Kuba "aktualisiert" sein Wirtschaftsmodell - Evita Schmieg SWP-Studie - Lateinamerika Verein eV

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SWP-Studie
Stiftung Wissenschaft und Politik
Deutsches Institut für Internationale
Politik und Sicherheit

                                        Evita Schmieg

                                        Kuba »aktualisiert« sein
                                        Wirtschaftsmodell
                                        Perspektiven für die Zusammenarbeit
                                        mit der EU

                                        S2
                                        Februar 2017
                                        Berlin
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ISSN 1611-6372
Inhalt

5    Problemstellung und Empfehlungen

7    Ausgangssituation: Aktualisierung des kuba-
     nischen Modells als Grundlage für dynamisches
     Wachstum?
7    Grunddaten
8    Die Aktualisierung des ökonomischen Modells
     2011/2016
9    »Freiheit« unter Kontrolle – Das Dilemma
     der Aktualisierung

13   Kubas Außenwirtschaft
13   Hintergrund
14   Institutionelle Rahmenbedingungen: Außen-
     handel als Außenpolitik
15   Bilaterale und regionale Abkommen im Bereich
     Außenwirtschaft
18   Aktuelle Situation im Warenhandel
20   Wachsende Bedeutung des Tourismus
21   Entsendung medizinischen Personals
23   Ausländische Direktinvestitionen

27   Beziehungen zur Europäischen Union
27   Das Dialog- und Kooperationsabkommen
     von 2016
28   Interessen und Engagement der Bundesrepublik

30   Schlussfolgerungen und Empfehlungen

32   Abkürzungsverzeichnis
Dr. Evita Schmieg ist Wissenschaftlerin in der SWP-
Forschungsgruppe EU/Europa

Die Studie entstand im Rahmen des vom Bundesministerium
für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
geförderten Projekts »Außenwirtschaft und Entwicklungs-
politik im Lichte der Ziele zur nachhaltigen Entwicklung«
Problemstellung und Empfehlungen

Kuba »aktualisiert« sein Wirtschaftsmodell
Perspektiven für die Zusammenarbeit mit der EU

Das Ende der Eiszeit zwischen Kuba und den USA hat
politisch und ökonomisch eine neue Basis geschaffen,
um die kubanische Wirtschaft stärker in internationa-
le Handels- und Investitionsströme einzubinden. An
einer engeren Kooperation haben sowohl Kuba als
auch die Regierungen der Industrieländer und die
Privatwirtschaft ein großes Interesse. Daher stellt sich
die Frage, welche Chancen der Wandel des kubani-
schen Modells für eine Zusammenarbeit mit der EU
und Deutschland birgt. Zu prüfen ist, ob die eingelei-
teten Reformschritte in Kuba geeignet sind, die außen-
wirtschaftliche Lage des Landes zu verändern, und ob
sie die Basis für Kooperation mit der europäischen
Privatwirtschaft und für die Entwicklungszusammen-
arbeit verbessern. Die derzeitige Außenhandelssitua-
tion des Landes und seine Einbettung in die WTO so-
wie regionale Handelsabkommen setzen ebenfalls
wichtige Rahmendaten für die weitere Entwicklung.
Dabei ist von Interesse, inwiefern sich mit der deutsch-
kubanischen Vereinbarung von 2015 und dem 2016
geschlossenen EU-Kuba-Kooperationsabkommen eine
Perspektive bietet, zu einer einheitlichen Kuba-Politik
der EU-Staaten zurückzukehren, nachdem diese lange
Zeit unterschiedliche Positionen vertreten haben.
   Unter der Herrschaft von Raúl Castro hat Kuba wirt-
schaftspolitisch einen neuen Kurs eingeschlagen. Der
Staats- und Parteichef geht davon aus, dass die Ursa-
chen von Kubas ökonomischer Misere hauptsächlich
im eigenen Land und System zu finden sind. Auf Basis
dieser Analyse hat die Regierung 2011 »Leitlinien« zur
Aktualisierung des nationalen Wirtschaftsmodells
verabschiedet. Damit wurden weitreichende Verände-
rungen eingeläutet. Die wichtigsten außenwirtschafts-
politischen Ziele sind Diversifizierung und Auswei-
tung der Exporte sowie Importsubstitution. Bei Letzte-
rer geht es vor allem darum, eine bessere Eigenversor-
gung des Landes mit Energie und Nahrungsmitteln zu
erreichen. Angestrebt wird zugleich eine größere Un-
abhängigkeit von Venezuela – dem Land, das bislang
zu Kubas wichtigsten Unterstützern gehört, ökono-
misch und politisch aber ins Straucheln geraten ist.
   Im Rahmen der Reformen wurde die Möglichkeit
der Selbstbeschäftigung (cuentapropistas) eingeräumt.
Die Maßnahme bewegt sich derzeit aber in einem zu
engen Rahmen, als dass sie erwarten ließe, weitrei-

                                                     SWP Berlin
                     Kuba »aktualisiert« sein Wirtschaftsmodell
                                                   Februar 2017

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Problemstellung und Empfehlungen

         chende Chancen für Diversifizierung und Steigerung      flecht aus ökonomischen und politischen Bedingun-
         der Exporte zu eröffnen. Lediglich im Tourismus könn-   gen eingebettet. Vor diesem Hintergrund lassen sich
         ten die Reformen eine größere Rolle spielen. Die wach- einige Schlussfolgerungen und Empfehlungen für die
         sende Zahl an Kooperativen, gerade im Agrarbereich,     europäische und deutsche Politik ableiten:
         führt bisher nur zu geringen Produktivitätssteigerun-    Kuba nimmt historisch-institutionell eine Sonder-
         gen und könnte – ausgehend von einer niedrigen Basis       stellung in der Karibik ein, die sich aber nicht
         – eher zur Importsubstitution beitragen. Stärkere Ex-      gleichermaßen in ökonomisch-strategischen Inter-
         porte sind dadurch höchstens langfristig zu erwarten.      essen Europas widerspiegelt. EU und Deutschland
            Allerdings hängen diese Möglichkeiten stark davon       sollten in diesem Lichte prüfen, ob eine besondere
         ab, ob die kubanische Regierung begleitende Reformen       Behandlung Kubas ihrem gegenwärtigen Interesse
         in den Bereichen Infrastruktur und produktionsbezo-        tatsächlich entspricht oder etwa falsche Anreize für
         gene Dienstleistungen vornimmt. Ausschlaggebend            die umliegenden karibischen Staaten setzt.
         wird aber vor allem sein, ob Unternehmen und Koope-  Die ökonomische und politische Verankerung
         rativen mehr Entscheidungsfreiheit in unternehmeri-        Kubas in der Region sollte Ausgangspunkt werden
         schen Fragen erhalten – von Einstellung und Entloh-        für eine Einbeziehung des Landes in europäische
         nung der Arbeiter bis hin zu notwendigen Importen.         und deutsche Instrumente der Entwicklungs- und
         Das hohe Maß an Reglementierung schafft für interne        Handelspolitik gegenüber CARICOM und Dominika-
         Akteure ebenso wie für externe Investoren eine sehr        nischer Republik (die gemeinsam CARIFORUM bil-
         negative Rahmenbedingung, die den außenwirtschaft-         den). Damit ließen sich langfristig Zusammenarbeit
         lichen Zielen der kubanischen Führung zuwiderläuft.        und Integration in der Region stärken, zugleich
         Die Restriktionen entspringen dem Wunsch der Regie-        aber auch neue Kooperationsformen mit Kuba aus-
         rung, alle wirtschaftlichen Aktivitäten zu kontrollie-     testen. Die regionale Einbettung Kubas könnte den
         ren, und zugleich dem Bestreben der politisch-militä-      Dialog zu schwierigen Themen – im außenwirt-
         rischen Elite, eigene Macht- und Einkommensquellen         schaftlichen Kontext etwa zur Rolle kleiner und
         zu sichern. Die politische Ausgangssituation steht         mittlerer Unternehmen – womöglich erleichtern.
         daher in einem starken Spannungsverhältnis zu den        Die Rahmenbedingungen für ein Engagement klei-
         angestrebten außenwirtschaftlichen Zielen.                 ner und mittlerer Unternehmen aus Europa sind
            Die EU ist heute der nach Venezuela zweitwichtigs-      besonders schwierig. Der deutsche und europäische
         te Handelspartner Kubas. Den EU-Staaten kommt eine         Kuba-Dialog sollte von regelmäßigen Stakeholder-
         besondere Bedeutung zu, wenn es darum geht, die            Diskussionen – mit Wissenschaft, Privatwirtschaft
         außenwirtschaftlichen Perspektiven des Landes zu           und Zivilgesellschaft – begleitet sein. Dies würde es
         verbessern. Umgekehrt ist Kuba indes kein wichtiger        Bundesregierung und EU-Kommission erleichtern,
         ökonomischer Partner für Europa, auch wenn insbe-          sich über die Lage gesellschaftlicher Gruppen in
         sondere große multinationale Unternehmen einzelner         Kuba und deren Wirken umfassend zu informieren.
         EU-Staaten mit Direktinvestitionen auf der Insel enga-   Die EU sollte ihr Kooperationsabkommen mit Kuba,
         giert sind. 2016 hat Kuba mit der EU ein Dialog- und       Deutschland wiederum seine bilaterale Vereinba-
         Kooperationsabkommen geschlossen; bis dahin war es         rung mit dem Land nutzen, um einen verstärkten
         das einzige Land Lateinamerikas ohne ein solches Ab-       Dialog über die Themen Menschenrechte, Trans-
         kommen mit der EU. Kuba ist zwar geographisch und          parenz und Partizipation zu führen. Diese Fragen
         teils auch politisch-institutionell in der karibischen     sind eng mit den Möglichkeiten verknüpft, außen-
         Region verankert, jedoch nicht als Teil der institutio-    wirtschaftliche Ziele zu erreichen, da sie auch den
         nellen Verbindungen zwischen der EU und der Region         Rahmen für ökonomisches Handeln bestimmen.
         – weder in Bezug auf Entwicklungsgelder noch als Teil      Dass Kuba auf außenwirtschaftliche Erfolge ange-
         des 2008 in Kraft getretenen Wirtschaftspartner-           wiesen ist, bietet mögliche Ansatzpunkte, um auch
         schaftsabkommens der EU mit der Karibik. Im Unter-         politisch heikle Themen anzusprechen.
         schied zu anderen Entwicklungsländern erhält Kuba        Die Stärkung der Kooperation auf Basis des EU-
         auch keine einseitigen Handelspräferenzen der EU, da       Abkommens sollte langfristig eine Chance bieten,
         es durch seinen stark überbewerteten Wechselkurs           auch für den Bereich der Außenwirtschaft zu sub-
         das eigene Bruttoinlandsprodukt (BIP) hochrechnet.         stantielleren europäisch-kubanischen Regelungen
            Die Entwicklung der künftigen europäisch-kubani-        zu gelangen. Dadurch würde es möglich, das der-
         schen Beziehungen ist damit in ein komplexes Ge-           zeitige Abkommen in Zukunft zu konkretisieren.

