffenen
1994).                                       Orgasmus ohne Ejakulation zu erleben            über Jahre. Sie werden von den Patienten
Einige Autoren empfehlen zur Präven-         („trockener Orgasmus“). Auch wenn kein          als unterschiedlich störend erlebt; inwie-
tion späterer Belastungsreaktionen die       Eindringen in die Vagina mehr möglich           weit durch diese unerwünschten Begleit-
Einlage einer Hodenprothese. Klippel u.      sein sollte, kann also z. B. durch Strei-       erscheinungen auch die Sexualität be-
Weißbach (1976) beschreiben, daß 17 %        cheln des Gliedes ein Orgasmus herbei-          einträchtigt wird, ist nicht gesichert.
ihrer Patienten sich durch die Resektion     geführt werden.                                 Im Zusammenhang mit der radikalen
des tumortragenden Hodens deutlich           Die Strahlentherapie löst in Abhängig-          Prostatektomie muß auch die Möglich-
beeinträchtigt fühlen und 56,2 % einer       keit von der Dosis in ca 30 – 50 % der          keit einer Inkontinenz berücksichtigt
Prothesenimplantation gegenüber posi-        Fälle Nebenwirkungen wie Strahlen-              werden. Die Häufigkeitsangaben schwan-

psychomed 12/3, 144 – 150 (2000)                                                                                                   147
Schwerpunkt
ken zwischen 3,6 und 16 %. In den bis-        Appetenz wird durch das operative Vor-      28,9 % von 208 Stomaträgerinnen über
herigen Studien zur Lebensqualität wur-       gehen nicht direkt beeinflußt, Appe-        Einschränkungen ihrer Sexualität. Das
den allerdings die Auswirkungen des           tenzstörungen sind daher meist psycho-      Sexualleben wurde im Vergleich zum
therapeutischen Vorgehens auf die Po-         gen verursacht.                             präoperativen Erleben in 69,5 % als un-
tenz und Kontinenz getrennt erfragt. Da-      Bei Männern und Frauen können zu-           zufriedenstellend empfunden.
bei ergab sich bei einigen Studien ein        sätzlich Schmerzen durch die Durch-         Eine optimale Anleitung, Versorgung
größeres Maß der subjektiven Beein-           trennung der Nervenbahnen ausgelöst         und Betreuung durch einen Stoma-
trächtigung durch eine bestehende In-         werden, die den Mastdarm und die Anal-      therapeuten erleichtert es, sich mit der
kontinenz – speziell in den Fällen, in de-    region versorgen. Einige Patienten be-      neuen Lebenssituation auseinanderzu-
nen die Patienten auf das Tragen einer        richten über das irritierende Gefühl, der   setzen. Die sorgfältige Anleitung zur
Vorlage angewiesen waren – als durch          natürliche Darmausgang sei noch vor-        Selbstversorgung ermöglicht ein schritt-
die sexuelle Störung (z. B. Fowler et al.,    handen, andere leiden unter Schmerzen       weises Sich-Herantasten an den durch
1995). Beides steht jedoch in einem           wie bei einem Schließmuskelkrampf,          die Operation veränderten Körper und
unmittelbaren Zusammenhang: Es löst           krampfartigem Stuhldrang sowie Paräs-       seine Ausscheidungsfunktionen. Leider
intensive Scham aus, „wie ein Kind Win-       thesien oder neuralgiformen Schmerz-        verfügen auch heute noch zu wenige
deln tragen zu müssen“. Die Männer            empfindungen, die u. a. durch sexuelle      Akut- und Nachsorgekliniken über qua-
fühlen sich deshalb häufig sexuell we-        Handlungen ausgelöst oder intensiviert      lifiziert ausgebildete Stomatherapeuten,
nig begehrenswert und meiden schon            werden können.                              so daß Patienten nach „erfolgreicher“
aus diesem Grund jeglichen intimen            Während das operative Vorgehen bei der      Stomaanlage teilweise immer noch
Kontakt mit ihrer Partnerin. Häufig ist die   Anlage eines vorübergehenden oder           unzureichend vorbereitet nach Hause
Inkontinenz wesentlich ausgeprägter, als      dauerhaften Ileo- oder Kolostomas für       entlassen und damit ihrem Schicksal
es sich die Patienten nach dem präope-        viele Chirurgen zum alltäglichen Hand-      überlassen werden. Die Selbsthilfeorga-
rativen Aufklärungsgespräch vorgestellt       werk zählt, bedeutet dies für die Betrof-   nisation Deutsche Ileostomie-, Colo-
hatten.                                       fenen einen tiefgreifenden Einschnitt in    stomie- und Urostomievereinigung e.V.
