NACHmachBAR - FACHSTELLE ZWEITE LEBENSHÄLFTE - 17 Beispiele, engagiert Sozialräume zu gestalten - Fachstelle Zweite Lebenshälfte
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NACHmachBAR 17 Beispiele, engagiert Sozialräume zu gestalten FACHSTELLE ZWEITE LEBENSHÄLFTE IM REFERAT ERWACHSENENBILDUNG DER EVANGELISCHEN KIRCHE VON KURHESSEN-WALDECK
IMPRESSUM
Herausgeber
Fachstelle Zweite Lebenshälfte
im Referat Erwachsenenbildung der
Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck
Akademiestr. 7
63450 Hanau
ViSdP
Annegret Zander
06181 969120
annegret.zander@ekkw.de
www.fachstelle-zweite-lebenshaelfte.de
Gestaltung
Grafikatelier A. Köhler
www.die-visiomaten.de
Fotos
Textur ©wendeliu - Fotolia.de, ©claudiarndt - Photocase.de (3),
©TimToppik -Pphotocase.de (3), ©sedentarydrone - iStockphoto.com (7),
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©Johanna Uminski (25), ©Printemps - Fotolia.de (61)
Soweit nicht anders angegeben,
liegen die Rechte der Fotografien bei den Initiativen.
2 NACHmachBARGRUSSWORT Gute Nachbarschaft Die demografische Entwicklung verändert in Verbindung mit den sich wandelnden Al- tersbildern das Gesicht und auch das Tempo und die Kultur unserer Gesellschaft. Wir be- ginnen, die Gemeinschaft wieder stärker in den Blick zu nehmen. Die Abhängigkeit vonei- nander wird so nicht zur Last, sondern zum Gestaltungsspielraum. Als Kirche lernen wir, zusammen mit der Diakonie als guter Nachbar vor Ort zu handeln und sichtbar zu werden. Die Entwicklung von Kooperationsräumen wird dies fördern. Menschen am Beginn der nachberuflichen Phase sind Motoren des Engagements für die jüngeren und älteren Generationen. Sie gilt es durch die Bereitstellung von Ressourcen, durch Bildung und Begleitung zu unterstützen. Ich danke den Initiativen, die in dieser Broschüre mitwirken, für ihre Kreativität, Beharr- lichkeit und den Einsatz für die Gemeinschaft. Als „nachmachbare“ Beispiele sind sie An- stoß für weitere Initiativen in unserer Landeskirche. Martin Hein Bischof NACHmachBAR 3
INHALT
Einleitung
Entdeckungsreise durch die Landeskirche.............................................................................. 5
Alt? Ist anders!.........................................................................................................................7
Die Praktischen
Die Rüstigen Rentner, Neustadt-Mengsberg...........................................................................14
Gemeinde-Mittagstisch, Ziegenhain.......................................................................................16
Generationengarten „Zusammenwachsen“; Kassel-Wehlheiden............................................19
Hausaufgabenhilfe, Hanau.....................................................................................................22
Die Leidenschaftlichen
Gib und Nimm, Eschenstruth..................................................................................................25
Marburger Seniorenkantorei (MSK), Marburg......................................................................... 28
Die Wissbegierigen
GRIPS – kompetent im Alter, Kassel........................................................................................32
Studienreisen 55+, Kaufungen................................................................................................36
WohnBar, Kirchhain............................................................................................................... 38
Die Kommunikativen
Das Dorfcafé, Oberissigheim..................................................................................................42
Stadtgespräch, Treysa........................................................................................................... 45
Die Vernetzten
FÄN – Fachkoordination Älterwerden in Niederzwehren, Kassel-Niederzwehren................... 48
Miteinander – Füreinander Ottrau e. V., Ottrau.......................................................................52
mum e. V. – Menschen unterstützen Menschen, Neuenstein.................................................. 56
Klein & Fein
Alte Knaben – Seniorengemeinschaft, Fritzlar-Züschen......................................................... 59
Bi Franz, Wendershausen...................................................................................................... 60
Nähfrauen, Harleshausen....................................................................................................... 61
Die Nachbarschaft erkunden
Selbstbestimmte Bildungs-, Kultur- und Sozialprojekte entwickeln.......................................62
Literaturtipps........................................................................................................................ 66
Wir begleiten Sie gerne – Kontakt zur Fachstelle....................................................................67
4 NACHmachBAREINLEITUNG
Entdeckungsreise durch die Landeskirche
Seit September 2014 arbeiten wir im neuen sehen, einige Rückmeldungen konnten wir
Team als Fachstelle Zweite Lebenshälfte. aus Platzgründen leider nicht aufnehmen.
Wir beraten Kirchenkreise und -gemeinden, Unsere Sortierung der Projekte hätte sicher
bilden Ehrenamtliche und Hauptamtliche in auch anders aussehen können – auf jeden
der Arbeit mit Menschen in der zweiten Le- Fall sind wir von der Vielfalt beeindruckt.
benshälfte fort. Innerhalb der Kapitel haben wir eine alpha-
Zu Beginn wollten wir uns einen Überblick betische Reihenfolge gewählt.
verschaffen, in welcher Weise in der EKKW
mit Älteren gearbeitet wird. In einem Rund-
schreiben an alle Pfarrämter baten wir um
Beispiele aus den Gemeinden, wie Älte- Wieso steht in den Projekten
re sich in ihrer Nachbarschaft engagieren, so selten „Senioren“ drin?
wie Alt und Jung sich gemeinsam in die Ge-
meinschaft einbringen, Treffpunkte schaffen,
Kleinode für Generationen kreieren oder gar Ein Stolperstein in der Diskussion um die Ar-
große Projekte starten. beit mit Älteren ist immer wieder die Frage:
Unser Blick war und ist dabei unter anderem „Wie nennen wir das jetzt eigentlich?“ Wenn
auf zwei Aspekte gerichtet Sie, liebe Leserin, lieber Leser, sich selbst fra-
gen, ob Sie zu einem Angebot gehen würden,
• den Netzwerkgedanken in der unmittelba- in der das Wort „Senioren“ vorkommt, wie
ren Nachbarschaft, also auch über die Gren- wäre Ihre Antwort? Wir gehen von unwissen-
zen der Kirchengemeinde hinaus, schaftlich geschätzten 95 % Ablehnung aus.
• den Inklusionsgedanken, dass Menschen Das hängt mit einem nach wie vor negativen
unterschiedlicher Herkunft, Möglichkeiten Altersbild zusammen, obwohl sich das real
und Fähigkeiten beteiligt sind. gelebte Älterwerden faktisch enorm verän-
dert. Einige der Projekte, die wir vorstellen,
Es hat uns nicht überrascht, dass eine Mehr- verstehen sich selbst nicht als „Seniorenar-
zahl der Beispiele aus der Mitte und dem Nor- beit“. Es sind aber zum Teil überwiegend Äl-
den der Landeskirche gemeldet wurde. Denn tere, die in den Projekten aktiv sind. Sie en-
hier hat der demografische Wandel bereits gagieren sich für Menschen, die älter sind als
sichtbare Spuren gezeichnet und zugleich sie selbst, aber auch für und mit jüngeren
kreative Kräfte geweckt. Einige Projekte be- und ganz jungen Menschen.
stehen schon seit vielen Jahren, andere sind
erst vor kurzem ins Leben gerufen worden. Einige gehen die Sache mit dem Alter forsch
Allen Ideen spürt man das Herzblut engagier- an, wie z. B. die Seniorenkantorei und entwi-
ter Menschen an. Alle der in den Projekten ckeln damit ein eigenes Selbst-Bewusstsein
Engagierten sind in der zweiten Lebenshälf- als die Älteren, die sie nun sind. Andere grei-
te. Die beginnt nach unserem Verständnis et- fen das Thema mit Witz und Charme auf, wie
wa ab dem 50. Lebensjahr. Viele Frauen und die „Alten Knaben“ oder die „Rüstigen Rent-
Männer sind bis ins hohe Alter federführend ner“ – das sind übrigens alles Männer! Wir
engagiert. Einige Projekte sind generationen- halten sie für Vorreiter einer Zeit, in der wir
übergreifend, wobei wir unter Generationen selbstbewusst und vergnügt sagen werden:
auch die verschiedenen erwachsenen Jahr-
gänge verstehen. Sicher haben wir viel über- „Ich bin alt!“
NACHmachBAR 5EINLEITUNG
suchen. Über die Kontaktadressen können
Ist das wirklich nachmachbar? Sie sich mit den Akteur_innen der Projekte
in Verbindung setzen, denn der Austausch
von Erfahrungen, auch über das, was schief
Wir hoffen, dass es Ihnen mit den hier vor- egangen ist, ist beim Neubeginn Gold wert.
