Alfons Brüning "Einfach orthodox?"

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Alfons Brüning              

          „Einfach orthodox?“
          Ukraine: die Gläubigen und die Gesellschaft
          Das Verhältnis der drei orthodoxen Kirchen in der Ukraine war bislang
          von einer eigentümlichen Mischung aus Rivalität und Toleranz, Polemik
          und Dialog geprägt. Vielen Gläubigen war ihre kirchliche Zugehörigkeit
          egal. Sie bezeichneten sich als „einfach orthodox“. Das ist vorbei. Der
          Streit zwischen den Patriarchaten Moskau und Konstantinopel um eine
          autokephale Ukrainische Orthodoxe Kirche polarisiert und zwingt Bischöfe,
          Priester, Gemeinden und Gläubige, sich für eine Position zu entschei-
          den. Das Konfliktpotential ist beträchtlich, doch eine Eskalation nicht
          zwangsläufig. Solange die Religionsfreiheit in der Ukraine garantiert ist,
          sind Entscheidungsfreiheit und die Koexistenz zweier orthodoxer Kirchen
          möglich.

Plötzlich ist alles anders. Religion und Kirche in der Ukraine waren lange Zeit nach-
geordnet. Im Vordergrund standen die gesellschaftlichen Konflikte und die politi-
schen Konstellationen. Erst dann wurde nach der Rolle der Religionen gefragt. Als
entscheidend galt die internationale Politik: die Beziehungen zwischen Russland und
der Ukraine, der EU und den USA. Nun ist es umgekehrt. Seit die Heilige Synode des
Ökumenischen Patriarchats am 10. Oktober 2018 den beiden ukrainischen Orthodoxen
Kirchen, der Ukrainischen Orthodoxen Kirche, Patriarchat Kiew (UOK-KP) und der
Ukrainischen Autokephalen Orthodoxen Kirche (UAOK) die kanonische Anerkennung
zuteilwerden ließ und damit nach der Entsendung zweier Exarchen eine weitere Wei-
chenstellung in Richtung auf eine autokephale Ukrainische Orthodoxe Kirche vor-
nahm, schaut die Welt auf die Kirche und erst dann auf die Politik.1 Die Reaktion der
Russischen Orthodoxen Kirche auf die Entscheidung aus Konstantinopel fiel heftig
aus. Sie hat die eucharistische Gemeinschaft mit Konstantinopel aufgekündigt und
damit dem Patriarchat von Konstantinopel eine Art Kalten Krieg erklärt.2
Der Bruch der eucharistischen Gemeinschaft bedeutet, dass es Angehörigen der Kirchen
nun verboten ist, an der Liturgie oder einem gemeinsamen Gebet auf der jeweils an-
———
 Alfons Brüning (1967), Dr. phil., Historiker und Slavist, Instituut voor Oosters
  Christendom, Nijmegen, Prof. für Orthodoxie und Friedensstudien an der Protestantischen
  Theologischen Universität, Amsterdam
  Von Alfons Brüning erschien in OSTEUROPA: Katastrophe und Epochenwende. Der Erste Welt-
  krieg und die Russische Orthodoxe Kirche, in: OE, 2–4/2014, S. 263–278. –
  Spannungsverhältnis „Orthodoxe Werte“ und Menschenrechte in: Glaubenssache. Kirche und
  Politik im Osten Europas, in: OE, 6/2009, S. 63–78.
1
  Communiqué des Ökumenischen Patriarchats, .
2
  Die entsprechende Verlautbarung der Synode auf der Seite des Moskauer Patriarchats:
  .
OSTEUROPA, 68. Jg., 8–9/2018, S. 119–138
120                                     Alfons Brüning

deren Seite teilzunehmen. Das Moskauer Patriarchat hat die eine christlich-orthodoxe
Kirche für gespalten erklärt. Nach der Moskauer Logik hat sich Konstantinopel durch
die kanonische Anerkennung der beiden in der Ukraine bis dato als schismatisch, also
nicht Teil der Gesamtkirche betrachteten Ukrainischen Orthodoxen Kirche des Kiewer
Patriarchats und der Ukrainischen Autokephalen Orthodoxen Kirche selbst ins Ab-
seits gestellt.3 Der Riss betrifft nicht allein die Kirchen in der Ukraine. Welche Folgen
hat das für die Weltorthodoxie? Welche Gewinne und Verluste ziehen die Präsidenten
Russlands und der Ukraine, Vladimir Putin und Petro Porošenko, die EU und die
USA aus dieser neuen kirchenpolitischen Konstellation?
Die Auswirkungen des Konflikts werden nicht auf die Ukraine beschränkt bleiben,
und der Konflikt wird kaum rein innerkirchlich gelöst werden. 4 Das ändert nichts
daran, dass es sich in erster Instanz um einen innerkirchlichen Konflikt handelt, der
allerdings politisch instrumentalisierbar ist.
Die wichtigen Weichenstellungen werden die drei Orthodoxen Kirchen in der Ukraine
vornehmen. Die Hierarchen – und die Gläubigen! – werden entscheiden, wie die Bil-
dung einer ukrainischen Orthodoxen Kirchenstruktur vorangeht. Die beiden von Kon-
stantinopel im September 2018 in die Ukraine entsandten Exarchen (eine Art Gene-
ralbevollmächtigte des Patriarchats) haben ausdrücklich die Aufgabe, das Zusammen-
treten einer Synode und die Bildung einer unabhängigen Ukrainischen Orthodoxen
Kirche zu koordinieren.5

Stimmungsbilder
Die neue Situation erfordert eine klare Position. Das gilt für die Weltorthodoxie, da
die verschiedenen Patriarchate und autokephalen Kirchen sich nun entweder auf Seiten
Moskaus oder Konstantinopels positionieren müssen. Der Druck ist auch dort zu
spüren, wo etwa die Georgische Orthodoxe Kirche oder die Rumänische Orthodoxe
Kirche lavieren und zu einer einvernehmlichen Lösung aufrufen.6 Das gilt auf mittlerer
Ebene, bei den Bischöfen der orthodoxen Kirchen, die zunächst vor der Entscheidung
stehen, die angekündigte Vereinigungssynode aufzusuchen oder ihr fernzubleiben.
Das gilt ebenso auf unterer Ebene, in den etwa zwanzigtausend Gemeinden der drei
großen orthodoxen Kirchen (ohne die ebenfalls nach östlichem Ritus zelebrierende
Unierte Kirche) in der Ukraine, von denen jede vor der Entscheidung steht, in Sachen
jurisdiktioneller Zugehörigkeit und Loyalität Position zu beziehen. Selbst wenn die
Bildung einer solchen unabhängigen und schließlich von Konstantinopel in die Auto-
kephalie entlassenen Ukrainischen Orthodoxen Kirche erfolgreich verlaufen sollte,
dürften auf Dauer zwei orthodoxe Kirchen auf dem Gebiet der Ukraine existieren. Die
———
3
  Mitropolit Ilarion: Tot fakt, čto Konstantinopol’skij patriarchat priznal raskol’nič’i struktury
  dlja nas osnačaet čto sam on teperʼ nachoditsja v raskole, . – Zajavlenie svjaščennogo Sinoda Russkoj Pravoslavnoj Cerkvi v svjazi s
  posjagatel’stvom Konstantinopol’skogo Patriarchata na kanoničeskuju territoriju Russkoj
  Cerkvi .
4
  So auch die Einschätzung des Leiters des ökumenischen Instituts G2W Stefan Kube,
  .
5
  Zum Procedere: Exarchen aus Konstantinopel konferierten mit Poroschenko. Pro Oriente,
  .
6
  .
„Einfach orthodox?“                                 121

