Unterstützung für Familien mit einem psychisch erkrankten Elternteil - Dachverband Gemeindepsychiatrie e. V. (Hg.)
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Dachverband Gemeindepsychiatrie e. V. (Hg.)
Unterstützung
für Familien
mit einem
psychisch
erkrankten
Elternteil
LEUCHTTURMPROJEKTELEUCHTTURMPROJEKTE
Inhalt
Unterstützung von Anfang an
DIE FAMILIENHEBAMMEN
1
DER BRÜCKE SCHLESWIG-HOLSTEIN
SE I T E 1 0
2 Sicher durch
die ersten Jahre
MUKI: EINE SOZIALTHERAPEUTISCHE
WOHNGEMEINSCHAFT IN DRESDEN
SEITE 16
Hilfen wie aus einer Hand
KOORDINIERTE AMBULANTE
UNTERSTÜTZUNG DURCH
GAMBE, BERLIN 4 Geht doch! Eltern im Blick
der Eingliederungshilfe
SE I T E 2 2 3 INTENSIV BETREUTES
EINZELWOHNEN DURCH DEN
SOZIALPSYCHIATRISCHEN DIENST
IN MÜNCHEN-GIESING
SEITE 27
Eine Klinik zeigt Familiensinn
FIPS: EIN ANGEBOT FÜR FAMILIEN
DER BEZIRKSKLINIKEN GÜNZBURG
SE I T E 3 2 5 Brücken bauen für die Kinder
Prävention durch Kooperation
BERATUNGEN FÜR FAMILIEN
7 DIE KOOPERATIVE ARBEIT
DES NETZ I WERK IM RAUM KÖLN
MIT EINEM PSYCHISCH ERKRANKTEN 6 SEITE 38
ELTERNTEIL IN DUISBURG
SE I T E 4 3
8 Willkommen im Netzwerk!
DAS NIEDRIGSCHWELLIGE
INTEGRIERTE ANGEBOT JUPS, BONN
SEITE 49
Analyse
F Fazit
SEITE 60
SE I T E 5 5 A
Links und
Materialien
L L Literatur
SEITE 62
SE I T E 6 1 M
Impressum
SE I TE 6 3 I
2VORWORT
L I EBE L E S E R IN N E N UN D L IEB E LE S E R,
Kinder und Jugendliche aus Familien mit psychisch die Projektergebnisse auch auf Verbesserungsbedarfe
erkrankten oder suchtkranken Eltern benötigen hin: Damit wir Kinder und Jugendliche und deren
unsere besondere Aufmerksamkeit, Fürsorge und Familien in ihren schwierigen Lebenslagen künftig
Unterstützung. Denn sie haben ein erhöhtes Risiko, noch besser unterstützen können, muss vor allem
selbst psychisch zu erkranken. die Kooperation der Akteure vor Ort ausgebaut und
Mit dem Ziel, Beispiele »Guter Praxis« zu identifi gestärkt werden.
zieren, in denen Angebote und Unterstützungs Insgesamt ergeben sich aus der Analyse der unter
maßnahmen für betroffene Kinder und ihre schiedlichen Ansätze und Strukturen der vorgestell
Familien erfolgreich umgesetzt werden, hat das ten »Leuchtturmangebote« zahlreiche Anregungen
Bundesministerium für Gesundheit das Projekt und Tipps für Praktikerinnen und Praktiker »vor
»Leuchtturmangebote für Kinder und Familien Ort« sowie auch für Entscheidungs und Kosten
mit einem psychisch kranken Elternteil« gefördert. träger.
In der vorliegenden Broschüre stellt der mit der Die Ergebnisse des Projekts werden darüber hinaus
Durchführung des Projektes vom 01.01.2017 bis in den Diskussionsprozess der Arbeitsgruppe »Kinder
zum 31.12.2018 beauftragte Dachverband psychisch kranker Eltern« einfließen. Diese wurde
Gemeindepsychiatrie e. V. acht »Leuchtturmprojekte« auf der Grundlage eines fraktionsübergreifenden
vor. Diesen Projekten aus verschiedenen – städtischen Entschließungsantrag des Deutschen Bundestages
und ländlichen – Regionen ist es unter unterschied (Bundestagsdrucksache 18/12780) vom 20.06.2017
lichen Rahmenbedingungen mit viel Engagement, eingerichtet. Die Arbeitsgruppe soll Vorschläge zur
Kreativität und hoher Fachlichkeit gelungen, trag Verbesserung der Situation von Kindern und
fähige Angebote und Netzwerke aufzubauen, die den Jugendlichen aus Familien mit einem psychisch
besonderen Hilfebedarfen betroffener Kinder und erkrankten oder suchtkranken Elternteil erarbeiten
ihrer Familien gerecht werden. und hierbei auch die Ergebnisse des Projektes
Die Analyse, welche Rahmenbedingungen, Strukturen »Leuchtturmangebote für Kinder und Familien mit
und Regelungen für den Aufbau und die dauerhafte einem psychisch kranken Elternteil« mit einbeziehen.
Etablierung solche Projekte förderlich sind, zeigt: unter
den vorhandenen sozialrechtlichen Bedingungen sind Lutz Stroppe
viele notwendige Hilfen umsetzbar. Zugleich weisen Staatssekretär im Bundesministerium für Gesundheit
3LEUCHTTURMPROJEKTE »Die Wellen schlugen hoch. Ein stürmischer Wind fegte über das Meer und der Himmel war mit Wolken verhangen. Die Seeleute konnten weder Land noch Sterne sehen. Angestrengt hielten sie Ausschau nach einem Orientierungspunkt. Der Hafen konnte nicht mehr weit sein. Aber wie sollten sie die Einfahrt finden? Dort drüben, das Leuchtfeuer! »Wir haben es geschafft«, ruft einer der Seeleute. Tatsächlich, das lang ersehnte Lichtsignal des Hafen- Leuchtturms war endlich sichtbar. Mit einem Mal war die Richtung klar. Endlich Sicherheit statt Bangen. Orientierung statt Verlorenheit. Was der dünne Lichtstrahl bewirkt hatte! Licht als Wegweiser, dem man nur zu folgen brauchte.« Kerstin Wallinda 4
VORWORT
L I EBE L E S E R IN N E N UN D L IEB E LE S E R,
wir freuen uns, Ihnen mit Unterstützung des Bundes Diese Leuchtturmangebote sind schon seit einiger
ministeriums für Gesundheit diese Broschüre zu Zeit nicht mehr nur »einsame Vorposten« für
Leuchtturmangeboten von Hilfen für Familien, in Familien mit einem psychisch erkrankten Elternteil.
denen ein Elternteil psychisch erkrankt ist, vorlegen Inzwischen können sie mit ihren regelfinanzierten
zu können. und gut verankerten Angeboten auch als »Richtungs
In der Broschüre werden Aktivitäten gemeinde licht oder Leitstrahl« für interessierte Träger dienen.
psychiatrischer Träger sowie eines psychiatrischen Dabei hat jedes der vorgestellten Angebote seine
Krankenhauses vorgestellt, die seit vielen Jahren am eigene regionale Ausrichtung und seine spezifische
Aufbau von konkreten Hilfen für diese Familien Kennung.
arbeiten. Sie haben interdisziplinäre Netzwerke Sie sollen als Orientierung und Inspiration dienen,
geknüpft, um funktionsfähige, lebensweltorientierte mögliche Fahrwasser markieren und vor Untiefen
und der Krankheitsbewältigung dienende Hilfen zu schützen.
schaffen. Dabei spielen die Arbeit in multiprofessio Wir danken allen Projektverantwortlichen, Kosten
nellen Teams sowie der Aufbau einer verbindlichen trägervertretern und Experten für Ihre Mitarbeit an
Netzwerkstruktur für das gesamte Familiensystem dieser Broschüre. Ebenso danken wir allen bundes
eine wichtige Rolle. Gemeindepsychiatrische Träger, weiten Akteuren für ihr langjähriges Engagement für
die im Dachverband Gemeindepsychiatrie organisiert Familien mit einem psychisch erkrankten Elternteil.
sind, bieten meist Hilfen basierend auf unterschied
lichen Sozialgesetzbüchern an. Damit haben sie die Kay Herklotz
Möglichkeiten, bei komplexen Bedarfen Unterstüt Stellvertretender Vorsitzender Dachverband
zung aus einer Hand anzubieten. Gemeindepsychiatrie e. V.
