Wer teilt, gewinnt - #digital impact

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Wer teilt, gewinnt - #digital impact
Beyond Mainstream

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                                                         impact

wer teilt, gewinnt
Zehn Thesen, wie Digitalisierung und Social Media
unsere Unternehmen verändern

JuLi 2014
Wer teilt, gewinnt - #digital impact
think act
                                          social media

                        die grossen 3
1

    25%
    der Online-Zeit werden mit Social Networking verbracht.
    S. 4

2

    17%
    aller Unternehmen agieren bei Social Media wirklich strategisch.
    S. 8

3

    70%
    der Mitarbeiter glauben, dass ein gezielter Einsatz von Social Media
    den CEO zu einem effektiveren Leader macht.
    S. 12

                                      Die Tücken
                                      der Social-
                                        Media-
                                    Kommunikation
                                         S. 11

    2                            Roland Berger Strategy Consultants
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Megatrend Digitalisierung: Social
Media sind Teil der vierten industriellen
Revolution, die radikale Innovationen
und disruptive Geschäftsmodelle hervor-
bringen wird. Das digitale Unternehmen
der Zukunft wird vernetzter, intelligenter
und "sozialer" sein.

Von weiten Teilen der Öffentlichkeit nahezu unbemerkt,         Schlagwort: Sensoren, mobiles Internet oder Cloud
vollzieht sich gerade eine strukturelle Veränderung der        Computing sind allgegenwärtig. Wer wollte, privat wie
Produktionsweise in beinahe allen Branchen und In-             geschäftlich, heute darauf verzichten?
dustrien, ja unserer Lebensweise schlechthin: Die Digi-            Die Digitalisierung ist unaufhaltsam, weil sie Wis-
talisierung hat das Zeug, auf unsere Ökonomie und              sen jederzeit und allerorten verfügbar macht. Weniger
auch auf unser Zusammenleben so grundstürzend zu               auffällig, aber unumkehrbar wie die ersten drei Schritte
wirken wie die erste industrielle Revolution.                  der industriellen Revolution, sprengt sie die Grenzen
     Jede der umwälzenden technischen Veränderungen            bestehender Produktionsweisen, bringt neue Ge-
der vergangenen beiden Jahrhunderte hat neue Arbeits-          schäftsmodelle hervor und verändert die Art, wie wir
prozesse und Produktionsmethoden nach sich gezogen:            zusammenarbeiten. Wir steuern auf eine "soziale" Öko-
In der ersten industriellen Revolution war es die Dampf-       nomie zu, in der Menschen, Maschinen und Systeme
kraft, die Spezialisierung und Mechanisierung beförder-        ständig verbunden sind und in Echtzeit miteinander
te. Die zweite industrielle Revolution setzte ein mit der      kommunizieren. Unser Leben verwandelt sich in ein rie-
Elektrifizierung, die eine Fließbandfertigung von Mas-         siges Netzwerk, in dem reale und virtuelle Welt inein-
senprodukten in hoher Qualität gestattete. Mit dem Ein-        anderfließen, mit nachhaltigen Auswirkungen auch auf
satz von Computern schließlich ließen sich Arbeitspro-         unsere sozialen Beziehungen. Drei Themen stehen im
zesse aller Branchen flexibilisieren und rationalisieren       Brennpunkt dieses epochalen Trends:
– Stufe drei der industriellen Revolutionen war erreicht.      > Die Informatisierung des verarbeitenden Gewerbes
     Nun stehen wir inmitten von Phase vier, der Digita-       (Manufacturing) und insbesondere der Produktions-
lisierung: In einem nie gekannten Ausmaß lassen sich           technik, wie wir sie in unserer aktuellen THINK ACT-
Daten heute informationstechnisch aufbereiten, spei-           Publikation Industrie 4.0 analysieren.
chern und verarbeiten. Digitale Informationen sind das         > Das exponentielle Wachstum von Kundendaten und
Öl des 21. Jahrhunderts. Alle zwei Jahre verdoppelt            ihre Nutzbarmachung in Form von analytisch gewonne-
sich ihr weltweites Volumen. Big Data ist mehr als ein         nen Customer Insights, wie sie u.a. in der Buchpublika-

                                            Roland Berger Strategy Consultants                                       3
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                                                       social media

   tion Data Unser von Björn Bloching et al. beschrieben         > Großunternehmen mit mindestens 100.000
   wurde.                                                        Mitarbeitern beschäftigen heute durchschnittlich
   > Die hierarchiefreie Vernetzung von Individuen, die          50 Social-Media-Vollzeitkräfte.
   über Social Media gleichberechtigt interagieren und               Klar ist: Social Media sind gekommen, um zu blei-
   kollaborieren – im Privatleben ebenso wie im beruf-           ben. Nach der anfänglichen Experimentierphase tritt
   lichen Umfeld. Sie ist Gegenstand dieser Publikation.         die Branche heute in ein neues Stadium ein, das sich
       Allen drei Entwicklungen ist eines gemeinsam: Sie         durch folgende typische Entwicklungen einer reifenden
   führen zu neuen Synapsen, intelligenteren Lösungen            Industrie auszeichnet:
   und mehr Autonomie der handelnden Personen. Und                   Ausdifferenzierung. Social Media werden
   ermöglichen dem, der sie zu nutzen weiß, radikale             immer vielfältiger. Conversation Prism, eine Visualisie-
   Innovationen und disruptive Geschäftsmodelle, in de-          rung des aktuellen Spektrums an Web-2.0-Plattfor-
   ren Mittelpunkt die Idee steht, Informationen jederzeit       men, listet rund 30 verschiedene Anwendungsbereiche
   auszutauschen und miteinander zu teilen. Im Folgen-           auf, die zunehmend die gesamte Lebenswirklichkeit
   den werfen wir zehn Schlaglichter auf jene Chancen,           der Nutzer abbilden – von Kommunikation, Unterhal-
   die sich speziell durch den Siegeszug von Social Media        tung, Sport und Shopping bis hin zu Wissensaus-
   in der Geschäftswelt eröffnen und mit denen digitale          tausch, geschäftlichem Netzwerken und digitalen
   Unternehmen die strukturellen und prozessualen Limi-          Marktplätzen.
   tierungen der analogen Welt hinter sich lassen.                   Substituierung. Immer mehr Produkte und
                                                                 Services aus der analogen Welt finden eine Entspre-
   1. Social Media sind kein Hype,                               chung im Social Web. Aus Zeitungen und Zeitschriften
   sondern sozioökonomische Realität.                            wurden Websites und Apps – inzwischen gibt es Nach-
                                                                 richtenportale zum Mitgestalten wie die HuffPost oder
  Social Media sind heute eine der größten Quellen ge-           Magazine zum Selbermachen wie bei Flipboard. Jeder
  schäftsrelevanter Daten und einer der wichtigsten Trei-        Nutzer sein eigener Produzent! Auch immer mehr Inter-
  ber der Digitalisierung. Dabei gelten sie selbst für die       mediäre verschwinden, weil sich Konsumenten zusam-
  New Economy als ein vergleichsweise junges Phäno-              mentun – und sich gegenseitig ihre Wohnungen über-
  men. Noch am 2. März 2009 twitterte Digital Evange-            lassen (Airbnb) oder sich untereinander versichern
  list Avinash Kaushik: "Social media is like teen sex.          (Friendsurance).
  Everyone wants to do it. No one actually knows how.                Neue Player. Es begann mit YouTube – inzwi-
  When finally done, there is surprise it's not better."         schen werden Videos auf Dutzenden von Plattformen
  Fünf Jahre später ist die adoleszente Verunsicherung           geteilt und selbst ein Subsegment wie Live-Streaming
  überwunden: Facebook, Twitter, YouTube & Co. sind in           unterteilt sich in zahlreiche Spezialangebote, z.B. für
  der Mitte der Gesellschaft angekommen sowie als                Game-Watching oder Life-Sharing. Denn dank einer ex-
  Marketing- und Kommunikationskanäle fest in der Un-            ponentiell wachsenden Nutzergemeinde und globaler
  ternehmenswelt verankert. Dazu ein paar Zahlen:                Skalen gibt es (noch) in jeder Nische genug Platz für
1 > Rund ein Viertel ihrer Online-Zeit verbringen Nutzer         mehrere Anbieter.
  heute mit Social Networking.                                       Best Practices. Erfolgsfaktoren in der unter-
  > Social Media sind keine reine Jugenddomäne – am              nehmensinternen wie -externen Nutzung von Social
  stärksten wächst aktuell das Segment der Nutzer über           Media treten klar zutage; dies gilt entlang der gesam-
  45 Jahre.                                                      ten Wertschöpfungskette, also für Recruiting, Wis-
  > Bereits mehr als 6% der deutschen Kunden machen              sensmanagement und Produktentwicklung eben-
  ihre Kaufentscheidungen von Informationen aus sozia-           so wie für Marketing, Kundenkommunikation und
  len Medien abhängig.                                           After-Sales-Service. Weithin akzeptiert ist: Social