eine dürfte loyal zum Moskauer Patriarchat bleiben, während die andere sich als unab-
hängige ukrainische Nationalkirche sehen wird, die ideell enge Verbindungen zum
Patriarchat von Konstantinopel unterhalten dürfte. Seit die Synode der Russisch-
Orthodoxen Kirche die eucharistische Gemeinschaft mit Konstantinopel aufkündigte,
bedeutet das, dass jede Seite die Gegenseite als illegitim betrachtet und sie sich wech-
selseitig als nicht in der (in orthodoxem Verständnis entscheidenden) apostolischen
Tradition stehend betrachten. Etwas zugespitzt und in streng kirchlicher Logik formu-
liert heißt das: Wer als Gläubiger die Liturgie auf der „falschen“ Seite besucht, erfährt
nicht die „wahren“ Sakramente und könnte ebenso gut ins Kino gehen.
Diese Zuspitzung mag übertrieben klingen, hat aber ihre psychologische Komponente.
Gewiss wird sich längst nicht jeder mit dieser auch für orthodoxe Gläubige grob ver-
einfachenden Perspektive abfinden. Höhere Hierarchen, aber auch Mönche und Klöster
stehen vor einem Entweder-Oder. Dieser Dualismus mit dem Zwang zur Entscheidung
ist das eigentlich Neue. Möglichkeiten zu lavieren und abzuwarten werden Bischöfe,
kirchliche Amtsträger oder Mönche kaum haben, allenfalls die Gläubigen können
abwandern oder fernbleiben. Doch auch jede Gemeinde muss langfristig klären, wohin
sie gehören will. Entweder wird die Gemeinde dem Priester folgen oder der Gemeinde-
rat beschließt einen Jurisdiktionswechsel, und der bisherige Priester wird abberufen.
Diese administrative und ideologische Polarisierung birgt Konfliktpotential. Natürlich
mussten die Anhänger oder Mitglieder einer der „unkanonischen“ UOK-KP oder
UAOK auch bisher mit dem „Risiko“ leben, einer eigentlich nicht legitimen Kirche
anzugehören und sie aufzusuchen. Nur konnten sie den diffizilen Komplex der „Kano-
nizität“ ignorieren, sich teils bei einem Priester oder in einer Gemeinde gut aufgehoben
fühlen, teils mal Gottesdienste der anderen Kirche besuchen oder Trauungen und
Taufen mal hier, mal dort vornehmen lassen. Ein derartiger Pragmatismus dürfte
künftig für einfache Gläubige schwieriger werden, wenn die Patriarchate sich wechsel-
seitig die Legitimität absprechen.
Bisher war das Verhältnis der Orthodoxen Kirchen in der Ukraine eine Mischung aus
rivalisierendem Nebeneinander mit öffentlicher Polemik und Kompromissbereit-
schaft, pragmatischer Inkonsequenz, Toleranz und gedeihlichem Miteinander. Bischöfe
verschiedener Jurisdiktion mochten sich öffentlich als Sünder und Schismatiker be-
zeichnen, fanden im nichtöffentlichen Raum aber regelmäßig den Weg zum persönli-
chen Gespräch. Konferenzen zu gesellschaftlichen oder kirchengeschichtlichen Fragen
wurden von Angehörigen verschiedener Denominationen besucht. Daneben existierten
regelmäßige Foren der Begegnung. Ein gutes Beispiel ist der seit Mitte der 1990er
Jahre bestehende All-Ukrainische Rat der Kirchen und religiösen Organisationen,
zunächst ein staatliches Organ, das sich zu einem selbständigen Forum entwickelte.
Dieses Gremium brachte regelmäßig Vertreter aller Religionen, darunter auch der
christlichen Kirchen, zusammen. Ein ökumenischer Rat ist es zwar nicht, denn Theo-
logie wurde dort nicht betrieben. Aber die Teilnehmer versuchten, im gemeinsamen
Interesse gesellschaftliche und politische Entwicklungen zu besprechen. 7 Zugleich
———
7
  Andrii Krawchuk: Constructing Interreligious Consensus in the Post-Soviet Space. The
  Ukrainian Council of Churches and Religious Organisations, in: Andrii Krawchuk, Thomas
  Bremer (Hg.): Eastern Orthodox Encounters of Identity and Otherness. Values, Self-
  Reflection, Dialogue. London 2014, S. 273–303. – Auch nach der Majdan-Revolution gab es
  etliche gemeinsame Statements, so zur Religionsfreiheit, zum Religionsunterricht in den
  Schulen, zu Organtransplantation. Zum aktuellen Kirchenkonflikt hat sich der Rat bisher
  nicht geäußert. .
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aber haben verschiedene Kirchenvertreter sowohl der Ukrainischen Orthodoxen Kirche
Kiewer Patriarchat und der Ukrainischen Autokephalen Orthodoxen Kirche als auch
der Ukrainischen Orthodoxen Kirche Moskauer Patriarchat immer wieder kirchliche
Zugehörigkeit als eine patriotische Angelegenheit verstanden.8
Viele entzogen sich dieser Zuordnung. Bei den Gläubigen war die Zahl jener, die sich
als „einfach orthodox“ verstand, groß, wenn nicht größer als die jener, die sich einer
Kirche zuordneten. Allerdings hatte die Zahl der Unentschiedenen abgenommen.
Noch im Jahr 2000 gaben bei Umfragen unter jenen, die erklärten, sie seien orthodox,
fast zwei Drittel an, sie seien „einfach orthodox“, nur jeweils etwa ein Sechstel sagten,
sie gehörten der Kirche des Moskauer oder des Kiewer Patriarchats an. Im Jahr 2010
hatte sich dies deutlich geändert, der Anteil der Orthodoxen ohne Bindung an eine der
beiden Kirchen war auf ein gutes Drittel gesunken. Die Kirche des Moskauer Patriar-
chats hatte prozentual nun deutlich mehr Anhänger. Doch in den folgenden Jahren
sank der Anteil der Menschen, die sich dieser Kirche zugehörig fühlen, während der
Anteil jener, die sich zur Kirche des Kiewer Patriarchats bekennen, deutlich stieg. Bei
Umfragen im Jahr 2018 erklärte knapp die Hälfte der Befragten, die sich als orthodox
bezeichnet hatte, sie gehörten zur Kirche des Kiewer Patriarchats. Doch immer noch
ein Drittel gab an, „einfach orthodox“ zu sein.9
Diese Menschen entschieden sich für eine Kirche in ihrer Stadt, weil die persönlichen
Qualitäten des Priesters ihnen zusagten und nicht, weil die Gemeinde der Jurisdiktion
der einen oder anderen Kirche unterstand. Einige wechselten zwischen den Kirchen
und pflegten mit Angehörigen anderer Konfession ein tolerantes Miteinander.10
Doch bereits die Majdan-Revolution und Russlands Aggression auf der Krim und im
Donbass beschleunigten einen langfristigen Trend. Die Zahl jener, die sich „einfach
orthodox“ nannte, wird kleiner. Mehr Menschen bekennen sich zu einer der beiden
„patriotischen“ Orthodoxen Kirchen. Zur Ukrainischen Orthodoxen Kirche des Mos-
kauer Patriarchats (UOK-MP) bekannten sich in den Umfragen seit 2010 immer weniger
Menschen. Sie ist nach der Zahl der Gemeinden (ca. 12 000) die größte orthodoxe
Kirche im Land – auch wenn man die besetzten Gebiete in der Ostukraine und die
Krim nicht mitrechnet. Diese Zahlen sagen freilich wenig über die Größe der Ge-
meinden und die Zahl ihrer Mitglieder aus. Es muss einstweilen offen bleiben, ob
unter diesen Gemeinden ein großer Teil nur auf dem Papier existiert, wie es der Sprecher
des Kiewer Patriarchats, Bischof Evstratij (Zorja), behauptet.11
Zudem sind unter den nach wie vor 67,3 Prozent der Bevölkerung, die sich als „orthodox“
bezeichnen, nicht nur regelmäßige Kirchgänger. Die Ukraine gibt in dieser Hinsicht
ein ähnliches Bild ab wie Russland: Offiziell sind viele orthodox, aber nur wenige prak-
tizieren aktiv ihren Glauben. Selbst jüngste Umfragen belegen, dass ein hohes Maß an
———
8
   Viktor Yelensky: Religiosity in Ukraine according to Sociological Surveys, in: Religion,
   State & Society, 38/2010, S. 213–227, hier S. 217f.
9
   Osoblivosti relihijnoho i cerkovno-relihijnoho samovyznačenija ukraïnskich hromadjan:
   tendenciï 2010–2018rr., Razumkov-Zentrum, , S. 16f.
10
   Yelensky, Religiosity in Ukraine [Fn. 8]. – Alfons Brüning: „Project Ukraine“ under threat.
   Christian Churches in Ukraine and their Relations 1991–2015, in: Journal of Eastern Chris-
   tian Studies, 1–2/2015, S. 103–142.
11
   .
„Einfach orthodox?“                                     123

