MAGAZIN 06 AUSGEFALLEN - DAS SECHSTE JAHR DES HESSISCHEN STAATSBALLETTS - Hessisches Staatsballett

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MAGAZIN 06 AUSGEFALLEN - DAS SECHSTE JAHR DES HESSISCHEN STAATSBALLETTS - Hessisches Staatsballett
AUSGEFALLEN
DAS SECHSTE JAHR DES
HESSISCHEN
STAATSBALLETTS

                       06
                       MAGAZIN
MAGAZIN 06 AUSGEFALLEN - DAS SECHSTE JAHR DES HESSISCHEN STAATSBALLETTS - Hessisches Staatsballett
DANIEL MYERS
VANESSA SHIELD

                 DER NUSSKNACKER
                     VON TIM PLEGGE
MAGAZIN 06 AUSGEFALLEN - DAS SECHSTE JAHR DES HESSISCHEN STAATSBALLETTS - Hessisches Staatsballett
E D I TO R I A L

                          IN BEWEGUNG
                              BLEIBEN
                       Verehrtes Publikum, liebe Tanzfreundinnen und Tanzfreunde,

eine wechselvolle Spielzeit 2019/20 liegt hinter uns.   Als erste Tanzkompanie in Europa kehrte das Hessi-
Mit Der Nussknacker starteten wir fulminant in          sche Staatsballett im Juni 2020 auf die Bühne zurück.
die Saison und sorgten für einen Publikumserfolg        Vor stark dezimiertem Publikum zeigten wir an zwei
für jung und alt, der den Weihnachtsklassiker in        Abenden mit Startbahn I und II Kurzchoreografien
die Moderne holte und mit viel Spielwitz vermischte.    von Tänzer*innen unseres Ensembles. Tanz auf
                                                        Distanz, der Wunsch berühren zu wollen ohne eine
Rasant ging es weiter mit unseren Großproduktionen.     physische Entsprechung. Ein Kaleidoskop an Ideen,
Im Februar feierte der Doppelabend Le sacre du          der Versuch neue Wege zu gehen, jenseits von
printemps Premiere im Großen Haus des Staats­           Duetten, Trios und Quartetten, dafür mit viel Krea-
theaters Darmstadt. Bryan Arias mit 29th May 1913       tivität und Solidarität füreinander.
und Edward Clug mit seiner 2012 uraufgeführten
gleichnamigen Version des berühmten Werks von           Der Sog, in den unsere Gesellschaft geraten ist,
Igor Strawinsky zeigten zwei sehr unterschiedliche      ist auch einer der Ausgrenzung und gewaltbereiten
Auseinandersetzungen mit diesem wegweisenden            Auseinandersetzung. Jung gegen alt, schwarz
Stück der modernen Tanzgeschichte.                      gegen weiß, binäre Zuschreibungen, die für Still-
                                                        stand stehen, während wir uns nach einer bewegten
Danach änderte ein Virus den Lauf der Welt. Als wir     Welt sehnen. Bewegung steht für Entwicklung.
am 13. März, einem Freitag auch noch, kurz vor der      Fortschritt für das Weitergehen in eine gemeinsame
Wiesbadener Premiere von Le sacre du printemps          Richtung.
in den durch Corona bedingten Lockdown gingen,
sahen wir alle einer ungewissen Zukunft entgegen.       Bevor die Pandemie im Frühjahr die Geschicke
                                                        des Weltgeschehens in neue Bahnen lenkte, zog
Das öffentliche Leben heruntergefahren, das             der Wandel bereits in unsere Teamstruktur ein.
soziale Miteinander auf eine harte Probe gestellt,
gesellte sich zwischen die Diskussion um Sicher­        Ab der kommenden Spielzeit 2020/21 werden wir
heitskonzepte und ökonomische Gedankenspiele            die Rollen tauschen mit dem zukünftigen Haus-
auch die Frage nach der Systemrelevanz des              choreografen Tim Plegge und Bruno Heynderickx
Kulturbetriebs. Welchen Wert hat Kultur und mit ihr     als neuem Ballettdirektor. Zuvor werfen wir aber
der Tanz in einer Gesellschaft in Zeiten der Krise?     einen Blick zurück auf eine ereignisreiche Spielzeit
                                                        2019/20, die uns in vielerlei Hinsicht bewegt hat.
Die Kultur ist in einem Wandel begriffen, dessen
Auswirkungen wir heute noch nicht abschätzen            Herzlichst,
können. Während in anderen Ländern, zuletzt etwa
mit Scapino Ballet in Rotterdam, renommierte
Häuser von der Schließung bedroht sind, die freien
Kulturschaffenden weltweit in Existenznot geraten       Bruno Heynderickx
und ganze Jahresdispositionen an Gastspielen
ersatzlos gestrichen werden, bestimmen Hygiene­
konzepte und Abstandsregeln von nun an unseren
Arbeitsalltag.                                          Tim Plegge

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MAGAZIN 06 AUSGEFALLEN - DAS SECHSTE JAHR DES HESSISCHEN STAATSBALLETTS - Hessisches Staatsballett
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MAGAZIN 06 AUSGEFALLEN - DAS SECHSTE JAHR DES HESSISCHEN STAATSBALLETTS - Hessisches Staatsballett
DANIEL MYERS
       DER NUSSKNACKER
              von Tim Plegge
   Musik von Pjotr Iljitsch Tschaikowsky,
  teilweise arrangiert von Ralph Abelein
   Uraufführung am 19. Oktober 2019
  Hessisches Staatstheater Wiesbaden
Premiere Darmstadt am 16. November 2019
        Staatstheater Darmstadt

                                            ENSEMBLE

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ENSEMBLE   SAYAKA KADO   TAULANT SHEHU        VANESSA SHIELD   RAMON JOHN

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MAGAZIN 06 AUSGEFALLEN - DAS SECHSTE JAHR DES HESSISCHEN STAATSBALLETTS - Hessisches Staatsballett
JIYOUNG LEE   JORGE MORO ARGOTE        MARGARET HOWARD   NICOLAS FRAU

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MAGAZIN 06 AUSGEFALLEN - DAS SECHSTE JAHR DES HESSISCHEN STAATSBALLETTS - Hessisches Staatsballett
LUDMILA KOMKOVA                        JIYOUNG LEE

                                                                   »Wer wagt, durch das Reich
                                                                   der Träume zu schreiten,
                                                                   gelangt zur Wahrheit.«
                                                                   E. T. A. H O F F MAN N

                                                                   Mit einer Neufassung des Ballett­
                                                                   klassikers Der Nussknacker er-
                                                                   öffnete Tim Plegge die Saison 2019/20
                                                                   des Hessischen Staatsballetts.
                                                                   In Plegges Fassung sind märchen­
                                                                   hafte Elemente und turbulenter
                        MARCOS NOVAIS      FRANCESC NELLO DEAKIN
                                                                   Familienweihnachtsalltag inein­
                                                                   ander verschränkt, und auch die
                                                                   dunklen und skurrilen Seiten
                                                                   der Geschichte finden ihren Platz.

           »Diese Verschränkung
           von Fantasiewelt und
           Realität wollten wir

                                                                                                           MARGARET HOWARD
           sichtbar machen. Und
           das Wiederfinden der
           einen in der anderen
           Welt …«
           TIM PLEGGE

                                                                                                           MASAYOSHI KATORI
ENSEMBLE

                                                                                                           VANESSA SHIELD

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MAGAZIN 06 AUSGEFALLEN - DAS SECHSTE JAHR DES HESSISCHEN STAATSBALLETTS - Hessisches Staatsballett
AURÉLIE PATRIARCA
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Plegges Version des Nussknackers hält viele Überraschungsmomente bereit, die von
lebensgroßen Puppen und sich wie von Geisterhand bewegenden Schränken bis
zu einer Neuinterpretation der Musik von Tschaikowsky reichen. Da darf auch eine
Hammond-Orgel nicht fehlen …

                                                                  09
MAGAZIN 06 AUSGEFALLEN - DAS SECHSTE JAHR DES HESSISCHEN STAATSBALLETTS - Hessisches Staatsballett
ENSEMBLE   VANESSA SHIELD   DANIEL MYERS

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DER NUSSKNACKER
                                           MUSIK      Pjotr Iljitsch Tschaikowsky,
                                           teilweise arrangiert von
                                           Ralph Abelein
                                           C H O R E O G R A F I E Tim Plegge
                                           B Ü H N E Frank Philipp Schlößmann
                                           KO S T Ü M Judith Adam
                                           L I C H T Tanja Rühl

                                           D R A M AT U R G I E Karin Dietrich
TATSUKI TAKADA

                                           P R O B E N L E I T U N G, C H O R E O -

                                           G R A F I S C H E AS S I S T E N Z   Uwe Fischer,
                                           Gianluca Martorella
                                           AS S I S T E N Z K I N D E R BA L L E T T
                                           Nira Priore Nouak

                 »Wir haben versucht, dem Nussknacker                                  ENSEMBLE
                                                                                       GAETANO VESTRIS TERRANA

                 ganz unbefangen zu begegnen und
                 hinzuhören, was da für uns in der Musik
                 passiert. […] Dadurch sind wir zu
                 einer Umstellung mancher Nummern
                 gekommen, weil unsere Geschichte
                 eine andere Reihenfolge braucht.«
                 TIM PLEGGE

                              11
»Wie in einem
Versuchslabor!«                                                                                                Frank Philipp Schlößmann stammt aus
                                                                                                               Bad König im Odenwald. Er studierte