5LEUCHTTURMPROJEKTE »Mein Vater hatte beschlossen, dass die psychische Erkrankung meiner Mutter unter allen Umständen verschwiegen werden muss. Auch ich merkte – an den Reaktionen meiner Umwelt auf meine Mutter –, dass es besser war, wenn nichts darüber nach außen drang. Manche, die etwas davon mitbekamen, dachten automatisch, mit mir könne auch etwas nicht stimmen. Tatsächlich habe ich mich – aus heutiger Sicht – wahrscheinlich nicht wie ein normales Kind verhalten. Zum einen musste ich ja ständig kontrollieren, was ich sagte, und wurde so sehr verschlossen. Außerdem wusste ich gar nicht genau, was normales Verhalten ist und musste dies erst von anderen lernen.« Wiebke Schubert, Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen e. V. 6
EINFÜHRUNG
Wie dieser inzwischen erwachsenen Tochter Schutzfaktoren, die die Resilienz*forschung identi
einer psychisch kranken Mutter geht es vie- fiziert hat, ausgerichtet:
len Kindern. Bedingt durch die elterliche Er- • Selbstwirksamkeit, positives Selbstbild, Optimis
krankung leben sie allerdings in einer beson- mus;
deren Belastungssituation. Das Risiko, selbst • Verbesserung des Familienklimas, elterliche
psychisch zu erkranken, ist für sie höher als Unterstützung;
für Kinder gesunder Eltern. Für Deutschland • Unterstützung durch andere, Kontakt zu Gleich
kann von ca. 3 bis 4 Millionen betroffenen altrigen.
Kindern und Jugendlichen (Lenz & Brock-
mann 2013) ausgegangen werden. Etwa 2,6 Neben den Kindern benötigen die psychisch
Millionen Kinder wachsen in suchtbelasteten erkrankten Eltern professionelle Hilfen des Gesund
Familien auf (Drogen- und Suchtbericht der heitssystems. Häufig nehmen jedoch psychisch er
Bundesregierung 2016). krankte Eltern die vorhandenen Hilfsangebote nicht
oder erst sehr spät in Anspruch.
Was die betroffenen Kinder belastet, ist neben der Gründe dafür sind insbesondere,
oftmals herrschenden Sprachlosigkeit in Bezug auf • dass die erkrankten Eltern die Hilfsangebote nicht
die erkrankten Eltern die krankheitsbedingte Beein kennen;
trächtigung der elterlichen Fähigkeit, für sie zu sor • dass sie befürchten, aufgrund bestehender Vor
gen, sie zu schützen und zu erziehen. Die F orschung behalte gegenüber psychisch erkrankten Menschen
zeigt, dass es bei betroffenen Familien häufig zu eher Nachteile als Unterstützung zu erfahren;
einer Kumulierung von mehreren psychosozialen • dass psychisch belastete Menschen aufgrund ihrer
Risikofaktoren kommt. Hier gilt es »gegenzusteuern«, Erkrankung häufig nicht in der Lage sind, aktiv
um Kinder und Jugendliche, die in einer solchen Hilfen zu suchen, sich nicht unbedingt krank
Belastungssituation leben, zu unterstützen und ihre fühlen oder nicht krankheitseinsichtig sind;
gesunde Entwicklung zu fördern. Wichtig ist dazu • dass die Zugangswege über Antragstellung zu
der Aufbau von altersgerechten und nicht stigmati aufwendig und zu ängstigend (Aktenkundigkeit
sierenden Angeboten, um Kinder und Jugendliche beim Jugendamt) sind;
auch vor einer möglichen eigenen Erkrankung zu • dass viele der betroffenen Eltern Angst haben, ihre
bewahren. Kinder zu verlieren.
Die vorgestellten Angebote für Kinder und Jugend An diesen Hinderungsgründen setzen die vorgestell
liche durch gemeindepsychiatrische Träger und ten Angebote und Hilfen für Eltern an. Sie bieten
Netzwerke sind daher an der Förderung folgender unterschiedliche Arten von Beratungs-, Unterstüt
zungs- und Behandlungsangeboten, meist niedrig
schwellig und anonym mit Weitervermittlungs
möglichkeiten in ihren Netzwerken.
»Es ist nicht so, dass wir uns der Schwere unserer
Situation und unserer Verantwortung nicht bewusst
waren«, schreibt ein ehemals psychisch erkrankter
Vater. »Mich hat die Möglichkeit, vielleicht ein
* Resilienz bezeichnet die psychische Widerstandskraft, also
die Fähigkeit eines Menschen, schwierige Lebenssituationen
ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen. Resiliente
Menschen begreifen sich als Herr oder Frau ihrer Lage und
haben Vertrauen in ihre eigene Handlungsfähigkeit.
7LEUCHTTURMPROJEKTE
Angebote der Gemeindepsychiatrie und
ihre sozialrechtliche Verankerung
SGB V SGB VIII SGB IX & XII
Soziotherapie Hilfe zur Erziehung Betreutes Einzelwohnen
in der Familie (Erwachsene/Jugendliche)
Psychiatrische Pflege
Soziale Gruppenarbeit Betreutes Familienwohnen
Ergotherapie
Elternbildung Betreute
Medizinische Reha Wohngemeinschaften
Paten (Erwachsene/Jugendliche)
Integrierte Versorgung
Elter-Kind Wohnheim
Tagesklinik
Psychosoziale
Haushaltshilfen Beratungstellen
T R Ä G E R D E R G E M E I N D E P S Y C H I AT R I E
psychisches Leiden zu vererben, damals sehr belas psychiatrie und Kinder- und Jugendpsychiatrie
tet, und meine Frau auch. Wir haben uns bemüht, sowie der Psychotherapie und gegebenenfalls der
unseren Kindern ein normales Leben zu bieten. Suchthilfe mit der Jugendhilfe für die Förderung
Aber jetzt ist uns bewusst geworden, wie schwer von Kindern psychisch erkrankter und suchtkranker
unsere seelischen Tiefpunkte den Kindern zusetzten Eltern wurde schon 2009 im 13. Kinder- und
und dass sie besonderer Beachtung bedurft hätten. Jugendbericht besonders hervorgehoben. Und 2012
Tatsächlich haben die Fachkräfte die Absicht, den betonte auch das Bundeskinderschutzgesetz, wie
Eltern zu helfen, dass sie trotz ihrer Schwierigkeiten wichtig der Aufbau von Kooperationsnetzwerken ist,
ihre Kinder aufziehen können. In den allermeisten um den oft vielfältigen Hilfebedarfen aller betroffe
Fällen sind diese in den Familien am besten aufge nen Familienmitglieder gerecht zu werden.
hoben. Und es gibt ja viele Beispiele, dass sie auch in In den vergangenen zwanzig Jahren haben Träger
Familien mit einer psychischen Erkrankung glück der Gemeindepsychiatrie und der Jugendhilfe daher
lich aufwachsen oder dass sogar mitunter durch eine in vielen Regionen Hilfeangebote für Familien
familiäre Verarbeitung des Problems ein sehr reifer, mit einem psychisch erkrankten Elternteil auf
wertvoller Mensch darin heranwächst.« gebaut. Bestehende Dienste haben sich spezialisiert,
Eingedenk der Probleme und Befürchtungen in den Landes- und kommunale Modellprojekte haben
Familien haben sich in den vergangenen Jahren Formen der Zusammenarbeit der Akteure erprobt.
vielerorts Akteure zur Zusammenarbeit entschlossen, Komplexleistungen werden in den Netzwerken des
um Familien mit Hilfebedarf mit den vorhandenen Nationalen Zentrums Frühe Hilfen vorangetrieben,
Hilfen zusammenzubringen. Vor allem zwischen kommunale und regionale Kooperationsnetzwerke
den Hilfesystemen der Jugendhilfe und Erwachsenen haben ihre Arbeit aufgenommen. Daneben haben
psychiatrie sind Netzwerke entstanden, mit deren gemeindepsychiatrische Träger in ihren Organisa
Hilfe man sich bemüht, betroffene Familien früh tionen bedarfsgerechte Hilfeangebote aus unter
zu identifizieren und auf ihre häufig komplexen schiedlichen Sozialgesetzbüchern realisiert. Damit
Hilfebedarfe mit lebenswelt- und ressourcenorien können Hilfen »wie aus einer Hand« trägerintern
tierten Hilfen für alle ihre Mitglieder zu antworten. zur Verfügung gestellt werden. Zugrunde liegt das
Die gemeinsame Verantwortung der Erwachsenen lebensweltorientierte und im Sozialraum verankerte
8EINFÜHRUNG
gemeindepsychiatrische Konzept der im Dachver Aber auch die gute Kommunikation zu den kommu
band Gemeindepsychiatrie organisierten sozialen nalen Entscheidungsträgern begünstigte den Aufbau
Trägerorganisationen. tragfähiger und nachhaltiger Angebote für betrof
fene Familien, die in manchen Fällen in die Regel
Einen Überblick über die vorhandenen Hilfen für finanzierung überführt werden konnten.