gestellten Beispielen so geht wie uns! Uns Gerne unterstützen wir als Fachstelle Zwei-
haben die Ideen begeistert und zum Weiter- te Lebenshälfte Sie bei der Umsetzung Ihrer
denken inspiriert. Damit eine Idee zündet, Ideen. Wir helfen beim Sortieren der Gedan-
braucht es vor allem eins: Menschen, die für ken, organisieren passende Fortbildungen
die Idee brennen. Im Rückblick haben alle für die Ehrenamtlichen, suchen mit Ihnen
vorgestellten Projekte etwas festgestellt: Sie nach Ressourcen, stellen Kontakte zwischen
hatten eine starke Idee und genügend Leute, ähnlichen Projekten her usw. Derzeit stellen
die sie gut fanden. Dann haben sie einfach wir einen Werkzeugkasten „Mittagstisch“ zu-
angefangen und die Herausforderungen un- sammen, damit nicht jede_r wieder bei Adam
terwegs Schritt für Schritt in Angriff genom- und Eva und der Recherche der Hygienevor-
men. Wenn GRIPS in Kassel geahnt hätte, schriften anfangen muss. Weitere Werkzeug-
welchen Umfang ihr Projekt erreichen wür- kästen sollen folgen.
de: vielleicht hätte sie der Mut verlassen.
„Kommt Zeit, kommt Rat“, heißt es ja – und Zögern Sie nicht, mit uns Kontakt
neben dem Rat auch das Geld bzw. all die aufzunehmen!
anderen Ressourcen, die man dann braucht.
Sehr eindrucksvoll finden wir hier das „Gib-
und-nimm“ Prinzip, mit dem in der Kirchen-
gemeinde eine Grundhaltung eingeübt wird, Danke!
die wirklich auf Augenhöhe von Mensch zu
Mensch beginnt.
Danken möchten wir allen, die sich in 2013 an
Die Situationen in den Gemeinden sind sehr der Kollekte für die Seniorenarbeit beteiligt
unterschiedlich. Städtische oder dörfliche haben. Durch Ihren Beitrag können wir nun
Strukturen, Traditionen und Traditionsab- allen Gemeinden diese Broschüre und damit
brüche, öffentlicher Nahverkehr oder dessen unser gemeinsames Wissen gegenseitig zur
Abwesenheit u. v. m. bringen unterschiedliche Verfügung stellen!
Bedarfe hervor. Wir stellen Ihnen Ideen vor,
die sofort umsetzbar sind und fast keine Res- Unser besonderer Dank gilt allen, die uns
sourcen brauchen. Es gibt aber auch umfang- ihre Ideen und Projekte erzählt und unsere
reiche Projekte, die in den Sozialraum rund Fragen beantwortet haben! Danke für Ihre
um die Kirchengemeinde wirken. Sie alle ha- Geduld und die Bereitschaft Ihr Wissen und
ben klein angefangen! Auf jeden Fall finden Ihre Erfahrung an andere weiter zu geben! Es
wir: Nachmachen ist erlaubt und möglich! sind wahre Schätze.
Einfach anfangen! Pfarrerin Annegret Zander,
Wir unterstützen Sie! Theologische Fachreferentin
Andreas Wiesner, Dipl. Päd.,
Pädagogischer Fachreferent
Keine der vorgestellten Ideen wird sich eins Ute Schenk-Fischer, Gerontologin M.Sc.,
zu eins übernehmen lassen. Doch sicher Projektmitarbeiterin für „NACHmachBAR“
werden sie dazu anregen, Ähnliches zu ver-
6 NACHmachBAREINLEITUNG
Alt? Ist anders
Abtritt: Frau S. springt
von der Alterstreppe
Nie vergesse ich Frau Sundmeier (Name ge-
ändert). Sie fehlte auf keinem Tanzseminar
und war kulturell oft unterwegs. Sie war
zierlich, sportlich gekleidet, mit Kurzhaar-
frisur, schnoddrigen Kommentaren und fre-
chem Humor. Eine lebenslustige Frau von
92 Jahren. Wenn unbekannte Gegenüber
ihr überrascht zuriefen „Ich hätte nicht ge-
dacht, dass Sie so alt sind!“, dann konterte
sie – fast schon beleidigt: „Ja, was dachten
Sie denn, wie ich aussehen soll mit 92?“
Vorbei sind die Zeiten des 17. - 19. Jahrhun-
derts, in denen man die Altersstufen des
menschlichen Lebens treppchenweise dar-
stellen konnte. Da ging es bis zur Vierzig
steil bergauf, ab Fünfzig trat Stillstand ein ner kommen in die Wechseljahre, Frauen
und kurz darauf raste man(n) schnurstracks starten mit Fünfzig noch mal durch, Paare
durchs Greisenalter ins Grab. „Mann“ des- finden sich in ihren Achtzigern wie frisch
halb, weil es die Frauen bei vielen dieser Dar- verliebte Teenager vor. Von „Unruhestand“
stellungen nur bis in die Dreißiger schafften. redet längst niemand mehr. Man nennt das
Danach verschwanden sie von den Treppen jetzt „nachberufliche Phase“. Sogar die Wer-
der Lebensalter. Das könnte einerseits dar- bung punktet immer mehr mit grauhaari-
an liegen, dass die Frauen wegen der vielen gen Senior-Models. „Die Generation der 65-
Schwangerschaften früh starben – oder dass bis 85-Jährigen fühlt sich im Durchschnitt
sie ab 40 unsichtbar wurden. Als alte Frauen, 10 Jahre jünger, als es dem tatsächlichen
die unauffällig im Hintergrund dafür sorgten, Lebensalter entspricht.“, so konstatiert es
dass die Männer blühten und dann gut ver- die Generali Altersstudie (Monitor 03, Ge-
sorgt ins Grab stiegen. Aber Unsichtbarkeit nerali Altersstudie 2013, S. 5). Heute kann
ist ein Stadium, aus dem sich die Frauen, man nicht mehr – wie noch vor 10 Jahren! –
die heute alt werden, Schritt für Schritt he- sagen, das „neue Alter“ sei vorbildlos. Das
rausarbeiten. Frauen werden inzwischen zu- Thema Alter ist in der Gesellschaft ange-
meist älter als die Männer und sie legen die kommen: Fast monatlich kommt eine neuer
Schwarz-, Grau- und Pastelltöne ab. Orange Film mit alten Menschen in die Kinos, die
und pink gefärbte Haare sieht man bei alten Ratgeber-Regale in den Buchläden quellen
Damen öfter als bei den jungen Frauen, die über, Prominente reflektieren öffentlich ihr
Kleidung ist bunt und selbstbewusst körper- Alter und feiern es. Wir haben jede Menge
betont. gute Vorbilder fürs Älterwerden. Frau Sund-
meier allen voran, die – statt sich die Trep-
Seit ein paar Jahren gerät in Sachen Älter- pe hinunter ins Grab zu mühen – dem Tod
werden so einiges durcheinander. Män- vergnügt vor der Nase herumtanzte.
