Rückenschmerzen und Psychologie - Pfingsten M www.kup.at/ - Krause und Pachernegg

 
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Journal für

 Neurologie, Neurochirurgie
 und Psychiatrie
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 JNeurolNeurochirPsychiatr   Zeitschrift für Erkrankungen des Nervensystems

Rückenschmerzen und Psychologie
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Journal für Neurologie                                           JNeurolNeurochirPsychiatr

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2011; 12 (1), 44-49
                                                                      und Stichwortsuche

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Rückenschmerzen und Psychologie

                           Rückenschmerzen und Psychologie
                                                                            M. Pfingsten

 Kurzfassung: Rückenschmerzen sind einerseits            dern. Bei chronischen Schmerzen nehmen psy-      For chronic back pain, the concept of fear avoid-
 banal und selbstlimitierend, andererseits ein           chologische Faktoren eine besondere Bedeutung    ance may serve as a good model to understand
 komplexes Phänomen, in das auch psychologi-             ein; die monomodale Behandlung ohne Berück-      the psychological aspects of the chronification
 sche Faktoren eingebettet sind. Insbesondere            sichtigung des psychosozialen Umfelds kann bei   process. Several consequences derived from
 chronische Schmerzen sind durch kognitive Ein-          diesen Patienten nicht erfolgreich sein.         this model may be used to improve therapeutic
 flüsse, die emotionale Situation, das Verhalten                                                          strategies. To prevent back pain from becoming
 der Betroffenen wie auch durch psychischen              Schlüsselwörter: Rückenschmerz, Chronifizie-     chronic it is useful to identify psychological risk
 Distress im weitesten Sinn unter Umständen              rung, psychologische Faktoren, multimodale Be-   factors as soon as possible and to offer psycho-
 stark beeinflusst. Beim (chronischen) Rücken-           handlung                                         logical counseling as an additive part of usual
 schmerz bietet das Angst-/Vermeidungskonzept                                                             treatment. In chronic pain, psychological factors
 gute Ansätze, die sowohl zum Verständnis der            Abstract: What is the Psychological Con-         and the whole psychosocial circumstances have
 Chronifizierung als auch für therapeutische Prin-       text in Low Back Pain? Back pain is a com-       particular prominence. In such patients, a thera-
 zipien genutzt werden können. Um chronische             mon and self-limiting phenomenon. On the other   peutic regimen without recognition of these fac-
 Verläufe zu vermeiden, ist es sinnvoll, potenziel-      side, back pain may become a complicated and     tors cannot be effective. J Neurol Neurochir
 le Risikofaktoren aus dem psychosozialen Be-            complex disease with significant psychological   Psychiatr 2011; 12 (1): 44–9.
 reich möglichst frühzeitig zu identifizieren. Eine      problems. It has been proven that especially
 darauf abgestimmte Behandlung, die zusätzlich           chronic pain can be influenced by cognitive proc- Key words: back pain, process of chronifica-
 zur normalen Versorgung angeboten wird, kann            esses, emotional disturbance, the patient’s own tion, psychological aspects, multimodal treat-
 chronische Verläufe vermutlich deutlich vermin-         behavior, and psychological distress in general. ment

„ Epidemiologie von Rückenschmerzen                                                gelangen, dass Rückenschmerzen immer häufiger auftreten
                                                                                   und dadurch immer höhere Kosten entstehen. Im Gegensatz
Rückenschmerzen weisen in Bezug auf Prävalenz- und Inzi-                           zu diesem offensichtlichen Trend wird vom schottischen Or-
denzraten sowie in Bezug auf die entstehenden Kosten eine seit                     thopäden und international renommierten Rückenschmerz-
Jahren steigende Tendenz auf [1]. In einer 2007 publizierten                       experten Gordon Waddell aber bezweifelt, dass es in den
