"MAN GEHT HEUTE NICHT MEHR MIT SO VIEL RISIKO IN EIN SCHAUSPIELSTUDIUM." - null41
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Unabhängige Monatszeitschrift für die Zentralschweiz mit Kulturkalender
NO 7/8 Juli/August 2017 CHF 8.– www.null41.ch
Alina Vimbai Strähler, Schauspielerin
RISIKO IN EIN SCHAUSPIELSTUDIUM.»
«MAN GEHT HEUTE NICHT MEHR MIT SO VIELANZEIGEN
Patricia Bruno Cherry Emily Cillian Kristin Timothy
Clarkson Ganz Jones Mortimer Murphy Scott Thomas Spall
Ein Film von Kultur ist Ihr Beruf
S a l ly P ot t E r
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Die IG Kultur Luzern feiert ihr 40-jähriges Jubiläum. Die IG Kultur Luzern feiert ihr 40-jähriges Jubiläum.
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Werke von Joseph Haydn und Béla Bartók
Um an der Verlosung teilzunehmen, senden Sie eine
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Festival» an laniado@kulturluzern.ch
40 JAHRE AUSTAUSCH, VERNETZUNG UND BERATUNG 40 JAHRE AUSTAUSCH, VERNETZUNG UND BERATUNGINHALT
18 LUSTVOLL, NEU, BOOMEND
Die Neue Volksmusik im Überblick
20 «SINGT DER BERG?»
Hintergründe eines Göschener
Kunstwerks
22 DEFTIGES HAPPENING 28 Gefundenes Fressen: Zuger Chriesiwurst KULTURKALENDER
«One Burning Man» in Schötz 46 041 – Das Freundebuch: Niklaus «Knox» 47 Kinderkulturkalender
Troxler 49 Veranstaltungen
26 SINNLICHE ERFAHRUNG 70 Käptn Steffis Rätsel 61 Ausstellungen
Das Visionsgedenkspiel «Vo innä uisä» 71 Stille Post: Geheimnis Nr. 68
Titelbild: Daniela Kienzler
37 WER SIND WIR? SERVICE
Das Lucerne Festival spürt Identität nach 29 Architektur. Stadtflaneur
30 Kunst. Madörin trifft auf Zünd 48 Stattkino / Romerohaus
KOLUMNEN 35 Kino. David-Lynch-Doku 50 Neubad / Südpol
6 Doppelter Fokus: Riviera Latina Festival 39 Musik. Debüt auf Kassettli 52 LSO
Weggis 45 Wort. Luzernerin in London 60 Kunstmuseum Luzern / Haus für Kunst Uri
8 Rolla am Rand: Nach dem Vorhang 68 Kultursplitter. Tipps aus der ganzen 62 Nidwaldner Museum
9 Lechts und Rinks: Her mit den normalen Schweiz 64 Historisches Museum / Natur Museum
Menschen! 69 Ausschreibungen, Namen, Preise 67 Kunsthalle Luzern / Museum Bellpark
G U T E N T AG
GUTEN TAG, VERSICHERUNGEN GUTEN TAG, ZENTRALPLUS
In Zeiten allgemeiner Verunsicherung will man sich absichern. Dafür wärt Wir wissen nie, wo wir bei euch zuerst hinklicken sollen: auf den Exit-
ihr ja eigentlich da. Aber statt ein sicherer Hafen in stürmischer See zu sein, Button oder auf die Satireabteilung. Na ja, letztere ist zwar keine Abteilung,
taucht ihr ein in den Morast von Zwängerei und Querelen. Etwa du, CSS. da ihr nirgends vermerkt, was Satire ist und was nicht. Schön aber, dass ihr
Hast du doch Ende 2015 das Gewerbegebäude gekauft und die Mieterinnen euch den Satiregrundsatz schlechthin zu Herzen genommen habt: Satire
und Mieter kurzerhand rausgeschmissen. Abreissen wolltest du den Bau von darf alles. So titelt ihr knackig: «Altstadt-Parkhaus entwickelt sich zum
1933. Nun haben wir ein weiteres leer stehendes Gebäude an bester Lage, Suizid-Hotspot» und schreibt im Artikel, dass «Freitode von Parkhäusern
von dem die städtische Denkmalpflege sagt, es sei schützenswert. Kurz: selten» seien. In der Tat: Parkhäuser sind meistens Frohnaturen. Sie hal-
kein Abriss. Nun beginnt also das Täubelen. Wenn dein Wille der Stadt ten das Schweigen der Blechlämmer jahrelang aus, bis sie irgendwann der
nicht Befehl sei, drohtest du, würdest du keine zusätzlichen 500 Arbeits- Abrissbirne zum Opfer fallen. Weshalb wir uns amigs auch fast totlachen:
plätze in der Tribschenstadt ansiedeln. Während du, Zürich Versicherung, Ihr weibelt wie verrückt, damit eure Community communiziert. Und
die an der Neustadtstrasse 6 und 8 ebenfalls alle Mieter rauswarf, bauen wenn plötzlich mal ein Kommentar geschrieben wird, dann löscht ihr ihn.
darfst. Nicht ohne Nebentöne und Ungemach: Zu laut, zu umständlich, Geschwärzter Humor vom Feinsten! Beim Crowdfunding-Aufruf für die
zu unökologisch, nicht zeitgemäss, sagen Kritiker. Wenn sich der Lärm gerichtliche Anfechtung einer bedingten Geldstrafe wegen Hausfriedens-
gelegt hat, werden sich die Anwohner freuen – und du dich über sauteuer bruch («Gundula»-Besetzung) waren wir uns nicht gaaanz sicher: Ist das
vermietbare Wohnungen! Satire oder ist das euer Ernst? Die Journalistin war tatsächlich vor Ort?!
Hauptrecherchequelle war diesmal nicht Facebook? Jetzt verstehen wir
Bei euch ist Beton und Mörtel verloren, 041 – Das Kulturmagazin auch, was ihr mit den versprochenen Hintergrundgeschichten gemeint
habt: Die sind dermassen hintergründig, die sieht man gar nicht. Ihr ge-
witzten Sprachsatiriker, ihr. Hach, weil wir’s zusammen gerade so lustig
haben, kennt ihr den schon: Was sagt euer Redaktionsleiter zu eurem Ver-
lagsleiter? Na: «Sali, ech!»
Die Lustige Zeitung (LZ) ist selten so lustig wie ihr, 041 – Das Humormagazin
4E DI TOR I A L
Schubladen und
Ränder
Gottfried Keller meint: «Besser ist’s, man hat in der Jugend zu
kämpfen als im Alter.» Kulturschaffende jedoch haben in jedem
Lebensalter zu kämpfen. Sie ringen um Inspiration – und kratzen
immer wieder in der Beiz das letzte Münz zusammen. Eine Studie
von Suisseculture Sociale kam 2016 zum Ergebnis, dass Kultur-
schaffende im Jahr durchschnittlich 40 000 Franken verdienen, auf
dreizehn Gehälter heruntergerechnet sind das gerade mal knapp
über 3000 Franken im Monat. Geld ist auch ein Thema unseres
Generationengesprächs: Wir versammelten fünf Kulturschaffende aus
verschiedenen Sparten an einem Tisch, der jüngste, Julian Blum, 22
Jahre, der älteste, Anton Egloff, 84 Jahre. Was sie einander zu sagen
haben und was sie am Gegenüber interessiert, lesen Sie ab Seite 10.
Das Lucerne Festival widmet sich heuer dem Thema «Identi-
tät». Das Motto ist gleichermassen musikalisch, wie existenziell
zu verstehen: «Die Solisten unter ihnen (den Musikern, Anm.
d. Red.) sind als Nomaden unterwegs und müssen ihre eigenen
Strategien entwickeln, um sich in den vielen Hotelzimmern nicht
selbst abhanden zu kommen», schreibt Susanne Kübler in ihrer
Festivalvorschau.
Als Teil unserer Schweizer Identität gilt die Volksmusik. Dass
diese mehr ist als Hudigäggeler und Heimatdümmelei zu miesem
Hintergrundgedöns, zeigen heute Sängerinnen wie etwa Nadja
Räss, Erika Stucky oder Christine Lauterburg. Auch Gruppen wie
Pflanzplätz, das Albin Brun Alpin Ensemble oder die aktuell noch
von Markus Flückiger geleitete Alpini Vernähmlassig demonstrieren
die Vielfalt und Andockfähigkeit der Neuen Volksmusik. Obschon
mit letzterem Begriff niemand so recht glücklich scheint, wie Stoph
Ruckli in seinem Szene-Augenschein berichtet: «Auch weil er relativ
jung und schwammig ist. Doch fehlen die Alternativen. Ohnehin
verlassen sich Musizierende nie gerne auf Stilschubladen.»