NACHmachBAR 7EINLEITUNG
tion einer App auf ihrem neuen Smartphone
Widerstand zwecklos – hilft; ein Austausch über Lebensfragen nach
Lernen bis zum Lebensende dem Kirchenkino, eine Weiterbildung wie bei
der „GRIPS“-Ausbildung in Kassel oder ei-
ner Schulung zum gezielten Einsatz der Le-
Von Frau Sundmeiers Lebenslauf kann man benserfahrungen in neuen Projekten.
wunderbar ablesen, dass man mit Mitte 60
noch nicht ausgelernt hat. Sie war immer Die Entwicklungen werden sich nicht auf-
neugierig, ließ sich auf neue Themen ein, halten lassen. Wer aufhört, mitzulernen und
liebte den Austausch mit bekannten und die gesellschaftlichen Fragen, die damit ein-
neuen Menschen. hergehen mitzudiskutieren, wird abgehängt.
Deshalb ist es notwendig, für ältere und alte
Wir haben im Vergleich zu den Vorgeneratio- Menschen immer wieder Anlässe zu schaf-
nen des vorigen Jahrhunderts eine ganze Le- fen, in denen diese Einordnungen und Lern-
bensphase dazu gewonnen, die je nach Ein- prozesse geschehen können. Die Kirchenge-
tritt in die nachberufliche Phase und je nach meinden können hierbei eine wichtige Rolle
Gesundheitszustand bis zu zwanzig und spielen, indem sie die vielfältigen Lebens
mehr Jahren dauern kann. Und nun denken themen, die mit dem Älterwerden auftau-
Sie einmal zurück: Allein in den letzten zehn chen, in Bildungsangeboten, Gottesdienst
Jahren hat sich sowohl gesellschaftlich als und Seelsorge aufgreifen.
auch auf der Ebene der alltags-technischen
Entwicklungen enorm viel verändert. Unse-
re Achtzig- bis Hundertjährigen sind mit der
Sensation eines Telephons (mit „ph“!) in ei- Kämpferisch auf die 70 zu
nem der Haushalte des Ortes aufgewachsen.
Sie haben die ersten Autos über die Straßen
schleichen sehen. Heute hat jedes Kind ein Derzeit und in den kommenden Jahren ge-
Smartphone (das „ph“ wurde gerettet!), wir hen die ersten Nachkriegsgeburtenjahrgän-
leben unser Leben in den sozialen Medien ge und damit auch die „Alt-Achtundsech-
öffentlich und die Autos parken sich zum Teil ziger“ in den Ruhestand. Das wird die Welt
schon von selbst ein. der Älteren erheblich verändern. Wir erle-
ben einen kulturellen Wandel – auch dies
Wenn wir das „nach vorne“ in die Zukunft ist ein wichtiger Aspekt des demografischen
denken, können wir uns ausrechnen, dass Wandels, infolge dessen wir nicht mehr von
wir alle noch sehr viel werden lernen müs- „dem Alter“ sprechen können. Das Älterwer-
sen. Vieles wird sich vereinfachen. Techni- den wird von Individuen gestaltet, genauso
sche Hilfen in den Haushalten Älterer und individuell, wie sie ihr Leben bisher gelebt
Hilfebedürftiger werden zunehmen. Das wird haben.
Erleichterungen bringen, aber auch die Not-
wendigkeit, sich immer wieder neu auf die Die Werte, die wir in jungen Jahren ausge-
Veränderungen einzustellen. Wir müssen sie formt haben, tragen oftmals auch im Alter.
reflektieren, in unser Weltbild einordnen, Die Nachkriegsjahrgänge bringen häufig Wer-
eine eigene Haltung dazu finden. Das wird te wie Selbstbestimmung und Individualität
nicht ohne Bildung gehen. Dabei verstehen mit. Sie sind geübt in Kooperation und Ent-
wir Bildung in einem sehr weiten Rahmen. Es wicklung neuer Ideen und bereit, sich für an-
können zufällige oder – mehr oder weniger dere zu engagieren.
– inszenierte und gelenkte Lernerfahrungen
sein: Eine Begegnung zwischen der Konfir- Wir müssen uns um die Diskussions- und
mandin, die der 70-jährigen bei der Installa- Lernkultur dieser Generation eigentlich kei-
8 NACHmachBAREINLEITUNG
ne Sorgen machen. Viele von ihnen haben
eine politische Streitkultur entwickelt, für
Geschlechtergerechtigkeit gestritten, die
zukünftigen Generationen ökologisch im
Blick u.v.m. Sie werden kämpferischer und
sicher offener als die bisherigen Generatio-
nen auch ihr Altwerden in die Hand nehmen.
Nicht von ungefähr wird das Thema „Woh-
nen im Alter“ inzwischen heißer und viel-
fältiger gehandelt als bisher. Nun geht es
nicht mehr ausschließlich um den frommen
Wunsch, möglichst lange zu Hause wohnen
zu können. Diese Generation geht das The-
ma zunehmend proaktiv an, richtet sich bar-
rierefrei und auf ihre Bedürfnisse gerichtet
ein, lotet Möglichkeiten des Zusammenwoh-
nens aus.
Insgesamt gehen die Älteren schon jetzt ihr
Älterwerden und ihre nachberufliche Phase Statt nach dem Glauben wird nach
aktiver an, organisieren sich in Gruppen, mit dem Sinn gefragt
denen sie gemeinsam ihre Freizeit nach ihren
Interessen gestalten.
Auch in Bezug auf den Glauben gibt es Ver-
Sie bringen auch kulturelle Veränderungen änderungen. Die Selbstverständlichkeit, mit
mit, die sich in der Arbeit mit Älteren aus- der Menschen sich der Kirche verbunden
wirken. Denn die Geschmäcker ändern sich, fühlen, nimmt deutlich ab. Sie liegt laut
auch was das Essen, die Gestaltung von Räu- der aktuellen EKD-Mitglieder-Studie für die
men, die Kleidung und die Musikvorlieben 60-69-Jährigen nur noch bei 44%. (Zum Ver-
angeht. Wir müssen uns daher kritisch fra- gleich: 68% der über 75-Jährigen fühlen sich
gen: Sind unsere Räumlichkeiten, Angebote der Kirche sehr verbunden.) Wir finden zu-
und vor allem unsere Herangehensweise an nehmend Menschen, die im Alter den Glau-
ehrenamtliches Engagement so gestaltet, ben genauso kritisch hinterfragen, wie sie
dass diese Menschen sich bei uns wohlfüh- es in ihren jungen Jahren taten. Nicht mehr
len und mitgestalten können? Bringen wir die Gottesfrage steht im Vordergrund, son-
genug Vertrauen auf, den Menschen, die dern die Frage nach dem Sinn des Lebens.
Lust haben sich jenseits der bereits beste- In der langen nachberuflichen Phase fordert
henden Angebote zu engagieren, Freiräu- sie noch einmal deutlich andere Antworten.
me und Ressourcen anzubieten? Die Arbeit Viele werden sich bewusst, dass wir in der
mit Älteren wird nur dann eine Zukunft ha- Begegnung mit Menschen Bedeutung in un-
ben, wenn die Älteren selbst sie nach ihren serem Leben erfahren, ja (mit Klaus Dörner
Vorstellungen und mit ihren Kompetenzen, gesagt), eine Tagesdosis an Bedeutung für
Talenten, Lebenserfahrungen und Ideen ge- andere brauchen – und zwar bis zuletzt.
stalten können.