Studie konnte eine Arbeitsgruppe aus Greifswald in einer gro-                      vergangenen Jahrzehnten eine Veränderung im Vorkommen
ßen bevölkerungsbezogenen Studie mit Befragung von                                 von Rückenschmerzen gegeben hat [3]. Waddell stellt die
ca. 10.000 zufällig ausgewählten Bürgern zeigen, dass die                          Hypothese auf, dass man trennen muss zwischen einer (nicht
Punktprävalenz von Rückenschmerzen in Deutschland ca.                              vorhandenen) „Epidemie von Rückenschmerzen“ und einer
35 % beträgt [2]. 84 % der Betroffenen hatten eher leichte bis                     (zunehmenden) „Epidemie von subjektivem Beeinträchti-
mittlere Schmerzen, während 16 % unter stark beeinträchtigen-                      gungserleben durch Rückenschmerzen“; letztere manifestiert
den Beschwerden litten. Es wurde des Weiteren festgestellt,                        sich insbesondere in einer Zunahme rückenschmerzbedingter
dass die extrapolierten Gesamtkosten für Rückenschmerzen in                        Krankheitstage. Das Erleben von Beeinträchtigung wird stark
Deutschland fast 50 Mrd. Euro pro Jahr betragen, was 2,2 %                         durch psychologische Faktoren beeinflusst (s. u.).
des Bruttoinlandprodukts ausmacht. Durch die chronischen Pa-
tienten mit langer Krankheitsdauer, die in der Regel neben star-                   „ Pathomechanismen
ken körperlichen auch erhebliche psychosoziale Beeinträchti-
gungen aufweisen, entstehen die höchsten Kosten: Die                               Das Problem wird dadurch erheblich erschwert, dass es sich
Patientengruppe mit leichten und mittelstarken Schmerzen                           bei Rückenschmerzen nicht um eine abgrenzbare Krankheits-
(84 % aller Betroffenen) verursacht 35 % der Gesamtkosten,                         entität handelt, sondern um eine Ansammlung von Sympto-
während die kleine Gruppe mit starken Schmerzen bzw. hoher                         men, die durch unterschiedliche Mechanismen hervorgerufen
Beeinträchtigung (16 % der Betroffenen) für 62 % der Gesamt-                       werden können. Der zugrundeliegende Pathomechanismus
kosten verantwortlich ist. Interessant war das zusätzliche Er-                     reicht von (seltenen) spezifischen Ursachen mit erheblichen
gebnis, dass insbesondere Männer mit einem geringen Aus-                           Beschwerden bis zu (unbedenklichen) Belastungsschmerzen
bildungslevel die höchsten Kosten ausmachen, sodass eine kla-                      als Zeichen körperlicher Beanspruchung, z. B. bei mangeln-
re Abhängigkeit vom Bildungsniveau nachzuweisen war [2].                           der Fitness. In den meisten Fällen (> 80 %) handelt es sich um
                                                                                   rezidivierende Schmerzzustände, die sich nicht auf einen spe-
Wenn man die epidemiologischen Ergebnisse über die Jahre                           zifischen Krankheitsprozess zurückführen lassen (so genann-
miteinander vergleicht, könnte man zu der Schlussfolgerung                         te nicht-spezifische Rückenschmerzen). Um diesen Begriff
                                                                                   hat es in den vergangenen Jahren in Deutschland eine inten-
Eingelangt am 16. August 2010; angenommen am 30. August 2010; Pre-Publishing       sive fachliche Auseinandersetzung gegeben. Nicht-spezifi-
Online am 2. November 2010                                                         sche Rückenschmerzen bedeuten nicht, dass es sich – mangels
Aus dem Zentrum Anaesthesiologie, Rettungs- und Intensivmedizin, Universitäts-     ausreichendem Nachweis einer körperlichen Pathologie – um
medizin Göttingen, Deutschland                                                     Schmerzen psychosomatischen Ursprungs handelt. Der Be-
Korrespondenzadresse: Prof. Dr. rer. biol. hum. Dipl.-Psych. Michael Pfingsten,
Schmerztagesklinik und -ambulanz, Zentrum Anaesthesiologie, Rettungs- und Inten-
                                                                                   griff bedeutet lediglich, dass ernsthafte körperliche Erkran-
sivmedizin, Universitätsmedizin Göttingen, D-37075 Göttingen, Robert-Koch-Straße   kungen als Ursache ausgeschlossen sind. Dennoch gibt es so-
40; E-Mail: michael.pfingsten@med.uni-goettingen.de                                matische Zusammenhänge: Diese betreffen in der Regel gut-