Familien mit einem psychisch erkrankten Elternteil
gibt der Kinderatlas des Dachverbandes Gemeinde Folgende Kriterien waren für die Auswahl
psychiatrie unter kinder.mapcms.de entscheidend:
• niedrigschwelliger, nicht stigmatisierender
Neben der Verbesserung des Zugangs zu den vor Zugang;
handenen Hilfen kommt es aber auch darauf an, • Lebenswelt- und Ressourcenorientierung;
die vorhandenen Projekte weiterzuentwickeln und • Hilfen für erkrankte Eltern und ihre Kinder;
in die Fläche zu bringen. Nicht überall gelang es, • präventive Angebote;
Hilfen aus einem Projektstatus in ein Regelangebot • schnelle Interventionsmöglichkeit;
oder in ein längerfristig anders abgesichertes und • regionale Netzwerke der Akteure;
niedrigschwelliges Angebot zu überführen. Dabei • Entwicklung von verbindlichen Strukturen;
sind viele notwendige Hilfen auch mit den jetzigen • Öffentlichkeits- und Antistigmaarbeit;
sozialrechtlichen Möglichkeiten tatsächlich reali • Umsetzung mit den vorhandenen sozialrecht
sierbar. Allerdings gibt es immer noch sehr starke lichen Gegebenheiten.
regionale Unterschiede bei der Kann-Finanzierung
durch die Kostenträger der Jugendhilfe sowie der Im Folgenden werden aus dem Kreis der Mitglieds
Krankenkassen. So steht die gesetzliche Leistung verbände des Dachverbandes Gemeindepsychia
Soziotherapie noch nicht in allen Bundesländern trie und der Bundesarbeitsgemeinschaft Kinder
zur Verfügung, da die Krankenkassen immer psychisch erkrankter Eltern acht Leuchtturm
noch keine Rahmenverträge mit den möglichen projekte vorgestellt, die die oben genannten
Leistungserbringern in Kriterien erfüllen und unterschiedliche Ausfor
G OOD -PRACTICE- den einzelnen Bundes mungen von Hilfen abbilden.
ländern abgeschlossen
MODELLE ZE IGE N , W IE
haben. Und auch mit
B EDARFSG E RE CHT E den Überschneidungen
H IL FEN FÜ R BE T ROFFENE zwischen den einzelnen
FAMI LI EN AUFGEBAUT Sozialgesetzbüchern
wird regional sehr
U ND V ERSTETIGT unterschiedlich ver
WERDE N KÖNN EN. fahren. Überall dort,
wo auf die Zuständig
keitsgrenzen der verschiedenen Sozialleistungsträger
der unterschiedlichen Sozialgesetzbücher gepocht
wird, statt Möglichkeiten der Vernetzung zu nutzen,
konnten bislang selbst sehr erfolgreich erprobte
Hilfen nicht immer verstetigt werden.
So sind die Hilfemöglichkeiten für Familien mit
einem psychisch erkrankten Elternteil – bei bundes
weit einheitlicher Gesetzeslage – abhängig von
regionalen Entscheidungen der Leistungsträger und
differieren von Bundesland zu Bundesland erheb
lich. Das Projekt »Leuchtturmangebote« setzte in
dieser Situation an. Es richtete seinen Fokus auf
die Recherche, Analyse und Bewertung gelungener
Beispiele – Good-Practice-Modelle –, die aufzeigen,
wie bedarfsgerechte Hilfen für betroffene Familien
aufgebaut und verstetigt werden können. Diese als
»Leuchtturmangebote« bezeichneten Projekte zeich
nen sich in allererster Linie durch den Aufbau guter
und verbindlicher Kooperationsnetzwerke aus.
9LEUCHTTURMPROJEKTE
1
D I E FA M I L I E N H E B A M M E N
DER BRÜCKE SCHLESWIG-HOLSTEIN
Unterstützung
von Anfang an
Im Kreis Plön können Familienhebammen ten für psychisch erkrankte Menschen aller Alters
der Brücke Schleswig-Holstein im Auf- stufen kümmert sich die Brücke Schleswig-Holstein
trag des Jugendamts schon während der auch um Kinder psychisch erkrankter Eltern und hat
Schwangerschaft auf psychisch belastete dafür Leistungsvereinbarungen nach dem SGB VIII
Eltern zugehen. Durch ihr Wirken, vernetzt in Teilen seines Versorgungsgebiets mit dem jeweils
mit einem multiprofessionellen Team, das zuständigen Jugendamt abgeschlossen.
wiederum in ein interdisziplinäres Netz-
werk eingebunden ist, können leicht weiter- Insgesamt hat die Brücke Schleswig-Holstein 757
gehende Hilfen für die ganze Familie mobi- Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie 450
lisiert werden, sobald sie nötig werden. Mitarbeitende im beschützten Arbeitsverhältnis.
Im ländlich geprägten Landkreis Plön mit 128.703
TR Ä GER I NF O Einwohnern gibt es 78 gemeindepsychiatrische
Die Brücke Schleswig-Holstein gGmbH leistet schon Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, davon elf im
seit dreißig Jahren die gemeindepsychiatrische multiprofessionellen ambulanten Team in Plön.
Versorgung in neun Kreisen Schleswig-Holsteins, Neben den zwei fest angestellten Familien
unter anderem im Kreis Plön. Dabei hat der gemein hebammen gibt es sozialpädagogische, psycho
nützige Träger ein sehr breites Hilfespektrum therapeutische und ärztliche Mitarbeitende.
aufgebaut, dessen Finanzierung in unterschiedlichen Im August 2018 wurden 22 Familien von den elf
Gesetzbüchern verankert ist. Neben seinen Angebo Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern betreut.
10DIE FAMILIENHEB AMMEN DER BRÜCKE SCHLESWIG-HOLSTEIN
A NG E BOT E in ganz alltäglichen Situationen in der Familie. Die
Die Familienunterstützung vor und nach der Geburt Hebammen oder weitere Fachkräfte aus dem Team,
durch Familienhebammen gibt es an drei Standorten. die alle sowohl in der Eingliederungshilfe als auch in
Außerdem gibt es Frühstückstreffs für Mütter mit der Jugendhilfe erfahren sind, achten auch darauf,
ihren Kindern und spezialisierte sozialpädagogische dass die Eltern die Vorsorgeuntersuchungen für das
Familienhilfe: Hier kommen heilpädagogische Kind wahrnehmen und der erkrankte Elternteil
Kräfte, Erzieherinnen und Erzieher zu den Familien fachärztliche oder psychotherapeutische Behandlung
nach Hause. in Anspruch nimmt.