„Großer Gott wir loben dich“ wird als Kir-
Hier legen z. B. die Projekte „Stadtgespräch“ chenschlager der Alten bald abgelöst wer-
und Mum e. V. Spuren in Richtung Mitbestim- den. Durch welche Lieder? Das ist eine in-
mung auf Augenhöhe und eigenverantwortli- teressante Frage, denn die „68er“ hatten
chem Engagement. sich auch von den liturgischen Traditionen
NACHmachBAR 9EINLEITUNG
losgesagt. Kein Wunder, dass inzwischen so- verbunden sind, geraten doch viele Kinder
gar auf Beerdigungen Pop-Musik mehr und gegenüber ihren alten Eltern an Grenzen.
mehr gefragt ist. Schließlich ist man auf der Durch den Beruf und die Sorge für die Kinder
„Stairway to Heaven“ unterwegs. Hier gilt es, zeitlich stark eingebunden und oft räumlich
gemeinsam mit den verschiedenen Alters- voneinander getrennt, können sie längst
gruppen zu forschen. nicht mehr als einzige Sorgegemeinschaft
wirken. So geschieht es, dass man die Nach-
Als Kirche bringen wir die Frage nach dem barin bei den Einkäufen unterstützt und die
Sinn per se mit ein. Sie schwingt bei runden eigenen alten Eltern von ihren Nachbarn
Tischen, Nachbarschaftsprojekten und sogar Hilfe bekommen. Und das ist gut so! Als Kir-
bei Kaffee und Kuchen mit. Trauen wir uns che können wir hier zu einem Paradigmen-
doch auch, sie noch direkter anzusprechen wechsel beitragen, der die Familien von dem
und besonders mit Menschen zu Beginn der enormen Druck entlastet, überwiegend für
nachberuflichen Phase in die Lebens- und die Alten und die Jungen in der Familie ver-
Sinnfragen einzutauchen! antwortlich zu sein. Und wir können den Al-
ten, aus der (teils selbstgewählten) Isolation
heraus Brücken schlagen, die vergebens auf
die Kinder warten– denn die können aus gu-
Die Nachbarschaft wird zum ten Gründen gar nicht kommen.
Leitbild für ein gutes Leben
Die EKKW hat sich entschlossen, als Kirche in
der Fläche präsent zu sein. Mit der Entwick-
In der Wahrnehmung und Gestaltung der Ar- lung von Kooperationsräumen können wir je
beit mit und für Ältere gibt es auf politischer nach Bedarf in unseren Regionen Schwer-
Ebene derzeit eine deutliche Schwerpunkt- punkte setzen und Energien bündeln. Wir
setzung, die wir kirchlicherseits wahrneh- können als gute Nachbarn in der Kommune
men und aufgreifen müssen, um uns nicht unseren Teil dazu beitragen, dass wir den
gesellschaftlich ins Aus zu setzen. Die wach- kollektiven Wunsch verwirklichen, dort zu
sende Zahl von Älteren in unseren Dörfern leben, alt zu werden und zu sterben, wo wir
und Städten ist eine gesamtgesellschaftliche zuhause sind. Diakonie, Kirchengemeinde
Aufgabe. Damit einher geht auch eine stei- und viele Menschen in der nachberuflichen
gende Zahl von Menschen, die in irgendeiner Phase, die sich gerne engagieren möchten,
Weise auf Unterstützung, Hilfe und schließ- können hier zusammen wirken. Wir müssen
lich auch Pflege angewiesen sind. Diese Auf- es auch, wenn wir nicht als Partner der Kom-
gabe können wir als sorgende Gemeinschaft munen völlig aus dem Blick geraten und uns
(„Caring Community“) nur gemeinsam lösen. in schrumpfenden Gemeinden zurückziehen
Der aktuelle 7. Altenbericht der Bundesre- möchten. Wir schreiben das hier so deutlich,
gierung trägt den Titel „Sorge und Mitver- weil Beobachter der Arbeit der 7. Altenbe-
antwortung in der Kommune – Aufbau und richtskommission festgestellt haben, dass
Sicherung zukunftsfähiger Gemeinschaf- die Kirche als Nachbar in der sorgenden Ge-
ten“. Er zeigt die Richtung an, die politisch meinschaft zunehmend aus dem Blick gerät.
eingeschlagen werden soll, die sich aber Aus diesem Grund haben wir unterschiedlich
auch aus gerontologischer Sicht als not- aufwändige Methoden beschrieben, den So-
wendig erweist. Wenn unser Aktionsradius zialraum, in dem wir uns als Kirche bewegen,
mit zunehmendem Alter kleiner wird, ist es zu erkunden und als gute Nachbarn aktiv zu
schließlich die Nachbarschaft, die (wieder werden. „Einer trage des anderen Last“ wird
oder vermehrt) zum tragenden Netz für die zur Gestaltungsgrundlage – und sie beruht
Menschen wird, die Unterstützung benöti- auf Gegenseitigkeit und Augenhöhe wirklich
gen. Auch wenn Familien eng miteinander aller Altersgruppen.
10 NACHmachBAREINLEITUNG
Die Projekte FÄN, MuM e. V. und Füreinander- schen, Dorfcafé und Gib-und-Nimm-Regalen
Miteinander e. V. sind hierzu Ideengeber. und -Festen, an denen sich alle beteiligen,
kann die Isolation, die mit der Scham einher-
geht, aufgebrochen werden.
Wegweiser Altersarmut Es wird auch darum gehen, Menschen in ih-
rer Resilienz zu stärken – ganz klar ein Bil-
dungsauftrag für die Kirchen. GRIPS-Grup-
Ein weiterer Faktor wird in naher Zukunft pen und Nachbarschaftshilfen können hier
eine wesentliche Rolle spielen: die steigen- wirksam werden.
de Altersarmut. Fakt ist: Jetzt und in Zukunft
werden sehr viele Menschen – Frauen noch
mehr als Männer im Ruhestand an und unter
der Armutsgrenze leben. Sie werden zusätz- Was wir von den Hundertjährigen
lich zur Rente arbeiten müssen. Auch viele lernen
Menschen mit relativ hoher Bildung werden
mit wenig auszukommen lernen. Noch ist die
Armut in den Gemeinden nicht sichtbar, weil Noch immer geschieht es, dass Menschen,
die Scham, über Armut zu sprechen, groß ist. die ein hohes Alter erreicht haben und be-
Auch Menschen, von denen man es nicht den- dingt durch Krankheit(en) sowie den norma-
ken würde, leben an dieser Grenze. Es wird len altersbedingten Abbau von körperlichen
eines der letzten Tabus in den Altersthemen Fähigkeiten kaum noch selbständig leben
sein, die wir auch kirchlicherseits brechen können, aus unseren Bildungs- und gesell-
und angehen müssen. Dabei geht es nicht nur schaftlichen Teilhabesystemen herausfal-
um die Versorgung, sondern um die Teilha- len. Viele alte Menschen und ihre pflegen-
be und Teilgabe älterer Menschen (in Armut): den Angehörigen leben isoliert und leiden
kulturell, spirituell und auf der Ebene des En- darunter mehr, als unter der Krankheit und
gagements. Mit dem Angebot von Mittagsti- den Alterserscheinungen.
NACHmachBAR 11EINLEITUNG
Das Diktat des „richtigen Alterns“
hinterfragen
Aus kirchlicher Perspektive möchten wir
noch einen kritischen Blick auf das Alter
in unserer Gesellschaft werfen. Wir beob-
achten, dass wir an einer Schwelle stehen,
in der ein „richtiges Altern“ vorgeschrie-
ben werden könnte: Wer sich nicht gesund
ernährt, regelmäßig bewegt und sein Ge-
dächtnis nicht trainiert, könnte alsbald eine
Abmahnung seiner Krankenkasse und der
Gesellschaft erhalten. Auch wenn wir es sehr
befürworten und in unseren Fortbildungen
unterstützen, dass Menschen aktiv bleiben
und für sich selbst Verantwortung überneh-
men, so ist es doch auch wichtig zu sehen
und zu benennen, dass das Alter schwieri-
ge Aufgaben mit sich bringt. Die Verände-
Die Zweite Heidelberger Hundertjährigen-Stu- rungen im Tagesablauf mit dem Beginn des
die (2014) verzeichnet eine exponentiell stei- Ruhestands, der zunehmende Verlust von
gende Zahl von Hochaltrigen. Trotz vieler Menschen an den Tod, die Sinnfrage jenseits
Einschränkungen gesundheitlicher Art ist ein der Identität als arbeitender Mensch, die
zunehmender Teil der befragten Hundertjäh- körperlichen Veränderungen – all dies und
rigen mit seinem Leben zufrieden. Je mehr sie vieles mehr kann uns an die Grenzen füh-
am Leben anderer teilhaben, desto zufriede- ren. Es kommt der Tag, an dem man beginnt,
ner sind sie. Was überraschte: Die Hundertjäh- auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein. Es
rigen sorgen sich wenig um sich selbst, dafür kommen Krankheiten und auch psychische
umso mehr um die nachfolgenden Generatio- Grenzen, wenn einem die eigene Endlich-
nen. Und sie möchten nach wie vor ihre Erfah- keit zu Leibe rückt. Auch dies gehört zum
rungen einbringen und weitergeben. Älterwerden dazu. Wir plädieren dafür, dass
unser Älterwerden ärgerlich, schwierig und
Wir können von ihnen viel lernen: Zum Bei- „erfolglos“ sein darf. Das christliche Men-
spiel die Aussicht, dass wir uns an die Ver- schenbild unterstützt, dass wir unvollkom-
änderungen im Alter, auch an Abhängig- men, scheiternd und zweifelnd durch unser
keitssituationen anpassen und unser Leben Leben gehen dürfen.
weiterhin als wertvoll begreifen können.
