Sofía Sofía Segovia Familienroman Simonopio - ULLSTEIN Buchverlage

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Sofía Sofía Segovia Familienroman Simonopio - ULLSTEIN Buchverlage
sofía                 Das
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                                  Leseprobe

Sofía
 Sofía Segovia
 Was mich zum Schreiben
 bewegt hat

 Familienroman
 – unterhaltsam, tiefsinnig
 und so kostbar

 Simonopio
 – diesen wilden stummen Jungen
 muss man ins Herz schließen
Sofía Sofía Segovia Familienroman Simonopio - ULLSTEIN Buchverlage
6                                                                                              3

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                                                                                       t i g m a c h t
                                                                           so einzigar
    Wie alles                                                                  Liebe BUCHHÄNDLERIN,
                                                                                      lieber BUCHHÄNDLER,
    begann

                            8   Das Dorf am                                Das Flüstern der Bienen lässt uns eintau-        Voller Wärme wird von den kleineren und
                                Fuße der Berge                             chen in eine Welt fern unseres Alltags, in       größeren Erfolgen der Figuren erzählt:

    10                                                                     der der Honig fließt, die Luft vom Summen
                                                                           schwirrt, und eine sanfte Brise vom Fuße
                                                                           des Gebirges den Duft saftiger Orangen
                                                                                                                            Vom auferstandenen Lázaro, der sich
                                                                                                                            beim Sterben langweilte und vom Fried-
                                                                                                                            hof ins Leben zurückkehrt, von Beatriz,
          Eine ungewöhnliche
                                                                           über das Land weht. Mitten in diese Idyl-        die ohne das Rattern ihrer Nähmaschine26.714
          Familie                                                                                                                                        Leserstimmen
                                                                           le auf der Hacienda der Familie Morales          keine Quarantäne überleben      würde, von
                                                                                                                            Francisco senior, der gutherzig für seinauf
                                                                                                                                                                     Pa-

                                INHALT
                                                                           platzt zunächst der mexikanische Bürger-
                                                                           krieg und 1918 dann die große Epidemie.          tenkind eintritt und ihm mit Senfwickeln
                                                                           So gutherzig und fleißig die Familie auch        das Leben zu retten glaubt, vongoodreads
                                                                                                                                                               Francisco

    12   Der historische
                                                                           ist, der Krankheit, der Zerstörung und den
                                                                           Kugeln sind sie ausgeliefert. Doch dann ist
                                                                           da dieser kleine Junge, stumm, entstellt
                                                                                                                            junior, der sich voller Liebe an seinen gro-
                                                                                                                            ßen Bruder und noch größeren Helden
                                                                                                                            Simonopio erinnert und als alter Mann mit
         Hintergrund                                                       und immer umgeben von seinen Bienen.             kindlicher Vorfreude zurück in seine Ver-

                               14   Die Spanische
                                                                           Simonopio ist der Einzige, der sich in dem
                                                                           Trubel Zeit nimmt, der dem Flüstern der
                                                                           Bienen lauscht, der wirklich sieht, der die
                                                                                                                            gangenheit reist.
                                                                                                                            Es sind dunkle Zeiten, in denen diese Ge-
                                                                                                                            schichte spielt, aber auch in denen gibt
                                                                           Natur versteht und so seine Familie vor          es einen Lichtblick, ein Kind, das uns den
                                    Grippe
                                                                           dem größten Unglück bewahren kann.               Zauber der Natur vor Augen führt. Das

         16     Exklusive
                                                                           Das stumme Kind ist der laute Held der
                                                                           Geschichte, aber nicht der Einzige, der das
                                                                           Herz berührt.
                                                                                                                            ist es, was mich an dieser Geschichte am
                                                                                                                            meisten beeindruckt und nachhaltig be-
                                                                                                                            wegt hat.
                Leseprobe
                                                                                                       Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit
                                                                                                        mit Dem Flüstern der Bienen!

                                    98   Was diesen
                                                                                                          Mit herzlichen Grüßen

                                         Roman so
                                         einzigartig
                                         macht                                                                    Tabea Horst, Lektorin Belletristik
                                                       © vectorstate
Sofía Sofía Segovia Familienroman Simonopio - ULLSTEIN Buchverlage
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                                                                                   A
                                                                                                      ls ich 2010 anfing zu schrei-   Mann erhebt sich von seinem Sessel im heu-
                                                                                                      ben, war meine für ge-          tigen Monterrey und macht sich auf den Weg
                                                                                                      wöhnlich    friedliche   Hei-   nach Linares, ohne dabei zu bemerken, dass
                                                                                                      mat Linares gerade zum          sein eigentliches Ziel seine verlorenen Erinne-
                                                                                                      Schlachtfeld    eines    Dro-   rungen sind.
                                                                                                      genkrieges geworden. Vie-       Umgeben von dem Flüstern der Bienen und
                                                                                   le sagten, dass wir zuvor noch nie attackiert      dem Duft der Orangenblüten, lernen wir dann
                                                                                   worden seien oder gar um unser Leben hätten        Francisco und Beatriz Morales kennen, wie sie
                                                                                   fürchten müssen. Doch das ist falsch: Nur zwei     um ihr Erbe und das Erbe ihrer Kinder ringen.
                                                                                   Generationen zuvor, 1910, steckten wir mitten      An ihrer Seite durchleben wir die Ereignisse
                                                                                   in den Auswüchsen eines Bürgerkrieges. Ich         des Krieges und der Spanischen Grippe, und
                                                                                   habe mich mit dieser kollektiven Angst be-         wie sie die Tür für die alte Nana Reja und den

                                      s
                                                                                   schäftigt und sie in                                                   verräterischen Espiricue-

                                    e
                                                                                   mein Schreiben und                                                     ta, den Kojoten, öffnen. In

                               a ll
                                                                                   in meine Figuren ein-                                                  dieser Fiktion wird Lazarus
                                                                                   fließen lassen. Doch                                                   lebendig und – wie durch
                                                                                   auch wenn Das Flüs-                                                    Magie – wird ein ausge-

                            ie
                                                                                   tern der Bienen auf                                                    setztes Baby umgeben
                                                                                   eine Weise ein verlo-                                                  von einem schützenden

                       W nn
                                                                                   renes Puzzlestück der                                                  Teppich aus Bienen real.
                                                                                   Geschichte      aufzeigt,                                               Das   Gesicht    entstellt,
                                                                                   ist es kein historisches                                                ein Kind ‚vom Teufel ge-

                              a
                                                                                   Dokument. Es ist eine                                                   küsst‘, ist Simonopio aus

                          e g
                                                                                   fiktive Geschichte über                                                 meinem Wunsch heraus

                        b
                                                                                   die menschliche Erfah-                                                  geboren, jemand Be-

                                               »
                                                                                   rung angesichts eines                                                   sonderen zu haben, der
                                                                                   schrecklichen    Krieges;                                               Francisco    junior,   uns,

                                                                     von Sofía     es erzählt von der Lie-
                                                                                   be für das Land, das
                                                                                                                                                            mich, die anderen Fi-
                                                                                                                                                            guren begleitet. Simo-

                                                                     Segovia       Leben, die Familie und von einem Verrat, der
                                                                                   alles enden lassen kann. Es ist eine Einladung
                                                                                                                                      nopio ist stumm, aber er spricht lauter als die
                                                                                                                                      anderen. Er hört seinen summenden Lehre-
                                                                                   sich zu erinnern, gut zuzuhören, einzutauchen      rinnen zu – und er versteht. Gemeinsam mit
                                                                                   und der Fantasie freien Lauf zu lassen.            Nana Reja und den Bienen bildet er den Kern
                                                                                   Als ich Das Flüstern der Bienen schrieb, wuss-     der Geschichte. Sie sind der Ursprung alles
                        Das Flüstern der Bienen speist sich aus vielen Anekdoten   te ich, dass ich die Vergangenheit ein wenig       Magischen in dem Roman. Es ist die Magie
                          meines Großvaters über sein frühes Leben in Linares      durcheinanderwirbelte, aber ich wollte zei-        der Natur, des Lebens. Es war nicht geplant,

                                                                                                                                                                                         © unsplash/anj belcina
                                                                                   gen, dass es mehr als nur eine Wahrheit gibt,      sondern ist einfach so passiert. Und ich habe
                              und hat daher schon lange nach mir gerufen.
    © Juan R Llaguno

                                                                                   mehr als nur die eine Geschichte. Am Anfang        es geschehen lassen, in dem Wunsch zu se-
                                                                                   der Geschichte steht eine Reise: Ein alter         hen, wo es uns hinführt.
Sofía Sofía Segovia Familienroman Simonopio - ULLSTEIN Buchverlage
6                                                                                                                                                                                                     7

                                                                                                                                                                   Wie gut kennen Sie Simonopios summenden
                                                                                                                                                                Begleiterinnen? Hören Sie manchmal ihr Flüstern?
                                                                                                                                                               Bevor ich das Buch geschrieben habe, habe ich Bienen eher aus
                                                                                                                                                               der Ferne bewundert (als Kind bin ich einmal gestochen worden).
                                                                                                                                                               Aber ich habe schnell begriffen, dass Simonopio sie braucht, um
                                                                                                                                                               zu überleben. Und dann sind sie einfach geblieben und haben
                                                                                                                                                               Simonopio in ihren Schwarm aufgenommen. Die Bienen haben
© unsplash: Filip Gielda, Greta Scholderle, Pablo Rebolledo

                                                                                                                                                               ihn unterrichtet und ihre Fähigkeiten an ihn weitergegeben, das
                                                                                                                                                               machte sie für mich so magisch. Ich bin nicht Simonopio, aber
                                                                                                                                                               auch wenn ich ihre Sprache nicht spreche, profitiere ich doch
                                                                                                                                                               von Simonopio als Übersetzer, und so versuche ich dem Flüstern
                                                                                                                                                               der Bienen, der Natur zu lauschen und darauf zu hören, was das
                                                                                                                                                                                      Leben mir erzählt.
                                                                                                                                                                Wie haben Sie den Erfolg von Das Flüstern der Bienen
                                                                                                                                                                erlebt? Hätten Sie damit gerechnet, dass Hundert-

                                                                          e w
                                                                                                                                                                 tausende von Menschen auf der ganzen Welt die

                                                                        i
                                                                                                                                                                      Geschichte dieses kleinen besonderen

                                                                    r v
                                                                                                                                                                                  Jungen lesen?