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                                                    social media

Media gedeihen nur in einer Kultur der Offenheit und           A
des Vertrauens. Ohne Authentizität, Partizipation             Social Media verbreiten sich exponentiell
und Transparenz geht es nicht. Unverzichtbar sind             Globale Nutzer
ferner Use Cases, die dem Anwender unmittelbaren
Nutzen bringen. Und natürlich braucht es definierte
                                                                      Mio.
Kennzahlen, um auch Skeptiker vom Geschäftswert zu
                                                              3.000
überzeugen.
    Social Media verbreiten sich exponentiell. A Sie
haben die Welt schon heute ähnlich stark verändert
wie der Rundfunk im vergangenen Jahrhundert – und
das Internet erst von einem passiv genutzten zu einem
interaktiv gestalteten Medium gemacht, das die Krea-          2.500
tion und den Austausch von User-generated Content
auf der ideologischen und technologischen Basis des
Web 2.0 erlaubt. Social Media sind Teil des gesell-
schaftlichen Lebens, ermöglichen Vernetzung und Teil-
habe und sind deshalb global so erfolgreich, weil sie         2.000
universelle Grundbedürfnisse stillen: andere Men-
schen kennenzulernen, sich mit ihnen auszutauschen
und Dinge miteinander zu teilen. Und das überall und
zu jeder Zeit, denn 71% der Smartphone- und Tab-
let-Besitzer nutzen heute ihr mobiles Endgerät, um auf
                                                              1.500
Social Media zuzugreifen. B
    Was Social Media wirtschaftlich so relevant macht
und das geschäftliche Interesse auf ihre Nutzer lenkt:
Sie werden längst nicht mehr als eigene Sphäre, son-
dern als Erweiterung der realen Welt wahrgenommen.
                                                              1.000
Das bedeutet: Unternehmen und Marken können dort
zu Freunden, ja zu einer Art Familienmitglied werden.
Und fügen sich damit in den zwischenmenschlichen
Beziehungskosmos ein.
    Wo Menschen online sind, mit wem sie sich verbin-
den, was sie teilen oder wen sie mögen – all das wird           500
Teil ihrer Identität mit der Folge, dass Mitgliedschaft
und Interaktionshäufigkeit in sozialen Netzwerken
heute mehr über ihr Konsumverhalten aussagen als
Herkunft oder Status. Ja, die Identifikation kann so
weit reichen, dass sich Konsumenten aus freien
Stücken für Unternehmen und ihre Marken engagie-
                                                                     1995                             2005               2010   2013
ren: Weil sie dies als Ausdruck ihrer Persönlichkeit
sehen, weil sie hier Selbstwirksamkeit erfahren, weil                	Internet                  	Twitter
sie mit Gleichgesinnten interagieren oder weil sie an-                Facebook                  	Google+

deren helfen wollen, z.B. bei einer Kaufentscheidung.              Quelle: Internet World Stats, Search Engine Journal

                                           Roland Berger Strategy Consultants                                                     5
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                                                       social media

B                                                                Und weil sie damit in kürzerer Zeit mehr Menschen
Ständiger Begleiter                                              erreichen können als jemals zuvor. Es ist ein Potenzial,
Zu liken oder zu sharen, zählt heute zu den kommunika-           das es zu nutzen gilt.
tiven Grundbedürfnissen vieler Menschen. Immer über
Neuigkeiten aus dem persönlichen Umfeld auf dem                  2. Social Media sind ein Machtfaktor
Laufenden zu sein, gehört längst zum digitalen Lifestyle         – Nichtstun ist keine Option.
nicht nur der jüngeren Generation.
                                                                 Können Unternehmen diese neue sozioökonomische
                                                                 Realität ignorieren? Nein, auf keinen Fall. Zum einen,
                                                                 weil die Risiken des Nichtstuns zu groß sind. Zum
                                                                 anderen, weil sie damit Chancen verspielen und
                                                                 gegenüber "socially enabled Enterprises" ins Hinter-
                                                                 treffen geraten.
                                                                      Die häufigsten Argumente, die pro Social-Me-
                                                                 dia-Engagement genannt werden, lauten: Es wird so
                                                                 oder so über Unternehmen getwittert oder gepostet –
                                                                 es ist also besser, an der Diskussion teilzunehmen
                                                                 und somit die Chance zu wahren, sie zumindest mit-
                                                                 zugestalten. Proaktivität helfe beispielsweise, den
                                                                 unübersehbaren Auswirkungen kollektiver öffentlicher
                                                                 Entrüstung ("Shitstorms") vorzubeugen und so das
                                                                 Schlimmste zu verhindern.
                                                                      In der Regel wird dieses Passivitätsrisiko aller-
                                                                 dings überschätzt. Ganz selten nur nimmt der Buzz im
                                                                 Netz wirklich bedrohliche Formen an – die wahre Ge-
                                                                 fahr lauert woanders: Bei Untätigkeit, und das ist der
                                                                 eigentliche Impuls für professionelles Social-Me-

71%
                                                                 dia-Engagement, können sich die Machtverhältnisse
                                                                 zwischen Konsumenten und Unternehmen nachhaltig
                                                                 und unwiderruflich verschieben.
der Smartphone- und Tablet-Besitzer nutzen ihr mobiles                Die Vernetzung habe Kunden mündiger, anspruchs-
Endgerät, um auf Social Media zuzugreifen.                       voller und selbstbewusster gemacht, heißt es – als Be-
                                                                 weis werden z.B. reichweitenstarke Verbraucherforen
                                                                 oder das Showrooming-Phänomen (Kunden gucken im
                                                                 Laden, kaufen im Netz) genannt. Aber erodieren Kon-
                                                                 trolle und Macht der Unternehmen im Zeitalter von So-
                                                                 cial Media tatsächlich? Droht beispielsweise Werbe-
                                                                 treibenden ein Bedeutungsverlust, weil Kampagnen
                                                                 sich verselbstständigen und Kunden kaum noch steu-
                                                                 erbar sind? Oder wird diese Entwicklung konterkariert
                                                                 durch jene Datenspur, die Kunden hinterlassen und die
                                                                 Unternehmen nie da gewesene Einblicke in nahezu alle
                                                                 Lebensbereiche ermöglichen?

6                                             Roland Berger Strategy Consultants
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                                                     social media

