Vom Anfang und Ende der Lieferkette - Erfahrungen im Kampf gegen Agrobusiness und Supermarktmacht zwischen Almería und Berlin - Interbrigadas
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Vom Anfang und Ende
der Lieferkette
Erfahrungen im Kampf gegen Agrobusiness und Supermarktmacht
zwischen Almería und BerlinVOM ANFANG UND ENDE DER LIEFERKETTE | EDITORIAL EDITORIAL Interbrigadas gibt es seit 2007 als eingetragenen und gemeinnützigen Verein. Wir sind eine Gruppe junger Menschen aus Berlin und engagieren uns im Bereich des politischen und kulturellen Austausches zwischen Europa und Lateinamerika mit internationalistischem Anspruch. Motiviert durch die hoffnungsvolle Bolivarische Revolution in Venezuela organisierten wir damals noch als Schüler*innen Brigaden, deren Anspruch es war die stattfindenden Prozesse in Basisstrukturen zu unterstützen und von ihnen zu lernen. Angesichts der Entwicklungen in Venezuela hat sich der Fokus unserer praktischen Solidarität nun verschoben und wir haben im Rahmen einer Zusammenarbeit mit der andalusischen Landarbeiter*innenge- werkschaft SOC-SAT begonnen, auch in Europa stärker aktiv zu werden. Die Arbeit und Erfahrungen in Andalusien sind anders als in Venezuela. Es handelt sich um keinen umfassenden gesellschaftlichen Prozess, sondern es sind wenige Akteur*innen, die sich dort gegen den enormen sozialen, ökono- mischen sowie rassistischen Druck auf die Tagelöhner*innen in der Land- wirtschaft stemmen. In ihrer Arbeit spiegeln sich äußerst deutlich die globalen ebenso wie die innergesellschaftlichen Missstände unserer Zeit wider, vor deren Mitverantwortung wir uns in Europa nicht verstecken können. Die weißen Gewächshausdächer im Osten Andalusiens sind nicht nur aus dem Weltraum sichtbar, sondern für eine wachsende europäische Öffentlichkeit zum Symbol für unmenschliche Arbeitsbedingungen in der Agrarindustrie geworden. In regelmäßigen Abständen besuchen Journalist*innen die chabolas, die informellen Siedlungen am Rande der Plantagen, und zeigen Schmutz, Armut und Perspektivlosigkeit. Seltener berichten sie davon, dass die Arbei- ter*innen des Plastikmeers aufbegehren und sich organisieren: gegen Löhne unter dem Existenzminimum, Vergiftungen durch Pestizide und rassistische Diskriminierung. Und noch seltener geht es um das Wirtschaftssystem mit seinen Profitinteressen, das diese Situation hervorgebracht hat und erhält.
EDITORIAL | VOM ANFANG UND ENDE DER LIEFERKETTE Stein des Anstoßes für diese Broschüre gab die Tagung des Europäischen BürgerInnenforums (EBF) am 7.2. und 8.2.2020 in Bern, Schweiz, anlässlich des 20. Jahrestages der rassistischen Pogrome in El Ejido, dem Zentrum der intensiven Landwirtschaft Andalusiens. Wir wollen auf den folgenden Seiten unserer eigene theoretische und praktische Arbeit in Almería darstellen und reflektieren sowie daraus gewonnene Fragen und Erkenntnisse vermitteln. Die hier in der Broschüre versammelten Beiträge lassen sich in ihrer Vielfalt der Formate und Schwerpunkte als eine Art Kaleidoskop unserer Arbeit verstehen. Die Beiträge wurden von unterschiedlichen Personen, mit verschiedenen Wissens- und Erfahrungsständen erarbeitet und verfasst. Einige waren mehr- mals mit Brigaden vor Ort in Almería, andere nahmen wichtige Rollen bei der Arbeit in Berlin ein. Die Texte spiegeln daher eine Vielzahl an Perspek- tiven wider, erfüllen dabei ganz unterschiedliche Funktionen und zeichnen somit nicht zuletzt auch die Spannweite der Arbeit zwischen Almería und Berlin nach. Was sie eint, ist unsere transnationale, internationalistische und aktivistische Perspektive auf die Bedingungen der kapitalistischen Obst- und Gemüseproduktion an der europäischen Außengrenze in Almería.
VOM ANFANG UND ENDE DER LIEFERKETTE | INHALT
INHALT
EDITORIAL
4 DAS PLASTIKMEER AM RANDE EUROPAS
HINTERGRÜNDE ZUR MIGRANTISCHEN ARBEIT IN DEN GEWÄCHSHÄUSERN
VON ALMERÍA
10 WAS HABEN WIR ERREICHT, WAS HAT SICH VERÄNDERT?
20 JAHRE NACH DEN RASSISTISCHEN AUSSCHREITUNGEN IM PLASTIKMEER
VON ALMERÍA
GASTBEITRAG DES EUROPÄISCHEN BÜRGERINNENFORUMS (EBF)
18 UNION BUSTING MIT ALLEN MITTELN
ÜBER DAS ZUSAMMENSPIEL VON UNTERNEHMEN, POLITIK UND
ZERTIFIZIERERN
25 WIE UNTERNEHMEN SYSTEMATISCH ARBEITSRECHTE UNTERGRABEN
30 DER KAMPF FÜR LAND UND FREIHEIT IN ANDALUSIEN GEHT WEITER
INTERVIEW MIT JOSÉ GARCÍA CUEVAS, SPRECHER DER SAT ALMERÍA
36 EIN GESETZ GEGEN AUSBEUTUNG IM GEWÄCHSHAUS?
INITIATIVE LIEFERKETTENGESETZ
41 ETHISCHER KONSUM QUO VADIS?
WARUM UNS BIO UND FAIRTRADE NICHT RETTEN WERDEN
48 TRADITION(EN) DER BEWEGUNG
GEMEINSAM BESETZEN, PRODUZIEREN UND SICH SOLIDARISIEREN
INTERVIEW MIT CURRO MORENO, EINEM SPRECHER DER SAT JAÉN
53 FOTOREIHE – CERRO LIBERTAD
ANALOGE FOTOGRAFIEN, ENTSTANDEN IM FEBRUAR 2018
60 ZWISCHEN WELTWÄRTS UND WELTREVOLUTION4 DAS PLASTIKMEER AM RANDE EUROPAS | VOM ANFANG UND ENDE DER LIEFERKETTE
DAS PLASTIKMEER AM
RANDE EUROPAS
Hintergründe zur migrantischen Arbeit in den Gewächshäusern von Almería
Yoki
Níjar
Campohermoso
San Isidro
Almería
Aguadulce
El Ejido Roquetas de Mar
La Mojonera
0 20 km
Quelle: Junta de Andalucía (2019): „Ortofotografía Digital de Andalucía 2016“VOM ANFANG UND ENDE DER LIEFERKETTE | DAS PLASTIKMEER AM RANDE EUROPAS 5
1. ERSTE EINDRÜCKE Wildnis das industrielle Epizentrum der
europäischen Gemüseproduktion erschuf?