Die Familienhebammen arbeiten weitgehend Falls die Familie isoliert ist, wird sie darin unterstützt,
aufsuchend dort, wo die Familie ist und wo deren Kontakte zur eigenen Familie oder zu anderen zu
Anliegen gelöst werden sollten. Dies entspricht auch (re)aktivieren und Angebote wie Mutter-Kind-
dem lebensweltorientierten Konzept der Gemeinde Gruppe, Krabbelgruppe oder Babyschwimmen
psychiatrie. Hebammen verfolgen einen systemi aufzusuchen – alles nach dem Prinzip: Hilfe zur
schen Ansatz, indem sie Mutter und Kind (Familie) Selbsthilfe.
in ihren Blick nehmen. Sie besitzen eine hohe Darüber hinaus leistet das multiprofessionelle Team
Kompetenz im Erkennen von Risiken für das Kind oftmals Unterstützung bei der Sicherung des
und arbeiten aus ihrer Profession heraus sehr Lebensunterhalts im Kontakt mit Arbeitgebern,
bindungsfördernd. In der für eine Familie oftmals Jobcenter und Vermietern.
verletzlichen Phase von Schwangerschaft und Zielgruppe sind Familien mit Kindern, bei denen ein
Geburt sind Hebammen von Eltern gut akzeptierte Elternteil psychisch krank ist. Das Angebot richtet
Helferinnen. Sie vermitteln sich insbesondere an Familien mit Kindern in den
DA S ANG EB OT RICHTET Sicherheit und verhindern ersten beiden Lebensjahren.
S IC H I NSB ESONDE RE AN Stigmatisierung. Konkret Der Zugang erfolgt in erster Linie über das Jugendamt,
das häufig gefährdete Familien zuweist oder mögli
FA M I LI EN MI T K INDE RN helfen die Hebammen den
Eltern, eine tragfähige cherweise gefährdeten Familien doch sehr dringlich
IN D EN ERSTEN BEIDE N Mutter/Vater-Kind-Beziehung rät, Angebote der Brücke Schleswig-Holstein in
LEB EN SJAHRE N . aufzubauen. Sie unterstützen Anspruch zu nehmen. Auch über freiberufliche
ganz praktisch im Umgang Hebammen und über das Mütter-Frühstück finden
mit dem Kind: Wie halte ich es, wie gelingt mir ein Betroffene zu den Angeboten; viele melden sich selbst.
stressfreies Stillen oder Essen, wie gestalte ich den
Schlaf- und Wickelplatz? Auch das »Baby-Lesen« ist KOS TE NTRÄGE R
Teil der Hilfe. Gemeinsam wird erarbeitet, welches Da es sich um ein sehr innovatives Angebot handelt,
Bedürfnis hinter einer bestimmten Äußerung oder wird im Folgenden die Kostenträgerseite kurz
einem Verhalten des Kindes liegt. Dies alles geschieht beleuchtet. Die bei der Brücke Schleswig-Holstein
arbeitenden Hebammen erbrachten anfangs
(2005 – 2007) Leistungen, die einerseits über die
Jugendhilfe (SGB VIII) und andererseits über die zu
dem Zeitpunkt gültige Hebammenhilfegebühren
verordnung (SGB V) abgerechnet werden konnten.
Diese Möglichkeit bestand im Jahr 2007, in dem
die Hebammen-Gebührenverordnung durch das
vertragliche Gebührenverzeichnis des Hebammen
hilfevertrags abgelöst wurde, nicht mehr.
Die – aufgrund der positiven Erfahrungen mit dem
Modellprojekt Familienhebammen – weiterhin als
notwendig angesehenen ambulanten Leistungen in
den Familien mit Neugeborenen und Babys durch
Hebammen konnte durch eine Leistungsverein
barung mit dem Jugendamt Plön (SGB VIII) sicher
gestellt werden. Die angestellten Hebammen arbeiten
mit in einem regional gut verankerten multiprofessio
nellen gemeindepsychiatrischem Team.
Das niedrigschwellige Angebot »Mütterfrühstück
mit der Familienhebamme« in Plön wird finanziert
über das Landesprogramm »Schutzengel vor Ort«.
11LEUCHTTURMPROJEKTE
»Eltern werden hier schon kurz
nach der Geburt ihrer Kinder in ein
unverbindliches, offenes und
unterstützendes Gruppenangebot
integriert.«
WA S SAG T DER KO S T E N T R Ä G E R ? psychisch erkrankte Jugendliche geschaffen, 1999
Marc Ruddies, Jugendamt im Kreis Plön: »Immer wurde die Sozialpädagogische Familienhilfe mit dem
wieder haben wir es mit Menschen zu tun, die Schwerpunkt »Psychische Erkrankung« in Kiel
aufgrund einer psychischen Belastung oder Erkran etabliert. Gemeinsam mit anderen Trägern gründete
kung Unterstützung im Bereich der Verantwortungs die Brücke Schleswig-Holstein damals eine landes
übernahme für ihre Kinder benötigen. Hier geht es weite interdisziplinäre Arbeitsgruppe »Kinder
z. B. um Hilfe bei der Wahrnehmung und Ausgestal psychisch erkrankter Eltern«, um sich zu dem
tung der Elternrolle. Aber auch die nicht erkrankten Thema auszutauschen und zu vernetzen.
Familienmitglieder leiden oft unter der Belastung Durch den Austausch wurde der Bedarf deutlich,
und brauchen Unterstützung. Familien, in denen ein Familienmitglied psychisch
Die Brücke Schleswig-Holstein ist in diesem Bereich erkrankt ist, möglichst frühzeitig und ohne Antrag
zu einem langjährigen und zuverlässigen Koopera Hilfen anbieten zu können. Daher stellte die Brücke
tionspartner für uns als Jugendamt geworden, Schleswig-Holstein in Kiel im Juni 2005 eine
welcher sich fachlich spezialisiert und systemisch Familienhebamme ein. Sie wurde Mitglied des
vorgehend dieser Hilfebedarfe annimmt. pädagogischen Teams von damals zwei Sozial
Zusammen ist es uns gelungen, neben der konkreten pädagogen, zwei Erziehern und einer Heilpädagogin
Hilfeleistung auch im präventiven Bereich Zugangs mit systemischen und therapeutischen Zusatz
wege zu Familien mit psychosozialen Belastungs ausbildungen, das Hilfen zur Erziehung und Ein
faktoren herzustellen, etwa durch das »Mütterfrüh gliederungshilfen erbrachte. Im Mai 2006 konnte
stück mit der Familienhebamme«. Eltern werden die zweite Hebamme eingestellt werden.
hier schon kurz nach der Geburt ihrer Kinder in ein Im selben Jahr wurden das Konzept und die Angebote
unverbindliches, offenes und unterstützendes der Jugendamtsleitung des Nachbarkreises Plön
Gruppenangebot integriert. Die Familienhebamme vorgestellt. Diese nahm das Problem psychisch
der Brücke Schleswig-Holstein leitet die Gruppe an erkrankter Eltern und ihrer Kinder sowie die Not
und kann auch psychosoziale Belastungsfaktoren wendigkeit früher Hilfen für diese Zielgruppe sehr
wahrnehmen und thematisieren. Sie stellt auf diese interessiert auf. Man wurde sich rasch einig, dass die
Weise tatsächlich immer wieder »eine Brücke« Unterstützung bereits vor oder mit der Geburt des
auch zum Sozialen Dienst sowie zur Annahme von Kindes einsetzen sollte und dass Kräfte benötigt
bedarfsorientierten Hilfen zur Erziehung dar.« wurden, die einerseits die körperliche und psychi
sche Entwicklung oder auch Gefährdung des Kindes
gut einschätzen können (Familienhebamme),
EN T WIC KL U NG DES P RO JE K T S andererseits aber auch über Erfahrungen mit
Die kontinuierliche Zusammenarbeit des Projekt psychischen Erkrankungen verfügen (spezialisierte
trägers mit dem Jugendamt begann bereits 1990, als Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen).