         SWP Berlin
         Kuba »aktualisiert« sein Wirtschaftsmodell
         Februar 2017

         6
Grunddaten

Ausgangssituation: Aktualisierung des kubanischen Modells
als Grundlage für dynamisches Wachstum?

Grunddaten                                                           HDI weltweit auf Rang 67. 3 Ein realistischerer Wech-
                                                                     selkurs würde allerdings über ein niedrigeres Pro-
Kuba hat eine Bevölkerung von 11 Millionen Men-                      Kopf-Einkommen auch den HDI senken. Schlechter
schen (2015) und ein jährliches Pro-Kopf-Einkommen                   schneidet Kuba bei anderen Indikatoren ab, beispiels-
von 5880 US-Dollar. 1 Offiziell gehört Kuba damit zu                 weise Kommunikation (2014: 22 Mobiltelefone und
den Ländern mit höherem mittleren Einkommen.                         30 Internetnutzer auf 100 Personen). Die Daten zur
Nach Einkommen und Bevölkerungszahl entspricht                       Telekommunikation verändern sich jedoch rapide;
Kuba nominal etwa seinem Nachbarstaat Dominikani-                    2015 sollte die Zahl der Mobilfunkanschlüsse auf über
sche Republik. Es nimmt daher innerhalb der karibi-                  3 Millionen steigen. 4 Befördert wird dies durch eine
schen Region keine Sonderstellung kraft ökonomi-                     außenwirtschaftliche Öffnung in diesem Sektor – so
scher Bedeutung ein. Zudem ist der kubanische Wech-                  dürfen US-Firmen seit Januar 2015 auch Telekommu-
selkurs stark überbewertet. Kuba hat einen gespalte-                 nikationsausrüstungen an Kuba liefern. Zugleich ist
nen Wechselkurs. Neben dem an den Dollar gebunde-                    weiterhin von staatlicher Kontrolle auszugehen, ins-
nen konvertiblen Peso (CUC) mit einem Wechselkurs                    besondere bei der Nutzung des Internets.
von 24 CUC/1 US-Dollar existiert noch der kubanische                    Kubas Wirtschaftswachstum lag 2015 real bei
Peso (CUP) mit einem Wechselkurs von 1:1. Legt man                   4,3 Prozent. 5 Für 2016–2020 rechnet die Economist
einen von Beobachtern 2 für realistisch gehaltenen                   Intelligence Unit mit einem Anstieg auf jährlich 5,1
Wechselkurs von 12 Pesos/1 US-Dollar zugrunde, so                    Prozent. 6 Allerdings gibt es mehrere Faktoren, die
befände sich Kubas Pro-Kopf-Einkommen im Welt-                       dazu zwingen könnten, diese Prognose nach unten
maßstab nicht mehr im höheren mittleren, sondern                     zu korrigieren – der gesunkene Ölpreis, die Krise in
eher im unteren Bereich. Das Land wäre dann faktisch                 Venezuela und die Unsicherheit über Washingtons
zu den ärmeren Entwicklungsländern zu rechnen.                       Kuba-Politik unter Präsident Trump. In der jüngeren
   Um Kubas Perspektiven einschätzen zu können,                      Vergangenheit hat die Normalisierung der amerika-
ist jedoch ein genauerer Blick auf die Rahmendaten                   nisch-kubanischen Beziehungen dazu beigetragen,
nötig. Im Unterschied zu anderen ärmeren Entwick-                    dass politische Analysten und privatwirtschaftliche
lungsländern hat Kuba sehr positive soziale Kenn-                    Akteure von positiven Erwartungen ausgingen.
zahlen. Die nach der Revolution von 1959 getätigten                     Nachdem Raúl Castro im Jahr 2006 die Führung
Investitionen vor allem in Bildung, Gesundheit und                   Kubas übernommen hatte, brachte er das Land auf
Basisinfrastruktur spiegeln sich heute in einem hohen                einen Reformweg. Ausgangspunkt war eine veränderte
sozialen Entwicklungsstand wider, wie er durch den                   Sichtweise auf die Ursachen von Kubas ökonomischer
Human Development Index (HDI) des UN-Entwick-                        Krise. Während Fidel Castro vor allem das amerikani-
lungsprogramms (UNDP) gemessen wird. So gibt es in                   sche Embargo dafür verantwortlich machte, sieht Raúl
Kuba eine hohe Lebenserwartung (79,5 Jahre), inten-                  Castro sie als Folge eines strukturellen Problems, das
sive Schulbildung (11,5 Jahre) sowie einen guten                     durch interne Veränderungen angegangen werden
Zugang zu Wasser und Sanitäranlagen (für 94 bzw.
93 Prozent der Bevölkerung). Kuba liegt mit seinem
                                                                       3 United Nations Development Program (UNDP), Human
                                                                       Development Report 2015,  (eingesehen am 30.3.2016).
  merkt, stammen aus: The World Bank, World Development                4 Germany Trade and Invest (GTAI), Wirtschaftstrends Kuba,
  Indicators, Cuba,            Jahresmitte 2015, S. 11.
  (eingesehen am 23.6.2016).                                           5 UNCTADSTAT,  (eingesehen
  Cuban Economy and Necessary Reforms«, in: Claes Brunde-              am 31.1.2017).
  nius/Ricardo Torres Pérez (Hg.), No More Free Lunch: Reflections     6 The Economist Intelligence Unit (EIU), Cuba. Country Report,
  on the Cuban Economic Reform Process and Challenges for Trans-       31.3.2016,  (eingesehen am 10.1.2017).