44     J NEUROL NEUROCHIR PSYCHIATR 2011; 12 (1)

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Rückenschmerzen und Psychologie

artige, aber mitunter sehr schmerzhafte und bewegungsein-         tion einerseits und somatischer Anlass andererseits sind nicht
schränkende Funktionsstörungen, die nachhaltig unter den          identisch und können auch zeitlich auseinander liegen. Der
Einfluss psychosozialer Faktoren gelangen können. Die Be-         betroffene Patient selbst sieht meist nur den Zusammenhang
zeichnung „nicht-spezifischer Schmerz“ hat den entscheiden-       zum somatischen Anlass („Seit der Operation gehen die
den Vorteil, dass sie die Aufmerksamkeit von der ausschließ-      Schmerzen nicht mehr weg“), was das Identifizieren der psy-
lichen Betrachtung struktureller bzw. funktioneller Verände-      chologisch bedingten Auslösesituation erschwert.
rungen zu einem Verständnis einer multifaktoriellen Genese
von Rückenschmerzen lenkt [4].                                    Obwohl in epidemiologischen Studien für Merkmale kör-
                                                                  perlichen und/oder sexuellen Missbrauchs wie auch für Per-
„ Schmerz und Psychologie                                         sönlichkeitsmerkmale meist keine ausreichende Evidenz für
                                                                  einen Zusammenhang mit dem Auftreten von Rückenschmer-
Da Schmerz eine subjektive Erfahrung und ein Erlebens-            zen gefunden wurde, ist deren Bedeutung, die sie z. B. als
phänomen ist, wird er durch psychologische Faktoren beein-        übermäßige Stresserfahrung auf die Schmerzverarbeitung ha-
flusst. Diese sind an der Auslösung beteiligt, bestimmen den      ben, auf keinen Fall zu vernachlässigen.
Krankheitsverlauf und beeinflussen die Art und Weise, wie
Patienten auf jede Form operativer, konservativer, psycho-        Verhaltenstherapeutischer Ansatz
somatischer und multimodaler Behandlung reagieren. Dies ist       Bei den Erklärungen zum Zusammenhang zwischen psycho-
bereits bei akuten Schmerzen der Fall, wobei die Rahmen-          logischen Faktoren und Schmerzerkrankungen dominieren
bedingungen, in denen Schmerz erlebt wird, entscheidend auf       verhaltenstherapeutische Ansätze [8]. Der Begriff der Verhal-
die Stärke und Dauer der Schmerzen Einfluss nehmen kön-           tenstherapie ist eng gebunden an die Verhaltenstheorie als
nen. Konsequenzen ergeben sich hieraus z. B. auch für die         psychologische Wissenschaft, die historisch mit den experi-
postoperative Schmerztherapie und die Versorgung schwerer         mentellen Arbeiten zur klassischen Konditionierung, dem
akuter Schmerzen, in die Maßnahmen aus dem psychologi-            Behaviorismus und dem operanten Lernen verbunden ist.
schen Spektrum – wie z. B. eine am emotionalen Zustand des        Später standen vor allem Kognitionen (Gedanken, Selbst-
Patienten orientierte Wissensvermittlung oder die Vermitt-        verbalisationen, Einstellungen etc.) als verhaltens- und er-
lung von Entspannungs- und Schmerzbewältigungstechniken           lebensbestimmende Faktoren im Mittelpunkt des Forschungs-
– eingebettet sein sollten [5].                                   interesses. Ausgehend von den Arbeiten der Gruppe um
                                                                  Dennis Turk in Philadelphia wurden die Erkenntnisse zur
Im psychologischen/psychosomatischen Bereich lassen sich          Wirksamkeit kognitiver Strategien bei Laborschmerz auf die
verschiedene Therapierichtungen unterscheiden, denen je-          Situation des chronischen Schmerzpatienten übertragen [9].
weils unterschiedliche Störungsmodelle von (psychischen           Obwohl sich die meisten Ergebnisse auf experimentell indu-
und psychosomatischen) Erkrankungen zugrunde liegen. Die-         zierte Schmerzen bezogen, wurde daraus eine Vielzahl von
se Ansätze schließen einander nicht aus, in vielen (schmerz-)     Techniken abgeleitet, welche die kognitive Kontrolle über
therapeutischen Einrichtungen ist die Vorgehensweise viel-        Schmerzreize beinhalten und die sich als therapeutisch sehr
mehr durch eine praktikable Mischung der Ansätze gekenn-          wirksam erwiesen haben.
zeichnet.
                                                                  Verhaltenstherapeutische Modelle eignen sich gut für eine
Psychoanalytischer Ansatz                                         strukturelle Einteilung der Einflussfaktoren: Sie betonen die
Nach psychoanalytischem Ansatz können Schmerzen Aus-              Beeinflussung von Emotionen, Kognitionen und Verhalten
druck einer inneren unbewussten Konfliktsituation sein, wo-       auf die physiologische Ebene (Körperreaktionen). Struktu-
bei das Körpersymptom (hier: Schmerz) einen (suboptimalen)        relle Klarheit und Einfachheit des Modells erleichtern die
Lösungsversuch darstellt, durch den die intrapsychische Span-     Darstellung, bilden die komplexen Zusammenhänge dann
nung reduziert und der Konflikt „gelöst“ wird (Zusammenfas-       aber gelegentlich nur unzureichend ab. Eine adäquate Inter-
sung in [6]). Nach psychoanalytischem Verständnis können          pretation ist nur im Zusammenhang mit dem individuellen
unerträgliche Affekte wie Aggression, Ärger, Hass usw. auch       lebensgeschichtlichen Hintergrund möglich.
in den eigenen Körper projiziert werden und machen sich dort
als Körpersymptom bemerkbar. Dazu passt die Beobachtung,          Kognitionen
dass insbesondere Schmerzpatienten oftmals wenig Gefühl           Im engeren Sinne sind Kognitionen gedankliche Prozesse als
für ihren eigenen Körper haben und ihn oftmals als nicht zu       Kondensat früherer Lernerfahrungen. Ihnen wird steuernde
sich gehörig erleben. Der Körper wird gleichsam abgespalten       Funktion bei der Wahrnehmung, der Erinnerung, den Emotio-
und in ihn werden negative Selbstanteile projiziert, sodass das   nen und der Handlungsregulation zugesprochen; ihre Bedeu-
wahrgenommene Selbst weiterhin als „makellos“ erscheinen          tung gewinnen sie insbesondere dadurch, dass sie verhaltens-
kann. Schmerzen können somit als vegetatives Korrelat bzw.        wirksam werden. Insofern lassen sich kognitive Elemente
Äquivalente von Affekten angesehen werden, für die dem Pa-        theoretisch und praktisch kaum von den Handlungsstrategien
tienten keine andere Ausdrucksmöglichkeit zur Verfügung           trennen.
steht. Das Symptom Schmerz hat in diesem Zusammenhang
Ausdruckscharakter und eine kommunikative Funktion.               Kognitionen im Einfluss auf das Schmerzerleben sind vorran-
                                                                  gig im Zusammenhang mit der Bewältigung von Schmerzen
Egle nennt den Schmerz auch eine „Prothese des Selbst“, um        untersucht worden (Zusammenfassung in [10]). Diese Kogni-
die herum eine Neuorganisation stattfindet und so ein Zusam-      tionen können ein Muster aus Wahrnehmungen, Hinwendun-
menbruch des Selbst vermieden wird [7]. Auslösende Situa-         gen und Erwartungen produzieren, das die interne Realität

