Sportbegeisterung zwischen Gesellschaft, Gender und intensiven Emotionen - unipub

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Sportbegeisterung zwischen Gesellschaft, Gender und intensiven Emotionen - unipub
Sportbegeisterung zwischen Gesellschaft,
   Gender und intensiven Emotionen

                      Masterarbeit

             zur Erlangung des akademischen Grades
                      Master of Arts (MA)

              an der Karl-Franzens-Universität Graz

                          vorgelegt von

                  Stefanie Jamnig, BA

  am Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie
      Begutachterin: Univ.-Prof. Dr.phil. Johanna Rolshoven

                           Graz, 2021
Sportbegeisterung zwischen Gesellschaft, Gender und intensiven Emotionen - unipub
Inhaltsverzeichnis

1     Einleitung ............................................................................................................................ 1

2     Sportethnologie ................................................................................................................... 4

    2.1      Die Anfänge der Fachrichtung .................................................................................... 4

    2.2      Aktueller Forschungsstand ........................................................................................ 10

    2.3      Publikumsforschung .................................................................................................. 12

3     Sport und Gesellschaft ...................................................................................................... 15

    3.1      Die Entstehung des modernen Sports vom 18. bis ins 20. Jahrhundert ..................... 15

    3.2      Der Sport im 21. Jahrhundert .................................................................................... 20

    3.3      Werte und Normen in Sport und Gesellschaft ........................................................... 24

    3.4      Sport und seine politische Komponente .................................................................... 26

    3.5      Genderaspekt ............................................................................................................. 30

      3.5.1        Klischees und geschlechtsspezifische Stereotype .............................................. 32

      3.5.2        Sexismus............................................................................................................. 34

      3.5.3        Maskulinität, Machismo und die männliche Herrschaft .................................... 38

      3.5.4        Geschlechterrollen im Stadion und der Weg hinaus durch das Undoing Gender ..
                    ............................................................................................................................ 39

4     Sport und Fans .................................................................................................................. 43

    4.1      Definitionen und Fantypen in der Wissenschaft ........................................................ 43

    4.2      Definitionen und Fantypen meiner Interviewpartner und -partnerinnen ................... 47

    4.3      Meine Definition vom Fan ........................................................................................ 48

    4.4      Kurzer Exkurs zu Ultras und Hooligans .................................................................... 48

    4.5      Motivation von Sportfans .......................................................................................... 49

    4.6      Der Inszenierungscharakter von Fans und Fangruppen ............................................ 52

      4.6.1        Von Choreografien und Gesangsschlachten ...................................................... 55

5     Sport und Emotionen ........................................................................................................ 58

    5.1      Wissenschaftliche Ansätze der Emotionsforschung .................................................. 58
5.2      Emotionen im Sport ................................................................................................... 60

      5.2.1        Anekdote aus meiner Kindheit ........................................................................... 61

      5.2.2        Corona – die Stadien sind leergefegt .................................................................. 62

      5.2.3        Fanausschreitungen ............................................................................................ 64

6     Empirie .............................................................................................................................. 66

    6.1      Theoretischer Hintergrund der verwendeten Methoden ............................................ 66

      6.1.1        Interview ............................................................................................................. 66

      6.1.2        Diskursanalyse ................................................................................................... 67

      6.1.3        Selbstreflexion .................................................................................................... 68

    6.2      Ergebnisse .................................................................................................................. 69

      6.2.1        Felix, 26 – Fußballfan und bekennender Ultra des Sturm Graz ......................... 69

      6.2.2        Michaela, 41 – leidenschaftliche Arsenal-Supporterin ..................................... 72

      6.2.3        Thomas, 43 – Vorsitzender und Fanbeauftragter des größten Basketballfanclubs
      in Österreich ...................................................................................................................... 75

      6.2.4        Max, 30 – Eishockeyfan und Mitbegründer eines eigenen Fanclubs ................. 79

7     Resümee ............................................................................................................................ 83

8     Abbildungsverzeichnis ...................................................................................................... 88

9     Literaturverzeichnis .......................................................................................................... 88
1 Einleitung

Wächst man in einer sehr sportbegeisterten Familie auf, nimmt der Sport von Beginn an eine
sehr große Rolle im Leben ein. Von Kindesbeinen an habe ich meinen Vater vom Spielfeldrand
beim Fußball angefeuert, haben uns am Tennisplatz hin und her gejagt, sind die Pisten
hinuntergefahren und gemeinsam mit meiner Schwester haben wir beim Leichtathletiktraining
die Runden auf der Bahn gedreht.

Die Sportarten haben sich heute zwar ein bisschen geändert, jedoch nicht die Liebe zum Sport.
Auf der Suche nach einem Thema für meine Masterarbeit, welches mich nicht nur interessieren,
sondern mir auch Freude bereiten sollte, bot sich der Sport somit quasi an. Nach dem
Eingrenzen des Themengebietes war auch das genaue Forschungsfeld schnell gefunden. Schon
immer hat mich die mitreißende Stimmung und Energie der Fanmassen in den Stadien
fasziniert. Ganz automatisch habe ich bei den Jubel- und Buhrufen in der Eishockeyhalle
miteingestimmt, denn man verspürt dabei ein ganz eigenes, fast schon berauschendes Gefühl,
das nur schwer zu beschreiben ist.

Die vorliegende Arbeit soll sich also mit Sport und den Emotionen der Zuseher und
Zuseherinnen befassen, wobei versucht wird, folgende Fragen zu beantworten:

    Welchen Stellenwert hat der Sport in unserer Gesellschaft und wie beeinflussen diese
       Bereich einander?
    Welche Rolle nimmt das Geschlecht im aktiven, wie auch passiven Sport ein?
    Was bezeichnen wir als Fans und welche Motivation steckt hinter ihrer
       leidenschaftlichen Euphorie für ihren Verein?
    Inwieweit sind Emotionen ein Teil dabei und welche Wirkung hat die Coronapandemie
       darauf?

Nach der Einleitung soll mit dem zweiten Kapitel in die Fachrichtung der Sportethnologie
eingeführt werden. Das noch recht junge Forschungsfeld hat relativ lange um das ihm
gebührende Ansehen kämpfen müssen, bis die Wissenschaft dessen Mehrwert und Wichtigkeit
erkannte. Nachdem die Anfänge der Sportethnologie behandelt werden, folgt der aktuelle
Forschungstand, mit einigen wichtigen Forschungen namhafter Ethnologen und Ethnologinnen.

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Auf Grund der Thematisierung der Zuseher und Zuseherinnen wird in diesem Abschnitt
abschließend der Blick auch kurz auf die Publikumsforschung gerichtet.

Das dritte Kapitel widmet sich den Zusammenhängen zwischen der Gesellschaft und dem
Sport. Da die Stellung des Sports in der jeweiligen Gesellschaft und Zeit sehr stark mit den
aktuellen Geschehnissen verknüpft ist, soll zunächst die historische Entwicklung des modernen
Sports zu dem, was er heute ist, behandelt werden. Wenig überraschend finden sich dabei
zahlreiche Überschneidungen und Parallelen im Werte- und Normensystem der beiden
Bereiche, welche im Anschluss beleuchtet werden sollen.

Nach der darauffolgenden Analyse der politischen Komponente des Sports soll sich dieses
Kapitel auch den Genderfragen in diesem Themenfeld widmen. Dabei wird das Augenmerk vor
allem auf die geschlechtsspezifischen Stereotype und Klischees, den Sexismus, sowie auf die
Maskulinitätsvorstellungen gerichtet. Abgerundet wird dieser Abschnitt durch die
Thematisierung der Geschlechterrollen im Stadion und den möglichen Ausbruch durch das
sogenannte Undoing Gender.