religiöser Toleranz verbreitet ist. Viele sind der Meinung, dass zur Religion keines-
wegs unbedingt eine eindeutige institutionelle Anbindung gehören muss.12 Das hatte
auch seine praktische Seite. Der Majdan sah auf der Seite der Protestierenden ein
weiteres Aufblühen der „ökumenischen“ und interreligiösen Zusammenarbeit, zu der
man in den Jahren zuvor in weiten Teilen der ukrainischen religiösen Gemeinschaften
gefunden hatte.13
Idyllisch ist das Bild freilich nicht, denn manche der auf dem Platz der Unabhängig-
keit aktiven Geistlichen standen schnell ihren Kollegen aus derselben religiösen Ge-
meinschaft gegenüber, die über deren Engagement an der Seite des Protestes ganz
anders dachten. Risse verliefen durch die Religionsgemeinschaften, nicht zwischen
ihnen. Das gilt auch für die Orthodoxen des Moskauer Patriarchats. Patriarch Kyrills
Erklärung trifft zu, dass auf beiden Seiten der Barrikaden Geistliche der UOK des
Moskauer Patriarchats gestanden hätten.14 Auch der Metropolit der UOK-MP Onufrij
(Berezovskij) macht sich diese Sichtweise zu eigen. Allerdings ist das kein Hinweis
auf eine Überparteilichkeit dieser Kirche, sondern auf ihre innere Zerrissenheit. Be-
reits in den 2000er Jahren gab es Priester der UOK-MP, die erwogen, das Patriarchat
zu wechseln. Sporadische Forderungen nach einer Überwindung der Kirchenspaltung
waren stets mit dem Zusatz versehen, dass dies allein auf kanonischem Wege zu ge-
schehen habe. 15 Heute ist die Fraktion der Geistlichen in der UOK-MP, die dafür
plädiert, dass ihre Kirche sich vom Moskauer Patriarchat lösen und mit den anderen
orthodoxen Kirchen in der Ukraine eine gemeinsame Kirche bilden solle, deutlich
größer und stärker wahrnehmbar.16
Die Anerkennung der Geistlichen der UOK-KP und der UAOK durch Konstantinopel
hat es ihnen nun gerade ermöglicht, einen Übertritt in eine dann womöglich bereits als
autokephal anerkannte Kirche als kanonische Lösung zu betrachten – auch wenn das
Moskauer Patriarchat dies anders sieht.17
Allgemein ist das Klima zwischen den orthodoxen Denominationen seit dem Majdan
rauer geworden, doch hat es kaum ein kritisches Niveau überschritten. Zwar sind
öffentliche Auseinandersetzungen in den Medien häufiger geworden und haben an
Schärfe zugenommen, doch es kam nicht zu gewalttätigen Auseinandersetzungen
größeren Umfangs. Mäßigende Stimmen fanden Gehör. 2016 und 2017 gab es einige
———
12
   Relihija i cerkva v ukrajins’komu suspil’stvi: Sociolohične doslidžennja, in: Osoblyvosti
   relihijnoho i cerkovno-relihijnoho samovyznačennja [Fn. 9], S. 311.
13
   Näheres bei Brüning, „Project Ukraine“ [Fn. 10], S. 129–130.
14
   Kirills Botschaft an Metropolit Onufrij und die orthodoxen Gläubigen der Ukraine, 2.3.2014,
   .
15
   Katja Richters: The Post-Soviet Russian Orthodox Church. Politics, Culture and Greater Russia.
   London/New York 2013, S. 107–122. – Brüning, „Project Ukraine“ [Fn. 10], S. 115.
16
   Zwei Bischöfe haben öffentlich ihre Bereitschaft erklärt, an der die Autokephalie vorberei-
   tenden Synode teilnehmen zu wollen: Metropolit Sofronij (Dmitryk) von Tscherkassy und
   Kanev, , und Metropolit
   Aleksandr (Drabynko) von Pereiaslav-Chmelnyc’kyj, .
   Zum Hintergrund: Andrii Krawchuk: Redefining Orthodox Identity in Ukraine after the Euro-
   maidan, in: Ders., Thomas Bremer (Hg.): Churches in the Ukrainian Crisis. London 2016,
   S. 175–202.
17
   Zur aktuellen Lage Andrej Soldatov: Patriarchaty načinajut bol’šuju vojnu. Novaja Gazeta,
   10.9.2018, . – Krawchuk, Redefining Orthodox Identity [Fn. 16].
124                                     Alfons Brüning

Konflikte um Kirchengebäude, als öffentliche Aufmärsche oder Prozessionen von
Gemeinden der UOK-MP auf Protestierende trafen. Diese Begegnungen endeten
meist glimpflich.18 Für die Vertreter des Moskauer Patriarchats stellt sich die Sache
anders dar. Sie klagen häufig darüber, dass eine friedliebende Kirche und die Ge-
meinden ihrer Gläubigen zunehmend zum Ziel „feindlicher Übernahmen“ durch An-
hänger der konkurrierenden Kirchen werden. Das Moskauer Patriarchat beklagte im
Frühjahr 2018, dass in den vergangenen Jahren etwa 50 Kirchen, deren Priester und
Gemeinde zur UOK-MP gehört hatten, mit Gewalt in Besitz genommen worden seien.
Fortwährend gebe es Angriffe auf Kirchen. Priester würden verfolgt.19
Tatsächlich ist der Anteil derartiger Übertritte gemessen an den über 11 000 Gemein-
den sehr gering, zweitens ist nicht nachzuweisen, dass der Übertritt unter externem
Druck stattfand, drittens ist der offizielle Wechsel einer Gemeinde zu einer anderen
Jurisdiktion das eine, das Verhalten der Gläubigen, die für den Frieden beten und bei
ihrem Bischof bleiben, oder öffentlich ihre Treue bekunden, oder jeder für sich die
Gemeinde wechseln können, etwas anderes. 20 Generell werden Übertritte von Ge-
meinden von den betroffenen Seiten sehr unterschiedlich kommentiert, so dass es ver-
tiefter Recherche bedarf, um die Vorgänge im Einzelnen zu rekonstruieren. Die UOK-
MP spricht fast immer von „feindlicher Übernahme“ gegen den Willen der Priester
und Gläubigen vor Ort, während die UOK-KP die Vorgänge als freiwillige Entschei-
dung der jeweiligen Gemeinde darstellt, welche erst danach Ziel von Aggressionen
geworden sei.
Zur Verschärfung der Situation haben zwei umstrittene Gesetzentwürfe beigetragen,
die in der Verchovna Rada diskutiert wurden. Zum Verständnis dieser Gesetze muss
man wissen, dass sich in der Ukraine nicht die großen Kirchen, sondern jede einzelne
Gemeinde als Religionsgemeinschaft gesetzlich registrieren muss. Eines dieser Gesetze
sollte den Übergang einer religiösen Gemeinschaft (wie etwa einer Gemeinde) von
einer religiösen Jurisdiktion zur anderen erleichtern; das andere sah vor, den Status
einer religiösen Gemeinschaft zu beschränken, die ihrem Namen und dem Sitz ihres
geistlichen Zentrums nach mit einem „Aggressorstaat“ verbunden ist. So sollte die
Berufung höherer Amtsträger von der Bestätigung durch die ukrainische Regierung
abhängig gemacht werden. Das war eine kaum verhüllte Spitze gegen die UOK-MP.21
Die Aufregung hat sich unterdessen gelegt, zumal Präsident Petro Porošenko wissen
ließ, dass er den zweiten Entwurf nicht unterzeichnen werde, da dies eine staatliche
Einmischung in kirchliche Angelegenheiten bedeute.22 Beide Gesetze sind bisher nicht
verabschiedet.