                                                                t e
                                                                                                                                                               Es ist nicht allein die Zahl der Leser*innen, die mich erstaunt, son-

                                                              InInterview
                                                                                                                                                               dern wie weit das Flüstern des kleinen stummen Jungen reicht,
                                                                                                                                                               wie gut es sich übersetzen lässt. Als ich 2014 den Vertrag unter-
                                                                                                                                                               zeichnet habe, hat meine Lektorin mir wenig Hoffnung gemacht:
                                                                                                                                                               Sie meinte, die Geschichte sei doch sehr ungewöhnlich für mexi-
                                                                                                                                                               kanische Leser*innen und fürs Ausland zu regional. Ich wusste,
                                                                                                                                                               dass ich einige Normen brach, doch trotzdem war ich überrascht:
                                                                                                                                                               Wenn ich als Leserin durch die Zeit und bis in die letzte Ecke der
                                                                                                                                                               Welt gereist bin, warum sollten andere Leser*innen ausgerechnet
                                                                                                                                                               meine Einladung nach Linares ausschlagen? Literatur kann Gren-

                                                                                                       mit der Autorin
                                                                                                                                                                               zen öffnen, daran glaube ich wirklich.
                                                                                                                                                                   Gibt es noch etwas, das Sie mit den deutschen
                                                                                                                                                                        Buchhändler*innen teilen möchten?
                                                                                                                                                               Wir haben in Mexiko ein Sprichwort: Durch Sprechen verstehen
                                                                     Was hat der Roman mit Ihrer eigenen Familiengeschichte zu tun?                            Menschen einander. Ich würde gerne ergänzen: Durch Lesen
                                                              Mein Vater wurde in Linares geboren, aber als die Agrarrevolution kam, musste er die Gegend      fühlen sie einander. Als ich die Geschichte schrieb, wusste ich,
                                                              mit seiner Familie verlassen und nach Monterrey ziehen. Das Flüstern der Bienen ist nicht        dass sich Erfahrungen ein wenig ändern können, und auch die
                                                              meine Familiengeschichte, aber sie kommt darin vor. Ich wollte an das erinnern, worüber mein     Umstände, die Zeiten, die Landschaften, die Sprachen, doch was
                                                              Großvater und seine Generation nicht sprechen konnten: die Unsicherheit des Krieges, die         sich niemals ändert, ist, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Ob
                                                              Angst, alles zu verlieren, den Schmerz, alles hinter sich lassen zu müssen. Die Anekdoten über   in Deutschland oder Mexiko oder wo auch immer wir sonst sind:
                                                              die Gegend, seine Bewohner und sein Leben, die mein Großvater mit viel Wärme und Humor           Wir sind alle nur Menschen und wir hoffen, fürchten, träumen
                                                                    seinen Kindern und Enkeln erzählt hat, haben der Geschichte ihre Farbe verliehen.            und wünschen uns das Gleiche, wir lachen und weinen gleich.
Sofía Sofía Segovia Familienroman Simonopio - ULLSTEIN Buchverlage
e r B e r g e
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                                            o r f                                      a m F u ß e d
                                     Da s D

                                                                                                                     © unsplash: Pablo Rebolledo, Brienne Hong, Rd McLenagan, Zach Smith, Cesira Alvarado, Eduardo liceaga
© istock: Campwillowlake

                                        Die Villa de San Felipe de Linares wurde am 2. April 1712
                                     von Sebastián Villegas Cumplido gegründet und zu Ehren des
                                     spanischen Königs Felipe V. und des Vizekönigs von Neuspanien
                           LINARES         Fernando de Alencastre, Graf von Linares, benannt.

                                     Heute ist Linares mit mehr als 50.000 Einwohnern die größte
                                     Stadt des „Orangengürtels” in Nuevo León und damit auch das
                                          administrative Zentrum der umliegenden Ortschaften.
                                         Linares liegt im südöstlichen Teil des Landes und grenzt
                                                     an den Bundesstaat Tamaulipas.
Sofía Sofía Segovia Familienroman Simonopio - ULLSTEIN Buchverlage
Eine ungewö h n l i c h e F a m i l i e
                10                                                                                                                                                                                                                                  11

                                                                                                                                                                                                     FRANCISCO JUNIOR
                                                                                                                                                                                                              der Rotzbengel

                                                                                                   SIMONOPIO                                                                                   »Immer war ich zu laut, immer zu schrill.
                                                                                                   der Bienenjunge                                                                          Mein Körper bot sämtlichen heimatlosen Zecken,
                                                                                                                                                                                               Flöhen oder Läusen Obdach und Nahrung,
                                                                                                    » Simonopio war ein Kind der Na-                                                         weshalb alle Versuche meiner Mutter, meine
                                                                                                   tur, ein Kind der Berge. Er musste                                                          Locken wachsen zu lassen, zum Scheitern
                                                                                                   im Leben lesen, nicht in Büchern.«                                                                     verurteilt waren.«
                                                                                              Unter einer Brücke ausgesetzt, wird Simonopio
                                                                                              als Baby von Nana Reja gefunden und von den                                                          Francisco junior ist der Wildfang der Familie,
                                                                                              Morales adoptiert. Böse Zungen behaupten, er

                                                                                                                                                                                                                                                     © istock: marioaguilar / dimitris_k / duncan1890
                                                                                                                                                                                                     der seiner Mutter mit 39 Jahren unerwartet
                                                                                              sei vom Teufel geküsst, weil er eine Gaumen-                                                       geschenkt wird. Er wächst unter der liebevollen
                                                                                              spalte anstelle eines Mundes hat. Er kann nicht                                                        Aufsicht von Simonopio auf und lernt durch
                                                                                              sprechen, aber umso besser dem Flüstern der                                                                   seine Augen die Natur zu verstehen.
                                                                                              Bienen lauschen und prägt damit das Schicksal
                                                                                              seiner Familie.
                                                                                                                                                 NANA REJA
                                                                                                                                                     die Amme

                                                                                                                                                      »Die meisten Leute glaubten, dass Reja mit ihrem
                                                                                                                                                  Schaukelstuhl verwachsen war, so sehr, dass man nicht
                                                                                                                                                     wusste, wo das Holz des einen endete und das der
                                               BEATRIZ & FRANCISCO                                                                                 anderen begann. Schon vor Sonnenaufgang sah man
                                               MORALES                                                                                              sie dort sitzen, gemächlich hin und her schaukelnd,
                                               das Ehepaar                                                                                           angetrieben mehr vom Wind als von ihren eigenen
                                                                                                                                                    Füßen, und am Abend war sie noch dort, wenn alle
                                                                                                                                                                anderen längst zu Hause ihren
                                          »Beatriz war immer beschäftigt und immer in Eile:                                                                         Feierabend genossen.«
                                              Wenn sie nicht das Haus oder ihre Töchter
                                                   beaufsichtigte, organisierte sie die
                                                Veranstaltungen des Damenzirkels. […]                                                           Seit dem Verlust ihres eigenen Schwarzen
                                           Francisco Morales war der Mann, den das Leben                                                        Babys ist die Nana Reja bei der Familie
                                           ihr versprochen hatte, derjenige, den sie sich als                                                   Morales und hat als Amme mehreren
                                                                                                                                                Generationen und Scharen von Kindern
                                                     Kind und als junges Mädchen                                                                die Brust gegeben. Sie ist inzwischen
© unsplash: Niklas Hamann/Yanapi Senaud

                                                           erträumt hatte.«                                                                     so alt, dass sie weder spricht noch isst
                                               Das Ehepaar Morales hat die Hacienda samt den                                                    noch schläft, sondern tagein ,tagaus nur
                                               Ländereien von den Vorfahren geerbt und arbei-                                                   auf ihrem Schaukelstuhl sitzt – bis das
                                               tet hart, um die Felder zu bewirtschaften und die                                                Schreien eines Babys sie aus ihrer Starre
                                               Familie zu ernähren. Doch sosehr sie sich auch                                                   erweckt.
                                               bemühen, gegen die Willkür des Bürgerkrieges
                                               sind sie machtlos.
Sofía Sofía Segovia Familienroman Simonopio - ULLSTEIN Buchverlage
12                                                                                                                                                                                                                                      13