Im Fokus des vierten Kapitels finden sich die Fans. Wie aber lässt sich dieser Begriff eigentlich
definieren? Schon vorab kann gesagt werden, dass dies keine einfach zu beantwortende Frage
ist und es keine universell gültige Antwort darauf gibt. Um diesen Begriff aber dennoch etwas
greifbarer zu machen, wird mittels mehrerer Definitionen aus der Wissenschaft sowie meiner
Interviewpartner und Interviewpartnerinnen versucht, diesen zu erläutern. Nach der
Bestimmung des Terminus soll anschließend der Motivation der Sportfans sowie deren
Inszenierungscharakter auf den Grund gegangen werden.

Wie bereits eingangs erwähnt, sollen auch die Emotionen in dieser Arbeit behandelt werden,
da für die meisten Fans Gefühlsausbrüche ein fixer Bestandteil des Sports sind. Von eben dieser
Materie handelt das fünfte Kapitel. Nach einem kurzen Diskurs über die Emotionen in der
Wissenschaft, soll diese Verbindung zwischen Sport und Emotionen analysiert werden. Wie
wichtig diese ist, zeigt auch die aktuelle Pandemie, deren Einflüsse im darauffolgenden
Abschnitt thematisiert werden.

Im Zusammenhang mit den Emotionen sollen auch die Fanausschreitungen erwähnt werden.
Da sich diese Arbeit jedoch eher auf die positiven Emotionen konzentrieren soll, wird diese
Thematik demnach nur kurz angeschnitten.

Mit dem letzten Kapitel soll schließlich genauer auf meine Forschung eingegangen werden.
Nach der anfänglichen theoretischen Einleitung zu den verwendeten Methoden – Interview,
                                                                                               2
Diskursanalyse und Selbstreflexion – folgt eine intensive Auseinandersetzung mit den vier
Hauptinterviews, die im Laufe der Arbeit häufig zitiert werden: Felix, Fußballfan und
bekennender „Ultra“ des SK Sturm Graz, Michaela, eine leidenschaftliche FC-Arsenal-
supporterin, Thomas, der Vorsitzende und Fanbeauftragte des größten österreichischen
Basketballfanclubs und Max, Eishockeyfan und Mitbegründer eines eigenen Fanclubs. Alle
Personen wurden anonymisiert.

Abgeschlossen wird die vorliegende Arbeit mit einem Resümee, in dem die Thematik noch
einmal kurz zusammengefasst und die Antworten auf meine Forschungsfragen gegeben werden
sollen.

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2 Sportethnologie

Die Fachrichtung der Sportethnologie ist heute weit verbreitet, doch das war nicht immer so.
Im folgenden Kapitel soll zunächst eben diese sich ab dem 19. Jahrhundert anbahnende
Entwicklung beleuchtet werden. Ebenso sollen hier auch dem aktuellen Forschungsstand,
beziehungsweise den aktuellen Forschenden dieses Themenschwerpunktes Raum geboten
werden.

Auf Grund meiner Auseinandersetzung mit den Zusehern und Zuseherinnen von
Sportveranstaltungen, wird anschließen ebenso ein kurzer Blick auf die Historie der
Publikumsforschung gerichtet.

2.1 Die Anfänge der Fachrichtung

Ob im antiken Rom, im alten Griechenland, bei Ritterspielen im Mittelalter oder bei den
wiedereingeführten Olympischen Spielen Ende des 19. Jahrhunderts, der Sport genießt seit
jeher große Aufmerksamkeit im Leben der Menschheit. Besonders heute ist er bei vielen ein
fixer Bestandteil des Alltags. Trotz der weit zurückreichenden Popularität, befasste sich die
Wissenschaft dennoch erst relativ spät mit dem Sport.

Bis ins frühe 19. Jahrhundert waren Analysen zu Sportphänomenen meist nur kleine
Nebenprodukte von Studien, die ursprünglich eine andere Zielsetzung verfolgten. Mit den
kommenden Jahrzehnten änderte sich schließlich das Interesse der wissenschaftlichen Welt am
Sport. Dabei kann jedoch von keinem leichten Start gesprochen werden. Sportliche Betätigung
galt zu jener Zeit als billiges Vergnügen für Bürger zweiter Klasse und wurde somit von der
Bourgeoise kaum beachtet. Einige Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen jener Zeit
erkannten dennoch die Wichtigkeit des Sports als Forschungsfeld und die daraus zu
gewinnenden Erkenntnisse für die Gesellschaft. Vorreiter unterschiedlichster Disziplinen, wie
der Ethnologie, der Soziologie oder der Pädagogik, nutzten und stärkten sich gegenseitig, um
Anerkennung für den Sport als wissenschaftliches Feld zu erkämpfen.1

Erste kulturanthropologische Ansätze in dieser Richtung konzentrierten sich hauptsächlich auf
die Rituale bei Spielen fremder Kulturen. So erforschte der amerikanische Ethnologe und Maler

1
    Vgl. Karl-Heinrich Bette: Sportsoziologische Aufklärung. Bielefeld 2011, S. 183.
                                                                                           4
George Catlin2 1834 etwa Körperpraktiken und Spiele der indigenen Bevölkerung in
Nordamerika, wobei er sich besonders für Pferderennen, Ringkämpfe und ein dem Lacrosse
ähnliches Laufspiel interessierte. Dabei handelte es sich nicht um klassische Wettkämpfe, wie
wir sie heute kennen, sondern viel eher um zeremonielle Rituale, bei denen der Kampf gegen
Gut und Böse verkörpert wurde. Sie boten zudem die Möglichkeit, sich mit anderen Stämmen
fernab von kriegerischen Auseinandersetzungen zu messen.3

In der Soziologie war Herbert Spencer4 1861 einer der ersten Vertreter seines Faches, der sich
mit der Thematik auseinandersetzte und dazu publizierte. Er sah im Sport eine Möglichkeit des
Abbaus der überschüssigen Energie und untersuchte des Weiteren die Rolle des Körpers für die
Entwicklung der geschlechtsspezifischen Identität.5

1879 setzte der britische Anthropologe Edward Burnett Tylor mit seinem Werk „Geschichte
der Spiele“6 einen Grundstein für die interkulturell vergleichende Spielforschung. Er befasste
sich mit dem Sport als grenzüberschreitendes Phänomen, welches in andere Kulturen integriert
und an vorherrschende Gebräuche angepasst wird. Sein Wirken reichte so weit, dass sich kleine
Subdisziplinen in den Bereichen der Pädagogik, der Psychologie sowie der Soziologie
entwickelten. Im Bereich der Psychologie wäre etwa der Sozialpsychologe Norman Triplett zu
erwähnen, welcher 1898 ein Buch7 zu den dynamischen Faktoren eines Wettbewerbs
veröffentlichte, aber auch Thorstein Veblen, früherer Soziologe, Kulturkritiker und Ökonom
sollte mit seiner Ende des 19. Jahrhunderts veröffentlichten Abhandlung „Theorie der
Freizeitklasse“8 (1899) genannt werden.9

Schleppend ging es auch in den ersten Jahren des folgenden Jahrhunderts weiter. Es
analysierten und publizierten zwar immer mehr namhafte Soziologen, wie Georg Simmel10 oder
Max Weber11 zur Thematik des Sports, doch bis zum großen Durchbruch des Forschungsfeldes
sollte es noch einige Jahrzehnte dauern.