———
18
   Vgl. die Berichte der OSZE-Beobachter-Mission, in: Ukraine-Analysen, 187/2017, S. 10–14.
19
   Za poslednee vremja na Ukraine zachvačeno 50 chramov kanoničeskoj cerkvi – patriarch,
   .
20
   Der Religious Information Service Ukraine dokumentierte bis Ende 2017 73 Übertritte. Nur
   wenige erfolgten vor 2014, die meisten ab 2015. . Zu weiteren Vorfällen: .
21
   Martin Paul Buchholz: Neue Kirchengesetzentwürfe verschärfen konfessionelle Konflikte in
   der Ukraine, in: Ukraine-Analysen, 187/2017, S. 1–5.
22
   President ne podpišet cerkovnyj zakonnoprojekt no. 4511,
   .
„Einfach orthodox?“                               125

Stadt und Land: Kloster bei Manjava (Gebiet Ivano-Frankivs’k) und Kiewer St. Michaels-
kloster (beide UOK-KP), Verklärungskloster in Uhornyky bei Kolomyja (UAOK).
126                                   Alfons Brüning

Dennoch herrschte bei der UOK-MP bereits vor den jüngsten Entwicklungen in Sachen
Autokephalie die Gefühlslage einer unterdrückten Minderheit vor, die sich einerseits
vor allem um Frieden bemüht, andererseits aber Ziel von Angriffen wird. Diese
Stimmung hielt unter den neuen Vorzeichen an, vor allem unter jenen Vertretern des
Klerus und den Gläubigen, die auch das Autokephalie-Projekt als Angriff auf die
einzig legitime ukrainische orthodoxe Kirche betrachten. Doch der prorussische Oli-
garch Vadim Novyns’kyj, der sich als Sponsor der UOK-MP und als Verfechter eines
dezidiert prorussischen Kurses hervortat, stieß mit seiner scharfen Rhetorik kaum auf
Unterstützung. Bereits im Sommer 2018 hatte er für den Fall, dass Konstantinopel
einer ukrainischen orthodoxen Kirche die Autokephalie erteilen werde, bürgerkriegs-
ähnliche Zustände angekündigt, da um jede Gemeinde gekämpft werden würde.23
Der Stimmungslage kommt man mit Blick auf drei wichtige Heiligtümer näher, die der
Jurisdiktion der Ukrainischen Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats unter-
stehen, den Klöstern von Počajiv und Svjatogorsk (Sviatohirsʼk) sowie dem Höhlen-
kloster in Kiew. Alle drei gelten als spirituelle Zentren der UOK-MP.
Das im Westen der Ukraine, in der Nähe von Ternopil’ gelegene, 1527 erstmals ur-
kundlich erwähnte Kloster von Počajiv gehörte ab 1713 zur Griechisch-Katholischen
Kirche (Unierte). Nach der Niederschlagung des polnischen Novemberaufstands
ordnete es Zar Nikolaj I. 1831 der Russischen Orthodoxen Kirche zu. Das Kloster
wurde zu einer Art Bastion der Russischen Orthodoxie im griechisch-katholischen
Westen des Zarenreichs. Dieses Selbstverständnis pflegt das Kloster bis heute.24 Tat-
sächlich ist das Kloster seit vielen Jahren eine Pilgerstätte auch für Gläubige anderer
Konfessionen, die von den Mönchen meist gastlich aufgenommen werden. Auffällig
ist, dass keiner der Internetauftritte die aktuelle Situation prominent behandelt, viel-
mehr bestimmen der liturgische Kalender, Gebetstexte und kirchliche Festtage die
Webseiten. Auf der Seite von Počajiv findet sich im Vordergrund ein Gebetstext für
den Frieden. Erst unten, in unmittelbarer Reaktion auf die Entscheidung aus Konstan-
tinopel, steht ein Aufruf des orthodoxen Bischofs von Ternopil’, Vladimir, zur Ver-
teidigung des Heiligtums. An Deutlichkeit lässt dieser Aufruf nichts zu wünschen
übrig. Die UOK-MP und damit auch das Kloster haben bereits ihren Tomos, da Patri-
arch Aleksij II. bereits 1990 die ukrainische Kirche für autonom erklärt habe. Bartho-
lomaios Initiative wird gebrandmarkt als Attitüde eines „orthodoxen Papstes“ mit
unrechtmäßig beanspruchten Vollmachten. Das entspricht der Diktion des Moskauer
Patriarchats. Mit seinem Aufruf zur Verteidigung meint Vladimir dann aber vor allem
Gebet, moralische Unterstützung und – wenn denn der Aufruf dazu erfolgen sollte –
physische Präsenz. Die Situation sei anders als 1917, auch wenn es nun Lenins Enkel
seien, welche die rechtmäßige Kirche an den Rand drängen wollten. Fett unterstrichen
ist die Sequenz, dass man informieren werde, wann es an der Zeit sei, zu kommen.25

———
23
   Tomos ob avtokefalii UPC: Novinskij ugrožaet graždanskoj vojnoj, .
24
   Auf der Internetseite von Počajiv werden unter der Rubrik „Geschichte des Klosters“ die 120
   Jahre, in denen das Kloster zur Unierten Kirche gehörte, schlicht nicht erwähnt.
   . – Lilija Berežnaja: Kloster Počajiv, in: Joachim
   Bahlcke, u.a. (Hg.): Religiöse Erinnerungsorte in Ostmitteleuropa. Berlin 2013, S. 74–80.
25
   .
„Einfach orthodox?“                         127

Tief im Westen: Das bei Ternopilʼ gelegene Kloster von Počajiv (UOK-MP)

Zentrale Lage: Uspenskij-Kathedrale des Kiewer Höhlenklosters (UOK-MP)
128                                   Alfons Brüning

Ähnlich finden sich auf der Webseite des berühmten Kiewer Höhlenklosters überwie-
gend liturgische Themen, Berichte von Festtagen, Gebete und Predigtmitschnitte.
Man muss schon suchen, um ein Echo auf die aktuelle Entwicklung zu finden. Offen-
bar gab es bereits im Februar 2018 für die Mönche und Bewohner der Lavra Anlass
zur Sorge, da Gerüchte zunahmen, auf das Kloster und seine Heiligtümer seien ent-
weihende Angriffe geplant. Man nahm die Gerüchte ernst genug, um an Präsident
Porošenko und weitere öffentliche Amtsträger wie den Generalstaatsanwalt und den
Innenminister Schreiben mit der Bitte zu richten, für ausreichenden Schutz der Lavra
zu sorgen und Konflikte auf dem eigenen Gebiet zu verhindern.26
Im Oktober 2018, nachdem Konstantinopel seine Exarchen zur Vorbereitung der
Autokephalie in die Ukraine entsandt hatte, traten die Mönche des Höhlenklosters
Warnungen vor angeblich geplanten Übergriffen entgegen, die zuletzt an das Kloster
gerichtet worden seien. Anders als im Frühjahr schien man diese Warnungen, die
selbst aus dem Ausland kamen, nun nicht wirklich ernst nehmen zu wollen – warum
im Frühjahr ähnliche Gerüchte mehr Sorge geweckt hatten, bleibt unklar. Jedenfalls
zielt der Text nun darauf, die Gläubigen und die Allgemeinheit zu beruhigen, die
Lage sei normal, konkrete Anzeichen für Attacken gebe es nicht, zumal das Kloster
unter dem besonderen Schutz der Gottesmutter stehe.27
Nicht grundsätzlich anders ist das Bild im Fall der Lavra von Svjatogorsk (Sviato-
hirsʼk) in der Nähe von Slovʼjans’k im nicht besetzten Teil der Eparchie Donec’k. Bis
vor einigen Jahren galt das Kloster als ein Zentrum des russisch-orthodoxen Funda-
mentalismus. Der frühere Präsident der Ukraine Viktor Janukovyč erhielt hier beson-
dere Unterstützung für seinen russlandfreundlichen Kurs. In den ersten Kriegsmonaten
des Jahres 2014 kam sogar das Gerücht auf, das Kloster sei ein Waffenlager für Sepa-
ratisten.28 Bald bemühte man sich aber um ein humanitäres und neutrales Image als
Zufluchtsort für Flüchtlinge. 29 Der aktuelle Internetauftritt verzeichnet unter der
Rubrik „Neuigkeiten“ Mitschnitte von liturgischen Feiern sowie Berichte von Konfe-
renzen, Besuchen von Gastdelegationen aus Russland oder Zypern. Nach einer Reak-
tion auf die aktuellen Ereignisse muss man erneut suchen. Zunächst wird auch hier
vor unautorisierten Quellen und Webseiten gewarnt, die zwar im Namen des Klosters
auftreten, aber mit dessen Informationsdienst in Wirklichkeit nichts zu tun hätten. Das
Kloster ruft explizit dazu auf, solchen Quellen keinen Glauben zu schenken.30 Ähnlich
wird am 10. Oktober erneut vor einem auf Facebook publizierten Aufruf des Archi-
mandriten (Vorstehers) Arsenij gewarnt, der zur Verteidigung der Lavra aufruft. Die-
ser Aufruf stamme nicht von Arsenij, es handle sich um eine Fälschung.31 Verfolgt
man die genannte Quelle auf Facebook, stellt sich heraus, dass es sich bei dem Aufruf
streckenweise wortwörtlich um die russische Übersetzung des oben erwähnten, in
ukrainischer Sprache verfassten Aufrufs von Bischof Vladimir auf der Webseite des
———
26
   , 15.2.2018.
27
   , 3.10.2018.
28
   Nikolay Mitrokhin: Orthodoxy in Ukrainian Political Life, 2004–2009, in: Religion, State &
   Society, 3/2010, S. 229–251, hier S. 240–242. – Zu den Berichten, dass Svjatogorsk als
   Rückzugsort und Waffenlager für Separatisten dient: .
29
   .
30
   .
31
   .
„Einfach orthodox?“                                     129