                                                                                                                             SWP Berlin
                                                                                             Kuba »aktualisiert« sein Wirtschaftsmodell
                                                                                                                           Februar 2017

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Ausgangssituation: Aktualisierung des kubanischen Modells als Grundlage für dynamisches Wachstum?

          müsse. 7 Damit stellt er sich auch der Herausforde-                          ergänzte und erweiterte sie. 10 Gleich im Einleitungs-
          rung, dass sich die innenpolitischen Ansprüche für                           satz von 2011 wird betont, die Leitlinien sollten »das
          eine Legitimation der Regierung gewandelt haben.                             ökonomische Modell Kubas aktualisieren mit dem
          Erwartet wird, dass die Wahrscheinlichkeit sozialer                          Ziel, den Fortbestand und die Unumkehrbarkeit des
          Proteste zunimmt, sobald mit Raúl Castro die Gene-                           Sozialismus zu garantieren, ebenso wie die wirtschaft-
          ration der Revolutionsveteranen von der politischen                          liche Entwicklung des Landes und die Erhöhung des
          Bühne abtritt. 8 Die jungen Menschen des Landes                              Lebensstandards der Bevölkerung«. 11 Diese Formulie-
          machen ihr Vertrauen in die Regierung vom tatsäch-                           rungen lassen erkennen, dass es keineswegs um eine
          lich Erreichten abhängig, da der Vergleich mit der                           grundlegende Veränderung des Wirtschaftssystems
          vorrevolutionären Zeit für sie keine Rolle mehr spielt.                      gehen soll, sondern lediglich um die Umsetzung von
          Kubas Regierung steht damit unter zunehmendem                                Reformen, die unverzichtbar erscheinen, um die ge-
          Druck, ökonomische Erfolge vorzuweisen.                                      steckten sozialen und ökonomischen Ziele innerhalb
             Die Normalisierung der amerikanisch-kubanischen                           des sozialistischen Wirtschaftsmodells zu erreichen.
          Beziehungen, die 2014 von US-Präsident Barack Oba-                              Den Leitlinien zufolge soll das »sozialistische Ge-
          ma eingeleitet wurde, ermöglichte es dem Inselstaat,                         meinschaftseigentum« (propiedad socialista de todo el
          sich außenwirtschaftlich und außenpolitisch neu zu                           pueblo) der Grundpfeiler der Wirtschaftsform bleiben.
          orientieren. Nach Jahrzehnten der Abhängigkeit von                           Daneben werden allerdings auch Elemente privater
          Einzelpartnern – vor der Revolution den USA, später                          Wirtschaft zugelassen – wie ausländische Investitio-
          der UdSSR, dann Venezuela – ist Kuba heute stark an                          nen, Kooperativen, Kleinlandwirtschaft, Verpachtun-
          einer Diversifizierung seiner wirtschaftlichen und                           gen sowie einige selbständige Arbeiten (sogenannte
          politischen Außenbeziehungen interessiert. Vor die-                          »trabajadores por cuenta propia«, Arbeiter auf eigene
          sem Hintergrund ist Havannas aktive Diplomatie zu                            Rechnung, oder »cuentapropistas«) 12. Diese Innovatio-
          sehen, die mit Beginn des kubanisch-amerikanischen                           nen sollen zu einer Effizienzsteigerung und einem
          Tauwetters einsetzte und sich in zahlreichen Besu-                           Ausgleich der kubanischen Zahlungsbilanz beitragen.
          chen hochrangiger ausländischer Gäste niederschlug.                             Die erlaubten privaten Tätigkeiten auf eigene Rech-
          Noch offen ist, wie sich die Präsidentschaft Trumps                          nung betreffen überwiegend unqualifizierte Arbeit
          auf die eingeleitete Integration Kubas in die inter-                         im Dienstleistungssektor. Ein Beispiel ist »Tätigkeit
          nationale Politik auswirken wird.                                            Nr. 23« – Kauf und Verkauf gebrauchter Bücher –, die
                                                                                       auf touristischen Plätzen Havannas aktiv betrieben
                                                                                       wird; »Tätigkeit Nr. 49« wiederum regelt die Verklei-
          Die Aktualisierung des ökonomischen                                          dung von Knöpfen mit Stoff. 13 Um den Weg zur Selbst-
          Modells 2011/2016                                                            beschäftigung zu fördern, wurde es Kubanern erleich-
                                                                                       tert, Geld aus der Diaspora zu erhalten und in private
          Auf dem VI. Kongress der Kommunistischen Partei                              Aktivitäten zu investieren. Politische Analysten beob-
          Kubas wurden im April 2011 in einem umfassenden
          Dokument Reformvorschläge zusammengefasst und                                  10 VII Congreso del Partido Comunista de Cuba (PCC),
                                                                                         Actualización de Los Lineamientos de La Política Económica y Social
          verabschiedet; 9 der VII. Parteikongress von 2016
                                                                                         Del Partido y La Revolución para El Periodo 2016–2021, Aprobados
                                                                                         En El 7mo. Congreso Del Partido en Abril de 2016 y por La
              7 Uwe Optenhögel, »›Wer zu spät kommt, den belohnt das                     Asamblea Nacional del Poder Popular en Julio de 2016
              Leben‹. Fünf Fragen zur EU-Kubapolitik und den Folgen der                  [VII. Kongress der Kommunistischen Partei Kubas, Leitlinien
              Reformen an Uwe Optenhögel in Brüssel«, Internationale Politik             der Wirtschafts- und Sozialpolitik der Partei und der Revo-
              und Gesellschaft, 24.3.2015,                      7. Kongress der Partei im April 2016 und durch die National-
              (eingesehen am 4.1.2017).                                                  versammlung der Volksmacht im Juli 2016, 
              9 VI Congreso del Partido Comunista de Cuba (PCC), Linea-                  (eingesehen am 1.2.2017).
              mientos de La Política Económica y Social del Partido y La Revolución,     11 Eigene Übersetzung.
              Aprobado El 18 de Abril de 2011, »Año 53 de la Revolución«                 12 Im weiteren Text wird hierfür der Begriff »Selbstbeschäf-
              [VI. Kongress der Kommunistischen Partei Kubas, Leitlinien                 tigung« verwendet.
              der Wirtschafts- und Sozialpolitik der Partei und der Revolu-              13 José Azel, »The Illusion of Cuban Reform: Castro Strikes
              tion, angenommen am 18.4.2011 im Jahr 53 der Revolution].                  Out«, in: World Affairs, Juli/August 2013, 
              verwendet.                                                                 (eingesehen am 10.1.2017).

          SWP Berlin
          Kuba »aktualisiert« sein Wirtschaftsmodell
          Februar 2017

