Neues Europäisches Bauhaus Positionen zum - Beginn des Dialogs in Deutschland - BBSR

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Neues
Europäisches
Bauhaus             Positionen zum
                    Beginn des Dialogs
                    in Deutschland
(Mai / Juni 2021)
Inhalte     Worum geht es?                              6
            Erste Erkenntnisse                         14
            Neun Handlungsfelder                       16
          1 Umbau als Leitbild                         18
          2 Qualität vor Quantität                     24
          3 Quartier als Bezugsgröße                   30
          4 Von der Energie-zur Ressourcen­wende       36
          5 Neue Systematik der Wirtschaftlichkeits-
            betrachtung                                42
          6 Neujustierung der Regeln                   46
          7 Interdiszipli­narität und Ko-Kreation      50
          8 Diskurs, Experiment und Vermittlung        56
          9 Kulturelles Wissen aus Gegenwart und
            Vergangenheit nutzen                       64
            Ausblick                                   68
            Programm                                   72

                3—4
Worum geht   Unter dem Titel „Neues Europäisches Bauhaus“ (NEB)
             wurde im September 2020 von der EU-Kommission (KOM)
             durch Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen

es?          ein ambitionierter und weitreichender Prozess eingeleitet,
             der einen Beitrag zur Umsetzung der Renovierungswel-
             le, der Zielstellung des europäischen Green Deals, leisten
             soll. Als zentrale Aspekte des Neuen Europäischen Bau-
             hauses werden Nachhaltigkeit, Ästhetik und Inklusivität
             adressiert.
                                     So präsentiert sich die Initiative
                                     als ökologisches, wirtschaftliches
                                     und zugleich kulturelles Projekt
                                     und versteht sich als Kreativitäts­
                                     initiative, mit der die Grenzen
                                     zwischen Wissenschaft und Tech-
                                     nologie, Kunst, Kultur und sozialer
                                     Inklusion überwunden und mit-
                                     hilfe von interdisziplinärem
                                     Handeln neue Lösungen für All-
                                     tagsprobleme erarbeitet werden
                                     sollen.

                    5—6
Am Prozess beteiligte Ministerien:                          Vor dem Hintergrund der aktuell
                                                            laufenden Findungsphase zum
Bundesministerium des Innern, für                           NEB fand auf Einladung des BMI
                                                            – federführend innerhalb der
Bau und Heimat (BMI)
                                                            Bundesregierung, in Zusammen-
                                                            arbeit mit AA, BKM, BMBF, BMEL,
Auswärtiges Amt (AA)                                        BMU und BMWI – am 6. Mai 2021
                                                            ein erstes nationales Dialog­
Beauftragter der Bundesregierung                            gespräch als Auftakt zu einem
für Kultur und Medien (BKM)                                 innovativen und partizipativen
                                                            Prozess in Deutschland statt.
Bundesministerium für Bildung                               Dies geschah auf Betreiben der
                                     Bundesregierung, um sich mit den nationalen Partnern –
und Forschung (BMBF)
                                     Dachverbänden, Stiftungen, wissenschaftlichen Einrich-
                                     tungen, interessierten Kreisen etc. – zu den Zielen der
Bundesministerium für Ernährung      Initiative zu verständigen. Darüber hinaus sollte der
und Landwirtschaft (BMEL)            EU-Kommission das Verständnis der beteiligten Kreise
                                     übermittelt und damit zur Schärfung der Inhalte – nicht
Bundesministerium für Umwelt,        zuletzt hinsichtlich beabsichtigter Pilotprojekte im Rah-
Naturschutz und nukleare             men der NEB-Initiative – beigetragen werden. Im Weite-
                                     ren soll auch die Nichtfachöffentlichkeit aktiv beteiligt
Sicherheit (BMU)
                                     werden.

Bundesministerium für Wirtschaft
und Energie (BMWI)

                                            7—8
Das vorliegende Positionspapier ist eine erste Zwischen-                                   Damit wird deutlich, dass es eine
bilanz der bisherigen Diskussion. Diese fand und findet in                                 neue Strategie und ein neues Han-
einem Kontext statt, der weit über das unmittelbare Bau-                                   deln braucht. Denn der scheinbar
wesen hinausreicht. Die Herausforderungen sind groß:                                       unüberwindbare Konflikt zwi-
                                                                                           schen unseren ressourcenverbrau-
               →   Nach Anwendung des Quellprinzips des Bundes-                            chenden Gewohnheiten, einer
                   Klimaschutzgesetzes entfallen etwa 14% der di-                          wachstumsorientierten Wirtschaft
                   rekten Emissionen auf den Gebäudesektor. Wird
                                                                                           (mit großteils negativen Klimaaus­
                   jedoch das Verursacherprinzip angewendet, ist
                   das gesamte Handlungsfeld Gebäude für etwa
                                                                                           wirkungen) und dem nachvoll-
                   40% der gesamten Treibhausgasemissionen                                 ziehbaren gesellschaftlichen
                   in Deutschland verantwortlich.
                                        ­                                                  Grundbedürfnis, auch in Zukunft
                                                                                           gut leben zu können, ist aufgrund
               →   Der Gebäudesektor hat das im Bundes-Klima-
                   schutzgesetz festgelegte Emissionsbudget für
                                                                                           der knappen Zeit für die Errei-
                   das Jahr 2020 verfehlt.                          chung der festgeschriebenen Klimaziele nur durch ein
                                                                    Umdenken in Richtung nachhaltige Entwicklung zu
               →   Die Transformation des Gebäudebestands
                   und der Wertschöpfungskette Bau in Richtung
                                                                    entschärfen. In Anbetracht der Klima- und Treibhaus-
                   Klima- und Treibhausgasneutralität 2050 bzw.     gasproblematik muss „Fortschritt“ neu definiert werden.
                   2045 erfordert immense Anstrengungen.            Doch wie kann dieses Umsteuern gelingen? In Forschung
                                                                    und Teilen der Praxis wird die nachhaltige und damit
               →   Die prognostizierte Zunahme von Extremwetter-
                   ereignissen wie überdurchschnittlich heiße
                                                                    auch klimagerechte Entwicklung des Bauwesens seit
                   Tage, Stürme oder Starkregen in Deutschland      vielen Jahren auf unterschiedlichen Ebenen vorangetrie-
                   wird Städte und Gebäude zunehmend fordern.       ben. Dieses gewonnene Wissen sowie die neu gesetzten
                                                                    Anreize und Rahmenbedingungen müssen genutzt wer-
               →   Die Bezahlbarkeit des Bauens und Wohnens
                   als bedeutsames gesellschaftspolitisches Thema
                                                                    den, um das Planen, Bauen und Betreiben von Gebäuden
                   darf nicht in problematische Konkurrenz zu       in seiner Gesamtheit grundlegend zu verändern oder gar
                   Fragen des Klimaschutzes und der Klimaanpas-     zu erneuern. Die Initiative adressiert die Transformation
                   sung gestellt werden.                            des Bauwesens als eine Gemeinschaftsaufgabe, die von ei-
                                                                    nem neuen Narrativ als Treiber und Wegweiser getragen

                                                                           9—10
wird. Ziel ist, den Entwicklungsprozess gesellschaftlich     der Lebensräume der Zukunft durch neue Organisati-
zu verankern, eine neue Haltung gegenüber der Gestal-        onsformen, veränderte Regeln und Strukturen ebenso
tung von Lebensräumen zum Ausdruck zu bringen und            wie neue Formen der Zusammenarbeit als Grundvor-
den Umgang mit dem Bestehenden in den Mittelpunkt            aussetzungen voranzutreiben, damit eine Bauwende
zu rücken. Denn es geht um nicht weniger als einen Kul-      überhaupt gelingen kann.
turwandel.