                                                                                                           Der historische
                                                                                                           Hintergrund –
                                                                                                                         n ,  d i e e  s   z u
                                                                                                           G e f a h r e
                                                                                                           überwin        d  e n   g i l t                    Die vier   P hasen der Revolution
                                                                                                                                                                  1910   Präsidentschaft Maderos
                                                                                                           VORAUSSETZUNGEN:
                                                                                                           Das Díaz-Regime („Porfiriat“) bewirkte zunächst        1913   Beginn der Revolutionsbewegung durch Verhaftung
                                                                                                                                                                         von Francisco Madero
                                                                                                           große Fortschritte in der Wirtschaft, wovon aber              Das Díaz-Regime wird gestürzt und 1911 Madero
                                                                                                           nur wenige Großgrundbesitzer profitierten. Die                zum Präsidenten gewählt
                                                                                                           Unzufriedenheit in der Bevölkerung wuchs auf-
                                                                                                           grund des autokratischen politischen Systems,          1913   Präsidentschaft Huertas
                                                                                                           der anhaltenden Wirtschaftskrise (1907) und
                                                                                                           dem Wandel der Agrarwirtschaft: Durch die              1914   Sturz des Madero-Regimes durch Victoriano Huerta
                                                                                                                                                                         Im Norden und im Süden agieren verschiedene
© Museo Soumaya, G.A. Martin, US Army / US Army Military History Institute / Photo Courtesy of U.S. Army

                                                                                                           Mechanisierung verloren Kleinbauern ihr Land                  Revolutionsbewegungen gegen das Huerta-Regime
                                                                                                           und gerieten in Schuldknechtschaft. Um dem
                                                                                                                                                                         1914 gibt sich Huerta geschlagen
                                                                                                           Unmut der Bevölkerung entgegenzuwirken, er-
                                                                                                           laubte Díaz die Aufstellung eines Oppositions-
                                                                                                           kandidaten: Francisco Madeoro. Dessen Verhaf-
                                                                                                                                                                  1915   Konstitutionalisten vs. Konventionisten
                                                                                                           tung nach der nach der (fingierten) Wiederwahl
                                                                                                           von Díaz markierte den Beginn der Formierung
                                                                                                                                                                  1916   Die Anti-Huerta-Koalition zerbricht in zwei neue Lager:
                                                                                                                                                                         Konventionisten (Francisco Villa und Emiliano Zapata) gegen
                                                                                                                                                                         Konstitutionalisten (Venustiano Carranza und Alvaró Obregón)
                                                                                                           eines revolutionären Widerstands.
                                                                                                                                                                         Carranza und Obregón setzen sich militärisch durch

                                                                                                                                                                  1916   Präsidentschaft Carranzas

                                                                                                                                                                  1920   Carranza wird 1917 zum Präsidenten gewählt

                                                                                                                                                                                                                                        © unsplash: Luis Vidal/wikipedia
                                                                                                                                                                         Neue Verfassung: Die Schuldknechtschaft wurde aufgehoben,
                                                                                                                                                                         der Einfluss der Kirche beschränkt und Großgrundbesitz
                                                                                                                                                                         reduziert
                                                                                                                                                                         1920 wird Carranza ermordet und Obregón zum Präsidenten
                                                                                                                                                                         gewählt, der das Land politisch stabilisiert
Sofía Sofía Segovia Familienroman Simonopio - ULLSTEIN Buchverlage
Die Spanische                                                                Wer war betroffen?
14                                                                                                                                                                               15

                                                                                                                                  Wie war der
                                                                                                                                         Krankheitsverlauf?

 Grippe
                                                                             Bei einer damaligen Weltbevölkerung von etwa

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                                                                             1,8 Milliarden gab es laut WHO zwischen 20

           -    2
                                                                                                                                  Der Ausbruch und Verlauf der Krankheit verlief

               9
                                                                             Millionen und 50 Millionen Tote, Vermutungen

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                                                                             reichen bis zu 100 Millionen Toten bei ca. 500       bei der zweiten Welle sehr schnell, häufig star-

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                                                                             Millionen Infizierten. Mehr als die Hälfte der Op-   ben die Infizierten schon nach wenigen Stunden.

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                                                                                                                                  Die Todesursache war meist akutes Lungenver-

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                                                                             fer starb in Asien. Im Gegensatz zu den meisten
                                                                             Influenza-Pandemien waren vor allem 20 bis           sagen, weswegen anfangs eine sogenannte Lun-
                                                                             40-Jährige betroffen.                                genpest vermutet wurde. Die hohe Todesrate
                                                                             In Amerika waren insbesondere indigene Men-          bei 20 bis 40-Jährigen lag wohl an einer Über-
                                                                             schen von dem Virus betroffen.                       reaktion des bei jungen Menschen besonders
                                                                             In Mexiko, wo die Pandemie vermutlich Mitte          aktiven Immunsystems in Form eines Zytotkins-
                                                                             1918 eintraf, sollen knapp 440.000 Menschen,         turms (Abwehrzellen greifen das Lungengewebe
                                                                             der Großteil davon aus der indigenen Bevölke-        an). Es herrschte jedoch nur geringes Wissen
                                                                             rung, gestorben sein. Bei einer Gesamtbevöl-         über die Krankheit, erst 1933 wurde herausge-
                                                                             kerung von 14 Millionen Menschen macht das           funden, dass es sich bei dem Erreger um ein In-
                                                                             einen Anteil von 14 Prozent aus.                     fluenza-Virus handelte.

            Die Spanische Grippe war
            eine Influenza-Pandemie,
             die zum Ende des Ersten
            Weltkrieges ausbrach und
                                                                             Wo war der Ursprung
                                                                                      der Pandemie?
                 sich weltweit in
                                                                             Der erste offiziell registrierte Erkrankungsfall
             drei Wellen verbreitete.                                        war Albert Gitchell, am 04.03.1918 in einem Mi-
                 Mit vermuteten                                              litärlager in Kansas, USA. Die Bezeichnung „Spa-
                                                                             nische Grippe“ ist also irreführend. Tatsächlich
             20-100 Millionen Toten                                          war Spanien lediglich das erste Land, das über
                wird sie als größte                                          die Pandemie berichtete, da es während der
                                                                             Kriegsgeschehnisse neutral war und die Pres-
             Vernichtungswelle seit                                          se keiner Zensur unterlag. Der wahre Ursprung
              der Pest im Mittelalter                                        wird aber in den USA vermutet. Insgesamt wur-
                                                                             de in der Weltöffentlichkeit wenig über die Spa-
                   bezeichnet.                                               nische Grippe berichtet, da die Aufmerksamkeit
                                                                             auf dem Ersten Weltkrieg lag.
                                        © shutterstock: Everett Collection

                                                                             Vermutlich wurde das Virus ursprünglich von
                                                                             Vögeln auf Menschen übertragen. Dann verbrei-
                                                                             tete es sich weltweit, nur kleine isolierte Inseln
                                                                             wie St. Helena oder die Antarktis entgingen der
                                                                             Pandemie komplett.
Sofía Sofía Segovia Familienroman Simonopio - ULLSTEIN Buchverlage
Sofía Segovia
                                                                                  1
D a s F l ü  er n d er B ie n en                   Blaues Kind, weißes Kind
                                              An jenem Morgen im Oktober mischte sich das Weinen eines Babys unter
                                              das Rauschen der frischen Brise in den Bäumen, das Zwitschern der Vö-
                                              gel und das Zirpen, mit dem die Insekten die Nacht verabschiedeten. Es
           Aus dem Spanischen                 drang aus dem Dickicht am Berghang, war aber schon wenige Meter von
           von Kirsten Brandt                 seinem Ausgangspunkt entfernt nicht mehr zu hören, wie durch Hexerei
                                              daran gehindert, an ein menschliches Ohr zu dringen.
                                                 Noch Jahre später würden die Leute darüber reden, wie Don Teodosio
                                              auf dem Weg zur Arbeit dicht an dem armen ausgesetzten Baby vorbei-
                                              gegangen sein musste, ohne einen Laut zu vernehmen, und wie Lupita,
           Exklusive Leseprobe                die Wäscherin der Morales, auf dem Weg nach La Petaca, wo sie sich einen
                                              Liebestrank brauen lassen wollte, die Brücke überquerte, ohne das Ge-
                                              ringste zu bemerken; denn natürlich hätte sie den Jungen an sich genom-
                                              men, wenn sie ihn denn gehört hätte. Ich verstehe nicht – so erzählte sie
                                              später jedem, der es hören wollte –, wer so grausam sein kann, ein neu-
                                              geborenes Kind auszusetzen und es einsam und allein sterben zu lassen.
                                                 Das war in der Tat ein Rätsel. Welche Frau hier in der Gegend hatte in
                                              den letzten Monaten Anzeichen einer ungebührlichen Schwangerschaft
                                              gezeigt? Zu wem gehörte dieses unglückselige Kind? Nachrichten über ei-
                                              nen möglichen Fehltritt verbreiteten sich im Ort schneller als die Masern,
                                              und wenn einer etwas wusste, wussten es bald alle.
                                                 In diesem Fall aber wusste keiner etwas.
              © 2015 by Sofía Segovia
                                                 Die populärste unter den zahllosen Theorien, die über die Jahre wei-
         © der deutschsprachigen Ausgabe      tergegeben wurde, besagte, dass eine der Hexen von La Petaca, die – wie
     Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2021   ja allgemein bekannt – mit ihren Liebesdiensten sehr freizügig waren, das
              Alle Rechte vorbehalten.        Kind geboren und es dann, als sie sah, wie seltsam und missgestaltet es