Damit das geschehen kann, brauchen die Die Auseinandersetzung mit der menschli-
Hochaltrigen die Möglichkeit, mit anderen chen Begrenztheit ist schmerzhaft. Gerade
Menschen in Kontakt zu treten, sich aus- hier ist es wichtig, Orte und Gelegenhei-
zutauschen, Neues zu erfahren und zu ler- ten zu haben, wo diese Themen öffentlich
nen. Im Rahmen ihrer Kräfte treffen wir sie und offen behandelt werden, denn sie be-
vielleicht „Bi Franz“. Wir werden weiter For- treffen immer mehr Menschen. Die gebur-
men entwickeln müssen, wie wir sie auch tenstarken Jahrgänge steuern auf den Ru-
zuhause aufsuchen und mit ihnen in Form hestand und das Alter zu! Als Kirche und
von sinnstiftenden Begegnungen in Kontakt als Bildungsort haben wir die Möglichkeit
bleiben können. und auch die Aufgabe, den Menschen in
12 NACHmachBAREINLEITUNG
niederschwelligen Begegnungssituationen unterstützen Sie sie mit Wertschätzung, ab
und öffentlichen thematischen Diskursen und zu dem Besuch als Pfarrer_in, mit dem
Unterstützung anzubieten. Angebot von Fortbildung und dem Kauf von
Arbeitsmaterialien. Diese Ehrenamtlichen
tun einen wertvollen, wichtigen Dienst.
„So alt bin ich noch nicht!“ – Ehrlichkeit ist aber auch gefragt, wenn man
Die Zukunft merkt, dass die Energie einer Ehrenamtli-
chen oder auch der Kirchengemeinde nicht
mehr ausreicht, eine kleine Seniorengruppe
Wohin geht die Reise der Kirche mit den Men- zu tragen. Es kann sein, dass eine Gruppe
schen in der zweiten Lebenshälfte? mit einem Fest verabschiedet werden muss.
Vielleicht finden sich Zusammenspiele in
Der grundlegende kulturelle Wandel in un- den Kooperationsräumen und mit den kom-
serer Gesellschaft wird auch in den Kirchen- munalen Akteuren der Seniorenarbeit. Aber
gemeinden sichtbar. Darum wundert eine manchmal muss erst etwas beendet sein,
Erfahrung nicht mehr, die fast alle Kirchen- bevor etwas Neues entstehen kann.
gemeinden kennen: der „klassische“ Senio-
renkreis wirbt vergebens um neue Mitglie- Die „Entwicklung von Angeboten für Ältere“
der. „So alt bin ich noch nicht!“, lautet die ist ein Auslaufmodell. In Zukunft werden
allgemein bekannte Abwehr. Dahinter steckt zusätzlich die Potentiale des Alters ver-
die Wahrnehmung, dass die Form des An- stärkt zum Tragen kommen – gemeinsam
gebotes nicht den Bedürfnissen der Ange- unterwegs mit allen Generationen. Unsere
sprochenen entspricht. Je nach Alter, Ge- Aufgabe wird darin bestehen, Engagement
sundheitszustand, sozialem Hintergrund und zu ermöglichen und zu unterstützen durch
Bildungsgrad steht, wie eben beschrieben, (Fort-)Bildung, Bereitstellung und Organi-
eher das Interesse im Vordergrund, sich mit sation von Ressourcen, durch Vernetzung
anderen aktiv auszutauschen, etwas zu un- und Koordination. Ziel wird es sein, in un-
ternehmen oder mitzugestalten. serer älter werdenden Gesellschaft allen
ein gutes Leben und Zusammenleben zu
Das heißt nicht, dass wir die Angebote für ermöglichen. Ein Mittagstisch, Lesepaten-
die Alten, die gerne bei Kaffee und Kuchen schaften Älterer im Kindergarten, Unter-
und einem schönen Programm zusammen- stützung für Jugendliche beim Einstieg in
sitzen, nicht mehr bräuchten. Für viele alte die Berufswelt, Bewegungs- und Begeg-
Menschen sind die Seniorenkreise besonde- nungsangebote für Alte organisiert und ge-
re Treffpunkte in der Woche, eine Möglich- leitet durch geschulte Männer und Frauen
keit des mühelosen regelmäßigen Kontakts, im Ruhestand, u. v. m. können dabei für Fa-
eine echte Stärkung für die Seele. Wir müs- milien und Alte eine wichtige Rolle des so-
sen aber ehrlich damit umgehen, dass diese zialen Halts spielen.
Gruppen klein sind und nicht mehr wachsen
werden. Wir möchten dazu ermutigen, die- Es wird eine Aufgabe kirchlicher Bildungs-
sen Gruppen zu erlauben, dass sie Wenige arbeit sein, die Menschen dabei zu unter-
sein dürfen. Denn die Alten, die zu diesen stützen, Brücken zwischen den Generatio-
Gruppen kommen, brauchen und genießen nen zu bauen.
den vertrauten, schützenden Rahmen.
Wo auch immer Sie Ehrenamtliche haben, Annegret Zander
die nach wie vor mit Freude kleine Gruppen
von Alten zusammenrufen und betreuen,
NACHmachBAR 13INTERVIEWS DIE PRAKTISCHEN
Die „Rüstigen Rentner“
Neustadt-Mengsberg
Die „Rüstigen Rentner“ sind, wie der Name schon vermuten lässt, Männer im
Rentenalter, die sich weit über eine Nachbarschaftshilfe hinaus für die Bedürf-
nisse der Dorfbewohner einsetzen. Dazu gehören Fahrten zum Arzt, zum Ein-
kaufen, zum Gottesdienst, aber auch praktische Arbeiten wie die Pflege von
Ruhebänken im Dorfbereich oder die Wartung des Friedhofes. Die Geräte für
einen Spielplatz haben wir gemeinsam mit Eltern aufgestellt. Auch Rasenmä-
hen oder kleine handwerkliche Arbeiten im Haus übernehmen wir.
Zur Entstehung des Projektes Kooperationen und hilfreiche
Unterstützung
Das Projekt wurde im Rahmen der Wettbe-
werbe „Unser Dorf hat Zukunft“ von 2011 bis Die Initiatoren waren der Arbeitskreis Mengs-
2014 gegründet. berg, welcher aus allen politischen Parteien,
Vertretern der Vereine und der evangelischen
Wichtig dabei war uns, ältere Bürgerinnen Kirchengemeinde bestand.
und Bürger in die Dorfgemeinschaft einzu-
binden, miteinander und füreinander da zu Besonders hilfreich war die Zusammenarbeit
sein. mit der Kirche und der Kommune.
14 NACHmachBARDIE PRAKTISCHEN INTERVIEWS
Das hatten wir nicht erwartet Das Projekt in Zahlen
Negative Überraschungen gab es nicht – nur Die „Rüstigen Rentner“ sind ein Team von 11
positive. Männern und organisieren sich selbst. Die Fi-
nanzierung erfolgt auf Spendenbasis.