Eine Reise hinter
                                                                                                               am Salzburger Mozarteum Bühnen- und
                                                                                                               Kostümgestaltung. Mit den Regisseuren
                                                                                                               Andreas Homoki, Olivier Tambosi, Aron

die Kulissen des
                                                                                                               Stiehl und Stephen Lawless arbeitete
                                                                                                               er an zahlreichen Opernhäusern, u. a. an
                                                                                                               den Staatsopern Berlin, München,

Nussknackers
                                                                                                               Hamburg, der Semperoper Dresden,
                                                                                                               der Deutschen und der Komischen
                                                                                                               Oper in Berlin, den Opern in Köln, Leipzig,
                                                                                                               Bonn, Düsseldorf/Duisburg, Essen,
Bühnenbildner Frank Philipp Schlössmann und                                                                    Karlsruhe, den Nationaltheatern
Kostümbildnerin Judith Adam im Gespräch                                                                        Mannheim und Weimar. International
                                                                                                               war er tätig als Bühnen- und Kostüm-
                                                                                                               bildner an der Metropolitan Opera New
                                                                                                               York, an der San Francisco Opera, der
                                                                                                               Lyric Opera of Chicago, der Houston
                                                                                                               Grand Opera, der Los Angeles Opera,
                                                                                                               dem Royal Opera House London sowie
           Lucas Herrmann                                                       LH                             der English National Opera, ebenso in
Lieber Frank, nach Sommernachtstraum ist Der             Für mich bekommt das an einigen Stellen zuweilen      Straßburg, Dublin, am Gran Teatre del
Nussknacker nun Dein zweites Bühnenbild für ein          einen filmischen Eindruck im Sinne von Special        Liceu in Barcelona, in Florenz, Bologna,
Ballett von Tim Plegge am Hessischen Staatsballett.      Effects, wenn ich z. B. an die Kampfszene zwischen    am »Fenice« in Venedig, in Genua,
Wie hast Du Dich diesem Weihnachtsklassiker              Nussknacker und Rattenkönigin denke, in der sich      Catania, der Staatsoper Budapest,
                                                                                                               Amsterdam, Antwerpen, Oslo, Helsinki,
konzeptionell genähert?                                  beide auf den Schränken stehend umkreisen, oder
                                                                                                               Zürich, Basel, Bern, Linz, Graz, der
                                                         Marie und der Nussknacker auf einem Schrank           Wiener Volksoper sowie am Teatro
 Frank Philipp Schlößmann                                nach Zuckerland fliegen. Darüber hinaus spielst       Colón in Buenos Aires, in Peking, Tokio
Beim Bühnenbild konzentrieren wir uns auf ein Ele-       du mit verschiedenen Größenverhältnissen.             und am Mariinsky-Theater in St. Peters-
ment, das bereits in der Erzählung E.T.A. Hoffmanns                                                            burg. Außerdem entwarf er Ausstat-
                                                                                                               tungen für die Innsbrucker Festwochen
Nussknacker und Mausekönig von zentraler Bedeu-                                FPS                             der Alten Musik und die Händel-Fest­
tung ist: den Schrank.                                   Es werden verschiedene Dimensionen der Schränke       spiele in Halle, für die Bayreuther Fest-
                                                         gezeigt und dadurch unterschiedliche Räume ge-        spiele (Der Ring des Nibelungen 2006
                        LH                               öffnet. Mal erscheint ein überdimensionaler Schrank   bis 2010 und Tristan und Isolde 2015 bis
Wofür steht der Schrank in der Geschichte und in         als bedrohliches Bollwerk, dann wiederum ist ein      2019), sowie für die Bregenzer Fest-
                                                                                                               spiele das Bühnenbild für Faccios ver-
Deinem Bühnenbild?                                       Schrank ein heimeliger Rückzugsort. Die Schränke      gessene Oper Amleto als auch das
                                                         sind dadurch nicht nur variables Bühnenelement        Bühnenbild für die Uraufführung Lenua
                       FPS                               und Teil der Choreografie, sondern decken auch        in Zürich.
Der Schrank ist das Tor, durch das Marie in die          Bedeutungsebenen der Geschichte auf.
Zauberwelt gelangt. In meinem Bühnenbild ist er
gleichzeitig der Schlüssel für verschiedene wichtige
Handlungsmomente, wie etwa den Kampf zwischen
Puppen und Mäusen (bei uns: Ratten).

                        LH
Es ist ein ganzes Schrankensemble, das Du da auf-
fährst. Was mich an Deinem Ansatz fasziniert, ist
die Variabilität des Bühnenbilds. Es ist ja eigentlich
eine leere Bühne, die wir zu Anfang und zwischen­
drin sehen und die durch die Schränke dann unter-
schiedlich bespielt und in verschiedene Szenarien
verwandelt wird.

                       FPS
Wir wollten einen dynamischen Raum schaffen. Es
entstehen verschiedene Möglichkeiten für das Inter-
agieren mit den Tänzer*innen. Uns war wichtig, dass
die Schränke als Bühnenelement Aktionspotenzial
bereithalten. Mit Fortlauf der Handlung haben wir
über ein Dutzend Schränke auf der Bühne. Die
Tänzer*innen können durch sie auf- und abtreten,
sie bewegen, auf sie klettern.

                                                                       12
LH
Liebe Judith, Dich verbindet mit Tim Plegge bereits
eine lange Arbeitsgemeinschaft. Was war für
Dich das Besondere, mit ihm nun den Nussknacker
umzusetzen?

              Judith Adam
Der Nussknacker war für uns zusammen eine außer-
gewöhnliche Reise hinein in kindliche Fantasiewelten.
Wir konnten plötzlich mit spielerischer Freude den
größten Unfug erträumen, und unsere Ideen griffen
komplett ineinander. Alles war möglich. Spannend
daran war, neben einer ganz normalen Familie leben-
dige Puppen, Ratten, einen Hofstaat der Zuckerwelt,
Schneeflocken und Blumen zu entwerfen.

                        LH
Wie bist Du diese Herausforderung angegangen?           angefertigt, die dann optisch nahtlos in die Puppen-
                                                        körper übergehen mussten. Aus der Schneiderei
                        JA                              kamen diese herrlich dicken Bäuche ganz pur und
Mir war wichtig, die verschiedenen Welten sehr          weiß und mussten dann noch gefärbt, mit Flicken
kontrastreich und möglichst aus der Perspektive         bestückt, bemalt und bestickt werden. Das ist eine
eines Kindes zu entwickeln. Dazu studierte ich          logistische Meisterleistung. Letztlich gibt es im
Unmengen an Bildern. Erst wenn ich eine genaue          Stück ja auch nicht nur lebende Puppen, sondern
Vorstellung habe, trage ich alle Ideen für eine Figur   auch die Puppen, mit denen Marie spielt, die von
in einer Zeichnung zusammen. Dabei muss man             der Dekorationsabteilung angefertigt wurden. Nur
bereits die Realisation – also das »Wie« – vor Augen    im Zusammenspiel ist diese Illusion zu erschaffen.
haben. Diese Ideen bespreche ich mit den groß-          Dabei bin ich den zahlreichen Kolleg*innen des
artigen Kolleg*innen in den Werkstätten, und ge-        Theaters sehr dankbar, aber auch ganz besonders
                                                                                                                  Judith Adam führte ihr Interesse am
meinsam beginnt eine neue Reise. Es ist wie             den Tänzer*innen. Die Kostüme des Nussknackers            bewegten Körper und zeitgenössischen
in einem Versuchslabor.                                 sind wirklich eine Zumutung! Sie sind heiß, unbe­         Tanz während ihrer Studienzeit an der
                                                        weglich, schwer, zum Teil mit eingeschränkter Sicht,      Kunsthochschule Berlin-Weißensee zum
                                                        und die Tänzer*innen haben sich kein einziges Mal         Wechsel von der Mode zum Kostümbild.
                                                        beschwert, sondern die Kostüme mit viel Herzblut          Sie arbeitete mit der politischen Tanz-
                                                        und Humor zu ihren gemacht. Wenn sich unerwartet          regisseurin Helena Waldmann (We love
                                                                                                                  horses, Theaterhaus Stuttgart) ebenso
                                                        in der Anprobe eine Puppe, die genau so wie auf
                                                                                                                  wie mit den Choreografen Reginaldo
                                                        der Figurine aussieht, zärtlich über den Bauch            Oliveira (Othello, Salzburger Landes-
                                                        streichelt, ist das wirklich bewegend.                    theater) und Antoine Jully (Sacre,
                                                                                                                  Oldenburgisches Staatstheater). Adam
                                                                                 LH                               gestaltete Kostüme für den aus dem
                                                                                                                  Breakdance stammenden Choreografen
                                                        Die Puppen und auch die Ratten haben einen ganz
                                                                                                                  Kadir Amigo Memis (Cabdance, HAU
                                                        eigenen Charme zwischen leichtem Gruselfaktor             Berlin), der analytischen Performerin
                                                        und liebevoller Skurrilität. Welchen Entstehungs-         Gabriele Reuter (Tourist a de-centred
                                                        hintergrund haben sie?                                    play) und der experimentellen Choreo-
                                                                                                                  grafin Deborah Hay (Teancity of space,
                                                                                 JA                               Tanzhaus NRW). Seit 2004 arbeitet
                                                                                                                  Judith Adam intensiv mit Tim Plegge
                                                        Mir war wichtig, dass Marie nicht mit Porzellan­          zusammen. Am Badischen Staatstheater
                                                        püppchen in die Schlacht zieht, sondern mit richtig       Karlsruhe schuf sie die Kostümbilder
                                                        heiß und innig geliebten, wilden, abenteuerlustigen       für seine Ballette Momo und Orpheus,
                                                        Puppen. Puppen, die Platz für Fantasie lassen und         am Hessischen Staatsballett für Aschen-
                                                                                                                  puttel, Kaspar Hauser, Ein Sommernachts-
                                                        witzig sind. Sie stellen das Schönheitsideal des
                                                                                                                  traum, Die Winterreise und zuletzt Liliom.
                        LH                              klassischen Balletts kompromisslos in Frage. Das          Im Musiktheater kreierte sie Bühnen-
Könntest Du dies an einem Beispiel verdeutlichen?       gefällt mir. Genauso wollten wir, dass nicht gegen        bilder für die RegisseurInnen Corinna
                                                        Mäuse, sondern gegen richtig böse Ratten mit einer        Tetzel (An unserem Fluss, Oper Frankfurt),
                        JA                              Prise Clockwork Orange gekämpft wird. Letztlich           Michaela Dicu (Rocky Horror Show,
                                                                                                                  Deutsches Theater Göttingen) und
Gerade die Überformung der Tänzerkörper bei den         nehmen wir darin Kinder sehr ernst. Ihr Spiel ist lust-
                                                                                                                  Axel Köhler (Die lustige Witwe, Theater
Puppen und Ratten war eine große Herausforderung.       voll radikal mit allen Gefühlsregungen und immer          Erfurt).
Wir verschieben hier die natürlichen Proportionen       ungewissem Ausgang.
                                                                                                                  Judith Adam ist darüber hinaus als Gast-
der Körper, trotzdem muss die Bewegungsfreiheit                                                                   dozentin an der Kunsthochschule Dresden
erhalten bleiben. Wir probieren vieles an uns selbst                                                              tätig, wo sie derzeit über die Geschichte
aus, um ein Gefühl dafür zu bekommen, und sprechen                                                                und Entwicklung des Tanzkostüms lehrt.
mit den Tänzer*innen. Die Kostüme dürfen nicht zu                                                                 Als Vorsitzende des Bundes der Szeno-
                                                                                                                  grafen diskutiert sie künstlerische und
heiß werden, müssen waschbar und schnell an-
                                                                                                                  politische Fragen ihres Berufes und
zuziehen sein. Hinzu kommt gerade bei den Puppen                                                                  gestaltet Ausstellungen und Symposien.
die Verzahnung der verschiedenen Gewerke.
Die Maske hat diese wundervollen Puppenköpfe