                                                                                 17
Sofía Sofía Segovia Familienroman Simonopio - ULLSTEIN Buchverlage
war – eine Strafe des Allmächtigen oder des Teufels? –, unter der Brücke        Wenn die Leute vorübergingen, grüßten sie sie ebenso wenig, wie man
abgelegt und seinem Schicksal überlassen hatte.                              einen Baum grüßt. Manchmal kamen ein paar Kinder aus dem nahe ge-
   Niemand hätte sagen können, wie lange das Baby mutterseelenallein         legenen Ort herauf, um einen verstohlenen Blick auf diese Legende zu
dort gelegen hatte, hungrig und nackt. Niemand verstand, wie es unter        erhaschen, aber wenn sich eines näher an sie heranwagte, um sich zu ver-
freiem Himmel hatte überleben können, ohne durch die offene Nabel-           gewissern, dass es wirklich eine Frau aus Fleisch und Blut und nicht etwa
schnur zu verbluten oder zum Fraß von Ratten, Raubvögeln, Bären oder         eine Holzfigur war, dann verpasste Reja dem Naseweis, ohne die Augen
Pumas zu werden, von denen es in der Gegend nur so wimmelte.                 zu öffnen, einen ordentlichen Hieb mit ihrem Krückstock.
   Und alle fragten sich, wieso ausgerechnet die alte Nana Reja den Jun-        Sie wollte nicht angegafft werden, also tat sie, als wäre sie aus Holz, und
gen unter einem Teppich aus wimmelnden Bienen gefunden hatte.                hoffte, dass man sie übersah. In ihrem langen Leben hatten ihre Augen
   Vor vielen Jahren hatte die alte Amme beschlossen, sich auf der Hazien-   zu viel gesehen und ihre Ohren zu viel gehört, ihr Mund hatte zu viel
da La Amistad einen Ort zu suchen, an dem sie den Rest ihrer scheinbar       geredet, und zu vieles hatte ihre Haut berührt und ihr Herz zerrissen. Sie
endlosen Tage verbringen konnte. Ihre Wahl war auf einen Schuppen            konnte nicht sagen, wofür sie noch lebte oder worauf sie noch wartete,
gefallen, einen schlichten, fensterlosen Bau, der als Lagerraum diente.      bevor sie sich endgültig verabschiedete. Schon lange war sie niemandem
Wie die anderen Wirtschaftsgebäude stand er hinter dem Haupthaus, den        mehr eine Hilfe.
Blicken der vornehmen Gäste verborgen, und unterschied sich von den             Aber obwohl ihr Körper verdorrt und ihre Sinne abgestumpft waren,
anderen Lagerschuppen nur dadurch, dass er ein schützendes Vordach be-       waren ihre Gefühle noch nicht ganz erloschen, und ein paar wenige Men-
saß, sodass die alte Frau sommers wie winters draußen sitzen konnte. Das     schen durften sich ihr noch nähern: Pola, die andere alte Nana der Familie,
war allerdings reiner Zufall, denn Reja hatte den Platz nicht etwa deshalb   die wie sie ihre besten Tage schon lange hinter sich hatte, oder Francisco,
gewählt, sondern weil er eine wunderbare Aussicht bot und der Wind ihr       der Junge, den sie vor langer Zeit, als sie sich noch gestattete, zu fühlen,
hier nach seinem verschlungenen Weg durchs Gebirge ins Gesicht wehte.        von ganzem Herzen geliebt hatte. Franciscos Frau Beatriz hingegen er-
   Nun saß sie schon seit so vielen Jahren hier, dass keiner der Bewohner    trug sie nur mit Mühe; sie war zu müde, um noch jemanden in ihr Leben
sich daran erinnern konnte, wie sie und ihr Schaukelstuhl hierhergekom-      zu lassen, und seine Töchter fand sie unausstehlich.
men waren.                                                                      Sie brauchten sie nicht, und die alte Nana hatte ihnen nichts zu geben,
   Die meisten Leute glaubten, dass Reja ihren Schaukelstuhl nie verließ,    denn mit zunehmendem Alter war sie von ihren Pflichten entbunden wor-
weil sie so alt war – auch wenn niemand ihr genaues Alter kannte –, dass     den und nach und nach mit ihrem Schaukelstuhl verwachsen, so sehr, dass
ihre Knochen sie nicht mehr trugen und ihre Muskeln ihr nicht mehr ge-       man nicht wusste, wo das Holz des einen endete und das der anderen
horchten. Schon vor Sonnenaufgang sah man sie dort sitzen, gemächlich        begann.
hin und her schaukelnd, angetrieben mehr vom Wind als von ihren ei-             Noch vor Tagesanbruch kam sie aus ihrem Zimmer geschlurft, ließ sich
genen Füßen, und am Abend war sie noch dort, wenn alle anderen längst        unter dem Vordach in ihrem Schaukelstuhl nieder und schloss Augen und
zu Hause ihren Feierabend genossen.                                          Ohren, um nichts zu sehen und nichts zu hören. Pola brachte ihr Früh-
   So viele Jahre saß sie schon da, dass die Bewohner der Hazienda ihre      stück, Mittagessen und Abendessen, die sie jedoch kaum anrührte. Erst
Geschichte und sogar sie selbst vergessen hatten: Sie war Teil der Land-     viele Stunden später, wenn ihr die Lichter der Glühwürmchen hinter ihren
schaft geworden, mit dem Boden verwurzelt, auf dem sie vor und zurück        geschlossenen Lidern anzeigten, dass es Nacht war, und ihr Schaukelstuhl
wippte. Ihr Fleisch war zu Holz verdorrt, ihre Haut zu dunkler, harter,      sie zu zwicken und zu zwacken begann, weil er ihrer Gesellschaft über-
gefurchter Rinde getrocknet.                                                 drüssig war, stand sie wieder auf.

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Manchmal öffnete sie auf dem Weg zu ihrem Bett die Augen, auch               Platz überquert. Sie hatte sich auch noch nie auf eine Parkbank gesetzt.
wenn sie sie nicht brauchte, um zu sehen. Dann legte sie sich in ihrem          Aber jetzt, als ihr die Beine in der Kälte den Dienst versagten, tat sie
Bett auf die Decke, weil die Kälte schon lange nicht mehr durch ihre Haut       es.
drang. Aber sie schlief nicht. Sie brauchte keinen Schlaf mehr und hatte            Sie wusste, dass sie jemanden um Hilfe bitten musste, aber sie wusste
vor langer Zeit aufgehört, darüber nachzudenken, ob es daran lag, dass          nicht, wie, und hätte es auch für sich selbst nicht getan. Doch sie würde es
sie genug für ein ganzes Leben geschlafen hatte, oder ob ihr Körper sich        für das Baby in ihren Armen tun, das vor zwei Tagen aufgehört hatte zu
gegen das Einschlafen sträubte, um nicht in den Großen Schlaf zu ver-           trinken und zu weinen. Nur deshalb war sie hinunter ins Dorf gekommen,
sinken. Nach ein paar Stunden begann ihr weiches Bett, sie wiederum zu          das sie manchmal von ihrer Hütte in den Bergen aus in der Ferne be-
zwicken und zu zwacken, um sie daran zu erinnern, dass es Zeit war, ihren       trachtet hatte.
treuen Freund, den Schaukelstuhl, aufzusuchen.                                      Reja war sich sicher, dass sie noch nie so sehr gefroren hatte. Und den
   Nana Reja hätte nicht sagen können, wie viele Jahre sie nun schon            Einwohnern dieses Ortes schien es genauso zu gehen, denn in den Straßen
lebte. Sie hatte den Tag ihrer Geburt und ihren vollständigen Namen ver-        war niemand zu sehen, der wie sie der Kälte trotzte. Die Häuser waren wie
gessen – wenn sich überhaupt jemand jemals die Mühe gemacht hatte,              Festungen, Fenster und Türen vergittert, die Läden hinter den Gittern
ihr einen richtigen Namen zu geben. Zwar nahm sie an, dass sie einen            geschlossen. Also blieb sie einfach auf der Bank sitzen, ratlos, zitternd vor
Namen hatte, aber sie erinnerte sich weder an ihre Kindheit noch an ihre        Kälte und von wachsender Angst um ihr Baby erfüllt.
Eltern, ja, sie war sich nicht einmal sicher, ob sie überhaupt Eltern gehabt        Sie konnte nicht sagen, wie lange sie so dagesessen hatte. Vielleicht
hatte. Hätte man ihr gesagt, dass sie der Erde entsprossen war wie ein          wäre sie einfach sitzen geblieben, bis sie zur Statue erstarrt war, hätte sich
Nussbaum, so hätte sie es geglaubt. Auch das Gesicht des Mannes, der            nicht der gutherzige Dorfarzt, entsetzt über den Anblick der völlig zer-
ihr das Kind gemacht hatte, hatte sie vergessen, nicht aber seinen Rücken,      lumpten Frau, ihrer erbarmt.
den er ihr zuwandte, als er ging und sie in der Lehmhütte allein ihrem              Doktor Doria hatte sich trotz der Kälte auf den Weg gemacht, um nach
Schicksal überließ.                                                             Señora Morales zu sehen. Die Frau lag im Sterben. Zwei Tage zuvor hatte
   Sie wusste noch, wie sich das Strampeln in ihrem Bauch angefühlt hat-        sie mithilfe einer Hebamme ihr erstes Kind geboren, aber nun hatte sie
te, wie ihre Brüste geschmerzt und noch vor der Geburt des Jungen, der          Fieber, und der besorgte Ehemann hatte frühmorgens nach dem Arzt ge-
ihr einziges Kind bleiben sollte, eine gelblich weiße, süße Flüssigkeit abge-   schickt. Erst nach langem Zureden konnte der Doktor der Patientin entlo-
sondert hatten. Sie war sich nicht sicher, ob das Gesicht, das sie in ihrer     cken, wo das Problem lag: Ihre Brüste waren entzündet und schmerzten
Erinnerung vor sich sah, das ihres Jungen war oder ob ihr nicht vielmehr        beim Stillen beinahe unerträglich.
ihre Fantasie einen Streich spielte und sich in ihm die Züge sämtlicher             Eine Mastitis.
Kinder vermischten, die sie in ihrem Leben gesäugt hatte, der weißen wie            »Warum haben Sie mir das nicht früher gesagt, Señora?«
der schwarzen.                                                                      »Weil es mir peinlich war, Herr Doktor.«
   An den Tag, an dem sie nach Linares gekommen war, halb tot vor Hun-              Mittlerweile war die Entzündung weit fortgeschritten. Das Baby schrie
ger und Kälte, erinnerte sie sich aber ganz genau, und noch immer spürte        unablässig; es hatte seit mehr als zwölf Stunden nicht getrunken, weil
sie, wie sie das Baby in ihren Armen hielt und es fest an ihre Brust drückte,   seine Mutter ihm nicht die Brust geben konnte. Der Arzt hatte noch nie
um es vor der eisigen Januarluft zu schützen. Nie zuvor hatte sie die Ber-      gehört, dass eine Frau an Brustdrüsenentzündung gestorben wäre; Seño-
ge verlassen, und darum hatte sie nie zuvor so viele Häuser beieinander-        ra Morales aber lag im Sterben, daran bestand angesichts der aschfahlen
stehen sehen, war noch nie durch eine Straße gegangen oder hatte einen          Haut und der fiebrig glänzenden Augen der jungen Mutter kein Zweifel.