In den Jahren 2011 – 2014 hat die Dorfge-
meinschaft Mengsberg beim Wettbewerb
„Unser Dorf hat Zukunft“ trotz jeweils unter-
schiedlicher Aufgabenstellungen jedes Mal Was würden Sie im Rückblick
Gold gewonnen. anders machen?
Welche Tipps haben Sie?
Bei dem europaweiten Wettbewerb holten
wir Silber.
Nichts!
Es braucht 1 - 2 Personen die begeistert vor-
Was sehen Sie als den größten angehen. Erfolg und Freude bei der Arbeit ist
Erfolg Ihres Projektes an? „ansteckend.“ Eine gute Dorfgemeinschaft
mit dem „Wissen voneinander“ war hilfreich.
Zentrale Personen mit Kenntnissen aus
Wir haben Kapazitäten (freie Zeit und Fähig- möglichst vielen Bereichen des Ortes (z. B.
keiten der Rentner) und Bedarf (Bedürfnisse Ortsvorsteher/Pfarrer), um Verknüpfungen
meist älterer Mitbürger) erfolgreich zusam- zu schaffen.
mengeführt. Es kommen neue Rentner und
Aufgaben hinzu.
Die Gruppe läuft selbstständig. Gelebte Welche Ideen haben Sie für
Nächstenliebe ist uns auch bei der Namens- die Zukunft Ihres Projektes?
gebung (Elisabeth-Kirchengemeinde Mengs-
berg) bei der Zusammenlegung des Kirch-
spiels zu einer Gemeinde wichtig gewesen. „Junge“ rüstige Rentner zu gewinnen, damit
die Arbeit der Gruppe lange bestehen bleibt.
Die Entstehung der Gruppe selbst ist ein Er- Bedarf, Fähigkeiten und Zeit möglichst immer
folg und mittlerweile ein „Selbstläufer“. in Balance zu halten.
Welche wertvollen Erfahrungen
haben Sie gemacht? Kontakt
Karlheinz Kurz
Vertrauen in die Ehrenamtlichen, welche Zur Wolfsdelle 11
ihre Fähigkeiten und dementsprechend die 35279 Neustadt (Hessen)-Mengsberg
benötigte Arbeitszeit sehr gut einschätzen 06692 7550
können und sich somit nicht überfordern, ovmengsberg@aol.com
aber gute Arbeit leisten.
NACHmachBAR 15INTERVIEWS DIE PRAKTISCHEN
Gemeinde-Mittagstisch
Ziegenhain
Ziel des Gemeinde-Mittagstisches (GMT) ist es, durch eine gemeinsame wöchent-
liche Mahlzeit eine Plattform für Gespräche und Annäherung zwischen Menschen
aus unterschiedlichen Lebenslagen anzubieten. Dabei soll insbesondere Men-
schen aus prekären Lebenssituationen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben
ermöglicht werden. Seit 2011 bietet die Evangelische Kirchengemeinde jeden
Freitag zwischen 12:00 Uhr und 14:00 Uhr diesen Mittagstisch an und entwickelt
sich kontinuierlich weiter. Mittlerweile nehmen 80 Personen das Angebot wahr.
Es folgte eine Zeit des Hinsehens, denn die
soziale Not versteckt sich oft. Wie könnte ein
Angebot an diese Menschen aussehen? Soll-
ten wir Kinder, Familien oder ältere Men-
schen ansprechen? Sollte es ein regelmä-
ßiges Mittagessen geben oder einfach eine
Einladung zu den Festtagen? Schließlich
entstand ein anfängliches Konzept, welches
im Kirchenvorstand beraten wurde. Nach
dem Motto „Probieren ergänzt das Studie-
ren“ legten wir los.
Kooperationen und hilfreiche
Unterstützung
Die Initiator_innen waren Diakon Jacob, Frau
Grede, Frau Kessler und Herr Kurz vom Diakoni-
schen Werk. Die Mitarbeiterinnen der Schwäl-
Zur Entstehung des Projektes mer Tafel standen mit Rat, Tat und Informa-
tionen an unserer Seite. Das Gesundheitsamt
hat bei der Erstbegehung der Räume grundle-
Am Anfang stand wie so oft eine Idee. Oder gende Tipps für die Hygiene gegeben. Das Pro-
besser eine gleiche Idee in verschiedenen jekt „Teilhabe“ des Diakonischen Werkes des
Köpfen, die in der Frage mündete: Schwalm-Eder-Kreises hat Verbindungen zur
Tafel hergestellt. In diesem Projekt sind ver-
Brauchen Menschen in Notlagen nicht mehr schiedene Initiativen zusammengeführt. Dies
als Geld und institutionalisierte Hilfe? Könn- sind neben dem „Gemeinsamen Mittagstisch“
te man diesen Mitbürger_innen nicht zeigen, Ziegenhain u. a. der „EinLaden“ in Homberg/
dass sie zu einer Gemeinschaft gehören? Efze und der „Mach mit Treff“ in Fritzlar.
16 NACHmachBARDIE PRAKTISCHEN INTERVIEWS
Kommunale und kirchliche Stellen haben
Spenden für konkrete Investitionen gegeben Anekdotisches
und vermittelt. Nachdem das Gesundheitsamt
grünes Licht gegeben hatte und Ehrenamtli-
che dazu bereit waren, zu kochen und ande- „Wenigstens an einem Tag in der Woche muss
re Arbeiten rund um den Mittagstisch zu er- man nicht allein sein.“ Das war wohl die
ledigen, setzten wir unsere Pläne um. Der schönste Belohnung für die Arbeit der Mit-
Gemeinde-Mittagstisch ist ansonsten eigen- arbeiterinnen und Mitarbeiter des Gemein-
ständig. Träger ist die Ev. Kirchengemeinde demittagstisches. Die Worte wurden bei der
Ziegenhain. Über das Projekt „Teilhabe“ ist der Weihnachtsfeier 2012 von einem unserer Gäs-
GMT mit dem Diakonischen Werkes vernetzt. te ausgesprochen.
Das hatten wir nicht erwartet Welche wertvollen Erfahrungen
haben Sie gemacht?
Es gab durchweg positive Überraschungen,
nämlich wie die Gäste auf das Angebot re- Im Vorfeld gab es einige Bedenken und Un-
agierten. Beispiele: Einige Gäste bringen klarheiten. Wichtig war die Erfahrung, dass
selbstgemachten Kuchen mit, manche stellen man einfach beginnen kann und es in Ord-
Gemüse und Obst aus den eigenen Gärten zur nung ist, dann zu sehen, was wächst. Es war
Verfügung, andere stricken für andere Gäs- schön, zu erleben, wie sich Menschen finden,
te oder Mitarbeitende Strümpfe oder erledi- die bereit sind, sich für andere Menschen
gen andere Dinge. Erstaunt waren wir sowohl einzusetzen, wenn man ihnen einen Rahmen
über die Teilnahme vieler Alleinstehender, äl- und eine sinnvolle Möglichkeit dazu bietet.
terer Mitmenschen als auch die rege Teilnah- Neu war auch die Erkenntnis, dass jeder un-
me vieler Gemeindemitglieder die, wie man serer Gäste, der sich für andere Gäste öffnet,
so schön sagt, noch „voll im Leben stehen“. im Grunde Teil der Mitarbeiterschaft ist, ohne
es zu wissen.