                                                                       13
14
29 MAY 1913
                 VON BRYAN ARIAS

                                                     RAMON JOHN
         LE SACRE DU PRINTEMPS
           Zweiteiliger Ballettabend von
           Bryan Arias und Edward Clug
         mit Musik von Igor Strawinsky und
              Dmitri Savchenko-Belski
    Darmstädter Premiere am 29. Februar 2020
           Staatstheater Darmstadt
Wiesbadener Premiere ursprünglich am 15. März 2020
    Neuer Premierentermin am 13. Februar 2021
       Hessisches Staatstheater Wiesbaden

                                                     VANESSA SHIELD

                       15
LE SACRE DU PRINTEMPS
                          VON EDWARD CLUG
JORGE MORO ARGOTE
GRETA DATO

                               16
29 MAY 1913
                                                 VON BRYAN ARIAS

Die Uraufführung von Le sacre du printemps

                                                 KRISTIN BJERKESTRAND
markierte den Beginn des modernen Balletts
und setzte wegweisende Impulse für die
Entwicklung des zeitgenössischen Tanzes.

Mit dem Doppelabend Le sacre du printemps
reiht sich das Hessische Staatsballett mit
zwei zeitgenössischen Positionen von Bryan
Arias und Edward Clug in die lange Auf-
führungsgeschichte des »Frühlingsopfers« ein.

Arias setzt sich in dem Auftragswerk 29 May
1913 mit dem skandal-umwitterten Ereignis
der Pariser Uraufführung auseinander und

                                                                             MARCOS NOVAIS
entwickelt einen vielschichtigen Blick auf
die Konditionen unserer Kulturreflexion.

Clug schuf in seiner 2012 am Slowenischen
Nationaltheater in Maribor uraufgeführten
Choreografie eine feinsinnige Symbiose aus

                                                                             MANON ANDRAL
archa­ischer Grundthematik und hypno-
tischer Hingabe des Tanzes an die Musik.

                                                                             GRETA DATO
   ENSEMBLE

                                                                        17
29 MAY 1913

Ein Publikum, das ein Publikum dabei beobachtet, wie es ein Publikum beobachtet
                                                                                                              VON BRYAN ARIAS

                                                                                                                                 MASAYOSHI KATORI
                                                                                                                                 KRISTIN BJERKESTRAND
                                                                                                                                 RAMON JOHN
                                                                                                                                 TATSUKI TAKADA
                                                                                                                                 ENSEMBLE

                                                                                  »Mich interessiert das
                                                                                  Aufbrechen von Wahr-
                                                                                  nehmungskonventionen,
                                                                                  das Thematisieren von
                                                                                  Kunst durch Kunst, das
                                                                                  Schaffen von neuen
                                                                                  Perspektiven.«
                                                                                  BRYAN ARIAS ÜBER SEINE ARBEIT AN 29 MAY 1913

                                                                                                                    18
L E S A C2R9 E MDAUY P1 R9 I1N3 T E M P S
                                          VON
                                           VONEDWARD
                                               BRYAN ARIAS
                                                      CLUG

»Das Stück ringt dir als
Choreografen Verantwortung
ab, es fordert seinen Tribut
ein und schärft dein Bewusst-
sein für seine Historie.«
EDWARD CLUG

                                                                          ENRIQUE LOPEZ FLORES
                                                                          LUDMILA KOMKOVA
                                                                          MARCOS NOVAIS

   RAMON JOHN          JORGE MORO ARGOTE

                »Die Auserwählte ist bei mir kein Opfer im
                eigentlichen Sinn. Auserwählt zu sein bedeutet
                auch, eine Machtposition innezuhaben, der
                die Entscheidung vorausgeht, sich zu opfern.«
                EDWARD CLUG

                                                19
DANIEL MYERS   LUDMILA KOMKOVA   DENISLAV KANEV   JORGE MORO ARGOTE   JIYOUNG LEE

20
                                                                                 VON EDWARD CLUG
                                                                                                   LE SACRE DU PRINTEMPS
29 MAY 1913
ENSEMBLE        CHOREOGRAFIE             Bryan Arias
                MUSIK      Dmitri Savchenko-Belski
                B Ü H N E , P R O J E K T I O N E N Tabea
                Rothfuchs
                V I D E O T E C H N I K David Fortmann,
                Creative Coding
                KO S T Ü M E Bregje van Balen
                L I C H T Yu-Chen (Nick) Hung
                P R O B E N L E I T U N G Uwe Fischer
                D R A M AT U R G I E Lucas Herrmann

                Uraufführung am 29. Februar 2020
                Staatstheater Darmstadt

                Premiere verlegt auf den
                13. Februar 2021
                Hessisches Staatstheater
                Wiesbaden

                LE SACRE DU
                PRINTEMPS
                CHOREOGRAFIE       Edward Clug
                MUSIK     Igor Strawinsky
                MUSIKALISCHE LEITUNG
                GMD    Daniel Cohen
                CHOREOGRAFISCHE
                              Gaj Žmavc
                AS S I S T E N Z
                BÜHNE      Marko Japelj
                KO S T Ü M E Leo Kulaš
                L I C H T Tomaž Premzl

                Für die Darmstädter Vorstellungen
                spielt das Staatsorchester
                Darmstadt.

                                   TATSUKI TAKADA
                                   ENSEMBLE

           21
Deep Sea
Exploration,
Flow und
eine FAUST-
Nominierung
Bryan Arias ist einer der derzeit
gefragtesten Choreografen. Mit
29 May 1913 gab der in Puerto Rico
geborene und in New York City
aufgewachsene US-Amerikaner
sein Debüt auf den großen Bühnen
unserer beiden Staatstheater.
Im Rahmen des Doppelabends
Le sacre du printemps wählte
er mit seiner Neukreation dabei
einen experimentellen Zugriff
auf einen Stoff, der die Tanz-
geschichte des 20. Jahrhunderts
maßgeblich geprägt hat.

Bryan Arias begann eine Tanzausbildung an der
La Guardia High School for the Performing Arts in
New York City. Engagements führten ihn ans Neder-
lands Dance Theater und nach Vancouver zu Crystal
Pites Kompanie Kidd Pivot. Er tanzte in Choreo­
grafien u. a. von Crystal Pite, Jiří Kylián und Ohad
Naharin. 2013 gründete er seine eigene Kompanie
ARIAS Company, deren künstlerischer Leiter er seit-
dem ist. Eigene Choreografien entstehen seit 2015
auf der gesamten Welt, wie etwa dem The Scottish
Ballet, Hubbard Street 2 in Chicago, Nederlands
Dance Theatre oder dem Ballett des Theaters Basel.
Seine Arbeiten sind vielfach prämiert, so erhielt
seine Choreografie Without Notice den 1. Preis bei
der Sixth Copenhagen International Choreography
Competition. Zuletzt wurde Arias mit dem Jacob’s
Pillow Fellowship Award 2019 ausgezeichnet. Im
Rahmen einer Residenz arbeitete Arias in der Spiel-
zeit 2018/19 beim Hessischen Staatsballett an seiner
Choreografie Watch.

                                                       22
LH
                                                                                                                 Die Position des Zuschauens wird in deiner Arbeit explizit thematisiert.
                                                                                                                 Ist es also eine Reflexion über unsere heutigen Sehgewohnheiten?