die Brücke Schleswig-Holstein in Kiel ein Jugend Im Februar 2007 kam dann eine Leistungsverein
wohnhaus für Jugendliche nach oft mehrmonatiger barung mit dem Jugendamt des Kreises Plön zustan
stationärer Behandlung in einer Klinik für Kinder- de. Vorgesehen sind darin die Begleitung, Unterstüt
und Jugendpsychiatrie aufbaute. 1996 wurden zung und Förderung junger (werdender) Mütter und
weitere ambulante Unterstützungsleistungen für Väter durch Familienhebammen, gegebenenfalls
12DIE FAMILIENHEB AMMEN DER BRÜCKE SCHLESWIG-HOLSTEIN
Das Netzwerk Familienhebammen
der Brücke Schleswig-Holstein
Familienunterstützung vor und nach der Geburt durch Familienhebammen
Umfassende Leistungsvereinbarung mit dem Jugendamt nach SGB VIII § 77 ff
Gemeinsame Wohnformen für Mütter, Väter und Kinder
SGB VIII § 19
Eingliederungshilfe für seelisch behinderte Kinder und Jugendliche
SGB VIll § 35a
Mütterfrühstück mit der Familienhebamme
Landesprogramm »Schutzengel vor Ort«
Hilfe zur Erziehung
SGB VIIl § 27 Abs. 2
Intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung
SGB VIIl § 35
Sozialpädagogische Familienhilfe
SGB VIII § 31
Hilfe für junge Volljährige, Nachbetreuung
SGB VIII § 41
Erziehungsbeistand, Betreuungshelfer
SGB VllI § 30
13LEUCHTTURMPROJEKTE
Netzwerktreffen Kinder psychisch erkrankter Eltern
teil. Diese werden von der Koordinierungsstelle
Gesundheitliche Chancengleichheit bei der
Landesvereinigung für Gesundheitsförderung in
Schleswig-Holstein e. V. ausgerichtet.
W Ü NS CHE F Ü R DIE Z U KU NF T
Harald Möller, Verbundmanager, Plön: »Ich wün
sche mir für die Zukunft, dass es bei den Hilfen für
Familien mit einem psychisch erkrankten Elternteil
künftig weniger Reibungsverluste gibt, wenn man
versucht, Leistungen wie aus einer Hand zu erbrin
Harald Möller, Verbundmanager, Plön gen. Der Weg dahin wäre eine gemeinsame Hilfe
planung von Eingliederungshilfe und Jugendhilfe.
Beratung zu Schwangerschaft, Geburt und Weiter Hebammen, die in einem multiprofessionellen
versorgung des Kindes (Extra-Konzept). Abgedeckt gemeindepsychiatrischen Team arbeiten, sollen
sind durch die Vereinbarung auch die Beratung und künftig auch Hebammenleistungen erbringen
Begleitung von Angehörigen. können, die mit den Krankenkassen abgerechnet
werden.«
ZU SA MM ENA RB EI T M IT R E G IO N A L E N
AK T EUR EN F ÖRDE RLICHE U ND HE M M E NDE
Die Brücke Schleswig-Holstein hat sich vor Ort mit FAKTORE N
anderen Akteuren vernetzt. Ein wichtiges Koopera Im Rahmen eines Auswertungsgesprächs mit dem
tionsforum sind die regionalen Netzwerktreffen Plöner Leuchtturmangebot wurden durch den
Frühe Hilfen*. Sie finden mindestens vierteljährlich Dachverband Gemeindepsychiatrie folgende förder
statt und werden vom Kinderschutzbund organisiert. liche – und hemmende – Faktoren für die Etablierung
Weiterhin nimmt der zuständige Verbundmanager dieser Hilfen für Schwangere und Eltern mit Klein
für die Brücke Schleswig-Holstein an landesweiten kindern auf unterschiedlichen Ebenen identifiziert:
Für die Akzeptanz der Eltern:
• Niedrigschwelligkeit und Anonymität
(Müttercafé);
* Frühe Hilfen bilden lokale und regionale Unterstützungs
netzwerke mit koordinierten Hilfsangeboten für Eltern und • alltagsweltliche Unterstützung beim Umgang
Kinder ab Beginn der Schwangerschaft und in den ersten mit dem Baby;
Lebensjahren. Der Bund hat 2018 einen auf Dauer angelegten • Unterstützung beim Umgang mit der
Fonds zur Sicherstellung der Netzwerke Frühe Hilfen und der psychischen Erkrankung;
psychosozialen Unterstützung von Familien einrichtet. Die
• Beratung bei Partnerschaftsproblemen.
Länder können S chwerpunkte setzen, indem sie die Bundes-
mittel gezielt auf die Fördergegenstände der Bundesinitiative
(Netzwerke, Familienhebammen, Ehrenamtsstrukturen)
verteilen.
14DIE FAMILIENHEB AMMEN DER BRÜCKE SCHLESWIG-HOLSTEIN
Für die Effektivität der Arbeit im Sozialraum: den Sozialraum und ihre (Re-)Integration in ein
• Teamarbeit von Hebammen und pädagogischen soziales Netzwerk sind wichtige Aufgaben im Sinne
Kräften aus Gemeindepsychiatrie und Jugendhilfe; der Prävention. Die weiteren priorisierten Zielset
• niedrigschwellige Vernetzung und Kooperation zungen des Projekts wie die ›Sicherung des Kindes
mit anderen Hilfeanbietern im Landkreis durch wohls‹, die ›Förderung und Verbesserung der
ein multiprofessionelles ambulantes Team. inneren familiären Kommunikation‹ sowie die
›Sicherung des finanziellen/materiellen Lebensunter
Für die Unterstützung durch das Jugendamt des halts‹ sind zweifellos für die Familie erstrebenswert
Kreises Plön: und für das Aufwachsen eines Kindes im Wohlerge
• die sorgsam gepflegte und sehr gute Zusammenar hen maßgeblich, bergen aber auch die Gefahr einer
beit des Trägers mit den Ämtern des Kreises Plön; Überforderung der einzelnen Fachkraft.
• die gute Resonanz betroffener Familien; Es ist davon auszugehen, dass die Projektstruktur der
• die feste Überzeugung des Trägers sowie aller Brücke Schleswig-Holstein den Fachkräften vor Ort
Mitarbeitenden von der Richtigkeit des Konzepts. die notwendige professionelle Unterstützung bietet,
um einer Überforderung entgegenzuwirken. Hinwei
Hemmnisse bei der Etablierung der Hebammenhilfe: se dafür finden sich in der Projektbeschreibung. So
• unterschiedliche Umgangsweisen der Jugendämter sind Familienhebammen in ein multiprofessionelles
in den Nachbarregionen des Kreises Plön mit dem Team eingebunden und nehmen regelmäßig an
Konzept und Angebot. Schon in der Nachbarregi Fallsupervisionen und Teambesprechungen teil.
on entschied das Jugendamt, diese Hilfen nicht zu Insofern das Projekt, wie in der Projektbeschreibung
finanzieren – trotz vieler Anfragen von betroffe ausgeführt, überwiegend durch den örtlich zuständi
nen Familien. gen Jugendhilfeträger finanziert wird und die
Familienhebammen für eine Zielvereinbarung mit
den Eltern in ein Hilfeplanverfahren gemäß § 36
FAC H L IC H E E IN S C HÄ T ZUN G SGB VIII eingebunden sind, handelt es sich nicht
Anne Timm, Nationales Zentrum Frühe Hilfen, mehr um ein ›klassisches‹ Angebot der Frühen
Köln: »Die Ergebnisse aus der Begleitforschung zur Hilfen. Die niedrigschwelligen Angebote der Frühen
Bundesinitiative Frühe Hilfen belegen, dass sich vor Hilfen erfordern keinerlei Antragsverfahren.
allem niedrigschwellige und familienaufsuchende Es ist anzunehmen, dass diese höhere Zugangs
Angebote wie der Einsatz von Familienhebammen schwelle durch bereits bestehende Angebote der
und vergleichbar qualifizierter Fachkräfte aus dem Familienhebammen kompensiert werden kann, etwa
Gesundheitsbereich bewährt haben. durch die Frühstückstreffs. Die Arbeit der Gesund
Insbesondere für Familien mit einem psychisch heitsfachkräfte wirkt bei solchen sehr niedrigschwel
erkrankten Elternteil ist es wichtig, dass Hilfen nicht ligen Angeboten als ›Türöffner‹. Die Familienhebam
zu einer weiteren Stigmatisierung der Familien oder men leisten einen Beziehungsaufbau, ermöglichen
des Betroffenen beitragen. Dementsprechend ist der Wege aus einer möglicherweise bestehenden
Einsatz von Familienhebammen als akzeptierte und Isolation der Familien und eröffnen somit ggf. den
anerkannte familiäre Unterstützerinnen sinnvoll. Zugang zu weiteren Hilfen.