Was sehen Sie als den größten
Erfolg Ihres Projektes an? Das Projekt in Zahlen
Zu Beginn lag der Fokus stärker auf der Ausga- Unser Team besteht aus aktuell 22 Perso-
be einer günstigen Mahlzeit für Menschen in nen. Davon sind 20 ehrenamtlich tätig. Ins-
finanziellen Notlagen. Durch die Entwicklun- gesamt wurden dem GMT für die Anfangs-
gen innerhalb der Gastgemeinschaft erwei- phase 5 Wochenstunden des Diakons und 2
terte sich das Konzept hin zu einem Ort der Wochenstunden für eine Köchin durch die
Begegnung und Vernetzung. Wir sehen in den Kirchengemeinde zur Verfügung gestellt.
positiven Rückmeldungen unserer Gäste den Seit 2014 wird die Arbeit des Diakons durch
größten Erfolg. Aussagen wie: „Ich freue mich einen ehrenamtlichen Geschäftsführer,
immer, wenn es Freitag wird.“ oder: „Mein Le- Herrn Günter Pukat, geleistet. Mittlerwei-
ben hat endlich wieder einen Wert, seit ich le bewirten wir wöchentlich 60 bis 80 Gäs-
wieder unter anderen Menschen bin.“ oder te. Einmal im Monat treffen sich die Mitar-
„Wenn das hier Kirche ist, finde ich es gut.“ beitenden, um die Planung für die nächsten
Wir denken, das ist ein großer Erfolg. Wochen durchzuführen.
NACHmachBAR 17INTERVIEWS DIE PRAKTISCHEN
Da bereits eine ausreichend ausgestatte- • Eine möglichst breite Zustimmung inner-
te Küche vorhanden war, mussten anfäng- halb des Trägers suchen.
lich keine Materialien angeschafft werden. Es • Klare Formulierung der Grundsätze und
war allerdings erforderlich, einen Hygiene- Ziele.
waschplatz zu installieren (ca. 600 €). Theo- • Den Gästen nicht als „Bedürftigen“ son-
retisch müssten auch die Personalkosten für dern als Meistern ihres Lebens begegnen
die erwähnten 7 Wochenstunden eingerech- und immer wieder um sie werben.
net werden. Der Anstieg der Gästezahl mach-
te schließlich auch die Anschaffung eines
größeren Herdes und einer Industriespülma-
schine notwendig. Die Anschaffungskosten Welche Ideen haben Sie für
beliefen sich auf ca. 7.000 €. Leistbar ist und die Zukunft Ihres Projektes?
war das alles durch Zuschüsse, Teilnahmebei-
träge, Geld- und Sachspenden. Die Zuschüsse
kamen vom Diakonischen Werk, Geldspenden Mit der derzeitigen Gästezahl sind unsere
von verschiedenen Institutionen und von Pri- Kapazitäten nahezu erschöpft. Grundsätz-
vatpersonen. Die Kirchengemeinde beteiligt lich wird das Projekt in seiner jetzigen Form
uns regelmäßig an der Kollekte und die Ein- weiter geführt.
nahmen vom Gemeinde-Mittagstisch fließen
in das Projekt. Die einzukaufenden Lebens-
mittel können wir durch die Einnahmen bei
der Essensausgabe decken. Ein Essen kostet
1 €, im Schnitt gibt die Mehrzahl der Gäste je- Kontakt
doch eine zusätzliche Spende.
Günter Pukat
Gothaer-Str. 9, 34613 Schwalmstadt
06691 3896
gueheipuk@online.de
Variation
„Gemeinsam lecker essen“
Einmal im Monat wird vom örtlichen
Metzger ein Mittagessen in die Alte
Schule in Witzenhausen-Roßbach gelie-
fert. Pünktlich um 12 Uhr wird dann ge-
meinsam gegessen.
Was würden Sie im Rückblick
anders machen? Kontakt
Welche Tipps haben Sie? Pfarrer Michael Zink
Kirchweg 7, 37217 Witzenhausen
05542 2734
• Keine Angst vor dem Gesundheitsamt. Vor- dekanatsbuero.witzenhausen@ekkw.de
ab genau die nötigen Voraussetzungen be-
sprechen und die Arbeit begleiten lassen.
18 NACHmachBARDIE PRAKTISCHEN INTERVIEWS
Generationengarten „Zusammenwachsen“
Familienbildungsstätte Kassel-Wehlheiden
Verschiedene Generationen treffen sich in einem Garten, um gemeinsam zu
säen, pflanzen, ernten, verwerten, genießen und entspannen! Menschen vie-
ler Nationalitäten kommen zusammen und haben eine friedvolle und ent-
spannte Zeit miteinander. Nicht der Ernte-Erfolg steht im Vordergrund, son-
dern diese kostbare Zeit des Miteinanders in einem kleinen Naturparadies
mitten in Wehlheiden. Inzwischen kommen auch Bewohner und Bewohnerin-
nen eines benachbarten Altenhilfezentrums hinzu, immer in Begleitung von
Betreuer_innen.
uns deshalb sinnvoller als die „Tür und An-
Zur Entstehung des Projektes gel“ Begegnungen der Generationen in un-
serer Familienbildungsstätte (FBS).
Dem Grundgedanken für dieses Projekt liegt Was lag da näher, als in einem Garten die Ge-
die Beobachtung zugrunde, dass Kinder bei nerationen zusammen wachsen zu lassen.
Aufenthalten in der Natur viel entspannter Vorteilhaft für dieses Projekt waren natürlich
sind und umso intensiver lernen, je mehr auch die örtlichen Gegebenheiten: Schule,
Freiräume sie in der Natur haben. Eine Be- Kindertagesstätte und ein Altenheim in un-
gegnung der Generationen im Freien schien mittelbarer Nähe.
NACHmachBAR 19INTERVIEWS DIE PRAKTISCHEN
Die Initiatorinnen waren Ines Lattemann (Mit- entsprechend kurz und die Vorbereitungszeit
arbeiterin der FBS) und Claudia Zahn (Leite- basierte daher auf viel Kreativität und spon-
rin der FBS). Gegründet wurde das Projekt im tanen Einfällen.
Sommer 2013.
Was sehen Sie als den größten
Kooperationen und hilfreiche Erfolg Ihres Projektes an?
Unterstützung
Immer ist zu spüren, wie sehr alle die ge-
Schnell wurde klar, dass unsere Idee nicht al- meinsame Zeit genießen. Einfach sein – unter
leine von der Familienbildungsstätte umge- Gottes weitem Himmel.
setzt werden konnte. Deshalb folgte sehr zei-
tig eine Anfrage an die damalige Schulleiterin
der Hupfeldschule, ob sie den benachbarten
Garten zur Verfügung stellt. Ihre Zusage und Anekdotisches
die Genehmigung durch das Gartenamt der
Stadt folgten sogleich, ebenso die Zusiche-
rung vom Leiter des Gartenamtes zur Unter- Letztes Jahr im Mai fand die „Gartenlust“
stützung des Projektes. nach meinem Urlaub statt. Ich hatte also kei-
ne Zeit, vorher für den Kurs zu werben. Es
Mit finanzieller Unterstützung des Förder- kam, wie´s kommen musste. Nur drei Mütter
vereins der Ev. Familienbildungsstätte und mit ihren Kindern fanden den Weg in den Gar-
handwerklicher Unterstützung der Männer ten. Meine Kollegin versuchte mich zu trös-
vom Projekt „GALAMA“ (Wiedereingliederung ten: „Dann haben wir zu Acht eine gute Zeit!“
von Langzeitarbeitslosen) wurden Hochbee- Mir war das nicht genug, da die Vorbereitung
te gebaut und schon wenige Wochen später sehr intensiv war und ich einfach für mehr
konnte gesät und gepflanzt werden. Menschen geplant hatte und entsprechend
vorbereitet war. So bin ich wieder zurück in
Weiterhin gab es in der Vergangenheit eine das Katharina-von-Bora-Haus, habe in alle
Zusammenarbeit mit der Verbraucherzen Räume geschaut und die Menschen dort ein-
trale Kassel, der „Essbaren Stadt“ Kassel und geladen, nach ihrem Kurs in den Garten zu
der Gärtnerei Ullrich. Die gemeinsame Ver- kommen. Ebenso habe ich Menschen auf der
anstaltung nannte sich „Gemüsegenuss“ und Straße angesprochen und eingeladen, mit in
hatte zum Ziel, regionales Einkaufen und Ko- den Garten zu kommen. Kaum zehn Minuten
chen in den Vordergrund zu rücken. Es nah- später trudelten die ersten „Mutigen“ ein. Mit
men über 40 Personen (4 Jahre – 79 Jahre) an 35 Personen haben wir den Nachmittag dann
der Aktion teil. Leider war es nur ein einma- verbracht. Und viele sind auch jetzt noch bei
liges Projekt. den Zusammenkünften dabei.