Wer zum ersten Mal in Almería ankommt, Der aus armen Bäuer*innen teilweise wohl-
wird die gesammelten Eindrücke so schnell habende Unternehmer*innen werden ließ
nicht vergessen: Die Abwechslung zwischen und dafür ein neues Heer mittelloser Landar-
kargen Bergen, einladenden Stränden sowie beiter*innen rekrutierte?
den weißen Plastikfolien, die die weiten
Ebenen dazwischen bedecken, wirkt gro- 2. HISTORISCHE ENTWICKLUNG DER
tesk. Exklusive Resorts und Rückzugsorte AGRARINDUSTRIE IN ALMERÍA
für betuchte Tourist*innen aus dem Euro-
päischen Norden grenzen abrupt an die Ausgangspunkt für diesen strukturellen
öden Brachen inmitten der befremdlichen Wandel war ein staatliches Programm in den
und anonymen Gewächshäuser, auf denen 1940er bis 60er Jahren, welches die weiten
sich der vom Wind zusammen gehortete trockenen Gebiete des spanischen Staates im
Abfall sammelt. Abseits der Orte und Städte, großen Maßstab kultivierbar machen sollte.
erreichbar nur über verzweigte Versor- Dieses „Kolonisierungs“-programm stellte mit
gungswege, findet man auf diesen Brachen großen Infrastrukturprojekten wie Stau-
kleine Hütten, errichtet aus dem umliegen- dämmen und Bewässerungskanälen die Vor-
den Unrat. In diesen sogenannten chabolas aussetzungen, um das Land urbar zu machen.
wohnen Menschen. Man ahnt es. Man ahnt Das neu erschlossene Land wurde parzelliert
ebenso, dass keiner dieser Menschen in den und an landlose Bäuer*innenfamilien aus
chabolas wohnen würde, wenn er oder sie benachbarten Regionen vergeben. Die Regie-
eine Wahl hätte. Abhängig von Tages- und rung Francos erhoffte sich davon einerseits
Jahreszeit findet man die Bewohner*innen eine volkswirtschaftliche Produktions-
der chabolas ein- und ausrücken: Auffällig steigerung in Zeiten außenpolitischer Iso-
Viele auf alten Fahrrädern, in notdürftig repa- lation. Andererseits sollte die landlose
rierten und überfüllten Autos, in zweckhafter Klasse befriedet und eine traditionalistische
Bekleidung. Was fällt noch auf? Keiner dieser Vorstellung der bäuerlichen Familie beför-
Menschen spricht hier Spanisch. Keiner die- dert werden. In diesem Zuge wurde auch
ser Menschen ist weiß. das damals größtenteils brachliegende Land
Noch in den 1950er Jahren gab es hier weder in den Küstenebenen der Provinz Almerías
chabolas noch Gewächshäuser. Die Böden unter Familien aus den abgelegenen Tälern
waren salzig, trocken und kaum kultivierbar. der benachbarten Alpujarra-Berge aufgeteilt.
Heutige Großstädte, wie das knapp 100.000
Einwohner*innen zählende El Ejido, waren Eine Reihe technologischer Innovationen
damals winzige Dörfer, kaum auf einer Karte ermöglichte eine ungeahnte Produktivi-
verzeichnet. tätssteigerung auf den Feldern Almerías:
Moderne Pumpanlagen zapften tiefliegende
Doch wie kam es zu diesem rasanten Wandel, Grundwasserleiter an und stellten zusätzli-
der aus einer natürlichen aber unwirtlichen ches Wasser für die Bewässerung bereit; auf6 DAS PLASTIKMEER AM RANDE EUROPAS | VOM ANFANG UND ENDE DER LIEFERKETTE
die natürlich kargen Böden wurde im soge- Gemüseanbau, Ernte und Abpackung. In der
nannten „Enarenado“-Verfahren eine Schicht Region Almería machte man sich die Lage an
von künstlich hergestelltem oder andernorts der europäischen Außengrenze zunutze und
abgebautem Mutterboden aufgetragen; rekrutierte seit den 90er Jahren vorwiegend
außerdem wurde durch die Errichtung von Menschen vom afrikanischen Kontinent für
Plastikgewächshäusern eine weitgehende diese Arbeiten. Auf diverse Art und Weise
Kontrolle der klimatischen Bedingungen für wurde die Situation dieser Menschen als
das Pflanzenwachstum erlangt. Im Zusam- Nicht-EU-Bürger*innen, Nicht-Weiße sowie
menspiel dieser Technologien war es nun oftmals als Nicht-Spanischsprachige und als
möglich für verschiedenste Gemüsesorten Frauen ausgenutzt, um die Arbeitskraft als
mehrere Ernten pro Jahr einzufahren. Ganze zu flexibilisieren und zu disziplinieren.
Dadurch konnten Lohnkosten auf verschie-
Nachdem Spanien 1986 der Europäischen denste Weisen reduziert werden [Arbeits-
Gemeinschaft beigetreten war und sich im rechtsverletzungen S.25].
wohlhabenden Norden des Kontinents große Die Lohnkosten bildeten den größten Anteil
Supermarktketten im Einzelhandel hervor- der Produktionskosten. Ihre Regulierung
taten, eröffnete sich ein rasch wachsender hatte somit maßgebliche Auswirkung auf die
Absatzmarkt für die Erzeugnisse der Alme- Konkurrenzfähigkeit der Produkte und des
rienser Landwirtschaft. Der Fokus wechselte Standorts Almería auf einem globalisierten
von der Versorgung des Binnenmarktes hin Markt.
zur Exportwirtschaft. Es folgten knapp zwei
Jahrzehnte ununterbrochenen Wachstums. Das weitere Wachstum des Anbaus wird
Zusammen mit einem Anwachsen eines gan- seitdem zunehmend von größeren Betrie-
zen Industrieclusters, das um Gemüseanbau, ben getragen, die Anbau, Verpackung und
-verpackung und -vermarktung entstand, Vermarktung unter einem Dach und oftmals
erlebte die Provinz Almería, das vormalige einer Marke vereinen. Durch Skaleneffekte
Armenhaus Spaniens, einen beispiellosen erreichen sie geringere Produktionskosten
Boom. Zur selben Zeit erlebten auch die und können die Schwankungen der volatilen
Finanz-, Dienstleistungs- und Bauindust- Marktpreise besser ausgleichen. Die Klein-
rien in Spanien einen großen Aufschwung. bäuer*innenfamilien, die dem Wachstum
Es entstand eine Vielzahl an Arbeitsplätzen, einst den Weg bereiteten, können heute nur
die mit besseren Arbeitsbedingungen und erschwert dem Preisdruck der Großabneh-
Gehältern die nachwachsenden Generationen mer standhalten und finden sich selbst immer
der Kleinbäuer*innenfamilien in die großen öfter in prekären Bedingungen wieder.
Städte lockte.
3. STRUKTURELLE ABHÄNGIGKEITEN DER
Diese Entwicklungen schufen einen rasant MIGRANTISCHEN ARBEITER*INNEN
steigenden Bedarf an Arbeitskräften für die
Verrichtung einfacher, aber schwer auto- Neben der lokalen Nachfrage an Arbeitskräf-
matisierbarer Tätigkeiten; vor allem bei ten, sehen sich die migrierenden MenschenVOM ANFANG UND ENDE DER LIEFERKETTE | DAS PLASTIKMEER AM RANDE EUROPAS 7
auch aus subjektiven Beweggründen sowie Sowohl der arraigo social als auch die
ökonomischen, sozialen oder rechtlichen contrataciones en origen machen die Men-
Notwendigkeiten veranlasst, in die Staaten schen, die einen legalen Aufenthalt in Spanien
der EU einzuwandern. Den meisten Men- anstreben, strukturell und persönlich abhän-
schen werden dafür kaum legale Möglichkei- gig von ihren Chef*innen und Vorgesetzten,
ten eingeräumt. Das spanische Recht kennt da sie auf deren Gunst angewiesen sind, um
jedoch Ausnahmen, die für viele Menschen entweder ihre Verträge zu erneuern oder um
die einzigen Schlupflöcher bieten, an einen einen Vertrag abzuschließen, während sie sich
legalen Aufenthaltsstatus in der EU zu gelan- noch illegal in Spanien aufhalten. Zudem sind
gen. die Menschen im Falle des arraigo social
Der sogenannte arraigo social (etwa „soziale darauf angewiesen, einen Zeitraum von
Verwurzelung“) sieht den Anspruch auf eine mindestens drei Jahren in der Illegalität zu
Wohn- und Arbeitserlaubnis unter folgenden leben.
Bedingungen vor:
1. Nachweis von mindestens drei Jahren Da die Region Almería und ihre lokale Indus-
illegalen Aufenthalts in Spanien, trie auf die Duldung dieser Praktiken ange-
2. Freiheit von Vorstrafen, wiesen sind, agieren staatliche Einrichtungen
3. einen gültigen Arbeitsvertrag von min- tendenziell im Interesse des Unternehmer-
destens einem Jahr. tums, indem etwa die Gewerbeaufsicht und
Vorherige Arbeitsverträge oder Lohnzah- Gerichte unterbesetzt bleiben. Somit wird die
lungen können dabei als Nachweis für die staatliche Kontrolle in ihrer Wirkmächtigkeit
Aufenthaltsdauer dienen. stark eingeschränkt und das Einklagen von
Rechten zu einem für die meisten Menschen
Eine andere Möglichkeit bieten die cont- zu langwierigen Unterfangen. Damit werden
rataciones en origen (etwa „Einstellung im den Migrant*innen die wichtigsten Mittel
Herkunftsland“): Im Rahmen von bilate- genommen, um sich gegen Missbrauch und
ralen Abkommen werden Menschen als Entrechtung zu wehren.