Auf einen Nenner gebracht: Definiert man Macht als             genüber Unternehmen verschaffen, die es nicht oder
die Fähigkeit, soziale Beziehungen zu kontrollieren,           nicht hinreichend gelernt haben, auf der Klaviatur von
dann nimmt die Macht der Konsumenten im Web 2.0                Social Media zu spielen.
tendenziell tatsächlich zu. Gleich mehrere Faktoren
spielen hier eine wichtige Rolle:                              3. Social Media sind eine Schlüssel-
    Aggregation der Nachfrage. Konsumen-                       fähigkeit.
ten können im Social Web ihre Nachfrage bündeln, um
z.B. Rabatte durchzusetzen – und sich jenseits aller           In Summe stellen Social Media aus unserer Sicht weni-
technischen, geografischen oder kulturellen Grenzen            ger eine Bedrohung von Unternehmenssouveränität,
zusammentun.                                                   Handlungsautonomie und Markenidentität dar als
    Reduktion der Informationsasymmetrie.                      vielmehr die Chance, die eigene Performance in zwei
Durch leicht zugängliche Leistungsdaten und Produkt-           Dimensionen nachhaltig zu verbessern.
beurteilungen, Vergleichsportale und elektronische                  Kundenorientierung. Traditionelle Organi-
Mundpropaganda (eWord of Mouth) nimmt die Infor-               sationen leiden darunter, dass bei wichtigen Ent-
miertheit der Verbraucher zu.                                  scheidungen oftmals nicht derjenige mit am Tisch
    Nutzung von Netzwerkeffekten. Inhalte                      sitzt, um den es geht: der Kunde. Social Media schaf-
können sowohl schneller geteilt und verbreitet als auch        fen neue Möglichkeiten der Interaktion mit Kunden
angereichert und modifiziert werden. Das Social Web            (siehe den folgenden Abschnitt), ja sie bieten die
wirkt also nicht nur als Beschleuniger und Multiplikator,      Chance, das eigene Unternehmen in eine kundenzen-
sondern verändert Kommunikation auch qualitativ.               trierte Organisation zu transformieren.
    Aktivierung der Teilnehmer. Durch Parti-                        Für diesen tief greifenden Wandel muss erst ein
zipation und Vernetzung entstehen neue Möglichkeiten           Bewusstsein geschaffen werden. Es gilt, die oft als
der Bündelung, Mobilisierung und Strukturierung von            bedrohlich wahrgenommene neue Machtposition des
Ressourcen. Die Macht der Vielen lässt neue Markt-             gut informierten Kunden ins Positive zu wenden und
plätze entstehen – Stichwort Sharing Economy – und             Social Media als Angebot zu verstehen, mit ihm oder
führt zu Geschäftsmodellen, die auf dem Wissen und             ihr in einen Dialog zu treten und seine bzw. ihre wirkli-
dem Mitwirken der Kunden beruhen (Crowd-based Bu-              chen Bedürfnisse zu erfragen. Jedes Kundenproblem
siness Models).                                                ist eine Geschäftschance! Und was bietet Mitarbeitern
    Macht wird also im Internet demokratisiert und zu-         mehr Befriedigung, als ein Kundenproblem gelöst
gleich auch instabiler, denn die Sentiments der User           zu haben?
sind nicht kontrollier- und kaum steuerbar. Das Um-                 Zugleich sind Unternehmen der Macht der Vielen
feld, in dem Marketing heute arbeitet, gleicht einem           nicht hilflos ausgeliefert, im Gegenteil: Zum einen
Flipperspiel mit unvorhersehbarem Verlauf.                     wissen sie heute sehr viel mehr über ihre Kunden als
    Dass Kunden sich immer mehr Gehör verschaffen,             jemals zuvor, was den Kontrollverlust zum Teil kompen-
ja zum Initiator markenrelevanter und imagebeeinflus-          siert. Zum anderen können sie den Nachrichtenstrom
sender Kampagnen wie United Breaks Guitars werden,             beeinflussen oder sogar in die gewünschte Richtung
bedeutet für Unternehmen einen Kontrollverlust. Im             lenken. Wer etwa regelmäßig interessante Inhalte
Extremfall drohen sie, in die Rolle von Moderatoren            anbietet, baut sich über Zeit eine Community loyaler
oder gar Zuschauern abgedrängt zu werden, ohne wirk-           Follower auf, die in kritischen Situationen als Schutz-
lichen Einfluss auf die Weiterentwicklung ihrer Marken-        wall wirkt, ohne dass ein Unternehmen überhaupt aktiv
story. Zugleich können sie aber neue Möglichkeiten             in Erscheinung treten müsste.
nutzen, mit Kunden oder auch mit Mitarbeitern zu                    Der Wert einer solchen Community ist kaum in Geld
kommunizieren und sich so Wettbewerbsvorteile ge-              aufzuwiegen.

                                            Roland Berger Strategy Consultants                                        7
think act
                                                     social media

Erstens wirken engagierte Kunden oder einfluss-                sprechende Plattformen, z.B. ein Social Intranet, nicht
reiche Shopper weit über ihr eigenes Netzwerk hinaus           angenommen.
als Markenbotschafter. Videoblogger wie Bethany                    Für beide Dimensionen, Kundenorientierung wie
Mota oder Sami Slimani erlangen durch die Reich-               Wissensmanagement, relevant ist schließlich der dritte
weite ihrer Tutorials den Status von Stars – zum beider-       Erfolgsfaktor: die Good Governance von Social Media.
seitigen Vorteil: Während ein Unternehmen glaubwür-            Als Grundregeln können gelten:
dig, weil authentisch beworben wird, kann der Urheber          > Plattformen, die auf Offenheit, Selbstregulierung und
von User-generated Content sich selbst verwirklichen           implizite Regeln setzen, erhöhen das Engagement der
und den eigenen Bekanntheitsgrad steigern.                     Beitragenden.
    Zweitens bildet eine Community loyaler Follower            > Die empfundene Fairness des Governance-Systems
aber auch ein hochsensibles Frühwarnsystem: Welche             wirkt sich auf Effektivität und Langlebigkeit einer Com-
Gefahren einer Marke drohen, welche Trends im                  munity aus.
Kommen sind oder welche neuen Technologien sich                > Gamification, also die Belohnung von Beiträgen
durchsetzen werden, erfahren die gut verdrahteten              durch Badging, Ranking oder andere nicht monetäre
Digital Evangelists als Erste. Unternehmen, die auf            Anreize, ist ein Muss.
eine enge und regelmäßige Interaktion mit engagier-            > Nutzer müssen Beiträge anreichern können, z.B.
ten und/oder einflussreichen Kunden via Social Media           durch liken, kommentieren, taggen oder bebildern. Ein
setzen, verbessern somit entscheidend ihre Agilität            solches Media Enrichment sollte gefördert und belohnt
und Adaptivität.                                               werden.
    Wissensmanagement. Ebenso hoch zu ver-                     > Die Königsdisziplin ist kollaboratives Engagement.
anschlagen wie die Vorteile einer höheren Kunden-              Mehr Wert noch als die bloße Weiterverbreitung von
und Marktorientierung ist der Nutzen, den Firmen               Inhalten schafft ihre gemeinsame Urheberschaft, Ver-
durch die Kombination aus Partizipation und Vernet-            vollständigung oder Modifikation.
zung im Wissensmanagement erzielen können. Durch                   Am wichtigsten aber: Sowohl aufgrund ihrer Ziel-
interdisziplinäre und crossfunktionale Zusammenar-             setzung – mehr Kundenzentrierung, besseres Wissens-
beit in Verbindung mit neuen Customer Insights ver-            management – als auch durch ihre Tragweite – das
bessert sich insbesondere das Innovationsmanage-               Thema geht alle Bereiche eines Unternehmens an –
ment. Welche Chancen sich hier eröffnen, stellen wir in        sind Social Media eine strategische Herausforderung.
These 7 ausführlicher dar.                                     Deshalb müssen sich die Ziele eines Social-Media-En-
    Social Media sind somit weit mehr als ein Marke-           gagements zwingend aus der Unternehmensstrategie
tingtool. Sie sind ein Enabler für all jene Menschen,          ableiten. So trivial dies klingt, so selten entspricht es
Prozesse und Systeme eines Unternehmens, die mit               der Realität: Lediglich 17% der Unternehmen, so der 2
Kunden oder Wissen zu tun haben. Also für sämtliche            State of Social Business Report 2013 von Altimeter,
"Value-adding Capabilities".                                   agieren bei Social Media wirklich strategisch. In dieser
    Dennoch gibt es immer noch Unsicherheit: Unter             Ableitung der Herangehensweise aus den Geschäfts-
welchen Voraussetzungen trägt ein Social-Media-                zielen liegen die größten Potenziale für einen effektiven
Engagement von Unternehmen wirklich Früchte?                   und effizienten Einsatz sozialer Technologien.
    Während wir in der Dimension Kundenorientierung                Social Media sind zugleich ein Transformationsthe-
die Sensibilisierung der Mitarbeiter und eine aufge-           ma, das die gesamte Organisation bis in ihre letzten
schlossene Geisteshaltung als erfolgskritisch erkannt          Verästelungen betrifft und neue Formen der Kommuni-
hatten, spielt im Wissensmanagement die Existenz von           kation und innovative Wege der Zusammenarbeit erfor-
Use Cases eine entscheidende Rolle: Ohne konkreten             dert. Mit Schnellschüssen und Insellösungen ist es
praktischen Nutzen für die Tagesarbeit werden ent-             deshalb nicht getan. Doch ein ganzheitlicher, umfas-

8                                           Roland Berger Strategy Consultants
think act
                                          social media