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Doktor Doria war mit seiner Weisheit am Ende. Er bat Señor Morales                  Der Mann sprach so schnell, dass Reja seine Worte nicht verstand; aber
hinaus auf den Flur.                                                            der Blick seiner Augen flößte ihr genug Vertrauen ein, dass sie mit ihm
   »Sie müssen mir gestatten, Ihre Frau zu untersuchen.«                        ging. In der Wärme seines Hauses angekommen, wagte sie es endlich,
   »Nein, Doktor. Geben Sie ihr einfach Medizin.«                               das Gesicht des Babys aufzudecken. Es war blau und reglos. Reja schrie.
   »Und was für eine Medizin sollte das sein? Ihre Frau stirbt, Señor Mo-       Der Arzt nahm das Kind und versuchte, es wiederzubeleben. Wäre Reja
rales. Lassen Sie mich wenigstens herausfinden, woran.«                         nicht vor Kälte völlig betäubt gewesen, hätte sie ihn gefragt: »Warum tun
   »Es muss an der Milch liegen.«                                               Sie das?« Aber so brachte sie, überwältigt von dem Anblick ihres blau
   »Nein, es ist irgendetwas anderes.«                                          gefrorenen Sohnes, nur wortloses Schluchzen hervor.
   Um ihn umzustimmen, musste der Arzt dem Ehemann versprechen,                     Sie bemerkte kaum, wie der Arzt sie auszog, und dachte auch nicht dar-
dass er die Patientin entweder berühren, dabei aber nicht ansehen, oder         über nach, dass er der erste Mann war, der das tat, ohne anschließend über
sie ansehen, sie währenddessen aber nicht berühren werde. Schließlich           sie herzufallen. Wie eine Stoffpuppe ließ sie sich untersuchen und zuckte
gab Señor Morales nach und überzeugte auch die Kranke, den Arzt ihre            erst zusammen, als der Arzt ihre großen, heißen Brüste berührte, die von
Brüste abtasten und – schlimmer noch – ihren Bauch und ihre Schenkel            der angestauten Milch hart und schmerzempfindlich waren. Dann ließ sie
ansehen oder berühren zu lassen. Doch Doktor Doria musste gar nichts            sich in wärmere, saubere Kleidung packen, ohne sich auch nur zu fragen,
anfassen: Die entsetzlichen Unterleibsschmerzen und der übel riechende          wem sie gehörte.
Ausfluss der Patientin verrieten ihm, dass sie unrettbar verloren war.              Als der Arzt sie vor sich her auf die Straße schob, dachte sie nur, dass
   Eines Tages würde man die Ursache für das Kindbettfieber erkennen            sie jetzt wenigstens nicht mehr so frieren würde, wenn er sie wieder zu
und wissen, wie man es verhinderte, aber für Señora Morales kam dieser          der Bank brachte, und war überrascht, als sie den Kirchplatz hinter sich
Tag zu spät. Für sie konnte man nichts weiter tun, als ihr die Zeit, bis Gott   ließen und die Straße hinunter bis zu dem prächtigsten Haus von allen
sie zu sich rief, so angenehm wie möglich zu machen.                            liefen.
   Um wenigstens das Kind zu retten, wies der Arzt den Dienstboten der              Im Inneren des Hauses war es so dunkel wie in ihrer Seele. Reja hatte
Morales an, eine Milchziege herbeizuschaffen. Doch als die Ziege kam,           noch nie zuvor so weiße Menschen gesehen wie die, die sie jetzt in Emp-
stellte sich heraus, dass der Junge ihre Milch nicht vertrug. Somit stand       fang nahmen. Man führte sie in die Küche, wo sie mit gesenktem Kopf
ihm ein langsamer, qualvoller Hungertod bevor.                                  Platz nahm, weil sie weder ihre Gesichter noch ihre Blicke sehen wollte.
   Doktor Doria verabschiedete sich; er konnte nichts mehr tun. Zu dem          Sie wollte allein sein, zurück in ihrer Lehmhütte, selbst wenn sie dort
Gatten und Vater sagte er: »Seien Sie stark, Señor Morales. Gottes Wege         erfrieren würde, allein mit ihrem Kummer, denn sie ertrug den Kummer
sind unergründlich.«                                                            der anderen nicht.
   »Danke, Herr Doktor.«                                                            Dann vernahm sie das Weinen eines Babys, und ihre Brustwarzen re-
   Auf dem Nachhauseweg war der Arzt zu müde und niedergeschlagen,              agierten noch vor ihren Ohren, genau wie es immer gewesen war, wenn
um den Kopf zu heben, und so erschien es ihm wie ein Wunder, dass er            der Kleine vor Hunger weinte und sie zu weit weg war, um ihn zu hören.
die zu einem schwarzen Eisblock erstarrte Frau auf dem Platz überhaupt          Aber war ihr Baby nicht steif und blau? Hatte der Arzt es etwa doch retten
bemerkte. Sie saß direkt vor der Bronzeplakette, auf der zu lesen stand,        können?
dass diese Bank von der Familie Morales gestiftet worden war. Sein Mitleid          Ihre Brustwarzen schmerzten immer stärker. Sie musste sich Erleichte-
siegte, und so trat er auf die Frau zu und fragte sie, wer sie sei und ob sie   rung verschaffen. Sie brauchte das Baby.
Hilfe benötige.                                                                     »Mir fehlt mein Kleines«, sagte sie leise, aber niemand der Anwesenden