Das Angebot der Familienhebammen entfaltet die Insgesamt stellt sich das Projekt der Brücke Schles
größte Wirkung im primär- und sekundärpräventi wig-Holstein durch die Arbeit in einem multiprofes
ven Bereich. Die konzeptionellen Zielstellungen der sionellen Team und die enge Kooperation mit dem
Brücke Schleswig-Holstein zum Einsatz der Familien Jugendamt Plön sowie die Vernetzung mit den
hebammen sind sehr umfassend. Als übergeordnetes Institutionen der psychiatrischen und psychothera
Ziel wird eine frühzeitige Begleitung der werdenden peutischen Hilfen als Schnittstellenprojekt zwischen
Eltern angestrebt, um diese so zu stärken, dass dem dem Gesundheitssektor und der Kinder- und
Kind bzw. den Kindern entwicklungsfördernde Jugendhilfe dar.«
Lebensbedingungen geboten werden können. Einen
hohen Stellenwert hat dabei der Aufbau einer
sicheren Bindung zwischen Eltern und Kind. Dies ist
auch mit Blick auf die Erkenntnisse aus der Entwick
lungspsychologie ein wichtiges Ziel. Eine sichere
Eltern-Kind-Bindung wird als Ausgangsbasis für eine
positive kindliche Entwicklung gesehen.
Auch die angestrebte Einbindung von Familien in
15LEUCHTTURMPROJEKTE
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WO H N G E M E I N S C H A F T I N D R E S D E N
Sicher durch
die ersten Jahre
Das Besondere der Sozialtherapeutischen Integrierten Versorgung. Von Beginn an bietet der
Wohngemeinschaft für Mütter und Väter Psychosoziale Trägerverein Sachsen vielfältige
mit ihren Kindern, MuKi, in Dresden ist, Beratung, Betreuung, Begleitung und Unterstützung
dass die Fachkräfte hoch qualifiziert und für psychisch kranke Menschen an mit dem Ziel,
ausnahmslos alle therapeutisch geschult ihre Fähigkeit zu weitgehend selbstbestimmter
sind. Zusätzlich kann das interne Netzwerk Lebensgestaltung zu fördern und weiterzuentwi
des Trägers bedarfsgerecht genutzt werden. ckeln. Als gemeindepsychiatrischer Träger von
Das Unterstützungsangebot wiederum ist Hilfen bietet er sachsenweit Leistungen nach SGB II,
modular aufgebaut und kann leicht dem V, VIII, IX, XI und XII sowie nach verschiedenen
jeweiligen Bedürfnis des Menschen im Fokus Richtlinien des Bundeslandes Sachsen an.
angepasst werden. Seine Qualität wird stetig Er hat knapp 200 Beschäftigte und bietet seine
entwickelt und gesichert. Leistungen an für Dresden und die Landkreise
Meißen, Görlitz und Bautzen mit zusammen gut 1,4
TR Ä GER I NF O Millionen Menschen.
MuKi ist ein Angebot des Psychosozialen Träger Seit 2002 bemüht sich der Psychosoziale Trägerverein
vereins Sachsen e. V. (PTV). Er wurde 1990 in um die besonderen Bedürfnislagen von Familien mit
Dresden als mildtätiger und gemeinnütziger Träger seelisch belasteten und psychisch kranken Eltern.
gegründet. Er ist anerkannter Träger der freien Über MuKi hinaus hält der Psychosoziale Träger
Jugendhilfe, der Eingliederungshilfe und der verein Sachsen weitere Angebote im Bereich »Hilfen
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für Kinder psychisch kranker Eltern« vor. Grund • Hilfe bei Integration in Schule, Berufsausbildung
legender niedrigschwelliger Baustein des interdiszip und Arbeit;
linären bedürfnisorientierten Netzwerks ist die • Unterstützung beim Aufbau und Erhalt von
offene – bei Bedarf auch anonyme – Beratung, die konstruktiven Kontakten zu Angehörigen;
seit 2006 von der Beratungsstelle für Kinder und • gemeinsame Freizeitaktivitäten und Angebote zur
Eltern (KiElt) geleistet wird. Entlastung bzw. Entspannung.
A NG E BOT E Folgende Angebote für Kinder und Jugendliche
MuKi bietet Platz für acht Mütter oder Väter mit werden in der Beratungsstelle KiElt des PTV Sachsen
ihren Kindern. Zum betreuenden Team gehören vorgehalten:
zwölf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit sozial • Einzelberatung / systemische Familienberatung;
pädagogischen, sozialarbeiterischen, (heil)pädagogi • altersgerechte Informationen über psychische
schen und psychologischen Ausbildungen sowie Erkrankungen;
diversen Zusatzqualifikationen, z. B. im systemischen • thematische Gruppe für Kinder (acht bis zwölf
Arbeiten mit psychisch kranken Menschen oder im Jahre) psychisch erkrankter Eltern, um sich mit
Elterntraining »Starke Eltern, starke Kinder«. Gleichbetroffenen auszutauschen und Informatio
nen zur Erkrankung und zum Umgang damit zu
Psychisch erkrankte Eltern mit Kindern bis zu sechs erhalten; vor allem geht es um die Stärkung der
Jahren finden bei MuKi: kindlichen Resilienz;
• gemeinsame Wohnform für Schwangere und • inklusives Gruppenangebot für Jugendliche (13
Mütter oder Väter mit ihren Kindern; bis 18 Jahre) mit einem psychisch erkrankten
• Begleitung von Müttern oder Vätern, die verant Elternteil in Kooperation mit dem Sächsischen
wortungsvoll für sich und ihre Kinder entscheiden, Ausbildungs- und Erprobungskanal vom Medien
für einen begrenzten Zeitraum eine intensive kulturzentrum Dresden e. V.
Form von Unterstützung in Anspruch zu nehmen.
Diese Unterstützung, die Eltern in die Lage Angebote für Fachkräfte:
versetzen oder darin bestärken soll, nach ihren • Weiterbildung;
Möglichkeiten ein selbstständiges Leben mit • kollegiale Fach- und Fallberatung.
ihrem Kind zu führen und dessen Wohlergehen zu
gewährleisten, wird nach § 19 SGB VIII finanziert. KOS TE NTRÄGE R
Muki wird vom Jugendamt Dresden finanziert oder
Zusätzlich bietet der Psychosoziale Trägerverein für von den Jugendämtern der umliegenden Landkreise,
psychisch erkrankte Eltern und ihre Kinder weitere wenn von dort Eltern kommen.
Hilfen an. Da diese vom gleichen Träger wie MuKi Von Eltern(teilen) können im Vorfeld oder im
vorgehalten werden, ist eine unkomplizierte und Anschluss der Hilfe im MuKi auch Hilfen zur
vertrauensvolle Überleitung an diese Stellen mög Erziehung nach §§ 27ff. SGB VIII im Bereich »a casa«
lich. Es handelt sich um folgende Angebote: des Psychosozialen Trägervereins in Anspruch
• systemische Einzel-, Paar- und Familienberatungen; genommen werden, und zwar:
• Erziehungsberatung; • Sozialpädagogische Familienhilfe (§ 31);
• Informationen über psychische Erkrankungen; • Erziehungsbeistand/Betreuungshelfer (§ 30);
• Vermittlung zu anderen spezialisierten Institutio • Schulkindern und Jugendlichen wird geboten:
nen (z. B. Schuldnerberatung, Frühförderung, • Intensive Sozialpädagogische Einzelbetreuung
Fachärzte für Psychiatrie, verschiedene Therapie (§ 35);
möglichkeiten, Kinderbetreuung). • Eingliederungshilfe (§ 35a);
• Schulintegrationshilfe durch Fachkräfte
Je nach Zielsetzung, Hilfebedarf und Vereinbarung: (§ 35a Abs. 2).