"Der Mensch ist ein 'animal                         sender und konsequenter Ansatz lohnt sich. Egal ob es
                                                    darum geht, gemeinsam Ideen zu finden, Probleme zu
sociale'. Deshalb bewirken                          lösen oder Inhalte zu kreieren: Web-2.0-basierte
Social Media einen Paradig-                         Modelle der Kollaboration erweisen sich traditionellen
                                                    Organisationsformen gegenüber als eindeutig überle-
menwechsel, der alle Unter-                         gen. Denn Social Media sind die einfachste Möglich-
nehmen betrifft."                                   keit, sich die Informationsverarbeitungskapazität von
Prof. Dr. Charles F. Hofacker,                      Netzwerken, die Effizienz informeller Märkte und die
Florida State Universit y                           Weisheit der Vielen zunutze zu machen. Sie schaffen
                                                    das geeignete Kommunikations- und Wissensinstru-
                                                    ment für eine Welt, in der Intelligenz immer verteilter
                                                    und vernetzter ist. Das gilt zum einen für das Unterneh-

"Social Media sind                                  men selbst und seine Mitarbeiter, zum anderen auch
                                                    für seine Kunden. Nur ein Beispiel: Viele Urheber von

wie eine riesige                                    User-generated Content erfüllen heute mühelos das
                                                    Gladwell-Kriterium von 10.000 Stunden intensiver Be-

Cocktailparty (…)                                   schäftigung mit einem Thema und können auf ihrem
                                                    Gebiet als anerkannte Experten gelten. Sie sind damit

Hören Sie aufmerk-                                  ein Machtfaktor und Innovationstreiber, den Unterneh-
                                                    men nicht ignorieren dürfen.

sam zu, seien Sie                                   4. Social Media ermöglichen neue
offen und authen-                                   Formen der Kundeninteraktion.

tisch, erzählen                                     Eben weil sich die Rolle von Kunden (und Wissensträ-
                                                    gern) durch Social Media ändert, muss die Interaktion

Sie großartige                                      mit ihnen auf eine neue Grundlage gestellt werden:
                                                    weg von Passivität, Massenansprache und Berieselung

Geschichten – und                                   mit standardisierten Inhalten, hin zu Austausch, Dialog
                                                    und Co-Kreation. Mit anderen Worten: Der Kunde soll

Sie werden ihr                                      nicht mit einseitigen Werbebotschaften beschossen
                                                    und/oder bespaßt werden, er soll vielmehr mit dem

Mittelpunkt sein."                                  Unternehmen in eine (möglichst dauerhafte und profi-
                                                    table) Beziehung treten.
                                                        Somit ändert sich auch die Rolle des Marketings
Dave Kerpen, CEO Likeable Media
                                                    grundlegend. Es muss mehr denn je einen inhaltlichen
                                                    Mehrwert jenseits einfacher Produktwerbung bieten.
                                                    Es geht nicht (mehr) um kurzlebige Effekthascherei
                                                    und eine reine Abverkaufslogik, sondern um das bes-
                                                    sere Verständnis dessen, was den Kunden wirklich
                                                    bewegt. Dies bedeutet zunächst einmal – und vor
                                                    allem: zuhören, zuhören, zuhören. Dabei sind auch und
                                                    gerade kritische Stimmen zuzulassen, denn in ihnen

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think act
                                                     social media

stecken oft die wertvollsten Informationen, wie sich           differenzieren – nach individuellen Präferenzen, nach
Produkte oder Dienstleistungen verbessern lassen               sozialem Umfeld, nach persönlicher Situation des
oder welche ungenutzten Geschäftschancen es in ei-             Kunden. Und nicht nur nach Umsatz oder Profit.
nem Markt gibt.                                                    So gilt es insbesondere, das unterschiedliche Maß
    Wie bei anderen Marketingkanälen auch treten hier          an Engagement für ein Produkt, ein Unternehmen oder
Zielkonflikte auf: Werden Social-Media-Plattformen             eine Marke zu honorieren. Ebenso wie Vernetzungs-
primär mit Blick auf ihre Kundenattraktivität gestaltet,       grad oder Verbindungsstärke jedes Akteurs muss sich
dann leidet darunter möglicherweise der unmittelbare           dieses Engagement im Gesamtwert eines Kunden wi-
Nutzen für den Vertrieb. Steht umgekehrt die Verkaufs-         derspiegeln: Eine profunde Produktreview etwa schafft
absicht im Vordergrund, so wird kaum ein Kunde den             für ein Unternehmen selbst dann einen hohen Mehr-
Köder fressen – es sei denn, man steigert die Attrakti-        wert, wenn sie zunächst von nur wenigen Nutzern wahr-
vität des neuen Kanals durch kostspielige Rabattaktio-         genommen wird. (Co-)Kreation oder Anreicherung von
nen. Nicht zuletzt gilt es – wie immer beim Aufbau web-        Inhalten sind in aller Regel deutlich höher zu bewerten
basierter Plattformen – zu vermeiden, dass ein Kanal           als ein schwaches und meist unverbindliches Engage-
den anderen unnötig kannibalisiert. Social CRM erfor-          ment in Form von Likes oder Shares. Und Produktwis-
dert deshalb ein integriertes Management von Interak-          sen und Empfehlungsverhalten sollten mindestens im
tionen unterschiedlicher Häufigkeit und Intensität an          selben Maße in den Bewertungsalgorithmus einfließen
allen Kontaktpunkten, und zwar über den gesamten               wie die Kundenhistorie.
Lebenszyklus eines Kunden hinweg.                                  Für Unternehmen, die Social-Media-Marketing be-
    Wie kann die Erfüllung einer so komplexen Anforde-         treiben, bedeutet dies zweierlei:
rung gelingen? Und welche Faktoren sind dabei zu               > Zum einen sollten sie nicht bei einfachen Werbefor-
berücksichtigen? Um eine nachhaltig tragfähige CRM-            men stehen bleiben, die zwar Aufmerksamkeit schaf-
Strategie für das Social Web formulieren zu können,            fen, aber keine Interaktion und erst recht keine echte
sind zunächst einmal zwei Punkte von entscheidender            Bindung ans Unternehmen. Denn damit wird der mög-
Bedeutung:                                                     liche Kundenwert nur unzureichend abgeschöpft.
    Grad des Kundenengagements. Der Un-                        > Zum anderen sollten sie nicht der Versuchung erlie-
terschied zum traditionellen CRM liegt darin, dass Kun-        gen, ausschließlich den Output (Inhaltsvolumen) zu
den vom Objekt zum Subjekt werden: Sie sind heute              messen und den Outcome (Inhaltswert) zu vernachläs-
nicht mehr passiver Adressat von Marketingaktivitäten,         sigen. Denn ein Like alleine schafft kaum Mehrwert
sondern engagieren sich freiwillig und oft sogar unauf-        und auch Shares werden in der Regel systematisch
gefordert für ein Produkt, eine Marke, eine Organisati-        überschätzt.
on oder ein Unternehmen (so wurde die Facebook-                    Neben dem Grad des Kundenengagements ist im
Community der Bundeswehr von einem Privatmann                  Social CRM auch der Beziehungsstatus zwischen Kun-
aufgebaut und erst zwei Jahre und 200.000 Likes                de und Unternehmen zu berücksichtigen.
später von der Social-Media-Truppe der Hardthöhe                   Lebenszyklen von Kundenbeziehungen.
übernommen). Indem sie andere beeinflussen, ihnen              Das traditionelle CRM unterscheidet zwischen An-
Empfehlungen aussprechen oder altruistisch ihr                 bahnung (Acquisition), Aufrechterhaltung (Retention)
Wissen zum Nutzen aller einbringen, erhöhen diese              und Beendigung (Termination) eines Kundenverhält-
engagierten Unterstützer ihren Wert für ein Unterneh-          nisses. Diese Unterscheidung dreier Phasen der
men. Einfluss und Bedeutung reichen somit weit über            Kundenhistorie erscheint beim Social CRM nur mehr
ihr Verhalten als Kunde hinaus.                                bedingt sinnvoll. Ein einfaches Beispiel: Bieten Unter-
    Für Unternehmen folgt daraus ein Handlungsauf-             nehmen im Rahmen einer Promotion attraktive Kondi-
trag: Sie müssen ihre Interaktion stärker als bisher           tionen für Neukunden an, enthalten diese aber ihren

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think act
                                                  social media

                                                         C

        die dont's der     +

 social-media-kommunikation

Die häufigsten Fehler                                                         Wie man es besser macht

Kunden werden mit Werbebotschaften                                            Auf spontane Mundpropaganda
zugemüllt und wenden sich vom
                                                Nicht                         vertrauen – attraktive, interessante
Unternehmen ab.                               SPAMMEN!                        Inhalte setzen sich (fast) immer durch!