Arbeitskräfte von lokalen Behörden und
Produzenten in Nicht-EU-Ländern für die 4. MARGINALISIERUNG, SEGREGATION UND
saisonale Arbeit in der spanischen Landwirt- RASSISMUS
schaft rekrutiert. Sie erhalten eine vorläufige
Aufenthaltserlaubnis, die auf den Ort und Auch im Alltagsleben abseits des Arbeitsplat-
die Dauer des Einsatzes beschränkt ist, nach zes werden die migrantischen Arbeiter*innen
welchem sie zur Ausreise verpflichtet sind. marginalisiert. Eine Wohnung in den Städten
Sie können für die Folgesaison jedoch auf ist für Viele entweder kaum erschwinglich
Empfehlung des vormaligen Chefs wieder oder wird aufgrund rassistischer Vorurteile
bevorzugt angeworben werden. Nach vier der Vermieter*innen verwehrt. Es bleiben
gearbeiteten Saisons besteht Anspruch auf staatliche Sozialwohnungen in abgelegenen
eine Wohn- und Arbeitserlaubnis. und als Ghetto stigmatisierten Vierteln der
Großstädte, wie etwa El Puche in Almería8 DAS PLASTIKMEER AM RANDE EUROPAS | VOM ANFANG UND ENDE DER LIEFERKETTE
oder Doscientas Viviendas in Roquetas de lungen sind diese Praktiken den Behörden
Mar. Diese werden von städtischen Infra- bekannt und werden weitestgehend geduldet.
strukturen wie Personennahverkehr, Mül- Dennoch kommt es gelegentlich zu Räumun-
lentsorgung, Strom oder Straßenbeleuchtung gen oder Ahndungen. Die migrantischen
zeitweise oder dauerhaft abgeschnitten. Wer Arbeiter*innen sind sowohl in der Produk-
weder hier, noch in den eingangs erwähnten tions- als auch in der Reproduktionssphäre
chabolas wohnt, wird nicht selten in von den der permanenten Unsicherheit ausgesetzt,
Chef*innen bereitgestellten Schuppen, dass ihnen ihre Lebensgrundlage entzogen
Garagen oder ehemaligen Bauernhäusern auf werden könnte.
abgelegenen Betriebsgeländen untergebracht.
Dabei ist es üblich einen - oftmals überzoge- Diese Erfahrungen von Ausgrenzung und
nen - Teil des Lohns als Miete einzubehalten. Ausbeutung werden begleitet von Alltagsras-
sismus in verschiedenen Ausdrucksformen,
Die Menschen sind darauf angewiesen, sich sei es die Verweigerung von Dienstleistungen,
eigenständig etwa mit Wasser oder Strom zu Beleidigungen, Einschüchterung, Gering-
versorgen. Oftmals ist das illegale Anzapfen schätzung, bis hin zu Übergriffen. Zwar sind
öffentlicher Leitungen die einzige Möglich- große Teile der spanischen Mehrheitsgesell-
keit. Ebenso wie die Errichtung oder das schaft in Almería nicht explizit feindselig und
Bewohnen der informellen chabola-Sied- in Teilen auch empathisch oder solidarischVOM ANFANG UND ENDE DER LIEFERKETTE | DAS PLASTIKMEER AM RANDE EUROPAS 9
gegenüber den migrantischen Arbeiter*innen unter den Arbeiter*innen von den Chef
eingestellt. Andererseits sind die Wahlkreise *innen und Vorarbeiter*innen ausgenutzt,
im Plastikmeer in den letzten Jahren zur um die Belegschaften zu spalten und Hierar-
spanienweiten Hochburg der neuen rechts- chien zu fördern.
radikalen VOX Partei geworden, die hier
deutlich rassistische Diskurse befördert. Bei Die Bedingunden und Widersprüche, in
den letzten Wahlen ging sie hier vielerorts denen sich die migrantischen Arbeiter*innen
mit einem Drittel der Stimmen und mehr in der Region um Almería wiederfinden,
als stärkste Kraft hervor. Dies ist Teil einer ließen sich noch viel detaillierter beschreiben.
rassistischen Kontinuität, die schon bei den Zwischen Wut, Resignation und Indifferenz
pogromartigen Ausschreitungen im Februar keimen jedoch auch immer wieder Versuche
2000 schmerzhaft deutlich wurde [20 Jahre von Protest, Selbstorganisation und Wider-
nach dem Pogrom S.10]. Darüber hinaus werden stand [Arbeitskampf S.18].
rassistische sowie sexistische Vorstellungen
FURTHER READINGS
Zu Immigration, Segregation und politischer Ökonomie Zu migrantischer Arbeit in der industriellen
in Almería Landwirtschaft in Almería im globalen Kontext
diverse Publikationen Jörg Gertel und Sarah Ruth Sippel (Hrsg. 2014):
von Ángeles Arjona Garrido, Juan Carlos Checa Seasonal Workers in Mediterranean Agriculture:
Olmos und Francisco Checa Olmos (Universität The Social Costs of Eating Fresh
Almería) sowie José Francisco Jiménez Díaz (Univer- London: Routledge
sität Pablo de Olivade)
.
Zu Migrationsstrategien und Alltagsleben der
migrantischen Arbeiter*innen
Felix Hoffmann (2017):
Zur kommerziellen Normalisierung illegaler Migra-
tion. Akteure in der Agrarindustrie von Almería,
Spanien
Bielefeld: transcript Verlag10 WAS HABEN WIR ERREICHT, WAS HAT SICH VERÄNDERT? | VOM ANFANG UND ENDE DER LIEFERKETTE
WAS HABEN WIR
ERREICHT, WAS HAT
SICH VERÄNDERT?
20 JAHRE NACH DEN RASSISTISCHEN AUSSCHREITUNGEN IM PLASTIKMEER
VON ALMERÍA
Gastbeitrag des Europäischen Bürger*innenforums (EBF) Raymond Gétaz
Vom 5. bis 7. Februar 2000 fanden in El Ejido in den mehr als 35‘000 Hektaren Plastikge-
pogromartige Ausschreitungen gegen marok- wächshäusern der Region verdingten. Die
kanische Landarbeiter*innen statt, die sich Vorfälle von El Ejido waren wahrscheinlichVOM ANFANG UND ENDE DER LIEFERKETTE | WAS HABEN WIR ERREICHT, WAS HAT SICH VERÄNDERT? 11
die schlimmsten Ausbrüche rassistischer beiter*innengewerkschaft SOC1, erhielt die
Gewalt, die Migrant*innen in Spanien je Delegation rasch Einblick in die sozialen,
erleben mussten: Eine dreitägige systema- ökonomischen und politischen Verhältnisse
tische und organisierte Hetzjagd gegen die der Region und veröffentlichte im Herbst
Menschen und ihr bescheidenes Hab und Gut 2000 den Untersuchungsbericht „Anatomie
– geduldet von den lokalen Behörden und eines Pogroms“2.
den Ordnungskräften, die tatenlos zusahen.
Jeden Tag zeigten die Nachrichtensendungen Unsere Erfahrungen waren ernüchternd. Was
in den europäischen Medien, wie die Einwoh- gewisse Leute als das „andalusische Wunder“
ner*innen der Stadt mit Baseballschlägern bezeichnen, ist in Wirklichkeit das, was aus
durch die Straßen zogen, Büros von NGOs einer kleinlandwirtschaftlichen Region wird,
plünderten und Besitztümer der Migrant*in- die bedingungslos einer ultraliberalen Politik
nen zerstörten. und der Industrialisierung der Produktions-
systeme unterworfen wird: Ein Universum
Entrüstet über die Tatenlosigkeit der Behör- der totalen Ausbeutung von Mensch, Umwelt,
den entsandten wir, Mitglieder des EBF, eine Boden- und Wasserresourcen. Im Meer von
internationale Untersuchungskommission Gewächshäusern sucht man vergebens nach
in die Stadt El Ejido, um den Ursachen und den Anzeichen einer ursprünglichen, von der
den Folgen der rassistischen Ausschreitun- Arbeit der Bauern und Bäuerinnen gepräg-
gen nachzugehen. Unterstützt durch María ten Landschaft. Keine Bäume, Hecken, kaum
García Bueno, einer langjährigen Freundin Vögel oder Insekten. Einzig die vereinzelten,
und Aktivistin der andalusischen Landar-
1 Seit 2007 SAT, in Almeria als SOC-SAT weiter geführt. Im Text haben wir der
Einfachheit halber den alten Namen SOC verwendet.