Der Rekurs auf das historische Bauhaus kann ein Garant
dafür sein, dass der Green Deal und der erforderliche
Paradigmenwechsel keine technokratische oder rein
ökonomische Angelegenheit sind, sondern ein integrati-
ver und ganzheitlich gedachter Ansatz, der die sektoral
beschrittenen Entwicklungspfade zusammenführt.
                       Der Blick auf das Bauhaus zielt
                       nicht auf eine Verklärung von des-
                       sen Wirkungsgeschichte. Vielmehr
                       geht es dabei exemplarisch um das
                       Narrativ des Aufbruchs und der
                       Innovation zugunsten eines ganz-
                       heitlichen kreativen Gestaltungs-
                       willens für eine neue Gesellschaft.
                       Deshalb muss der Begriff „Bau-
                       haus“ adäquat ins Heute übersetzt
                       werden. In diesem Sinne schafft
                       das NEB ein interdisziplinäres
                       kreatives Denk- und Umfeld. Es
                       fördert und fordert einen Perspek-
                       tivenwechsel, um die Gestaltung

                                                                   11—12
Erste          Der im Mai 2021 geführte Dialog ist der Auftakt zu einem
               langfristigen iterativen Prozess. Dabei zeichnen sich fol-
               gende Handlungsschwerpunkte ab:

Erkenntnisse                →   Auf den Bestand fokussieren und damit auf
                                das enorme Transformationspotenzial der bereits
                                gebauten Umwelt – die „Elefantenherde im Klima­
                                raum“. Deren für die Wirtschaft positive energetische
                                Optimierung muss mit Rücksicht auf die Bezahlbar-
                                keit für die Menschen, etwa hinsichtlich der Mieten,
                                aber auch auf das kulturelle Erbe erfolgen.
                            →   Im Quartier handeln in der Nachbarschaft, mit
                                Blick auf urbane Grün- und Freiräume in Verbin-
                                dung mit gebautem Stadtraum und mit Rücksicht
                                auf die Perspektive der Menschen sowie ihre Teil-
                                habe am gesamten NEB-Prozess.
                            →   Emissionen und den Verbrauch kostbarer
                                Ressourcen im Lebenszyklus denken durch die
                                Etablierung eines klimaneutralen oder emissions-
                                negativen Bauens. Dies kann gelingen durch einen
                                hohen Grad an Wiederverwendung von Baustoffen
                                und/oder durch nachwachsende Materialien, wie
                                zum Beispiel Holz aus nachhaltiger Waldbewirt-
                                schaftung, und eine hohe Anpassungsfähigkeit mit-
                                tels der ganzheitlichen Betrachtung der Ökobilanz.
                            →   Kulturelles Wissen und Praktiken aus der
                                Vergangenheit sowie von anderen Orten
                                anwenden und weiterentwickeln, um neue
                                Lösungsansätze aus der besonderen Rolle der
                                Kultur­schaffenden, der Kreativen sowie der Akteure
                                des Denkmalschutzes und der Denkmalpflege bei
                                diesen Transformationsprozessen zu nutzen.

                      13—14
Neun          Im Folgenden werden übergeordnete Optionen für
              das Gelingen der notwendigen großen Transforma­
              tion sowie wichtige Positionen, die bislang in die

Handlungs-    ­Diskussion eingeflossen sind, gebündelt und thesen-
               haft wiedergegeben. Die Zitate entstammen der
             ­Veranstaltung.

felder       Dabei handelt es sich nicht zwingend um Positionen
             der Bundesregierung. Vielmehr wird der gemeinsame
             Dialog mit den beteiligten Stakeholdern hier doku-
             mentiert und diskutierte Handlungsdimensionen
             wiedergegeben.

                   15—16
1           Bislang wurden energie- und CO2-reduzierende Konzepte
            und normative Vorstellungen vornehmlich in Bezug auf
            den Neubau fokussiert. Im Brennpunkt des Geschehens

Umbau als   steht jedoch der Gebäudebestand, der den deutlich
            überwiegenden Teil der gebauten Umwelt in Deutsch-
            land ausmacht. Eine soziokulturell und ökonomisch

Leitbild    behutsame Entwicklung des Gebäudebestands unter
            Berücksichtigung von Zielen der Baukultur und der
            ökologischen Rahmenbedingungen wird einen wesentli-
            chen Beitrag zur Erreichung der Klimaschutzziele leis-
            ten müssen.

            „An erster Stelle
            muss die
            Bestandsnutzung
            stehen, danach
            die Bestands­
            umnutzung und
            erst, wenn beides
            nicht möglich ist,
            der Neubau.“

                   17—18
Um die gesetzten klimapolitischen    Entscheidend ist ebenso eine gerechte Verteilung der
                       Ziele über die Sektorengrenzen      ­finanziellen Lasten, auch im Hinblick auf die Bezahl-
                       des Klimaschutzgesetzes hinweg,      barkeit des Wohnens. Die Nutzer und Nutzerinnen – zur
                       aber speziell im Gebäudesektor zu    Miete oder im Eigentum – müssen mitgenommen wer-
                       erreichen, muss im Hinblick auf      den, Klimaschutz muss erlebbar gemacht werden. Dabei
                       die graue Energie der Erhalt des     spielen Fragen nach dem gerechten Umgang mit etwai-
                       Bestands vor dem Neubau ein Ziel     gen Investitionskosten für Optimierungsmaßnahmen
                       sein und die Modernisierungs-        am Eigenheim oder an Mietobjekten, aber auch der ab-
                       quote deutlich erhöht werden.                                     gewogene Einsatz von
                       Während im Neubau der aktuelle                                    Anreizsystemen, die zu
                       technische Standard zur Errei-                                    einer höheren Akzeptanz
                       chung der baupolitischen Ziele                                    und damit Zahlungsbereit-
                       weitestgehend umgesetzt werden                                    schaft führen, eine essenzi-
                       kann, sind im Umgang mit dem                                      elle Rolle. Vor dem Hinter-
                       Bestand deutlich mehr Herausfor-                                  grund der sektorenüber-
                       derungen und Randbedingungen                                      greifenden Bedeutung des
                       zu berücksichtigen.                                               gesamten Handlungsfelds
Grundvoraussetzung für das Sanieren oder Bauen im                                        Gebäude muss aber auch
Bestand ist ein ausreichendes Wissen über die Substanz,                                  immer die Wechselwirkung
die Bauweise und die Materialien. Je größer die Kenntnis                                 von Sanierungsaktivitäten
über ein Bestandsgebäude ist, desto gezielter und wirt-                                  mit den Dekarbonisie-
schaftlicher können bauliche und energieeinsparende                                      rungsstrategien der übri-
Maßnahmen geplant und ausgeführt werden. Auch die                                        gen Sektoren (Energiesek-
Einbeziehung der Nutzer und Nutzerinnen ist dabei                                        tor, Industriesektor im
entscheidend, da deren Verhalten wesentlich zur Wert-       „Die Herausforderung         Bereich Baustoffindustrie)
schätzung, Erhaltung und Suffizienz eines Gebäudes          ist der klimagerechte        bedacht und austariert
beiträgt.                                                   Umbau des ­Bestands.“        werden.

                                                                  19—20
„Wir müssen                    „Wir brauchen eine neue       verstanden werden und steht unweigerlich im Zentrum
 die Utopie eines               klimakulturelle Vielfalt      des neuen Narrativs. Die Abkehr vom bedingungslosen
­neuen Bauens und               des Bauens und Gestal-        Neu-Bauen bzw. Abreißen, als Lehre aus der Moderne,
 einer Umbaukul-                tens!“ Bei der Bestands-      ist der Treiber einer neuen Umbaukultur. In diesem
 tur und -ordnung               entwicklung kann es keine     Kontext hat der Neubau dann nur noch eine ergänzende
 entwerfen.“                    Standardlösungen geben,       Rolle – als Ultima Ratio nach Bestandsertüchtigung und
                                sondern die Identität,        Bestandserweiterung.
                                die historischen und bau-
                                kulturellen Werte, Heimat
                                sowie der Charakter beste-
                                hender Orte müssen bei
                                der Gestaltung Beachtung
                                finden.
                                Die Leitgedanken jeder
                                Wahrung und Weiterent-
                                wicklung des kulturellen
                                Erbes und des historisch
                                gewachsenen Bestands
                                sind inhärenter Bestandteil
der europäischen Stadt. Der beispielhafte Bezug auf
Venedig, dessen 1.600-jähriges Bestehen nach wie vor
ein l­ ebendiges Bild der Verschränkung von Baukultur,
Ästhetik und Nachhaltigkeit vermittelt, steht sinnbild-
lich für diese Qualitäten.

Die Hinwendung zum Bestand, in der dichten Stadt sowie
auch im ländlichen Raum, kann als konsequente Weiter-
entwicklung des europäischen Selbstverständnisses

                                                                     21—22
2              Um einen Kulturwandel beim Bauen zu befördern, der
               andere Werte betont und andere Modelle hervorbringt
               als die bestehenden mit ihren oft dysfunktionalen Aus-

Qualität vor   wirkungen auf das Klima und die Umwelt, braucht es ein
               neues Bewusstsein für Qualität und das Wesentliche.