                                              ihr bisher geführtes Leben. Gerade in un-   (ILCO) mit etwa 250 regionalen Gruppen
                                              serer westlichen Kultur hat die Rein-       im gesamten Bundesgebiet bietet einen
                                              lichkeitserziehung einen hohen Stellen-     von ehrenamtlichen Mitgliedern getra-
Kolorektales Karzinom                         wert; der Verlust der Sphinkterkontrolle    genen Krankenhausbesuchsdienst an,
                                              ist daher für viele Menschen mit Scham-     der ebenfalls zur Unterstützung Betroffe-
Nach radikaler Rektumamputation mit           gefühlen, Schmutz- und Geruchsäng-          ner herangezogen werden kann.
Entfernung des umliegenden lymphati-          sten sowie der Furcht vor sozialer Aus-     In dazu geeigneten Fällen (s. Delbrück,
schen Gewebes und Kolostomaanlage             grenzung verbunden. Viele fühlen sich       1997) sollten Patienten mit einem Des-
kommt es zu besonderen Problemen, die         nicht mehr „salonfähig“ und ziehen sich     zendostoma auf die Möglichkeit der
unter dem Sammelbegriff „Postproktek-         sozial zurück. Eine Befragung von           Irrigation hingewiesen werden. Durch
tomiesyndrom“ zusammengefaßt wer-             Köhler et al. (1989) ergibt folgende Be-    eine regelmäßige Darmspülung mit
den (Delbrück, 1996). Bei Frauen kann         funde: Von den 128 Kolostomaträgern         Wasser bleibt der Stomaträger 24 – 48
es postoperativ zu einer Verlagerung der      ist für 31 % ihr Selbstbild durch den       Stunden lang ausscheidungsfrei und
inneren Genitalorgane in die Wund-            Darmausgang gestört, für 27 % stellt das    benötigt keine Beutelversorgung. Das
höhle kommen, die langandauernde Be-          Stoma einen Makel dar, 8 % ekeln sich       Erlernen dieser Technik sollte unter An-
schwerden auslöst. Der Koitus wird dann       vor ihrem Stoma (durchschnittlicher         leitung eines erfahrenen Arztes, einer
wegen der fehlenden „Kissenfunktion“          Zeitraum der Befragung nach der Ope-        Krankenpflegekraft oder eines Stoma-
des Rektums als unangenehm schmerz-           ration ca. 7 Jahre). Aufgrund des Stomas    therapeuten erfolgen.
haft erlebt. Ein Stellungswechsel, bei        sind 48 % traurig oder verzweifelt. Fast
dem die Frau während des Verkehrs auf         ein Viertel der Stomaträger gibt an, daß
ihrem Partner sitzt, kann diese Be-           die Partnerschaft durch das Stoma ne-
schwerden vermindern, da sie dadurch          gativ beeinflußt sei. Mehr als die Hälfte   Hormonelle und
den Winkel, die Eindringtiefe und die         der Stomaträger ist sexuell nicht mehr      reproduktive Störungen
Heftigkeit der Bewegungen besser kon-         aktiv, wobei als Ursache in 38 % der
trollieren kann. Einige Frauen berichten      Fälle ein fehlender Partner, in 3 % das     nach Chemotherapie
über Orgasmusstörungen nach dem Ein-          Alter, in 40 % eine postoperativ auf-
griff. Vaginalfisteln und -hernien können     getretene Erektionsstörung und in 19 %      Zytostatika beeinträchtigen nicht nur
die Situation weiter erschweren.              das Stoma angegeben werden. Das Se-         akut durch Nebenwirkungen wie Übel-
Bei Männern sind Erektions- und Ejaku-        xualleben wird nach eigenen Anga-           keit, Brechreiz, Mattigkeit, Haut- und
lationsstörungen bis zu einem gewissen        ben durch das Stoma bei 55 % der            Schleimhautreaktionen usw. das All-
Grad unvermeidlich, ebenso Läsionen           Betroffenen negativ beeinflußt. In einer    gemeinbefinden und dadurch auch die
von Samenleitern und -blasen. Für die         Untersuchung von Künsebeck (1990)           Sexualität. Mit zunehmenden Erfolgen
Rektumexstirpation wird die Häufigkeit        zur Lebensqualität von Kolostoma-, Uro-     der Chemotherapie, v. a. bei Neoplasien
operationsbedingter sexueller Dysfunk-        stoma- und Ileostomaträgern berichteten     des jugendlichen Alters, stellt sich auch
tionen mit etwa 40 % angegeben. Die           62 % von 213 befragten Männern sowie        die Frage nach den Folgen der thera-

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Schwerpunkt
peutischen Maßnahmen für die Fertilität.     oder sogar mit Erleichterung: „Endlich       ses Selbstbild bedroht; durch die sexu-
Die Applikation von Zytostatika wirkt        habe ich einen Grund, um mich den            elle Störung kam es dann zu einem Zu-
sich auf das endokrine und das repro-        Wünschen und Anforderungen meines            sammenbruch des Selbstideals und dem
duktive Zellsystem aus. Zytostatikabe-       Partners entziehen zu können“ (Äuße-         Durchbruch der Angst, jetzt nicht mehr
dingte Schädigungen der Leydig-Zellen        rung einer Patientin im Gespräch mit         liebenswert zu sein.