Klosters Počajiv handelt. Allerdings ist hier davon die Rede, dass sich bereits Grup-
pen von Gläubigen gebildet hätten, die sich notfalls zur Verteidigung des Klosters
einfinden könnten, und dass noch mehr Verteidiger gesucht würden. Man werde in-
formieren, sobald es notwendig sei. Ferner wird das Kloster als „russisches Heilig-
tum“ (russkaja svjatynja) präsentiert. Die Schlusssequenz: „Wir versichern Ihnen,
dass wir dies [die Zerstörung des Klosters; A.B.] um keinen Preis zulassen werden.“
steht nicht im ukrainischen Ursprungstext.32 Die Absage des Klosters selbst an solche
Fälschungen enthält keine explizite inhaltliche Distanzierung. Dass sich das Kloster
nicht hinter solch explizite Aufrufe stellt und vor Falschmeldungen warnt, lässt den
Schluss zu, dass man die Information und die Aktion unter Kontrolle behalten will.
Die in Minsk gefällte Entscheidung des Moskauer Patriarchats zum Bruch der Eucha-
ristie-Gemeinschaft mit Konstantinopel – in der die drei orthodoxen Klöster als be-
sondere Heiligtümer der Ukraine ausdrücklich erwähnt werden – übernimmt das
Kloster Svjatogorsk ansonsten auf seiner Internetseite ohne weiteren Kommentar.33
Der überwiegende Teil der Texte bezieht sich wieder auf liturgische Themen, Festtage,
Mitschnitte von Predigten und den Empfang ausländischer Delegationen.
Die drei Lavra-Klöster der UOK-MP lehnen in ihren Internetauftritten die Autokepha-
lie-Pläne eindeutig ab. Überall stehen Liturgie und Gebet im Vordergrund. Wie es der
Bestimmung der Klöster entspricht, sollen sie auch weiterhin gepflegt werden. Dies
entspricht weitgehend der Linie, die die Leitung der UOK-MP und Metropolit Onufrij
eingeschlagen haben: Die Ukrainische Orthodoxe Kirche sei selbständig und brauche
keinen Tomos. Das Gebet, der Gottesdienst und der Wille zum Frieden seien wichti-
ger als Ränkespiele der Politik.34

Tief im Osten: Das Kloster Svjatogorsk bei Slov’jans’k (UOK-MP)
———
32
   .
33
   .
34
   Metropolit Onufrij: „Wir brauchen keine Autokephalie“, .
130                                   Alfons Brüning

So einnehmend das klingen mag, es ist nicht unbedingt so unpolitisch, wie es die
Öffentlichkeitsarbeit der UOK-MP und die „Union der orthodoxen Journalisten“
darstellt. 35 Meist ist auch hier die – implizite oder explizite – Botschaft, dass die Gegen-
seite allein politische, keine christlich-religiösen Ziele verfolge und die Spaltung
vorantreibe.
Auch unter den Orthodoxen des Moskauer Patriarchats folgen nicht alle dieser Linie.
Zum Gesamtbild gehören auch die zahlreichen, von orthodoxen Gläubigen, nicht
zuletzt von Geistlichen der UOK-MP mitgetragenen Friedensinitiativen, mit denen sie
versuchen, der wechselseitigen Dämonisierung entgegenzuwirken. Ein Beispiel ist die
orthodoxe Gemeinde von Lyšnija (UOK-MP) westlich von Kiew, die seit Beginn der
Majdan-Proteste Unterstützung für die Protestierenden und für die Soldaten im Krieg
in der Ostukraine organisierte, aber zugleich die Kritiker der Majdan-Proteste und der
weiteren Entwicklung zu integrieren versucht.36 Die Gemeinde ist in mancher Hinsicht
atypisch – schon 2013 hatte sie weitreichende ökumenische und internationale Kon-
takte. Sie gehört zu einem Netzwerk von Initiativen für den Dialog, in dem auch ortho-
doxe Christen der UOK-MP, vielleicht gerade aufgrund der widerstreitenden Loyali-
täten, intensiv mitwirken. Häufig bedeuten solche Aktivitäten auch eine enge Zu-
sammenarbeit mit Christen anderer Kirchen und Konfessionen.37

Perspektiven
Wie sich zumindest die Ukrainischen Orthodoxen des Moskauer Patriarchats, die für
eine Autokephalie eintreten, den weiteren Verlauf der Dinge vorstellen, zeigt ein
Aufruf, den einige Geistliche und Laien Ende August 2018 veröffentlichten. Darin
rufen sie zu einem offenen Dialog aller Seiten zur Bildung einer autokephalen Kirche
auf und machen deutlich, dass sogar mit der Verleihung des Tomos der kirchliche
Dialog nicht abgeschlossen sei. Zugleich betonen sie das Prinzip der Gewissensfrei-
heit und fordern die staatlichen Stellen auf, die verfassungsrechtlich garantierte Tren-
nung von Kirche und Staat ernst zu nehmen.
Initiatoren des Aufrufs sind Geistliche des Moskauer Patriarchats, die während des
Majdan auf der Seite der Demonstrierenden gestanden hatten und für eine Loslösung
von Moskau und eine positivere Rolle ihrer Kirche in der ukrainischen Gesellschaft
eintreten. Der Majdan lieferte diesen Geistlichen des Moskauer Patriarchats zusätzliche
Impulse für eine Sozialtheologie, die den öffentlichen Raum und die Zivilgesellschaft
in ihre Überlegungen einbezieht.38 Zu ihnen gehören der ehemalige Pressesprecher der
UOK-MP, Priester Georgij Kovalenko, und Archimandrit Kyrill Hovorun, der zuletzt
die Graduiertenschule des Moskauer Patriarchats geleitet hatte.
———
35
   Siehe deren Webseite .
36
   Lidiya Lozova: The Role of the Church in the Ukrainian Crisis: The Experience of One
   Parish, in: Bremer, Krawchuk (Hg.), Churches in the Ukrainian Crisis [Fn. 16], S. 123–130.
37
   Mykhajlo Chernenkov, Tetjana Kalenychenko, Taras Antoshevskyy: Leaders in Trust: The
   Churches Social Activism in Post-Maidan Ukraine, in: Natalia Shapovalova, Olga Burlyuk
   (Hg.): Civil Society in Post-Maidan Ukraine. From Revolution to Consolidation. Stuttgart
   2018, S. 325–350. – Tetjana Kalenyčenko: Relihijna skladova suspil’no-polityčnoho kon-
   fliktu kincja 2013–2017 rr. na Ukrajini. Diss. Drahomanov-Universität. Kiew 2018.
38
   Archimandrit Kyrylo (Hovorun): Ukrajins’ka publična teologija. Kyïv 2017.
„Einfach orthodox?“                                       131