          8
»Freiheit« unter Kontrolle – Das Dilemma der Aktualisierung

achten, dass die Ungleichheit in der kubanischen                      nicht des Verbrauchs) aus Kooperativen. 20 Durch die
Gesellschaft auch infolge dieser Veränderungen stark                  Zulassung privater Aktivitäten ist es damit gelungen,
zunimmt, denn der Zugang zu konvertibler Währung                      die Erzeugung von Nahrungsmitteln zu steigern. Die
ist zur Schlüsselfrage für die soziale Position gewor-                höchsten Produktionszuwächse hatten jene Nahrungs-
den. Als Verlierer erweisen sich dabei Rentner, weite                 mittel zu verzeichnen, deren Verkauf auf Bauern-
Teile der Landbevölkerung, Alleinerziehende und Afro-                 märkten erlaubt war oder deren Herstellung durch
Kubaner 14 – vor allem also Gruppen, die keine Verbin-                Regierungsprogramme unterstützt wurde. Doch im
dungen zur kubanischen Diaspora in den USA haben.                     internationalen Vergleich ist die landwirtschaftliche
   Ende 2012 erfolgte eine Gesetzgebung, mit der                      Produktivität Kubas nach wie vor sehr niedrig. 21
Kooperativen im Bereich Dienstleistungen und Einzel-
handel zugelassen wurden. Erlaubt ist nun unter
anderem die Umwandlung staatlicher Restaurants in                     »Freiheit« unter Kontrolle –
Kooperativen mit bis zu 20 Mitarbeitern (die zuvor                    Das Dilemma der Aktualisierung
schon dort angestellt sein mussten). So hat die Regie-
rung beschlossen, die 8948 staatlichen Restaurants                    Die kubanische Regierung sieht einen Vorrang von
zum privaten Betrieb zu verpachten. 15 Ermöglicht                     »Gesetz, Disziplin und Kontrolle« gegenüber der Ent-
wurde des Weiteren, dass sich IT-Experten zusammen-                   wicklung kleiner Unternehmen, wie Raúl Castro in
schließen, um Webdesign-, Internet- und andere                        einer Rede im Dezember 2013 klarstellte. 22 Dass
Dienstleistungen anzubieten; ebenfalls gestattet sind                 private Wirtschaftsformen entstehen, ist eine große
kooperative Zusammenschlüsse von Architekten, Buch-                   Herausforderung für das sozialistische Modell mit
haltern oder Consultants 16 sowie Transportkoopera-                   seinem Postulat der Gleichheit. Zugleich fürchtet die
tiven – Letztere sollen vor allem auch die Distribution               herrschende politische Klasse, die Kontrolle über die
landwirtschaftlicher Produkte vereinfachen. 17 Bis Mai                Wirtschaft könnte ihr entgleiten. Der kubanische Öko-
2014 wurden 498 Kooperativen genehmigt, 329 davon                     nom Antonio Gómez von der Universität Havanna
waren bereits tätig, und weitere 300 Anträge lagen                    betont, dass die Leitlinien erstmals Überlegungen zu
vor. 18                                                               Effizienz und ökonomischer Nachhaltigkeit einge-
   In der kubanischen Landwirtschaft haben koope-                     führt hätten, während in früheren Dekaden die sozia-
rative Produktionsformen eine längere Geschichte.                     le Entwicklung klare Priorität vor wirtschaftlichen
Schon Ende 2010 war eine Million Hektar Fläche an                     Aspekten genossen habe. 23 Die soziale Gleichheit und
108 000 Individuen und an 2000 Kooperativen zur                       die Auswirkungen der Innovationen auf unterschied-
Bewirtschaftung übertragen worden. 19 2015 stammten                   liche gesellschaftliche Gruppen bilden jedoch eine
etwa 80 Prozent der Agrarproduktion (wohlgemerkt                      Grundfrage für den langfristigen Erfolg der Reformen.
                                                                      In diesem Zusammenhang macht der Ökonom Oscar
                                                                      Fernández Estrada geltend, dass Steuern allein als
  14 Jenny Morín Nenoff, »Kubanische Perspektiven«, amerika21.        Instrument nicht ausreichten, um die Akkumulation
  Nachrichten und Analysen aus Lateinamerika, 15.2.2015,  (ein-
  gesehen am 10.1.2017).
  15 Mimi Whitefield, »Building the New Cuban Economy«,                 20 International Fund for Agricultural Development (IFAD),
  in: Miami Herald, 13.12.2014,                  with High-level Government Officials«, Rom, 7.5.2015,
  (eingesehen am 10.1.2017).                                             (eingesehen am 10.1.2017).
  The Changing Policy Landscape, Boulder/Col. 2015, S. 190.             21 Anicia García Álvarez, »Cuba’s Agricultural Sector and Its
  17 Julia E. Sweig/Michael J. Bustamante, »Cuba after Com-             External Links«, in: Jorge I. Domínguez/Omar Everleny Pérez
  munism. The Economic Reforms That Are Transforming the                Villanueva/Mayra Espina Prieto/Lorena Barbería (Hg.), Cuban
  Island«, in: Foreign Affairs, 92 (2013) 4, S. 101–114 (109).          Economic and Social Development. Policy Reforms and Challenges in
  18 Whitefield, »Building the New Cuban Economy«                       the 21st Century, Cambridge, Mass./London 2012, S. 137–192
  [wie Fn. 15], zitiert den kubanischen Wirtschaftsminister             (147, 150).
  Marino Murillo.                                                       22 Ritter/Henken, Entrepreneurial Cuba [wie Fn. 16].
  19 Angel Bu Wong/Pablo Fernández Dominguez, »Agricul-                 23 Antonio F. Romero Gómez, Transformaciones Económicas y
  ture: Historical Transformations and Future Directions«,              Cambios Institucionales en Cuba [Ökonomische Tranformation
  in: Al Campbell (Hg.), Cuban Economists on the Cuban Economy,         und institutioneller Wandel in Kuba], Washington, D.C.:
  Gainesville: University Press of Florida, 2013, S. 270–291 (283).     Brookings, August 2014 (Foreign Policy at Brookings), S. 22.

                                                                                                                               SWP Berlin
                                                                                               Kuba »aktualisiert« sein Wirtschaftsmodell
                                                                                                                             Februar 2017

                                                                                                                                            9
Ausgangssituation: Aktualisierung des kubanischen Modells als Grundlage für dynamisches Wachstum?

          Rahmen des Transfers von Autorität an Unternehmen                            Weil die kubanische Regierung bestrebt ist, die Aus-
          seien zudem neue Mechanismen nötig, um sicher-                            wirkungen der Reformen unter Kontrolle zu halten
          zustellen, dass die Angestellten die Firmenentschei-                      und soziale Negativfolgen zu begrenzen, wurden die
          dungen kontrollieren könnten. 24                                          einzelnen Maßnahmen langsamer verwirklicht, als
             Selbständige werden gegenwärtig in Kuba erheblich                      auch die Führung selbst erwartet hatte. So waren An-
          stärker besteuert als Joint-Venture-Unternehmen, mit                      fang 2016 nach Angaben der Regierung erst 21 Pro-
          effektiven Steuersätzen bis zu 100 Prozent. 25 Klein-                     zent der Reformen umgesetzt. 29 Ursprünglich sollte
          unternehmen mit weniger als fünf Beschäftigten wer-                       mit der Selbstbeschäftigung die Entlassung von
          den dabei allerdings deutlich geringer belastet als                       500 000 Staatsbediensteten aufgefangen werden, die
          größere Firmen. Den Rahmen privater Aktivitäten                           im Rahmen der Aktualisierung für die ersten sechs
          bestimmen politisch-administrative Regelungen, die                        Monate des Jahres 2011 vorgesehen war. Angesichts
          nicht sachlich begründet sein müssen. So wird etwa                        der schleppenden Entwicklung der Selbstbeschäfti-
          die Zahl der erlaubten Sitzplätze in privaten Restau-                     gung verschob man diese Kündigungen dann auf Ende
          rants willkürlich gesetzt; zunächst waren es 12, dann                     2015. 30 De facto wurden 365 000 Angestellte bis Ende
          20, inzwischen sind es 50. Kundeninteressen und öko-                      2012 entlassen; der staatliche Anteil an der Gesamt-
          nomischer Erfolg spielen keine Rolle. Manuel Orozco                       beschäftigung ging damit von 82 Prozent auf 75 Pro-
          von der Cuba Study Group (einer privaten, nicht ge-                       zent zurück. 31 Die Zahl der Selbstbeschäftigten stieg
          winnorientierten amerikanischen Organisation) weist                       bis Ende 2014 auf ca. 500 000 Menschen. 32 Damit lag
          darauf hin, dass es zwar erlaubt sei, ein Restaurant zu                   sie aber noch immer weit unter dem Ziel von 1,8 Mil-
          eröffnen, nicht aber ein Unternehmen zur Herstellung                      lionen Menschen, das für 2015 angestrebt worden
          von Nahrungsmitteln. 26 Für ein Unternehmen im                            war. 33
          Nahrungsmittelsektor ist es zudem erforderlich, Fach-                        Die Selbstbeschäftigung ist ohnehin nur teilweise
          personal aus einer Vielzahl von Bereichen einzustel-                      geeignet, freigesetzte Arbeitskräfte zu absorbieren. So
          len, damit alle gesetzlichen Ansprüche erfüllt sind:                      stammten, anders als erwartet, Ende 2011 nur 18 Pro-
          Köche, Experten für Gesundheitsqualität, Vermark-                         zent der neuen Selbstbeschäftigten aus der Gruppe
          tungsfachleute, spezialisierte Einkäufer für Nahrungs-                    jener, die von Staatsunternehmen entlassen worden
          mittel, Buchhalter. Die Selbstbeschäftigung blieb                         waren. 34 Dies verwundert nicht, ist doch davon auszu-
          zunächst auch deshalb begrenzt, weil es an Zugang                         gehen, dass die Ausbildungsvoraussetzungen von aus
          zu Kredit oder an Möglichkeiten der Beschaffung im                        dem Staatsdienst Entlassenen nicht unbedingt den
          Großhandel mangelte. Inzwischen ist mit der Entste-                       Anforderungen einer privaten Aktivität entsprechen.
          hung von Märkten und Großmärkten – der erste                              Es entsteht also zunehmend eine verdeckte (da nicht
          wurde 2014 eröffnet 27 – der Zugang zu entsprechen-                       registrierte) Arbeitslosigkeit. Am frühen Reform-
          den Ressourcen auch für die schnell wachsende Zahl                        prozess wurde denn auch kritisiert, dass ökonomische
          privater Restaurants vereinfacht worden. Dem Finanz-                      Anpassung und soziale Unterstützung nicht in aus-
          sektor bzw. der Kreditvergabe wurde wiederum in                           gewogener Weise angegangen worden seien. 35
          den überarbeiteten Leitlinien von 2016 mehr Gewicht
          eingeräumt. 28
                                                                                       (eingesehen am 1.2.2017).
               Process in Cuba after 2011«, in: Brundenius/Pérez (Hg.),               29 VII Congreso del PCC, Actualización de Los Lineamientos
               No More Free Lunch [wie Fn. 2], S. 23–39 (26).                         [wie Fn. 10], S. 4.
               25 Ritter/Henken, Entrepreneurial Cuba [wie Fn. 16].                   30 Ritter/Henken, Entrepreneurial Cuba [wie Fn. 16], S. 280.
               26 Zit. bei Collin Laverty, Cuba’s New Resolve. Economic Reform        31 Mesa-Lago, »Can Cuba’s Economic Reforms Succeed?«
               and Its Implications for U.S. Policy, Washington, D.C.: Center for     [wie Fn. 27].
               Democracy in the Americas, 2011, S. 64.                                32 »Cuba’s Economy at a Crossroads«, in: The New York Times,
               27 Carmelo Mesa-Lago, »Can Cuba’s Economic Reforms Suc-                14.12.2014.
               ceed?«, in: Americas Quarterly (Americas Society/Council of the        33 Mesa-Lago, »Can Cuba’s Economic Reforms Succeed?«
               Americas), o.D.,  (eingesehen am 8.6.2015).              34 De Miranda-Parrondo, »Current Problems in the Cuban
               28 VII Congreso del PCC, Conceptualización del Modelo Económico        Economy and Necessary Reforms« [wie Fn. 2], S. 53.
               y Social Cubano de Desarrollo Socialista [VII. Kongress der PCC,       35 Alberto Gabriele/Pavel Vidal Alejandro, »Cuban Reforms at
               Konzeptionalisierung des kubanischen Wirtschafts- und                  a Crossroads«, in: Alberto Gabriele (Hg.), The Economy of Cuba
               Sozialmodells der sozialistischen Entwicklung], 2016,                  after the VI Party Congress, New York 2012, S. 131–148 (141).