des Mannes bzw. der Granulosa- und           ihrem Hausarzt). Die eigenen lebens-
Thekazellen der Frau führen zu einem         geschichtlichen Erfahrungen spielen da-      Das Beispiel beleuchtet auch den Zu-
Testosteronmangel bzw. einem Östra-          bei eine wichtige Rolle: Menschen, die       sammenhang zwischen sexuellen Stö-
diolmangel. Die Störung der Gonaden-         in jüngeren Jahren Freude an sexueller       rungen und dem Selbstwerterleben: Für
funktionen ist für mehrere Zytostatika be-   Aktivität fanden, versuchen in einer sol-    Frauen und mehr noch für Männer ist
kannt; dabei besitzen die alkylierenden      chen Situation eher, neue Formen von         eine „intakte“ Sexualität eine wichtige
Substanzen die stärkste fertilitätsschädi-   Zärtlichkeit und Körperkontakt zu ent-       Voraussetzung eines positiven Selbst-
gende Potenz. Bei Männern wird durch         wickeln. Andere, die ihr Leben lang          wertgefühls. Frauen mit Orgasmus-
die Zytostatika die Spermatogenese be-       unter sexuellen Schuldgefühlen („Se-         störungen erleben sich häufig als nicht
einträchtigt; daraus resultiert in Ab-       xualität ist etwas Schmutziges“), einer      vollwertige Frauen. Männer mit sexuel-
hängigkeit von den angewandten Sub-          Abneigung gegen Sexualität oder Ge-          len Problemen, insbesondere Erektions-
stanzen, ihrer Dosis und der Anzahl der      walterfahrungen gelitten haben, sind         störungen, fühlen sich oftmals ganz
Zyklen eine vorübergehende oder dau-         eher froh, daß sie das Kapitel Sexualität    allgemein ihrer Potenz beraubt. Dies
erhafte Infertilität. Die Auswirkungen       für sich abschließen können. Es können       kommt auch in der Sprache zum Aus-
einer Chemotherapie auf die Keimzel-         auch frühere Konflikte reaktualisiert wer-   druck, wenn von einem „Schlapp-
len des Ovars der Frauen führen entwe-       den und das gegenwärtige Erleben be-         schwanz“ gesprochen wird. „Der Mann
der zu dem Syndrom einer vorzeitigen         stimmen, wie es die folgende Kasuistik       hat keine Erektionsstörung, er ist im-
Perimenopause mit reversibler Schädi-        verdeutlicht:                                potent“ (Langer u. Hartmann 1992, S. 7).
gung, das mehrere Monate oder auch                                                        Der Wunsch, wieder potent zu sein, läßt
Jahre andauern kann, oder zu einer vor-      Ein 69jähriger Patient wird ein Jahr nach    dabei oft nach jedem Mittel greifen, das
zeitigen Menopause mit dauerhafter           radikaler Prostatektomie zu einem Heil-      schnelle Abhilfe gegen die Störung ver-
Infertilität. Da die Theka- und Granu-       verfahren überwiesen. Im Aufnahme-           spricht.