Diese Fraktion war nach dem Tod von Metropolit Volodymyr im Februar 2014 an den
Rand gedrängt worden; die meisten hatten ihre hohen Ämter verloren. Ihren Aufruf,
den sie über Facebook verbreiteten, unterzeichneten in kurzer Zeit mehrere Hundert
Personen, darunter Geistliche aller orthodoxen Konfessionen einschließlich der UOK-
MP und der Griechisch-Katholischen Kirche.39
Sollte sich die Vision dieser Geistlichen bewahrheiten, so entstünde – wenn auch
nicht so rasch, wie viele Beteiligte sich das vorstellen40 – eine selbständige orthodoxe
Kirche in der Ukraine, die formal unabhängig von Moskau und Konstantinopel, aber
ideell stärker mit Konstantinopel verbunden sein werde. Zugleich werde ein Teil der
UOK-MP unter Moskauer Jurisdiktion bleiben, ohne staatliche Diskriminierung erlei-
den zu müssen. Gläubige und Gemeinden sollten frei über ihre Zugehörigkeit ent-
scheiden können, ohne Sanktionen fürchten zu müssen.
Ob diese idealistische Perspektive Wirklichkeit werden kann, steht in den Sternen.
Einstweilen gibt es die Gefahr politischer Vereinnahmung. Sondierungen zur Konsti-
tuierung einer gemeinsamen Synode der drei orthodoxen Kirchen in der Ukraine
haben begonnen, aber sehr schnell sind die Hindernisse sichtbar geworden, die schon
bislang einen Zusammenschluss verhinderten. Denn die aktuellen Verhandlungen sind
ja keineswegs die erste Initiative zur Vereinigung der drei Kirchen, die theologisch
kaum etwas trennt. Allenfalls in den liturgischen Traditionen, der Kommemorierung
von Hierarchen oder der Verwendung des Ukrainischen in der Liturgie gibt es margi-
nale Unterschiede. Seit der Unabhängigkeit der Ukraine 1991 sind Vereinigungsver-
suche immer wieder an Verfahrensfragen, der Kompetenzverteilung und nicht zuletzt
am Selbstbewusstsein des Kiewer Patriarchen Filaret (Denysenko) gescheitert, der
nicht zugunsten eines gemeinsamen neuen Kandidaten zurücktreten wollte. Zuletzt
waren Vereinigungsverhandlungen zwischen UOK-KP und UAOK im Jahr 2015
geplatzt.41 Das Patriarchat von Konstantinopel hatte sich stets zurückgehalten, wenn
es von Filaret oder Politikern wie Präsident Viktor Juščenko nach der „Orangen Re-
volution“ 2004/2005 gebeten wurde, die Anerkennung einer ukrainischen orthodoxen
Kirche einzuleiten.
Die Synode der Orthodoxen Kirche des Kiewer Patriarchats hat Mitte Oktober be-
schlossen, den höchsten Amtsträger (das ist z.Z. Filaret) als „Allerheiligsten und Aller-
seligsten [Name] Erzbischof und Metropolit von Kiev, der Mutter der russischen Städte,
von Halyč, Patriarch der ganzen Rusʼ-Ukraine, Archimandrit der Heiligen Himmel-
fahrtsklöster von Kiew und Počajiv“ zu titulieren. Der Patriarchentitel sollte nur im
———
39
   Zajava iniciatiyvnoï hrupy mereži Vidkrytoho Pravoslav’ja (Kyïv, 20–23 serpnja 2018 roku,
   . Hier fin-
   det sich auch die Liste der Unterzeichner. Englisch: .
40
   Archimandrit Hovorun mahnte zum raschen Handeln, da das Fenster zur autokephalen ukraini-
   schen Kirche nicht lange offen bleibe. Moskovs’kyi patriachat mae kil’ka kandydativ u perestoli
   novoji       cerkvi.      . Laut Bischof Ev-
   stratij (Zorja), Pressesprecher des Kiewer Patriarchats, soll die Synode noch 2018 stattfinden.
   . Nach Medienbe-
   richten habe das Konstantinopler Patriarchat den 21.11.2018 zur Zusammenkunft der „kon-
   stituierenden“ Synode festgelegt. .
41
   Brüning, „Project Ukraine“ [Fn. 10], S. 138. Zu den Verhandlungen 2015,
   .
132                                     Alfons Brüning

Kurztitel und in der Liturgie auftauchen, im Kontakt mit anderen Lokalkirchen aber
nicht verwendet werden. Die Titulatur, auch hinsichtlich der Oberhoheit über die
beiden Klöster, erinnert an die Titulatur der Kiewer Metropoliten des 17. Jahrhunderts
(die in der Tat oft, aber nicht immer zugleich Archimandriten des Höhlenklosters
waren), bevor sie 1686 unter Moskauer Jurisdiktion fielen.42
Wie die „neue Kirche“ aussehen wird, hängt auch davon ab, wie stark die Bischöfe
der UOK-MP an der zusammentretenden Synode beteiligt sein werden. Archimandrit
Kirill Hovorun wies darauf hin, dass es der Kirche des Moskauer Patriarchats in der
Ukraine durchaus möglich sei, einen entscheidenden Einfluss auf diese Synode und
ihren Verlauf auszuüben, wenn sich nur genug Bischöfe entscheiden könnten, an ihr
teilzunehmen. 43 Schließlich stellt sie gegenüber den anderen Denominationen die
größte Zahl aktiver Bischöfe, Mönche und Laienorganisationen.44 Bisher ist aber nur
von wenigen Bischöfen eine positive oder negative Haltung bekannt, die meisten
halten sich bislang bedeckt.
Es sind die realen Kräfteverhältnisse, die auf der Synode über die Verteilung von
Kirchen, Diözesen, Bildungseinrichtungen Ausschlag geben werden. Ein anderer
Faktor ist die Einmischung der Politik. Schließlich geht die gegenwärtige Diskussion
nicht auf eine kirchliche Initiative zurück, sondern auf eine Bitte des amtierenden
Staatspräsidenten Petro Porošenko. Porošenko verwischt in seinen Äußerungen nach
der Zustimmung aus Konstantinopel zu einer Autokephalie immer wieder die Grenzen
zwischen einer unabhängigen orthodoxen Kirche in der Ukraine und einer ukraini-
schen Staatskirche, die Ausdruck der ukrainischen Souveränität sei. Zwar ist immer
wieder zu hören, die neue Kirche solle keineswegs Staatskirche werden und die Reli-
gionsfreiheit gewahrt bleiben. Doch angesichts der Präsidentenwahlen im Frühjahr
2019 wird Porošenko kaum auf den Versuch verzichten, aus der Autokephalie politi-
sches Kapital zu schlagen, um seine mäßige Popularität zu verbessern. 45 Ohnehin
verfügt die Politik über eine spezifische Mitsprache. So sind die meisten Kirchenge-
bäude in staatlichem Besitz und den Religionsgemeinschaften nur zur Nutzung über-
lassen. Wenn es um die Zuerkennung wichtiger Gebäude geht, entscheidet die Politik
wie bei der Registrierung religiöser Gemeinschaften mit. Entsprechend wurde auf
Beschluss der Rada am 18. Oktober 2018 die Andreas-Kirche in Kiew, die zuvor im
Besitz der UAOK war, dem ökumenischen Patriarchat zur Nutzung übertragen. 46
Selbst ein so eindeutig mit einer der orthodoxen Kirchen, hier der UOK-MP, identifi-
ziertes Bauwerk wie das Kiewer Höhlenkloster ist formell allein der Kirche zur Nut-
zung überlassen. Eine solche Entscheidung kann revidiert werden. Beim Ministerrat

———
42
   „Svjatejšij i Blažennejšij (imja), Archiepiskop i Mitropolit Kieva – Materi gorodov Russkich,
   Galicij, Patriarch vsej Rusi-Ukrainy, Svjato-Uspenskich Kievo-Pečerskoj i Počaevskoj Lavr
   Svjaščennoarchimandrit“. Sinod UPC KP utverdil novyj polnyj titul predstojateli cerkvi, RISU,
   20.10.2018, .
43
   Hovorun, Moskovs’kyi patriarchat [Fn. 40].
44
   Statistische Angaben nach .
45
   Ukraine: Konstantinopel nimmt ukrainische „Schismatiker“ in Kirchengemeinschaft auf. Nach-
   richtendienst Östliche Kirchen (NÖK), 18.10.2018, .
   – Martin-Paul Buchholz: Die Autokephaliebestrebung als Spiegelbild des Kampfs um die Un-
   abhängigkeit von Russland, in: Ukraine-Analysen, 207/2018, S. 2–5.
46
   .
„Einfach orthodox?“                           133