          SWP Berlin
          Kuba »aktualisiert« sein Wirtschaftsmodell
          Februar 2017

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»Freiheit« unter Kontrolle – Das Dilemma der Aktualisierung

    Die Selbstbeschäftigung im Sinne der »cuentapro-                nicht mehr akzeptiert. 38 Diese Diebstähle sind aber
pistas« hat nicht nur neue Arbeitsplätze entstehen                  zugleich wichtige ökonomische Grundlage der
lassen, sondern noch weitere positive Wirkungen für                 informellen Wirtschaft.
die kubanische Volkswirtschaft und ausländische                        Die bisher erlaubten Formen der Selbstbeschäfti-
Investitionen entfaltet. Zu einem Teil trägt sie näm-               gung lassen eine Reihe positiver Wirkungen erwarten,
lich dazu bei, die bestehende Schattenwirtschaft zu                 doch laufen sie Gefahr, einen großen Teil produktiver
legalisieren, denn die neuen Selbstbeschäftigten                    Energien weniger in Sektoren mit hoher Wertschöp-
kommen überwiegend aus dem informellen Sektor.                      fung zu lenken als vielmehr in Nischen mit niedriger
Archibald Ritter und Ted Henken nennen exempla-                     Produktivität. Denn zugelassen wurde die Selbst-
risch Selbstbeschäftigte im Restaurantbereich, die                  beschäftigung vor allem für eher unqualifizierte Tätig-
schon seit Jahren tätig sind. Zunächst geschah dies                 keiten in begrenzten Bereichen, während der Staat
legal, nach der Verschärfung von Bestimmungen dann                  grundsätzlich daran festhalten möchte, die Entwick-
illegal; jetzt sehen diese Menschen eine Möglichkeit,               lung der kubanischen Wirtschaft im Detail zu kon-
ihre Arbeit wieder zu legalisieren. 36 Der informelle               trollieren. 39 Die mit den Leitlinien neu gesetzten öko-
Sektor spielt in Kuba eine große Rolle und erschwert                nomischen Anreize führen dazu, dass teilweise hoch-
die Aktivitäten ausländischer Investoren erheblich.                 qualifizierte Arbeitskräfte einfache Beschäftigungen
    Für das Überleben der kubanischen Wirtschaft hat                vor allem im Tourismus annehmen, um Devisen
die Schattenökonomie zentrale Bedeutung. Einerseits                 zu verdienen. Zwar haben nur 7 Prozent der Selbst-
sorgt sie dafür, dass wichtige Dienstleistungen über-               beschäftigten einen Universitätsabschluss, doch üben
haupt angeboten werden; andererseits unterstützt sie                auch sie nur gering qualifizierte, überlebensorientier-
indirekt das staatliche System. Zwar bringt die Schat-              te Aktivitäten aus. Dies ist einer der Gründe, warum
tenwirtschaft selbst keine Steuern hervor; doch wenn                Kubas hohes Bildungsniveau – es liegt über jenem
Devisen erwirtschaftet und zum offiziellen Wechsel-                 der meisten Entwicklungsländer – sich nicht in einer
kurs ausgegeben werden, fallen indirekte Steuern an.                entsprechenden ökonomischen Leistungsfähigkeit
Zugleich ist es unumgänglich für einen Teil der Bevöl-              widerspiegelt. 40
kerung, Einnahmen außerhalb formaler Aktivitäten                       Inwieweit es gelingt, mit den eingeleiteten Maß-
zu erzielen, weil das Einkommen aus regulärer Arbeit                nahmen zu wirtschaftlicher Entwicklung und einem
nicht ausreicht, um die Lebenshaltungskosten zu                     intensiveren Außenhandel beizutragen, hängt natür-
decken. 37 Die Selbstbeschäftigung reduziert damit                  lich auch davon ab, ob die Veränderungen dauerhaft
zwar die staatliche Lenkung der Wirtschaft. Zugleich                sein werden. Dies gilt insbesondere vor dem Hinter-
aber bewirkt sie, dass bisherige Schattenwirtschaft                 grund, dass in Kuba bereits unter Fidel Castro mehr-
teilweise formalisiert wird, was der kubanischen                    fach Möglichkeiten privater Beschäftigung geschaffen
Regierung einen stärkeren Zugriff auf ökonomische                   und anschließend wieder eingeschränkt wurden.
Aktivitäten erlaubt und höhere Steuereinnahmen                      Mit der »revolutionären Offensive« von 1968 wurden
nach sich zieht. Die Ausdehnung kooperativer Modelle                private Wirtschaftsformen zunächst fast vollständig
könnte ebenfalls dazu beitragen, die Schattenwirt-                  abgeschafft. 1978 erlaubte man dann 48 Maßnahmen
schaft schrittweise auszuhöhlen und einen größeren                  der Selbständigkeit, bevor es 1986 erneut zu einer
Teil der Wirtschaft zu formalisieren. Eine breitere                 strengen Begrenzung kam. 1993 erzwang die ökono-
kooperative Wirtschaftsform im nichtlandwirtschaft-                 mische Situation abermals eine Legalisierung ver-
lichen Bereich könnte nämlich dazu führen, dass                     schiedener privater Tätigkeiten; 1995/1996 wurden
Arbeiter ein anderes Verhältnis zu ihrer Tätigkeit ent-             sie wieder eingegrenzt. 41 Trotz dieser Vorgeschichte
wickeln. Die »kleinen Diebstähle« am sozialistischen                gehen Experten heute davon aus, dass die Reformen
Gemeinschaftseigentum, wie sie bislang bei der Arbeit
verbreitet sind, würden möglicherweise unter Mit-                     38 Ritter/Henken, Entrepreneurial Cuba [wie Fn. 16], S. 191.
gliedern von Kooperativen – angesichts der kleineren                  Der Begriff für das Delikt lautet im Original »petty theft«.
und überschaubareren Gruppe von Eigentümern –                         39 Eric Hershberg, »Cuba: An Economy Careening Forward,
                                                                      Destination Unknown«, in: Brundenius/Pérez (Hg.), No More
  36 Ritter/Henken, Entrepreneurial Cuba [wie Fn. 16].                Free Lunch [wie Fn. 2], S. v–ix (viii).
  37 Omar Everleny Pérez Villanueva, »The Cuban Economy:              40 Eine Kritik, die intern wie international geübt wird.
  An Evaluation and Proposals for Necessary Policy Changes«,          Vgl. UNDP, Human Development Report [wie Fn. 3], oder Gómez,
  in: Domínguez u.a. (Hg.), Cuban Economic and Social Development     Transformaciones Económicas [wie Fn. 23], S. 21.
  [wie Fn. 21], S. 21–38 (36).                                        41 Ritter/Henken, Entrepreneurial Cuba [wie Fn. 16], S. 297ff.