Ausserhalb aller Schubladen bewegte sich unser Kolumnist
Christov Rolla, der exakt vor zwei Jahren seinen Einstand hatte.
Zuerst rapportierte er von Veranstaltungen, die in keinem Kultur-
kalender aufgeführt sind, etwa vom «alljährlichen Wasserballett der
Kirchenorganisten», später stellte er sich an den Rand und schrieb
von seinen Erlebnissen mit kuriosen Figuren und Themen als
Zaungast. Nun erhält er bald den städtischen Anerkennungspreis
und ist zu reich (und zu arriviert), um Kolumnen zu schreiben.
Wir verabschieden uns dankbar und mit einem Knicks ... oder
Knacks? ... Egal! Verzichten müssen Sie jedenfalls auch zukünftig
nicht auf Christov Rolla, für die September-Nummer machen wir
mit ihm ein Rigireisli. Wie, warum und was das alles mit Kultur
zu tun hat, lesen Sie nach dem Sommer.
Und jetzt Arschboooombeee! Platsch!
Ivan Schnyder
schnyder@kulturmagazin.ch
5D O P P E LT E R F O K U S
Riviera Latina Festival Weggis, 2.–4. Juni 2017
Bild oben Mischa Christen, rechte Seite Patrick Blank
Die beiden Luzerner Fotografen Patrick Blank und Mischa Christen zeigen zwei Blicke auf einen
Zentralschweizer Anlass, den «041 – Das Kulturmagazin» nicht besuchen würde.
6ROLLA AM RAND
Nach dem Vorhang
Ich bin ein bisschen melancholisch. Denn dies ist meine letzte Kolumne. Ich
habe Abschiede nicht gern. Aber nach zwei Jahren ist die Altersguillotine
gekommen. Und auch wenn diese Kolumne viel zu jung zum Sterben ist – den
feinen Damen und Herren von der Redaktion ist das egal. Sie sagen: «Du hast
es von Anfang an gewusst!» Und ich sage: «Ja, aber ich bin ein Meister der
Verdrängung!» Und dann sagen sie: «Tja.»
Ein Melancholiker wie ich gerät bei Abschieden sofort in eine eklatante
Rührseligkeit. Sie kennen das vielleicht von einer in die Brüche gegangenen
Beziehung, wenn man sich plötzlich fragt, was wohl die Jugendliebe heute so
macht. – So geht es nun auch mir. In den letzten zwei Jahren habe ich von
allerlei Anlässen berichtet und dabei viele Leute getroffen. Ein paar davon
schloss ich ins Herz, und so möchte ich diese zum Abschied Revue passieren
lassen. Ganz im Sinne der beliebten Textgattung «Was-macht-eigentlich-XY?».
Viele meiner Gesprächspartner sind in ihrem Beruf geblieben. Sei es der
literarische Baumkundler Clemens Steffen (er kümmert sich neu um den
Topos «Busch»); sei es die Applausforscherin Edith Odermatt (die ihr Gebiet
mittlerweile auf Zugaben-Erkennungsjuchzer ausgedehnt hat); sei es Herr
Petrovic – auch er verschiebt immer noch die Klaviere älterer Damen, denen
etwas hinters Klavier geflutscht ist. (Allerdings ist gerade Flaute, weil viele seiner
Kundinnen dieser Tage in Cademario oder Crans-Montana am Kuren sind.)
Andere hadern. Etwa Luzia Abgottspon: Die vegane Kommunikationsberaterin
leidet immer noch daran, dass die Fleischindustrie viel witzigere Kampagnen
hat als die Kulturszene. Die Kunst-für-Kinder-Galeristin Gaby Kirchmeier ist
nach Dänemark ausgewandert. Ihre damaligen Künstler haben unterschiedliche
Wege eingeschlagen: Die Julia ist in Berlin und macht erfolgreich Siebdruck
für Start-ups, der Ramon hat an die Pädagogische Hochschule gewechselt. (Die
Perspektiven dünken ihn vielversprechender.) Hedy Lamprecht schliesslich,
die Ausdrucksmalkurse für Journalistinnen und Journalisten gibt, ist völlig
überarbeitet, seit man Artikel liken oder disliken kann.
Roli, der Dream Pianist, und Sabine Ihr-Sternenhauch-für-jeden-Anlass,
die sich am Speed Dating für Alleinunterhalter kennenlernten, gründeten ein
Unterhaltungsduo, heirateten und haben im Januar ein Kind bekommen. Roli
arbeitet jetzt wieder Vollzeit als Stromer.
Der Abwart, der in aller Seelenruhe die in die Gitarre gefluppte Buchse
des Junggitarristen in letzter Minute mit einer Ventilschraube vom Töff des
Regisseurs flickte, wurde im Rahmen der kantonalen Sparmassnahmen ent-
lassen; dies zugunsten eines externen Reinigungsdienstes, der billiger ist, aber
für Reparaturen nicht zur Verfügung steht. Herr Bättig hat sich in der Folge bei
jedem Unternehmen beworben, das aufgrund der tiefen Unternehmenssteuern
nach Luzern gezogen ist, und ist dementsprechend noch immer arbeitslos.
Auch das Morgenturnen der Erwin-Koch-Verehrerinnen existiert noch.
(Zum Glück haben sich Steffi und Alina ausgesöhnt!) Allerdings hat sich das
Grüppchen leicht verändert und nennt sich nun «Morgenturnen der Erwin-
Koch-und-Richard-David-Precht-Verehrerinnen».
Und das Wasserballett der Kirchenorganisten? Das zeigt noch immer den
«Gefährlichen Otter» und die «Insel mit zwei Psalmen», alle halbe Jahre im
Hallenbad. Gehen Sie hin! Gehen Sie hin, auch wenn der Gründer zwischen-
zeitlich leider ertrunken ist. Die Kultur lebt weiter!
Christov Rolla berichtete an dieser Stelle jeden Monat vom Rand einer kulturellen Veranstaltung.
Oder von einer Veranstaltung, die am Rand mit Kultur zu tun hatte. Manches davon war wahr.
Das Mannschaftseinradfahren der Katechetinnen allerdings war erstunken und erlogen. Leider.
8LEC HTS U N D R I N KS
Her mit dem normalen Menschen!
In der Genderdiskussion gibt es abenteuerliche Bezeichnungen, die auch Feministinnen*
und Cis*-Frauen* in ein komplettes Durcheinander stürzen.
Kürzlich machte ein Plakat auf einen «femi- Die Sprache ist zwar ein wichtiges In-
nistischen Abendspaziergang» aufmerksam. strument, um möglichste präzise Ausdrücke
Bei der Demonstration in Bern sollte ge- zu generieren, Begriffe zu hinterfragen und
gen Rassismus und Sexismus demonstriert nach sprachlichen Alternativen zu suchen.
werden. Als Zusatz stand auf dem gleichen Allerdings ist es unterdessen im Dschungel
Plakat: «Cis-Männer unerwünscht!!!». Cis- der oberkorrekten Bezeichnungen bezüglich
Männer? Tja: Das sind weder Klarinettisten gendermässiger Ausrichtung sehr kompliziert
noch Typen, die eine Klappe locker haben. geworden: Es gibt M2F, T*man, T*woman,
Der Cis-Mann gehört wie die Cis-Frau zur Two*person, Polygender, Two-Split Person,
Spezies der Cisgender. Bezeichnet werden so Cis-Männer und noch viele mehr (der Stern
Menschen, deren Geschlechtsidentität dem- steht generell für weitere Diversitäten). Nebst
jenigen Geschlecht entspricht, das ihnen bei dem Durcheinander stellt sich auch die Frage,
der Geburt zugewiesen wurde – unabhängig ob die allzu pedantische Vermeidung von
von der sexuellen Ausrichtung. jeder potenziellen Diskriminierung und das
Geprägt wurde der Begriff «Cisgender» Pochen auf die Benennung jedes noch so klei- überhaupt auf dem Mann herumgehackt,
vom Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch nen Unterschieds nicht genau das Gegenteil der auf Frauen steht? Diese Feministinnen
analog zu «Transgender», um die vermeint- erreicht: Anstatt Toleranz zu schaffen und haben ziemlich sicher etwas falsch verstan-
liche Normalität zu hinterfragen. Denn der das Verbindende hervorzuheben, werden den: Es ginge ja um Gleichberechtigung und
grösste Teil der Menschheit gehört zu den Unterschiede betont und neue Schubladi- Toleranz gegenüber allen Lebensformen und
Cisgender, es wird gemeinhin als Normalität sierungen geschaffen. So wie es das Beispiel Geschlechterkategorien, und dazu gehören
angeschaut. Und da beginnt eben die Krux: der Organisatorinnen vom «feministischen nun mal auch die Cis-Männer – ganz egal ob
Wer darf die Normalität für sich reklamieren Abendspaziergang» zeigt: Sie ordnen den Cis- schwul oder hetero.