                                                                                                                                                         BA
                                                                                                                 Das Konzept, das ich mit meiner Bühnenbildnerin und Videodesignerin
                                                                                                                 Tabea Rothfuchs entworfen habe, ist eigentlich recht minimalistisch. Wir
                                                                                                                 haben eine Hintergrundfläche, auf die die Zuschauer*innen während
                                                                                                                 der Vorstellung projiziert werden. Es entsteht eine in sich verschlungene
                                                                                                                 Form der In-Beziehung-Setzung: Ein Publikum, das ein Publikum da­-
                                                                                                                 bei beobachtet, wie es ein Publikum beobachtet. Der Vorgang des
                                                                                                                 Zuschauens ist bei uns also nicht nur Thema, sondern auch Form.

                                                                                                                                                         LH
                                                                  Lucas Herrmann                                 In welchem Verhältnis standen Tanz und Musik in deinem Kreations­
                                                       Was verbindet dich als Choreografen mit Le sacre          prozess zueinander?
                                                       du printemps?
                                                                                                                                                         BA
                                                                      Bryan Arias                                Dmitri kommt aus dem Bereich der Filmmusik und digitalen Musik­
                                                       Ich bin in New York City aufgewachsen und komme           bearbeitung und benutzt eine ganz andere Art der Soundgestaltung
BRYAN ARIAS im Gespräch mit Dramaturg LUCAS HERRMANN

                                                       eigentlich aus dem Bereich des Street und Social          als in der klassischen Musik üblich. Es gab zu Beginn der Proben
                                                       Dance, da erscheinen mir klassische Stoffe in diesem      einige Tracks, die Dmitri in Anlehnung an Strawinskys Musik kompo­
                                                       Ausmaß zunächst einmal als sehr intellektualisiert.       niert hat und die eine neue Perspektive auf diese Musik werfen sollten.
                                                       Gerade auch in Verbindung mit der illustren Auf-          Daraus entstanden erste choreografische Entwürfe, die ich filmte
                                                       führungsgeschichte des Stoffes. Mir erging es beim        und Dmitri schickte. Dieses tänzerische Material inspirierte ihn wiede-
                                                       Reinhören in die Musik Strawinskys vielleicht ein         rum für weitere musikalische Kreationen. So sind Tanz und Musik
                                                       wenig so wie den Zeitgenossen der Uraufführung            in einem dialogischen Prozess entstanden, der sich im weiteren Ver-
                                                       1913 in Paris, für deren Großteil es sich sehr schwie-    lauf der Proben immer mehr überlagert hat.
                                                       rig gestaltete, sich auf diese ungewöhnlichen
                                                       Klänge einzulassen.                                                                               LH
                                                                                                                 Wie vollzog sich die Arbeit mit den Tänzer*innen?
                                                                                LH
                                                       Wie bist du vorgegangen, um dich dem Stoff zu                                                     BA
                                                       nähern? Was war dein Ausgangspunkt?                       Ich habe mit keinem aus diesem wunderbaren Ensemble bisher
                                                                                                                 gearbeitet, und so ging es am Anfang um ein gemeinsames Kennen­
                                                                                BA                               lernen. Der Beginn meiner Kreationsprozesse ist von Improvisationen
                                                       Wenn man Le sacre du printemps heute zeigt, ist           geprägt. Das kenne ich noch aus meiner eigenen Tänzerzeit. Eine
                                                       damit gleich eine bestimmte Erwartungshaltung             Technik, die ich dabei verwende, nenne ich »Deep Sea Exploration«.
                                                       verbunden. Archaik und Skandal spielen eine Rolle.        Dabei geht es darum, in sich selbst nach Bildern und Begriffen
                                                       Für mich erzählt sich der Stoff über einen Begriff        zu suchen und diese durch den Körper, durch Bewegungen hervor­
                                                       von Avantgarde. Dabei interessiert mich das Auf-          zubringen. Also etwa die Frage, was ist Erde, was Frühling, was
                                                       brechen von Wahrnehmungskonventionen, das                 bedeutet Opfer? Daran schließt sich eine weitere Improvisations­
                                                       Thematisieren von Kunst durch Kunst, das Schaffen         phase an, die ich »Flow« nenne. Das bisher hervorgeholte Bewegungs-
                                                       von neuen Perspektiven.                                   material wird dann in erste Formen und Abfolgen gebracht, durch
                                                                                                                 die Arbeit im Duett, in Trios oder in der Gruppe. Durch das gemein­
                                                                                                                 same Improvisieren entsteht ein Spielfeld, das zwischen den
                                                                                                                 Tänzer*innen und mir Vertrauen aufbaut und jedem Beteiligten die
                                                                                                                 Möglichkeit gibt, sich einzubringen. Ich bin kein Choreograf, der
                                                                                                                 den Tänzer*innen Bewegungsfolgen »überstülpt«, vielmehr nutze
                                                                                                                 ich die Schwarmintelligenz der Gruppe.

                                                                                                     Die Reise von 29 May 1913 geht auch in der nächsten Spielzeit weiter. Bedingt
                                                                                                     durch den Lockdown war eine Premiere des Doppelabends Le sacre du printemps
                                                                                                     im großen Haus des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden im März 2020 leider
                                                                                                     nicht möglich. Wir holen diese aber für das Wiesbadener Publikum in der kom-
                                                                                                     menden Spielzeit 2020/21 nach. Neuer Premierentermin ist der 13. Februar 2021.

                                                                                                     In der Zwischenzeit freuen wir uns sehr, dass Bryan Arias mit 29 May 1913 in der
                                                                                                     Kategorie »Choreografie« für den FAUST-Preis 2020 nominiert worden ist. Wir
                                                                                                     gratulieren ihm, seinem künstlerischen Team und unserem Ensemble zu dieser
                                                                                                     tollen Nachricht. Für das Hessische Staatsballett ist dies bereits die vierte
                                                                                                     Nominierung für einen FAUST-Preis. Im Jahr 2018 bekam Ramon John die Aus-
                                                                                                     zeichnung für seine Darstellung des »Wanderers« in Eine Winterreise von Tim Plegge.

                                                                                                             23
Neue Wege
bewährten auf
      Pfaden                                             BRUNO HEYNDERICKX

Als im Jahr 2014 die Idee reifte, eine städteüber–
greifende Ballettkompanie an den beiden Staats­
theatern in Darmstadt und Wiesbaden zu installieren,
fiel die Wahl für die Leitung mit dem Choreografen
Tim Plegge und Bruno Heynderickx, dem damaligen
Leiter der zeitgenössischen norwegischen Tanz­
kompanie Carte Blanche, auf zwei Persönlichkeiten
des Tanzes mit unterschiedlichen Profilen.

Ab der Spielzeit 2020/21 übernimmt Bruno Heynderickx
die Direktion des Hessischen Staatsballetts. Tim
Plegge wird fortan als Hauschoreograf die künstle-
rische Handschrift der »Zwei-Städte-Kompanie«
entscheidend mitprägen.

Fragt man Heynderickx zum Leitungswechsel an der
Spitze von Hessens größtem Ballettensemble, ist er
sich mit Plegge darin einig, dass das Rad nicht neu
erfunden werden muss, da es sich ja weiterhin
dreht. Zumal Heynderickx in seiner bisherigen
Doppelposition als Kurator und stellvertretender
Ballettdirektor bereits Teil des Führungsteams
war und das Konzept des Hessischen Staatsballetts
entscheidend mitentwickelt hat.                        »Bei der Erörterung des Wandels in der Führungsstruktur des Hessischen
                                                       Staatsballetts war es für mich von wesentlicher Bedeutung, dass
»Der Grund, warum ich begeistert war, Teil des neu     Tim Plegge zumindest in den kommenden vier Spielzeiten jeweils ein
gegründeten Hessischen Staatsballetts zu werden,       großes Handlungsballett entwickelt. Es war mir wichtig, weil Tims
war das in Deutschland und wahrscheinlich sogar        Arbeit ein Schlüsselfaktor für den Erfolg des innovativen Formats des
darüber hinaus einzigartige Format, eine feste Kom-    Hessischen Staatsballetts ist.«
panie, deren Repertoire nicht nur auf einer choreo­
grafischen Stimme beruht, mit zahlreichen Gast-        In der kommenden Spielzeit 20/21 wird Plegge ein neues Tanzstück
choreograf*innen zu kombinieren.«                      mit dem Titel memento kreieren. Darin soll es um das Thema Tod, aber
                                                       auch die Idee des Neuanfangs gehen. Zukünftig wird das Hessische
Heynderickx möchte diesen künstlerischen Weg           Staatsballett auch verstärkt aus dem Repertoire des neuen Haus­
weiterverfolgen. Mit Tim Plegge als neuem Haus-        choreografen schöpfen. Einen Vorgeschmack darauf bietet im
choreografen steht ihm hierbei ein starker künstle­    Dezember 2020 die Wiederaufnahme von Plegges äußerst erfolg­
rischer Partner zur Seite, um für ästhetische Kon-     reichem Nussknacker, der in dieser Saison über seinen gesamten
tinuität zu sorgen.                                    Lauf von 26 Vorstellungen ausverkauft war.

                                                                             24
Neben dieser festen choreografischen Größe werden
weiterhin Gastchoreograf*innen eingeladen, um
das künstlerische Profil der Kompanie weiter zu
schärfen und dem Ensemble wie auch dem Publi-
kum die Möglichkeit zu geben, unterschiedliche
Stile kennenzulernen. Den Auftakt in der neuen Spiel-
zeit geben Alexander Whitley und Sharon Eyal/
Gai Behar mit dem energetischen Doppelabend
Horizonte, der mit Whitleys Auftragswerk The
Butterfly Effect und Eyals/Behars Erfolgsproduktion
Untitled Black von der GöteborgsOperans Dans­            DER KÖRPER
                                                         IST EIN
kompani zwei starke zeitgenössische Tanzpositionen
vereint.