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schien sie zu hören, und so nahm sie all ihren Mut zusammen und wieder-         die Hausangestellten ihn bemerkten, wichen sie zur Seite und ließen ihn
holte lauter: »Mir fehlt mein Kleines.«                                         durch, damit Señor Morales seinem Sohn dabei zusehen konnte, wie er an
   »Was sagt sie?«                                                              der dunkelsten Brust trank, die er je gesehen hatte.
   »Ihr fehlt ihr Kleines.«                                                        »Wir haben eine Amme für Ihren Sohn gefunden.«
   »Und was soll das heißen?«                                                      »Sie ist sehr schwarz.«
   »Dass sie ihr Kind will.« Der Arzt kam herein, ein Bündel im Arm,               »Aber ihre Milch ist weiß, wie es sich gehört.«
das er ihr überreichte. »Er ist sehr schwach. Vielleicht schafft er es nicht,      »Das stimmt. Wird der Junge es schaffen?«
richtig zu trinken.«                                                               »Ja, das wird er. Er hatte bloß Hunger. Sehen Sie ihn sich an.«
   »Ist das mein Kleiner?«                                                         »Herr Doktor«, sagte Señor Morales, »als ich aufgewacht bin, war mei-
   »Nein, aber er braucht Sie genauso dringend.«                                ne Frau ganz still.«
   Sie brauchten einander.                                                         Und das war das Ende von Señora Morales.
   Reja knöpfte ihre Bluse auf, legte das Kind an ihre Brust, und das Wei-         Sie wurde betrauert und beweint, doch die Trauer und die Tränen,
nen verstummte. Während sie voller Erleichterung spürte, wie ihre Brüste        die Totenwache und die Beerdigung gingen an Reja vorbei. Für sie hatte
sich langsam leerten, betrachtete sie das Baby. Es war nicht ihr Junge, das     Señora Morales nie existiert, und manchmal, wenn der Junge ihr Zeit ließ,
hatte sie gleich gemerkt. Sein Weinen klang anders, und auch die Geräu-         dem stummen Ruf der Berge zu lauschen, schien ihr, als wäre er nicht von
sche, die er machte, wenn er trank oder zwischendurch Luft holte, waren         einer Frau geboren, sondern der Erde entsprungen, so wie sie, die nichts
anders. Und er roch nicht wie ihr Kind. Aber das war Reja egal: Sie sehnte      als die Sierra kannte.
sich danach, sich zu ihm hinunterzubeugen und an seiner Halsbeuge zu               Etwas anderes, stärker noch als der Mutterinstinkt, hatte von ihr Besitz
schnuppern, fürchtete aber, man werde ihr das nicht gestatten. Denn das         ergriffen, und für die nächsten Jahre gab es für Reja nichts auf der Welt
Fremdartigste an dem Kind war seine Farbe. Während ihr Sohn dunkel-             außer dem Jungen. Sie stellte sich vor, dass sie ihn am Leben hielt für die
braun und zuletzt dunkelblau gewesen war, war dieser Junge anfangs              Erde, seine Mutter, die ihn nicht hatte nähren können, und so kam es ihr
krebsrot und wurde nun allmählich weiß.                                         nicht in den Sinn, ihm die Brust zu verweigern, als er seinen ersten Zahn
   Die Umstehenden beobachteten sie schweigend. Der einzige Laut, der           bekam, und auch nicht, als alle anderen Zähne folgten. Sie bat ihn nur:
in der Küche zu vernehmen war, war das Schmatzen und Schlucken des              Bitte beiß mich nicht. Ihre Milch war dem Jungen Nahrung, Trost und
Kindes.                                                                         Wiegenlied. Wenn er weinte, bekam er die Brust, wenn er wütend, laut,
   Alberto Morales hatte bei seiner sterbenden Frau gewacht, bis ihn zu-        eifersüchtig, traurig oder trotzig war, wenn er jammerte oder nicht ein-
letzt der Schlaf übermannte. Nachdem er tagelang ihr Stöhnen und das            schlafen konnte: Immer gab es die Brust.
unablässige Weinen des Neugeborenen gehört hatte, hatte er sich zuletzt            Sechs Jahre lang hing der kleine Guillermo Morales genussvoll an der
mit dem Gedanken getröstet, dass sie, solange sie noch Geräusche von            Brust seiner Nana Reja. Niemand hatte vergessen, dass der arme Junge bei-
sich gaben, wenigstens am Leben waren. Nun weckte ihn die dröhnende             nahe verhungert wäre, und so wagte niemand, ihm etwas zu verweigern.
Stille: Das Stöhnen seiner Frau war verstummt, und auch das Baby weinte         Eines Tages aber statteten die beiden Tanten Benítez dem armen Witwer
nicht mehr. In seiner Angst wagte er nicht, seine Frau zu berühren, und         einen Besuch ab und waren schockiert vom Anblick des Jungen, der – ob-
machte sich stattdessen auf die Suche nach seinem Sohn.                         wohl fast schon ein Schulkind – an der schwarzen Brust der Amme hing,
   In der Küche angekommen, sah er die Dienstboten und Doktor Doria             und verlangten von Señor Morales, den Jungen zu entwöhnen.
im Kreis um etwas herumstehen – ob es die Leiche seines Kindes war? Als            »Es ist ja nicht so, dass er sonst verhungern müsste«, sagte die eine.

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»Es ist eine Schande, Alberto, und äußerst ungehörig«, sagte die andere.    wollte seine Frau nichts davon hören: Wer gab bessere Milch als die Nana?
   Und so nahmen die beiden alten Jungfern Guillermo bei ihrer Abreise         Niemand. Also gab Guillermo klein bei und versuchte, nicht weiter dar-
mit nach Monterrey. Der Junge sollte eine Weile bei ihnen bleiben, denn        über nachzudenken und so zu tun, als erinnerte er sich nicht daran, wie
das war ihrer Überzeugung nach die einzige Möglichkeit, wie er zur Ver-        lange er selbst an dieser Brust gehangen hatte.
nunft kommen und lernen würde, ohne die Brust seiner Nana Reja ein-               Auf der Hazienda war Reja alt geworden und mit ihr Guillermo. Und
zuschlafen.                                                                    als er schließlich einer Epidemie zum Opfer fiel, vererbte auch er seinem
   Reja blieb mit leeren Armen und Brüsten zurück, die so voll waren,          Sohn Francisco, dem einzigen seiner Kinder, das Ruhr und Gelbfieber
dass sie eine tropfende Milchspur hinterließ, wo sie ging und stand.           überlebt hatte, nach seinem Tod nicht nur die Hazienda, sondern auch die
   »Was machen wir bloß mit dir, Reja?«, fragten die anderen Dienstmäd-        alte Nana Reja samt ihrem Schaukelstuhl.
chen, die es satthatten, hinter ihr aufzuwischen. Reja wusste nicht, was sie      Die Töchter von Francisco und seiner Frau Beatriz stillte Reja nicht
entgegnen sollte. Sie wusste nur, dass sie ihren Jungen vermisste.             mehr. Die Zeit hatte die alte Frau, die nicht mehr wusste, wie viele Kinder
   »Ach, Reja, wenn das so weitergeht, sollte man wenigstens die gute          aus der Umgebung dank ihrer Fülle überlebt hatten, austrocknen lassen.
Milch nicht vergeuden.«                                                        Sie erinnerte sich nicht einmal mehr an den letzten weißen Tropfen, der
   Und so brachten sie ihr unterernährte oder verwaiste Babys zum Säu-         aus ihren Brüsten gequollen war, und hatte vergessen, wie es sich anfühlte,
gen und Milchfläschchen zum Füllen, denn je mehr sie stillte, desto üppi-      wenn diese sich füllten, noch bevor sie das Weinen eines hungrigen Kindes
ger floss die Milch. Dann heiratete der Witwer ein zweites Mal, María, die     vernahm.
jüngere Schwester seiner verstorbenen Frau, und gemeinsam schenkten sie           An diesem Oktobermorgen des Jahres 1910 erwachten die Bewohner
der Nana zweiundzwanzig weitere Kinder, um sie zu nähren.                      der Hazienda wie an jedem Tag in der Frühe und schickten sich an, ihr
   In den folgenden Jahren sah man Reja nie ohne ein Kind an der Brust.        Tagewerk zu beginnen. Pola schlug die Augen auf, ohne sich umzudrehen
Ihre besondere Liebe aber galt Guillermo Morales, dem ersten Kind, dem         und einen Blick auf das Bett ihrer Zimmergenossin zu werfen. Sie schlie-
sie als Amme gedient hatte, dem Jungen, der sie aus tiefster Einsamkeit        fen nun schon seit so vielen Jahrzehnten Seite an Seite, dass sie Rejas Rou-
gerettet und ihr eine Aufgabe geschenkt hatte, die sie auf Jahre erfüllen      tine kannte und wusste, dass die Nana in aller Stille kam und ging, ohne
sollte.                                                                        dass es jemand bemerkte. Schon waren die ersten Geräusche der Hazienda
   Guillermo kehrte bald zurück. In der Zwischenzeit hatte Alberto Mo-         zu hören: Die Tagelöhner holten sich ihre Geräte für die Arbeit auf den
rales, des Trubels im Zentrum von Linares überdrüssig, zum allgemeinen         Zuckerrohrfeldern, und die Hausangestellten erwachten. Pola wusch sich
Erstaunen beschlossen, das alte Stadthaus im Zentrum zu verlassen und          und zog sich an, dann ging sie in die Küche, um einen Kaffee zu trinken,
auf die Hazienda La Amistad zu ziehen, die etwa einen Kilometer au-            bevor sie sich auf den Weg in den Ort machte und in der Bäckerei am
ßerhalb des Ortes lag. Dort wurde Guillermo erwachsen und gründete             Kirchplatz frisches Brot holte.
bald eine eigene Familie. Nach dem Tod seines Vaters, der nach einem              Zwar versprach es, ein sonniger Tag zu werden, doch um diese Jahres-
erfüllten Leben an Altersschwäche starb, erbte er zusammen mit der Ha-         zeit war es frühmorgens noch kühl, und so hüllte sich Pola in ihr Schul-
zienda auch seine Nana, und als er selbst Kinder bekam, stillte Reja auch      tertuch. Wie immer nahm sie den kürzesten Weg von der Hazienda in den
diese.                                                                         Ort.
   Dass ein Vater an derselben Brust gesäugt wird wie seine Kinder, war           »Schon so früh unterwegs, Doña Pola?«, fragte der Gärtner Martín, wie
eher befremdlich. Als aber Guillermo vorschlug, doch lieber eine andere        ebenfalls jeden Morgen.
Amme zu suchen und Reja in den wohlverdienten Ruhestand zu schicken,              »Ja, Martín, ich bin bald zurück.«