                                                                                                                            SWP Berlin
                                                                                            Kuba »aktualisiert« sein Wirtschaftsmodell
                                                                                                                          Februar 2017

                                                                                                                                   11
Ausgangssituation: Aktualisierung des kubanischen Modells als Grundlage für dynamisches Wachstum?

          unter Raúl Castro von Dauer sein werden. 42 Dafür                        entstehende Klein- und Mittelunternehmen wären
          spricht vor allem die ökonomische Notwendigkeit,                         aber ein wichtiges Gegengewicht zu staatlichen Groß-
          zumal nun auch die Unterstützung der kubanischen                         unternehmen bzw. großen Komplexen im Eigentum
          Wirtschaft durch Venezuela schwindet. Die Glaub-                         des Militärs – angesichts der Möglichkeit, Joint Ven-
          würdigkeit der Reformen wird dadurch bestärkt, dass                      tures zu bilden, drohen aus Letzteren zumindest teil-
          Raúl Castro seinen Kurs mit einer selbstkritischen                       private Monopole zu entstehen. Ein schnelles Wachs-
          Analyse einleitete und für Kubas desolate Wirtschafts-                   tum der nun zugelassenen Kooperativen könnte dabei
          lage stärker interne Faktoren verantwortlich machte                      für Kuba von besonderem Interesse sein. Kooperativen
          als externe, das amerikanische Embargo eingeschlos-                      gibt es zwar in zahlreichen Ländern, doch könnten sie
          sen. 43                                                                  in Kuba größere Bedeutung erlangen – als Grundstock
             Die starke Beschränkung der Möglichkeiten, privat-                    einer »gemischt kooperativen Marktwirtschaft« 48, der
          wirtschaftlich aktiv zu werden, resultiert dabei nicht                   als alternativem Modell jenseits von Sozialismus und
          nur aus der Furcht, die ökonomischen Reformen könn-                      Kapitalismus die Aufmerksamkeit der übrigen Welt
          ten politisch entgleiten. Eine wichtige Rolle spielt auch                gewiss wäre.
          die Sorge der militärischen Eliten vor wirtschaftlichen                     Mit dem Wandel der internen Rahmenbedingungen
          Einbußen. »Die Militarisierung des Entscheidungs-                        entsteht auch eine Grundlage, um Kubas außenwirt-
          apparates und des Wirtschaftslebens – wo Staats-                         schaftliche Beziehungen zu beleben, sofern die Refor-
          unternehmen von Armeeangehörigen geleitet werden                         men zu einer Steigerung der Effizienz und einer Aus-
          – ist eine jener Maßnahmen Raúl Castros, mit denen                       weitung von Produktion bzw. Angebot (bei Dienstleis-
          die ökonomische Öffnung administrativ gesteuert und                      tungen) beitragen. Dabei liegt das Potential der Selbst-
          politisch abgesichert wird. 44 So kontrolliert die militä-               beschäftigung bisher vor allem im Bereich Tourismus;
          rische Elite einen Großteil der Wirtschaft; 45 sie ist                   angesichts der engen Begrenzungen sind direkte han-
          daran interessiert, diesen Zugang zu Macht und Ein-                      delsbezogene Aktivitäten der Selbstbeschäftigung
          nahmen zu erhalten. Behindert wird die Umsetzung                         kaum vorstellbar. Die verstärkte Zulassung von Ko-
          des Reformprozesses aber auch durch andere staatli-                      operativen bietet dagegen Ansatzpunkte, um letztlich
          che Funktionäre, die vom gegenwärtigen System profi-                     auch den Warenhandel zu beeinflussen. Weiteres
          tieren – sie bilden eine große Gruppe, denn der Staats-                  Potential für eine Steigerung und Veränderung des
          sektor in Kuba ist umfangreich, während es gleich-                       Außenhandels lässt sich aber nur schaffen, wenn
          zeitig an Transparenz und klaren Regeln mangelt. 46                      die Rahmenbedingungen für Handel und Investitio-
             Das Bestreben der Regierung, die wichtigen Produk-                    nen in stärkerem Maße verbessert werden.
          tionsmittel unter Kontrolle zu halten, schlägt sich in
          strengen Begrenzungen nieder; diese wiederum blo-
          ckieren derzeit das Wachstum kleiner und mittlerer
          Unternehmen. Für die weitere wirtschaftliche Ent-
          wicklung ist zusätzlich problematisch, dass es solche
          Begrenzungen nicht für gemischte ausländisch-
          staatliche Joint-Venture-Unternehmen gibt. 47 Neu

               42 Vgl. Bert Hoffmann, Wie reformfähig ist Kubas Sozialismus?,
               Berlin: Friedrich-Ebert-Stiftung, Mai 2011, S. 3; Laverty, Cuba’s
               New Resolve [wie Fn. 26], S. 60, oder Ritter/Henken, Entrepreneu-
               rial Cuba [wie Fn. 16].
               43 Gabriele/Alejandro, »Cuban Reforms« [wie Fn. 35], S. 136.
               44 Günther Maihold, Vom Sonderfall zur Normalisierung. Kuba
               und die Europäische Union suchen erneut den Dialog, Berlin: Stif-
               tung Wissenschaft und Politik, 2014 (SWP-Aktuell 34/2014),
               S. 4.
               45 Azel, »The Illusion of Cuban Reform« [wie Fn. 13], gibt
               dazu 60 Prozent an.
               46 Gabriele/Alejandro, »Cuban Reforms« [wie Fn. 35], S. 143.          enterprises – a disappointing feature of Cuba’s new foreign
               47 Ritter/Henken, Entrepreneurial Cuba [wie Fn. 16], S. 302, im       investment law published in 2014.« Siehe dazu Ausführungen
               Original: »Of course, these same limitations do not exist for         zum Thema Investitionen.
               mixed or joint ventures between foreign owned and state               48 Ebd., im Original: »mixed cooperative market economy«.