und wer wird dadurch diskriminiert? Laut Mann explizit als Heteromann ein und schlies-
Gender Studies gibt es nämlich unterdessen sen ihn ausgerechnet an einer Demo gegen PS: Eine simple Lösung für die Geschlechterfrage
über 50 mögliche Zuordnungen in der kultu- Rassismus und Sexismus aus. Damit greifen bietet die Unisex-Toilette: Alle sitzen im gleichen
rellen Geschlechterkategorie. Anders als beim die vermeintlich Oberkorrekten selber krass Häuschen. Das ist Ihnen zu einfach? Vermutlich
biologischen Geschlecht (Sex) zählt dabei in die Diskriminierungs-Kiste. Warum soll haben Sie recht.
mehr oder weniger einzig die Selbstwahr- sich ein Heteromann nicht gegen Rassismus
nehmung. Und die ist bekanntlich vielfältig. oder Sexismus einsetzen? Und warum wird Text: Christine Weber, Illustration: Stefanie Sager
9Belia Winnewisser, Musikerin
10G E N E R A T I O N E N G E S P R ÄC H
«Heutzutage liegt
der Fokus mehr
auf dem Künstler
selber.»
Fünf Kulturschaffende aus unterschiedlichen
Generationen. Was haben sie sich zu sagen?
Inwiefern haben sich die Arbeitsumstände
verändert? Was interessiert sie aneinander?
Wir versammelten am runden Tisch: Anton
Egloff, bildender Künstler, Walter Sigi Arnold,
Schauspieler, Alina Vimbai Strähler, Schau-
spielerin am LT, Belia Winnewisser, Musikerin
und Julian Blum, Fotograf.
Gespräch: Ivan Schnyder und Heinrich Weingartner, Bilder: Daniela Kienzler
11G E N E R A T I O N E N G E S P R ÄC H
Gibt es etwas, was euch ältere Kulturschaffende an Egloff: Du komponierst gleich mit den Geräten und
den jüngeren interessiert? schreibst nichts auf? Das ist interessant. Ich höre
Walter Sigi Arnold: Ja, warum habt ihr euch entschie- gerne zeitgenössische Musik. Elektronische Musik
den, in diese Richtung zu gehen? kenne ich zu wenig. Aber es gibt so Füller am Radio,
etwa vor dem Echo der Zeit, das ich regelmässig höre.
Julian Blum: Mir macht das Fotografieren Spass. Dann Da ist so ein Synthesizerfüller dabei, der mich effe-
fühle ich mich am besten. Ich fotografiere zurzeit nur ktiv verrückt macht.
analog. Und das ist für mich etwas sehr Meditatives.
Wenn ich in die Dunkelkammer gehe, in diesem
roten Licht bin und sehe, wie ich die Welt ästhetisch
eingefangen habe: Das ist ein schöner Prozess, das hat «Man muss sich zuerst aufregen,
einen Anfang und ein Ende für mich. Ich habe sonst
viele Interessen, aber das Fotografieren begeistert
und daraus entsteht die Anregung.»
mich seit eh und je am meisten. Anton Egloff
Anton Egloff: Du willst also die Welt mit der Kamera
hinterfragen oder deuten? Ich war früher auch
gepackt von ästhetischen Dingen, wollte aber zuerst Arnold: Auch körperlich?
nicht Künstler werden. Und im Gegensatz zu dir
habe ich lange keine Kamera gekauft, erst etwa mit Egloff: Ja, ich kann das nicht hören. Ich muss sofort
40 Jahren. Und dies auch nur wegen der Schule, weil wieder abschalten.
ich dokumentieren musste. Ich habe immer versucht,
anders hinter die Dinge zu gehen: mit den Händen Das ist eigentlich der Idealfall von Kunst, dass sie so
zu denken. Meine Zahntechnikerlehre hat diese stark übergriffig wird, dass es einem körperlich zu
Ausrichtung sicher beeinflusst. nahe geht.
Egloff: Genau. Man muss sich zuerst aufregen, und
Belia Winnewisser: Ich weiss nicht, was mein Beweg- daraus entsteht die Anregung.
grund war. Es ist einfach immer in diese Richtung
gegangen. Ich hatte stets eine Neugier in mir und den Walter Sigi Arnold, Sie haben vorher nach den Beweg-
Drang, selber etwas zu machen, selber zu produzie- gründen gefragt. Wie sieht das bei Ihnen aus? Wie
ren, aufzunehmen und zu komponieren. Ich wollte kommt man zum Schauspiel?
mich nie nur für ein Instrument oder eine Disziplin Arnold: Ich komme aus einer Bauernfamilie und
entscheiden. Ich wollte auch alles Drumherum. Wie hatte gar nichts mit Theater am Hut. Als jüngstes von
macht man es, was sind die Geheimnisse, was kann sechs Kindern habe ich das Lehrerseminar besucht,
man alles rausholen … Und dann bin ich auf den das war damals die Ausbildung mit dem grössten
Studiengang «Musik & Medienkunst» an der HKB musischen Bezug. Sehr viele in meinem Alter, die
(Hochschule der Künste Bern) gekommen und habe irgendwie künstlerisch tätig sind, haben diese Ausbil-
gefunden, doch, das klingt ziemlich nach dem Rich- dung gemacht. Dann habe ich ein Jahr Schule gege-
tigen. ben. Jemand hat dann zu mir gesagt: «Du hast doch
auch schon mal an einer Hochzeit den Tafelmajor
Arnold: Macht ihr auch Kompositionen? Musst du ein gemacht, du könntest Schauspieler werden!» Und es
Instrument beherrschen, oder …? hat geklappt. Das war bei mir kein Drang, so als hätte
ich mich immer schon für künstlerische Ästhetik
Winnewisser: Die ersten beiden Jahre hatten wir interessiert. Ich habe mich dafür entschieden und im
Klavierunterricht. Das war schwierig, an die Schule Verlauf der vierjährigen Ausbildung sind die Freude
kamen Leute, die das Instrument super beherrschten, und das Interesse immer grösser geworden. Das Inte-
und es kamen welche mit einem komplett anderen ressante beim Schauspiel fand ich immer: Jemand
Hintergrund. Ein Jahr waren wir teilweise an der anders erfindet einen Lebensentwurf, du schlüpfst da
Jazzschule, aber das war für mich zu umständlich, rein und versuchst, den Funken zu zünden.
weil ich mit Notationen nichts am Hut habe. Das
verstehe ich auch zu wenig. Die Ästhetik dahinter, Früher waren die künstlerischen Ausbildungsmöglich-
gerade des romantischen Zeitalters – Schubert und keiten rar. Oft musste man ins Ausland oder in eine
andere – das hat mich inspiriert, obwohl meine andere Stadt. Habt ihr das Gefühl, dass der inlän-
Musik sehr anders klingt. dische Markt heute von jungen Künstlerinnen und
Künstlern überflutet ist?
12G E N E R A T I O N E N G E S P R ÄC H
Winnewisser: Ich kann das nicht gut beurteilen, Winnewisser: Ich finde nicht. Die Möglichkeiten sind
weil ich das nur so kenne. Ich selber habe gemerkt, zwar unbegrenzt und das Internet ist ein spannender
dass ich viel weniger glücklich wäre, wenn ich den Raum, aber man darf sich von dem auch nicht zu
Zugang zu einer künstlerischen Ausbildung nicht stark ablenken lassen. Man muss wissen, was man
gehabt hätte. Natürlich kann ich nicht hundertpro- will …
zentig davon leben, aber für mich ist klar, dass das ein
Kompromiss ist, den ich eingehen muss und will. Wie Arnold: Du könntest das ohne Internet also gar nicht
war das denn zu eurer Zeit? machen, oder? Du brauchst diesen Ort für deine
Musik?