Selbstbezogene oder unpersönliche                                             Bescheiden aufzutreten, das Kunden-
Botschaften schaffen keine Anknüp-            Nicht                           interesse voranzustellen und sich auf
fungspunkte.                               LANGWEILEN!                        Erfahrungen und Ideen der User zu
                                                                              beziehen, kommt gut an.

Unangenehme Fragen auszusparen,                                               Sympathisch wirken Unternehmen,
hemmt den Kundendialog.                                                       die Transparenz schaffen (ohne zu viel
                                             Nicht                            preiszugeben), Fehler einräumen und
                                          VERSTUMMEN!                         Probleme schnell und unbürokratisch
                                                                              lösen.

Mitarbeiter können sich bei geschäfts-                                        Wer Mitarbeiter dazu anhält, unzufrie-
kritischen Prozessen nicht mit eigenen        Nicht                           dene Kunden zu identifizieren und
Ideen einbringen.                                                             interne Kümmerer zu benachrichtigen,
                                           EntMUTIGEN!                        schafft Motivation und Engagement.

Mitarbeiter erhalten einen Maulkorb                                           Geeigneten Mitarbeitern ist es erlaubt,
und dürfen nicht öffentlich kommuni-           Nicht                          öffentliche Kontakte zu pflegen und
zieren.                                      VERBIETEN!                       durch kontrollierte Lecks Informationen
                                                                              zu streuen.

                                         Roland Berger Strategy Consultants                                             11
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                                                     social media

Bestandskunden vor, so werden Letztere möglicher-              filter zu landen oder gar Kunden dauerhaft zu ver-
weise mit Vertragskündigung und/oder negativer                 graulen.
Mundpropaganda drohen – der Schaden wäre ins-                       Im Idealfall schaffen Social Media durch kundenin-
besondere bei hochengagierten und gut vernetzten               dividuellen Dialog eine enge persönliche Bindung an
Kunden immens.                                                 das Unternehmen und rücken den Traum eines jeden
    Die klassische Unterscheidung zwischen Acquisi-            Marketers in Reichweite: eine Eins-zu-eins-Beziehung
tion und Retention ist beim Social CRM also hinfällig –        zum Kunden aufzubauen und so Streuverluste nahezu
diese beiden Phasen im Lebenszyklus einer Kunden-              vollständig zu eliminieren. Bei Amazon z.B. besteht die
beziehung müssen künftig gemeinsam betrachtet und              Startseite schon heute zu etwa zwei Dritteln aus maß-
gemanagt werden.                                               geschneiderten Inhalten und bei Facebook sieht kein
    Deutlicher abgrenzen lässt sich Phase drei, die Be-        Newsfeed aus wie der andere. Von "Brick and Mortar
endigung einer Geschäftsbeziehung. Hier bieten Social          Stores" werden diese Möglichkeiten der Individualisie-
Media die wohl größten Chancen zur Beeinflussung               rung bislang nur unzureichend genutzt.
des Kundenverhaltens. Denn für eine bevorstehende                   Doch mit einer differenzierten Kundenkommuni-
kundenseitige Vertragskündigung liefern Netzdaten              kation und einem intelligenten Management von
klare Anhaltspunkte – mit der Möglichkeit, bei ersten          Kundenbeziehungen ist es nicht getan. C Damit
Anzeichen gezielte Gegenmaßnahmen einzuleiten und              ­Social CRM in der Praxis funktioniert, bedarf es weite-
die Wechselraten signifikant zu verringern. Im Falle ei-       rer Voraussetzungen:
ner unternehmensseitigen Beendigung des Geschäfts-                  Big Data Management. Social Media generie-
verhältnisses wiederum ist es ratsam, sorgfältig abzu-         ren Unmengen an Daten über Kunden. Wer aus diesem
wägen: Um negative Mundpropaganda zu verhindern,               – größtenteils unstrukturierten – Rohmaterial echte
kann es trotz mangelnder Profitabilität sinnvoll sein,         Customer Insights herauslesen kann, verschafft sich
einflussreichen und reichweitenstarken Kunden nicht            die Möglichkeit, seine Entscheidungen auf Basis von
zu kündigen.                                                   Evidenz statt Intuition zu treffen. Denn die Zeit des
    Auf Basis dieser beiden Dimensionen – Grad des             Bauchgefühls ist im Marketing unwiderruflich vorbei!
Kundenengagements und Lebenszyklen von Kunden-                      Empowering Culture. Mitarbeiter müssen
beziehungen – lässt sich eine Social-CRM-Strategie             Social Media leben und atmen. Unternehmen brauchen
definieren, die den Customer Lifetime Value (CLV)              einerseits Analysespezialisten mit entsprechenden
großflächig erhöht. Mehr noch: Nicht nur der CLV lässt         Skills, um Daten methodisch zu durchdringen, zu inter-
sich optimieren – zugleich wirken sich Social Media po-        pretieren und geschäftlich nutzen zu können. Und sie
sitiv auf Kennzahlen wie Customer Influence Value              brauchen andererseits qualifizierte und bevollmächtig-
(CIV) aus. Durch Netzwerkeffekte schaffen sie Wert             te Mitarbeiter im Kundenkontakt, die innerhalb definier-
weit über die einzelne Kundenbeziehung hinaus – und            ter Leitplanken (Codes of Conduct) große Freiräume
werden somit "A Gift that Keeps on Giving".                    nutzen können, um ein Kundenproblem zu lösen.
    Zwar hat eine solche Strategie auch Grenzen: All-               Leadership. Social Media müssen das gesamte
zu aufdringliche Formen von personalisierter Wer-              Unternehmen durchdringen. Jeder Mitarbeiter mit Kun-
bung oder Empfehlungsmarketing werden als mani-                denkontakt muss befähigt sein, sie zu nutzen. Idealer-
pulativ wahrgenommen. Zugleich haben es Unter-                 weise geht das Topmanagement mit gutem Beispiel
nehmen aber selbst in der Hand, durch "Engaging                voran. Denn wer sich selbst einbringt und Social Media
Content" für den Kunden einen Mehrwert zu schaffen,            als Führungsinstrument nutzt, hat stärkeren Einfluss
der sich von den Massenmailings und Werbesendun-               und ist ein effektiverer Leader. Einer aktuellen Studie
gen klassischer Outbound-Strategien abhebt und                 zufolge bestätigen 70% aller Mitarbeiter diesen 3
so verhindert, mit den eigenen Botschaften im Spam-            Zusammenhang.

12                                          Roland Berger Strategy Consultants
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                                                      social media

     Ergebnismessung. Manche Skeptiker über-
tragen das sogenannte Produktivitätsparadoxon der IT            "Wie Menschen
sinngemäß auf das Web 2.0: "We see social media
everywhere except in ROI statistics." Doch besteht zu
                                                                eine Kampagne oder
solcher Kritik kaum Anlass, wie wir in Abschnitt 9
­sehen werden: Längst gibt es für das Social Media
                                                                einen Tweet verstehen
 Measurement anerkannte Kennzahlen.
     Unternehmen, die sich an diesen Best Practices
                                                                oder aufnehmen,
 orientieren, müssen sich um ihr Social-Media-Mar-
keting nicht sorgen: Bald werden sich die positiven
                                                                lässt sich trotz aller
Effekte in ihrer Bilanz zeigen. Selbst Krisen können sie        Umsicht nicht immer
zu ihrem Vorteil nutzen, z.B. um Customer Insights zu
 generieren, Produkte zu verbessern oder neue Ge-               vorhersagen. Dieses
 schäftsmodelle zu entdecken. Und auf diese Weise mit
 ihren Kunden in einen engen und dauerhaften Dialog             Risiko muss man
 zu treten.
                                                                kennen, bedenken
5. Social Media beeinflussen das
Kaufverhalten – direkt und, stärker
                                                                und akzeptieren.
noch, indirekt.                                                 Und im Falle des
Wie schon das Web 1.0 haben Social Media – aller-
dings im Zeitraffer – einen Reifeprozess durchlaufen, an
                                                                Misserfolgs daraus
dessen Anfang eine Phase des Experimentierens stand,            lernen."
geprägt von einer "Culture of Giving". Ihr folgte eine Art      Michael Weinreich, Vorstandsmitglied
Goldrausch mit überzogenen Kommerzialisierungser-               Arvato, Bertelsmann Group
wartungen. Als diese zerplatzten, setzte sich in Phase
drei eine realistische Einschätzung der Chancen des
Mediums durch. An diesem Punkt stehen wir heute.
    Bei der Frage, wie sich Social Media zur Ankurbe-
lung des Verkaufs nutzen lassen, ist unter Marketers
spürbare Ernüchterung eingetreten. Untersuchungen
in den USA zeigen, dass beispielsweise die Zahl der
Social-Media-induzierten Online-Verkäufe am Black
Friday bislang nicht über die 1%-Schwelle hinauskam.
Und auch die Hoffnung von Facebook, auf Basis des
Surfverhaltens seiner Nutzer außerhalb der eigenen
Domain treffgenaue Anzeigen neben dem Newsfeed zu
schalten, hat sich nicht erfüllt. Das Unternehmen
"F-Commerce" darf insofern als gescheitert gelten, als
viele Einzelhändler wie Nordstrom oder GAP ihre Face-
book-Shops wieder geschlossen haben. Nicht zuletzt,
weil sich gezeigt hat, dass E-Mail-Marketing bei der