Auch über die Eigenproduktionen hinaus soll mit dem
Gastspielprogramm unter dem Label »Das Hessische         KUNSTWERK,
                                                         WELCHES
Staatsballett lädt ein« fortgefahren werden. Die
Gastspiele, die unter den bisherigen kuratorischen
Verantwortungsbereich von Heynderickx fallen,
sind ein wichtiger Bestandteil der Tanzplattform
Rhein-Main, dem Kooperationsprojekt mit dem              GEFORMT
Frankfurter Künstlerhaus Mousonturm.

In diesem Zusammenhang geht es Heynderickx vor
                                                         WERDEN WILL.
allem darum, weiterhin Möglichkeiten bereitzustellen,    Physiotherapeut Roland Dünow;
                                                         offizieller Partner des Hessischen Staatsballetts
um in einem vielfältigen Programm die Arbeiten
unabhängiger Tanzschaffender zu präsentieren.
Die Kuration verteilt Heynderickx aufgrund der
neuen Aufgabe der Ballettdirektion dabei zukünftig
auf mehreren Schultern. Neben ihm werden die
Produktionsleitungen und Dramaturgie stärker in
den Sichtungs- und Auswahlprozess einbezogen,
wodurch die Teamstruktur vielfältiger als bisher
gehandhabt wird.

Der Leitungswechsel beim Hessischen Staatsballett
ist also weniger im Sinne eines Umbruchs zu ver-
stehen, als vielmehr ein von Kontinuität geprägter
Aufbruch in eine neue Richtung.

»Als Ballettdirektor werde ich den künstlerischen
Weg für die Kompanie so leiten und gestalten, dass
ein reichhaltiges künstlerisches Umfeld entsteht –
motivierend für unser Team und inspirierend für
unser Publikum.«

Damit ergeht auch eine herzliche Einladung an die
Zuschauer*innen, den bisherigen Weg mit dem
Ensemble weiterzugehen und sich zugleich neuen
Impulsen zu öffnen.

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DIE SECHSTE SPIELZEIT DES
H E S S I S C H E N S TA AT S BA LLE T T S

   Im Takt des
unversiegbaren                                                                                            Nussknacker war da ein Paukenschlag zur Eröff­
                                                                                                          nung. Eine nicht minder große Herausforderung: die

   Tanzes
                                                                                                          zweite Großproduktion, der Doppelabend Le sacre
          VON LUCAS HERRMANN

                                                                                                          du printemps mit Choreografien von Bryan Arias
                                                                                                          und Edward Clug.

                                                                                                          Bei seiner Uraufführung in Paris 1913 sorgte das Tanz-
                               Wer sich bei einer Vorstellung von Tim Plegges Der Nussknacker schon       stück von Vaslav Nijinsky zur Musik von Igor Strawinsky
                               einmal im Seitenoff der Bühne befunden hat, kennt die vielen kleinen       für einen der größten Theaterskandale des 20. Jahr-
                               Details des Geschehens, die sich dem Publikumsblick sonst entziehen.       hunderts. Tanz und Musik verschmolzen zu einem
                               Da treten etwa Tänzer*innen aus dem Bühnenspot ab, stürmen direkt          avantgardistischen Gesamtkunstwerk, das die Seh-
                               an einem vorbei in die Umkleide, um nur wenige Minuten später als          und Hörkonventionen der damaligen Zeit sprengte.
                               »Ratten« oder »Schneeflocken« wieder zurückzukehren. Währenddessen         Bryan Arias hat in seinem Auftragswerk 29 May 1913
                               gehen Marie, der Nussknacker, Oma Marta oder die Zuckerfee auf             die Umstände dieser Uraufführungserfahrung re-
                               der Nebenbühne ihre Schritte durch, scherzen miteinander oder be-          flektiert und danach gefragt, was Avantgarde in
                               obachten gespannt die Kolleg*innen »on stage«. Bei den vielen Auf-         unserer heutigen von den Medien dominierten
                               und Abtritten, Kostümwechseln und sozialen Interaktionen offenbaren        Welt bedeutet. Der Prozess des Zuschauens, die
                               sich die Arbeitsabläufe unserer Tanzkompanie in besonderem Maße.           Erfahrungswelt, die sich im Dialog zwischen Bühne
                                                                                                          und Parkett während einer Tanzvorstellung eröffnet,
                               Teamwork ist gefragt. Nicht nur innerhalb des Ensembles, sondern           gereichte ihm zu einer zeitgenössischen Interpre-
                               auch in den Gewerken, am Inspizientenpult, in der Licht- und Tontechnik,   tation des Skandalösen in dem Stoff zur Musik seines
                               den Masken und Umkleiden. Und nicht zu vergessen: im Orchester-            Komponisten Dmitri Savchenko-Belski. Eine Arbeit,
                               graben. Noch dazu in zwei Staatstheatern. Eine Ballettproduktion in        die dem Hessischen Staatsballett die insgesamt
                               der Größenordnung von Der Nussknacker stellt alle Beteiligten in           vierte Nominierung für einen FAUST-Preis bescheren
                               Darmstadt und Wiesbaden vor eine große Herausforderung.                    sollte, zum dritten Mal in der Kategorie »Choreo­
                                                                                                          grafie«. Doch das ist eine andere Geschichte.
                               Herausfordernd. So könnte man diese Spielzeit 2019/20 des Hessi­           Arias’ Tanzstück ist keine leichte Kost, aber sicher­
                               schen Staatsballetts im Rückblick beschreiben. Tim Plegges Der             lich eine schmackhafte. Ebenso der zweite Teil des

                                                                                   26
Abends von Edward Clug mit seiner bildgewaltigen          Gerade die Talks leiteten zu unserer letzten offiziellen Tanzproduktion
Interpretation des »Frühlingsopfers« zur Original­        dieser Spielzeit 2019/20 über: Startbahn 2020. Nach 2017 bekamen
musik mit Orchesterbegleitung. In einer in Wasser         die Tänzer*innen unseres Ensembles bei diesem Projektformat die Mög-
getauchten Bühne verfolgt seine Choreografie              lichkeit, eigene Kurzchoreografien zu kreieren. Durch die COVID-19-
aus dem Jahr 2012 in der Neuinterpretation unseres        bedingte Verschiebung der für die Spielzeit geplanten Produktionen
Ensembles die Wirkung der Musik in den Körpern            von Tim Plegges Jugendtanzstück Rotzfrech und dem Doppelabend
der Tänzer*innen minutiös nach. Sezierend wie ein         Roots der beiden Nachwuchschoreografen Eyal Dadon und Martin
Chirurg und gleichzeitig einen Freiraum schaffend,        Harriague ergab sich daraus die Möglichkeit, Startbahn 2020 größer
gibt Clug den Akteur*innen auf der Bühne individu­        zu denken als ursprünglich gedacht.
elle Gestaltungsmöglichkeiten. Eine Aufführungs-
erfahrung, die lange nachhallen wird.                     In zwei Teilen an zwei Abenden feierte das Hessische Staatsballett
                                                          am 5. und 6. Juni im Kleinen Haus des Hessischen Staatstheaters
Nachhallen. Wie ein Echo aus einer vergangenen            Wiesbaden »Premiere danach« mit einem Projekt, an dem die Choreo-
Zeit der tosende Applaus im Parkett, der die Pausen       graf*innen aus unserem Ensemble seit Monaten gearbeitet hatten.
einläutet oder die Vorstellungen beschließt, das          Hinsichtlich der Aufführungsbedingungen bestanden einige Restrik-
Stimmengewirr vieler hundert Menschen im Saal             tionen wie ein einzuhaltender Mindestabstand, der körperliche
oder Foyer, das eine Aufführung des Hessischen            Berührungen weitestgehend unmöglich machte. Duette, Trios oder
Staatsballetts umgibt. Die Stille auch, wenn sich         anderweitige Gruppenformationen konnten damit nicht realisiert
das Licht abdunkelt, der Vorhang hebt oder der            werden. Eine Ausnahme bildeten lediglich Tänzer*innen, die aus einem
Dramaturg das Mikrofon zur Einführung ergreift,           Haushalt kommen. Viele der Choreograf*innen mussten daher ihre
spannungsvoll und abrupt, mit Vorfreude auf­              ursprünglichen Konzepte entweder komplett verwerfen oder den ge-
geladen.                                                  gebenen Umständen anpassen. Hinzu kamen staatlich angeordnete
                                                          Zuschauerbeschränkungen, wodurch sich die Säle signifikant geleert
Stille kann betörend sein. Sie lädt zum Innehalten ein,   haben. Wir versuchten, der herausfordernden Lage aber auch etwas
lässt Töne wirken durch deren Abwesenheit. Ebenso         Gutes abzugewinnen und diese Einschränkungen zum Anlass zu
Stillstand. Im Tanz ist Bewegung nichts ohne ihr          nehmen, Tanz ganz neu zu denken.
Gegenteil. Antagonismen ziehen sich durch unsere
Kunst im Wechsel von Anspannung und Entspan­              Einer ganz anderen Art des Neudenkens sieht sich gegenwärtig die
nung. Still wurde es in den Theatersälen, als ein neu-    Tanzvermittlung ausgesetzt. Wir mussten in dieser Spielzeit unsere
artiges Virus den sozialen Umgang hier wie überall        beliebten Tanzklub-Präsentationen im Juni wie auch viele andere
auf der Welt vor eine große Herausforderung stellte.      Formate, die sich an der Schnittstelle von Theater und öffentlichen
All die Abläufe und Gewohnheiten, Handgriffe und          Einrichtungen wie etwa Schulen bewegen, ausfallen lassen. In Zeiten,
Routinen galt es als solche zu überdenken und an          in denen sich der Vorstellungsbetrieb auf den Bühnen allmählich
die gegenwärtige Situation anzupassen.                    wieder einstellt, befindet sich dieser wichtige Bereich unserer Arbeit,
                                                          hier wie andernorts, weiterhin im Lockdown.
Die Wochen des Lockdowns im Homeoffice ver-
lagerten das Miteinander vor den Bildschirm. Nicht        Die Welt ist im Wandel. Nicht nur das Virus sfordert uns alle heraus.
nur ein Stillstand, sondern ein Festsitzen in Küchen,     Sicherheitskonzepte mögen einen Schutz gegen die exponenzielle
Wohnzimmern und auf Balkonen oder mit dem Mobil-          Ausbreitung von Infektionen darstellen, doch welche Vorkehrungen
telefon im Freien. Eine ganz neue Art des Kennen-         treffen wir für den Erhalt einer offenen und gerechten Gesellschaft?
lernens. Das Persönliche zeigte sich in Einrichtungs­     Wirtschaftliches Ungleichgewicht, Abschottungspolitiken und rechts-
stilen oder Haustieren, aber auch in neuen Ideen,         gerichtete Tendenzen bestimmen ebenso unseren Alltag wie die neu-
im digitalen Teilen von Tagewerk untereinander und        aufgekommenen Abstandsregeln. Die Unruhen in den USA in Folge
auf verschiedenen Internetkanälen. Es wurde Pasta         des Todes des Afroamerikaners George Floyd durch Polizeigewalt
zubereitet, die Katze choreografiert, zu Lieblings­       und die Rückkehr des Hashtags #BlackLivesMatter in den sozialen
songs getanzt oder per Konferenzschaltung global          Medien erinnerten die Welt eindringlich an eine eigentliche Selbst­
trainiert.                                                verständlichkeit: die unantastbare Würde und Freiheit eines jeden
                                                          Menschen, unabhängig von ethnischer Abstammung, sozialem
Die Öffnung unserer kompanieinternen und im               Status oder Geschlecht. Kunst jeglicher Provenienz kann nur gedeihen,
hohen Maße privaten Aktivitäten für eine breitere         wenn in ihrer Entstehungsweise diese Grundsätze ohne Diskussion
Öffentlichkeit entsprang dem Wunsch, sich wieder          den Ausgang der Arbeit bilden. Und wo diese Grundsätze angezweifelt
künstlerisch zu zeigen und gleichzeitig in Kontakt        werden, ist Kunst eine Möglichkeit, im Sinne ihres freiheitlichen Aus-
mit unserem Publikum zu treten.                           drucks und ihrer gemeinschaftsstiftenden Funktion deren Unabding­
                                                          barkeit zu fordern. Das Hessische Staatsballett steht mit seinem
In Form der Virus Dances entstanden eigene, auf           Ensemble aus vielen Nationen nicht nur für ein künstlerisches Kollektiv,
Video festgehaltene Kurzchoreografien, die zuvor in       das sich aus vielen individuellen Einzelstimmen zusammensetzt,
einer gemeinschaftlichen Ideenfindung im Ensemble         sondern auch für eine Wertegemeinschaft, die gerade in diesen
und Team entwickelt wurden. Auf diese Weise konnte        herausfordernden Zeiten zusammenhält und diesen Zusammen-
sich jede/r Einzelne kreativ einbringen. Darüber          halt auch nach außen hin repräsentiert.
hinaus entstand mit TTT – Talks, Trainings, Tasks ein
eigenes Online-Format, das in wöchentlichem Turnus        In diesem Sinne richten wir unseren Blick hoffnungsvoll nach vorne,
abwechselnd Künstlergespräche mit Tänzer*innen            lauschen selbstbewusst mit unseren Körpern den Klängen des zu-
des Hessischen Staatsballetts, digital stattfindende      künftigen Echos, bewegen uns im Takt des unversiegbaren Tanzes und
öffentliche Balletttrainings und von Ensemble­            genießen vorher den Nachhall einer herausfordernden Spielzeit 2019/20.
mitgliedern für das Publikum gestellte Wochenend­
aufgaben präsentierte.