Quantität      Im Fokus der Initiative NEB steht die Erkenntnis der
               Endlichkeit von Ressourcen, im Gegensatz zur Vorstel-
               lung des endlosen Wachstums. Damit stellt sich jedoch
               die Frage, wie man mit dieser Endlichkeit und der Ver-
               teilung dessen, was uns zur Verfügung steht und was
               daraus erwirtschaftet wird, umgehen soll. Es braucht
               für diese Verhandlungen neue Werkzeuge, Technologien,
               Formate und Leitbilder. Ein relevanter Aspekt kann un-
               ter dem Begriff Suffizienz gefasst werden.

               Suffizientes, aber qualitätsvolles Wohnen statt übermä-
               ßigem Flächenverbrauch wäre ein Anfang. Die bean-
               spruchte Wohnfläche pro Person ist in Deutschland
               in der Vergangenheit lange Zeit konstant gestiegen und
                                      verharrt auf einem hohen Niveau.
                                      Maßnahmen zur Reduzierung der
                                      Wohnfläche pro Kopf können
                                      den Neubaubedarf senken, die
                                      Flächen­inanspruchnahme ver-
                                      ringern und damit einen Beitrag
                                      zum nachhaltigen und zugleich
                                      bezahlbaren Bauen leisten. Dazu

                      23—24
bedarf es flächeneffizienter und flexibler Wohnungs-       In den vergangenen Jahren wurde viel erreicht. Jedoch
grundrisse, die sich an die wandelnden Anforderungen       nutzt ein Großteil der Menschen die technisch erreich-
anpassen und die eine angemessene Wohnqualität sicher-     ten Einsparungen nicht zur theoretisch möglichen
stellen, um das Weniger an Fläche zu kompensieren.         Verkleinerung ihres ökologischen Fußabdrucks. Viele
                                                           wohnen auf mehr Fläche, mit mehr technischen Gerä-
„Wir müssen die              Die durchschnittliche wirt-   ten, fahren größere Autos, reisen häufiger und zu weiter
Standards infrage            schaftliche Nutzungsdauer     entfernten Zielen, sodass die Gesamt-Ressourcenver-
stellen, um das              von neu errichteten           bräuche nicht wesentlich gesunken sind (der sogenannte
Bauen zu verein-             Wohngebäuden liegt zwi-       Rebound-Effekt). Technische Optimierung allein hilft
fachen.“                     schen 60 und 100 Jahren,      also nicht weiter, wenn das Bewusstsein und Verhalten
                             diejenige von Büro- und       der Menschen selbst sich nicht ändert.
                             Handelsgebäuden lediglich
                             zwischen 30 bis 60 Jahren.    „Ein Blick in die            Bleibt man bei der besitz­
                             Um diese Zahlen langfris-     Schweiz zeigt:               orientierten Wahrneh-
                             tig zu erhöhen, müssen die    Wer Boden                    mung, dann ist Suffizienz
gebauten Strukturen im Hinblick auf die Nutzungsbe-        ver­siegeln will,            immer ein „Weniger“ – und
dürfnisse künftiger Generationen resilient gestaltet und   muss an anderer              damit wohl für einen gro-
zugleich Anreize für ihren Erhalt geschaffen werden.       Stelle in der                ßen Teil der Gesellschaft
Auch eine robuste Gebäudetechnik und eine hohe             Schweiz adä­quat             wenig attraktiv. Verschiebt
Anpassungsfähigkeit führen in der Regel zu einer           entsiegeln.“                 man den Qualitätsbegriff
längeren Nutzungsdauer und sind damit nachhaltiger –                                    und legt den Schwerpunkt
in ökonomischer Hinsicht, beim Ressourcenverbrauch                                      auf die Nutzung von Eigen-
und auch bei der ökobilanziellen Bewertung. In diesem      tum, kann Suffizienz zum guten Tauschgeschäft für alle
Zusammenhang spielen Stichworte wie „Einfachheit“          Beteiligten inklusive der Umwelt werden: Kleinere Woh-
und „Lowtech“ im Qualitätsbegriff eine bedeutende Rolle.   nungen führen zu weniger Versiegelung von Boden, zu
Zugleich ist beim klimaangepassten Bauen die Resilienz     höherer Dichte und damit zu kürzeren Wegen, zu verrin-
gegenüber den Folgen des Klimawandels (zum Beispiel        gertem Verkehrsaufkommen, reduziertem Ressourcen-
Wetterereignissen, Hitzeperioden) wichtig.                 verbrauch für Erstellung und Betrieb und letztendlich

                                                                  25—26
zu finanziellen Einsparungen. Weniger kostet weniger,                                   ponente. Für die Weiterent-
eine messbare Größe. Als Beispiel hierfür kann die Stadt                                wicklung des gebauten Be-
Zürich mit ihrer Selbstverpflichtung zur „2000-Watt-                                    stands stellt sich die Frage,
Gesellschaft“ genannt werden.                                                           welchen Beitrag jedes
                                                                                        Gebäude für das Stadtbild,
In diesem Zusammenhang sind auch vor dem Hintergrund                                    das Stadt- oder Raumgefü-
der Pandemie die Auswirkungen von Digitalisierung und                                   ge und die lokale Erinne-
Homeoffice zu betrachten. Einerseits dürfen diese nicht                                 rungskultur leistet. Planen,
eine weitere Vergrößerung von Wohnflächen legitimie-       Bauen und Wohnen haben über technische, ökonomische
ren. Andererseits bergen sie die Chance, die Lagegunst     und ökologische Aspekte hinaus auch gesellschaftlichen
von Stadt und Land neu zu bewerten. Im besten Fall         und sozialen Ansprüchen zu genügen – dem Wunsch
können durch eine entsprechende hochwertige Gestal-        nach einer lebenswerten, gut gestalteten Umwelt mit
                             tung von Räumen mit           einem hohen baukulturellen Wert.
                             hoher Aufenthaltsqualität
                             attraktive und lebenswerte
                             Wohnorte geschaffen wer-
                             den, das Pendleraufkommen
„Notwendig sind              reduziert, der Wohnungs-
flächeneffiziente            mangel in Ballungsräumen
Wohnungsgrund-               gelindert und im Gegenzug
risse, die jedoch            der ländliche Raum aufge-
eine angemessene             wertet werden.
Wohnqualität
bieten, damit                Schließlich hat qualitativ
sie nicht als                hochwertiges, nachhaltiges
Verschlechterung             Bauen und Instandsetzen
wahrgenommen                 auch eine ästhetische sowie
werden.“                     eine (bau)kulturelle Kom-

                                                                  27—28
3                                   Beim klimagerechten Bauen muss
                                    der Blick über das Gebäude hinaus-
                                    gehen – auf das Quartier, die Ge-

Quartier als                        meinde und die Gesamtstadt.
                                    Durchmischte Quartiere sind nicht
                                    nur für die gesellschaftliche Ent-

Bezugsgröße                         wicklung bedeutsam, sondern im
                                    Zusammenspiel von Mensch, ge-
                                    bauter Umwelt und Natur auch ein
                                    zentraler Ausgangspunkt für treib-
                                    hausgasmindernde Maßnahmen.

                                      Neben der energetischen Sanie-
                                      rung von Gebäuden sollte die Ver-
                                      knüpfung von Bauen, Entwicklung
                                      von Grünräumen und Mobilität
                                      (dreifache Innenentwicklung) und
               damit die Verbesserung der Lebensqualität in Quartier,
               Stadt und Stadtregion im Zentrum stehen. Gemischt ge-
               nutzte, verdichtete historische Quartiere können Model-
               le für Stadträume der Zukunft sein. „Für den ganzheitli-
               chen Ansatz sowie das integrierte Denken von sozialen,
               ökonomischen und ökologischen Faktoren des Städte-
               baus sollte die Neue Leipzig-Charta als strategischer
               Kompass dienen.“ Je nach soziokulturellen Gegebenhei-
               ten und Identitäten entfalten diese Ansätze neue Kreati-
               vitäts- und Innovationspotenziale für eine nachhaltige
               Zukunft.