Das hatten wir nicht erwartet Welche wertvollen Erfahrungen
haben Sie gemacht?
Wir haben nicht damit gerechnet, das Projekt
so schnell verwirklichen zu können. Dadurch Es braucht „nur“ Raum, Zeit und Menschen,
war die Planungsphase für die Gartenzeiten damit sich die Generationen mit Achtung
20 NACHmachBARDIE PRAKTISCHEN INTERVIEWS
begegnen und vereinter von- und miteinan-
der lernen. Welche Ideen haben Sie für
die Zukunft Ihres Projektes?
Das Projekt in Zahlen Wir sind mit der Art und Weise unserer Gar-
tentage sehr zufrieden und werden zurzeit
keine Veränderungen vornehmen.
Die Leitung und Koordination unseres Ge-
nerationengartens haben zwei bei uns be-
schäftigte Fachfrauen (Erzieherin, Sozial
pädagogin). Bei der einmal im Monat
stattfindenden „Gartenlust“ (offener Gar- Kontakt
ten für alle Bürger_innen) kommen durch-
schnittlich 40 Personen. Ines Lattemann, Claudia Zahn
Hupfeldstraße 21, 34121 Kassel
Das Grundstück wird kostenfrei von der 0561 15367
Grundschule zur Verfügung gestellt. Die fbs.kassel@ekkw.de
Grundstückspflege (Mähen, Büsche schnei-
den) erfolgt durch die Schule.
Die Grundausstattung (Beete, Regentonne,
Gartenwerkzeuge, Holzklötze zum Sitzen,
etc.) wurde aus Mitteln des Förderkreises der
Ev. Familienbildungsstätte und aus Projekt-
mitteln der Familienzentrumsarbeit erbracht.
Die Teilnahme an der „Gartenlust“ ist kos-
tenfrei – eine Spende wird erbeten. Diese
und die Zuschüsse des Familienzentrums si-
chern die Honorar- und Sachkosten. Ein ein-
maliger Zuschuss im Rahmen des Program-
mes „Etablierung von Familienzentren in
Hessen“ durch Ministerin Kühne-Hörmann
deckte einen Teil der Investivkosten.
Was würden Sie im Rückblick
anders machen?
Welche Tipps haben Sie?
• Die Bemühungen, Ehrenamtliche für das
Projekt zu begeistern, würden wir beim
nächsten Mal intensivieren.
• Vieles kommt beim Tun.
• Mut zum Unperfekten.
NACHmachBAR 21INTERVIEWS DIE PRAKTISCHEN
Hausaufgabenhilfe
Hanau
Insgesamt 24 Ehrenamtliche im Alter von 50 bis 85 Jahren helfen 70 Schüler
_innen aus der ersten bis sechsten Klasse bei den Hausaufgaben.
Vor der Eröffnung des Stadtteilbüros wurde
Zur Entstehung des Projektes nach Angeboten gesucht, um das Haus mit
Leben zu füllen. Interessierte Mitbürger_in-
nen in unserem Stadtteil (Kesselstadt-West-
Das Projekt „Hausaufgabenhilfe“ wurde stadt) haben die Notwendigkeit erkannt,
2001 ins Leben gerufen und ist Teil eines dass Grundschulkinder keine Hausaufgaben
anderen Projektes. Es gehört zum Angebot machen können, wenn ihre Mütter nie in ih-
des „Stadtteilbüros“ (seit 2007: „Weststadt- rem Leben in eine Schule gegangen sind.
büro“). Hier kooperieren die Stadt Hanau
und die Evangelische Kirchengemeinde und Folgende Werte sind uns wichtig:
sie bieten gemeinsam verschiedene Kur- • Zuwendung zu den Schwachen – ohne An-
se und Beratungen für die Bevölkerung des sehen von Herkunft oder Religion.
Stadtteils an. Beteiligt an diversen Veran- • Sinnvoller Einsatz der eigenen Kompe-
staltungen sind u. a. auch die vhs, die Aus- tenzen – auch nach der aktiven Berufs-
siedlerseelsorge, das Evangelische Jugend- laufbahn.
zentrum, das DRK, die Baugesellschaften, • Ehrenamt soll Spaß machen und begrenz-
die Schulen und Kindergärten. bar sein.
22 NACHmachBARDIE PRAKTISCHEN INTERVIEWS
Die Hausaufgabenhilfe wurde von Frau Lips- Schulen und nach deren Angeboten. Zum
ky vorgestellt und ehrenamtlich realisiert. Beispiel:
• Seit einigen Jahren wird im Anschluss an
die Hausaufgabenhilfe ein Lesetraining
Kooperationen und hilfreiche angeboten, denn Lesen kann man im Rah-
Unterstützung men der Hausaufgabenhilfe nicht üben.
• Bei der Umstellung von G9 auf G8 boten
die Damen und Herren der Hausaufgaben-
Die Stadt Hanau finanziert die Räume, in de- hilfe Extra-Stunden für Fremdsprachen an,
nen die ehrenamtliche Arbeit vor sich gehen um drei Kindern den Übergang von der Re-
kann. Das ist sehr hilfreich. alschule zum Gymnasium zu ermöglichen.
• Derzeit kommen die meisten Kinder aus
Auch die Wahrnehmungen der städtischen der Grundschule, da die weiterführende
Angestellten, die nebenan arbeiten, sind Schule und das Jugendzentrum eine Schü-
sehr hilfreich – sie werfen einen Blick von lerhilfe für höhere Klassen anbieten.
außen auf die Abläufe im Projekt und entde-
cken Dinge, die evtl. dem pädagogischen An-
spruch widersprechen.
Was sehen Sie als den größten
Erfolg Ihres Projektes an?
Das hatten wir nicht erwartet
Der größte messbare Erfolg war das Jahr,
in dem vier Kinder „hochgestuft“ werden
Die Überraschung ist jeden Tag und jedes konnten – zwei davon konnten im Jahr da-
Jahr wieder neu: wie gern die Kinder zu ihrer rauf sogar erneut hochgestuft werden. Das
Hausaufgabenhilfe kommen, wie stolz und bedeutet: zwei Kinder, die zur Sonderschu-
selbstverständlich sie Noten und Klassenar- le geschickt worden waren, konnten mit Hil-
beiten vorzeigen, wie stark die Bindung an fe der Hausaufgabenhilfe und der Unterstüt-
die Ehrenamtlichen ist. zung des Jugendzentrums die Realschule
besuchen und zwei Kinder konnten von der
Der Stolz und die Freude der Kinder – sicht- Realschule ins Gymnasium wechseln.
bare Seiten der Bindungen, die entstehen
– lassen den immer wieder einmal entste- Ansonsten besteht der Erfolg des Projektes
henden Frust über „vorlaute“ oder „freche“ in all den Aha-Erlebnissen, Noten und schu-
Kinder dahin schmelzen und geben Energie lischen Erfolgen, die die Kinder tagtäglich
für ein neues Halbjahr. erleben.
Das Projekt hat sich aus kleinen Anfängen
kontinuierlich vergrößert und kann im Mo-
ment einfach aus raumtechnischen Gründen Anekdotisches
nicht weiter wachsen.
Das Konzept ist in all den Jahren gleich ge- Frau Lipsky – unbestrittene Chefin des gan-
blieben: Hilfe bei der Erledigung der Haus- zen Ladens – wurde mit einem Preis für ihr
aufgaben. Und doch haben sich im Lau- außerordentliches Engagement geehrt (sie
fe der Jahre einige Angebote und Bedarfe ist an fast jedem Tag der Woche vor Ort, or-
verändert, je nach den Anforderungen der ganisiert die Dienstpläne der Ehrenamtli-
NACHmachBAR 23Sie können auch lesen