Egloff: Die Möglichkeiten waren viel begrenzter! Man
hatte viele Widerstände, aber auch Wege gesucht, Winnewisser: Für mich geht sehr viel über verschie-
diese zu überwinden, damit man sein Ziel erreichen dene Plattformen, auf denen ich meine Musik zeigen,
konnte. Und diese Widerständigkeit war schöpferisch: hochladen und weiterschicken kann. Es ist krass, wie
Man musste den persönlichen Weg richtig suchen. sich das in den letzten Jahren entwickelt hat, aber
Das war auch sehr mühsam, aber es hat geklappt. es ist halt einfach so. Mein Fokus liegt aber nicht auf
Eigentlich es ist nicht leichter oder schwieriger gewe- dem Internet, es ist ein Tool, das mir weiterhilft.
sen früher. Es gibt heute andere Wege und andere
Widerstände. Blum: Ich kann von mir selber sagen, dass ich das
Internet sehr wertvoll finde. Obwohl ich viele Inter-
Arnold: Ich glaube, bei der Schauspielerei ist es ein essen habe, fällt es mir leicht, mich auf eine einzige
bisschen anders: Als ich 1980 bis 1984 die Schauspiel- Sache zu konzentrieren und ein Projekt zu Ende zu
schule gemacht habe, da waren die Strukturen ganz bringen. Wenn ich im Internet nach etwas suche,
klar: Du bist nach dem Abschluss Schauspieler, hast habe ich immer eine Idee, wonach, und vor allem
dein Zertifikat und gehst an ein Theater oder zum weiss ich, wie ich es finden kann. Trotzdem ist es
Film. Wenn du heute eine Schauspielschule machst, spannend, wie die extreme Vernetzung von Infor-
dann ist das eine Ausbildung für wahnsinnig vieles. mationen es zulässt, dass man zufällig und immer
wieder auf Neues und Unerwartetes stösst.
Alina Vimbai Strähler: Meine Mutter hat es schon sehr
beruhigt, dass das Schauspielstudium als Bachelor- Das spürt man vor allem bei Musik. Wie sieht das
und Masterstudiengang aufgebaut ist. Sie meinte, es beim Theater aus?
sei nicht schlechter als ein Germanistikstudium. Man Arnold: Bei der Werbung und Vermarktung schon,
geht heute nicht mehr mit so viel Risiko in ein Schau- aber für mich als Schauspieler spielt das Internet
spielstudium wie früher. Ich wollte schon immer keine grosse Rolle. Das ist nicht das Format, um zu
Theater machen und jetzt merke ich, dass sich dieses sehen, was ich mache. Aber zum Gluschtigmachen!
Strähler: Durch das Internet ändern sich die Erwar-
«Das Theater muss seine tungen, die ich an ein Theaterstück habe. Es gibt so
viel auf YouTube, jeden Tag, umsonst; wie also muss
Relevanz unter Beweis stellen.» ein Live-Erlebnis, für das Leute 80 Franken zahlen,
Alina Vimbai Strähler aussehen? Es geht nicht mehr um die Reichweite,
das hat das Internet dem Theater voraus. Das Theater
muss seine Relevanz unter Beweis stellen.
Berufsfeld enorm verbreitert hat: Ich kann Perfor- Arnold: Ja, Theater muss sich vom Internet abhe-
merin werden oder vielleicht werde ich mal musika- ben. Es muss eine andere Qualität und eine gewisse
lisch tätig. Diese ganzen Träume und Möglichkeiten Notwendigkeit haben. Den Live-Moment zum Ereig-
können aber auch ablenken. Ich kenne wenig Leute nis, zum Erlebnis machen. Machst du auch Live-
in meinem Umfeld, die sich auf nur eine Sache fokus- Sachen, Belia?
sieren. Viele sind überall dabei und manchmal ein
bisschen verloren darin. Winnewisser: Ja, natürlich! Live oder Kopfhörer ist
für mich ein riesiger Unterschied, der die Wichtigkeit
Was auch mit dem Internet zu tun haben mag. Auf des Internets wieder relativiert. Und das ist gut so.
einmal kann man die Arbeiten von Künstlerinnen und
Künstlern auf der ganzen Welt sehen. Ist es schwie- Möchtest du denn ausschliesslich von Musik leben
riger geworden, seinen künstlerischen Weg zu finden? können?
13RU B R I K T I T E L
Walter Sigi Arnold, Schauspieler
14RU B R I K T I T E L
Julian Blum, Fotograf
15G E N E R A T I O N E N G E S P R ÄC H
Winnewisser: Das ist für mich ein Wunsch, aber es Das hat mich total demotiviert. Aber dann musste
wäre naiv, davon auszugehen. Es gibt Zeiten, in denen ich laut lachen und dachte: Was solls? Warum nicht
ich viele Konzerte spiele, aber es gibt auch andere jetzt einfach alles auf eine Karte setzen und in zehn
Zeiten. Ich arbeite im Luzerner Theater an der Bar und Jahren noch mal gucken?
habe andere «Jöbbli», die mir Spass machen und die
ich auf mich nehme. Wie war das für Sie, Julian Blum? Machen Sie sich
auch solche Gedanken oder ist es bisher bloss die
In der Musik scheint sich die Lebensunterhaltsfrage Freude an der Kunst, die Sie antreibt?
am meisten geändert zu haben. Im Theater, ob in freier Blum: Nein, das ist schon eine Frage. Ich würde ja
Szene oder beim Luzerner Theater, scheint das besser zu gerne als freischaffender Künstler leben. Ich überlegte
klappen? mir das schon sehr früh, ob es überhaupt Sinn macht,
Arnold: Ich arbeite zu 100 Prozent als Theaterschaf- wenn ich ein Studium in diese Richtung beginne. Im
fender, sei es als Schauspieler, Sprecher oder auch Frühjahr 2017 machte ich meine erste Ausstellung,
als Regisseur. Aber Belia: Das ist ja auch ein bisschen um die Realität des freischaffenden Künstlers zu erle-
verrückt, oder? Man macht ein Studium und weiss, ben. In dieser muss man rundherum Dinge machen,
dass man davon wahrscheinlich nicht leben kann! die einem nur bedingt Spass machen. Das Organisie-
ren der Räumlichkeiten, an der Vernissage mit den
Winnewisser: In meinem Fall, ja. Leuten sprechen ...
Strähler: Ich arbeite nebenbei noch im Piccolino im
Bruchquartier. Als ich zu studieren begann, dachte
ich, mit diesem Studium hat man schlechte Zukunfts-
aussichten. Man wird sowieso nie einen Job am Stadt-
«Die Vorlaufzeiten sind
theater kriegen ... wahnsinnig lang geworden.»
Walter Sigi Arnold
Arnold: ... das hiess es bereits bei uns: Was, Schauspie-
ler? Und wie verdienst du dein Geld?
Strähler: Deshalb machte ich mir nie grosse Gedanken.
Mir war klar, dass ich immer noch nebenbei arbeiten ... mit den Leuten sprechen ist das Schlimmste! ...
werde. Ich möchte nie in eine Position kommen, wo Blum: Nein, es war schön, aber am Ende war ich
ich zu viel ans Geld denke und bequem werde. Ich fertig. Ich konnte nicht noch feiern gehen. Trotzdem
verdiene lieber im Service Geld, als dass ich schlimme plane ich schon meine nächste Ausstellung, die noch
Fernsehserien drehe. Das täte mir weh. diesen Sommer stattfinden soll.
Künstlerinnen und Künstler sind grundsätzlich schlecht Egloff: Kam viel Publikum?
sozial abgesichert. Wie sieht das bei euch aus?
Egloff: Alt zu werden ist ein grosses Problem in der Blum: Ja, es kamen sehr viele Leute.
bildenden Kunst. Ich wuchs früh in den Lehrerberuf,
sah mich jedoch stets als Künstler, nicht als Lehrer. Egloff: Und du hast noch was verkauft?
Max Bill sagte, dass man mit Kunst kein Geld verdie-
nen dürfe, weil das unfrei mache. Ich denke, ein Blum: Ja, da war ich wirklich überrascht ...