                      29—30
Der Quartiersansatz ist auch im Rahmen der notwendi-        „Stadtgrün und             Auch eine Neuausrichtung
gen Erweiterung der Bilanzierungsgrenzen interessant,       Gewässer liefern           der Wohnungsbauförde-
weil hier die integrierte Planung deutlich leichter umzu-   einen wertvollen           rung ist in diesem Zusam-
setzen ist als in Bezug auf das singuläre Einzelgebäude.    und messbaren              menhang ein relevantes
Integrierte Planungsansätze für Stadt- und Quartiers­       Beitrag zur                Thema. Die Frage, welche
entwicklungen können zudem wichtige Grundlagen              Erreichung von             Chancen die Kombination
und Erfahrungsschätze für die Gebäude­planung sein.         Klimaschutzzielen          einer Objektförderung im
Nimmt man das Quartier oder andere kommunale                und für ein gutes,         Sinne einer Grundförderung
Strukturen bzw. übergeordnete Raumebenen als Bezugs-        sicheres und ge-           (mit angemessenen Rahmen-
größe, dann bietet eine aktive soziale Bodenpolitik der     sundes Leben in            setzungen für Wohnungs-
öffentlichen Hand einen politischen Hebel, um die Kos-      der Stadt.“                größen und Baukosten) und
ten auf Gebäudeebene zu beeinflussen. Öffentliche För-                                 einer ergänzenden Subjekt-
derprogramme, wie die Städtebauförderung und deren                                     förderung (orientiert an den
                        Ausbau, stoßen mit ihrer Hebel-                                verfügbaren Haushaltsein-
                        wirkung weitere Investitionen                                  kommen) bietet, müsste
                        auch privater Dritter auf der                                  unter wohnungswirtschaftli-
                        Quartiersebene an. So können                                   chen und rechtlichen Blick-
                        Grundstücke im unbeplanten                                     winkeln diskutiert werden.
                        Innenbereich zur Schaffung von
                        bezahlbarem Wohnraum herange-       Neben dem (Um)Bauen muss der Blick auch auf die Er-
                        zogen und die Kosten der Infra-     tüchtigung und den Ausbau der blau-grünen Infrastruk-
                        strukturen umverteilt werden.       turen in den Stadtquartieren gelegt werden. Stadtgrün
                        Auch die stärkere Einbindung der    und Gewässer liefern einen wertvollen und messbaren
                        gemeinwohl­orientierten Woh-        Beitrag zur Minderung der Klimafolgen und sichern ein
                        nungswirtschaft (kommunale          gutes und gesundes Leben in der Stadt. Daher sollten ge-
                        Unternehmen, Genossenschaften       setzliche, planerische und finanzielle Maßnahmen erar-
                        etc.) kann hier einen wichtigen     beitet werden, um diese blau-grünen Infrastrukturen in
                        Beitrag leisten.                    urbanen Räumen zu erhalten, zu entwickeln und an die

                                                                   31—32
Herausforderungen des Klimawandels anzupassen. Die        Dies führt auch zu einer Reduzierung von Lärm und
kommunalen Planungen und Konzepte hierfür sollten         Abgasen. Für den ländlichen Raum steht die Erarbeitung
gefördert werden.                                         von spezifischen Konzepten im Fokus, um eine Erreich-
                                                          barkeit der notwendigen Infrastruktur auch ohne eige-
Extremereignisse wie Starkregen und Dürre stellen         nes Auto zu ermöglichen.
Infrastrukturen und Wasserwirtschaft vor gewaltige
Herausforderungen. Lösungsansätze dazu sind die                         Es müssen neue Ansatzpunkte für ein
Flächenumverteilung, Dach- und Fassadenbegrünung,                       reibungsloses Ineinandergreifen der Kri-
klimaresiliente Stadtbäume sowie die funktionale und                    terien und Abläufe auf den unterschiedli-
gestalterische Einbindung von Wasser. Auch hier muss                    chen Maßstabsebenen von Planung und
                            das Denken und Planen                       Bau sowie zur Bestimmung und Realisie-
                            auf der Quartiers­ebene                     rung einer optimalen Relation von Dichte,
                            oder sogar in städtischen                   Stadtgröße, Baukultur, Umwelt- und
                            Zusammenhängen die                          Lebensqualität gefunden werden.
                            Regel werden.

                            Die Verkehrswende ist
                            ebenfalls mit der Verbesse-
                            rung der Lebensqualität
                            in Quartieren, Stadt und
                            Stadtregion verbunden.
                            Beispielsweise können Flä-
                            chen neu verteilt werden,
                            vom Individualverkehr zu
                            einer Nutzung für die All-
                            gemeinheit als Freiflächen
                            für die Erholung.

                                                                 33—34
4             Für die Erreichung der Ziele des Green Deals ist es unab-
              dingbar, dass bei der Errichtung, beim Betrieb und beim
              Rückbau von Gebäuden die Treibhausgasemissionen

Von der       radikal reduziert oder sogar vermieden werden. Neben
              dem Betrieb von Gebäuden entstehen Emissionen vor
              allem durch den Ressourcenverbrauch für Material,

Energie-      Konstruktionen, Baustelleneinrichtungen und -prozesse
              sowie beim Rückbau von Gebäuden. Nur die Betrach-
              tung des gesamten Lebenszyklus erfasst die Potenziale

zur           des Wandels von der Energie- zur Ressourcenwende.

                                           Es geht daher weniger um

Ressourcen­
                                           Energieeinsparung oder
                                           energiepolitische Maßnah-
                                           men für die Nutzungspha-

wende
                                           se von Gebäuden, sondern
                                           vielmehr um emissionspo-
              „Im Bestand ­müssen          litische Weichenstellun-
              die Fragen von               gen, die eng mit der Res-
              Emissionsreduktion           sourcenfrage verknüpft
              und Energieeffi­zienz        sind. Nur wenn es gelingt,
              getrennt voneinan-           den Ressourcenverbrauch
              der betrachtet               insgesamt deutlich zu re-
              werden, die                  duzieren, gibt es auch eine
              Bezahlbarkeit der            Chance, die Energiewende
              Emissionsreduktion           im Gebäudebereich weg
              muss im Mittelpunkt          von fossilen und hin zu
              stehen.“                     erneuerbaren Energien zu

                     35—36
„Die ordnungs- und           schaffen und den CO2-Aus-      „Schaffung eines neuen Bildes für einen verantwor-
förderrechtlichen            stoß in diesem sektoren-       tungsvollen Ressourcenumgang mit goldener Energie
Regelungen sind              übergreifenden Bereich         statt grauer Energie“.
hinsichtlich der             nachhaltig und dauerhaft
Begrenzung der               zu senken.                     Das Bauen mit nachwachsenden Rohstoffen, ohne
Treibhausgas-                                               Abfall, mit Rezyklaten sowie recyclinggerechtes Bauen
emissionen                    Die Überführung der bis-      sind Leitprinzipien für die Zukunft. Es gilt, sie durch ent-
kontraproduktiv.“             herigen linearen, ver-        sprechende struktur-, steuer- und förderpolitische Maß-
                              brauchsorientierten Wirt-     nahmen optimaler im allgemeinen Handeln zu etablie-
                              schaftsweise in ein           ren. Der Ressourcenschutz sowie die Abfall- und
                              Kreislaufprinzip ist ein      CO2-Vermeidung sind dabei als oberste Schutzziele zu
                              Schlüssel für diese Trans-                                  verfolgen. Regelwerke für
                              formation. Im Mittelpunkt                                   die Wiederverwendung
                              steht die Frage nach den                                    von gebrauchten Bauteilen
                              Strategien, die für Wieder-                                 und für die Nutzung von
                              verwendung bzw. Kompos-                                     bestehenden Gebäuden als
                              tierung aller zum Bauen                                     Materialdepot und urbane
                              benötigter Materialien        „Die Initiative zum           Minen müssen weiter aus-
                              denkbar sind. Rezyklate       Neuen Europäischen            gebaut werden. Down­
lassen sich im Neu- und Umbau mit gestalterischem           Bauhaus schafft               cycling wie die thermische
Anspruch einsetzen und werden so nach Ablauf ihres          eine europäische              Verwertung von gebrauch-
ersten Lebens in einem neuen Gebäude wieder zur             Plattform, um                 ten Bau- und Abfallstoffen,
Ressource. Auf der Suche nach Modellen lassen sich          gemeinsam darüber             z.B. Holz, ist zugunsten
die denkmalpflegerischen Prinzipien und die Praxis der      nachzudenken, wie             einer Wiedernutzung zu
Substanzbewahrung auf andere Bestandsgebäude über-          wir in Zukunft unsere         überdenken. Vor allem regi-
tragen: Reparatur vor Austausch, Adaption der einge-        Emissions- und                onale und nachwachsende
brachten Materialien und Konstruktionen an den              Ressourcenprobleme            Baustoffe sind zu fördern,
Bestand, Reversibilität der Maßnahmen. Ziel ist die         lösen wollen.“                aber auch die Grenzen der