                                                                         27
DENISLAV KANEV

28
     DisTANZiert
Während des fast
     zweimonatigen
     Lockdowns von
     Mitte März bis
     Anfang Mai wurde
     unser Kompanie­
     leben von den
     Bühnen und Probe-
     bühnen vor die
     heimischen Bild­
     schirme verlegt.
     Eine Zeit, in der wir
     gemerkt haben,
     dass Tanz von
     Berührung lebt,
     von physischer
     Nähe und Gemein-
     schaft im Raum.
     Trotz aller Ein­
     schränkungen
     haben wir Wege
     gefunden mit­
     einander und mit
     unserem Publi­
     kum im kreativen
     Austausch zu
     bleiben. Dabei
     sind neue Formen
     und Formate
     entstanden, die
     so gar nichts
     mit »Homevideo«
     zu tun haben.

29
Virus Dances –

30
             Manchmal hilft nur
     RAMON
               noch tanzen
               JOHN   JIYOUNG   LEE   NICOLAS   FRAU
SAUCO

                                                                            KOMKOVA
ARA

                                                                            LUDMILA
JAVIER
PRIETO

                                                                            DEAKIN
                                                                            NELLO
GARCIA

                                                                            FRANCESC
NATALIA

                                                                            KATORI
                                                                            MASAYOSHI

          Das Tanzvideoformat Virus Dances – Manchmal hilft nur noch tanzen war
SHIELD

          der Versuch, eine Gratwanderung zu schaffen, die Lust an der Bewegung
          mit den Einschränkungen der für den Tanz so wesentlichen Bedingungen
          von Nähe und Berührung zusammenzubringen.
          Es entstanden Duette und Gruppenchoreografien im Zusammenschnitt
          von selbstgefilmten Solos.
          Neue Bühnen wurden erschlossen, daheim und im öffentlichen Raum.
          Tanz und Bewegung im Allgemeinen wurden so nicht nur im Körper selbst
          entdeckt, sondern auch in der Stadt und Natur.
VANESSA

          Es gab insgesamt sechs Virus Dances. Einige von ihnen wurden später
          in den Vorstellungen von Startbahn 2020 gezeigt.

                           31
Trainings, Tasks
            TTT – Talks,
Einen Höhepunkt unserer Online-
Aktivität stellte TTT-Talks, Trainings,
Tasks dar. Mit diesem dreiteiligen
Format schufen wir über einen Zeit-
raum von acht Wochen hinweg ein
digitales Spielzeitprogramm für das
Hessische Staatsballett.

                  32
Immer montags und mittwochs fanden
Künstlergespräche zwischen Drama­

                                                                                   DATO
turg Lucas Herrmann und Tänzer*innen
des Hessischen Staatsballetts statt.
Bei Letztgenannten handelte es sich
um die Choreograf*innen des Projekts
Startbahn 2020.
In insgesamt dreizehn T for Talks stellten   »Ich möchte die Freiheit

                                                                                   GRETA
die Choreograf*innen ihre Ideen vor,
zeigten Probenmitschnitte und Arbeits-       haben, verschiedenstes
skizzen aus der Zeit vor dem Lockdown        Repertoire zu erkunden
und gaben Einblicke in ihre aktuelle Situ-
ation im Homeoffice. Auf diese Weise
                                             und zu erleben.«
konnten unsere Ensemblemitglieder in
einen künstlerischen Diskurs mit dem
Publikum treten und das Format als
Chance nutzen, die eigene Arbeit zu

                                                                  NOVAIS
reflektieren.
Die Videointerviews wurden von uns
live auf unseren Social-Media-Kanälen
gestreamt. Dramaturg und Moderator
                                                T für Talks                »Einsamkeit
Lucas Herrmann und seine jeweiligen
Gesprächspartner*innen unterhielten                                        kam wie ein
sich dabei räumlich getrennt jeweils                                       Schlag in
vor einem Bildschirm über die Distanz.
                                                                           mein Auge.«
Für unsere Zuschauer*innen gab es
die Möglichkeit, den Videoraum eben­                              MARCOS

falls zu betreten und so für ein digitales
Live-Feeling zu sorgen.
Insgesamt eine technische Meisterleis­
tung, die manches Mal ein hohes Maß
an Geduld und Nervenstärke forderte.

                                                                                           TERRANA

                  »Lange Rede,
                                                                                           VESTRIS

                    kurzer Sinn
                  … ich möchte
                     einen Tanz
                      machen!«
                                                                                           GAETANO

                                                   33
T für Trainings

Immer dienstags und donnerstags                Mit Ende des Lockdowns und
luden unsere Ballettmeister Uwe                Wiederaufnahme des Proben-
Fischer und Gianluca Martorella                betriebs änderte sich unser
über sechs Wochen lang zu digi-­               T for Trainings-Konzept und wir
talen Balletttrainings ein. Im Rahmen          ließen unsere Gäste an den
einer Videoschaltung hatten Zu-                jeweiligen Tagen online an den
schauer*innen, Tänzer*innen und                Kompanietrainings am Morgen
Kolleg*innen aus aller Welt die                teilnehmen.
Möglichkeit, sich von zu Hause aus
in unseren Ballettsaal zu beamen.
Stuhllehnen und Küchenzeilen
wurden kurzerhand zu Ballett­
stangen umfunktioniert. Die On­
line-Trainings waren nicht nur
eine gute Möglichkeit neue Men­                                  Ein großes Dankeschön an dieser Stelle
schen aus dem Bereich des                                        auch an Denislav Kanev, der neben
Tanzes kennenzulernen, sondern                                   seiner Tätigkeit als Tänzer die Virus
auch, das professionelle Körper-                                 Dances und TTT als Videospezialist bei
                                                                 De-Da Productions maßgeblich unter-
wissen an Laien weiterzugeben.                                   stützt hat. Nicht unerwähnt bleiben soll
                                                                 auch die Musik. Vielfach stammte diese
                                                                 bei den Virus Dances aus der Feder
                                                                 unseres Tänzers Javier Ara Sauco. Da-
                                                                 rüber hinaus steuerte unser Korrepetitor
                                                                 Waldemar Martynel eigene Kompositionen
                                                                 bei, so u. a. für die Titelmelodie unseres
                                                                 TTT-Trailers eine Neuinterpretation von
                                                                 Beethovens 9. Sinfonie in d-Moll op. 125.