2 Anatomie eines Pogroms z.B. El Ejido, 138 Seiten, EBF/CEDRI, ISBN
3-95221250-412 WAS HABEN WIR ERREICHT, WAS HAT SICH VERÄNDERT? | VOM ANFANG UND ENDE DER LIEFERKETTE
aus irgendwelchem Abfallmaterial zur Verteidigung der Gastarbeiter für
zusammengebastelten chabolas oder die die Schäden und Verluste der Februar-
slumartigen Wohnsiedlungen deuten noch verfolgung in ihren Kultstätten, ihren
auf die Anwesenheit von Menschen hin - Wohnungen, ihren Geschäften und
Gespenster in dieser surrealen, mit Plastikab- ihren Fahrzeugen vollständig entschä-
fällen verschandelten Welt. digt werden.
- dass das spanische Gesetz eingehalten
Da sich keine andere Gewerkschaft für die wird: Es sieht vor, dass allen Ausländern
meist papierlosen Migrant*innen einsetzte, in gleichem Maße wie den Spaniern
beschloss die Landarbeiter*innengewerk- dieselben konstitutionellen Freiheiten
schaft SOC ein Büro in Almería zu eröffnen. und Rechte garantiert werden (Art. 1,
Wir erkannten die Notwendigkeit, die SOC Gesetz 4/2000).
mit grenzüberschreitender Solidarität und - dass die Verantwortlichen der kollek-
gemeinsamen Aktionen in ihrer Arbeit zu tiven Gewalt gegen die Gastarbeiter
unterstützen. Die Öffentlichkeit in Europa gerichtlich verfolgt werden
musste über die skandalösen Lebens- und 2) Den Ursprung der Früchte und der
Arbeitsbedingungen der Landarbeiter*innen Gemüse, die Sie verkaufen, sowie deren
in der Provinz Almería informiert werden. Produktionsweise klar anzugeben - die
Bezeichnung des Landes genügt nicht.
DIE VERANTWORTUNG DER 3) Auf den Verkauf von billigen Frischwaren
GROSSVERTEILER 3 zu verzichten, wenn sie unter Verachtung
der Menschenwürde und der Natur pro-
Unsere erste Kampagne in der Schweiz duziert werden.
bewirkte, dass innerhalb von wenigen
Wochen über 10‘000 Konsument*innen Zahlreiche Medien sowie Konsument*in-
an die Großverteiler Coop und Migros nenorganisationen berichteten über die
schrieben, um gegen die ausbeuterische Kampagne und zogen die Großverteiler zur
und Umwelt zerstörende Produktion von Rechenschaft. Unter Zugzwang versicherten
Hors-Saison-Gemüse zu protestieren. In ihre Vertreter*innen vor laufenden Fernseh-
ihren Briefen forderten sie die Supermärkte kameras, dass sie, sollte sich die Situation
auf: vor Ort nicht verbessern, in Zukunft andere
1) Bei der andalusischen Regierung, der Lieferant*innen suchen werden. Gleich-
Präfektur der Provinz Almeria und der zeitig schickten sie Qualitätsbeauftragte
Stadtverwaltung von El Ejido durchzu- nach Andalusien, um sich ein eigenes Bild
setzen: zu machen. Großverteiler aus ganz Europa
- dass die Landarbeiter unter menschen- setzten sich zusammen und schufen neue
würdigen Bedingungen untergebracht Soziallabels wie z. B. Eurepgap oder Grasp.
werden Allerdings stützen sich diese in erster Linie
- dass die Gastarbeiter und die Vereine auf Selbstdeklarationen der Unternehmer*in-
nen oder auf Audits durch Firmen, in denen
3 Schweizerisch für EinzelhandelsketteVOM ANFANG UND ENDE DER LIEFERKETTE | WAS HABEN WIR ERREICHT, WAS HAT SICH VERÄNDERT? 13 Vertreter*innen der großen regionalen Lebens- und Produktionsbedingungen der Unternehmen, die in der Obst- und Gemü- Migrant*innen intervenierten. Europaparla- seproduktion involviert sind, federführend mentarier*innen stützten in einer Erklärung sind. Bei unseren Besuchen in El Ejido den Vertrag, den marokkanische Landarbei- mussten wir feststellen, dass selbst solche, ter*innen mit den Unternehmer*innen nach wohl eher als „kosmetisch“ zu bezeichnende den Ereignissen vom Februar 2000 ausgehan- Maßnahmen, nur nachlässig angewendet delt hatten. Eine Delegation des Europarats wurden. verfasste einen kritischen Bericht über die EUROPAWEITE PROTESTE GEGEN AUSBEU- irreguläre Beschäftigung in der Landwirt- TUNG schaft in den südlichen Ländern Europas. Rassistische Aggressionen gegen Migrant*in- Gleichzeitig warben wir mit der SOC für nen markierten auch in den folgenden Jahren eine regionale und nationale Unterstützung das soziale Klima in El Ejido und in der im Kampf gegen die unakzeptablen Bedin- ganzen Provinz Almería. Um dem entgegen- gungen im Obst- und Gemüsebau. In der zuwirken, organisierten wir mit der SOC Folge wurde in Sevilla ein von Hunderten zahlreiche internationale Delegationen, von spanischen Universitätsprofessor*in- die bei den Behörden und den Unterneh- nen mitunterzeichnetes Manifest publiziert. mer*innenverbänden bezüglich der Arbeits-, Weiter wurden in mehreren Treffen mit
14 WAS HABEN WIR ERREICHT, WAS HAT SICH VERÄNDERT? | VOM ANFANG UND ENDE DER LIEFERKETTE
Akademiker*innen, Ärzt*innen, Psycholo- kette, sind davon am stärksten betroffen. So
g*innen und Sozialbeauftragten die Rolle der berichten im Jahr 2006 zahlreiche Medien
Behörden und Unternehmen in Bezug auf über die unmenschlichen Bedingungen in der
die schlechten Lebens- und Arbeitsbedingun- Tomatenproduktion in Foggia in Süditalien.
gen der migrantischen Landarbeiter*innen Weitere rassistische Ausschreitungen gegen
angeprangert und Vorschläge für nachhaltige Landarbeiter*innen folgten 2010 in Rosarno
Besserungen ausgearbeitet. (ebenfalls in Süditalien). In Zusammenarbeit
mit dem Schriftsteller Jean Duflot verfassten
PREKARITÄT DER MIGRANT*INNEN wir dazu „Orangen fallen nicht vom Himmel,
UND SCHNELLE INDUSTRIALISIERUNG der Sklavenaufstand von Rosarno“6. Im Jahr
DER LANDWIRTSCHAFT ALS ZIELE UND 2013 fanden gewalttätige Übergriffe gegen
RESULTATE DER EUROPÄISCHEN ausländische Arbeiter*innen einer Erdbeer-
LANDWIRTSCHAFTS- UND plantage in Manolada, Griechenland statt. 30
MIGRATIONSPOLITIK Personen wurden zum Teil schwer verletzt.