          SWP Berlin
          Kuba »aktualisiert« sein Wirtschaftsmodell
          Februar 2017

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Hintergrund

Kubas Außenwirtschaft

Hintergrund                                                       Venezuela. Diese Partnerschaft war ein wichtiger
                                                                  Impuls für das Wirtschaftswachstum, das Kuba seit
Der Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 führte in                  Beginn des Jahrtausends erzielte. Allerdings sind die
Kuba zu einer gravierenden Wirtschaftskrise, die von              Lieferungen Venezuelas im Jahr 2016 bereits zurück-
der Regierung als »Sonderperiode in Friedenszeiten«               gegangen, weil das Land in eine schwierige Wirt-
bezeichnet wurde (período especial en tiempo de paz).             schaftslage geriet. Vor diesem Hintergrund ist es ein
Noch 2014 lag der durchschnittliche Arbeitslohn im                wichtiges Ziel für die kubanische Regierung, die Ab-
Land bei nur etwa 28 Prozent des Niveaus, das in jener            hängigkeit von venezolanischem Öl zu verringern.
Zeit bestanden hatte, als Kuba noch Teil des sozialis-            Unter anderem beabsichtigt Kuba, seine eigene Ölpro-
tischen Wirtschaftsraums war. 49 Anfang der 1990er                duktion mit Hilfe russischer Spezialisten zu moderni-
Jahre wurde es unumgänglich, die kubanische Wirt-                 sieren und zu steigern – im Rahmen eines Vertrages,
schafts- und Handelsstruktur umzustellen, die davor               der 2014 mit Russland abgeschlossen wurde. 53 Zu-
im Rahmen der sozialistischen Wirtschaftsteilung                  gleich will Kuba generell seine wirtschaftliche Abhän-
den Export vor allem von Zucker, Mineralien und                   gigkeit von Venezuela reduzieren, die letztlich die
Zitrusfrüchten vorgesehen hatte. 50 Um die erforder-              Abhängigkeit von der Sowjetunion ersetzt hat. Auch
lichen Importe zu finanzieren – benötigt wurden vor               deshalb zielen die Leitlinien darauf, Aus- und Ein-
allem Brennstoffe und Nahrungsmittel –, musste Kuba               fuhren des Landes zu diversifizieren.
auf dem Weltmarkt mit neuen Handelspartnern Devi-                    Dem Außenhandel kommt in Kubas Wirtschaft
sen erwirtschaften. Zwei Faktoren spielten in diesem              und Politik eine wichtige Rolle zu. 2015 belief sich der
Zusammenhang eine besonders wichtige Rolle: die                   Anteil des Exports von Waren und Dienstleistungen
Beziehungen zu Venezuela und die Entsendung medi-                 am BIP des Landes auf 30 Prozent. 54 Warenexporten
zinischen Personals im Rahmen bilateraler Verein-                 in Höhe von 4,4 Milliarden US-Dollar (ein Rückgang
barungen.                                                         gegenüber dem Vorjahr um 0,8 Milliarden US-Dollar)
   Die Allianz zwischen Havanna und Caracas wurde                 stehen Importe von geschätzt 15,1 Milliarden US-
vom venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez initi-                Dollar gegenüber. Kuba weist damit ein starkes Han-
iert. Gemäß einem Vertrag aus dem Jahr 2000 lieferte              delsbilanzdefizit auf. Von großer Bedeutung für die
Venezuela bis 2016 seinem Partnerland 115 000 Barrel              kubanische Volkswirtschaft ist insbesondere der Im-
Öl pro Tag. Davon flossen 92 000 Barrel in den kuba-              port von Brennstoffen und Nahrungsmitteln. Die
nischen Verbrauch, was etwa 60 Prozent des Bedarfs                Zunahme privater Aktivitäten hat den hohen Import-
entsprach. 51 Der Rest wurde raffiniert und reexpor-              bedarf bisher kaum verringert. Zwar werden heute
tiert. Nach Schätzungen trugen die venezolanischen                57 Prozent der Nahrungsmittel privatwirtschaftlich
Öl-Lieferungen zu 12 bis 20 Prozent des kubanischen               produziert, obwohl nur etwa 25 Prozent der landwirt-
Bruttosozialprodukts bei. 52 Kuba exportierte im Gegen-           schaftlichen Fläche in privater Nutzung sind. 55 Doch
zug Gesundheits- und Bildungsdienstleistungen nach                werden etwa 80 Prozent der benötigten Nahrungs-
                                                                  mittel importiert (für ca. 2 Milliarden US-Dollar jähr-
  49 Whitefield, »Building the New Cuban Economy«
  [wie Fn. 15].
  50 Zur Geschichte der kubanischen Außenwirtschaft vgl.            53 »Russland hilft Kuba bei der Ölförderung und plant neuen
  Nancy A. Quiñones Chang, »Cuba’s Insertion in the Inter-          Flughafen«, cubaheute.wordpress.com, 1.3.2015,  (eingesehen am
  51 Antonio F. Romero G., »Los Desafíos de las Relaciones Eco-     11.1.2017).
  nómicas Externas de Cuba«, in: Cuban Studies (University of       54 UNCTADSTAT,  (eingesehen
  52 »Cuba’s Economy: Caribbean Contagion. Venezuela’s              am 31.1.2017).
  Pneumonia Infects the Communist Island«, in: The Economist,       55 Sweig/Bustamante, »Cuba after Communism« [wie Fn. 17],
  23.7.2016, S. 35.                                                 S. 106.

                                                                                                                         SWP Berlin
                                                                                         Kuba »aktualisiert« sein Wirtschaftsmodell
                                                                                                                       Februar 2017

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Kubas Außenwirtschaft

          lich). 56 Ein großer Teil der Importe erfolgt ironischer-              kommen, dass es keine Gelder mehr erhalten würde.
          weise aus den USA, die im Jahr 2000 entsprechende                      Kubas Ausstieg aus der Weltbank war bereits 1960
          Ausnahmen vom Embargo erlaubten. 57                                    erfolgt. 62 Bisher gehen die Schritte zur Vereinigung
             Der überhöhte Wechselkurs hat in den letzten Jahr-                  der Wechselkurse nur sehr langsam voran. Die Eco-
          zehnten zum außenwirtschaftlichen Ungleichgewicht                      nomist Intelligence Unit, die die Erfolgsaussichten
          beigetragen, denn er verhinderte die Substitution von                  kubanischer Reformen zunächst sehr optimistisch
          Importen und erschwerte den Export. Um das außen-                      bewertet hat, glaubt inzwischen nicht mehr daran,
          wirtschaftliche Ungleichgewicht zu reduzieren, sehen                   dass es – wie ursprünglich von ihr prognostiziert – bis
          die Leitlinien als zentrales Mittel die Vereinigung                    2020 zum einheitlichen Wechselkurs kommen wird. 63
          der beiden unterschiedlichen Wechselkurse vor. Die
          Details sind unklar, doch soll die Maßnahme mit
          Fortschritten bei der Arbeitsproduktivität verbunden                   Institutionelle Rahmenbedingungen:
          werden. Laut der Parteizeitung »Granma« besteht                        Außenhandel als Außenpolitik
          Konsens darüber, dass der Peso Cubano (CUP) künftig
          als einzige Währung des Landes dienen und gegen-                       Die für Kubas Handelsströme bestimmenden Akteure,
          über dem US-Dollar abgewertet werden soll. Dabei                       Institutionen und rechtlichen Rahmenbedingungen
          will man sich einem Kurs von 24 CUP/1 US-Dollar an-                    unterscheiden sich stark von denen einer Marktwirt-
          nähern; die Reform soll schrittweise durchgeführt                      schaft. Nach Artikel 18 der kubanischen Verfassung
          werden. 58 Bisher zeichnet sich ab, dass die Anpassung                 von 1976 besteht ein staatliches Außenhandelsmono-
          nach und nach in einzelnen Sektoren erfolgt. 59 Der                    pol. Oberste Entscheidungsinstanz auf diesem Feld
          häufigste angewandte Kurs ist 10 CUP/1 US-Dollar für                   ist das Ministerium für Außenhandel und Auslands-
          Hotels sowie Zucker- und Biotechnologie-Industrien;                    investitionen (Ministerio del Comercio Exterior y la
          er entspricht einer Abwertung der kubanischen                          Inversión Extranjera, MINCEX). Importe und Exporte
          Währung um 90 Prozent. 60                                              erfolgen über kubanische Außenhandelsunternehmen
             Das sektorale Vorgehen ist allerdings nicht nur                     mit staatlicher Konzession. Die Zahl der Importunter-
          kompliziert und mit einem hohen administrativen                        nehmen schwankt. Nach einer Expansionsphase
          Aufwand verbunden; es ist auch deshalb problema-                       waren 2003 fast 500 Unternehmen im Außenhandel
          tisch, weil es neue Verzerrungen innerhalb der Volks-                  aktiv. In den letzten Jahren jedoch hat die Regierung
          wirtschaft schafft. Ökonomen der Weltbank empfeh-                      zahlreiche Lizenzen entzogen und die Kontrolle über
          len deshalb, die beiden Wechselkurse auf einen Schlag                  die Firmen verschärft. 64 2005 waren gerade noch
          zu vereinheitlichen und die zu erwartenden Negativ-                    89 Unternehmen im Außenhandel tätig; seit 2009
          folgen – insbesondere die entstehende Inflation –                      werden Struktur und Umfang von Importen durch
          durch das Steuersystem und Subventionen auszuglei-                     zentralisierte Planungsmechanismen bestimmt. 65
          chen. 61 Normalerweise würden der Internationale                          Die kubanischen Einfuhren werden von staatlichen
          Währungsfonds (IWF) und die Weltbank ein solches                       Stellen geregelt, die nicht allein nach wirtschaftli-
          Reformvorhaben unterstützen, doch diese Option                         chen, sondern auch nach politischen Aspekten ent-
          ist im Falle Kubas nicht gegeben. Das Land war 1945                    scheiden. Interessierte ausländische Exporteure müs-
          Gründungsmitglied des IWF, löste aber 1964 die Mit-                    sen ein kompliziertes Verfahren durchlaufen, um ins
          gliedschaft, um einem Beschluss des Fonds zuvorzu-                     Lieferantenregister eines lizensierten Importunter-
                                                                                 nehmens aufgenommen zu werden. 66 Ob dann aller-
               56 IFAD, »UN Agency Head Visits Cuba« [wie Fn. 20].
               57 Ebd.
               58 Pavel Vidal Alejandro/Omar Everleny Pérez Villanueva,            62 Gary Clyde Hufbauer/Barbara Kotschwar, Economic Norma-
               La Reforma Monetaria en Cuba Hasta el 2016. Entre Gradualidad y     lization with Cuba. A Roadmap for US Policymakers, Washington,
               »Big Bang« [Die Währungsreform in Kuba bis 2016. Zwischen           D.C.: Peterson Institute for International Economics, 2014,
               schrittweiser Entwicklung und »Big Bang«], Washington, D.C.:        S. 63.
               Brookings/Universität Havanna, Dezember 2013, S. 13.                63 EIU, Cuba. Country Report, 14.7.2016, S. 2.
               59 Ebd., S. 14.                                                     64 GTAI, Tipps für das Kubageschäft, S. 9,  (eingesehen am 11.1.2017).
               61 Augusto de la Torre/Alain Ize, Exchange Rate Unification:        65 Chang, »Cuba’s Insertion in the International Economy
               The Cuban Case, Washington, D.C.: World Bank, Dezember              since 1990« [wie Fn. 50], S. 100f.
               2013.                                                               66 GTAI, Tipps für das Kubageschäft [wie Fn. 64], S. 10.