losazellen ebenfalls betroffen werden,       gespräch mit dem Stationsarzt deutet         Sexuelle Störungen werden bisher in der
kommt es außerdem zu einem Abfall            er massive Konflikte mit seiner Ehe-         Onkologie eher mit Stillschweigen „be-
der Östrogenproduktion mit einer pa-         frau an, mit der er zu diesem Zeit-          handelt“, obwohl diese für die Betroffe-
thologischen Erhöhung des FSH- und           punkt bereits 42 Jahre verheiratet war.      nen und deren Partner eine erhebliche
LH-Spiegels. Die hormonelle Verschie-        Es wird schnell deutlich, daß die Aus-       Beeinträchtigung ihrer Lebensqualität
bung verursacht u. a. Symptome wie           einandersetzungen nach dem opera-            bedeuten können. Eine Befragung von
Schweißausbrüche, Blutdruckschwan-           tiven Eingriff begannen. Durch die           Vincent et al. (1975) zeigt am Beispiel
kungen und verminderte Lubrikation.          Erektionsstörung fühle er sich nicht mehr    des Zervixkarzinoms, daß 80 % der be-
Die beschriebenen Effekte sind al-           als „richtiger Mann“, da er seiner Frau      fragten Frauen ausdrücklich mehr Infor-
tersabhängig; bei Patientinnen unter 25      sexuell „nichts mehr bieten“ könne.          mationen zu möglichen Auswirkungen
Jahren wird eine Reversibilität deutlich     Außerdem sei ihm öfter zum Weinen            von Erkrankung und Behandlung auf
häufiger beobachtet (Bokemeyer et al.,       zumute, was er früher bei sich gar nicht     ihre Sexualität wünschen. Gemäß einer
1996). –                                     gekannt habe.                                Befragung von Walcher et al. (1988) ha-
Zu den bisher veröffentlichten Untersu-      In weiteren Gesprächen werden die Ur-        ben aber nur 20 % der Patientinnen im
chungen über die möglichen Folgen ei-        sachen greifbar. Der Patient wuchs als       Zustand nach Zervixkarzinom ihren Arzt
ner Krebserkrankung für die Sexualität       Sohn einer alleinerziehenden Mutter auf,     von sich aus auf postoperativ aufgetre-
ist kritisch anzumerken, daß die sexuel-     deren Ehemann sich bereits während           tene sexuelle Probleme angesprochen.
len Funktionen im Zentrum des wissen-        der Schwangerschaft von ihr getrennt         Die Mehrzahl der Patienten wartet also
schaftlichen Interesses standen. Über die    hatte. Da der Vater des Patienten auch       darauf, daß der Arzt nach möglichen
subjektiven Auswirkungen auf das se-         kaum Unterhaltszahlungen leistete,           sexuellen Problemen fragt und damit
xuelle Erleben oder die Einflüsse auf die    mußte die Mutter einer Berufstätigkeit       einen Weg für den Einstieg in die The-
Partnerschaft liegen dagegen deutlich        nachgehen, um sich und ihren Sohn ver-       matik bahnt. Der Partner sollte dabei so
weniger Befunde vor.                         sorgen zu können. Er mußte deshalb           frühzeitig wie möglich mit einbezogen
Die unterschiedliche Bedeutung und           früh auf die Erfüllung kindlicher Be-        werden.
das individuelle Erleben der eigenen Se-     dürfnisse verzichten und im Haushalt         Die häufig unzureichende Beratung
xualität sind dafür verantwortlich, daß      mithelfen. Er wurde von seiner Mutter        bei sexuellen Problemen berührt ein
Patienten in ganz verschiedener Weise        vor allem für Leistungen belohnt – eine      grundsätzliches Defizit, nämlich die psy-
auf krankheitsbedingte Einschränkun-         Einstellung, die der Patient verinner-       chosoziale Betreuung Krebskranker in
gen ihrer Sexualität reagieren. Während      lichte und die damit ein Teil seines         Fragen ihrer alltäglichen Lebensführung
der eine unter seiner sexuellen Beein-       Selbstbildes wurde: „Ich werde für mei-      und der Bewältigung krankheits- und
trächtigung in hohem Maß leidet, erlebt      ne Leistungen und Fähigkeiten geliebt.“      therapiebedingter Einschränkungen.
sie ein anderer eher mit Gleichgültigkeit    Bereits durch die Berentung wurde die-       Laut einer Befragung von 200 Mamma-

psychomed 12/3, 144 – 150 (2000)                                                                                               149
Schwerpunkt
karzinom-Patientinnen einer onkologi-              Fowler, F. J., Barry, M. J., Lu-Yao, G., Wasson,    Lopau, I., Verres, R. (1995). Die Behandlung
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                                                   of radical prostatectomy for prostate cancer        der Sicht der Patienten. In R. Schwarz, J. Bern-
1994) können weniger als die Hälfte der            on patients quality of life: results from a me-     hard, H. Flechtner, T. Küchler, C. Hürny
Patientinnen (44,2 %) ihre psychischen             dicare surgery. Urol 45, 1007 – 1015.               (Hrsg). Lebensqualität in der Onkologie II.