Künstler muss im Kopf immer zwei Berufe haben,
die einander unterstützen. Egloff: Das ist ja ein Supererfolg! An meiner ersten
Ausstellung waren drei Personen. Die Vernetzung
Arnold: Obschon ich wusste, dass man als Schauspie- und der Zusammenhalt unter jungen Künstlern ist
ler nicht viel Geld verdient, kann ich davon heute gut heute besser. Man geht gegenseitig an die Vernissa-
leben. Vor 20 Jahren wurde eine Pensionskasse für gen. Früher fühlte ich mich als Einzelkämpfer. Und
freie Theaterschaffende gegründet. Seitdem bin ich früher war mehr Neid da. Heute gehört die Vermark-
dabei und versichere einen Grundlohn. Jetzt regelmä- tung zur Ausbildung. In England verteilte der Künst-
ssig etwas Kleines abgeben scheint mir einfacher, als ler schon vor dreissig Jahren bei der Präsentation der
wenn dann im Alter wenig bis nichts zurückkommt. Abschlussarbeit die Visitenkarten. In Deutschland
und der Schweiz war man bescheidener. Du musst
Strähler: Ich habe vor Kurzem gegoogelt, wie viel man gute Arbeiten liefern, dann tragen die dich selber,
im Alter von dreissig Jahren gespart haben sollte. hiess es. Das war eine Illusion.
16G E N E R A T I O N E N G E S P R ÄC H
Wie ist das mit der Förderung? Wurde es kompli- Blum: Es stellt sich die Frage, ob man als Künstler
zierter, an Kulturgelder zu kommen? War es früher auch ein Kunstwerk ist oder ob man alles, was man
einfacher, ein Gesuch einzureichen? selber schafft, als Kunstwerk sieht, die eigene Person
Egloff: Heute gibt es in der bildenden Kunst mehr aber davon lösen will. Heutzutage liegt der Fokus
Möglichkeiten, an Geld zu kommen, aber auch mehr mehr auf dem Künstler selber. Instagram ist die
Künstler, die etwas wollen. einzige Plattform, die ich noch benutze. Eher zwangs-
läufig machte ich noch eine Homepage zur Ausstel-
Arnold: Im Theaterbereich empfinde ich das eben- lung. Mit Instagram begann ich, bevor ich analog
falls so. In einem Zeitraum von 20 Jahren sind die fotografierte. Es gab unmittelbar Rückmeldung, Leute
Projekte, die am Fördertopf teilhaben wollen, mehr schauten sich meine Bilder an und ich sah, dass sie
geworden. Von dem her wurde es komplizierter, Anklang fanden. Das gab mir einen Antrieb, obschon
obwohl die Strukturen transparenter sind und exakt ich den heute nicht mehr so oft brauche.
ausgeschrieben ist, was man tun muss, um an diese
Gelder zu kommen. Stand früher die Person weniger im Zentrum?
Egloff: Das Schaffen war wichtiger. Aber die sozialen
Wird in den Gesuchen mehr verlangt als früher? Strukturen darf man nicht vergessen. Es geht darum,
Arnold: Eindeutig. Wenn ich eine Idee habe und diese dass Sachen gesehen werden, dass ein Austausch
mit Schauspielern und Musikern verwirklichen will, stattfindet. Und letztlich geht es um die Redlich-
muss ich bereits wissen, an welchen fünf, sechs Orten keit. Bringe ich Arbeiten, die authentisch sind, neue
ich spiele, wer mitmacht, was herauskommt – und Bezüge schaffen?
das alles bereits anderthalb Jahre im Voraus. Dann
existiert wahrscheinlich noch nicht einmal das ganze Strähler: Die Biografie ist auch im Theater wichtiger
Stück. Die Vorlaufzeiten sind wahnsinnig lang gewor- geworden. Früher machte man beim Vorsprechen
den. seine drei Monologe, das Lied und noch ein Gedicht –
dann hatte man den Job oder nicht. Heute ist viel
Zwingt einen denn die Wirtschaft dazu, als Künstlerin wichtiger: Wer ist das eigentlich und wo kommt der
oder Künstler auch Vermarkter zu sein? oder die her?
Anton Egloff (*1933) wächst in Wettingen auf und besucht nach Alina Vimbai Strähler (*1987) ist in Duisburg aufgewachsen.
einer Lehre als Zahntechniker von 1957 bis 1959 die Kunstge- Sie schloss im Sommer 2015 ihren Master an der Zürcher Hoch-
werbeschule Luzern sowie zwei Jahre die Staatliche Kunstakade- schule der Künste ab. Während des Studiums spielte sie u. a. am
mie Düsseldorf. Wird dort Assistent an der Bildhauer-Abteilung. Theater der Künste, am Schauspielhaus Zürich sowie zuletzt am
1963 Rückkehr nach Luzern. 1964–1995 Lehrer an der Schule für Schauspielhaus Frankfurt. Ihr erstes Festengagement trat sie in
Gestaltung Luzern, von 1964 bis 1990 Leiter der Abteilung Freie der Spielzeit 15/16 am Theater Konstanz an. Seit der Spielzeit
Kunst. Seit Ende der 1960er-Jahre Einzelausstellungen in Gale- 16/17 ist sie Ensemblemitglied des Luzerner Theaters.
rien und Museen im In- und Ausland. 1984 Kunstpreis der Stadt
Luzern, 1991 Londonaufenthalt im Atelier der Zuger Kulturstiftung Belia Winnewisser (*1989) lebt und arbeitet in Luzern. Zurzeit
Landis & Gyr. Lebt und arbeitet in Luzern. befindet sie sich im Master of Contemporary Arts Practice Studi-
engang an der Hochschule der Künste in Bern. Während des
Walter Sigi Arnold (*1959) ist in Altdorf aufgewachsen. Nach Bachelors in Musik und Medienkunst beschäftigte sie sich mit
der Schauspielschule folgten Engagements an Theatern in musikalischen Klangsynthesen und dem feinmotorischen, techni-
Deutschland und der Schweiz. Mitwirkung in vielen Hörspielen schen Handwerk für Klanginstallationen, Film und auch Live-Elek-
von Radio DRS und Aufführungen mit eigenen Programmen und tronik. Neben ihren schulischen Arbeiten ist sie mit den Musik-
szenischen Lesungen. Er arbeitet auch als Sprecher und Regis- Projekten α=f/m (LU, BE), Silver Firs (BE) oder solo unterwegs.
seur. 2008 erhielt er den Kunst- und Kultur-Anerkennungspreis
der Stadt Luzern. Aktuell ist er als Hauptdarsteller im Freilicht- Julian Blum (*1995), kanadisch-schweizerischer Doppelbürger,
Theaterstück «Stadt der Vögel» von Gisela Widmer, in der Regie wuchs in Luzern auf und setzte sich schon jung mit Kunst ausein-
von Annette Windlin, auf Tribschen zu sehen und am 13. August im ander. Im Frühjahr 2017 konzipierte und organisierte er seine erste
Luzerner Theater in der Schweizer Erstaufführung von «The Book Fotoausstellung «Agonie», die vom FUKA-Fonds der Stadt Luzern
of Disquiet» (Das Buch der Unruhe) von Michel van der Aa nach unterstützt wurde.
Fernando Pessoa im Rahmen des Lucerne Festival.
17Die Zukunft der Tradition
Im August klingt’s wieder in Altdorf.
Das Alpentöne Festival findet statt und
glänzt durch seine Vielseitigkeit im
Zeichen der Neuen Volksmusik. Doch
was ist überhaupt Neue Volksmusik?
Ein Überblick zu einem unendlichen
Universum.
Von Stoph Ruckli
Im Uhrzeigersinn, beginnend oben links: Pflanzplätz, Nadja Räss &
Markus Flückiger, Adrian Würsch, Alpini Vernähmlassig, Erika Stucky,
Albin Brun, Corin Curschellas mit Band. Bilder: zvg
18N E U E VO L K S M U S I K
Schweizer Volksmusik: uninteressant. Was hat sie denn so Ringli. Weitere Namen wie Pflanzpläz, Hujässler oder
auch den südlichen Rhythmen oder amerikanischen Sounds Pareglish prägten diese Neue Volksmusik weiter, durchaus
entgegenzusetzen, diese Musik mit ihren stets fröhlichen im Gegenwind der traditionellen Volksmusik, deren Ver-
Dreiklängen und dem lüpfigen Hudigäggeler-Spiritus? Die treterschaft mit all ihren Dogmen und Regeln Mühe hatte
Antwort ist simpel: einiges! Es hat durchaus Gründe, dass mit den Revolutionären.
beispielsweise die Hochschule Luzern als erste und bis-
her einzige Schweizer Bildungsinstitution einen eigenen Nischen-Boom
Volksmusik-Studiengang eingerichtet hat. Oder dass Musi- So richtig glücklich ist aber niemand mit dem Begriff Neue
zierende wie Markus Flückiger, Marcel Oetiker, Nadja Räss, Volksmusik, auch weil er relativ jung und schwammig ist.