          SWP Berlin
          Kuba »aktualisiert« sein Wirtschaftsmodell
          Februar 2017

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Bilaterale und regionale Abkommen im Bereich Außenwirtschaft

dings tatsächlich Verträge zustande kommen, hängt                erhöhen. Das Land liegt damit unter dem Durch-
von einer Reihe an Faktoren ab. Neben der Verfügbar-             schnitt der Entwicklungsländer, der sich auf 73 Pro-
keit von Devisen spielen politische Ziele eine Rolle, so         zent beläuft (Industrieländer 99 Prozent). Kubas höchs-
etwa das Interesse an einer Diversifizierung der kuba-           ter gebundener Zoll liegt bei 62 Prozent, der höchste
nischen Handelsbeziehungen. Germany Trade and                    tatsächlich angewandte Zoll bei 30 Prozent. 70 Da je-
Invest (GTAI) – die Gesellschaft der Bundesrepublik              doch die staatlichen Stellen nach unterschiedlichen
für Außenwirtschaft und Standortmarketing – weist                Kriterien über Importe entscheiden, kommt der Zoll-
zudem darauf hin, dass kubanische Unternehmen, die               höhe sehr viel weniger eine ökonomisch steuernde
bereits gute Lieferbeziehungen unterhielten, teilweise           Funktion zu, als dies in marktwirtschaftlich orientier-
gar nicht an weiteren Anbietern interessiert seien.              ten Ländern der Fall ist. Zwar gelten die WTO-Grund-
Zum Leidwesen der amerikanischen Seite hemmt die                 regeln der Nichtdiskriminierung und Meistbegünsti-
staatliche Kontrolle des Außenhandels auch die wirt-             gung auch in Kuba, doch stoßen sie an Grenzen – bei
schaftlichen Aktivitäten zwischen Kuba und den USA.              einem sozialistischen System, in dem der Staat die
Zwar sind neue Chancen für US-Exporte entstanden –               Importe durchführt und dabei nach politischen Krite-
etwa dadurch, dass der kubanische Staat sich aus                 rien auswählt (»diskriminiert«).
dem Wohnungsbau zurückgezogen und die Obama-                        Der kubanische Markt kann allerdings auch gerade
Administration die Ausfuhr von Baumaterial, Auto-                wegen der staatlichen Importsteuerung besonders
teilen und Landmaschinen an den kubanischen                      attraktiv für Exportfirmen aus Drittländern sein. Zwar
Privatsektor erlaubt hat. Doch die staatliche Import-            ist Kuba, volkswirtschaftlich betrachtet, ein relativ
agentur auf der Insel hat in diesem Zusammenhang                 kleines Land mit begrenztem Importvolumen. Doch
lediglich 100 Einfuhrgeschäfte genehmigt. »Ich hatte             weil sich die Einfuhren bei staatlichen Unternehmen
gehofft, in einem Jahr würde es ein Dutzend Export-              konzentrieren, werden in der Regel große Mengen
agenten in Miami geben, aber das ist nicht eingetre-             gehandelt, die für einzelne ausländische Lieferfirmen
ten«, wird ein amerikanischer Beamter zitiert. 67 Damit          sehr interessant sein können. So haben in der Vergan-
seien die kubanischen Importeure weiterhin vom                   genheit auch deutsche Anbieter, waren sie erst einmal
»Samsonite«-Markt abhängig – der das umfasst, was                im dortigen Markt verankert, »Aufträge in Kuba ab-
im Koffer nach Hause transportiert werden kann.                  geschlossen, die im weltweiten Maßstab für diese
   Überdies stellt der kubanische Markt teilweise                Unternehmen Rekordmarken setzten«. 71 Im Einzelfall
besondere Anforderungen an Produkte, etwa leichte                können Firmen also vom staatlichen System der Ein-
Bedienbarkeit, Resistenz gegen Stromausfall oder die             fuhrregulierung profitieren. Insgesamt aber bewirkt
Möglichkeit einer Wartung durch lokale Fachkräfte.               dieses, dass Kuba als Absatzmarkt unberechenbar
Von Hochtechnologieländern wie den USA oder                      bleibt.
Deutschland sind solche Kriterien nicht leicht zu er-
füllen. 68 Dies macht Kuba zu einem interessanten
Markt gerade auch für Exporteure aus Entwicklungs-               Bilaterale und regionale Abkommen
ländern, die entsprechende Erwartungen eher bedie-               im Bereich Außenwirtschaft
nen können, weil sie auf ihren heimischen Märkten
ähnliche Bedingungen vorfinden.                                  Neben der Verankerung in der WTO ist Kubas Außen-
   Einen gewissen institutionellen Rahmen setzt                  wirtschaft in ein Netz bilateraler und regionaler Ab-
Kubas Mitgliedschaft in der Welthandelsorganisation              kommen eingebettet. Im Unterschied zu marktwirt-
(WTO). 1947 gehörte das Land zu den Erstunterzeich-              schaftlichen Volkswirtschaften setzen diese nicht in
nern des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens                  erster Linie einen Rahmen für ökonomische Aktivi-
(GATT), des Vorläufers der WTO. 69 Importe unterliegen           täten einzelner Unternehmen. Vielmehr dienen die
dem von Kuba in der WTO notifizierten Außenzoll.                 Abkommen auch dazu, außenpolitische Ziele zu
Kuba hat 31,5 Prozent seiner Zölle gebunden, sich also           verfolgen, denen wirtschaftspolitische in der Regel
in der WTO vertraglich verpflichtet, diese nicht zu              untergeordnet werden. Eine besondere Rolle spielt

  67 »Lots of Diplomacy, Not Many Dollars«, in: The Economist,
  12.12.2015.                                                      70 WTO/ITC/UNCTAD, World Tariff Profiles 2014, 
  69 WTO, Cuba and the WTO,  (eingesehen am 4.4.2016).       71 GTAI, Tipps für das Kubageschäft [wie Fn. 64], S. 7.

                                                                                                                        SWP Berlin
                                                                                        Kuba »aktualisiert« sein Wirtschaftsmodell
                                                                                                                      Februar 2017

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