                                             Roland Berger Strategy Consultants                    13
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                                                                   social media

Conversion Rate um den Faktor drei besser abschnei-                        enced by, an individual's social network in compu-
det als Social Media.                                                      ter-mediated social environments". Was bedeutet das?
    Viel Lärm also um nichts? Nicht ganz. Denn der                         Erhöht es die Kaufwahrscheinlichkeit, wenn ein Konsu-
indirekte Einfluss von Social Media auf das Kaufver-                       ment auf Facebook eine Marke liked? Gibt es mögli-
halten ist durchaus signifikant. Soziale Interaktion                       cherweise Langzeiteffekte jenseits simpler Kausalitä-
kann den Verkauf tatsächlich fördern und die Tatsa-                        ten, die in Studien keinen Widerhall finden? Und wel-
che, dass heute 90% aller Kaufentscheidungen in                            ches soziale Medium eignet sich für welchen Zweck?
irgendeiner Weise sozial beeinflusst sind, lassen auf                          Tatsache ist, dass sich Markenwahrnehmung und
ein bislang ungenutztes Potenzial schließen. Zumin-                        Kaufentscheidungen über Social Media und eine ent-
dest, wenn man nicht nur den finalen Geschäftsab-                          sprechende Consumer Influence Metrics beeinflussen
schluss, sondern die gesamte Customer Journey be-                          lassen. Empirische Studien untermauern diesen Be-
trachtet. Weitet man den Blickwinkel, so wird deutlich,                    fund, wenngleich der Zusammenhang je nach Produkt
dass bereits mehr als 6% der deutschen Kunden ihre                         und Stufe im Kaufprozess unterschiedlich stark ausge-
Kaufentscheidungen von Informationen aus sozialen                          prägt scheint. Die wesentlichen Erkenntnisse lauten:
Medien abhängig machen. D Je nach Branche kann                             > Bedarfsweckung (Need Recognition) funktioniert ins-
dieser Einfluss sogar auf fast 10% steigen, z.B. bei                       besondere bei imagebildenden Produkten.
Medienprodukten oder Restaurants.                                          > Die Beeinflussung in der Informations- und Auswahl-
    Social Commerce bezieht sich per definitionem auf                      phase (Pre-Purchase Activities) ist vor allem bei Pro-
"exchange-related activities that occur in, or are influ-                  dukten mit hohem Anschaffungsrisiko wirkungsvoll.

 D
Wie Social Media den Konsumenten beeinflussen
Bedeutung verschiedener Kanäle für die Kaufentscheidung

                                                                      5,0% Öffentliche Werbung
                                   20,2%
                     Mundpropaganda                                  (–)                      18,4%
                                                      (0)                                        Informationen am Verkaufspunkt
                                                                                   (k.A.)

                             5,0%                                                                                    Social Media
           Direktmarketing                (––)
                                                                                                              2,9%    Produktbewertungen
                                                                                            (+)     6,2%
                                                                                                              2,0%   Mundpropaganda
                                            (+)
                            11,6%                                                      (––)                  1,4%
              Persönliche                                                                         5,0%               Werbung
              Verkaufsberatung                                                      (–)
                                                                                                      TV
                                                                             (+)              3,2%
                                                            (++)                                 Radio
                                                                                    6,9%
                                                  18,5%                               Zeitungen & Zeitschriften
                                                   Klassisches Internet

(++) = +10%    (+) = +5%    (0) = ± 2%    (–) = -5%     (––) -10% Veränderung ggü. Vorjahr
Quelle: German Digitalization Consumer Report, repräsentative Umfrage unter dt. Internetnutzern im Dezember 2013 (Vorgängerstudie: Juli 2012)

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                                                      social media

> Die Beeinflussung in der Entscheidungsphase                   "soziale" Komponente eines Kaufs (z.B. bei Geschen-
(Purchase Decision) erscheint bei Produkten mit gro-            ken), desto gewichtiger die Mundpropaganda.
ßem Anschaffungsaufwand vielversprechend.                           After Sales. Nach Abschluss einer Transaktion
> Die Beeinflussung in der Nachverkaufsphase (Post-             bleibt das Word of Mouth von Bedeutung. Jetzt ist die
Purchase Activities) ist vor allem bei starker Produkt-         Zeit, seine Zufriedenheit oder Enttäuschung kund-
identifikation und hoher Erwartungserfüllung möglich.           zutun. Eine positive Kundenerfahrung wird geteilt,
     Klar ist allerdings, dass Kaufprozesse nicht (mehr)        Besitzerstolz zum Ausdruck gebracht, aber umgekehrt
linear verlaufen, sondern in vielen iterativen Schleifen.       auch Ärger und Frustration abgeladen, wenn Produkt
Aus bis zu 30 Stationen besteht heute eine Customer             oder Service die Erwartungen nicht erfüllen. Stark ins
Journey E von der ersten Erwägung bis zum (ggf. wie-            Gewicht fallen diese geteilten Glücksgefühle oder
derholten) Kauf, an jeder einzelnen davon kann die              Unmutsbezeugungen dann, wenn Produkte einen
Conversion unwiderruflich scheitern. Aber an jeder ein-         hohen Identitätswert haben, ihre Käufer also darüber
zelnen davon besteht auch die Chance, den Kunden im             mit Bekannten ins Gespräch kommen oder sogar ihren
eigenen Sinne zu beeinflussen.                                  eigenen Lebensstil definieren.
     Bedarfsweckung. Soziale Signale – was kau-                     Wie diese stufenweise Beeinflussung im Social
fen andere, worüber wird gesprochen, welches Image              Commerce der Zukunft aussehen kann, demonstriert
hat ein Produkt – nehmen im Kaufprozess immer grö-              z.B. About You, ein Online-Modehandel auf Basis sozi-
ßeren Raum ein, gerade in der Bedarfsweckungspha-               aler Technologien, betrieben von der Hamburger Otto
se. Besonders groß ist dieser Einfluss bei Produkten,           Group. Fashionistas können in "ihrer" Boutique aus ei-
die öffentlich konsumiert werden oder eine starke               ner Vielzahl an Apps wählen (bzw. diese selbst erstel-
Außenwirkung haben, z.B. Luxusgütern und Status-                len und Freunde einladen) und bekommen dann Ange-
symbolen. Und besonders stark erscheinen die Chan-              bote, die aufgrund von Präferenzen, Einkaufsverhalten
cen einer Einflussnahme in Netzwerken, die eine hohe            oder Empfehlungen exakt ihrem persönlichen Stil ent-
Bindungsstärke ihrer Mitglieder aufweisen.                      sprechen – bis hin zu Outfit-Vorschlägen für bestimmte
     Information und Auswahl. Die Anschaf-                      Anlässe oder Clubs.
fung teurer Güter ist mit hohen Risiken verbunden, und              Egal in welcher Kaufphase: Besonders groß sind
zwar nicht nur in Bezug auf Leistung und Qualität.              die Möglichkeiten der Einflussnahme, wenn eine starke
Ebenso schwer wiegt das psychologische Risiko eines             soziale Bindung besteht, also eine hohe Tie Strength.
"nicht standesgemäßen" Kaufs oder das finanzielle               Social-Media-Marketing auf Plattformen, über die
Risiko einer Fehlinvestition. Gerade jetzt ist der Kaufin-      enge Freundschaften gepflegt werden, erscheint von
teressent auf unabhängige Informationen angewiesen,             daher erfolgversprechender als kommerzielle Aktivitä-
um diese Risiken zu minimieren. Die größte Wirkung ist          ten in beruflichen Netzwerken. Allerdings um den Preis,
zu erwarten, wenn unabhängige Reviews, Ratings oder             dass Werbung hier als aufdringlich, ja sogar als Haus-
Empfehlungen, auf die er seine Auswahl stützt, aus              friedensbruch wahrgenommen werden kann.
dem engsten Freundeskreis kommen.                                   Denn eines bleibt zentral für einen Verkaufsab-
     Kaufentscheidung. Beim eigentlichen Kauf                   schluss: das Vertrauen des Kunden zu gewinnen und
tritt eine einfache Kosten-Nutzen-Abwägung in den               nachhaltig zu stärken. Allen Versuchen, aus sozialen
Vordergrund: Wie aufwendig ist der Versuch, ein Pro-            Verknüpfungen virtuelle Shopping-Center zu machen,
dukt zu erwerben, im Vergleich zum erhofften Vorteil?           setzt dies natürliche Grenzen. Zu den Gewinnern gehö-
Jetzt kommt es auf besonders vertrauenswürdige und              ren werden dagegen jene Unternehmen, die es schaf-
idealerweise personalisierte Informationen an, die eine         fen, über Social Media eine Kundenbeziehung zu inten-
Entscheidung stützen und den Aufwand reduzieren. Je             sivieren und diese nicht durch penetrante Verkaufs-
höher die Anschaffungskosten und je ausgeprägter die            absichten wieder aufs Spiel zu setzen.