                                                                   37—38
Regeneration auszuloten. Dazu müssen technische Regel-                               gasarmen Bauprodukten
werke und strukturpolitische Rahmenbedingungen                                       befördern, wird es keinen
überprüft und gegebenenfalls angepasst, aber auch die                                Markt für diese Produkte
Forschung zu nachwachsenden Rohstoffen weiterent-                                    geben. Ebenso muss die Pro-
wickelt werden. Gute gebaute Beispiele sind das beste                                blematik der Verteilung von
Mittel, um Investoren als Partner zu gewinnen und da-     notwendigen Modernisierungskosten (zwischen Mietern
mit neue Bauformen zu stärken. Dabei gilt es auch, die    und Vermietern) gelöst werden, um entsprechende Kräf-
europäischen Standards für den Umwelt- und Gesund-        te für den klimagerechten Umbau freizusetzen. Hier
heitsschutz bei Bauprodukten weiterzuentwickeln.          müssen gesellschaftlich und wirtschaftspolitisch ent-
Gleiches gilt für die Frage des Einsatzes von rückbau-    sprechende Voraussetzungen geschaffen werden.
und recyclingfähigen Bauprodukten in einer kreislauf-
wirtschaftsgerechten Bauwirtschaft. Die Regionalisie-
rung der B­ austoffproduktion kann auch im Kontext
                                historisch gewachsener
                                Bauweisen einen wichti-
                                gen Beitrag leisten.

                            Die Wechselwirkungen
                            zwischen der Angebots-
                            seite – der Baustoffindust-
                            rie – und der Nachfrage-
                            seite – den Gebäude- und
                            Infrastrukturen – müssen
                            sektorenübergreifend ge-
                            dacht werden. Ohne eine
                            Stärkung der Rahmen­
„Sortenreines               bedingungen, die eine
Bauen ist machbar.“         Nachfrage nach treibhaus-

                                                                 39—40
5                 Wichtig für die flächendeckende Implementierung des
                  Ansatzes eines nachhaltigen Bauens sind Transparenz
                  und Akzeptanz für die Begrenzung der Treibhausgas­

Neue                                            emissionen, die mit dem
                                                Bauen und Betreiben von
                                                Gebäuden einhergehen,

Systematik                                      sowie für die damit ver-
                                                bundenen Kosten. Der Fo-
                                                kus muss sich vom Primat

der Wirtschaft-                                 der rein kostenorientierten
                                                Wirtschaftlichkeit hin zu
                                                einer ganzheitlichen An-

lichkeits-                                      forderungssystematik
                                                wandeln, die eine Stabili-
                                                sierung und Erhaltung der

betrachtung                                     natürlichen Umwelt zum
                                                Ziel hat. Neben Herstel-
                                                lungs- und Betriebskosten
                                                müssen sowohl Lebens­
                                                zykluskosten als auch
                                               ­Klimafolgekosten einge-
                  preist werden. Möglichkeiten zum emissions­negativen
                  Bauen durch den Einsatz organischer Materialien
                  (etwa Holz aus nachhaltiger Forstwirtschaft, aber auch
                  die Prüfung einer breiten Nutzung anderer Materialien
                  wie Lehm, Stroh oder Pilzmyzel etc.) sind zu etablieren.
                  Ebenso müssen der ressourcenbasierte Wert vorhandener
                  Bausubstanz und die Folgekosten durch potenzielle

                         41—42
„Wir haben kein              Schadstoffsanierungen,         Im Gebäudebereich sind die erforderlichen Grundlagen
Erkenntnis-,                 Entsorgungskosten etc.         für klimagerechtes, nachhaltiges, ressourcenschonendes
sondern ein                  berücksichtigt und trans-      und bezahlbares Bauen bekannt und weitreichend
Umsetzungs­                  parent gemacht werden.         erforscht. Dieses Wissen zu nutzen und in die Breite zu
problem.“                    Durch diese Ausweitung         tragen, ist eine der drängenden Aufgaben der Gegenwart
                             der Betrachtung über den       und Schlüssel für das Gelingen der Bauwende.
                             gesamten Gebäudelebens-
                             zyklus wird die Begrenzung
                             auf die Nutzungsphase
                             durchbrochen und über
                             die Ökobilanzierung die
                             Gesamtwirkungen des Ge-
                             bäudes in den Mittelpunkt
                             gerückt.

                             Insgesamt bedarf es einer
                             neuen Systematik der Wirt-
                             schaftlichkeitsbetrachtung
im Bauwesen und einer ­Reform der vorhandenen Be-
wertungen zur Erhöhung der Messbarkeit. Komple-
mentär zu den drei Dimensionen der Nachhaltigkeit
(Ökologie, Ökonomie und Sozio-Kulturelles), innerhalb
derer mitunter nur Formelkompromisse gefunden wur-
den und werden, könnte eine Definition zu „Effizienz –
Konsistenz – Suffizienz – Resilienz“ hier neue, zukunfts­
fähige Ansätze bieten.

                                                                   43—44
6                                            Die Komplexität der
                                             Kon­struktionen und der
                                             Gebäudetechnik steigt

Neujustierung                                seit Jahrzehnten stetig.
                                             Dies führt zu wachsenden
                                             Anforderungen an Standsi-

der Regeln                                   cherheit, Wärme-, Feuchte-,
                                             Brand- und Schallschutz,
                                             Hygiene und Gesundheit
                                             sowie auch an den allge-
                                             meinen Nutzerkomfort.
                                             Qualitäts- und Ausstat-
                tungsstandards treiben die Baukosten in die Höhe, und
                zwar unabhängig davon, ob sie durch gesetzliche oder
                nutzerspezifische Anforderungen ausgelöst werden. Die
                laufende Prüfung und gegebenenfalls eine Reduzie-
                rung der Regelwerke können dazu beitragen, die Kom-
                plexität des Bauens zu verringern.

                „Förderprogramme
                neu ausrichten –
                jede Entscheidung
                muss gut für das
                Klima sein.“

                       45—46
„Abbau umwelt-                Ein Diskussionspunkt ist       Das Wettbewerbs- und Vergaberecht schafft einen fairen
schädlicher                   die Forderung nach mehr        Zugang zum europäischen Binnenmarkt. Durch die Fest-
Subventionen.“                Mut – zu Innovationen, zu      legung auf Produkte zeigt sich aber, dass insbesondere
                              Experimenten und zum           das Vergaberecht im Hinblick auf integrierte und
                              Scheitern. Es sollte weniger   ko-kreative Ansätze hemmend oder gar verhindernd
                              der Status quo mit Normen                                 wirken kann. Es ist zu prüfen,
                              und Regeln abgesichert                                    inwieweit Anpassungen
                              werden, sondern dyna-                                     erforderlich sind, um die
                              misch aufgebaute Regel-                                   Intentionen des NEB und ihr
                              werke, die offen für Zu-                                  Innovationspotenzial besser
                              kunftsentwicklungen und        „CO2-Bepreisung            und schneller erfüllen zu
                              neue Ansätze sind, etabliert   realistisch setzen“        können.
                              werden. Ein Weg hierzu
                              könnte sein, die vorgege-
                              benen Maßnahmenschrit-
                              ten in Regelwerken zu re-
                              duzieren, und stattdessen
                              Regeln zu etablieren, die
                              mit weitreichenden Inno-
                              vationsklauseln und einer
Konzentration auf Zielformulierungen verbunden sind.
Die Fokussierung des Ordnungsrechts auf die Begren-
zung des Energiebedarfs eines Gebäudes in der Nutzungs-
phase ist nicht (mehr) zielführend. Hier sind andere An-
sätze (z.B. auf Quartiersebene) zu entwickeln. Flexible
Folgenutzungen von Beginn an mitzudenken, unabhän-
gig von der unmittelbaren Bauaufgabe, ist die Heraus-
forderung.