                                        34
NELLO DEAKIN
                                                                                                    FRANCESC
TAULANT SHEHU

                                                                                     MORO ARGOTE
                                                                                        JORGE

                                                                                                                                   ARA SAUCO
                                                                                                                                     JAVIER
                                                               T für Tasks
                                          LÓPEZ FLORES
                                            ENRIQUE

                                                                                KOMKOVA
                                                                                 LUDMILA

                                                                                                                  MEILYN KENNEDY
                          MARCOS NOVAIS

                                                         Das letzte T stand schließlich für ein Mitmachangebot,
                                                         bei dem unsere Ensemblemitglieder sich selbst und
                TATSUKI
                TAKADA

                                                         dem Publikum kleine Wochenendaufgaben in Form von
                                                         Videobotschaften stellten. Ob multilinguale Zungen­
                                                         brecher, das Teilen von Lieblingssongs oder eine Bewusst-
                                                         seinsübung, um die Bewegungen in der Umgebung
                VESTRIS TERRANA

                                                         wahrzunehmen – unsere Tänzer*innen und Teammitglieder
                   GAETANO

                                                         fanden in den insgesamt fünf Tasks Wege, sich selbst
                                                         herauszufordern und die Zuschauer*innen einzuladen,
                                                         ihnen dabei zu folgen.

                                                                    35
36
PRELUDE TO ACT 1
                                                                                                    VON MASAYOSHI KATORI

                                                                                                                                       MANON ANDRAL
                                                                                                    STARTBAHN 2020
                                                                                               Choreografien von Tänzer*innen
                                                                                                des Hessischen Staatsballetts
                                                                                           Uraufführung Startbahn I am 5. Juni 2020
                                                                                             Hessisches Staatstheater Wiesbaden
                                                                                           Uraufführung Startbahn II am 6. Juni 2020
                                                                                             Hessisches Staatstheater Wiesbaden
Manon Andral, Kristin Bjerkestrand, Ramon John, Sayaka Kado, Daniel Myers, Ezra Rudakova

                                                                                                                                       KRISTIN BJERKESTRAND
                            Masayoshi Katori
 Richard Wagner, Lohengrin, Ouvertüre
    C H O R E O G R A F I E , KO S T Ü M E , L I C H T
                                                         MUSIK
                                                                 TA N Z

                                                                                                             37
AS SMALL AS A WORLD,

                                                                              ISIDORA MARKOVIC
                                                                                                                 AS LARGE AS ALONE
                                                                                                                              VON ISIDORA MARKOVIC

                                                                                                                                                         Isidora Markovic
                                                                                                      C H O R E O G R A F I E , KO S T Ü M E , L I C H T, TA N Z
                                                                                                                              MUSIK      Sara Stevanović
                                                                                                                      SOUND      D E S I G N Fabio Grandinetti
KRISTIN BJERKESTRAND

                                                  DEEP ART,
                                                  YOURS …
                                                             VON RAMON JOHN
DANIEL MYERS
MARGARET HOWARD

                                                             Ramon John
                       C H O R E O G R A F I E , KO S T Ü M E , L I C H T
                       MUSIK     Noisettes, Travelling Light
                       TA N Z   Manon Andral, Kristin Bjerkestrand, Margaret Howard, Sayaka Kado, Daniel Myers

                                                                                                 38
Erik Satie, Gnossiennes No. 1, Lent, Gymnopedie No. 1, Lent et Douloureux, Gymnopedie No. 3,

                                                                                                                                                                                     RAMON JOHN
        Lent et Grave (das letztere Stück neuarrangiert von Waldemar Martynel)

                                                                                                                                                                                     MASAYOSHI KATORI
        TA N Z Kristin Bjerkestrand, Ramon John, Masayoshi Katori
                                           Daniel Myers
           C H O R E O G R A F I E , KO S T Ü M E , L I C H T

                                                                                                               THE CIRCLE

                                                                                                                                                                                     KRISTIN BJERKESTRAND
                                                                                                                  VON DANIEL MYERS
                                                                MUSIK
MANON ANDRAL

                                                                                                                                                       WENT
                                                                                                                                                     WALKING
                                                                                                                                                     THROUGH
                                                                                                                                                     PARADISE
                                                                                                                                                  VON EZRA RUDAKOVA
MASAYOSHI KATORI

                                                                                                                                          C H O R E O G R A F I E , KO S T Ü M E ,
                                                                                                                                          LICHT    Ezra Rudakova
                                                                                                                                                                 Daniel Lett
                                                                                                                                          V I D E O I N S TA L L AT I O N
                                                                                                                                          MUSIK   Hybrid Leisureland, water
                                                                                                                                          position, Rich Russell, Sound
                                                                                                                                          Collage, Alim Qasimov, Michel
                                                                                                                                          Godard, Trace of Grace, Moving
                                                                                                                                          Forward, Regina Spektor,
                                                                                                                                          The Trapper and the Furrier,
                                                                                                                                          Max Richter, Vladimir’s Blues
                                                                                                                                          TA N Z Manon Andral,
                                                                                                                                          Kristin Bjerkestrand, Sayaka Kado,
                                                                                                                                          Masayoshi Katori, Daniel Myers

                                                                                                                                     39
MASK 1522
                                                                                               VON ALESSIO DAMIANI
JIYOUNG LEE

                                           Alessio Damiani
  C H O R E O G R A F I E , KO S T Ü M E , L I C H T
  MUSIK        Ólafur Arnalds, Himininn er að hrynja, en stjörnurnar fara þér vel
  TA N Z      Nicolas Frau, Jiyoung Lee, Vanessa Shield

                                                                          THRESHOLD
                                                                            VON RITA WINDER

                                                                                                                      Aeham Ahmad, Dawn, Waldemar Martynel, Claude Debussy Arabesque No. 1
                  MARCOS NOVAIS

                                                                                                                                                Rita Winder
                                                                                                                        C H O R E O G R A F I E , KO S T Ü M E , L I C H T

                                                                                                                     Marcos Novais, Rita Winder
                  RITA WINDER

                                                                                                                                                                             MUSIK
                                                                                                                                                                                     TA N Z

                                                                                    40
VANESSA SHIELD
                        Gaetano Vestris Terrana

TA N Z Greta Dato, Marcos Novais, Vanessa Shield
 Peter Gregson, 1.3 Courante, Bach Cello-Suiten
  C H O R E O G R A F I E , KO S T Ü M E , L I C H T

                                                                                                                                                    COURANTE
                                                       MUSIK

                                                                                                                                                                  VON GAETANO VESTRIS TERRANA

                                                                                                                                                 GRETA DATO

                                                                                             Meilyn Kennedy
                                                        C H O R E O G R A F I E , KO S T Ü M E , L I C H T

                                                                                                                                                                                                ISIDORA MARKOVIC
                                                        MUSIK      Meilyn Kennedy, The West Coast Pop Art Experimental Band, I Won’t Hurt You
                                                        TA N Z   Isidora Markovic, Jorge Moro Argote

                                                                                                                                                T W O, T H I S
                                                                                                                                                           VON MEILYN KENNEDY
                                                                                                                                                                                                JORGE MORO ARGOTE

                                                                                                                                  41
NARCISSUS
                                                                                   VON LUDMILA KOMKOVA
TATSUKI TAKADA

                 DisTANZiert.
                 Körper in DisTANZ zu anderen Körpern.
                 Es entsteht ein Abstand von 1,50 m zwischen meinem und deinem Körper.
                 Auf der Bühne sind es 6 m Abstand zwischen den Tanzenden.
                 Zwei Zahlen, die an Wichtigkeit gewinnen.

                 Mein Körper                                 dein Körper
                   						                                                                         da drüben.
                 Dynamisch.
                 Vier Wochen für zwölf Choreografien.
                 Zeitlichkeit.
                 Abstand.
                 Zwischenraum.
                 Unvorhersagbarkeiten.
                 Probenbeginn: chaotisch.

                 Chaos ist Teil der momentanen Un-Ordnung, des Zwischenraumes von bekannter und nicht
                 mehr gültiger sowie unbekannter Ordnung, in der sich unsere Gesellschaft aktuell befindet.
                 Ich glaube, dass wenn man sich auf den dynamischen Zustand der Unvorhersagbarkeit
                 einlässt, auch in dieser Zeit neue, andere, kreative Möglichkeiten entstehen können.
                 Aus Chaos entsteht neue Ordnung.