2
   Vgl. George Catlin: Letters and Notes on the Manners, Customs, and Conditions of the North American
Indians. 2 Bände. London 1841.
3
  Vgl. Bette: Sportsoziologische Aufklärung, S. 183–184.
4
  Vgl. Herbert Spencer: Education: Intellectual, Moral und Physical. London 1861.
5
  Vgl. Bette: Sportsoziologische Aufklärung, S. 185.
6
  Vgl. Edward Burnett Tylor: The History of Games. In: The Fortnightly Review (1879), Vol. 31 Jänner-Juni, S.
735–747.
7
  Vgl. Norman Triplett: The dynamogenic factors of pacemaking and competition. In: American Journal of
Psychology (1898), 9. Jg., Heft 4, S. 507–533.
8
  Vgl. Thorstein Veblen: The Theory of the Leisure Class. New York 1899.
9
  Vgl. Bette: Sportsoziologische Aufklärung, S. 184–186.
10
   Vgl. Georg Simmel: Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung. Berlin 1908.
11
   Vgl. Max Weber: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie I. Tübingen 1920.
                                                                                                            5
Gezeichnet von den Geschehnissen des Ersten Weltkrieges, fand die Bevölkerung neuen Trost
und vor allem Ablenkung im Sport – sei es aktiv oder passiv. Die zahlreichen Wettkämpfe,
neuen Weltrekorde und die im Jahr 1896 erstmals wieder stattfindenden und sich alle vier Jahre
wiederholenden Olympischen Spiele brachten neue Lebendigkeit und Freude in das triste Leben
der damaligen Zeit. Der Sport war nun nicht mehr nur Teil der arbeitenden Klasse, sondern
gewann auch in höheren Schichten an Ansehen. Auch in der Wissenschaft sorgte zu jener Zeit
ein Werk für Aufsehen. 1921 wurde von Heinz Risse die weltweit erste Monografie 12, welche
sich ausschließlich mit der Soziologie des Sports beschäftigte, veröffentlicht. Das sehr
gesellschaftskritische Werk wurde von der akademischen Welt jedoch nicht wie erhofft
angenommen und sogar Risse selbst zweifelte einige Jahre nach der Veröffentlichung an der
Qualität seiner Publikation.13

In den folgenden Jahrzehnten gelang es etwa der Sportsoziologie, den Sportwissenschaften und
der Sportpsychologie vor allem im englischsprachigen Raum an Anerkennung zu gewinnen. Im
deutschen Sprachraum konnten sich die Fachrichtungen erst ab Mitte des 20. Jahrhunderts
durchsetzen. In Frankreich war die Situation ähnlich, erst Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre
wurden vermehrt freizeitsoziologische Studien in Bezug auf Sport veröffentlicht. Zu erwähnen
wären hier etwa die Forschungen der Soziologen Roger Caillois14 und Joffre Dumazedier15,
welche den Sport unter anderem als Möglichkeit der Befreiung von alltäglichen Zwängen
hervorhoben.16

Ab den 1960er Jahren wurde im Kampf um wissenschaftliche Anerkennung vermehrt versucht
die Sportsoziologie in den Ausbildungen der Sportpädagogik und der Sportwissenschaften zu
integrieren. Zusätzlich wurde von Vertretern und Vertreterinnen des Fachs angestrebt,
möglichst häufig bei sportwissenschaftlichen Kongressen präsent zu sein. Die Bemühungen
schienen jedoch nicht zu fruchten. Sport wurde von vielen immer noch als etwas
Nebensächliches und als ein nicht seriöses Forschungsobjekt gesehen.17

12
   Vgl. Heinz Risse: Soziologie des Sports. Berlin 1921.
13
   Vgl. Bette: Sportsoziologische Aufklärung, S. 190–194.
14
   Vgl. Roger Caillois: Les jeux et les hommes. Paris 1958.
15
   Vgl. Joffre Dumazedier: Contenue culturel du loisir ouvrier dans six villesd’ Europe. In: Revue Francais de
Sociologie (1963), 4/1, 12–21.
16
   Vgl. Bette: Sportsoziologische Aufklärung, S. 195–204.
17
   Vgl. Detlef Grieswelle: Sportsoziologie. Stuttgart [u.a] 1978, S. 8.
                                                                                                                 6
Die Wende in der Akzeptanz

Gegen Ende der 60er Jahre wurde dem Sport, als wissenschaftliches Forschungsfeld,
schließlich die nötige Anerkennung entgegengebracht. Mit der Erweiterung der Lehrstühle in
der Sportwissenschaft wurden von nun an eigenständige Fachrichtungen, wie beispielsweise
die Sportsoziologie, endlich als solche gesehen.18

Wo aber bleibt die Kulturanthropologie dabei? Der philosophische Anthropologe und
Soziologe Helmuth Plessner stellte zu Recht fest, dass in der Ethnologie dem Sport, trotz seiner
außerordentlichen gesellschaftlichen Bedeutung, bis in die späten 1950er Jahre quasi keinerlei
Beachtung geschenkt wurde19.

Während in den genannten Disziplinen das Feld bereits immer stärker erforscht wurde, schien
der Sport für Kulturwissenschaftler und Kulturwissenschaftlerinnen nach wie vor ein eher
exotisches Thema zu sein. Erst in den späten 60er und 70er Jahren rückte der Sport vermehrt in
den Blick der ethnologischen Forschung.

Zunächst schien der Durchbruch im angloamerikanischen Raum zu gelingen. Im Jahr 1974
schlossen sich einige Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen zusammen und gründeten die
„Association for Anthropological Study of Play“, welche im Jahre 1985 schließlich zur
Publikation „The Anthropology of Sport“ von Kendall Blanchard und Alyce Cheska führte –
eine für die kommenden Jahre sehr wichtige und richtungsweisende Veröffentlichung20.21
Gleichzeitig etablierte sich dadurch auch die gleichnamige Fachrichtung in Nordamerika, die
sich fortan mit gesellschaftlichen Phänomenen im Hinblick auf Sport und Ökonomie
beschäftigte22.

Zu     den      Vorreitern      unter      den     nordamerikanischen           Kulturanthropologen          und
Kulturanthropologinnen zählt einer der Gründer der American Anthropological Association,
Stewart Culin, der mit seinem 850-Seiten starken Buch zu den „Games of the North American
Indians“23 (1907), wohl eines der umfangreichsten Werke des Faches verfasst hat. Ohne Frage
ein Klassiker ist zudem das berühmte Essay24 von Clifford Geertz (1973), in dem er sich mit

18
   Vgl. Ebd., S. 9.
19
   Vgl. Bette: Sportsoziologische Aufklärung, S. 206.
20
   Vgl. Kendall Blanchard/Alyce T. Cheska: The Anthropology of Sport. An Introduction. Westport 1985.
21
   Vgl. Niko Besnier/Susan Brownell/Thomas F. Carter: The Anthropology of Sport: Bodies, Borders,
Biopolitics. Oakland 2018, S.11.
22
   Vgl. Juliane Müller/Christian Ungruhe/Christian Peter Oehmichen: Neue Perspektiven einer Ethnologie des
Sports. In: Zeitschrift für Ethnologie (2016): 1–18, hier S. 3–4.
23
   Vgl. Stewart Culin: Games of the North American Indians. Lincoln 1907.
24
   Vgl. Clifford Geertz: Deep play: notes on the Balinese cockfight. In: Clifford Geertz: The interpretation of
cultures. New York 1973, S. 412–453.
                                                                                                                  7
den Hahnenkämpfen auf der indonesischen Insel Bali befasst, aber auch Marshall Sahlins
(1999) Abhandlung25 zu japanischen Sumoringern prägte die Spate der Kulturanthropologie.26

In Europa waren es die Briten, die sich als erste Vertreter und Vertreterinnen des Faches
vermehrt mit der Materie auseinandersetzten. Zum einen Mary und Max Gluckman, die mit
ihrem 1977 veröffentlichten Buch27 zur Debatte um den rituellen Charakter von Sportwetten
beitrugen. Zum anderen Victor Turner28 (1987), welcher die Ansicht vertrat, dass der Sport in
einen modernen und einen traditionellen zu unterscheiden sei, wobei bei ersterem liminoide
Tendenzen erkennbar seien, also eine Art Schwellenzustand29 (näheres dazu im Kapitel 4.6.).
Die dichotomen Sichtweisen der beiden Wissenschaftler und der Wissenschaftlerin werden
jedoch heute mehrfach kritisiert.30