Die schrittweise Verschärfung der Asyl-, Auf-
Die miserablen Arbeitsbedingungen in Süd- enthalts- und Migrationsgesetze in Europa in
spanien lenkten unsere Aufmerksamkeit auf den letzten 30 Jahren drängt viele Menschen
weitere Bereiche in der industriellen Land- in die Illegalität und macht sie zu prädesti-
wirtschaft und wir mussten feststellen, dass nierten Opfern von skrupellosen Unterneh-
in zahlreichen Ländern die Arbeitskräfte in mer*innen.
der Früchte- und Gemüseproduktion ähnlich
schlecht behandelt wurden. Als Resultat eines GROSSVERTEILER HABEN KEINE
internationalen Treffens in Paris publizierten GEWISSENSBISSE
wir mit der „Association pour un nouveau
développement“ im Frühjahr 2002 das Buch Unsere Kampagnen in der Schweiz zeigten
„le goût amer de nos fruits et légumes“4. Zwei immer wieder Wirkung. Nach den Ereig-
Jahre später veröffentlichten wir „Bittere nissen in Rosarno, protestierten beispiels-
Ernte, die moderne Sklaverei in der indus- weise Konsument*innen vor den Toren der
triellen Landwirtschaft Europas“5. Ob in Filialen der Großverteiler gegen den Verkauf
den Niederlanden, Frankreich, Österreich, von Mandarinen aus dieser Region. Denn
Deutschland oder in der Schweiz: Überall kaum vorstellbar: Auch zehn Tage nach der
konnte eine zunehmende Prekarisierung Hetzjagd auf afrikanische Landarbeiter*innen
der Arbeiter*innen in der Landwirtschaft boten einige Lebensmittelkonzerne, unter
beobachtet werden. Wir mussten feststellen, ihnen Coop, immer noch „billige Mandari-
dass das dominierende Landwirtschafts- nen“ aus Rosarno an. Zuvor hatten sie in den
modell in ganz Europa ähnliche unsoziale Medien das Gegenteil behauptet.
und umweltzerstörerische Strukturen
hervorbringt. Die Landarbeiter*innen, Im Frühjahr 2010 fanden in mehr als zehn
das schwächste Glied in der Produktions- Schweizer Städten koordiniert Protestakti-
4 Informations et commentaires, numéro hors série mars 2002 „le goût 6 Orangen fallen nicht vom Himmel, Der Sklavenaufstand von Rosarno, 132
amer de nos fruits et légumes“ Seiten, EBF (2011), ISBN 3- 9522125- 3-9
5 Bittere Ernte, Die moderne Sklaverei in der industriellen Landwirtschaft,
128 Seiten EBF (2004), ISBN 3- 9522125-2-0VOM ANFANG UND ENDE DER LIEFERKETTE | WAS HABEN WIR ERREICHT, WAS HAT SICH VERÄNDERT? 15
onen gegen Früh-Erdbeeren aus der andalu- GEWERKSCHAFTSLOKALE ALS
sischen Provinz Huelva statt, die unter men- AUSBILDUNGSORTE UND SOZIALE ZENTREN
schenverachtenden Bedingungen produziert
werden. Aufgerufen zu den Aktionen hatten Alle Aktionen wurden in enger Koordina-
die Plattform für eine sozial nachhaltige tion mit der SOC durchgeführt. Um den
Landwirtschaft, Konsument*innenvereini- Migrant*innen vor Ort besser beizustehen,
gungen, die Bauern- und Bäuerinnengewerk- eröffnete die SOC Lokale in El Ejido (2005)
schaft Uniterre, Bio Suisse, die Europäische und San Isidro (2007). Das EBF half bei der
Kooperative Longo maï, Unia und das EBF. Finanzierung dieser wichtigen Vernetzungs-
Gemeinsam erreichten wir, dass aus sechs strukturen mit. Die Lokale von El Ejido und
Kantonen sogenannte „Standesinitiativen“ bei San Isidro dienen den Migrant*innen als
der Regierung in Bern eingereicht wurden, Anlaufstellen und Versammlungsorte. Dort
die einen „Importstopp für Lebensmittel aus erhalten sie Beratung in Sozial- und Arbeits-
ökologisch und sozial inakzeptabler Produk- recht, können Arbeitsunfälle denunzieren,
tion“ verlangten. Die große Kammer des nati- Klagen gegen Willkür und gewalttätige Über-
onalen Parlamentes, der Nationalrat, stimmte griffe vorbereiten.
im Dezember 2010 gegen den Willen des
Bundesrats dem Inhalt der Initiativtexte zu. Die Gewerkschaft machte sich mit zahlrei-
Die zweite Kammer, der Ständerat, erteilte chen Aktionen in den Betrieben und mit der
ihr jedoch sechs Monate später eine Abfuhr. juristischen Beratung der Migrant*innen
einen Namen. Hunderte von Prozesse16 WAS HABEN WIR ERREICHT, WAS HAT SICH VERÄNDERT? | VOM ANFANG UND ENDE DER LIEFERKETTE
wurden vor dem Arbeitsgericht gewonnen DER WIDERSTAND GEGEN AUSBEUTUNG UND
und die Urteile verpflichteten Unternehmen PREKARITÄT GEHT WEITER
zu teilweise massiven Lohnnachzahlungen
an Arbeiter*innen. Zum Beispiel im Fall Der Druck auf die Betriebe durch die Präsenz
Biosol Portocarrero: Im Jahr 2011 wurde die von der SOC vor Ort und das internatio-
Ausbeutung von Migrant*innen in diesem nale Zusammenwirken zeigen aber auch in
Betrieb durch Medien in der Schweiz und in anderen Bereichen Wirkung. Viele Betriebe
Deutschland publik gemacht. Unsere Inter- bemühen sich den Pestizidverbrauch zu
ventionen bei Biosuisse (wichtigste Zertifi- senken und die regionalen Behörden fokus-
zierung für biologische Nahrungsmittel in sieren sich neuerdings in ihrem Leitbild für
der Schweiz) führten zur Suspendierung des die Region auf eine mehrheitlich biologische
Bio-Zertifikats und brachten dem Unter- Produktion. Das ist aus unserer Sicht jedoch
nehmen massive Verluste ein. Schlussendlich Augenwischerei, denn von geschlossenen
stellte das Unternehmen nach mehreren Nährstoffkreisläufen oder Nachhaltigkeit
Monaten einige der entlassenen Arbei- kann im Plastikmeer von Almeria nicht die
ter*innen wieder ein, zahlte an andere hohe Rede sein. Immerhin ergeben sich durch die
Entschädigungssummen und verbesserte die Bio-Zertifizierung einiger Betriebe zusätzli-
Arbeitsbedingungen für alle. che Möglichkeiten, gegen das Sozialdumping
zu protestieren. Und noch ein Erfolg ist zu
verbuchen: Früher war eine gewerkschaft-
liche Organisation in den BetriebenVOM ANFANG UND ENDE DER LIEFERKETTE | WAS HABEN WIR ERREICHT, WAS HAT SICH VERÄNDERT? 17
unmöglich - jeder Versuch wurde mit einer und Zucchetti einem mitten im Winter
sofortigen Entlassung quittiert. Seit dem entgegensprangen.
Fall Biosol Portocarrero konnte die SOC in
einigen Betrieben Betriebsräte stellen und Es gibt noch viel zu tun – aber die „politi-
Gewerkschaftssektionen gründen. schen“ Erfolge und die konkrete Hilfe für
viele betroffene Arbeiter*innen ermutigen
Auch in der Schweiz haben die verschiedenen uns, auch in den nächsten Jahren dranzublei-
Kampagnen zu wichtigen Entwicklungen ben.
beigetragen. Zahlreiche Menschen sind sich
bewusst geworden, dass die Industrialisie- Dank sei allen Organisationen, die sich mit
rung der Landwirtschaft viel menschliches dem EBF für eine soziale Landwirtschaft
Leid mit sich bringt und zur ökologischen engagiert haben, im Besonderen: dem Soli-
Katastrophe führt. Sie suchen nach Alter- fonds, der Plattform für eine sozial nachhal-
nativen. Viele Gartenkooperationen und tige Landwirtschaft, der Bauerngewerkschaft
Vertragslandwirtschaftsprojekte, die lokale Uniterre, der Europäischen Kooperative
Produzent*innen und Konsument*innen Longo maï, den Freund*innen aus der Mühle
zusammenbringen, sind entstanden. Nikitsch in Österreich7, dem französischen
Kollektiv Codetras und der Bauern- und
Wissen um Saisongemüse und -früchte hat Bäuerinnengewerkschaft Confédération
zugenommen – lokal produziertes Lager- Paysanne, dem Verein OKIA in den Nieder-
gemüse ist wieder in den Supermärkten landen, der Gruppe NoLager Bremen8 und
erhältlich, nachdem zwischenzeitlich im dem Verein Interbrigadas aus Berlin.