Albin Brun und Töbi Tobler für den Schweizer Musikpreis Doch fehlen die Alternativen. Ohnehin verlassen sich Mu-
nominiert wurden. Sie alle werden der sogenannten Neuen sizierende nie gerne auf Stilschubladen. Lieber wird Musik
Volksmusik zugeordnet. Und in jener liegt der Schlüssel zu gemacht, und das reichlich sowie innovativ. Was ankommt,
einem Musikgut, das in seiner Vielseitigkeit nahezu uner- gemessen an der Vielzahl an Auftritten und den eingangs
schöpfliche Ressourcen bietet. Doch was ist Neue Volksmusik erwähnten Aspekten. Kann hierbei von einem Trend gespro-
überhaupt? «Neue Volksmusik ist weder ein einheitlicher chen werden? Ringli verneint: «Der grosse Boom ist sie noch
Stil noch eine geschlossene Szene, sondern eine neue Hal- nicht, die Neue Volksmusik. Aber es ist nach wie vor immer
tung gegenüber der Volksmu- viel Bewegung drin in der Szene
sik. Es geht nicht mehr darum, «Die Neue Volksmusik hat immerhin und ich kann mir vorstellen, dass
die Volksmusik unverändert zu da junge Leute wieder eine ganz
bewahren, sondern sich lustvoll dafür gesorgt, dass Hackbrett und andere Richtung einschlagen und
damit auseinanderzusetzen und
Schwyzerörgeli, Schottisch und Polka damit Erfolg haben.» Und fährt
Neues zu Schaffen oder auch ganz fort: «Es gab aber immer schon
Altes und Vergessenes wieder nicht mehr peinlich, sondern selbst- Phasen, in denen sich die Städte
hörbar zu machen», sagt Dieter für die ländliche Musik begeis-
Ringli. Ringli ist Musikethnologe,
verständlich sind. » tert haben und andere, wo sie
Dozent, Musiker und einer der Musikethnologe Dieter Ringli sie belächelt haben. Im Moment
wichtigsten Experten für Schwei- sind wir wohl eher in der ersten.»
zer Volksmusik – seine Bücher «Schweizer Volksmusik» und Zudem ist Neue Volksmusik nach wie vor eine Nische mit-
«Die neue Volksmusik» (in Zusammenarbeit mit Johannes samt übersichtlicher Szene. Viele dieser Musizierenden sind
Rühl, dem künstlerischen Leiter des Alpentöne Festival) hierbei über einen familiären Hintergrund zu dieser Musik
gelten als Standardwerke. gekommen, andere wie Albin Brun oder Christoph Pfändler
(Hackbrett) fanden aus persönlichem Interesse zu ihr.
Volksmusik fürs Musikvolk
Lustvoll, neu, wiederentdeckend: So wirkt sie, die Neue Weltweit Schweiz
Volksmusik. Hackbrett meets House, Schwyzerörgeli meets Der Mut zur Offenheit, die Lust am Ausprobieren, das Er-
Ska, Alphorn meets Afro? Alles ist möglich – ausprobieren forschen von Alt und Neu: Diese Faktoren lassen nicht nur
ist angesagt! Die Sängerinnen Erika Stucky und Corin das verknorzte Image von der politisch rechts-annektierten
Curschellas, der Pianist Christoph Baumann oder der Bläser Volksmusik verblassen. Dogmen und Regeln sind zum
Hans Kennel packen beispielsweise einzelne Elemente aus Brechen da. Kein Festival in der Zentralschweiz zeigt diesen
der Volksmusik in ihre eigene Musik, Multiinstrumentalist Fokus, diese Neue-Volksmusik-Kultur besser auf als das Alt-
Albin Brun bringt mit Marc Unternährer an der Tuba oder dorfer Alpentöne Festival. Premieren und Uraufführungen
Patricia Draeger am Akkordeon das improvisatorische Ele- finden hier statt, ein reichhaltiger Austausch mit der Welt ist
ment rein und integriert Klänge aus allen Teilen der Welt gewährleistet. Wie diese Zusammenarbeit nur schon in der
in sein Klangspektrum. Traditioneller orientiert sind Nadja kleinen Schweiz funktionieren kann, zeigen nicht zuletzt
Räss (Jodel), Markus Flückiger (Schwyzerörgeli) und Dani Volksmusik-Studierende an der Hochschule Luzern, wo
Häusler (Klarinette): Alle drei arbeiten mit Stücken im Detail, Projekte wie beispielsweise die Alpini Vernähmlassig und der
nutzen unterschiedliche Skalen, reharmonisieren. Zudem Austausch unter den Jazz-, Klassik- und Volksmusik-Musi-
sind letztere beide zentraler Bestandteil des Studienganges zierenden spannende, neue Synergien für eine interessante
an der Hochschule Luzern und überhaupt in der Szene. Zukunft entstehen lassen. Und Begriff hin oder her, Zitat
Auch werden alte Stücke wieder interpretiert, was bisweilen Dieter Ringli: «Die Neue Volksmusik hat immerhin dafür
bizarre Formen annehmen kann: «Wenn Dide Marfurt gesorgt, dass Hackbrett und Schwyzerörgeli, Schottisch und
auf der Emmentaler Halszither einen alten Schottisch vom Polka nicht mehr peinlich, sondern selbstverständlich sind.»
Anfang des 20. Jahrhunderts spielt, erkennt das ein tradi-
tionelles Ländlerpublikum nicht mal als Schweizer Volks- Alpentöne: Internationales Musikfestival, FR 18. bis SO
musik, sondern denkt, das sei irisch oder skandinavisch», 20. August, Altdorf www.alpentoene.ch
19K U LT U R I N G Ö S C H E N E N
Poesie
für «Anfang 2007 war ich an einer Begehung in Gösche-
nen für eine Gemeinschaftsausstellung zur 125-Jahr-Feier
des Gotthard-Eisenbahntunnels, angestossen von der
Reisende
Interessengemeinschaft Urner Kunstschaffenden Arturi»,
erinnert sich Sonja Kreis. «Beim Rundgang berührte
mich das Traurige und Melancholische des historischen
Ortes, der sich in einem Übergang befindet.» Der grosse
Kubus im Bahnhofgelände sei ihr sofort aufgefallen, dort
habe sie ihre Arbeit realisieren wollen: «Der Klotz hat
etwas Ruhiges, Bestimmtes und Rätselhaftes.»
Seit 2007 steht ein Gedicht auf dem Lifthaus Berge beschäftigen die Künstlerin aus Zürich seit
im Bahnhof Göschenen. Zehntausende sind Jahren. Mehrere Sommer war sie im Wallis und im
Engadin mit einer analogen Mittelformatkamera un-
im Zug am Kunstwerk vorbeigefahren, viele terwegs, fotografierte für ihre Serie «Bergsommer»
gleichgültig, andere berührt. Kaum jemand die Tourismusinfrastruktur: Lifte, Sesselbahnen, Seil-
erinnert sich, wer diese Arbeit geschaffen hat. bahnstationen, Skipisten. Ohne moralischen Aspekt:
«Ich fahre auch gerne Ski, ich brauche die Berge wie
Höchste Zeit, dies zu ändern. alle anderen. Wir leben in der Schweiz in den Bergen,
Text und Bild von Christof Hirtler verdienen Geld mit dem Tourismus. Der Wintertou-
rismus hinterlässt viele Spuren. Im Bild der Schweizer
Berge existieren die Transportanlagen nicht, die wollte
ich ins Bild holen. Sie prägen meine Eindrücke mit,
Nicht zu übersehen ist der markante, helle Kubus mitten im Bahnhofge- wenn ich in den Bergen unterwegs bin.» Durch ihre
lände. In grossen roten Buchstaben stehen darauf sechs Fragen in Deutsch Freunde Andreas Grosz und Beatrice Maritz (Edition
und Italienisch: Flüstert der Berg? Dorme? Hört der Berg? Piange? Singt Pudelundpinscher), die damals in Unterschächen lebten
der Berg? Sogna? und arbeiteten, unternahm sie viele Wanderungen im
Sonne, Regen und Schnee haben die Schrift ausgebleicht und das Weiss Schächental, wurde mit der Innerschweiz vertraut und
des Untergrunds abblättern lassen. Auf dem Kubus, dem stillgelegten Lift- für die Arbeit in Göschenen sensibilisiert.
haus bei der ehemaligen Verladerampe der Autozüge, stehen weder Name
noch Titel des Werks. Im Internet sind ein paar Fotografien der Arbeit Berge respektieren und achten
in Göschenen zu finden und ein Buchumschlag von Sara Sidler (Studio «Für mich sind Berge etwas Wesenhaftes. Sie sind
Nomad). In Altdorf, im Haus für Kunst Uri, zeigt mir die Kuratorin Barbara nicht einfach Gegebenheiten, sondern Wesen, die man
Zürcher die Dokumentation der Künstlervereinigung Arturi. Auf Seite 161 achten muss, die einen Charakter haben, die gefährlich
zwei Abbildungen: «Durchwegs» – 125 Jahre Gotthard-Eisenbahntunnel, und schön sind, die heimtückisch sind, die man res-
2007, Göschenen. Sonja Kreis: «Träumt der Berg? Sogna la Montagna?», pektieren muss», sagt Sonja Kreis. Tunnel sind für sie
Lifthaus-Verladerampe, Bahnhof Göschenen. etwas Seltsames: «Ich verstehe, dass die Menschen 1882
den Durchbruch des Gotthards gefeiert haben. Seither
Melancholie der Berge wurden immer mehr Löcher in den Gotthard gebohrt.