                                                                    47—48
7                                               Eine entscheidende Lehre
                                                aus dem Bauhaus-Ansatz
                                                ist es, integrierte, ganzheit-

Inter-                                          liche Arbeits- und Betrach-
                                                tungsweisen zu stärken
                                                und in die Breite der Ge-

diszipli­narität
                                                sellschaft zu vermitteln.
                                                Dafür stehen neben pla-
                                                nenden und künstleri-

und
                                                schen Disziplinen auch das
                                                Handwerk und eine ver-
                                                stärkte regionale Zusam-

Ko-Kreation        menarbeit. Dies kann im besten Fall auch Raum für neue
                   Geschäftsmodelle sowie „wilde“ kreative Allianzen
                   schaffen. Die zunehmende Verfügbarkeit digitaler Tech-
                   nologien und Anwendungen bietet die Chance, bisherige
                   Prozesse und Rollenverteilungen in der Wertschöpfungs-
                   kette zu hinterfragen und neu zu justieren.

                   Eine der Grundvoraussetzung, um die eingeforderte
                   gesamtgesellschaftliche Verantwortung und die ambitio-
                   nierten Anforderungen des Green Deals erfüllen zu kön-
                   nen, ist die Integration der Gesellschaft in die Bau- und
                   Planungsprozesse – nach dem Motto: nicht mehr für die
                   Nutzenden zu bauen, sondern mit ihnen. Das erfordert
                   eine transdisziplinäre Ausrichtung des Bauens, eine
                   Stärkung der Ko-Kreation – auch mit integrativem Ein-
                   bezug aller Disziplinen – sowie vor allem die stärkere

                          49—50
Berücksichtigung der Interessen der Nutzer und Nut-                                       Partizipation muss gelebt
zerinnen. Im Mittelpunkt steht dabei, die Bedürfnisse zu                                  werden. Im Kontext der
ergründen und mit neuen adäquaten Ansätzen etablier-                                      klimapolitischen Anstren-
te Strukturen und Bilder aufzubrechen. Der hierzulande                                    gungen sollten die Wohn-
vorherrschende Fokus auf das Einfamilienhaus ist dabei                                    und Lebenswünsche der
                             ein Kernthema und ist im                                     Gesellschaft in einer
                             Kontext mit den Qualitä-                                     „neuen Form des wissen-
„Eine Lösung kann            ten von Geschosswoh-           schaftlich begleiteten Partizipationsprozesses“ her-
nur gelingen, wenn           nungsbau, dem Bestand,         ausgearbeitet werden. Dabei darf Partizipation keine
die Anforderungen            den Nutzungsoptionen           Leerformel sein. Je nach Fragestellung geht es um eine
des Umwelt- und              und vor allem auch der         Verknüpfung von Bottom-Up- und Top-Down-Ansätzen,
Klimaschutzes, der           Absicherung und Bezahl-        um bestmögliche Lösungen und Argumente auszutarie-
Energie- und Ressour-        barkeit von verschiedenen      ren. Bottom-Up-Strategien sind essenziell, um die
ceneffizienz, der Be-        Lebensperspektiven zu dis-     Vielfalt an Bedürfnissen und Vorstellungen zu erfassen,
zahlbarkeit, der Bau-        kutieren. Mit dem Wissen       Bewusstsein und Akzeptanz zu fördern. Aber auch
kultur inklusive der         aller Disziplinen müssen       Top-Down-Ansätze können die notwendigen Rahmen
Denkmalpflege, des           Konzepte erarbeitet wer-       setzen, um die Nutzenden hinreichend aufzuklären und
Nutzerkomforts und           den, die das gesellschaftli-   zu befähigen, sich an Entscheidungsprozessen zu betei-
der demografischen           che Gedächtnis und die         ligten.
Entwicklung in Ein-          tradierten Wertvorstellun-
klang gebracht wer-          gen in neue Dimensionen        Die Ziele des Green Deals lassen sich nur erreichen, wenn
den. Eine sektorale          heben.                         ein Diskurs mit allen im Gebäudebereich beteiligten
Zergliederung erhöht                                        Kreisen, mit allen Mitwirkenden der Wertschöpfungs-
zwar die Handhab-                                           kette Bau sowie auch mit der Gesellschaft initiiert wird
barkeit von Ansätzen                                        und die Anforderungen nachvollziehbar sind. Dabei ist
und Maßnahmen, geht                                         die kulturelle Vielfalt unterschiedlicher Akteure moder-
aber häufig zulasten                                        ner Gesellschaften einzubeziehen: Wissen, Werte und
der Ganzheitlichkeit.“                                      Praktiken von Akteuren aus Zivilgesellschaft, Politik,

                                                                   51—52
Verwaltung und Wirtschaft müssen neu zusammenge-             Wirtschafts-, Kultur- und Lebensbegriff zu formen. Da-
dacht und regelmäßig ausgehandelt werden, um jeweils         mit einhergehen sollte eine Transformation in der Aus-
passfähige Lösungen für spezifische Orte zu finden. Eine     und Weiterbildung – hin zu einem interdisziplinären
Partnerschaft mit Kunst- und Kultureinrichtungen             und lebenslangen Lernen.
sowie mit der Kreativ- und Bauwirtschaft, Architektur,
Design, Kunst, Denkmalschutz und -pflege, Bauunter-          Die immensen Herausforderungen und gleichzeitig die
nehmen, Handwerk, Wohnungswirtschaft, Entsorgungs-           Bedeutung des Bauwesens erfordern von Regierungen
und die Rückbaubranche sowie öffentliche Kultur- und         und Verwaltungen eine Stärkung ihrer Kompetenzen.
Bildungs­einrichtungen, (etwa Museen, Bibliotheken,          Zudem kann Interdisziplinarität und Ko-Kreation nur
Archive, Volkshochschulen) spielt hier neben der Wis-        gelingen, wenn auch Verwaltungen sich neu orientieren –
senschaft eine bedeutende Rolle. Für die Vermittlung         und weniger als ein staatliches Gegenüber, sondern mehr
von neuartigen Ansätzen in die Breite wird die kulturelle    im Sinne eines kreativen Akteurs agieren. Dazu bedarf es
Dimension als entscheidend angesehen. Dies beinhaltet                                      einer Kompetenzerweite-
die ästhetische Komponente – die Formensprache, das                                        rung, damit Verwaltungen
Design bzw. den Gestaltungswillen sowie bauhistorische                                     über die rein rechtliche Be-
und baukulturelle Vermittlung. Darüber hinaus müssen                                       urteilung hinaus ihre ab-
Ideen und Formate entwickelt werden, die die Gesell-                                       wägende Gestaltungs- und
schaft unmittelbar erreichen und motivieren, einen Kul-      „Durch einen                  Gemeinwohlkompetenz
turwandel anzustoßen. Dieser Diskurs sollte auch durch       trans­disziplinären,          einbringen können. Der
die Transformationsforschung wissenschaftlich begleitet      ebenen-, ressort-             ganzheitliche Blick sollte
und vorangebracht werden.                                    und generationen-             zudem durch zentrale An-
                                                             übergreifenden                laufstellen gestärkt werden.
                      Eine besondere Rolle spielen auch      Arbeitsprozess kann
                      die Einbindung junger Menschen         ein ö­ kologischer
                      und das Aufgreifen vorhandener         G
                                                             ­ esellschafts-,
                      Bewegungen, um transdisziplinär         Wirtschafts-,
                      sowie generationsübergreifend           ­Kultur- und Lebens-
                      einen ganzheitlichen Gesellschafts-,   begriff entstehen.“

                                                                    53—54
8             Der Weg der Veränderung ist ein gesellschaftlicher und
              kultureller Prozess, der einer proaktiven Vermittlungs-
              arbeit bedarf: Eine kulturelle Transformation für eine

Diskurs,      qualitätsvoll gestaltete Umwelt muss angestoßen und
              konsequent wissenschaftlich begleitet und unterstützt
              werden („Kulturwandel“). Dies ist kein linearer Prozess,

Experiment    sondern eine gemeinsame, interdisziplinäre und visio-
              näre Reise in eine bessere Lebenswelt, die für alle wün-
              schenswert ist.

und           Neben dem Erfordernis, die Weichen im Sinne des Green
              Deals zu stellen, wird eine Kultur des Experimentierens

Vermittlung   befördert, um das Denken zu befreien (thinking outside
              the box) und den Ideenreichtum schlüssig zusammen-
              zuführen. „Die Kultur des Experimentierens, angelehnt
              auch an die historische Bauhausbewegung, ist ein span-
              nender Ansatz für die lebenswerte Gestaltung der Städte.“
                                      Im 21. Jahrhundert gilt es, die gan-
                                      ze Bandbreite (klima-) kultureller
                                      Vielfalt zu berücksichtigen. Nicht
                                      jede Lösung wird überall funktio-
                                      nieren. Versuch und Irrtum müs-
                                      sen möglich sein. Je nach kulturel-
                                      lem Kontext gilt es, Suffizienz-,
                                      Effizienz- und/oder Konsistenz-
                                      strategien anzuwenden oder in
                                      neuen Kombinationen miteinan-
                                      der zu implementieren.