                                                                                      J NEUROL NEUROCHIR PSYCHIATR 2011; 12 (1)   45
Rückenschmerzen und Psychologie

und die Verhaltensweisen in Bezug auf Schmerz in bestimm-       schleichend, sodass der Betroffene (oder das direkte soziale
ter Weise konfigurieren. Wenn z. B. der Schmerz nicht nur als   Umfeld) die (mittlerweile) drastische Veränderung der
eine schicksalhafte Lebenserscheinung angesehen wird und        Lebensgewohnheiten nicht einmal bemerkt. Dieser Prozess
insbesondere dann, wenn jemand anderes für diesen Zustand       kann schließlich in einen vollständigen Verlust angenehmer
verantwortlich gemacht werden kann, dann ist das Leiden der     Gefühlslagen und in einen andauernden Zustand von
Betroffenen offensichtlich erhöht. Die damit verbundenen        Schmerz, Angst und Depression münden. Eintretende Arbeits-
Gefühle von Ärger reduzieren die Motivation für eigene An-      unfähigkeit beschleunigt den Effekt, indem sie den Bruch in
strengungen und schwächen das therapeutische Bündnis (Bei-      den Lebensgewohnheiten verstärkt und den Zugang zu wich-
spiel für die negative Wirksamkeit einer externalen Kausal-     tigen alternativen Verstärkerquellen verhindert. Die verrin-
attribution).                                                   gerte körperliche und soziale Aktivität führt wiederum zu
                                                                Konsequenzen im emotionalen und kognitiven Bereich, in-
Die Überzeugung, Schmerzen selbst beeinflussen zu können,       dem sie quasi zwangsläufig zu depressiver Verstimmung und
und die Entwicklung der Bereitschaft, zumindest partiell Ver-   katastrophisierenden Gedanken führt.
antwortung für die eigene Gesundheit zu übernehmen, wird
allgemein als eine Grundlage für verhaltensmedizinische In-     „ Psychologische Faktoren beim chronischen
terventionen angesehen. Das Erleben von Kompetenz und
Kontrolle wirkt positiv auf das Schmerzerleben zurück.
                                                                  Schmerz
                                                                Besonders bedeutsam werden psychologische Phänomene
Große Bedeutung hat auch die Antizipation. Antizipatorische     beim chronischen Schmerz. Chronischer Schmerz ist nicht
Kognitionen beschreiben die Erwartung eines Individuums in      nur in deutlicher Weise durch psychologische Faktoren beein-
Bezug auf das erwartete Eintreten bestimmter Ereignisse. In     flusst, sondern psychologische Prozesse sind auch entschei-
funktionellen bildgebenden Verfahren konnte z. B. gezeigt       dend am Übergang vom akuten zum chronischen Schmerz
werden, dass allein die Ankündigung eines schmerzhaften         beteiligt. Mit fortschreitender Chronifizierung nimmt die Be-
Reizes (ohne dass er dann tatsachlich stattfand) zu nahezu      deutung psychologischer Mechanismen für die Aufrechter-
vollkommen gleichen hirnelektrischen Aktivierungsmustern        haltung der Schmerzen zu. Somatische Faktoren stehen in den
führte wie bei der tatsächlichen Applikation des Schmerz-       meisten Fällen nur am Anfang der Kausalkette und verlieren
reizes.                                                         aufgrund multipler Beeinflussung durch psychosoziale Fakto-
                                                                ren zunehmend an Bedeutung. Beim ersten Auftreten wirken
Der negative Einfluss katastrophisierender Gedanken auf den     in den meisten Fällen eher exogene Faktoren auslösend (z. B.
Verlauf von Schmerzerkrankungen wurde vielfach nachge-          die körperliche Belastung am Arbeitsplatz), während psycho-
wiesen: „Katastrophisierer“ sind aufmerksamer gegenüber         soziale Variablen (im engeren Sinne die Krankheitsverarbei-
somatisch bedrohlicher Information und neigen zur Über-         tung) bei Rezidiven und der Chronifizierung in den Vorder-
bzw. Missinterpretation normaler körperlicher Empfindun-        grund treten. Insbesondere der individuelle Umgang mit den
gen. Diese Patienten neigen dazu, ihre Aufmerksamkeit mehr      Schmerzen (so genannte „Krankheitsbewältigung“) bestimmt
auf die negativen Aspekte der Situation zu lenken und nehmen    dann den weiteren Verlauf. Die aus dem Symptom „Schmerz“
allgemeines physiologisches „arousal“ (Grad der Aktivierung     resultierenden Konsequenzen sind für die Aufrechterhaltung
des zentralen Nervensystems) eher als Schmerz wahr. Durch       der chronischen Symptomatik – im Sinne eines Circulus
diese Aufmerksamkeitslenkung werden interozeptive Infor-        vitiosus – schließlich mehr verantwortlich als die ursprüng-
mationen eher bemerkt, leichter als bedrohlich interpretiert    lich auslösende Situation. Letztendlich entsteht ein eigenstän-
oder als Signal für eine erneute Verletzung bewertet.           diges Krankheitsbild, das geprägt ist durch Auswirkungen auf
                                                                der körperlichen Ebene (z. B. körperliche Dekonditionie-
Schmerzverhalten                                                rung), psychische Beeinträchtigungen (Angst, Depressivität),
Schmerzverhalten ist ein sehr umfassender Begriff, der ver-     Veränderungen im Verhalten (Schon- und Vermeidungs-
schiedene Reaktionen auf das Ereignis Schmerz beinhaltet:       verhalten, „Schmerzmanagement“-Aktivitäten), inadäquate
die verbale und non-verbale Mitteilung der Schmerzen, die       Krankheitsbewältigung sowie soziale Auswirkungen (Arbeits-
Reduzierung körperlicher Aktivität, die Verringerung der Be-    platzverlust, soziale Isolation) [11].
reitschaft, in Haushalt und Beruf Verantwortung zu überneh-
men, sowie das Medikamentenverhalten und andere Formen          Ein wichtiger Begriff ist in diesem Zusammenhang jener der
der Inanspruchnahme des medizinischen Systems. Wie jede         subjektiv erlebten Beeinträchtigung. Es ist eine allgemeine
Form des Verhaltens ist auch Schmerzverhalten durch Lern-       klinische Erfahrung, dass Patienten mit offensichtlich glei-
prozesse beeinflussbar. Ein Patient kann z. B. die Erfahrung    chem oder ähnlichem körperlichen Befund (z. B. nach ver-
machen, dass Schmerzäußerungen mit positiven Folgen ver-        gleichbaren Operationen) in unterschiedlicher Weise über
bunden sind, wie erhöhter Aufmerksamkeit durch einen be-        postoperative Schmerzen berichten und sich im Analgetika-
sorgten Partner, verbesserter Stimmung durch Medikamente        verbrauch (als einem möglichen Indikator der Schmerzinten-
oder Vermeidung unangenehmer familiärer oder beruflicher        sität) und im Schmerzverhalten drastisch unterscheiden kön-
Aufgaben. Diese positiven Konsequenzen führen zu einer          nen. Es geht um die Diskrepanz zwischen Befund einerseits
höheren Wahrscheinlichkeit des weiteren Auftretens des          und Befinden andererseits. Das Ausmaß der erlebten Beein-
Krankheitsverhaltens (so genanntes operantes Lernen). Auf       trächtigung (als Befinden) ist dabei offensichtlich mehr von
diese Weise nimmt das Krankheitsverhalten immer größeren        psychischen als von körperlichen Faktoren beeinflusst. Wie
Raum ein und unterdrückt schließlich alle positiven aktiven     sehr sich jemand beeinträchtigt fühlt – und sich entsprechend
Bewältigungsanstrengungen. Dieser Prozess verläuft meist        verhält –, hängt nicht allein von der objektiven Schwere der