Das Interesse am Sport als wissenschaftliches Feld wurde nun auch in anderen europäischen
Ländern geweckt. So zählt wohl der französische Ethnologe Christian Bromberger zu einem
der bekanntesten Verfasser in dieser Materie. Er fokussierte sich häufig auf den Fußball und
untersuchte dabei etwa den rituellen Charakter des Spiels, wie auch dessen Rolle als Ausdruck
der Identität (198831). Auch der in Norwegen lebende argentinische Kulturanthropologe
Eduardo Archetti (1984) und sein Werk32, in dem er den Zusammenhängen von Sport und
nationaler Identität auf den Grund ging, muss hier erwähnt werden.33

Es lässt sich somit ein recht später Start der Sportethnologie, sowie weiterer sich mit dem Sport
befassenden Disziplinen, verzeichnen. Wie eingangs schon kurz erwähnt, galt die sportliche
Betätigung bis ins 19. Jahrhundert als trivial und derb. Eine Freizeitaktivität, die hauptsächlich
der arbeitenden Bevölkerung zugeschrieben wurde, obwohl auch in elitäreren Kreisen das
Interesse an Pferderennen, Rugby oder Boxen langsam geweckt wurde. Für die Etablierung in

25
   Vgl. Marshall D. Sahlins: Two or Three Things That I Know about Culture. In: The Journal of the Royal
Anthropological Institute (1999), 5(3) S. 399–421.
26
   Vgl. Müller/Ungruhe/Oehmichen: Neue Perspektiven einer Ethnologie des Sports, S.4.
27
   Vgl. Mary Gluckman/Max Gluckman: On Drama, Games, and Athletic Contests. In: Sally F. Moore und
Barbara G. Myerhof (Hg.): Secular Ritual. Amsterdam 1977, S. 227–243.
28
   Vgl. Victor W Turner: The anthropology of performance. New York 1987.
29
   Dies geht auf die Übergangsriten von Arnold van Gennep zurück. Bei der Erforschung von Ritualen beobachtete
Gennep, dass eine Person zwangsläufig mehrere Übergänge zwischen bestimmten Lebensphasen durchlebt (z.B.
Firmung, Bar Mizwa, von ledig zu verheiratet). Diese Übergänge unterteilt er in drei Phasen beziehungsweise
Riten: 1. Ablösungsphase und Trennungsriten, 2. Zwischenphase (Liminalität) und Schwellenriten, 3.
Integrationsphase und Angliederungsriten.
30
   Vgl. Müller/Ungruhe/Oehmichen: Neue Perspektiven einer Ethnologie des Sports, S.4.
31
   Vgl. Christian Bromberger: Pour une ethnologie du spectacle sportif: les matchs de football à Marseille, Turin
et Naples. In: B. Michon (Hg.): Sciences Sociales et Sports. Etats et Perspectives. Straßburg 1988, S. 237–266.
32
   Vgl. Eduardo P Archetti: Fútbol y ethos. Buenos Aires 1984.
33
   Vgl. Müller/Ungruhe/Oehmichen: Neue Perspektiven einer Ethnologie des Sports, S.4.
                                                                                                               8
der Wissenschaft reichte dies damals jedoch noch nicht. Über die Gründe dafür machten sich
auch schon zahlreiche Ethnologen und Ethnologinnen in der Vergangenheit Gedanken.34

Robert Sands35 sah etwa in der Tatsache, dass zu jener Zeit der Großteil der
Kulturwissenschaftler und Kulturwissenschaftlerinnen aus dem Bürgertum stammte, das
Ausschlaggebende für das Desinteresse in wissenschaftlicher Hinsicht. Norbert Elias und Eric
Dunning36 hingegen verorteten die Ursache, neben der mangelnden Fähigkeit des Forschers
und der Forscherin sich von der eigenen Gesellschaft und deren Werte und Normen zu
distanzieren, auch im Umstand, dass sich die Vertreter und Vertreterinnen unseres Faches lange
Zeit verstärkt mit fremden Kulturen befasst haben und die eigenen kulturellen und sozialen
Phänomene außer Acht ließen. Des Weiteren wurden sportliche Praxen häufig nicht mit
gesellschaftlichen Gegebenheiten in Zusammenhang gesehen. So wurden beispielsweise
Wettkämpfe lange Zeit lediglich aus einer rein ritualtheoretischen Sicht erforscht.37

Als sich der Sport in der westlichen Moderne immer stärker verankerte, begannen die
zeitgenössischen Ethnologen und Ethnologinnen den Terminus Sport zu hinterfragen und
hoben hervor, dass dieser immer wieder neu auszudifferenzieren sei. Etymologisch leitet sich
der Begriff vom Lateinischen (de)portare ab, was mit fortbringen oder sich vergnügen übersetzt
werden kann. Über das französische Wort deporter siedelte sich zunächst to disport im
Englischen an, wobei sich die verkürzte Version sport ab dem späten 17. Jahrhundert in
Großbritannien und ab dem 19. Jahrhundert im restlichen Europa durchsetzte. Damit wurde
eine   volkstümliche       Form      der   Versportung38       der    damals     noch     die    gehobenen
Gesellschaftsschichten betreffenden Wettkämpfe und Spiele gemeint.39

Im Europa des 19. und 20. Jahrhunderts wurde der Sport zunächst als „nicht-berufsbezogene
Freizeitgestaltung einer aristokratischen, meist ländlichen Elite“40 bezeichnet, gefolgt von einer
Freizeitgestaltung, die auch für soziale Schichten niederer Ränge bestimmt war, sowie als eine
idealisierte körperliche Ertüchtigung der breiten Masse. Heute wird der Begriff nicht mehr so
eng gefasst. Nach wie vor versteht man darunter eine Freizeitaktivität, aber der Sport ist auch

34
   Vgl. Ebd., S.4–5.
35
   Vgl. Robert R. Sands: Anthropology, Sport and Culture. Westport: Bergin & Garvey, 1999.
36
   Vgl. Eric Dunning/Norbert Elias: Sport im Zivilisationsprozeß. Studien zur Figurationssoziologie. Münster
1984.
37
   Müller/Ungruhe/Oehmichen: Neue Perspektiven einer Ethnologie des Sports, S.5.
38
   Unter der Versportung versteht man eine Umformung von volkstümlichen Festen, Schützenfesten, populären
Spielen und Wehrübungen zu Wettbewerben, bei denen der Kampf um Sieg oder Niederlage im Vordergrund
steht.
39
   Vgl. Ebd., S.6.
40
   Ebd., S.6.
                                                                                                               9
Ausgleich, Gesundhaltung, Entspannung, Streben nach gewissen Schönheitsidealen,
Selbstoptimierung, Beruf, sozialisierendes Mittel, Selbstverwirklichung oder Abenteuer. Schon
diese Zahl an Aspekten, die der Sport in unserer heutigen Gesellschaft innehat, macht dessen
Bedeutung im 21. Jahrhundert ein wenig sichtbar.41

2.2 Aktueller Forschungsstand

Passend zur zunehmenden Bedeutung des Sports in unser aller Leben, summieren sich im 21.
Jahrhundert auch die publizierten Abhandlungen zahlreicher Ethnologen und Ethnologinnen.
Müller, Ungruhe und Oehmichen halten hierbei fest, dass sich diese aktuellen Forschungen zum
einen sehr stark am englischsprachigen Raum orientieren und sich zum anderen quasi in zwei
Lager aufteilen lassen. Der Hauptunterschied zwischen diesen sei die Bemühung einiger
Vertreter und Vertreterinnen, die Sportethnologie als eigenständigen Schwerpunkt zu
etablieren, was bei jenen, die eben genau dies nicht versuchen, auf Gegenwind stößt. Sie wollen
viel eher ethnologische Methoden sowie Diskurse auf die mit dem Sport in Verbindung
stehende Phänomene anwenden.42