• Unterstützung bei der Festigung einer selbst
ständigen Lebensführung mit ihren Kindern; Junge Volljährige erhalten nach § 41 Unterstützung
• sozialpädagogische und psychologische Einzel- in allen Belangen, die dieser Entwicklungsschritt des
und Gruppenangebote, u. a. psychoedukative Erwachsenwerdens mit sich bringt. Ziel ist die
Gruppen zur Wissensvermittlung im Umgang mit eigenverantwortliche Lebensführung.
psychischen Erkrankungen;
• Elternkompetenztraining;
• Unterstützung beim Ausbau einer angemessenen
Eltern-Kind-Beziehung;
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MuKi: Sozialtherapeutische
Wohngemeinschaft für Eltern und
Kinder – ein Angebot des PTV Sachsen
Angebote:
• Gemeinsame Freizeitaktivitäten und Angebote zur Entlastung
beziehungsweise Entspannung
• Unterstützung beim Ausbau einer angemessenen Eltern-Kind-Beziehung
• Hilfe bei Integration in Schule, Berufsausbildung und Arbeit
• Unterstützung bei der Festigung einer selbstständigen Lebensführung
mit ihren Kindern
• Sozialpädagogische und psychologische Einzel und Gruppenangebote, psychoedukative Gruppen
• Elternkompetenztraining
• Aufbau und Erhalt von konstruktiven Kontakten zu Angehörigen
Rechtliche Grundlagen:
SGB VIII § 19
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WA S S AG T D E R KO S T E N T R ÄGE R? für Kinder, Jugendliche und Eltern mit psychischen
Claus Lippmann, Leiter des Jugendamts Dresden: Belastungen/Erkrankungen) aufgebaut.
»Die Angebote ›ambulante Hilfen‹ und ›Sozialthera Der Psychosoziale Trägerverein Sachsen hat sich
peutische Wohngemeinschaft für psychisch kranke immer als Träger von Angeboten für diese Ziel
Mütter/Väter mit Kindern‹ wurden 2009 bzw. 2010 gruppe verstanden und nicht als Träger allgemeiner
als Angebote der Jugendhilfe verhandelt. Ausschlag Angebote der Jugendhilfe. Dies hat er auch immer
gebend für die Verhandlung des Angebotes war so in den Netzwerken der Jugendhilfeträger kommu
dabei, dass es auf spezielle Bedarfe auch spezielle niziert. Er hat in diesem Bereich über die Jahre seine
Antworten geben muss. Die Zusammenarbeit mit Qualität durch Schulungen und Fortbildungen der
dem Träger und der konkreten Einrichtung zeichnet Mitarbeiterschaft immer weiter erhöht und sich
sich durch einen hohen Grad an verbindlicher immer stärker in Dresden und den anderen Land
Kommunikation und durch die gemeinsame kreisen, in denen er in diesem Bereich tätig ist,
Gestaltung geeigneter Lösungen insbesondere bei etablieren können.
aufkommenden Krisen aus. Durch die kontinuierli
che Arbeit an der Weiterentwicklung der Bindungs Z U S AM M E NARB E IT M IT RE GIONALEN
qualität zwischen Mutter/Vater und Kind(ern) AKTE U RE N
werden schädigende Beziehungsabbrüche weitge Die Sozialtherapeutische Wohngemeinschaft
hend vermieden.« profitiert von der Expertise anderer Bereiche des
Psychosozialen Trägervereins. Bei regelmäßig
stattfindenden Treffen auf Leitungsebene werden
ENTW IC K L UN G D E S P RO JE K TS mitunter komplexe Fälle gemeinsam erörtert und
Seit 2002 bemüht sich der Psychosoziale Trägerver gelöst.
ein Sachsen um die besonderen Bedürfnislagen von Über diese interne Zusammenarbeit hinaus ist der
Familien mit seelisch belasteten und psychisch Psychosoziale Trägerverein eng in den Gemeinde
kranken Eltern und deren Kindern. Er gab in allen psychiatrischen Verbund** eingebunden, der in
Fachgremien fortlaufend Hinweise zu der Problema Sachsen seit 1992 von sozialpsychiatrisch engagier
tik und suchte das Gespräch über die fehlenden ten Fachkräften, Ärztinnen und Ärzten sowie
Versorgungsangebote für Kinder psychisch kranker Angehörigen aufgebaut wurde.
Eltern mit der Psychiatriekoordination aus dem Alle Mitglieder im Gemeindepsychiatrischen
Gesundheitsamt sowie dem Jugendamt der Landes Verbund wiederum arbeiten mit dem Sozialpsychiat
hauptstadt Dresden. Aber erst, als der Psychosoziale rischen Dienst des Gesundheitsamts, mit Kliniken,
Trägerverein das Thema in die PSAG* Dresdens niedergelassenen ärztlichen, psychiatrischen und
einbrachte, wo Vertreter der Behörden (Gesundheits psychotherapeutischen Fachleuten, Hebammen,
amt, Jugendamt), der Wohlfahrtsverbände und der Frühförderangeboten und Kindertageseinrichtungen
Leistungserbringer zusammensitzen, ging es mit usw. zusammen. Auch mit der Jugendhilfe wird z. B.
dem Projekt voran. Alle Mitwirkenden erkannten in der AG Frühe Hilfen kooperiert.
den besonderen Bedarf und die Versorgungslücken Vertreterinnen und Vertreter der verschiedenen
an. Der Psychosoziale Trägerverein Sachsen wurde Hilfesysteme arbeiten außerdem in den Psycho
dann der erste Träger für diese Angebote in Dresden. sozialen Arbeitsgemeinschaften (PSAG) und in der
Vor MuKi wurden schon 2006 das Projekt »a casa« Unterarbeitsgruppe Kinder zusammen. In Letzterer
(ambulante Hilfen für Kinder, Jugendliche und erörtern Psychiatriekoordination, Jugendamt und
Familien) und das Projekt »KiElt« (Beratungsstelle Suchtbeauftragte, Vertreter der Kliniken, der nieder
gelassenen Fachärzte, der Psychotherapeuten, der
Kassenärztlichen Vereinigung und der Leistungs
* In den Psychosozialen Arbeitsgemeinschaften (PSAG)
treffen sich auf kommunaler Ebene regelmäßig Vertreter
innen und Vertreter aller psychosozialen Träger und ** Der Gemeindepsychiatrische Verbund (GPV) ist ein
psychiatrischen Institutionen, der Psychiatrieerfahrenen verbindlicher Zusammenschluss der wesentlichen Akteure
und Angehörigen, um die psychosoziale Versorgung einer definierten Versorgungsregion, also vor allem der
weiterzuentwickeln. Ihre Ergebnisse haben für die Träger der ambulanten und stationären Eingliederungshilfe
Kommunalpolitik Empfehlungscharakter. Die PSAGs und Krankenbehandlung. Die Mitglieder verpflichten sich
arbeiten meist in Untergruppen, z . B. zum Thema Familien vertraglich zur Kooperation und zur Organisation umfassen
mit einem psychisch erkrankten Elternteil, und bilden der psychiatrischer Hilfen, vor allem für Menschen mit
damit wichtige Schnittstellen zu den anderen Hilfe schweren psychischen Erkrankungen
systemen. und einem komplexen Hilfebedarf.
19LEUCHTTURMPROJEKTE
»Mit Blick auf die Kinder werden
Betreuungs-, Förderungs- und
kompensatorische Hilfen geleistet.«
erbringer aus Jugendhilfe und Gemeindepsychiatrie F ÖRDE RLICHE U ND HE M M E NDE
aktuelle Bedarfslagen und stellen Angebote vor. FAKTORE N
Im Rahmen eines Auswertungsgesprächs mit dem
sächsischen Leuchtturmangebot wurden durch den
Dachverband Gemeindepsychiatrie folgende
förderliche – und hemmende – Faktoren für die
Etablierung dieses Angebots auf unterschiedlichen
Ebenen identifiziert:
Förderliche Faktoren:
• hohe Qualifikation und reiche Erfahrung;
• verbindliche Kommunikation mit allen regionalen
Akteuren;
• stete Entwicklung der Fachlichkeit und Weiter
bildung;
• gemeinsame Gestaltung und Suche nach
Daniel Skupin, Vorstand PTV Sachsen Lösungen anhand konkreter Probleme mit dem
zuständigen Jugendamt;
WÜN SCH E F Ü R DI E ZUK UN F T • hohes Ansehen beim Jugendamt, auch wenn es
Daniel Skupin, Vorstand Psychosozialer Trägerverein um den Umgang mit Kindeswohlgefährdung geht;
Sachsen, Dresden: »Ich wünsche mir und allen • transparente Kommunikation und Unterstützungs
Aktiven in diesem Feld positive Ergebnisse aus der angebote an die regionalen Träger der Jugendhilfe;
vom Bundestag eingesetzten Sachverständigen • Mitarbeit in Netzwerken auf unterschiedlichen
arbeitsgruppe ›Hilfen für Kinder psychisch kranker Ebenen;
Eltern‹ sowie allen anderen Formaten des BMFSFJ • Engagement in Diskussionen um notwendige
wie ›Mitreden und Mitgestalten. Die Zukunft der Veränderungen in der Jugendhilfe – Einbringen
Kinder- und Jugendhilfe‹. Dabei geht es um die des gemeindepsychiatrischen Ansatzes.