46   J NEUROL NEUROCHIR PSYCHIATR 2011; 12 (1)
Rückenschmerzen und Psychologie

Erkrankung ab, sondern zusätzlich vom Grad der erlebten          Daraus entwickelt sich eine kognitiv vermittelte (gelernte)
Kompensationsmöglichkeiten, von der subjektiven Verfüg-          Assoziation zwischen Schmerz einerseits und körperlicher
barkeit von Hilfsmitteln und dem Umfang, in dem ein Patient      Aktivität andererseits (ein so genannter „respondenter“ Lern-
gelernt hat, Einschränkungen der Beweglichkeit durch verän-      vorgang im Sinne des klassischen Konditionierens). Als Kon-
derte Bewegungsabläufe auszugleichen. Der weitere Krank-         sequenz auf diese Schmerzüberzeugung reagieren die Patien-
heitsverlauf scheint in entscheidender Weise davon abhängig      ten typischerweise mit einer (angstmotivierten) Vermeidung
zu sein, was ein Betroffener über z. B. die Ursache seiner Be-   von Bewegung und Belastung (im lernpsychologischen Sinn
schwerden denkt, wie sie beeinflusst werden können oder          eine „operante“ Verstärkung). Angst vor Schmerz lässt eine
welches Verhalten ihn/sie vor weiterer Schädigung bewahrt        hohe Motivation zur generellen Vermeidung potenziell
[10].                                                            schmerzhafter Aktivitäten entstehen und führt schließlich zu
                                                                 einer ausgeprägten Immobilisierung. Die Befürchtung/Vor-
Beim Prozess der Schmerz-Chronifizierung sind vielfältige        stellung eines sich (möglicherweise) verstärkenden Schmer-
Verursachungs- und Aufrechterhaltungsbedingungen (indivi-        zes behindert die Ausübung von körperlicher Aktivität
duell komplex) miteinander konfundiert. Neben vorrangig          schließlich mehr als die körperlichen Beeinträchtigungen
somatischen Mechanismen (z. B. „neurogene Plastizität“)          selbst. Dieses (Vermeidungs-) Verhalten ist ausgesprochen
wirken in diesen Vorgang auch Prozesse der Wahrnehmung           löschungsresistent, da die betreffende Person aufgrund der
und Aufmerksamkeit, der kognitiven Bewertung und der             Vermeidung nicht mehr die Erfahrung machen kann, dass
emotionalen Befindlichkeit verhaltenssteuernd ein. Persön-       zwischen Reiz (Bewegung) und Schmerz keine notwendige
lichkeitsdispositionen und Lernerfahrungen können dabei so-      Verbindung besteht. Vermeidung von Bewegung (das
wohl Wahrnehmungsorientierungen und Bewertungen beein-           „Nichts-mehr-tun-Können“) führt langfristig zu einer fort-
flussen als auch bestimmte Verhaltenspräferenzen nach sich       schreitenden Deaktivierung mit körperlicher Dekonditionie-
ziehen [12]. Die meisten Ergebnisse zum Verständnis der          rung, Fehlhaltung, Koordinationsstörungen sowie erhebli-
Schmerz-Chronifizierung liegen für den muskuloskelettalen        chen Schwächen wichtiger Muskelgruppen im Bereich des
Schmerz vor. In prospektiven Studien zeigt sich nahezu kon-      Rumpfes. Abgesehen von den Auswirkungen auf der körper-
sistent, dass                                                    lichen Ebene kommt es auch zu psychosozialen Konsequen-
1. psychische Belastung im weitesten Sinne; auch Depressi-       zen (sozialer Rückzug, zunehmende Angst, depressive Symp-
    vität,                                                       tome), und damit im Sinne eines Circulus vitiosus zu einer
2. schmerzbezogene Angst, und                                    Verfestigung der Krankenrolle und des Beeinträchtigungser-
3. die Vermeidung normaler (körperlicher) Aktivitäten            lebens.
wesentliche Voraussetzungen für die Chronifizierung darstel-
len [13]. Während Punkt 1 („psychischer Distress“) eine sehr     In mehreren empirischen Studien wurde inzwischen nachge-
große Bandbreite individueller Konstellationen abdeckt (psy-     wiesen, dass sich das Vermeidungsverhalten besonders bei
chosomatische Kausalität im engeren Sinn, auch Traumatisie-      den Patienten ausbildet, bei denen kognitive Überzeugungen
rungen, psychische Komorbidität oder anhaltende Stress-          zum Zusammenhang zwischen Rückenschmerzen einerseits
erfahrungen), lassen sich die Punkte 2 und 3 weitgehend          und Bewegung/Belastung andererseits stark ausgeprägt sind.
einem übergeordneten Mechanismus zuordnen, der in dem            Derartige Überzeugungen werden als „Angst-/Vermeidungs-
zurzeit elaboriertesten Modell der Entwicklung chronischer       Überzeugungen“ bezeichnet [15]. Diese sind offensichtlich
muskuloskelettaler Schmerzen zusammengefasst ist: dem            nicht allein ein Merkmal des fortgeschrittenen Chronifizie-
Angst-Vermeidungs-Modell [4, 14].                                rungsprozesses, sondern werden bereits bei akutem Rücken-
                                                                 schmerz verhaltensrelevant und bestimmen in der Folge den
„ Angst-Vermeidungs-Modell                                       weiteren Krankheitsverlauf [16].

Besonderen Einfluss auf das Verständnis der Chronifizierung      „ Iatrogene Faktoren
des bewegungsbezogenen Schmerzes hat das so genannte
Angst-Vermeidungs-Modell. Darin werden Kognitionen und           Die Gründe für einen chronischen Verlauf liegen jedoch nicht
das daraus resultierende Verhalten als entscheidend dafür an-    nur auf Seiten des Patienten. Auch das medizinische System
gesehen, ob sich aus einem einfachen Schmerzgeschehen ein        selbst nimmt im Sinne eines iatrogenen Faktors Einfluss, in-
komplizierter chronischer Verlauf entwickeln kann.               dem betroffene Patienten z. B. durch unnötige diagnostische
                                                                 und therapeutische Maßnahmen (Bildgebung, Blockade-
Kognitive Überzeugungen (s. o.) sind für die Prognose der        serien) in ihrer somatischen Fixierung bestärkt werden und
Krankheitsentwicklung bei bewegungsbezogenen Schmerzen           damit ein adäquater interdisziplinärer Ansatz verhindert wird
von großer Bedeutung. Diese Einschätzungen sind im We-           [17]. Das medizinische Versorgungssystem unterstützt oft-
sentlichen nicht von der körperlichen Pathologie abhängig,       mals die Laientheorie der Patienten, dass Heilung nahezu aus-
sondern eher durch Vorstellungen und Glauben der Patienten       schließlich durch passive Maßnahmen, „Spritzen“ und Krank-
über die Art der Erkrankung, ihre potenziellen Auswirkungen      schreibung erreichbar sei. Oftmals wird in der Diagnostik
und ihre Behandelbarkeit sowie die psychische Beeinträchti-      nicht-spezifischen strukturellen Veränderungen in bildgeben-
gung und das Krankheitsverhalten beeinflusst.                    den Verfahren zu große Bedeutung zugemessen und dies den
                                                                 Patienten vermittelt (die das üblicherweise als Bedrohung
Viele Patienten mit Rückenschmerzen sind davon überzeugt,        auffassen). Frühes und wiederholtes Röntgen, häufige Injek-
dass Aktivität, Belastung und Bewegung dem Rücken scha-          tionen und wiederholte Chirotherapie, Verordnung passiver
den und dadurch Schmerz verursacht oder verstärkt wird.          physikalischer Maßnahmen, Anweisungen zur Schonung und