Ersterem Standpunkt wären etwa Kulturanthropologen und Kulturanthropologinnen wie
Kendall Blanchard, Robert Sands, Niko Besnier oder Susan Brownell zuzuschreiben.
Blanchard43 (1995) konzentriert sich etwa auf die Kultur als eine wesentliche Rolle bei der
Analyse sportethnologischer Forschungen. Er ist der Ansicht, dass kulturelle Einflüsse
sportliche Settings durchdringen und beeinflussen. Der Sport reflektiert demnach die Kultur
und die Kultur reflektiert den Sport. Einer Wechselwirkung, der sowohl Sands44 (2002), als
auch Besnier und Brownell45 (2012) auf den Grund gehen.46

41
   Vgl. Ebd., S.6.
42
   Vgl. Ebd., S.6.
43
   Vgl. Blanchard/Cheska: The Anthropology of Sport.
44
   Vgl. Robert R. Sands: Sport Ethnography. Champaign 2002.
45
   Vgl. Niko Besnier/Susan Brownell: Sport, Modernity and the Body. Annual Review of Anthropology (2012)
Vol. 41, S. 443–459.
46
   Vgl. Müller/Ungruhe/Oehmichen: Neue Perspektiven einer Ethnologie des Sports, S.6–7.
                                                                                                       10
Das Lager der zweiten Richtung ist etwas kleiner und dementsprechend wurden in diesem
Bereich auch weniger Publikationen veröffentlicht. Zu nennen wären hier jedoch beispielsweise
Sigrid Paul47, Corina Hietzge48 oder Rolf Husmann und Gundolf Krüger49.50

In den letzten Jahren wurden in unserem Fach die Rufe lauter, in der immer stärker
globalisierten Welt die diversen Phänomene und deren Verbindungen zu untersuchen. Der
Sport präsentiert sich hierfür als wunderbar geeignetes Forschungsfeld, denn er wird von
sozialen, kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Faktoren und Veränderungen beeinflusst
und spiegelt diese auch wider.51 Im nachfolgenden Kapitel 3 wird noch näher auf diese
Thematik eingegangen.

Vor diesem Hintergrund hat sich zum Beispiel die Migration als Feld in der Sportethnologie
entwickelt. Hier werden nicht nur zugewanderte Menschen und der Sport als integrativer
Charakter in den Fokus gesetzt, sondern auch die Migration von Sportlern und Sportlerinnen
selbst. Zu nennen wären unter anderem die Publikationen von Niko Besnier52 (2012), sowie
Dominik Schieder und Geir-Henning Presterudstuen53 (2014), die sich jeweils mit männlichen
Rugbyspielern in diesem Kontext auseinandersetzen, wie auch jene von Mari Engh und Sine
Agergaard54 (2015), die in Skandinavien lebende afrikanische Fußballerinnen ins Zentrum ihrer
Forschung rückten.55

Neben den Sportlern und Sportlerinnen an sich, zeigt sich das sportliche Umfeld natürlich
genauso als prädestiniertes Forschungsfeld der Ethnologie. Besonders Fans und die Fankulturen
sind hierbei sehr beliebt. Meist beschäftigen sich die jeweiligen Analysen mit einem einzelnen
Verein, wobei unterschiedliche Aspekte untersucht werden. Die Forschungsschwerpunkte
richten sich etwa auf geschlechtsspezifische Fragen, wie beispielsweise jene nach der Frau im
Fankontext, sowie der nach den traditionellen Bildern der Männlichkeit im Sport. Sehr häufig
finden sich aber auch Ethnografien, die sich auf die Fangruppen der Ultras und Hooligans

47
   Vgl. Sigrid Paul: Laufen als Beispiel traditioneller Sport- und Spielausübung in Afrika. In: Rolf
Husmann/Gundolf Krüger (Hg.): Ethnologie und Sport. Beiträge einer Tagung. Frankfurt a.M. 2002, S. 119–13.
48
   Vgl. Maud C. Hietzge: Kaleidoskope des Körpers. Rituale des Sports. Wiesbaden 2002.
49
   Vgl. Rolf Husmann/Gundolf Krüger (Hg.): Ethnologie und Sport. Beiträge einer Tagung. Frankfurt a.M. 2002.
50
   Vgl. Müller/Ungruhe/Oehmichen: Neue Perspektiven einer Ethnologie des Sports, S.6.
51
   Vgl. Ebd., S.10
52
   Vgl. Niko Besnier: The Athlete’s Body and the Global Condition: Tongan Rugby Players in Japan. In:
American Ethnologist (2012) Vol. 39 (3), S. 491–510.
53
   Vgl. Dominik Schieder/Geir-Henning Presterudstuen: Sport Migration and Sociocultural Transformation: The
Case of Fijian Rugby Union Players in Japan. In: The International Journal of the History of Sport (2014), Vol.
31 (11) S. 1359–1373.
54
   Vgl. Mari H. Engh/Sine Agergaard: Producing mobility through locality and visibility: Developing a
transnational perspective on sports labour migration. In: International Review for the Sociology of Sport (2015)
Vol. 50 (8) S. 974–992.
55
   Vgl. Müller/Ungruhe/Oehmichen: Neue Perspektiven einer Ethnologie des Sports, S.12
                                                                                                             11
konzentrieren, ebenso wie jene, die sich vor allem mit den positiven, wie auch negativen
Emotionen der Fans beschäftigen.

Spannende Werke bei den Genderfragen wären beispielweise die auch für diese Arbeit
herangezogenen Publikationen von Victoria Schwenzer56 (2002), Almut Sülzle57 (2011),
Brigitte Trip58 (2009) oder Eva Kreisky und Georg Spitaler59 (2006). Zu nennen wären aber
auch Ethnografien wie jene von Brigitta Schmidt-Lauber60 (2008) über den Verein FC St. Pauli,
sowie zahlreiche Abschlussarbeiten, die sich zum Teil auch auf Grazer Vereine konzentrieren.

2.3 Publikumsforschung

Basierend auf der soeben beschriebenen recht späten Etablierung des Sports als Forschungsfeld,
ist die ebenso späte Befassung mit dem Sportpublikum wenig überraschend. Im neu entdeckten
wissenschaftlichen Schwerpunkt, wurde den Zusehern und Zuseherinnen zunächst recht lange
keine oder nur geringe Beachtung geschenkt. Mit dem Ende der 1960er Jahre fanden sich nur
vereinzelt Publikationen, in denen die Besucher und Besucherinnen am Rande kurz
aufgegriffen wurden. Anfang der 70er Jahre widmeten sich dann schon vereinzelt einige
Wissenschaftler und Wissenschaftler von einem psychologischen Standpunkt aus dem Thema.
Dabei standen vor allem Versuche, das Publikum zu klassifizieren, im Vordergrund.61

Im Laufe des Jahrzehnts wurde das Forschungsspektrum immer breiter und Analysen zur
demografischen Zusammensetzung der Zuseher und Zuseherinnen, ihrer unterschiedlichen
sozialen Schichten und ihren wesentlichen Eigenschaften wurden veröffentlicht. Anzumerken
ist, dass sich die Forschungen fast ausschließlich auf den vor allem im deutschsprachlichen
Raum als Volkssport bezeichneten Fußball konzentrierten.62