                                             Roland Berger Strategy Consultants                                     15
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                                                    social media

6. Social Media verändern die                                 Klicks sind unverbindlich und von daher nur bedingt
Markenführung grundlegend.                                    ein zur Erfolgsmessung taugliches Kriterium.
                                                                  Was aber macht Social-Media-Marketing letzten
Eine wesentliche Veränderung beim Social-Media-               Endes kommerziell erfolgreich? Wie gelingt es, zu-
Marketing besteht darin, dass die Markenmanager               nächst einmal Aufmerksamkeit zu generieren – und
nicht mehr – oder zumindest nicht mehr in vollem Um-          diese dann möglichst in Kaufabsicht und Kundentreue
fang – Herr des Verfahrens sind. Wie eine Marke wahr-         umzumünzen? Und wie lassen sich Risiken managen
genommen und eine Brand Story weiterentwickelt                und mögliche Negativeffekte vermeiden oder zumin-
wird, darüber entscheiden heute (auch) die User. Ja,          dest eingrenzen? Diesen Fragen wollen wir im Folgen-
sie kreieren immer öfter eigene, sich von der ursprüng-       den nachgehen.
lichen Intention der Markenmanager entfernende                    Was gehört zu einer Brand Story? Um
Brand Stories. Social Media haben – und dieses Ge-            zu funktionieren, braucht jede Geschichte drei Zutaten:
fühl versetzt manchen Traditionalisten in Panik – einen       einen Plot mit handelnden Personen, einen Span-
schleichenden Kontrollverlust in Gang gesetzt. Eine           nungsbogen mit einem (möglichst dramatischen) Wen-
Brand Story gehört nicht mehr (allein) einem Unterneh-        depunkt sowie einen (idealerweise überraschenden)
men. Fans und Kunden werden ein Teil von ihr – auch           Ausgang, der mitfühlen lässt und sich beim Rezipien-
auf die Gefahr hin, dass (intendierte) Markenidentität        ten einbrennt. Ein Narrativ, das diese Anforderungen
und (tatsächliches) Markenimage auseinanderdriften.           erfüllt, kann dazu beitragen, eine Brand Story bewusst
    Diese Nachteile oder zumindest Risiken von                zu machen, ihr Verständnis zu erleichtern und sie mit
Social-Media-Marketing werden durch die Vorteile              Bedeutung zu füllen.
und Chancen mehr als aufgewogen. So lässt sich durch              Wer sind die wichtigen Akteure? Waren
geschickt platzierte, viral verbreitete Werbebotschaf-        Brand Stories in der Vergangenheit in der Regel das
ten in kürzester Zeit ein Millionenpublikum erreichen.        Produkt von Marketingstrategen und bezahlten Krea-
Ein Beispiel ist der Erfolg des "Supergeil"-Videos der        tiven, so entstehen sie im Social-Media-Kontext in
deutschen Supermarktkette Edeka. Der skurrile Elek-           einem co-kreativen Prozess mit vielen Beteiligten,
trobeat-Clip mit dem Berliner Künstler und Musiker            darunter einzelne Konsumenten ebenso wie Kunden-
Friedrich Liechtenstein in der Hauptrolle wurde binnen        gruppen oder Intermediäre. Und gerade solche von
einer Woche weltweit vier Millionen Mal angeklickt und        Externen mitverfassten Brand Stories sind äußerst dy-
fand sogar in US-Fachmedien starke Beachtung. Das             namisch und können sich über Zeit stark verändern.
Beste daran: Diese Art von Markenbotschaft und/oder           Deshalb gilt es, engagierten Akteuren besonders viel
Produktpräsentation ist vergleichsweise günstig, weil         Aufmerksamkeit und Gehör zu schenken.
teure Werbeplätze in Medien "Above-the-Line" entfal-              Welche Mechanismen wirken? Auch die
len. Und sie kann zugleich extrem wirkungsvoll sein,          Gesetzmäßigkeiten, nach denen Brand Stories im So-
weil sie oft authentischer, menschlicher und glaubwür-        cial Web funktionieren, sind bekannt: Als besonders
diger daherkommt als Hochglanzwerbung in Magazi-              wirkungsvoll haben sich jene Kommunikationsstrategi-
nen oder Traumweltdarstellungen in TV- und Kinospots.         en erwiesen, die bewusst polarisieren ("wir gegen die")
    Allerdings, und das macht das Beispiel Edeka auch         und solche, die das Underdog-Image einer Marke kulti-
deutlich, besteht bei viralen Kampagnen im Netz die           vieren ("klein gegen groß"). Zugleich verbreiten sich
latente Gefahr, dass der User zwar die Werbung gut            emotional aufgeladene und positiv besetzte Inhalte
findet, aber nicht unbedingt das beworbene Unterneh-          schneller und weiter als trocken-nüchterne oder nega-
men. Die Gretchenfrage jeglicher Werbung, nämlich ob          tiv-kritische Aussagen. Und nicht zuletzt gilt: Weniger
sie beim Empfänger einen Kaufimpuls auslöst, stellt           ist mehr. Zu offensichtlich gesteuerte und zu eindimen-
sich auch und gerade im Social-Media-Marketing –              sional konstruierte Kampagnen verfehlen ihren Zweck

16                                         Roland Berger Strategy Consultants
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                                       social media

"Die Möglichkeit,                               und wirken auf kritische Rezipienten möglicherweise
                                                sogar abstoßend. Geschichten mit einer starken Pointe

Zielgruppen sehr                                dagegen funktionieren selbst dann, wenn sie nur einen
                                                kurzen und heftigen Moment der Freude auslösen.

genau zu definieren                                 Wie geht man mit Unwägbarkeiten um?
                                                Beim Umgang mit dynamischen Ereignissen aller Art

und anzusprechen,                               und insbesondere bei der Reaktion auf negative Brand
                                                Stories haben sich ebenfalls Best Practices herausge-

macht Werbung                                   schält: Geht es darum, einen Sachverhalt abzustreiten,
                                                eignet sich dafür am besten eine analytische Form der

auf Social-Media-                               Darstellung. Geht es dagegen darum, eine andere
                                                Sicht der Dinge darzulegen, erscheint ein Narrativ als

Plattformen effizien-                           das geeignetere Format. In jedem Fall bedarf es dazu
                                                "Highly Empowered and Resourceful Operatives"

ter als klassische                              (HEROes). Aufgabe dieser besonders geeigneten und
                                                speziell geschulten Mitarbeiter ist es, bei Social-Me-

Werbeformen ohne                                dia-Krisen den Vorfall einzuschätzen (Assessment),
                                                das Problem anzuerkennen (Acknowledgement), eine

vergleichbares                                  angemessene Antwort zu formulieren und ggf. eine
                                                Kompensation anzubieten (Response) sowie diese