                                                                                     J NEUROL NEUROCHIR PSYCHIATR 2011; 12 (1)   47
Rückenschmerzen und Psychologie

Belastungsvermeidung sowie lang anhaltende medikamentö-         wird mit Stand September 2010 überarbeitet, die Vorversion
se Behandlung verstärken das Krankheitsgefühl und fördern       ist im Internet einsehbar):
die Aktivitätsintoleranz. Gleiches gilt für eine Krank-
                                                                       http://www.versorgungsleitlinien.de/methodik/
schreibung über einen längeren Zeitraum.
                                                                           nvl-archiv/vorversionen-kreuzschmerz/
Weitere Hindernisse auf dem Weg zur Gesundung sind durch                    nvl-kreuzschmerz-konsultation1.0.pdf
Mängel in der Versorgung bedingt: Neben der zu späten Über-
weisungspraxis niedergelassener Ärzte ist hier insbesondere     Akute Rückenschmerzen
die Abgrenzung und Verantwortlichkeitsdiffusion der ver-        Bei akuten Rückenschmerzen sind folgende Ziele zu nennen:
schiedenen Leistungsträger (Krankenkassen, Rentenversiche-      – Obwohl es sich in den meisten Fällen um nicht-spezifische
rungsträger, Berufsgenossenschaften) zu bemängeln, die dazu        Erkrankungen handelt (s. o.), muss in jedem Fall eine
führt, dass wertvolle (Behandlungs-) Zeit durch die Klärung        frühe Diagnostik für abwendbar gefährliche Verläufe
der Zuständigkeit (z. B. Kostenübernahme der Behandlung)           (Identifikation so genannter „red flags“) durchgeführt
verloren geht.                                                     werden. Rückenschmerzen aufgrund spezifischer Ursa-
                                                                   chen (z. B. Infektion, Tumor, Osteoporose, Fraktur, Band-
„ Therapeutische Implikationen                                     scheibenvorfall) lassen sich (meist allein aufgrund einer
                                                                   ausführlichen körperlichen Untersuchung) in der Regel
Unter Berücksichtigung des Angst-Vermeidungs-Modells               leicht identifizieren und einer entsprechenden Behandlung
sollten therapeutische Maßnahmen daraufhin geprüft werden,         zuführen. Finden sich durch Anamnese und klinische Un-
ob sie möglicherweise problematische Angst-Vermeidungs-            tersuchung keine Hinweise für gefährliche Verläufe und
Einstellungen sogar hervorrufen oder festigen. Diesbezüglich       andere ernstzunehmende Pathologien (wie es in der gro-
ist insbesondere die undifferenzierte Anwendung von                ßen Mehrzahl der Betroffenen der Fall sein dürfte), sollen
Rückenschulen problematisch anzusehen – insbesondere               zunächst keine weiteren diagnostischen Maßnahmen
dann, wenn sie nach einem pauschalisierten Vermeidungs-            durchgeführt werden.
dogma angewendet werden [18].                                   – Durch Medikamente eine adäquate Kontrolle der Sympto-
                                                                   me erreichen, d. h. Linderung der Schmerzen, sodass die
Bei starken Angst-/Vermeidungskognitionen und einem aus-           Betroffenen ihren täglichen Aktivitäten schnellstmöglich
geprägten Schon- und Vermeidungsverhalten ist es sinnvoll,         nachgehen können.
Elemente der Angstbehandlung in die Behandlung von Pati-        – Vermeidung von unnötigen diagnostischen Maßnahmen
enten mit chronischen Rückenschmerzen einzuschließen.              ohne Konsequenzen, die letztlich die Gefahr einer somati-
Wiederholte Exposition, d. h. Konfrontation mit dem angst-         schen Fixierung beinhalten.
auslösenden Stimulus (spezifische Bewegungen und Belas-         – Prävention einer Chronifizierung, indem auf Risikohin-
tungen) sowie die Verhinderung des Vermeidungsverhaltens           weise für chronische Verläufe (so genannte „yellow
sind dabei die effektivsten Therapiemethoden. In einem inten-      flags“) geprüft wird. Sollten derartige Faktoren identifi-
siven körperlichen Training muss eine Löschung des kondi-          zierbar sein (z. B. depressive Symptome, Probleme am
tionierten Zusammenhangs zwischen Angst und Bewegung               Arbeitsplatz, psychovegetative Reaktionen, ausgeprägte
und dem resultierenden Vermeidungsverhalten erreicht wer-          Angst-/Vermeidungseinstellungen), sollte frühzeitig eine
den. Dabei steht die Löschung der phobischen Reiz-Reak-            risikobasierte Intervention unter Hinzuziehung einer
tions-Verbindung sowie aufrechterhaltender Kognitionen im          schmerzpsychologischen Expertise erfolgen [21].
Mittelpunkt, während Kraft-, Beweglichkeits- und Ausdauer-
steigerungen in den Hintergrund treten. Die Patienten sollen    Eine ausführliche Beratung (über den normalerweise benig-
unter kontrollierten Bedingungen am eigenen Verhalten erle-     nen Charakter von Rückenschmerzen, die Motivierung zur
ben, dass sie sich ohne Schmerzverstärkung bewegen können.      Beibehaltung bzw. Intensivierung der körperlichen Aktivität
Grundlage einer derartigen Vorgehensweise sind u. a. die        und die möglichst schnelle Rückkehr in die Normalität) ist das
Durchführung von Bewegungsübungen nach Quotenplänen             wichtigste Behandlungsprinzip beim akuten nicht-spezifi-
sowie weitere verhaltenstherapeutische Prinzipien, wie sie      schen Rückenschmerz. Eine anschauliche Aufklärung über
ausführlich bei Hildebrandt et al. beschrieben sind [19].       die Erkrankung, die gute Prognose und die Behandlungs-
                                                                möglichkeiten soll dazu führen, dass die Betroffenen mög-
„ Management des Rückenschmerzes                                lichst aktiv bleiben. Schwerpunkt der ärztlichen Aufklärung
                                                                sollte sein, dass körperliche Bewegung keine Schäden verur-
In der täglichen Praxis hat sich im Umgang mit Rücken-          sacht, sondern eine Linderung der Beschwerden fördert.
schmerzen in den vergangenen Jahren nur sehr wenig geän-
dert, obwohl in den Medien umfangreich über ein aktiveres       Chronische Rückenschmerzen
Umgehen mit den Beschwerden berichtet wurde. Bei den ver-       Bei chronischen Rückenschmerzen reichen die oben beschrie-
schriebenen und angewandten Maßnahmen dominieren                benen Strategien nicht mehr aus, in der Regel haben sich er-
immer noch passive Therapien, obwohl diese Therapieformen       hebliche Veränderungen auch im psychosozialen Bereich er-
nachgewiesenermaßen wenig effektiv sind [20].                   geben, die eine Gesundung nachhaltig verhindern. Folgende
                                                                Strategien sollten eingesetzt werden:
In der nationalen Versorgungs-Leitlinie Kreuzschmerz            – Förderung eines adäquaten (bio-psycho-sozialen) Krank-
(Initiative der Bundesärztekammer) sind die evidenzbasierten        heitsverständnisses
Empfehlungen für die Behandlung von Patienten mit Rücken-       – Verständigung auf ein gemeinsames Krankheitsmodell
schmerzen jüngst zusammengefasst worden (die Leitlinie              und Förderung der aktiven Mitarbeit der Patienten