Weiterentwicklung des SGB VIII bzw. die Etablierung
von Lösungsansätzen, die es erlauben, künftig eine Hemmende Faktoren:
optimale interdisziplinäre Versorgung zu gewährleis • Die Fragen nach Zuständigkeitsgrenzen und
ten und Kinder in besonderen Belastungssituationen Schnittstellenmanagement sind weiterhin teilweise
verbindlich, niedrigschwellig und flächendeckend ungeklärt und bringen Reibungsverluste mit sich.
zu versorgen. Daneben wünsche ich mir mehr Beispiel: Eine Mutter zieht in die Sozialtherapeu
institutionelle Möglichkeiten zur passgenauen tische Wohngemeinschaft (Wirkungskreis des SGB
Realisierung des individuellen Unterstützungs VIII) und muss die eigene Wohnung aufgeben,
bedarfs. Last but not least würde ich mir eine weil das Jobcenter (SGB II) diese Maßnahme nicht
genauere Schnittstellenklärung zwischen den weiterzahlt. Nach einem Monat muss die Hilfe im
Sozialgesetzbüchern zur Etablierung von Hilfen MuKi beendet werden, da erst nach dieser Zeit
für Familien mit einem komplexen Hilfebedarf ersichtlich wird, dass das Kindeswohl durch die
wünschen.« Mutter nicht gesichert werden kann. In diesem
Fall muss der Psychosoziale Trägerverein im
schlimmsten Fall die Hilfe beenden und die
Mutter von heute auf morgen in die Obdach
losigkeit entlassen.
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FAC H L IC H E E IN S C HÄ T ZUN G nicht dezidiert auf Kinder mit psychisch kranken
Jutta Decarli, Geschäftsführerin AFET – Bundes Eltern, eignet sich aber in seiner Beschreibung gut
verband für Erziehungshilfe e. V.: »In Familien mit für diese Zielgruppe. Der Bedarf an betreuten
einer psychisch erkrankten Mutter oder einem Wohnformen für betroffene Einelternfamilien ist in
psychisch erkrankten Vater sind häufig komplexe der Regel so groß, dass Einrichtungen, die ihren
Problemlagen mit schwankenden Bedarfsverläufen Fokus ausschließlich auf die Zielgruppe ›psychisch
vorzufinden, die aufeinander abgestimmte Hilfen kranke Einelternfamilien‹ richten, auch ausgelastet
benötigen. Insofern sind alle Angebote, die das sind.
gesamte System Familie in Augenschein nehmen Ein Problem in der Finanzierung stellen für diese
und quasi ›Hilfen aus einer Hand‹ anbieten, zu Angebote die schwankenden Bedarfsverläufe dar,
begrüßen. Das Konzept der psychotherapeutischen wie sie bei Müttern oder Vätern mit psychischen
Wohngruppe in Dresden sieht einen breiten Fächer Beeinträchtigungen oft vorkommen. Das bedeutet,
an Unterstützungsangeboten wie z. B. Hilfe bei der es ergeben sich Kosten für ein Frei- bzw. Vorhalten
Suche nach einem Betreuungsplatz für das Kind, von Leistungen, deren Inanspruchnahme noch unsi
Elternkompetenztraining oder psychologische cher ist. Auch die Möglichkeiten der Mischfinanzie
Gruppenangebote für die betroffenen Mütter vor. rung für Leistung und Hilfen nach SGB VIII und/
Was die Fragen der Regelfinanzierung und Übertrag oder SGB V (medizinische Rehabilitationsleistungen)
barkeit betrifft, muss etwas zur Finanzierung der bedürfen einer Klärung.
Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe vorausge Ein Angebot wie MuKi lohnt sich aber für die
schickt werden. Das Wort ›Regelfinanzierung‹ ist Zielgruppe. Ein Risikofaktor für Kinder mit einem
hier möglicherweise ein Anlass für Missverständnis psychisch erkrankten Elternteil ist der oft symptom
se. Möglicherweise könnte damit der Eindruck bedingte soziale Rückzug der Familie. Das Leben in
entstehen, es gäbe eine Art ›Rechtsanspruch‹ auf die einer Wohngemeinschaft mit gemeinsamen Mahl
Hilfen nach § 19 SGB VIII und zudem eine Art zeiten und verschiedenen Gruppenangeboten wirkt
Verpflichtung, ein vergleichbares Angebot vorzuhal hier sicherlich als stabilisierender Schutzfaktor für
ten. Ob ein Vater oder eine Mutter eine Einrichtung die Kinder.
der ›Gemeinsamen Wohnformen für Mütter/Väter Besonders erscheint der Umgang mit Krisen. So
und Kinder‹ nach § 19 SGB VIII als Hilfe nutzen steht in der Leistungs- und Entgeltvereinbarung,
kann, hängt aber von zwei Voraussetzungen ab: dass zusätzlich Betreuungsstunden für die Kinder
Zum einen muss das örtliche Jugendamt mit einem erbracht werden können, um die Bindung zwischen
freien Träger eine Leistungs-, Entgelt- und Qualitäts Mutter und Kind zu unterstützen. Interessant ist,
vereinbarung abgeschlossen haben, damit der freie dass bei einer Krisenintervention für den erkrankten
Träger eine solche Einrichtung überhaupt anbieten Elternteil das Kind unkompliziert bis zu drei Tage in
(und finanzieren) kann. Dies liegt im Ermessen eines der WG weiter betreut werden kann. Auch bei
jeden Jugendamts. Zum anderen muss ein Elternteil einem längeren Klinikaufenthalt der Mutter wird
entsprechende Voraussetzungen erfüllen. Er muss versucht, das Kind nicht aus seiner vertrauten
allein leben, ein Kind unter sechs Jahren im Haus Umgebung herauszunehmen und ihm damit immer
halt versorgen und die Unterstützung bei der Pflege wiederkehrende Beziehungsabbrüche zu ersparen.
und der Erziehung durch eine geeignete Wohnform Die Frage, ob diese Hilfe nach dem Kinder- und
benötigen. Die Hilfegewährung gemäß § 19 SGB VIII Jugendhilferecht auf andere übertragbar wäre,
richtet sich an Schwangere/Mütter/Väter und Kinder beantwortet sich erfreulicherweise insofern, da es
in gleicher Weise und strebt die Stabilisierung der bereits in der ganzen Bundesrepublik seit vielen
Persönlichkeit, die Befähigung zur eigenverantwort Jahren viele Mutter-Kind-Einrichtungen nach § 19
lichen Wahrnehmung der Elternrolle und die SGB VIII gibt, die sich auf alleinversorgende Mütter
Entwicklung einer stabilen Eltern-Kind-Beziehung und Väter mit psychischen Beeinträchtigungen und
an. Mit Blick auf die Kinder werden Betreuungs-, mit Kindern unter sechs Jahren spezialisiert haben.
Förderungs- und kompensatorische Hilfen geleistet. In diesem Beispiel ist es offenbar gelungen in den
Die Kinder werden also mit ihren Bedarfen gleich Leistungs- und Entgeltvereinbarungen für definierte
wertig neben den Bedarfen der Mutter / des Vaters Freihalte- oder Vorhaltekosten, oder für Betreuungs
berücksichtigt. Der § 19 SGB VIII bezieht sich zwar kosten der Kinder, Lösungen zu vereinbaren!«
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