                 Nachtrag: Du kannst Dir nicht vorstellen, wie wichtig Socken im Tanz sind.
                 Text von Lena Kunz

                                                           42
C H O R E O G R A F I E , KO S T Ü M E , L I C H T Ludmila Komkova
                                                                                                   MUSIK                                                                     Nikolai Tscherepin, VIII. Entre Narcisse, épuisé par la fatigue, X. Narcisse se transforme en une fleur
                                                                                                                                                                                                                                                                             TA N Z Tatsuki Takada

                                                                                                                                                                                               MARCOS NOVAIS                                                                RITA WINDER

                                                                          VON GRETA DATO
                                                                                NUANCE
                                                                                            MUSIK

43
                                                                                                                                                                                                                                     VON MARCOS NOVAIS
                                                                                                                                                                                                                                                         BENTO DE ALMEIDA
                                                                                                                                                                                                                                                                                           TA N Z

                                                                                                                C H O R E O G R A F I E , KO S T Ü M E , L I C H T, TA N Z
                                                                                           Royal Crown Revue, Hey Pachuco!
                                                                                                                         Greta Dato
                                                                                                                                                                                                                                                                                                            MUSIK

                                                                        GRETA DATO
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                             C H O R E O G R A F I E , KO S T Ü M E , L I C H T

     STARTBAHN 2020
     D R A M AT U R G I E   Lucas Herrmann
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                 Ezio Bosso, Following a Bird
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                               Marcos Novais

                                                                                                                                                                                                                                                                                          Marcos Novais, Gaetano Vestris Terrana, Rita Winder

     KO O R D I N AT I O N   Lena Kunz
     P R O D U K T I O N S - U N D KO S T Ü M AS S I S T E N Z   Louise Buffetrille
Ein direktes Erleben,
das auf offene Ohren
und Herzen trifft
Ein Interview mit Martine Nicolet und
Dr. Gabriele Sophia Volmer, den beiden Vorsitzenden
der Freunde des Hessischen Staatsballetts e. V.

                                       Lucas Herrmann                                     Staatstheater Wiesbaden zu haben. Darüber
                 Seit vier Jahren besteht die Kooperation der Freunde mit dem             hinaus hatte ich mir immer einen Freundeskreis
                 Hessischen Staatsballett. Was motiviert Euch dazu, Euch so für           gewünscht. Nach der Gründung des Hessischen
                 den Tanz einzusetzen?                                                    Staatsballetts (HSB) unter der Leitung von Tim
                                                                                          wurde ich dann in Darmstadt nach einem solchen
                               G abriele Sophia Volmer                                    gefragt. Da war für mich sofort klar, bei diesem
                 Mich hat Theater immer fasziniert, als Kind nahm ich auch Ballett-       Vorhaben dabei zu sein.
                 unterricht. Danach ist es aber eher beim passiven Erleben geblieben.
                 Eine Anzeige mit der Anfrage nach Laientänzer*innen für das partizi­                             LH
                 pative Tanzprojekt Odyssee 21 von Tim Plegge gab mir dann die            Eure Unterstützung der Kompanie-Belange ist sehr
                 Möglichkeit, Kontakt in die kreative Szene zu bekommen. Der Proben­      vielseitig. Könnt Ihr darüber etwas sagen?
                 prozess zu Odyssee 21 wirkte auf mich erst neu und befremdlich,
                 im Nachhinein betrachtet war dieses gemeinsame Projekt aber                                     MN
                 ein großes Erlebnis. Ich habe aus dieser Erfahrung vor allem mitge­      Ein wichtiger Teil unserer Arbeit ist die Promotion
                 nommen, Prozesse nicht nur analytisch, sondern auch emotional            der Kompanie. Wir haben die Erfahrung gemacht,
                 an­zugehen. Dabei habe ich faszinierende Menschen kennengelernt.         dass viele Menschen in Darmstadt, Wiesbaden
                 Neben der besonders einfühlsamen Herangehensweise von Tim                und der Region gar nicht wissen, dass es mit dem
                 gefiel mir auch die Möglichkeit, Ballett politisch zu denken. Als nach   HSB vor Ort ein eigenes Ballettensemble gibt.
                 diesem Projekt die Bestrebung eines Freundeskreises aufkam,              Wir zeigen Präsenz mit einem Balletttisch bei Er-
                 wollte ich mich da auf jeden Fall einbringen.                            öffnungsfesten der beiden Staatstheater oder
                                                                                          während der Vorstellungen der Kompanie, wo sich
                                        Martine Nicolet                                   Tanzinteressierte informieren können. Uns ist es
                 Bei mir sieht es etwas anders aus. Ich war 15 Jahre lang Tänzerin        dabei vor allem ein Anliegen, mit jungen Leuten und
                 in der Ballettkompanie des Staatstheaters Darmstadt. Nach meiner         Menschen aller Schichten und Herkunft in Kontakt
                 aktiven Laufbahn habe ich die Kompanie lange weiterhin als               zu kommen, denn die Sprache des Körpers ist
                 Zuschauerin verfolgt. Ich fand schon damals die Idee spannend,           international. Wir sind darüber hinaus Ansprech­
                 eine gemeinsame Kompanie mit der Ballettsparte am Hessischen             partner*innen für die Tänzer*innen und das Team
                                                                                          des HSB und bieten individuelle und persönliche
                                                                                          Unterstützung bei verschiedenen Belangen.

                                                                                                                GSV
                                                                                          Diese können sowohl organisatorischer als auch
                                                                                          finanzieller Art sein, etwa durch durch Hilfe bei
                                                                                          der Wohnungssuche, durch Bezuschussung von
                                                                                          Veranstaltungen, aber auch im Sinne der Inte-
                                                                                          gration, durch die Organisation und Finanzierung
                                                                                          von Sprachkursen. Letztere wurden von den
                                                                                          Ensemblemitgliedern gerade im Zuge des Lock-
                                                                                          downs durch die wunderbare Zusammenarbeit
                                                                                          mit dem Unternehmen »Bildungsprofis-internatio­
                                                                                          nal« in Anspruch genommen. Auch die Tänzer­
                                                                                          gesundheit ist für uns ein wichtiges Thema, etwa
                                                                                          im Zuge physiotherapeutischer Unterstützung
                                                                                          (z. B. Osteo­pathie), Sprechstunden bei Orthopäden
                                                                                          oder geplanten Ernährungsworkshops.
     Die Freunde des Hessischen Staatsballetts e.V. zählen mittlerweile
     ca. 150 Mitglieder. Das vielfältige Spielzeitprogramm reicht vom exklusiven
     Probenbesuch, gesonderten Einführungen und unmittelbaren Blicken
     hinter die Kulissen bis zum persönlichen Austausch mit Ensemblemitgliedern,
     Ballettdirektor Bruno Heynderickx, Hauschoreograf Tim Plegge sowie
     weiteren Gastchoreografen und Gastkompanien.

                                                                          44
Martine Nicolet (1. v.l.) und Dr. Gabriele Sophia Volmer, (4. v.l.)

                            LH                                                                     LH
Wie blickt ihr zurück auf die Spielzeiten unter der              Worauf freut ihr euch am meisten im Hinblick auf die kommende
Ballettdirektion von Tim Plegge?                                 Spielzeit unter der Ballettdirektion von Bruno Heynderickx?

                          GSV                                                                    GSV
Mich beeindruckt das vielfältige Programm des                    Zuallererst hoffe ich auf eine von Corona-Restriktionen weitest­
HSB in jeder Spielzeit aufs Neue. Ich hatte sehr viele           gehend unbeeinträchtigte Spielzeit und Unbeschwertheit. Die Zeiten,
eindrucksvolle, begeisternde Erlebnisse in den                   in denen wir uns befinden, sind für die Planung und Umsetzung von
vergangenen Jahren, gerade auch durch die unter-                 Tanz und Ballett auf internationalem Spitzenniveau äußerst schwierig.
schiedlichen choreografischen Stile und die ästhe-               Ich freue mich auf die Fortführung des bewährten Konzepts der
tische Diversität, die das HSB auszeichnet. Da                   zwei Säulen. Bruno hat als Kurator und stellvertretender Ballettdirektor
stehen z. B. die wunderbaren Handlungsballette                   dieses Konzept maßgeblich mitentwickelt. Ich sehe eine große Chance
von Tim wie Winterreise, Liliom oder zuletzt Der                 darin, mit ihm einen Ballettdirektor zu haben, der nicht selbst choreo­
Nussknacker neben herausragenden zeitgenössi­                    grafiert, sondern sich komplett für Belange der Kompanie einsetzt.
schen Arbeiten wie Sadeh 21 von Ohad Naharin.
                                                                                                  MN
                           MN                                    Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Die Wichtigkeit von Kultur ist
Diese Offenheit für Stile und Ästhetiken, die sich im            gerade im Zuge von Lockdown und den ganzen Restriktionen zum
Konzept der zwei Säulen mit eigenen Produktionen                 Ausdruck gekommen. Ich wünsche dem HSB, dass die Produktionen
und Gastspielen ausdrückt, ist schon sehr beein­                 wie geplant umgesetzt werden können und Tanzvorstellungen wieder
druckend und in Deutschland sowie darüber hinaus                 ein direktes Erleben bedeuten, das auf offene Ohren und Herzen
einmalig. Mich faszinieren auch die anspruchs-­                  stößt. Persönlich freue ich mich schon sehr auf den Doppel­abend
vollen Vermittlungsangebote, die von Nira Priore                 Horizonte, der mit Choreografien von Alexander Whitley und Sharon
Nouak initiiert und organisiert werden, z. B. die                Eyal/Gai Behar im Oktober in Darmstadt Premiere feiern wird.
Tanzklubs. Die Sichtbarmachung des Tanzes auf
und neben der Bühne, die das HSB leistet, hat
eine große Aura hier in der Rhein-Main-Region.
Darüber hinaus bietet die Kooperation des HSB mit
dem Künstlerhaus Mousonturm im Rahmen der
Tanzplattform Rhein-Main großes Entdeckungs-
potenzial, sowohl was die choreografische Nach-                                                       Bildungsprofis-International – Wir sind die
wuchsarbeit betrifft als auch hinsichtlich auf-                                                       Sprachexperten für anspruchsvolle Lösungen
regender Gastspiele beim Tanzfestival Rhein-Main.                                                     www.bildungsprofis-international.com

                                                                               45
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