48   J NEUROL NEUROCHIR PSYCHIATR 2011; 12 (1)
Rückenschmerzen und Psychologie

– Verhinderung von schädigendem Krankheitsverhalten            „ Interessenkonflikt
– Einleitung einer zeitnahen effizienten Therapiestrategie
  und umfassende Aufklärung durch die behandelnden Ärz-        Der Autor verneint einen Interessenkonflikt.
  te, sofern notwendig auch Einsatz psychotherapeutischer
  Intervention
– Ziel ist möglichst eine Durchbrechung des Chronifizie-       Literatur:                                          (Hrsg). Psychologische Schmerztherapie. 6.
                                                                                                                   Aufl. Springer, Heidelberg, 2007; 103–22.
  rungskreislaufs, der Erhalt bzw. die Wiederherstellung der   1. Kohlmann T, Schmidt CO. Epidemiologie des
                                                               Rückenschmerzes. In: Hildebrandt J, Müller          13. Boersma K, Linton S. Psychological pro-
  Arbeits- und Erwerbsfähigkeit sowie die Vermeidung           G, Pfingsten M (Hrsg). Die Lendenwirbelsäu-         cesses underlying the development of a
  bzw. Verminderung von Behinderung oder Pflegebedürf-         le. Urban & Fischer, München, 2004; 3–13.           chronic pain problem. Clin J Pain 2006; 22:
                                                                                                                   160–6.
  tigkeit                                                      2. Schmidt CO, Raspe H, Pfingsten M, et al.
                                                               Back pain in the German adult population.           14. Vlaeyen JW, Kole-Snijders AM, Boeren
                                                               Spine 2007; 32: 2005–11.                            RG, et al. Fear of movement/(re)injury in
                                                                                                                   chronic low back pain. Pain 1995; 62: 363–
Am ehesten sind die o. g. Ziele erreichbar in so genannten     3. Waddell G. The back pain revolution.             72.
                                                               Churchill Livingstone, Edinburgh, 1998.
multimodalen Behandlungsprogrammen.                                                                                15. Waddell G, Newton M, Henderson I, et
                                                               4. Pfingsten M, Hildebrandt J. Rückenschmer-        al. A fear-avoidance beliefs questionnaire
                                                               zen. In: Kröner-Herwig B, Frettlöh J, Klinger       (FABQ) in chronic low-back pain and disabil-
Multimodale Therapie chronifizierter Rückenschmerzen           R, et al. (Hrsg). Psychologische Schmerz-           ity. Pain 1993; 52: 157–68.
                                                               therapie. 6. Aufl. Springer, Heidelberg, 2007;
Die multimodale Behandlung hat das Vorgehen bei der Ver-       405–25.                                             16. Leeuw M, Goossens M, Linton S, et al.
                                                                                                                   The Fear-Avoidance-Model of musculoskel-
sorgung von Rückenschmerzen in den vergangenen Jahren          5. Schön J, Gerlach K, Hüppe M. Influence of        etal pain: Current state of evidence. J Behav
auf internationaler Ebene dominiert. Eine der wesentlichen     negative coping style on post-operative pain        Med 2007; 30: 77–94.
                                                               reporting and pain-related behaviour. Schmerz
Prämissen des dabei zugrunde liegenden Konzepts ist die Ver-                                                       17. Pfingsten M, Schöps P. Vom Symptom zur
                                                               2007; 21: 146–53.
                                                                                                                   Krankheit. Z Orthop 2004; 142: 146–52.
lagerung des Behandlungsschwerpunkts von der symptomati-       6. Blumenstiel K, Ofer J, Eich W. Psychoso-
                                                                                                                   18. Lühmann D, Kohlmann T, Raspe H. Die
schen Schmerzbehandlung hin zur Behandlung gestörter kör-      matik. In: Hildebrandt J, Müller G, Pfingsten
                                                                                                                   Wirksamkeit von Rückenschulprogrammen in
                                                               M (Hrsg). Die Lendenwirbelsäule. Urban & Fi-        kontrollierten Studien. Zeitschrift Ärztliche
perlicher, psychischer und sozialer Funktion (daher die Be-    scher (Elsevier), München, 2004; 318–27.
                                                                                                                   Fortbildung Qualitätssicherung 1999; 93:
zeichnung „functional restoration“). Der „Functional-resto-    7. Egle UT. Diagnose, Differentialdiagnose und      341–8.
                                                               Psychodynamik der somatoformen Schmerz-
ration“-Ansatz zeichnet sich durch eine klare aktivitäts-      störung. In: Rudolf G, Henningsen P (Hrsg).
                                                                                                                   19. Hildebrandt J, Pfingsten M. Vom GRIP zur
                                                                                                                   multimodalen Schmerztherapie. Orthopäde
fördernde Orientierung unter kognitiv-verhaltensthera-         Somatoforme Störungen. Schattauer,                  2009; 38: 885–95.
                                                               Stuttgart, 1998; 89–102.
peutischen Prinzipien aus. Das Vorgehen ist konzentriert auf                                                       20. Chenot JF, Kochen MM, Schmidt CO. Das
                                                               8. Kröner-Herwig B. Schmerz – Eine Gegen-           Einhalten von Leitlinien und die Qualität der
die Verringerung der (subjektiv erlebten) Behinderung mit-     standsbestimmung. In: Kröner-Herwig B,              ambulanten Versorgung von Rückenschmer-
tels einer Veränderung situativer Rahmenbedingungen und        Frettlöh J, Klinger R, et al. (Hrsg). Psychologi-   zen. In: Böcken J, Braun B, Landmann J (Hrsg).
                                                               sche Schmerztherapie. 6. Aufl. Springer,            Gesundheitsmonitor 2009; 135–5.
kognitiver Prozesse. In die Behandlung sind sport-, ergo-,     Heidelberg, 2007; 7–20.
                                                                                                                   21. Schmidt CO, Chenot JF, Pfingsten M, et
physio- und psychotherapeutische Interventionen in einem       9. Turk DC, Rudy TE. Assessment of cognitive        al. Assessing a risk tailored intervention to
standardisierten Gesamtkonzept integriert [22].                factors in chronic pain. J Consult Clin Psychol     prevent disabling low back pain – protocol of
                                                               1986; 54: 760–8.                                    a cluster randomized controlled trial. BMC
                                                               10. Pfingsten M, Nilges P. Psychologische           Musculoskeletal Disorders 2010; 11: 1–7.
Diese Programme erwiesen sich im nationalen wie im interna-    Evaluation. In: Hildebrandt J, Müller G,            22. Hildebrandt J, Pfingsten M, Lüder S, et al.
                                                               Pfingsten M (Hrsg). Die Lendenwirbelsäule.          GRIP – Das Manual. Congress-Compact-
tionalen Schrifttum hinsichtlich Schmerzintensität, Behinde-   Urban & Fischer (Elsevier), München, 2004;          Verlag, Berlin, 2003.
rung, Depressivität, Lebensqualität und auch hinsichtlich      299–317.                                            23. Chou R, Huffman LH. Nonpharmacologic
sozialökonomischer Faktoren (z. B. Rückkehrrate in den Er-     11. Pfingsten M. Chronischer Rückenschmerz          therapies for acute and chronic low back pain:
                                                               – Interdisziplinäre Diagnostik und Therapie.        a review of the evidence. Ann Intern Med
werbsprozess) gegenüber herkömmlichen Therapien, Warte-        AINS 2009; 1: 40–5.                                 2007; 147: 492–504.
gruppen oder weniger intensiven Behandlungsformen als          12. Hasenbring M, Pfingsten M. Psychologi-          24. Arnold B, Brinkschmidt T, Casser H, et al.
überlegen [23].                                                sche Mechanismen der Chronifizierung. In:           Multimodale Schmerztherapie – Konzepte
                                                               Kröner-Herwig B, Frettlöh J, Klinger R, et al.      und Indikation. Schmerz 2009; 23: 112–20.