Einkaufsregal nur Tomaten, Auberginen
FURTHER READINGS
le goût amer de nos fruits et légumes Willkommen bei der Erdbeerernte!
Informations et commentaires, Ihr Mindestlohn beträgt …
numéro hors série mars 2002 96 Seiten, HG.Innen: Sezioneri – Kampagne für die
Rechte von ErntehelferInnen in Österreich,
Bittere Ernte, Die moderne Sklaverei in der EBF (2016) ISBN: 978-3-200-04799-0
industriellen Landwirtschaft
128 Seiten EBF (2004), ISBN 3-9522125-2-0 Peripherie & Plastikmeer
112 Seiten, HG.Innen: NoLager Bremen, EBF
Orangen fallen nicht vom Himmel,
Der Sklavenaufstand von Rosarno (2008) Anatomie eines Pogroms z.B. El Ejido
132 Seiten, EBF (2011), ISBN 3- 9522125-3-9 138 Seiten, EBF/CEDRI, ISBN 3-9522125-0-4
7 Willkommen bei der Erdbeerernte! Ihr Mindestlohn beträgt... 96 Seiten,
HG.Innen: Sezioneri – Kampagne für die Rechte von ErntehelferInnen in
Österreich, EBF (2016) ISBN: 978-3-200-04799-0
8 Peripherie & Plastikmeer, 112 Seiten, HG.Innen: NoLager Bremen, EBF
(2008)18 UNION BUSTING MIT ALLEN MITTELN | VOM ANFANG UND ENDE DER LIEFERKETTE
UNION BUSTING MIT
ALLEN MITTELN
Über das Zusammenspiel von Unternehmen, Politik und Zertifizierern
Steffen Vogel
„Todos somos Khaled!“ „Wir sind alle Khaled“, im Gewächshaus, mit denen die Gewerk-
schallt es durchs Megafon am Streikposten. schaft hier täglich zu tun hat: erniedrigende
Die Belegschaft des Paprikaproduzenten Behandlung durch Vorarbeiter, giftige Pes-
„Godoy Hortalizas“ stellt sich demonstrativ tizide ohne Schutzkleidung, Bezahlung weit
hinter den entlassenen Kollegen und seine unter Mindestlohn. „Statt 6,90 pro Stunde
sechs Mitstreiter*innen. Das sollen auch die zahlt uns der Chef nur 5,35 Euro.“ Bis vor
Chefs auf der Plantage bei San Isidro hören, kurzem seien es nur knapp über vier Euro
die im August, als die Saison in Almería gewesen, die sich die Godoy-Brüder eine
wieder anfing, die sieben Wortführer*innen Arbeitsstunde kosten ließen. Erst Organisie-
der Gruppe, die sich in der Gewerkschaft rung und Druck hatten die Lohnerhöhung
SOC-SAT organisiert hatten, kurzerhand zur Folge.
entließ. Die Brüder Felipe und David Godoy,
deren Firmengruppe stark expandiert, In den Arbeitsverträgen von Zarah, Khaled
hofften so offenbar, die Gruppe der knapp 50 und den Anderen steht fijo-discontinuo – eine
organisierten Kolleg*innen gefügig machen Festanstellung mit Unterbrechung für die
zu können. Doch als die Nachricht die Runde zwei Monate im Jahr, in denen es nach der
machte, traten alle in den Streik. Ernte kaum Arbeit gibt. Zum Start der neuen
Saison müssen die Beschäftigten mit diesem
Unter den Entlassenen ist auch Zarah, Vertrag – das ist der Großteil der Gruppe –
eine junge Landarbeiterin, die als Kind aus wieder zur Arbeit gerufen werden. Rechtlich
Marokko nach Andalusien kam. Sie berich- ist der Fall glasklar, doch der Betriebsleitung
tet von denselben untragbaren Zuständen sind ein Rechtsstreit oder eine AbfindungVOM ANFANG UND ENDE DER LIEFERKETTE | UNION BUSTING MIT ALLEN MITTELN 19
offenbar lieber als Beschäftigte, die sich gegen Zutritt verwehrt, Aktive eingeschüchtert,
die Ausbeutung im Gewächshaus wehren. oder von der Chefetage eingesetzte Gewerk-
Vom ersten Tag an versucht die Betriebs- schaftsgruppen bestimmen den Betriebsrat.
leitung die Streikgruppe einzuschüchtern. In der zugespitzten Lage bei Godoy zieht
Co-Chef Felipe Godoy fährt mehrmals die Betriebsleitung dagegen andere Register:
am Tag am Streikposten vorbei, filmt und Nach einer ganzen Woche Streik steht die
fotografiert die Streikenden. Dem Betrieb Ernte auf dem Spiel, die Paprikapflanzen
gegenüber loyale Vorarbeiter drängen eine brauchen Pflege. Zudem werden internati-
Arbeiterin dazu wieder arbeiten zu gehen, onale Medien und Geschäftspartner auf den
statten ihr ungebetene Hausbesuche ab. Die Konflikt aufmerksam. Doch statt auf die For-
Anwälte der Firma drohen damit, einfach alle derungen der Belegschaft einzugehen, fährt
Streikenden auf die Straße zu setzen. Aber eines Morgens ein Kleinbus mit unbekannten
die Gruppe bleibt stark, fordert die Wieder- Gesichtern am Werkstor vor - Streikbrecher.
einstellung der Kolleg*innen, ein Ende der „Sie haben eine Zeitarbeitsfirma geholt. Die
Schikanen und die Zahlung des Mindestlohns wollen uns ersetzen“, empört sich Modar. In
– also nicht mehr als die Einhaltung von den Autos der Vorarbeiter weitere Externe.
Recht und Gesetz. Die Streikenden stellen den Vorarbeiter
zur Rede. „Das ist illegal“, rufen sie. Als sich
„Es herrscht ein Klima der Angst“, sagt immer mehr um sein Auto scharen, tritt er
Gewerkschaftssekretär José. „Das müssen wir aufs Gas. Er fährt mehrere Arbeiter an,
durchbrechen.“ Auch in anderen Betrieben Khaled wird am Fuß, Modar mit dem
wird die Arbeit der SOC-SAT behindert, der Außenspiegel am Arm verletzt.20 UNION BUSTING MIT ALLEN MITTELN | VOM ANFANG UND ENDE DER LIEFERKETTE
Mit der Zeitarbeitsfirma will Godoy den Applaus der Streikenden. Doch die Hoffnung
Streikenden ihr elementares Druckmittel auf Gerechtigkeit währt nicht lange, schon
nehmen: die Kontrolle über die Produktion drei Tage später sind neue Streikbrecher*in-
im Gewächshaus. Jeden Morgen werden nen im Gewächshaus. Die Arbeitsinspektion
Dutzende Streikbrecher*innen durchs Tor taucht nicht mehr auf, teilt auf mehrfache
geschleust, manche durch die Hintertür, Nachfrage mit, die Sozialpartner sollten ihre
andere übernachten sogar auf der Farm. Mit Probleme jetzt selbst lösen. „Wie in einer
diesem Rechtsbruch kommen die Chefs weit- Beziehung“, da helfe es ja auch, tief durchzu-
gehend durch: Die hinzugerufene Guardia atmen und in Ruhe miteinander zu reden.