In den 80er Jahren erlebte die Publikumsforschung einen regelrechten Boom. Zahlreiche
Forscher und Forscherinnen beschäftigten sich nun intensiv mit den Zusehern und

56
   Victoria Schwenzer: Fußball als kulturelles Ereignis: Eine ethnologische Untersuchung am Beispiel des 1. FC
Union Berlin. In: Zentrum für Europa- und Nordamerika-Studien (Hg.): Fußballwelten. Zum Verhältnis von
Sport, Politik, Ökonomie und Gesellschaft. Jahrbuch für Europa- und Nordamerika Studien, Folge 5/2001,
Wiesbaden 2002, S. 87–115, hier S. 109.
57
   Vgl. Almut Sülzle: Fußball, Frauen, Männlichkeiten. Eine ethnografische Studie im Fanblock. Frankfurt a.M.
2011.
58
   Vgl. Brigitte Trip: Rote Karte für die Damen. Wie im Fußball, so auch im Leben. Graz 2009.
59
   Vgl. Eva Kreisky/Georg Spitaler (Hg.): Arena der Männlichkeit. Über das Verhältnis von Fußball und
Geschlecht. Frankfurt a.M./New York 2006.
60
   Vgl. Brigitta Schmidt-Lauber (Hg.): FC St. Pauli. Zur Ethnographie eines Vereins. Münster 2008.
61
   Vgl. Hans J. Stollenwerk: Sport - Zuschauer - Medien. Edition Sport und Freizeit. Bd. 4. Aachen 1996. S.15.
62
   Vgl. Ebd., S.16.
                                                                                                            12
Zuseherinnen, vor allem aber mit den Jugendlichen unter ihnen. In diesem Zusammenhang
wurden auch gewalttätige Ausschreitungen oder Randale thematisiert. Durch die verstärkten
Medienberichterstattungen zu eben diesen aggressiven Verhalten gewisser Zuschauergruppen,
fokussierte sich die Wissenschaft in den folgenden Jahrzehnten verstärkt auf diesen Aspekt der
Sportpublikumsforschung.63

Vor allem aber ab dem 21. Jahrhundert steigerte sich das Interesse am Sportpublikum. Der
Soziologe Karl Heinrich Bette analysiert in seinem Buch die Beweggründe und hält dabei diese
fünf besonders ausschlaggebenden Punkte fest:

     (1) Durch die fortschreitende Kommerzialisierung des Sports hat sich das Interesse am
        Publikum nun auch auf außeruniversitäre Kreise ausgeweitet. Sponsoren und
        Medienanstalten beauftragen Forschungen, um möglichst viel über ihre Zielgruppen zu
        erfahren und sie bestmöglich beziehungsweise am gewinnbringendsten erreichen zu
        können.
     (2) Ein weiterer wichtiger Punkt betrifft die Fanausschreitungen bei Großveranstaltungen.
        Lange Zeit wusste man relativ wenig über die Motive der später als Hooligans betitelten
        Zuseher und Zuseherinnen. Nicht ohne Grund findet man heute eine beträchtliche Zahl
        an Werken, die sich mit den Fanausschreitungen, besonders unter Jugendlichen,
        beschäftigen. Unter ihnen etwa die bereits im letzten Jahrhundert entstandene Analyse
        des Zuseherverhaltens im Fußball von Nobert Elias und Eric Dunning64 (1984),
        gemeinsam mit der Leicester School of Sport Sociology, die zu einer
        richtungsweisenden Einordnung des Fanverhaltens beitrug.
     (3) Auch sportpsychologische Fragestellungen trieben die Publikumsforschung voran. Man
        interessierte sich an der möglichen Beeinflussung des Spiels durch die Fans, sowie für
        die Frage, ob es einen Unterschied für die Mannschaft macht, ob sie ein Heim- oder ein
        Auswärtsspiel bestreitet.
     (4) Die immer wiederkehrenden Dopingskandale sind ebenso maßgeblich für das verstärkte
        Interesse am Publikum. Bette merkt an, dass die Zuseher und Zuseherinnen durch ihren
        immerwährenden Ruf nach Höchstleitungen der Sportler und Sportlerinnen die
        Dopingkultur systematisch miterzeugen.
     (5) Als letzten Punkt nennt er die verstärkte Thematisierung der Zusammenhänge zwischen
        der Bevölkerung und gesellschaftlichen Systemen. Hierbei untersuchen zahlreiche

63
  Vgl. Ebd., S.16
64
  Vgl. Eric Dunning/Norbert Elias: Sport im Zivilisationsprozeß. Studien zur Figurationssoziologie. Münster:
Lit Verlag, 1984.
                                                                                                               13
Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen die Wechselwirkungen zwischen Sport und
           den gesellschaftlichen Phänomenen.65

65
     Vgl. Bette: Sportsoziologische Aufklärung, S. 15–19.
                                                                                        14
3 Sport und Gesellschaft

Nach dem kurzen historischen Abriss der Fachrichtung, soll nun in aktuelle Gegebenheiten
eingetaucht werden. Zunächst soll der Frage auf den Grund gegangen werden, wie sich der
Sport zu dem entwickelt hat, was er heute ist – einem Element, das aus unserm Alltag nicht
mehr wegzudenken ist. Im Verlauf der Analyse der Sportgeschichte wird sich zeigen, dass der
Sport unabdingbar mit aktuellen gesellschaftlichen Situationen in Verbindung steht, weshalb
im Anschluss auf die Parallelen der Werte- und Normensysteme, sowie die politische
Komponente eingegangen wird.

Abgerundet wird dieses Kapitel durch genderpolitische Fragen. Hierbei sollen die
geschlechtsspezifischen Stereotypen, der Sexismus und die Maskulinitätsvorstellungen
innerhalb des Sports, sowie die Geschlechterrollen im Stadion und ein diesbezüglich möglicher
Ausweg thematisiert werden.

3.1 Die Entstehung des modernen Sports vom 18. bis ins 20. Jahrhundert

Um das 18. Jahrhundert setzte sich der Begriff des Sports, wie bei der epistemologischen
Herleitung bereits kurz erwähnt, von Großbritannien ausgehend durch. Großbritannien ist
zudem das Land, welches als Geburtsort des modernen Sports angesehen wird.66 In den ersten
Jahren des Jahrhunderts wurden Sportereignisse stark durch ihren Jahrmarktcharakter
ausgezeichnet und waren somit vor allem durch Sensation und Unterhaltung geprägt. Parallel
dazu entwickelten sich die ersten groß organisierten Sportwettkämpfe. Besonders Rudern,
Pferderennen, Boxen und Cricket standen hierbei im Vordergrund.67

Die Wettkämpfe jener Zeit können jedoch nicht mit denen der Gegenwart verglichen werden.
Im Unterschied zum heute nicht enden wollenden Streben nach Rekorden, waren die
Sportereignisse im 18. Jahrhundert lediglich Momentaufnahmen. Natürlich wollten die
Teilnehmer und Teilnehmerinnen auch damals gewinnen, doch es wurden keinerlei Vergleiche

66
 Vgl. Allen Guttmann: From Ritual to Record: The Nature of Modern Sports. New York 2012. S 57.
67
 Vgl. Ilse Hartmann-Tews: Sportentwicklung in Europa unter Einbeziehung von Frauen. In: Das Parlament.
Aus Politik und Zeitgeschichte (24.06.2004), 31–38, hier S. 31.
                                                                                                         15
zu vergangenen Wettkämpfen gezogen, wie wir es heute kennen. Das Motto „Schneller, höher,
weiter“ galt jeweils nur für das spezifische Sportereignis.68