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Pola gefiel diese Routine. Sie liebte es, jeden Tag Brot holen zu gehen,   zuzuhören, sich dann aufzusetzen und, in ihr Laken gehüllt, in aller Ruhe
denn so erfuhr sie, was es Neues in Linares gab, und konnte einen Blick       den Rosenkranz zu beten.
auf den Jungen erhaschen, der ihr als junges Mädchen so gut gefallen            Doch an diesem Tag würde es im Hause Morales Cortés weder Mor-
hatte und der inzwischen ein alter Mann war. Sie ging im Rhythmus des         gentoilette noch Rosenkranz geben – und schon gar keine Ruhe.
Quietschens von Rejas Schaukelstuhl den von großen Bäumen flankierten
Weg hinunter, der von der Hazienda nach Linares führte.
   Als Reja noch gesprochen hatte, hatte sie ihr einmal erzählt, wie der
verwitwete Alberto Morales die Bäume hatte pflanzen lassen, als sie kaum
                                                                                                                   2
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mehr als Reiser gewesen waren.
   Bei ihrer Rückkehr würde sie Reja wie immer das Frühstück bringen.
   Plötzlich blieb Nana Pola stehen und versuchte, sich zu erinnern. Was
war mit Reja? Wie jeden Tag war Pola an dem schwarzen Schaukelstuhl
vorbeigegangen. Schon vor Jahren hatte sie es aufgegeben, ein Gespräch
mit der alten Frau anfangen zu wollen, aber die Vorstellung, dass Nana
Reja genau wie die alten Bäume da war und für alle Zeiten da sein würde,      Vor langer Zeit kam ich in diesem gewaltigen Klotz aus Mauerwerk, Putz
hatte etwas Tröstliches.                                                      und Farbe zur Welt. Wie lange das her ist, tut nichts zur Sache, wichtig
   Und heute? Hatte sie sie im Vorübergehen gesehen? Pola drehte sich         ist, dass das Erste, was ich spürte, als ich aus dem Bauch meiner Mutter
um.                                                                           Beatriz Cortés de Morales kam, die frisch gewaschenen Laken ihres Bettes
   »Haben Sie etwas vergessen, Doña Pola?«                                    waren. Ich hatte das Glück, an einem Dienstagabend geboren zu werden
   »Haben Sie Nana Reja gesehen, Martín?«                                     und nicht gar an einem Montag. Da die Frauen ihrer Familie seit jeher
   »Ja natürlich, sie saß in ihrem Schaukelstuhl.«                            dienstags die Betten frisch bezogen, dufteten am Tag meiner Geburt die
   »Sind Sie sicher?«                                                         Laken nach Lavendel und nach Sonne. Ob ich mich daran erinnere? Nein,
   »Wo sollte sie denn sonst sein?«, fragte Martín und folgte Nana Pola,      aber ich stelle es mir vor. In all den Jahren, in denen ich mit meiner Mutter
die eilig zurücklief.                                                         unter einem Dach lebte, habe ich nie gesehen, dass sie ihren Gewohn-
   Beim Schaukelstuhl angekommen, sahen sie, dass er vor und zurück           heiten untreu geworden wäre oder vergessen hätte, was sich schickte: Und
schwang – doch Nana Reja saß nicht darin. Beunruhigt suchten sie in dem       dienstags wurden nun einmal die leinenen Laken gewechselt, nachdem
Zimmer, das die beiden alten Frauen teilten. Aber dort war sie auch nicht.    sie tags zuvor mit Bleiche gewaschen, mit Lavendelwasser benetzt, in der
   »Martín, laufen Sie los, und fragen Sie die Arbeiter, ob sie Nana Reja     Sonne getrocknet und zuletzt gebügelt worden waren.
gesehen haben. Halten Sie unterwegs nach ihr Ausschau. Ich sage Señora            So war es an jedem Dienstag ihres Lebens – bis auf eine schmerzliche
Beatriz Bescheid.«                                                            Ausnahme. Aber das lag noch in ferner Zukunft. Der Dienstag meiner
   Der Tag von Doña Beatriz begann für gewöhnlich später und mit der          Geburt war ein Dienstag wie jeder andere, und darum weiß ich, wie die
beruhigenden Gewissheit, dass alle Vorbereitungen für den Morgen ge-          Laken an jenem Abend dufteten und wie sie sich auf der Haut anfühl-
troffen waren, dass das Frühstück auf dem Tisch stand, dass der Garten        ten.
bewässert und die frisch gewaschene Wäsche gebügelt wurde. Sie liebte es,         Auch wenn ich mich nicht daran erinnere, muss das Haus am Tag mei-
beim Aufwachen noch im Halbschlaf ihrem Mann bei der Morgentoilette           ner Geburt so gerochen haben, wie es immer roch. Seine porösen Mauer-

                                    28                                                                             29
steine hatten die köstlichen Aromen der Seifen und Öle aufgesaugt, mit         bist schlimmer als die Zikaden –, hat es auch in mir sein eigenes Echo
denen drei Generationen fleißiger Männer und beflissener Frauen geputzt        hinterlassen. Ich trage es in mir. Und ich weiß, dass in meinen Zellen nicht
und gescheuert hatten; wie Schwämme waren sie getränkt vom Geruch              nur mein Vater und meine Mutter fortleben, sondern auch der Duft nach
der Familienrezepte und der mit Kernseife gewaschenen Wäsche. Die Luft         Lavendel, Orangenblüten und den frischen Laken, die bedächtigen Schrit-
war erfüllt vom Duft nach Nusskaramell, das meine Großmutter zuberei-          te meiner Großmutter, die gerösteten Nüsse, das verräterische Klicken der
tete, nach ihren Konserven und Marmeladen, nach Thymian und Gänse-             Fliesen, der karamellisierende Zucker, die verbrannte Milch, die zirpen-
fuß, die in Töpfen im Garten wuchsen, und später im Jahr vom Duft nach         den Zikaden, der Geruch nach altem Holz und geölten Lehmböden. Die
Orangen, Zitrusblüten und Honig.                                               grünen, reifen und faulenden Orangen, der Orangenblütenhonig und das
   Auch die Geräusche des Hauses, die vergangenen wie die gegenwär-            Gelee royale sind mir in Fleisch und Blut übergegangen, wie alles, was
tigen, waren Teil seiner Seele: das Lachen und Spielen der Kinder, das         meine Sinne berührt und sich mir ins Gedächtnis gebrannt hat.
Fluchen und Türenknallen. Über den Lehmziegelboden meiner Kindheit                Hätte ich allein hierherkommen können, um das Haus noch einmal zu
waren schon mein Großvater und seine zweiundzwanzig Geschwister und            sehen, es mit allen Sinnen wahrzunehmen, so hätte ich das getan. Aber ich
nach ihnen mein Vater in ihrer Kindheit mit nackten Füßen gelaufen,            bin alt. Diejenigen meiner Kinder, die noch am Leben sind, ja selbst meine
und das verräterische Klicken seiner losen Fliesen rief unweigerlich unsere    Enkel treffen mittlerweile für mich die Entscheidungen. Seit Jahren erlau-
Mutter auf den Plan und vereitelte so manche nächtlichen Streiche. Die         ben sie mir nicht mehr, Auto zu fahren oder einen Scheck auszustellen. Sie
Deckenbalken knarzten ohne ersichtlichen Grund, die Türen quietsch-            reden mit mir, als würde ich sie nicht hören oder nicht verstehen. Ehrlich
ten, die Läden schlugen auch ohne Wind rhythmisch gegen die Wand.              gesagt funktioniert mein Gehör noch bestens; ich habe bloß keine Lust
Draußen summten die Bienen, und im Sommer, wenn gegen Abend ein                zuzuhören. Es stimmt schon: Meine Augen haben nachgelassen, meine
Tag voller kindlicher Abenteuer zu Ende ging, wurde man von dem aber-          Hände zittern, die Beine versagen mir den Dienst, und meine Geduld ist
witzigen Gesang der Zikaden umfangen. Bei Sonnenuntergang setzte die           schnell erschöpft, wenn meine Enkel und Urenkel mich besuchen. Aber
erste ein, gefolgt von den anderen, bis wie auf ein Signal alle verstummten,   auch wenn ich alt bin, bin ich noch lange nicht verkalkt. Ich weiß, welchen
aus Angst vor der drohenden Dunkelheit, vermute ich.                           Tag wir haben und wie unverschämt teuer alles geworden ist. Es mag mir
   Das Haus, in dem ich geboren wurde, war ein lebendiges Wesen.               vielleicht nicht gefallen, doch ich weiß es.
Niemand erschrak, wenn es im Winter einen Hauch von Orangenblüten                 Ich weiß ganz genau, wie viel mich diese Reise kosten wird.
verströmte oder wenn mitten in der Nacht ein leises, herrenloses Lachen           Und obwohl ich ein alter Mann bin, führe ich keine Selbstgespräche
erklang. In diesem Haus gibt es keine Geister, erklärte mir mein Vater.        oder sehe Dinge, die nicht da sind. Noch nicht. Ich kann sehr wohl zwi-
Was du hörst, ist der Nachhall der Menschen, die hier gelebt haben und         schen Erinnerung und Wirklichkeit unterscheiden, auch wenn die Er-
den das Haus bewahrt, damit wir uns an sie erinnern. Ich verstand, was         innerung mir zunehmend verlockender erscheint als die Wirklichkeit. Im
er meinte. Ich dachte an die zweiundzwanzig Geschwister meines Groß-           Geiste ordne ich, wer was gesagt hat, wer wen geheiratet hat und wann
vaters, die hier ein und aus gegangen waren, und es erschien mir nur           was geschehen ist. Wieder und wieder durchlebe ich das königliche Ge-
logisch, dass auch Jahre später ihr Lachen in den Winkeln des Hauses           fühl, im obersten Wipfel des Nussbaums zu sitzen, die Hand nach einer
widerhallte.                                                                   Nuss auszustrecken und sie mit dem besten Nussknacker aufzubrechen,
   So wie all die Jahre, die ich in diesem Haus verbracht habe, vermut-        den ich je hatte: den eigenen Zähnen. Aus den Tiefen meiner Erinnerung
lich den einen oder anderen Nachhall hinterlassen haben – nicht umsonst        dringt alles, was ich gehört, gesehen und gerochen habe, so intensiv her-
sagte meine Mutter immer: Kannst du nicht endlich still sein, Junge? Du        vor, als wäre es heute gewesen. Wenn jemand neben mir eine Orange