450 Menschen leben in Göschenen, die Abwanderung ist gross, junge Wird sich der Berg irgendwann rächen?»
Familien ziehen ins Urner Unterland oder ganz aus dem Kanton weg. Das Im Frühling 2007 schrieb Sonja Kreis das Gedicht
noble Bahnhofbuffet, wo einst der Heimatdichter Ernst Zahn von 1900 «Flüstert der Berg»: «Ich schreibe, wie ich meine Bilder
bis 1916 wirtete, ist längst geschlossen. Es ist still im Bahnhof Göschenen. male. Schicht um Schicht wird aufgetragen und über-
Bis zur Eröffnung des Basistunnels im Dezember 2016 fuhren hier täglich arbeitet.» So benötigte sie mehrere «Schlaufen», bis
250 Züge durch, heute noch 50. der endgültige Text stand. Mittels Schablonen haben
20Andreas Grosz, Beatrice Maritz und Sonja Kreis das Gedicht auf die Wand allesamt Eingriffe, die mit poetischer Überzeugungskraft
des Lifthauses aufgemalt. Das Gerüst war abenteuerlich, die Arbeit in nur das Sehen schärfen», schrieb der Luzerner Kulturkritiker
einem Tag abgeschlossen. Sonja Kreis betont, wie zentral für sie das Malen Urs Bugmann in der Luzerner Zeitung. Am 30. August
des Textes war: Das Gedicht «Flüstert der Berg?» wurde so mit Energie 2007 erhielt das Kraftwerk Göschenen AG das Werk von
aufgeladen, ein wichtiger Aspekt ihrer Arbeit. Sonja Kreis als Schenkung und verpflichtete sich zum
Sonja Kreis will nichts erklären, sie gibt keine Antworten, sie kon- Unterhalt. Bis heute tat sich nichts, das Werk droht zu
frontiert die Durchreisenden mit sechs Fragen nach der Befindlichkeit zerfallen. «Der Text muss dringend neu gemalt werden»,
des Gotthards: Flüstert der Berg? Schläft er? Hört der Berg? Weint er? sagt Sonja Kreis.
Singt der Berg? Träumt er? «Im Gegensatz zu Antworten lassen Fragen
alles offen. Auch Menschen, die hier oft vorbeifahren, können so etwas
Kulturanlässe in Göschenen im Juli/August
mitnehmen. Es freut mich, wenn Interaktion passiert, wenn Menschen Performance «Timeline» von Victorine Müller, FR 28. und SA 29.
aktiv Teil des Kunstwerks werden.» Juli, jeweils 17 bis 23 Uhr, Kunstdepot Göschenen (Sammlung
Die Poesie und Schönheit dieser Arbeit liegt in ihrer Schlichtheit Christoph Hürlimann)
und Konsequenz. Da ist nichts zu viel und nichts zu wenig. Der Text Führungen Tunneldorf Göschenen / Kunsthaus Vera Staub: SA 1.,
ist zweisprachig: Deutsch für Reisende aus dem Norden, Italienisch für SA 8., SA 15. und SA 22. Juli, jeweils 16 Uhr (siehe auch Seite 61,
Reisende aus dem Süden und aus Distanz gut lesbar. Als Schrift wählte Anmeldung spätestens am Vortag bis 12 Uhr bei der Tourist Info
Andermatt, info@andermatt.ch oder unter 041 888 71 00)
sie Helvetica, eine ruhige, klare Schrift, die auch die SBB verwenden, als
Farbe das leuchtende SBB-Rot. Bilderausstellung Louis Lussmann, SA 1. Juli bis DI 31. Oktober,
«125 Jahre Gotthardbahn, Durchwegs – Ausstellung, Lesungen, FR ab 17 Uhr, SA und SO ab 14 Uhr, Alte Kirche Göschenen
Sound-Performances – Arbeiten von 18 Kunstschaffenden, verschiedene Freilichtspiele Göschenen, FR 30. Juni bis SA 19. August, jeweils
Standorte, 7.7. – 1.9.2007», stand auf dem Ausstellungsflyer von Arturi, der 20.30 Uhr, Areal der Heizwerk Gotthard AG, Umfahrungsstrasse,
Göschenen
Interessengemeinschaft Urner Kunstschaffenden. «Die Kunstwerke sind
21Die Organisatorinnen und Organisatoren des «One Burning Man»: Mitglieder des Träff Schötz.
B U R N I N G M A N F E S T I VA L
Das Burning Man Festival, das jedes Jahr bio Kühnis vom Träff Schötz. «Dieser bluesig- gewonnen wurde, der mit seinem Label
in der Black-Rock-Wüste von Nevada/USA trashige und urwüchsige Rock-Sound passt Voodoo Rhythm Records das Markenzeichen
stattfindet (heuer von SO 27. August bis MO 4. an diesen Ort.» Als an einer der Sitzungen schlechthin ist für den schön-primitiven
September), ist wohl der verrückteste Kunst- jemand die Idee ins Spiel brachte, wie beim Rock’n’Roll. Auch mit Urban Junior konnte
und Musikevent der Welt. Damit wollen Burning Man eine Holzfigur abzufackeln, ein weiterer klingender Name angeheuert
und können sich die Träff-Enthusiasten aus zündete der Funke endgültig. Jetzt gingen werden, der mit Dance- und Discobeats dem
Schötz nicht messen. Die Gemeinsamkeit die Träff-Schötzer mit ihrer Leidenschaft Garage-Rock eine deftige Elektro-Note ver-
besteht lediglich darin, dass auch am Schötzer daran, an der Umsetzung von «One Burning passt.
Happening viel Sorgfalt und Kreativität für Man» zu arbeiten. Schön archaisch wird es mit dem Lu-
die Gestaltung des ganzen Ambientes auf- Gebaut wird die Holzskulptur von Ler- zerner Cello Inferno und seinem bluesig-
gewendet werden und zum Höhepunkt des nenden der einheimischen Holzbauunter- bluegrassigen Trash-Rock inklusive feu-
Spektakels eine grosse Holzfigur verbrannt nehmung Renggli AG. Vorlage ist die Figur erspuckender Kaffeemaschine. Mit Mr.
wird. des Burning Man, wie sie der Luzerner Il- Marcaille (Heavy Hardcore Punk), King
«Wir wollten wieder mal eine Fuhr ma- lustrator und Comiczeichner Andreas Kiener Automatic (Rock, Electro Trash) und Zero
chen. Etwas, das echli chlöpft», sagt Edith für das Plakat kreiert hat. Für das Abfackeln Absolu (Metal, Elektro) treten gleich mehrere
Bühler-Hunkeler vom Träff Schötz. Der Kul- ist Feuerspucker und Pyrotechniker Eisbär internationale Acts auf.
turverein, der seit 1984 Dutzende von Kon- zuständig. Die Träff-Schötzer werden es nicht Und wenn die Live-Bands verklungen
zerten, Lesungen und spartenübergreifenden versäumen, auch auf diesem Areal ein stim- sind, wird mit DJ Wicked Wiggler weiter-
Anlässen mit über 300 Künstlerinnen und mungsvolles Happening mit viel Atmosphäre gerockt: Der Luzerner Konzertveranstalter
Künstlern veranstaltet hat, ist bekannt für hinzuzaubern, wie sie das schon mehrmals (Memphisto Productions) und Rock-Maniac
aussergewöhnliche Projekte. «Da wir nie ein bewiesen haben. Für die Eingabe dieses ist die perfekte Wahl. Für DJ-Sounds der
eigenes Lokal hatten, suchten wir von Anfang Projekts sind sie letztes Jahr vom Kanton Lu- Abteilung Elektro ist David Koch (Mitglied
an besondere Orte und Plätze, um dort etwas zern mit einem 15 000-Franken-Werkbeitrag der Electro-Pop-Band Vsitor) zuständig.