Targeting."                                     Entscheidung dann auch operativ umzusetzen (Imple-
                                                mentation). Oft können Unternehmen durch eine
Dr. Lars Finger, Direktor E-Commerce,           schnelle und unbürokratische Reaktion auf ein Nega-
Otto Group                                      tivereignis sogar an Profil gewinnen. Drei Faktoren er-
                                                scheinen hier als besonders wichtig:
                                                > Kunden zuzuhören und auf ihre Bedürfnisse einzu-
                                                gehen.
                                                > Durch tiefes Verständnis des Umfelds eine Resonanz
                                                in der Zielgruppe zu finden.
                                                > Markenartefakte, soziale Rituale und kulturelle
                                                Ikonen zu schaffen, um auf diese Weise Kunden im
                                                Namen der Marke agieren zu lassen.
                                                    In Bezug auf ihre Dynamik ähneln Social Media
                                                einem Flipperspiel, bei dem Unternehmen zwar Bälle in
                                                Form von Markenbotschaften abschießen, aber nicht
                                                die Richtung der Rebounds bestimmen oder gar den
                                                weiteren Spielverlauf vorhersehen können. Dennoch
                                                lohnt es sich, allgemeine Gesetzmäßigkeiten zu ken-
                                                nen, jederzeit wachsam zu bleiben und auf mögliche
                                                Reaktionen vorbereitet zu sein.
                                                    Tatsache ist, dass Social Media das Marken-
                                                management nachhaltig verändern. Die Stärken der
                                                Netzwerke – Offenheit, Allgegenwart und Reichweite –

                              Roland Berger Strategy Consultants                                    17
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                                                    E

              der Konsument
         im Social-Media-Zeitalter
                         Beispiel für eine digital unterstützte
                                Retail Customer Journey

     Daheim – vor dem Einkauf

       Benachrichtigung
                               1          Gewinnspiel auf
                                                                         2     Registration auf
                                                                                                   3
          per E-Mail                        Facebook                           Händler-Website

     produktauswahl im laden

      Individuelle
                              11                                         10
                                        Aushändigung                          Einladung zum
      Beratung gemäß                    Couponheft                            VIP-Shopping
      Kundenhistorie

        12
                                    verlassen des geschäfts

      Einlösung des           13        Dankes-E-Mail und
                                                                         14   Digitaler Coupon    15
      Rabattgutscheins                                                        für nächsten
                                        Punktegutschrift
      via QR-Code                                                             Einkauf

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                                                       social media

    Besser shoppen
    Digitale Medien ermöglichen neue Formen der Interaktion zwischen Kunde und Unternehmen – zum beider-
    seitigen Vorteil. Während der Kunde passgenaue Angebote erhält, erfährt der Anbieter wertvolle Details über
    Präferenzen und Kaufgewohnheiten seiner Klientel. Um den Datenschatz heben zu können, ist allerdings ein
    integriertes Management aller Kanäle und Kontaktpunkte erforderlich.

       Weg zum Shop                                                                     Türschwelle des
                                                                                        Shops

                 Angebot              4              Download einer                5      Push-Nachricht
              von Loyalitäts-                                                             bei Betreten des
                                                     Shopping-App
                 punkten                                                                  Ladens

                                                                                                     6
       Stöbern im Shop

9           Bestellung einer
                                       8           Information über
                                                                                   7      Navigation durch
            Erfrischung                            spezielle Angebote                     Shop mit App

                                               daheim – nach dem einkauf

            Cross-Selling-           16             Print-Magazin des              17        Surfen auf
            Angebote aus                                 Händlers                          Händler-Website
            Partnergeschäften

                                              Roland Berger Strategy Consultants                                  19
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                                                     social media

machen es für Marketers günstiger und einfacher,               tern – bis hin zu den verbreiteten Fällen versteckter
Konsumenten zu mobilisieren. Doch diese Stärken                Obstruktion und innerer Kündigung – wenn nicht zu
wirken potenziell in zwei Richtungen: Social Media             lösen, so doch erheblich zu mindern vermag.
können ebenso Buzz generieren wie "Shitstorms"                     Unternehmensweite Koll abor ation.
entfachen. Den größten Nutzen ziehen jene Unter-               Social Media revolutionieren schon heute zahlreiche
nehmen, die es schaffen, ihre Marken als nahbar,               Geschäftsprozesse. Dank benutzerfreundlicher
menschlich und authentisch darzustellen ("A Brand              Web-2.0-Technologien können Mitarbeiter unterneh-
like a Friend"). Und die bereit sind, von einer übermä-        mensweit miteinander in Kontakt treten, Informationen
ßig gesteuerten Imagewerbung abzusehen und sich                teilen und bewerten, Dokumente austauschen und ar-
gegenüber Inhalten zu öffnen, die von Nutzern (co-)            chivieren, ihr Wissen erweitern und auffrischen, sich
kreiert und weiterverbreitet werden. Die Zukunft im            gegenseitig informell unterstützen und gemeinsam In-
Social Web gehört jenen, die sich partizipativ, kollabo-       halte entwickeln. Dadurch werden Wissensarbeiter
rativ und teilungsbereit zeigen.                               verschiedenen Untersuchungen zufolge um bis zu 25%
                                                               produktiver. F Und sie haben die Chance – nahezu
7. Social Media revolutionieren die                            ohne Transaktionskosten und limitierende Faktoren
Zusammenarbeit im Unternehmen.                                 wie Hierarchien oder Dienstwege – auf einen stetig
                                                               wachsenden und vollständig dokumentierten Wissen-
Nutzen und Anwendbarkeit von Social Media werden,              spool zuzugreifen, zu dem alle Einheiten und Regionen
in Forschung wie Praxis, bislang vor allem im Marketing        eines globalen Unternehmens beitragen.
gesehen. Welche Chancen sich insbesondere in den                   Crossfunktionaler WissensauStausch.
Dimensionen Kundeninteraktion, Kundenwert und                  Noch wichtiger aber als die mögliche Produktivitäts-
Markenführung eröffnen, haben die vorhergehenden               steigerung erscheint die qualitative Veränderung: Mit-
Abschnitte gezeigt. Doch ein mindestens ebenso gro-            arbeiter arbeiten in gemischten Teams ohne funktiona-
ßes Wertschöpfungspotenzial liegt im innengerichte-            le Barrieren; und sie verlieren sich nicht mehr in
ten Einsatz von Social Media mit den Anwendungsfäl-            kleinteiligen Prozessen, sondern verstehen Zusam-
len unternehmensweite Kollaboration, crossfunktio-             menhänge. Social Media können somit dazu beitragen,
naler Wissensaustausch, interdisziplinäres Innovati-           eines der größten Probleme der Organisationsentwick-
onsmanagement, präadaptive Agilitätssteigerung                 lung zu lösen: die Überwindung der Silostruktur. Akteu-
sowie aktivierendes Veränderungsmanagement.                    re denken häufig in Organigrammen und Besitzstän-
    Bei dieser Anwendung nach innen geht es, um                den statt im Sinne des Gesamtunternehmens. Weil
einem weit verbreiteten Vorurteil entgegenzuwirken,            sich jeder selbst der Nächste ist, gehen Geschäfts-
keineswegs um ein "Facebook for Business". Ganz im             und Innovationschancen verloren. Mit sozialen Techno-
Gegenteil: Der Wert von internen Social Media liegt we-        logien dagegen wird das große Ganze sichtbar – was
der in der Unterhaltung von Mitarbeitern noch im per-          nicht nur den abteilungsübergreifenden Wissensaus-
sönlichen Austausch als Selbstzweck. Nein, es geht             tausch intensiviert, sondern auch die Chance erhöht,
ganz konkret um die Senkung von Transaktionskosten             dass alle Beteiligten ihre Gruppenegoismen hintenan-
und die Verbesserung von Innovationsprozessen, um              stellen und an einem Strang ziehen. "Not invented
die Schaffung neuer Synapsen zwischen den Wissens-             here" war gestern – es zählt nur noch der Beitrag zum
trägern und die Anpassungsfähigkeit an ein sich verän-         gemeinsamen Erfolg.
derndes Geschäftsumfeld. Und nicht zuletzt mobilisie-              Interdisziplinäre Innovation. Neues ent-
ren Social Media auf organisationaler Ebene ein                steht heute vor allem an Schnittstellen: Dort, wo Ideen
Aktivierungspotenzial, das die Probleme der Entfrem-           und Experten unterschiedlicher Wissensbereiche zu-
dung und des mangelnden Engagements von Mitarbei-              sammentreffen, wo Kenntnisse und Erfahrungen in

20                                          Roland Berger Strategy Consultants
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