Kirche der Heiligen Kirill und Athanasius von Alexandria in Kiew, erbaut 1140–
1167, seit 2009 als UNESCO-Weltkulturerbe vorgeschlagen, die Gemeinde gehört der
Ukrainischen Orthodoxen Kirche (Moskauer Patriarchat) an.
134                                    Alfons Brüning

der Ukraine liegt seit September 2018 eine Petition vor, die genau dies erreichen will
– den Gebäudekomplex der Lavra der UOK-MP zu entziehen. Die bisher vergleichs-
weise geringe Rückendeckung lässt aus dieser Initiative noch keine reale Bedrohung
werden, ist aber ein Beispiel dafür, wie die Politik für religiös motivierte Ziele einge-
spannt werden könnte.47 Dazu gehört auch die in den Reihen der UOK-KP geäußerte
Absicht, der zu konstituierenden autokephalen Kirche den Namen „Ukrainische Or-
thodoxe Kirche“ zuzuerkennen, den bislang – ohne weitere Zusätze – die UOK-MP
trägt. In diesem Zusammenhang weist Bischof Evstratij (Zorja) auf ein weiteres Ge-
setzesprojekt hin, das wiederum, sollte es in Kraft treten, der UOK-MP auferlegen
würde, ihr Zentrum, das in einem „Aggressorstaat“ liegt, in ihre offizielle Bezeich-
nung aufzunehmen.48 Dass kirchliche Stellen sich um die Unterstützung von der Poli-
tik und umgekehrt politische Parteien um den Zuspruch einer Kirche bemühen, ist seit
der Unabhängigkeit der Ukraine immer wieder zu beobachten.49 Es gehört Optimismus
dazu anzunehmen, dass die Trennung von Kirche und Staat nach der Errichtung einer
autokephalen Kirche und fortbestehender Konkurrenz mehrerer Kirchen eher beachtet
wird.

„Alternativlose Konzepte“ – die ideologische Seite der Spannungen
Die Frage, ob Konstantinopel oder Moskau das orthodoxe kanonische Recht auf seiner
Seite hat, ist kaum zu entscheiden, da über die relevanten Punkte des kanonischen
Rechts gerade keine Einigkeit besteht. Das in Moskau reklamierte „kanonische Terri-
torium“, auf das sich dieser Lesart zufolge das ökumenische Patriarchat unrechtmäßi-
gerweise begeben habe, ist sehr umstritten.50 Beide Patriarchate streiten sich bereits
seit Jahren um die Balance zwischen den Prinzipien der Synodalität und dem des
Primats in der orthodoxen Kirche. Aus Moskauer Sicht ist die orthodoxe Christenheit
vor allem synodal strukturiert51, so dass weitreichende Entscheidungen wie die Ver-
leihung einer Autokephalie allein auf einem allgemeinen Konzil getroffen werden
———
47
   . Von den für eine Weiterbehandlung
   erforderlichen 25 000 Unterschriften lagen am 7.11.2018, 32 Tage vor Ablauf der Frist, 3258
   Unterschriften vor.
48
   Spiker Kievskogo patriarchata: Novaja pomestnaja cerkovʼ budet nosit’ imja „UPC“
   .
49
   Kathrin Boeckh, Oleh Turij (Hg.): Religiöse Pluralität als Faktor des Politischen in der Ukra-
   ine. München u.a. 2015.
50
   Johannes Oeldemann: The Concept of Canonical Territory in the Russian Orthodox Church,
   in: Thomas Bremer (Hg.): Religion and the Conceptual Boundary in Central and Eastern Eu-
   rope. London 2008, S. 229–238.
51
   Ilarion (Alfejev): Primacy and Synodality from an Orthodox perspective. Paper presented at
   St Vladimir’s Theological Seminary on 8 November 2014 on the occasion of conferring an
   honorary degree of Doctor of Divinity. .
   Der Vortrag gehört in den Kontext des Ende 2013 aufgekommenen Streits mit Konstantino-
   pel, das den Primat (des Ökumenischen Patriarchats) stärker betont. Diese Diskussion fand
   ihren Niederschlag in der Dialogkommission zwischen Römisch-Katholischer und Orthodoxer
   Kirche und in den Dokumenten von Ravenna (2007) und Chieti (2016), .
„Einfach orthodox?“                                   135

können. Konstantinopel reklamiert für sich einen Ehrenprimat, der auch jurisdiktionelle
Optionen umfasst. Patriarch Bartholomaios beansprucht dagegen für sich das Recht,
eine Kirche in die Autokephalie zu entlassen, wenn das den historischen Realitäten
und pastoral der Verbesserung des Glaubenslebens Rechnung trägt. Historisch sind
die autokephalen Kirchen auf verschiedene Weise entstanden. Auch die Erteilung des
Tomos aus Konstantinopel erfolgte in unterschiedlicher Form. Im Fall der National-
kirchen auf dem Balkan dauerte es Jahre, gar Jahrzehnte nach der „Unabhängigkeits-
erklärung“. Im 20. Jahrhundert erhielten Diasporakirchen den Tomos häufig als „seel-
sorglichen Akt“. Jedenfalls lässt sich aus diesen unterschiedlichen historischen We-
gen nichts für das künftige Verfahren ableiten.52 Im Vorfeld des panorthodoxen Kon-
zils auf Kreta im Juni 2016 war bereits klar geworden, dass das Thema Autokephalie
unklar geregelt ist und einer Revision bedarf. Offenkundig mit Blick auf die sich
zuspitzende ukrainische Frage wurde das Thema vertagt. Das änderte jedoch nichts
daran, dass die Russische Orthodoxe Kirche dem Konzil fernblieb.53
Auch in ideologischer Hinsicht stehen sich konkurrierende Konzepte gegenüber. Über
die Idee der „Russischen Welt“, von der sich auch das Moskauer Patriarchat leiten
lässt, ist viel geschrieben worden. Die „Russische Welt“ gilt als ein Kulturraum, als
eine Zivilisation eigener Art, die sich seit der Taufe Vladimirs in Kiew um die russi-
sche Sprache, Literatur und den orthodoxen Glauben ostslawischer Prägung ein-
schließlich der Liturgie, Sitten und Formen der Kunst gebildet habe. Unter der
Schirmherrschaft von Präsident Putin war 2009 die Stiftung Russkij mir gegründet
worden. Patriarch Kirill oder Erzbischof Ilarion (Alfejev), Leiter des kirchlichen Au-
ßenamtes des Moskauer Patriarchats als Repräsentanten der Kirche spielten von An-
fang an eine prominente Rolle für die Stiftung.54 Für das Moskauer Patriarchat sind
Belarus und die Ukraine integral Bestandteile dieser „russischen Welt“. Kirill betont
jedoch stets, dass er das Konzept als ein integratives (im Sinne einer Einheit politisch
verschiedener Entitäten) und unpolitisches versteht und keine Verschiebung von
Staatsgrenzen im Auge hat.55 Die territoriale Integrität des ukrainischen Staates stellt
das Moskauer Patriarchat nicht in Frage. Bemerkenswerterweise war Kirill im März
2014 den Feiern zur „Wiedervereinigung der Krim“ mit Russland (so die offizielle
Bezeichnung für die erfolgreiche Annexion) ferngeblieben. Ferner genießt die UOK-
MP seit langem den Status einer autonomen Kirche. Sie regelt ihre inneren Angele-
genheiten weitgehend selbst und muss nur den gewählten Metropoliten in Moskau
bestätigen lassen. Dieser ist zugleich Mitglied der Bischofssynode des Moskauer
Patriarchats. Die ukrainischen Eparchien entsprechen den Staatsgrenzen der Ukraine.
Bemerkenswerterweise ist das auch nach dem März 2014 so geblieben. Die Krim, die
Russland als integralen Bestandteil seines Staatsterritoriums begreift, ist nach der