buchstäblich Einmaliges anzurichten.» ausgezeichnet worden. Es war der fünfte In einem der Bunker haben Jugendliche
Dieses Mal ist es das brachliegende Ge- Kulturpreis in 33 Jahren Vereinsgeschichte. aus dem Dorf während des Jahres einen
lände des ehemaligen Zivilschutzzentrums Treffpunkt eingerichtet. Auch sie werden
Schötz, das bespielt werden soll. Dort wurde Beat-Man & DJs in das Happening einbezogen, was Edith
während Jahren zwischen Bunkern, Beton- Auf zwei Bühnen treten sieben One-Man- Bühler-Hunkeler besonders freut. «Das kann
teilen und Bauschutt der atomare Ernstfall Bands auf. «Leider hat es nicht geklappt, für vielleicht ein Türöffner sein, um ein junges
geübt. Auch ein altes Flugzeug stand herum. das Programm zumindest eine oder zwei Publikum wieder vermehrt an unsere An-
Inzwischen wurde das Areal etwas aufge- One-Woman-Bands zu finden», bedauert lässe zu holen, wie das mit dem kürzlich
räumt und «verschönert» – «zu unserem Kühnis. Früh gesetzt war Tongue Tied Twin, veranstalteten Konzert von Faber der Fall
Leidwesen», wie Bühler-Hunkeler schmun- der schon 2013 mit seinem dirty Sound auf war: Da waren auch die jungen Besuche-
zelt. «Aber es ist immer noch rau und öde selbst gebauten Gitarren an einem Träff- rinnen und Besucher hellauf begeistert.»
genug, um dort einen entsprechenden Anlass Anlass in Schötz zu Gast war: «Er ist extrem
zu inszenieren.» gut angekommen.»
One Burning Man, SA 26. August,
Mit diesem Areal vor Augen sei die Idee Freude herrscht, dass mit Reverend Beat- ehemaliges Zivilschutzareal, Schötz
mit den One-Man-Bands entstanden, sagt Fa- Man aus Bern ein Musiker und Experte www.oneburningman.ch
Ein Happening, an dem deftig musiziert und zu später Stunde eine sechs Meter
hohe Holzfigur abgefackelt wird: Der Kulturverein Träff Schötz inszeniert mal
wieder eine besondere Fuhr.
Von Pirmin Bossart, Bild: Marco Sieber
Burning Man mit trashigem
One-Man-Rock
23AKTUELL
Der Löwe ruft!
in beliebigen Medien und Umsetzungsformen. Geleitet wird das
Projekt vom ehemaligen Direktor des Kunstmuseums Luzern, Peter
Fischer. «Die Auseinandersetzung muss nicht bloss positiv, sondern
kann durchaus auch kritisch sein», erklärt Sutter. Der «Lion Call»
wird am 30. Juni buchstäblich ausgerufen: Max Christian Graeff
erzählt die «gesamte» Wahrheit über Vergangenheit und Zukunft
des Denkmals – live und direkt vor diesem schlafenden Löwen,
den Mark Twain zum «traurigsten und bewegendsten Stück Stein
der Welt» erklärte und Patti Smith vor ihrem Auftritt am Woerdz-
Festival 2014 kaum zu bestaunen aufhören konnte. Bereits konkret
angedacht sind jährliche kuratierte Ausstellungen in der Kunsthalle
(erstmals 8. Mai bis 1. Juli 2018) mit zusätzlichen performativen
Programmen. Daneben werden sich in den kommenden vier Jahren
auch weitere Luzerner Kulturveranstalter und -institutionen Luzerns
des berühmten Löwen annehmen. Übrigens: Das Löwendenkmal
erinnert an die fast 800 Schweizer Gardisten, die im Höhepunkt der
Das Löwendenkmal in Luzern ist eine der meistbesuchten Sehens- Französischen Revolution am 10. August 1792 bei der Verteidigung
würdigkeiten der Schweiz. «Trotzdem wissen die meisten nicht so und dem anschliessenden Sturm des von der Königsfamilie bereits
recht, für was es steht», weiss Kunsthalle-Kurator Michael Sutter. Es verlassenen Tuilerienpalasts durch die Revolutionäre das Leben
gebe keine Homepage dazu, die bewirtschaftet werde, und – ganz im liessen. Hätten Sie’s gewusst? Eben! (is)
Gegensatz etwa zum Wasserturm – werde das Löwendenkmal kaum
souvenirmässig vermarktet. Deshalb – und aufs 200-Jahre-Jubiläum
Performance «Der unbekannte Löwe – Abschied von einem Krieger-
2021 hin – lanciert die Kunsthalle ein Projekt zur künstlerischen denkmal» von Max Christian Graeff, FR 30. Juni, 18.30 Uhr, Löwen-
Befragung des Monuments und startet dieses mit dem «Lion Call», denkmal, Luzern
einer Ausschreibung für Künstlerinnen und Künstler. Gesucht Eingabetermin der Ausschreibung «Lion Call», MO 18. September
werden Ideen oder bereits realisierte Werke, Aktionen und Projekte www.loewendenkmal21.ch
Kreative Förderwege
Immer mehr Zentralschweizer Kulturschaffende crowdfunden auf turschaffende konnten bisher von diesem Programm profitieren,
Funders, der Plattform der Luzerner Kantonalbank. So etwa in Ver- schwerpunktmässig im Bereich der Skulptur arbeitende, aber auch
gangenheit erfolgreich das There-Are-Worse-Bands-Festival, Dada Musikerinnen und Musiker kamen in die Kränze. Die Idee dazu
Ante Portas oder der Kulturhof Hinter Musegg. Seit Mai sind als entstand an der Art Chicago 2002, als das Paar den jungen Künstler
Partner der Plattform auch die Nid- und Obwaldner Kantonalbanken Drew Goeerlitz traf. «Er erzählte uns von seinem Frust, dass er,
dabei. Ein spannendes Projekt, bei dem das Funding momentan wenn er eine neue Skulptur erstellen möchte, eine vorherige wieder
noch läuft, ist das Artists-in-Residence-Kunst-Förderprogramm von demontieren muss, da er kein Geld für neuen Stahl, neues Eisen
Art-St.-Urban. Ziel sei es, «jungen Künstlern eine neue Perspektive hätte», so Gertrud Aeschlimann. So begannen sie, junge, talentierte
zu vermitteln, was neue Techniken, neue Materialien, neue Um- Künstler in das Atelier von Heinz Aeschlimann einzuladen, und das
gebung, Kultur und Lebensweise anbelangt. Das soll helfen, sie zu Projekt lief an. Das Atelier befand sich damals noch in der Firma
befähigen, eigenständige, unabhängige Künstler zu werden. Wir Aeschlimann AG, Zofingen, die der Künstler und Unternehmer vor
sehen uns als Türöffner und Sprungbrett», sagt Managerin Gertrud einigen Jahren verkaufte. Seit 2006 ist St. Urban das Zentrum für
Aeschlimann, die zusammen mit ihrem Mann, dem Künstler das Residency-Programm. «Seither laden wir jeweils zwei jurierte
und «Unternehmer des Jahres 2004» (Ernst & Young), Heinz Jungkünstler aus der ganzen Welt gemeinsam ein. Sie wohnen in
Aeschlimann, die über 800-jährige Geschichte des ehemaligen den Unterkünften im Museum-art-pavillon, der ehemaligen Klinik
Zisterzienserklosters und später als Psychiatrische Klinik genutzten für renitente Männer, die wir 2005 vom Kanton übernommen haben
«Männerpavillon E» weiterführt. Auf private Initiative hin ist hier und in ein spezielles, funktionellen Kunstzentrum umgewandelt
ein Ort gewachsen, an dem die Kunst gedeihen kann. Bereits seit haben, und arbeiten im Grossatelier Roggliswil.» (is)
13 Jahren widmet sich das Ehepaar Aeschlimann der Förderung
junger Nachwuchskünstlerinnen und -künstler. Insgesamt 57 Kul- www.art-st-urban.com, www.funders.ch
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