Belastungen wirklich gut in der Nach-              Fossa, S. D., Ous, S., Abyholm, T., Loeb, M.        München: Zuckschwerdt, 257 – 262.
sorge besprechen. Von den untersuch-               (1985). Post-treatment fertility in patients        Margolis, G., Goodmann, R. L., Rubin, A.
ten Patientinnen möchten 77,5 %, daß               with testicular cancer. Part I. Brit J Urol 57,     (1990). Psychological effects of breast-con-
sich die Klinik mehr um seelische Pro-             204 – 209.                                          serving cancer treatment and mastectomy.
                                                   Fritz, K., Weissbach, L. (1985). Sperm pa-          Psychosomatics 31 (1), 33 – 39.
bleme ihrer Krebspatientinnen kümmert.
Konstante Ansprechpartner werden von               rameters and ejaculation before and after           Schover, L. R., Yetman, R. J., Tuason, L. J. et
                                                   operative treatment of patients with germ-          al. (1995). Partial mastectomy and breast re-
80 % der Befragten für ihre Probleme in            cell testicular cancer. Fertil Steril 43, 451 –     construction. A comparison of their effects
der Nachsorge gewünscht. Der häufige               454.                                                on psychosocial adjustment, body image,
Personalwechsel in vielen Kliniken und             Gerdes, N. (1984). Der Sturz aus der nor-           and sexuality. Cancer 75 (1), 54 – 64.
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schen und das Erzählenmüssen der ei-               schen Arbeitsgemeinschaft für Psychoonko-           qualität in der Onkologie II. München: Zuck-
genen Krankengeschichte werden von                 logie, Bad Herrenalb 1984.                          schwerdt, 158 – 166.
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schärfenden Situation im Gesundheits-              Long-Term Effects of Testicular Cancer on           on 96 patients to improve survival in all sta-
wesen ist aber nicht damit zu rechnen,             Sexual Functioning in Married Couples. Can-         ges by combined therapeuic modalities. J
                                                   cer 64, 1560 – 1567.                                Urol 115, 65 – 69.
daß in Krankenhäusern und Beratungs-
stellen die dafür notwendigen Stellen              Hertoft, P. (1989). Klinische Sexologie. Köln:      Vincent, C. E., Vincent, B., Greiss, F. C., Lin-
                                                   Deutscher Ärzte Verlag.                             ton, E. B. (1975). Some marital sexual con-
neu eingerichtet werden.                                                                               comitants of carcinoma of the cervix. South
Fazit: Zu einer patientengerechten psy-            Hofmann, R., Hartung, R., Stauffenberg, A.
                                                   von (1994). Nerverhaltende retroperitonea-          Med J 68 (5), 552 – 558.
choonkologischen Betreuung gehört                  le Lymph-adenektomie beim nichtsemino-              Walcher, W., Ralph, G., Lahousen, M.,
auch das Angebot einer sexualmedizini-             matösen Hodentumor. Urologe (A) 33, 38 –            Scheer, I., Tamussino, K., Rollett, H. (1988).
schen Beratung. Frühzeitige Informatio-            43.                                                 Sexualität nach Radikaloperation. Zentralbl
                                                                                                       Gynäkol 110, 1109 – 1116.
nen beugen dabei in vielen Fällen der              Holland, J. C., Rowland, J. H. (eds.) (1989).
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rungen mit einer nur noch schwer zu                                                                    preservation of potency. Results using a
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nehmendes Vermeidungsverhalten) vor.               nomatösen Hodentumor in den Stadien I, II a         694 – 697.
                                                   und II b. Urologe (A) 27, 251 – 255.                Wulf, J., Flentje, M. (1998). Strahlentherapie
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sparing retroperitoneal lymphadenectomie           tion von Stomaträgern. Ergebnisse einer
                                                                                                       und Heidelberger Seminar für
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                                                                                                       Psychosoziale Onkologie
287 – 292.                                         30.
                                                                                                       Chirurgische Universitätsklinik Heidelberg
Erpenbach, K., Freudenberg, E. (1991). Kön-        Langer, D., Hartmann, U. (1992). Psycho-            Im Neuenheimer Feld 155
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medizin 5, 200 – 207.                              und integratives Konzept. Stuttgart: Enke.          e-Mail: stefan_zettl@med.uni-heidelberg.de

150                                                                                                             psychomed 12/3, 144 – 150 (2000)
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