Nicht nur das Zusehen bei Sportereignissen, welches nach wie vor eher der Bourgeoisie
vorbehalten blieb, gewann an Popularität, auch das aktive Ausüben wurde in ihren Kreisen
immer präsenter. Zu diesem Zwecke gründeten Landadel und städtische Aristokratie zahlreiche
exklusive Sportclubs. Einer der bekanntesten war wohl die 1754 gegründete „Society of St.
Andrews Golfers“, welche kurz darauf durch den König zum „Royal and Ancient Club of St.
Andrews“ umbenannt wurde. Schon damals galt diese Institution als die wichtigste für die
Golfgemeinschaft in Großbritannien und fungiert auch noch heute als Dachverband des
Golfsports des Inselstaates.69

Die Industrielle Revolution

Mit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und verstärkt im 19. Jahrhundert zeichneten sich
große Veränderungen ab. Von Großbritannien ausgehend breitete sich die industrielle
Revolution über Westeuropa und Amerika aus. Die Zeit war geprägt von Fortschritt und
zukunftsweisenden Erfindungen, wie der Dampflokomotive, dem mechanischen Webstuhl oder
der häufig als Synonym für die Industrialisierung stehenden ersten Spinnmaschine „Spinning
Jenny“. Der Umschwung von einer Agrar- zu einer Industriegesellschaft wurde eingeläutet.
Schritt für Schritt wichen kleine Manufakturen großen Fabriken, die Produkte wesentlich
schneller und kostengünstiger erzeugen konnten.

Die rasant wachsenden Industriestädte zogen auch die teils in ärmlichen Zuständen lebende
bäuerliche Bevölkerung der ländlichen Regionen an, was das Wachstum umso stärker
beschleunigte. Viele Menschen fanden in den Fabriken zwar Arbeit, doch die sozialen
Verhältnisse verschlechterten sich rapide. Die Zeit war geprägt von Ausbeutung, sozialen
Missständen, schlechten Wohnverhältnissen und erschreckend langen Arbeitstagen. Die Kluft
zwischen den mittellosen Arbeitern und Arbeiterinnen und den kapitalistisch geprägten
Fabrikbesitzer und -besitzerinnen vergrößerte sich immer mehr.

Nicht nur die Arbeitswelt wurde von den Umwälzungen der industriellen Revolution
beeinflusst. Die Veränderungen drangen in jeden Lebensbereich vor, so auch in den des Sports.

68
   Vgl. Michael Maurer: Die Entstehung des Sports im 18. Jahrhundert. In: Europäische Geschichte Online
(EGO) (2010): http://ieg-ego.eu/de/threads/modelle-und-stereotypen/anglophilie/michael-maurer-die-entstehung-
des-sports-in-england-im-18-jahrhundert (Zugriff: 20.11.2020).
69
   Vgl. Ilse Hartmann-Tews: Sportentwicklung in Europa unter Einbeziehung von Frauen, S. 31.
                                                                                                          16
Hierbei muss zwischen zwei Ausprägungen unterschieden werden: Zum einen der Sport der
Unterschicht, zum anderen der Leistungssport.

Beginnen wir zunächst mit der neuen Popularität des Sports unter der arbeitenden Bevölkerung.
Die tägliche Arbeit in den Fabriken war meist durch stumpfsinnige, eintönige und
bewegungsarme Fließbandarbeit gekennzeichnet. Viele Arbeiter und Arbeiterinnen erkannten
im Sport einen Ausgleich für die Monotonie in ihrem Leben. Nach und nach drangen sie somit
in den einstmals eher exklusiv den oberen Gesellschaftsschichten vorbehaltenen Sport ein.
Bezüglich der Sportarten zog es sie jedoch in eine andere Richtung. Sie tendierten zu
Mannschaftssportarten und so wurde beispielsweise der Fußball zum inoffiziellen Sport der
arbeitenden Bevölkerung.70

Karl Marx sah in der sportlichen Betätigung der Arbeiterschaft auch für die kapitalistischen
Fabrikleiter und -leiterinnen Vorteile. Marx war der Ansicht, dass der Sport zum einen positive
Auswirkungen auf Körper und Geist habe und somit die Gefahr, Arbeiter und Arbeiterinnen
durch Krankheit zu verlieren, reduziert werden könne. Zum anderen habe das Ausüben von
Sport seiner Ansicht nach die Erhaltung der maximalen Arbeitskraft als Hauptziel.71

Zudem entwickelte sich der Sport in eine weitere Richtung. Wo früher die Belustigung und
Unterhaltung der Zuseher im Vordergrund stand, begann mit der Industrialisierung das
Umdenken in Richtung Leistung, Konkurrenz und Rekord. Die gleichen Werte, die in der
Arbeitswelt vorherrschten, wurden auf den Sport umgemünzt.72

Mit dem Fortschreiten der Industriellen Revolution durchlebte der Sport Mitte des 19.
Jahrhunderts eine Ausdifferenzierung. Immer mehr Sportarten zogen in den Alltag, vor allem
in jenen des Bürgertums, ein. Teile der über die letzten Jahrzehnte gegründeten Clubs öffneten
nun auch ihre Türen für Frauen. Häufig hatten diese jedoch nach wie vor nur beschränkten
Zutritt sowie, im Unterschied zu ihren männlichen Kollegen, kein Stimmrecht bei
Abstimmungen. Da sich viele Vereine aber immer noch weigerten, gemeinsam Wettkämpfe für
Frauen und Männer anzubieten, wurden ab den 1880er Jahren eigens für Frauen bestimmte
Sportclubs und damit auch Wettkämpfe ins Leben gerufen.73

70
   Vgl. Guttmann: From Ritual to Record, S. 57–59.
71
   Vgl. Ebd., S. 59.
72
   Vgl. Ebd., S. 69.
73
   Vgl. Ebd., S. 32.
                                                                                            17
Der Aufstieg des modernen Sports im 20. Jahrhundert

Mit dem Einzug des 20. Jahrhunderts ging auch die immer größere Beliebtheit des aktiven, wie
auch passiven Sports einher. Besonders beim Fußball lässt sich die Entwicklung sehr gut
beobachten. Die bis dato eher zu Gewalt neigende und der Arbeiterklasse vorbehaltene Sportart
Fußball, entwickelte sich Mitte des 19. Jahrhunderts in eine neue Richtung. In Großbritannien,
dem Herkunftsland des Ballsports, erkannten die Lehrer und Lehrerinnen der „Public Schools“
der Mittelschicht den charakterformenden Wert dieser Sportart. Die jungen Männer sollten
durch das Spiel Teamgeist, Fair Play und Selbstbeherrschung erlernen. Um der Gewalt während
des Spiels entgegenzuwirken, wurde ein Regelwerk entwickelt, welches auch heute noch als
Basis der modernen Fußballregeln gilt.74

Durch Handelsbeziehungen beziehungsweise Aufenthalte auf der britischen Insel schwappte
die Sportart Anfang des 20. Jahrhunderts auf Mitteleuropa über. In den Anfangsjahren wurde
der Sport zumeist von der aufstrebenden bürgerlichen Schicht ausgeübt. So war die deutsche
Nationalmannschaft vor dem Ersten Weltkrieg fast ausschließlich mit Akademikern besetzt.
Parallel dazu fanden im deutschen Sprachraum immer mehr Arbeiter das Interesse am Fußball
und gründeten in den Jahren vor dem Krieg die ersten Fußballvereine. Doch auch die Kirche
und große Firmen trugen zur Verbreitung des Sports in der arbeitenden Schicht bei. Während
für die Kirche als Hauptgrund des Fußballangebots galt, dass Jugendliche von den Straßen
geholt werden sollten, hatten Firmen mit ihren Betriebsmannschaften eher eigennützigere Ziele
im Sinn. Durch die Spiele sollte die Gesundheit und die Disziplin der Mitarbeiter gefördert
werden und diese sollten damit vor allem stärker an die Firmen gebunden werden.75

Die Zwischenkriegsjahre sollten als Sprungbrett des Fußballs in Deutschland und Österreich
fungieren. Die Soldaten kehrten in ihre Heimat zurück und brachten auch vielerorts den Fußball
mit, den sie während des Krieges kennengelernt hatten. In Deutschland verzeichnete man 1930
etwa 140.000 Männer in Mannschaften der Arbeitersportbewegung sowie über 900.000
Mitglieder im Deutschen Fußball-Bund (DFB), vorwiegend mit Herkunft aus den unteren
Bevölkerungsschichten.76 In Wien lassen sich ähnliche Entwicklungen beobachten. Fußball
wurde auch hierzulande nicht nur zum aktiv betriebenen Sport, sondern ebenso als
Zuseherspektakel zu einem sozialen Massenphänomen77.