Leider fehlen für diese modernen Behandlungskonzepte in
Deutschland derzeit immer noch die entsprechenden beruf-
politischen und gesetzgeberischen Voraussetzungen. Die
Durchführung dieser Programme ist an hohe Anforderungen
                                                                 Prof. Dr. rer. biol. hum. Dipl.-Psych.
bzw. struktur- und prozessqualitative Voraussetzungen ge-        Michael Pfingsten
bunden [24].
                                                                 Seit 2003 leitender Psychologe, seit 2009
                                                                 kommissarischer Leiter der Schmerztages-
 „ Relevanz für die Praxis                                       klinik und -ambulanz, Universitätsmedizin
                                                                 Göttingen. 2005 Habilitation im Fach Medi-
 Bei Rückenschmerzen sind somatische wie psychologi-             zinische Psychologie, außerplanmäßige
 sche Faktoren gleichermaßen zu berücksichtigen, beide           Professur an der Georg-August-Universität
                                                                 Göttingen. Seit 2007 Mitglied der Exper-
 Aspekte können gleichermaßen im Vordergrund stehen,             tengruppe „Nationale Versorgungsleitlinie
 sodass sie möglichst frühzeitig in der Diagnostik zu be-        Kreuzschmerz“ (Ärztliche Zentralstelle für
 rücksichtigen sind. Bei erkennbaren Hinweisen auf die po-       Qualitätssicherung und Bundesärztekam-
 tenzielle Wirksamkeit psychologischer Faktoren sollten          mer, Berlin). Seit 2009 Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psycho-
 invasive somatische Verfahren nur mit großer Zurückhal-         logische Schmerztherapie und -forschung (DGPSF), ab 2011 Vize-Präsi-
                                                                 dent der Dt. Gesellschaft zum Studium des Schmerzes (DGSS).
 tung in Erwägung gezogen werden. Leider fehlen immer
                                                                 Wissenschaftlicher Schwerpunkt: Konzeption und Überprüfung multi-
 noch ausreichend ausgebildete psychologische Schmerz-           modaler Behandlungsprogramme für Patienten mit chronischen
 therapeuten, um eine suffiziente frühzeitige Diagnostik         Rückenschmerzen, Identifikation von Chronifizierungsfaktoren bei
 sicherstellen zu können.                                        Schmerzerkrankungen.

                                                                                                 J NEUROL NEUROCHIR PSYCHIATR 2011; 12 (1)                    49
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