                     55—56
Kommunikation, Information und Wissensvermittlung                                  Verwaltung auszuschöpfen. Ein
müssen wesentliche Bestandteile des weiteren Prozesses                             Jeder ist angesprochen sich zu
sein. Der stetige Diskurs mit Bevölkerung, Bauherren,                              beteiligen, Wertschätzung schafft
Planern und Baudurchführenden gehört dazu. In Netz-                                Akzeptanz.
werken – etwa zwischen Kommunen – steckt großes
                               Potenzial. Damit können                              Bei der Generierung und Transfor-
                               Vorurteile, z.B. gegenüber                           mation von Wissen und Praktiken
                               Kosten des nachhaltigen                              zur Lösung der Herausforderun-
                               Bauens, ausgeräumt und                               gen der Gegenwart ist es wichtig,
                               die notwendigen Verände-                             die Bedeutung der Kultur und der
                               rungsprozesse erleichtert                            Kreativwirtschaft sowie die der
                               werden.                       Medien für den Diskurs und den gesellschaftlichen Zu-
                                                             sammenhalt zu erkennen. So setzen sich Künstler und
„Wie verhalten               Ausprobieren und Experi-        Künstlerinnen seit jeher auch mit dem Spannungsver-
sich Ziele der Res-          mentieren, das Zusam-           hältnis zwischen Kultur und Natur auseinander. Die
sourcenschonung              menbringen von Wissen           Natur dient dabei als Motiv und Inspirationsquelle zu-
und Reduktion des            und Praktiken aus der ge-       gleich. Aus Sicht der Kunst werden die Verletzlichkeit und
CO2-Ausstoßes zum            samten Breite der Gesell-       Schutzwürdigkeit der Natur thematisiert, provoziert,
Aspekt Gemein-               schaft muss gefördert           emotionalisiert, Missstände angeprangert und damit
wohl? Wie geht man           werden, um klimagerechte        Entwicklungen spielerisch-kritisch beleuchtet und Kor-
mit den konfligieren-        Lösungen durch soziale          rekturen ermöglicht. Auf diese Weise werden Wissen und
den Interessen um            und technische Innovatio-       Praktiken transformiert und andere inspiriert. Es gilt da-
(Wohnflächenbedarf           nen ermöglichen zu kön-         her, Kultur- und Bildungseinrichtungen als Plattformen
versus Flächeneffi-          nen. Dabei gilt es, das volle   für Experimente, für die Wissensbildung und den Wis-
zienz; Grün versus           innovative Potenzial un-        senstransfer aktiver einzubinden und wertzuschätzen.
Verdichtung; Sanie-          terschiedlicher Akteure
rung versus Bezahl-          aus Zivilgesellschaft, Wirt-    Damit ist verbunden, spezialisiertes Wissen und meist
barkeit etc.)?“              schaft, Kultur, Politik und     ingenieurtechnische und technologische Innovationen

                                                                    57—58
in eine interdisziplinäre Kultur des Experimentierens zu    „Paradigmenwechsel            neugierig auf nachhaltige
überführen. Die Vielzahl der bestehenden städtebauli-       kann man nicht                Renovierungen zu machen
chen und baulichen Förderprogramme und Initiativen          verordnen, man                und sie regen dazu an, her-
sollten konzertiert ausgerichtet und gefasst sowie mit      muss verführen.“              ausragende Projekte euro-
neuen transdisziplinären Kreativräumen und Quartie-                                       paweit umzusetzen. Das
ren ergänzt werden. Für das in Deutschland hervorge-                                      Wettbewerbsformat
brachte Format der „Internationalen Bauausstellungen“                                     schafft Aufmerksamkeit
als Inkubatoren architektonischer, städtebaulicher und                                    und steigert durch die
regionalplanerischer Innovationen lässt sich in den letz-                                 Spannung des Spiels die
ten Jahren eine verstärkte Nachfrage beobachten, die                                      Motivation der Teilneh-
auch in die europäischen Nachbarländer ausstrahlt.          menden. Die entwickelten Ideen für die Transformation
Innovationsfördernde und qualitätsorientierte Formate       ihres Quartiers übernehmen eine Vorreiterrolle im Sinne
wie dieses, die sich nicht nur auf das Planen und Bauen,    des Neuen Europäischen Bauhauses und setzen neue
sondern auch auf den gesellschaftlichen und kulturellen     Maßstäbe: So entstehen attraktive Quartiere, nachhaltig
Wandel beziehen, müssen in den Diskurs zum Neuen            saniert, in einem gemeinsamen, interdisziplinären Pro-
Europäischen Bauhauses einbezogen und als wichtige          jekt von Wissenschaft und Technologie mit Kunst und
Impulse verstärkt werden.                                   Kultur. Die weite Strahlkraft der teilnehmenden Projekte
                                                            stimuliert andere, die eigenen Gewohnheiten zu über-
                      Auch können neuartige, sich im        denken und verfügbare Potenziale zu nutzen.
                      Aufbau befindende Initiativen die
                      Transformation im Gebäudebe-          Innovationen und Denken in neuen Ansätzen brauchen
                      reich begleiten und befördern, in     aufgrund der steigenden komplexen Zusammenhänge
                      dem sie Technologie, Wirtschaft       eine gestalterische und räumliche Freiheit, daher sind
                      und Gesellschaft zusammenbrin-        Experimentierräume unabdingbar. In Analogie zum
                      gen. Neue Wettbewerbsformate          Instrument der Sonderwirtschaftszonen sollte geprüft
                      wie Living Labs Europe Competition    werden, inwieweit „Sonderbau- oder Sonderplanungs­
                      LLEC haben zum Ziel, ausgezeich-      zonen“ ausgewiesen werden können.
                      nete Ideen zu generieren, und

                                                                   59—60
Integrierte, anwendungsorientierte Forschung ist           „Klimaschutz                 schichtlicher Expertise
ebenso ein wichtiger Motor für die Gestaltung der          erlebbarer machen.“          für die Erarbeitung neuer
Bauwende. „Finanzmittel sollen nicht nur in das Bauen                                   Lösungsansätze und zur
selbst fließen, sondern insbesondere auch in Forschung                                  Wissensvermittlung in
und Entwicklung und in Innovationen. Diese stellen ein                                  unterschiedliche Bevölke-
Potenzial für zukünftigen Wissensexport aus der Bun-                                    rungsgruppen ist angemes-
desrepublik bzw. EU dar.“ Doch nach wie vor gerät der                                   sen zu berücksichtigen.
Transfer von Erkenntnissen aus der Forschung in die
Praxis aufgrund einiger Herausforderungen ins Stocken.                                   Als Ort für einen solchen
Oft fließen erhebliche Forschungsgelder namentlich                                       offenen, trans- und inter-
in die Technologieforschung, jedoch lassen sich kaum       disziplinären Austausch bietet sich die Einrichtung eines
Patenschaften für den Transfer in die Praxis gewinnen.     nationalen, vom Bund organisierten Experimentier-
Es ist notwendig, den Sprung von wissenschaftlich er-      und Zukunftscampus an. Im Hinblick auf die anstehende
folgreichen Ansätzen in die Praxis schneller zu vollzie-   Transformation des Gebäudebestands im Sinne der
hen und zugleich in der Breite zu platzieren. Hier muss    Nachhaltigkeit wird eine flexible bzw. erweiterbare
die Transformationsforschung deutlich ausgebaut und        Forschungsplattform im Rahmen eines Ensembles aus
weiterentwickelt werden.                                   Bestandsgebäuden entwickelt und realisiert, um neue
                                                           Wege beim Erhalten, Sanieren sowie An-, Aus-, Um-
                     Grundvoraussetzung für die Erfor-     und Weiterbauen zu testen. Diese Forschungsplattform
                     schung und wissenschaftlich be-       könnte als Reallabor mit entsprechender Infrastruktur
                     gleitete Etablierung neuer Ansätze    fungieren, in dem transdisziplinär und offen zugänglich
                     ist ein niederschwelliger und ziel-   für alle geforscht und experimentell unter vereinfachten
                     gruppengerechter Zugang zu Wis-       Haftungsklauseln – gebaut wird. Hier könnten sowohl
                     sen sowie der Austausch von Daten     Forschung, Planung, Kultur und Medien, Handwerk,
                     zwischen Wissenschaft, Praxis und     Industrie, Verwaltung sowie Zivilgesellschaft zusam-
                     Gesellschaft (Wissens- und Tech-      mengeführt als auch Forschungs- und Kooperations-
                     nologietransfer). Auch die Rolle      netzwerke auf nationaler und europäischer Ebene
                     von Kunst, Kultur und bauge-          verortet werden.