Civil sieht sich nicht zuständig. Arbeitsrecht,
nicht ihr Kompetenzbereich. Im Gegenteil, Der spanische Staat kann mit Fug und Recht
die Beamten passen auf, dass die Wagen der als Komplize der katastrophalen Zustände
Streikbrecher problemlos das Tor passieren in den Gewächshäusern bezeichnet werden.
können. Die Arbeitsinspektion als zustän- „Polizei, Arbeitsinspektion, andalusische
dige Behörde ist maßlos überfordert – zwölf und zentralspanische Regierung, alle haben
Mitarbeiter für 40 000 Gewächshäuser. Nach Kenntnis von der Situation“, sagt Laura
mehreren Anzeigen kommen tatsächlich von der SOC-SAT. Die Unterbesetzung der
Inspekteure vorbei, nehmen den Vizechef und Inspektion, die lange Dauer der Gerichtsver-
etliche Zeitarbeiter*innen mit – unter dem fahren – dank der neoliberal geschrumpftenVOM ANFANG UND ENDE DER LIEFERKETTE | UNION BUSTING MIT ALLEN MITTELN 21 staatlichen Institutionen blühen im Plastik- regiert, Almería ist die Hochburg der neo- meer Ausbeutung und Rechtlosigkeit. Ein faschistischen Vox-Partei. Beim Flugblätter weiteres Puzzlestück ist die öffentliche verteilen im kleinen Ort Campohermoso sind Meinung: Während internationale Medien die Reaktionen zweigeteilt: Aufgeschlossen- immer wieder über die unmenschlichen heit und Freude bei den vielen Migrant*in- Arbeitsbedingungen berichten, sieht man nen, unwirsche Ablehnung bei den weißen spanische Journalist*innen selten. Wer über Spanier*innen. „Warum protestieren die nicht Arbeitsrechte in Almería schreibt, gilt schnell da, wo sie herkommen, in Marokko?!“ als Nestbeschmutzer*in. Die Landwirtschaft Profit aus den unmenschlichen Bedingun- ist der größte Wirtschaftsfaktor der Region, gen schlagen natürlich nicht nur lokale bürgerliche Politiker*innen und Unterneh- Eliten und Gewächshausbesitzer*innen: Ein mer*innen lassen nicht gerne am Image des Großteil des Gemüses landet in deutschen hochentwickelten, nachhaltigen Gemüsean- Super- und Biomärkten. Deren Preisdruck baus kratzen. Den migrantischen Arbeiter ist brutal: Anfang Februar bekamen die *innen, die ihre Rechte einfordern, schlägt Produzent*innen in Almería gerade mal acht zudem immer offenerer Rassismus entgegen Cent für ein Kilo Zucchini, 15 Cent für ein und die SOC-SAT wird, wann immer es geht, Kilo Auberginen. Zu Recht beschweren sich verklagt oder in schlechtes Licht gestellt. Seit Kleinbäuer*innen, dass nachhaltige Land- Anfang des Jahres ist Andalusien rechts wirtschaft mit fairen Löhnen kaum noch
22 UNION BUSTING MIT ALLEN MITTELN | VOM ANFANG UND ENDE DER LIEFERKETTE
möglich sei. Trotzdem boomt die Branche oft freimütig die Arbeitsrechtsverletzungen
weiter, das Geschäft unter Plastik ist immer zu, die im Gewächshaus passieren. Doch wäh-
noch hochprofitabel [Der Profit mit der Paprika rend die SOC-SAT auf die Einhaltung von
S.37 Ethischer Konsum? S.41]. Godoys Business Recht und Tarifvertrag pocht, wissen die Fir-
etwa expandiert stark, so hört man, hektar- men die Zeit und die ineffizienten Behörden
weise neue Gewächshäuser in der Region auf ihrer Seite. Solange die Produktion nicht
seien in Planung. gefährdet ist, lohnt sich diese Strategie - so
manche*r Advokat*in ist selbst Anteilseigner
Die Supermärkte stehlen sich indes aus der *in der Firmen, die sie*er vertritt.
Verantwortung. Verstöße gegen geltende
Rechtsvorschriften aufzuklären sei primär Nach vier langen Wochen Streik bei Godoy
Aufgabe der örtlichen Behörden. Ein Groß- endlich der Durchbruch: Die Anwältin sagt
abnehmer von Godoys Paprika aus England zu, dass die Firma fortan Mindestlohn und
fragt empört, warum sich die unrechtmäßig Pausenzeiten einhalten wird. Die Entlassenen
Entlassenen nicht einfach eine neue Arbeit werden voll entschädigt. Die Erleichterung
suchen, wenn es ihnen bei Godoy nicht bei den Streikenden ist groß. Für die Gewerk-
gefalle. Bei ALDI, Edeka und Rewe ist man schaft SOC-SAT ist es ein hart erkämpftes
vorsichtiger: Man nehme die Vorwürfe ernst. Minimalziel, träumen die Genoss*innen doch
Viele verweisen auf freiwillige Leitlinien, die von mehr als der Einhaltung der mageren
sie verabschiedet haben, andere auf Labels Untergrenzen des bürgerlichen Rechts,
wie GlobalGAP bzw. GRASP. Auch bei Godoy nämlich von Kooperativen in Arbeiter*in-
schaut auf Nachfrage ein Kontrolleur vorbei. nenhand und einer Landreform, die endlich
Der interviewt zwar die Streikenden, gibt Gerechtigkeit ins Plastikmeer einkehren ließe
aber freimütig zu, sich mit Arbeitsrechten gar [Interview – José García Cuevas S.30]. Dennoch
nicht auszukennen, er sei schließlich Techni- hat sich der Streik gelohnt. Der Streik hat
ker. Das „unabhängige“ Zertifizierungsunter- die Gruppe zusammengeschweißt und von
nehmen Agrocolor, das ihn schickt, gehört zu nun an weiß die „Mafia“, dass sie sich nicht
Almerías mächtigem Branchenverband Coex- alles erlauben kann. Einige wollen bei der
phal1. Zudem sitzt die Bank Cajamar, die in Gewerkschaft aktiv bleiben und mitorganisie-
der Landwirtschaft gewichtige Assets hat, bei ren. „Der Kampf geht weiter“, ruft Modar, als
Agrocolor im Aufsichtsrat. Godoy wird das er mit verbundenem Arm aus dem Kranken-
Gütesiegel behalten. „Mafia“ sprüht jemand in haus kommt. Und: Der Arbeitskonflikt hat
großen roten Lettern ans Gewächshaus. in anderen Betrieben für Aufsehen gesorgt.
Die Landarbeiter*innen von Almería sind gut
Auf wohlklingenden Image-Seiten und gegen- vernetzt, über WhatsApp und Facebook
über Arbeitsinspektion und Zertifikateuren werden täglich Nachrichten ausgetauscht.
werden die Missstände ausgeblendet oder
geleugnet. Hinter verschlossen Türen dagegen Diese Vernetzung ist bitter nötig: Arbeiter
geben die Anwält*innen der Unternehmen *innen und Gewerkschaft sehen sich einem
transnationalen Komplex aus Supermärkten,
1 http://stories.coop/stories/coexphal-uniting-farmers-moving-forward/
„Innovación, redes y territorio en Andalucía“ von Gema González RomeroVOM ANFANG UND ENDE DER LIEFERKETTE | UNION BUSTING MIT ALLEN MITTELN 23
Zwischenhändlern, Großgrundbesitzern, Zarah, Modar, Khaled und die vielen Anderen
wirtschaftsfreundlicher Politik und käufli- kein „Weiter so“ geben. Oder, wie sie bei der
chen Labels gegenüber. Auch künftige Streik- Demo in San Isidro gemeinsam skandieren:
gruppen werden auf erbitterten Widerstand „La lucha es el único camino“ – Der einzige
aus den Chefetagen stoßen. Doch kann es für Weg ist der Kampf.
FURTHER READINGS
Die Entwicklung des Streiks
Agricultural Workers‘ Rights Abuses in Spain Dorothea Hellenthal, 2019 labournet
Delia McGrath, 2019, Ethical Consumer https://www.labournet.de/interventionen/solidaritaet/
Magazine so-entwickelte-sich-der-streik-auf-den-
https://www.ethicalconsumer.org/food-drink/agricultu- andalusischen-gemueseplantagen-bis-zu-seinem-
ral-workers-rights-abuses-spain ueberwiegend-erfolgreichen-ende/
KAPITALFRAKTION
TRANSNATIONALE
Legi
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Supermarksketten Glau imation
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it
EU
Großabnehmer Einri
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Fina htung u Zertifikate,
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Beauftragung
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LOKALE KAPITALFRAKTION
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Unternehmens - Zertifizier- und Lobb len,
Wahuern Regierung
und Brachenverband St e
Auditing- Kontrolle,
Austausch von
unternehmen Finanzierung,
Lokale Banken Know - How, Vernetzung,
Finazierung, Vermittlung Ausstattung
von Arbeitskräften Zertifizierung
Anwält*innen
Zeitarbeitsfirmen
Chefs Aufsichts-
Kontrolle, behörden
Anstellung, Duldung
ng, ggf. Ausstellung des
illegaler und Gerichte
ieru Zustände
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Arbeitsvertrages,
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Arbe Lohnzahlungen
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Arbeit
Gewerkschaft Arbeiter*innen Polizei
Beratung,
Unterstützung
PRODUZIERENDER BETRIEB STAAT
AKTEURSMAPPING Eine schematische Darstellung der Konflikte und Beziehungen in einem typischen Arbeitskampf24 | VOM ANFANG UND ENDE DER LIEFERKETTE
VOM ANFANG UND ENDE DER LIEFERKETTE | WIE UNTERNEHMEN SYSTEMATISCH ARBEITSRECHTE UNTERGRABEN 25
WIE UNTERNEHMEN
SYSTEMATISCH
ARBEITSRECHTE
UNTERGRABEN
Lennart Brusinsky
Die von der Belegschaft des Produzenten tariflich festgelegten Arbeitsrechte nicht
„Godoy Hortalizas“ beklagten Arbeitsrechts- einhalten. Dabei unterscheiden sich die
verletzungen [Arbeitskampf S.18] sind in Praxen groß angelegter Gemüseproduktionen
Almería kein Einzelfall. Die SOC-SAT erhält nur geringfügig von denen kleinbäuerlicher
täglich Beschwerden von Arbeiter*innen Unternehmen.