                                    30                                                                             31
zerteilt, trägt mich der Duft zurück in die Küche meiner Mutter oder den          Sicher lag sie tot irgendwo in der Wildnis. Beatriz kannte Nana Reja
Obstgarten meines Vaters. Die Dosen mit Kondensmilch, die man kaufen           schon ihr ganzes Leben, denn die Morales und die Cortés waren seit Ge-
kann, erinnern mich an die unermüdlichen Hände meiner Großmutter,              nerationen Nachbarn und besuchten einander regelmäßig. Und obwohl
die stundenlang am Herd stand und die Milch umrührte, damit sie beim           sie auch Francisco Morales seit frühester Kindheit gekannt hatte, hatte sie
Karamellisieren nicht anbrannte.                                               sich mit sechzehn in ihn verliebt, als er sie – frisch vom Ingenieurstudium
   Das Zirpen der Grillen und das Summen der Bienen, das man heut-             an der Universität von Notre-Dame zurück – beim Ostersamstagsball auf-
zutage in der Stadt nur noch selten hört, bringt mich unwillkürlich zurück     gefordert und eine ganze romantische Nacht lang mit ihr getanzt hatte.
in meine Kindheit. Immer noch schnuppere ich nach einem Hauch von                 Seit dem Tod ihres Schwiegervaters teilte Beatriz mit ihrem Mann die
Lavendel, und manchmal erhasche ich ihn, auch wenn ich weiß, dass er           Verantwortung für die Ländereien, die er geerbt hatte, mit allem, was da-
nicht wirklich ist. Wenn ich nachts die Augen schließe, höre ich das Klicken   zugehörte. So fühlte sie sich auch für die alte Frau verantwortlich, die jetzt
der Fliesen, das Knarren der Balken und das Schlagen der Fensterläden,         verschwunden war.
obwohl es in meinem Haus in der Stadt weder lose Fliesen noch Balken              Alle Angestellten der Hazienda wurden losgeschickt, die einen in den
oder Fensterläden gibt. Ich fühle mich, als wäre ich zu Hause, in dem          Ort, um herumzufragen, die anderen auf die Suche in die Berge.
Haus, das ich in meiner Kindheit viel zu früh verließ. Das Haus ist bei mir,      »Und wenn ein Bär sie verschleppt hat?«
und das gefällt mir.                                                              »Dann hätten wir Spuren gefunden.«
                                                                                  »Aber wo kann sie denn hingegangen sein, wo sie sich doch seit mehr
                                                                               als dreißig Jahren nicht von der Stelle gerührt hat?«
                                                                                  Das war die große Frage. Sie mussten sie finden, tot oder lebendig.

                                    3                                          Während Francisco einen berittenen Suchtrupp zusammenstellte, nahm

                    Der verlassene
                                                                               Beatriz in dem leeren Schaukelstuhl der alten Frau Platz, der unter ih-
                                                                               rem Gewicht knarzte. Anfangs dachte sie, dies sei ein guter Ort, um auf
                                                                               Nachrichten zu warten, aber bald bat sie die Wäscherin Lupita, ihr einen

                    Schaukeluhl
                                                                               anderen Stuhl zu bringen, denn sosehr sie sich auch bemühte, sie konnte
                                                                               das Schaukeln des Stuhls nicht unter Kontrolle bringen.
                                                                                  So saß sie endlose Stunden auf ihrem eigenen Stuhl, während Nana
                                                                               Rejas Schaukelstuhl neben ihr hin und her schwang, vielleicht nur aus
                                                                               alter Gewohnheit, vielleicht bewegt vom Wind aus den Bergen. Mati, die
Diesen Oktobermorgen des Jahres 1910 würde Beatriz Cortés de Morales           Köchin, brachte ihr das Frühstück, aber Beatriz hatte keinen Appetit. Sie
zeit ihres Lebens nicht vergessen.                                             konnte nichts weiter tun, als in die Ferne zu starren in der Hoffnung, dort
   Als jemand wie wild an ihre Zimmertür hämmerte, sprang sie aus dem          irgendeine Bewegung auszumachen, die die Eintönigkeit der Felder oder
warmen Bett und öffnete mit dem Gedanken, dass wohl eines der Zucker-          die raue und vollkommene Schönheit des Gebirges durchbrach.
rohrfelder brennen musste. Vor ihr stand Pola und weinte: Nana Reja war           Einen hübschen Blick auf die Berge und auf die Zuckerrohrfelder hatte
spurlos verschwunden. Lag sie denn nicht in ihrem Bett? Nein. Und in           man von hier. Beatriz hatte die Umgebung noch nie aus dieser Perspek-
ihrem Schaukelstuhl? Da saß sie auch nicht. Wo konnte die alte Frau nur        tive betrachtet und verstand nun, was Nana Reja an diesem Ort fasziniert
sein?                                                                          hatte. Aber warum schien sie hinter ihren geschlossenen Lidern immer auf

                                    32                                                                              33
diese endlosen, gleichgültigen Berge zu starren? Warum waren ihre blick-         einschlief. Und nicht so, mitten in der Wildnis, vielleicht zerrissen von
losen Augen unentwegt auf den Pfad gerichtet, der sich zu ihnen hinauf-          einem wilden Tier, verängstigt und einsam.
wand? Wonach hielt sie Ausschau?                                                    Dass ein so langes Leben so enden musste …
   Während sie auf Neuigkeiten wartete, kam Beatriz zu dem Schluss, dass            Beatriz schüttelte die Trauer ab: Es gab viel zu tun, bevor sie den Leich-
kaum Hoffnung bestand, die Nana lebend zu finden. Da sie eine praktisch          nam brachten.
veranlagte Frau war, ging sie bald dazu über, die Trauerfeier zu planen: Sie        Als aber die Männer mit dem beladenen Karren eintrafen, musste sie
würden sie in ein weißes Leinentuch hüllen und in einem Sarg aus feinem          erkennen, dass alle ihre Vorbereitungen und Planungen umsonst gewe-
Holz begraben, nach dem sie schon geschickt hatte. Pater Pedro würde             sen waren: Entgegen aller Voraussicht war die alte Nana noch sehr leben-
die Messe halten, und ganz Linares würde zur Beerdigung der ältesten             dig.
Frau der Gegend eingeladen werden.
   Aber ohne Leiche gab es natürlich keine Totenwache. Und konnte man
eine Totenmesse ohne Toten lesen lassen?
   Was den Schaukelstuhl betraf, war Beatriz noch unschlüssig, was mit ihm
geschehen sollte. Man könnte ihn verbrennen und die Asche im Garten                                                   4
                                                                                                  Im Schatten des
verstreuen oder ihn zu Kleinholz verarbeiten und der Toten so mit in den
Sarg geben. Oder man ließ ihn einfach an seinem Platz, zur Erinnerung an

                                                                                                  Anacahuitabaums
den Körper, der so viele Jahre in ihm gesessen hatte. Es wäre ein Sakrileg
gewesen, ihn, der so fest mit Nana Reja verwachsen war, irgendjemand
anderem zur Nutzung zu überlassen, so viel stand fest.
   Nachdenklich betrachtete sie den alten Schaukelstuhl: Sie hatte ihn
noch nie leer gesehen. Noch nie hatte sie ihn reparieren lassen oder etwas
zu seiner Instandhaltung unternommen – und doch war er völlig intakt.            Francisco würde ihr später erzählen, wie ein paar Erntehelfer sie etwa an-
Beim Schaukeln knarzte er leise, aber ansonsten schienen ihm Zeit und            derthalb Meilen vom Haus entfernt gefunden hatten. Anschließend waren
Witterung ebenso wenig anhaben zu können wie seiner Besitzerin. Sie              sie aufgebracht zu ihm gekommen, weil sich die alte Frau weigerte, mit
waren eins, und Beatriz dachte: Solange der eine lebt, lebt auch die an-         ihnen zu reden oder sich von der Stelle zu rühren. Also hatte Francisco
dere.                                                                            nach dem Karren geschickt und war dann selbst dorthin geritten, wo Nana
   Plötzlich bemerkte sie alarmiert, wie jemand auf dem Pfad durch die           Reja mit geschlossenen Augen im Schatten eines Anacahuitabaums auf
Zuckerrohrfelder auf sie zugelaufen kam.                                         einem Stein saß und sich vor und zurück wiegte. Auf ihrem Schoß lagen
   »Was gibt es, Martín? Habt ihr sie gefunden?«                                 zwei Bündel, eines in ihre Schürze gehüllt, das andere in ihr Schultertuch.
   »Ja, Señora. Señor Francisco schickt nach dem Karren.«                        Vorsichtig trat er an sie heran, um sie nicht zu erschrecken.
   Beatriz sah ihm nach, als er eilig weiterlief, um das Gefährt zu holen.          Er sagte: »Nana Reja, ich bin’s, Francisco«, und schrak seinerseits zu-
Sie haben die Leiche gefunden, dachte sie, und obwohl sie pragmatisch            sammen, als sie die Augen öffnete. »Was machst du denn hier, so weit weg
veranlagt war, erfüllte sie tiefe Trauer. Nana Reja war steinalt, ihr baldiger   von zu Hause?«, fragte er, ohne wirklich auf eine Antwort zu hoffen.
Tod war zu erwarten gewesen, aber sie hätte ihr einen anderen Abgang                »Ich bin gekommen, um ihn zu holen«, antwortete sie mit einer Stim-
gewünscht: dass sie in ihrem Bett oder in ihrem Schaukelstuhl friedlich          me, die rau war von Alter und mangelndem Gebrauch.

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