———
52
   Paul Brusanowski: Autocephaly in Ukraine: The Canonical Dimension, in: Bremer, Church-
   es in the Ukrainian Crisis [Fn. 16], S. 47–78.
53
   Lucian N. Leustean: Eastern Orthodoxy, Geopolitics and the 2016 „Holy and Great Synod of
   the Orthodox Church“, in: Geopolitics, 23/2018, S. 201–216, hier S. 207–209.
54
   Thomas Bremer: Diffuses Konzept. Die Russische Orthodoxe Kirche und die „Russische
   Welt“, in: OSTEUROPA, 3/2016, S. 3–18. – Zaur Gasimov: Idee und Institution. „Russkij mir“
   zwischen kultureller Mission und Geopolitik, in: OSTEUROPA, 5/2012, S. 69–80.
55
   Alena Alshanskaya: Der Europa-Diskurs der Russischen Orthodoxen Kirche (1996–2011).
   Frankfurt/Main 2016, S. 266–300.
136                                      Alfons Brüning

kirchlichen Auffassung des Moskauer Patriarchats noch immer ein Teil der Ukraine
und der dortigen autonomen Kirche.
Diesen Differenzen stehen freilich umso mehr ideologische Gemeinsamkeiten gegen-
über. Wenn der Kreml seit einigen Jahren immer öfter von „traditionellen Werten“
spricht, die in Russland gepflegt, im Westen aber verachtet würden, und solche „tradi-
tionellen Werte“ dem Universalismus der Menschenrechte gegenüberstellt, die er als
westliches, liberales und säkulares Denken zurückweist, erntet der Kreml dafür nicht
nur kirchliche Unterstützung, sondern viele der Impulse für diese Debatte kommen
gerade aus konservativen kirchlichen Kreisen.56
Die „Russische Welt“ gilt als ein eigenständiger Zivilisationsraum, der vor allem vom
Westen abgegrenzt werden müsse. Diese Vorstellung, die relevante Kreise aus Staat
und Kirche vertreten, steht den Ideen Huntingtons von einem „Kampf der Zivilisatio-
nen“ erstaunlich nahe.57 In dieser Sicht wäre es eine unnatürliche Entfremdung, wenn
die Ukraine sich aus diesem Verband lösen würde und eine ukrainische autokephale
Kirche entstünde.
Zum Ausdruck kommt diese Haltung nicht zuletzt in der Vorstellung des Moskauer
Patriarchats von einem „kanonischen Territorium“. Unter Berufung auf altkirchliche,
in der Spätantike getroffene Regelungen gehört die Ukraine danach zum natürlichen
Einflussbereich des Moskauer Patriarchats; diese Regelungen dienten seinerzeit dazu
zu verhindern, dass es in einem Gebiet mehr als einen Bischof geben sollte. Wenn es
damals mehrere Bischöfe gab, musste dem ein lokales Schisma vorausgegangen sein.
Einer war also unrechtmäßig. Unter modernen Bedingungen, unter denen sich russische
Diaspora-Diözesen mit denen anderer orthodoxer und römisch-katholischer Bischöfe
überlappen, ist ein solches Konzept kaum zeitgemäß.58
Weniger bekannt ist die Idee einer „Kiewer Kirche“ und eines „Kiewer Christentums“,
auf das sich die Anhänger einer autokephalen ukrainischen Kirche berufen. Die spezi-
fische, über Jahrhunderte durch religiösen Pluralismus gekennzeichnete Situation im
Grenzland Ukraine habe eine eigene Form christlicher Kultur hervorgebracht, die
gekennzeichnet sei durch eine Gelehrsamkeit (auch dank des Austausches mit ande-
ren Konfessionen), eine fortgeschrittene Theologie, ökumenische Offenheit, Einheit
in der Vielfalt und eine Kultur des friedlichen Miteinanders.59 Ebenso enthält diese
Idee eine Reihe von eher nationalen Elementen, etwa bestimmte liturgische Formen
oder die ukrainische Sprache in Liturgie und Theologie.
Es gibt auch hier abgrenzende Elemente gegenüber Moskau, insofern das „Kiewer
Christentum“ als eines verstanden wird, das mehr von theologischer Reflexion und

———
56
   Alexander Agadjanian: Tradition, Morality and Community: Elaborating Orthodox Identity in
   Putin’s Russia, in: Religion, State & Society, 1/2017, S. 39–60. – Elena Stepanova: The Spiritual
   and Moral Foundation of Civilization in Every Nation for Thousands of Years: The Traditional
   Values Discourse in Russia, in: Politics, Religion and Ideology, 2–3/2015, S. 119–136.
57
   Fabian Linde: The Civilizational Turn in Russian Political Discourse: From Pan-
   Europeanism to Civilizational Distinctiveness, in: The Russian Review, 75/2016, S. 604–625.
58
   Oeldemann, The Concept of Canonical Territory [Fn. 50].
59
   Zum „Kiewer Christentum“ gibt es noch keine systematische Studie. Antoine Arjakovsky:
   Das Konzept der Kiewer Kirche – Ein Weg zur Annäherung der Konfessionen in der Ukrai-
   ne, in: Ost-West. Europäische Perspektiven, 3/2009, S. 189–194. – Andrij Juraš: Religiöser
   Pluralismus in der Ukraine. Eine retrospektive, aktuelle und prospektive Analyse, in:
   Boeckh, Religiöse Pluralität [Fn. 49], S. 13–48.
„Einfach orthodox?“                                  137

pädagogischen Initiativen geprägt sei als die eher von mönchischer Spiritualität ge-
prägte christliche Kultur der nördlichen Nachbarn. Bereits im 19. Jahrhundert ent-
stand auch die Vorstellung eines von Russland verschiedenen ukrainischen Christen-
tums, das sich neben den genannten Faktoren auch durch eine demokratische, auf die
Kosaken der Frühen Neuzeit zurückgehende politische Kultur vom nördlichen Nach-
barn abhob. Dabei ist gerade in dieser korporativen politischen Kultur, so will es das
Konzept, mehr vom synodalen Charakter des Urchristentums bewahrt. Sowohl die
UAOK als auch die UOK-KP greifen in ihren historischen Narrativen viel davon
auf.60 Im gleichen Zug wird argumentiert, dass die Eingliederung der Kiewer Metro-
polie in die Jurisdiktion des Moskauer Patriarchats im Jahr 1686 unrechtmäßig und
nur unter Druck geschehen sei. Das damalige, im Osmanenreich kaum handlungsfähige
ökumenische Patriarchat habe diesem Akt nur unter dem Zwang der Umstände zuge-
stimmt, und selbst diese Zustimmung sei von Moskau als Rechtfertigung zur voll-
ständigen Annexion missbraucht worden. Die jahrhundertelange Zugehörigkeit der
„Kiewer Kirche“ zur russischen Orthodoxie sei folglich unnatürlich und müsse korri-
giert werden.61
Die Idee der „Kiewer Kirche“ wurde bis in jüngere Zeit stärker ökumenisch als national-
ukrainisch gedeutet und vor allem in der Griechisch-Katholischen Kirche entwickelt,
deren Zentrum in der Westukraine liegt. Ihr Oberhaupt, Kardinal Ljubomir Husar,
unternahm bis zu seinem Tod 2017 den Versuch, diese Idee auf eine moderne, plura-
listische und säkulare Gesellschaft zuzuschneiden und reklamierte die ukrainische
christliche Kultur als besonders „modern“, bevor es die Moderne in der Ukraine über-
haupt gab.62 Die Griechisch-Katholische Kirche ist nun an den weiteren Schritten zur
Autokephalie zwar nicht beteiligt, aber das Konzept eines „Kiewer Christentums“
genießt inzwischen auch unter den orthodoxen Denominationen Attraktivität, die eine
solche Kirche bilden wollen. Der erwähnte Aufruf einiger Theologen und Geistlichen
des Moskauer Patriarchats zu einem offenen Dialog auf dem Weg zur ukrainischen
Autokephalie nimmt explizit auf die „Kiewer Kirche“ Bezug:

          Um die imperialen, totalitären und sowjetischen Schichten in unserer Kirche
          und unserer Gesellschaft zu beseitigen, benötigen wir nicht nur einen To-
          mos, sondern eine großen gemeinschaftlichen Prozess, an dem die besten or-
          thodoxen Theologen teilnehmen und der uns zu den wahren Traditionen der
          Kiewer Kirche zurückführt und uns auf unserem Weg leitet.63

Die historischen Argumente, die beide Seiten zur Untermauerung ihrer Position an-
führen, werden der Komplexität der Geschichte nicht gerecht. Es ist unmöglich, eine
vor Jahrhunderten geschehene Ungerechtigkeit oder Fehlentwicklung mit einem

———
60
   Ricarda Vulpius: Nationalisierung der Religion. Russifizierungspolitik und ukrainische
   Nationsbildung 1860–1920. Wiesbaden 2005.
61
   Alfons Brüning: Orthodox Autocephaly in Ukraine: The Historical Dimension, in: Kraw-
   chuk, Churches in the Ukrainian Crisis [Fn. 16], S. 79–101, hier S. 91–95.
62
   Interviews mit Kardinal Husar, in: Antoine Arjakovsky (Hg.): Towards a Post-Confessional
   Christianity. Conversations with Cardinal Lubomyr Husar. L’viv 2007.
63
   Zajava iniciatiyvnoï hrupy [Fn. 39].
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