verschiedener Unternehmen, welche die
Unterschlagen von Zuschlägen für Überstunden, Sonn- und Feiertagsarbeit
Missachtung der Fahrtkostenerstattung
Keine oder zu wenig Pausenzeiten
Arbeitsschutzmängel beim Versprühen von Dünger und Pflanzenschutzmitteln
Verwehrung des Rechts auf gewerkschaftliche Organisierung
Abbildung 1 Die von der Gewerkschaft am häufigsten dokumentierten Arbeitsrechtsverletzungen26 WIE UNTERNEHMEN SYSTEMATISCH ARBEITSRECHTE UNTERGRABEN | VOM ANFANG UND ENDE DER LIEFERKETTE
Eine gängige Methode der Unternehmen ist Lohnprellung hinaus einen Sozialversiche-
es, den in einem Monat erarbeiteten Lohn rungsbetrug dar.
durch den Mindestlohn des Tarifvertrags Mit dieser Methode ist es auch möglich die
zu teilen und im Ergebnis eine geringere Zuschläge für Überstunden sowie für Sonn-
Arbeitszeit auf die Abrechnung zu schreiben, und Feiertagsarbeit zu unterschlagen. Die
um so den Tarifvertragsbruch zu verschleiern. sprachliche Barriere sowie die Situation der
In Video 1 [ Further watchings S.29] ist ab 0:55 Arbeiter*innen [Plastikmeer S.4] wird häufig
zu sehen, wie die Chefin genau diese Praktik ausgenutzt, indem ihnen das Unterschreiben
zugibt. Sie schreiben 45 € auf die Lohnab- eines finiquito aufgedrängt wird, ein Doku-
rechnung für die Verwaltung auf, zahlen reell ment, das die Arbeitgeber*innen vor mögli-
aber nur 36 € pro Tag. Dies stellt über die chen finanziellen Nachforderfungen schützt.
7 Tage
á 10 h
4 Euro/h
Abbildung 2 Lohnprellungen und Sozialversicherungsbetrug
Rechenbeispiel: Ein*e Arbeiter*in arbeitet 7 Tage die Woche, 10 h am Tag für 4 € pro Stunde und erhält
am Ende der Woche einen Lohn von 280 €. Dieser Lohn wird vom Unternehmen bei der Lohnabrechnung
durch den Mindestlohn von 6,90 € geteilt und im Ergebnis der Verwaltung viel weniger, als die tatsäch-
lich geleisteten Stunden angegeben. Hier wird ein Extrembeispiel dargestellt, jedoch schwanken die von
der Gewerkschaft dokumentierten Niedriglöhne zwischen 4 € und 5 €, Arbeitstage von 10 Stunden sind
üblich, zu Produktionsspitzen betragen diese u.U. auch 14 Stunden.VOM ANFANG UND ENDE DER LIEFERKETTE | WIE UNTERNEHMEN SYSTEMATISCH ARBEITSRECHTE UNTERGRABEN 27
Die meisten Unternehmen verweigern die geschickt und mussten am Nachmittag erneut
Zahlung der individuellen Fahrtkostenerstat- zu einer Schicht von 3,5 Stunden antreten.
tung von 0,19 ct/km, wenn der Transport zur
Arbeit nicht vom Unternehmen organisiert Weiterhin beklagen Arbeiter*innen Arbeits-
wird. In einem bekannten Fall1 zahlte die schutzmängel beim Versprühen von Dünger
Betriebsleitung eine Pauschale von 20 € pro und Pflanzenschutzmitteln. Da Schwefel
Monat und vermied so eine gründliche Prü- regelmäßig zwar mit Handschuhen, jedoch
fung durch die Arbeitsinspektion. ohne Masken und Schutzkleidung versprüht
wird, kam es in der Vergangenheit zu gesund-
Die tariflich festgelegten Pausenzeiten wer- heitlichen Beeinträchtigungen von Arbei-
den ebenfalls häufig nicht eingehalten. Laut ter*innen. Außerdem ist es nicht unüblich,
Tarifvertrag muss bei einer Arbeitsdauer von dass der Arbeitsschutz von Arbeiter*innen
mehr als 4 Stunden am Stück eine Pause von selbst bezahlt werden muss, was einem Lohn-
20 Minuten eingelegt werden. Nehmen sich abzug gleichkommt.
Arbeiter*innen diese Pause selbstständig, Doch die unrechtmäßigen Arbeitsbedingun
wird ihnen dies vom Lohn abgezogen. gen gegenüber den Arbeitgeber*innen
In dem genannten Fall kürzte nach einer anzuklagen, selbst mithilfe der Gewerkschaft,
Einforderung der täglichen Pause das Unter- hat selten eine schnelle Verbesserung zufolge.
nehmen den Arbeitstag. Die Arbeiter*in- Arbeiter*innen berichten mit Repressalien
nen wurden für 3,5 Stunden am Vormittag überzogen worden zu sein, sobald bekannt
beschäftigt, anschließend nach Hause wurde, dass sie sich gewerkschaftlich
1 http://socsatalmeria.org/wp-content/uploads/2018/11/BiosaborDE.pdf28 WIE UNTERNEHMEN SYSTEMATISCH ARBEITSRECHTE UNTERGRABEN | VOM ANFANG UND ENDE DER LIEFERKETTE
2017 - 2019
Ecosabor
Ecosol
7
- 201
2015
Ecosabor
2015
- 20
17
2017 - 1019 Ecosabor
Ecomar
Abbildung 3 Subunternehmensstrukturen werden zum Aufrechterhalten prekärer Beschäftigungsverhält-
nisse benutzt
organisieren. Diese reichen von sexistischer Nach Tarifvertrag müssen Arbeiter*innen
und rassistischer Beleidigungen über Isola- nach zwei Saisons infolge den Status eines
tion am Arbeitsplatz oder der Verrichtung fijos-discontinuos oder fijos entsprechend einer
besonders schwerer, teilweise gesundheits- Festanstellung erhalten. An den Vertrags-
gefährdender Arbeiten bis hin zur fristlosen status sind neben einem Kündigungsschutz
Kündigung. auch die Zahlung des Erfahrungszuschlags,
der sogenannten antigüedad, gekoppelt. Mit
DAS AUFRECHTERHALTEN PREKÄRER steigender Betriebserfahrung steigen auch die
BESCHÄFTIGUNGSVERHÄLTNISSE Löhne.
Zu großen Unternehmen gehören in der
Ein häufig auftretendes Problem stellt aber Regel weitere Subunternehmen, die eigene
besonders in größeren Firmen, neben den Fincas betreiben und Arbeiter*innen
oben aufgezählten Arbeitsrechtsverletzungen, anstellen. Gemüse und Obst wird jedoch
die Umgehung der gesetzlich vorgeschriebe- ausschließlich für das übergeordnete Unter-
nen Umwandlung von temporären Arbeits- nehmen produziert, das die Produkte auch
verträgen in Festanstellungen dar. vertreibt. Nach zwei Saisons hintereinan-Sie können auch lesen