                                                                  61—62
9                                           Globaler Wandel und da-
                                            mit verbundene Erschei-
                                            nungen wie Klimawandel,

Kulturelles                                 die Intensivierung globaler
                                            Kommunikation durch
                                            Medien und Migrations-

Wissen aus                                  prozesse haben die natürli-
                                            che, gebaute und soziale
                                            Umwelt europäischer Städ-

Gegenwart                                   te und Gemeinden in den
                                            vergangenen Jahrzehnten
                                            bereits umfassend verän-

und
                                            dert. Vielfach eingespielte
                                            Praktiken bei der Gestal-
                tung von Städten und Quartieren verlieren dadurch zu-

Vergangenheit
                nehmend an Nutzen oder werden obsolet. Im Hinblick
                auf den Klimawandel müssen innovative Lösungen für
                Klimaschutz und -anpassung gefunden werden. Nicht

nutzen
                immer muss dabei „das Rad neu erfunden werden“.
                Historisches Wissen oder das kulturelle Wissen
                von anderen Orten kann hierfür (wieder-) entdeckt
                und genutzt werden.

                Konzepte des Bauens vor dem 20. Jahrhundert bzw. vor
                dem fossilen Zeitalter waren bereits vielfach auf Bestän-
                digkeit und damit Nachhaltigkeit ausgerichtet. Doch zahl-
                reiche dieser Praktiken gerieten im Laufe des 20. Jahrhun-
                derts zunehmend in Vergessenheit. Das Wissen lagert

                       63—64
jedoch in Archiven und Bibliothe-
                      ken weltweit. Für die postfossile
                      Gestaltung unserer Städte und
                      Gemeinden kann dieses Wissen in
                      interdisziplinären Projekten (u.a.
                      unter Einbezug von Bauhistorie,
                      Bauforschung, Architektur, Design
                      und Bauindustrie) erneut gefun-
                      den, an die Bedürfnisse und Rah-
                      menbedingungen der Gegenwart
                      angepasst und genutzt werden.

                      Nicht nur der Blick in die Vergan-
                      genheit, auch der Blick auf die
                      unterschiedlichen klimatischen
                      Zonen in Europa ist lohnenswert.
Hitzeangepasstes Bauen, Arbeiten und soziales Leben
gehört an vielen Orten der Welt seit Jahrhunderten zur
selbstverständlichen Praxis. Diesbezügliche Wissensbe-
stände und Praktiken sind heute vielerorts verfügbar.
Die Erreichung der Klimaziele im Gebäudebereich ist
eine Gemeinschaftsaufgabe, bei der der länderübergrei-
fende Austausch und der gemeinsame Lernprozess über
Landesgrenzen hinweg, innerhalb und auch außerhalb
von Europa, von zentraler Bedeutung ist.

                                                           65—66
Ausblick   Die ersten Diskussionen haben gezeigt, dass das NEB
           eine große Chance bietet, uns in einen gemeinsamen
           europäischen Dialog zu begeben, in dem wir die Verhält-
           nisse zwischen Stadt, ländlichen Räumen und Bauen neu
           denken.

                                Es geht um den Gesamtprozess –
                                Planen, Bauen, Bewahren, Nutzen,
                                Rückbauen und Verwerten – und
                                um Gebäude, die nicht mehr mit
                                der Schlüsselübergabe abgeschlos-
                                sen sind, sondern darüber hinaus
                                in Zyklen die verschiedenen „Le-
                                ben“ danach und die Auswirkun-
                                gen auf diese Leben mitdenken.
                                Womöglich muss man von einem
                                binären und reflexiven System zu
                                einem rekursiven System kommen,
                                das einen Kreislauf bildet. Wie bei
                                einem Ökosystem, in dem alles Teil
                                dieses Systems ist und kein Einzel-
                                ner bestimmen kann, was passiert.

           Letztlich geht es um den Schutz und die Bewahrung
           unserer Möglichkeiten für ein gutes, sicheres und gesun-
           des Leben auch für kommende Generationen auf der
           Basis einer nachhaltigen Entwicklung, aber auch basie-
           rend auf der klugen Nutzung unserer vorhandenen und

                  67—68
heimischen nachwachsenden Ressourcen in Europa.
Diesen Auftrag hat im Mai 2021 nachdrücklich das Bun-
desverfassungsgericht in Deutschland in Bezug auf das
Klimaschutzgesetz bekräftigt. Der Auftrag ist klar.
Wir müssen einen Gesellschaftsvertrag für eine genera-
tionengerechte Klima- und Baupolitik verhandeln. Mit
diesem Auftakt zur Bündelung der Positionen, Initiativen
und Beteiligten soll der Dialog zum NEB weiter vorange-
                       trieben werden. Als Initiatoren un-
                       terstützen das Bundesministerium
                       des Innern, für Bau und Heimat
                       (BMI) und das Bundesinstitut für
                       Bau-, Stadt- und Raumforschung
                       (BBSR) den Diskussionsprozess
                       auch in Zukunft und laden alle ein,
                       sich weiterhin aktiv zu beteiligen.

                                                             69—70
Programm       Grußwort und Einführung

                      Anne Katrin Bohle
                      Staatssekretärin im Bundesministerium des
                     ­Innern, für Bau und Heimat (BMI) zuständig für
                      Stadtentwicklung, Wohnen sowie Bauwesen,
                      Bauwirtschaft und Bundesbauten

Neues
               Impulsvorträge

                     Prof. Hans Joachim Schellnhuber

Europäisches
                     Direktor Emeritus des Potsdam-Instituts
                     für Klimafolgenforschung (PIK)
                     Gründer Bauhaus der Erde

Bauhaus              Ruth Reichstein
                     EU-Kommission

im Dialog
                     Neues Europäisches Bauhaus (NEB) –
                     Leitungsstab Kommissionspräsidentin
                     Ursula von der Leyen

                     Prof. Werner Sobek
                     Universität Stuttgart, Institut für Leichtbau
                     Entwerfen und Konstruieren (ILEK)

6.5.2021             71—72
Podiumsdiskussion mit                                     Arbeitsgruppen zusammen mit Referierenden
                                                          und Podiumsteilnehmenden
      Lothar Fehn Krestas,
      Unterabteilungsleiter Bauwesen                            AG 1
      und Bauwirtschaft im BMI                                  Nachhaltig Bauen

      Barbara Ettinger-Brinckmann,                              AG 2
      Präsidentin Bundesarchitektenkammer (BAK)                 Baukultur und Design

      Dr. Christian Lieberknecht,                               AG 3
      Geschäftsführer Bundesverband deutscher                   Bezahlbarkeit von Bauen und Wohnen
      Wohnungs- und Immobilienunternehmen (GdW)
                                                                AG 4
      René Hagemann-Miksits,                                    Öffentlichkeitsarbeit, Partizipation, Vermittlung,
      stellv. Hauptgeschäftsführer Hauptverband                 Neue Allianzen
      der Deutschen Bauindustrie (HDB)

      Claudia Warnecke,
      Städte- u. Gemeindebund (DStGB) /
      Stadt Paderborn

      Prof. Christa Reicher,
      Internationale Bauausstellung (IBA) Expertenrat /
      RWTH Aachen, Institut für Städtebau und
      Entwerfen

      Prof. Dirk Hebel,
      Karlsruher Institut für Technologie (KIT)
      Institut Entwerfen und Bautechnik /
      Nachhaltiges Bauen
                                                                73—74
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