74
   Vgl. Sülzle: Fußball, Frauen, Männlichkeiten, S. 82.
75
   Vgl. Ebd., S. 82–83.
76
   Vgl. Ebd., S. 84.
77
   Vgl. Roman Horak/Wolfgang Maderthaner: Mehr als ein Spiel. Fußball und populäre Kulturen im Wien der
Moderne. Wien 1997, S. 21.
                                                                                                          18
Schneller, höher, weiter

In den folgenden Jahren war der Sport vom immer stärker werdenden Leistungsprinzip
bestimmt, eine ähnliche Entwicklung, die sich auch mit dem Fortschreiten der Industriellen
Revolution in Großbritannien abzeichnete. Das bis dahin geltende Prinzip des „sportsman“,
welches sich vom „gentleman“ ableitete, hatte keinen Platz mehr. Das verstärkte Verlangen
nach maximaler Leistung wurde auch nicht unwesentlich vom nationalsozialistischen
Gedankengut geprägt. Der Sport erfuhr eine zunehmende Orientierung in Richtung Wettbewerb
und Kommerzialisierung. 1932 wurde in Deutschland die erste Fußballprofiliga eingeführt, die
jedoch schon ein Jahr später mit Verweis auf die „jüdische Kommerzialisierung“ des Sports
aufgelöst wurde. Spätestens ab diesem Zeitpunkt lässt sich der Zusammenhang von Politik und
Sport wohl nicht mehr von der Hand weisen.78

Die Welt wurde erneut von einem fürchterlichen Krieg erschüttert. Schon wieder standen viele
Menschen vor dem Nichts, waren gezeichnet von Not, Trostlosigkeit und Armut. Im Sport
fanden die Bürger und Bürgerinnen erneut eine willkommene Fluchtmöglichkeit aus ihrem
tristen Alltag, wie es auch Hermann Bausinger sehr trefflich formulierte:

      „Der Sport verkörperte gerade in seiner Nutzlosigkeit ein Stück Freiheit. Er bewies,
      dass sich die Anstrengungen nicht darin erschöpften, das nackte Überleben zu
      sichern, er führte aus dem isolierten Kampf ums tägliche Brot für die Familie hinaus
      in einen Raum der Kameradschaft, der Gesellung und Geselligkeit.“79
Der Sport bot ihnen nicht nur ein wenig Normalität, sondern auch ein Stück Heimat.

Besonders stark trat in den Nachkriegsjahren das Gefühl der Gemeinsamkeit im Sport in den
Vordergrund. Die Wiederaufbauarbeiten verbanden die Bevölkerung und so wich der
Konkurrenzgedanke vorerst jenem der Gemeinschaft. Zahlreiche der im Nationalsozialismus
verbotenen Sportvereine wurden wiederbelebt sowie neue gegründet. Viele von ihnen wurden
als sogenannte „Allsport-“ oder „Gemischtvereine“ ins Leben gerufen, um für die ohnehin
schon stark vom Gefühl der Gemeinschaft geprägten Gesellschaft als zusätzlich
neutralisierendes Mittel zu wirken.80

Mit der Verbreitung von Radio und Fernsehen in den Haushalten zog auch der Sport in viele
Häuser ein. Sportberichte waren nun nicht mehr lediglich in den Zeitungen zu lesen, sondern

78
   Vgl. Sülzle: Fußball, Frauen, Männlichkeiten, S. 84–85.
79
   Hermann Bausinger: Sport seit 1945 - Tendenzen und Entwicklungen. In: Helmut Digel u.a. (Hg.):
Sportkultur. Sport in der heutigen Zeit. Tübinger Schriften zur Sportwissenschaft, Bd. 6, Tübingen 2006, S.30–
42, hier S. 33.
80
   Vgl. Ebd., S.33–34.
                                                                                                             19
flackerten über den Bildschirm und dröhnten aus den Boxen. Die verstärkte Vertretung von
Sport in den Medien und die damit einhergehende größere Reichweite, trugen maßgeblich zum
steigenden Interesse am Sport der Bevölkerung bei. Von nun an konnten auch jene Personen an
den Sportereignissen ein Stück weit teilhaben, die nicht live vor Ort waren.

In Österreich führte die Popularität zur Gründung beziehungsweise Umgestaltung von einigen
namenhaften Sportverbänden, die noch bis heute bestehen. Der 1889 gegründete ASKÖ
(Arbeitsgemeinschaft für Sport und Körperkultur in Österreich) erklärte sich bereit, sich von
nun an auch an Sportveranstaltungen von bürgerlichen Vereinen zu beteiligen. 1945 wurde die
„Österreichische Turn- und Sport-Union“ gegründet, die heute nur mehr den Namen
SPORTUNION trägt81, sowie vier Jahre später der dritte Dachverband des österreichischen
Sports, der ASVÖ („Allgemeiner Sportverband Österreichs“)82.

Während des wirtschaftlichen Aufschwungs der 1950er und 1960er Jahre, auch als
Wirtschaftswunder bekannt, war die Gesellschaft von Konsum, Geld, kürzeren Arbeitszeiten
und Wertewandel geprägt. Die dadurch freigewordenen Ressourcen wurden zunehmend auch
vermehrt in den Sport investiert. Ähnlich wie wir es schon bei den Entwicklungen während der
industriellen Revolution beobachten konnten, richtete sich der Sport auch zu dieser Zeit wieder
verstärkt in zwei Richtungen aus. Neben dem wachsenden Sektor des Freizeitsports wurde
besonders dem professionellen Leistungssport ein Augenmerk geschenkt. Man erkannte das
wirtschaftliche      Potenzial      des     Leistungssports       und      den     damit      einhergehenden
Massenveranstaltungen und Werbeeinnahmen. Der kommerzialisierte Sport wurde somit zu
einem wichtigen Wirtschaftsfaktor der zweiten Republik.83

3.2 Der Sport im 21. Jahrhundert

Heute ist der Sport aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Sei es beim Hobbysport mit
Freunden, beim Mitfiebern in Stadien oder vor dem Fernseher, beim Lesen der unzähligen
Berichterstattungen über die Ergebnisse der Leistungssportler und -sportlerinnen in den
Zeitungen, oder bei den zahlreichen Charitysportevents. Längst ist der Sport in jeden Bereich
unseres Lebens vorgedrungen. Im folgenden Abschnitt möchte ich auf einige Phänomene

81
   Vgl. SPORTUNION Österreich (Hg.), 2020. Online verfügbar: https://sportunion.at/ueber-uns/geschichte/
(Zugriff: 25.11.2020).
82
   Vgl. Sport Austria - Österreichische Bundes-Sportorganisation (Hg.), 2020. Online verfügbar:
https://www.sportaustria.at/de/ueber-uns/sport-austria/geschichte-von-sport-austria/ (Zugriff am 25.11.2020).
83
   Vgl. Otmar Weiß: Sport und Gesellschaft. Eine sozialpsychologische Perspektive. Wien 1990. S. 9.
                                                                                                                20
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